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Kurze Lunte: Regio Berlin Thriller

Lence Vio

Kurze Lunte: Regio Berlin Thriller

Cassiopeiapress Kriminalroman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Kapitel 1:

Aufgehende Saat


„Ich hole nur kurz Zigaretten“, meinte ihr Prinz, ehe er die Wohnungstür hinter sich zuzog und verschwand. Doch inzwischen dauerte die Kürze schon zwei Tage an, denn seitdem hatte er sich nicht mehr bei ihr gemeldet.

Freilich überlegte sie, ob sie zur Polizei gehen solle. Aber weil es öfters vorkam, dass er mit seinen Kollegen oder anderen Bekannten bei einem Bier versackte, wartete sie ab.

Allerdings piesackte die lauernde Ungewissheit ihren Empfindungssitz, denn niemals zuvor war er auch nur eine Nacht weggeblieben. Überdies ging das Wochenende dem Ende entgegen und in der morgigen Frühe musste er wieder zur Arbeit gehen, worauf man sich bei ihm immer verlassen konnte.

Erneut zuckte ihr unruhiger Blick über die Bilder an den Wänden, auf denen sich das einstige Eheglück zeigte. Folgend stand sie in der Küche und setzte sich einen starken Kaffee auf. Kaum war er fertig, trank sie die achte Tasse an jenem Sonntag, denn sie wollte nicht schlafen. Immerhin sorgte sie sich um ihren Prinzen, weshalb sie es nicht versäumen wollte, wenn er nach Hause kam oder ihr zumindest eine Nachricht zukommen ließ.

Diesbezüglich war es entmutigend, denn es gab einfach keine Botschaft von ihm. Also fragte sie sich, was bloß geschehen sei. Wo blieb er nur? Hätte er nicht wenigstens anrufen können?

Wiederholt starrte sie zur Wohnungstür, durch die er gegangen war, um zur nächsten Gaststätte zu gehen. Somit ging er vor zwei Tagen über den städtischen Marktplatz und zückte sein Portmonee. Sogleich kramte er nach dem passenden Kleingeld, das er soeben für den Zigarettenautomat bereithielt.

Mit dem Erreichen der Gaststätte streckte er seine nikotinsüchtige Hand nach der Türklinke aus und öffnete die Eingangstür mit einem kräftigen Ruck. Unverzüglich fiel ihm beim Betreten des Gastraumes diese weibliche Versuchung auf, die rechter Hand allein am Tisch saß.

Achtsam prüften seine Pupillen, wie viele Gläser auf ihrem Tisch standen, um eine denkbare Begleitung auszumachen. Jedoch vertiefte sich die verzückte Annahme, dass sie allein war, denn es gab nur ein einziges Weinglas. Also zog die weibliche Versuchung all seine Gedanken auf sich und sein sexuelles Verlangen erwachte.

Während er auf den Zigarettenautomat zusteuerte, konnte er seinen interessierten Blick nicht mehr von ihr abwenden. Obendrein schien sie unerreichbar, weil sie ihn nicht eines einzigen Blickes würdigte. Folglich war er geknickt, als er die Zigaretten an sich nahm.

Anstatt nun zu seiner Frau zurückzukehren, musste er sich trotz der vermeintlichen Sinnlosigkeit an einen freien Tisch setzen, von dem aus er einen direkten Sichtkontakt zu der weiblichen Versuchung hatte.

Irgendwann musste sie zu ihm herübersehen, dachte er, bevor der Kellner fragte: „Was möchten Sie trinken?“

„Ich hätte gern ein kühles Bier und der bezaubernden Dame am gegenüberliegenden Tisch servieren Sie bitte ein Glas des Weines, den sie gerade trinkt!“, wies er den Kellner an.

„Selbstverständlich“, nickte der Kellner zustimmend und verschwand hinter der Theke.

Parallel dazu beobachtete der faszinierte Prinz, wie gelassen die Versuchung ihr Glas erhob, derweil sich ihre edlen Lippen schieden. Folgend saugte sie ganz langsam einen Schluck des feudalen Getränkes, wodurch sich ihre erotische Anziehungskraft wesentlich vergrößerte.

Endlich kam der Kellner mit dem Bier und wünschte: „Auf Ihr Wohl, mein Herr.“

Anschließend trat er an den Tisch der weiblichen Versuchung und servierte den Wein. Deswegen sah sie ihn verdutzt an, womit sich ein Moment der Unsicherheit zeigte. Errechnend ahnte der treulose Prinz, sie sei doch nicht unerreichbar.

Nachdem der Kellner der weiblichen Versuchung erklärt hatte, von wem das Glas Wein komme, schaute sie erstmals zu dem Prinzen hinüber. Insofern merkte er, wie sie ihn musterte. Dabei wurde ihm heiß und kalt, obgleich er Haltung bewahrte. Dagegen packte ihn in seinem Inneren diese fahrige Unruhe und brennende Fragen schändeten ihn. Was hielt diese abendliche Episode für ihn bereit? Entsprach er ihrem männlichen Idealbild oder verriegelte sie die Tür zu ihrem Bett?

Die rettende Erlösung folgte, indem sie ihm zulächelte und ihr Glas in seine Richtung schwenkte. Nach diesem Zuprosten nahm auch er sein Glas zu den Lippen und bejubelte den Moment mit einem gefälligen Poussieren seiner Augen.

Als die Gläser wieder standen, blieb der Blickkontakt bestehen. Ferner zwinkerte er ihr zu, was sie mit einem liebreizenden Lächeln beantwortete. Folglich ahnte er, um ihre Bekanntschaft zu machen, müsse er die Initiative ergreifen. Also nahm er seinen gesamten Mut zusammen und steuerte zielstrebig ihren Tisch an. Nun fragte er durchdacht: „Gestatten Sie, dass ich mich zu Ihnen setze?“

„Bitte, setzen Sie sich!“, drang es durch ihre Lippen und spätestens jetzt war seine Frau vergessen. Also setzte er sich neben die weibliche Versuchung und suchte hastig nach dem vereinnahmenden Inhalt für ein anregendes Gespräch. Schließlich sei nichts schlimmer, als sich nach dieser geglückten Annäherung zu einem Langweiler zu entpuppen, beachtete sein Denkvermögen.

Vorsichtig erkundigte er sich: „Was verschlägt eine solch stattliche Dame in diese verschlafene Stadt?“

Schmunzelnd meinte sie: „Ich wohne hier.“

Diese Aussage betäubte seinen Verstand und verwundert ermittelte er: „Warum sind wir uns noch nie begegnet?“

Die Antwort schuldig bleibend erhob sie sich, wonach sie sich entfernte.

Nun überkam ihn eine berechtigte Furcht. Offenbar habe er sich ihr zu sehr aufgedrängt, peinigte es in seinem Hirn. Sicherlich ödete er sie mit seiner Neugier an und eine nächtliche Affäre endete, ehe sie begann. Entsprechend konnte er ihr nur noch hinterherstieren, womit er bereits Abschied nahm. Dabei erspähten seine Augen diese traumhafte Figur. Immerhin waren es die Maße eines Topmodels, die für zusätzliche Seelenqualen sorgten.

Allerdings ging sie lediglich auf die Toilette, woraufhin dieser letzte Hoffnungsschimmer, dass sie möglicherweise doch noch zurückkehre, ihn erfasste. Komme sie wieder, machte er sich bewusst, liege die Verwirklichung eines Seitensprunges einzig in ihrem Ermessen.

Abrupt endeten seine Gedankengänge, denn er konnte sich nur noch auf ihre erscheinende Gegenwart konzentrieren. Hierzu naschte er ihr unaufhaltsames Näherkommen, bis sie wieder an dem gemeinsamen Tisch saß.

Jetzt agierte sein Empfindungssitz selbständig, weshalb sich jegliche Verkrampftheit und die Suche nach den passenden Worten lösten. Sonach wurde die Atmosphäre immer impulsiver. Letztlich konnte auch die Schließung des Lokals einer sympathischen Zuneigung keinen Schluss aufzwingen und nachdem er beim Begleichen der Rechnung ihre Getränke komplett übernommen hatte, kaufte er noch eine Flasche ihres lieblichen Weines.

Sogar das bestellte Taxi wartete schon, als sie auf die Straße traten. Also setzten sie sich vergnügt auf die Rückbank und ließen sich zu ihrer Wohnung chauffieren.

Die Arme ineinander eingehakt liefen sie das Treppenhaus hinauf, bis sie vor ihrer Wohnung standen. Dort beobachtete er gierig jedes Detail ihres schlanken Körpers, indes sie in gebückter Haltung die Tür aufschloss. Fortfahrend bat sie ihn herein, wonach seine Erwartungen auf ein einschneidendes Erlebnis in die Höhe stiegen.

Doch zunächst lenkte sie ihn ins Wohnzimmer, in dem er sich auf die Couch setzte. Unterdessen ging sie in die Küche, um zwei Weingläser und einen Korkenzieher zu holen. Im Anschluss öffnete er die Flasche und schenkte den Wein in die Gläser ein.

Zeitgleich setzte sie sich neben ihn, womit seine Erwartungen bereits übertroffen wurden. Als sie sich nun auch noch bei ihm einschmiegte, wusste er, diese Nacht werde sein Leben verändern. Dann schauten sie sich innig in die Augen und führten die Gläser zum Mund. Kaum standen die Gläser wieder, nahm er sie behutsam in den Arm und küsste sie auf ihre sanften Lippen. Aber schon konnte er sich nicht mehr zurückhalten und es kam zu aneinanderschlagenden Maßlosigkeiten ihrer feuchten Zungen.

In diesen Momenten der geschlossenen Augen wusste er, sie sei für ihn bereit. Also schenkte er ein letztes Mal von dem Wein nach, um einen hohen Prozentsatz an beharrlicher Energie zu tanken, die er für die bevorstehende Nacht benötigte.

Während es anschließend zu weiteren Küssen kam, wollte er sie besitzen. Darum gondelten seine Hände über ihren zarten Körper und packten schließlich ihr Gesäß. Aber bevor er seinen Besitzanspruch auszukosten begann, erdröhnte ein lautes Geräusch im Zimmer.

Es war das Telefon, das schellte und die leidenschaftliche Atmosphäre zerschnitt. Entsprechend achtete er auf das Gesicht der weiblichen Versuchung, die sich von der Couch erhob. Dabei schenkte sie ihm keinerlei Beachtung.

Nun ging sie an ihr Telefon und flugs breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Jedoch änderte sich ihr Gesichtsausdruck, woraufhin ein regelrechtes Entsetzen aus ihren Augen funkelte. Zwar versuchte sie, das Gespräch zu beeinflussen, aber die Stimme am anderen Ende der Leitung redete unaufhörlich auf sie ein, sodass sie nicht zu Wort kam.

Plötzlich senkte sie den Telefonhörer und verweilte in einer völligen Starre.

In jenem Zeitraum wagte er nicht, sie anzusprechen, denn es war offensichtlich, dass sie eine äußerst schlechte Nachricht entgegengenommen hatte.

Seine Geisteskraft ermittelte innerhalb seiner grauen Zellen, ob sein sexuelles Verlangen an dieser Stelle abriss oder nicht. Allerdings fand er kein befriedigendes Ergebnis. Es blieb ihm nur die Hoffnung.

Endlich geschah etwas, denn ihr unfügsamer Blick streifte wild durch das Zimmer. Auf einmal hielt er inne, wonach sie ganz ersichtlich mit der Situation umgehen konnte. Also präsentierte sie schamlos ihren Körper, indem sie die gesamte Kleidung von sich warf.

Anbietend schritt sie ins Schlafzimmer, in dem sie sich auf das Bett fallen ließ und ihm zurief: „Auf was wartest du noch?“

Sofort sprang er auf, riss sich die Klamotten vom Leib und eilte ihr nach. Dabei erreichte sein Glied den steifsten Punkt. Nebenher fantasierte sein Hirn, was sich alsbald ereignen müsse, indessen er das Bett erreichte.

„Los, leg dich auf den Rücken!“, befahl sie.

Gehorchend lag er da, unterdessen sie in der Schublade des Nachttisches wühlte. Im Ergebnis ging seine Fantasie mit ihm durch, denn vor seinen Augen pendelten diese Handschellen, die mit rosafarbenem Plüsch überzogen waren. Daher verstand er, ihm widerfahre gleich ein bis zum heutigen Datum nie da gewesenes, scharfes Erlebnis.

Jetzt setzte sich die nackte weibliche Versuchung auf seine Brust und packte mit beiden Händen seinen rechten Arm, den sie in die Richtung der Querstreben des Kopfendes vom Messingbett drückte. Schon legte sie den geöffneten mehrzahnigen Metallring der Handschelle um sein Handgelenk und ließ ihn in den Schließmechanismus einrasten. Hinterher klinkte sie den anderen Ring an die äußerste Querstrebe ein.

Widerstandslos ließ er auch mit seinem linken Arm verfahren und billigte die fesselnden Höhepunkte.

Sogleich lutschte sie sich an seinem rechten Bein hinunter, dessen Bewegungsfreiheit sie mit einer weiteren Fessel einengte, indem sie das Fußgelenk an die äußerste Strebe des unteren Bettendes fixierte. Ebenso zähmte sie das linke Bein, wonach er sich freute, ihren Lüsten ungeschützt ausgeliefert zu sein. Erwartungsvoll stöhnte er: „Erbarme dich meiner Geilheit und verabreiche mir eine überdurchschnittliche Erlösung!“

Erhaben richtete sie sich auf und er genoss den Anblick ihres nackten Körpers, wozu er ächzte: „Nun mach schon!“

Doch der geforderte Akt blieb aus, wodurch sich sein Verlangen weiterhin steigerte. Hierzu gingen die Gedanken restlos mit ihm durch und er vermutete den goldenen Regen: „Oh ja, tu es endlich! Lass Gold auf mich herabregnen!“

Allerdings verwehrte sie auch dies. Aber wenigstens wandte sie sich ihm zu: „Hast du den Gipfel des Verlangens erreicht?“

„Ja“, flehte er, „nimm mich!“

Fehlinterpretierend schnürte sie die angeschwollene Aufrichtung mittels eines Zwirnfadens, den sie gemeinsam mit den Handschellen aus dem Nachttisch genommen hatte, ab. Im Ergebnis glaubte er, das Garn durchtrenne stellenweise sein Geschlecht. Außerdem waren die empfundenen Schmerzen unerträglich, wodurch er lauthals aufschrie: „Du Nutte, was hast du vor?“

Freilich wollte sie von den Nachbarn unbemerkt zum Höhepunkt kommen. Daher stopfte sie ihm einfach ein Taschentuch in den Mund, womit das Klagen verstummte.

Obendrein folgte ein fragwürdiger Rückzug, denn sie stand auf und verließ das Schlafzimmer. Insofern war er mit seinen Gedankengängen allein, denen er sich auch widmete. Gründlich suchte er nach einer anschaulichen Erklärung für diese Pein, aber er fand keine.

Hingegen schien sie ganz genau zu wissen, wie sich die nächtlichen Stunden weiterentwickeln sollten. Vorerst rastete sie im Wohnzimmer, in dem sie sich für die Fortführung des Begonnenen wappnete. In Anspruch nehmend streckte sie ihre rechte Hand nach einer Machete aus, die an der Wand direkt über der Couch hing.

Ihre Gesichtszüge waren starr, derweil sie den Griff der Machete umklammerte und zu ihrem Gast zurückkehrte. Ausgereift begehrten seine Gedanken, gebe es nur die geringste Möglichkeit, von hier zu verschwinden, wäre er längst bei seiner Frau. Aber es bot sich keine Gelegenheit. Folglich musste er weiterhin mit der weiblichen Versuchung vorliebnehmen, in deren rechter Hand er die bedrohliche Machete ausmachte.

Seine Augen flehten um Gnade. Gegenüber blickte sie unentwegt auf den abgeschnürten Penis, der trotz der ausgesetzten Durchblutung immer noch hoch emporstand. Folgend packte ihre linke Hand zu, indes die Machete zum Schlag ausholte. Hierbei visierten ihre Sehkräfte eine Stelle unterhalb des Zwirns an, woraufhin ein wuchtiger Hieb den aufgerichteten Penis separierte. Somit schnitt sich eine durchdringende Qual in sein gesamtes Nervenkostüm, bis sie sich in seinem Hirn sammelte und verkrallte. Folgerichtig wertete seine grauzellige Beengung die unbegreifliche Verunglimpfung aus, wonach er krakeelende Hilfeschreie durch das Zimmer sandte, die aber aufgrund der Knebelung ungehört abschwächten.

Damit war der treulose Prinz der Qual übergeben, wonach die weibliche Versuchung ins Wohnzimmer zurückging. Dabei schmückte der genommene Natur-Dildo fortwährend ihre Hand. Doch im Wohnzimmer verhärmten sich ihre Gesichtszüge. Letztlich stand ein Gang in die Küche an, um den Biomüll wegzuwerfen.

Einem körpereigenen Rausch erlegen tasteten die Pupillen des untreuen Prinzen durch das Zimmer seiner Ketten, um einen Weg nach draußen zu entdecken. Aber der gesuchte Ausweg war hermetisch abgeriegelt, weshalb er seine gespeicherte Lebenserfahrung befühlte, damit er vielleicht doch noch seine eigentlich nicht mehr überschaubare Lage berechnen konnte. Herleitend überkam ihm schnell die Erleichterung, denn er ahnte, dass sie ihren abscheulichen Schnitt längst bereue und ärztliche Hilfe herbeihole. Sicherlich werde der gleich eintreffende Notarzt mittels seiner schneidernden Fähigkeit die entwendete Männlichkeit retten, spekulierte er.

Nun gelang es dem Prinzen sogar, das Schlafzimmer zu verlassen. Folgend trat sein Begehr über die Gehörgänge ins Wohnzimmer, in dem er tatsächlich fremde Stimmen ausmachte. Aussagend war der Notarzt bereits anwesend, weswegen er auf dessen Erscheinen lauerte.

Im Endeffekt schien es trotzdem aussichtslos, denn die Zeit trieb ohne das erhoffte Werfen des ärztlichen Notankers fort. Stattdessen musste er erkennen, welcher Herkunft die vernommenen Unterhaltungen waren. Folglich stellten sie lediglich ein paar Filmsequenzen dar und die Stimme des Notarztes entlarvte sich als der auswendig gelernte Drehbuchtext irgendeines Schauspielers. Somit sah die Versuchung unbeeinflusst fern, indessen er zu Grunde ging.

Das gesamte Geschehen sei einfach unfassbar, dachte er noch, ehe sich in diesen stressigen Minuten sein gewaltiger Nikotinkonsum und der reichliche Alkoholmissbrauch rächten. Daher ereilte ihn ein starkes Druckgefühl hinter dem Brustbein. Anbändelnd strahlte diese Bedrängnis auf die linke Schulter samt dem Arm und dem Hals aus. Inzwischen war ihm übel und die Angst trieb ihm den Schweiß aus den Poren, bevor das plötzliche Erbrechen seine nackte Haut und das Bett beschmutzte. So verdeckte die Kotze seine auffällige Blässe, derweil er die eigene Atemnot diagnostizierte.

In dieser schmierigen Beklemmung sollte es einfach keine Stunde Null für ihn geben. Es war lediglich statthaft, dass jenes kontinuierliche Flimmern des Bildschirmes den Großteil der Wohnung mit der Missachtung seiner hilflosen Person belichtete. Immerhin schaute sie gerade einen Film, dessen Handlung auf ihre Tränendrüsen drückte, indes sie gemütlich auf der Couch saß und den restlichen Wein trank.

Dann kochte die emotionale Erregung über und ihre Wangen wurden benässt, währenddessen sein substanzielles Bewusstsein schwand. Letzten Endes gaben das Herz und der Kreislauf auf, womit seine sexuelle Gier unbefriedigt sowie endgültig im Bett einer beispiellosen Versuchung endete.



Kapitel 2:

Welkes Laub


An einem wolkenverhangenen Tag erblickte in der Stadt Beeskow, die achtzig Kilometer südöstlich von Berlin direkt an der Spree lag, ein Knabe das Licht der Welt. Demnach waren es die Schreie des neugeborenen Glenn, die durch das Beeskower Krankenhaus hallten und fast das Glas zum Springen brachten.

Der tragische Umstand, dass seine Mutter nicht gerade gut begütert war, sorgte nach der Entlassung aus dem Krankenhaus für den Einzug in das großelterliche Haus. Somit konnte Glenns Mama das wenige Geld, das sie verdiente, in den Gaststätten Beeskows verprassen, weil die Großeltern ständig für einen gut gefüllten Kühlschrank hafteten. Außerdem kleideten die herzlichen Grauhaare Glenn und dessen Mutter ein oder spendierten größere Anschaffungen, um die wohnliche Gemütlichkeit zu garantieren.

Auch das durch den mütterlichen Eigennutz entstandene Loch in Glenns Erziehung stopften die Großeltern, die sich durchweg um ihren Enkelsohn kümmerten. Tonangebend lenkten sie den kindlichen Werdegang auf geordnete Bahnen.

Glenns Vater, der ursprünglich aus Nordafrika stammte und bereits seit etlichen Jahren in West-Berlin wohnte, besuchte seinen Sohn jedes Jahr zum Geburtstag. Zu diesem Anlass fuhr er mit einem Wagen des Taxiunternehmens, bei dem er beschäftigt war, vor und beschenkte Glenn mit verschiedenen Süßigkeiten sowie modischen Kleidungsstücken. Dafür ließ er sich feiern, zumal niemand wissen konnte, dass er nur den billigsten Ramsch gekauft hatte.

Nachdem der Taxifahrer und sein Sohn eine Spritztour unternommen hatten, genügte der kleinste Grund, damit sich Glenns Eltern stritten. Dabei prügelte der Vater immer auf die Mutter ein, was Glenn als besonders furchtbar empfand, weil er beide Elternteile sehr liebte.

Zu fortgeschrittener Stunde kam es dann zum schmerzlichen Höhepunkt, weil der Vater die Heimfahrt antrat. Es war immer ein verlustreicher Abschied, bei dem Glenn mit verweinten Augen dem gelben Taxi-Schriftzug nachsah. Im Anschluss musste er ins Bett, um für die Schule ausgeschlafen zu sein. Überschlagend wertete er nun den Streit der Eltern aus, weshalb seine Auffassungsgabe mit einer tiefen Trauer erfüllt war. Außerdem quälte ihn diesmal die Geschichte seines Vaters, der aufgeregt berichtet hatte: „Neulich stand ich mit meinem Taxi vor einem Bahnhof und wartete auf Kundschaft, da beschimpften mich ein paar Jungen, die etwa so alt waren wie Glenn.“

„Bei solchen Kindern sollte man als Erwachsener gar nicht reagieren“, hatte die Mutter geäußert.

„Halt deine Fresse, wenn ich mit meinem Sohn rede!“, hatte der Vater geflucht, ehe er angehangen hatte, „die Bengel nannten mich Motherfucker, woraufhin ich aus dem Taxi sprang, um sie zu verprügeln. Doch ich erwischte sie nicht. Stattdessen stellte ich beim Einsteigen ins Auto fest, dass sie mich beraubt hatten.“

„Wie meinst du das, Papa!“, war Glenn erschrocken.

„Sie wollten mich nur aus dem Wagen locken. Es war ihnen klar, dass ich auf ihr Provozieren sofort reagiere und ihnen nachrenne, ohne zuvor mein Portmonee einzustecken“, hatte der Vater gezischt.

Glenns Erinnerung wich von ihm und er lag wieder im Bett. Folglich ballte er die Fäuste und schwor, niemand dürfe seinen Vater abziehen. Überdies erfassten rachsüchtige Grübeleien alle Teile seines Gehirnes, bis sich seine gedankliche Verblassung schärfte und er sich bereits inmitten seiner Schulklasse befand. Dadurch fühlte er, dass alle Augen auf ihn gerichtet seien. Scheinbar seien er und sein Vater abgestempelte Schwächlinge, denen man alles wegnehmen könne, zweifelte er. Seine Mitschüler betrachtend ordnete er sie ausnahmslos in das passende Täterbild ein, weshalb er sie augenblicklich verachtete. Fortan vermied die kindliche Ausprägung seines Verstandes jegliche Unterhaltung mit den Mitschülern und er kehrte tief in sich. Erst nach ein paar Tagen wandte er sich einzig und allein Udo zu, zu dem er seit geraumer Zeit ein gewisses Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte.

Mit dem Beginn der Sommerferien nahm die Mutter Glenn zu ihrer Arbeitsstelle mit, die ein großes Kombinat war, in dem eine industrielle Mast betrieben wurde. Folglich durfte er auf dieser Hühnerfarm seiner kindlichen Neugier nachgehen.

Schließlich führten ihn seine freilaufenden Erkundungen in eine riesige Halle, in der er gelb sah, denn der Boden war voller Küken.

Entgegen eines altersgerechten Verhaltens empfand er keine Freude beim Anblick des niedlichen Federviehs. Im Gegenteil, das Gelb erinnerte ihn an das abfahrende Taxi seines Vaters und die Nachgeschmäcke dessen Besuches. Zusammenbrauend drifteten Glenns Gedanken ab und er hatte eine kurze Lunte, durch die er wusste, was zu tun sei. Also setzte er wie ein drahtiger Leichtathlet einen Fuß vor den anderen, bis er die Halle viermal umrundet hatte. Im Anschluss verließ er den Zuchtraum. Allerdings tat er dies nicht, ohne sich noch einmal umzudrehen. Dabei zeigte sich ihm das Ausmaß seiner sportlichen Aktivität, denn das dargebotene Bild glich einem lebendigen Daunenteppich, dessen Umrandung regungslos war. Es war die Symbolisierung des Todes und er hatte sie vollbracht. Aufziehend erfüllte ihn ein grenzenloses Machtgefühl, wonach er unter freien Himmel trat und sich die lebensspendende Sonne auf die Haut scheinen ließ.

Doch diese Freimachung konnte Glenn nicht vor einem Unfall, den er auf der Heimfahrt mit dem Fahrrad erlitt, schützen. Es waren seine beflügelten Gedanken, die ihm die Sicht auf diese große Wurzel, die seinen Weg kreuzte, verwehrten. Entspringend schlitterte das Hinterrad weg und er brauste in den Wald, in dem es ihn über den Lenker wuchtete. Im Resultat zerfetzte die Hose, die ihm der Vater zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Betreffend ärgerte er sich, denn der Vater habe ihm die Hose gekauft, obwohl er vorher ausgeraubt worden sei.

Der einsetzende Kummer schuf ein eigennütziges Schema, denn sein betäubtes Fantasiegebilde schuf abermals eine kurze Lunte, die forderte, er solle sich erneut an unschuldige Geschöpfe vergreifen. Immerhin konnte er so über das Leben und den Tod entscheiden, wodurch er mächtiger war als das Pack, das seinen Vater beraubt hatte.

Am Nachmittag umarmte ihn die Ablenkung, denn er traf Udo auf dem Spielplatz, der sich inmitten einiger Häuserblöcke befand und zum ständigen Treffpunkt der beiden Freunde geworden war.

Unterdessen die Zeit verstrich, bemerkten sie, dass sie nicht allein seien. Schließlich war auch diese prachtvolle Katze anwesend, die nicht gerade den Eindruck erweckte, ein streunendes Tier zu sein. Im Gegenteil, das helle cremefarbene Fell, das in der Sonne glänzte, und die dunkelbraunen Points, die sich auf dem Gesicht, den Ohren, dem Schwanz und den Pfoten befanden, zeugten von der unverwechselbaren Siamrasse, die aus Gründen der kostspieligen Anschaffung garantiert einem der hier wohnhaften Mieter gehörte.

Schon bewegte sie sich geschmeidig auf die beiden Jungen zu, woraufhin Glenn seine rechte Hand nach ihr ausstreckte. Daraufhin näherten sich diese strahlend blauen, mandelförmigen Augen, sodass er behutsam begann, das Fell zu streicheln.

Nun schmiegte sie sich an seine Beine, woraufhin er das Nackenfell packte und sie in die Höhe hob.

Mit grimmigem Gesicht und strengem Tonfall forderte er Udo auf: „Halte die Katze fest!“

Udo war überrascht, aber er gehorchte trotzdem. Also nahm er das verängstige Tier an sich. Anschließend erfasste sein ahnungsloser Blick einen Strick, den Glenn aus der Hosentasche zog. Die daraus gebundene Schlinge legte er der schönen Katze um den Hals, bevor er von Udo verlangte: „Los, wir gehen zum Klettergerüst!“

Dort band Glenn das andere Ende der Schnur an die höchste Stelle der Stangenkonstruktion und ersuchte völlig lässig: „Du kannst die Katze jetzt loslassen.“

Damit endete die Schonzeit und die Angst des Tieres empfing ihren Lohn. Ringend setzte ein hektisches Zappeln ein, derweil Udo endlich erfahren wollte, warum dieses prächtige Tier sterben sollte. Allerdings verkniff er sich jegliche Fragen, nachdem er die leuchtenden Augen seines Freundes wahrgenommen hatte.

Dann erklang dieses grässliche ohrenbetäubende Gejammer, das durch die Luft hetzte und drohte, die Leute in den umliegenden Häusern aufzuschrecken. Doch Glenn reagierte und griff nach einem neben ihm liegenden Knüppel, mit dem er auf die baumelnde Katze einschlug. Insofern ließen nach dem fünften Schlag die Kräfte des gewürgten Tieres nach und eine trauernde Stille kehrte ein.

Für Glenn war diese scheinbare Selbstaufgabe noch nicht zufriedenstellend, weshalb er sich ein paar faustgroße Steine suchte, mit denen er das wehrlose Tier bewarf. Betreffend benötigte er nur zwei Würfe, um ein nochmalig elendes Wehklagen zu bewirken. Hinzu strampelte die Katze wild umher, womit ein verzweifelter Befreiungsversuch entstand, der in Udo das Erbarmen erweckte. Folglich war er nicht länger bereit, den Qualen zuzuschauen. Also griff er in seine Hosentasche und holte ein Taschenmesser heraus, mit dem er entschlossen an das leidende Tier herantrat. Er setzte einen Schnitt an, womit der Todeskampf endete, weil die scharfe Schneide den Strick durchtrennte. Nachfolgend rannte die flüchtende Katze, so schnell sie konnte.

Wenige Sekunden später war das edle Tier dem Sichtbereich der Peiniger entschlüpft und Glenn schwenkte seine Augen zu dem vertrauten Retter, dessen Weichheit er aber gelassen hinnahm. Schließlich verspürte er bereits durch die ausgeübte Macht seine Genugtuung, wodurch das Ende zur Nebensache wurde.

Endlich war wieder ein Jahr vorbei und Glenns nächster Geburtstag stand an. Folglich sehnte er den Besuch seines Vaters herbei, der aber nicht erschien. Es gab noch nicht einmal einen Brief, der das Fernbleiben erklärte. Deshalb traf mit dem Beginn der kommenden Woche ein innerlich zerrissener Junge zum Unterricht ein, auf dessen Ablauf er sich nicht im Geringsten konzentrieren konnte. Schließlich hatte ihm seine Prägungszeit zuviel abverlangt, weshalb seine Gedanken in einer großen Stadt fährteten. Betreffend weihte er am Nachmittag Udo ein: „Hör mal, ich werde einen wildfremden Menschen umlegen! Bist du dabei?“

Udo war schockiert, aber er wollte nicht als Feigling dastehen. Folglich erwiderte er: „Glenn, wenn das rauskommt, buchten sie uns ein.“

Glenn kicherte: „Die Bullen können eine solche Tat nicht aufdecken, weil es keine Verbindung zwischen uns und dem Opfer geben wird. Schließlich schlagen wir in einer beliebigen Stadt fernab von Beeskow zu.“

Udo wurde nachdenklich: „Wer weiß, wie lange es dauert, bis wir ein geeignetes Opfer finden. Wir benötigen einen vollen Tag, weshalb wir den Eltern eine passende Story auftischen müssen.“

Glenn fühlte sich verstanden: „Wir sagen einfach, dass wir den Berliner Tierpark besuchen.“

Udo versank in herrliche Erinnerungen, woraufhin seine Gedanken zum Alfred-Brehm-Haus stolzierten, vor dem er auf die riesigen Löwenstatuen kletterte. Hierzu erklomm er jedes kunstvoll gestaltete Detail, weswegen er immer seinen Eltern zurief: „Schaut her, wie wunderschön diese formvollendeten Statuen sind!“

Im Anschluss beobachteten er und seine Eltern die lebendigen Raubkatzen, von denen eine faszinierende Fesselung ausging. Entgegengesetzt waren auch die geschmeidigen Jäger gefesselt. Es war nicht der Umstand des umgebenen Käfigs, in dem sie systematisch das Gitter abliefen und die Schaulustigen anstarrten. Nein, es war vielmehr die Zeit, die sie einkreiste, bis sie endlich ihren würgenden Biss in das rohe Fleisch quetschen könnten.

Nachdem sich Udo sattgesehen hatte, verweilte er am Krokodilbrunnen, in den er ein paar Münzen warf. Hinterher steuerten er und seine Eltern einen nahe gelegenen Imbiss an, an dem sie sich stärkten. Hierbei lächelten sie sich an, denn der Ausflug in die ferne Tierwelt war erholsam und spaßig.

Doch beim nächsten Besuch solle es um die Lebenseinschränkung eines Menschen gehen, stieß es ihn in die Gegenwart zurück, wobei er ahnte, es sei kein Scherz. Immerhin verstand er Glenns konsequente Überzeugung als ehrlich. Damit blieb Udo nur noch übrig, sich eine gewisse Zeit zu verschaffen. Deshalb vertröstete er Glenn: „Einen solch abgedrehten Vorschlag muss ich mir in Ruhe überlegen.“

Fortan mied Udo Glenns Gegenwart. Zwar sahen sie sich in der Schule, aber er beachtete ihn einfach nicht. Außerdem blieb er dem Spielplatz und allen anderen gemeinsamen Treffpunkten fern. Dadurch hoffte er, dass Glenn seinen Vorschlag vergaß. Gegenüberstellend kam ein Tag, an dem sein Weg zu dem Spielplatz, wo sie sich immer getroffen hatten, führte.

Schon aus der Ferne sah Udo, dass Glenn dort war. Also trat er langsamen Schrittes an ihn heran und vernahm dessen herausgequälte Worte: „Hallo Udo, wir haben ja lange nichts miteinander zu tun gehabt.“

„Grüß dich, Glenn!“, erwiderte Udo, der ebenfalls genervt schien.

Nun hingen sie zusammen ab, weshalb Glenn punktierte: „Ich hoffe, du entscheidest dich für einen anstehenden Mord in Berlin. Dann werde ich endlich meinen heilenden Seelentrost finden.“

„Ja, mir geht es genauso“, gab Udo bereitwillig an, „es wird herrlich, wenn wir in der Großstadt zuschlagen.“

Udos geneigte Entschlossenheit hing mit einem Erlebnis vor wenigen Tagen zusammen. An jenem Datum hatte er sich auf den anstehenden Geburtstag seiner Mutter gefreut, zumal ihm seine Familie stets das Wichtigste war. Insofern sorgte dieses Fest für eine lustige Runde, in der die Gäste harmonisch schwatzten und tranken. Hinzu war in der Küche ein reichhaltiges Buffet aufgetafelt, von dem es sich die Gäste schmecken ließen, bevor sie sich protzig einer alkoholischen Orgie hingaben. Damit trafen kalte Getränke auf schweißige Ausdünstungen, wodurch ein Sturm der Lebendigkeit aufzog und Udo ins Bett wehte.

Er sei eben noch zu jung, dachte er, da betrat sein Vater das Zimmer. Wankend steuerte er das Bett seines Sohnes an und forderte lallend: „Los Udo, zeige mir deine schriftlichen Arbeiten sämtlicher Schulfächer!“

Normalerweise kümmerte sich immer die Mutter um die schulischen Angelegenheiten. Zumal sie auch ständig die Zensuren mit ihrer Unterschrift gegenzeichnete, weshalb einzig sie einen Überblick über die Leistungen ihres Sohnes hatte. Jedoch wusste Udo, dass eine Diskussion mit dem Vater sinnlos sei. Also gehorchte er und legte die pädagogischen Plagen offen.

Zunächst verlief alles ganz nett und er erntete viel Lob, bis das Familienoberhaupt den Drang verspürte, die Toilette aufzusuchen. Hierdurch war für Udo die Angelegenheit erledigt und er packte alle Aufzeichnungen zurück in die Schulmappe. Doch noch während er die Toilettenspülung hörte, betrat der Vater erneut das Zimmer.

Jetzt galt sein Interesse der Mathematik, was nicht dem Wunsch seines Sohnes entsprach. Immerhin überblickte Udo, wie sehr er bei der letzten schriftlichen Arbeit versagt habe.

Kaum lag diese Schmach seinem Vater vor, verschwand das Lächeln auf dessen Gesicht. Addierend entstand eine bedenkliche Konstellation, die vom Fusel getrieben mehrmals die flachen Hände des Vaters in Udos Gesicht schmetterte.

Erst als der Bube seine Hände schützend vor die Wangen hielt, verließ der trunkene Mann das Zimmer und unterhielt sich wieder bei bester Laune, Bier und Schnaps mit den geladenen Gästen.

Währenddessen litt Udo und ergründete das Warum. Schließlich fand er die Antwort, die für seelische Marterungen sorgte, denn er wurde wohl von der eigenen Mutter verraten. Dadurch standen ihm einige Tage des inneren Aufruhrs bevor, denn sein Verstand plagte ihn ausschließlich mit dieser Untreue. Daraus ergab sich eine Haltlosigkeit, die ihn jenseits von Gut und Böse stieß. Folglich verspürte er den Drang, jemanden zu bestrafen. Also zog es ihn zu Glenn.

Jedoch war die blutige Tat noch nicht heran. Stattdessen hielt der Frühling seinen Einzug und mit ihm kamen angenehme Temperaturen über das Land. Außerdem zeigte die Natur ihr schönstes Gesicht, weshalb es Glenn und Udo in die Wälder zog. Zielstrebig rüsteten sie sich mit einem Spaten und einer Schaufel aus, um eine unterirdische Höhle auszuheben. Fortschreitend erkoren sie ein kleines Waldstück, das unweit von Glenns Zuhause lag. Dort schnitt sich das dünne Metall ins Erdreich und nach einer Stunde waren sie einen Meter in die Tiefe gedrungen.

Danach verabschiedeten sie sich erschöpft voneinander und gingen nach Hause, wo sie duschten, ehe sie sich beim Abendbrot stärkten. Im Anschluss gingen sie zu Bett, um ihre Kräfte für den nächsten Tag zu sammeln.

Erneut war die Schule aus, weshalb sich Glenn und Udo weiter in den märkischen Boden gruben. Zum Abschluss an diesem Tag hatten sie bereits große Probleme, die entstandene Tiefe zu verlassen. Daher stand es fest, dass sie am morgigen Tag mit dem einseitigen Ausschälen der eigentlichen Höhle beginnen konnten.

Endlich waren wieder die Nacht und die Schule vorbei, da setzten sie zum Sprung in die Grube an. Aushöhlend trugen sie den Sand von der erwählten Wand ab, bis der zukünftige Eingang entstand. Damit gab es diesen auf dem Boden aufsetzenden Halbkreis, dessen Radius achtzig Zentimeter betrug. Von dort trieben sie einen drei Meter langen Tunnel ins Erdreich, von dem sie links und rechts die Erdmassen abschaben wollten.

Am folgenden Tag war es vollbracht und im Inneren konnten sie bequem sitzen. Allerdings war ihr Werk jetzt auch für neugierige Fremde interessant, weshalb sie es tarnten. Hierzu glätteten sie die Sandhaufen und verteilten ringsum ein paar morsche Äste und kleine Zweige. Für den Feinschliff sorgten kiloweise Kiefernnadeln, die sie überall verstreuten.

Damit war ein Geheimversteck entstanden, in dem sie täglich ausharrten und über die anstehende Tat in Berlin redeten.

Ebenso verhielt es sich an jenem Tag, als plötzlich Sand von der Decke rieselte. Deshalb forderte Udo: „Los Glenn, wir müssen unverzüglich die Höhle verlassen!“

„Mach dir mal nicht gleich in die Hose, du Angsthase!“, lachte Glenn und machte mit einer abfälligen Handbewegung seine Ignoranz deutlich. Er war eben absolut furchtlos und trotzte der Gefahr, währenddessen Udo es vorzog, aus der Unterkunft herauszutreten. Entkommend stand er am sicheren Rand, als die Konstellation in einem Abgrund gipfelte. Erkennbar stürzten die Erdmassen zusammen und eine finstere Last hielt Glenn dessen klägliches Dasein vor Augen.

Welche Gedanken ihn in seinen letzten Sekunden ergriffen, blieb Udo verborgen. Doch es war auch nicht wichtig, denn die Hilflosigkeit plagte ihn. Zwar schabte er die Sandmassen mit seinen bloßen Händen beiseite, aber es war sinnlos.

Seine eigenen Möglichkeiten der Rettung des Freundes waren derart begrenzt, dass er sich schnell entschloss, Hilfe zu holen. Jedoch führte ihn die Sorge zunächst auf einen ziellosen Weg, bis er endlich auf das Zuhause seines Freundes zuhielt.

Kreischend machte er auf sich aufmerksam und sputend ertasteten seine Pupillen den Großvater des Verschütteten. In der Folge schmetterte eine chaotische Formulierung der Aufklärung auf die Membranen des alten Mannes: „Glenn ist in der eingestürzten Höhle, ich konnte ihn nicht freigraben. Er ist verschüttet.“

Mit der Registrierung der schweren Situation, in der sich sein Enkelsohn befand, rief er kreidebleich seinem Nachbarn zu: „Alarmiere augenblicklich einen Rettungswagen und schicke ihn in das nahe gelegene Waldstück, weil dort Glenn mit dem Tod ringt!“

Danach rannte er mit Udo los und forderte: „Zeige mir sofort die Stelle, wo sich Glenn befindet!“

Flugs war die Grube erreicht und am Rand des beklemmenden Wahnsinns rechnete er mit dem Schlimmsten. Aber noch wollte er des Schicksals Fügung nicht wahrhaben, weshalb er kniend die lockeren Erdmassen beiseite schob.

Dann packte seine Hand tatsächlich einen Schuh, unterdessen sich die laute Sirene des Rettungswagens in seine Gehörgänge presste. Anschiebend forderte er Udo auf: „Zeige den herbeieilenden Helfern die Unglücksstelle!“, derweil er das Freilegen vorantrieb.

Kaum gesellten sich die Ersthelfer zu dem geschundenen Mann, gab dieser auf und brach in Tränen aus.

Es war einfach zuviel, weshalb er klagend die Hände vor das Gesicht hielt. Hinzu paarten sich animalische Schreie mit verzweifelten Seufzern und ein ehrliches Mitleid umgab ihn.

Trotzdem zerrten sie ihn beiseite, denn er war den Bergungsarbeiten im Weg. Folglich legten sie den kindlichen Körper rasch frei. Allerdings hatte der kurze Film der zügigen Rettung ein zu großes Zeitfenster beansprucht, weshalb der anwesende Notarzt nur noch den Tod des Jungen feststellen konnte.

Damit endete ein kurzes Leben auf tragische Weise und Glenns Mutter begann, sich selbstzerfleischende Vorwürfe zu machen. Immerhin hatte sie ihrem Kind nie die benötigte Liebe geschenkt. Stattdessen hatte sie nur ihr eigenes Leben gelebt. Überhaupt schien es, als sei Glenns gesamte Existenz sinnlos gewesen. Insofern war es nur ehrlich, als sie sich eingestand, Glenn werde sehr bald verblassen. Schließlich hatte ihr Sohn nichts Weltbewegendes hinterlassen. Wahrscheinlich kramte sie sein Antlitz nur noch an seinen künftigen Geburts- und Todestagen aus ihrem gedanklichen Archiv heraus. Ansonsten würde er aus dem Rahmen der Gegenwart herausfallen.

Anders verhielt es sich bei Udo. Für ihn geriet Glenn nicht in Vergessenheit. Genaugenommen waren da noch die Erzählungen über mögliche Opfer, wovon die geplante Fahrt nach Berlin die Krönung darstellte. Dieses fulminante Glanzstück legte in Udo eine Besessenheit frei, die in seine nächtliche Wirklichkeit ein abgestumpftes Repertoire pflanzte, woraufhin sich das Unfassbare anschloss. Folglich erspähten seine Sehorgane den todgeglaubten Glenn, der zielstrebig auf ihn zukam.

Natürlich fragte er sich, was hier geschehe. Also kramte er in der Gegenwart, um die Entschlossenheit dieser Auferstehung zu charakterisieren. Jedoch verstieß er die Beurteilung, weil Glenn mit fordernder Stimme fragte: „Was ist nun mit der mörderischen Fahrt nach Berlin?“

Genial, kitzelte es Udos Intellekt, da sei ja noch was. Letztlich wurde dieser gewünschte Ausflug dermaßen wichtig, dass jeglicher Unterschied zwischen Realität und Wahn verblasste. Daraus resultierend erkoren die beiden Freunde den morgigen Tag aus, um ihren angestauten Frust abzubauen, indem sie einen fremden Menschen kaltmachten.

Am frühen Nachmittag des Sterbedatums einer unschuldigen Person setzte sich in Beeskow der Zug nach Königs Wusterhausen in Bewegung und Glenn als auch Udo blickten in diese dunklen Kiefernwälder des märkischen Landes. Zwischendurch breiteten sich immer wieder diese weiten Felder aus, die von Menschenhand geschaffen wurden und rauschend von der heutigen Absicht sangen.

Von Königs Wusterhausen, das der Volksmund pusselig KW nannte, fuhren sie mit der S-Bahn in die Mauerstadt, in der sie am Alexanderplatz ausstiegen, um sich der Verunglimpfung zu widmen. Doch zunächst staunten sie über dieses touristische Zentrum, an dem der riesige Fernsehturm den Himmel kratzte. Ferner waren zwischen den großen Gebäuden tiefe Schluchten und schattige Schneisen entstanden, in denen man unbemerkt einzelne Individuen erwürgen könnte, wären nicht diese Massen zugegen. Also mussten sie geduldig agieren, weshalb sie schlendernd über den Alex promenierten.

Irgendwo außerhalb dieses Berliner Kernpunktes müsse das Massakrieren erfolgen, verinnerlichten sie noch, bevor sie von einer Ablenkung umhüllt wurden.

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