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LORENA

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

" Hay que endurecerse,
pero sin perder la ternura jamás."

Du musst dich abhärten aber nie die Zärtlichkeit verlieren

— Ernesto Che Guevara

Für meine Kinder – ihr habt meinem Leben erst Sinn gegeben.

Inhalt

PROLOG

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

EPILOG

PROLOG

Er beugte sich über das Mädchen neben sich und betrachtete sie. Tatsächlich, er hatte richtig gehört, sie schnarchte leise wie ein schnurrendes Kätzchen und schien in einen tiefen, weinseligen Schlaf gefallen zu sein. Sie hatte ihm ihren Rücken zugedreht. Er verzog sein Gesicht und ließ sich neben ihr auf die Matratze zurücksinken.

Er lag neben seiner Berufskollegin – im heiligen Bett seiner Freundin Marie! Was hatte er nur angestellt! Sein Gewissen quälte ihn, und er wälzte sich unter der Decke. Obwohl sich alles um ihn drehte vom billigen Mendoza und den Joints, war ein Teil seines Verstands urplötzlich kristallklar.

Er hatte nicht widerstehen können. Das konnte er noch nie! Egal welche Versuchung sich ihm anbot. Selbst wenn er ahnte, es könnte Folgen haben. Auch dieses Mal hatte er, wie immer, seine innere Stimme beschwichtigen können. Schließlich sei man ja nur einmal jung, und was später sei, um das könne man sich auch später kümmern. Marie würde es nie erfahren!

Er hatte sich an Samira herangemacht. Der Wein hatte seine zaghaften Bedenken versenkt, und er war fest entschlossen gewesen, Samira zu erobern.

Sie hatte ihn gereizt, obwohl sie nicht unbedingt sein Typ war. Samira war blond und etwas rundlich. Er stand eher auf ganz schlanke Girls mit knackigem Hintern. Aber die tiefen Einblicke in Samiras Ausschnitt waren ihm glühend heiß direkt in seine Leisten gefahren. Er hatte sich neben sie in den Sessel gequetscht, und Samira hatte augenblicklich ihre Arme um seinen Hals geschlungen. Was hätte er da noch machen sollen?

Es war keine lange, leidenschaftliche Liebesnacht geworden. Eher ein paar heftige, eher hektische und ungeschickte Minuten, in denen die beiden übereinander hergefallen waren. Schon nach den ersten Küssen waren ihre Hände im Hosenbund des anderen gesteckt. Sie hatten sich aus den Jeans gepult und Bluse und Shirt über die Köpfe gezogen. Halb in den Kleidern gefangen, waren sie im Sessel herumgeturnt. Er war so erregt gewesen, dass er keinen Gedanken an Verhütung verschwendet hatte. Er drang ungestüm in Samira ein. Sie schlang ihre Beine um ihn, seufzte leise und drückte ihn fest an sich. Ein paar keuchende Stöße, ein spitzer Schrei, und schon war es vorbei gewesen

Wenigstens waren seine Kumpels, die er zu seiner Geburtstagsparty in die sturmfreie Bude geladen hatte, nach Hause gegangen, bevor er sich an Samira ranmachte! Keiner hatte was mitgekriegt. Das war das Wichtigste!

Nun lag er auf dem Rücken neben ihr und fuhr Achterbahn mit seinen Gefühlen. Wenn er hochfuhr, schmunzelte er triumphierend, ein Abenteuer erlebt und Samira erobert zu haben.

Dann sauste er nach unten in bleischwere Schuldgefühle, weil er Marie betrogen hatte, und ganz kurz kam ihm auch der Gedanke an Verhütung, aber dann ging es auch schon wieder steil hoch. Es war schon geil, dachte er benebelt und rief sich die Szene wieder in Erinnerung.

Kurz bevor er doch einnickte, beschloss er, die Sache zu vergessen und versuchte sich abzulenken. Halbzeit – noch zwei Jahre und er würde seinen Motorrad-Führerschein machen können. Seit er mit vierzehn ein Mofa hatte ergattern können, träumte er davon, ein echtes Motorrad zu fahren.

EINS

Jacko Brevic schaute sich mit kritischem Blick in seiner Alphütte um. Alles sah ganz ordentlich aus im oberen Stock, wo er sein Schlafzimmer und Büro unter der Dachschräge hatte, und auch unten in dem kleinen Wohnzimmer. Das etwas zerschlissene Ausziehsofa hatte er abgebürstet und den kleinen, roten Lacktisch, der auch als Esstisch diente, von Müsliresten und braunen Abdrücken von Weingläsern befreit. Das tiefe Bücherregal hatte er mit dem Staubsauger bearbeitet und auch seinen ‚Altar‘, die Oberfläche des Regals, auf dem Bilder und Figuren aus allen Ecken der Welt aufgestellt waren, kurz abgestaubt.

Keine Spinnennetze mehr an der Holztäfelung und keine Krümel auf dem großen Kuhfell, das den rauen Steinboden im Wohnzimmer etwas isolieren sollte. Auch die kleine Küche war ganz ordentlich. Die winzige Dusche und Toilette im Raum dahinter hatte er mit Reiniger gebürstet. Frauen waren da heikel – das wusste Jacko sehr gut.

Er hatte den Schwedenofen mit Holz gefüllt, obwohl es Frühling war. Selbst im Sommer wurde es in der Hütte ohne Heizung nie wärmer als fünfzehn Grad. Am Nordhang, unterhalb der Berner Voralpen, zeigte sich die Sonne erst gegen Mittag. Dafür konnte er im Sommer bis abends die wärmenden Strahlen genießen, während die gegenüberliegende Seite des Sees seit Stunden bereits im Schatten lag. Von November bis März gab es dann allerdings kein Sonnenlicht mehr. Ab Mai wurde es langsam wieder gemütlicher und heller, wenn die Sonnenstrahlen am Nachmittag über den Grat des Faulhorns reichten.

Jacko zog das enge, schwarze T-Shirt hoch, verrenkte sich in dem winzigen Bad, um seine Brust vor dem kleinen Spiegel zu sehen, bleckte die Zähne und grinste sich zu. Er war noch gut in Form für seine bald siebzig Jahre, ohne ein Gramm Fett zu viel auf seinen Rippen – nun ja, zumindest fast –, und mit dem weißen Bockbärtchen mit einer kleinen eingeflochtenen roten Perle zeigte er, dass er immer noch ein wilder Hund sein konnte. Fand zumindest er, andere fanden es ein wenig lächerlich. Der kleine Junge in ihm war jedenfalls sehr zufrieden damit. Auch darüber, dass er in der ersten Klasse hatte durchsetzen können, zu Jacko zu werden. Den Hänseleien „Jakobeliiii ist ein Bubeliiii“, die den Auftakt um die besten Plätze auf dem Affenfelsen einleiteten und denen Halb-Schweizer wie er als Erste ausgesetzt wurden, hatte er mit seinen Fäusten ein klares Ende setzen können. Der Junge, auf dessen Brustkasten er damals rittlings gesessen hatte, war jeweils nur bis zu „Jakooo“ gekommen, bevor er einen neuen Hieb eingesteckt hatte. Jakob hatte geschrien: „Tschäko!, Tschäko, Tschäko! Hast du das verstanden? Ich bin Jacko!“

Und so war aus Jakob Jacko geworden. Er hatte auf den tristen Garagenvorplätzen, wo sie Fußball gespielt hatten, schon früh gelernt, dass man schnell und entschlossen zuschlagen musste, wollte man respektiert werden.

Lächelnd rieb er sich vor dem Spiegel den säuberlich rasierten, braungebrannten Kopf mit seinem Lieblingsduft ein: Corbezzolo aus Italien. Obwohl das Parfum heute fast keiner mehr kannte, hatte es nach wie vor eine erstaunliche Wirkung bei den Frauen, wie Jacko immer wieder erfreut hatte feststellen dürfen.

Seinen kleinen Rucksack auf einer Schulter schwingend, machte sich Jacko auf den Weg über die steile Wiese zur Straße runter, wo er seine Garage hatte.

Vor zwanzig Jahren hatte eben deshalb niemand die kleine Hütte hoch über dem See haben wollen. Man konnte nicht bis vors Haus fahren, und im Winter musste man die Zutaten für das Nachtessen mit Stirnlampe und Schneeschuhen ausgerüstet nach oben tragen. Deshalb hatte er sich seine Soulbase, wie er seine Hütte nannte, mit seinen bescheidenen Ersparnissen und einer kleinen Hypothek erwerben können. Anfänglich hatte er sich hier oben, als er nach langen Jahren als Industrie-Nomade versucht hatte, wieder Wurzeln zu schlagen, sehr einsam gefühlt, aber er hatte es auch genossen, nun eine Art Zuhause zu haben. Bevor er mit einer aus seiner Sicht im Grunde lächerlich simplen Erfindung ein Vermögen gemacht hatte, war er heilfroh gewesen, dass ihn die Zinsen für seine Bleibe weniger kosteten als was er für seine geliebten Zigarillos ausgab.

Die Luft war frisch und würzig vom jungen Gras. Geübt stampfte Jacko bei jedem Schritt fest auf, um im steilen Gelände auf dem nassen Gras nicht auszurutschen.

Die kleine Seilbahn, welche er vor zehn Jahren eingerichtet hatte, als seine Aussicht frei wurde und die Hochspannungsleitung, wie in der ganzen Schweiz, auch vor seiner Hütte in den Boden verlegt worden war, brauchte er nur zum Hinauffahren.

Unten auf der Straße angekommen, steckte sich Jacko eine Zigarillo an. Es brannte in seinen Bronchien, als er den geliebten Rauch in seine Lungen sog. Er ignorierte wie immer das kleine Warnlicht in seinem Kopf, dass seit mehr als fünfzig Jahren aufleuchtete. Das Nikotin tat ihm einfach gut. Es verbreitete eine Art Wärme und Wohlsein in ihm, die er von klein auf vermisst hatte.

Er schwang sich blaffend und hustend auf den Fahrersitz und drückte auf den Anlasser seines Jeeps. Für den brauchte er seit einigen Jahren eine Oldtimer Bewilligung, da er noch mit dem mittlerweile verbotenen Diesel lief. Der Motor sprang an und stand mit seinem Röcheln seinem Besitzer in nichts nach. Er fuhr zur Busstation, um Lorena, seine Enkelin, abzuholen, die in wenigen Minuten ankommen würde. Als er vor vielen Jahren seinen zur Adoption freigegebenen Sohn Rolf, Lorenas Vater, zum ersten Mal in seinem Leben gesehen hatte, hatte ihm ein fröhlich lachendes kleines Mädchen die Tür geöffnet: Lorena. Seitdem hatte er sie nie mehr getroffen.

Lorena hatte vor zwei Tagen telefoniert, und Jacko hatte sofort dasselbe dumpfe Grollen in seinem Bauch empfunden wie damals mit achtzehn, als er einen Anruf von der Klinik erhielt, er werde Vater.

Und wieder hatte sein Bauchgefühl recht gehabt. Lorena war offenbar ungewollt schwanger und wollte unbedingt mit ihm darüber sprechen. „Verdammt nochmal“, hatte Jacko geflucht, „die Geschichte wiederholt sich immer und immer wieder!“ Schon die Adoptionsfreigabe von Lorenas Vater, seinem Sohn, war eine Wiederholung gewesen. Würde sich das nie ändern? Nun dachte auch Lorena darüber nach, ihr Kind zur Adoption freizugeben, wie sie am Telefon erklärt hatte. Jacko hatte sofort gespürt, dass er vielleicht doch noch eine alte Schuld, eine der vielen, die es gab, würde gut machen können. Er hatte Lorena eingeladen, ihn zu besuchen und ein paar Tage in seiner Hütte zu verbringen.

Allerdings wusste er bis heute nicht, was sie wirklich von ihm wollte. Vielleicht wollte sie sich nur für ihren Vater rächen, ihm so richtig die Meinung sagen? Was genau erwartete sie eigentlich von ihm, dem Großvater?

Seit seiner Kindheit hatte er darum gekämpft, geliebt und anerkannt zu werden, dachte Jacko. Angefangen bei seiner Mutter, die seine Geburt wie das Einrasten einer Kerkertür erlebt haben musste, und später in all seinen Liebesbeziehungen als Erwachsener. Mit geradezu chirurgischer Präzision hatte er sich sein ganzes bisheriges Leben lang ausgerechnet Frauen ausgesucht, die ihn zwar interessant fanden, aber ihn nicht liebten. Er hatte mitunter Monate wie ein Löwe gekämpft, liebenswert zu sein, um seine Sehnsucht nach Zuneigung zu stillen.

Niemand hatte geahnt, dass der erfolgreiche Mittvierziger und CEO manchmal im fünfundzwanzigsten Stock leicht wankend, ein Wasserglas voll Wodka in der Hand, am Balkongeländer stehend in die Tiefe gestarrt hatte, um seinen Schmerz und seine brennende Wut stumm in die Nacht hinauszuschreien. Nur weil er wieder von einer Frau enttäuscht worden war, die er monatelang mit teuren Geschenken und Besuchen in Theatern verwöhnt hatte, obwohl ihn die Stücke, die aufgeführt wurden, einen Scheißdreck interessierten. Er hatte jedoch gehofft, ihr dadurch eine Liebesbezeugung entlocken zu können und zuletzt trotzdem die unvermeidliche, definitive Abfuhr erhalten. Er hatte nichts mehr fühlen und spüren wollen, sich aber im letzten Moment dem Sog in die Tiefe dann doch entziehen können und wie ein abgetriebenes Kind in einer Chromstahl-Nierenschale in seinem Bett gelegen. Er hatte immer danach gelechzt, geliebt zu werden. Genauso wie die leise, verzweifelte Kinderstimme in seinem schwindenden Bewusstsein nach Sauerstoff bettelte, wenn er jeweils beim Freitauchen in dreißig Meter Tiefe die Vier-Minuten-Grenze überschritt. Am Morgen danach hatte er dann – zwar mit geröteten Augen und belegter Zunge – wieder eloquent, mit gewohnter, lockerer Selbstsicherheit vor seiner Mannschaft gestanden und die exzellenten Monatsresultate präsentiert, während er gleichzeitig den bewundernden Blick der geheimnisvollen Blondine aus der Marketingabteilung als neue beginnende Möglichkeit für seine Erlösung missdeutete.

Es hatte unzählige solcher verzweifelten Situationen gegeben, und noch immer hoffte Jacko, eines Tages Frieden zu finden. Dass er geliebt worden war und wurde, von vielen Frauen, von seinen Kindern und von den wenigen Freunden, die er hatte, schien er auf tragische Weise nicht wirklich wahrzunehmen. Offenbar konnte Liebe das Brennen in seiner Brust nicht heilen, auch wenn er vor einigen Jahren eine verlässliche Partnerin gefunden hatte.

Mit sicherer Hand steuerte Jacko seinen Jeep auf der steilen Alpstraße, wie immer in halsbrecherischem Tempo, zur Busstation im Tal. Zurück würde er mit Lorena ganz langsam fahren, nahm er sich vor. Er wollte unbedingt, dass sie ihn von Anfang an mochte. Alles andere würde sich dann ergeben, hoffte er.

Jacko sprang aus dem Jeep, den er gleich neben der Station geparkt hatte, setzte seine Sonnenbrille auf, um sie gleich wieder abzusetzen. Erstens schien die Sonne nicht wirklich, und zweitens wollte er Lorena nicht mit einer Brille mit verspiegelten Gläsern empfangen. Er wollte, dass sie sich in die Augen sehen konnten. Er hatte feuchte Hände und fühlte sich ein wenig unsicher. Da hätte die Brille ein wenig geholfen, sich geschützt zu fühlen.

Zischend öffneten sich die Türen des Postautos. Die gab es immer noch. Auch wenn sie heute mit Wasserstoff fuhren wie alle Lastwagen und Busse und von Sensoren und Computern statt Chauffeuren gelenkt wurden, aber sie waren unabkömmlich für die Menschen, die etwas außerhalb der Zentren wohnten.

Eine gefühlte Ewigkeit später sprang Lorena locker aus dem Bus und schwang die Tasche hinter sich von den Treppenstufen. Er meinte, sie sofort zu erkennen. Nicht am Aussehen, aber an der Art, wie sie sich bewegte. Wie das kleine Mädchen, welches ihm seinerzeit die Tür geöffnet hatte.

Sie trug eine Sonnenbrille, sogar eine mit verspiegelten Brillengläsern! Jacko grinste. Irgendwie waren sie eben doch aus demselben Holz geschnitzt, bildete er sich ein.

Einen kurzen unsicheren Blick lang schaute Lorena zu ihm hin. Da sonst niemand auf jemanden wartete, musste es der gestylte Alpöhi neben der Tür sein, dachte sie, gab sich einen Ruck und ging auf ihn zu.

„Großvater!“, rief sie überschwänglich, schlang ihre Arme um ihn und küsste dreimal neben seinen Wangen in die Luft, wie es in der Schweiz unter Freunden üblich ist.

„Lass dich ansehen“, murmelte Jacko. Er hatte von Rolf zwar ab und zu ein paar Bilder von Lorena erhalten, aber darauf war sie nur an Stränden oder an der Uni zu sehen gewesen.

Er musste schmunzeln. Lorena war hübsch geworden. Verdammt hübsch sogar: Groß, schlank und offensichtlich gut in Form. Schulterlanges blondes Haar mit einigen pinkfarbigen Strähnen, volle geschwungene Lippen und – als sie sich von ihm löste und endlich die Brille hochschob, sah er sie – funkelnde, stahlblaue Augen. Sie trug einen kurzen, grünen Lederrock, schwarze Tights, eine Bluse, aus der keck der Ansatz ihrer Brüste zu sehen war, und eine Art Bomberjacke. Die langen Beine steckten in festen Stiefeln. Sie war also seinem Rat gefolgt und schien einigermaßen für seine Hütte ausgerüstet zu sein.

„Was?“, schmunzelte Lorena zurück. „Bewunderst du meine Tattoos? Sie folgte seinem Blick zu ihren Armen. Da gibt’s noch mehr, aber die zeige ich dir nicht. Sind gut versteckt!“

Jacko lachte befreit. Er war doch tatsächlich in seinem Alter etwas verlegen geworden. „Wenn du nicht mein Großkind wärst, würde ich dich glatt anbaggern“, meinte er und fand mit der Stimme auch seine Fassung wieder.

„Danke – aber davon habe ich gerade ein wenig genug“, murmelte Lorena.

„Das war ein Kompliment. Du bist eine sehr attraktive junge Frau geworden”, beschwichtigte Jacko. Sie winkte ab und hängte sich wortlos bei ihm ein, und er spürte, wie ihm schon wieder die Wärme in die Wangen stieg. Mit einem Nicken deutete er auf den Jeep.

Als Jacko den Motor startete, schaute ihn Lorena verwundert an. „Ich habe eine Sonderbewilligung, und das Ding fährt mit Algendiesel“, erklärte er. Für Leute wie ihn, die weitab vom Schuss lebten, gab es Ausnahmen von der Elektro- oder Wasserstoffpflicht. Allerdings durfte er mit dem Ding nur bis Interlaken fahren. Nicht in die Stadt, nach Bern oder Zürich. Da würde man ihn wohl auf der Stelle anhalten und bestenfalls zurückschicken, vermutete er. Wie er sich vorgenommen hatte, kutschierte Jacko den Jeep fast im Schritttempo den Berg hinauf. Wortlos saßen sie nebeneinander, und Lorena betrachtete interessiert die Umgebung.

„Die Aussicht ist ja genial – aber du fährst wie ein echter Großvater”, brummelte sie, ohne den Blick vom See zu wenden. Sofort beschleunigte Jacko. Das wollte er nicht auf sich sitzen lassen, und wieder grinste er. Sie war eben doch seine Enkelin.

Knirschend hielt er auf dem Kiesplatz vor seiner Garage an. Jacko hängte Lorenas Tasche an seine Schulter und nickte mit dem Kopf in Richtung des Hangs. Dort oben stand sie, seine kleine Hütte. „Klein, aber mit allem Komfort“, erklärte er. Er kannte die Fragen nach fließendem Wasser, Strom und Heizung, die ihm jeweils gestellt wurden, wenn jemand zum ersten Mal bei ihm zu Besuch kam.

„Ich habe sogar schon vor zwanzig Jahren eine hundert Megabit Leitung hier oben gehabt“, erzählte er keuchend weiter. Das fragende Gesicht von Lorena ließ ihn erneut lächeln. Er war eben doch alt geworden. Kein Mensch wusste heute noch, was das bedeutete; das Internet wurde längst von Satelliten und Drohnen versorgt, was an jedem Punkt der Erde eine Highspeed Verbindung erlaubte. So hätte man dem wohl früher gesagt; heute war es normal, und niemand hatte mehr eine Ahnung, wie schnell das Internet war. Es funktionierte einfach wie ein Lichtschalter. Einen Spielfilm runterzuladen dauerte kaum länger als Licht anzuknipsen.

Nach dem kurzen ersten Hang erreichten sie seine ‚Talstation‘. Jacko half Lorena in die kleine, offene Gondel zu steigen, welche die knapp fünfzig Höhenmeter zu seiner Hütte hinauffuhr.

„Praktisch, aber auch ein wenig übertrieben, findest du nicht?“, meinte Lorena, als die Gondel über den einzigen Mast ratterte, den Jacko auf dem Fundament der ehemaligen Hochspannungsleitung aufgestellt hatte.

„Erstens habe ich fast alles in meinem Leben immer ein wenig übertrieben, und zweitens reden wir wieder, wenn du siebzig wirst“, zischelte er belustigt.

Oben angekommen, zeigte er Lorena zuerst einmal sein Reich. Da war die Terrasse, welche er aus Planken angelegt hatte. Von dort aus hatte man ein atemberaubendes Panorama über den See und die gegenüberliegenden Berge. Auf der anderen Seite, gegen den Hang zu, hatte Jacko einen kleinen Teich mit Blumengarten angelegt. Jacko hatte Jahre gebraucht, Pflanzen zu finden, die in dieser Höhe gediehen und die eisigen Wintermonate, die lange Zeit, in der seine Hütte im Schatten der Berge stand, überstehen konnten. Über dem Teich thronte ein steinerner Buddha. Den hatte er zu seinem Fünfzigsten von seiner Familie geschenkt bekommen.

Lorena fand den Garten „süß“, interessierte sich aber mehr für die Feuerschale, die auch als Grill diente, und vor allem für die freistehende Badewanne an der Hauswand. „Du willst mir aber nicht sagen, dass du hier badest? Auch im Winter?“, meinte sie mit einem Zwinkern. „Na ja, nicht jeden Tag. Drinnen gibt’s keinen Platz für eine Badewanne“, lachte Jacko.

Im Inneren war die Hütte schlicht eingerichtet, auch wenn es allen erdenklichen technischen Schnickschnack gab. Eine Kochnische gleich beim Eingang mit Espressomaschine, dahinter das enge Bad mit Duschkabine. Alles mit Warmwasser; Wasser, das aus der eigenen Quelle stammte, wie Jacko betonte.

Lorena beindruckte die Farbe. Küche und Bad waren im Türkisgrün des Sees gestrichen.

Im Wohnzimmer bewunderte sie den ‚Altar‘ mit den zahlreichen Erinnerungsstücken eines alten Mannes. Von Muslimischen Dritten Augen bis zu Souvenirs vom Jakobsweg lagen auf dem niederen Büchergestell. Darüber hing ein auf Plexiglas gedrucktes Bild. Eine Unterwasseraufnahme eines glasklaren und türkisgrün schimmernden Sees in Island. Neben dem Sofa und dem kleinen, roten Tisch gab es nur noch zwei niedere, graue Metallkommoden vor dem großen Fenster und einige Kerzen in hohen Gläsern. Gemütlich und schon fast romantisch. Hätte ich ihm nicht zugetraut, staunte Lorena. Sie schritt durch die gute Stube und schnupperte wie eine Katze, die einen neuen Raum erkundet.

Oben gab es nur ein Regal mit Büchern, einen Schreibtisch und ein schlichtes Bett mit einer Laterne anstelle einer Lampe.

„Wo werde ich schlafen?“, fragte Lorena.

„In meinem Bett. Es ist frisch angezogen. Ich schlafe wie immer ab Mai draußen auf der Terrasse. Außerdem schnarche ich wie ein kanadischer Holzfäller, und wir wollen ja, dass du schlafen kannst“, meinte Jacko mit einem Schmunzeln. Das war ein wenig geflunkert. Er schlief zwar oft draußen, und er hatte hinter dem Schlafzimmer sogar ein kleines Gästezimmer, aber der Hauptgrund war, dass er sich immer noch für sein Schnarchen schämte. Er fand, das machte ihn zum alten Mann – den wollte er immer noch nicht wahrhaben.

Jacko ließ Lorena erst einmal ankommen. Sie packte ihre Sachen aus, ging ins Bad, und Jacko kochte einen starken Kaffee. Jetzt verspürte er wieder tierische Lust auf eine Zigarillo. Er wollte es ruhig angehen, Lorena nicht verschrecken oder gar mit klugen Ratschlägen verärgern. Er wollte für sie da sein und hoffte auf seine Chance, eine Beziehung zu ihr aufbauen zu können.

Jacko saß auf der Terrasse in einem seiner Korbstühle, sog an seiner Zigarillo und sinnierte zum See hinunterblickend über den unerwarteten Besuch. Er bemerkte Lorena nicht gleich, die sich neben ihn gestellt hatte und seinem Blick folgte.

„So lebst du also. Bist du schon lange hier?“, hörte er ihre Stimme an seiner Seite. „Schon eine ganze Weile, aber das ist eine lange Geschichte”, erklärte Jacko, ohne seinen Blick vom See zu wenden. Er stand auf und holte den Kaffee, schenkte sich und Lorena ein, ohne zu wissen, ob sie Kaffee mochte. Sie mochte.

„Es geht um dich. Ich erzähle dir gerne von mir, aber ich glaube, nur deshalb bist du nicht hergekommen?“ Jacko schaute Lorena fragend an.

„Ich möchte dich kennen lernen. Es ist wichtig für mich. Für meine Entscheidung”, antwortete Lorena und setzte sich neben ihn.

„Du hast mir am Telefon erklärt, dass du schwanger bist. Willst du mir erzählen, was du zu entscheiden hast und wie ich dir helfen kann? Ich weiß, dass wir uns nicht gerade gut kennen, und ich war kein wirklich anwesender Großvater. Aber ich verspreche dir, es ist mir sehr wichtig. Dass du überhaupt zu mir gekommen bist, finde ich sehr schön. Du bist mein erstes Großkind und... ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Du bist etwas ganz Besonderes für mich. Auch wegen der Geschichte, die uns verbindet”, sagte Jacko und sah Lorena fest in die Augen.

„Ich bin im vierten Monat, und ich weiß nicht, ob ich das Kind behalten soll ”, brachte Lorena in einem Ton hervor, als ob sie einen Espresso bestellen würde. Jacko sagte nichts. Sein Bauch rumorte, aber er schwieg, hielt die Stille aus.

„Warum sollte ich? Was hat es denn schon für eine Zukunft, und ich überlege mir auch, ob wir nicht einfach schon viel zu viele Menschen sind auf diesem Planeten”, fuhr sie nach einer Weile fort. Lorena redete gespielt locker, wie wenn es um die Frage ginge, eine neue Jeans zu kaufen.

Das war es also, erkannte Jacko. Das war der Grund für den dumpfen Druck in seinem Bauch.

„Wie, ob du es behalten sollst? Du bist im vierten Monat. Da gibt es keine Option mehr… außer... außer einer Freigabe zur Adoption“, meinte Jacko nach einer kurzen Pause etwas zu laut. „Damit sind deine Fragen beantwortet – oder zumindest nicht mehr relevant. Es geht nur noch darum, warum DU das Kind behalten sollst“, ergänzte er und ärgerte sich im selben Moment, dass er es immer noch nicht schaffte, einfach zuzuhören, sondern wie die meisten Männer seiner Generation gleich analysieren und Vorschläge machen musste. Er biss sich auf die Lippen.

„Du hast ja meinen Vater auch zur Adoption freigegeben!“ Lorena war nun auch laut und bestimmt geworden.

„Ja – das stimmt... und es war immer schwierig für mich, damit zu leben“, gab Jacko leise zu. „Ich werde dir jetzt etwas erzählen“, fuhr er fort. Seine Enkelin war kaum eine Stunde bei ihm, und schon waren sie nahe am Streit. Er wollte sie besänftigen.

Ohne eine Antwort von Lorena abzuwarten, begann er die Geschichte von ihrem Vater Rolf zu erzählen und wie sie sich später doch noch kennen lernten, ohne je eine tiefere Beziehung aufbauen zu können. Aus Lorenas verwundertem Gesicht erriet Jacko, dass dies alles neu für sie war.

ZWEI

*****

Samira war, damals in der Geburtstagsnacht, von Jacko schwanger geworden. Sie hatte es verdrängt so gut es ging und niemandem etwas davon gesagt. Als sie im siebten Monat war und es auch an ihrer Lehrstelle nicht mehr zu verheimlichen war, hatte sie Tabletten geschluckt.

Sie und das Kind wurden gerettet. Jacko war in die Klinik bestellt worden, wo Samira lag. Es folgten Gespräche mit den Eltern von Samira und ihm und seiner Mutter. Sein Vater sollte davon besser nichts erfahren, hatte seine Mutter gemeint. Jacko wurde nicht groß nach seiner Meinung oder seinen Gefühlen gefragt. Ihm wurde klargemacht, dass er ein Mädchen geschwängert hatte und er an der Misere schuld sei.

Die beiden trafen sich erst wieder nach der Geburt auf dem Sozialamt.

„Hier brauche ich Ihre Unterschriften“, sagte der Sozialarbeiter sachlich und unbeteiligt, nachdem er Samira – und eigentlich nur Samira– erklärte hatte, worum es ging, was die Konsequenzen waren und woran die beiden sich zu halten hatten. Genauer gesagt ging es dabei darum, wer Opfer und wer Täter war.

Zumindest hatte sich Jacko so gefühlt – als Täter – und war entsprechend behandelt worden. Schnell hatten Gerüchte kursiert, als im Freundeskreis bekannt wurde, wer Samira geschwängert haben könnte. Nur wenige wussten es und die wandten sich allesamt von Jacko ab. Die vorherigen „Hansdampf in allen Gassen und das Flittchen“-Sprüche änderten abrupt zu: „Der Schweinehund und das arme Mädchen“ – so wie das Segel eines Boots beim Wenden umschlägt. Marie hatte davon nichts erfahren oder es nicht wissen wollen.

Es gab nur einen Ausweg: Das Kind zur Adoption freizugeben. Ein gemeinsames Aufziehen durch Samira und Jacko war nicht in Frage gekommen. So war es bei dem einen Gespräch geblieben und die Sache geregelt gewesen.

Im September war das Kind zur Welt gekommen. Jacko hatte nur durch eine Bekannte, welche in der Klinik arbeitete, davon erfahren. Die werdenden Eltern waren während der ganzen Zeit der Schwangerschaft mit ihren eigenen Sorgen und Gefühlen allein gelassen worden. Was Samira durchgemacht hatte, hatte Jacko sich gar nicht vorstellen können. Geschweige denn hatte er damit konfrontiert werden wollen. Er hatte genug mit sich selber zu tun gehabt.

Nun waren ihnen die Bedingungen für die Adoption vom Sozialarbeiter erklärt worden. Samira hatte die Bedenkfrist von zehn Tagen nach der Geburt verstreichen lassen. Jacko hatte dazu nichts zu sagen gehabt. Er hatte nur die Rechnung der Geburt erhalten. Das Geld hatte ihm seine Mutter vorstrecken müssen, und er hatte ein Jahr gebraucht, um den Betrag abzuzahlen, was er als unfair empfand. Doch nun hatte er seine Strafe gehabt, womit er hoffte, auch seine Schuld getilgt zu haben.

Nachdem die beiden unterschrieben hatten – Jako hatte, obwohl er noch nicht achtzehn war, alleine unterschreiben können –, hatte der Sozialarbeiter kurz den Raum verlassen. Sofort hatte Jacko begonnen, in den Unterlagen zu blättern und festgestellt, dass das Kind ein Sohn war und dass er Rolf heißen werde. Das hatte ihn gefreut. Ein Schweizer Vorname.

Das Kind würde in der Region zu neuen Eltern kommen, soviel hatten sie wissen dürfen, aber es war ihnen auch erklärt worden, dass sie kein Recht hätten, je mehr zu erfahren und niemals versuchen dürften, das Kind zu suchen, sonst würden sie sich strafbar machen und diesem womöglich erheblichen Schaden zufügen.

Nachdem Jacko und Samira, Lorenas Großmutter, die Dokumente unterzeichnet hatten, sahen sie sich zwanzig Jahre lang nicht mehr. Samira wanderte nach Kanada aus und er, Jacko, wurde mit vierundzwanzig – sechs Jahre später – wieder Vater, diesmal eines Mädchens, das Dominique getauft wurde. Er war erst wenige Monate mit der Mutter seiner Tochter zusammen, aber diesmal wollte er seine Rolle erfüllen, und nochmals dreieinhalb Jahre später wurde ihnen erneut ein Kind geschenkt: Anja. Die beiden Mädchen waren sein Ein und Alles. Erst später erkannte er, wieviel Struktur und Sinn sie seinem Leben gegeben hatten. Einfach nur, weil sie da waren und ihn bedingungslos liebten.

Jacko hatte sich aus seinen miserablen Berufsaussichten hocharbeiten können. Er absolvierte Weiterbildungen und Kurse, um als Talent angesehen zu werden. Um „jemand“ zu werden. Dabei war ihm das Wichtigste, dass seine Kinder eines Tages aus dem Arbeitermief mit beschränktem Horizont würden emporsteigen können.

Als die Sache mit Samira ans Licht gekommen war, schaffte er es trotzdem, noch fast zwei Jahre mit Marie zusammen zu sein.

Seine Beziehung mit Marie war ein Senkrechtstart gewesen.
Jacko hatte Marie an seiner Lehrstelle, in einem Fachgeschäft für Herrenklamotten, kennen gelernt. Sie war vier Jahre älter als Jacko und wurde gerade fertig mit ihrer eigenen Lehre, als Jacko seine anfing.

Die zwei Wochen, in welchen die beiden noch zusammenarbeiteten, hatten ausgereicht, um sich zu verlieben. So hatte es sich zumindest für ihn angefühlt – auch wenn für ihn die Attraktivität des Von-Zuhause-Ausziehens und das Gefühl, zu jemandem zu gehören, vielleicht wichtiger gewesen waren. Marie ihrerseits hatte den durchtrainierten, „verdrehten Kerl“, wie sie ihn nannte, sehr genossen. Jacko war ihr Lover – mehr nicht. Dass er bei ihr wohnen wollte, störte sie nicht. Sie fand es ganz praktisch, wenn es auch ein wenig eng werden würde.

Ein paar Wochen später zog er zu Marie in ihre Einzimmerwohnung – in das Satelliten Quartier am Stadtrand. Eine graue, triste Siedlung, wie sie in den Sechzigern zu Hauf gebaut wurden, um die hohen Geburtenraten aufzufangen.

Sie hatten dreißig Quadratmeter, eine Kochnische, ein WC mit Dusche und einen Balkon, in das sie ihr Leben zwängten.

Ein halbes Jahr später hatte sich Marie als Au-pair in London beworben, um Ihre Englischkenntnisse zu verbessern. Sie hatte die Stelle bekommen und war für drei Monate nach England gezogen. Jacko hatte die Wohnung für sich allein.

Zuerst hatte Marie nichts von seinem Betrug mit Samira gewusst, und als er es ihr erzählt hatte, schien sie sich nicht groß daran zu stören und betrachtete es nicht als ihr Problem. Trotzdem waren sie sich fremd geworden. Am Ende ihrer Beziehung sollte Jacko herausfinden, dass Marie es noch viel weniger genau mit der Treue genommen hatte als er. Nur hatte sie sich dabei kaum viele Gedanken gemacht. Die Verbindung zu Jacko war für sie vor allem praktisch gewesen und hatte wenig mit Gefühlen zu tun gehabt. Marie tauchte später ab in harte Drogen. Jacko sah sie ab und zu. Sie verfiel zusehends und wirkte auf ihn wie eine Greisin.

Einige Monate nach der Trennung von Marie lernte Jacko an einer Geburtstagsparty Lydia kennen. Lydia machte mit ihrer Freundin aus, dass Jacko „ihr gehöre“ und sie sich raushalten sollte. An diesem Abend chauffierte Jacko mit seiner Ente Lydia nach Hause, und obwohl er sich geschworen hatte, keine Abenteuer mehr einzugehen, schliefen sie erst in den Morgenstunden ein. Bald darauf zogen sie zusammen in eine Bude, die sie sich knapp leisten konnten. Lydia war in der Ausbildung zur Krankenschwester und Jacko? Ja, was machte er eigentlich damals? Er arbeitete als Hilfspfleger in der Absicht, vielleicht einmal Krankenpfleger oder gar Physiotherapeut zu werden.

Keine drei Monate später war Lydia schwanger! Zuerst ein Schock für Jacko. Er haute ein Wochenende nach Florenz ab, um sich zu überlegen, was zu tun sei, obwohl es ihm eigentlich schon klar war: Er wollte dieses Mal die Verantwortung für sein Kind übernehmen. Dass Lydia schwanger geworden war, war kein Zufall. Sie verhüteten nicht und hatten in der kalten Bruchbude nicht viel mehr als sich und das warme Bett.

Zwei Menschen, die es nicht mehr im Elternhaus ausgehalten hatten, die Halt und eine Basis suchten, um sich zu befreien und vielleicht sogar gemeinsam etwas aufzubauen. Lydia hatte Jacko erklärt, sie wolle das Kind auf jeden Fall behalten, und man könne ja schauen, wie es weitergehe. Schließlich waren sie beide verliebt, aber heiraten müsse man deshalb ja nicht. Auch dieses Mal waren die Eltern nicht gerade begeistert gewesen. Trotzdem hatte Jacko sich von Lydias Familie angenommen gefühlt. Seine eigenen Eltern waren zwar keine Hilfe, aber auch nicht gegen diese Beziehung. Als Dominique drei Jahre alt geworden war, war „das Schauen, wie es weitergeht“ soweit positiv verlaufen. Deshalb beschlossen Jacko und Lydia zu heirateten. Eine Familie war geplant – mindestens ein zweites Kind. Wie das finanziell gehen würde, war immer noch unklar. Samstags standen die drei oft beim Einkaufen im Laden und berieten, ob nun Joghurt wichtiger sei als Kaffee. Für beides reichte es nicht.

Als Jacko siebenunddreißig wurde, 1999, starb sein Bruder Benjamin an Heroin. Ein Schock, der ihn völlig aus der Bahn warf. Obwohl er seinem schmächtigen, sensiblen Bruder Benjamin oft erklärt hatte, er werde ihn entweder bald im Knast oder auf dem Friedhof besuchen müssen, erlebte er dessen Tod wie eine Art Amputation an seinem eigenen Körper. Etwas war von einem Augenblick auf den anderen nicht mehr da. Er konnte nicht einmal ausdrücken, was genau es war. Aber es war ein Teil von ihm gewesen. Diese „Amputation“ schmerzte höllisch und rumorte in seiner Seele. Er hatte plötzlich mit Panikattacken zu kämpfen und musste sich in eine Therapie begeben. Schmerzhaft kamen ihm die ungelösten Dinge, unverarbeiteten Ängste und Verletzungen in seinem Leben ins Bewusstsein. Und damit auch die immer noch spürbaren Narben rund um die Adoptionsfreigabe.

Durch Kumpels in der Telekom-Industrie und deren Zugang zu Stammdaten hatte er schließlich den Adoptivvater gefunden. Es gab ja nicht so viele Rolfs, die einen Sohn mit demselben Geburtsdatum hatten, und eine Telefonnummer hatte jeder. Er besaß eine Liste mit fast zwanzig Namen von möglichen Adoptivvätern und hatte den damaligen Sozialarbeiter angerufen und ihm mitgeteilt, er und die biologische Mutter wären bereit für ein Treffen, falls das Rolf jemals wünschen sollte. Nach tausend Erklärungen, dass dies schwierig und eigentlich nicht üblich sei, hatte sich der Sozialarbeiter bereit erklärt, die Adoptiveltern entsprechend zu informieren. Jacko hatte immer wieder angerufen, um nachzufragen, aber stets war er vertröstet worden. Bis eines Tages die Assistentin des Sozialarbeiters am Telefon mit der Hand halb auf der Muschel ihren Chef fragte: ‘Hast du jetzt diesem Herrn Meier telefoniert?‘ Da wusste Jacko: Der Richtige war Nummer zwei auf seiner Liste.

Es dauerte nochmals Monate, bis er sich traute anzurufen. Herr Meier erklärte, er sei tatsächlich der Gesuchte, aber die Situation sei schwierig. Er habe sich gerade von seiner Frau getrennt, und Rolf befinde sich mitten in Prüfungen. Jacko ließ sich erneut vertrösten. Erst Jahre später wagte er es, Rolf direkt eine SMS zu senden. Auch dessen Handynummer hatte er nicht ganz legal durch seine Kumpels rausfinden können. Zu seiner Verwunderung schrieb Rolfs Frau Angelika zurück. Sie wurde die Brücke zu Rolf, der keinen Kontakt wollte, und für das Treffen, das erst einige Jahre später endlich stattfinden sollte.

An Weihnachten 2014 klingelte Jacko mit weichen Knien an der Tür seines Sohnes. Da war Lorena schon vier Jahre alt und Rolf vierunddreißig.

Das kleine Mädchen öffnete und zog ihn an der Hand in die Wohnung. So lernten er und Lorena sich kennen. Er war gerührt von der Offenheit des Kindes, das nicht wusste, dass es seinen Großvater an der Hand nahm.

Es wurde ein recht kurzes Treffen. Ein gemeinsamer Spaziergang in der Vorweihnachtszeit. Rolf und er sahen sich immer wieder verstohlen an. Gab es da etwas von sich selber im Gegenüber zu entdecken? Viele Sätze wie „Wir dachten, du denkst“ oder „Ich meinte, du wolltest oder wolltest nicht“ fielen. Reto schien glücklich zu sein. Er hatte eine tolle Frau und eine richtige Familie! Jackos Ehe war zu dieser Zeit bereits zerbrochen, aber zumindest war er Vater von zwei wundervollen Töchtern. Verwundert schaute sich Rolf seine Halbschwestern auf den Handyfotos an, die ihm sein biologischer Vater zeigte. Lorena wollte dies unbedingt auch tun. Sie, völlig ahnungslos und unbeschwert, wusste nicht, wer die beiden Mädchen und der nette Besucher, der ihr sogar ein Weihnachtsgeschenk gebracht hatte, waren.

Es sollte keine Wiederholung des Treffens geben. Zu verwirrend waren die Gefühle und zu wenig Sinn sahen Rolf und Jacko darin, eine echte Beziehung aufzubauen.

*****

DREI

Jacko schaute immer noch, versunken in die Vergangenheit, auf den See und sog an seiner Zigarillo. Stille. Was mochte wohl jetzt in Lorena vorgehen? Seine Gedanken kreisten zwischen seiner Geschichte und jener seiner Enkelin. Der Rauch stieg ihm in die Nase, zwang ihn zu einem Hüsteln, und das schien auch Lorena aus ihren Gedanken hier auf die kleine Terrasse hoch über dem See zurückzuholen.

„Phuuh – das ist ja eine wilde Geschichte. Ich kann noch nicht alles begreifen, und es wühlt mich sehr auf“, flüsterte Lorena. Sie hatte Jackos Erzählung wortlos zugehört, obwohl sich in ihr Fragen und Gefühle von Wut, Scham, Empörung, Traurigkeit und Erstaunen wie in einem geschmolzenen Familieneisbecher zu einer undefinierbaren, klebrigen Sauce verbunden hatten.

Schweigen. Jacko konnte sich beherrschen und sagte nichts.

„Ich kann gar nicht verstehen, dass es einmal so war”, meinte Lorena nach einer Weile.

„Was wie war?“, fragte Jacko verdutzt.

„Na, dass das alles so menschenfeindlich geregelt war. Dass die Männer, ich meine die Väter, nichts zu sagen hatten. Selbst wenn sie ein Kind hätten behalten wollen, zählte nur und ausschließlich der Entscheid der Mutter. Dass die Kinder kein verbrieftes Recht hatten, ihre biologischen Eltern kennen zu lernen – wenn sie denn mochten. Oder zumindest, dass man es ihnen sagen MUSS, dass sie adoptiert wurden. Das ist ja alles noch wie im Mittelalter gewesen!“, brach es aus Lorena heraus.

„Nun, ich bin ja auch ein alter Mann und komme aus dem Mittelalter!“, sagte Jacko verstohlen. Er spürte, wie sein Bauch sich entspannte, weil er nicht angeklagt wurde. Nach wie vor war in ihm Scham vorhanden, für die er sich oft immer noch rechtfertigen zu müssen glaubte. Dabei war er sich heute gar nicht mehr sicher, ob seine Geschichte wirklich die Wahrheit war oder ob er sich Teile davon zurechtgelegt hatte. Von allem, was sich zugetragen hatte, gab es sicher für alle Beteiligten eine eigene Version, und jede entsprach der individuellen Wahrheit.

Jacko schaute seine Enkelin an und las in ihren Augen, wie aufgewühlt sie war. Er strich ihr sanft über den Arm und nickte. Wie zum Einverständnis nickte Lorena kaum merklich zurück.

„Das hat sich alles vor gar nicht so langer Zeit grundlegend verändert. Ich erzähl es dir gern, aber möchtest du vorher nicht noch einen Kaffee oder etwas anderes?“, fragte Jacko und erhob sich aus dem Korbsessel.

„Hast du denn keinen PeeCeeAh? – Ja, ich würde gerne noch einen Kaffee trinken, und hast du etwas zu knabbern?“, erwiderte Lorena und schaute ihn mit ihren tiefblauen Augen an. Da war viel Wärme zu spüren.

„Nein – so ein Ding hab ich mir nie angeschafft“, lachte er und ging ins Haus. Er hatte zwar jeden erdenklichen technischen Schnickschnack, aber diese Personal Convenience Assistants, die es seit ein paar Jahren gab, waren ihm zuwider. Es war ganz praktisch, einen Roboter als Haushalthilfe zu haben, der putzte, Kaffee machte und alles erledigte, was gerade nötig war, aber sich mit so einem Kasten zu unterhalten, den man zwar in verschiedenen Aufmachungen haben konnte, das war ihm zu viel. Obwohl, das Modell „Sexy Maid“ mit zusätzlicher Sprachausrüstung, mit dem man sich über Philosophie, Gott und die Welt unterhalten konnte, war verlockend gewesen. Aber er hatte Respekt davor, seine Einsamkeit damit zu überdecken und wie so viele in seinem Alter nur noch mit Androiden zu sprechen. Dass er allerdings ein 3D-Programm hatte und sich manchmal eine virtuelle Gespielin ins Bett holte, das würde er Lorena sicher nicht erzählen. Er schmunzelte bei dem Gedanken und kam mit Kaffee, Kuchen, seinem Handy und zwei warmen Decken auf die Terrasse zurück.

Lorena nahm ihm die Sachen ab und wickelte sich sofort in die Decke. Sie schien zu frösteln. Die Maitage waren noch nicht so warm hier oben auf neunhundert Meter, aber immerhin konnte man schon draußen sitzen. Es war fast Mittag.

Jacko schmunzelte versonnen. Auch mit Siebzig hat das Leben jeden Tag ein Geschenk bereit, dachte er.

„Woran denkst du?“ Lorena legte fragend die Hand auf seine Schulter.

„Ich dachte gerade, was ich für ein Glückspilz bin. Als ich von der Geschichte mit Rolf erzählt habe und du mich gefragt hast, wieso das alles damals so geregelt worden war, da habe ich mich erinnert, wie die grundlegenden Veränderungen in diesem Land angefangen haben“, erwiderte Jacko.

Lorena rückte ihren Sessel näher an Jacko und schaute ihn erwartungsvoll an.

„Du weißt ja, dass die Demokratie sich in den letzten fünfzehn Jahren entscheidend geändert hat?“, fragte Jacko.

„Ob du es glaubst oder nicht, aber ich bin sogar zur Schule gegangen!“, lachte Lorena. „Das war doch dieser Locher damals, der die Sache revolutioniert hat und wir Jungen endlich wirklich mitbestimmen konnten, oder?“

Jacko lächelte bei dem Namen Locher. Christian, Chris Locher war ein Jugendfreund von ihm, aber davon wollte er später erzählen – wenn überhaupt!

„Ja, sicher, genau das meinte ich. Deshalb haben wir heute nicht mehr mittelalterliche Regeln, wenn es um das Recht von Eltern und Kinder geht!“, meinte Jacko und begann zu dozieren.

„Eine der ersten elektronisch erhobenen Volksinitiativen war damals das neue Eltern-und-Kind-Recht. Die Initiative kam in nur drei Wochen zustande, wurde dann innert drei Monaten zur Abstimmung gebracht – und kaum ein Jahr später war sie Gesetz geworden.

In diesem Gesetz wurde es Pflicht, einen Vaterschaftstest nach der Geburt zu machen, sofern die Mutter einen Vater nennen wollte oder konnte. Damit war Schluss mit Kuckuckskindern und unberechtigten Unterhaltszahlungen. Aber was noch viel wichtiger war, es war auch Schluss damit, dass Kinder erst im Erwachsenenalter erfuhren, wer Vater war oder sich jahrelang in Psychotherapien eine fehlende Identität erarbeiten mussten.

Ebenso wurde es Pflicht, dass der Vater mitreden durfte, wenn ein Kind zur Adoption freigegeben werden sollte. Wollte und konnte er das Kind aufziehen, hatte er den Vorzug vor der Adoption, und die Mutter musste Unterhalt leisten. Wenn das Kind doch zur Adoption freigegeben wurde, musste sichergestellt werden, dass es mit fachlicher Unterstützung spätestens in der Pubertät erfuhr, wer seine biologischen Eltern waren. Es hatte ein Recht darauf, aber erst im Alter von achtzehn Jahren wurde auch den biologischen Eltern die Identität des Kindes mitgeteilt. Selbstverständlich konnten beide Seiten den Kontakt verweigern, doch das kam so gut wie nie vor. Gut, man könnte auch einwenden: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. In den rund siebzigtausend Jahren der Geschichte des Homo Sapiens waren wohl die wenigsten Kinder in einer Kleinfamilie und in monogamen Beziehungen gezeugt und großgezogen worden. Aber selbst wenn man mit einiger Sicherheit behaupten kann, dass wir unser Verhalten kaum geändert haben, so haben sich die gesellschaftlichen Veränderungen allein in den letzten Jahrzehnten so drastisch verändert, dass das Recht, die eigene Herkunft zu kennen und auch das Recht der Väter, Gewissheit zu haben, was für Verantwortung und Pflichten sie übernehmen mussten, unumgänglich wurden. Aspekte, die eigentlich schon lange in den Menschenrechten hätten verbrieft sein sollen.“

Jacko hielt inne und schaute Lorena an. Sein Blick suchte ihre Augen, um festzustellen, ob er wie so oft viel zu ausschweifend war und sie langweilte. Aber Lorena sah ihn warm und hellwach an.

„So ist das heute anders. Hast du denn vor, den Vater deines Kindes zu melden?“, fragte Jacko ganz vorsichtig.

„Ich weiß nicht mal, wo er ist. Es war nur eine Nacht, die wir zusammen verbracht haben, und ich weiß nicht viel von ihm. Er war Gastprofessor an unserer Uni. Ich bin mir nicht mal sicher, ob sein Name stimmt. Wer heißt denn schon Altair?“, meinte Lorena etwas kleinlaut.

Jacko nahm sie wortlos in die Arme und spürte sie zittern.

„Alles wird gut...”, brummte er und fügte lachend hinzu, „… sagen die Leute, die keine Ahnung haben, wie es weitergehen soll!“ Lorena löste sich aus der Umarmung. Eine Träne funkelte in ihren Augen, aber sie lachte nun auch und sagte: „Ich bin so froh, dass ich zu dir gekommen bin. Ich möchte alles wissen. Niemand erzählt mir das, was mir helfen könnte. Ich muss wissen, wer ich bin, und dazu hilft es mir zu wissen, wer du bist. Ich muss spüren können, wer du bist und woher ich komme, um diese Entscheidung treffen zu können.”

Jacko war tief beeindruckt. Er brauchte Jahrzehnte, um sich überhaupt zu spüren und sich seiner Identität zu stellen. Liebevoll sah er Lorena an und versprach: „Ich werde dir alles erzählen, was wichtig ist, und wahrscheinlich noch tausend Dinge mehr, wenn du die Geduld zum Zuhören hast.“

„Jetzt gibt’s aber zuerst einmal was zu essen!“, meinte er und begann Holz in der Feuerschale aufzuschichten und zu entzünden. „Du isst doch Fleisch, oder?“, fragte er dann plötzlich unsicher. Die Mehrheit der Jungen war heute vegan oder zumindest vegetarisch.

„Bei dir schon!“, antwortete Lorena augenzwinkernd. Offenbar war sie zumindest nicht so verbissen wie viele, die er kannte. Eine weitere Eigenschaft, in welcher Jacko sich zu erkennen meinte.

Das Feuer knisterte in der Feuerschale. Jacko hatte Lammracks vorbereitet und wartete, bis die Glut soweit war. Drinnen hörte er Lorena mit Geschirr klappern. Es fühlte sich an, als wäre sie hier zuhause. Das gefiel ihm. Sehr sogar! Seine selbstgewählte Einsamkeit war mit einem Schlag verscheucht. Natürlich hatte er immer wieder Besuch von seinen Töchtern und Enkeln hier oben. Ein paar Freunde gab es auch noch, aber die meisten wohnten über den ganzen Globus verteilt. Immer noch reiste er viel, was mit seinen Projekten zu tun hatte, aber er vermisste es nach über zwanzig Jahren immer noch, einfach vor die Tür zu treten, rasch in ein Café um die Ecke zu gehen und den Menschen zusehen zu können.

Als hätte Lorena seine Gedanken erraten, sagte sie: „Es gefällt mir bei dir. Pass auf, sonst ziehe ich hier ein. Zumindest an den Wochenenden!“ Als Jacko sie nur anstrahlte, fragte sie, was eigentlich in dem kleinen Nebengebäude sei. Es sah aus wie eine Mischung aus Pergola und Glaswürfel. Sie blickte Jacko aufmerksam an, während sie den Tisch deckte, Wasser in die Gläser einschenkte und den Salat mit der Sauce, die sie im Kühlschrank gefunden hatte, zu mischen.

„Das schauen wir uns morgen an“, versprach Jacko, auf seinen Grill konzentriert, und schaute sie kurz an. Er wusste im Moment nicht, ob es klug war zu verraten, was sich dort befand und was er dort machte. Es würde sich zeigen.

Neben seiner Hütte hatte es einmal eine einfache Pergola mit Sitzbänken und einer Feuerstelle gegeben. Der Vorteil der Pergola war, dass sie überdacht und durch das Haus vom Wind geschützt war. Abends setzte immer ein kühler Bergwind ein, der von den zweitausend Meter hohen Gipfeln die Hänge herunterstrich. Dadurch wurde es selbst im Hochsommer empfindlich kühl auf der Terrasse. In der Pergola war man davor geschützt und konnte bis tief in die Nacht zusammensitzen und diskutieren. Nur waren die Abende, an denen Jacko Besuch hatte, leicht an einer Hand abzuzählen. Deshalb hatte er vor Jahren beschlossen, die lauschige Pergola durch einen gläsernen Würfel zu ersetzen, der Platz bot für ein Labor mit zahlreichen Computern, Analyse- und Messgeräten.

Bis vor ein paar Jahren hatte sich seine Werkstatt darin befunden, und er hatte an Propellern, Kollektoren und anderem technischen Kram gebastelt. Als er dann aber einen Durchbruch erzielen konnte mit seinen Propellern, hatte er sich neuen Zielen gewidmet.

Nun waren anstelle von Werkbank und Arbeitsgeräten Käfige für Ratten, Wärmeschränke mit Zellkulturen, Parallelrechner, die schnellsten die es gab, mit der neusten Software aus künstlicher Intelligenz aufgestellt. Und auch – das wäre wohl das Gruseligste für Lorena, dachte Jacko zumindest – Helme mit Sensoren zum Aufzeichnen von Gehirnströmen oder zur magnetischen Stimulation von Gehirnregionen. Neben den Minihelmen für Ratten gab es da auch Modelle, die auf die Köpfe von Menschen passten.

Lorena stellte sich neben Jacko, der mit dem Rauch kämpfte und das Fleisch zu grillieren versuchte. Altmodisch auf Glut, wie früher. Das durfte man nur noch, wenn man eigenes Holz hatte, und das hatte er zum Glück.

Jacko folgte Lorenas Blick über den See.

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