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Kurs auf Sieg

Über den Autor

Frank Adam ist das Pseudonym von Prof. Dr. Karlheinz Ingenkamp. Er hat Geschichte und Psychologie studiert und als Erziehungswissenschaftler ein bekanntes Forschungsinstitut geleitet. Im Ruhestand wandte er sich seinem Hobby, der Geschichte der britischen Flotte, zu. Außer den seehistorischen Romanen hat er marinegeschichtliche Aufsätze und Bücher geschrieben, darunter auch das 1998 erschienene deutschsprachige Standardwerk über die britische Flotte mit dem Titel »Herrscherin der Meere«.

Inhalt

Vorwort

Hinweise für marinehistorisch orientierte Leser

Verzeichnis der Abbildungen

Personenverzeichnis

Die Rückkehr (Juni und Juli 1778)

Das Fiasko vor Newport (August 1778)

Im Kampf vor Georgia (September und Oktober 1778)

Der Angriff auf Savannah (November 1778 bis Juni 1779)

Am Rande der Niederlage (Juni bis Oktober 1779)

Auf des Messers Schneide (November 1779 bis Mai 1780)

Der große Konvoi (Juni bis August 1780)

Der Weg nach Yorktown (September 1780 bis Oktober 1781)

Glossar

Vorwort

Hiermit lege ich den dritten Band der Sven-Larsson-Serie vor und danke allen Lesern, die die beiden ersten Bände so wohlwollend aufgenommen haben wie vorher die David-Winter-Serie.

Sven Larsson erlebt in diesem Band Höhen und Tiefen des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Fast uneingeschränkt erfolgreich sind nur die amerikanischen Kaperschiffe. Aber auch viele amerikanische Handelsschiffe fallen britischen Kapern zum Opfer. Die amerikanische Kriegsflotte, die Kontinentale Flotte, verlor die Mehrzahl ihrer Schiffe. Die Armee muss nun auch im Süden kämpfen, wobei sie sich vor allem auf die örtlichen Milizen stützt. Der Krieg zieht immer mehr Menschen in Mitleidenschaft und wird grausamer. Die Kapitulation der Briten in Yorktown lässt die Hoffnung der Amerikaner wachsen, dass der Sieg in Reichweite ist.

Dieser Roman kann nicht die Vielfalt des Krieges wiedergeben, sondern nur die Erlebnisse eines Kapitäns in dieser Zeit erzählen. Der Leser sollte auch nicht vergessen, wie langsam die Nachrichtenübermittlung zu jener Zeit war. Wenn im Hinterland von Carolina Schlachten geschlagen wurden, erreichten die Nachrichten oft erst nach Wochen die Hafenstädte in der Mitte und im Norden Amerikas. Sven Larsson wusste oft nicht viel mehr vom Kriegsgeschehen, als er selbst erlebte.

Und wenn ich berichte, dass die britischen Gefangenen beim Ausmarsch aus Yorktown das Lied »Die Welt steht Kopf« sangen, dann ignoriere ich die zahlreichen Kritiker, die in den letzten Jahrzehnten immer wieder behaupteten, diese Nachricht sei nicht zuverlässig belegt. Die sogenannten Ohrenzeugen seien nicht am Ort gewesen, oder ihr Bericht sei erst viele Jahre später notiert worden. Aber das Protestlied aus der Cromwell-Zeit passt so gut zu der Stimmung der britischen Soldaten nach der Kapitulation, dass es immer wieder in Verbindung mit Yorktown genannt werden wird.

Auch wenn die Quellen fast unüberschaubar und zuweilen umstritten sind, mir hat die Arbeit am Buch wieder viel Freude gemacht. Ich fand auch immer wieder sachkundigen Rat bei Herrn Rainer Delfs, bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Universitätsbibliothek in Landau/Pfalz, bei Herrn Dr. Sauer, Leiter der Bibliothek des Deutschen Schifffahrtmuseums in Bremerhaven, und bei Herrn Professor Dr. John B. Hattendorf vom Naval War College in Newport, Rhode Island. Ihnen allen danke ich vielmals für ihre Hilfe.

Den Lesern wüsche ich viel Freude.

Frank Adam

Hinweise für
marinehistorisch
interessierte Leser

Zur Information über Schiffe, Waffen und Besatzungen der britischen und anderen Flotte dieser Zeit verweise ich auf mein Buch mit zahlreichen Abbildungen und Literaturangaben:

Adam, F.: Herrscherin der Meere. Die britische Flotte zur Zeit Nelsons. Hamburg: Koehler 1998

Über die britischen Kolonien in Amerika und ihr Ringen um Unabhängigkeit findet der Leser unserer Zeit viele Hinweise im Internet. In der gedruckten Literatur verweise ich auf folgende Einführungen:

Earle, Alice Morse: Home Life in Colonial Days. Stockbridge, Mass.: Berkshire Traveller Press 1974 Gipson, Lawrence Henry: The Coming of the Revolution, 1763–1775. New York: Harper and Row 1962

Zum maritimen Aspekt nenne ich aus der Fülle nur folgende Werke:

Das Standardwerk:

William Bell Clark et al. (Hrsg.): Naval Documents of the American Revolution. Naval Historical Center, Department of the Navy, Washington 1986 ff.

Zum Einstieg in das Thema kann man sich informieren bei:

Coggins, Jack: Ships and Seamen of the American Revolution. Harrisburg: Promotory Press 1969

Gardiner, Robert (Hrsg): Navies and the American Revolution 1775–1783. London: Chatham Publishing 1996.

Viele Details führt folgende Dissertation an:

Paulin, Charles Oscar: The Navy of the American Revolution. New York: Haskell House 1971

Verzeichnis
der Abbildungen

Die dreizehn Kolonien

Rhode Island

Die Chesapeake Bay

Savannah und Umgebung

Charleston und Umgebung

Personenverzeichnis

Familie

Sven Larsson

Sabrina Larsson, geb. Wilbur, Svens Ehefrau

Lilian Astrid, beider Tochter, geb. 1776

Einar Edgar, beider Sohn, geb. 1777

Henry Richard, beider Sohn, geb. 1779

Astrid Wilbur, verw. Larsson, Svens Mutter

Dr. Edgar Wilbur, Svens Stiefvater und Sabrinas Vater

Ingrid Kellaghan, geb. Larsson, Svens Schwester

Dr. Henry Kellaghan, Svens Schwager

Edgar Humphrey Kellaghan, beider Sohn, geb. 1777

Astrid Kellaghan, beider Tochter, geb. 1779

Personal

Martha, Köchin

Hanna, Putzfrau

Henrietta, Amme

John, Hausdiener

Jack Jackson, Kutscher

Freunde

Mr Talbot, Charleston

Mr Richard Bradwick, Reeder

Mr Jonathan Smith, Mitglied des Marinekomitees

Besatzung der Fregatte Liberty

Sven Larsson, Kapitän

Michael Flinders, Erster Leutnant

Walter Johnson, Zweiter Leutnant

Tom Potter, Dritter Leutnant

Abraham Will, Leutnant der Seesoldaten

Dr. Albert Bader, Schiffsarzt

George White, Master

Paul Meyers, Schulmeister

Joshua Petrus, Bootsmann

Samuel Root, Masters Maat

Nathaniel Zander, Svens Schreiber

Martin, Svens Bursche

Tony Food, Svens Koch

Frank Waller, Midshipman

Bill Albert, Midshipman

Achille Grieve, Midshipman

Billy Walton, Midshipman

Ben Lancton, Midshipman

Zacharias Galler, Midshipman

John Brenton, Pulverjunge

Besatzung der Brigg Philadelphia

William Harvy, Kapitän

Heinrich Bergson, Erster Leutnant

Tim Albus, Bootsmann, später auf der Defence

Besatzung der Fregatte Defence

Sven Larsson, Kapitän

Tom Potter, Erster Leutnant

John Bergson, Zweiter Leutnant

Frank Waller, Dritter Leutnant

Billy Walton, diensttuender Vierter Leutnant

George White, Master

Dr. Albert Bader, Schiffsarzt

Tom Winner, Bootsmann/Tim Albus

Samuel Root, Maat und Begleiter des Kapitäns

Martin, Svens Bursche

Nathaniel Zander, Svens Schreiber

Ben Alton, Matrose

Kid Galter, Matrose

Bert Karici, Matrose

Walter Jungmann, Matrose

Alfred Holt, Matrose

Achille Grieve, Midshipman

Besatzung der Kanonenbrigg Hudson

John Brent, Commander

Matt Wheland, Leutnant

Joseph Grey, Midshipman

Die Rückkehr
 (Juni und Juli 1778)

Kapitän Sven Larsson stieg die Leiter empor, die an der Breitseite des riesigen französischen Flaggschiffes herabhing. Er war noch nie an Bord eines Schiffes mit neunzig Kanonen gegangen. Im Vergleich zu seiner Fregatte waren das erdrückende Dimensionen.

Als sein Kopf über die Reling ragte, erlebte er die nächste Überraschung. Ohrenbetäubender Pfeifen- und Trommelklang empfing ihn. Das war nicht ein Querpfeifer mit einem Trommler, nein, das waren zwölf Pfeifer und sechs Trommler, die mit aller Kraft ihre Instrumente bearbeiteten. Und zudem waren noch fast zwei Dutzend Seesoldaten angetreten und präsentierten ihre Gewehre.

Ein Herr in goldbeladener Uniform erregte seine Aufmerksamkeit. Sven grüßte und stellte sich als Kapitän der Kontinentalen Fregatte Liberty vor. Der Herr war der Flaggkapitän und erbot sich, Sven zum französischen Admiral zu führen. Sven verstand Französisch recht gut, sprach es auch nicht schlecht, hatte sich aber einen Midshipman mitgebracht, der in Kanada zweisprachig aufgewachsen war. Er sicherte sich gern ab.

Nachdem Sven Ehrenformation und Kapelle gegrüßt hatte, gingen sie zur großen Achterdeckskajüte. Der Posten salutierte und riss die Tür auf. Der Flaggkapitän stellte Sven dem Herzog vor, einem älteren, würdevollen Herrn, von dem Sven nur wusste, dass er als General gedient hatte.

»Willkommen, Herr Kapitän«, sagte d’Estaing. »Sie sind der Erste, der mich vor der Küste der Neuen Welt begrüßt. Möge es ein gutes Omen für die Zusammenarbeit unserer beiden Länder sein!«

Sven hatte sich angesichts seines begrenzten Wortschatzes schon vorher eine Antwort auf eine höfliche Begrüßungsformel zurechtgelegt und brachte sie nun vor. Er dankte der ruhmreichen französischen Flotte für ihr Erscheinen, das alle Kolonien zu neuen Anstrengungen ermutige. Gemeinsam werde man den Sieg erreichen.

D’Estaing lächelte dankend. Sven erwartete, dass er nun konkret über kommende Operationen sprechen würde, aber der Midshipman ließ keinen Zweifel, dass Sven richtig verstanden hatte. D’Estaing forderte ihn auf, weitere Einzelheiten mit seinem Flaggkapitän zu besprechen.

Sven verbeugte sich, murmelte eine Abschiedsformel und folgte dem Flaggkapitän in seine Kajüte. Sie war nicht ganz so prunkvoll wie die des Admirals, aber auch noch mit sehr wertvollen Möbeln und Teppichen ausgestattet.

Der Flaggkapitän bat Sven, Platz zu nehmen, bot ihm Wein an und wurde ohne jede Verzögerung sehr konkret. Er bat Sven, dass er die Ansprüche der französischen Flotte auf Ergänzung der Wasser- und Proviantvorräte anmelden möge. Man werde zur Mündung des Delaware segeln und Admiral Howes Kräfte vertreiben. Dort solle dann auch der Proviant bereitgestellt werden.

Sven erklärte, dass er zur Aufklärung voraussegeln und alle Nachrichten übermitteln wolle. Er bat, seine beiden Prisen mit der französischen Flotte segeln zu lassen. Der Flaggkapitän schaute etwas skeptisch, meinte dann aber, die Prisen seien hoffentlich genügend bemannt, um allen Manövern der Flotte folgen zu können. Das sicherte Sven zu, und dann erhob sich der Kapitän auch schon zur Verabschiedung.

Sven schickte den Midshipman als Dolmetscher zu den Prisen und befahl ihnen, sich der Kiellinie der französischen Linienschiffe anzuschließen. Dann bat er Kapitän Harvy von der Brigg Philadelphia an Bord seiner Fregatte Liberty. Harvy stand ihm nach Rang und Erfahrung am nächsten.

»Ich wollte einfach mit Ihnen ein paar Worte vorab reden, Mr Harvy. Wem gegenüber soll ich sonst mein Herz erleichtern, wenn nicht Ihnen?«

»Bei mir finden Sie immer offene Ohren und einen verschlossenen Mund«, sagte Harvy lächelnd.

Sven erzählte ihm, dass er mit allem Pomp und freundlich empfangen wurde, dass aber überhaupt kein Gedankenaustausch stattgefunden habe, wenn man von der Forderung nach Verproviantierung absehe.

»Wenn man mit einer Flotte zu einem neuen Kontinent segelt, dann hat man doch als Seemann Hunderte von Fragen, vom Kartenmaterial über Küstenverhältnisse und Lotsen bis zu den Werftverhältnissen. Aber sie haben nichts gefragt, Mr Harvy. Sie haben keine Signale verabredet, sich nicht über Ansprechpartner in den Staatsflotten erkundigt, nicht nach Wetterbesonderheiten gefragt, nichts. Sie haben nur gesagt, dass sie Admiral Howe aus dem Delaware vertreiben wollen. Wenn sie ihn man noch antreffen. Sie sind schon neunundsiebzig Tage unterwegs und haben noch mindestens fünf Tage vor sich. Das ist eine äußerst langsame Überfahrt. Die haben ihre Segel geschont.« Sven schwieg enttäuscht.

Harvy stimmte ihm zu. »Das verstehe ich auch nicht, Mr Larsson. Allenfalls bei d’Estaing könnte ich es mir vorstellen. Der ist General und soll keine maritime Erfahrung haben. Aber dem Flaggkapitän müsste doch am Erfahrungsaustausch gelegen sein. Was unternehmen wir nun?«

»Wir werden in Richtung Delaware hin aufklären. Aber das bereden wir in Anwesenheit von Mr Flinders, damit er auch orientiert ist.«

Michael Flinders, seinen Ersten Leutnant, informierte Sven nur darüber, dass die französische Flotte zum Delaware segeln wolle. »Wir werden voraussegeln und die Lage erkunden. Wenn der Delaware erst freigekämpft werden muss, dann wäre zu entscheiden, ob wir unsere Prisen nach Charleston oder nach Boston bringen.«

Sven ordnete an, dass sie in drei Meilen Abstand nebeneinander segeln würden. Und sie diskutierten anschließend, wie man sich verhalten würde, wenn man auf Prisen, schwächere oder stärkere Kriegsschiffe träfe.

»Mit einer britischen Fregatte könnten wir es sicher aufnehmen, Sir«, sagte Harvy. »Meine Mannschaft ist schnell und treffsicher an den Kanonen.«

Sven stimmte zu. »Aber wir haben ja alle Möglichkeiten offen. Einen deutlich stärkeren Gegner könnten wir zur französischen Flotte locken.«

13Kolonien

Unter der Mannschaft war die Stimmung gut. Man näherte sich der heimatlichen Küste. Man hatte einen starken Verbündeten im Gefolge. Man hatte gute Prisen. Und in den verbleibenden Tagen würde man die Augen offen halten. Vielleicht kam noch etwas hinzu.

Aber am nächsten Tag konnten sie sich die Augen aus dem Kopf gucken. Es kam nichts in Sicht. Dafür wurde der Tag mit Kanonendrill und Drill an Handwaffen gefüllt.

Sven ging auch in der Nacht oft an Deck und ließ Rocky, seinen Schäferhund, horchen und schnuppern, aber auch der entdeckte nichts.

Doch als Sven mit ihm kurz vor dem allgemeinen Wecken an Deck ging, stellte Rocky die Ohren auf, sträubte seine Nackenhaare und fing an, wütend zu brummen. Sven ließ sofort alle lauten Geräusche verbieten und spähte mit dem Nachtglas in die langsam heller werdende Dämmerung. Da war ein dunkler Fleck!

Er ließ einen Ausguck mit guter Nachtsicht kommen, und der bestätigte, da sei ein Schiff. Sofort wurde leise durch Melder Klarschiff befohlen. Emsig und lautlos bemannten die Mannschaften die Kanonen.

Leutnant Flinders meldete, dass das Schiff gefechtsbereit sei. Mit jeder Sekunde wurde es heller. Kapitän Harvy musste ebenfalls die Vermeidung jeden lauten Geräuschs befohlen haben. Und jetzt sah Sven auch, dass Harvys Philadelphia noch näher an dem unbekannten Schiff lag.

Das unbekannte Schiff war deutlich kleiner als eine Fregatte. »Ein Toppsegelschoner, Sir«, sagte der Ausguck neben Sven.

Sven spähte angestrengt durch das Teleskop. »Stimmt!«, sagte er zum Ausguck. »Du hast einen Dollar gut. Hol ihn dir beim Zahlmeister ab!«

»Danke, Sir.«

»Jetzt melde Leutnant Flinders, was da liegt!«

Als es hell genug war, dass die Ausgucke in die Masten aufentern konnten, ließ Sven die amerikanische Flagge hissen und dem fremden Schiff einen Schuss vor den Bug feuern. Auch Harvys Brigg setzte die Streifenflagge.

Der Schoner hisste die gleiche Flagge: die amerikanische.

»Signal setzen: Kommandant zum Rapport an Bord!«, befahl Sven.

Als der Schoner dann ein Boot aussetzte, das auf sie zuruderte, und als er keine Segel setzte, ordnete Sven an, dass die Gefechtsbereitschaft aufgehoben werde. Nun war er sicher, dass man sie nicht täuschen wollte.

In dem Boot saß ein erstaunlich dicker Leutnant, der als Kommandant mit Trommler, Querpfeifer, Marinesoldaten und dem wachhabenden Offizier empfangen wurde. Aber nach der lauten Musik auf dem französischen Flaggschiff hörten sich der eine Pfeifer und Trommler in Svens Ohren doch etwas kläglich an.

Tom Potter, amtierender Leutnant, hatte Wache und brachte den Besucher zu Sven.

»Roberto Santinos«, stellte sich der Leutnant vor, und nicht nur der Name, sondern auch Gestik und Mimik ließen den Spross italienischer Einwanderer erkennen.

»Ich habe Nachrichten, Sir«, sprudelte der Leutnant hervor. »Die Briten haben Philadelphia geräumt.«

»Eine mir auch persönlich höchst willkommene Nachricht, Mr Santinos. Bitte, setzen Sie sich doch. Für ein Glas Wein wird die Zeit schon reichen.«

Der Leutnant ließ keine besondere Eile erkennen, sondern berichtete weiter, dass die Briten die Stadt am 28. Juni verlassen hätten und auch Admiral Howe mit seinen Schiffen den Delaware geräumt habe.

Sven hob sein Glas. »Trinken wir auf den Sieg, Mr Santinos, und dann will auch ich eine Nachricht loswerden.«

Sie tranken, und Sven erzählte, dass zwei Tage hinter ihm eine französische Flotte mit acht Linienschiffen segele. »Sie wollten Howe aus dem Delaware vertreiben, aber dazu kommen sie nun zu spät. Stellen Sie sich vor, die Franzosen brauchen von Toulon bis zum Delaware fünfundachtzig Tage.«

Leutnant Santinos klatschte in die Hände. »Das schaffe ich dreimal in der Zeit.«

»Sagen Sie das nicht dem französischen Admiral d’Estaing. Aber berichten Sie ihm von der neuen Lage. Ich werde den Delaware aufwärts segeln und von Philadelphia aus eine Nachricht für ihn senden. Viel Glück!«

Sven signalisierte Kapitän Harvys Brigg, längsseits zu kommen, und rief ihm die Nachricht zu. Der Jubel über die Befreiung Philadelphias fegte die Enttäuschung hinweg, dass der Schoner keine Prise war. Sven ließ Kapitän Harvy wieder eine Position drei Meilen steuerbord von ihnen einnehmen und segelte weiter auf die Küste zu.

»Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn die Briten nicht auch Schiffe direkt nach Hause geschickt hätten. Lassen Sie die Ausgucke doppelt besetzen«, sagte Sven noch zu Leutnant Flinders und ging in seine Kajüte.

Martin, sein Bursche, wartete schon mit dem Frühstück.

»Dann können wir ja auch wieder nach Hause, Sir«, freute er sich und löste bei Sven Sehnsucht nach seiner Familie aus.

Ein halbes Jahr hatte er Frau und Kinder nicht gesehen. Lilian, seine Tochter, könnte sicher schon ganze Sätze sprechen, und Einar, sein Sohn, würde bald anfangen zu krabbeln. Und Sabrina, seine Frau, würde hoffentlich auch wieder vor Sehnsucht vergehen. Seine Gedanken wanderten, wie er ihre Sehnsucht stillen würde. Ihm wurde heiß.

Irgendetwas schallte von draußen herein. Da war auch schon der Melder an seiner Tür. »Sir, Ausguck meldet Segel voraus.«

Sven sprang auf und rannte an Deck.

»Mr Waller ist schon mit dem Teleskop oben«, meldete Leutnant Johnson.

Midshipman Waller eilte die Wanten herab und berichtete: »Zwei Dreimaster, Sir, und ein Zweimaster. Ich tippe auf zwei Handelsschiffe und eine Brigg oder Briggsloop, Sir.«

Sven überlegte nur eine Sekunde: »Signal an Philadelphia: Toppsegel einholen. Feind steuerbord umfassen.« Zu Mr Johnson sagte er: »Wir holen auch die Toppsegel ein und flankieren nach backbord. Dann haben wir sie in der Schere.«

Die Mannschaften führten die Befehle in Sekundenschnelle aus. Prisen, so dicht vor dem heimatlichen Hafen! Die Aussicht beflügelte alle. Und sie wussten, die oberen Segel ließ der Kapitän einholen, damit ihr Schiff schwerer zu entdecken war.

Sven überlegte. Die Briggsloop war mit großer Wahrscheinlichkeit ein Kriegsschiff. Sie war seiner Fregatte deutlich unterlegen. Er hatte außerdem den Windvorteil. Also würde er die Sloop angreifen, und Harvys Philadelphia konnte die Handelsschiffe einsammeln. Das würde auch Harvy so sehen. Er brauchte nicht zu signalisieren

Die Zeit verstrich. Die drei Segel krochen am Horizont unentwegt voran. Die Brigg segelte windwärts von den beiden Transportern. Harvys Schiff war außer Sicht geraten.

Sven trat zu Leutnant Flinders. »Lassen Sie bitte wieder die oberen Segel setzen und Kurs auf die fremden Segel nehmen. Falls uns Mr Harvy nicht sichtet, dann werden wir der Sloop schon auf größere Distanz einen Schuss vor den Bug geben. Dann kann Mr Harvy den Transportern den Weg verlegen.«

Mr Flinders gab die Befehle weiter, und Sven schaute nach seinem alten Gefährten, dem Bootsmann Joshua Petrus, einem Neger aus Jamaika. Er würde jetzt wieder das Buggeschütz richten. Eigentlich hätte er im Gefecht eine ganz andere Stellung einnehmen müssen, aber da er der unerreichte Scharfschütze an Bord war, ging er immer an die Kanone, und sein ältester Maat übernahm die Position des Bootsmannes.

Mitunter gab es Probleme, wenn neue weiße Matrosen an Bord kamen. Für einige war es undenkbar, von einem Neger Befehle entgegenzunehmen. Aber Mr Petrus hatte nicht nur den uneingeschränkten Rückhalt seines Kapitäns. Er war auch ein ausgezeichneter Seemann, ein kraftvoller Riese, ein unfehlbarer Schütze und ein sehr gerecht denkender und freundlicher Mensch. Am Schluss erkannte fast jeder seine Autorität an.

Sven nickte Joshua Petrus zu, und der lächelte zurück. Sven sah auch, wie der kräftige Samuel Root, ebenfalls ein Neger, Achille Grieve unauffällig darauf hinwies, dass ein Kanonier in falscher Position stand, was Midshipman Grieve selbst hätte bemerken müssen. Aber vielleicht hatte er zu viel Angst. Dennoch, man konnte mit der Besatzung zufrieden sein.

Die Liberty trug noch die britische Flagge. Jetzt hatte die Sloop sie bemerkt und hisste ein Signal. Wahrscheinlich wollte sie die Geheimnummer der Fregatte erfahren. Nach Svens Schätzung waren sie nah genug und konnten sich weitere Täuschungsmanöver sparen.

»Unsere Flagge hissen und dann ein Schuss vor den Bug!«

Als ihre Flagge emporstieg, sagte es der Geschützführer Mr Petrus, der über das Kanonenrohr linste. Jetzt feuerte er die Kanone ab. Keiner wunderte sich, dass dicht vor dem Bug der Brigg die Wassersäule aus der See stieg.

Die Brigg wollte eine schnelle Wende segeln, um ihnen den Windvorteil zu nehmen. Aber damit hatte Sven gerechnet.

»Feuer frei!«, befahl er. Jetzt donnerte Schuss um Schuss hinaus, je nachdem, wie sicher der Richtschütze sich des Zieles war.

Auf der Brigg hagelte es Einschläge, aber auch um sie herum ragten die Wassersäulen aus der See. Jetzt sahen sie auch die Abschüsse auf der Brigg, und mancher zog den Kopf ein. Es krachte an der Achterdeckreling, und ein kleiner Splitter fegte Sven den Hut vom Kopf. Getroffene Matrosen schrien ihren Schmerz hinaus.

Sven rannte barhäuptig zu den Kanonen und feuerte die Männer an.

»Schießt schneller! Wir werden uns doch von so einem Äppelkahn nicht die Prisen verderben lassen.«

Auf der britischen Sloop stürzte der vordere Mast um und riss sie aus ihrem Kurs. Eine Stimme rief Svens Namen. Er drehte sich um. Mr Potter zeigte zu der einen Barke und schrie: »Sie holt die Flagge ein.«

Sven blickte hinüber. Tatsächlich! Er griff nach dem Teleskop. Was war da los? Auf der Dreimastbarke waren Rotröcke, aber jetzt strömten Massen von Männern ohne Uniform aus den Niedergängen und überrannten die Rotröcke förmlich.

Es gab nur eine Erklärung: Die Bark transportierte Gefangene, die jetzt die britischen Wachen überwältigten. Es wurde noch gekämpft auf dem Transporter, aber immer mehr Menschen strömten aus den Niedergängen an Deck. Jetzt hatten sie das Schiff in ihrer Gewalt. Sven sah keinen roten Rock eines britischen Soldaten mehr. Und jetzt änderte die Barke ihren Kurs und steuerte geradewegs auf die Brigg zu.

Die wollen die Brigg entern!, dachte Sven und befahl: »Feuer einstellen! Kurs auf die Brigg! Fertigmachen zum Entern!«

Die Kanoniere schauten ungläubig. Dann erfassten sie, was sich dort abspielte, und rannten zu den Segeln und zu ihren Entermessern.

Der Transporter war näher an der Brigg als Svens Fregatte. Mit zerschossenem Vormast hatte die Brigg keine Chance zum Entkommen. Ihre Kanonen schossen auf die Bark, aber sie konnten das Deck nicht treffen, das höher lag. Und die Treffer im Rumpf taten den Männern an Deck nicht weh.

Jetzt schrammte die Dreimastbark am hinteren Rumpf der Brigg entlang, riss ein paar Kanonen ab, die die Briten nicht eingeholt hatten, und kam dann neben der Brigg zum Liegen. Sie konnten das Gebrüll hören, mit dem die Gefangenen enterten.

Sven suchte mit dem Teleskop noch nach Harvys Schiff. Es hatte an der anderen Dreimastbark festgemacht. Harvy hatte die Sache im Griff.

Sven schaute wieder voraus. Noch zwanzig Meter, dann lagen sie längsseits der Brigg.

An deren Deck war die Hölle los. Die Briten wehrten sich verzweifelt gegen die Übermacht der Enterer. Die Gewehrschützen der Liberty feuerten auf jeden Offizier oder Marinesoldaten, der auf der Brigg zu sehen war. Auf Matrosen konnten sie nicht schießen, denn die waren nicht von den Gefangenen zu unterscheiden.

»Durchsagen!«, rief Sven. »Wir rufen immer ›Amerika‹, wenn wir entern. ›Amerika‹«. Und seine Männer nahmen den Ruf schon auf und brüllten: »Amerika!« Die Gefangenen schlossen sich an und riefen es ihnen entgegen, als sie mit erhobenen Entermessern auf die Brigg sprangen.

Sven stellte sich ein großer Kanonier in den Weg und hob die Wischerstange zum Schlag. Aber Sven schoss ihm in die Brust. Dann rief er »Amerika!« und rammte sein Entermesser einem Briten in den Rücken, der gegen Gefangene kämpfte.

Ein Gefangener wollte weiter gegen Sven kämpfen, aber der brüllte ihm »Amerika!« entgegen und parierte den Schlag mit seinem Säbel. Der Gefangene starrte überrascht, schrie dann auch »Amerika!« und sah sich nach anderen Gegnern um.

Am Achterdeck stand noch eine Gruppe von Briten, die ein Offizier um sich versammelt hatte. Er kämpfte ohne Rock, was ihn vor Gewehrschüssen bewahrt hatte.

»Gebt auf! Ergebt euch!«, brüllte Sven.

Die Briten sahen seine Uniform und schlugen nicht mehr zu, sondern hielten die Waffen unschlüssig vor ihren Körpern.

Sven rief immer wieder: »Amerika! Waffen nieder! Feuer einstellen!«

Andere nahmen den Ruf auf und gaben ihn über das Deck weiter. Die Briten sahen ihre Niederlage ein und legten die Waffen nieder. Aber einige der Gefangenen waren wie tollwütig und schlugen auf Briten ein, die sich ergeben hatten. Sven trat ihnen entgegen und rief: »Schluss! Runter mit den Waffen!«

Ein Bulle von einem Kerl schrie ihn an: »Aus dem Weg!« und hob seinen Arm gegen ihn. Da sprang Joshua den Kerl an, riss ihn um und schlug ihn bewusstlos.

Nun war es vorbei. Die ehemaligen Gefangenen hoben die Arme hoch und jubelten.

Sven rief: »Offiziere und Marinesoldaten zu mir! Tempo! Weitersagen!«

Einem Midshipman rief Sven zu: »Ich brauche eine Sprechtrompete!«

Bill Albert griff sich eine und brachte sie ihm.

Sven nahm die Sprechtrompete an den Mund und rief laut: »Alle Briten auf das Vorschiff! Alle gefangenen Amerikaner zurück auf die Bark! Leutnant Johnson übernimmt mit zehn Marinesoldaten und zwanzig Seeleuten die Bark. Leutnant Flinders übernimmt die Brigg. Mr Root, greifen Sie sich fünf Mann und durchsuchen Sie die unteren Decks. Mr Waller, Sie nehmen sich fünf Seesoldaten und untersuchen die gefangenen Briten.«

Langsam kehrte Ordnung auf die Schiffe zurück. Bootsmann Petrus sorgte an Bord der Liberty dafür, dass die Kanonen festgezurrt, die Verwundeten zum Schiffsarzt gebracht und die Toten zur Seite gelegt wurden.

Auf der eroberten britischen Brigg überwachte Leutnant Flinders, dass die Briten abgesondert und ihre Waffen eingesammelt wurden. Die Seesoldaten trieben die befreiten Amerikaner auf die Bark zurück.

Sven ging auf die Bark und stellte sich am Achterdeck auf. Leutnant Johnson und die Seesoldaten waren bei ihm. Sven hob den rechten Arm und wartete, bis die Befreiten ruhig waren.

»Landsleute«, sagte er dann »wir freuen uns, dass ihr wieder frei seid und in eure Heimat zurückkehren könnt. Ich bin Kapitän Larsson von der Kontinentalen Flotte. Ich danke euch allen, dass ihr so tapfer gekämpft habt. Wenn Offiziere unter euch sind, dann möchten sie bitte vortreten.«

Zwei Mann kamen zu Sven. Der eine stellte sich als Hauptmann Wilson vor und den jüngeren Mann neben ihm als seinen Leutnant Endres. »Wir sind am Tag der britischen Evakuierung aus Philadelphia gefangen genommen worden. Sie hatten keine Zeit mehr, uns in ein Offizierslager zu bringen. Daher werden Sie hier keine anderen Offiziere mehr finden. Die Briten hatten Listen aller Gefangenen. Es sind hundertvierzig Mann. Wir waren furchtbar zusammengepfercht.«

Sven schlug vor, dass sich die Befreiten erst alle an Deck niedersetzen sollten. Er erkundigte sich, ob die Briten sie nach Schlafstätten oder anderen Kriterien eingeteilt hätten. Er ließ Midshipman Waller und zwei Seesoldaten die Kapitänskajüte untersuchen und die gefangenen Briten in einem ihrer Räume unterbringen.

Allmählich brachte er mit Leutnant Johnson und den beiden Offizieren Ordnung in den Wirrwarr. Sie fanden auch Seeleute unter den Befreiten und einen Schiffskoch, der als Erstes Unmengen an Kaffee kochen musste.

Kapitän Harvy meldete sich an Deck und berichtete, dass der von ihm erbeutete Transporter mit militärischem Gut beladen war, das aus Mangel an Pferden nicht mehr abtransportiert werden konnte.

»Wir könnten ein ganzes Regiment mit Pferdesätteln ausrüsten. Sie haben auch Kanonen ohne Lafetten geladen, Wagen, Kaserneneinrichtungen und sogar Werftvorräte. Wir haben Rahen, die als Ersatzmast für die Brigg geeignet sind. Unser Zimmermannsmaat redet schon mit Ihrem.«

Die beiden merkten wieder einmal, dass ihre Maate der Rückhalt der Flotte waren. Die wussten, was getan werden musste, und warteten nicht auf Befehle. Die Zimmermannsmaate besprachen miteinander, was geschehen musste, um Schäden an Rumpf und Masten zu reparieren. Die Schlosser und Schmiede redeten über Arbeiten an Eisenverschalungen, Waffen und Geräten. Die Feuerwerker sprachen über Pulver und Munition. Die Sergeanten diskutierten mit den Bootsleuten über die Unterbringung der Gefangenen. Der Sanitätsmaat recherchierte, wer operiert und wer nur verbunden werden musste. An Sven und die Offiziere wurde nur herangetragen, was strittig war.

Ob der Mast der britischen Brigg neu aufgerichtet werden sollte, wenn sie hier am Ort lagen, oder wenn die Brigg von einer Bark geschleppt werden sollte, das musste Sven entscheiden.

Er überlegte nur kurz und entschied: »Den neuen Mast hier einsetzen, verschrauben und befestigen sowie je zwei Wanten nach vorn und hinten hier am Ort einsetzen. Rahen, Segel und so weiter werden angebracht, wenn Mr Harvys Prise sie schleppt.«

Wenn sie nicht in Bordeaux über die Sollstärke hinaus bemannt ausgelaufen wären, hätten sie gar nicht alle ihre Prisen besetzen können. Sie mussten auf allen drei Prisen das seemännische Stammpersonal stellen und auch je ein Kontingent an Seesoldaten.

Am stärksten war ihr Personalbedarf auf der Brigg, auf der auch die gefangenen britischen Offiziere und Maate der beiden Barken untergebracht wurden.

Auch die Seeleute unter den befreiten amerikanischen Gefangenen wurden vor allem auf die Brigg versetzt, damit man dort die Kanonen bemannen konnte.

Je zehn befreite Seeleute kamen auf jede Bark, dazu zwanzig Seesoldaten der Liberty auf die Gefangenenbark, die alle britischen Seeleute aufnahm. Die befreiten Amerikaner wurden vorwiegend auf der von Mr Harvy erbeuteten Prise untergebracht.

Als alle ihr Quartier hatten, als der Mast auf der Brigg befestigt war, tat schon die Nachmittagswache Dienst. Sven ließ sich vom Schiffsarzt bestätigen, dass er nach Meldungen seiner Sanitäter alle operationsbedürftigen Männer versorgt oder mindestens im Hospital habe, dann gab er den Befehl zum Gottesdienst für die Toten.

Harvys Brigg und Prise hatten keine Toten, aber die erbeutete britische Brigg allein siebenunddreißig. Die Liberty beklagte sechs Tote, und die befreiten Gefangenen hatten fünfzehn Mann im Kampf verloren. Sie wurden alle, in Leinwand eingenäht, der See übergeben. Dann ließ Sven die Segel setzen. Die eine Bark schleppte die britische Brigg am Tau. Mr Harvey segelte zur Aufklärung vor ihnen. Die Liberty lief an der Windseite des Konvois.

Nat Zander, Svens Schreiber, hatte sich von all den Papieren, die er sortieren, kopieren oder registrieren musste, losgerissen und eilte zu den Toiletten am Bugspriet, um sich zu erleichtern. Auf dem Rückweg traf er Mr White, den Master.

Als der ihn fragte, ob er spazieren gehe, stöhnte er ihm vor, was er alles erledigen müsse. »Wie lange werden wir noch brauchen bis zum Festland? Ich muss dann alles fertig haben.«

Mr White schnüffelte in den Wind, wie er es immer tat. »Noch zwei Nächte und einen Tag, Nat, dann haben wir die Mündung des Delaware erreicht.«

»Viel schlafen kann ich dann aber nicht, Mr White«, antwortete Nat und eilte zurück zu seinem Aktenkram.

Die drei Prisen segelten in Kiellinie. Die Liberty windwärts von ihnen. Auf der Brigg wurde die Arbeit am Vormast mit sinkender Dämmerung eingestellt. Sven wollte nicht, dass er den ganzen Konvoi deswegen beleuchten musste.

Harvys Brigg fiel etwas auf sie zurück und segelte nur noch eine Meile vor ihnen. Auf der Dreimastbark, die Harvy erobert hatte, waren ein Teil der amerikanischen Gefangenen und auch der Hauptmann und der Leutnant untergebracht. Leutnant Bergson kommandierte die Prise.

Er hatte dafür gesorgt, dass die amerikanischen Offiziere, Feldwebel und Sergeanten Pistolen und Säbel erhielten und in den unteren Decks Wache gehen mussten. Vor der Alkoholkabine und der Kapitänskajüte standen Marinesoldaten von Harvys Brigg Philadelphia Wache.

Korporal Forta langweilte sich mit dem Soldaten vor dem Alkoholraum, nachdem die Wache von zwei amerikanischen Sergeanten vorbeipatrouilliert war und ein wenig mit ihnen geplaudert hatte. »Den ganzen Tag muss man Wache stehen und die Leute dirigieren, die auf andere Schiffe verlegt werden. Und nun in der Nacht geht es weiter. Wenn ich jetzt ins Bordell käme, würde ich auch nur schlafen.«

»Haha«, lachte sein Kumpel. »Das glaubt dir brünstigem Stier doch kein Mensch. Auch wenn du schläfst und ein Weib geht vorbei, beult sich gleich deine Hose.«

»Lass doch deine dämlichen Witze!« Der Korporal gähnte laut.

In einer Schlafkajüte saßen sechs Soldaten in einer Ecke um eine große Truhe. Um sie herum hingen die Hängematten der anderen befreiten Gefangenen, die schon schliefen.

»Die schlafen und furzen und ich sitz hier rum, kann nicht schlafen und muss dauernd nur an ein Glas Gin oder Rum denken«, jammerte einer und umklammerte mit seiner linken Hand die rechte, die immer zitterte.

»Was haste denn bei die Briten gemacht? Da gab’s doch ooch nichts zu saufen.«

»Mensch, uns haben se erst vor zwee Tagen gefangen, als se auslaufen wollten. Bis dahin hatte ich immer meine volle Flasche bei mir.«

»Ja«, bestätigten zwei andere. »Bis vor zwei Tagen war die Welt noch in Ordnung.«

»Nun habt euch man nicht so. Wir sollen morgen den Grog kriegen wie die Seeleute. Nur heute war det zu schnell mit all det Umgeziehe.«

»Du gloobst ooch an’ Nikolaus, wat? Die haben hier Schnaps an Bord. Kommt, Kumpels, wir gucken mal!« Der Zitterer stand auf und musste sich stützen. »Verdammt! Wenn ich nichts zu saufen kriege, springe ich über Bord.«

Die beiden Soldaten aus seiner Truppe griffen sich Knüppel und gingen mit ihm. Am Ende des Ganges spähten sie um die Ecke.

»Da stehen zwei Posten«, flüsterte einer.

»Kommt man!«, stotterte ihr Kumpel.

»He, was wollt ihr denn hier?«, rief der Korporal.

»Ein Schluck Gin oder Rum. Einen ganz kleinen nur. Mir geht es verdammt dreckig«, stammelte der Zitterer.

»Seid ihr verrückt? Wir dürfen euch keinen Tropfen geben. Zurück! Sonst knallt’s!«

Als die anderen weitertorkelten, hob der Soldat sein Gewehr, der Korporal seine Pistole. Aber die durstigen Kerle taumelten voran.

Der Posten schoss ihnen über den Kopf. Da hoben die beiden ihre Knüppel. Der Zitterer fiel vor Schreck vornüber, hatte auf einmal ein Messer in der Hand und ritzte dem Korporal das Bein auf. Der schoss ihm mit der Pistole in den Kopf.

Die Patrouille kam zurückgerannt und schrie: »Was ist hier los? Knüppel runter!«

Eine der Wachen auf der Liberty war nicht sicher, ob sie einen Schuss gehört hatte. Der Wind blies ja in Richtung des Konvois, die Rahen knarrten und das Wasser rauschte am Rumpf entlang. Aber dann hörte er auf der hinteren Bark Geschrei und sah Menschen mit Laternen herumlaufen. Er erzählte Mr Waller, dem Wachhabenden, von seiner Beobachtung.

Der schickte einen Melder und mahnte alle Ausgucke zu verstärkter Wachsamkeit. Aber auf der Bark hatte sich alles beruhigt. Als Sven vor dem Wecken an Deck kam, wurde er informiert.

Er schaute mit dem Teleskop zur Bark, sah aber nichts Besonderes. Doch jetzt kam Mr Bergson aus seiner Kabine. Zwei Mann wurden von Marinesoldaten gefesselt an Deck gebracht. Ein Boot wurde zu Wasser gelassen und bemannt.

»Mr Bergson kommt. Bereiten Sie alles vor. Ich bin in meiner Kajüte.«

Der Seesoldat meldete Mr Bergson an.

»Guten Morgen, Mr Bergson. Sie sind aber früh dran. Gab es Ärger?«

»Ja, Sir. Drei Mann wollten in den Alkoholraum und griffen den Posten an. Ein Posten verwundet, ein Angreifer tot, die beiden anderen gefangen«, meldete Leutnant Bergson kurz.

Sven erschrak. Sollte er schon wieder Männer für den Galgen liefern? »Das hört sich nach Ärger an. Setzen Sie sich mal erst, Mr Bergson. Eine Tasse Kaffee, ein Brötchen?«

»Gern, Sir.« Martin bediente.

Sven trank Kaffee und biss in sein Brötchen, um Bergson Gelegenheit zu geben, auch ein wenig zu trinken und zu essen. Als er den letzten Bissen gekaut hatte, sagte Sven: »Nun berichten Sie mal ausführlich, Mr Bergson.«

Der erzählte die ganze Geschichte aus der Sicht der Matrosen, die mit den Trinkern an der Truhe gesessen hatten, und aus der Sicht der beiden Posten vor dem Alkoholraum:

»Den verletzten Posten habe ich zu Dr. Bader geschickt.«

Sven rief nach dem Melder und sagte ihm, dass auch die beiden Gefangenen zu Dr. Bader zu bringen seien. Er möge sich ein Bild von ihrem Gesundheitszustand machen.

Sven fragte, ob die Posten von einem Angriff auf sie gesprochen hätten.

»Nicht direkt, Sir. Der Tote sei eher gestolpert. Wie das Messer in seine Hand gekommen sei, hätten sie nicht gesehen. Die beiden anderen sollen ihre Knüppel fallen gelassen haben, als der zweite Schuss gefallen sei.«

»Haben die Angreifer irgendetwas gesagt, Mr Bergson?«

»Sie haben um einen Tropfen Alkohol gebettelt. Sie gehörten zu denen, die erst seit zwei Tagen in Gefangenschaft waren.«

Sven dachte einen Moment nach. »Dann müssen sie doch zur Truppe des Hauptmanns gehören?«

»Ja, Sir. Der Leutnant kennt sie recht gut.«

»Dann veranlassen Sie bitte, dass ich mit dem Leutnant und dem zuständigen Sergeanten oder Korporal sprechen kann. Kommen Sie bitte mit dem Schiffsarzt und den beiden wieder zu mir.«

Nach einer guten Viertelstunde meldete der Posten Mr Bergson, den Armeeleutnant, einen Sergeanten und den Schiffsarzt.

»Kommen Sie herein, meine Herren. Wer einen Schluck Kaffee möchte, nehme sich bitte eine Tasse und lasse sich von Martin einschenken.«

Außer dem Schiffsarzt ließen sich alle bedienen. »Dann berichten Sie doch mal zuerst, Dr. Bader. Wie ist der Zustand der beiden?«

»Stark auf Entzug, Sir. Sie zittern, können ihre Gedanken nicht folgerichtig ordnen und haben Gedächtnislücken. Sie jammern praktisch nur nach Alkohol, Sir, und behaupten, dass sei gestern alles ein Missverständnis gewesen. Sie hätten nur um etwas Alkohol bitten wollen.«

Sven wandte sich dem Leutnant zu. »Wie hoch war denn die übliche Ration bei Ihnen, Mr Endres?«

»Wie bei der Flotte, Sir. Ein halbes Pint (ein guter halber Liter) Rum oder Gin, vermischt mit zwei Teilen Wasser.«

Der Schiffsarzt sah Sven bedeutungsvoll an.

»Was waren das für Soldaten, Mr Endres?«

»Unauffälliger Durchschnitt, Sir. Nur der Tote war ein Großmaul, aber eigentlich feige. Wichtig war ihnen nur der Suff.«

»Und was sagen Sie zu denen, Sergeant?«

»Sir, das waren alte Kumpel aus dem Gefängnis. Kleine Diebereien. Der Tote war ihr Leitwolf mit einer großen Klappe, aber wenig dahinter. Sie waren immer scharf auf Alkohol und haben von den Rationen ihrer Kameraden noch mehr eingetauscht, wenn sie konnten. Die konnten gar keinen Posten mehr ernsthaft angreifen, Sir.«

Sven blickte zur Seite und schaute auf die weite See, während er nachdachte. Dann wandte er sich den anderen zu.

»Ich fälle folgendes Urteil: Den Toten kann ich nicht mehr bestrafen. Er hat einen Posten mit blanker Waffe angegriffen. Da hätte ich auf Tod plädieren müssen. Die beiden anderen verurteile ich zu je 24 Peitschenhieben und anschließend zwei Wochen Alkoholentzug.«

Alle bis auf den Schiffsarzt nickten. Der hob die Hand. »Darf ich noch etwas sagen, Sir?«

»Bitte, Dr. Bader.«

»Ohne Alkohol halten die beiden die Prügelstrafe mit ihrem Kreislauf nicht aus. Ohnmacht oder Herzstillstand wären die Folge, Sir.«

»Soll ich sie etwa ohne Strafe lassen?«

»Nein, Sir. Ein halber Liter Grog vorher, und sie stehen es durch.«

»Den verabreichen Sie aber, ohne dass es jemand sieht, sonst wird das Mode. Und gießen sie denen noch irgendeine stinkende Flüssigkeit über den Kopf, damit keiner den Alkohol riecht. Sie, meine Herren, bitte ich um Stillschweigen über diese medizinische Maßnahme. Und Ihnen, Leutnant Endres, muss ich noch sagen, dass wir an Bord meiner Schiffe nur dem die volle Rumration geben, der sie will. Wer möchte, dem kaufen wir sie ganz oder teilweise ab. Wir wollen keine Alkoholiker heranziehen. Vielen Dank, meine Herren. Die Strafe wird morgen Früh auf der Bark vollstreckt.«

Der jüngste Midshipman, Achille Grieve, sagte zu Bill Albert, seinem älteren Kollegen: »Du, ich bin froh, dass die nicht gehängt werden. Das ist immer eine furchtbare Sache, wenn Menschen da am Seil baumeln. Das ist für mich das Schlimmste am Leben auf See.«

»Das gibt es an Land doch auch!«

»Ja, aber da werde ich nicht dazu kommandiert, zuzusehen. Da gucken doch nur die primitiven Menschen zu. Hier muss ich aber in nächster Nähe daneben stehen.«

»Du warst doch auch schon dabei, als neben dir einer totgeschossen oder erschlagen wurde.«

»Aber Bill! Das war im Kampf. Da kann man sich wehren. Da hat jeder eine Chance. Hängen ist legalisierter Mord!«

»Achille, lass das keinen hören! Die halten dich glatt für einen Seeadvokaten. Strafen müssen sein, sonst kannst du kein Schiff führen.«

»Ist ja alles richtig, aber ich sag dir: Der Kapitän hat auch was gegen das Hängen.«

»Wie kommst du darauf?«

»Er macht immer ein ganz gezwungenes Gesicht, wenn er zusieht. Es ekelt ihn an, wenn ein Mensch am Seil zappelt und zu Tode stranguliert wird. Beim Auspeitschen macht er ein ganz anderes Gesicht, obwohl es auch nicht appetitlich ist.«

»Was du alles siehst, Achille! Du bist schon ein komischer Kerl. Der Kapitän hat auch schon gesagt, dass die Peitsche keinen Mann besser macht. Aber wenn es sein muss, verurteilt er. So solltest du auch denken.«

Die Ausgucke sichteten einige Fischerboote, aber die flohen. Sie sichteten auch ein Geleit mit zwei Fregatten, das gerade mit Nordkurs am Horizont verschwand.

Svens Schiffe behielten den Kurs bei und stießen in der nächsten Nacht fast auf ein Fischerboot aus New Jersey. Beim gegenseitigen Beschimpfen merkten die Fischer jedenfalls, dass Svens Leute keine Briten waren. Daher gaben sie ihnen auch die Auskunft, dass die Briten aus dem Delaware abgezogen waren. Einige amerikanische Kaper wären schon stromaufwärts gesegelt, und zwei Galeeren aus Maryland wollten nach Philadelphia. Zurückgekommen wären sie noch nicht. »Ach ja, gestern kam hier noch ein britischer Konvoi an. Die wussten noch nicht, dass Howe abgezogen ist. Sie sind aber schnell nach New York weitergesegelt.«

Sven war mit der Auskunft zufrieden. Er wechselte im Morgengrauen seinen Posten mit Kapitän Harvy. Er kannte den Delaware viel besser als dieser und würde mit der Philadelphia das Geleit anführen, weil die Brigg im Fluss wendiger war als die Fregatte. Joshua, Samuel und Martin nahm er mit auf die Brigg.

In Wilmington nahm er einen Lotsen an Bord, denn er wusste natürlich nicht, welche Hindernisse die Briten im letzten halben Jahr geräumt und welche sie neu versenkt hatten.

Der Wind war ihnen günstig. Sie machten gute Fahrt und passierten am Nachmittag Billings Island, Hog Island, Fort Mifflin, Fort Mercer und das Wrack der Augusta, das Svens Galeeren damals versenkt hatten. Erinnerungen bewegten Sven. Am Ufer winkten Menschen, und er winkte zurück.

Rocky wollte gar nicht mehr unter Deck. Er stand an der Reling, schnupperte und schaute zum Ufer und winselte mitunter leise.

»Sir, Rocky erkennt die Heimat auch wieder«, sagte Svens Bursche Martin und streichelte den Schäferhund.

»Wir sind ja auch oft genug hier entlanggerudert, und er musste aufpassen, dass die Briten uns nicht überraschten.«

Aus der Unterhaltung merkte der Lotse, wer Sven war. »Dann sind Sie der berühmte Kapitän aus Gloucester, der damals die Erste Galeerenflottille kommandierte?«

Sven bejahte.

»Donnerwetter! Manche nennen Sie heute noch den Helden vom Delaware.«

»Ich habe nur die Kommandos gegeben. Geschossen haben meine Leute«, wehrte Sven ab. »Aber sagen Sie mal, hier steht ja kaum noch ein Wald. Meist stehen nur noch Stümpfe. Wie kommt denn das?«

»Die Briten haben immer Kommandos ausgeschickt, die Brennholz besorgen mussten. Es war ja ein sehr kalter Winter. Und die Einwohner wollten auch nicht frieren«, informierte ihn der Lotse.

Vor Gloucester ließ Sven ein Boot bemannen. Joshua, Samuel und Martin sollten sich von vier Mann ans Ufer rudern lassen und nach Martha und John im Haus der Larssons schauen. »Seid vorsichtig und bringt mir gleich Nachricht. Sagt den beiden, dass ich in den nächsten Tagen komme.«

Sie steuerten die wenigen Kilometer bis zur Hafenfront von Philadelphia. Sie war ungewohnt leer. Aber als jetzt die Schiffe mit der Flagge der Kontinentalen Flotte und den vielen Prisen einliefen, sammelten sich Menschen am Ufer und jubelten. Sven schaute, ob irgendjemand aussah, als ob er offizielle Stellen vertrat. Da, das war doch der Mann vom Hafenamt aus der Zeit vor der britischen Besatzung. Und dort kam ja auch einer vom Stadtkommandanten.

Sven ließ sie mit allen Ehren an Bord begrüßen und hieß sie willkommen. Sie hatten vor zwei Tagen ihre Ämter wieder übernommen.

»Sie sind das erste Schiff unserer Flotte, das wir begrüßen dürfen. Herzlichen Glückwunsch zu den Prisen.«

»Haben Sie alles gut überstanden? Wie war es denn während der Besetzung?«, fragte Sven.

»Ich war nicht in der Stadt, sondern bei den Belagerern. Aber Mr Targot kann Ihnen berichten, wenn Sie mir nur schnell sagen, Sir, wie viele Gefangene Sie uns übergeben wollen, damit ich die Truppen anfordern kann«, sagte der Vertreter der Stadtkommandantur.

Sven gab ihm Auskunft und schickte ihn auf die Bark mit den befreiten Amerikanern. »Am besten besprechen Sie mit dem Hauptmann, wo seine Truppen untergebracht werden sollen.«

Dann ließ er sich von Mr Targot erzählen, wie es in der Stadt war.

»Eigentlich gab es zu der Zeit zwei Städte, Mr Larsson. Eine für die Engländer und die Royalisten, die voller Leben, voller kultureller Ereignisse und Amüsement war. Der zentrale Punkt war die ›City Taverne‹, deren Management britische und hessische Offiziere übernommen hatten. Jede Woche fand ein Ball statt, ein großes Kasino war dort, wo sie ihr Geld verspielen konnten. Sie haben gefeiert und geprasst, wie es General Howe und seiner Geliebten gefiel. Die übrige Bevölkerung, soweit sie loyal zur Revolution blieb, musste sehen, wie sie durchkam. Essen, Arbeit, Geld, Heizmaterial waren knapp. Es wurde immer härter, je länger die Besetzung dauerte. Oft genug waren wir Freiwild für die Briten, besonders, wenn sie betrunken waren. Aber die Königsanhänger haben uns auch wie den letzten Dreck behandelt.«

»Hat das jetzt nicht Racheakte gegeben?«, fragte Sven.

Mr Targot schüttelte den Kopf. »Kaum. Die Königstreuen haben die Stadt mit den Briten verlassen. Über tausendfünfhundert Familien haben sich eingeschifft. Ihr Eigentum wurde hier und da geplündert, bis die neue Polizei wieder ihr Amt aufnahm.«

Sven sagte ihm: »Sie ahnen nicht, welche Sorge ich hatte, während wir vor Europa kreuzten. Meine Frau ist mit den Kindern nach Easton geflohen. Aber was ist aus dem Haus in Gloucester geworden?«

»Da hat es keine schlimmen Kämpfe gegeben, Sir. Und Sie könnten es ja leicht wieder aufbauen, wenn ich sehe, was Sie an Prisen bringen.«

»Dann wollen wir mal an die Bestandsaufnahme gehen.«

Joshua, Samuel, Martin und ein mit ihnen befreundeter Marinesoldat stiegen in Gloucester an Land. Rocky war bei ihnen. Außer einem alten Penner war niemand am Anlegeplatz. Der Stand, an dem es sonst Zeitungen und Brot gab, war umgeworfen und zertrümmert.

»Na, das sieht ja nicht gut aus«, sagte Joshua. »Wir wollen lieber unsere Flinten schussbereit halten. Sam, geh mit Rocky voraus. Wir verteilen uns etwas zur Seite.« Sie pirschten sich voran.

Aber nun verdrückten sich die Menschen, die sie mit ihren Flinten sahen. Nur ein zwölfjähriger Junge rief: »Joshua, was macht ihr denn da?«, und kam angerannt. Es war ein Junge, der in der Nachbarschaft der Larssons wohnte.

»Und was machst du hier, Ben?«, fragte Joshua. »Am Landeplatz sah alles so verwüstet aus. Stehen die Häuser noch?«

»Aber ja, Mr Petrus. Die Briten sind hier durchgezogen, als sie abrückten. Ein paar Fenster sind eingeworfen worden, Türen wurden eingetreten, aber viel haben sie nicht mehr zerstört. Sie wollten sich ja in Sicherheit bringen. John haben sie mit einem Stock auf den Kopf gehauen, aber Martha ist unversehrt. Kommen Sie nur.«

Sam ließ Rocky los, und der rannte freudig bellend voran. Doch vor der Tür stand er dann, bellte nicht mehr und schien enttäuscht.

»Ja, Rocky, dein Bruder Ricky ist bei Frauchen. Aber die werden wir auch bald holen«, tröstete ihn Martin und streichelte ihn.

Joshua schaute auf Haus und Garten. Das sah aber schon etwas beschädigt aus. Der Garten war verwildert. Die Fenster im Obergeschoss waren fast alle mit Brettern zugenagelt. Die Tür war provisorisch repariert. Die Sitzbänke im Garten waren umgeworfen.

Joshua ging zur Tür und klopfte.

»John, Martha!«, rief er. »Macht auf! Wir sind da, die Seefahrer!«

Die Tür wurde aufgerissen, und Martha stand dort, breitete ihre Arme weit aus und weinte vor Freude. »O Gott, o Gott! Unsere Gebete wurden erhört. Joshua, Martin und Samuel sind da. John, komm doch nur! Sie sind gesund und helfen uns nun. Es ist vorbei, John!«

Joshua drückte Martha herzhaft, ehe er den anderen den Weg frei gab. »Ja, wir sind wieder da. Der Kapitän ist gesund und mit Prisen im Hafen. Er kommt bald vorbei, lässt er euch sagen.«

John schlurfte im Flur heran. Er trug einen Verband um den Kopf.

»He, John! Schön, dich zu sehen«, begrüßte ihn Martin. »Du siehst ja wie ein Soldat nach der Schlacht aus.«

John lachte kurz. »Das war aber eine einseitige Schlacht. Drei verfluchte Marodeure haben mich mit dem Gewehr bedroht, und der vierte schlug mir einen dicken Knüppel auf den Kopf. Denen war egal, ob wir für König oder Kongress sind. Die wollten nur plündern. Aber viel gefunden haben sie nicht.« Und er fasste die Seeleute um. »Kommt nur herein. Martha macht einen Kaffee, und ich hole eine Flasche Rum aus dem Kellerversteck.«

»Langsam, John!«, mahnte Joshua. »Der Kapitän will schnell wissen, wie es hier aussieht. Wir sollen ihm sagen, wie es euch geht und was ihr braucht für euch und für das Haus. Anstoßen müssen wir ein andermal.«

Martha und John erzählten fast gleichzeitig. Einer fiel dem anderen immer wieder ins Wort und riss das Gespräch an sich. Aber es wurde klar, dass die letzten Wochen die schlimmsten waren. Briten kamen über den Fluss und suchten Nahrungsmittel. Amerikanische Milizen schossen sich mit ihnen herum und wollten Alkohol. Auf beiden Seiten gab es anständige Soldaten und gewalttätige Räuber.

»Wir hatten ja unser Versteck im Keller für Lebensmittel, Alkohol und Wertsachen. Und wenn sie nichts fanden, dann haben die Raubeine etwas zerschlagen. Die oberen Fenster brauchten wir alle, um unten auszubessern. Es gibt ja jetzt kein Fensterglas. Ein paar Türen müssten auch repariert werden. Und der Garten!«

»Ist gut, Martha«, sagte Joshua. »Da kommen Handwerker vom Schiff. Aber jetzt hätte ich schon gern einen Kaffee.«

Als Martha gegangen war, flüsterte John noch: »Und wenn einer sich nicht an ihrem Alter störte, sondern der Martha was antun wollte, dann hat sie sich einfach in die Hosen gepinkelt. Wenn sie ihr dann den Rock herunterrissen und die Bescherung sahen, dann haben sie geflucht und sie in Ruhe gelassen.«

»Verdammt gute Idee!«, bestätigte Martin.

»Ja, Martha kommt überall durch«, erkannte John an.

»Wir haben Sam und Rocky bei den beiden gelassen, Sir. Ich glaube nicht, dass noch Marodeure kommen, aber die beiden waren doch mit den Nerven etwas fertig. Da konnte der Sam mit seinen Waffen und mit Rocky schon viel zur Beruhigung beitragen. Aber sie brauchen einen Tischler und jemand für den Garten, um das Haus wieder in Ordnung zu bringen. Doch wo gibt es Fensterglas?«

»Der Zahlmeister soll sich mal umhören. Aber verletzt wurden die beiden nicht?«

Joshua erzählte von Johns Platzwunde auf dem Kopf und von Marthas Methode, Vergewaltigungen abzuwenden.

»Mein Gott! Die gute, alte Martha. Da muss einem ja die Lust vergehen. Sie ist ein Schatz! Wen sollen wir zum Haus schicken?«, fragte Sven.

»Den Bob als Tischler und den Hans als Gärtner, Sir. Die sind erfahren und freundlich. Es wird ihnen Spaß machen, ein paar Tage ohne Drill zu sein.«

»Sehr gut, Mr Petrus. Sie sollen alles mitnehmen, auch Brot und Butter. Sorgen Sie dafür, dass ein Boot sie hinbringt. Natürlich sollen sie auch Waffen mitnehmen. Sam kann bei ihnen bleiben. Ich muss jetzt sehen, wer auf dem Prisenamt und bei der Reederei ist.«

Joshua mahnte: »Bitte, Sir, nehmen Sie auch zwei bewaffnete Männer mit. Es ist noch sehr unruhig in der Stadt.«

In Easton, einer kleinen Stadt etwa achtzig Kilometer nördlich von Philadelphia, schien die Nachmittagssonne strahlend vom Himmel.

»Billy! Mach doch bitte das Fenster auf, damit wir ein wenig Luft haben«, sagte eine elegante junge Frau zu einem Jüngling von etwa sechzehn Jahren. »Wie weit bist du überhaupt mit deiner Übersetzung?«

»Noch zwei Sätze, dann bin ich fertig, Frau Larsson.«

Er ging zum Fenster und öffnete es. Unwillkürlich schaute er hinaus und sah, wie sich eine kräftige junge Frau mit gefülltem Einkaufskorb dem Haus näherte. »Die Henrietta kommt vom Einkaufen wieder. Soll ich ihr helfen?«

»Na, geh schon, du Kavalier. Sie möchte aber bitte heraufkommen.«

Dann wandte sich Frau Larsson wieder dem kleinen Mädchen zu, das neben ihr saß, und las ihr aus dem Märchenbuch vor. Die Kleine war fast zwei Jahre alt, hübsch und aufmerksam. Als die Mutter fertig war und sie ansah, sagte sie: »Das war ein schönes Märchen, Mutti. Schade, dass Einar das noch nicht versteht.«

»Lilian, er ist noch nicht einmal ein Jahr alt. Da hast du solche Märchen auch noch nicht verstanden. Und hör mal, jetzt ist er wach geworden. Da wollen wir schnell zu ihm gehen.«

Im Nachbarzimmer lag der kleine Einar, strampelte und stieß von Zeit zu Zeit einen kräftigen Schrei aus. »Er will schon wieder etwas zu essen haben, der kleine Nimmersatt«, sagte die Mutter.

»Du darfst nicht so ungeduldig sein, kleiner Bruder«, mahnte Lilian.

Ihre Mutter schmunzelte, nahm den Sohn und ging mit ihm zum Wickeltisch. Henrietta, Amme, Zofe und Hausmädchen zugleich, sagte: »Das kann ich doch machen, Frau Larsson.«

»Lass man, ich bin schon dabei. Du kannst ihn mir dann abnehmen und ihn füttern, Henrietta, denn ich muss mit Billy noch lernen.«

Sabrina Larsson korrigierte die Übersetzung, die Billy aus dem Französischen angefertigt hatte. »Das hast du sehr gut gemacht, Billy. Es sind eigentlich nur zwei Redewendungen, die du anders übersetzen müsstest. Guck mal hier!« Und sie erklärte ihm den Sinn des Wortspiels.

Billy begriff schnell. Auch sein Lehrer in Mathematik war sehr zufrieden mit ihm. Da würde er im Herbst sicher auf Svens Schiff als Midshipman beginnen können.

Als Sabrina an Sven dachte, wurde die Sehnsucht in ihr fast übermächtig. Der letzte Brief war aus Frankreich und schon wieder zwei Monate alt. Was konnte nicht alles geschehen sein?

Da klingelte es an der Haustür. Ob das Sven war?

»Mach doch bitte auf, Billy!«, sagte sie ungewohnt leise.

Sabrina hörte eine Frauenstimme, und ihre Hoffnung zerbrach. Aber die Stimme kam ihr bekannt vor.

»Eine Freundin möchte Sie sprechen, Frau Larsson«, meldete Billy.

»Deine Freundin Elisabeth«, ergänzte die Frau.

Sabrina hob vor Staunen die Hände vor den Mund. Dann öffnete sie sie zur Umarmung.

»Was machst du denn hier, liebe Elisabeth?«

Sie umarmten sich und küssten sich auf die Wangen.

»Ich wollte dich um Hilfe bitten, Sabrina.«

Als sie sich gesetzt und ihre Tasse Kaffee vor sich hatten, fragte Sabrina ihre Freundin: »Wie sollte ich dir helfen können, Elisabeth?«

»William und ich möchten dich und deinen Mann bitten, unseren Besitz zu kaufen, bevor wir ohne Kostenausgleich enteignet werden.«

Sabrina saß fassungslos mit offenem Mund da und sah Elisabeth an. »Welchen Besitz? Warum solltet Ihr enteignet werden?«

Elisabeth standen Tränen in den Augen, aber sie sprach sehr gefasst: »Mein Mann war Mitglied der Stadtregierung von Philadelphia unter britischer Besetzung. Er war für die Ernährung der Bevölkerung zuständig. Du weißt, wir hatten die großen Firmengebäude mit Lagerhäusern und eigenem Kai fast gegenüber von Gloucester. William war der größte Käufer und Verkäufer von Getreide in Philadelphia. Er neigte immer zu den Royalisten wie dein Vater. Darum übernahm er den Posten. Er hat nie Unrecht getan, sondern alles daran gesetzt, die Bevölkerung mit Nahrung zu versorgen.«

»Ich habe den großen Gebäudekomplex oft vom anderen Ufer aus gesehen«, bestätigte Sabrina. »Aber wieso sollte man euch das wegnehmen wollen, Elisabeth?«

»Seit der Revolution hat man für Gegner der Unabhängigkeit Gesetze geschaffen, die Enteignung und Verbannung vorsehen. Es gab und gibt treason acts und test acts, Sicherheitskomitees und jetzt Gerichte, die alle verfolgen, die gegen die Unabhängigkeit handeln. Die Einzelheiten muss dir ein Jurist erklären. William stand in der Stadtregierung nicht so im Vordergrund. Darum ist sein Besitz noch nicht beschlagnahmt. Aber das kann jeden Tag geschehen, und dann erhalten wir keinen Cent. Wir müssen vorher verkaufen, um in Florida eine neue Existenz gründen zu können. Versteh das bitte! Ich bin zu dir gekommen, weil dein Vater Verständnis für die Sache des Königs hatte, weil wir immer gute Freundinnen waren und weil ich hörte, dass dein Mann viel Prisengeld erbeutet hat. Ich wüsste sonst nicht, wer uns helfen könnte.«

»Ich will dir gerne helfen, Elisabeth, und Sven sicher auch. Aber er ist auf See. Und was sollten wir mit einem solchen Gebäude anfangen?«

»Du hast mir einmal gesagt, ihr wärt an der Reederei Bradwick beteiligt. Für eine Reederei ist das Gelände ideal.«

Sabrina dachte nach. »Ja. Aber dann müsste ich mit Mr Bradwick sprechen und mit Sven auch. Ich kann doch nicht unser ganzes Geld für etwas weggeben, das niemand von uns brauchen kann. Das wirst du doch auch verstehen.«

»Liebe Sabrina! Ich weiß, es ist eine Zumutung, dich hier zu überfallen und um eine Entscheidung mit so weitreichenden Folgen zu bitten. Aber bedenke, der Gebäudewert wird zwischen drei- und vierhunderttausend Dollar geschätzt. Wir erwarten nur vierzigtausend. Mr Bradwick ist jetzt in Germantown und wird jeden Tag nach Philadelphia zurückkehren. Du könntest ihn erreichen. Bitte, überlege es dir!«

Sabrina dachte angestrengt nach. Dann sagte sie entschlossen: »Ich gehe jetzt zu Rechtsanwalt Arthur, dem besten Freund, den wir in Easton haben, und lasse mich über die juristische Lage aufklären. Du kannst in meinem Zimmer ausruhen, denn ich sehe, dass du übermüdet bist. Danach schauen wir weiter.«

Henrietta und Billy waren über Sabrinas ungeplanten Ausgang überrascht. Genauso überrascht waren die Arthurs über ihren unerwarteten Besuch.

»Ist Ihrem Gatten oder einem der Kinder etwas passiert, Frau Larsson?«, fragte Frau Arthur mitfühlend.

»Nein, nein, Frau Arthur. Eine Freundin aus Philadelphia hat mir nur eben ein finanziell so außergewöhnliches Angebot unterbreitet, das unser Leben verändern könnte. Ich würde mir gern über die juristischen Konsequenzen die Ratschläge Ihres Gatten anhören.«

»Nun, da haben Sie aber Glück, Frau Larsson. In einer Stunde hat er einen Termin. Kommen Sie. Er ist in seinem Arbeitszimmer.« Mr Arthur, der Sabrina das Fluchtquartier in Easton vermittelt hatte, war ein absolut vertrauenswürdiger Mann. Sabrina wusste, er würde kein Wort sagen, wenn sie um sein Schweigen bat.

Sie erzählte ihm in kurzen Worten von dem Angebot und bat um seine juristische Beurteilung.

Er hatte sich einige Notizen gemacht, dachte einen Moment nach und sagte dann: »Juristisch würde man einiges etwas anders formulieren, aber in der Sache entspricht die Schilderung der Freundin unserem Rechtsstand. Wir folgen dabei dem britischen Recht, nur haben wir keinen König von Gottes Gnaden mehr, sondern die Republik. Damit wir wussten, wer der amerikanischen Sache loyal gegenüberstand, haben auch wir einen Treueid gefordert, gegenüber der Verfassung des Einzelstaates oder auf die Unabhängigkeitserklärung. Wer ihn nicht schwören wollte, dessen Bürgerrechte wurden eingeschränkt, vom Berufsverbot bis zur Ausweisung und Enteignung. Sicherheitskomitees haben die Strafbestände dann auf Handlungen gegen unsere junge Republik ausgedehnt. Die schärfste materielle Strafe ist die Enteignung, die oft mit Ausweisung und Verbannung verbunden ist. Diese Enteignungen sind nicht selten ausgesprochen worden, vor allem in den nördlichen Staaten.«

Sabrina sagte leise: »Der Mann meiner Freundin war Mitglied der Stadtregierung von Philadelphia während der britischen Besatzung. Er war für die Versorgung der Bevölkerung zuständig. Sein Firmengebäude, dessen Enteignung er fürchtet, hat einen Wert von dreihundertbis vierhunderttausend Dollar. Er erwartet vierzigtausend Dollar.«

»Ein Schnäppchenpreis!«, sagte Mr Arthur lächelnd. »So ein Preis wird nur bei Notlage des Verkäufers und großem Risiko für den Käufer akzeptiert. Ihr Risiko, liebe Frau Larsson, will ich kurz benennen: Der Kauf ist ungültig, wenn das Gelände schon bei einem Gericht zur Enteignung angemeldet ist. Der Verkäufer könnte außerdem nach einiger Zeit die Annullierung des Kaufes beantragen, weil der Preis viel zu niedrig und das Geschäft daher sittenwidrig war. Ich kenne Sie und Ihren Gatten und weiß, dass sie keine Geschäftspiraten sind und keine Notlage ausnutzen würden. Dann müssen wir den Vertrag auch so formulieren. Können Sie denn das Gebäude nutzen?«

»Mein Mann ist stiller Teilhaber bei der Reederei Bradwick. Eine Reederei könnte das Gelände sehr gut nutzen. Aber ich müsste Mr Bradwick fragen. Er soll in Germantown sein und nach Philadelphia zurückkehren wollen.«

»Das wäre ja nicht aus der Welt. Aber können Sie ohne Ihren Gatten entscheiden?«

»Ich hätte die Vollmacht, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das will.«

»Wir kennen uns gut, Mrs Larsson. Daher mache ich den Vorschlag, dass wir morgen gemeinsam nach Germantown und Philadelphia fahren. Dann können wir vor Gericht und mit Mr Bradwick die Situation klären. Wenn der Verkäufer erreichbar wäre, könnten wir auch den Vertrag abschließen. Was könnten wir sonst tun, da Eile geboten ist? Sie können doch die Kinder ein oder zwei Tage bei Henrietta und Billy lassen? Meine Frau würde auch nach ihnen schauen.«

Sabrina blickte einen Moment zu Boden. Dann sah sie ihn an und sagte: »Wir fahren, Mr Arthur!«

Sven schaute sich unzufrieden in seiner Kajüte um. Seit Kapitän Hardy kurz nach Ihrer Ankunft wieder die Brigg Philadelphia übernommen hatte und mit ihr zur Mündung des Delaware zurückgesegelt war und seitdem Martin in Gloucester für Ordnung sorgen sollte, lag in seiner Kajüte auf der Liberty nichts mehr dort, wo es liegen sollte. Aber dann sagte sich Sven, dass Martin ja nicht sein Babysitter und er wohl alt genug sei, um selbst Ordnung zu halten.

Da lag das Papier mit den Daten der beiden Prisen, die mit der französischen Flotte segelten und nun von Mr Harvy nach Philadelphia gebracht werden würden. Das Papier wollte er schon beim Prisengericht vorlegen, um die Abwicklung zu beschleunigen.

Sven sagte Mr Flinders, dass er zur Prisenagentur und zum Prisengericht ginge und zwei Matrosen mitnehme. In einer Stunde sei er zurück.

Auf der Prisenagentur traf Sven nur den früheren Chef und einen Schreiber, die in einem kleineren Raum an Schreibtischen saßen. In den anderen beiden Räumen schleppten Männer Schränke, Stühle und Tische herein.

»Willkommen, Mr Larsson!« Der Chef kam ihm mit ausgestreckter Hand entgegen. »Wenn das kein gutes Zeichen ist, dass unser erfolgreichster Kapitän der Erste ist, der uns nach Wiedereröffnung des Geschäfts besucht, dann weiß ich auch nicht mehr. Sie haben gute Prisen mitgebracht, habe ich schon gesehen.«

»Es kommen noch zwei, Mr Hubbler. Aber wo waren denn all Ihre Sachen?«

»Die Aktenschränke waren im Keller verstaut, Mr Larsson. Meine Leute und ich haben bei der Straßenreinigung gearbeitet, damit wir überhaupt Essen erhielten. Aber es war erträglich. In die Dreckarbeit hat niemand viel hineingeredet. Da waren wir relativ unbehelligt. Und in zwei Tagen sind wir wieder voll leistungsfähig.«

»Dann gebe ich Ihnen erst einmal die Papiere zur Durchsicht. Ich gehe noch zum Prisengericht zur formellen Anmeldung. Und können Sie mir sagen, ob Mr Bradwick schon wieder in der Stadt ist?«

»Gestern traf ich zufällig Mr Smith vom Marinekomitee, der mir sagte, dass Mr Bradwick heute oder morgen zurückkommt. Aber sein Büro wurde verwüstet.«

Sven ließ sich sagen, wo er wohl Mr Smith finden könne, und verabschiedete sich dann. Als er durch die Straßen ging, fiel ihm auf, wie ungleich die Auslagen in den Geschäften waren. Einige waren wie leer gefegt, in anderen stapelten sich die Auslagen.

Einen Kaufmann, der Sabrina schon mehr als ein Kleid verkauft hatte, fragte er nach dem Grund. »Da haben die Anhänger des Königs alle ihre Waren verramscht, seitdem schon vor Wochen von der Evakuierung geredet wurde. Dann sind sie mit den Briten verschwunden. Ich hoffe, man enteignet ihre Läden und versteigert sie. Ich könnte die Räume neben meinem Geschäft gebrauchen.«

Mr Smith kam gerade aus dem Haus und schimpfte vor sich hin.

»Na, Mr Smith! Wer hat Sie denn geärgert?«, fragte Sven und stellte sich ihm in den Weg.

Mr Smith schaute auf, und der Ärger in seinem Gesicht war wie weggewischt. Sie umarmten sich.

»Mr Larsson, wie lange habe ich Sie nicht gesehen! Aber alle Berichte über Sie habe ich verfolgt und mich immer wieder daran erfreuen können. Aus dem jungen Mann von einst ist einer unserer bekanntesten Kapitäne geworden. Und ich habe dazu beigetragen.«

»Ich habe so sehr gehofft, Mr Smith, dass Sie alles gut überstehen. Geht es auch Ihrer Familie und besonders Ihrem Sohn in der Armee gut?«

Mr Smith war wieder ernst geworden. Er fasste Sven an und zog ihn an seine Seite. »Er hat in den Kämpfen vor New York seinen linken Unterarm verloren, aber er ist wieder gesund, arbeitet jetzt in der Armeeverwaltung, und ich will ihn bald in der Kongressverwaltung unterbringen.«

»Es tut mit leid, Mr Smith, dass Ihr Sohn so schwer verwundet wurde. Als ich die Fregatte Liberty bemannen musste, konnte ich nur einen Ersten Leutnant finden, der seinen linken Fuß verloren hatte und mit einem Stumpf lief. Ein hervorragender Mann. In Frankreich konnte man ihm eine Prothese verpassen, mit der seine Behinderung kaum mehr auffällt.«

Mr Smith war interessiert. »Von den Prothesen müssen Sie mir mehr erzählen. Können wir uns morgen zum Lunch in ›Hobson’s Eagle‹ treffen? Ich habe jetzt alle Hände voll zu tun, um die Lieferungen für die französische Flotte zu organisieren.«

»Wenn etwas dazwischenkommt, schicke ich Nachricht, Mr Smith.«

Sabrina hatte Mr Arthur empfohlen, zuerst zu Mr Bradwicks Haus in der Mulberry Street in der Nähe der deutsch-calvinistischen Kirche zu fahren. »Irgendjemand wird das Haus hüten und uns Auskunft geben können, wo er ist. Und meine Cousine wohnt ganz in der Nähe. Da kann ich schlafen. Und an der Ecke zur Third Street ist ein kleines, gutes Hotel, da können Sie sicher mit dem Personal unterkommen, Mr Arthur. Wäre Ihnen das recht?«

»Ihre Vorschläge sind meist optimal, Mrs Larsson. Ich bin einverstanden.«

Aber zu ihrer Überraschung sagte ihnen der Diener von Mr Bradwick, dass der Reeder in Philadelphia sei, und führte sie zu Frau Bradwick. Beide Frauen kannten sich recht gut und waren froh, sich nach all den Kriegswirren unversehrt wiederzusehen.

Sabrina stellte Mr Arthur vor und berichtete, dass sie beide Mr Bradwick einen geschäftlichen Vorschlag unterbreiten wollten.

»Er ist ins Büro gefahren, Mrs Larsson. Sie wissen ja, dass wir während der Besetzung in Boston waren. Aber ehrlich gesagt, hat es uns dort nicht so gut gefallen. Und als dann vor Wochen die ersten Gerüchte aufkamen, dass die Engländer abziehen würden, haben wir uns vorgenommen, sobald als möglich nach Philadelphia zurückzukehren. Vorgestern sind wir angekommen. Mein Mann ist im Büro, das verwüstet sein soll. Ob er Sie morgen schon dort empfangen kann, weiß ich nicht. Aber Sie könnten sich doch auch hier treffen. Das Haus ist groß genug, und wenn noch nicht alles wieder an seinem Platz ist, werden Sie nicht so kleinlich sein, nicht wahr?«

»Aber nein«, versicherte Sabrina. »Dafür kennen wir uns doch zu gut. Ich werde bei meiner Cousine schlafen, die hier um die Ecke wohnt. Sie kennen sie doch auch?«

»Aber ja. Doch da fällt mit ein, dass ein Brief von Mr Smith vom Marinekomitee heute abgegeben wurde. Ich werde ihn aufmachen und nachsehen, ob etwas drin steht, das für die morgige Terminabsprache wichtig ist.«

Sie ging zum Sideboard, nahm das Kuvert, schlitzte es auf und las. Vor Überraschung rief sie: »Das gibt es doch nicht!«

Dann lachte sie Sabrina an. »Ihr Gatte ist gestern eingelaufen! Morgen Mittag trifft er sich mit Mr Smith, und übermorgen will er Sie aus Easton holen.«

Sabrina hatte es die Sprache verschlagen, aber sie strahlte.

Mr Arthur räusperte sich. »Das ist eine ganz wunderbare Überraschung, Mrs Larsson. Besser hätte es sich nicht fügen können.«

»Ich nehme es als gutes Zeichen für unsere Pläne, dass gerade Sie mir die gute Nachricht mitteilten, Frau Bradwick. Ich fahre gleich zum Hafen und sage auf dem Hinweg meiner Cousine Bescheid und setze Mr Arthur beim ›Prince of Wales‹ ab, das Sie sicher kennen. Ich glaube, die Herren werden sich morgen Nachmittag treffen. Grüßen Sie Ihren Gatten und entschuldigen Sie uns, Mrs Bradwick.«

Sabrina war in Hochstimmung. Was dem Wiedersehen mit ihrem Sven noch im Wege stand, erledigte sie wie in Trance. Ihre Cousine wusste gar nicht, wie ihr geschah, als Sabrina ihr einige Taschen vor die Tür stellen ließ, sie wie ein Liebhaber umarmte, einige Sätze wie »Sven wird überrascht sein« murmelte und wieder mit der Kutsche davonrollte.

Mr Arthur merkte sich die Adresse und sprang vor dem Hotel selbst aus dem Wagen, ließ sich und seinen Begleitern die Taschen reichen, rief »Herzliche Grüße an den Kapitän« und winkte dem Wagen nach.

Als sie den Kai erreichten, steckte Sabrina den Kopf weit aus dem Fenster und spähte umher. Da! Das war die Liberty, sie lag am Kai. Die Segel waren ordnungsgemäß angeschlagen. Kisten wurden ausgeladen. Säcke eingeladen. Und dort, das kannte sie, teerten einige Matrosen das »Stehende Gut«. Sie klopfte an die Scheibe, damit der Kutscher hielt, und sprang aus dem Wagen, bevor er die Treppe herunterklappen konnte.

»Damen, die sich wie Bettlermädchen benehmen«, schüttelte der Kutscher den Kopf.

Sabrina lief auf den Posten an der Gangway zu. »Ist der Kapitän an Bord?«

Der Posten kannte sie nicht und zeigte nur zur Seite auf ein Boot, das von einem im Fluss ankernden Schiff kam. Sabrina schaute angespannt voraus. Ja, dort saß ihr Sven. Sie winkte mit ihrem Tuch und rief: »Huhu!«

»He, du kannst hier nicht schreien wie eine Dockschwalbe. Warte, bis die hier sind. Wenn du einem gefällst, wird er dir schon ein paar Penny geben, bevor er dir unter den Rock fasst«, schimpfte der Posten.

Sabrina hatte gar nicht zugehört, denn sie sah, wie ihr Sven aufstand und mit seinem Hut winkte.

»Mein Mann hat mich erkannt. Ach, Sven, mein Liebster«, sagte sie vor sich hin.

Der Posten guckte zum Boot, als er »mein Mann« hörte, sah, dass der Kapitän winkte, hörte auch noch den Namen Sven und wäre am liebsten im Boden versunken. Mein Gott, er hatte die Frau des Kapitäns als Hafendirne behandelt.

»Verzeihung, gnädige Frau«, sagte er in seinem höflichsten Tonfall. »Der Herr Kapitän kann dort anlegen, dort unter der Treppe, nur zehn Meter entfernt.«

Sabrina sah seine Bewegungen, erkannte selbst die kleine Plattform und war selig. »Ist es nicht wunderbar, dass er wieder da ist?«

Dem Posten war gleichgültig, wo der Kapitän war, wenn er ihn nur in Ruhe ließ. Aber die Dame hatte anscheinend nichts gegen ihn. Na gut, wenn es ihr nichts ausmachte, als Dirne angeschnauzt zu werden. Ein Sergeant hatte ihm ja mal gesagt, es gäbe Damen, die liebten es, beleidigt oder geschlagen zu werden. Komisch, sie sah doch ganz normal aus.

Sven sprang auf die Anlegeplattform und rief ihr entgegen: »Sabrina, Liebste. Was machst du hier? Sind die Kinder auch in Gloucester?«

»Ach, Sven, dass du nur gesund wieder bei mir bist. Ich bin gerade mit Mr Arthur angekommen. Die Kinder sind gesund in Easton. Ich musste wegen einer dringenden geschäftlichen Erledigung nach Philadelphia. Aber sag mir doch erst, wie es dir geht und wie lange du bleiben kannst. Ich habe ja nur durch Zufall erfahren, dass du dich morgen mit Mr Smith triffst.«

»Mir geht es gut, Liebste. Unsere Reise war erfolgreich. Wir haben auf Hin- und Rückfahrt wertvolle Prisen gekapert. Aber was ist das für eine dringende geschäftliche Angelegenheit, die dich zwingt, die Kinder allein zu lassen.«

»Sven, sie sind nicht allein. Henrietta und Billy werden gut auf sie achtgeben, und Mrs Arthur schaut auch nach ihnen. Es sollte ja alles nur drei Tage dauern.«

»Liebling, nun sag mir doch endlich, was dieses ›Es‹ ist, das nur drei Tage dauern sollte.«

»Können wir uns dazu nicht setzen und eine Tasse Tee trinken?«

Sven überlegte kurz. »Bei mir in der Kajüte ist jetzt beim Überholen des Schiffes zu viel Unruhe. Aber dort drüben ist eine Teestube, die für die Hafengegend erstaunlich solide und gediegen ist, weil dort die Agenten sich mit Kapitänen und Reedern treffen. Komm, es sind nur wenige Schritte.«

Sie saßen am Tisch, nippten an ihrer Tasse, und Sabrina begann mit dem Bericht, der ihr sichtlich schwerfiel. »Du kennst doch meine Freundin Elisabeth, verheiratete Redbook. Ihren Mann kennst du auch und erinnerst dich sicher, dass er die große Handelsfirma mit den Riesengebäuden besitzt, die wir über den Fluss immer an der Ecke Swanson und Almonds Street sehen.«

Sven nickte. »Ja, die Gebäude habe ich oft gesehen. Sie haben auch Kaianlagen dort. Elisabeth habe ich auch vor meinen Augen, aber das Bild ihres Mannes bleibt ein wenig farblos. War er der Große mit dem dicken Bauch?«

Sabrina lächelte. »Man könnte ihn auch ein wenig freundlicher beschreiben, aber du meinst sicher den Richtigen. Elisabeth kam nun gestern Früh zu mir und erzählte, ihr Mann würde enteignet werden, weil er im Stadtrat während der britischen Besatzung war und mit den Briten zusammengearbeitet und ihre Sache aktiv unterstützt hat. Er versteckt sich jetzt.«

»Warum kommt sie damit zu dir? Sollen wir ihn verstecken?«

»Nein, Sven. Aber wenn ihre Firmengebäude enteignet werden, haben sie gar nichts und können nirgendwo neu anfangen. Sie bat mich, dass wir ihnen die Firma für vierzigtausend Dollar abkaufen. Sie hatte wohl von deinen reichen Prisen gehört und dass wir bei Bradwick beteiligt sind. Die Gebäude sind für eine Reederei ideal.«

Sven fuhr sich mit der Hand über die Stirn und sperrte den Mund auf.

»Das kann doch nicht sein, dass du mir so etwas vorschlägst, Sabrina. Das Gebäude ist doch etwa das Zehnfache wert. Können wir deine Freundin so betrügen, ganz abgesehen davon, dass wir sicher gegen alle möglichen anderen Gesetze verstoßen?«

»Ich habe mit Mr Arthur im Vertrauen darüber gesprochen. Wir verstoßen nicht gegen andere Gesetze. Wenn das Gebäude noch nicht amtlich zur Enteignung gemeldet ist, kann es verkauft werden, zu welchem Preis auch immer. Und bitte, überlege einmal, welche Alternative die Redbooks haben.« Sie machte eine kurze Pause und fuhr entschlossen fort. »Gar keine! Sie werden enteignet und erhalten keinen Penny. Sie können den Verkauf jetzt nicht öffentlich anbieten, denn das ruft alle auf den Plan, die noch mit den bekannteren Royalisten beschäftigt sind, dann aber aufmerksam werden. Sie hat nur eine gute Freundin, die sie bitten kann: Tut es für uns, damit wir etwas haben. Sagt es keinem anderen, sonst wird der Verkauf gesperrt, und wir müssen ohne einen Penny flüchten. Ich weiß, meinte sie, ihr würdet mehr zahlen, wenn ihr könntet. Aber tut es jetzt so und tut es schnell und verschwiegen, sonst sind wir verloren. Was sollte ich da sagen?«

Sven sah sie nachdenklich an. »Du warst schon immer gut im Argumentieren. Mein Verstand kann dir folgen, aber meine Moral nicht. Ich kann doch Freunde nicht so übervorteilen! Ja, ich sehe ein, dass ihnen keine Alternative bleibt. Aber …«

Sabrina unterbrach ihn. »Mir geht es wie dir. Ich grübele auch schon den ganzen Tag. Da kam mir der Gedanke: Wenn wir von dem Kauf profitieren, also wenn die Reederei dort gut geht, dann können wir ein Waisenheim für Kinder stiften und es nach Redbooks nennen. Damit tragen wir einen Teil der moralischen Schuld ab und tun etwas für die Familie.«

»Das ist ein erwägenswerter Gedanke. Aber wir wollen nichts überstürzen. Ich schlage vor, dass du jetzt zu deiner Cousine fährst und dich von den Strapazen der Reise erholst. Ich lasse mich schnell noch nach Gloucester übersetzen und rede mit Mr Leifrath, dem Rechtsanwalt meines Großvaters. Dann fahre ich noch kurz zum Haus und regele, dass Joshua und Sam morgen Henrietta und die Kinder abholen. Wir treffen uns morgen um neun Uhr bei deiner Cousine.«

»Aye, aye, Sir. Das ist alles zweckvoll geregelt, Herr Kapitän, aber wo bleibt die Liebe?«

»Schatz, wenn du so eine schwierige Angelegenheit schnell geregelt haben willst, muss sie einen Tag länger warten. Aber ich weiß nicht, ob ich das durchhalten kann.«

Sie umarmten sich lachend und kümmerten sich nicht um die Blicke der Gäste.

An Einzelheiten des nächsten Tages konnten sie sich später kaum noch erinnern. Es war ein Tag der Hetze und der Formalitäten. Mr Leifrath traf sich um neun Uhr mit Mr Arthur, den er früher einmal in die Juristerei eingeführt hatte. Sie klapperten Anwälte, Ämter und Gerichte ab, um sicherzustellen, dass keine Enteignung eingeleitet war, dass der Verkauf in Anwesenheit der Familie Redbook amtlich beglaubigt werden konnte und dass die Eintragung der Käufer in die Grundbücher umgehend erfolgen würde.

Sabrina und Sven trafen Mr Bradwick, fuhren mit ihm zusammen zu dem Gebäudekomplex an der Swanson Street und besprachen, wie ihre Teilhaberschaft an der Reederei künftig geregelt werden könne. Mr Bradwick war kinderlos und hatte auch keine näheren Verwandten.

Sie waren alle begeistert von der Eignung der Gebäude für die Reederei, vereinbarten, dass die Larssons auch maßgeblich den Ankauf der neu erbeuteten britischen Briggsloop und der einen Bark übernehmen würden und dafür einen Anteil von neunundvierzig Prozent an der Reederei erhielten.

Mr Bradwick lud Sabrina zum Lunch ein, und Sven traf sich mit Mr Smith. Dieses Treffen brachte Sven die Bestätigung, dass die Fregatte Maine mit den acht Prisen sicher eingelaufen war.

Nach dem Lunch trafen sich die Redbooks und die Larssons mit ihren Anwälten bei einem Anwalt in Philadelphia zur Unterzeichnung des Kaufvertrages. Sven sah Elisabeth und Mr Redbook wieder. Elisabeth hatte ihm schon immer gefallen, und er begrüßte sie herzlich. Mr Redbook hatte ihm nicht so sehr gelegen, aber er war überrascht, mit welchem Ausdruck der Erleichterung und Dankbarkeit Mr Redbook ihm heute gegenübertrat.

Er bedankte sich, dass die Larssons ihm in dieser verzweifelten Lage helfen wollten und dass sie alles so schnell und gut geregelt hatten. »Sie hatten wahrscheinlich etwas ganz anderes mit Ihrem Geld vor, Herr Kapitän, und müssen es nun so überhastet für uns anlegen. Aber ich bin zuversichtlich, dass Sie bald mit dem Kauf zufrieden sein werden.«

Sven bedauerte, dass sie bei dieser Hast keinen angemessenen Gegenwert aufbringen konnten. Seine Frau habe aber vorgeschlagen, dass sie ein Redbook-Waisenheim für Kinder errichten und stiften würden, sobald die Anlage sich rentiere. So werde der Name seinen guten Klang behalten. Die Redbooks waren sehr angetan davon und die Überschreibung verlief in angenehmer Stimmung.

Bei der formellen Eintragung des Eigentumswechsels standen die Anwälte im Vordergrund. Sven und Mr Leifrath hatten verabredet, dass der Name Larsson amtlich nicht in Erscheinung trat, sondern dass eine Anteilsgemeinschaft der Reederei Bradwick, vertreten durch Mr Arthur, Eigentümer wurde. Alles andere war durch vertrauliche Schriftstücke geregelt.

Sabrina und Sven waren regelrecht erschöpft durch diesen endlosen Paragrafenmarathon und fuhren zu ihrem Haus nach Gloucester. Sie sahen, als sie über den Delaware setzten, dass Mr Harvy mit seiner Brigg Philadelphia und den beiden Prisen eingelaufen war.

»Nein«, äußerte Sven, »heute Abend fahre ich nicht mehr zu Mr Harvy. Das muss Zeit bis morgen Früh haben. Von Mr Smith habe ich ja auch nicht so angenehme Nachrichten für ihn.«

»Du erwähntest das Thema schon einmal. Hat Mr Smith etwas gegen Mr Harvy?«, fragte Sabrina.

»Nicht gegen ihn persönlich, aber er geht nicht davon ab, dass ein amputierter Mann nicht Kapitän eines Schiffes der Kontinentalen Flotte werden kann. Ich konnte ihn nicht davon abbringen und möchte Mr Harvy als Entschädigung das Kommando der Brigg Star anbieten, die wir gerade als Kaper für die Reederei Bradwick erworben haben. Wir haben mehr Vorteile von dieser Regelung als er.«

»Ich habe nichts dagegen, Sven. Bange ist mir nur etwas davor, dass Mr Bradwick mich mit unserem großen Anteil jetzt mehr in die Geschäftsführung einbinden wird, wenn du nicht da bist. Er hat mir auch jetzt alle ein oder zwei Monate beim Kaffeebesuch die Situation der Reederei dargestellt und mich um meine Meinung zu bestimmten Maßnahmen gefragt. Aber wenn das häufiger wird und stärker ins Detail geht, werde ich schnell überfordert sein.«

Sven fasste sie um. »Das glaube ich nicht. Ich habe sehr großes Vertrauen in deinen gesunden Menschenverstand und dein Urteilsvermögen. Mr Bradwick ist ja auch kein Seemann und Navigator. Er weiß etwa, wie Schiffe segeln können, und er denkt nach, was wo gebraucht ...

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