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Liebe kann

Der alte Siegmund Moers ruft seinen Bekannten Dr. Paul Jaber an und berichtet, mit der ›dreimal nein, dreimal ja-Formel‹ besitze er den Schlüssel, wie Menschen besser leben könnten. Paul hört Siegmund interessiert zu, ist aber vor allem mit der Bemerkung des Alten beschäftigt, er habe eine nette Tochter zu vergeben. – So einfach nimmt Liebe ihren Lauf, bis die schöne Welt ins Schlingern gerät …

PROLOG

Alles am Ende?

Oktober 2014

Wie ist das möglich? Wie konnte das passieren?, fragt sich Paul, schüttelt unwirsch den Kopf und leert das vierte Glas Kölsch in einem Zug. Bis vor wenigen Tagen war über Lena und ihm fast nur tiefblauer Himmel und jetzt – aus dem Nichts heraus – schwarze Wolken, Not und Hilflosigkeit.

Paul schaut um sich. In seiner Lieblingskneipe, im »Weißen Holunder«, ist gegen 17 Uhr nichts los – er braucht also auf andere Gäste keine Rücksicht zu nehmen. Ihm ist nach Schimpfen und Heulen zumute, aber er ruft sich zur Ordnung: Er darf es sich nicht zu einfach machen und Lena blind attackieren – das hat sie auf keinen Fall verdient. Da müssen Dinge passiert sein, die er eben noch nicht versteht, ja, einfach nicht versteht!

Paul atmet tief durch – einmal, zweimal, immer wieder: Bevor er ernsthaft an Trennung denkt oder sich einredet, alles sei wieder okay, sollte er zunächst sehr genau überlegen, wie die letzten Monate abgelaufen sind.

Hat Lena Fehler gemacht? Oder er? Wo haben sie sich voneinander entfernt? Paul kratzt sich am Hals, grübelt vor sich hin: Wäre das nicht eine Möglichkeit, dass Lenas Fehltritt ihre Liebe keineswegs zerstört, sondern im Gegenteil – vielleicht wird sie diese Episode sogar noch fester zusammenbringen? Wäre denkbar!

Er greift nach dem Glas Kölsch und merkt: Es ist doch schon leer. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht: Darüber gibt es keinen Zweifel – mit seinen achtundfünfzig Jahren, nein, er ist ja schon neunundfünfzig – jedenfalls hat er in Lena die Liebe seines Lebens gefunden – eine Liebe wie noch nie!

Er sieht vor sich, wie sie Tango Argentino tanzen, Freudensprünge am Strand in Holland vollführen, sich lieben, miteinander lachen, verrückt sind vor Glück.

Von einer Sekunde zur nächsten schaut Paul wieder frustriert und murmelt mit schwerer Stimme: »Im Moment weiß ich nicht, wie das mit uns weitergeht, kann es nicht sagen!« Auf jeden Fall hat er sich mit ihr auf eine Denk-Pause geeinigt: Eine gewisse Distanz einhalten, nicht unnötig Glas zerdeppern, auf keinen Fall die eigenen Schmerzen am anderen auslassen, bis schließlich die Beziehung zerbricht – und das dann unwiderrufbar, endgültig …

Auf dem Weg von der Kneipe in seine Wohnung wirft er einen Blick auf seinen Taschenkalender. Es ist Dienstag, der 21. Oktober 2014. Lena ist wohl inzwischen wieder nach München gefahren, zu Thomas, ihrem Sohn. Zu Hause zieht Paul die Schuhe aus, verstaut sie, starrt mit leeren Augen auf die Wand, wandert zum Schreibtisch, setzt sich und greift in die Schublade mit ungeordneten Papieren. Wahllos nimmt er einen Briefumschlag in die Hand: Arztrechnungen, Steuer 2013!!! Stimmt, die Steuer ist immer noch nicht erledigt, Abgabetermin war Ende Mai – aber es ist noch keine Mahnung gekommen. Mit einem leisen Seufzer lässt er den Briefumschlag auf den Schreibtisch fallen.

Paul pickt einen Zettel aus der Schublade. Auf ihm ist ein Gedanke notiert, den er offenbar gut fand, aber wohl jetzt erst begreift:

Wenn du eine grausige Nachricht erhältst, etwa die Nachricht vom Unfalltod eines Freundes, schiebst du das Grauen zunächst zur Seite, indem du dich etwa fragst, ob auch das neue Auto bei dem Unfall kaputt gegangen ist.

Könnte so sein, denkt er: Wenn die eigentliche Information zu schmerzhaft ist, nähern wir uns dem Schrecken über Nebenschauplätze. Hat der Gedanke was mit Lena und ihm zu tun? Er zuckt mit den Schultern. Im Moment ist er nicht in der Lage, Zusammenhänge zu erkennen, außer der banalen Tatsache, dass die Welt mal schön, oft aber auch sehr schrecklich ist.

Paul fischt als Nächstes ein gelbes Din-A4-Blatt aus der Chaos-Schublade und findet eine handgeschriebene Notiz:

Wo alles auf dem Kopf steht, beschreibe ich in meinem neuen Roman das Ringen von Menschen um eine bessere Welt, aber bitte ohne blinde Sprüche und süßliches Getue.

Er lächelt zufrieden: Doch, dieser Ansatz ist okay! Kann man nicht anders sagen!

Überrollt von Gedankenfetzen döst er eine Zeit lang vor sich hin, springt dann plötzlich vom Sessel auf, rennt zur Wand, schlägt mit den Fäusten gegen sie, stoppt ab, geht einen Schritt rückwärts, starrt auf den Boden, kommt langsam wieder zur Besinnung und stellt sich der Frage, ob durch die vergangenen Tage seine Sehnsucht nach einem erfüllteren Leben und einer reiferen Form von Liebe ad absurdum geführt worden sei. Ganz schnell folgt seine Antwort: »Nein, nein, nein, ist sie nicht. Auf keinen Fall.«

Langsam geht er zum Schreibtisch zurück, lässt sich in den Sessel fallen und überlegt: Das Zusammensein mit Lena war immer getragen von Freude, von Suchen und Zärtlichkeit. Er sieht da weiter großartige Chancen, wenn sie das Navigationssystem in ihren Köpfen ein bisschen anders zu lenken vermögen! Er hält inne, nickt und sagt entschieden: »Ein bisschen anders ändert viel, sehr viel!«

Gedankenverloren kritzelt Paul Figuren auf ein leeres Blatt Papier – dazwischen schmerzliches Stöhnen, hingeworfene Worte, nicht zu verstehen. Irgendwann landet er im Wirrwarr der Gedanken bei seinem Roman. Tagelang, wochenlang, monatelang hatte er vor sich hingeschrieben, hat oft mit der Faust auf den Schreibtisch geschlagen, ist dennoch nur millimeterweise vorwärtsgekommen. Unmengen Notizen und eng beschriebene Seiten sind im Abfall gelandet. »Ist einfach so, anders kann ich nicht«, ächzt er. »Den Text druckreif in den Computer hinein – nein, das schaffe ich nicht!«

Er zuckt hilflos die Schultern, fährt sich durch die Haare, denkt an Freund Dieter und lächelt: Wie oft war Dieter mir großartiger Partner, hat Stunde um Stunde mit mir diskutiert und mich gestützt, wenn ich im Chaos der Gedanken zu ertrinken drohte.

»Dieter, mein Retter und Lena meine Liebe«, flüstert er und sagt sich mit aller Entschiedenheit: Egal, was kommt, er arbeitet weiter an dem Roman! Und was dabei klar ist: Der zweite Roman wird kürzer und besser als der erste und wird ein Stück Fortschritt schaffen. »Ja, ja, ja«, sucht er, sich zu überzeugen, »in unserer verrückten Zeit will ich meinen Anteil leisten, dass sich unsere Welt in eine bessere Richtung bewegt! So etwas wie mehr Zufriedenheit für viele müsste doch zu schaffen sein oder … sind das nur dümmliche Fantasien?«

Gedankenverloren greift Paul nach einem Ordner. In ihm sammelt er schon seit Längerem unter dem Etikett »Freunde« – alphabetisch nach Namen – Feierstunden, die so was wie Glücksgefühle ausgelöst hatten, oft aber auch ein Fiasko waren. Das mit Cousine Susanne, das war kein Fiasko. Es war nur zum Verzweifeln, wie sie mit dreiundfünfzig Jahren schrie, ihr Kopf würde platzen, und mit dem Fahrrad zu Boden stürzte. Man hatte sie noch zweimal operiert, nichts zu machen, Aneurysma im Hirn.

Eine Beerdigung wie die von Susanne … das ganze Dorf hatte sich am Grab versammelt, weil sie voller Lebensfreude gewesen war, jeden kannte, gerne lachte. Wie gesagt, mit dreiundfünfzig Jahren einfach tot. Die Worte dieses Priesters, die Musik, die ganze Veranstaltung, alles war wie ein Schrei nach Leben: »Genießt die Stunden, die Gott euch gibt.«

Paul spürt seinen Schmerz um Susanne und wendet sich schnell einer anderen Schublade zu, die er erst kürzlich eingerichtet hat. Unter dem Stichwort »Schöne Erinnerungen« sammelt er dort Eintrittskarten, Programmblätter, Informationen zu Kino und Theater. Die großen Veranstaltungen in der Philharmonie oder in der Oper sind nicht sein Ding. Sie sind ihm zu glatt, allzu perfekt. Da gefallen ihm Veranstaltungen besser, bei denen Gesangsschüler, beispielsweise die seines Freundes Fabian, in kleinem Kreise erste Schritte tun. Mit zittriger Stimme geben die Anfänger alles. Toll, ganz nah dabei zu sein, wie sie Fehler machen, kämpfen, lachen! Bei dieserart Treffen eingeladen zu sein, ist ein Geschenk, das ihm große Freude bereitet! Die Liste der Musikstücke mit Namen der Künstler legt er gerne in der Schublade ab. Er freut sich schon auf den nächsten Abend.

Paul geht zum Kühlschrank, nimmt eine Flasche Bier heraus, begibt sich wieder an den Schreibtisch, sitzt da in Denkerpose und grübelt: Was ihm als fundamentaler Unterschied im Moment sehr bewusst ist: Bei all seinen früheren Lieben hatte er sich darauf konzentriert, nett und verführerisch zu sein – ein Eroberer, aber charmant, ein Jäger, aber sanft.

Die Liebe zu Lena ist so sehr anders! Verdammt, flucht Paul in sich hinein, das war ein schreckliches Spiel, das er da über Jahrzehnte durchgezogen hatte. Ist er deswegen krank geworden? Ja, bis zum Verrücktwerden ging das Spiel – bei ihm bis zu hohem Fieber, bis zum Verdacht auf Lungenkrebs, bis zu schwerer Operation. Andererseits aber, auch das will er sich eingestehen: Er wusste es nicht anders! Er merkte immer nur für Sekunden, wie beschissen er sich fühlte, ganz tief drinnen.

Mit Lena ist alles anders! Paul freut sich, ein Strahlen geht über sein Gesicht, ein Schaudern zieht durch seinen Körper: Vielleicht haben sie noch nicht alle Chancen vertan, vielleicht kann das mit ihnen ja doch noch was werden – mein Gott, was wäre das schön!

Aber so einfach lassen sich die Dinge nicht reparieren. Sein Gesicht verdüstert sich und er schaut suchend in die Ferne: Haben sie sich in ihrer Euphorie übernommen? Wieweit ist es ihnen doch nicht gelungen, Eifersucht und Minderwertigkeitsgefühl, Ungeduld, ihre Wünsche und die Schmerzen der Liebe beim Namen zu nennen? Sind da schwarze Wolken unmerklich näher gekommen – und sie haben sie nicht bemerkt, sie nicht bemerken wollen?

»Verdammt, verdammt«, flucht Paul und schlägt mit der Faust auf den Tisch: der Roman. Entscheidende Seiten sind schon geschrieben! Aber er ist noch nicht am Ende mit dem Roman – der so wichtige Schlussteil fehlt – wie es mit Lena und ihm weitergeht. Ob sie beide die Krise überstehen, kann er beim besten Willen nicht sagen. Das weiß er nicht, an diesem 21. Oktober.

Plötzlich kommt Paul eine Idee. Er lächelt, ist ganz aufgeregt. Gut, dass der Roman in Teilen autobiografisch ist – wichtige Momente seines Lebens, vor allem das Jahr mit Lena sind da bis ins Detail beschrieben. Ganz ohne Zweifel macht es Sinn, den Text wie ein Außenstehender zu lesen, um seine Partnerin und sich selbst besser zu verstehen. Und darüber hinaus – vielleicht findet er bei der Lektüre Ansatzpunkte, wie sie miteinander … oder auch nicht!

Paul öffnet den Ordner mit der Aufschrift »Roman II«, nimmt die ersten Blätter heraus und lächelt: Andere starten bei Aristoteles, wenn sie ihre Geschichten erzählen – er fängt bei sich an, bei seiner Vergangenheit, bei dem, was ihn geformt und verformt hat.

Er beginnt zu lesen.

ALLES AM ANFANG

1

Verdammt lang ist’s her. In Pauls Erinnerung aber könnte es gestern gewesen sein. Als junger Mann wollte er Weltmeister wie Fritz Walter werden. Jahre später träumte er davon, wie Juan Manuel Fangio durch die Kurven zu rasen. Nachts lag er wach und stellte sich vor, wie ein Adler durch die Lüfte zu fliegen, oder er erlebte sich als Nettmensch, von jedem bejubelt und geliebt.

Wann das genau war, dass er als Maurer oder Lokomotivführer sein Leben verdingen wollte oder sich vorstellte, als Casanova sein Glück zu finden, konnte er nicht mehr sagen. Nur eins war klar: Er ist von Klischee zu Klischee gejagt, wollte mit Macht der Größte sein oder die Verkörperung des Guten. Und er musste immer aufs Neue feststellen, wie riesig die Erwachsenen waren im Verhältnis zu ihm, dem »Spinnchen«, wie ihn die Eltern früher nannten.

Ohne Zweifel hatte er niemals seinen Erwartungen genügt. Nie wurden die Dinge so, wie er sie wollte. Immer öfter erlebte er sich einerseits als Clown, der die Welt zu Freudentränen rührte, dann wieder nur als lächerlich. Irgendwie hatte er es nie wirklich gebracht. Im Laufe der Jahre wurden seine Fantasien weniger, und doch blieb er dabei: Etwas Großes musste noch kommen. Weil der Alltag zu durchschnittlich war?

Oder hatte er schon als Kind etwas verstanden? War er etwa dazu berufen, der Welt den Spiegel vorzuhalten? Auch wenn er sich nur bruchstückhaft an seine frühe Lebenszeit erinnerte, eins wusste er noch genau: Er hatte immer gelitten, war in Not geraten, wenn er Menschen leiden sah. Selbst bei Filmen im Fernsehen spürte er so etwas wie Panik und guckte unauffällig weg oder ging aus dem Zimmer, weil er nicht zusehen konnte, wenn Leute zum Dummerjan degradiert wurden oder ein Mensch den anderen planmäßig hinterging. War das sein ureigenes Problem? Hatte er immer Angst, Lachnummer zu werden, Witzfigur?

Mit Anfang zwanzig fragte er in seinem ersten Gedicht: »Wirst du mich lieben, wenn ich weine, wirst du mich lieben, wenn ich versage?« Nein, das war klar, dies vermaledeite ›du‹ im Gedicht würde ihm nicht die Tränen trocken und ihn nicht liebevoll in die Arme nehmen. Also musste er was leisten, musste schuften, damit er bekäme, wonach er sich verzehrte. Die Schlusszeile des Gedichts lautete: »Durch Kämpfen zum Glück? Einsamer war ich niemals zuvor.« Auch wenn er offenbar einsamer war als gedacht, nach außen schien er glücklich. Seine Freunde sagten: »Dir geht es gut, Paul! Das sieht man dir an«, als ob sie ahnten, dass er das dringend hören wollte. Er hat diese Sicht gerne übernommen. Ja, ihr habt recht, da gibt es keinen Zweifel! Ich bin Strahlemann persönlich, mit Leib und Seele glücklich.

Zweifel ließen sich nicht mehr vermeiden, als er, der tolle Hecht, mit fünfzig Jahren zusammenbrach. Mit schwerer Lungenentzündung und einem seltsamen Fleck auf der Lunge im Krankenhaus gelandet, schwanden all seine Sicherheiten. Immer wieder war er entsetzt: Hatte er alles falsch gemacht, war er ein Versager, ein Nichts?

Schlingernd zwischen Sich-gesund-Reden und Panikgefühlen, war er wild entschlossen: Das darf dir nicht wieder passieren, dass du schlappmachst. In Zukunft wirst du, das ist klar, dein Leben in jeder Hinsicht besser gestalten! Gut gesagt, aber die Frage war: Wie? Und: Wer ist er überhaupt, wo will er hin?

Nach dem Zusammenbruch war er voll guter Absichten gewesen, aber bald begann er zu kapieren: Mit jeder Stunde, in der es mit ihm gesundheitlich aufwärtsging, geriet sein großes Ziel aus den Augen, dass er sich in Zukunft besser fühlen wollte in seiner Haut. Es ging ihm doch schon wieder besser! Dass man mal umkippt, kann jedem passieren.

Nein, so nicht, rief er sich zur Ordnung. Sich immer gesund reden, darf nicht mehr sein. Er wollte sich nicht weiter belügen! Er atmete tief durch und trottete zum Kiosk im Krankenhaus, besorgte sich Block und Schreibmaterial, entschlossen, alles zu notieren, was ihm in den Sinn kam, was ihn bedrückte. Ja, er musste Antworten finden auf die Frage, was bei ihm falsch gelaufen war und wo und wie er etwas ändern konnte. War etwa seine Partnerin schuld oder sein Job? War es von außen gekommen oder von innen, dass er jetzt auf der Schnauze lag? Oder stand er sich in Wirklichkeit schon sein ganzes Leben lang im Weg?

Dauernd neue Fragen! Dazu das tiefe Gefühl, wie müde er war, nein, regelrecht erschöpft. Sobald er sich anstrengte, musste er sich hinlegen. Er verstand: Genau dieses Gefühl kannte er gut! Er hatte es schon oft gehabt, wenn er sich unbeobachtet wähnte. Das hieß also … Was hieß das nur? Wollte er vor den Fragen flüchten oder war er einfach zu müde? Weil er zu jeder Hochzeit gerannt war, zu selten aber zu Beerdigungen? Ihm stockte der Atem.

Warum Beerdigungen? Was sollte das mit den Hochzeiten? Wer konnte etwas dagegen haben, dass er es mochte, fröhlich einen draufzumachen? Andererseits durfte er natürlich nicht verleugnen, dass er sich manchmal übernahm, nein, öfters, eigentlich dauernd. War das der Punkt, den er sich genauer angucken sollte? War das der berühmte Sargnagel für ihn? Gab es auch noch andere Aspekte? Waren da noch weitere Abgründe, die er im Moment beim besten Willen nicht sah?

Einen Moment lang durchströmte Freude seinen Körper, er atmete erleichtert durch: Wenn er an seiner Situation nichts ändern kann, hat der Teufel sein Recht verloren. Er konnte also nichts machen. Er lächelte, spielte an den Händen, bis er sich klar machte: Auch die beste Ausrede bringt ihn nicht weiter. Er muss etwas bei sich ändern, wenn er nicht krepieren will.

»Wenn ich nicht krepieren will«, wiederholte er laut und kratzte sich am Stoppelbart. Schmerzliche Worte, wo er doch noch so schwach war mit dieser Lungenentzündung und einem Fleck auf der Lunge, der alles bedeuten konnte oder auch nichts. In seinem Inneren vermengten sich Angst und Hoffen zu einem Knäuel.

***

Paul stoppt bei der Lektüre und fragt sich unruhig: Könnte das der Anfang sein von einem Buch, das Tausende in seinen Bann zieht, damit die Welt etwas anders wird?

Er fliegt über die Seiten und spürt den dringenden Wunsch, den Roman neu zu schreiben, noch mal bei null zu beginnen. Aber er bremst sich, sagt laut: »Das passt zu dir! Nie ist etwas okay. Niemals bist du zufrieden. Du würdest am liebsten immer neue Anfänge schreiben und so niemals fertig werden. Damit man dich nicht in der Luft zerreißt oder, fast noch schlimmer, dass man dich gar nicht erst zur Kenntnis nimmt …« Paul flucht, fährt laut und entschieden fort: »Also keine Veränderungen! Wenn, dann später!« Er nimmt den nächsten Stapel Blätter aus dem Romanordner und setzt seine Lektüre fort.

***

Nach elf Wochen wurde er aus dem Krankenhaus entlassen – zum Glück ohne Lungenkrebs, aber weiter irgendwie grundlos erschöpft. Grundlos? Paul war Monate und Jahre durch die Gegend geirrt, hatte sich in Sackgassen verlaufen, hatte sich im Wirrwarr der Wege verloren. Er glaubte, Schritte nach vorne zu tun, dann wieder zurück, bis es ihn urplötzlich überkam: Doch, er hat Schritte geschafft! Gerade eben hörte er so etwas wie eine freundliche innere Stimme, die sagte: »Junge, eigentlich bist du okay, wie du bist!« Irre war das, unglaublich! »Du bist okay«, hat die Stimme gesagt. Ein paar Tränen stiegen ihm in die Augen. Weinen gehört sich nicht für Männer. Höchstens Freudentränen. Er fuhr sich mit dem Handrücken übers Gesicht und fühlte sich benommen. Konnte das wahr sein, was er gerade erlebt hat? Er und okay? Wahnsinn der Gedanke!

Das war schon in seiner Kindheit so. Soweit er sich erinnerte, gab es damals immer nur Stimmen, die nicht zufrieden mit ihm waren, um ihn im nächsten Moment dann wieder anzufeuern: »Nun streng dich mehr an, Paul. Warum kannst du nicht so gut sein wie der Bruder?«

So gut wie sein Zwillingsbruder Rudolf. Mit dem wurde er Tag und Nacht verglichen, und das seit dem Tag, als sie das Licht der Welt erblickt hatten. Es war ein alltäglicher Sport der Nachbarn und Bekannten: Die Zwillinge anstarren und nebenbei mit Kennerblick ein Urteil abgeben, nach dem Motto: »Der eine im Kinderwagen, der mit dem runden Gesicht, ist aber netter als der andere! Ist es nicht schön, wie lieb der guckt?« Solche Worte schmerzten, obwohl Paul natürlich nicht sagen kann, wieweit er sie schon im Kinderwagen verstanden hatte. Später jedenfalls haben die Kommentare verdammt wehgetan, als er besessen hampelte und strampelte für ein bisschen Jubel und dabei durchaus erfolgreich war. Aber der Bruder war besser. Paul brachte einfach niemals genug.

Und dann, nun plötzlich, wie aus dem Nichts, diese freundliche innere Stimme, die in die andere Richtung zielte und ihm verkündete, er sei okay! Ungefragt gab die Stimme auch noch Einzelheiten preis: »Das ist ein deutlicher Unterschied zu früher. Du redest und argumentierst anders, lächelst entspannter, hast auch nicht mehr diesen unruhigen Blick. Du findest langsam in eine gute Spur.«

Mein Gott, wie gut es Paul tat, dass er sich nicht weiter schlecht machte, sondern sich immer häufiger gut fühlte in seiner Haut. Gerade betrachtete er in Ruhe im Badezimmerspiegel dieses Gesicht, das ihm gehörte und murmelte: »Ja, ich bin okay, wirklich okay!« Und fügte dann entschlossen hinzu: »Das darf ich nie mehr vergessen!«

Paul wusste, wem er Entscheidendes verdankte. Das war sein Kumpel im Krankenhaus gewesen, der ihm damals wiederholt gesagt hatte, er dürfe sich nicht so negativ sehen. »Sie müssen lernen, ›ja‹ zu sich zu sagen in den Grenzen und Möglichkeiten, die zu Ihnen passen.« Na klar, das war typisch für den alten Moers, mit dem er ein Zimmer geteilt hatte. Der hatte ihm unglaublich gutgetan!

Dabei war er zunächst in seinem vom Fieber benommenen Kopf entsetzt gewesen über den Menschen im anderen Bett. Musste das sein? Warum ein alter Mann, in seinem Zimmer, direkt neben ihm? Nach und nach kapierte er aber: Auch wenn er nicht an Gott glaubte, dieser Mann war sein Schutzengel, weil – er half ihm tatsächlich, langsam die eigene Spur zu finden, öfter ›ja‹ zu sich zu sagen. Paul grinste und nickte: Die innere Einstellung ist entscheidend, das hatte ihm der alte Moers immer wieder gesagt. Eine verrückte Geschichte, wie dieser Mann – immer mit Fliege in knalligem Jackett, dazu bei Sonne und Regen mit einem Strohhut auf dem Kopf – friedlich, freundlich, aber irgendwie zwingend, auf ihn einredete, bis Paul begann, sich in einem anderen Licht zu sehen. Damit er nicht allzu früh unter der Erde liegt, hatte Herr Moers ihm in den Krankenhaustagen erklärt, müsse er sein Leben von Grund auf ändern, oder besser gesagt, nicht das Leben: »Paul, Ihre Einstellung ist das Problem!« – Es gab viele solcher Gespräche mit Moers. Der Alte wurde in diesen Tagen zu seinem wichtigsten Gesprächspartner.

Und dann verschwand Moers plötzlich von der Bildfläche. Von einem Moment zum nächsten war er nicht mehr da. Stunden später tauchte eine Krankenschwester auf, bezog sein Bett neu und erklärte mit ernstem Blick, Herr Moers sei auf der Intensiv, er liege im Sterben.

***

Paul unterbricht die Lektüre. Versonnen schaut er vor sich hin und verzieht das Gesicht. Immerhin, bei ihm hat sich wirklich was getan. Bis dahin waren das kleine Schritte, aber gute – und dann gehen unerwartet neue Türen auf – verändert sich das Leben – und wie!

Paul nimmt die nächsten Blätter, liest weiter.

2

Dienstag, 12. November 2013

Einige Jahre nach dem Tod seines großen Vorbildes läutete Dienstagnachmittag gegen 15 Uhr bei Paul das Telefon. Als er den Hörer abnahm, hörte er lautes Lachen, dann ein »Hallo, hallo!« und »Ja, ich bin’s. Ich bin noch nicht tot! Stellen Sie sich vor: Ich bin bei unserem damaligen Aufenthalt im Krankenhaus nicht gestorben, obwohl man mir seinerzeit angedeutet hat, mein letztes Stündchen habe geschlagen. Es sei höchstens eine Frage von Tagen …«

Paul war außer sich vor Freude. »Hallo, Herr Moers, lieber Herr Moers«, jubelte er.

»Sind Sie es wirklich? Was freue ich mich, dass Sie noch leben! Waren Sie die ganze Zeit im Krankenhaus?«

»Sehr oft im Krankenhaus oder bei meiner Tochter. Das mit der eigenen Wohnung war irgendwann nicht mehr drin. Ich war lange Zeit gesundheitlich böse dran, schlimmer als schlimm, könnte man sagen. Und dann die Chemos und Bestrahlungen. Ich habe mich oft gefragt, ob das noch Sinn macht. Und doch, wenn ich im Moment ein bisschen Ruhe habe, jedenfalls keine Chemo bekomme, ist das Schreckliche schnell verdrängt, fast vergessen.« Nach einem Moment Schweigen setzte Moers neu an: »Aber, wie geht es Ihnen und wie geht es Eva, Ihrer schönen Partnerin? Sind Sie noch zusammen, vielleicht gar verheiratet? Eine sehr kluge Frau war sie!«

Paul zögerte eine Sekunde und erklärte: »Wir sind getrennt, seit Längerem schon. Eva lebt seit zwei Jahren in Südafrika – neue Herausforderung, neuer Mann und sie arbeitet wieder mit Kindern. Ich kann nicht leugnen: Seitdem wir nicht länger Besitzansprüche beim anderen anmelden, verstehen wir uns gut, wenn wir uns sehen oder miteinander telefonieren …«

»Dann sind Sie noch gar nicht endgültig getrennt«, lachte Moers und wiederholte: »Eine sehr schöne Frau, Ihre Eva, kann ich nicht anders sagen.«

»Schönheit verstellt den Blick aufs Wesentliche«, erwiderte Paul und fragte, um das Thema zu wechseln: »Wir haben uns lange nicht gesehen. Ist bestimmt schon fünf Jahre her!«

»Deutlich länger, ich würde sagen neun Jahre. Ich hatte übrigens vorige Woche Geburtstag, bin jetzt achtundachtzig, das jedenfalls habe ich geschafft! Ja also, es muss länger her sein, dass wir im Krankenhaus zusammen waren. Mit meiner Gesundheit ging es immer weiter bergab. Aber ich habe nicht aufgegeben. Manchmal sah ich aus wie der Tod.«

»Und tragen Sie weiter Ihre Fliege?«, fragte Paul nach.

»Immer und überall mit Fliege und knalligem Jackett! Sah wahrscheinlich ziemlich lächerlich aus, wie ich in den Jahren durch die Gegend kroch. Ich bin im Laufe der Zeit immer dürrer geworden! Aber warum mit achtundachtzig noch sein Outfit ändern? Meine Kleidung hängt an mir. Vielleicht wollte ich mir einen Rest Würde bewahren – alles mithilfe der Fliege!« Moers lachte. »Erinnern Sie sich, damals im Krankenhaus habe ich Ihnen erklärt, dass es kein Zufall ist, dass wir uns gefunden haben.«

»Es gibt keine Zufälle, haben Sie immer wieder gesagt«, bestätigte Paul. »Mir ist bewusst, wie wichtig Sie mir in den Krankenhaustagen waren. Ich habe danach wieder und wieder innerlich mit Ihnen geredet, wobei ich dachte … ich hatte keine Hoffnung, dass wir uns wiedersehen. Komisch war das. Wie soll ich’s beschreiben? Sie waren im Himmel, und ich war Ihnen sehr nah.«

Nach einem Moment Stille, als nur das schwere Atmen von Moers zu hören war, sagte Paul leise: »Mein Gott, Sie leben, ist das schön! Ich erinnere so viele Gespräche mit Ihnen. Wissen Sie noch, was Sie alles gesagt haben? Wir Erwachsenen sind nur Karikaturen unserer Möglichkeiten, haben Sie immer wieder betont und außerdem – was mir besonders haften geblieben ist – Sie haben gerne von unserem Leben als Gefängnis gesprochen, bei dem die Tür weit offen steht.«

»Die Tür steht offen, doch wir nutzen das nicht, nutzen unsere Chancen nicht! Genau so habe ich es gesagt. Toll, dass Sie das behalten haben!«

»Darf ich Sie noch weiter zitieren? Warten Sie, ja, Sie haben immer wieder kritisiert, dass wir all unsere Energien vor allem in Äußerlichkeiten stecken, statt dafür zu sorgen, dass wir mehr Einklang mit uns und unserem Denken und Fühlen finden. In einem Satz: Sie waren unglaublich wichtig für mich. Das werde ich nie vergessen!«

»Wenn das damals gut war mit mir … freut mich zu hören! Dann kann ich ja weiter einreden auf Sie. Tut einem alten Mann natürlich gut, wenn ihm Jünglinge zuhören wollen.« Herr Moers lachte. »Aber jetzt im Ernst: Das war ein starker Impuls in den letzten Jahren, das war wie ein Muss, dass ich noch mal mit Ihnen rede. Ich wollte natürlich erfahren, wie es Ihnen geht und dann, darüber hinaus … da war auch diese Hoffnung, dass Sie für mich ein Sprachrohr sein könnten, wenn Sie verstehen.«

»Nein, ich verstehe Sie nicht. Was meinen Sie mit ›Sprachrohr‹?«, fragte Paul ein wenig irritiert.

»Es ist so«, sagte Siegmund Moers, »wie andere ihren Sinn erfüllen, indem sie einen Baum pflanzen, Kinder in die Welt setzen oder ein Häuschen bauen, wäre es für mich wichtig, wenn Sie mir helfen, einige meiner Gedanken in die Welt hinaus zu tragen. Ja, bitte, bitte, helfen Sie mir! Ich denke, ich habe den Schlüssel gefunden, damit unsere Welt ein bisschen friedlicher, ja glücklicher wird und das ohne Religion oder Esoterik, ohne Drogen und all den anderen Firlefanz, von dem die Menschen schwärmen, weil sie es nicht besser wissen.«

»Aber wie wird die Welt glücklicher? Was ist für Sie ›Firlefanz‹?«, fragte Paul nach und hörte den Alten schimpfen, es sei Wahnsinn zu hoffen, das Glück käme mir nichts, dir nichts zur Tür hinein geschritten über mehr Macht, mehr Geld oder mehr Größenwahn.

»Fehlgeleitete Träume sind das«, schimpfte Moers und erläuterte, mit dieserart Träumen lande man eher in einer Depression als in einem wie auch immer gearteten Glück.

»Aber Sie besitzen den Schlüssel zu einer besseren Welt?«, hakte Paul mit einiger Skepsis nach und lauschte seinem alten Freund, der erklärte, das Geheimnis unseres Wohlergehens liege in unserer Einstellung verborgen. »Wie stellen wir uns zu der Welt und vor allem zu uns selber, ist die Frage aller Fragen«, sagte er und wurde heftig: »Stellen Sie das Navigationsgerät in Ihrem Inneren nicht länger auf ›schneller, besser, immer der Erste‹, sondern geben Sie als Ziel des Lebens ein, dass Sie ›Ja‹ sagen zu sich als Mensch – und das mit Ihren Schwächen, aber auch großartigen Möglichkeiten! Verstehen Sie, es geht um Ihre Anlagen und die Möglichkeiten, die zu Ihnen passen. Die sollten Sie, sollten wir alle entwickeln!«

»Mann, oh Mann«, sagte Paul ins Telefon hinein, schwieg eine Sekunde und wiederholte versonnen: »Seine Möglichkeiten entwickeln« als Moers aufgeregt weiter sprach.

»Das ist natürlich extrem wichtig, dass wir genau hingucken, wer wir sind und wann wir uns wirklich gut fühlen in unserer Haut«, denn, daran gäbe es für ihn als alten Mann keinen Zweifel mehr, »Menschen, die im Einklang mit sich sind, brauchen nicht länger um sich zu schlagen.«

Da Moers schwer atmend innehielt, fragte Paul: »Verstehe ich Sie richtig? Geht es Ihnen darum, dass wir weniger auf die Heilsversprechungen von außen achten, sondern mehr für unser Inneres tun, also für uns selber sorgen?,« als Moers laut jubelte: »Sie haben verstanden! Das ist der Punkt! Viel mehr hineinhorchen in das, was Bauch und Verstand uns sagen! Was sind unsere tieferen Gefühle? Was genau macht mich zu dem, der ich bin?«

»Wow, harter Tobak ist das, wie Sie das kapitalistische Denken verdammen. Das muss ich noch ein wenig verdauen, was Sie da verkünden«, murmelte Paul – war aber in Gedanken woanders: Ging es bei dem Telefonat nicht nur um das Wohl der Welt, sondern etwa auch um sein persönliches Glück? Paul war auf geregt, nein elektrisiert von einer Bemerkung, die der Alte vor einigen Momenten wie nebenbei vor sich hin gesagt hatte. »Ich habe eine nette Tochter zu vergeben«, hatte er verkündet, woraufhin eine zornige, nein, eher lachende Frauenstimme den Alten heftig beschimpfte, er sei unmöglich, ein richtiges Ekelpaket.

Noch einmal: War das zufällig, was Vater Moers da gesagt hatte? Oder hatte der Alte mit Bedacht gesprochen, da er sich an Pauls zwei Scheidungen erinnerte. Und dann hatte Moers noch diese ›zufällige‹ Frage gestellt, ob er und Eva noch zusammen seien. Paul atmete tief durch: Will der Alte seine Tochter und ihn verkuppeln, so etwas wie Matchmaker oder Glücksbote sein? Ist das der Anfang einer Liebe? Beginnen die Hochzeitsglocken zu läuten?

Mit einiger Mühe konzentrierte sich Paul wieder auf das Telefonat, in dem Moers gerade seine Bitte an ›Freund Paul‹ wiederholte, er möge bitte, bitte sein Sprachrohr sein, um im gleichen Atemzug zu verkünden, er habe noch Manches zu erledigen, bevor er weggehen könne von dieser Erde.

Da Paul nicht wusste, was er erwidern sollte und daher einfach schwieg, bat der Alte unverblümt. »Bitte, bitte ehrlich sein: Haben meine Ratschläge aus unserer gemeinsamen Zeit im Krankenhaus bei Ihnen Früchte getragen? Ich brauche Ihre Komplimente, auf der Stelle – das war mir eben nicht Lob genug!«

»Ganz wie Sie wollen«, lachte Paul. »Also ehrlich – durch Sie hat sich mein Leben stark verändert. Damals war ich irgendwie überzeugt, dass die meisten Menschen ihr Leben sehr gut im Griff haben – nur ich brachte es nicht, ich war halt ein Versager! Durch Sie habe ich anders sehen gelernt. Darf ich das so formulieren? Durch Sie bin ich endlich Mensch geworden! Sie waren mein Vorbild, eine Art Ziehvater.«

»Was haben Sie gesagt? Das müssen Sie mir noch ein zweites und drittes Mal sagen«, lachte Moers.

Seine Stimme bebte vor Stolz, während Paul zu erklären versuchte: »Es ist einfach so …«

Er suchte nach passenden Worten und sprach dann mehr zu sich als zu dem alten Mann: »Es ist, als hätte ich durch Ihre Hilfe irgendwann eine Tür aufgestoßen, und wäre an einen Ort gelangt, wo ich anders atmen konnte, wo ich – ohne meine Schwächen und Grenzen zu vergessen – entscheidend mehr Freude erlebe. Ja, doch – das ist mir erst im Laufe der vergangenen Jahre klar geworden, wie sehr ich früher Fremder war in meinem Haus. Wenn Sie verstehen – ich habe nur nach dem Beifall der anderen gegiert.«

»Mein Gott, Sie haben anscheinend wirklich Schritte geschafft. Ich freue mich sehr, sehr, sehr! Vielleicht wird die Welt ja doch noch ein Stück humaner – durch Menschen wie Sie!«

»Durch mich, durch Sie, durch viele Einzelne, die Nein sagen zu Lügen und falschem Optimierungswahn. Vielleicht könnte sich durch uns eine neue Welt entwickeln. Ich gestehe: Nach all den Jahren, die ich wieder aus dem Krankenhaus raus bin, schießen mir immer öfter Glücksgefühle durch den Körper, empfinde ich tiefe Freude, wenn ich mit Menschen spreche und mich dabei verstanden fühle. Durch Sie und die Wochen im Krankenhaus ist mir das so klar geworden. Nein, ich will keine Eroberungskämpfe mehr – heute geht es mir gut, wenn ich eine gemeinsame Ebene mit meinem Gesprächspartner entwickle. Je besser ich mich mit meinem Gegenüber austausche, desto besser fühle ich mich.«

»Ja«, bestätigte Moers, »das ist das Gegenteil von Null-Gesprächen, bei denen wir uns Geräusche, Worthülsen und falsches Lachen antun – und das alles mit dem einen Ziel, sympathisch zu klingen.«

»Wunderbar gesagt! Sie … haben … ja … so … recht«, säuselte Paul und jubelte gekünstelt: »Wie sympathisch Sie heute wieder plappern! Nettes Gespräch! Äußerst interessant, was Sie sagen.«

»Alles, alles, alles nur allerliebst«, lachte auch der alte Moers. »Ihr Geplapper erinnert mich an den Spruch, den wir damals häufig benutzt haben … warten Sie – wie ging der noch mal? Ja, ich erinnere mich: Da lob ich mir die Höflichkeit, das zierliche Betrügen. Du weißt Bescheid, ich weiß Bescheid, und alle sind zufrieden.«

»Alle scheinen zufrieden«, betonte Paul, »sind es aber nicht! Das ist mir in den vergangenen Jahren immer bewusster geworden – Komplimente haben eine kurze Haltbarkeitsdauer – sie halten gerade mal für Sekunden.«

»Ich weiß, was Sie meinen«, stimmte der alte Moers zu. »Das ist wie mit Essen und Trinken oder Macht und Geld: Je mehr man davon kriegt, es ist niemals genug und lässt vor allem Frustrierte zurück!«

Paul nickte. »Überall Frustrierte mit Schein-Grinsen im Gesicht! Ich gestehe, ich war früher ähnlich bekloppt wie diese Gestalten!«

Pauls Lachen klang alles andere als fröhlich, er war wieder ernst und suchte nach Worten. »Was tut mir das gut, wenn ich inzwischen merke, wie mich Menschen von innen her anstrahlen, weil ich wohl anders auftrete, besser zuhöre, nicht mehr so oft Sprüche klopfe. Tatsache ist: Manche fühlen sich besser durch mich und ich mich durch sie. Stopp, warum falsche Bescheidenheit mimen? Ich merke, dass manche Freunde mir mit leuchtenden Augen gegenübersitzen. In anderen Momenten zeigen sie dann wieder Trauer und Schmerz. Auf jeden Fall ist das so etwas wie eine wirkliche Begegnung, was ich nun mehr und mehr erlebe.«

»Ist das durchgängig, dass solche Gespräche klappen?«

»Nein, keineswegs«, erwiderte Paul. »Nicht immer, aber immer häufiger. Jeder winzige Schritt zählt und tut gut! Und das Größte ist natürlich, dass Sie, lieber Herr Moers, noch leben – und ein Vermächtnis in die Welt tragen wollen, das die Welt hoffentlich etwas vorwärtsbringt!«

»Mein Vermächtnis, ja, meine friedliche Revolution – hätte ich fast vergessen«, wiederholte Moers gedankenverloren.

»Ihr Ziel ist es, dass wir alle glücklicher werden?«, wiederholte Paul und fügte hinzu: »Mein Eindruck ist, wir beide sind in den letzten Jahren zwar unterschiedliche Wege gegangen, hatten aber ein sehr ähnliches Ziel: die innere Zufriedenheit!«

»Das geht in diese Richtung«, bestätigte Moers. »Mir nicht länger was vormachen … spüren, wer ich bin und zu mir und meinen Überzeugungen stehen – ja, diese Richtung tut gut, ist ein gutes Ziel«, sagte er versonnen und lachte auf: »Nicht wahr? Für mein Alter bin ich noch ganz schön verrückt. Andererseits aber – das Schwierige ist: Wie viele Menschen lügen ununterbrochen? Tag und Nacht verkünden sie, dass sie ach-soglücklich seien – aber sie sind es nicht, nicht im Geringsten.« Moers schwieg mehrere Sekunden und fuhr dann gedankenverloren fort: »Das ist millionenfache Realität, dass wir uns und anderen die Hölle bereiten, weil wir unser Navi falsch eingestellt haben. Nein, nein, nein – so kommen wir niemals an Ziele, die uns guttun, die gut für uns sind! Das steht ja bekanntlich schon in der Bibel, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass Reiche und Mächtige, Kriecher und Schleimer, Heuchler und Betrüger ins Himmelreich eingehen.«

»Ich denke, Sie wissen, dass Sie den Spruch völlig falsch zitieren?«, warf Paul lachend ein.

»Danke, für den Hinweis. Das wäre mir fast entgangen«, kicherte Moers und fügte versonnen hinzu: »Okay, okay«. Er schien ganz weggetreten und setzte neu an: »An sich ist das ja alles ganz einfach. Es geht mir darum, dass wir uns besser fühlen in unserer Haut, und zwar dadurch, dass wir mehr im Einklang mit uns leben, wobei ich betonen möchte: Eine ›Glücklich-Garantie‹ kann es auf der Erde nicht geben, aber mehr mit sich ins Reine zu kommen, allein das nenne ich ein gutes Ziel! Um meine Gedanken zusammenzufassen: Es geht um einen anderen Umgang mit sich, um Korrekturen im Denken und Fühlen, und zwar ganz pragmatisch, im praktischen Sinne! Ja, doch – das scheint mir für uns Menschen wichtiger als die Erkenntnis, dass die Erde keine Scheibe ist oder auch Einsteins Relativitätstheorie!«

»Aua, aua! Starke Worte! Das also wäre die friedliche Revolution, dass …?«, Paul unterbrach sich. Er hörte das schwere Atmen des alten Mannes. Es folgte ein immer stärkeres Röcheln, dann Krächzen, Husten und Stöhnen. »Muss unterbrechen. Melde mich wieder«, brachte Moers noch mit Mühe hervor.

3

Da Moers jeden Moment wieder anrufen konnte, blieb Paul am Schreibtisch sitzen. Doch das Telefon blieb stumm. Paul sprang auf und tigerte durch die Bude. Was hatte Moers da eben über seine Tochter Lena gesagt? Er hatte ihm die Frau doch ganz klar angeboten, oder nicht? In Pauls Kopf arbeitete es.

Offenbar war Lena solo, zumindest getrennt von ihrem Freund oder ihrem Mann. Und wenn er vom Aussehen des Vaters auf die Tochter schloss, könnte die Frau sehr reizvoll sein. Sollte sie – nein, das war absurd. Ein blöder Fantast war er! Und dennoch – sollte diese Frau seine neue Liebe werden, endlich seine große Liebe?

Paul setzte sich wieder in seinen Schreibtischsessel. Auch wenn Moers nach Lenas Protest schnell erklärt hatte, alles Gesagte sei nur ein Scherz gewesen – Scherze sind oft spannend. Besonders, wenn es ums Verkuppeln geht. Paul sprang wieder auf, warf sich aufs Bett, kreuzte die Arme unter dem Kopf und starrte zur Decke, als endlich das Telefon läutete. Vater Moers war wohl wieder okay. Paul schnellte empor und griff nach dem Hörer.

Aber sein Freund Dieter war dran: »Ich habe lange nichts von dir gehört. Wie geht’s?«

»Ich habe gerade eine Wahnsinnsnachricht bekommen«, antwortete Paul. »Stell dir vor – mein Freund aus Krankenhaustagen, dieser Herr Moers, ist gar nicht tot, sondern lebt, er lebt! Er erfreut sich relativ guter Gesundheit – und das mit achtundachtzig Jahren. Der Mann hat sich gerade bei mir gemeldet. Du weißt bestimmt noch – wir hatten damals intensive Gespräche.«

»Dann bin ich ja abgemeldet, wenn dein Super- Coach noch lebt. Dann wird er ja in Zukunft wieder dein Berater sein«, kommentierte Dieter etwas gereizt.

»Oho, oho! Solltest du etwa eifersüchtig sein?«, grinste Paul und sprach schon weiter: »Übrigens hat er eine Tochter, die er mir unverblümt angeboten hat.«

»Ist der wahnsinnig, dieser Mann? Weiß der, wie kompliziert du bist? Und die Tochter, hat die dich schon gesehen? Liebt sie Vogelscheuchen auf dem Feld?«

Dieses Telefonat war schnell beendet, und Paul stützte den Kopf auf seine Hände. Er war bemüht, sich an den Klang von Lenas Stimme zu erinnern und die Wahl ihrer Worte. Es hörte sich gut an, wie sie protestierte und lachte!

Er schüttelte unwillig den Kopf: Bei wie vielen Frauen hatte er sich eingeredet, die Frau seines Lebens getroffen zu haben, und wusste dabei schon bald – wieder nichts. Und wenn er sich trotz Vorbehalten zu verlieben begann, entstand schnell ein neues Problem, weil – er schaute viel zu genau. Seine Ansprüche waren zu hoch! Ja, bekloppt war er und hatte die Partnerinnen und sich überfordert.

Paul legte sich aufs Bett und verschränkte wieder die Hände hinter dem Kopf. Das war die Frage aller Fragen: Wer ist der passende Partner und wann stimmte es wirklich? In Pauls Gedanken hinein schrillte das Telefon. War der alte Moers wieder in Ordnung?

Paul nahm den Hörer auf und eine Frauenstimme sagte: »Hier ist Lena Moers. Ich wollte Ihnen nur sagen – meinem Vater geht es wieder besser. Ich habe ihn ins Bett gebracht! Ja und dann … weshalb ich Sie anrufe. Ich möchte Sie ein bisschen vor meinem Vater warnen.

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