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La vie Sauvage

Tom Gapski wurde 1964 in Rheinland-Pfalz geboren und kam 1984 zum Studium des Planungswesens und des Lebens nach Berlin. Nach seinem Ingenieursstudium und seiner Tätigkeit als Stadtplaner wechselte er ins Filmgeschäft, wo er unter anderem für Requisite und Szenenbild arbeitete. Nach der Geburt seines Sohnes orientierte er sich erneut neu und wurde Erzieher. Heute arbeitet er an einer Schule in Berlin Neukölln. Tom Gapski war Mitglied in Bands unterschiedlicher musikalischer Ausrichtungen und spielte Funk, Blues, Punkrock und Rock am Bass, dem Saxophon, der Gitarre und dem Mikrofon. Zurzeit ist er Mitglied der Rockband Quarterbrain und lebt mit Frau und Kind in Berlin-Neukölln. Côte Sauvage wurde in Toulouse geschrieben.

Für die Elly, die mich zur Welt brachte.

Und für die Elly, die mich dazu brachte, endlich mit der Arbeit an diesem Buch zu beginnen …

… sicher werden sie deine Adverbien zählen, deine Obwohls und die Länge deiner Ellipsen messen – das ist ihr Job. Aber du, du schneiderst kein Abendkleid, du schreibst ein Buch!

Kümmere dich nicht darum, was man über dich schreibt, ob gut oder schlecht. Meide die Orte, an denen über Bücher gesprochen wird. Höre auf niemanden. Wenn sich jemand über deine Schulter beugt, spring auf und schlag ihm ins Gesicht. Schwing keine Reden über deine Arbeit, es gibt dazu nichts zu sagen. Frage dich nicht, warum und für wen du schreibst, sondern denke, dass jeder deiner Sätze der letzte sein könnte …

(Philippe Djian, Pas de deux)

1

Der Tag, an dem ich nach Berlin zurückkam, war der Tag, an dem Luther Allison in einer Klinik in Madison, Wisconsin von uns ging. Er starb fünf Tage vor seinem 58. Geburtstag. Während ich zehntausend Meter über dem Atlantik im Flieger saß und meinen Rausch auspennte, hauchte dort unten wieder mal eine Blues-Legende viel zu früh ihr Leben aus. Ich wusste noch nichts davon. Ich träumte einen Suff-Traum von den wunderschönen Brüsten der Stewardess und Luther stieg auf in den Blues-Himmel, um mit Jimi und den anderen Jungs die Klampfe zu zupfen. Ein Verlust für die Menschheit? Keine Ahnung! In jedem Fall ein Verlust für mich. Sechs Mal hatte ich das große Glück gehabt, eines seiner Konzerte besuchen zu können, und jedes Mal war es ein besonderes Erlebnis, diesen charismatischen Typen performen zu sehen. Und wie oft war seine Musik ein großer Trost gewesen, hatte mich wieder aufgebaut, hatte mir durch schwierige Zeiten geholfen, Zeiten wie jene, in der ich jetzt steckte. Glücklicherweise würde seine Musik mir und der Menschheit erhalten bleiben. Wenigstens ein kleiner Trost!

In London musste ich das Flugzeug wechseln und legte einen kurzen Zwischenstopp ein, bevor mein nächster Flieger abheben würde. Ich vermied es, die Nachrichten zu verfolgen oder einen Blick auf die Zeitungen in den Ständern der Shops zu werfen. Es gab nichts auf der Welt, was mich hätte interessieren können. Ich hatte meinen eigenen Blues und gleich welche Art von Nachrichten konnten das sicher nicht besser machen. Selbst die Gefahr, dass die Welt wieder einmal an der Schwelle eines Atomkriegs stehen würde oder bereits darüber hinaus war, hätte mich kalt gelassen. Ich hatte andere Sorgen, weitaus schwerwiegendere. Ich setzte mich in Bar, gönnte mir einen Kaffee und wartete auf meinen Anschlussflug. Es gab keine Sondersendungen in den Medien, wozu auch? Luther war zwar einigermaßen bekannt gewesen, aber der Aufwand, eine Sondersendung für einen weiteren verreckten schwarzen Blueser aus der zweiten Reihe zu veranstalten, lohnt sich nicht. Er war nur einer der besten Bluesmusiker seiner Generation, da gab es Wichtigeres.

Es interessierte sich auch niemand dafür, dass ich nach all den Jahren zurück nach Europa, zurück in meine Heimatstadt Berlin kam. Kein Empfangskomitee würde mich am Flughafen erwarten, mit rotem Teppich, Kapelle und schwarzer Limousine. Ich war nicht berühmt, keine Koryphäe, weder Politiker noch Prominenter, weder Musiker noch Künstler. Ich war nur ein Versager. Ich hatte die wichtigste Beziehung in meinem Leben mit Vollgas gegen die Wand gefahren und außer Cécile und mir juckte das niemanden. Und ich war mir nicht mal sicher, ob Cécile sich darüber noch Gedanken machte. Sie war mich und damit einiges an Sorgen losgeworden. Ich war wieder allein, so wie die meiste Zeit meines Lebens. Und meine wenigen Habseligkeiten waren irgendwo in einem Koffer und rollten auf Bändern durch die Tiefen des Flughafens, machten ihre kleine Reise von einem Flugzeugbauch in den anderen – wenn sie nicht verloren gegangen waren im Nirvana des Flughafendarmes, um irgendwann in ferner Zukunft an irgendeinem gottverlassenen Platz dieser Erde ausgeschissen zu werden.

Ich hörte im Radio von Mister Allisons Tod, im Taxi, das mich vom Flughafen Tegel wegbrachte. Das blies mir das letzte bisschen guter Laune und Lebensmut aus den Adern, das ich noch besaß. Ich hatte in den letzten Wochen so viele schlechte Nachrichten zu verdauen, dass das nur noch ein Tropfen auf dem heißen Stein war. Cécile hatte mich endgültig rausgeschmissen, sowohl aus der Bar auf Martinique als auch aus ihrem Leben; meine Familie hatte mir den Geldhahn zugedreht und mir mitteilen lassen, dass ich erst wieder mit ihrer Unterstützung zu rechnen hätte, wenn ich mich sehen lassen würde. Ich war pleite, heimatlos, alleine und von der langen Reise komplett im Arsch. Ich hatte kein Dach über dem Kopf und kein Auto, um darin zu leben. Meine wenigen Habseligkeiten passten in einen Koffer und einen kleinen Reiserucksack. Ich hatte die Mitte 30 schon eine ganze Weile hinter mir und blickte ebenso, wie die 90er Jahre und das ganze beschissene Jahrtausend mit gespaltenen Gefühlen dem Ende dieses Jahrzehnts entgegen. Und ich steckte bereits bis zum Hals in meinem ganz persönlichen Millennium-Bug.

Und dann noch die Sache mit Otto. Mein alter Ziehvater lag im Sterben und das ausgerechnet in dieser verflixten Stadt. Nach mehr als fünfzehn Jahren Abwesenheit war der alte Prof. wieder nach Berlin zurückgekehrt, um das Zeitliche zu segnen. Und ich war auf dem Weg, um ihn noch ein letztes Mal zu sehen.

Annies Brief hatte mich zwei Tage nach dem letzten großen Streit zwischen Cécile und mir erreicht. Diesmal war es ernst gewesen. Dieser Streit war nicht so verlaufen wie die anderen davor. Wir hatten uns nicht sinnlos angeschrien, sie hatte nicht mit Gegenständen nach mir geworfen oder versucht, meine wenigen persönlichen Habseligkeiten aus dem Fenster zu feuern. Diesmal war sie ruhig geblieben, hatte mir tief in die Augen geblickt und mir erklärt, dass wir ein ernstes Problem hätten. Ich war nicht drauf eingegangen. Wie üblich war ich leicht verkatert, hatte mir meinen morgendlichen Platz im Liegestuhl gesucht und mich im Schatten damit beschäftigt, die Wellen zu zählen, während ich mir den ersten Drink des Tages gönnte, um mich auf mein übliches Niveau zu leveln. Ich musste mich mit dem Problem auseinandersetzen, wie ich ohne den Scheck meiner Familie klarkommen sollte, und hörte ihr eigentlich gar nicht zu. Ihre Schimpftirade floss in das Rauschen der Wellen ein, verschmolz zu einem harmonischen Nebengeräusch meiner dringlichen Gedanken über meine, über unsere finanzielle Zukunft. Würden die Einkünfte unserer Bar ausreichen, um mein Leben weiterhin derart angenehm verlaufen zu lassen? Ich hatte mich bisher immer aus dem Geschäftlichen rausgehalten, hatte das alles Cécile überlassen. Ich war darin nicht gut, also wozu mich einmischen. Was warf so eine Bar wohl ab, hier am Strand mit all den Touristen?

Ich weiß nicht, ob es noch etwas geändert hätte, ihren Worten mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Ich nehme an, unser Zug war bereits weit vor diesem Tag abgefahren und hatte uns in einem Scherbenhaufen zurück gelassen. Cécile hasste zu dem Zeitpunkt bereits so ziemlich alles, was ich den Tag über anstellte. Sie verachtete meinen Lebensstil, meine drogenbedingte Abwesenheit, mein Dauerdelirium. Ich aber bildete mir ein, keine andere Wahl zu haben. Ich kam nicht mehr klar mit dem Leben, das wir hier führten. Die paradiesische und viel zu kleine Insel, der feste Wohnsitz mit einer geliebten Frau, die Arbeiten und Aufgaben, die ich in unserer Strandbar hatte. Ich war zu lange ein Reisender, ein Flüchtender gewesen, um jetzt an einem festen Ort verharren zu müssen. Ich besaß nicht mal mehr ein Auto. Die Insel, auf der wir lebten, war so klein, dass du sie an einem halben Tag gemütlich durchwandern konntest, und sie hatte weniger Straßen als ein Berliner Kaufhausparkhaus. Annähernd alle und jeder, der hier lebte, kannte mich, grüßte freundlich, wenn ich vorbeikam und gab sich nicht mal Mühe zu verbergen, was sie von dem komischen Typen hielten, mit dem Cécile ihr Leben verschwendete. Für mich allein zu sein, wenn auch nur für ein paar Stunden, war beinahe unmöglich. Ich war zu lange der einsame Wolf gewesen, um das einfach so wegzustecken. Und dann Céciles merkwürdige Familie! All der Scheiß engte mich zunehmend ein, schnürte mir die Luft ab. Ich war ein Wandervogel im Käfig, ein Reisender im Knast, ein beinloser Wanderer und tat somit das aus meiner Sicht einzig Naheliegende, auch, weil ich es nicht anderes gelernt hatte: Ich flüchtete mich in mein Delirium und ignorierte zunehmend die Welt um mich herum. Ich floh in eine Welt aus wirren Gedanken, verkaterten Morgen, manischen Abenden und unzähligen Drinks und Joints. Ich begrüßte den schwarzen Hund an jedem Morgen voller Vorfreude und suhlte mich in den Depressionen, die er mit sich brachte. Vielleicht war er mein einziger Freund in dieser Zeit! Zu Beginn war das ganze Unternehmen Strandbar in der Karibik das gewesen, was ich mit aller Vorsicht als paradiesisch beschreiben würde. Die Bar und die Kohle meiner Familie hatten genügend abgeworfen, um gut zu überleben, und die Touristen hatten uns mit dem neuesten Klatsch aus aller Welt versorgt. Das Leben hatte aus einigen nächtlichen Stunden Maloche am Tresen bestanden, viel Sonne, jede Menge Gefühl, Sex und viel, viel Zeit. Meist hatte ich tagsüber im Liegestuhl rumgehangen, hatte mir irgendwelche Musik reingezogen, die Schönheit der Landschaft und des Strandes und meines Mädchens bewundert und die Tage geliebt. Ich hatte das Meer vor der Tür, hatte ein super Klima, kaum Stress, immer eine Bar mit den feinsten Cocktails vor der Nase und täglich diese wunderschöne Frau mit ihrer schier unersättlichen Libido. Ich hatte eine gute Dope-Quelle gefunden und war mir sicher gewesen, das Ziel meiner Träume erreicht zu haben. Mit der Zeit war ich immer mehr in einer Art Gelee der Zufriedenheit geschwommen, einer dickflüssigen Substanz, bestehend aus Wohlbefinden, Müßiggang und absoluter Abwesenheit negativen Gedankengutes um Finanzielles, Existentielles oder Fragen nach Vergangenem, Gegenwart oder Zukunft. Es hatte wirklich nicht vieles gegeben, worüber ich mir den Kopf zerbrechen musste, also hatte ich mich in der Übung versucht, in einer Art gedanklichem Nichts zu schwimmen und die Welt so zu genießen, wie sie war. Der schwarze Hund schlich sich zunächst unbemerkt an, lauerte mir immer öfter auf und schlug schließlich mit aller Gewalt zu. Und langsam verdorrte und verblödete ich, ohne es zu merken. Langsam wurde aus dem Paradies ein Gefängnis, aus der Bar ein erfolgreiches Unternehmen und mein persönlicher Käfig. Mein Leben wurde ein ewig wiederkehrender Alltag, als wäre ich in diesem Film gefangen, in dem Bill Murray jeden Morgen am selben Tag aufwacht, ganz gleich, wie er diesen abends beendet. Im Gegensatz zu Bill war ich dem nicht gewachsen und begann damit, mich zunehmend in meiner Hängematte zu suhlen. Cécile aber wollte Action, Bewegung, Aktivitäten. Sie liebte es, bei der größten Mittagshitze zwanzig, dreißig Kilometer zu laufen oder per Rad die ganze Insel zu erkunden. Ihr war mein Abhängen mit der Zeit immer mehr auf die Nerven gegangen. Sie sehnte sich nach schweißtreibenden Aktionen, ich hatte immer öfter nur meine Ruhe gesucht und wollte nichts weiter, als ihre Nähe, ihre Liebe, ihre Leidenschaft in aller Gemütlichkeit und in trauter Zweisamkeit zu genießen.

Die ganze Sache hatte sich immer mehr hochgeschaukelt, bis sie dann allein oder mit Freunden loszog und mich zwischen den Palmen zurückließ, um mir die Mittagssonne aufs Hirn prallen zu lassen, angesäuselt von der Hitze, den Drinks und dem Dope. Langsam ließ ich ihn gerne zu mir rein, den schwarzen Hund, und irgendwann wollte ich die Welt dort draußen nur noch vergessen. Sie wollte alles mal gemacht, alles mal erlebt, jeden Punkt der Welt mal gesehen haben, wollte Tauchen, segeln, angeln, ich wollte diese ganze merkwürdige Erde und ihre skurrilen Regeln einfach nur noch ignorieren und den wenigen Gedanken nachhängen, die ich für wertvoll genug hielt und die zu verfolgen ich noch in der Lage war. Und abends dann, wenn wir zusammen am Tresen standen, war ihre angestaute Wut über meine Art, das Leben zu nehmen, immer häufiger explodiert. Ein kleiner Fehler von mir reichte aus, ein falsches Glas für ein Getränk, eine heruntergefallene Flasche konnte lawinenartige Streits auslösen, deren Wucht mehr als einmal alles niederzuwalzen drohte, was wir uns gemeinsam aufgebaut hatten. Ich stand dann immer wie ein begossener Pudel da und ließ ihre Worte an mir ebenso abprallen wie die gelegentlichen Gegenstände, die sie nach mir warf. Bis dann schließlich der letzte Streit, der letzte Kampf, der Rausschmiss gekommen war.

Und so stellte sie mir das Ultimatum, etwas an meinem Lebensstil zu ändern oder sie würde Konsequenzen ziehen. Ich ging nicht auf ihre Bedingungen ein und akzeptierte ihren Rauswurf. Ohne groß nachzudenken packte ich meine Sachen und zog in ein billiges Hotel, um darüber nachzudenken, wie ich mein Leben weiterführen sollte. Dann kam der Brief von Annie. Ich kratzte meine letzten Kröten zusammen, buchte ein Ticket und machte mich auf den Weg nach Berlin. Jetzt war ich in dieser verfickten Stadt gelandet, Luther war tot und Otto würde es nicht mehr lange machen. Ich war pleite, verkatert, steckte seit drei Tagen in meinen stinkenden Klamotten. Meine Stimmung konnte nicht mehr sehr viel tiefer sinken.

Draußen vorm Taxifenster rauschte die nächtliche Stadt an mir vorüber, Hektik, Lärm, Lichtermeere, volle Straßen, genervte Autofahrer. Hier musste alles immer schnell gehen. Kaum ein lächelndes, seltener noch ein lachendes Gesicht. Die Gestalten, die unterwegs waren, schienen alle gehetzt und eilten ihren unbekannten Zielen entgegen, als würden sie von etwas Bösem verfolgt. Es war eine sehr milde Sommernacht, aber das schien die Gemüter keineswegs zu beruhigen. Es schien, als würde die sommerliche Wärme die Berliner geradezu anregen, sich wie Idioten zu benehmen. Vielleicht hatte ich aber auch vergessen, wie das Stadtleben im Sommer funktioniert. Vielleicht lag das an den Jahren auf der Insel oder den Jahren davor, die ich in meinem Kombi auf Achse verbracht hatte. Irgendwie konnte ich Großstädte und deren Hektik nicht mehr ertragen, hatte vergessen, wie sie funktionieren, wie sie sich anfühlen, war anfällig gegen das Stadtleben geworden. Mir wurde schnell klar, dass ich hier nicht lange bleiben konnte.

Und überall wurde gebaut, gegraben, gebaggert, überall funkelnde neue Glasfassaden. Ich war seit dem Fall der Mauer nicht mehr hier gewesen, und was ich dort draußen sah, war nicht das, was mir eine Stadt sympathisch machte, die ich schon vor langen Jahren abgeschrieben hatte. Das, was ich dort draußen sah, das war nicht die Wiedergeburt einer ehemaligen Metropole, das war der Versuch, einer steinalten, faltigen Ex-Diva, eine Schönheitsoperation zu verpassen, anstatt sie in Ruhe und Würde in ihrem alten Glanz erstrahlen zu lassen. Hier wurde investiert, um schnelles Geld zu machen und nicht, um einer Stadt ihren nie dagewesenen alten Glanz wiederzugeben.

- Hat sich viel verändert hier, war seit vielen Jahren nicht mehr in der Stadt.

- Na ja – seit sie diese scheiß Mauer umgeworfen haben, drehen hier alle durch.

Wir kamen bei der Adresse an, die mir Annie in ihrem letzten Brief genannt hatte, ein schäbiges Mietshaus irgendwo im Ostteil der Stadt. Ich hatte keine Ahnung, wo wir waren. Obwohl ich in dieser Stadt geboren und aufgewachsen war, war beinahe alles hier neu für mich. Ich kannte den ehemaligen Westen, wusste, mich dort zurechtzufinden, bevor das Ganze zu einer Glasfassaden-Metropole geworden war. Im Osten war ich nur ein paar Mal gewesen, dieser Teil der Stadt hatte mich nie sonderlich interessiert. Auf der Straße waren relativ viele Leute unterwegs, hippe Typen, junge Mädels in knappen Sommerkleidchen, ein paar Punks, ein paar Studenten. Ich ignorierte sie, schnappte mir meine wenigen Habseligkeiten aus dem Kofferraum des Taxis und machte mich auf den Weg zu Annies Wohnung im dritten Stock Seitenflügel. Es roch nach Pisse, Hundekacke, Abgasen. Ich hatte das Gefühl zu ersticken. Ich holte tief Luft, schob mir den Träger meines Rucksacks über die Schultern, hielt den Griff des Koffers etwas fester und betrat das Haus. Meine Beine waren schwer wie Blei, ich hatte ein scheiß Gefühl in der Magengrube, mir war schlecht, und das nicht nur wegen meiner Müdigkeit und weil ich verkatert war. Ich wusste, was mich erwartete. Ich ließ mir Zeit damit, die Stufen zu erklimmen, versuchte, vom ungewohnten Treppensteigen nicht außer Atem zu kommen. Mein ganz persönlicher Gang nach Canossa war das, verdammte Scheiße!

Vor knapp fünf Jahren hatte ich Otto und Annie noch in der Bretagne besucht, Ottos Fünfundsechzigsten mit ihm gefeiert, Cécile gefunden, Nanook verloren und mein Leben auf Martinique begonnen. Seitdem hatte ich mit meiner schwarzen Schönheit, meiner „Black Magic Woman“ in der Karibik gelebt, ehe es mit uns beiden zu Ende gegangen war. Ich stellte den Rucksack ab und zog den Brief aus einer der Seitentaschen, ehe ich klingelte. Ich öffnete ihn, nahm das Papier raus und las ihn erneut, als würde das etwas an seinem Inhalt ändern. Der Inhalt blieb wie er war und meine Stimmung sank noch weiter in den Keller:

- Otto stirbt! Wir sind jetzt in Berlin, bitte komm!

Ich klingelte. Ich versuchte nicht daran zu denken, was dort drinnen auf mich wartete. Ich hatte das Gefühl, die Wände würden mich beobachten, sich über mich lustig machen, sich langsam zusammenziehen, mich verschlingen, in eine Welt voller Elend ziehen.

- Nie wieder wolltest du in diese Stadt kommen, nie wieder, hattest du dir das nicht geschworen?

Die Stimme in meinem Kopf war laut und unnachgiebig und sie hatte Recht. Ich wollte wirklich nie wieder nach Deutschland, ich wollte nie wieder nach Berlin. Solange die regelmäßigen Überweisungen von der Familie gekommen waren, hatte ich mir nicht die geringsten Gedanken über mein Leben gemacht, hatte vor mich hin gelebt, hatte manchmal etwas Geld dazu verdient, es ausgegeben, war mal pleite, mal gut versorgt, war jahrelang in der Weltgeschichte rumgereist, hatte viel gesehen und mich nicht um so etwas wie eine Zukunft gekümmert. Jetzt hatten sie die Überweisungen eingestellt und Annie mich zurück in diese Stadt gerufen. Ich versuchte, nicht darüber nachzudenken, was noch alles auf mich zukommen sollte.

Ich schloss sie in die Arme, wortlos. Ein kurzer Blick hatte genügt. Ich spürte die Last, die auf ihren Schultern lag, aber auch die Kraft der Frau, die einst den Löwen Otto gebändigt hatte, die Kraft der Göttin in Ottos Leben. Noch war sie nicht am Ende, aber die Geschehnisse hatten sie schwer angeschlagen.

- Du fühlst dich gut an!

Und als hätten die Geister sich bereits in diesem Haus versammelt, um ein neues Mitglied unter ihnen aufzunehmen, hatte ich das Gefühl, Nanook würde mir über die Schultern sehen und lächeln.

- Wo ist er?

- In der Klinik, sie sagen, er soll sich schonen.

- Wie geht es ihm?

- Er weiß, dass er stirbt, wie soll es ihm gehen?!? – Wenigstens hat er keine großen Schmerzen.

- Was ist passiert?

- Ich weiß es nicht. Auf einmal wurde er schwächer, magerte ab, verlor den Appetit. Dann wollte er hierher, sagte, er wolle in der Stadt sterben, in der er geboren wurde. Als wir hier ankamen, konnte ich ihn endlich dazu überreden, zu einem Arzt zu gehen, aber da war es schon zu spät.

- Was ist los mit ihm?

- Ich weiß es nicht. Er sagt, seine Uhr sei einfach abgelaufen.

- Wie geht es dir?

- Es geht – irgendwie war ich immer drauf vorbereitet. Komm erstmal rein, willst du einen Drink?

Ich ging hinein, stellte mein Gepäck ab und setzte mich auf den von ihr angebotenen Sessel. Sie reichte mir einen Drink und ich schüttete ihn runter. Dann saßen wir uns gegenüber und schwiegen uns an. Was gab es auch zu bereden? Würde es ihn etwa retten, jetzt höfliche Konversation zu betreiben oder ihr von den letzten Jahren zu berichten? Würde er wieder gesund werden, wenn sie mir erzählte, wie es ihnen so ergangen ist in diese Zeit? Änderte es etwas an seinem Schicksal, jetzt gemeinsame Geschichten auszutauschen, weißt du noch, damals …? Ich hatte nicht die Kraft zu reden oder zu denken. Alles, was ich tun konnte, war, hier zu sitzen, ihr in die Augen zu sehen und den Geistern zuzuhören, die sich in meinem Schädel eingenistet hatten. Wir saßen die ganze Nacht da, beinahe regungslos. Kurz, nachdem die Sonne aufgegangen war, ging ich in die Dusche, zog mir frische Klamotten an und machte mich auf den Weg, um etwas fürs Frühstück zu organisieren. Dann fuhren wir zu ihm. Ich wollte ihn so schnell wie möglich sehen. Wir betraten das Krankenhaus noch vor der offiziellen Besuchszeit. Das kümmerte uns nicht und niemand hielt uns auf oder quatschte uns dumm an. Von dem Geruch nach Desinfektionsmitteln und Pisse wurde mir schwindlig und alte Erinnerungen stahlen sich in mein Bewusstsein. Ich konnte Krankenhäuser noch nie ausstehen und vermeide es, sie zu betreten. Für mich gibt es hier nur Erinnerungen an traurige Geschehnisse. Einmal hatte ich in einem Krankenhaus gelegen, damals als ich etwa zehn Jahre alt war. Mein bester Freund Micha und ich waren beide an einem Samstagnachmittag auf dieses Baugerüst geklettert, um die Stadt von oben zu sehen, und beide waren wir abgestürzt, als sich eines der Geländer gelöst hatte. Doch während ich auf einem Sandhaufen landete und damit glimpflich davon gekommen war, war er auf irgendeine Baumaschine gestürzt. Und während sie mir im Krankenhaus mein gebrochenes Bein wieder zusammengeflickt haben, war er nur wenige Zimmer weiter auf dem OP-Tisch gestorben. Ich war mit dem typischen Krankenhausgeruch nach Desinfektionsmitteln in der Nase aufgewacht und es hatte nicht lange gedauert, bis ein Polizist aufgetaucht war, um mich zu befragen und mir die Neuigkeiten zu erzählen. Und vor der offenen Tür war irgendeine Schwester ihren alltäglichen Verpflichtungen nachgegangen, als ob nichts geschehen wäre. Das hatte mich zutiefst betrübt, verärgert, verletzt. Es ist eine andere Welt, die einen hier erwartet, eine Welt, die nur in den seltensten Fällen etwas für Schönheit, Liebe, Genuss übrig hat. Alles erweckt den Eindruck langweiliger Routine. Was weiß ich, ob es die hier drin wirklich noch interessiert, wer hier liegt, was den Leuten hier fehlt, welche Schicksale sich hier abspielen. Das Ganze gleicht eher einer Autowerkstatt, was fehlt denn der Kiste, ach ja, der Auspuff, raus damit und einen neuen rein, oder oh, das tut mir leid, das lohnt nicht mehr zu reparieren, schmeißen sie das Ding weg, wir verkaufen ihnen einen neuen!

Überall begegnete uns gepflegte hektische Betriebsamkeit, Patienten in Bademänteln, die sich auf den Gängen rumdrückten, hier und da in andere Zimmer schielten und versuchten, ihrer Langeweile durch gekachelte Spaziergänge zu entfliehen. Nirgendwo ein Lachen, nirgendwo ein Sonnenstrahl, nirgendwo Wärme. Wir betraten die Abteilung der Schwerkranken, den Vorhof zur Hölle. Ich begriff sehr schnell, dass die Patienten, die sie hierher verfrachteten, nichts mehr zu erwarten hatten. Die Schwestern hier waren älter, abgestumpfter, unfreundlicher. Ihre Schürzen wurden grauer, ihre Blicke waren ebenso abwesend wie die ihrer Patienten. Ich hatte fast die Hoffnung, dass gerade das den alten Kämpfer Otto dazu bringen könnte, sich doch noch mal aufzuraffen und aufrechten Ganges diese Klinik zu verlassen. Meine Hoffnung blieb nur so lange am Leben, bis ich ihn sah.

Seine Haut war grau, ähnelte dünnem Pergament. Überall zeichneten sich seine Adern ab, violette brüchige Blutbahnen, die wirkten, als wären sie schon beinahe ausgetrocknet. Er war unglaublich schmal geworden, kraftlos, zerbrechlich. Der Mann schien geschrumpft zu sein, als hätte er einiges seiner ehemaligen Körpergröße eingebüßt. Aus dem Menschen, der noch vor wenigen Jahren stark wie ein Bär gewesen war, der mich hatte niederringen können, als sei ich ein Halbwüchsiger, war ein Greis geworden. Otto, einst ein Hundertzehn-Kilo-Mann von fast zwei Metern Größe, hatte sich in ein kleines, altes, schwaches Skelett verwandelt. Sein Blick war getrübt, das Lachen aus seinen Augen ebenso verschwunden wie die Lachfalten aus seinem Gesicht. Die Stärke, die ich sonst immer in seiner Nähe verspürt hatte, war einer neuen Zuversicht gewichen, der Zuversicht, bald zu sterben. Ich hatte Mühe, meine Tränen zurückzuhalten, schluckte einen Mund voll Speichel runter, riss mich zusammen und trat ihm mit zittrigen Schritten gegenüber. Dabei drifteten meine Gedanken ab zu der Zeit in der Bretagne. Ich war damals dort hingekommen, um sein fünfundsechzigstes Lebensjubiläum mit ihm zu feiern. Er hatte mich damit überrascht, dass er sesshaft geworden und Annie geheiratet hatte. Er, der alte Nomade, den es immer genau dorthin getrieben hatte, wo er gerade nicht war, hatte sich niedergelassen. Es war viel passiert dort unten in jenen wilden Tagen, es hatte jede Menge schöner Erlebnisse für uns alle gegeben, die tollen Abenteuer schienen nicht enden zu wollen, aber es gab auch vieles, woran ich nicht mehr zurückdenken wollte. Ich liebte den Mann, der mir hier gegenüberlag – oder zumindest das, was er mal war – und doch schienen unsere letzten Begegnungen nicht unter einem guten Stern zu stehen. Mein letzter Besuch bei Otto hatte mit dem Tod Nanooks geendet, dieser Besuch bei ihm würde mit seinem Tod enden. Es war mir scheißegal, dass hier kein logischer Zusammenhang bestand, warum sollte mich das auch interessieren?

- Wurde Zeit, dass du deinen Arsch hierher bewegst, was meinst du, wie lange der Sensenmann noch wartet, bis er mich holt? Ich habe alles Erdenkliche versucht, um ihn hinzuhalten, ich wollte dich nochmal sehen. Aber glaub mir, der Typ ist echt hartnäckig!

Seine Stimme war dünn, aber nicht gebrochen. Wenn man ihn kannte, konnte man noch immer die Kraft und Zuversicht, die Neugier und Stärke hören, die diesem Mann einst eigen gewesen waren.

- Hallo Otto, wie geht’s dir?

Ich scheute mich davor, ihn zu umarmen, hatte Angst, ihn zu zerbrechen. Stattdessen versuchte ich krampfhaft, meine Tränen zu unterdrücken.

- Hast du vielleicht noch ein paar andere schwachsinnige Fragen auf Lager, mit denen du mich nerven kannst?

Er hatte mich schon immer herausgefordert, es tat gut zu wissen, dass er nicht damit aufhören konnte.

- Hey – ich kann nicht sagen, dass ich mich freue, dich zu sehen – nicht unter diesen Umständen!

- Du weißt doch, dass wir alle mal abtreten müssen, das gehört zum Spiel. Ich bin wirklich neugierig, was kommen wird.

- Immer noch der alte Forschergeist?

- Oh ja! – Aber was anderes, ich möchte, dass du ein paar Sachen für mich erledigst, wenn ich weg bin, wirst du das tun?

- Klar, sag an!

- Tu mir den Gefallen, und sieh bitte dort in der Schublade nach, dort liegt ein Brief. Nimm ihn, steck ihn ein und wenn es mit mir vorbei ist, wirst du ihn öffnen. Bitte erst dann! Versprich mir, zu warten! Ich habe ein offizielles amtliches Testament gemacht. Annie weiß darüber Bescheid, aber dies hier ist nur für dich. Versprich mir, zu tun, worum ich dich bitte!

Ich war zu verwirrt, um ahnen zu können, was er von mir verlangen könnte. Es war mir auch egal. Ich hätte alles für ihn getan, wie in aller Welt hätte ich diesem Menschen eine Bitte verweigern können?

- Natürlich Mann, ich verspreche, zu tun, was du möchtest.

- Das ist gut, wirklich gut. Komm bitte etwas näher, ich möchte dir in die Augen sehen. Ich hatte nie eigene Kinder, wollte auch nie welche haben. Es gab nur Jack, der mich nicht mochte, als ich Annie geheiratet habe und der mich nie als den väterlichen Freund sah, der ich für ihn sein wollte. Du und Nanook, ihr beide wart für mich so etwas wie meine leiblichen Söhne. Mit Nanook habe ich einen Freund und einen Sohn verloren und du hast dich mit Cécile in die Karibik verdrückt. Als ich merkte, dass es mit mir zu Ende gehen wird, hatte ich den Wunsch, dich ein letztes Mal zu sehen. Annie hat dich gerufen. Jetzt bist du hier. Das ist gut. Cécile hat mir geschrieben, was mit euch im Moment los ist, sie wird leider nicht kommen können. Schade, aber nicht zu ändern. Es ist bedauerlich, aber was zwischen euch nicht stimmt, gehört nicht mehr zu dem, wofür ich mich jetzt noch interessiere. Ihr beide müsst wissen, was ihr voneinander erwartet. Ich muss sagen, du siehst gut aus, gereifter, älter, erfahrener, wenn auch ein wenig versoffen. Ich weiß jetzt, du wirst deinen Weg machen, ich kann es spüren, ich kann es fühlen. Frag nicht, wie so was passiert, vielleicht wird der Mensch an der Schwelle zum Tod einfühlsamer. Ein letztes Aufbegehren des Körpers, ein Aktivieren der letzten Geistes- und Körperreserven, ein erster Blick auf den Sinn des Lebens. Jetzt, wo ich weiß, dass die wenigen Menschen, die mir in meinem Leben etwas bedeutet haben, ihren Weg gehen werden, kann ich in Ruhe abtreten. Das ist das Beste, was ich erwarten durfte. Und nun, sei so gut und verschwinde! Ich möchte die Zeit, die mir noch bleibt, mit meiner Geliebten verbringen. Leb wohl, Freund und geh deinen Weg!

Ich steckte den Umschlag ein, umarmte ihn nun doch, sah ihm in die Augen und verließ die beiden wortlos. Ich hatte nichts mehr zu sagen. Es gab keine Worte, um mich von ihm zu verabschieden, und ich war zu erschöpft, um neue zu kreieren. Ich verließ das Krankenhaus, schnappte mir ein Taxi und ließ mich zurück zu Annies Wohnung fahren. Den Rest des Tages verbrachte ich im Dämmerzustand, irgendwo am Rande des Nichts, direkt vor der kleinen Hausbar in einem Sessel. Drei Tage später war Otto nicht mehr da.

2

Es dauerte beinahe drei Wochen, bis mein Verstand langsam wieder auf die Beine kam. Ich hatte mich vergewissert, dass Annie klarkam und mich dann aus dem Leben weitgehend zurückgezogen. Nachdem sie mir versichert hatte, mich wissen zu lassen, wenn sie meine Hilfe oder meinen Trost brauchte, konnte ich abschalten. Die ersten beiden Tage nach Ottos Ableben hatten wir in ihrer Wohnung verbracht, Arm in Arm, in tröstender Kuschelstellung auf ihrer Couch. Wir hatten nichts gegessen, nichts getrunken, außer einem gelegentlichen Schluck Wasser. Wir hatten kaum ein Wort gewechselt, Worte hätten uns auch nicht weitergeholfen. Dann war sie aufgestanden, hatte sich unter die Dusche gestellt und war raus in den Frühherbst verschwunden.

- Ich hab so viel zu erledigen, Max! Du weißt ja, wo alles ist!

Sie fing an, sich um die notwendigen Formalitäten zu kümmern und ich ließ sie mit ihrer Trauer von da an allein. Ich ließ mich in das tiefe Loch fallen, das sich vor mir öffnete, kaum dass sie die Wohnung verlassen hatte. Ich begrüßte dieses Loch und genoss den freien Fall. Ich weiß nicht mehr viel über diese Tage. Ich war ziellos durch die Gegend gelatscht, hatte stundenlang auf irgendwelchen Parkbänken gesessen, hatte ganze Tage in finsteren Kellerlöchern, verlassenen Häusern, Hinterhofclubs oder sonst wo verbracht. Berlin bot noch immer mehr als genug Anreize, um sich 24 Stunden am Tag fallen zu lassen. Elektronische Musik hatte ihren ersten Höhepunkt im damaligen Berlin und entsprechende Events gab es an jeder Ecke in der Welthauptstadt des Techno. In Ruinen, alten Fabriketagen, Hinterhöfen, auf Baustellen, auf der Straße wurde diese neue Kultur zelebriert, wild, hemmungslos, meist gut versorgt mit Drogen, die das Vergessen einfach machten. Es gab die verschiedensten Spielarten und ich stürzte tief hinein in die aufkeimende hedonistische Bewegung, die mit der aufkeimenden Technoszene ihren freien Körper- und Sexkult feierte, und ich gab mich dem Exzess ohne zu Zögern hin, tanzte im Rausch, manchmal splitternackt, mit hunderten Gleichgesinnter, und verschwand, hatte ich genügend dieser Pillen intus, mit jeder und jedem, der mich aufforderte, in eine dunkle Ecke, um mich befummeln zu lassen oder selbst zu fummeln und die bittere Realität zu vergessen. Das Ecstasy gaukelte mir vor, glücklich zu sein, und der Alkohol ließ mich den ganzen Scheiß vergessen, in den ich hineingeraten war. Eigentlich eine unwiderstehliche Mischung. Und noch war die Stadt preisgünstig genug, dass meine Kreditkarte beim Geldabheben nicht direkt explodierte. Ich weiß nicht mehr, wie viele Partys, Raves oder sonst was ich aufgesucht habe. Mein Kopf war abgeschaltet, mein Körper auf Autopilot, nur noch die wichtigsten Körperfunktionen wurden ausgeführt, Atem, Herzschlag, Verdauung der wenigen Nahrung, die ich ihm gönnte, Sex. Ich tanzte, fummelte, vögelte, schlief, ich latschte, ich trank, schiss und pisste und vergaß, dass es außerhalb meiner Exzess-Blase noch eine Realität gab. Soweit ich mich zurückerinnern kann, begegnete ich Annie in dieser Zeit kaum. Wir gingen beide unserer Wege. Ich weiß nicht mal, ob sie in der Wohnung schlief oder nicht. Bis heute erinnere ich mich nur an unklare Schemen all dieser Nächte damals in Berlin. Das klare Denken schien gänzlich aus meinem Hirn verschwunden.

An einem lauen Morgen wurde ich schließlich im Bett einer fremden Frau wach, die nackt an meiner Seite schnarchte, ihre Hand noch immer an meinem feuchten Schwanz. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war oder wie ich hierhergekommen war. Ich hatte meinen üblichen Kater, stand auf und suchte nach dem Klo und dem Kühlschrank. Vielleicht gab‘s ja irgendwo einen Drink? Es war nichts zu finden. Ich machte Kaffee und setzte mich an den kleinen Küchentisch. An der gegenüberliegenden Wand hing ein Jahreskalender, hier und da waren Tage rot oder grün oder blau markiert. Ich stand auf und sah mir das genauer an. Das Jahr war zu zwei Dritteln vorbei. Ich suchte den Tag, an dem ich nach Berlin gekommen war. Drei Tage später – Otto! Heute musste dieser Tag hier sein! Ich rechnete kurz nach und begriff, dass ich jetzt seit fast vier Wochen im Delirium gelebt hatte. Ich trank meinen Kaffee aus, suchte meine Klamotten zusammen und ging, ohne der schlafenden Nackten auch nur einen Abschiedsblick zu gönnen. Ich hatte die Vermutung, dass sie in mir nicht den strahlenden Engel ihres zukünftigen Lebens gesehen hatte, wahrscheinlich war ich für sie nichts anderes als ein kleiner nächtlicher Fick, den sie womöglich bereuen würde, wenn ich auf sie wartete. Ich musste mich jetzt um Wichtigeres kümmern. Mit einem Mal hatte ich etwas begriffen! Ich hatte begriffen, dass ich nicht nur um Otto trauerte. Es vielleicht eine Art morgendlicher Erleuchtung. Ich trauerte auch um mein Leben, mein Leben, wie es vielleicht hätte sein können oder wie es vielleicht werden könnte, ich trauerte darum, so gelebt zu haben, wie ich es getan hatte, ohne Ziel, ohne Orientierung, ohne Leidenschaft für irgendetwas oder irgendjemanden. Ich trauerte um all die Nächte, die ich lieblos in fremden Betten verbracht hatte, meinen Schwanz mit irgendwelchen Menschen teilend, ohne mich auch nur für ihre Namen zu interessieren. Mit den ersten bewussten Gedanken, die mir an diesem Morgen durchs Hirn schossen, war mir klar geworden, dass ich mein Leben ändern musste. Ich hatte fast zehn Jahre damit verbracht, durch die Welt zu kutschieren, ohne festes Ziel, nicht auf der Flucht und nicht auf dem Weg zu einem bestimmten Ort. Ich hatte mich treiben lassen, war meinem Gefühl gefolgt, vielleicht hier mal links abbiegen oder hier geradeaus weiter, mal sehen, was dort sein könnte. In all den Jahren hatte ich viele Leute getroffen, vieles erlebt und hatte ein fettes Buch voller Adressen. Ich hatte mir keine Gedanken darüber gemacht, was ich aus meinem Leben machen wollte. Ich hatte mich von dem Geld ernährt, das meine Familie mir monatlich überwiesen hatte, und wenn das nicht reichte, hatte ich alle möglichen Jobs angenommen. Ich war Tellerwäscher, Barmann, Fremdenführer, Bauhelfer, hatte als Übersetzter gearbeitet, als Fernfahrer, am Fließband, als Band-Rowdy, Filmkomparse, sogar mal als lebendes Plakat, und so manches andere. Ich hatte alle möglichen Jobs hinter mich gebracht, war aber immer gerade so lange am Ball geblieben, bis ich genug Kohle gespart hatte, um zu tun, was ich tun wollte. Und in den letzten Jahren hatte sich meine Existenz darauf beschränkt, an der Seite von Cécile hinterm Tresen zu stehen, mich so bald wie möglich von dort zu verdrücken und ihre Existenz in meinem Leben zu genießen, ohne etwas dafür zu tun, damit das auch so blieb. Vielleicht setzt ein Trauerfall bei einem Menschen Gehirnfunktionen in Gang, die im Normalfall nicht arbeiten, denn jetzt, nachdem Otto fort war, wurde mir mit einem Mal klar, dass ich in all den Jahren nur sehr wenige wirkliche Freunde gefunden hatte. Und dass ich endlich ein Ziel brauchte. Ich war in meiner Trauer ertrunken und hatte nicht die geringste Ahnung, wie man Ziele findet oder gar definiert. Zudem hatte ich die wichtigsten Menschen in meinem Leben verloren, Nanook war tot, und auch Otto war gestorben, Cécile hatte mich verlassen, von meiner Mutter nicht zu reden. Von den wenigen Menschen, die ich einst als Freunde bezeichnen konnte, war mir im Grunde nur Annie geblieben, und wir beide hatten kaum Zeit gehabt, uns ausreichend kennenzulernen. Und ich hatte in den letzten Wochen nichts Besseres zu tun gehabt, als sie im Stich zu lassen. Das war genau das richtige Verhalten, sie auch noch zu verlieren. Natürlich wusste ich auch, dass Annie mehr als genug mit sich selbst zu tun hatte. Sie konnte und sollte sich keinesfalls um mich kümmern, den gefallenen Max ohne Ziel und Verstand. Es gab für mich zwei Dinge zu tun: Für Annie ein verlässlicher Freund zu werden und irgendwie einen Weg finden, Ziele für mein zukünftiges Leben zu entwickeln. Otto hatte immer versucht, in mir Ehrgeiz oder Ziele zu wecken, und seine Versuche waren ebenso vielfältig wie meine Besuche bei ihm selten. Er hatte es nie aufgegeben. Und ich hatte ihm nie nachgegeben, warum auch. Nicht, solange er am Leben war. Einige Tage nach meiner Rückkehr in die Wohnung sprach ich mit Annie darüber, an einem grauen Montagmorgen.

- Ich werde ihm einen Wunsch erfüllen. Er wollte immer, dass ich meine Geschichten zu einem Roman mache, erinnerst du dich?

- Oh ja, das geht schon so, seit ich ihn kenne.

- Ich werde versuchen, diesen Roman zu schreiben, und ich werde versuchen, mich etwas mehr um die paar Leute zu kümmern, die mir noch geblieben sind. Ich hab dich in den letzten Wochen im Stich gelassen, dafür bitte ich dich um Verzeihung. Ich möchte, dass du eines weißt: Ich werde immer für dich da sein, wenn du einen Freund brauchst!

- Das weiß ich doch – und du hast mich nicht im Stich gelassen. Wir müssen alle mit unserer Trauer auf unsere Art umgehen. Glaub mir, ich weiß, dass du mehr verloren hast als einen guten Freund. Aber danke, dass du hier bist!

- Leider nicht mehr sehr lange! Ich habe die Absicht, noch einmal loszuziehen, ein letztes Mal auf die Straße zu gehen, Leute besuchen, Orte sehen, Erinnerungen aufleben lassen, mit der Vergangenheit abschließen. Ich werde aber erst gehen, wenn feststeht, dass es dir gut geht und du mit allem versorgt bist, was du brauchst.

- Danke. Ich werde wahrscheinlich auch bald von hier verschwinden, aber noch sind ein paar Formalitäten zu erledigen. Ich halte dich auf dem Laufenden. Wäre schön, wenn du noch ein paar Tage bleibst. Es tut mir gut, dich in meiner Nähe zu wissen. Wann willst du los?

- Ich weiß noch nicht genau, mal sehen, was sich so ergibt. Ich hab zurzeit keinen Wagen. Vielleicht versuche ich, irgendeine Mitfahrgelegenheit zu ergattern, keine Ahnung. Ich weiß ja noch nicht mal, wohin ich zuerst will.

- Wenn du noch ein paar Tage Zeit hast, frag ich mal ein paar Leute, vielleicht finde ich ja irgendwas Fahrbares. Ich sag dir Bescheid. Aber was anderes, hast du inzwischen mal den Brief von Otto geöffnet?

An den Brief hatte ich gar nicht mehr gedacht. Die ganze Zeit über hatte ich das Ding mit mir rumgeschleppt, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Er steckte in meiner Jacke und blieb dort verborgen. Ich hatte ihn nicht wieder hervorgeholt, nachdem ich ihn an mich genommen hatte. Ich war mir irgendwie darüber klar, dass ich warten musste, bevor ich ihn öffnete, so lange, bis ich genügend Abstand zu all dem hier hatte, und wieder einigermaßen klar denken konnte. Otto war tot, befand sich jetzt vielleicht in einer Welt ohne Zeit und Raum. Es würde ihm sicher nichts ausmachen, wenn ich mir Zeit ließ. Ich musste mich erstmal um mich selbst kümmern, musste wieder auf die Beine kommen, aus dem Loch klettern, durchziehen, was ich beschlossen hatte. Wenn ich wieder auf dem Damm war, blieb genug Zeit, mich mit dem letzten Wunsch des alten Mannes auseinanderzusetzen. Erstmal hatten meine neuen Absichten Vorrang. Und ich brauchte all meine Kraft, um Annie zu stärken, ihr beizustehen, sie abzulenken. Morgen für Morgen seit unserem Gespräch stand ich vor ihr auf und kümmerte mich um das Frühstück, Tag für Tag ging ich mit ihr spazieren, begleitete sie auf alle möglichen Ämter oder Behörden oder Banken, Abend für Abend sorgte ich für Unterhaltung, ging mit ihr ins Kino oder in irgendwelche Kneipen. Ich las ihr die Wünsche von den Augen ab, lernte ihre Vorlieben kennen, fand heraus, welche Filme sie gerne sah und setzte mich sogar stundenlang in die Oper, um mir Vorstellungen anzusehen. Und in all der Zeit trank ich keinen Tropfen Alkohol.

Annie kannte ein paar Leute in der Stadt, alte Freunde, meist irgendwelche Künstler aus Frankreich, mit denen sie studiert hatte, Maler, Bildhauer, Schauspieler, eine Handvoll Musiker. Sie stellte mich ihnen vor, wir trafen uns in Kneipen, quatschten Mist oder erzählten uns wilde Geschichten. Die meisten von den Leuten, die ich traf, hatten genug mit sich selbst zu tun, um ihr oder mir weiterhelfen zu können. Ich musste mir eine Menge Mist über revolutionäre Ideen oder Kunstprojekte anhören, die neuesten Kunstrichtungen, all so Zeug. Das hatte ich alles schon vor vielen Jahren von Nanook gehört, und er hatte schon vor Jahren das alles mit einem müden Lächeln kommentiert, veralteter Scheiß und so. Ich konnte damit nicht viel anfangen, vor allem deshalb nicht, weil ich nicht den Eindruck hatte, dass diese Typen wirklich viel auf die Beine stellen konnten. Das waren Profilneurotiker mit abgebrochenem Kunststudium, die die meiste Zeit an der Aufrechterhaltung ihres Images arbeiteten. Ich hatte nicht gerade den Durchblick in Bereichen wie Malerei oder Bildhauerei, aber ich verstand genug von Menschen, um diese Typen sich selbst zu überlassen. Ich hatte andere Sorgen als mich mit Leuten abzugeben, deren Lebenssinn darin lag, wichtig zu sein.

Ich fragte mich, warum Annie sich mit ihnen abgab, und ich brauchte eine Weile, bevor ich begriff, dass sie hier in Berlin niemanden sonst kannte. Auch ihr gingen langsam die Freunde aus. Eine der Lektionen, die ich schmerzlich lernte, war die, dass Bekannte und Freunde zwei gänzlich unterschiedliche Dinge sind. Auch Annie hatte – wie ich – ein Notizbuch voller Telefonnummern auf der ganzen Welt. Hunderte von Leuten, Bekannte von ihr oder Otto, die sofort da waren, wenn Partys angesagt waren oder eine Übernachtungsmöglichkeit gebraucht wurde. Freunde waren kaum darunter. Keiner außer Annie und ich war zu Ottos Beerdigung erschienen und hatte ihm die letzte Ehre erwiesen. Und Annie war in dieser fremden Stadt gestrandet und griff nach den paar Strohhalmen, die sich ihr boten. Und noch eines wurde mir klar: Wir beide wussten sehr wenig voneinander. All die Jahre über war ich der Freund Ottos. Ich kam, um ihn zu besuchen. Natürlich hatte ich mich immer gefreut, auch sie zu sehen, aber war das Freundschaft? Was wusste ich schon über sie? Kannte ich ihre Ängste, ihre Hoffnungen, ihre Probleme, ihre Träume und Alpträume? Also trottete ich ihr hinterher, wenn sie mich bat, sie in irgendwelche Bars zu begleiten, gab mir mit ihren Leuten Mühe und ignorierte deren schmalziges Auftreten, unterstützte sie, so gut es ging und versuchte, ihr klarzumachen, dass sie mit meiner Hilfe rechnen konnte, soweit es in meiner Macht stand. Mit der Zeit brachte mich das in eine Zwickmühle. Ich begriff langsam, dass ihr meine Anwesenheit in ihrer Bude guttat, dass ich ihr das Gefühl gab, nicht mehr allein auf der Welt zu sein. So wenig wir miteinander zu tun hatten, so sehr genoss sie meine Anwesenheit und die Tatsache zu wissen, dort drüben im anderen Zimmer, da gibt es noch einen Menschen, zu dem sie gehen kann. Immer wieder stand sie mit einem freudigen Lächeln vor mir und umarmte mich, bedankte sich für meine Hilfe.

- Du Max, ich bin wirklich froh, dass du hier bist. Danke für deine Hilfe. Ich weiß gar nicht, wie ich das alles ohne deine Hilfe geschafft hätte …

- Ach Quatsch, ich hab doch nichts gemacht.

- Doch, das hast du – du warst da!

Ihr Sohn Jack war irgendwo in den USA an einer Uni und sie würde den Teufel tun, ihn anzurufen und um Hilfe zu bitten. Er sollte erstmal sein eigenes Leben auf die Reihe kriegen und nicht wegen seiner alten Mutter über den großen Teich in diese stressige Stadt fliegen müssen. Ich weiß nicht mal, ob sie ihm das von Otto bislang mitgeteilt hatte und ich vermied es, sie darauf anzusprechen. Jack war ihre Familie und sie würde schon wissen, wie sie damit umzugehen hatte.

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