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La Muerte

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Prolog
  6. Erster Teil TERCIO DE VARAS
  7. Eins
  8. Zwei
  9. Drei
  10. Vier
  11. Fünf
  12. Sechs
  13. Sieben
  1. Zweiter Teil TERCIO DE BANDERILLAS
  2. Acht
  3. Neun
  4. Zehn
  5. Elf
  6. Zwölf
  7. Dreizehn
  8. Vierzehn
  9. Fünfzehn
  10. Sechzehn
  11. Siebzehn
  12. Achtzehn
  13. Neunzehn
  14. Zwanzig
  1. Dritter Teil TERCIO DE MUERTE
  2. Einundzwanzig
  3. Zweiundzwanzig
  4. Dreiundzwanzig
  5. Vierundzwanzig
  1. Epilog
  2. Nachbemerkung
  3. Danksagung
  4. Über den Autor

 

Para Montse,

que sin ti este libro no existiría.

Für Montse,

denn ohne dich gäbe es dieses Buch nicht.

Bien sabe el sabio que no sabe;

sólo el necio piensa que sabe.

Der Weise weiß gut, dass er nichts weiß;

nur der Narr glaubt zu wissen.

Spanisches Sprichwort

 

Er beobachtet, wie Blut aus einer Nackenwunde tröpfelt, die Schulter hinuntersickert, sich zu einem Rinnsal vereint und dann als Sturzbach über Fell und Haut läuft, sich dickflüssig pulsierend einen Weg abwärts sucht, bis schwere Tropfen in den Sand fallen. Unfähig, sich zu rühren, so als sei er auf seinem Sitz festgebunden - auf dem Ehrenplatz, wie sie ihn nannten -, holt er mühsam Atem. Unter ihm hält der Mörder die Klinge hoch und hebt sich auf die Fußballen zur Vorbereitung auf den finalen Stoß, der den Rücken des Opfers durchbohren, die Rippen durchstechen, die Lunge zerschlitzen soll.

Am liebsten würde er laut schreien, aber seine Wärter beobachten ihn: Es ist seine Pflicht, das hier mit anzusehen. Nur er darf das Urteil fällen. Gezwungen zu seiner Rolle als Aufseher, als Zeremonienmeister, starrt er nach unten, bemüht, nicht hinzusehen. Der Mörder ist bereit; in seiner gelassenen Haltung offenbart sich die Wucht von tausend früheren Todesstößen. Es heißt, der Mann sei gut. Er mache Mord zu einer Kunst.

Das Opfer wartet, blutüberströmt, erschöpft, mit hängender, trockener Zunge, doch es weigert sich aufzugeben.

Kaum ein Geräusch ist zu vernehmen. Dann hört er, wie der Schlächter durch die zusammengebissenen Zähne Luft einsaugt …

Und plötzlich ist er wieder hier: kleiner jetzt und leichter. Wie alt war er damals? Neun? Vielleicht zehn. Hinter ihm ein Schatten - ein älterer Mann, der die innere Not des Kindes lindern wollte, indem er ihm liebevoll die Schulter tätschelte. Er brauche doch keine Angst zu haben, gar keine. Sein Großvater hatte es gut gemeint: Eine Ablenkung sollte dieser Nachmittag sein, mal etwas anderes, was ihm helfen sollte zu vergessen. Aber er hatte alles nur noch schlimmer gemacht. Und so war er hinausgerannt, und sein Großvater war ihm gefolgt; und hatte ihm irgendwo im Schatten mit dem Hemdsärmel die Tränen getrocknet. Dafür war er dem alten Mann seither dankbar: dass er mitgekommen war, statt sich drinnen den Todesstoß anzusehen. Sie gingen zusammen nach Hause, Hand in Hand, schweigend. Damals hatte er sich geschworen, dass er sich das nie wieder anschauen würde.

Doch heute hat er sein Gelübde gebrochen. Nicht bloß als Zeuge, sondern als Schiedsrichter schaut er zu.

Der Mörder streckt sich zu seiner vollen Größe, stößt einen Schrei aus, und das Opfer torkelt mit einem letzten Aufbegehren auf ihn zu. Er trifft es im Nacken, stößt ihm den Degen bis zum Griff an den Knochen vorbei ins Fleisch, bevor er sich, zur Seite tänzelnd, in Sicherheit begibt. Das Opfer neben ihm gibt ein widerhallendes tiefes Stöhnen von sich.

Die Zuschauer springen auf, jubeln und winken. Das dramatische Spektakel hat seinen Höhepunkt erreicht. Das Opfer schwankt kurz, bevor es zu Boden geht, die Beine nur noch Pflöcke, die nutzlos aus einem dampfenden Körper ragen. Mit einem letzten Atemzug sinkt der Kopf in den Sand.

Der Mörder wendet sich an die applaudierende Menge. Er hebt die Hände und kreuzt sie zum Dank für die erwiesene Ehre über der Brust.

Der Präsident wendet sich an seine Berater. Beide nicken, und mit träger, apathischer Gleichgültigkeit zieht er ein weißes Taschentuch hervor und hängt es vor sich über die Brüstung. Der Stierkämpfer tut so, als bemerke er es nicht, aber die Menge bricht in Jubelgeschrei aus.

Erster Teil
TERCIO DE VARAS

Eins

Entweder du tötest den Stier, oder der Stier tötet dich.

Sprichwort

Samstag, 11. März

Hauptkommissar Max Cámara vom Cuerpo Nacional de Policía in Valencia warf einen finsteren Blick auf die anderen Gäste in der Bar Los Toros und krauste die Nase.

Nach dem Mittagessen noch kurz in der Jefatura vorbeizuschauen war ein Fehler gewesen.

»Cámara, außer Ihnen ist niemand hier. Sie müssen mich vertreten.«

Eigentlich hatte er im Polizeipräsidium nur schnell mal reinspringen wollen, um nachzusehen, ob ihm noch Urlaub zustand. Die Fallas standen vor der Tür, Valencias Frühlingsfest für Pyromanen, und er hatte gehofft, der Stadt entfliehen zu können, bis das Spektakel vorüber war. Doch Pardos Stimme klang ihm noch im Ohr. Mitten im Satz war der Polizeipräsident schon aus der Tür gestürzt, denn draußen wartete in einem Taxi seine Frau mit dem dreijährigen Töchterchen. Cámara hatte keine Zeit mehr gehabt, seinen Vorgesetzten daran zu erinnern, dass er vom Stierkampf keine Ahnung hatte und ihn verabscheute - ein Kind mit Verdacht auf Meningitis war wichtiger als alles andere. Trotzdem, jemand anders hätte die Vertretung übernehmen können. Maldonado vielleicht. Der hätte den Glanz und die Gloria in vollen Zügen genossen.

Doch so war Cámara an diesem Nachmittag schließlich selbst als Präsident der Corrida eingesprungen. Allerdings fragte er sich, ob es wohl einen Menschen im Land gab, der für diesen Job weniger geeignet war. Pardo liebte diese Aufgabe - für ihn zählte sie zu den Privilegien, die einem hohen Polizeibeamten in einer großen Stadt gewährt wurden. Cámara hatte sich manchmal vorgestellt, wie sein Chef im oberen Rang saß, mit wichtigtuerischer, ernsthafter Miene, ruhte doch die gesamte Verantwortung für das Spektakel auf seinen Schultern, denn er vertrat das Innenministerium, die Regierungsbehörde, welche die Aufsicht über die Stierkämpfe führte. Cámara war überzeugt, dass Pardo diese Aufgabe sogar noch mehr genoss als die gelegentlichen Fernsehauftritte, die er sich nach dem erfolgreichen Abschluss einiger Fälle hatte verschaffen können. Wer so blöd war, sich am Tag nach einem Stierkampf in Pardos Nähe aufzuhalten, bekam überflüssige Einzelheiten aufgetischt: ob er den getöteten Stieren ein oder zwei Ohren hatte abschneiden lassen, um sie den matadores als Anerkennung für ihre Leistungen zu verehren, oder ob es gar keine Ohren gegeben hatte. Manchmal schnitt man dem Stier sogar noch den Schwanz ab und überreichte ihn dem Torero als Trophäe, aber davon hielt Pardo nichts. Es kam selten vor - und roch nach Effekthascherei.

Der Nachmittag hätte eine Katastrophe werden können, aber Cámara hatte in der Präsidentenloge zwei Beisitzer gehabt, die ihn vor seinen Entscheidungen beraten sollten - einen Stierkampfexperten und einen Tierarzt, wie Cámara überrascht festgestellt hatte. Von diesen streng wirkenden Männern hatte Cámara sich leiten lassen. Sie hatten keinen Hehl daraus gemacht, wie enttäuscht sie waren, dass Pardo es nicht persönlich geschafft, sondern einen Untergebenen geschickt hatte, noch dazu jemanden, der keine Ahnung von los toros hatte - ja, sich offenbar nicht einmal dafür interessierte.

»Was haben Sie gesagt, wann Pardo von der Sache mit seiner Tochter erfahren hat?«, hatte einer von ihnen - der Tierarzt - gefragt. Mit ernster, regloser Miene hatte er dabei auf die Menge hinuntergestarrt, als sei Cámara schuld an der Krankheit des kleinen Mädchens. Und hinter einem Schleier aus blauem Dunst hatten die beiden an ihren Zigarren gesogen: stille, leblose Schatten an den äußeren Rändern seines Blickfeldes. Nur gut, dass man die beiden nicht auch in die Bar Los Toros eingeladen hatte.

Dabei wusste er gar nicht genau, warum man ihn selbst zu dieser Feier eingeladen hatte. Sie sollte zu Ehren von Jorge Blanco, dem Star des Nachmittags, stattfinden, aber für Cámara waren die drei auftretenden Matadore beinahe zu einem einzigen verschmolzen - letztlich hatten alle die Stiere abgeschlachtet. Erst die Reaktionen der Zuschauer hatten ihn auf mögliche Unterschiede aufmerksam gemacht. Dem ersten Stierkämpfer hatte das Publikum einen gemischten Empfang bereitet. Wie hieß er noch? Cámara durchwühlte seine Taschen nach dem Hochglanzprogramm, das man ihm beim Eintritt in die Arena in die Hand gedrückt hatte. Er betrachtete ein Gesicht mit dunklen Koteletten, das Gesicht eines Mannes Mitte dreißig: Alejandro Cano. Am Ende seines ersten Kampfes hatten die Zuschauer ihn ausgepfiffen; doch der zweite war besser gelaufen, es hatte Applaus gegeben und vielleicht auch ein Ohr als Trophäe, da war Cámara sich nicht mehr sicher.

Den zweiten Matador hatte die Menge fast von Anfang an bejubelt. An ihn erinnerte Cámara sich deutlicher - das war der Mann, der jetzt in der Bar Los Toros erwartet wurde. Jorge Blanco hatte Spaniens Nationalsport vor dem Vergessen bewahrt, und zwar ganz allein. Oder wenigstens hatte Cámara derartige Bemerkungen gehört. Neulich war Blancos Gesicht sogar auf der Titelseite von El País erschienen. Allmählich war der Stierkämpfer kaum noch zu übersehen. Die Menge liebte ihn; für jede Bewegung mit dem roten Tuch, für jeden triumphierenden Degenstoß erhielt er Applaus. Er habe die alten Werte des Stierkampfes gerettet, hieß es: Mut, Stärke und einen echten Kampf auf Leben und Tod mit dem Tier. Blanco riskiere da unten im Sand jedes Mal seinen Arsch - mehr als jeder andere Matador.

Beim ersten Stier hatte Cámara sein Taschentuch zweimal hervorgezogen - zwei Ohren, hieß das. Bei Blancos zweitem Tier, dem fünften der sechs Kämpfe, die einen Nachmittag ausmachten, hatte er diese Geste wiederholt. Seine beiden Berater waren dabei leicht zusammengezuckt: Ja, vielleicht hatte er wirklich übertrieben, aber angesichts der jubelnden Zuschauer - fast dreizehntausend Menschen, die Arena war bis auf den letzten Platz besetzt - hatte er sich entschieden, lieber ein wenig zu großzügig zu sein. Der Polizeibeamte in ihm hatte nämlich schon überlegt, wie man die Menge unter Kontrolle bringen könnte, falls es zu einem Aufstand käme, weil er nicht genügend abgeschnittene Ohren verliehen hatte.

Am Ende des Nachmittags wurde Blanco mit Girlanden geschmückt, während seine Verehrer ihm Blumen und Stofftiere zuwarfen. Sogar ein lebendes Huhn wurde in die Arena geschleudert. Die Helfer reichten es Blanco. Der Matador sollte dem Tier die Hand auflegen, bevor sie es in die Menge zurückwarfen, wo es hoffentlich zu seinem Besitzer zurückgekehrt war. Cámara stellte sich vor, dass heute Abend irgendwo in Valencia ein Festmahl gehalten wurde mit einem Hühnchen, das der berühmte Mann persönlich gesegnet hatte, bevor dem Tier die Kehle durchgeschnitten wurde.

Cámara erinnerte sich an Blancos scharfen, ruhigen Blick, an seine leicht aufwärtsgebogene Nase, die buschigen Augenbrauen und den schmerzerfüllten, fast gequälten Gesichtsausdruck. Blanco bestand nicht auf irgendeinem Zeremoniell, er widmete den Kampf nicht einem der Stierkampf-Granden auf den teuren, weil schattigen Plätzen unten in der Kategorie Sombra. Nein, Blanco hatte jeden seiner Kämpfe dem Publikum zugedacht, das ihn dafür umso mehr liebte.

Cámara warf einen Blick auf das letzte Foto im Programm. Der junge Antonio de Mora war heute zu seinem ersten richtigen Stierkampf angetreten, hatte man ihm erzählt. Vor seinem ersten Stier hatten sie unten in der Arena so etwas wie eine kleine Zeremonie abgehalten. Bei diesem Übergangsritus, mit dem de Mora vom Lehrling, dem novillero, zu einem echten Matador geweiht wurde, hatte Cano als Pate fungiert. Die Menge war großzügig gewesen und hatte dem jungen Mann nach jedem abgemurksten Tier applaudiert, aber Ohren hatte de Mora heute noch keine erhalten. Blanco war der Star, und als die Kämpfe vorüber waren, waren einige Zuschauer in die Arena gelaufen und hatten ihn auf den Schultern durch das Hauptportal - die puerta grande - auf die Straße hinausgetragen. Das war die größte Ehre, die man einem Stierkämpfer erweisen konnte, hatten Cámaras Berater ihm erklärt, bevor sie sich mit schlaffem Händedruck von ihm verabschiedeten, um sich mit gleichgesinnten Freunden zu treffen.

Cámara hatte noch einen Moment allein in der Präsidentenloge gestanden und überlegt, ob er so schnell verschwinden könne, dass es niemand bemerkte, als der Wirt der Bar Los Toros sich vorstellte und ihn zu der Feier einlud. Er sei der Präsident der Peña Taurina, einer Gesellschaft zur Förderung des Stierkampfes, hatte der Wirt erklärt, und sie wollten Blanco für seine Leistungen im vergangenen Jahr einen Preis verleihen. Es sei ihnen eine Ehre, wenn der Präsident der heutigen Corrida dabei sein könne. Cámara hätte beinahe abgelehnt, denn er war bereits verabredet.

»Sehr gern.«

Seltsam, die Worte waren ihm einfach so herausgerutscht.

Deshalb saß er nun in dieser schmuddeligen Kneipe an einer Straße hinter der Stierkampfarena. Vor ihm stand ein Glas Mahou-Bier, das sich schnell leerte, und er fragte sich, was er hier machte. Der Wirt redete mit dem Barkeeper. Er beugte sich zu ihm, damit sein Gesprächspartner ihn hören konnte, denn hoch oben in einer Ecke lärmte ein Fernseher, und die speckigen rot gestrichenen Wände warfen den Schall von einem Dutzend Unterhaltungen zurück. Blanco war immer noch nicht erschienen, und Gespräche mit den zwei Dutzend anderen Anwesenden erwiesen sich als schwierig: Etwas am Auftreten des Hauptkommissars, vielleicht an seiner Kleidung oder an seinem Verhalten, zeigte ihnen, dass er kein Aficionado war und nicht zu ihnen gehörte.

Hätte einer der Gäste sich näher für Cámara interessiert, hätte er ihn wahrscheinlich als unauffällig beschrieben: mit kurzem, dunklem, etwas strubbligem Haar und hoher Stirn, einem ausgesprochen kräftigen Kinn, dunkelbraunen Augen und einer krummen, fleischigen Nase - ein Mann, der zweifellos allein auf sich aufpassen konnte und das vermutlich bei mehr als einer Gelegenheit auch hatte tun müssen. Wer den Zweiundvierzigjährigen noch genauer angesehen hätte, dem wären vielleicht weitere Einzelheiten aufgefallen: starke, aber nicht plumpe Hände ohne Ringe, Armbänder und Armbanduhr, ein wacher Ausdruck in den lebhaften Augen und eine Verletzlichkeit, die von den breiten Schultern und der kraftvollen Statur nur zum Teil kaschiert wurde. Hauptkommissar Cámara war ein Mensch, an dem man am helllichten Tage ohne weiteres vorüberging, der einem jedoch Unbehagen bereiten konnte, wenn man ihm nachts auf der Straße begegnete.

Während Cámara an der Bar saß und überlegte, ob er einen letzten Versuch unternehmen solle, einen der anderen Gäste in ein Gespräch zu verwickeln, ging ihm ein Sprichwort durch den Kopf, eines der vielen, die sein Großvater immer zitierte: Más vale estar solo que mal acompañado - Es ist besser, allein zu sein als in schlechter Gesellschaft. Nein, er hätte nicht herkommen sollen.

Der letzte Schluck Bier verschwand aus seinem Glas, und er schaute sich noch einmal in der Bar um. Die anderen Gäste schienen ausnahmslos reiche, gut gekleidete Konservative zu sein, Männer, mit denen er gelegentlich beruflich zu tun hatte, aber nur selten seine Freizeit verbrachte. Die andere Seite Spaniens, der andere Volksstamm. Cámara lehnte sich zurück. Fünf Minuten noch, dann würde er verduften.

Um die Zeit totzuschlagen, entschied er sich für ein Spiel: Mal sehen, ob er ein paar der Anwesenden identifizieren konnte.

An einem Tisch saß ein älterer Mann in schwerem Tweed, mit glatt zurückgekämmtem Haar und der Miene eines wohlhabenden Landbewohners. Das musste ein Stierzüchter sein. Cámara überflog noch einmal sein Programm. Die Kampfstiere des heutigen Nachmittags stammten von der Finca Ramírez. Ihr Zeichen war ein großes R, dessen rechte untere Spitze mit einem Querstrich versehen war, sodass ein Kreuz entstand. Cámara war dieses Brandzeichen bei einigen der Bullen aufgefallen. War das der Mann, der sie gezüchtet hatte? Cámara betrachtete dessen schmale Lippen, die hängenden Mundwinkel, die große Hakennase und die kleinen, misstrauischen Augen. Das nahezu weiße Haar verlieh dem Mann ein distinguiertes Aussehen, das allerdings ein wenig gekünstelt wirkte.

Cámara ließ den Blick weiterwandern.

Ein Gesicht kam ihm jetzt bekannt vor - es gehörte einer Frau, die mitten im Raum stand. Sie trug ein tief ausgeschnittenes rotes Kleid und silberne Riemchensandaletten mit außergewöhnlich hohen Absätzen. Cámara war sich sicher, dass er sie schon im Fernsehen gesehen hatte, mit ihren aufgeworfenen Lippen und der leicht gespannten, sonnengebräunten Haut. Sie sah aus wie eine Frau, die in Klatschsendungen auftrat und im Bemühen um immer noch mehr Medienaufmerksamkeit die intimsten Details ihres Liebeslebens ausposaunte. Carmen Luna? Hieß sie nicht so? Wäre Almudena bei ihm, hätte sie ihm längst Carmen Lunas gesamte Lebensgeschichte erzählt. Cámara kramte in seinem Gedächtnis nach Informationen über die Frau. Wenn sie hier war, musste sie irgendwas mit Blanco zu tun haben. Waren die beiden nicht verlobt? Kursierte nicht das Gerücht, dass sie bald heiraten wollten? Blanco konnte nicht älter als fünfunddreißig sein. Carmen war keinesfalls jünger als fünfzig. Großzügig geschätzt.

Cámara beobachtete einen Moment, wie sie mit Blicken um sich warf, um die Männer zu registrieren, die sie anstarrten.

In der Bar befand sich noch eine weitere Frau. Sie stand am anderen Ende der Theke, war ein wenig stämmiger als Carmen Luna und trug enge Jeans. Ihr durch ein paar Strähnchen aufgehelltes Haar war ganz kurz geschnitten, und auf ihrem Kopf saß wie ein Haarband eine Sonnenbrille mit großen braunen Gläsern. Die Frau unterhielt sich gerade mit zwei Männern und lächelte dabei breit. Ihre Gesprächspartner beugten sich zu ihr, beide gefesselt von ihrer Energie, die ihr mehr Anziehungskraft verlieh als bloß ein gutes Aussehen. Cámara fand sie tatsächlich nicht auf konventionelle Weise hübsch. Ihre Nase war etwas zu lang und zu spitz, ihre Figur ein bisschen mollig, und mit der kleinen Lücke zwischen den Schneidezähnen würde sie niemals in einer Zahnpastawerbung auftreten. Dennoch zeigte ihre Haltung deutlich, dass sie männliche Gesellschaft gewohnt war und auch genoss.

Cámara beobachtete sie ein Weilchen und versuchte herauszufinden, wer sie war, entdeckte aber keinen Hinweis auf ihre Identität. Dennoch kam sie ihm irgendwie bekannt vor. Als sie bemerkte, dass er zu ihr hinschaute, lächelte sie ihm zu, bevor sie sich wieder ihren Gesprächspartnern zuwandte. Cámara bestellte sich ein letztes Bier, auf die Schnelle. Immer noch kein Zeichen von Blanco.

Die Tür öffnete sich, und alle drehten erwartungsvoll die Köpfe. Ein hochgewachsener Mann in dunklem Anzug trat ein. Cámara staunte, wie sehr er dem älteren Herrn glich, den er für den Stierzüchter hielt.

»¡Hola, Paco!«, riefen ein paar Stimmen zur Begrüßung, aber von der Bar her ertönte ein allgemeines Stöhnen - wieder nicht Blanco. Nachdem der Neuankömmling ein paar Hände geschüttelt hatte, setzte er sich neben den Stierzüchter. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Männern war jetzt noch offensichtlicher: die gleichen Hakennasen, die gleichen kleinen Augen. Selbst das Haar trugen sie auf die gleiche Weise zurückgekämmt. Dieser Paco war mit großer Wahrscheinlichkeit der Sohn des alten Mannes. Paco Ramírez? Die beiden vertieften sich schnell in ein Gespräch, der Jüngere sprach leise in das Ohr des anderen.

Cámara wandte sich ab. Während der Barkeeper ihm das Bier zapfte, schaute er in die Glasaugen eines Stierkopfes hinauf, der an der Wand hing. Die Hörner strebten seitwärts auseinander und bogen sich dann in schönem Schwung nach vorn, sodass die Spitzen parallel in den Raum hineinragten. ¿Yo también tengo cuernos?, überlegte Cámara auf einmal. Er rief sich zur Ordnung. Wie kam er plötzlich darauf, dass seine Freundin ihm Hörner aufgesetzt haben könnte?

Er schaute auf seinem Handy nach der Uhrzeit. Schon nach neun. Fast eine Stunde waren sie jetzt hier. Cámara dachte an Almudena und ihre gemeinsamen Pläne für den Abend. Noch in der Arena hatte er ihr eine SMS geschrieben, dass er sich verspäten werde. Komm vorbei, wenn du fertig bist!, hatte sie geantwortet. Vielleicht sollte er sich jetzt einfach verdünnisieren. Niemand würde das bemerken.

Als der Barkeeper ihm sein Bier hinstellte, hörte Cámara von der Straße Geschrei.

»Schon wieder diese verdammten anti-taurinos», brummte der Barkeeper. »Die glauben, sie könnten uns mit ihren Demos Angst einjagen.«

Außer ihm schien niemand von dem Lärm Notiz zu nehmen; die anderen vermuteten offenbar, draußen ließen mal wieder Kinder Kracher für die Fallas hochgehen. Cámara jedoch horchte auf das Pfeifkonzert, auf die Rufe, die durch die Wände drangen: »¡Asesinos! Mörder!« Irgendwo da draußen trommelte jemand.

Ein Stoß gegen die Tür, und sie flog krachend auf. Die Gespräche brachen ab, und alle drehten sich um. Doch der Eingang war leer. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite grinste die Bürgermeisterin von den Wahlplakaten herab, und die Festbeleuchtung an über die Straße gespannten Drähten erstrahlte.

»¿Qué coño?« Verdammt, was soll das?

Unter den Gästen erhob sich erschrockenes Gemurmel, als ein wilder Haufen junger Leute in die Bar stürzte. Alle trugen die Zeichnung eines Stiers auf der Brust, der mit einer roten Linie durchgestrichen war. Zwei hielten ein Banner, auf dem in dunkelgrünen Lettern Blanco asesino stand. In dem überfüllten Lokal hatten sie Mühe, das Tuch straff zu halten. Ohne seinen Platz an der Bar zu verlassen, zählte Cámara sie schnell: neun Leute und draußen vielleicht noch ein paar Nachzügler. Die meisten waren zwischen zwanzig und dreißig, ein oder zwei etwas älter. Fast alle trugen Jeans, Wanderstiefel oder Sportschuhe und knallig bunte Hemden und Jacken. Kein Hinweis darauf, dass jemand eine Waffe mit sich führte.

Als alle drinnen waren, zogen die Demonstranten Trillerpfeifen hervor und bliesen hinein. Ein schrilles Getöse zerschnitt die Luft, während jemand in einem langsamen, stampfenden Rhythmus dazu die Trommel schlug. Blechern übertönte eine Stimme aus einem Megafon den Lärm, hitzige, wütende Parolen, die in dem Spektakel nicht zu verstehen waren. Cámara entdeckte die Sprecherin - eine junge Frau von etwa fünfundzwanzig mit Dreadlocks, die sie zu einem lockeren Knoten geschlungen hatte.

Einige Gäste waren aufgestanden und drohten den Eindringlingen mit aggressiven Gesten. Ramírez, der Stierzüchter, war zwar sitzen geblieben, lief jedoch rot an. Der Wirt stand wie angewurzelt an der Theke, helle Panik im Gesicht. Cámara sah sich nach Carmen Luna um, aber sie war anscheinend verschwunden. Er bemerkte jedoch, dass die kleine Frau mit den Strähnchen ihn beobachtete. Offenbar wusste sie, wer er war, und ihr wissendes, ironisches Lächeln sollte ihn offenbar darauf hinweisen, dass er der Einzige war, der die Situation retten könnte.

Cámara stellte sein Bier auf die Theke und ging auf die Eindringlinge zu. Stück für Stück schoben sie sich vorwärts. Die Gefahr bestand, dass sie gleich mit einigen Gästen körperlich aneinandergeraten würden.

Er griff ein, indem er sich rasch zwischen die beiden gegnerischen Parteien stellte. Das Pfeifkonzert wurde daraufhin noch durchdringender, als wollte man ihn aus dem Weg pusten. Aber dann verstummte es, weil die Eindringlinge Atem holen mussten.

Cámara ergriff seine Chance. »Schluss jetzt!«, sagte er und deutete auf die Tür.

Die junge Frau mit dem Megafon stand vor den anderen und musterte ihn von oben bis unten. Sie wirkte neugierig: Er passte nicht hierher. Ohne teure Uhr am Handgelenk, das Haar ungekämmt, die kurzen Koteletten - und sein Stoppelkinn zeigte, dass seine Morgentoilette nicht besonders sorgfältig gewesen war. Seinem Aussehen nach hätte er auf ihrer Seite sein müssen.

»Wer sind Sie?«, fragte die Sprecherin.

»Zeit zu gehen«, erwiderte Cámara. »Sie können draußen weitermachen.«

Er spürte die Blicke der Gäste hinter sich. Ob er wohl in der Lage war, diese kleine Krise zu bewältigen? Vor ihm beschlossen die Randalierer gerade, dass es an der Zeit sei, den Lärmpegel wieder zu erhöhen, und das Getöse brach erneut los. Wie Nadelstiche schmerzten die Pfeiftöne in seinen Ohren. Doch während die jungen Leute herumhüpften, die Arme schwenkten und zum Rhythmus der Trommel aufstampften, sagte ihm seine Intuition, dass sie hier gar nicht mehr vorhatten, als bloß ein wenig Unbehagen zu verbreiten und trotz ihrer geringen Anzahl Stärke zu zeigen. Sie wollten Verwirrung stiften und Ärger machen, aber keine Prügelei anzetteln.

Cámara erhob die Stimme. »Ich bin Polizist. Ich möchte, dass Sie das Lokal verlassen.«

Wieder schaute die junge Frau ihn skeptisch an. »Polizist? Und da setzen Sie sich für diese Mörder hier ein?« Sie zeigte auf Ramírez und seinen Sohn. »Einsperren sollten Sie die beiden.«

Während sie sprach, ging eine Bewegung durch die Gruppe, ein taumelnder, unbewusster Schritt nach vorn. Cámara streckte den Arm aus und stoppte sie. Die Demonstranten spürten seine Kraft, er stand wie ein Fels. An ihm vorbeizukommen würde schwierig werden.

»Sie müssen das Lokal verlassen«, forderte Cámara mit leiserer Stimme. »Sofort!«

Von hinten ertönte ein Ruf. Zwei Demonstranten setzten ihre Pfeifen wieder an die Lippen, aber die Frau mit den Dreadlocks blieb still und blähte nur die Nasenflügel, während sie Cámara in die Augen sah. Sekunden vergingen, ohne dass sich jemand rührte, aber dann ließ sie mit einem Seufzer die Schultern sinken. Die anderen verstanden das Signal und zogen sich langsam, Schritt für Schritt, zurück.

»Mörder! Mörder!«

Ein letzter trotziger Aufschrei, bevor nur noch die junge Frau vor ihm stand und neben ihr ein junger Mann. Er war größer als die anderen, schlank und muskulös. Spöttisch grinste er die Gäste in der Bar an, dann drehte er sich um und spazierte auf die Straße hinaus. Die Frau ließ er allein zurück. Angewidert schaute sie sich im Raum um und wandte sich Cámara zu. Sie hob den Kopf, warf ihm eine Kusshand zu und wirbelte auf dem Absatz herum. Dabei fuhr sie mit ausgestrecktem Arm über einen der Tische, sodass Gläser und Besteck klirrend zu Boden fielen. Dann rannte sie zu den anderen nach draußen.

Cámara spürte einen starken Reflex in den Beinen, das Verlangen, hinter ihr herzustürzen und sie wieder reinzuzerren. Aber er hielt sich zurück, biss die Zähne zusammen und ballte die Fäuste. Die Pattsituation war vorbei. Der Friede, wenngleich noch bedroht, war wieder hergestellt.

Er spürte eine Hand auf der Schulter. Als er sich umdrehte, hielt der Barkeeper ihm ein Glas Brandy hin.

»Den können Sie jetzt wohl brauchen«, meinte er.

Der Wirt kam angeschlendert, mit einem breiten Lächeln, weil die Krise nun vorüber war. »Wir stehen in Ihrer Schuld, Herr Hauptkommissar.«

Er streckte Cámara eine kalte, feuchte Hand entgegen.

»Heute Abend ist nicht der richtige Zeitpunkt, aber diesen Hurensöhnen muss man mal richtig zeigen, wo's langgeht, wenn Sie mich fragen«, fuhr der Wirt fort.

Cámara gesellte sich zu den anderen Gästen. Viele drängten sich vor, um ihm auf die Schulter zu klopfen. Er nickte, lächelte und fluchte innerlich, weil es jetzt unmöglich war, sich davonzustehlen.

Die Frau mit den Strähnchen störte das neue Einvernehmen als Erste.

»Ich habe Blanco gerade auf dem Handy angerufen«, sagte sie. »Er geht nicht ran. Eigentlich müsste er längst hier sein.«

Sie schaute zu Cámara hinüber, und jetzt endlich fiel ihm ein, wer sie war - Alicia Beneyto, eine Journalistin, die für die Tageszeitung El Diario de Valencia arbeitete.

»Ich frage mich, ob er Probleme hat herzukommen«, erklärte sie. »Vielleicht haben die Demonstranten ihn abgeschreckt. Wäre es sinnvoll, ihm Begleitschutz zu besorgen?« Fragend sah sie Cámara an.

Nun waren wieder alle Blicke auf ihn gerichtet. Einmal hatte er ihnen schon aus der Klemme geholfen. Jetzt erwarteten sie anscheinend, dass er auch noch ihren verschollenen Ehrengast aus dem Hut zauberte.

Bevor er sich jedoch äußern konnte, wurde die Tür erneut aufgestoßen, und ein Polizist der Policía Local trat ein. Die Jacke mit der fluoreszierenden Schulterpartie flatterte im Wind, sodass der Revolvergriff darunter zu sehen war.

»Hauptkommissar Cámara?«, rief er in die Kneipe hinein.

Mit wenigen Schritten war Cámara bei ihm. Der Atem des jungen Polizisten ging flach und war kalt. Seine Augen waren weit aufgerissen.

»Herr Hauptkommissar, da gibt's etwas, was Sie sich ansehen müssen.«

Jorge Blancos Leiche lag nackt mitten in der leeren, unbeleuchteten Arena, mit unter den Leib geschlagenen Beinen, gekrümmt wie eine Kugel. Im Rücken des Toten steckten ein paar leuchtend gelbe und rote Banderillas. Sie neigten sich wippend zu Boden, sodass ihre scharfen Widerhaken sein Fleisch aufrissen. Weiter oben hatte man ihm in Schulterhöhe einen Matadorsdegen mit rotem Griff in den Brustkorb gerammt. Der Degen zitterte ein wenig, und in der oberen Hälfte der Klinge fing sich glitzernd das Licht von den Straßenlaternen draußen. Um den Hals trug der Tote eine zu einer Schlinge gebundene spanische Nationalflagge. Ein Ende davon hing im Sand, in schwarzen Flecken von geronnenem Blut.

Cámara spürte ein eisiges Gewicht in seinen Eingeweiden, das immer tiefer sank. Ein elektrisches Surren kroch seine Wirbelsäule hinauf. Ein paar Meter hinter ihm hustete und röchelte der Municipal, der ihn hergeholt hatte, bemüht, nicht zu kotzen. Draußen auf der Straße floss der Verkehr weiter, und die Fallas-Musik plärrte. Noch ahnte Valencia nichts von dem Sturm, den diese Leiche heraufbeschwören sollte, die wie eine Kugel im Herzen der Stadt lag.

Cámaras Handy klingelte. Der diensthabende Beamte der Jefatura war dran.

»Die Científicos sind unterwegs«, sagte er.

»Und Pardo?«, fragte Cámara.

»Ist informiert. Sie sind der Mann, der dem Schauplatz am nächsten ist.«

Eine Pause entstand. Eigentlich war es überflüssig, aber der Beamte vom Dienst fühlte sich genötigt, es auszusprechen.

»Das ist Ihr Mordfall, Cámara.«

Zwei

Meiner Überzeugung nach ist der Stierkampf das zivilisierteste Fest auf der ganzen Welt.

Federico García Lorca

Cámara griff nach der Dose mit den Elfenbeinintarsien, die am gewohnten Platz neben dem Sofa stand, und schaltete die Fernsehnachrichten an. Die meisten Kanäle zeigten noch ihr übliches Programm, während auf Canal 9, dem Lokalsender, schon ein Ticker mit den neuesten Meldungen unten über den Bildschirm lief und Cuatro offenbar bereits seit einer Weile über die Geschichte berichtete. Cámara nahm eine kleine getrocknete Marihuanaknospe aus der Dose und zerkrümelte sie in der Handfläche. Dann legte er ein Blättchen auf die Krümel, kippte das Ganze mit einer raschen Bewegung in die andere Hand und rollte eine Zigarette daraus, leckte das Blättchen an, klebte es zusammen und steckte den Joint in den Mund.

Das Ende des Röhrchens flammte auf, als er es anzündete, bevor es zu einer warmen Glut erstarb. Er machte den ersten Zug und inhalierte.

Die Sprecherin von Cuatro las von einem Laptop neben sich ab.

»Um unsere Eilmeldung noch einmal zusammenzufassen: Jorge Blanco Sol, der gefeierte Matador, wurde tot in der Stierkampfarena von Valencia aufgefunden. Nach offiziellen Angaben der Polizei werden die Umstände seines Todes noch untersucht, aber offenbar wurden bereits Ermittlungen wegen Mord eingeleitet. Es besteht Grund zu der Annahme, dass Blanco, dem heute Nachmittag noch vier Ohren verliehen wurden und der am Ende der heutigen Corrida im Triumph durch das Hauptportal getragen wurde, auf besonders brutale Weise ermordet wurde.«

Bilder aus dem Leben des Matadors flackerten über den Bildschirm, während hastig ein Resümee seiner Leistungen vorgelesen wurde. Blanco war nur vierunddreißig Jahre alt geworden und hatte sich auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn befunden. Vor einem Jahr war er aus dem vorzeitigen Ruhestand zurückgekehrt, um, wie viele behaupteten, der rapide abnehmenden Beliebtheit des Stierkampfes im Land entgegenzuwirken. Seit seinem spektakulären Comeback in Valencia, seiner Lieblingsarena, füllten die Stierkampfarenen im ganzen Land sich allmählich wieder mit Zuschauern, man sprach von einem goldenen Zeitalter und bezeichnete Blanco als neuen Manolete, der den Stierkampf ins einundzwanzigste Jahrhundert führen würde.

Cámara zog kräftig an seinem Joint. Zum Schutz vor dem Hagel an journalistischen Klischees blies er sein winziges Wohnzimmer voller Rauch. Auf dem Bildschirm erschien nun ein »Stierkampfexperte«, ein Mann mit grauem Haar und eckigen, leuchtend rot gerahmten Brillengläsern, der nur mit Mühe die Fassung bewahrte, als man ihm ein Mikrofon unter das Kinn schob. Unten auf dem Bildschirm erschien sein Name: Santiago Rodriguez.

»Blanco war für seinen … klassischen, furchtlosen Kampfstil bekannt. Er bestand immer auf den traditionellen Ritualen und Bräuchen. Er war der einzige Matador weit und breit, der vor und nach jedem Kampf die Kapelle aufsuchte. Während seiner Laufbahn wurde er mehrmals verwundet, am schlimmsten im Jahre 2002 in Sevilla - da schien es eine Weile so, als hätten wir ihn für immer verloren. Und tatsächlich blieb er danach vier Jahre lang der Arena fern. Sein Comeback war das wichtigste Ereignis der letzten Saison. Nicht alle waren glücklich über seine Rückkehr - wie alle Matadore hatte auch er Gegner in der Welt des Stierkampfes. Aber sein Verlust trifft uns sehr, sehr hart, und wir werden Jahre brauchen, um uns davon zu erholen.«

Das Foto eines Mannes mit Filzhut füllte nun den Bildschirm aus. Sein grauer Bart war so kurz geschnitten, dass er wie ein Fell wirkte, und im Mundwinkel hatte er eine Zigarre. Wieder quäkte die Nachrichtensprecherin aus dem Lautsprecher:

»Blancos apoderado, Juanma Ruiz Pastor, hat bisher noch keinen Kommentar abgegeben. Die Beziehung zwischen Blanco und Señor Ruiz Pastor war kürzlich in die Schlagzeilen geraten, nachdem es Berichte über Unstimmigkeiten zwischen dem Matador und seinem Manager gegeben hatte. Es gibt keine … Und jetzt schalten wir um in die Stierkampfarena von Valencia.«

Das neue Bild zeigte vor den gemauerten Bögen eines Baus, der dem Kolosseum ähnelte, eine Frau in einem Wirrwarr von Mikrofonen und Mobiltelefonen. Kalte weiße Fernsehscheinwerfer beleuchteten ein müdes Gesicht, aber Cámara erkannte sofort die Frau aus der Bar wieder. Unten über den Bildschirm liefen die Worte: »Alicia Beneyto - Journalistin und Freundin von Jorge Blanco«.

»Sie können sich vorstellen, dass dies ein furchtbarer Abend ist. Der Stierkampf hat den größten Matador seiner Generation verloren, vielleicht den größten aller Zeiten. Das sage ich mit allem gebotenen Respekt. Bevor Blanco wieder auf der Bildfläche erschien, lag der Stierkampf in unserem Land am Boden, und es gab viele, die sich darüber freuten und den Niedergang am liebsten beschleunigt hätten. Blanco jedoch hat diese Entwicklung umgekehrt, und zwar im Alleingang. Die Stierkampfarenen füllen sich wieder. Blanco hat die Richtung vorgegeben. Und nun ist es die Aufgabe anderer, der jüngeren Generation, sich seiner Sache anzunehmen und den Stierkampf in die Zukunft zu führen. Der Stierkampf wird bleiben. Er ist das Nationalfest unseres Landes. Man kann ihn nicht auslöschen. Nie ist der Stierkampf populärer gewesen als heute, aber er war auch noch nie so gefährdet. Dies ist der schlimmste Abend unseres Lebens.«

Die Kamera blieb noch eine Sekunde auf Alicia gerichtet, während ein Dutzend Fragen gleichzeitig auf sie einprasselten. Cámara fragte sich, ob sie wohl geweint hatte, denn um die Augen herum hatte sie eine dicke Schicht Make-up aufgetragen.

Der Joint zwischen seinen Fingern war fast ausgegangen. Das leichte Händezittern, das beim Anblick der Leiche begonnen hatte, ließ allmählich nach. Während Cámara den Joint wieder anzündete, warf er einen Blick in seine Dose. Sein Vorrat neigte sich dem Ende zu. Er musste Hilario zu Hause in Albacete anrufen, ihn fragen, ob er noch etwas hatte, und dafür sorgen, dass er für die Ernte im September noch mehr aussäte. Jetzt war es zu spät, schon lange nach zwölf. Er würde morgen irgendwann mit ihm telefonieren, sofern er Zeit dazu fand.

Im Fernsehen wurde weiter über die Geschichte berichtet, doch Cámara stand auf, ging durch sein Wohnzimmer in die winzige graue Küche und öffnete den Kühlschrank. Die altersschwache Gummidichtung der Tür bröckelte allmählich und hinterließ einen schwarzen Rand, einer der Nachteile, wenn man Elektrogeräte aus zweiter Hand kaufen musste. Der Kühlschrank enthielt eine einzige schlappe Möhre, ein Stückchen mit flaumig weißem Schimmel überhauchten Manchego, eine halb volle Dose Tomaten und zwei Knoblauchzehen. Weder Bier noch Wein. Weil Cámara sicher gewesen war, dass er die Stadt verlassen würde, um dem Trubel der Fallas zu entgehen, hatte er nicht mehr eingekauft. Er drehte den Wasserhahn auf und füllte ein Glas mit Wasser. Das Marihuana hatte ihn durstig gemacht, und wenn er noch bei Almudena reinschauen wollte, worauf sie bestanden hatte, tat er gut daran, sich den Geschmack von der Zunge zu spülen.

Während er ins Wohnzimmer zurückging, begann er schon, sein Hemd aufzuknöpfen. Er drückte den Joint in einem Aschenbecher aus weißem Marmor aus, den er beim ersten Rendezvous mit Almudena im Restaurant hatte mitgehen lassen. Er hatte ihr seine Beute schenken wollen, aber sie hatte darauf bestanden, dass der Ascher in seiner Wohnung blieb.

Cámara erinnerte sich daran, wie es rings um die Leiche gerochen hatte. Stammte dieser Geruch von Blanco, oder roch es in der Arena ständig nach Tod? Ihm war aufgefallen, dass verhältnismäßig wenig Blut zu sehen gewesen war.

»Die Wunden, die Sie hier sehen, wurden ihm nach dem Tod zugefügt«, hatte Dario Quintero, der médico forense, bereits in der Arena erklärt. »Daher hat er nur wenig geblutet. Ich vermute mal, dass wir es hier mit einem sekundären Tatort zu tun haben. Sie müssen nach dem eigentlichen Tatort suchen, Cámara - nach dem Ort, wo das Opfer tatsächlich ermordet wurde.«

Quintero war für einen Gerichtsmediziner durchaus in Ordnung. Andere Forensiker bemühten sich um Abstand, indem sie ihre Rolle als Ärzte, Mitarbeiter des Untersuchungsrichters und Angestellte des Gerichtes betonten, nicht der Polizei. Aber Quintero machte diese Arbeit schon seit Jahren und scherte sich einen Dreck um die üblichen Hierarchien der Macht und der Zuständigkeiten. Cámara hatte schon vor einigen Jahren mit ihm zusammengearbeitet, bei dem Fall Calle Puerto Rico. Das war eine der vielen Beziehungstaten gewesen, die ihn in den drei Jahren seiner Arbeit in der Abteilung Homicidios hauptsächlich in Anspruch genommen hatten: Ein Paar trennt sich, der Ehemann oder Freund dreht durch, schnappt sich eine Pistole, ein Messer oder irgendwas anderes und bringt seine Geliebte damit um und manchmal außerdem alle, die zufällig in der Nähe sind, wie gemeinsame Kinder oder die Schwiegermutter. Kurze Zeit später, vielleicht nach einem Drink mit seinen Kumpels, überkommt ihn die Reue, und er meldet sich auf der nächsten Polizeiwache. Seit drei Jahren nahm Cámara bereits Aussagen von am Boden zerstörten Männern auf, die über ihr ruiniertes Leben schluchzten.

Während Quintero an seinem langen grauen Bart zupfte, hatte er Irene Ortiz, der Gerichtssekretärin, weitere Einzelheiten zugemurmelt, und sie hatte eifrig Notizen gemacht. Zeitpunkt des Todes: vor wenigen Stunden, denn Blanco hatte ja gerade noch genau an dieser Stelle gegen seine Stiere gekämpft, und mehrere tausend Zuschauer konnten seinen tadellosen Gesundheitszustand bezeugen. Todesursache: Nach den Spuren am Hals und den geplatzten Kapillaren in den Augen zu schließen, war er fast mit Sicherheit erwürgt worden, wahrscheinlich mit einer Art Riemen. Außerdem vermutete Quintero, dass der Mörder Blanco seinen traje de luces, den glitzernden, farbenfrohen Anzug der Stierkämpfer, vom Leib geschnitten hatte, denn seine Haut wies kleine Schnittwunden auf.

»Wahrscheinlich konnte er den Toten nicht anders ausziehen.« Quintero schob die Hände in die Taschen seines weißen Kittels. »Und ich bin ziemlich sicher, dass wir es mit einem Mann zu tun haben. Da einige Körperkraft nötig war, um Blanco erst irgendwo zu töten und die Leiche dann herzubringen, käme allenfalls eine ungewöhnlich kräftige Frau in Frage.«

Außer dem Degen und den Banderillas hatte der Mörder noch weitere Spuren hinterlassen.

»Neben den Genitalien habe ich einen ganz tiefen Schnitt gefunden«, sagte Quintero. Sein Angebot, Cámara die Wunde zu zeigen, lehnte der allerdings ab.

»Wie Sie möchten«, meinte der Arzt. »Sieht nicht schön aus, da gebe ich Ihnen recht. Und ich muss mir die Sache noch genauer anschauen, aber der Winkel und die Tiefe des Schnittes lassen vermuten, dass der Mörder versucht hat, die Genitalien völlig zu entfernen.«

»Und was hat ihn davon abgehalten?«, fragte Cámara.

Quintero zuckte die Achseln. »Vielleicht hat er etwas gehört. Vielleicht hat er Angst gekriegt. Keine Ahnung. Das fällt mehr in Ihren Zuständigkeitsbereich, würde ich sagen.«

In diesem Moment erschien der Juez de Guardia, und Cámara wurde fortgerufen. Kurz darauf hatte der Richter bereits angeordnet, die Leiche abzutransportieren, denn ihm war klar, dass es schon spät war und der Fall großes öffentliches Interesse erregen würde. Der Schauplatz wurde nun den Beamten der Spurensicherung überlassen.

Cámara blickte auf seine Notizen hinunter, die er beim Betreten der Wohnung auf den Tisch geworfen hatte. Es wunderte ihn nicht, dass der übergewichtige Wachmann der Arena nichts gesehen hatte. Der Mann hatte in seiner kleinen Kabine nur Augen für das Spiel Valencia gegen Real Madrid gehabt (das torlos mit einem Unentschieden geendet hatte). Es gab nur eine Überwachungskamera über dem Haupteingang, und die lieferte kein Material, denn ihr war schon vor drei Monaten der Film ausgegangen und niemand war dazu gekommen, ihn zu ersetzen.

Das Gerät taugte ohnehin nicht viel, hatte der Wachmann betont - auf den Filmen seien immer nur grobkörnige Schwarzweißbilder zu sehen, auf denen er sich nicht einmal selbst erkennen würde. Erst als er in der Halbzeitpause pinkeln gegangen war, hatte er bemerkt, dass mitten in der Arena irgendwas Merkwürdiges lag. Das Flutlicht war natürlich ausgeschaltet, deswegen konnte er es nicht richtig sehen, und einschalten durfte er die Beleuchtung nicht. Vorschriften. Trotzdem, er war hingegangen, um nachzuschauen - auch wenn er die Arena eigentlich gar nicht betreten durfte. Und da hatte er die Leiche gefunden. Der Schock saß ihm immer noch in den Knochen. Gar nicht gut für seinen Blutdruck.

Weit davon entfernt, sich Gedanken darüber zu machen, dass das Verbrechen des Jahres während seiner Schicht und vor seiner Nase stattgefunden hatte, beklagte der Wachmann sich nur über die Unannehmlichkeiten, die dieser Vorfall ihm bereitete. Cámara hatte das schon mal erlebt: Gerade wetteiferte der Mann noch mit dem Toten um die Opferrolle, und im nächsten Moment prahlte er in der Bar vor seinen Freunden damit, dass er dabei gewesen war, als »Blanco abgeschlachtet« wurde.

Der Wachmann hatte einen Polizisten gerufen, der sofort die Policía Nacional alarmiert hatte. Die kommunale Polizei mit ihren Municipales war für den reibungslosen Verkehrsfluss und häusliche Streitereien zuständig und erhielt ihre Anordnungen aus dem Rathaus. Mord dagegen war ein Fall für die »richtige« Polizei - die Nacionales.

Blancos Fahrer fanden sie im Hotel Suiza, wo der Matador abgestiegen war. Der Mann hatte nach dem Kampf auf Blanco gewartet, aber der war nicht erschienen, was die Fahrer der anderen Stierkämpfer bestätigten. Nach einer halben Stunde war der Fahrer allein aufgebrochen, denn er hatte angenommen, dass Blanco schon fort war und ihm nicht Bescheid gegeben hatte. In manchen Dingen war der Matador pingelig - etwa, was den Besuch der Kapelle anging -, aber er besaß die Angewohnheit, manchmal einfach zu verschwinden, ohne sich bei seiner Entourage abzumelden. Er konnte dann bis zu ein paar Tagen fort sein und kehrte anschließend zurück, als sei nichts geschehen.

»Wir durften nicht darüber sprechen und auch keine Fragen stellen«, erzählte der Fahrer dem Polizisten, der ihn befragte. »Mussten uns einfach darauf einstellen. Ist eben so - er war schließlich der Brötchengeber.«

Der Fahrer arbeitete erst seit wenigen Monaten für Blanco, aber der Manager des Matadors, Ruiz Pastor, hatte ihm bereits einen Rüffel verpasst, weil er Vermutungen über Blancos Verbleib angestellt hatte.

»Wenn er mal nicht kommt, warten Sie eine Weile, aber dann fahren Sie ohne ihn los«, hatte Ruiz Pastor ihm erklärt. »Suchen Sie bloß nie nach ihm!«

Cámara las seine Notizen.

»Deswegen habe ich nie nachgefragt«, hatte der Fahrer erklärt. »Um die Mittagszeit ist Blanco wieder mal für ein paar Stunden verschwunden, bevor er sich für den Kampf fertiggemacht hat. Ich habe gedacht, es hat vielleicht mit diesen ganzen Gerüchten zu tun, dass er einen Freund hat und so.«

Von Ruiz Pastor selbst gab es immer noch keine Spur. Das Hotelpersonal sagte, er sei seit dem Morgen nicht wiedergekommen, habe aber auch nicht ausgecheckt. Andere Mitglieder von Blancos cuadrilla - seine beiden Banderilleros, ein paar Picadores und sein persönlicher Gehilfe, der mozo de espada, hatten nach dem Kampf die Stadt gemeinsam in einem Minibus verlassen und waren in ihre Heimatstadt Albacete zurückgekehrt. Blanco hatte für den nächsten Monat keine Kämpfe geplant.

Als das Fernsehbild wechselte, wurde Cámara aufmerksam und schaute hoch. Ein zweites bekanntes Gesicht blickte ihm vom Bildschirm entgegen. Blasse Haut, Dreadlocks, die zu einem Knoten zurückgebunden waren. Die Erklärung »Marta Díaz, Sprecherin der Anti-Stierkampf-Liga« lief über den unteren Bildschirmrand.

»Wir sind gegen diesen Mord. Wir sind gegen jegliche Art von Töten. Aber Blanco hat gekriegt, was er verdient hat. Wer zum Schwert greift, der soll nämlich auch durch das Schwert umkommen oder so ähnlich.«

Die Kamera zeigte wieder die Nachrichtensprecherin.

»Die Anti-Stierkampf-Liga veranstaltet schon seit einer Woche Demonstrationen gegen den Stierkampf, aber als die Mitglieder von Blancos Tod hörten, haben sie beschlossen, ihre Aktivitäten vorübergehend einzustellen. In einer Erklärung teilten sie mit, sie würden ihre Demonstrationen morgen wieder aufnehmen. Sie bestreiten, dass sie die Ereignisse des heutigen Abends ausnutzen wollen, um ihre Sache voranzutreiben.«

Cámara merkte sich den Namen der jungen Frau, die am Abend in die Bar Los Toros eingedrungen war.

Inzwischen interviewte die Sprecherin einen übergewichtigen Mann in einem knallblauen Anzug. Er wurde als Javier Flores vorgestellt, die »rechte Hand von Bürgermeisterin Emilia Delgado«.

»Selbstverständlich verurteilen wir diese entsetzliche Tat mit aller Schärfe. Valencia ist eine kultivierte, friedliche Stadt, und dieser Mord erschüttert die Bewohner zutiefst. Ich kann es nicht genug betonen: Wir verurteilen diese Tat aufs Schärfste.«

Cámara sah ein speckiges, glatt rasiertes Gesicht mit feisten Wangen, die über einen engen, rot-weiß gestreiften Hemdkragen quollen. Die gerunzelten Brauen und die hängenden Mundwinkel brachten eine Betroffenheit zum Ausdruck, die übertrieben wirkte.

»Werden Sie deswegen die Wahlen verschieben?«, fragte die Nachrichtensprecherin.

»Nein, auf keinen Fall. Da sind wir an die Verfassung gebunden«, erklärte Flores.

»Aber ihre Anti-Stierkampf-Politik …«

Flores unterbrach die Sprecherin: »Sehen Sie, heute Abend ist ein schreckliches Verbrechen geschehen. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um über Politik zu sprechen. Nein, jetzt sind Wachsamkeit und Trauer angebracht. Unsere Gedanken sind bei Blancos Familie. Es ist wahr, dass Bürgermeisterin Delgado versprochen hat, den Stierkampf in der Stadt zu verbieten, wenn sie wiedergewählt wird, aber wie gesagt, es ist ein tragischer Abend für Valencia und ein tragischer Abend für Spanien. Mehr habe ich nicht zu sagen.«

Cámara zog sich aus. Er ließ die Kleidungsstücke fallen, wo er stand, und ging dann über die weißen Bodenfliesen zum Bad. Er beugte sich vor, drehte das heiße Wasser auf, und die Dusche erwachte spuckend zum Leben. Mit einem Fuß stand er schon in der Duschwanne, als sein Handy klingelte.

»Ja?«, fragte er, nachdem er den Namen auf dem Display gelesen hatte. Es war Huerta von den Científicos. »Gibt's was Neues?«

Die Stimme am anderen Ende war unverkennbar ausdruckslos. »Seien Sie mal nicht so verdammt vergnügt, Cámara! Ich bin jetzt sechzehn Stunden im Dienst und will nach Hause.«

»Na, schließlich kriegen Sie nicht jeden Tag einen so berühmten marrón in die Finger«, erwiderte Cámara.

»Freut mich, dass Sie die Verstorbenen mit gebührendem Respekt behandeln«, meinte Huerta. »Ich selbst ziehe die Bezeichnung ›Leiche‹ vor. Vermutlich sind Sie kein Fan von ihm.«

»Von Blanco? Der ist mir ziemlich egal. Aber die Art, wie er seinen Lebensunterhalt verdient hat - da bin ich mir nicht so sicher.«

»Wir versuchen doch alle bloß, unsere Rechnungen zu bezahlen, Cámara.«

Ein kalter Luftzug von der Balkontür hinter ihm erinnerte ihn daran, dass er unter der Dusche schon halb nass geworden war.

»Also, haben Sie was gefunden?«

»Die Municipales haben den Tatort ganz schön versaut, aber das war ja zu erwarten. Und dieser Affe von Wachmann war auch keine Hilfe.«

Ohne die übliche Vorrede über die endlosen Schwierigkeiten, die er bei der Ausführung seiner Arbeit zu bewältigen hatte, wären Huertas Bemerkungen unvollständig gewesen. Irgendwo in seiner Phantasie musste es einen perfekten Tatort geben, der bis auf die Spuren des Mörders und des Opfers so unberührt war, dass es kaum mehr als fünf Minuten dauerte, bis Huerta sich hinstellen und wissenschaftlich fundiert auf den Täter verweisen konnte. Er war überarbeitet, hatte nicht genug Mitarbeiter, und große Teile seiner Ausrüstung waren schon seit Jahren veraltet. Der wütende Ausruf: »Wir sind hier nicht bei CSI: Miami!«, den er einem eifrigen jungen Kommissar, der auf schnelle Ergebnisse hoffte, entgegengeschleudert hatte, war seither zu einem inoffiziellen Motto der Polizei geworden. Cámara kannte Huerta gar nicht anders, und kein Mensch in der Jefatura konnte sich erinnern, ihn jemals anders erlebt zu haben. Aber alle akzeptierten ihn so, wie er war, denn dem Vernehmen nach hatte er sich noch nie geirrt. Kein einziges Mal.

»Trotzdem«, fuhr Huerta jetzt fort, »lassen Sie uns mit dem anfangen, was fehlt.«

Cámara hörte schweigend zu, aber Huerta erwartete offenbar, dass er etwas sagte.

»Weiter!«, brummte er schließlich.

»Wir haben keine Anhaltspunkte, durch welchen Ausgang der Täter geflüchtet ist«, erklärte Huerta. »Ich vermute, dass unser Mann die Arena mit den Zuschauern zusammen betreten hat. Aber wie ist er wieder rausgekommen?«

»Die Tore waren abgeschlossen«, sagte Cámara.

»Nicht nur das, es gibt auch keine Hinweise darauf, dass jemand dort Gewalt angewendet hätte. Entweder ist er noch drin - was ich bezweifle -, oder er hat es geschafft, irgendwie zu verschwinden.«

»Vielleicht ist er von dem Umgang außen am Gebäude runtergesprungen.«

»Der ist ein bisschen zu hoch«, meinte Huerta, »und auch ein bisschen zu öffentlich. Dabei hätte ihn jemand gesehen. Und dieser Kerl ist äußerst vorsichtig.«

»Wie meinen Sie das?«

Vor Kälte fing Cámara an zu zittern. Er griff nach einer Decke, die über der Sofalehne hing, und hüllte sich darin ein, so gut wie er es mit einer Hand konnte.

»Er hat seine Spuren selbst weggeharkt. In dem Sand hätten wir schöne Fußabdrücke von ihm finden können, aber unser Mann hat sich die Mühe gemacht, hinter sich zu harken.«

»Haben Sie die Harke gefunden?«

»Klar haben wir die verfluchte Harke. Aber sie nützt uns nichts - keine brauchbaren Fingerabdrücke. Und ich glaube, unser Mann ist nicht so blöd, dass er überhaupt irgendwo Fingerabdrücke hinterlassen würde.«

»Okay, ich verstehe«, sagte Cámara.

»Wir haben allerdings etwas anderes gefunden«, fuhr Huerta fort. »Nicht weit entfernt von der Leiche lag ein silbernes Männerarmband. Auf der Innenseite sind die Initialen A.A. eingraviert.«

»Die sagen mir nichts«, stellte Cámara fest. »Aber ich sehe mir das Armband morgen an. Und irgendwelche Fasern?«

Kaum hatte er die Frage ausgesprochen, da war ihm auch schon klar, dass sie unsinnig war.

»Fasern?« Huerta lachte schallend. »In einer Stierkampfarena? Die noch dazu eine Stunde vorher brechend voll war? Menschen und blutende Tiere - ja, wir haben Fasern gefunden, Haare, trockene Hautfetzen und so weiter. Aber ob etwas davon vom Mörder stammt? Wohl kaum.«

»Quintero meint, der Mord hat irgendwo anders stattgefunden«, berichtete Cámara.

»Auf den Punkt wollte ich gerade zu sprechen kommen«, sagte Huerta. »Der eigentliche Tatort scheint die Kapelle zu sein. Da haben wir mögliche Anzeichen für einen Kampf gefunden, nämlich ein paar umgeworfene Stühle. Morgen früh schauen wir uns da genauer um.«

Aber die Frage blieb: Warum hatte der Mörder sich die Mühe gemacht, die Leiche auszuziehen, sie mitten in die Arena zu schleppen und dort zu schänden?

»Eine Botschaft, vermute ich«, bemerkte Huerta. »Entweder das, oder der Täter ist wahnsinnig.«

»Ein Wahnsinniger hätte sich aber jeden aussuchen können«, wandte Cámara ein.

»Wie gesagt, dann ist es eine Botschaft.«

Aber was für eine Botschaft? Und für wen?

Cámara schaute zur Wanduhr hinauf.

»Gut. Danke! Sonst noch was?«

»Pardos Tochter?«, sagte Huerta.

»Mensch, die hatte ich ganz vergessen. Irgendwas Neues?«

»Nichts«, meinte Huerta. »Das heißt wahrscheinlich, dass alles in Ordnung ist. Wenn die Tochter des Chefs den Löffel abgegeben hätte, hätten wir das erfahren, glauben Sie mir. Selbst an einem Abend wie diesem.«

Die Leitung war tot. Im Hintergrund plärrte der Fernseher weiter. Cámara legte sein Handy auf den Tisch und blickte gerade in dem Moment auf, als sein Name erwähnt wurde.

»Hauptkommissar Max Cámara von der Policía Nacional wird die Ermittlungen leiten …«

Er griff nach der Fernbedienung und stellte den Apparat aus.

Verdammt! Interessierte es denn irgendjemanden einen Scheißdreck, wie der zuständige Beamte hieß? Das ging doch niemanden etwas an. Pardo allerdings freute sich normalerweise wie ein Schneekönig über Applaus. Jedenfalls, sobald ein Fall abgeschlossen war.

Cámara stieg unter die Dusche. Inzwischen war das heiße Wasser aus dem Boiler fast verbraucht, und er musste sich unter rasch abkühlendem Wasser abspülen. »Verdammter Mist!«

Fünf Minuten später trat er in sauberem Hemd und mit noch feuchtem Haar auf die hell erleuchtete, menschenleere Straße hinaus. Bis zu Almudenas Wohnung auf der anderen Seite des Stadtviertels Ruzafa brauchte er zu Fuß zehn Minuten. Das Viertel schloss im Süden an das alte Stadtzentrum an. Inzwischen war es kein Unterschlupf für Drogendealer mehr wie früher, sondern neben marokkanischen Lebensmittelgeschäften fanden sich dort auch chinesische Großhändler, die billig hergestellte Kleidung verkauften, und Antiquitätenläden mit Art-déco-Möbeln. Cámara mochte die freundliche dörfliche Atmosphäre.

Wie große Teile Valencias bestand auch dieses Viertel architektonisch aus einer Mischung von eleganten, hell gestrichenen fünf- oder sechsstöckigen Mietshäusern mit schmalen, bodentiefen Fenstern und kunstvoll verschnörkelten Eisengittern und deren hässlicheren jüngeren Geschwistern - braunen Ziegelbauten aus den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit leuchtend orangefarbenen Markisen und Aluminiumtüren.

Im ältesten Stadtviertel, dem Ortsteil El Carmen nahe der Kathedrale, der zwanzig Minuten Fußweg entfernt lag, war die historische Atmosphäre hingegen noch spürbar. Die Straßen dort waren schmaler, kurvenreicher und schmutziger und vermittelten einen Eindruck von der labyrinthischen Anlage der mittelalterlichen Stadt und ein Gefühl von Intimität. In einem relativ überschaubaren Ort wie diesem passierte es häufig, dass man ganz zufällig Freunden und Bekannten begegnete.

Viele Wände waren mit Graffiti besprüht, und aus den Dächern verlassener Häuser wucherte Unkraut, aber wichtigere Gebäude, wie die spätgotische Lonja de la Seda, die Seidenbörse mit ihren spiralförmig gedrehten Säulen und lüsternen Wasserspeiern, oder der Palast der Generalitat mit den feinen Säulen in den Fenstern und den fächerähnlich gemauerten Bögen um die Haupteingänge herum erinnerten daran, dass Valencia vor fünfhundert Jahren die reichste und bedeutendste Stadt in Spanien gewesen war, die Heimat der Borgias - bevor sie Päpste wurden und nach Rom zogen - und das Zentrum der spanischen Renaissance.

Gerade begannen die Fallas, das größte Fest im Jahreslauf der Stadt, und in einigen Straßen war das Parken bereits verboten, damit die riesigen Figuren aus Holz und Pappmaché, die am nächsten Tag an jeder Kreuzung und jeder Straßenecke aufgebaut werden sollten, genügend Platz hatten. Die Falleros, jene Valencianer, die das Fest aktiv mitgestalteten, besetzten die Stadt vierzehn Tage lang wie eine feindliche Armee. Und in diesem Jahr - wie offenbar in jedem Jahr - prahlten die Behörden damit, dass mehr als eine Million Besucher aus ganz Spanien und dem Ausland erwartet würden. Die Fallas spalteten die Stadt in zwei Lager, denn entweder liebte man das Fest, oder man versuchte, dem allgegenwärtigen Spektakel zu entfliehen. Cámara zählte sich schon seit langem zur Gruppe der Anti-Falleros.

Er vernahm ein unpassendes Geräusch hinter sich, den Schlag auf den Rücken jedoch spürte er nicht. Da war bloß ein verlorener Moment, so als habe er eine Sekunde lang nicht existiert, und dann das Gefühl zu stürzen. Gerade noch rechtzeitig bevor er auf das Gesicht knallte, wurde ihm bewusst, was geschah, und er warf sich rasch zur Seite, sodass die Schulter den größten Teil des Gewicht, abfing, als er aufs Pflaster krachte. Aber während er sich drehte, traf er mit dem Mund auf Beton, und er spürte, wie seine Lippe aufplatzte. In dem Augenblick, in dem er still lag, traf ihn ein Tritt in den Bauch, dem offenbar weitere folgen sollten. Cámara würgte, doch bevor der zweite Tritt kam, war er auf den Knien, drückte sich mit den Händen hoch auf die Füße und wich abrupt vor dem Angreifer zurück, um sich aufzurichten. Niemals am Boden bleiben! Bei einer normalen Prügelei auf der Straße zahlte es sich immer aus, möglichst schnell wieder in die Senkrechte zu kommen.

Während Cámara sich die linke Hand auf den Bauch legte und tief durchatmete, sah er, dass ihn drei Gestalten umrundeten und sich auf einen erneuten Angriff vorbereiteten. Sie befanden sich direkt unter einer Straßenlaterne, und Cámara konnte beinahe ihre Gesichter erkennen. Instinktiv krümmte er sich ein wenig, zog die Schultern nach vorn und verlagerte das Gewicht auf Hüften und Beine. Jetzt konnten sie kommen.

Der Erste griff mit einem Schwinger an. Die gesenkte Schulter, die Grimasse, die Faust, die unterhalb der Hüfte aufstieg und in einem Bogen auf Cámaras Gesicht zuflog. Cámara blockte den Schlag mühelos mit dem linken Handgelenk ab und rammte dem Angreifer mit einem gezielten Stoß die Knöchel der Rechten in die Kehle. Vielleicht ein wenig zu fest. Hauptsache, der Kerl konnte noch atmen, wenn er umgekippt war. Falls die Luftröhre zertrümmert war, würde er allerdings Probleme kriegen.

Einer am Boden, zwei noch übrig.

Der zweite Angreifer kriegte die Wut, als er seinen Kollegen röchelnd auf der Straße liegen sah, und stürzte sich mit einer Art Kriegsgeschrei auf Cámara. Dabei streckte er beide Arme vor, als wollte er nach dem Gesicht seines Gegners greifen. Cámara schaffte es gerade noch, sich wegzudrehen. Während er herumwirbelte, spürte er den Atem des Mannes auf der Haut nur Zentimeter von sich entfernt. Cámara schlug mit dem rechten Arm auf die ausgestreckten Arme des anderen, brachte ihn damit aus dem Gleichgewicht und schickte ihn zu Boden. Der Mann krachte mit dem Kinn auf die Bordsteinkante. Reglos blieb er liegen und gab nur noch ein leises, schluchzendes Stöhnen von sich.

Blitzschnell sah Cámara sich nach dem dritten Angreifer um, aber der hatte es sich inzwischen offenbar anders überlegt und die Flucht ergriffen. Seine Schritte hallten durch die Straße, während er um die nächste Ecke rannte und außer Sichtweite geriet.

Der Blutgeschmack auf seiner aufgeplatzten Lippe lenkte Cámara ab. Er legte die Hand auf den Mund und betastete den Riss. Nicht allzu schlimm, befand er, aber ein paar Tage lang würde es gefährlich aussehen. Seine unteren Rippen taten ihm nach dem Tritt in den Bauch weh. Der Schmerz breitete sich vom Solarplexus zum Rücken aus, wanderte zu den Schultern hoch, schoss die Arme hinunter und wanderte schließlich in die Leisten.

»Hijos de puta.«

Wieder hörte er ein Geräusch. Der zweite Angreifer hatte sich aufgerappelt und rannte nun davon, so schnell es ging. Er konnte kaum geradeaus laufen, hinkend torkelte er die Straße entlang, die Hand am Kinn. Als er eine Ecke erreichte, spuckte er aus und verschwand ebenfalls.

Es war vorbei. Wie so viele Kämpfe war auch dieser schon nach dem ersten Schlagabtausch beendet gewesen. Nur professionelle Boxer konnten so was längere Zeit durchhalten.

Cámara bückte sich, um sich den ersten Angreifer anzusehen. Der Mann lag mit der Hand an der Kehle da. Reglos, mit weit aufgerissenen Augen starrte er zu ihm hoch, ängstlich flehend. Er atmete gleichmäßig, aber mühsam. Er wird's schaffen, dachte Cámara, aber er braucht ganz schnell Hilfe.

Er schüttelte sich, als er sich wieder aufrichtete. Während er weiterging, griff er nach seinem pochenden Bauch. In seinem Kopf tobte das Chaos, aber eins war ihm klar: Diese Männer hatten es auf ihn persönlich abgesehen. Viele Menschen hatten Grund, ihm böse zu sein: Leute, die er verhaftet hatte, sowie deren Freunde und Verwandte. Das war einer der Gründe, warum so viele Polizisten außerhalb der Stadt lebten, in anonymen Anlagen und Wohntürmen in Strandnähe. Cámara gehörte nicht dazu; er wollte sich von der Angst nicht kleinkriegen lassen.

Was diese drei Typen von ihm gewollt hatten, konnte er sich allerdings nicht zusammenreimen. Sie hätten ihn doch einfach mit ein paar Messerstichen um die Ecke bringen können. Aber die Burschen waren unbewaffnet gewesen - und völlig unvorbereitet. Wer sie auch waren und was immer sie wollten, dieser dilettantische Überfall ergab keinen Sinn.

Er versuchte, mit der Hand das Blut aufzufangen, das von seinem Mund tropfte, aber schon regnete es von der Handfläche karmesinrote Spritzer auf seine helle Baumwolljacke. Im orangegelben Licht der Straßenlaterne wirkten sie violett. Cámara lehnte sich schwer gegen die Telefonsäule, wählte die 112 und bat um einen Krankenwagen. Ja, an der Kreuzung von Antiguo Reino und Salvador Abril liegt ein Mann auf der Straße, sieht aus, als hätte er Probleme beim Atmen.

Heute Abend sollte das mal jemand anders erledigen.

Gerade als er mit dem Daumen auf Almudenas Türklingel drückte, hörte er hinter sich den Krankenwagen heranrasen. Gleich darauf summte das Schloss, und Cámara schob sich durch die Tür in den Eingangsflur.

Heiße, stumme Tränen fielen ihm ins Gesicht, als Almudena seine Lippe mit einem feuchten Tuch reinigte und nach der Jodflasche griff. Gleich nachdem er hereingekommen war, hatte Cámara in die Toilette gekotzt, und jetzt brannten Spritzer von dem Erbrochenen in der Wunde.

»Wird gleich besser. Das ist bloß der Schock. Danke!«

Almudena hatte ihr blondes Haar mit einem Haargummi zurückgebunden und sich das Make-up schon vom Gesicht geschrubbt. Mit ihrem allabendlichen Ritual vor dem Zubettgehen war sie lange vor seiner Ankunft fertig gewesen.

»Jetzt brauche ich wirklich einen Brandy.«

Sie überließ es Cámara, sich das dunkelbraune Jod auf die Lippe zu tupfen, und ging in die Küche, um ein Glas zu holen. Ein Schauer durchlief ihn, als der Wattebausch die offen liegenden Nerven berührte. Er schloss die Augen. Doch das Geräusch des ins Glas gluckernden Brandys holte ihn zurück. Almudena schob ihm den Drink in die Hand.

»Du wirst wohl mit dieser Seite trinken müssen«, sagte sie und deutete auf die unverletzte Seite seines Mundes. »Ich habe keine Strohhalme mehr.«

Cámara versuchte zu lachen, doch Almudena war vollkommen ernst. Ihre dunkelbraunen Augen baten ihn um eine Erklärung.

»Keine Ahnung, wer sie waren«, sagte er.

»Warum hast du nicht gefragt? Warum hast du sie nicht festgenommen?«

Er zuckte die Achseln und ging zu dem langen braunen Sofa im Wohnzimmer hinüber. Wie ein Sack ließ er sich in die Polster fallen. »Vermutlich hast du schon von der Sache gehört?«, fragte er.

»Von Blanco?«

»Sie haben mir den Fall übertragen.«

Almudena wirkte überrascht.

»Ich weiß«, sagte Cámara. »Ich habe genauso reagiert. Aber ich war als Erster an Ort und Stelle. Jedenfalls wurde mir das so gesagt.«

Er leerte sein Glas und hielt es zum Nachschenken hoch. Almudena warf ihm einen Blick zu, griff nach der Flasche, näherte sich ihm mit wenigen Schritten und schenkte ihm ein. Dann zog sie sich wieder zurück. Sie lehnte sich mit der Schulter an die Wand und beobachtete ihn.

»Der Urlaub fällt ins Wasser«, meinte Cámara, »wie du dir sicher schon gedacht hast.« Sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, und er stöhnte. »Hast du ein paar Ibuprofen zum Brandy?«

»Ich fahre dich nach Hause«, erklärte sie. »Ich muss morgen ganz früh anfangen.«

»Morgen ist doch Sonntag.«

»Wir haben ein großes Projekt, das wir durchziehen müssen.«

»Wieder ein Laden?«

»Ein Restaurant. Unten am Hafen.«

Almudenas Audi schnurrte durch die leeren Straßen, während sie schweigend nebeneinandersaßen. Als sie sich der Stelle näherten, wo er überfallen worden war, schaute Cámara aus dem Fenster. Niemand mehr da. Der Krankenwagen hatte den Mann offenbar mitgenommen. Inzwischen lag er sicherlich im La Fe, und die Ärzte von der Nachtschicht richteten ihm die Kehle. Cámara überlegte, dass er morgen anrufen und den Namen des Mannes erfragen könnte. Oder vielleicht auch nicht.

Almudena ließ den Motor laufen, als sie vor seiner Haustür standen - es würde kein langer Abschied werden. Sie schaute die Straße entlang. »Ich glaube, jetzt kommst du klar«, sagte sie.

»Danke.«

Cámara zog am Türgriff und wollte aussteigen.

»Ich war gestern beim Arzt«, sagte sie leise.

Er hielt inne und drehte sich zu ihr.

»Ich höre mit der Behandlung auf«, fuhr sie fort.

Cámara wartete auf eine Erläuterung.

»Bei mir ist alles in Ordnung«, erklärte sie schließlich. »Ich bin fruchtbar.«

Wieder Schweigen. Er sollte seine Schlüsse selbst ziehen.

»Der Arzt hat gesagt …« Almudena seufzte. »Er hat gesagt, vielleicht solltest du mal vorbeikommen und ein paar Tests machen lassen.«

Ihr Wagen rollte davon, während Cámara noch einen Moment am Eingang des Wohnblocks stehen blieb. Er beobachtete, wie die Rücklichter langsam kleiner wurden und hinter einer Ecke verschwanden. Sorgfältig suchte er mit Blicken die Straße ab, einmal, dann noch einmal. Keine Bewegung, keine Spur von möglichen Angreifern.

Der Schlüssel glitt ins Loch, und mit einem Klicken öffnete sich die Tür.

Drei

Die Wahrheit über den Stierkampf ist, dass er ein Geheimnis zu verraten hat … und es verrät.

Rafael Gómez, genannt »El Gallo«, der Gockel

Sonntag, 12. März

Als Cámara die Treppe herunterkam, hockten draußen vor dem Eingang des Mietshauses drei Jungen, nicht älter als sieben Jahre. Durch die Glasscheibe der Haustür konnte er sehen, wie eine dunkelrote Glut sich an der Zündschnur entlang über die Pflastersteine auf ihre Kracher zuschlängelte. Die Jungen sprangen auf und liefen auseinander, und eine Sekunde später hallte das Knallen der Böller in der gesamten Straße wider. Beim kleinsten Fehler konnten diese petardos einem den Finger abreißen. Aber in Valencia wuchsen die Jungen mit den Böllern auf, und sie schienen die Regeln für den Umgang mit Feuerwerkskörpern durch eine Art Osmose in sich aufzunehmen. Gleich darauf waren die drei kleinen Feuerwerker wieder da und zündeten den nächsten Kracher - diesmal einen Kanonenschlag.

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