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Kulturgeschichte der Überlieferung im Mittelalter. Quellen und Methoden zur Geschichte Mittel- und Südosteuropas

UTB 4554space

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Elisabeth Gruber, Christina Lutter, Oliver Jens Schmitt

Kulturgeschichte
der Überlieferung
im Mittelalter

Quellen und Methoden zur Geschichte
Mittel- und Südosteuropas

BÖHLAU VERLAG  WIEN KÖLN WEIMAR · 2017

Impressum

Elisabeth Gruber ist Mitarbeiterin am Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit der Universität Salzburg in Krems und Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung.

Christina Lutter ist Professorin für Österreichische Geschichte an der historisch-
kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung.

Oliver Jens Schmitt ist Professor für Geschichte Südosteuropas an der historisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

Eine vollständige Liste aller Beiträgerinnen und Beiträger findet sich am Ende des Buches.

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über https://dnb.ddb.de abrufbar.

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich
unter www.utb-shop.de.

 

 

Umschlagabbildung: Siegel des Patriarchen Visarion, 13. Jahrhundert,
Siegelabbildung revers. Foto: Ivan Jordanov.

 

 

 

© 2017 by Böhlau Verlag GmbH & Co.KG, Wien Köln Weimar
Wiesingerstraße 1, A-1010 Wien, www.boehlau-verlag.com
Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig.

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Korrektorat: Claudia Macho, Wien

Kartographie: Joachim R. H. Zwick, Ingenieurbüro für Kartographie, Giessen

Satz: büro mn, Bielefeld

Druck und Bindung: Pustet, Regensburg

Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier

Printed in Germany

UTB-Band-Nr. 4554 | ISBN 978-3-8252-4554-2 | eISBN 978-3-8463-4554-2

Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Über dieses eBook

Vorwort

Erläuterungen zur Verwendung von Ortsnamen

Einleitung – eine Annäherung

1      

1.1     „Moderne“ Wissenschaften und Nationen

1.2     Nationale Geschichtsbilder

1.3     Wiener Methodenausbildungen und ihre Ausstrahlung nach Südosteuropa

1.4     Ausblick: nach 1945 – nach 1989

2      

2.1     Überblick über die politischen Veränderungen 500–900

2.2     Forschungstraditionen und Methoden zur frühmittelalterlichen Geschichte Mittel- und Südosteuropas

2.2.1     Spätantike Karten: Die Tabula Peutingeriana

2.2.2     Spätantike Epigraphik und das Ende der Alten Welt (300–500)

2.2.3     Linguistische Quellen zum Frühmittelalter: Zur Aussagekraft der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft

2.3     Die Kirche als Trägerin frühmittelalterlicher Überlieferung

2.3.1     Differenzierung und Integration durch Glauben

2.3.2     Integration durch Schriftlichkeit

2.4     Die Materialität der Quellen: Archäologie und Architektur, dingliche und bildliche Überlieferung

2.4.1     Stratigraphie eines Burghügels – das Beispiel von Alessio/Lissus/Lezha

2.4.2     Die Fundinterpretationen in der Mittelalterarchäologie der Provinz Vojvodina

2.4.3     Inschriften als Quelle für Herrschaftsgeschichte: Frühmittelalterliche kroatische Inschriften

2.4.4     Ein Steppenvolk erobert den östlichen Balkan: Bildkultur und Schriftlichkeit in proto-bulgarischen Inschriften

2.4.5     Die Siegel des mittelalterlichen Bulgarien 864–971

2.5     Ordnung ins Chaos? Das Handbuch De Administrando Imperio (948–952) des Konstantin Porphyrogénnetos

3      

3.1     Neue Herrschaftsbildungen 1000–1300: Adels-, Hof- und Klosterkultur

3.2     Herstellung von Sicherheit: Recht setzen und gestalten

3.2.1     Urkundliche Überlieferung im mitteleuropäischen Kontext

3.2.2     Fälschungen und Herrschaftslegitimation

3.2.3     Urkunden der lateinischen Kaiserkanzlei der Romania (Lateinisches Kaiserreich von Konstantinopel)

3.2.4     Serbische Herrscherurkunden

3.2.5     Urkunden als Spiegel von Kultureinflüssen: Fallbeispiel Moldau

3.2.6     Rechtskodifikationen in Mitteleuropa

3.2.7     Das Gesetzbuch des Stefan Dušan

3.2.8     Die fränkischen Assisen in Griechenland

3.2.9     Mittelalterliches Stadtrecht an der östlichen Adriaküste und in Mitteleuropa

3.3     Geschichte(n) erzählen: Historiographie, Hagiographie und Literatur

3.3.1     Geschichten erzählen: Geistliche und weltliche Überlieferung

3.3.2     Hagiographie und ihre politischen Funktionen: Böhmen und Mähren

3.3.3     Heilige Könige: Serbische Königsviten als balkanslawische Form der Herrscherrepräsentation

3.3.4     Klösterliche Annalistik

3.3.5     Chronistik des 12. und 13. Jahrhunderts

3.3.6     Deutschsprachige höfische Literatur: Ein Überblick

3.4     Visuelle und materielle Kultur

3.4.1     Materielle, bildliche und schriftliche Überlieferung als Medien von Repräsentation und Kommunikation

3.4.2     Burgen als Medien mittelalterlicher Herrschaftspraxis

3.4.3     Memoria multimedial: Inschriften und Wappen im Dienste von Erinnerung und Repräsentation

Übersichtskarten Mittel- und Südosteuropa

Karte 1   Physische Übersicht

Karte 2   Mittel- und Südosteuropa um 500

Karte 3   Mittel- und Südosteuropa um 800

Karte 4   Mittel- und Südosteuropa um 900

Karte 5   Mittel- und Südosteuropa um 1000

Karte 6   Mittel- und Südosteuropa um 1200

Karte 7   Mittel- und Südosteuropa um 1400

Karte 8   Mittel- und Südosteuropa um 1475

Karte 9   Wichtige Handelswege

Karte 10  Universitäten

4      

4.1     Herrschaft und pragmatische Schriftlichkeit 1300–1500: Städtische Gemeinschaften

4.2     Verschriftlichung und Normierung: Bausteine institutioneller Überlieferung

4.2.1     Professionalisierung in der Territorialverwaltung: Südosteuropa

4.2.2     Sicherung der Stadtverfassung durch Rechtsbücher: Wien – Prag – Ofen

4.2.3     Die Archive sprechen: Notarsprotokolle und Prozessakten im Vergleich

4.3     Stadt als Raum

4.3.1     Ansichten der Stadt: Chroniken, Karten und Pläne

4.3.2     Himmel über Prag und Wien: Städteportraits im 15. Jahrhundert

4.3.3     Die Stadt und ihr Umland: Umweltgeschichte, Donaustädte, Grundherrschaft

4.4     Soziale Gruppen und Gemeinschaften

4.4.1     Gebets- und Wirtschaftsgemeinschaften

4.4.2     Stadt und Fürsorge: Bettelorden, Spitäler und religiöse Stiftungen

4.4.3     Liturgie in der Stadt: Prozessionen, Altäre und Stiftungen

4.4.4     Ländliche Gemeinschaften in Dalmatien

4.5     Verflechtung spätmittelalterlicher Lebensräume

4.5.1     Quantifizierte Personen: Universitätsmatrikel

4.5.2     Bücherverzeichnisse als Abbild städtischer Beziehungsgeflechte

4.5.3     Zur christlich-jüdischen Koexistenz in der Stadt

4.5.4     Hof, Adel und Religion: Böhmische Buchmalerei zur Zeit der Luxemburger und der Hussitenkriege

4.5.5     Narrative der Herrschaftsrepräsentation und -praxis

4.6     Kommunikation und Korrespondenz: Politische und pragmatische Schriftlichkeit

4.6.1     Reform, Konzil und Korrespondenz: Böhmen und die Kirche

4.6.2     Endlich Zahlen: Osmanische Steuerregister

4.6.3     Handelsregister als quantitative Quelle: Dalmatien

4.6.4     Italienische Gesandtenberichte als Schlüsselquellen der politischen Geschichte Südosteuropas?

Ausblick

Abbildungsnachweis

Bibliographie  |  eBookplus

Personenregister

Geographisch-ethnographisches Register

Quellenregister

Verzeichnis der Beiträgerinnen und Beiträger

Rückumschlag

Vorwort

In den vergangenen fünf Jahren, in denen wir an diesem Buch arbeiteten, wurde die Frage „Was ist Europa?“ in unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen neu gestellt. In diesem Zeitraum wurden Jahrestage des Endes der Teilung Europas (1989) und der darauf folgenden fundamentalen Veränderungen der europäischen politischen Landschaft gefeiert, Fragen nach der Zugehörigkeit zu diesem Europa, nach Begründungen von Ein- und Ausschlüssen gestellt; die räumlichen Begriffe „Mittel“-, „Zentral“- und „Südost“-Europa wurden und werden neu und oft kontrovers definiert, und nicht zuletzt historisch argumentiert. Diese Kontexte lassen sich beim Verfassen einer „Kulturgeschichte der Überlieferung“ Mittel- und Südosteuropas nicht ausblenden, auch wenn sie dem Mittelalter gewidmet ist. Denn damals wurden – weder linear noch ungebrochen, sondern in unterschiedlichen Rhythmen und komplexen Verfechtungen – allmählich die Eigenschaften geformt, welche dieses Europa in seiner Vielfalt ausmachen.

Vor diesem Hintergrund entstand das Buch auf mehreren Ebenen der Auseinandersetzung: jener der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussionen; jener des wissenschaftlichen Diskurses, mit Kolleginnen und Kollegen unterschiedlicher Fachdisziplinen und geographischer Verortung, die sich im weitesten Sinn mit den überlieferungsgeschichtlichen Grundlagen unseres Wissens über das, was wir heute „Europa“ nennen, auseinandersetzen, ebenso wie mit jenen, die sich in einer transkontinentalen Perspektive mit größeren Zusammenhängen befassen, in denen Aspekte einer europäischen Geschichte differenziert und konturiert werden können; und schließlich der Ebene der Auseinandersetzung mit unseren Studierenden, die sich dafür interessieren, warum die Beschäftigung mit den Quellen mittelalterlicher Geschichte und den Methoden ihrer Untersuchung für die Fragen, die uns heute bewegen, wichtig und bedeutsam ist.

Dieses Buch ist daher einer vergleichenden Perspektive verpflichtet. Sie hat uns auch dazu bewogen, gewohnte Gestaltungsprinzipien solcher Einführungsbücher abzuwandeln: Wir haben diesen Band gemeinsam verfasst und zusätzlich dort Forscherinnen und Forscher um Gastbeiträge gebeten, wo unsere eigene Expertise an ihre Grenzen stieß. Ihnen sei an erster Stelle mit besonderem Nachdruck gedankt, sich auf dieses „Experiment“ der überfachlichen Zusammenarbeit eingelassen zu haben. Angesichts der räumlichen und zeitlichen Dimensionen, die das Buch umfasst, haben wir zudem eine Reihe von Fachleuten unterschiedlicher Fachkulturen eingeladen, den [<<9] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe Text vorab zu lesen und mit uns in einem Intensiv-Workshop zu erörtern: Unser großer Dank für diese detaillierte Auseinandersetzung und die wertvollen Kommentare, Ergänzungen und Korrekturen gilt Gábor Klaniczay, Jonathan Lyon, Judit Majorossy, Claudia Märtl, Ferdinand Opll, Konrad Petrovsky, Walter Pohl, Bernd Schneidmüller, Katalin Szende und Petr Štih, die hier stellvertretend für die zahlreichen Kolleginnen und Kollegen genannt werden sollen, durch deren Wissen, Kritik und Anregungen dieses Buch erst ermöglicht wurde. Der vom österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) geförderte Spezialforschungsbereich VISCOM (SFB 42) Visions of Community: Comparative Approaches to Ethnicity, Region and Empire in Christianity, Islam and Buddhism (400–1600 CE) bot einen hervorragenden Rahmen, die skizzierten Fragestellungen aus einer Vielzahl von Perspektiven zu diskutieren – gerade weil dort Europa nicht im Zentrum steht.

Der Breite der hier behandelten Themen ist auch unsere Entscheidung geschuldet, die notwendigerweise detaillierte und damit sehr umfangreiche Bibliographie vollständig online und nicht in Form eines bibliographischen Anhangs zugänglich zu machen und damit der quellenbezogenen Kontextualisierung im gedruckten Buch mehr Raum zu geben. Direkte Nachweise von Quellen und Literatur werden dafür unmittelbar im Textzusammenhang gegeben, ebenso wie solche zum Bildmaterial, das integraler Bestandteil der diskutierten Überlieferungsformen ist. Wir danken dem UTB-Verlagskonsortium, besonders dem Böhlau Verlag, namentlich Julia Beenken und Ursula Huber, für professionelle Betreuung und Lektorat, und nicht zuletzt für das Entgegenkommen bei diesen editorischen Entscheidungen ebenso wie dafür, dass in diesem Einführungsformat Bild- und Kartenmaterial großzügig berücksichtigt werden konnte. Für die gemeinsame Erstellung eines eigenen Kartensatzes für dieses Buch gilt unser Dank Joachim Zwick, für die Unterstützung bei der Erarbeitung der Bibliographie Daniel Frey und Birgit Aubrunner, für die kontinuierliche Begleitung der Konzeptentwicklung Karl Brunner und für ihre mehrfache kritische Lektüre Stefan Erdei, Herwig Weigl und Horst Wenzel.

Eine vergleichende Kulturgeschichte der Überlieferung liegt in mancherlei Hinsicht quer zu den gewohnten Kategorien der Einordnung mittelalterlicher Quellen und der Methoden ihrer Bearbeitung. Das beginnt bei der Auswahl des Materials, der Frage nach dessen Repräsentativität, und führt bis hin zu den vielfach verflochtenen Wissenschaftsgeschichten seiner Auffindung, Ordnung und Bearbeitung. Eine mittel- und südosteuropäische Perspektive auf Überlieferungsformen, die uns Auskunft über Aspekte des Werdens des mittelalterlichen Europa geben, macht Heterogenität und Ungleichzeitigkeit von historischen Entwicklungen, die den Kontinent auch heute prägen, besonders deutlich. Manche der Wege, die wir dabei erkundet haben, waren [<<10] noch wenig beschritten, manche Frage konnte nur skizziert werden, manche Unübersichtlichkeit bleibt bestehen, oft fehlen Quellen, während in anderen Fällen aus der Fülle des Materials eine Auswahl getroffen werden musste. Unser Anliegen ist es zu zeigen, dass Überlieferungsgeschichte mehr bieten kann als Quellenkenntnis allein, dass eine kulturwissenschaftliche Verortung der Überlieferung robustere Brücken zwischen den Gegenständen der Forschung und den Möglichkeiten ihrer Interpretation bauen hilft. Damit hoffen wir einen Beitrag zu einer Verflechtungsgeschichte historischer Räume zu leisten, deren Uneindeutigkeit und je zeitgebundene Neuerfindung für jede Generation von Historikerinnen und Historikern wieder eine neue Herausforderung ist.

Wien, im Mai 2016 [<<11]

Erläuterungen zur Verwendung von Ortsnamen

In einem vielsprachigen Raum mit bisweilen starker sprachlicher Durchmischung, die erst durch Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert teilweise zerstört worden ist, stellt die Schreibweise von Ortsnamen eine besondere Herausforderung dar. Die Verwendung heutiger Ortsnamen allein wird der kulturellen Gemengelage im Mittelalter nicht gerecht. Auch kann sie sprachlich-demographische Verschiebungen im Laufe der Geschichte nicht abbilden. Alle historischen Sprachgruppen im Betrachtungsraum dieses Buches haben für Ortsnamen, auch außerhalb ihres mehr oder minder geschlossenen Sprachraumes, eigene Bezeichnungen. Dieser Komplexität versuchen wir, mit unterschiedlichen Mitteln Rechnung zu tragen.

Fließtext

Da sich dieses Buch an deutschsprachige Leserinnen und Leser richtet, werden im Fließtext sowie in den Karten bei häufiger Nennung in der Regel deutsche Ortsnamenformen verwendet, die – sofern existent – auch in der folgenden Ortsnamenkonkordanz an erster Stelle stehen. Ergänzend werden die zeitgenössisch am häufigsten verwendeten Formen genannt, um die kulturelle Vielfalt im Betrachtungsraum zu unterstreichen, sowie in der Konkordanz zusätzlich jeweils die heute gültige amtliche Form (z. B. Pressburg/Bratislava/Pozsony).

Karten

Die Karten versuchen, historische Entwicklungsprozesse von der Spätantike bis ins Spätmittelalter abzubilden, indem epochal einschlägige Namensvarianten angegeben werden. Zugleich müssen auch sie auf Lesbarkeit und Verwendbarkeit Bedacht nehmen.

In der physischen Karte, die der allgemeinen Orientierung dient, entsprechen die Ortsnamenformen als einzige ausschließlich dem heutigen Sprachgebrauch. Überall sonst soll die beschriebene Herausforderung mit einem Ansatz gelöst werden, der am besten anhand eines Beispiels erläutert werden kann: Im Falle der adriatischen Ostküste, wo die Siedlungskontinuität besonders bedeutsam ist, wird etwa für das bereits im [<<12] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe Mittelalter so belegte Dubrovnik zusätzlich auch der frühmittelalterliche griechische Ortsname Raúsion angegeben, für die Zeit um 1200 das im ganzen Mittelmeerraum bekannte und bis weit in das 20. Jahrhundert verwendete Ragusa, für die späteren Karten aus Gründen der Übersichtlichkeit nur noch Dubrovnik.

Ortregister und Ortsnamenkonkordanz

Während das Ortsregister alle im Text genannten Ortsnamen mit Querverweisen in Form von listet, enthält die folgende Ortsnamenkonkordanz die wichtigsten, mehrsprachig gebrauchten Ortsnamen in tabellarischer Form gegenübergestellt, und zwar in der Reihenfolge

1. Spalte: im Text/in den Karten am häufigsten verwendete Form

2. Spalte: heute amtliche Bezeichnung

3. Spalte: weitere wichtige Namensvarianten

Abkürzungen:

al. = albanisch; bg. = bulgarisch; bks. = bosnisch/kroatisch/serbisch; gr. = griechisch; it. = italienisch; lat. = lateinisch; lit. = litauisch; maz. = mazedonisch; pol. = polnisch; rum. = rumänisch; slowa. = slowakisch; slowe. = slowenisch; tsch. = tschechisch; tr. = türkisch; ung. = ungarisch; ukr. ukrainisch

Adrianopel

tr. Edirne

gr. Adrianupolis, bg. Odrin

Agram

bks. Zagreb

Alessio

al. Lezha

lat. Lissus, bks. Lješ

Antivari

bks. Bar

al. Tivar

Belgrad

bks. Beograd

dt. Griechisch-Weißenburg, ung. Nándorfehérvár

Breslau

pol. Wrocław

Brigetio

ung. Komárom

dt. Komorn

Brünn

tsch. Brno

Budweis

tsch. České Budějovice

Capodistria

slowe. Koper

Cilli

slowe. Celje

lat. Celeia

Czernowitz

ukr. Černivci

rum. Cernǎuţi [<<13]

Dubrovnik

bks. Dubrovnik

it. Ragusa, gr. Rausion

Dulcigno

bks. Ulcinj

al. Ulqin

Durostorum

bg. Silistra

Dyrrachion

al. Durrës

bks. Drač

Erlau

ung. Eger

slowa. Jáger

Fünfkirchen

ung. Pécs

bks. Pečuh

Gran

ung. Esztergom

lat. Strigonium

Hermannstadt

rum. Sibiu

ung. Nagyszeben

Iglau

tsch. Jihlava

Kalocsa

ung. Kalocsa

dt. Kollotschau

Kaschau

slowa. Košice

ung. Kassa

Klausenburg

rum. Cluj

ung. Kolozsvár

Königgrätz

tsch. Hradec Králové

Korčula

bks. Korčula

it. Curzola

Kotor

bks. Kotor

lat./gr. Dekatera, it. Cattaro

Krakau

poln. Kraków

Kremnitz

slowa. Kremnica

ung. Körmöcbánya

Krk

bks. Krk

it. Veglia

Kronstadt

rum. Braşov

ung. Brassó

Krumau

tsch. Český Krumlov

Kuttenberg

tsch. Kutná Hora

Laibach

slow. Ljubljana

it. Lubiana, lat. Emona

Lemberg

ukr. Lviv

Leutschau

slowa. Levoča

ung. Lőcse

Marburg

slowe. Maribor

Neusohl

slowa. Banská Bystrica

ung. Besztercebánya

Nikaia

tr. Iznik

Niš

bks. Niš

lat. Naissus

Ochrid

bks. Ohrid

al. Ohër

Ödenburg

ung. Sopron

lat. Scarabantia

Ofen

ung. Budapest

ung. Buda, bks. Budim

Olmütz

tsch. Olomouc

Pettau

slowe. Ptuj

[<<14]

Pirano

slowe. Piran

Prag

tsch. Praha

Pressburg

slowa. Bratislava

ung. Pozsony, slowa. Prešporok (bis 1919)

Raab

ung. Győr

slowa. Ráb

Rab

bks. Rab

ital. Arbe

Schäßburg

ung. Segesvár

rum. Sigişoara

Schemnitz

slowa. Banská Štiavnica

ung. Selmecbánya

Šibenik

bks. Šibenik

it. Sebenico

Sillein

slowa. Žilina

ung. Zsolna

Sirmium

bks. Sr[ij]emska Mitrovica

ung. Szávaszentdemeter

Skopje

maz. Skopje

al. Shkupi, bks. Skoplje, tr. Üsküb

Skutari

al. Shkodra

bks. Skadar, lat. Scodra

Solin

bks. Solin

it./lat. Salona

Split

bks. Split

it. Spalato

Stuhlweißenburg

ung. Székesfehérvár

bks. Stolni Biograd

Teschen

tsch. Český Těšín

Thessalonike

gr. Thessaloniki

tr. Selanik, bg. Solun

Triest

it. Trieste

slowe. Trst

Trogir

bks. Trogir

it. Traù

Troppau

tsch. Opava

Tyrnau

slowa. Trnava

ung. Nagyszombat

Wardein/Großwardein

ung. Nagyvárad

rum. Oradea

Wilna

lit. Vilnius

Zara

bks. Zadar

lat. Iadera

Zengg

bks. Senj

it. Segna

Znaim

tsch. Znojmo

[<<15]

Einleitung – eine Annäherung

Mehr als 25 Jahre sind seit dem Fall der Berliner Mauer 1989 und dem dadurch eingeleiteten Ende der Teilung Europas in einen Westen und einen Osten vergangen. In diesen bald drei Jahrzehnten hat sich die politische ebenso wie die akademische Landschaft des Kontinents maßgeblich verändert, und dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. In demselben Maß, in dem „alte“ Grenzen an Bedeutung verloren haben, hat das Bewusstsein für Formen aktueller, etwa wirtschaftlich begründeter, aber ebenso historisch gewachsener regionaler Zusammengehörigkeit zugenommen, die quer zu alten und neuen nationalen Grenzen liegen. Gleichzeitig haben sich aber auch neue Brüche und Abgrenzungen aufgetan. Die Dynamik und Heterogenität der politischen, sozioökonomischen und kulturellen Entwicklung innerhalb Europas spiegelt sich in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften, und zwar sowohl in den einzelnen Ländern als auch in vergleichender Perspektive. Dieser Befund gilt grundsätzlich auch für die Mediävistik einschließlich aktueller einschlägiger Überblickswerke, allerdings mit der interessanten Leerstelle, dass deutsch- und auch englischsprachige Handbücher zur Überlieferung des europäischen Mittelalters zu einem überwiegenden Teil auf den geographischen Raum des Heiligen Römischen Reichs bzw. den „Westen“ Europas und Italien fokussieren und vergleichsweise selten Beispiele aus der Überlieferung „Mittel- und Südosteuropas“ geben.

Überlieferungschancen und Überlieferungszufälle

Maßgebliche Motivation einer deutschsprachigen Überlieferungsgeschichte dieses Raumes ist daher einmal, durch einen Perspektivenwechsel bislang wenig berücksichtigte, aber wesentliche Grundlagen einer vergleichenden europäischen Geschichte zu vermitteln und gleichzeitig anhand der Vielfalt und Heterogenität der Überlieferungslagen die historische Besonderheit unterschiedlicher Regionen Europas ebenso wie ihre komplexen Bezüge zueinander sichtbar zu machen. Wir wollen anhand konkreter Beispiele einen Einblick in die Entstehungsbedingungen historischer Überlieferung und in deren soziokulturelle und politische Hintergründe geben und dabei auch [<<16] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe einen Blick auf die Traditionen der Forschung ermöglichen, durch deren Fragen jede Quelle erst zum „Sprechen“ gebracht wird:

Überlieferung, so formulierte Arnold Esch 1985 unter dem programmatischen Titel „Überlieferungs-Chance und Überlieferungs-Zufall als methodisches Problem des Historikers“, ist das, was der Historiker in Händen hält: was ihm über frühere Zeiten, was ihm aus früheren Zeiten überliefert ist. Der Historiker weiß, daß sein Wissen Stückwerk ist – aber welche Stücke er in Händen hält, das wird ihm nicht ebenso deutlich […].

Arnold Esch, Überlieferungschance und Überlieferungszufall als methodisches Problem des Historikers. In: Historische Zeitschrift 240 (1985), S. 529–570.

Nach Überlieferungschancen und -zufällen zu fragen, bedeutet herausfinden zu wollen, warum wir über die Vergangenheit wissen, was wir wissen, welche Bausteine uns fehlen und inwieweit es möglich ist, sie zu rekonstruieren. Fragen nach der Überlieferung führen also direkt zu grundsätzlichen Überlegungen, wie historisches Wissen entsteht, auf welchem Material es beruht, welche Ereignisse oder Gegebenheiten überhaupt eine Chance hatten, der Nachwelt überliefert zu werden, aufgrund welcher Forschungsinteressen und -fragen Quellen gesucht und gefunden, in bestimmte Kategorien eingeteilt, bewertet und gewichtet wurden. Die Typologien für die Einteilung historischer Überlieferung sind vielfältig. Sie orientieren sich an Material und Medien (Sprache und Texte; Bilder, Münzen und Siegel; Architektur), an ihrem Inhalt (z. B. rechtlich, erzählend), an Intentionen (z. B. Hagiographie, Historiographie) und Funktionen (z. B. Wirtschafts- oder liturgische Quellen). Solche Kategorien sind ihrerseits Werkzeuge und gleichzeitig Produkte der Arbeit unterschiedlicher akademischer Fachdisziplinen und ihrer Gegenstände. So notwendig sie epistemologisch wie methodologisch sind, so sehr sind die Grenzen einzelner „Quellengattungen“ in der Praxis der Überlieferung wie in der wissenschaftlichen Arbeit fließend. Es geht uns also auch darum, die Ordnungskriterien und -kategorien der Beschreibung historischer Überlieferung in ihrem räumlichen und zeitlichen Kontext zu differenzieren und zu zeigen, wie Vertreterinnen und Vertreter der Geschichtswissenschaft, aber auch ihrer Nachbardisziplinen arbeiten, um zu historischer Erkenntnis zu gelangen. [<<17]

Vergleichen

Dabei wollen wir weder eine „Quellenkunde“ traditionellen Zuschnitts verfassen noch einen Katalog der klassischen hilfswissenschaftlichen Methoden zusammenstellen. Für beides gibt es gerade in der deutschsprachigen Mediävistik ausgezeichnete Handbücher, die in der Bibliographie angeführt sind und auf die auch in den einzelnen inhaltlichen Kapiteln gezielt hingewiesen wird.

Die gesamte Bibliographie steht frei zum Download zur Verfügung. Informationen unter https://www.utb-shop.de/downloads. QR-Code als Direktlink.

Vielmehr geht es uns um einen möglichst konkreten Einblick in das wissenschaftliche Arbeiten an und mit historischen Quellen in spezifischen Überlieferungszusammenhängen. Das Buch folgt also einer problem- und praxisorientierten Perspektive, die durch unsere eigene Lehr- und Forschungspraxis motiviert ist: Im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts zum Thema Visions of Community. Comparative Approaches to Ethnicity, Region and Empire in Christianity, Islam and Buddhism (400–1600 CE) vergleichen wir unter anderem Gemeinschaftsvorstellungen in unterschiedlichen sozialen Milieus Mittel- und Südosteuropas. Dabei zeigten sich sowohl viele Gemeinsamkeiten als auch grundlegende Unterschiede der Überlieferung.

Vergleichen gehört zu den zentralen Bestandteilen der historischen Methode. Es erhöht nicht nur das Verständnis für das „Andere“, sondern schafft oft erst die dafür notwendige Wissensbasis. Darüber hinaus schärft eine vergleichende Perspektive auch den Blick für Brüche, Ausnahmen und Besonderheiten innerhalb des eigenen (nur scheinbar bekannten) Gegenstandes. Vieles, was gegenwärtig unter der Überschrift „Globalisierung“ verstärkt aus dieser Perspektive diskutiert wird, lässt sich am Beispiel Mittel- und Südosteuropas anhand der Gemeinsamkeiten und Unterschiede im räumlichen Vergleich herausarbeiten.

Raum und Zeit

Ähnlich wie die Kriterien der Einteilung historischer Überlieferung sind auch räumliche und zeitliche Abgrenzungen wissenschaftliche Konstruktionen, die auf bestimmten, mehr oder weniger begründeten Konventionen beruhen. Raumkonstruktionen und zeitliche Periodisierungen haben ihre jeweils eigenen Geschichten. Gleichzeitig sind sie auf komplexe Weise miteinander verschränkt. Historische [<<18] Periodisierungen bilden bestimmte Ausschnitte der Vergangenheit aus der Perspektive der jeweiligen Gegenwart ab. Dabei sind Wahrnehmungen zeitlicher „Epochen“ maßgeblich durch den Blick auf bestimmte räumliche Abgrenzungen mitbestimmt, und umgekehrt.

„Zeit“ und „Raum“ als zentrale Dimensionen historischer Betrachtung und ihre Abgrenzungen sind nicht erst seit den Anfängen moderner Wissenschaft Gegenstand von fachlichen Debatten, die zudem weit über den engeren Bereich der Wissenschaft hinausreichen und immer auch politische Implikationen haben. Die Abgrenzung von „Mittelalter“ – ein Begriff, der in der europäischen „Renaissance“ erfunden wurde – und „Moderne“ etwa hat viel mit den jeweils aktuellen Vorstellungen von historischem bzw. gesellschaftlichem Fortschritt und der Kritik daran zu tun – wie sie wiederum in Gegenbegriffen, etwa dem der „Post-Moderne“, zum Ausdruck kommen.

Vergleichbares gilt für Raumbegriffe, deren Diskussion besonders dann an Aktualität gewinnt, wenn sie und die mit ihnen verbundenen Bilder in Frage stehen. Räume operieren mit Grenzen, und Grenzen schließen ebenso ein wie aus. „Europa“ selbst ist angesichts der politischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte ein eindrucksvolles Beispiel für derartige Diskussionsprozesse, die in wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Debatten ihren Niederschlag finden.

„Mittel“- und „Südosteuropa“

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung gehören die titelgebenden Begriffe dieses Buches, „Mittel-“ und „Südosteuropa“ zu jenen Raumbegriffen, um deren Verwendbarkeit, Bedeutung und genaue Verortung im Raum seit dem 19. Jahrhundert intensiv und bisweilen auch erbittert gerungen wurde. Sie sind im Laufe unterschiedlicher Phasen der Wissenschaftsgeschichte nicht weniger umstritten gewesen als „Zentraleuropa“, „Ostmitteleuropa“ und andere Bezeichnungen, die wesentliche Teile unseres Betrachtungsraumes markieren.

Diese wichtigen Diskussionen zeigen, dass Zeit- und Raumbegriffe, die Kategorien zur Wahrnehmung der Welt darstellen, weder in der Geschichte vorfindlich noch „unschuldig“ sind: Weder ergeben sie sich „einfach“, etwa durch Ereignisse oder geographische Gegebenheiten, noch bilden sie fest gefügte Einheiten – weder abgeschlossene Epochen noch Räume, die man sich wie Container vorstellen könnte. Vielmehr sind sie in einem dichten Geflecht wissenschaftlicher Konventionen, politischer Rahmenbedingungen und unterschiedlich motivierter [<<19] Entscheidungen von Autorinnen und Autoren entsprechender Darstellungen verortet, die alle zusammen ihren Gebrauch prägen.

Es ist nicht Gegenstand dieses Buches, die Debatten um diese Begriffe und die ihnen zugrunde liegenden Konzeptionen im Detail zu referieren, zumal gerade in den vergangenen Jahren zu ihren einzelnen Aspekten eine Fülle von erstklassigen Darstellungen entstanden ist. Dazu bietet etwa die Darstellung von Nora Berend, Przemysław Urbańczyk und Przemysław Wiszewski, Central Europe in the Middle Ages: Bohemia, Hungary, and Poland, c.900–c.1300 (Cambridge 2013) einen vorzüglichen Überblick.

Eine neue Perspektive

Im Falle unseres Buches geht es vielmehr darum, eine mittelalterliche Überlieferungsgeschichte in Europa aus einer – wie wir denken – neuen räumlich vergleichenden Perspektive zu erzählen. Deutschsprachige Einführungen in die Geschichte mittelalterlicher Überlieferung orientieren sich vielfach entlang einer Nord-Süd-Achse: Im Zentrum stehen das Heilige Römische Reich und Italien. Daneben tritt eine Verlängerung nach Westen, die Frankreich und auch England umfasst. Eher am Rande des Interesses bleiben in der Regel die iberische Halbinsel und Skandinavien ebenso wie die Gebiete östlich der Reichsgrenzen. Dabei ist zu differenzieren: Böhmen wird oft im Zusammenhang des Reichs betrachtet. In den letzten Jahrzehnten wurden auch Polen und das Baltikum in ihren Bezügen zum Reich und im Sinne einer Ostseegeschichte verstärkt in den Blick genommen. Was südöstlich der Reichsgrenzen liegt, bleibt hingegen meist terra incognita.

Hier liegt der Schwerpunkt dieses Buches: Unsere Perspektive auf das mittelalterliche Europa richtet sich auf den Südosten Europas; der Verlauf der Donau dient dabei der groben räumlichen Orientierung. Damit fokussieren der hier gewählte Ausschnitt und seine Binnendifferenzierungen auf historische Räume, die ‒ wenn auch in unterschiedlicher Dichte ‒ über den gesamten Beobachtungszeitraum zahlreiche Bezugspunkte aufweisen. Der geographische Bogen wird gespannt vom südlichen Bayern und Salzburg, den österreichischen Ländern und dem heutigen Slowenien; Böhmen und Mähren, über Ungarn, Dalmatien und Kroatien, dem heutigen Bulgarien und Rumänien; Serbien, Bosnien und Albanien, bis zu den mittelalterlichen Kreuzfahrerstaaten in Griechenland sowie der frühen osmanischen Herrschaft auf dem Balkan. [<<20]

Die Darstellung verbindet den Südosten des mittelalterlichen römisch-deutschen Reichs mit dem pannonischen Becken und dem westlichen Schwarzmeerraum. Die Donau bildet den einzigen schiffbaren Strom im südöstlichen Europa und ist gleichzeitig Grenze und Verbindung. So stellte sie kein Hindernis für die bis in das späte Mittelalter andauernden Wanderungsbewegungen aus der Steppenzone in Richtung Balkan dar. Die untere Donau ist bis in das 14. Jahrhundert Grenz- und Begegnungsraum von Steppenreichen, Byzanz und dem im 9. Jahrhundert christianisierten Bulgarien. Nördlich der Donau reichen die Gebiete bis südlich und östlich der Karpaten in die Walachei und die Moldau. Dies sind traditionelle Durchzugszonen, in denen stabile regionale Herrschaften erst nach 1300 entstanden, in Abgrenzung zu, aber zugleich in steter Verbindung mit Ungarn und Polen. Im Süden sind weite Teile des Balkans zur Donau hin ausgerichtet, in welche die wichtigsten Flüsse der Region münden. Zwischen Donau und Save, Adria, Ägäis und Schwarzem Meer liegt der eigentliche Balkan; seit dem 9. Jahrhundert kann er mit Dimitri Obolensky als „byzantinisches Commonwealth“ bezeichnet werden, als Raum byzantinischer Kulturprägung, und das heißt in erster Linie Orthodoxie und Übernahme byzantinischer Kulturmuster zumeist in der kirchenslawischen Liturgie- und Kultursprache. Schon die antike Geographie hatte den Balkan als räumliche Einheit begriffen (Haemushalbinsel).

Der in diesem Buch behandelte Donau-Balkan-Raum bildet eine Betrachtungseinheit, einen Betrachtungsraum. Diesen prägen gewisse gemeinsame Merkmale, deren Untersuchung eine neue Perspektive auf die mittelalterliche europäische Geschichte eröffnet.

Das Erbe der Alten Welt

Weite Teile unseres Betrachtungsraumes gehören zur Alten Welt, d. h. zum antiken Römischen Imperium. In der Alten Geschichte zieht er im Vergleich zu Italien, Gallien oder Spanien verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit auf sich. Im Frühmittelalter erfolgten durch die Veränderung der sprachlich-kulturellen Landkarte durch Germanen, Slawen und Awaren unterschiedlich starke Brüche zur Alten Welt, im Inneren des Balkans stärker als im Alpenbogen. Doch dehnte sich seit dem 9. Jahrhundert der Einfluss der beiden Nachfolgereiche des römischen Imperiums, Byzanz und des Frankenreichs, politisch wie kulturell wieder in den Raum zwischen dem heutigen Österreich und dem Südwestrand des Schwarzen Meeres aus. Seit dem frühen [<<21] 15. Jahrhundert übernahm das Osmanische Reich das strategische Erbe von Byzanz als Vormacht im Süden unseres Betrachtungsraumes, während die Habsburger in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts den Nordwesten und Norden als eigenen Machtraum organisierten.

Grenzen sind nicht statisch. Wie sich die einst provinzial-römische Welt in neue Raumeinheiten auflöste, wurden diese wiederum mit Gebieten verbunden, die zuvor nicht römischer Verwaltung unterstanden hatten: das alte Noricum etwa mit den böhmischen Ländern, die untere Donau mit den nordpontischen Gebieten (Nordküste des Schwarzen Meeres). Dieser geschichtlichen Dynamik unseres Betrachtungsraumes werden die räumlichen Schwerpunkte der Darstellung angepasst. Aufgrund der gewählten mittel-/südosteuropäischen Perspektive werden allerdings manche Gebiete, die ‒ wie etwa Polen ‒ in anderen Konzeptionen Kerngebiete Ostmitteleuropas sind, hier gegenüber Gebieten wie Dalmatien weniger intensiv behandelt.

Religiöse Diversität

Nicht nur die politische und kulturelle Überschichtung durch überregionale Großreiche kennzeichnen unseren Betrachtungsraum. In einem komplizierten Wechselspiel von Abgrenzung und Begegnung bildete sich zudem eine Grenzzone zwischen römisch-„katholischer“ und „orthodoxer“ Kirche heraus. Jenseits aller zumeist vereinfachenden Absolutsetzungen von Kulturgrenzen, denen es oft an historischer Tiefe mangelt, ist die allmähliche Herausbildung von maßgeblichen Differenzen unterschiedlich konfessionell geprägter Lebensformen eine der wesentlichen langfristigen Entwicklungen der mittelalterlichen Geschichte unseres Betrachtungsraumes. Andererseits gibt es eine Vielfalt von Verbindungen und Übergangsformen in konfessionellen Überlappungsgebieten wie etwa dem heutigen Albanien. Zudem bildet unser Betrachtungsraum bis ins Spätmittelalter das Zielgebiet eurasiatischer Wanderungsbewegungen und Herrschaftsbildungen, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts mit dem Mongolenreich einen Höhepunkt erreichten.

Periodisierungen

Die zeitliche Abgrenzung des Mittelalters – das Ende des Römischen Reichs zum einen, der Fall Konstantinopels 1453 oder die Entdeckung Amerikas 1492 zum anderen – scheinen klare zeitliche Wegmarken darzustellen. Doch war es in der Forschung keineswegs unstrittig, ob das Ende des Römischen Reichs einen tiefen Bruch hervorrief oder ob nicht vielmehr von einem allmählichen Übergang zu [<<22] sprechen ist (→ Kap. 2.2). Blickt man noch genauer hin, wird deutlich, dass allzu eindeutige Interpretationen kaum für unseren gesamten Betrachtungsraum zutreffen: Noricum an der oberen und mittleren Donau und die zentralbalkanischen Gebiete des antiken Römischen Reichs haben sehr unterschiedliche Entwicklungen durchlaufen.

Ähnlich heterogen stellt sich die Lage für den Abschluss der osmanischen Eroberungen auf dem europäischen Kontinent dar. Während das Jahr 1526 (als in der Schlacht bei Mohács das ungarische Königtum geschlagen wurde, die Habsburger die ungarische Krone nominell übernahmen und die Osmanen ihre Herrschaft im pannonischen Becken etablierten) im Westen des gewählten räumlichen Ausschnitts für die ungarische und österreichische Geschichte einen maßgeblichen historischen Einschnitt darstellt, begann dieser Prozess an seinem östlichen Ende bereits mehr als 150 Jahre vorher: Als Symboldatum gilt die Festsetzung der Osmanen in Gallipoli/Gelibolu an den Dardanellen (1354).

Dazwischen liegen also eineinhalb Jahrhunderte unterschiedlich „dichter“ osmanischer Herrschaft mit ebenso unterschiedlichen Auswirkungen, nicht zuletzt auf die Überlieferung. Während für Byzanz, die orthodoxen Balkanstaaten und auch Ungarn zwischen dem späten 14. und dem frühen 16. Jahrhundert das Mittelalter endet, beginnt es anderswo erst im 14. Jahrhundert. Diese Ungleichzeitigkeit verdeutlicht die Fragwürdigkeit einer ganz Europa umfassenden und damit nivellierenden Begrifflichkeit. Denn im Falle der rumänischen Geschichtsbetrachtung beginnt das Mittelalter wesentlich mit der Bildung eigener Herrschaften südlich und östlich der Karpaten (ca.1330‒ca.1360) in der Walachei und der Moldau, die sich aus dem zerfallenden Reich der mongolischen Horde sowie dem ungarischen Einfluss lösten. Mit der Herrschaftsbildung beginnt auch eine eigene Schriftlichkeit in Fürstenkanzleien. Rumänische Historiker betrachten die Epoche bis zur Einsetzung griechischer Fürsten aus Konstantinopel (sog. Phanarioten) als Mittelalter – ein Mittelalter, das im 14. Jahrhundert anhebt und 1711 symbolisch ein Ende findet.

Ebenso wenig geeignet ist der westliche Mittelalterbegriff auch für die osmanische Geschichte, demzufolge deren Anfänge im südosteuropäischen Spätmittelalter liegen: Anfang und Ende fallen hier zeitlich zusammen. Das uns vertraute Mittelalter endet also nicht [<<23] nur in der Zeit, sondern auch im Raum. Genauso wenig wie die zeitlichen Grenzen klar festzulegen sind – Daten bieten nur symbolhafte Orientierung – ist dies im Raum möglich. Unser Betrachtungsraum kennzeichnet sich gerade durch die Verdichtung dieser raum-zeitlichen Ambivalenz.

Standort und Perspektive

Geschichtsschreibung ist immer kontextgebunden und perspektivisch. Sie wird immer vom Standort der Betrachtenden aus erzählt. Das gilt für die moderne Geschichtsschreibung und ihre akademischen Ausformungen im Wissenschaftsbetrieb ebenso wie für den Umgang mit Vergangenheit in der Überlieferung selbst. Da wie dort werden Teile dieser Standortgebundenheit reflektiert, andere fließen unbewusst oder zufällig in die Überlieferung ein. Die Wahl eines Standorts aber ist Voraussetzung für die Konstruktion der Perspektive. Wie bei jeder Wahl einer Perspektive werden dabei manche Phänomene weniger beleuchtet als andere oder geraten an den Rand des Blickfelds.

In diesem Buch dient der Standort Wien zwar nicht als Zentrum, aber sehr wohl als einer von mehreren Ausgangspunkten der Betrachtung (→ Kap. 1.3). Diese Wahl hat gewiss mit unserer akademischen Verortung zu tun. Diese allein würde das Vorgehen aber nicht rechtfertigen. Wer eine südöstliche Perspektive auf das europäische Mittelalter wählt, kommt an der Bedeutung Wiens für die Forschungsgeschichte nicht vorbei. Diese wird im ersten Kapitel genauer erläutert. Hier nur so viel: Für Generationen von Mediävisten und Mediävistinnen, die sich mit dem skizzierten Zeit-Raum befassten, war Wien seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein wesentlicher Ort der Ausbildung, Anregung, aber auch der politischen Reibung. Polen, Tschechen und Ungarn, besonders aber Serben, Bulgaren, Albaner und Rumänen, Kroaten und Slowenen studierten in Wien – Frauen waren allerdings erst ab 1897, und zunächst nur an der philosophischen Fakultät zum Studium zugelassen – und nahmen wichtige Anstöße mit in ihre Herkunftsgebiete, wo sie in den politischen, sozialen und religiösen Konflikten des 19. und 20. Jahrhunderts in unterschiedlicher Weise weiterentwickelt wurden.

Im Rahmen des – trotz zunehmender nationaler Konflikte – ganz Europa umfassenden Geflechts von wissenschaftlichen Kontakten und Formen des Austausches war Wien keinesfalls der einzige Bezugspunkt der akademischen Eliten aus den genannten Ländern: Berlin, [<<24] Leipzig und Paris zogen ebenfalls und oftmals mehr Studierende aus Mittel- und Südosteuropa an als Wien. Die Wahl eines anderen Standorts als Ausgangspunkt wäre daher ebenso legitim wie möglich; sie wurde in entsprechenden wissenschaftshistorischen Fallstudien auch getroffen. Für die hier in den Blick genommenen Räume und ihre Entwicklung war allerdings Wien einer der wichtigsten Zentralorte der europäischen Mittelalterforschung.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund kann eine Geschichte der Überlieferung daher im doppelten Sinn nicht „unschuldig“ sein. Sie muss immer danach fragen, was von konkreten Quellen erwartet werden darf – in ihrem spezifischen historischen Kontext, mit ihren Chancen auf Überlieferung, aber auch durch Zufälle, welche sie vielleicht wider Erwarten bewahrt haben. Gleichzeitig müssen sich Historikerinnen und Historiker ebenso ihrer eigenen Erwartungshaltungen bewusst sein. Nicht einmal die „ideale“ Überlieferungslage bildet Geschichte ab, denn die Quellen sprechen nur, wenn man Fragen an sie richtet, und von den Fragen hängen ihre Antworten ab. Umgekehrt haben die Quellen gemäß einem berühmten Diktum von Reinhart Koselleck ein „Vetorecht“: Historische Interpretationen dürfen nicht „gegen“ die Überlieferung oder an ihr vorbei erfolgen. Was zu Beginn des 21. Jahrhunderts vielleicht eine wissenschaftstheoretische Selbstverständlichkeit ist, war gerade hinsichtlich der Geschichte der wissenschaftlichen Quellenerschließung und -bearbeitung lange keine.

Die ungeheuer verdienstvollen monumentalen Quellensammlungen, -editionen und -dokumentationen des 19. und 20. Jahrhunderts, die vielfach bis heute die Basis historischen Arbeitens darstellen, dienten gleichzeitig maßgeblich der Konstruktion und Legitimation jener entstehenden Nationalstaaten, in deren Kontext sich auch die akademischen Wissenschaften entwickelt haben. Dementsprechend wurde die Objektivität der Überlieferung zuweilen für scheinbar unparteiische, oft jedoch auch für offen politische Zwecke nachdrücklich bemüht.

Aber auch Geschichtsregionen, die bewusst nationale Grenzen überschreitend gedacht werden, entstehen als historische Konstrukte in einem Kontext, dessen außerwissenschaftliche Dimension verdeutlicht werden muss. Die Konstruktion historischer Räume – ob nun Nationalstaaten, deren Geschichte weit in die Vergangenheit projiziert wird, oder Großregionen wie Mittel- und Südosteuropa – [<<25] kann als Akt wissenschaftlicher und auch politischer Machtausübung verstanden werden.

„Mittel“- und „Südosteuropa“: eine überlieferungsgeschichtliche Perspektive

Der Begriff „Südosteuropa“ etwa wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Wiener Slawisten, Geographen und Diplomaten entwickelt und diente der räumlich-kulturellen Strukturierung der an das Habsburgerreich angrenzenden europäischen Provinzen des damaligen Osmanischen Reichs. In dieser Region verfolgte die Donaumonarchie bis zu ihrem Ende 1918 weitreichende außenpolitische Interessen. Außenpolitik und historische Forschung verliefen oft parallel, bisweilen in Personalunion repräsentiert von Historiker-Diplomaten. In der so konstruierten Region wurde der Begriff „Südosteuropa“ im 20. Jahrhundert als neutralere Begriffsvariante zum oftmals als negativ belastet empfundenen Terminus „Balkan“ verwendet und schließlich in die Begrifflichkeit der Vereinten Nationen aufgenommen. Der Blick von außen und die Wahrnehmung von innen können in einer derart konstruierten Geschichtsregion durchaus konvergieren, sie müssen es aber nicht.

Ähnliches gilt für den Begriff „Mitteleuropa“, der im Ersten Weltkrieg den Expansionsraum der verbündeten Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn umschrieb, aber auch zur Erfassung der kulturell vielfältigen Gebiete des Heiligen Römischen Reichs verwendet werden kann. Umso wichtiger ist es, beide Blickweisen sichtbar zu machen. In diesem Buch geschieht dies auch dadurch, dass Autorinnen und Autoren sowohl aus den Ländern unseres Betrachtungsraumes wie auch außerhalb desselben zu Wort kommen. Geschichtsräume sind nicht statisch; auf ihre möglichen ideologischen Konnotationen ist hinzuweisen. Sie sind aber sinnvolle räumliche Betrachtungseinheiten, die helfen, die weit anachronistischere Konstruktion vermeintlich linearer Nationalgeschichten zu vermeiden.

Aktualität des Mittelalters

Ein Wort noch zu den gegenwärtigen Bedeutungen des „Mittelalters“ in diesem Raum: Sie sind, wie vieles in unserer Betrachtungseinheit, nicht auf einen schlichten Nenner zu bringen. Mittelalterwellen, Mittelalternostalgie, sommerliche Turnieraufführungen und Computerspiele zu mittelalterlichen Themen dominieren im Westen unseres Betrachtungsraumes. In vielen Gesellschaften Südosteuropas besitzt die Epoche bis in die Gegenwart aber auch eine politische Dimension: Die Begründung von Eigenstaatlichkeit und Gebietsansprüchen wird aus [<<26] der mittelalterlichen Geschichte abgeleitet, ebenso wie Vorstellungen nationaler Größe und nationaler Selbstvergewisserung. Mittelalterliche Geschichte findet also nicht nur zwischen oftmals trivialisiert-kommerzialisierter Verwendung und wissenschaftlicher Forschung statt, sondern ist auch Teil eines politischen Feldes. Daher widmen wir uns im ersten Kapitel dieses Buches etwas ausführlicher einer wissenschaftsgeschichtlichen Verortung der Mediävistik in diesem Raum.

Aufbau der Darstellung

Die diesem ersten wissenschaftshistorischen Kapitel folgenden drei Abschnitte verschränken chronologische, geographische und soziale wie kulturelle Aspekte der Überlieferung. Vor dem Hintergrund der soeben umrissenen Periodisierungsprobleme folgen sie erstens pragmatisch einer groben zeitlichen Gliederung in Früh-, Hoch- und Spätmittelalter, die in der deutschsprachigen Mediävistik üblich ist. Die breite räumliche Perspektive macht den Charakter einer solchen Einteilung nur als Hilfsmittel zur Orientierung – und nicht mehr – besonders deutlich.

Logik der Überlieferung

Sie wird daher zweitens ergänzt und verschränkt mit einer Einführung in die sozialen Räume und kulturellen Milieus, in denen in jedem dieser Zeiträume tendenziell die umfangreichste oder eine deutlich ansteigende Überlieferung zu verzeichnen ist, sowie besonders gute Chancen ihres längerfristigen Bestandes. Das ist für das Frühmittelalter die Kirche als wichtigste Überlieferungsträgerin. Im Hochmittelalter hat die urkundliche Überlieferung auch für die Rechts- und Verwaltungspraxis weltlicher Herrschaftsträger zunehmenden Anteil an der Überlieferung, ergänzt durch die Vielzahl von Objekten schriftlicher, bildlicher und materieller Kultur, die Zeugnis von höfischer und adeliger Repräsentation geben. Im Spätmittelalter kann Stadtentwicklung als paradigmatisch für den enormen Anstieg an zunehmend organisierter pragmatischer Schriftlichkeit und vergleichbaren materiellen Überlieferungsformen gelten.

Auch diese Typologie versteht sich in erster Linie als grobe Orientierungshilfe: Selbstverständlich sind im geistlichen Milieu entstandene Quellen über weite Strecken auch im Hoch- und Spätmittelalter dominant, doch im Zeitraum davor sind sie gemeinsam mit den spärlichen historiographischen Nachrichten aus dem Betrachtungsraum bzw. der fränkischen, langobardischen und byzantinischen Geschichtsschreibung über ihn oft die einzige erzählende Überlieferung. [<<27] Selbstverständlich gibt es auch im Frühmittelalter bereits Urkunden. Sie sind maßgeblich für die Etablierung eines robusten raum-zeitlichen Gerüsts. Richtiggehende Urkundenlandschaften entstehen allerdings in den meisten Regionen erst im Hochmittelalter, wo sie ihrerseits zur Konstituierung des Raumes beitragen. Selbstverständlich gab es pragmatische Schriftlichkeit bereits in den gut organisierten Reformorden des 12. und 13. Jahrhunderts und zunehmend auch in fürstlichen Kanzleien. Die systematische und serielle Überlieferung, die teilweise sogar vorsichtige quantitative Auswertungen möglich macht, ist allerdings besonders charakteristisch für die spätmittelalterliche Stadtkultur.

Die Orientierung an der Logik der Überlieferung und deren zunehmende Dichte, die sich nicht zuletzt in den Proportionen der Kapitel widerspiegelt, ist ungewohnt und liegt teilweise quer zum gewohnten chronologischen Aufbau von Überblicksdarstellungen, der als Rahmen auch diesem Buch zugrunde liegt. In allen Abschnitten werden wir daher zusätzlich zu Überblicksdarstellungen zur Forschungssituation besonderes Augenmerk auf die Diskussion solcher Überlappungen und auf vergleichende Differenzierungen legen.

Fallstudien

Das dritte Strukturprinzip der Darstellung ist jenes der exemplarischen Fallstudien, für die wir teilweise auf die Expertise von Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fächern und mit spezifischen Sprach- und Materialkenntnissen zurückgreifen, um der räumlichen und damit auch sprachlichen Heterogenität der Überlieferung in Mittel- und Südosteuropa Rechnung zu tragen. Eine einführende Darstellung wie diese kann dabei nicht enzyklopädisch, sondern nur exemplarisch vorgehen, um die Vielfalt und Komplexität der Gegenstände auch methodisch fassbar zu machen.

Ein kulturhistorischer Zugang zu historischen Quellen fokussiert auf das „Wie“ und „Warum“ ihrer Herstellung, Rezeption und Zirkulation im Kontext von sozialen Lebensformen und kulturellen Vorstellungen. Der Aufgabe einer vergleichenden einführenden Darstellung als Wegweiser oder Orientierungshilfe gerecht zu werden, erfordert daher Schwerpunktsetzungen. „Exemplarisch“ ist angesichts der unterschiedlichen Größenordnungen der vorhandenen Überlieferung daher weniger im Sinn von „repräsentativ“ zu verstehen, sondern mit einem weiteren Begriff von Arnold Esch (1985) als „maßstäblich“: [<<28]

Wie lässt sich die jeweils präsentierte Überlieferung im Vergleich einordnen? Frühe erzählende Quellen wie die Lebensbeschreibung des Hl. Severin aus dem 6. Jahrhundert oder jene der Hl. Method und Kyrill, die dreihundert Jahre später geschrieben wurden, sind für den jeweiligen Überlieferungsraum singulär, während es vergleichbare Quellen im Westen und Süden des ehemaligen Römischen Reichs in deutlich größerer, aber immer noch überschaubarer Zahl gibt und die Überlieferung von Heiligenviten ab dem 12. Jahrhundert sprunghaft anwächst. Aber auch hier ist die räumliche Verteilung im Betrachtungsraum sehr ungleichmäßig. Am eindrücklichsten ist in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts der Gegensatz zwischen Papst Innozenz III. und dem bulgarischen Patriarchen Visarion. Während für das Oberhaupt der römischen Kirche eine enorme Fülle an Urkunden und Registereinträgen erhalten ist, wissen wir von der Existenz seines kirchlichen Gegenübers nur durch eine kurze Inschrift und ein zufällig überliefertes Siegel (Abb 1). Umfasst das niederösterreichische Urkundenbuch insgesamt über 150 Urkunden in 36 Gruppen bis zum Jahr 1076, das babenbergische Urkundenbuch einige hundert Stück bis 1246, und verzeichnen die Regesten der Bischöfe von Passau für denselben Zeitraum knapp 2000 Dokumente, so gibt es in Bulgarien oder den rumänischen Fürstentümern Walachei und Moldau bis ins 14. Jahrhundert aus unterschiedlichen Gründen (Urkundenverlust, spätes Einsetzen der Urkundenausstellung) nur einige wenige Einzelstücke.

Abb 1   Siegel des Patriarchen Visarion, Siegelabbildung revers, 13. Jahrhundert. [Bildnachweis] [<<29]

Ein letztes Beispiel: Um 1200 bildeten europäische Städte wie Rom oder Paris mit fünfstelligen Einwohnerzahlen die Ausnahme. Dazu gehörte auch Venedig, für das in dieser Zeit rund 70.000 Einwohner angenommen werden. Ebenso hat das dichte Städtegeflecht der italienischen Halbinsel oder der spätmittelalterlichen Hanse-Kultur an Nord- und Ostsee keine Entsprechung in Mittel- und Südosteuropa. „Große“ Städte wie Wien oder Prag hatten bis 1500 zwischen 10.000 und 25.000 Einwohner, durchschnittliche Mittel- und Kleinstädte zwischen 2000 und 5000, oft auch weniger. Dalmatien, der westliche Küstensaum Südosteuropas mit einer teilweise noch aus römischer Zeit stammenden Stadtkultur, hatte keine Stadt mit mehr als 10.000 Einwohnern. Selbst die im 15. Jahrhundert blühende Stadtrepublik Dubrovnik/Ragusa, die den Balkanhandel beherrschte und Handelsschiffe bis in das westliche Mittelmeer sandte, gehörte im europäischen Vergleich bestenfalls zu den mittelgroßen Städten. Konstantinopel, die bevölkerungsreichste Stadt Südosteuropas, hatte um 1450 mit zwischen 30.000 und 40.000 Einwohnern einen demographischen Tiefstand erreicht und wurde nach der Eroberung durch Sultan Mehmed II. (1453) u. a. durch gezielte Deportationen aus den Provinzen des Osmanischen Reichs besiedelt.

Die exemplarische Vorstellung einzelner Überlieferungsträger wird daher, wo immer das möglich ist, vergleichend diskutiert, um die Relevanz und Repräsentativität oder eben die Besonderheit der vorgestellten Beispiele deutlich zu machen. Sie werden zudem mit den entsprechenden Verweisen auf einschlägige Handbücher und Forschungsliteratur jeweils in den zeitlichen und räumlichen Kontext eingeordnet. Gleichzeitig werden „weiße Flecken“ auf der Landkarte der Quellenerschließung ebenso sichtbar gemacht wie das Fehlen eines Vergleichsrahmens, wo dies der Fall ist. Schließlich sollen einige Fallbeispiele bewusst konkrete methodische Vorgangsweisen sichtbar machen, mit denen unterschiedliche Fachwissenschaften an ihre Gegenstände herangehen.

Eine kulturhistorische Perspektive

Prägend für das mittelalterliche Europa in seinem allmählichen und „ungleichzeitigen“ Werden waren eine Reihe komplex verflochtener Faktoren. Zwei davon, die – wenn auch vielfach gebrochen – nachhaltig wirksam werden sollten, sind das Christentum und die Auffassung von der sozialen Welt als durch das Prinzip der Ungleichheit [<<30] strukturiert. Man stellte sich die Menschen in Stände hineingeboren vor, die Lebensformen und -chancen wie Handlungsmöglichkeiten maßgeblich bestimmten. Selbstverständlich muss man solche Aussagen umgehend wieder einschränken. Denn das Christentum setzte sich nur allmählich und regional sehr unterschiedlich „tief“ durch, wurde darüber hinaus in einem langen Prozess in einen katholischen „Westen“ und einen orthodoxen „Osten“ geteilt. In ganz Europa lebten im gesamten behandelten Zeitraum Angehörige nicht christlicher Religionen, besonders Juden und Muslime. So gehörten weite Teile unseres Raumes seit der osmanischen Eroberung zu einem Reich, in dem eine überwiegend muslimische Elite nach islamischen Staatsmodellen eine mehrheitlich christliche Bevölkerung beherrschte.

Ebenso sah die ständische Einteilung der Menschen in Geistliche, Krieger und Bauern, welche die Kirchenväter der lateinischen Spätantike prägten, schon in den frühmittelalterlichen Jahrhunderten viel komplexer aus. Geistlicher und adeliger Stand überschnitten einander und differenzierten sich, die bäuerliche Bevölkerung war je nach naturräumlichen und ökonomischen Gegebenheiten regional unterschiedlich stark abhängig. In Krisenzeiten stieg oft die soziale Mobilität, und die Ausbildung von Herrschaftszentren, Städten und Dörfern in Hoch- und Spätmittelalter schuf neue Formen der Zugehörigkeit und des gemeinschaftlichen Zusammenlebens ebenso wie eine verstärkte Binnendifferenzierung in diesen sozialen Räumen, deren Grenzen nach außen ihrerseits unterschiedlich durchlässig sein konnten.

Überlieferungschancen hängen maßgeblich von sozialen Aspekten ab. Wer Macht und Einfluss hat, wer sich ein Archiv bauen und es erhalten kann, wer der Erinnerung Stimme und Schrift verleihen kann, dessen Zeugnisse werden eher in die Geschichte eingehen als die von Angehörigen sozialer Unterschichten, manchmal auch von Randgruppen oder rechtlich nicht Gleichgestellten wie etwa Frauen. Die zumindest teilweise „Unsichtbarkeit“ dieser Gruppen in den Quellen liegt aber nicht nur in der Überlieferung selbst begründet, die meist die Perspektive der Sieger und der institutionell langfristig Erfolgreichen privilegiert. Sie hängt vielmehr auch davon ab, ob Historiker und Historikerinnen nach ihnen suchen. Es ist uns daher ein Anliegen, in der exemplarischen Diskussion vorhandener Überlieferung gerade auch solchen Personen und Gruppen Augenmerk zu schenken, die auf [<<31] den ersten Blick geringere Chancen haben, von Überlieferung und historischen Darstellungen – zumal im Überblick – berücksichtigt zu werden.

Selbstverständlich gilt auch hier, dass man sich darum bemühen muss, die Proportionalität der überlieferten Gegebenheiten methodisch nachvollziehbar zu machen. Der reichen Überlieferung dalmatinischer Küstenstädte und dörflicher Gemeinden im 14. und 15. Jahrhundert, die uns Einblicke in den Alltag der Menschen und in Facetten sozialer Beziehungen, in Ehestreitigkeiten und Wirtschaftsweisen, Gasthausraufereien und Handlungsstrategien gegenüber der venezianischen Obrigkeit erlaubt, stehen weite Gebiete im bosnischen oder serbischen Hinterland gegenüber, über die zu all diesen Themen nur vereinzelte oder gar keine Quellen erhalten sind. Warum das jeweils so ist und wie Historiker und Historikerinnen in Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen der Nachbardisziplinen (Archäologie, Kunstgeschichte, Theologie und Kirchengeschichte, Philologien, Linguistik, etc.) versuchen, diese Probleme zu lösen, das sind Fragen konkreter methodischer Verfahren, die nicht zuletzt durch die – zu Unrecht so bezeichneten – historischen „Hilfs“-Wissenschaften laufend weiter entwickelt werden. Der Umgang mit Schriften, Inschriften und Handschriften (Paläographie, Epigraphik, Kodikologie) gehört dazu ebenso wie die Interpretation von Bildern, Wappen und Münzen (Ikonographie, Heraldik, Numismatik). Sie alle werden in den einzelnen Kapiteln im Sinn von Kulturtechniken ebenso wie als methodische und letztlich epistemologische Werkzeuge vorgestellt. [<<32]

1      

1.1     „Moderne“ Wissenschaften und Nationen

Vom ausgehenden 18. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert, als sich in ganz Europa Rahmenbedingungen und Formen dessen ausprägten, was heute unter „moderner Wissenschaft“ verstanden wird, gehörten einige Gebiete unseres Betrachtungsraumes politisch zunächst noch zum Herrschaftsgebiet des Osmanischen Reichs, der überwiegende Teil aber zu dem der Habsburgermonarchie. Ihr Zentrum Wien hatte daher in vielfacher Hinsicht Einfluss auf die wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Entwicklung der sich im 19. Jahrhundert formierenden „Nationen“, trotz und teilweise gerade wegen ihrer zunehmenden politischen Abgrenzung von diesem Zentrum.

Generell ist Europa im 19. Jahrhundert von zwei für unseren Gegenstand maßgeblichen und komplex verflochtenen Aspekten der politischen und wissenschaftlichen Entwicklung charakterisiert: Eine der vielen Antworten auf die napoleonischen Kriege und die konservative Restaurationspolitik der europäischen Großmächte bestand in zunehmenden nationalstaatlichen Bestrebungen. Diese entwickelten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa in Konkurrenz und Opposition zur imperialen Politik der heterogen zusammengesetzten Habsburgischen, Russischen und Osmanischen Reiche besondere Brisanz. Formen der politischen und sozialen Nationsentwicklung und die ihnen zugrunde liegenden Prozesse nationaler Identifikation benötigten ihrerseits Erzählungen, die eine „eigene“ – möglichst weit in die Vergangenheit zurück reichende – Geschichte propagierten.

Wissenschaft als Legitimationsinstanz

Solche nationalen „Meistererzählungen“ bedurften einer möglichst robusten Fundierung durch historische Belege. Quellenbasierte Geschichtsdeutungen hatten größere Autorität, wodurch wissenschaftliche Forschung in den entstehenden Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts eine herausragende Funktion als Legitimationsinstanz erhielt: Philologien, Sprach- und Geschichtswissenschaften, historische [<<33] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe Geographie und Archäologie und später auch „neue“ Fächer wie die Ethnologie erarbeiteten Materialgrundlagen und Methoden, mit denen die kategorialen Grundlagen dessen geschaffen wurden, was man als Basis einer „Nation“ verstand: eine gemeinsame Sprache und Herkunft, Geschichte und Kultur.

Die zunehmende Bedeutung nationaler Geschichtskulturen und deren Konkurrenz untereinander führten somit zu einer Aufwertung von Wissenschaft, deren Arbeits-, Organisations- und Vermittlungsformen. Dies resultierte in einem gewaltigen Schub der Institutionalisierung und Professionalisierung wissenschaftlicher Forschung.

Neue Sammlungen und Institutionen

Die Sammlung, Sichtung, Ordnung und Auswertung vor allem schriftlicher, aber auch materieller Überlieferung war bis dahin am Ort der Entstehung der Quellen selbst – in Klöstern, an Adelssitzen, in Städten und später in höfischen Sammlungen und Institutionen (in Wien etwa das Haus-, Hof- und Staatsarchiv, die Hofbibliothek oder das Münz- und Antikenkabinett) erfolgt. Dort hatte sie jeweils einen besonders seit dem 18. Jahrhundert intensivierten Prozess der Verwissenschaftlichung im Sinn einer zunehmend geregelten methodischen Herangehensweise an die Gegenstände durchlaufen.

Im 19. Jahrhundert verschob sich der institutionelle Schwerpunkt durch die Aufhebung vieler geistlicher Institutionen einerseits und die Einrichtung neuer Akademien und universitärer Lehrstühle, Bibliotheken und Museen andererseits in Richtung zentraler Institutionen, wo unterschiedliche Überlieferungsformen (Handschriften, archäologische Funde, Toponyme, etc.) mit neu entwickelten Methoden erfasst, bearbeitet und analysiert wurden.

Landes- und Nationalmuseen

So wurden nach der Gründung des ungarischen Nationalmuseums 1802 ähnliche Institutionen in Berlin (1815), Lemberg (1817, heute in Breslau/Wrocław), Prag (1818), Agram/Zagreb (1821) und Laibach/Ljubljana (1821 Landesmuseum für Krain, 1921 slowenisches Nationalmuseum) gegründet, sowie das steiermärkische Landesmuseum Joanneum in Graz (1811) und das Ferdinandeum in Innsbruck (1823). Die methodische Ausdifferenzierung führte zur Abgrenzung wissenschaftlicher Disziplinen gegeneinander, wenn auch die jeweils individuellen Formen der wissenschaftlichen Zusammenarbeit überregional bzw. international, die neuen Fachrichtungen übergreifend und durch persönliche Kontakte geprägt waren. [<<34]

Vereine und Gesellschaften

Ähnliche Tendenzen der organisierten Beschäftigung mit der Vergangenheit zeigten sich in der Gründung verschiedener Vereine und Gesellschaften auf regionaler und Landesebene. Ihre Träger waren ebenfalls oft Vertreter sozialer – adeliger und bürgerlich-gelehrter – Eliten, die sich ihrerseits zu Trägern des jeweiligen Landes- bzw. Nationalbewusstseins entwickelten. Staatlich-institutionelle und „private“ Initiativen waren zunächst eng miteinander verflochten, so wie die europäische Gelehrtenkultur durch ein dichtes Netz an personellen, intellektuellen und institutionellen Bezügen gekennzeichnet war.

Quellenerschließung und Editionen

Überall aber erforderte die umfassende Sammlung unterschiedlichster Überlieferung neue Organisationsformen der Quellenerschließung, allen voran in großen Editionsunternehmen. Die Tätigkeiten im Rahmen der bereits in den 1770er Jahren gegründeten, und damit ältesten gelehrten Vereinigung, der Königlich-Böhmischen Gesellschaft, sind dafür ebenso ein Beispiel wie das bis heute federführende Editionsunternehmen für mittelalterliche Schriftquellen, die Monumenta Germaniae Historica (MGH), das in der 1819 durch den Reichsfreiherrn Karl von Stein begründeten Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde seinen Anfang nahm. An der 1825 von Graf Széchenyi in Pressburg am damaligen Parlamentssitz gegründeten und geförderten Ungarischen Akademie der Wissenschaften (so genannt ab 1845) wurden ebenfalls früh Editionsprojekte durchgeführt. Die Praxis der systematischen Quellenerhebung, -kritik und -interpretation ging Hand in Hand mit der Etablierung von zunehmend spezialisierten begrifflichen Instrumentarien.

Neue Ausbildungsstätten

In diesem gesamteuropäischen Rahmen gewann die Universität Wien als wissenschaftliches Zentrum vergleichsweise spät jenes Profil, das sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts charakterisierte. Im Unterschied etwa zu den deutschen Ländern wurde hier zu Beginn des Jahrhunderts noch keine systematische Forschung oder Methodendiskussion betrieben. Der Lehrbetrieb war den obrigkeitsstaatlichen Prinzipien des Vormärz unterworfen. Erst das Revolutionsjahr 1848 führte zu grundlegenden Reformen durch die Zentralverwaltung und zu einer offeneren Haltung gegenüber der universitären Lehre und Forschung. Der staatliche Bedarf nach einer modernisierten Wissenschaftsverwaltung äußerte sich bereits zuvor im Beginn der [<<35] Universitätsreform (1847) und – in demselben Jahr – der Gründung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, als deren erste Einrichtung die Historische Kommission mit ihrer Arbeit begann und bald maßgebliche Editionsreihen wie die Fontes rerum Austriacarum etablierte. Seit 1848 konnten österreichische Gelehrte und Institutionen auch formell Mitglied der MGH sein. 1854 wurde schließlich nach dem Vorbild der Pariser École des Chartes (1821) das Institut für österreichische Geschichtsforschung (IÖG) gegründet.

Nationalgeschichte der Habsburgermonarchie?

All diese Initiativen sind nicht nur Antwort auf bildungs- und verwaltungspolitische Defizite, sondern sie reagierten auch auf die grundlegenden Schwierigkeiten der Habsburgermonarchie und ihres Zentrums, ein integratives nationalstaatliches Geschichtsbild zu etablieren. Um eine forschungsbasierte „Nationalgeschichte“ im Sinn einer habsburgischen Gesamtstaatsgeschichte ging es einem der bekanntesten Vertreter der Reformpolitik, dem aus Prag stammenden Juristen, Bildungsbeamten und ab 1861 Unterrichtsstaatssekretär Josef Alexander Helfert. 1853 veröffentlichte er in Prag seine Schrift Über Nationalgeschichte und den gegenwärtigen Stand ihrer Pflege in Oesterreich, die programmatisch für die habsburgische Wissenschaftspolitik war. Der mit der Gründung des IÖG verbundene politische Auftrag bestand daher in Helferts Sinn in einer wissenschaftlichen Ausbildung und Forschung, die das Verständnis einer habsburgischen Gesamtstaatsgeschichte begründen, aufbauen und vermitteln sollten.

Hilfswissenschaftliche Mediävistik in Wien

Betrafen also zunächst die Aufgaben des IÖG sowohl Geschichtsforschung als auch Geschichtsdarstellung, so verschob sich der Schwerpunkt von Beginn der praktischen Arbeit an auf die Forschungsaspekte, und hier wiederum fokussiert auf mediävistisch-hilfswissenschaftliche Studien. Maßgeblich prägte diese Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der aus Sachsen berufene Institutsleiter Theodor von Sickel (1869–1891), unter dem das IÖG sein primär an der Urkundenforschung (Diplomatik) des Mittelalters orientiertes Profil entwickelte. Das Sickel’sche paläographisch-diplomatische Ideal der „peinlich exakten Methode“ wurde nicht zuletzt vor dem Hintergrund zeitgenössischer naturwissenschaftlicher Modelle neben der Urkundenforschung auch auf andere Gegenstände mittelalterlicher Überlieferung und ihre Erforschung angewandt (z. B. Numismatik, Heraldik, Sphragistik). [<<36]

Die zunehmende methodische Spezialisierung und die Konzentration auf die hilfswissenschaftlichen Aspekte der Geschichtsforschung an Quellen zur Geschichte des Mittelalters begründeten letztlich den Erfolg dieser Institution und ihren nachhaltigen Einfluss zunächst auf die österreichische Forschungslandschaft und bald auch in Mittel- und Südosteuropa. Diese spezifische Forschungspraxis und das – mit wenigen Ausnahmen – Fehlen von Bemühungen um umfassendere Geschichtsdarstellungen gingen Hand in Hand mit einer tendenziell unpolitischen Haltung eines großen Teils der Institutsangehörigen.

1.2     Nationale Geschichtsbilder

Während sich aber gleichzeitig das Problem des Fehlens eines gesamtstaatlich-nationalen Geschichtsbildes für das habsburgische Zentrum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch politisch weiter verschärfte – einerseits durch den endgültigen Verlust einer politischen „groß-deutschen“ Option unter habsburgischer Führung spätestens mit Ende des deutschen Bundes (1866) und andererseits durch den „Ausgleich“ mit Ungarn (1867) – entwickelten sich in demselben Zeitraum die nationalen Narrative der einzelnen Länder der Monarchie unter den Schlagworten des „nationalen Erwachens“ bzw. der „nationalen Wiedergeburt“. Hier wiederum gingen methodische Spezialisierung und disziplinäre Verfestigung Hand in Hand mit der Entwicklung identitätsstiftender nationaler Geschichtsbilder, die ihrerseits in neu gegründeten nationalen Institutionen in den jeweils eigenen Sprachen und ebenfalls mit einem zunehmend verfeinerten methodischen Handwerkszeug effektiv wurden.

Die Verflechtungen der wissenschaftlich-institutionellen und politischen Entwicklungen im 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg und teilweise auch darüber hinaus machen deutlich, wie eng methodische und inhaltliche Fortschritte in der Forschung und ihre politische Instrumentalisierung verflochten sein konnten – aber dies nicht notwendigerweise sein mussten. Eines der charakteristischen Momente, die diesen Zeitraum kennzeichnen, ist die Spannung zwischen vielfältigen historischen Meistererzählungen (v. a. weit in die Vergangenheit zurück reichenden Gründungsnarrativen) und der [<<37] zunehmend national orientierten Konkurrenz beim Versuch ihrer möglichst umfassenden Fundierung in der Überlieferung in einem Raum intensiver akademisch-methodischer Kommunikation.

Angesichts des weitgehenden Fehlens schriftlicher Quellen für die jeweiligen Frühgeschichten der entstehenden Nationen kam der Entwicklung kritischer Methoden in philologischer, sprachwissenschaftlicher und linguistischer Forschung sowie der Archäologie eine herausragende Bedeutung zu. Wie auch für die Geschichtswissenschaft reichen die Anfänge einer intensivierten und zunehmend systematischen Beschäftigung mit diesen Gegenständen ins 18. Jahrhundert zurück.

Historisch-philologische Methodik in Prag

So beruht die monumentale Bibliotheca Slavica des böhmischen Theologen, Philologen und Slawisten Josef Dobrovský (1753–1829), der eine herausragende Rolle bei der Entwicklung der modernen tschechischen Schriftsprache spielte, auf Material der Wiener Hofbibliothek und des Prager Clementinums. Dieses Jesuitenkolleg ging nach Aufhebung des Ordens (1773) in die habsburgische Verwaltung über; 1781 ließ Maria Theresia dort die Nationalbibliothek errichten. Auf Dobrovskýs Werk und der in Wechselwirkung mit ihm verfeinerten historisch-philologischen Methode bauten im 19. Jahrhundert die wichtigsten Begründer eines sprachlich fundierten tschechischen Nationalbewusstseins auf, v. a. der Sprachwissenschaftler Josef Jungmann (1773–1847) mit seinem grundlegenden fünfbändigen tschechisch-deutschen Wörterbuch.

Panslawismus

Am politisch einflussreichsten wurde der Historiker František Palacký (1798–1876), dessen Dějiny národu českého v Čechách a v Moravě (Geschichte des tschechischen Volkes in Böhmen und Mähren) im Revolutionsjahr 1848 erschien. Gemeinsam mit dem slowakischen Slawisten Pavel Jozef Šafárik (1795–1861) gilt er als Begründer des in den nationalen Auseinandersetzungen bedeutenden Konzepts des Panslawismus, das von einem gemeinsamen Ursprung und einer gemeinsamen Geschichte der slawischen Völker ausging. Šafárik, dessen internationales Profil in seinen Mitgliedschaften in der Königlich-Preußischen, der Bayerischen und seit ihrer Gründung 1847 der Wiener Akademie der Wissenschaften deutlich wird, arbeitete wiederum eng mit dem Slowaken Ján Kollár (1793–1852) zusammen, der als erster Professor für slawische Archäologie die Universität Wien zu einem wichtigen Zentrum für diesen Gegenstand machte. [<<38]

Archäologie in Ungarn

Archäologische Funde und ihre unterschiedliche Interpretation in Hinblick auf die historische Kontinuität der einzelnen konkurrierenden Nationen der Habsburgermonarchie führten ebenfalls zu steigender systematischer Sammlung und methodischer Spezialisierung der Analyse der Überlieferung. Slawisch- und rumänisch-sprachige Minderheiten standen mit ihren Auslegungen besonders nach dem Österreichisch-Ungarischen „Ausgleich“ von 1867 dem Gründungsmythos der ungarischen Mehrheit gegenüber.

Für diese war die ungarische Landnahme ein Schlüsselereignis, das 1896 anlässlich seines „Millenniums“ als Ereignis von herausragender nationaler Bedeutung gefeiert wurde. Archäologische Argumentationen wurden dabei politisch in Dienst genommen, während gleichzeitig der Archäologe József Hampel (1849–1913), Mitglied der ungarischen Akademie der Wissenschaften, die erste umfassende fachwissenschaftliche Studie der sogenannten „Landnahmezeit“ vorlegte. Bereits zuvor hatte sich der Linguist Pál Hunfalvy (1810–1891) in seiner Magyarország ethnographiája (Ethnographie von Ungarn, 1876/77) basierend auf neuesten philologischen und sprachwissenschaftlichen Methoden gegen biologistische Modelle nationaler Zugehörigkeit gewandt. Wenige Jahre später verfasste er den 5. Band des in Wien und Teschen herausgegebenen Werks Die Völker Österreich-Ungarns zu Ungarn, kurz darauf folgte eine Publikation zu den Rumänen. Trotz methodologischen Austauschs wurde in diesen Fragen weder kurz- noch mittelfristig ein inhaltlicher Konsens zwischen fachlichen und politischen Vertretern konkurrierender Narrative über die Vergangenheit gefunden.

Methodenlehre

Am Institut für Österreichische Geschichtsforschung (IÖG), das sich gleichzeitig zu einem der zentralen Orte der Methodenlehre entwickelt hatte, fanden sie kaum Resonanz, wie man sich dort generell wenig für die nicht deutschsprachigen Länder der Habsburgermonarchie interessierte. Der Schwerpunkt lag klar auf der Erforschung und Edition mittelalterlicher Quellen. Hier bestanden vielfältige Kooperationen mit den Monumenta Germaniae Historica (MGH) in Berlin. Auch der inhaltliche Fokus lag auf der deutschen Geschichte, v. a. der mittelalterlichen Könige bzw. Kaiser sowie Italien und der Papstgeschichte, besonders in Verbindung mit dem 1881 gegründeten Österreichischen Institut in Rom. Eine Ausnahme bildete das Interesse an [<<39] der tschechischen Geschichtsschreibung zur böhmischen Geschichte, wie sie von Jaroslav Goll (1846–1929) in Prag vertreten wurde, einem der wichtigsten Vertreter der tschechischen Historiographie.

Mitteleuropäische Absolventen, europäische Karrierewege

Die Ausbildung in den handwerklichen Grundlagen zur Erforschung der Überlieferung zu deren jeweils „eigenen“ Geschichte erfolgte allerdings häufig in Wien als wichtigem Standort. Für das 1907 eingerichtete Seminar für osteuropäische Geschichte der Universität sowie das IÖG liegen einschlägige Darstellungen über die Absolventen in diesem Zeitraum vor. So besuchten bis zum Ersten Weltkrieg jeweils sechs Polen und Slowenen, 15 Ungarn und Deutsche aus Ungarn sowie 22 Tschechen und 13 Deutsche aus Böhmen und Mähren die Ausbildung am IÖG. Die Methodenrezeption in Südosteuropa erfolgte weniger über die historisch-hilfswissenschaftliche Ausbildung als über andere Institutionen (→ Kap. 1.3).

Exemplarisch ist etwa der europäische Karriereweg von Stanisław Krzyzanowski (1865–1917), der seine in Wien begonnenen paläographischen Studien später in Rom erweiterte und sich als erster Pole in Krakau in den historischen Hilfswissenschaften habilitierte und dort ab 1898 als Professor für dieses Fach und Geschichte des Mittelalters tätig war. Er und seine Schüler schrieben die wesentlichen ersten Werke zur polnischen Paläographie, Urkundenlehre und den historischen Hilfswissenschaften. Ein Beispiel für das Ende dieser formativen Periode der Wissenschaftsentwicklung ist der Slowene Milko Kos (1892–1972), der ab 1911 zuerst in Wien und dort auch am IÖG, nach dem Krieg an der Pariser École des Chartes studierte, sich 1924 in Belgrad für historische Hilfswissenschaften habilitierte und dann zunächst als Extraordinarius in Zagreb und ab 1926 als Professor für mittelalterliche Geschichte und historische Hilfswissenschaften an der Universität Ljubljana tätig war, wobei er für beide Fächer eine maßgebliche Gründerrolle in Slowenien spielte und u. a. eine Geschichte der Slowenen im Mittelalter verfasste.

Gute Beispiele für die enge Verflechtung verschiedener wissenschaftlicher Tätigkeitsfelder bieten die ungarischen Teilnehmer an der Ausbildung am IÖG. Von ihnen wirkte etwa László Fejérpataky (1857–1923) sowohl als Professor an der Universität Budapest (ab 1895) als auch als Direktor der Bibliothek des Nationalmuseums. Auch der Spezialist für Heraldik und Sphragistik Gyula Schönherr (1864–1908) [<<40] war nach Studien in Wien am Nationalmuseum in Budapest tätig und habilitierte sich 1902 an der dortigen Universität. Árpád Károlyi (1853–1940) wiederum war nach seiner Wiener Ausbildung am dortigen Haus-, Hof- und Staatsarchiv (HHStA) beschäftigt, bevor er sich 1880 in Budapest habilitierte, jedoch einen Ruf auf einen dortigen Lehrstuhl ablehnte und von 1909–1913 als Direktor des HHStA tätig war.

Prag – Berlin – Wien

Die meisten Absolventen der Wiener historischen Ausbildung waren Tschechen bzw. Deutsche aus Böhmen und Mähren. Jene unter ihnen, die sich in den historischen Hilfswissenschaften spezialisierten, studierten zu einem großen Teil in Wien, von den Deutschsprachigen vermutlich alle.

Die Prager Carolo-Ferdinandea war 1882 in die k. k. böhmische Karl-Ferdinands-Universität und die k. k. deutsche Karl-Ferdinands-Universität geteilt worden. Zwischen letzterer und den deutschsprachigen Universitäten in Wien und Berlin gab es in den letzten Jahrzehnten der Monarchie enge wissenschaftliche Beziehungen sowie einen intensiven Austausch von Gelehrten. An der tschechischen Karlsuniversität spielte der Archivar und seit 1887 Ordinarius für Hilfswissenschaften Josef Emler (1836–1899) eine zentrale Rolle, besonders für die Editionstechnik. Seine Schüler absolvierten ihrerseits häufig die Wiener Ausbildung, unter anderem die Gründer der Schule für Urkundenforschung in Brünn.

Parallel zur Intensivierung der nationalen Geschichtsnarrative und der Ausprägung nationalsprachlicher Fachwissenschaften in den einzelnen Kronländern kam es in den deutsch-österreichischen Wissenschaften im Zentrum der Habsburgermonarchie, denen Anknüpfungspunkte an eine „alte“ politische Nation fehlten, zu einer – je unterschiedlich artikulierten – Entwicklung eines deutschen Nationalbewusstseins, das sich seinerseits in einer deutschsprachigen Wissenschaftskultur äußerte. Diese lässt sich etwa an den engen Beziehungen zwischen den Universitäten in Berlin, Wien und Prag gut nachvollziehen.

In einer Phase weiterer Verwissenschaftlichung um die Jahrhundertwende wurden die Forschungsgegenstände abermals kleinteiliger und die Methoden vielfältiger und spezialisierter. Dementsprechend verlagerten sich die Auseinandersetzungen noch stärker auf Methoden-Diskussionen. Trotz einer auch hier bestehenden Wechselwirkung [<<41] zwischen Nationalisierungspolitiken und wissenschaftlicher Entwicklung dominierten methodische Debatten um fachwissenschaftliche Spezialisierung vs. disziplinäre Öffnung die akademischen Beziehungsgeflechte, die über die politischen Brüche des Ersten Weltkriegs und seiner Konsequenzen bis in die Zwischenkriegszeit aufrecht blieben.

1.3     Wiener Methodenausbildungen und ihre Ausstrahlung nach Südosteuropa

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts bemerkte Dejan Medaković, Mitglied der Serbischen Akademie und national ausgerichteter Historiker, dass „fast alle namhaften serbischen Historiker“ in Wien studiert hätten (2001). Damit meinte er insbesondere die Belgrader Mittelalter- und Frühneuzeithistoriker des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. In abgeschwächter Form gilt diese Aussage auch für die bulgarische, kroatische, rumänische und albanische Mittelalterforschung.

Dejan Medaković, Serben in Wien (Novi Sad 2001), S. 196.

Dass die Wiener mediävistische Schule stark nach Südosten ausstrahlen konnte, hatte gleich mehrere wissenschaftsgeschichtliche Gründe: Bis 1918 war Wien das kulturelle und wissenschaftliche Zentrum der Habsburgermonarchie. Die Universität Wien zog aber auch Studierende aus den jungen Balkanstaaten Serbien (autonom 1815, souverän 1878), Rumänien (autonom 1859/61, souverän 1878), Bulgarien (autonom 1878, souverän 1908) und Albanien (souverän 1912) an, die alle zumindest zeitweise politisch eng an die Donaumonarchie gebunden waren. Deren imperiale Politik hatte – wie im Zentrum – auch entscheidenden Anteil am Aufbau einer institutionalisierten Wissenschaft im seit 1878 von Österreich-Ungarn verwalteten, 1908 annektierten Bosnien-Herzegowina (vor allem über das Landesmuseum in Sarajevo), während albanische intellektuelle Eliten durch gezielte Stipendienvergabe besonders an den Universitäten Wien und Graz herangezogen wurden.

Das Bildungswesen des jungen bulgarischen Staates wurde in seinen Anfängen von Konstantin Jireček (1854–1918), selbst Sohn eines österreichischen Bildungsministers, maßgeblich begleitet. Wien war [<<42] aber auch Zentralort der Forschung zu Südosteuropa, an dem Theorien und Methoden der philologischen, geographischen, anthropologischen und historischen Beschäftigung mit dem Raum von den österreichisch-ungarischen Reichsgrenzen bis zum Ionischen und Schwarzen Meer ausgebildet wurden. Diese zentrale Stellung Wiens kann man in drei Phasen gliedern.

Vor der Institutionalisierung

In einer vorinstitutionellen Phase in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Grundlagen für eine mehrdisziplinäre Erforschung Südosteuropas im Umfeld der Hofbibliothek und der Zensurbehörde sowie im diplomatischen Dienst gelegt. Auch der Begriff Südosteuropa entstand in Wien, erstmals eingeführt 1814 von dem herausragenden Philologen Bartholomäus Kopitar (1780–1844). Der hamburgische Hugenotte in Wiener Diensten Ami Boué (1794–1881) erschloss als erster Forschungsreisender den inneren Balkan (heutiges Bosnien, Serbien, Kosovo, Albanien, Makedonien) in geographischer und anthropologischer Sicht (La Turquie d’Europe, 1840). Der Diplomat Johann Georg von Hahn (1811–1869) aus Hessen schuf nicht nur die Grundlagen einer philologischen und kulturwissenschaftlichen Albanologie, sondern veröffentlichte gemeinsam mit Karl Hopf (1832–1873), dem Begründer der Erforschung Griechenlands im Mittelalter, einen ersten quellengesättigten Überblick über die mittelalterliche Geschichte der Albaner.

Institutionalisierung: Lehrstühle und Seminare

Die institutionalisierte wissenschaftliche Beschäftigung mit Südosteuropa setzte an der Wiener Universität mit der Schaffung eines Lehrstuhls für Slawistik (1849) ein und wurde 1907 mit der Einrichtung eines Seminars für osteuropäische Geschichte abgeschlossen. Prägende Gestalt dieser Phase war Franz Ritter von Miklosich (1813–1891), ein Schüler Kopitars, dessen Arbeiten alle Sprachen Südosteuropas, vom Altkirchenslawischen bis zur Sprache der Roma, umfassten. Zur Mittelalterforschung trug er durch Editionen slawischer und byzantinischer Urkunden bei.

Die herausragende Stellung der philologischen Methode kennzeichnet auch die Generation des Slawisten Vatroslav Jagić (1838–1923) und des Historikers Konstantin Jireček, den man als zentrale Figur der Balkanmediävistik bezeichnen kann. Jireček erschloss das Archiv von Dubrovnik als Hauptquelle nicht nur für die mittelalterliche Geschichte Serbiens, Bosniens und Albaniens, sondern auch insgesamt [<<43] für die historische Forschung. Seine Geschichte der Serben (2 Bde., 1911–1918) und Staat und Gesellschaft im mittelalterlichen Serbien (4 Bde., 1912–1919) gelten heute noch als Standardwerke. Jireček schuf eine eigene Schule serbischer, aber auch bulgarischer Mediävisten, die in ihren Herkunftsländern die Wiener Methode verbreiteten. Diese bestand in einer kritischen Analyse erzählender Quellen und vor allem der Heranziehung archivalischer Dokumente. Als entscheidend erwies sich gerade für Serbien der Impuls zur Abkehr von einer nationalromantischen Schule, die das Mittelalter nach dem Vorbild der europäischen Romantik des frühen 19. Jahrhunderts verklärt und in den Dienst der Theorie von einer nationalen Wiedergeburt nach dem Ende der osmanischen Herrschaft gestellt hatte.

Neue Forschungsfelder

Auch in der Bestimmung der Forschungsfelder erwies sich Jireček als Pionier und Anreger: Institutionen- und Rechtsgeschichte, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, historische Geographie, Literaturgeschichte besonders des mittelalterlichen Dubrovnik charakterisieren ein Forschungsinteresse, das weit über eine eng gefasste politische Ereignisgeschichte hinausreichte. Daneben kam der Grundlagenforschung erhebliches Gewicht zu: Jireček legte Editionen serbischer Urkunden vor und veröffentlichte gemeinsam mit dem Kroaten Milan von Šufflay (1879–1931) und dem Ungarn Ludwig von Thallóczy (1857–1916) ein heute noch maßgebendes Urkundenbuch zur mittelalterlichen albanischen Geschichte (1913–1918). Da Jirečeks ehemalige Dissertanten wie die Serben Jovan Radonić (1873–1953) und Stanoje Stanojević (1874–1937) oder der Bulgare Petăr Nikov (1884–1938) ebenfalls schulbildend wirkten, erstreckte sich Jirečeks Einfluss besonders auf die serbische Mediävistik bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bestes Beispiel ist der bedeutende serbische Mediävist Sima Ćirković (1929–2009).

Diese Schulen übernahmen von Jireček weitgehend Methode und Themenwahl, freilich mit einer bemerkenswerten Ausnahme: Ein serbisches Urkundenbuch wurde erst vor kurzem vorgelegt, beinahe hundert Jahre nach Jirečeks Tod und nach vielen vergeblichen Anläufen (→ Kap. 3.2.7). Ein größeres bulgarisches Urkundenbuch des Mittelalters kann wegen des fast völligen Verlusts der Dokumente kaum erstellt werden. Ganz anders gestaltet sich hingegen die kroatische Urkundenforschung: Nicht nach Wiener Vorbild, sondern nach dem [<<44] Modell der MGH arbeitet die als Südslawische Akademie gegründete heutige Kroatische Akademie der Wissenschaften an einer umfassenden Sammlung der die Südslawen betreffenden mittelalterlichen Urkunden mit Schwerpunkt auf der kroatischen Vergangenheit (Monumenta historica Slavorum meridionalium, seit 1863). Dieselbe Akademie betreut auch das kroatische Urkundenbuch (seit 1904).

Zwischenkriegszeit (1918–1938)

Als dritte Phase eines freilich nunmehr schwindenden Wiener Einflusses auf die südosteuropäische Mediävistik kann die Zeit 1918–1938 angesehen werden. Das Ende der Monarchie und die tiefe Krise des Nachfolgestaates Österreich führten zu einem allmählichen Rückgang der Forschungsmöglichkeiten und -kompetenzen. 1934 wurden der Lehrstuhl für Balkangeschichte und das nach 1918 eingerichtete Balkaninstitut aus Spargründen geschlossen. Doch wirkte das Erbe der Jahrhundertwende noch nach, diesmal vor allem auf bulgarische und albanische Studierende, d. h. Angehörige von Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg nahestehenden Nationen. Jene aus den Siegerstaaten Serbien und Rumänien hingegen wandten sich den aufstrebenden Wissenschaftszentren Belgrad und Bukarest zu, wo direkt oder indirekt vom Wiener Methodenraum beeinflusste Mediävisten Institute und Schulen aufbauten. Neue wissenschaftliche Bezugsorte in Frankreich, Italien und Deutschland aber übernahmen zunehmend das wissenschaftliche Erbe der Donaumonarchie.

Der österreichische Ständestaat (1934–1938) hatte die Wiener Balkanforschung bereits stark zurückgedrängt, als der Nationalsozialismus in Wien eine neue Richtung vorgab: die einer „Südostforschung“ im Dienste der NS-Raumpolitik. Nach 1945 verlagerte sich der Schwerpunkt der deutschsprachigen historischen Südosteuropaforschung in die Bundesrepublik Deutschland, wobei Forschungen zum Mittelalter fast ganz zugunsten der jüngeren Epochen vernachlässigt wurden.

Der Wiener Einfluss auf die historische Forschung zu Südosteuropa war hingegen stark mediävistisch geprägt. Hier trafen sich die Bedeutung der mittelalterlichen Geschichte im Rahmen der allgemeinen Geschichtsforschung in Mitteleuropa und besonders in Wien mit dem Interesse südosteuropäischer Studenten an ihrer Nationalgeschichte: Denn die jungen Balkanstaaten suchten nach Jahrhunderten osmanischer Herrschaft einen Anknüpfungspunkt im Mittelalter, um eine fortlaufende nationale Erzählung zu konstruieren, die nicht erst im [<<45] 19. Jahrhundert einsetzt. Die wissenschaftliche Methode im Umgang mit dem Quellenmaterial wurde dabei in Wien vermittelt, durch – nahezu ausschließlich männliche – Gelehrte, die ihrerseits unter dem Einfluss der Methoden der allgemeinen österreichischen Mittelalterforschung standen. Darauf beziehen wir uns, wenn in diesem Buch der Wiener Methodenraum angesprochen wird.

Die Übernahme von Methoden und Fragestellung ist dabei auch hier nicht gleichzusetzen mit kultureller oder gar politischer Sympathie für Österreich-Ungarn. Im Gegenteil, gerade serbische und rumänische Absolventen der Wiener Schulen engagierten sich in ihren Heimatländern nicht nur wissenschaftlich, sondern auch politisch, und zwar sehr oft gegen die Donaumonarchie: Jovan Radonić zählt zu den führenden großserbischen Ideologen, und der Rumäne Ion Nistor (1876–1962), der bei Jireček eine heute noch lesenswerte Abhandlung zur Handelsgeschichte der Moldau vorgelegt hatte, wirkte nach 1918 maßgeblich an der Rumänisierung der Universität Czernowitz mit, die unter seiner Ägide zum Mittelpunkt ultranationalistisch-antisemitischer Umtriebe wurde.

Unpolitisch war freilich auch die Wiener Forschung nicht, wenngleich sich ihre zentralen Gestalten Miklosich, Jireček und Jagić nicht von der Balkanpolitik der Donaumonarchie vereinnahmen ließen. Doch ist die Beschäftigung mit dem albanischen Mittelalter und das erwähnte Urkundenbuch auch vor dem Hintergrund des österreichisch-serbischen Konflikts um Nord- und Mittelalbanien zu sehen, der 1913 fast zum Krieg geführt hätte. Beide Seiten argumentierten mit auf das Mittelalter zurückgehenden historischen Rechten, und bei Verhandlungen um die Ostgrenze des 1912 geschaffenen albanischen Staates im Jahre 1913 zitierten österreichische Diplomaten serbische Klosterurkunden aus dem 14. Jahrhundert.

Führende Mediävisten der Donaumonarchie wie Jirečeks Kollegen Milan von Šufflay (1879–1931; von serbischen Agenten ermordet, was Albert Einstein und Heinrich Mann in einem internationalen Appell anprangerten) und Ludwig von Thallóczy (1857–1916) zählten zu den führenden Vertretern kroatischer bzw. ungarischer Nationalpolitik. Thallóczy verfasste etwa im Auftrag des österreichisch-ungarischen Außenministeriums die erste albanische Geschichte, die unter dem Namen des albanischen Übersetzers verbreitet wurde und [<<46] die albanische Geschichtsauffassung nachhaltig prägte. In Bosnien wirkte er sowohl als hoher Beamter wie als einer der Begründer der bosnischen Mediävistik.

In der Zwischenkriegszeit, besonders den zwanziger Jahren, sammelten sich im Umfeld der Wiener Universität albanische, makedonische und kroatische Studenten, deren Vereine in engem Kontakt zu Untergrundgruppen standen, die Anschläge gegen das 1918 geschaffene Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (ab 1929 Jugoslawien) durchführten. Diese Politisierung des sozialen Raumes Universität schränkte aber die Rezeption der Wiener Methoden offensichtlich nur wenig ein – derart konkurrierende Historiographien wie die serbische und die albanische bezogen sich gleichermaßen auf sie. Die Osteuropaforschung wurde zwischen 1934 und 1945 zuerst vom sogenannten Ständestaat mit Sparmaßnahmen eingeschränkt, dann vom Nationalsozialismus weitgehend für seine Zwecke missbraucht. Nicht zufällig wurden zwei der führenden Sprachwissenschaftler, Nikolaj Trubeckoj (1890–1938) und Norbert Jokl (1877–1942), Opfer des Regimes.

1.4     Ausblick: nach 1945 – nach 1989

Die europäische Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat durch die Teilung des Kontinents in zwei machtpolitische und ideologische Blöcke, die sich ihrerseits – wie zuvor nationalstaatliche Ideologien, kulminierend im Nationalsozialismus – maßgeblich auf die Wahrnehmung von Geschichte und die Konstruktion von Geschichtsbildern ausgewirkt hat, ebenso nachhaltig die wissenschaftlichen Grundlagen für diese Bilder einschließlich der methodischen Erschließung und Aufbereitung historischer Überlieferung beeinflusst. Anders als im 19. und 20. Jahrhundert bis zur Zwischenkriegszeit, als wissenschaftliche Kommunikation trotz politischer Brüche zwar eingeschränkt, aber dennoch auch grenzüberschreitend weiter stattfand, hat der Totalitarismus des 20. Jahrhundert zu vielfach bis heute wirksamen Unterbrechungen des fachlichen wie methodischen Austausches geführt.

Fallbeispiele in Langzeitperspektive

Die grundlegende Wende von 1989 kann daher nicht hoch genug eingeschätzt werden. Seither hat die politische Öffnung eine Vielzahl [<<47] von Initiativen zur Wiederaufnahme, Intensivierung und Stabilisierung des wissenschaftlichen Dialogs ermöglicht. Jedoch auch hier macht gerade die südosteuropäische Blickachse deutlich, wie heterogen und regional spezifisch die Auswirkungen der politischen Wende auf gesellschaftliche und damit auch wissenschaftliche Perspektiven waren: Der gewaltsame Zerfall des ehemaligen Jugoslawien und die weitgehend friedliche, aber von schweren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verwerfungen geprägte Übergangsepoche in Bulgarien und Rumänien hatten in den einzelnen Ländern ganz unterschiedliche Konsequenzen.

In den Nachfolgestaaten Jugoslawiens, aber auch in Bulgarien und Rumänien differenzierte sich die Forschung in den letzten drei Jahrzehnten in ein weitgehend selbstreferentielles, nach außen hin abgeschlossenes nationalkonservatives Lager einerseits und Gruppen von Historikerinnen und Historikern, die nach der Isolation im Kommunismus bewusst die Integration in eine gesamteuropäische Historikergemeinschaft anstreben, andererseits. Die Mittelalterforschung spiegelt so im Kleinen Gesellschaften mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten wider.

Es ist daher kaum verwunderlich, dass eine gesellschaftlich und politisch kritische und inhaltlich differenzierte Wissenschaftsgeschichtsschreibung der Nachkriegszeit (nach 1945) sowie der jüngeren Vergangenheit bis einschließlich der letzten drei Jahrzehnte seit Ende der kommunistischen Regime in Mittel-, Ost- und Südosteuropa geographisch, institutionell und disziplinär äußerst unterschiedlich stark entwickelt ist. Dies wiederum hat seinerseits Auswirkungen auf den aktuellen Stand der jeweiligen Auseinandersetzung mit Gegenständen und Themen der Mittelalterforschung und der Einschätzung und Interpretation der Überlieferung.

Ein Fallbespiel für diese zudem vielfach gebrochenen Forschungsgeschichten bietet in diesem Buch der Überblick von Miklós Takács in Kap. 2.4.2 zur Mittelalterarchäologie der Provinz Woiwodina seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert bis zu den Veränderungen nach 1989; ein weiteres die in Kap. 4.6.4 diskutierte Erschließung und Interpretation mailändischer Gesandtenbriefe durch die historische Südosteuropaforschung vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart hinsichtlich der Konstruktion des als Nationalhelden gefeierten albanischen Fürsten Georg Kastriota Skanderbeg (1405–1468). [<<48]

An dieser Stelle müssen einige Beispiele als Ausblick auf zukünftige Forschungsaufgaben genügen: Zeitlich konsequent fand in unserem Betrachtungsraum eine umfassende Aufarbeitung der Verflechtung von Wissenschaft und Politik in den europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts zuerst und systematisch in der Bundesrepublik Deutschland statt. Diese Aufarbeitung erfasste auch die Mittelalterforschung und mit ihr die historischen Hilfswissenschaften und ihre Vertreter und wenigen Vertreterinnen. In Österreich, wo politisch lange die These seiner Rolle als „Opfer“ nationalsozialistischer Machtpolitik prägend blieb, setzte der Prozess einer systematischen und gleichzeitig differenzierten Analyse der Involvierung wissenschaftlicher Akteure in das politische Geschehen erst deutlich später und zögerlich ein. Federführend war auch hier die zeithistorische Forschung.

Für die österreichische Mediävistik und ihre spezifische Ausprägung am Institut für österreichische Geschichtsforschung ist dieser Prozess nach wie vor nicht abgeschlossen: Das von Karel Hruza herausgegebene mehrbändige Handbuch Österreichische Historiker (1900–1945) (Bde. 1 und 2, Wien 2008 und 2012) zeigt, in welchen unterschiedlichen Formen gerade auch scheinbar unpolitische, methodisch-„positivistische“ historische Hilfswissenschaften und Quellenforschungen ihren wesentlichen Anteil an der Schaffung und Verfestigung von Geschichtsbildern haben können.

Die Aufarbeitung der komplexen Geschichte der deutsch-böhmischen Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert und ihrer Beziehungen zur tschechischen Historiographie vor dem Hintergrund der mehrfach gebrochenen Geschichte der böhmischen Länder und der Slowakei im Kontext der politischen Entwicklung des östlichen Mitteleuropa macht sich das 1956 gegründete Collegium Carolinum in München zur Aufgabe. Als wissenschaftliche Gesellschaft, die unterschiedliche Fachdisziplinen und ihre Vertreterinnen und Vertreter aus einer Vielzahl europäischer Länder zusammenbringt, widmet sie sich besonders der vergleichenden Forschung. So wurden etwa in mehreren besonders seit 2000 durchgeführten Tagungen für die Zeit nach 1945 eine Reihe der hier angesprochenen Fragen systematisch diskutiert und publiziert. Eine vergleichbare Plattform für den internationalen Austausch hat sich mit dem Collegium Hungaricum in Wien etabliert. [<<49]

In der Südosteuropäischen Geschichte setzte eine Münchner Tagung im Jahre 2002 wichtige Akzente, die freilich kaum der umfangmäßig bescheidenen deutschsprachigen mediävistischen Forschung zum Balkanraum galten. Gegenwärtig setzt sich auch die deutsche Südosteuropa-Gesellschaft kritisch mit ihrer Vergangenheit auseinander. In Südosteuropa selbst ist es in der Mittelalterforschung am ehesten die bulgarische Osmanistik, die ihre Rolle bei der Rechtfertigung der nationalistischen Repression gegen die türkische Minderheit in der Spätphase (Mitte der 1980er Jahre) der kommunistischen Diktatur Todor Živkovs hinterfragt.

Deutlich geringer ist eine öffentliche Debatte in der serbischen Mediävistik, die teilweise immer noch nationalistische Positionen vertritt, etwa die selbstverständliche Eingliederung ganz Bosniens und der Herzegowina in eine mittelalterliche serbische Geschichte. Stark von Nationalismus gekennzeichnet ist auch die personell kleine albanische Mittelalterforschung. In Griechenland besteht die Tendenz, Byzanz als griechischen Staat, und nicht als Vielvölkerreich wahrzunehmen. Historiographiekritische Ansätze in Südosteuropa sind überwiegend auf die Neuzeitforschung bezogen und behandeln das Mittelalter eher am Rande. Den kritischsten Umgang mit dem Mittelalter pflegen im regionalen Vergleich rumänische Historiker.

Hingegen hat sich in Ungarn das Collegium Budapest in den vergangenen beiden Jahrzehnten in einer Reihe von Workshops und daraus resultierenden internationalen Publikationen die systematische vergleichende Erforschung der Bedeutung mittelalterlicher Geschichte und der Methoden zu ihrer Erforschung für die Konstruktion vergangener wie gegenwärtiger nationaler Mythen zur Aufgabe gemacht. Die Untersuchung verschiedener historischer und kultureller Visionen der Vergangenheit dient als Ausgangspunkt für eine histoire croisée (Bénedicte Zimmermann, Michael Werner), eine Geschichte der Verflechtungen unterschiedlicher Gründungsnarrative. Ähnlich wie bei anderen aktuellen europäischen Forschungsprojekten, z. B. in Wien, Bergen, den Niederlanden bzw. jenen der European Science Foundation wird dabei die Untersuchung der einzelnen Fächer der humanities von den nationalen Bewegungen des 19. Jahrhunderts bis zu den Meistererzählungen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart in ihren Interaktionen in Politik und Wissenschaft fokussiert. [<<50]

Dabei werden die tiefgreifenden Auswirkungen der Mittelalterforschung und ihrer überlieferungsgeschichtlichen Grundlagen gerade dort deutlich, wo ihre populären Aneignungen nachhaltig erfolgreich waren. Andererseits wurden bereits im 18. und 19. Jahrhundert eine Reihe spezifisch nationaler Mythen durch Vertreter einer Länder und Fächer übergreifenden intellectual community aufgedeckt, deren gemeinsames Methodenverständnis in jahrzehntelangen Prozessen des Verhandelns von Gegenständen und der Praxis der Forschung zu historischer Überlieferung etabliert wurde.

Patrick J. Geary, Gábor Klaniczay, (Hg.), Manufacturing The Middle Ages. Entangled History of Medievalism in Nineteenth-Century Europe (Leiden, Boston 2013). [<<51]

2      

2.1     Überblick über die politischen Veränderungen 500–900

Das antike Erbe

Nimmt man die Jahre 500 und 900 als Ausgangspunkte für einen Vergleich der Herrschaftsbildungen im Donau-Balkanraum, werden tiefgreifende politische und sprachlich-ethnische Veränderungen deutlich. Um 500 hielt das Römische Imperium, seit 395 in einen West- und einen Ostteil gegliedert, noch die Donaugrenze. Damit lagen weite Teile unseres Betrachtungsraumes innerhalb des Imperiums. Gerade der Balkanraum diente seit dem 3. Jahrhundert als Rekrutierungsgebiet der römischen Heere. Bedeutende Kaiser der ausgehenden Antike von Diokletian über Konstantin den Großen bis zu Justinian I. stammten aus den römischen Balkanprovinzen. Während die Küstenlandschaften – ebenso wie jene an der mittleren Donau – von einem dichten Städtenetz überzogen waren, gestaltete sich die Urbanisierung im Inneren der Balkanhalbinsel bescheidener. Dennoch bestand auch dort die griechisch-römische Reichskultur, die imperiale Verwaltung. Zudem bildete sich in der Spätantike eng an die Orte der staatlichen Verwaltung gebunden ein System von Bischofssitzen heraus. Die Bevölkerung setzte sich aus Griechen und anderen altbalkanischen Sprachgruppen (Illyrern, Thrakern, Dakern u. a.) zusammen, deren Sprachen aber kaum verschriftlicht wurden, da das Griechische im Süden, das Lateinische im Zentrum und Norden des römischen Donau-Balkanraumes als Schriftsprache verwendet wurden. Wichtige Teile der altbalkanischen Bevölkerung im Einflussbereich der lateinischen Verwaltungssprache waren, ähnlich wie in Gallien oder Spanien, romanisiert worden. Wie auf der iberischen Halbinsel die Basken oder in der Bretagne die Kelten waren aber in gebirgigen Gebieten des westlichen Balkans die sprachlichen „Vorfahren“ der heutigen Albaner von der Romanisierung nur am Rande erfasst worden.

Byzantinische Einflüsse

400 Jahre später hatte sich unser Betrachtungsraum von einem militärisch-administrativen, wenn auch – mit Ausnahme der Küste [<<52] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe ngebiete – nicht wirtschaftlichen oder kulturellen Kerngebiet des Römischen Imperiums in einen Zwischenraum zwischen den Nachfolgern des römischen Reichsgedankens verwandelt. Im Osten betonte das Byzantinische Reich die ungebrochene Kontinuität des römischen Kaisertums; im Westen hatte Karl der Große durch die Kaiserkrönung im Jahre 800 die Tradition des westlichen Kaisertums wiederbelebt und danach dessen Anerkennung durch Byzanz erzwungen. Dieses westliche Kaisertum war um 900 aber stark geschwächt. Byzanz hatte im 7. Jahrhundert die Kontrolle über den Balkan bis auf wenige Küstenplätze verloren. Um 900 hatte es die Küsten von Ägäis und der östlichen und südwestlichen Adria wieder unter seine Herrschaft gebracht und war dabei, sich mit einer groß angelegten Christianisierungsstrategie den Balkan wieder zu erschließen.

Awaren und Bulgaren

Archäologische Befunde und solche der Ortsnamenforschung sowie deutlich spätere schriftliche Quellen legen nahe, dass im Gefolge der Awaren, die gemeinsam mit den iranischen Sassaniden 626 Konstantinopel belagert hatten, in einem langwierigen Prozess slawische Gruppen bis an die Adria und die Spitze der Peloponnes vorgedrungen waren. Wichtige Teile der provinzialrömischen Bevölkerung waren an die Küsten oder in gebirgige Rückzugszonen geflohen. Slawen gründeten vom Alpenbogen bis nach Südgriechenland neue Siedlungen. Römische Städte wurden oftmals geplündert und zerstört; Staats- und Kirchenverwaltung brachen zusammen. Nicht die Awaren, sondern eine andere aus den eurasiatischen Steppenzonen zuwandernde Kriegergemeinschaft, die von der Forschung so bezeichneten „Proto-Bulgaren“, füllten das politische Vakuum an der unteren Donau dauerhaft auf. Verwendet wird der Begriff „Proto-Bulgaren“, um die nichtslawische namengebende Gruppe der mittelalterlichen Bulgaren von slawischen Bevölkerungsgruppen abzugrenzen. Die Frühgeschichte der Bulgaren ist quellenmäßig so schlecht belegt, gleichzeitig aber von so starken Forschungshypothesen überformt, dass die moderne Forschung kaum gesicherte Aussagen tätigen kann: Wann und unter welchen Umständen eine Integration der vom Nordkaukasus bis auf den Balkan (dort seit dem 5. Jahrhundert n. Chr.) nachweisbaren nichtslawischen Bulgaren als Kerngruppe von Kriegern mit der ansässigen altbalkanischen Bevölkerung und slawischen Gruppen südlich der unteren Donau [<<53] erfolgte, die eine gemeinsame ostsüdslawische Sprache verwendeten, ist nicht genau zu klären.

Die Verfestigung ihrer Ende des 7. Jahrhunderts errichteten Herrschaft, die in das heutige Rumänien und Ungarn hineinreichte, gelang den Bulgaren durch die Annahme des Christentums 864/65. Die Missionierung der (aus der Perspektive der christlichen Welt) heidnischen, d. h. nichtchristlichen Bulgaren wurde von Rom, dem ostfränkischen Reich und Konstantinopel aus in zunehmender Konkurrenz betrieben. Sie stand in engstem Zusammenhang mit der Christianisierung des zwischen dem ostfränkischen Reich und der bulgarischen Herrschaft liegenden mährischen Reichs im Donaubecken. Die Entfremdung zwischen Rom und Byzanz, die Entstehung einer katholischen Papstkirche und einer orthodoxen Kirche unter dem Patriarchen von Konstantinopel ist nicht zuletzt Folge des Wettlaufs um die Christianisierung des Donau-Balkan-Raumes.

Magyaren

Ende des 9. Jahrhundert gewann mit der Migration, Landnahme und Herrschaftskonsolidierung der Magyaren ein weiteres „Volk“ aus dem Steppenraum im Karpatenbogen an maßgeblicher Bedeutung. Seine Christianisierung erfolgte erst hundert Jahre später, wiederum in einem langwierigen Prozess und im Spannungsfeld zwischen Rom und Byzanz. Mit der Annahme des Christentums wurden Bulgaren wie Magyaren als einzige Steppen-„Völker“ Teil der christlichen Staatenwelt. Das erst viel später – ab dem 13. Jahrhundert – als Reich der Stephanskrone bezeichnete Ungarn, benannt nach dem Hl. Stephan, seinem ersten getauften König, erwies sich dabei als deutlich stabiler als das bulgarische Reich. Dies erklärt die ungarische Betonung seiner Krone als einer staatsrechtlichen Tradition ungeachtet aller territorialen Veränderung bis ins 21. Jahrhundert. Ähnliches gilt für die kroatische Staatsidee: Im Westen der Balkanhalbinsel hatte sich im 7. Jahrhundert im Hinterland Dalmatiens mit „Kroatien“ eine weitere, dauerhafte Herrschaft herausgebildet, deren Krone (abermals im Sinn der Herrschaftstradition) ohne Unterbrechung bis 1918 Bestand hatte, allerdings seit dem 12. Jahrhundert mit Ungarn verbunden war. Venedig, formell byzantinische Provinz, machte sich als Ordnungsfaktor im Kampf gegen slawische und arabische Piraten bereits bemerkbar.

Wenig bekannt ist über den inneren Balkan, das heutige Bosnien und Serbien. Dieser Raum stand im Spannungsfeld von Kroatien, [<<54] Bulgarien, Byzanz und Ungarn. Im späteren 9. Jahrhundert lässt sich eine südslawische (serbische) Herrschaft im heutigen südwestlichen Serbien (Raška; heute Region Novi Pazar) schemenhaft erkennen.

Interdisziplinarität

Was hier in groben Zügen geschildert wird, erarbeitete die historische, archäologische, bild- und sprachwissenschaftliche Forschung in mühsamer Kleinarbeit. Ausgrabungen, Inschriften, Siegel, Bildquellen stellen hohe Anforderungen an die Interpretierenden. Entsprechend spezialisiert sind die Forschungszweige, in deren Gegenstände und Arbeitsweisen die folgenden Abschnitte Einblick geben. Sie sollen – wie bereits der wissenschaftshistorische Abriss im ersten Kapitel – sichtbar machen, in welchem Maß die Mittelalterforschung auf die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Disziplinen angewiesen ist, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen – und dies jenseits aller Moden auch immer war. Aus einer überlieferungsgeschichtlichen Perspektive wird zudem deutlich, dass sich Geschichtswissenschaften keineswegs allein mit schriftlichen Hinterlassenschaften befassen. Im Gegenteil, die folgenden Abschnitte zur frühmittelalterlichen Geschichte sollen zeigen, dass nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Überlieferung in diesem Zeitraum Schriftquellen im engeren Sinn darstellen. Das Kapitel über die Kirche als Trägerin schriftkultureller Tradition (→ Kap. 2.3) ist daher eingebettet in jene zu maßgeblichen spätantiken Forschungsgegenständen und Methoden (Kartographie, Epigraphik, Linguistik) einerseits (→ Kap. 2.2), und andererseits zur dinglichen und bildlichen Überlieferung (→ Kap. 2.4), die lange Zeit das Gros der Quellen in unserem Untersuchungszeitraum ausmacht. Auch hier gilt – wie für alle Teile dieses Buches – dass zeitliche und räumliche Grenzen fließend sind: Die Mittelalterarchäologie spielt selbstverständlich auch für das 12.‒15. Jahrhundert eine herausragende Rolle, ebenso wie die formale und ikonographische Interpretation von Bildern und ihren vielfältigen Trägern: Wände, Stoffe und Bücher, Siegel, Wappen und Münzen. Für die frühen Jahrhunderte stellen sie jedoch vielfach die einzige Grundlage unseres Wissens über die Vergangenheit dar. [<<55]

2.2     Forschungstraditionen und Methoden zur frühmittelalterlichen Geschichte Mittel- und Südosteuropas

Transformation der Römischen Welt

Die Frage, wie das Ende römischer Staatlichkeit und das Entstehen neuer Formen politischer Macht zu erklären und die gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen in Europa am Übergang vom Altertum zum Mittelalter zu deuten sind, ist Gegenstand der klassischen Diskussionen der europäischen Geschichtswissenschaft seit der Aufklärung. Die Deutungen – der Althistoriker Alexander Demandt hat weit über 200 zumeist monokausale Erklärungen für den Fall Roms zusammengetragen – spiegeln in hohem Maße das politisch-kulturelle Selbstverständnis der beteiligten Historikerinnen und Historiker wider. So sprach der französische Gelehrte André Piganiol davon, das blühende Römische Reich sei von Barbaren ermordet worden – sein biographisches Schlüsselerlebnis war der Zusammenbruch Frankreichs unter dem Angriff des „Dritten Reichs“ im Jahre 1940. Bruch oder Übergang, beide in verschiedensten Unterformen und Schattierungen, bilden die beiden zentralen Erklärungsansätze. Die Forschung betont für den Westen des Römischen Reichs in den letzten Jahrzehnten Phänomene des Übergangs – bahnbrechend war etwa das mehrjährige Verbundprojekt der European Science Foundation mit dem Titel Transformation of the Roman World –, auch wenn Theorien von einem massiven Kulturverfall (so der britische Archäologe Bryan Ward-Perkins) wieder aufgegriffen werden.

Brüche und Kontinuitäten

Für unseren Betrachtungsraum besonders bedeutsam aber ist, dass diese Theorien nicht allgemein gültig angewandt werden können: Während an der oberen Donau und im Alpenraum zwar die römische Herrschaft verschwand, hielt sich, wenn auch geschwächt, die christliche Kirche als Trägerin wichtiger Teile der spätantiken Kultur. Die Tradition wurde zwar ausgedünnt, aber nicht unterbrochen. Anders in weiten Teilen des Balkans: Hier hinterließen im Gegensatz zur oberen Donau die durchziehenden germanischen Gruppen kaum dauerhaft Spuren. Dafür führten die ab dem 5. Jahrhundert zu beobachtenden, im 6. und 7. Jahrhundert sehr starken Bewegungen zumeist kleiner slawischer Gruppen zu einem Zusammenbruch von politischer und kirchlicher Tradition. Ausgenommen waren nur von [<<56] See her gut erreichbare Außenposten des Byzantinischen Reichs in Dalmatien, den ionischen Inseln und Festlandgriechenland. Christliche Kultur verschwand nicht völlig, wohl aber die Kirche als Institution. Wenngleich Elemente der Kontinuität vorhanden sind – im albanischen Fall eine Sprach- und relative Siedlungskontinuität, beim rumänischen Beispiel jedenfalls eine sprachliche –, wirkte der Bruch ungleich stärker.

Ethnogenesen

Bedeutendes hat die Forschung in den letzten Jahrzehnten auch zur Klärung der Frage geleistet, wer denn die Akteure der Veränderungen waren. Im Gegensatz zu den bis in die vierziger Jahre vorherrschenden und auch nach 1945 teils weiter bestehenden Vorstellungen von germanischen Völkern, im Sinne eines modernen Nationsbegriffs, haben im Anschluss an Reinhard Wenskus und in Weiterentwicklung seiner Thesen die Wiener Mediävisten Herwig Wolfram und Walter Pohl aufgezeigt, dass der Begriff „Volk“ für die Untersuchungsgegenstände der Frühmittelalterforschung mit besonderer Vorsicht zu verwenden ist, da sich die Annahme geschlossener ethnischer Großgruppen nicht für das Verständnis der soziokulturellen Veränderungen zwischen dem 4. und dem 9. Jahrhundert eignet.

Fruchtbar gemacht wurde eine differenziert weiter entwickelte Theorie von namengebenden, politisch und militärisch erfolgreichen Kerngruppen. Wer sich ihnen anschloss, nahm den Erfolg versprechenden Gruppennamen an. Wurde diese Gemeinschaft militärisch und politisch besiegt, ging damit nicht ein Volk gleichsam biologisch unter. Vielmehr bildeten sich neue Herrschaftsverbände, denen sich die Gefolgsleute der Unterlegenen anschlossen. In solchen komplexen Prozessen siedelten sich Slawen in Dalmatien an, das vom Reich der Awaren mit Schwerpunkt im pannonischen Raum beherrscht wurde. Im Verlauf des 7. und 8. Jahrhunderts lösten sich diese Zuwanderer dann allmählich aus dem awarischen Machtbereich und bildeten, als Kroaten bezeichnet, ab dem 9./10. Jahrhundert einen eigenen Herrschaftsbereich.

Spricht die Forschung heute nicht mehr von germanischen „Völkern“ mit einer „Urheimat“ in Skandinavien, so wurde in den letzten Jahren auch die Idee einer „slawischen Urheimat“, von der aus sich die heutigen slawischen Völker in alle Himmelsrichtungen ausgebreitet hätten, kritisch betrachtet: Vielmehr wird z. B. gefragt, wie [<<57] und unter welchen Umständen der Begriff „Slawe“ in spätantiken und frühmittelalterlichen, zumeist byzantinischen, Quellen überhaupt aufscheint. Deutlich wurde, wie die byzantinischen Eliten, die an der mittleren und unteren Donau das Vordringen slawischer Kleingruppen abzuwehren hatten, die Komplexität der gegnerischen Gruppen durch die Schaffung eines Überbegriffs zu fassen versuchten. Sie kategorisierten – und konstruierten dadurch – eine gegnerische Gruppe, die bestimmte Eigenschaften in Lebens- und Kampfweise besaß, und vereinfachten – militärstrategisch sinnvoll – eine komplexe soziale Wirklichkeit. Die Beschreibung des Gegners zu dessen Bekämpfung war das Ziel des sog. Strategikón des Mauríkios, eines Militärhandbuches, das zugleich eine der wichtigsten Quellen zur frühen Geschichte der Slawen darstellt.

Abnehmende Schriftlichkeit

Nicht nur Epochendeutungen und die kritische Diskussion vermeintlich eindeutiger ethnischer Zuordnungen beschäftigen die Forschung zum frühen Mittelalter. Sie hat sich mit weiteren erheblichen methodischen und wissenschaftsgeschichtlichen Herausforderungen auseinanderzusetzen. Der Rückgang, im regionalen Extremfall das Verschwinden, imperialer und kirchlicher Verwaltung zeitigte einschneidende Folgen für die Überlieferung. Die Schriftlichkeit ging allgemein massiv zurück und erreichte im 7. Jahrhundert im Frankenreich einen Tiefstand. Die geringe Schriftproduktion zur Zeit der Merowinger hebt sich aber immer noch von dem fast gänzlichen Verschwinden von Schrift und Text in den Donauländern und innerbalkanischen Provinzen des früheren Römischen Reichs ab. In Südosteuropa wurde nur noch in einigen Küstenstädten Schriftlichkeit gepflegt: in Qualität und Quantität überragte die Hauptstadt des Byzantinischen Reichs, Konstantinopel, alle anderen Häfen an Adria (Iadera/Zadar, Raúsion/Dubrovnik) und Ägäis (v. a. Thessalonike). Unser bescheidenes Wissen über die Vorgänge im Inneren Südosteuropas stammt aus Schriftquellen, die räumlich gesehen an seiner äußersten Peripherie entstanden sind und die zumeist kein unmittelbares Interesse an unserem Betrachtungsraum zeigen: Byzantinische Geschichtsschreibung war in erster Linie auf den Kaiser und dessen Hof bezogen; viele byzantinische Literaten hatten Konstantinopel zeitlebens kaum verlassen. Das Ende der Antike verringerte Schriftlichkeit nicht nur quantitativ: einzelne in der Spätantike blühende Gattungen wie die Redekunst und die [<<58] Geschichtsschreibung verloren an Bedeutung, doch verlagerte sich die erzählende Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen in andere Genres, besonders die Heiligenleben.

Träger der Überlieferung

Neben einer mengen- und gattungsmäßig veränderten Schriftlichkeit muss die Forschung in vielen Fällen daher auf andere Arten der Überlieferung zurückgreifen, um politische, vor allem aber soziale und kulturelle Entwicklungen wenigstens in Umrissen rekonstruieren zu können; und auch hier gilt die Regel der erheblichen regionalen Unterschiede. Formen schriftlicher und bildlicher Überlieferung sind nicht nur auf Pergament (und später Papier) erhalten, sondern auch auf Stein und Metall: Inschriften und Siegel werden daher im Folgenden als Träger von Überlieferung vorgestellt. Materiell greifbar sind auch die Ergebnisse archäologischer Ausgrabungen, die auch in Gegenden und zu Zeitabschnitten erfolgen können, aus denen kaum Textzeugnisse, auch nicht auf Stein oder Metall, vorliegen.

Für die materialmäßig besonders schlecht erschlossenen inneren Teile des Balkans schließlich untersucht die Forschung auch die Sprachen – slawische wie nichtslawische – als Quellen, und zwar sowohl ihre Form (Morphologie) wie ihren Wortschatz (Lexik), die Aufschlüsse über kulturelle Berührungen und soziale Wechselwirkungen in der langen Dauer erschließen. Von besonderer Bedeutung für den gesamten Betrachtungsraum ist zudem die Erforschung von Orts- und Geländenamen (wobei zwischen größeren Bezugspunkten wie wichtigen Flüssen und Bergmassiven und der Mikrotoponomastik, also etwa Bächen und Flurnamen, zu unterscheiden ist): Kontinuität von Siedlungen oder zumindest weiter bestehende Kenntnis von Siedlungsnamen, deren Übernahme in neu auftretende Sprachen, oder Hinweise auf die Neugründung von Siedlungen sind nur einige der Angaben, die Orts- und Geländenamen mitteilen. Archäologie und Sprachwissenschaft werden somit zu Grundlagenwissenschaften historischer Forschung zum frühen Mittelalter.

Herkunft und Sprache

Forschungsgeschichtlich war die Deutung des Frühmittelalters in unserem Betrachtungsraum von den zumeist in nationalhistoriographischem und damit politischem Rahmen debattierten Fragen nach den Ursprüngen und Siedlungsgebieten heutiger Nationen geprägt – und teilweise ist sie dies immer noch: Sind die heutigen Griechen Nachfahren der antiken Griechen und haben diese auf dem ganzen heute [<<59] griechischen Staatsgebiet gewohnt? Stammen die heutigen Albaner von den antiken Illyrern ab, bewohnen sie deren einstiges Siedlungsgebiet und beweist eine solche Kontinuität den Anspruch der Albaner auf den auch von Serben bewohnten Kosovo, um den bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein erbitterter, bis heute nicht völlig gelöster albanisch-serbischer Konflikt besteht? Und leiten sich die Rumänen vom antiken Volk der Daker ab, die 117 n. Chr. von den Römern unterworfen und romanisiert wurden, auf jeden Fall aber vor den Magyaren im Karpatenbogen siedelten, um den seit dem 18. Jahrhundert Ungarn und Rumänen mit Argumenten aus der antiken und frühmittelalterlichen Geschichte eine emotionale Debatte um das historische Recht auf Siebenbürgen führen?

Allen diesen heutigen Nationen – Griechen, Albanern und Rumänen – gemeinsam ist, dass ihre Sprachen schon in der Antike im südöstlichen Europa gesprochen wurden. Ihre nicht miteinander verwandten Sprachen sind alle nicht slawisch. Trotz fehlender Verwandtschaft weisen sie einige gemeinsame Elemente auf, die auf ein langes gemeinsames Mit- und Nebeneinander hindeuten. Geht es den Nationalhistoriographien darum, die Kontinuität dieser „Völker“ von der Antike bis heute zu belegen und damit moderne Gebietsansprüche historisch zu untermauern oder symbolisches Kapital zu erwerben (das moderne Griechenland sieht sich etwa gerne als Mutterland der Demokratie), so heben Historiker von Nationen, die in nationalhistoriographischer Sicht im Frühmittelalter entstanden sind, die Epoche als zumeist mythenumwobene Zeit ruhmreicher Anfänge hervor. Dies gilt sowohl für jene beiden modernen Nationen, die sich von Steppenreitergemeinschaften ableiten, die im 7. bzw. Ende des 9. Jahrhunderts in den Donau-Balkan-Raum vorgedrungen waren (sog. Proto-Bulgaren und Magyaren), als auch für die modernen südslawischen Nationen der Kroaten, Serben und Slowenen. Gerade weil einige dieser Nationen bis in das 19., oft auch das 20. Jahrhundert hinein keine Eigenstaatlichkeit besaßen (→ Kap. 1), kam den mythischen Anfängen besondere Bedeutung zu: Der frühe Eintritt in die europäische Geschichte sollte den Wunsch nach Loslösung aus der Habsburgermonarchie bzw. dem Osmanischen Reich in der Neuzeit rechtfertigen. Eine moderne Nation wie jene der Bulgaren, die erst 1878 Autonomie erlangte, legte Wert auf die Behauptung, [<<60] den „ältesten Staat“ Europas zu besitzen: Das im 7. Jahrhundert an der unteren Donau entstandene Chanat der Proto-Bulgaren, dem Byzanz 681 Tribut zahlte, wurde in einer Vorstellung unmittelbarer ethnisch-nationaler Kontinuität seit diesem Jahr gedeutet. Zugleich wurde mit dem Beharren auf uralter Staatlichkeit das Gefühl kultureller Unterlegenheit gegenüber dem westlichen Europa kompensiert.

Ein übergreifender Ansatz wird demgegenüber versuchen, grundlegende Entwicklungen der Epoche zu begreifen. Dazu zählen die Transformation der spätantiken christlichen Kultur in Mitteleuropa und die erneute Christianisierung weiter Teile Südosteuropas sowie die langsame Herausbildung einer neuen Herrschaftswelt in Mittel- und Südosteuropa, die wesentlich mit der Integration germanischer und slawischer Gruppen sowie von Steppen-„Völkern“ (in einem nicht ethnisch essentialisierenden Sinn der Begriffe) verbunden ist. Beide Prozesse – kirchliche Verstetigung und Mission sowie politische Stabilisierung – sind dabei auf das engste verwoben, wie am Beispiel der sogenannten „Slawenmission“ gezeigt werden wird, einer Bewegung, die vor allem von Rom und Konstantinopel ausging und die gesamteuropäischen Bezüge unseres Betrachtungsraumes besonders deutlich vor Augen führt.

2.2.1     Spätantike Karten: Die Tabula Peutingeriana

Imperiale Herrschaftsansprüche

Das mittelalterliche Straßennetz Mittel- und Südeuropas basiert in seinen Grundzügen auf den seit der Spätantike bestehenden Verkehrswegen. Straßen als Verbindungslinien zwischen einem Ausgangspunkt und einem Ziel beschreiben die lineare Wahrnehmung eines Raumes. Meilensteine mit Entfernungsangaben sind wichtige Bestandteile des spätantiken Systems der Verkehrserschließung. Beides kann auch als Ausdruck der imperialen Herrschaftsansprüche des Römischen Reichs in seinen Provinzen verstanden werden. Beredtes Beispiel dafür sind fünf erhaltene Kalksteintafeln aus Spalato/Split, deren Inschriften die Gliederung der neuen Provinz Dalmatien in fünf von Salona/Solin ausgehenden Hauptrouten darstellen. Die Tafeln dokumentieren die Strukturierung der Provinz durch die neu angelegten und vermessenen Straßen: nach Norden ad fines provinciae Illyrici in Richtung Servitium/Bosanska Gradiška, nach Andetrium/Gornji Muć, nach Castellum [<<61] Hedum/Podgora bei Breza, zum Fluss Batinus/Bosna und zur Passhöhe Ulcirus (bei Strumica).

Ähnliche Funktion haben auch die spätantiken Routenverzeichnisse, die Itinerarien, wie etwa das Itinerarium Antonini. Es ist zugleich die inhaltliche Basis des einzigen, in einer mittelalterlichen Kopie des 12. bzw. frühen 13. Jahrhunderts überlieferten Exemplars einer spätrömischen Straßenkarte, der Tabula Peutingeriana (Abb 2). Auf 11 Pergamentblättern in Form eines Pergamentstreifens mit einem Gesamtmaß von 34 × 674,5 cm, der ursprünglich wohl als Rotulus – als Schriftrolle – konzipiert war, werden die großen Straßenverbindungen des Römischen Reichs dargestellt. Die graphische Übersicht gibt nicht nur einen Einblick in die Verkehrssituation zwischen Adria und Donau, sondern des gesamten Raumes vom Atlantik bis nach Indien.