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Kurze Geschichten

Inhaltsverzeichnis

Der Gewinn

Ein Wochenende

Die Einweihungsparty

Herr B

Das Seminar

Das Geheimnis

Urlaub

Wie du mir, so ich dir

Wo ist sie

Unfassbar

Der Anruf

Der etwas andere Sonntag

Ein wichtiger Tag

Die Überraschung

Das Geschenk

Unerwartet

Macht der Gedanken

Wiederentdeckte Freude

Der Gewinn

Endlich Wochenende“, denkt Gabi. „Ich nehme die rechte Kasse. Obwohl man sich angeblich immer für die falsche Schlange entscheidet. Gleich kann ich meine Sachen auf das Förderband legen, viel ist es ja nicht und normalerweise geht es immer ganz schnell.“

Und wie sollte es anders sein: Sie hat sich für die Seite entschieden, an der es vor ihr ein Problem mit einer Bankkarte gibt.

„So ein Mist“, denkt sie. „Tief durchatmen, ich kann es jetzt eh nicht ändern. Womöglich habe ich es herbeigeredet, eher herbeigedacht. Egal, es ist Samstagnachmittag. Morgen kann ich ausschlafen und dann habe ich zwei Wochen Urlaub.“

Als Gabi dann wenig später bezahlen will, spricht sie ein Herr an.

„Entschuldigen Sie die Störung! Mein Name ist Walter, der Leiter des Marktes.“

Gabi zuckt unwillkürlich zusammen als ob sie etwas verbrochen hätte.

„Gibt es ein Problem?“

Sie wird augenblicklich nervös und wartet irritiert auf seine Antwort.

„Keine Angst, ich habe nur gute Neuigkeiten. Sie haben gewonnen!“

„Ich habe gewonnen? Wie meinen Sie das?“

„So wie ich es sage. Sie sind der 1.000.000 Kunde seit der Eröffnung unseres Marktes und wir haben für Sie eine Überraschung. Ihren Einkauf müssen Sie nicht bezahlen, das übernehmen wir. Den Hauptgewinn erhalten Sie in meinem Büro. Wenn Sie mir bitte folgen würden? Um Ihre Einkäufe kümmern wir uns und packen diese gleich für Sie ein.“

Gabi wird ganz zittrig. „Das gibt es doch nicht, ich habe noch nie etwas gewonnen. Was das wohl sein wird? Oder hat sich jemand einen Scherz erlaubt? Bestimmt ist das alles nicht wahr“, denkt sie und folgt dem Marktleiter.

Im Büro angekommen wird Gabi gebeten, auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Ihr klopft das Herz bis zum Hals. Total aufgeregt und mit bebenden Knien setzt sie sich.

„Zur Feier des Tages erst einmal ein Glas Champagner. Prost!“, sagt der Marktleiter und reicht ihr ein Glas.

Sie stoßen an und in dem Augenblick öffnet sich die Tür des Zimmers. Eine Frau in einer weißen Schürze betritt den Raum. Gabi dreht sich zu ihr um und sieht ein Baby in ihren Armen.

„Was wird das jetzt?“, denkt Gabi. „Soll ich für ein dunkelhäutiges Kind die Patin spielen? Es kann doch nicht sein, dass das der Gewinn ist! Und wenn, dann wäre das doch nicht wirklich ein Hauptgewinn. Ich sehe schon die Kosten, die dann im Nachhinein auf mich zukommen.“

Ihre Gedanken werden jäh unterbrochen.

„Ich freue mich, Ihnen unseren kleinen Jim überreichen zu dürfen!“, sagt die Frau im weißen Kittel.

„Ich bin hier wohl im falschen Film! Das gibt es doch nicht“, denkt Gabi. Doch laut sagt sie: „Das kann nicht Ihr Ernst sein!“

„Doch, das ist der heutige Gewinn für Sie. Sehen Sie doch, wie süß er ist…", sie schaut das Baby sanft an. „Den muss man einfach liebhaben!“

„Also ganz ehrlich, er sieht sicherlich recht süß aus. Schon allein wegen der schokoladenfarbenen Haut. Aber sorry, ich habe mit Kindern nichts am Hut. Ich wollte nie welche und ich kann auch nicht mit ihnen umgehen. Ich weiß nicht einmal genau, wie man ein Baby auf den Arm nimmt.“

„Oh, das ist ganz einfach. Hier, halten Sie mal“, sagt die Frau und legt ihr das Kind in die Arme.

Völlig überrumpelt lässt Gabi es geschehen. Ein warmes Gefühl steigt in ihr auf als sie den kleinen Wurm in ihren Armen hält. Eingehüllt in eine weiche, hellblaue Decke, schaut nur sein kleiner Kopf heraus. Intuitiv drückt sie das Kind an sich. Zeit vergeht. Sekunden, Minuten? Sie ist sich nicht sicher, doch sie fühlt sich plötzlich unendlich zufrieden. Ein unbestimmtes Gefühl, welches sie so noch nie in ihrem Leben hatte. Sie wiegt das Kind in ihren Armen, ganz langsam, hin und her. Es scheint ihm zu gefallen, denn es lächelt mit geschlossenen Augen. Nach einer Weile schaut sie auf. Die Augen der Frau im weißen Kittel strahlen Gabi an.

„Ich wusste, dass Sie die richtige sind!“, sagt sie, dreht sich um und verlässt das Büro.

Erschrocken wendet sich Gabi Herrn Walter zu.

„Das ist ein Scherz, oder? Denn niemand verschenkt ein Kind, als wäre es eine Puppe. Also, raus mit der Sprache: Was ist nun der echte Gewinn?“

„Den halten Sie tatsächlich in Ihren Händen.“

„Bin ich hier bei der versteckten Kamera? Jedenfalls kommt es mir so vor. Allerdings mit dem Unterscheid, dass ich weder bekannt, noch prominent bin. Aber klar, auch Normalbürger werden mal auf die Schippe genommen…“, etwas vom Thema abgekommen, schüttelt Gabi entrüstet den Kopf: „Ich schlage vor, dass Sie mir jetzt das Kind abnehmen und ich mit meinen Einkäufen nach Hause gehe, denn ich erwarte noch Besuch.“

Doch nichts dergleichen passiert. Stattdessen antwortet er:

„Ich kann Ihnen das Kind nicht abnehmen, denn es gehört jetzt Ihnen.“

„Es tut mir leid, aber ein Kind hat in meinem Leben nichts zu suchen. Sie müssen eine andere Person finden, die dafür Verantwortung übernimmt. Und überhaupt, wer gibt Ihnen das Recht, ein Kind zu verschenken? Was sagt das Jugendamt und andere Behörden dazu?“

„Das ist alles juristisch abgesegnet. Hier sehen Sie die Urkunde. Es ist nichts dem Zufall überlassen.“

„So ein Blödsinn. Sie und auch sonst niemand kennt mich. Außerdem habe ich einen Beruf, der mich voll und ganz einspannt. Ich habe keine Zeit für ein Kind. Es gibt weder einen Lebensgefährten, noch bin ich verheiratet. Absolut schlechte Voraussetzungen gepaart mit Null Kindererfahrung. Jetzt beenden Sie die Show, ich muss zur Essensvorbereitung nach Hause.“

Gabi will ihm das Baby geben, aber er dreht sich weg und sagt:

„In spätestens zwei Stunden wird die Erstausstattung bei Ihnen zu Hause angeliefert. Dazu gehört alles, was Sie benötigen: ein Kinderwagen, Kinderbett, Decken, Spielzeug, Fläschchen usw. Sie erhalten zusätzlich ein unbegrenztes Abo für Windeln, Flaschenmilch und später Breigläschen. Sowie Gutscheine für Kleidung für die ersten sieben Jahre. Der Kitaplatz ab dem ersten vollendeten Lebensjahr ist bereits reserviert. Jeden Monat gibt es eine garantierte Überweisung von 1.200 EUR auf Ihr Konto. Ach ja, das hätte ich fast vergessen: Eine Nanny gibt es bei Bedarf jederzeit, egal wie lange und zu welcher Uhrzeit. Selbstverständlich für Sie kostenlos, bis das Kind sechs Jahre alt ist. Hier sind die Kontaktdaten.“

„Das klingt alles recht schön und gut, aber ich will trotzdem kein Kind, auch nicht unter diesen Umständen. Nicht nur, weil mir jegliche Kenntnisse fehlen, die man benötigt, um ein Kind optimal zu betreuen.“

Ungerührt von ihrem Einwand fährt Herr Walter fort:

„Am Montag erhalten Sie Besuch vom Jugendamt, damit die notwendigen Formalitäten geklärt werden können. Außerdem von einer Krankenschwester, die Ihnen das notwendige Wissen beibringen wird. Sie ist dann so lange bei Ihnen, um Sie zu unterstützen, bis Sie in der Lage sind, alleine klarzukommen. Hier ist noch ein Maxi Cosi, darin können Sie das Baby transportieren. Unterschreiben Sie bitte hier für den Erhalt und notieren auch Ihre Adresse. Und dann bitte ich Sie, zu gehen, da wir jetzt gleich schließen werden und ich noch meinen Rundgang machen muss. Viel Vergnügen mit Ihrem Gewinn und noch ein schönes Wochenende!“

Völlig entgeistert schaut Gabi den Mann an.

„Sie kennen doch noch nicht einmal meinen Namen!“, protestiert sie hilflos.

„Hier unterschreiben und dann gehört Jim Ihnen. Jetzt gehen Sie endlich, ich habe für Sie keine Zeit mehr“, sagt er energisch.

„Das ist nicht Ihr Ernst, oder? Ich gebe Ihnen jetzt das Baby zurück und gehe dann nach Hause!“

Gabi hat es kaum ausgesprochen, da verlässt der Mann das Büro. Perplex steht sie da und fühlt sich zusehends unwohler in dieser Situation.

„Was mache ich jetzt bloß? Was, wenn es zu schreien beginnt? Ich habe weder Milch zum Füttern, noch Windeln, wobei ich sowieso nicht wüsste, wie ich die wechseln soll. Das ist ein Alptraum, nur mit dem Unterschied, dass ich nicht aufwachen kann, da es Realität ist.“

Sicherheitshalber kneift sie sich trotzdem. Es zwickt so, wie sie es gewohnt ist.

Nach kurzer Zeit merkt Gabi, dass ihr nichts anderes übrigbleibt, als das Baby mitzunehmen. Sie geht zu ihrem kleinen Auto, neben dessen Fahrertür ihre Einkaufstüten stehen. Unsicher und mehr als umständlich versucht sie den Kindersitz auf der Beifahrerseite mit dem Sicherheitsgurt zu befestigen. Die Tüten stellt sie anschließend in den Kofferraum. Kaum ist sie selbst eingestiegen und will losfahren, beginnt das Baby zu weinen. Sie beugt sich zu ihm hinüber und versucht es zu beruhigen, doch es wird sogar noch schlimmer. Das Weinen geht in Schreien über. Die Lautstärke nimmt von Sekunde zu Sekunde zu, so stark, dass ihre Ohren klingeln. Sie sieht kurz aus dem Fenster, ob jemand in der Nähe ist, aber der Parkplatz ist wie leergefegt. Da beschließt sie, auszusteigen und das Kind in die Arme zu nehmen. Sie kann den kleinen Jim tatsächlich wieder in den Schlaf wiegen und fährt nach Hause.

Dort angekommen erwartet Gabi bereits der Lieferservice, der die versprochenen Utensilien aus einem Transporter lädt. Zwei Männer bringen die Sachen in ihre Wohnung. Da diese bloß 65 m2 misst, verwandelt sich die sonst sehr ordentliche Wohnung schnell in ein einziges Chaos.

„Wo soll ich die Sachen nur unterbringen?“, denkt Gabi. „Nachher kommt Ben, was soll der von mir denken? Kochen muss ich auch noch. Und mich umziehen.“

Sie schaut auf die Uhr: „Sowas Blödes, nur noch eine Stunde Zeit. Am besten ich rufe die Nanny an, sonst schaffe ich das nie.“

Nachdem Gabi die Nummer gewählt hat, landet sie prompt auf einem Anrufbeantworter.

„Bitte hinterlassen Sie Ihre Telefonnummer, ich rufe Sie sobald wie möglich zurück.“

„Ja klar, war irgendwie zu erwarten“, murmelt Gabi missmutig. „Es hätte mich auch gewundert, wenn es anders gewesen wäre. Ob ich mit dem Kind in ein Krankenhaus fahre? Aber wer würde mir die Story glauben? Womöglich werde ich in die geschlossene Anstalt eingeliefert. Das mache ich dann doch lieber nicht.“

Gabi überlegt kurze Zeit und ruft ihre Mutter an. Aber auch diese ist nicht erreichbar, weil Gabi in der Aufregung vergessen hat, dass ihre Mutter auf Mallorca in ihrem Ferienhaus ist. Wo sie eigentlich Mitte nächster Woche ebenfalls hinfliegen wollte. Toll! Jetzt ist guter Rat teuer und zudem klingelt es an ihrer Wohnungstür. Wie auf Knopfdruck beginnt das Baby zu schreien. Nun steht sie da und weiß nicht weiter. Es klingelt erneut. Davon irgendwie wachgerüttelt, nimmt sie intuitiv das Kind auf den Arm und geht zur Tür

Im Hausflur steht ein Mann mit verärgerter Miene.

„Guten Tag, mein Name ist Renz. Ich bin seit einer Woche Ihr neuer Nachbar. Ein Postbote hat ein Paket für Sie abgegeben. Das wollte ich Ihnen bringen.", stirnrunzelnd betrachtet er das Baby. „Leider hat mir niemand gesagt, dass es hier im Haus ein Baby gibt, sonst hätte ich die Wohnung nicht genommen. Sie müssen wissen, ich bin Bäcker und muss morgens sehr früh aufstehen. Es wäre sehr schlecht, wenn Ihr Kind mich dann wachhält, weil es so laut schreit. Ich brauche meinen Schlaf! So eine Lautstärke… Das geht überhaupt nicht.“

Das Baby schreit weiter und von der Situation völlig überfordert, schließt Gabi einfach die Wohnungstür. Sofort klingelt es wieder. Es bleibt ihr nichts Anderes übrig als zu öffnen, da das andauernde Klingeln das Schreien des Kindes nur verstärkt.

„Hören Sie, das ist nicht mein Kind. Ich weiß auch im Moment nicht, wie ich es beruhigen kann“, sagt Gabi mit unsicherer Stimme.

„Nicht Ihr Kind? Das ist wohl ein Witz, oder? Ich sehe doch hier einen Kinderwagen in Ihrem Flur stehen. Also erzählen Sie mir keine Märchen!“

„Doch das ist so und ich weiß nicht, wie ich das Wochenende überhaupt überstehen soll.“

„Ach, geben Sie mal her“, sagt der Mann und nimmt das Baby an sich.

Sofort hört es auf zu schreien.

„Das gibt es doch nicht. Wie machen Sie das?“, fragt Gabi ihn erstaunt.

„Keine Ahnung“, lautet die überraschte Antwort. „Eigentlich kann ich gar nicht mit Kindern.“

“Kommen Sie doch herein“, sagt Gabi, „dann können wir weitersprechen.“

Nach kurzem Zögern betritt der Mann mit dem Baby im Arm die Wohnung und setzt sich nach Aufforderung auf einen bequemen, dunkelgrauen Sessel im Wohnzimmer. Das Baby schläft friedlich in seinen Armen.

“Möchten Sie etwas trinken?“, fragt Gabi leise.

„Nein, besten Dank“, ist die Antwort. „Ich will vielmehr wissen, wie das jetzt weitergehen soll.“

„Wenn ich das nur wüsste“, sagt sie. „Sehen Sie doch was hier alles bei mir herumsteht. Das wurde vorhin geliefert. Apropos liefern…“

Gabi springt von ihrer Couch auf, holt das Paket aus dem Flur, stellt es auf den Wohnzimmertisch und öffnet es.

„Hab ich mir doch gedacht“, murmelt sie. „Babynahrung. Ich sollte vielleicht mal lesen, wie man die Ersatzmilch zubereitet. Wenn es wieder aufwacht, hat es sicher Hunger.“

„Sie wissen nicht, wie das geht?“, fragt Herr Renz erstaunt.

„Nein, woher auch. Ich habe keinerlei Erfahrung mit Babys.“

„Das gibt es doch nicht. Keine Mutter würde jemandem ein Kind überlassen, der sich in solchen Sachen nicht auskennt. Wenn Sie mir hier etwas vorspielen wollen, dann lassen Sie das jetzt gefälligst. Ich finde das überhaupt nicht lustig!“

„Ich mache nichts dergleichen. Dazu ist mir nicht Zumute. Ich bin eher verzweifelt, weil ich mir so hilflos vorkomme.“

„Selbstmitleid ist jetzt aus meiner Sicht fehl am Platz, Sie müssen…“

Sein Satz wird durch ein Klingeln an der Tür unterbrochen.

„Oh Gott“, entfährt es ihr. „Das ist sicher mein Besuch, den ich erwarte. Na der wird schauen. Und das versprochene Dinner – ich habe noch nicht einmal damit angefangen.“

Gabi geht zur Wohnungstür und macht sie auf. Vor ihr steht ein kleiner, schwarzhaariger Mann.

„Frau, Entschuldigung, kein gutes Deutsch, ich Türke, haben Wasser.“

„Was meinen Sie damit? Wollen Sie sich eine Flasche Wasser borgen? Aber wer sind Sie überhaupt?“

„Ich unten“, er deutet mit der Hand auf den Boden und sagt: „Wo Sie haben Wasser?“

„Ich verstehe Sie nicht, was für Wasser?“

„Ihr Bad.“

„Sie wollen zu mir ins Badezimmer?“

„Ja, wegen Wasser. Muss prüfen.“

„Sie müssen mein Wasser prüfen? Wozu?“

„Wasser bei mir, von hier.“

„Was!“, ruft Gabi entsetzt, als sie versteht, um was es geht, und rennt in ihr Bad.

Doch sie kann aufatmen, da ist nichts Auffälliges, auch nicht in der Küche. Sie will wieder zur Tür gehen, um dem Mann mitzuteilen, dass das Problem nicht bei ihr liegt. Doch der steht bereits im Wohnzimmer und hat das Kind auf dem Arm. Schnell stürmt sie zu ihm und entreißt ihm Jim mit den Worten:

„Na hören Sie, ich kenne Sie nicht mal!“

Der Mann schaut sie völlig entgeistert an.

„Warum Angst, habe auch Kind, zwei.“

„Das kann ja sein, aber Sie können nicht einfach mein Baby auf den Arm nehmen. Im Übrigen ist hier kein Wasser. Der Rohrbruch, oder was das auch immer bei Ihnen ist, kommt nicht von mir. Sie müssen woanders nachschauen.“

„Nicht hier? Ist in mein Schlafzimmer. Muss von hier.“

„Dann schauen Sie doch selbst nach, wenn Sie es mir nicht glauben.“

Der Mann geht durch alle Räume und findet tatsächlich nichts, was die Überschwemmung in seiner Wohnung erklären könnte.

„Gehe jetzt zu Meister vom Haus, bin alleine, Frau bei Mutter. Kommt morgen. Kann helfen.“

„Sie kann mir helfen? Wie meinen Sie das?“

„Mit Baby, kann gut.“

„Ich brauche keine Hilfe, denn ich habe schon eine hier“, sagt sie schnell und deutet dabei auf ihren Nachbarn, der noch im Sessel sitzt. Sie ist ganz durcheinander von so viel Hilfsbereitschaft.

Dieser springt plötzlich wie von einer Tarantel gestochen auf und ruft:

„Womöglich kommt es aus meiner Wohnung! Ich muss jetzt gehen. Kommen Sie mit?“

Die beiden Herren verlassen die Wohnung und Gabi steht wieder ganz alleine da. Naja, fast ganz alleine.

„So ein Mist“, denkt sie. „Was mache ich jetzt?“

Kaum ist die Tür ins Schloss gefallen, klingelt es schon wieder. Jim beginnt abermals mit Schreien.

„Ich drehe noch durch!“ stöhnt sie. „Was ist das bloß für ein Tag?“

Das Baby auf dem Arm wiegend, geht Gabi zur Tür und öffnet. Vor ihr steht ein junger Mann mit einer Kiste aus weißem Styropor.

„Haben Sie ein niedliches Baby, darf ich es mal halten?“, fragt er.

„Nein, ganz sicher nicht“, bekommt er die schroffe Antwort. „Was wollen Sie?“

„Schade, ich wollte schon immer mal ein Baby halten.“

„Das ist mir egal und ich bin mir sicher, dass die Zeit für Sie noch kommen wird. Also, was …“, und bevor sie den Satz vollenden kann, unterbricht er sie.

„Ich habe hier Ihre Bestellung.“

„Das kann nicht sein. Ich habe nichts bestellt.“

„Wir haben einen Anruf erhalten, dass wir hier zu Ihnen ein großes Asia-Menü bringen sollen. Das ist auch schon bezahlt worden.“

„Da muss es sich wohl um einen Fehler handeln, denn ich habe noch nie asiatisch bestellt.“

„Ich nehme das nicht wieder mit!“

Schnell stellt er die Kiste hin und verschwindet in Richtung Treppe. Jim hat sich in der Zwischenzeit wieder beruhigt. Gabi legt ihn in den Kinderwagen im Flur und bringt anschließend das Essen in die Küche.

„Jetzt behalte die Nerven. Du musst ein Fläschchen für das Baby machen“, sagt Gabi zu sich selbst.

Dann liest sie die Gebrauchsanweisung und bereitet etwas umständlich die Milch zu. Als sie damit fertig ist, macht sich eine gewisse Erleichterung bei ihr breit.

„Wunderbar“, denkt Gabi, „und jetzt aufräumen. Bestimmt kommt gleich Ben.“

Ihn hatte sie über ein Internetportal kennengelernt und heute sollte ihr drittes Treffen sein. Doch mit dem Aufräumen wird es nichts, denn das Baby beginnt wieder zu schreien. Sie holt es aus dem Kinderwagen, hält in ihrem linken Arm und geht mit ihm zur Bank am Esstisch. Das Fläschchen hatte sie zuvor schon auf dem Tisch abgestellt. Sie setzt sich und versucht, dem Kind die Flasche in den Mund zu geben.

„Gar nicht so einfach“, murmelt Gabi nach einigen Fehlversuchen. Doch dann klappt es.

Das Baby nuckelt still vor sich hin. Bei ihr macht sich ein wohliges Gefühl breit. Gabi beginnt die Situation zu genießen.

„Wie schön das ist“, sagt sie zu sich selbst. „Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas gefallen könnte.“

Als das Fläschchen leer ist, erinnert sich Gabi, dass ein Baby Bäuerchen machen sollte. Sie steht mit ihm zusammen auf, holt ein Geschirrhandtuch und legt dies auf ihre linke Schulter. Schon nach kurzer Zeit ist es vollbracht und sie legt ihn wieder in die Kuhle, die zwischen ihrem Arm und ihrem Körper entsteht. Verträumt schaut sie Jim an, bewundert die großen braunen Augen und seine langen Wimpern. Ein paar Minuten später bemerkt sie einen speziellen Geruch.

„Oh nein“, denkt Gabi, „wie soll ich das denn anstellen?“

Sie sucht mit dem Kind auf dem Arm in den Paketen nach Windeln. Ganz schnell findet sie sogar eine Polsterunterlage, Einmalabwischtücher und Salbe.

„Und wo veranstalte ich das jetzt? Ich bin einfach nicht dafür eingerichtet.“

Sie entschließt sich für den Esstisch und breitet darauf ein großes Handtuch. Dann die Unterlage und anschließend das Baby. Obwohl sie nicht genau weiß, wie sie es anstellen soll, beginnt sie mit dem Aufknöpfen des Strampelanzugs. Es läutet erneut. Sofort beginnt das Baby zu weinen.

„Scheiße!", im wahrsten Sinne des Wortes, „Das passt jetzt überhaupt nicht“, flucht Gabi.

Das nervtötende Läuten erklingt erneut. Richtung Wohnungstür ruft sie: „Einen Moment, ich komme sofort!“

Sie knöpft den Strampelanzug wieder zu und geht zum Flur, um zu öffnen. Vor ihr steht Ben, der ganz ungläubig auf das Baby schaut:

„Äh… Gabi. Was für eine Überraschung. Hast du Besuch?“ Er schaut auf seine Uhr.

„Wenn du Jim Besuch nennst, dann: ja.“

„Ich dachte eher an jemanden, zu dem das Kind gehört, nicht das Kind selbst.“

„Komm einfach mal rein. Ich erkläre es dir gleich. Leider konnte ich die Sachen, die hier überall im Weg stehen noch nicht aufräumen, weil ich nicht weiß, wohin damit. Normalerweise ist es bei mir immer aufgeräumt.“

Jim weint immer noch.

„Was ist denn mit dem Baby los?“, fragt Ben. „Das ist aber ein süßer Kerl!"

„Ich sollte die Windeln wechseln, weiß aber nicht so genau, wie. Habe darin keinerlei Erfahrung.“

„Na da bist du Glückliche ja genau an den Richtigen geraten. Ich habe fünf kleinere Geschwister und mehr Übung darin, volle Windeln zu wechseln, als mir lieb ist. Komm, ich zeige es dir.“

In ein paar Minuten ist alles erledigt und der Kleine schläft selig im Kinderwagen.

„Ich habe in der Küche ein Asia-Menü, das mir gebracht wurde ohne es zu bestellen“, wundert sich Gabi erneut. „Wollen wir das zusammen essen? Zum Kochen bin ich leider nicht gekommen.“

„Ja, gern. Dann kannst du mir auch erzählen, was es mit dem Baby auf sich hat.“

Nach dem Essen setzen sich beide auf die Couch. Gabi öffnet eine zweite Flasche Rotwein.

„Ich kann deine Geschichte immer noch nicht ganz glauben. Das ist doch mehr als merkwürdig. Aber wenn es für dich ok ist, dann würde ich übers Wochenende hierbleiben und dir helfen? Montagfrüh muss ich allerdings zur Arbeit. Dann muss ich ein wichtiges Projekt für unsere Firma präsentieren.“

Erleichtert stimmt Gabi zu und es wird für beide nicht nur ein unerwartet gemütliches Wochenende, sondern sie kommen sich erstaunlich schnell näher.

Kurz nachdem Ben am Montag gegangen ist, klingelt es an der Tür. Dieses Mal schreit das Baby nicht. Gabi öffnet und vor ihr stehen ein Mann und eine Frau.

„Guten Morgen. Ich bin Professor Peters und das ist Frau Färber vom Jugendamt. Wie ich sehe, sind Sie ganz relaxed. Das hatte ich, ehrlich gesagt, nicht erwartet.“

„Und woher kommen Sie?“, fragt Gabi nach.

„Ich bin vom Institut für wissenschaftliche Arbeit zum Wohle der Menschheit.“

„Davon habe ich noch nie gehört.“

„Das können Sie auch nicht, da wir geheim im Hintergrund agieren.“

„Und das soll ich ihm glauben?“, fragt Gabi die Frau.

„Ja, das ist korrekt. Wir arbeiten schon sehr lange mit dem Institut zusammen.“

Gabi bittet die beiden hinein und bietet ihnen einen Platz auf der Couch an.

„Wo ist denn das Kind?“, fragt Frau Färber.

„Bei mir im Schlafzimmer. Es schläft in seiner Wiege.“

„Toll! Und es sieht so aus, als ob schon alles an seinem Platz ist und Sie sich gut arrangiert haben. Das ist ein außergewöhnliches Ergebnis.“

„Bitte sagen Sie mir jetzt, was es mit dem Ganzen auf sich hat!“

„Sie wurden von 10.000 alleinstehenden Frauen zunächst per Zufallsprinzip ausgewählt“, beginnt der Professor. „Dann wurde über Sie recherchiert und Sie wurden ein halbes Jahr lang beobachtet.“

„Ich wurde was?“, fällt Gabi ihm entsetzt ins Wort. „Hatte ich etwa einen Stalker?!“

„Naja, nicht unbedingt, es war nur ein Privat-Detektiv, der sie beschattet hat.“

„Also jetzt hören Sie mal!“, ruft Gabi empört. „Mir ein halbes Jahr hinterher zu spionieren. Das ist doch nicht erlaubt. Ich werde Sie anzeigen!“

„Mal langsam, junge Frau, wir haben eine amtliche Genehmigung“, antwortet Professor Peters sichtlich bemüht, die Situation zu entspannen. „Da zu viele elternlose ausländische Babys zu uns kommen, hat die Regierung eine Studie in Auftrag gegeben, ob es Sinn macht eine Werbekampagne für Adoptionen zu starten. Es wäre günstiger, allen Freiwilligen die Erstausstattung und so weiter zu bezahlen, als alle Babys in Heimen unterzubringen, für die sowieso nicht genügend Personal vorhanden ist. Neun von den zehn ausgewählten Frauen würden das Baby nach einem Wochenende auf Probe behalten. Wie sieht das bei Ihnen aus?“

Ein Wochenende

Wenn mein Mann wie jeden Morgen joggen geht, richte ich erst das Frühstück und lese dann die Tageszeitung, bis er sich geschniegelt und gestriegelt zu mir an den Tisch setzt. Anders als sonst, war jener Morgen an dem ich auf eine Anzeige aufmerksam wurde.

Langeweile in Ihrer Beziehung? Wir bieten Ihnen ein schönes, unvergessliches Wochenende zu zweit, bei dem sie ganz auf Ihre Kosten kommen. Nähere Informationen finden Sie unter www.gemeinsam-zwei.de

Da sich dies sehr interessant anhörte, beschloss ich, ins Internet zu gehen, wenn mein Mann zur Arbeit gegangen war. Die Internetseite war sehr einfach gestaltet. Mit dem Click auf einen Button erhielt man Angaben zur Location. Was ich aber nicht finden konnte, waren Informationen, was da überhaupt geboten werden sollte. Dafür der Satz: Zufriedenheitsgarantie bisher 100 %. Lassen Sie sich einfach überraschen.

„Das liest sich gut“, fand ich und drückte den Button bezüglich der Kosten.

Der Preis erschien mir zwar recht hoch, aber da Geld bei uns überhaupt keine Rolle spielt, war das für mich nicht relevant. Je mehr ich darüber nachdachte, umso besser fand ich die Vorstellung, dort zu buchen.

Ich rief meinen Mann in der Firma an und schlug ihm für das bevorstehende Wochenende vor, dass wir nicht wie üblich und geplant zu unserem Ferienhaus fahren, sondern in ein Hotel am Bodensee. Er hatte wie immer nicht viel Zeit, weil er gleich wieder ein Meeting hatte.

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Viel Spaß!



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