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Küste, Meer & Mord

Informationen zum Buch

Katharina Peters – Hafenmord

Romy Becarre glaubt auf Rügen, ein wenig zur Ruhe zu kommen. Doch kaum hat sie sich auf ihrer neuen Dienststelle eingerichtet, hat sie ihren ersten Fall. Nach einem anonymen Anruf findet die Polizei auf dem Gelände einer Fischfabrik im Sassnitzer Hafen die Leiche des seit anderthalb Tagen vermissten Kai Richardt. Der 45-jährige Geschäftsmann, Familienvater und Triathlet aus Bergen, verlor im Keller eines Lagerhauses sein Leben. Bei der Durchsuchung des Lagerhauses stößt Romy auf eine zweite Leiche. Das Skelett einer Frau wird gefunden, die im Jahr 2000 spurlos verschwand, als sie auf der Insel merkwürdigen Geschäften des toten Richardts nachging. Doch wo ist der Zusammenhang zwischen den beiden Mordfällen?
Rügen – zauberhaft und mörderisch. Der Beginn einer neuer Krimiserie mit der Kommissarin Romy Becarre.

Lena Johannson – Mord auf dem Dornbusch

Der Möchtegern-Autor Ronald Udnik organisiert die Literaturtage auf Hiddensee. Star der Veranstaltung ist Dorinda Schwarz, eine ebenso schillernde wie geheimnisvolle Diva der Literaturszene. Doch nach ihrem Vortrag wird sie tot am Dornbusch gefunden. Die Art, wie die Leiche zur Schau gestellt ist, gleicht exakt der Darstellung in einem ihrer Romane. Kommissarin Conny Lorenz, die aus Stralsund auf die Insel kommt, stellt bei ihren Ermittlungen fest, dass die Tote viele Feinde hatte: Autoren, Verleger, ehemalige Freunde …
Hiddensee – so spannend und mörderisch, wie man es noch nicht gesehen hat.

Ben Kryst Tomasson – Sylter Affären

Der Club Royale ist Sylts neuester In-Club: Hier treffen sich die Schönen und Reichen – allen voran der Bauunternehmer Jahnke, dem der Club gehört. Doch auch andere Prominenz zieht das besondere Ambiente an – darunter einige, die schon seit längerem im Visier der Steuerfahndung stehen. Karolina Dahl, Kriminalkommissarin beim LKA, wird undercover nach Sylt geschickt. Sie schleicht sich bei Jahnke ein und gaukelt ihm vor, Kontakt zu Geldwäschern zu suchen. Jahnke verspricht, ihr zu helfen, doch dann ist er tot – und Karolina steht unter Mordverdacht …
Ein packender Sylt-Krimi mit viel Lokalkolorit – und einer ungewöhnlichen Heldin.

Informationen zu den Autoren

Katharina Peters, Jahrgang 1960, schloss ein Studium in Germanistik und Kunstgeschichte ab. Sie ist passionierte Marathonläuferin, begeistert sich für japanische Kampfkunst und lebt am Rande von Berlin.

Lena Johannson, 1967 in Reinbek bei Hamburg geboren, war Buchhändlerin, bevor sie freie Autorin wurde. Vor einiger Zeit erfüllte sie sich einen Traum und zog an die Ostsee. Bei Rütten & Loening und im Aufbau Taschenbuch sind ihre Romane »Dünenmond«, »Rügensommer«, »Himmel über der Hallig«, »Der Sommer auf Usedom«, »Die Inselbahn«, »Liebesquartett auf Usedom«, »Strandzauber«, »Sommernächte und Lavendelküsse« sowie die Kriminalromane »Große Fische« und »Mord auf dem Dornbusch« lieferbar. Mehr Information zur Autorin unter www.lena-johannson.de.

Ben Kryst Tomasson, geboren 1969 in Bremerhaven, ist Germanist und Pädagoge (M.A.) und promovierter Diplom-Psychologe. Er hat einige Jahre in der Bildungsforschung gearbeitet, ehe er sich als freier Autor selbständig gemacht hat. Tomassons Leidenschaft gehört den Geschichten, die das Leben schreibt, den vielschichtigen Innenwelten der Menschen und dem rauen Land zwischen Nordsee und Ostsee. Wenn er nicht schreibt, verbringt er seine Zeit am liebsten mit einem guten Buch am Meer – oder mit seiner Frau im Café.

Küste, Meer & Mord

Drei Krimis in einem E-Book

Katharina Peters

Hafenmord

Ein Rügen-Krimi

PROLOG

Der Typ war topfit. Von Buschvitz nordöstlich von Bergen über die Boddenstraße und Lietzow bis nach Sassnitz an den Hafen waren es gut und gerne zwanzig Kilometer, für die er mit seinem schwarz-roten Crossbike kaum fünfundvierzig Minuten brauchte. Der Mann sei ein bestens trainierter Triathlet, der keine Mühe habe, mal eben fünfzig Straßenkilometer unter die Pedale zu nehmen, hatte Tim gesagt. So sah er auch aus: Eine drahtige Gestalt in Radsportklamotten, der kleine Rucksack saß perfekt, windschnittiger Helm. Man dürfe ihn keinesfalls unterschätzen, hatte Tim noch betont, und der, selbst Ausdauersportler, musste es ja wissen.

Steffen folgte dem Mann seit einigen Tagen wie ein Schatten. An diesem Morgen war er, wie abgesprochen, in aller Herrgottsfrühe über die Rügenbrücke von Stralsund herübergekommen, vorbei an der blaugrün gestrichenen Volkswerft. Die ersten Angler hatten bereits ihre Plätze eingenommen und trotzten stoisch dem Wind. Steffen hatte keine Ahnung, warum Tim wissen wollte, was dieser Kerl trieb.

»Sein Name ist Kai Richardt, und er ist ein mieses Schwein. Alles Weitere wirst du zu gegebener Zeit erfahren«, hatte er nur gesagt.

Aber eigentlich spielte das ohnehin nur eine untergeordnete Rolle. Es war Tim wichtig, über jeden seiner Schritte Bescheid zu wissen, ob der Mann nun geschäftlich unterwegs war, zu Hause auf der Terrasse saß, mit seinen Kindern herumalberte oder sein Trainingsprogramm abspulte. Also machte Steffen seinen Job, und er war felsenfest davon überzeugt, dass er ihn völlig unbemerkt erledigte.

Es gab kaum etwas, was Steffen für Tim nicht getan hätte – seit jener Nacht, als er ihn davor bewahrt hatte, von einer Horde rechter Arschlöcher fertiggemacht zu werden. Wie lange war das her – drei Jahre? Vier? Egal – eine halbe Ewigkeit. Steffen hatte damals auf der Straße gelebt und war richtig heruntergekommen. Seine eigene Mutter hätte ihn kaum wiedererkannt – wenn sie sich die Mühe gemacht hätte, ihm einen Blick zuzuwerfen.

Eines Nachts hatte er in einem Hauseingang in der Heinrich-Mann-Straße in Knieper-Nord Schutz gesucht. Die vier Glatzen waren ihm erst aufgefallen, als sie direkt vor ihm gestanden hatten. Einer hatte ihn festgehalten, ein Zweiter zugetreten, ein Dritter losgedroschen wie ein Irrer, der Vierte hatte zugesehen und höhnisch dazu gegrölt. Wenn Tim nicht zufällig vorbeigefahren und angehalten hätte, um ihm zu helfen, wäre die Sache übel für ihn ausgegangen. Sehr übel.

Seitdem hatte sich nicht alles, aber doch manches grundlegend geändert. Steffen lebte nicht mehr auf der Straße, sondern wohnte in einem Zimmer unter dem Dach des Vereinsheims in Stralsund, in dem Tim sich regelmäßig mit seinen Sportsfreunden traf, und erledigte im Lokal und in Tims Sportgeschäft alle möglichen Jobs. Er fuhr einen alten weinroten 500er Fiat, an dem er wochenlang herumgeschraubt hatte. Hin und wieder soff er noch, aber deutlich weniger und niemals, wenn er mit dem Wagen unterwegs war. Darauf hatte er Tim sein Ehrenwort geben müssen. Er trieb Sport, vornehmlich Kampfsport, und es verschaffte ihm ein tiefes Gefühl der Befriedigung, wenn er spürte, wie gut er in Form war – trotz allem, was er seinem Körper im Laufe der Jahre zugemutet hatte.

Doch gegen die bleischwere Mutlosigkeit, die ihn seit seiner Jugend regelmäßig heimsuchte, schien kein Kraut gewachsen zu sein und auch nicht gegen diese eindringliche Gewissheit, dass sie ihn eines Tages zerstören würde – egal, wie sehr er bemüht war, sein Leben in den Griff zu bekommen, und egal, ob ihn jemand wie Tim zu retten versuchte.

Hinter dem Großen Wostevitzer Teich bog Kai Richardt zunächst in Richtung Fährhafen ab, um dann im Affenzahn am Kriegerfriedhof und Schmetterlingspark vorbeizusausen und Kurs auf den Sassnitzer Stadthafen zu nehmen. Dort drosselte er das Tempo deutlich und radelte schließlich gemütlich auf das Gelände der Fischfabrik, um am Haupteingang des Bürotrakts zu halten. Er stieg ab, lockerte kurz seine Beine, löste den Verschluss des Helms und betrat das Gebäude mit schwungvollen Schritten.

Steffen lenkte seinen alten Fiat auf den Parkplatz am Fischimbiss und parkte ihn hinter einem Transporter. Er stieg aus, hielt die Nase in den Wind und überlegte gerade, sich ein Matjesbrötchen zu besorgen, als der Biker wieder auftauchte. Steffen trat rasch hinter den Transporter und ging in die Hocke, ohne den Mann aus den Augen zu lassen.

Statt sich erneut in den Sattel zu schwingen, sah Richardt sich zunächst unauffällig um, bevor er dann – das Rad locker mit einer Hand neben sich herschiebend – bis ans Ende der Fischfabrik schlenderte. Tim glaubte nicht, dass er sich nur die Beine vertreten und einen Blick auf die geschwungene und zugegebenermaßen eindrucksvolle Fußgängerhängebrücke werfen wollte, die Hafen und Stadtzentrum miteinander verband. Steffen richtete sich auf und folgte ihm in gebührendem Abstand.

Auf dem Fabrikgelände war wenig los. Zwei Männer standen im Gespräch vertieft an einem offenen Tor und sahen nicht mal zur Seite, als Steffen vorbeiging. Auch Richardt hatten sie keines Blickes gewürdigt. Ein LKW fuhr rumpelnd vom Hof. Eine frische Brise trug das Geschrei der Möwen und den satten Klang eines Schiffshorns herüber. Richardt beschleunigte aus unerfindlichen Gründen plötzlich seine Schritte und bog um die Ecke. Steffen musste sich sputen, um zu ihm aufzuschließen.

Hinter der Fabrik und dem Bürotrakt verwaisten einige alte abgelegene Gebäude in trübem Graubraun, die teils zerfielen, teils als Lager- und Geräteschuppen genutzt wurden, wie Steffen vermutete. Zwischen den Gebäudeteilen stand dürftiges Gras; ein mindestens zwanzig Jahre alter LKW samt Anhänger verrottete; ausrangierte Fischkisten und zerschlissene Seile dümpelten vor sich hin; aus einem ausgeschlachteten Trabant quoll Unrat. Ein Ort für Ratten. Betreten verboten.

Steffen schlich gebückt hinter einen Schuppen und beobachtete mit angehaltenem Atem, wie der Mann gerade das Tor eines langgestreckten Backsteingebäudes mit zwei blinden vergitterten Fenstern öffnete und sein Rad hineinschob. Das Tor klackte leise, als das Schloss hinter ihm zuschnappte.

Steffen runzelte die Stirn. Er griff nach seinem Handy und rief Tim an, um ihm mit gedämpfter Stimme Bericht zu erstatten. Die Anweisung, die er nach kurzer Pause erhielt, war unmissverständlich.

Steffen stand auf, straffte die Schultern und sah sich aufmerksam um, bevor er mit eiligen und leisen Schritten zum Tor hinüberlief und lauschte. Im Gebäude war es still, und das Tor ließ sich nicht öffnen. Steffen verharrte. Nach etwa zehn Minuten hörte Steffen plötzlich Schritte und leises Pfeifen. Dann knarzte es, und das Tor wurde ein Stück zur Seite geschoben.

Steffen fuhr herum, schob sich blitzschnell in den Spalt und schlug den Typen nieder, bevor der auch nur einen Mucks von sich geben konnte. Er verriegelte das Tor von innen, fesselte und knebelte den Mann und nahm sein Handy an sich. Dann wartete er auf Tim.

1

Kommissarin Ramona Beccare war erleichtert, als das Telefon klingelte und Kollege Kasper Schneider ihr Wochenende am Sonntagabend vorzeitig beendete. Sie war gerade in ihre Wohnung nach Binz zurückgekehrt: Salzgeruch auf der Haut und das aufgewühlte Meer noch vor Augen. Moritz im Herzen. Melancholisch bis auf die Knochen und gar nicht italienisch temperamentvoll, wie man es ihr gerne nachsagte, geschweige denn unbeschwert und fröhlich.

Sie legte den Motorradhelm auf die Küchenbank, schüttelte ihr schwarzes lockiges Haar zurecht und meldete sich nach kurzem Blick aufs Display. »Guten Abend, Kollege. Gibt es Arbeit für uns?«

»Kann man so sagen. Üble Sache«, erwiderte Schneider nach knapper Begrüßung. Er klang angestrengt. Das war selten.

»Geht das genauer?«

»Jo – ’ne Leiche auf dem Gelände hinter der Fischfabrik am Sassnitzer Hafen. Vorher gab’s ’nen anonymen Anruf.«

Mehr hatte er im Moment nicht zu sagen. Die Kommissarin seufzte. Kasper Schneider war wie die meisten Rüganer nicht gerade als exzessiver Redner oder leutseliger Plauderer verschrien. Das war häufig hilfreich, zeitsparend und angenehm, manchmal jedoch nervtötend und mühsam.

In Rostock und Schwerin, wo Ramona Beccare, genannt Romy, in den vergangenen Jahren als Ermittlerin in verschiedenen Mordkommissionen gearbeitet hatte, bevor sie vor einem guten halben Jahr als leitende Kommissarin nach Bergen auf Rügen wechselte, war es im Gespräch auch selten ausschweifend zugegangen. Romy war also mit einer gewissen nördlichen Sturheit durchaus vertraut und hatte bereits gelernt, ihr südländisches Temperament zu zügeln. Besser gesagt: Sie bemühte sich immer wieder darum, und der Lernprozess war noch lange nicht abgeschlossen.

So nahm sie die landestypisch verbale Zurückhaltung ihres Kollegen Kasper Schneider meist gelassen zur Kenntnis. Der Mann war ein hervorragender Organisator mit einem bemerkenswerten Gedächtnis, und sie konnte bestätigen, dass sein Ruf als bester Hobbykoch auf Rügen – zumindest in Polizeikreisen – völlig angemessen war. Außerdem hatte er ihr den Neubeginn in Bergen leichtgemacht. Mit gut über sechzig Jahren fürchtete der Mann keine Konkurrenz mehr, sondern freute sich über die Verstärkung in Gestalt einer jungen Kommissarin, die in ihrer Freizeit boxte und im Einsatz gerne in vorderster Linie zeigen durfte, was sie draufhatte. Wenn er sein verschmitztes Lächeln zeigte, hatte er sogar was von Hardy Krüger. Aber das durfte sie ihm vielleicht mal in zwanzig Jahren sagen. Wenn überhaupt.

Die 35-jährige gebürtige Münchnerin hatte ihre Laufbahn in der bayerischen Landeshauptstadt bei der Sitte begonnen und kurze Zeit später in Köln fortgesetzt. Ihre Eltern waren entsetzt gewesen, als es sie schließlich sogar nach Mecklenburg-Vorpommern verschlagen hatte – der Liebe wegen. Der Liebe zum Meer. Der Liebe zu Moritz, der aus Rostock stammte und Polizeischüler unterrichtet hatte. Mit dem sie die schönsten Tage ihres Lebens auf Rügen verbracht hatte, in einem kleinen Bungalow in Gager, im Südosten auf der Halbinsel Mönchgut, wo sie sich gar nicht satthören konnte am Rauschen des Meeres und sich den heftigsten Sonnenbrand ihres Lebens geholt hatte. Moritz war im letzten Sommer seinen vierten Marathon gelaufen – und er war bei Kilometer sechsunddreißig den plötzlichen Herztod gestorben.

Romy hatte ihre Eltern nicht zum ersten Mal enttäuscht. Bereits die Entscheidung, zur Kripo zu gehen, statt ihre berufliche Zukunft im elterlichen Restaurant zu suchen, hatte fast den Bruch bedeutet und leidenschaftlich geführte Auseinandersetzungen nach sich gezogen. Romys Vater Frederico stammte aus Neapel und führte zusammen mit seiner Frau, einer waschechten Münchnerin, seit Jahrzehnten ein angesehenes Lokal in Schwabing. Nach seinem Familien- und Selbstverständnis hatten die Kinder die Tradition im Sinne der Eltern fortzusetzen, und zwar voller Begeisterung, Hingabe und Dankbarkeit. Romy liebte ihre Eltern, aber das Leben in Schwabing war nie ihres gewesen, ihr Kochtalent verdiente kaum diese Bezeichnung, und ihr Interesse an der Gastronomie tendierte gegen null.

Leider führte das Thema immer wieder zu hitzigen und lautstarken Diskussionen – auch und gerne am Telefon –, zumal Romys älterer Bruder Roberto inzwischen ebenfalls andere berufliche Pläne hatte, oder besser gesagt: Er hatte keine Lust mehr, unter der Fuchtel des Vaters zu stehen. Romy hatte volles Verständnis für ihn und hielt mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg.

Die Kommissarin schüttelte die Gedanken ab, schlüpfte in ihre Lederjacke und griff zum gerade abgelegten Helm. Ihre Vespa war noch warm, ein kräftiger Ostwind hatte merklich aufgefrischt. Sie fuhr auf der Prorarer Chaussee die Küste entlang in Richtung Norden, links den Kleinen Jasmunder Bodden, rechts die Prora hinter sich lassend.

Die von den Nazis erbaute gigantische Ferienanlage, die weder fertiggestellt noch je ihrer ursprünglichen Bestimmung übergeben worden war, versetzte Romy mit ihrer wuchtigen Präsenz stets aufs Neue in Erstaunen. Mehr noch – die Anlage war ihr unheimlich, auch noch beim dritten und vierten Rundgang. Der dunkle Koloss war mehrere Kilometer lang und beherbergte nach der wechselweisen Nutzung von Militär, Volkspolizei und Bundeswehr inzwischen zahlreiche Ausstellungen und Projekte und bot Platz für kulturelle Veranstaltungen der unterschiedlichsten Art. Doch ein Großteil des Gebäudekomplexes, der in beeindruckendem Kontrast zum ansonsten schicken Binzer Bäderambiente stand, verfiel in stummer Anklage. So hatte sie es Moritz gegenüber ausgedrückt. Der hatte gelacht, sie geküsst und dabei ein Handyfoto von ihnen beiden gemacht, direkt vor dem Haupteingang. Glücklich auch im Angesicht der Prora, hatte er es genannt.

Das Ostseebad Binz war auf der Suche nach einer Wohnung nicht Romys erste Wahl gewesen – zu edel und zu viele Touristen, so hatte ihr Urteil gelautet. Am liebsten hätte sie sich in einem kleinen, abseits gelegenen Fischerdorf in einem reetgedeckten Haus verkrochen. Aber ums Verkriechen ging es nicht und um ewigen Urlaub auf Rügen auch nicht. Also verband sie den Wunsch, in direkter Nähe zu Meer und Wald zu wohnen, mit der Notwendigkeit, mit ihrem Roller bis Bergen nicht länger als fünfzehn Minuten zu brauchen, zumindest außerhalb der Urlaubssaison, und fand schließlich im östlichen Teil des Ostseebades im Buchenweg eine schöne, bezahlbare Bleibe. Sie hatte schnell zugegriffen, ohne es bislang bereut zu haben. Allerdings hatte sie auch noch keine Hochsaison auf Rügen erlebt. Manchmal hörte sie vom Balkon aus den Rasenden Roland.

Der Zugang zu den alten Gebäuden hinter der Fischfabrik war weiträumig abgesperrt, und das Gelände wurde mit Baustrahlern ausgeleuchtet. Uniformierte Polizisten suchten die Umgebung ab oder befragten Leute. Fischkutter schaukelten im Hafenbecken. Kasper Schneider kam ihr entgegen, als Romy ihren Roller abstellte. Eine Windböe blies ihr ins Gesicht und nahm ihr für einen Moment den Atem.

»Die KTU kommt gleich«, sagte er statt einer Begrüßung und fuhr sich mit beiden Händen durch den eisgrauen Haarschopf. »Die Leiche liegt im Keller.«

»Weiß man schon …?«

»Kai Richardt, fünfundvierzig, Geschäftsmann und Familienvater aus Buschvitz. Seine Frau hat ihn gestern Nachmittag als vermisst gemeldet«, erklärte er gemächlich, aber in konzentriertem Tonfall. »Er ist frühmorgens zu einer Radtour aufgebrochen und nicht wieder nach Hause gekommen. Thomas Bittner, der Inhaber der Fischfabrik, hat gerade ausgesagt, dass Richardt ihn am Morgen kurz im Büro besucht hat. Die beiden sind alte Freunde und Sportkollegen. Richardt wollte eine Kleinigkeit an seinem Fahrrad reparieren – in dem Gebäude gibt es eine Werkstatt – und dann wieder zurückfahren. Wahrscheinlich ist er dort überfallen worden. Man hat ihn in den Keller gebracht, gefesselt und totgeschlagen.«

Romy nickte. Für Kaspers Verhältnisse war das ein Vortrag mit Überlänge gewesen. »Haben wir es hier mit einem Raubüberfall zu tun?«

Kasper schüttelte den Kopf. »Glaub ich nicht – Geld, Ausweis und Schlüssel haben wir in seinem Rucksack gefunden. Allerdings fehlt das Handy, zumindest nach der ersten Sichtung. Und die Werkstatt sieht auch nicht nach Beutemachen aus.«

»Hat ihn bereits jemand eindeutig identifizieren können?«

»Ja. Wir haben Bittner ein Foto gezeigt, das wir im Keller gemacht haben – da unten soll niemand rumlatschen, solange die Techniker nicht durch sind«, fügte er erklärend hinzu.

»Weiß die Ehefrau schon Bescheid?«

Er schüttelte den Kopf. »Nö. Da war noch niemand. Sollten wir vielleicht anschließend zusammen machen.«

»Okay. Gehen wir.«

Meine letzte Leiche liegt schon eine ganze Weile zurück, dachte Romy, während sie Kasper ins Gebäude folgte – meine letzte berufliche Leiche, verbesserte sie sich rasch. Sie riss sich nicht um die Tatortbesichtigung, aber sie wich ihr auch nicht aus. Es erforderte Mut, genau hinzusehen, alles zu registrieren und dabei nichts zu bewerten: emotional zu bewerten. So hatte es Moritz seinen Schülern immer geraten.

Die Schule war das eine, der Einsatz das andere. Aber es war hilfreich, Ereignisse und Gegebenheiten zu versachlichen, in ihrem speziellen Kontext zu belassen und niemals auf sich selbst zu beziehen. Hätte sie das nicht frühzeitig gelernt, wäre sie keine drei Wochen bei der Sitte oder der Mordkommission geblieben.

Kasper und Romy durchquerten einen Raum, der offensichtlich als Werkstatt und Lager für Fahrräder, Zubehör und Kajaks diente. Es roch nach altem Gemäuer, feucht, erdig und dezent nach Fisch. Aber hier roch alles mehr oder weniger dezent nach Fisch. Durch eine weitere Tür gelangten sie an einen Treppenabgang. Ein kalter Luftstrom ließ Romy erschaudern. Kasper wies nach unten.

»Das Haus ist komplett unterkellert«, erklärte er. »Die Räume sind voller Gerümpel, dienen als Abstellkammern oder sind leer – sagt Bittner.«

Die Leiche von Kai Richardt lag ausgestreckt im ersten Keller rechts neben der Treppe – ein düsteres, kaltes Verlies, das – abgesehen von einigen Brettern, Holzkisten und Bohlen – leer war. Ein Strahler war direkt auf den Leichnam gerichtet, ein zweiter leuchtete den Raum aus. Romy nestelte Handschuhe aus der Innentasche ihrer Jacke und hockte sich neben ihn. Sie sammelte sich kurz, hob den Blick und sah ihn an.

Der Tote lag in seinen Radsportklamotten auf der Seite. Der Kopf war blutverkrustet, Hände und Füße waren mit dünnen Seilen straff hinter seinem Rücken gefesselt. Ein weiteres Seil verband die Fesseln miteinander und führte zu einem robusten, in der Wand verankerten Eisenring, wo es mehrfach verknotet war. Da hatte jemand ganz sichergehen wollen. Ein Knebel lag auf dem Boden. Romy wies Kasper mit beiläufigem Nicken darauf hin. Der nickte ebenso beiläufig zurück.

Der Mann muss mal sehr gut ausgesehen haben, dachte sie – bevor man ihm den Schädel eingeschlagen hatte. George-Clooney-Typ, aber drahtiger und durchtrainierter – vermutete sie zumindest, ohne George Clooney mit dieser Einschätzung zu nahe treten zu wollen. Sie tastete nach seinem Nacken und prüfte, ob der Kopf noch beweglich war. In ähnlicher Weise kontrollierte sie Kniegelenke und Ellenbogen. Die Totenstarre war fast vollständig ausgebildet. Richardt war also mindestens seit acht, angesichts der niedrigen Temperaturen im Keller wahrscheinlich zehn oder sogar schon zwölf Stunden tot.

»Man hat ihn ziemlich übel zugerichtet«, bemerkte sie und erhob sich wieder. »Ohne dem Rechtsmediziner vorgreifen zu wollen: Ich schätze, der ist heute Morgen gestorben.«

Von oben waren plötzlich Stimmen und Schritte zu hören, die sich schnell näherten. Zwei Kriminaltechniker in weißen Schutzanzügen eilten die Treppe herunter. Der ältere von beiden, ein hagerer Mann mit stechend blauen Augen, runzelte die Stirn, als er die beiden Kommissare bemerkte. Romy zeigte ihm rasch ihre behandschuhten Hände.

»Wir machen euch sofort Platz, Kollegen«, versicherte sie.

»Besser ist es.«

»Könnt ihr mir Aufnahmen …«

»Wir machen das nicht zum ersten Mal«, unterbrach der Hagere sie ruppig. »Wer sind Sie überhaupt?«

Romy wischte die wütende Entgegnung, die ihr auf der Zunge lag, mühsam beiseite und zwang sich zu einem Lächeln. »Darf ich mich vorstellen? Ich bin die neue leitende Kommissarin aus Bergen: Ramona Beccare, und ich verschaffe mir gerade einen Überblick über den Tatort.«

»Ach ja …« Er nickte. Ein Anflug von Unsicherheit stahl sich über das Gesicht des Hageren. »Hab davon gehört. Die Italienerin.«

»Nicht ganz«, gab Romy zurück, ohne den genervten Tonfall zu überdecken. »Ich bin in Deutschland geboren – in München. Allerdings ist mein Vater in Neapel zur Welt gekommen.« Sie hob die Brauen. »Ich hoffe, Sie sind jetzt nicht allzu enttäuscht.«

»Aha. München. Verstehe.« Er runzelte die Stirn und warf Kollege Schneider einen fragenden Blick zu. »Na gut. Wir machen dann mal unsere Arbeit.«

»Jo«, meinte Kasper zustimmend. »Nur zu.«

Ramona ging jede Wette ein, dass für den Kriminaltechniker zwischen München und Neapel lediglich ein gradueller Unterschied bestand. Wenn überhaupt.

»Ich möchte Detailaufnahmen von den Fesseln«, sagte sie ruhig.

»Kriegen Sie.« Der Mann wandte sich ab, ohne die Kommissarin noch eines weiteren Blickes zu würdigen.

Romy drehte sich zur Treppe um. »Ist es hier passiert?«, fragte sie Kasper, während sie hochgingen.

»Sieht ganz so aus. Kampf- und Blutspuren sind bislang auf dem Gelände nicht gesichert worden. Aber die Kollegen haben ja ihre Arbeit gerade erst aufgenommen.«

Romy atmete erleichtert auf, als sie wieder ins Freie traten. Ihr Blick fiel auf einen hochaufgeschossenen, schlaksigen Mann in auffallend feinem Zwirn, der direkt hinter der Absperrung neben zwei Polizisten stand und zu ihnen herüberstarrte.

»Ist das Bittner?«, fragte sie Kasper.

»Ja, das ist er. Willst du gleich mit ihm reden?«

»Gute Idee. Kümmerst du dich um den anderen Kram hier?«

Schneider nickte. Romy ging auf den Mann zu, der sichtlich mitgenommen wirkte. »Herr Bittner?«

»Ja.« Er sah sie zugleich ernst und verdutzt an. »Sind Sie auch von der Polizei?«

»Kommissarin Beccare aus Bergen«, stimmte Romy zu. »Ich leite die Ermittlungen. Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten? In Ihrem Büro vielleicht?«

Bittner nickte und führte sie zum Bürotrakt. Romy hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Das Chefbüro befand sich im ersten Stock. Der Raum war groß, hell und freundlich. Großformatige Fotos mit typischen Rügenmotiven – die Kreidefelsen, Kap Arkona, der Große Jasmunder Bodden, Insel Vilm, Ralswiek, wo die Störtebeker-Festspiele stattfanden – schmückten neben Aufnahmen von alten Fischkuttern und romantisch-wilden Strandszenen die Wände. Das einzelne Bild einer imposanten Buche musterte Romy eine ganze Weile. Sie hätte fast eine Wette darauf abgeschlossen, dass der Maler im Jasmund unterwegs gewesen war, wo es den ihrer Ansicht nach schönsten Buchenwald der Welt gab. Schließlich wandte sie sich dem Fabrikbesitzer zu.

»Nehmen Sie doch Platz«, sagte Thomas Bittner und machte eine fahrige Handbewegung in Richtung einer ledernen Sitzecke vor einer breiten Fensterfront. »Was ist mit Kai passiert?«

»Das wissen wir noch nicht genau.«

Romy ließ sich in einen Sessel fallen und schlug ein Bein über das andere, nachdem sie Block und Stift bereitgelegt hatte. Bittners Gesicht war von einer ungesunden Blässe überzogen, seine Augen irrten hektisch umher, die Hände zitterten.

»Aber er ist … tot?«

»Ja.«

Bittner schluckte, und der Adamsapfel hüpfte in seinem dünnen Hals auf und ab. »Mein Gott …«

»Sie kannten ihn gut?«

Bittner nickte. »Seit über zwanzig Jahren. Seit er nach der Wende herkam, um sein Geschäft aufzubauen – anfangs zusammen mit einem Partner.«

»In welcher Branche?«

»Innenausstattung, gehobene Klasse. Kai hat sich auf Arztpraxen, Büro- und Geschäftsräume spezialisiert und sich in ganz Mecklenburg-Vorpommern einen Namen gemacht«, erwiderte Bittner prompt. »Wir gehen oft zusammen joggen und Rad fahren, schwimmen, sind bei Triathlons dabei … Manchmal waren wir auch mit den Kajaks unterwegs.« Seine Stimme senkte sich. Er blickte zur Seite. »Kai war besser als ich. Viel besser. Er hat härter trainiert und ist manchen Marathon zusätzlich gelaufen. Daneben hat er sogar noch die Zeit gefunden, sich an der Organisation von Wettkämpfen zu beteiligen.« Er räusperte sich und schloss kurz die Augen. »Ich fasse es einfach nicht.«

Hartes Training, Wettkämpfe, Marathon, dachte Romy und schob tief durchatmend die stechende Wehmut beiseite. Sie hatte den Eindruck, dass Bittner zutiefst getroffen war. Der Mann wirkte überzeugend erschüttert. »Wann haben Sie Richardt zum letzten Mal gesehen?«

Thomas Bittner blickte sie wieder an. »Gestern Morgen. Das sagte ich bereits einem Kollegen von Ihnen. Er hat eine Radtour gemacht und …«

»Wie spät war es, als er hier eintraf?«

»Halb acht ungefähr.«

»So früh sind Sie an einem Samstagmorgen im Büro?«

»Ich war gegen sieben Uhr an meinem Schreibtisch. Wie immer«, entgegnete Bittner. »Ich bin Frühaufsteher. Allerdings mache ich samstags immer gegen Mittag Feierabend.«

»Und was wollte Richardt?«

»Kurz klönen, einen Lauf verabreden. Nichts Besonderes. Er kam manchmal auf einen Sprung vorbei. Anschließend ist er noch nach hinten in die Werkstatt, um die Gangschaltung einzustellen.« Er schluckte.

»Wer hat einen Schlüssel zu diesem abgelegenen Gebäude und zu der Werkstatt?«, fragte Romy.

»Nur wir beide«, antwortete Bittner sofort. »Die Werkstatt haben wir uns vor etlichen Jahren dort eingerichtet. Die alten Gebäude werden nur noch zum Teil genutzt, und dahinten ist ja genug Platz.«

»Verstehe. Haben Sie gesehen, wie Richardt nach seinem Werkstattbesuch wieder aufgebrochen ist?«

»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe allerdings auch nicht darauf geachtet. Ich bin davon ausgegangen, dass er wenige Minuten später wieder in den Sattel steigen würde, um zurückzufahren.«

»Würde es auffallen, wenn hier ein Fremder herumliefe?«

»Kaum. Das Gelände ist weitläufig, meist geht es sehr betriebsam zu, und hinten zwischen den alten Gebäudeteilen kann man sich gut verbergen – jedenfalls, wenn man es darauf anlegt.«

Romy überlegte kurz. »Herr Bittner, ich muss Sie das fragen: Wie haben Sie das Wochenende verbracht?«

»Mit meiner Familie. Wir hatten Besuch von meiner Schwester und ihren Kindern«, antwortete er prompt.

»Und wo waren Sie am Sonntagmorgen?«

»Zu Hause, es gab ein gemeinsames Frühstück mit der Familie. Vorher war ich joggen«, erwiderte Bittner.

»Wann?«

»Zwischen sieben und halb neun.«

»Allein?«

»Ja. Ich bin von Sassnitz nach Blandow gelaufen, hin und zurück circa achtzehn Kilometer.«

»Ganz schön schnell«, bemerkte Romy.

»Geht so. Fünfer-Schnitt.«

Romy nickte. Moritz war vier dreißig gelaufen. »Hat Sie jemand gesehen?«

»Ich habe nicht darauf geachtet.«

»Wir werden das überprüfen müssen – reine Routine«, erläuterte Romy.

»Ich weiß.«

»Richardt hinterlässt eine Familie, nicht wahr?«

»Ja, seine Frau Vera und zwei kleine Kinder. Ich glaube, die sind vier und sieben oder so.«

Die Kommissarin machte sich eine Notiz und blickte wieder hoch. »Herr Bittner, ich entnehme Ihren Worten, dass Kai Richardt ein erfolgreicher und beliebter Mann gewesen ist, der ein rundherum erfülltes Leben führte …«

»So ist es!«

»Wissen Sie von irgendwelchen Streitereien oder Konflikten?«

»Nein. Nichts.«

»Geschäftliche Probleme?«

Bittner hob die Hände. »Die haben wir doch alle mal. Aber ich weiß von keinem aktuellen Fall, wenn Sie das meinen. Und er würde mir erzählen, wenn er Ärger hätte – ganz sicher.«

Romy steckte nach kurzem Überlegen ihren Block ein und stand auf. »Danke vorerst. Wir kommen sicherlich noch mal auf Sie zurück, Herr Bittner.«

Der Fabrikbesitzer erhob sich ebenfalls und begleitete sie zur Tür. »Der Mann war erst fünfundvierzig«, sagte er leise. »Im besten Alter, wie man so schön sagt. Letztens erzählte er noch, wie stark und fit er sich fühle. Ich …«

Moritz war gerade vierzig geworden, fuhr es Romy durch den Kopf, und bevor sie den Gedanken daran hindern konnte, hatte er schon ihr Herz erreicht. Auf dem Weg zum besten Alter. Eine verschleppte Grippe hatte sich in seinem Herzen eingenistet und ihm den Garaus gemacht. Innerhalb von Sekunden. Bei Kilometer sechsunddreißig, wo Ramona mit Apfelsaft und Banane gewartet hatte, um seine leeren Kohlenhydratspeicher für den Endspurt aufzufüllen. Er hatte persönliche Bestzeit laufen wollen.

Sie verabschiedete sich und lief eilig die Treppe hinunter. Vor der Tür wartete bereits Kasper. Sein tiefblauer Blick huschte prüfend über ihr Gesicht. »Alles klar?«

»Hm, fürs Erste ja.« Sie sah kurz hinüber zur Mole und zum Leuchtturm. »Wir sollten ihn in den nächsten Tagen zum Protokoll bitten.«

»Machen wir.«

»Habt ihr noch was gefunden?«

»Nö. Die Jungs brechen gerade ab«, erläuterte Schneider. »Es geht gleich morgen früh bei Tageslicht weiter. Fahren wir zusammen zur Witwe?«

»Machen wir gleich.« Romy zog ihren Rollerschlüssel aus der Tasche. »Aber sag erst mal was zu dem anonymen Anruf. Gibt’s da schon was Genaueres?«

Kasper kratzte sich am Hinterkopf. »Männliche Stimme, wahrscheinlich verstellt. Kurzer und knackiger Hinweis, wo wir Kai Richardt finden. Ende.«

»Und wann genau war das?«

»Kurz vor achtzehn Uhr.«

»Wer hat den Anruf angenommen?«

»Fine. Ich hab mir die Aufnahme zweimal angehört.«

Fine Rohlbart war die entscheidende Frau im Innendienst des Kommissariats. Mädchen für alles seit über fünfundzwanzig Jahren. Wobei »Mädchen« für ihre wuchtige Erscheinung denkbar unpassend war, aber diese Meinung behielt man besser für sich.

»Was meinst du – wollte er einen Hinweis auf einen Toten oder einen Verletzten geben?«, hakte Romy nach.

Kasper überlegte einen Moment. »Gute Frage. Da ist beides drin.« Er nickte. »Ja. So oder so.«

»Und warum ruft er die Polizei in Bergen an und nicht die in Sassnitz?« Sie wies mit dem Daumen über die Schulter in Richtung des nur wenige Meter entfernten Polizeigebäudes.

»Keine Ahnung. Vielleicht Zufall.«

Romy runzelte die Stirn. »Nun gut, lass uns mal zusammenfassen«, meinte sie dann. »Samstagmorgen fährt Kai Richardt mit seinem Rad hier aufs Gelände, hält einen kurzen Plausch mit Bittner und wird danach nicht mehr gesehen. Sonntagabend, also anderthalb Tage später, meldet sich ein anonymer Anrufer. Geschätzter Todeszeitpunkt: heute Morgen … Hm.«

»Wollte ich auch gerade sagen.«

»Lass uns fahren.«

Familie Richardt bewohnte auf einem abgelegenen Grundstück, das nur über eine schmale holprige Nebenstraße zu erreichen war, ein prachtvolles, reetgedecktes Fachwerkhaus mit großem Garten und Blick auf den Kleinen Jasmunder Bodden, über dem eine zierliche Mondsichel stand. Wahrscheinlich hört man bei offenem Fenster das Wispern des Schilfs und das Geschrei der Seevögel, dachte Romy. Und in der frostigen Jahreszeit kriechen Eisblumen über die Scheiben und leuchten im kalten Licht der Wintersonne. Das reinste Idyll. Bis jetzt jedenfalls.

Sie klingelte, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Sie legte sich niemals Worte zurecht. Vorformulierte Sätze waren wie Schablonen, die nie richtig passten. Sie musste erst den Menschen sehen, dem sie die Todesnachricht zu überbringen hatte.

Von drinnen ertönte Kindergeschrei.

»Geh bitte nach oben«, war eine weibliche Stimme zu hören. Ihr Ton war drängend. »Es ist schon spät. Ich komme gleich nach.«

»Es hat aber geklingelt!«, beharrte das Kind – eine Junge, wie Romy annahm.

»Ich weiß. Aber du gehst jetzt auch nach oben zu deiner Schwester.«

»Ooch …«

Die Tür wurde einen Augenblick später geöffnet. Eine zierliche Frau mit kastanienbraunem mittellangem Haar und püppchenhaftem Gesicht öffnete. Romy schätzte sie auf vierzig, wobei Vera Richardt zu den Frauen gehörte, die viel dafür taten, auf unaufdringliche Weise jünger zu wirken. Ihr Blick wanderte von Romy zu Kasper und wieder zurück zu Romy, um dann einen Moment an deren Lederjacke hängen zu bleiben. Es wurde still.

»Polizei?«, fragte sie dann und ließ das Fragezeichen nur langsam ausklingen.

»Ja«, sagte Romy und stellte sich und Kasper vor. »Dürfen wir hereinkommen?«

Vera Richardt hielt die Klinke umfasst. »Haben Sie schlechte Nachrichten?«

»Wir sollten nicht zwischen Tür und Angel darüber sprechen«, entgegnete Romy.

Vera Richardts Miene versteinerte sich. Sie nickte, trat beiseite und führte sie schließlich durch eine großzügig angelegte Diele, in der ein großformatiges Naturaquarell merkwürdig deplatziert neben der Garderobe hing, in eine Stube mit bequemen und schreiend bunten Sitzmöbeln. Dem verstreuten Spielzeug nach zu urteilen, wurde der Raum vornehmlich als Kinderzimmer genutzt.

Romy setzte sich auf einen giftgrünen Stuhl und berichtete, dass die Polizei nach einem anonymen Anruf am Abend in den Sassnitzer Hafen gefahren war.

»Wir sind sicher, dass wir dort Ihren Mann gefunden haben«, fügte sie hinzu und ließ Vera Richardt nicht aus den Augen.

»Wie? Was für ein anonymer Anruf?«, fragte sie perplex.

»Jemand informierte uns darüber, dass Ihr Mann in einem der alten Gebäude hinter der Fischfabrik zu finden sei. Die Polizei entdeckte ihn dann im Keller einer Werkstatt, die er gemeinsam mit Thomas Bittner benutzte«, entgegnete Romy. Die Frage irritierte sie.

Vera Richardt biss sich auf die Unterlippe und begann ihre Finger zu kneten.

»Wir konnten nichts mehr für ihn tun«, sagte Romy schließlich. »Es tut uns leid.«

Die Witwe atmete tief durch und hob plötzlich das Kinn. »Nun sagen Sie schon: Was ist passiert?«

Sie will es hinter sich haben, dachte Romy. Verständlich.

»Im Moment gehen wir davon aus, dass Ihr Mann dort überfallen und niedergeschlagen wurde«, erörterte sie leise. »Er erlag wahrscheinlich heute Morgen seinen tödlichen Verletzungen. Die genauen Einzelheiten erfahren wir jedoch erst nach der rechtsmedizinischen Untersuchung.«

»Aber …?« Vera Richardt schüttelte den Kopf und starrte zum Fenster hinaus.

»Frau Richardt, können wir Ihnen einige Fragen stellen? Für unsere Ermittlungen ist es immens wichtig …«

Sie stand abrupt auf und setzte sich ebenso plötzlich wieder. »Ja, ja, natürlich … fragen Sie. Fragen Sie ruhig. Ich werde antworten, so gut ich kann.«

»Danke für Ihr Verständnis. Wir sind sicher, dass wir Ihren Mann gefunden haben – Thomas Bittner hat ihn nach einem Foto vom Tatort bereits identifiziert«, erklärte Romy. »Dennoch: Wäre es Ihnen möglich, einen kurzen Blick auf die Aufnahme zu werfen und ihn morgen persönlich zu identifizieren?«

Die Kommissarin sah ihren Kollegen auffordernd von der Seite an und wandte sich dann wieder der Frau des Opfers zu, während Kasper Schneider das Foto aus seiner Tasche zog. Vera Richardt reckte den Hals und betrachtete es nur flüchtig. Sie zwinkerte, nickte und sah rasch wieder zur Seite.

»Ja. Natürlich. Das ist er«, betonte sie mit rauer Stimme. »Eindeutig – dazu muss ich ihn nicht mehr sehen …«

»Ich fürchte, schon, Frau Richardt. Er sollte zusätzlich von einem nahen Angehörigen identifiziert werden«, erklärte Kasper ruhig.

Die Frau schüttelte heftig den Kopf. »Auf keinen Fall! Das kann ich nicht, und außerdem kann mich niemand dazu zwingen …«

»Lassen wir das Thema im Augenblick beiseite«, unterbrach Romy sie kurzerhand. »Ihr Mann ist gestern früh mit seinem Fahrrad losgefahren. Allem Anschein nach hatte er eine längere Trainingstour vor. Am Nachmittag haben Sie sich bei der Polizei gemeldet.«

Vera Richardt strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, das plötzlich weich und verträumt wirkte. »Ja, er war manchmal stundenlang unterwegs. Das war nichts Ungewöhnliches. Am Vormittag bin ich zunehmend unruhiger geworden, weil ich ihn zurückerwartete. Aber ich konnte ihn nicht erreichen. Das Handy war ausgestellt, und im Geschäft in Bergen war er auch nicht – manchmal radelt er dort noch vorbei, um nach der Post zu sehen.«

»Haben Sie mit Freunden telefoniert und nachgefragt?«

Ein verblüffter Blick streifte Romy. »Nein.«

»Warum nicht?«

Vera zog die Achseln hoch und ließ sich Zeit mit der Antwort. »Kai schätzte es nicht, wenn ich ihm hinterhertelefonierte – schon gar nicht beim Training. Eine Stunde mehr oder weniger spielte keine Rolle. Sollte keine Rolle spielen. Durfte keine Rolle spielen. Das war seine Sache.«

Romy lehnte sich zurück. »Aber als Sie anfingen, sich ernsthaft Sorgen zu machen …«

»Hab ich mich gleich mit der Polizei in Verbindung gesetzt, ja. Das schien mir das Sicherste. Er hätte ja auch einen Unfall haben können.«

»Verstehe.« Allerdings nur teilweise, überlegte Romy. Ruft man nicht zunächst Freunde und Bekannte an, wenn der Mann, Freund, Lebensgefährte vermisst wird, bevor man sich an die Behörden wendet?

Sie schob den Gedanken vorerst beiseite. Es war noch nicht der richtige Zeitpunkt für insistierende Fragen – nicht wenige Minuten nachdem die Frau erfahren hatte, dass ihr Mann einem Verbrechen zum Opfer gefallen war.

»Wer hat von der Trainingstour Ihres Mannes gewusst, Frau Richardt?«, fuhr Romy fort.

Die Witwe zuckte mit den Achseln. »Er hat fast immer Samstagmorgen trainiert – mal ist er gejoggt, mal mit dem Rad unterwegs gewesen. Ich denke, das wissen alle, die ihn kennen.«

Romy nickte. »Wie haben Sie den heutigen Tag verbracht, Frau Richardt?«

Die Witwe sah sie erstaunt an. »Ist die Frage ernst gemeint?« Dann lachte sie unfroh auf und winkte ab. »Schon gut – Sie müssen das wohl fragen.«

»So ist es, und wir müssen es sogar überprüfen – reine Routine.«

»Reine Routine …«, wiederholte sie. »Nun, ich war zu Hause, habe lange geschlafen, nachdem ich in der letzten Nacht kaum ein Auge zugemacht hatte, und mich dann um meine Kinder gekümmert. Gewartet. Mich abzulenken versucht …«

»Und gestern?«

»Gestern?«

»Nachdem Sie mit der Polizei gesprochen hatten.«

»Ach so. Ich war abends mit einer Freundin im Kino. Die Kinder hatte ich zu meinen Eltern gebracht. Die Warterei war zermürbend – ich wollte mich ablenken«, schob sie eilig hinterher.

Ablenken, wiederholte Romy stumm. Nun gut. Warum auch nicht? Jeder Mensch reagiert anders in Ausnahme- und Stresssituationen. Kasper gab ihr ein unauffälliges Zeichen mit der Hand. Seiner Ansicht nach sollte die Befragung fürs Erste genügen. Wahrscheinlich hatte er recht. Im Flur waren plötzlich wispernde Kinderstimmen zu hören.

»Sie sind uns gleich los, Frau Richardt«, versicherte Romy, als die Witwe nervös zur Tür blickte und erneut ihre Hände zu kneten begann. »Nur noch ein paar Kleinigkeiten, damit wir unverzüglich mit den Ermittlungen anfangen können: Wir benötigen Namen und Adressen von Freunden, Familienangehörigen, Sportkollegen, Geschäftspartnern ihres Mannes und ein aktuelles Foto von ihm. Außerdem bitte ich Sie um die Kontaktdaten Ihrer Eltern und der Freundin, mit der Sie unterwegs waren.«

Vera Richardt stand sofort auf. »Natürlich. Kein Problem.«

»Und es wäre hilfreich, wenn Sie uns seine Handynummer sowie den Mobilfunkanbieter aufschreiben und uns seinen PC mitgeben könnten«, fügte Romy hinzu, während sie sich ebenfalls erhob.

»Kai hat sich gerade einen neuen Laptop für zu Hause gekauft«, erklärte Vera Richardt bereitwillig. »Er wollte ihn am Wochenende einrichten.« Sie runzelte die Stirn. »Ich glaube, er hat bereits am Freitagabend damit angefangen. Er ist in seinem Büro unterm Dach.« Sie zeigte zur Decke und wandte sich zur Tür. »Warten Sie, ich hole ihn.« Damit eilte sie aus dem Zimmer.

Romy warf Kasper einen fragenden Blick zu, den dieser achselzuckend zurückgab, während sie in die Diele gingen und warteten. Wieder waren die Stimmen der Kinder zu hören. Ein kleines Mädchen und ein älterer Junge, erinnerte Romy sich an Bittners Hinweis.

»Da darfst du nicht rein, Mama!«, rief der Junge empört. »Das ist Papas Arbeitszimmer.«

Die Tür klappte. Einige Minuten später huschte die Witwe wieder die Treppe herunter und übergab Kommissar Schneider einen Laptop. Obenauf lag ein Farbfoto von ihrem Mann, an das seine Visitenkarte mit mehreren Telefonnummern sowie einem handschriftlichen Vermerk bezüglich des Mobilfunkanbieters geheftet war. Auf einem zweiten Notizzettel waren die gewünschten Adressdaten von Veras Eltern und ihrer Freundin akkurat aufgelistet.

Die Aufnahme zeigte Richardt im enganliegenden Laufdress, das ihm hervorragend stand: Mit strahlendem Lächeln und blitzweißen Zähnen hielt er eine Medaille in die Kamera. Graue Augen, dunkelblondes kurz geschnittenes und sehr volles Haar, kräftiges Kinn, ein winziges Grübchen, harmonische Gesichtszüge, braungebrannt. Er wirkte jünger als Mitte vierzig. Ein Frauentyp. Ein Mann, dem auch Romy hinterherblicken würde, und zwar lange und interessiert.

»Und die anderen Kontaktdaten finden wir auf dem Laptop?«, fragte sie.

»Ich denke, ja. Ansonsten müssten Sie im Geschäft nachfragen. Dort hilft man Ihnen gerne weiter.«

»Danke für den Hinweis. Hatte Ihr Mann sonst noch irgendwelche Speichermedien zu Hause, die uns weiterhelfen könnten – USB-Sticks, CDs?«

Vera Richardt schüttelte den Kopf. »Ich denke, das ist alles in seinem Geschäftsbüro …« Sie brach ab und hob dann mit einer fahrigen Geste die Hände. »Bitte gehen Sie! Ich muss jetzt unbedingt alleine sein. Ich …«

»Kümmert sich jemand um Sie?«, fragte Schneider und musterte sie mit besorgter Miene.

»Ja, ich rufe gleich meine Eltern an.« Sie wies mit ausgestrecktem Arm zur Haustür. »Bitte!«

Romy setzte sich auf ihre Vespa und atmete laut aus. »Jede Wette – die beste Ehe war das nicht.«

Kasper runzelte die Stirn. »Wie kommst du darauf? Sie ist völlig durch den Wind. Da kannst du nichts drauf geben, in einer solchen Situation.«

»Doch«, behauptete Romy. »Da kann ich was drauf geben.«

Auch wenn ich sie nicht mag und Antipathie ein mieser Ratgeber ist, fügte sie in Gedanken hinzu. Fast genauso mies wie übertriebene Sympathie.

»Außerdem ist sie genau das nicht: durch den Wind, und schon gar nicht völlig. Aber gut – wir werden sehen.«

Dazu sagte Kasper nichts. Romy warf noch einen sehnsüchtigen Blick zum Bodden, setzte ihren Helm auf und startete den Roller. »Wir sehen uns morgen früh: in alter Frische!«

Der Kollege hob eine Hand und winkte ihr nach.

Mirjam wohnte mit ihrem Mann Ben in der Altstadt von Stralsund. Von der Mühlenstraße bis in die Langenstraße, wo die Praxis, in der sie als Tierarzthelferin arbeitete, in einem sanierten Fachwerkhaus residierte, brauchte sie mit dem Rad gerade mal fünf Minuten.

Am Montagmorgen klingelte das Telefon, als sie gerade eingetroffen war und die Kaffeemaschine angestellt hatte. Mirjam vermutete, dass ihre Kollegin mal wieder verschlafen hatte und sie in zuckersüßem Ton langatmig um Entschuldigung bitten wollte. Seit Petra einen neuen Freund hatte, passierte das ungefähr dreimal in der Woche, und Mirjam stellte sich bereits darauf ein, auch an diesem Morgen ohne Unterstützung die üblichen Vorbereitungen für einen langen Praxistag treffen zu müssen.

Sie stellte die Verbindung her, klemmte das Telefon zwischen Ohr und Schulter und schlug das Kalenderblatt mit dem Tages-OP-Plan auf. Zwei Kastrationen waren für den Vormittag angesetzt.

»Lass mich raten: Du bist wieder nicht aus dem Bett gekommen«, bemerkte sie in ironischem Ton. »Der Junge muss ja unbeschreiblich gut sein!«

Stille.

»Hallo? Petra? Hörst du mich?«, fragte Mirjam. Dann blickte sie aufs Display. Dort leuchtete eine Nummer auf, die sie nicht kannte. »Wer ist denn da?«

»Ich bin’s – Tim.«

Mirjam schluckte. Damit hatte sie nicht gerechnet. Natürlich nicht. »Ach? Tut mir leid, ich dachte …«

»Schon gut. Ich wollte dich nicht stören, aber …«

»Ja? Stimmt was nicht?«

»Er ist tot.«

Mirjam riss die Augen auf. Sie musste nicht fragen, wen Tim meinte.

»Das wollte ich dir sagen. Ein Bekannter aus Sassnitz, auch ein Läufer, hat mich heute früh angerufen«, erklärte er leise. »Man hat Kai am Hafen gefunden.«

»Aber …?« Sie schüttelte verwirrt den Kopf.

»Die Polizei ermittelt. Wahrscheinlich wird morgen was in der Zeitung stehen. Fest steht nur eins: Er ist tot.«

Mirjam wusste nicht, was sie sagen sollte. »Tim?«, meinte sie schließlich mit einer Stimme, die ihr selbst fremd war.

»Ja.«

»Ich muss aufhören, jeden Moment kann meine Kollegin kommen.«

»Ja, schon gut. Tust du mir einen Gefallen?«

»Welchen?«

»Vergiss, dass wir letztens über ihn gesprochen haben.«

»Aber …« Sie schloss kurz die Augen.

»Ich will mich mit dieser Geschichte nicht mehr befassen«, flüsterte er. »Nie wieder. Sie hat zu vieles zerstört, unter anderem unsere Beziehung.«

»Ich weiß, Tim, und es tut mir leid, dass ich dich …«

»Vergiss es!«, unterbrach er sie barsch. »Du sollst nur wissen, dass ich sonst was dafür geben würde, sie ungeschehen machen zu können, hörst du?«

»Ja, natürlich. Das weiß ich.«

»Sprich nicht darüber und vergiss einfach alles! Auch diesen Anruf. Bitte! Es ist wichtig.« Damit legte er auf, ohne ihre Antwort abzuwarten.

Mirjam ließ den Arm sinken. Alles vergessen. Wenn das so einfach wäre, hätte sie es längst getan.

2

Fine Rohlbart war rotblond, groß und breit. Ihre Stimme hatte eine beachtliche Resonanz. Als Romy ihr das erste Mal begegnete, war sie gerade dabei, zwei junge Polizisten auf Spur zu bringen, was die alles andere als erquicklich fanden, und Romy hatte augenblicklich an eine resolute Wikingerfrau gedacht. Später erfuhr sie, dass Fine den Vergleich schon häufiger gehört hatte, aber weder zutreffend noch sonderlich geistreich oder witzig fand, und Romy war heilfroh, eine entsprechende Bemerkung heruntergeschluckt zu haben. Wer es sich mit Fine verdarb, war selber schuld.

Als Romy am Montagmorgen in dem schmucklosen, dreistöckigen Polizeigebäude das Kommissariat betrat, beendete Fine gerade ein Telefonat mit dem Rechtsmedizinischen Institut in Greifswald.

»Kaffee ist fertig«, dröhnte sie statt einer Begrüßung. »Der Richardt liegt bereits auf dem Tisch. Das ging richtig schnell. Die melden sich, sobald es was zu berichten gibt.«

Angesichts des vergleichsweise besonderen Falls hatte Romy sich eigentlich eine emotionalere Reaktion von Fine vorgestellt, doch die agierte wie immer und typisch rüganisch: pragmatisch und tatkräftig.

»Okay. Kasper schon da?«, gab Romy ebenso karg zurück und goss sich eine Tasse Kaffee ein.

»Er ist von zu Hause gleich ins Geschäft vom Richardt gefahren – das ist ja bei ihm um die Ecke am Marktplatz – und will die Angestellten befragen. Ich hab noch einen Uniformierten zur Unterstützung hingeschickt.«

»Gute Idee.«

Romy ging in ihr Büro, das direkt vom Gemeinschaftsraum abzweigte, schloss die Tür und sah einen Moment aus dem Fenster. Der kleine Sportplatz lag verlassen unter ihr. Sie setzte sich an den Schreibtisch und notierte ihre Eindrücke von den ersten Befragungen mit Thomas Bittner und Vera Richardt.

Eine halbe Stunde später steckte Kasper den Kopf zur Tür herein. »Der Laptop ist komplett leer«, erklärte er nach flüchtigem Morgengruß und zog den Kopf wieder zurück.

»Wie bitte?« Romy stand auf und folgte ihm.

»Da ist nicht mal ein Betriebssystem drauf«, ergänzte Kasper mit Grüblermiene. »Ich hab das Teil gestern Abend noch einem Techniker vorbeigebracht, bei dem ich was gut habe. Der hat gleich einen Blick drauf geworfen und fand das auch ungewöhnlich.«

Schneider versorgte sich mit Kaffee, und sie setzten sich an den großen Tisch in der Mitte des Raums. Fine hatte Zeit gefunden, eine Schale mit Obst und etwas Gebäck bereitzustellen.

»Vera Richardt hat berichtet, dass ihr Mann den Laptop gerade erst gekauft hat und am Wochenende neu einrichten wollte. Vielleicht hatte er doch noch nicht damit angefangen«, überlegte Romy. »Allerdings werden die Dinger doch heutzutage mit einer Grundausstattung aller möglichen Programme verkauft, die bereits vorinstalliert sind.«

Kasper nickte. »Das ist der Punkt. Der Techniker vermutet, dass die Platte komplett gelöscht, also formatiert wurde, und zwar richtig – da lässt sich nichts mehr wiederherstellen.«

»Schade.«

»Sehe ich auch so.« Schneider stellte seine Tasse ab. »Können wir aber nicht ändern. Dafür hat mir die Sekretärin von Richardt eine lange Liste mit Namen zusammengestellt: Sportkollegen, Geschäftsfreunde, Kunden, aktuelle Aufträge und so weiter. Und den E-Mail-Verkehr der letzten zwei Wochen hat sie mir auch überlassen.«

»Wenigstens etwas. Vielleicht findet sich ja irgendein Hinweis. Wie läuft der Laden denn so?«, fragte Romy.

»Gut. Bestens sogar. Die haben dicke Auftragsbücher und sind völlig von den Socken«, erwiderte Kasper. »Der stellvertretende Geschäftsführer ist fast aus den Latschen gekippt – ein ziemlich junger Kerl, der den Laden jetzt weiterführen muss.«

»Bekleidet Richardts Frau da eigentlich irgendeine Funktion?«

Kasper schüttelte den Kopf. »Sie hat mit den Geschäften kaum was zu tun, hat man mir gesagt, kriegt aber ein Gehalt. Sie kümmert sich um Repräsentatives, wie es so schön heißt.«

»Super«, kommentierte Romy. »Und dafür kriegt sie das Gehalt? Oder eher aus steuerlichen Gründen?«

»Tja …«

»Aha. Und in der Firma kann sich niemand vorstellen, wer ein Motiv gehabt haben könnte? Irgendwelche Mutmaßungen?«

Schneider schüttelte den Kopf. »Der Mann war beliebt und wurde geschätzt, von Männern und Frauen. Der hätte sich als Ortsbürgermeister zur Wahl stellen können – egal, für welche Partei, er hätte viele Stimmen bekommen.«

Romy lächelte. »Verstehe. Was ist eigentlich mit seiner Familie? Hat er Geschwister? Leben die Eltern noch?«

Kasper zog einen Ordner aus seiner Aktentasche zu seinen Füßen und setzte seine Lesebrille auf, die nach Romys Auffassung völlig deplatziert in seinem Gesicht wirkte, aber sie behielt ihre Meinung für sich.

»Geschwister gibt es nicht. Richardt stammt übrigens aus Lübeck, wo die Eltern in einer schnieken Seniorenresidenz leben«, berichtete Kasper und sah kurz hoch. »Ich hab da gleich vom Geschäft aus angerufen. Zurzeit befindet sich das Ehepaar auf Kreuzfahrt im Mittelmeer, wie fast jedes Jahr um diese Zeit.«

»Können wir sie dort irgendwie erreichen?«

»Schon, aber … Wenn es nicht dringend erforderlich ist, sollten wir abwarten, bis sie wieder im Lande sind. Das rät uns auch die Heimleitung.«

»Ach? Warum?«

»Der familiäre Kontakt ist nicht der Rede wert. Richardts Sekretärin verschickt zum Geburtstag der Mutter immer einen üppigen Blumenstrauß. Für den Vater gibt es einen teuren Wein. Zu Weihnachten läuft das ähnlich«, berichtete Kasper. »Wir sollten denen nicht die Reise vermiesen, wenn es nicht unbedingt nötig ist, und bis die Leiche zur Beerdigung freigegeben wird, vergehen noch locker zwei Wochen.«

»Na schön, und falls die Witwe anderer Meinung ist und die Eltern benachrichtigt …«

»Ist das ihre Sache.« Kasper nickte. »Sehe ich auch so.«

»Hast du mal nachgebohrt, was die Ehe der beiden angeht?«, hakte Romy nach.

»Der Mann hat Privates und Geschäft strikt getrennt. Das sagen alle. Zu Vermutungen oder Tratsch wollte sich niemand hinreißen lassen. Wäre auch ein denkbar schlechter Zeitpunkt.« Kasper zuckte mit den Achseln. »Ich denke …«

Er brach ab, als Fine um die Ecke polterte und mit dem Telefonhörer wedelte. »Rechtsmedizin. Wer will?«

Romy streckte die Hand aus. »Guten Morgen. Kommissarin Ramona Beccare am Apparat. Das ging ja schnell«, sagte sie.

»Dr. Möller – Ulrich Möller«, entgegnete eine tiefe Stimme. »Nun, die meisten Untersuchungen stehen noch aus, aber ich glaube, ich habe vorweg schon mal was Interessantes für Sie, das für die weiteren Ermittlungen bedeutsam sein könnte.«

»Ich bin gespannt«, sagte Romy und stellte den Lautsprecher an.

»Der Mann ist am frühen Sonntagmorgen gestorben – er hat heftige Prügel bezogen«, hob der Rechtsmediziner an.

Hochinteressant, dachte Romy. Das habe ich gestern Abend schon gewusst. Sie räusperte sich und hob eine Braue, während sie Kasper einen vielsagenden Blick zuwarf.

»Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber das ist uns bei der Tatortbesichtigung nicht entgangen, Dr. Möller«, bemerkte sie mit einem Lächeln in der Stimme.

Der Mediziner lachte amüsiert auf. »Ich begrüße es sehr, dass Sie offenbar aufmerksam hingesehen haben – das tun beileibe nicht alle Kriminalbeamten. Zugleich gehe ich jedoch stark davon aus, dass ich Ihnen etwas Neues sage, wenn ich darauf hinweise, dass das Opfer nicht etwa verprügelt wurde und kurz darauf verstarb.«

»Sondern?«

»Nach den bisherigen Untersuchungen der zahlreichen Hämatome am ganzen Körper, die aufgrund stumpfer Gewalt entstanden sind, halte ich es für denkbar, dass der Mann ungefähr einen Tag vor seinem Tod massiv geschlagen wurde, aber erst am Sonntagmorgen den tödlichen Hieb auf den Kopf erhielt.«

Das war in der Tat neu. »Interessant.«

»Nicht wahr? Darüber hinaus lässt der Zustand seiner Haut den Schluss zu, dass er ziemlich ausgetrocknet und entsprechend geschwächt war«, ergänzte Möller. »Die Abdrücke der Fesseln belegen, dass er eine ganze Weile daran gezerrt und sich zu befreien versucht und schließlich entkräftet aufgegeben hat. Zum Mageninhalt kann ich noch nichts sagen. Im Moment spricht sehr viel dafür, dass der Mann dort eine ganze Weile festgehalten wurde und keine gute Zeit hatte.«

Romy pfiff leise.

»Sehen Sie. Dachte ich mir doch, dass Sie dieser Information erhöhte Aufmerksamkeit schenken würden«, sagte Möller, und er klang sehr zufrieden. »Haben Sie bereits die Tatwaffe gefunden?«

»Noch nicht. Was käme denn Ihrer Ansicht nach infrage?«

»Ein schwerer, länglicher, glatter Gegenstand«, antwortete Möller prompt. »In der Wunde fanden sich keinerlei Rückstände. Eine Glasflasche wäre denkbar.«

»Danke, Dr. Möller. Ich freue mich schon auf Ihren ausführlichen Bericht. Ach, bevor ich es vergesse: Wir brauchen den Zahnstatus des Opfers für einen Abgleich. Die Witwe wird sich unter Umständen weigern, eine Identifizierung vorzunehmen, und andere nahe Verwandte sind nicht verfügbar.«

»Wird erledigt.«

Romy verabschiedete sich, gab Fine das Telefon zurück und sah Kasper an. »Ich denke, wir sollten noch mal rausfahren.«

Der stand sofort auf. »Bin dabei.«

Romy schlüpfte in ihre Jacke, mit der Hand an der Klinke drehte sie sich noch einmal zu Fine um: »Kannst du dich schon mal um die Genehmigung für die Einsicht in Richardts Telefonverbindungen kümmern und die Alibis abklopfen – die Notizen müssten auf meinem Schreibtisch liegen?«

»Na klar. Mach ich sofort.«

Romy hatte den Roller in Bergen stehen gelassen und war in Kaspers Wagen mitgefahren.

»Wie dürfen wir uns das Szenario vorstellen?«, sinnierte Romy laut. »Jemand überfällt Kai Richardt am Samstagmorgen, als er sein Rad repariert – vielleicht waren es auch mehrere, das ist zum jetzigen Zeitpunkt völlig offen. Der Mann bezieht Prügel, aller Wahrscheinlichkeit nach aus persönlichen Gründen, denn geklaut wurde ja nichts. Er wird gefesselt und geknebelt zurückgelassen, einen ganzen Tag lang. Am Sonntagmorgen kehrt der Entführer zurück und gibt Kai den Rest. Warum? Ein perfides Spiel?«

»Kurzschlusshandlung«, schlug Kasper vor. Er bog auf die B 96 in Richtung Lietzow ab. »Vielleicht hat Kai etwas gesagt, was den Täter provoziert hat.«

»Ja, möglich, dass sie miteinander gesprochen haben, der Knebel lag daneben … Vielleicht war der Mord aber auch von Anfang an geplant.« Romy starrte zum Fenster hinaus. »Wir müssen uns seine Biografie genauer ansehen. Was ist mit dem ehemaligen Geschäftspartner? Warum haben die beiden sich getrennt? War die Ehe harmonisch?«

Sie schwiegen eine Weile. Als sie das Schloss von Lietzow mit seinem in der Morgensonne weiß schimmernden Turm hinter sich gelassen hatten, klingelte Schneiders Handy. Romy nahm das Gespräch an. Einer der Kriminaltechniker wollte Kasper sprechen.

»Der sitzt am Steuer«, erklärte sie. »Sie müssen mit mir vorliebnehmen.«

Wenn sie die Stimme richtig in Erinnerung hatte, war der hagere, unfreundliche Typ vom Vorabend am Apparat. Pluspunkte hatte der bei ihrer ersten Begegnung nicht gerade gesammelt.

»Ja, muss ich wohl«, gab er lakonisch zurück. »Wir haben in einem der anderen Kellerräume was Interessantes gefunden.« Er legte eine Pause ein.

Romy atmete tief durch. »Machen Sie es eigentlich immer so spannend, Kollege?«

»Nö. Aber bei Ihnen mach ich gern ’ne Ausnahme.«

»Super Idee, aber ich sage Bescheid, wenn ich scharf auf eine Sonderbehandlung bin!« Romy hätte vor Empörung beinahe das Handy fallengelassen. »Legen Sie schon los: Was haben Sie gefunden?«

Kasper warf ihr einen Seitenblick zu und schnalzte mit der Zunge.

»Ein Skelett.«

»Was?«

»Wir haben in einer ausrangierten Gefriertruhe ein Skelett gefunden«, wiederholte der Mann in aller Seelenruhe.

»Bis gleich.« Romy legte das Handy beiseite.

Kasper schnalzte erneut mit der Zunge. »Du, hör mal, der Marko ist ganz in Ordnung – ein guter Mann in seinem Fach, ein bisschen unwirsch manchmal, aber …«

»Der Marko kann mich mal! Der geht mir nämlich, gelinde ausgedrückt, ganz gewaltig auf die Eierstöcke. Aber das jetzt nur mal so nebenbei.« Romy zeigte auf den Tacho. »Gib Gas, Kasper. Die haben noch eine Leiche gefunden.«

In dem Keller standen etliche alte Kühl- und Gefrierschränke zwischen wurmstichigen Büromöbeln, die schon eine ganze Weile vor der Wende nicht mehr modern gewesen sein dürften. Die meisten lagerten dort seit über zwanzig Jahren, wie Bittner auf Nachfrage von Kasper Auskunft erteilt hatte.

»Auf den ersten Blick vermute ich, dass es sich um ein Frauenskelett handelt«, erläuterte Marko Buhl betont sachlich, während Romy ein Frösteln unterdrückte und sich über die Gefriertruhe beugte. »Es dürfte schon eine ganze Weile hier liegen. Nicht mal mehr Fasern von Kleidungsstücken sind vorhanden. Alles ratzfatz weg.«

»Das kann auch bedeuten, dass die Leiche nackt hier abgelegt wurde«, wandte Romy ein. »War der Deckel der Truhe geöffnet?«

Buhl stutzte und nickte dann. »Ja, zumindest einen kleinen Spalt. Insofern konnte Ungeziefer mühelos eindringen.«

»Sie sollte rasch zu Möller auf den Tisch. Können Sie das zwischendurch bewerkstelligen?«, fragte Romy, und sie gab sich Mühe, höflich zu klingen oder zumindest sachlich.

»Ich glaub schon.«

»Danke. Das weiß ich zu schätzen. Sehr sogar.«

Sie hätte durchaus noch die eine oder andere Bemerkung auf der Zunge gehabt, verkniff sich aber weitere Spitzen. Es wäre ziemlich dumm, wenn sie die reibungslose Zusammenarbeit mit den Kollegen von der KTU gefährdete, nur weil es zwischen Buhl und ihr nicht ganz so harmonisch lief – um es behutsam zu formulieren.

Romy drehte sich zu Kasper um, und sie gingen gemeinsam wieder nach oben. Die frische Brise tat beiden gut. Es roch nach Regen. Frühlingsregen.

»Wir müssen noch mal mit Bittner reden«, sagte sie und blickte kurz hinüber zum alten Fährhafen, wo zwei Krähne ihre Hälse in den blaugrauen Himmel reckten. »Die alten Schuppen bergen ja so manche ungute Überraschung. Außerdem können wir Verstärkung gebrauchen. Hier muss alles sehr gründlich durchsucht werden.«

Sie strich sich die Locken zurück. »Erst haben wir monatelang nur Kleinkram und dann gleich zwei Leichen auf einmal. Wer weiß, was da noch auf uns zukommt.«

»Vorschlag zur Vorgehensweise?«

»Ich telefoniere gleich mal mit Stralsund und hoffe, dass die uns ein paar Leute zur Verfügung stellen. Sprich mit Bittner und sorg bitte dafür, dass wir die Pläne von dem Grundstück bekommen. Es wäre mir ganz lieb, wenn du hier vor Ort die Stellung halten und dich auch mit den Sassnitzer Kollegen abstimmen könntest.«

»Schon klar«, stimmte Kasper zu. Abstimmung war seine Spezialität.

»Ich gucke mir in der Zwischenzeit mal Richardts Kontakte an und telefoniere. Ich hoffe, dass Fine mich dabei unterstützt. Sobald die Rechtsmedizin das Skelett zeitlich einordnen kann, geht’s weiter.«

Schneider warf ihr einen nachdenklichen Blick zu. »Was denkst du? Hat das Skelett in der Truhe was mit dem Richardt zu tun?«

»Kann ich mir nicht vorstellen.«

Ein Kollege aus Sassnitz brachte Romy nach Bergen zurück. Sie öffnete das Seitenfenster einen kleinen Spalt, atmete in tiefen Zügen die kalte Meeresluft ein und hielt nach den Rapsfeldern Ausschau, die in wenigen Wochen leuchten würden.

Wie sie es nicht anders erwartet hatte, war man in der Polizeiinspektion Stralsund alles andere als begeistert über ihre Anfrage nach zusätzlichen Leuten, versicherte ihr aber, dass man sich kümmern würde. Romy war klar, dass der Hinweis zunächst mal gar nichts bedeutete, aber zumindest freundlich klang.

Sie schnappte sich die Unterlagen, die Kasper aus Richardts Geschäft mitgebracht hatte, und teilte sich mit Fine, die darüber hinaus ihre üblichen Koordinierungsaufgaben wahrnahm, die Anrufliste. Die Mails waren auf einem Stick gespeichert, den sie zunächst beiseitelegte.

Nach zwei Stunden hatte Romy den Eindruck, genügend Hintergrundmaterial für eine zwölfstrophige Kai-Richardt-Lobeshymne gesammelt zu haben. Geschäftspartner, Kunden, Sportsfreunde – niemand hatte etwas an dem Mann auszusetzen gehabt oder konnte sich vorstellen, dass er Feinde hatte, und alle zeigten sich entsetzt über das tragische Geschehen. Minuspunkte? Fehlanzeige.

Fine zwängte sich durch die Tür und servierte Romy eine Tasse Kaffee, als die gerade das Gespräch mit Tim Beier beendet hatte, einem Fitnesstrainer und Laufkollegen aus Stralsund, der Inhaber eines Sportgeschäfts war und in den letzten Jahren gemeinsam mit Kai Richardt verschiedene Läufe und Triathlons organisiert hatte. Und natürlich völlig fassungslos war. Hatte Romy etwas anderes erwartet?

»Danke. Kann ich gut gebrauchen«, meinte sie seufzend zu Fine. »Gibt’s auch irgendwas zu essen?«

»Fischbrötchen?«

Romy verzog das Gesicht. »Na, ich weiß nicht. Mein Appetit darauf hält sich gerade in Grenzen.«

Fine lachte. »Wie wäre es mit selbstgebackenem Streuselkuchen?«

»Schon besser.«

»Komm mit nach vorne.«

Zwei Minuten später ließen sie es sich gemeinsam schmecken. Fine nestelte zwischen zwei großen Bissen einen Notizzettel aus ihrer Hosentasche.

»Ich kann schon mal was zu den Alibis sagen«, schlug sie mit undeutlicher Stimme vor und wartete Romys Nicken ab, bevor sie fortfuhr. »Vera Richardt hat die Kinder am Samstag gegen achtzehn Uhr bei ihren Eltern abgeliefert und war dann mit der Freundin im Kino, was von allen Seiten bestätigt wird. Bittners hatten Besuch, und sowohl Ehefrau als auch die Verwandten geben an, dass Thomas Bittner ab dem späten Samstagmittag zu Hause war …«

»Der Sonntagmorgen ist bei beiden nicht wirklich abgedeckt«, wandte Romy ein. »Die Witwe hat ausgeschlafen, Bittner war joggen … Na, mal gucken.«

Fine zuckte mit den Achseln und blickte wieder auf ihren Zettel. »Der Super-Kai war übrigens schon mal verheiratet.«

»Das ist nichts Ungewöhnliches«, entgegnete Romy. »Aber trotzdem ein interessanter Hinweis. Die Mister-Makellos-Nummer bringt uns irgendwie nicht weiter und wird, wenn du mich fragst, außerdem allmählich langweilig. Gibt es schon eine Telefonnummer von der Gattin Nummer eins?«

»Klar.« Fine schob ihr den Zettel über den Tisch zu und stand auf, als das Telefon klingelte. »Ich kümmere mich dann erst mal um den Exgeschäftspartner Jürgen Dreyer.«

»Okay.« Romy goss sich frischen Kaffee ein und ging zurück in ihr Büro.

Gattin Nummer eins hieß Ricarda und war nur vier Jahre mit Richardt verheiratet gewesen: von 1997 bis 2001. Inzwischen hieß sie mit Nachnamen Meinold, war also aller Wahrscheinlichkeit nach zum zweiten Mal verheiratet und lebte in Berlin. Fine hatte zwei Telefonnummern notiert, und Romy erreichte Ricarda Meinold unter dem Geschäftsanschluss einer Cateringfirma. Die Stimme klang herzlich.

»Guten Tag, Frau Meinold, mein Name ist Ramona Beccare«, stellte Romy sich vor. »Ich bin Kriminalkommissarin auf Rügen und rufe aus Bergen an. Hätten Sie ein paar Minuten Zeit für mich? Es ist sehr wichtig.«

Ricarda Meinold benötigte einige Sekunden, um ihre Überraschung zu verarbeiten. »Sie sind von der Kripo? Und das ist wirklich kein Scherz?«

»Nein, ganz und gar nicht. Sie können sich gerne vergewissern und mich im Kommissariat zurückrufen.«

»Nein, nein, schon gut … Aber Ihr Name klingt so gar nicht nach Rügen, wenn ich ehrlich sein soll.«

»Mein Vater stammt aus Italien«, sagte Romy ihren üblichen Spruch auf. Zum Heiraten bin ich nicht mehr gekommen. Mein Mann starb vorher.

»Eine Italienerin auf Rügen …« Ricarda Meinold lachte leise. »Mal was anderes. Ja, ich habe ein paar Minuten Zeit für Sie. Worum geht es denn?«

»Um Kai Richardt.«

Diesmal dauerte das Schweigen noch länger.

»Sie waren ein paar Jahre mit ihm verheiratet«, fügte Romy schließlich hinzu.

»Ja. Was ist mit ihm? Er hat doch hoffentlich nichts angestellt?«

»Nein, ganz im Gegenteil – ihm ist etwas passiert.«

Erneutes Schweigen.

»Es liegt ein schweres Gewaltverbrechen vor, Frau Meinold. Kai Richardt wurde getötet.«

Meinold atmete scharf ein. »Wie bitte? Er ist tot?«

»Ja, seit gestern. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist er erschlagen worden. Die Ermittlungen sind in vollem Gange, und in diesem Zusammenhang sprechen wir mit so vielen Leuten wie möglich und erhoffen uns Hinweise.«

»Sie haben noch niemanden …?«

»Nein. Und ein Motiv ist bislang auch nicht in Sicht. Ihr Exmann war angesehen und beliebt, sehr erfolgreich im Beruf und ein engagierter Sportler, außerdem verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern. Niemand kann sich vorstellen, welches Drama sich hinter der Tat verbirgt. Es gibt nicht mal den Ansatz einer Vermutung.«

»Aber … Sie sagten, er sei erschlagen worden. Ging es um einen Überfall oder hatte es jemand auf Kai …?« Sie brach ab.

»Dem Täter ging es um Ihren Exmann«, betonte Romy. »Das jedenfalls ist ziemlich sicher.«

»Ich verstehe, aber … Unsere Ehe liegt sehr lange zurück, und wir waren nicht lange verheiratet«, wandte Frau Meinold zögernd ein.

»Eben. Darf ich Sie fragen, warum Ihre Partnerschaft nach so kurzer Zeit gescheitert ist?«, fragte Romy geradeheraus. Damit kam man manchmal erstaunlich weit.

»Also, eigentlich …«

»Wir würden die Tat gerne aufklären, Frau Meinold, und jeder Hinweis, mag er im Augenblick auch noch so nebensächlich scheinen, kann zu einer Spur führen. Ich bin zurzeit gezwungen, ein wenig im Trüben zu fischen – wenn ich es mal so salopp ausdrücken darf.«

»Ja, klar, also … Moment bitte.« Es raschelte in der Leitung. »Entschuldigen Sie die Unterbrechung. Ich habe meine Bürotür geschlossen«, erläuterte sie kurz darauf. »Ich verstehe natürlich, dass Sie recherchieren und irgendwo anfangen müssen. Was ich Ihnen sagen kann, ist Folgendes: Kai hatte eine gänzlich andere Vorstellung von unserer Ehe als ich, wie sich bald herausstellte. Ich habe viele seiner Ansichten bezüglich unseres Zusammenlebens nicht geteilt, und das führte notwendigerweise zu Konflikten. Die Trennung war nur folgerichtig.«

Romy ließ die Worte einen Moment nachklingen. Allgemeiner konnte man das Scheitern dieser Beziehung wohl kaum ausdrücken, stellte sie im Stillen fest. »Könnten Sie vielleicht etwas konkreter werden, Frau Meinold?«

»Nun, er war altmodisch. Er wollte das Sagen haben, egal, worum es ging. Geschäftlich und auch privat«, ergänzte Meinold. »Es hat sich schnell gezeigt, dass ich so nicht leben wollte. Nicht konnte. Und er sah keine Veranlassung, mir entgegenzukommen.«

»Könnte man sagen, dass er ein herrischer Typ war? Autoritär?«

»Ja, das könnte man. Aber nach außen gab er sich stets freundlich, tolerant, amüsant und offen. Alle mochten ihn.«

»Interessant.« Romy bedauerte, dass sie der Frau nicht gegenübersaß, um ihre Gestik und ihren Gesichtsausdruck beobachten zu können. Sie hatte lange genug bei der Sitte gearbeitet, um leise Zwischentöne zu registrieren, wenn es um Beziehungsstress und Machtspiele ging. »War er gewalttätig?«

Schweigen. »Das ist alles sehr lange her, Frau Kommissarin. Ich will keine schmutzige Wäsche waschen …«

»Darum geht es nicht!«, unterbrach Romy die Frau. »Ich muss das Opfer und seine Persönlichkeit kennenlernen, um Indizien für mögliche Motive und Täter zu gewinnen.«

»Ja, schon … Ich will aber nicht mehr daran zurückdenken. Ich bin froh, längst ein ganz neues Leben begonnen zu haben. Verstehen Sie, was ich meine?«

»Ich denke schon. Aber in einem Mordfall kann ich darauf keine Rücksicht nehmen. Ich darf es nicht! Und an dem Punkt müssen Sie mich verstehen.«

Erneutes Schweigen. »Na schön. Ja – er war gewalttätig, manchmal. Ein Machtmensch, auf subtile Weise. Er hatte Charme für drei, aber wenn man seine Autorität infrage stellte, wurde es sehr ungemütlich. Mehr möchte ich nicht …«

»Glauben Sie, dass er sich geändert hat?«, fiel Romy ihr schnell ins Wort. »Immerhin liegt das alles sehr lange zurück.«

»Das kann ich nicht beurteilen, Frau Beccare. So viel Menschenkenntnis möchte ich mir nicht anmaßen – auf ihn bezogen schon mal gar nicht.«

»Wie meinen Sie das?«, hakte Romy nach.

»Nach einer Scheidung ist man meistens nicht allzu gut aufeinander zu sprechen. Meine Einschätzung wäre subjektiv gefärbt.«

»Das sind Einschätzungen meistens.«

»Ich denke, Sie wissen, was ich meine.«

Da wäre ich mir nicht so sicher, dachte Romy, ließ die Behauptung jedoch stehen. »Kannten Sie seine Eltern?«

»Zu denen bestand wenig Kontakt«, erwiderte Ricarda Meinold. »Die lebten in Lübeck. Und wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden …«

»Eine letzte Frage! Jürgen Dreyer, den ehemaligen Geschäftspartner – kannten Sie den?«

»Nein. Als ich Kai kennenlernte, war er bereits alleiniger Geschäftsinhaber.«

»Hat er mal etwas verlauten lassen, warum die Zusammenarbeit nicht funktionierte?«

»Wie viele letzte Fragen haben Sie eigentlich noch?«, bemerkte Meinold in nun deutlich genervtem Ton. »Nein, ich weiß nichts davon. Kai hat nicht darüber gesprochen. Und nun …«

»Danke für Ihre Geduld, Frau Meinold.«

Romy legte auf und stützte ihr Kinn auf die Hand. Mister Makellos hat seine erste Ehefrau geschlagen – davon war sie überzeugt. Sie blickte hoch, als Fine eintrat. »Der Dreyer lebt nicht mehr.«

»Oh.«

»Ist vor zwei Jahren gestorben – Krebs.«

»Versuch doch mal jemanden ausfindig zu machen, der Richardts geschäftlichen Start in Bergen mitbekommen hat und auch was dazu sagen könnte.«

»Ich tue mein Bestes«, erwiderte Fine. »Ich könnte mal bei der Bank nachhaken, aber sehr auskunftsfreudig sind die in der Regel ohne richterlichen Beschluss nicht. Hast du schon was rausgekriegt?«

»Kai hat seine erste Frau geschlagen.«

Fine nickte langsam. »Aha.«

»Und nun interessiert es mich natürlich brennend, was Vera Richardt dazu meint.« Romy stand auf und schnappte sich ihre Lederjacke. »Bis später.«

Die Witwe sah übernächtigt aus. Mit einem erneuten Besuch der Polizei hatte sie so schnell nicht gerechnet, und verschärften Wert legte sie auf eine weitere Befragung auch nicht, das sah Romy ihr an der Nasenspitze an.

»Ich fühle mich unwohl«, bemerkte sie, während sie sich abrupt umwandte und in die Diele ging. »Hätten Sie nicht wenigstens vorher anrufen können?«

»Ich war ohnehin gerade unterwegs, Frau Richardt«, gab Romy lapidar zurück. »Und in einem Mordfall tauchen manchmal ganz unvermutet neue Aspekte und Fragen auf, denen wir so schnell wie möglich nachzugehen bemüht sind.«

Ein schneller abschätzender Blick zurück. »Gehen wir in die Küche? Ich wollte mir gerade einen Tee kochen.«

Romy setzte ihr, wie sie meinte, besonders verbindliches Lächeln auf. Ob es auch so bei der Witwe ankam, konnte sie nicht mit Sicherheit sagen. »Gerne.«

Die Küche war größer als Romys Wohnzimmer und verfügte wahrscheinlich über gehobenen Gastronomiestandard, wie die Kommissarin nach einem schnellen Rundumblick mutmaßte. Schwarz-weiße Marmorfliesen blitzten vor Sauberkeit, der Herd thronte majestätisch in der Mitte des Raumes, Kupferpfannen hingen von freiliegenden Balken herab, und die Kühl-Gefrierkombination hatte die Dimension eines Kleinwagens.

Gut gefüllt könnte man wahrscheinlich wochenlang über die Runden kommen, ohne zu verhungern, dachte Romy, was in harten Wintern mit viel Schnee – so wie der letzte, als der Verkehr auf der Insel völlig zusammengebrochen war – sicherlich nicht die schlechteste Idee war. Richardts Geschäfte gingen augenscheinlich hervorragend. Oder die Familie hatte von Hause aus Geld. Oder beides.

Auf dem Esstisch am Fenster standen Blumen. Rosen. Es war auffallend still im Haus.

»Wo sind eigentlich Ihre Kinder?«, fragte Romy und blieb neben dem Herd stehen. »Schule? Kindergarten?«

»Nein. Sie sind bei meinen Eltern. Ich brauche Ruhe.«

»Ich verstehe.«

Vera Richardt warf ihr einen zweifelnden Blick zu und gab sich keinerlei Mühe, ihre Skepsis zu verbergen. Prima, sie mag mich nicht, und ich mag sie wahrscheinlich noch weniger, stellte Romy fest. Das war für die Ermittlungen alles andere als hilfreich, aber im Moment unabänderlich.

»Gibt es Neuigkeiten?«, fragte die Witwe und setzte den Wasserkessel auf. Sie bot Romy keinen Sitzplatz an.

»Der Laptop Ihres Mannes gibt nicht allzu viel her«, sagte die Kommissarin. »Die Festplatte wurde gelöscht beziehungsweise neu formatiert, und zwar ziemlich professionell, wie unser Fachmann sagt. Wissen Sie etwas darüber?«

Die Witwe nahm eine Tasse aus dem Schrank. »Kai hatte ihn erst seit kurzem und wollte sich am Wochenende damit beschäftigen«, erwiderte sie.

»Ich weiß, das sagten Sie bereits gestern. Kannte er sich gut aus mit Computern? Hat er häufiger mal einen PC völlig neu aufgesetzt?«

Vera Richardt nickte. »Ja, Technikkram interessierte ihn. Er wusste eine ganze Menge – soweit ich das beurteilen kann.«

»Ihr Mann hatte zu Beginn seiner Geschäftstätigkeit in Bergen einen Partner, Jürgen Dreyer. Hat er mal von dem erzählt?«, fuhr Romy fort.

»Nur beiläufig. Ich kenne den gar nicht.«

Der Wasserkessel pfiff. Die Witwe stellte eine bauchförmige Teekanne bereit und goss das Wasser auf. Dann sah sie auf die Uhr, bevor ihr Blick langsam wieder zu Romy wanderte. Sie strich sich das Haar nach hinten. »Haben Sie noch mehr Fragen? Ich würde nämlich gern …«

»Hat Ihr Mann Sie geschlagen?«

Vera Richardt erbleichte. »Wie bitte?«

»Sie haben mich ganz gut verstanden.«

»Wie kommen Sie …?«

»Ganz einfach. Die erste Ehe von Kai Richardt scheiterte an seiner Gewalttätigkeit.«

Die Frau ließ die Arme sinken und starrte sie perplex an. »Und was hat das mit mir, mit uns zu tun? Ich habe gestern meinen Mann verloren – durch ein schreckliches Gewaltverbrechen, das ich eben erst zu begreifen beginne –, und Sie stellen mir eine solche Frage! Etwas mehr Feingefühl wäre durchaus angebracht.« Ihr Ton war hoch und schrill.

»Ja, ich stelle Ihnen eine solche Frage«, antwortete Romy gelassen. »Weil sie förmlich auf der Hand liegt: Ihr Mann wurde ermordet, und eine geprügelte Ehefrau hat ein ganz gutes Motiv, oder?«

Vera Richardts Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. »Wie kommen Sie dazu …?«

»Erkläre ich Ihnen auch gern: Ich muss alle Möglichkeiten in Erwägung ziehen, auch wenn das nicht immer feinfühlig wirkt. Das ist mein Job, und im Übrigen geht es bei Mord selten feinfühlig zu. Ihr Mann starb am Sonntagmorgen …«

»Ich habe ihn am Samstag als vermisst gemeldet!«, fauchte Vera Richardt.

»Ich weiß.« Romy zuckte die Achseln. »Und?«

»Ich möchte, dass Sie jetzt gehen.«

»Das werde ich. Hat er Sie geschlagen – ja oder nein?«

»So ein Quatsch!«

Das war auch eine Antwort. Romy lächelte und wies auf die Blumen. »Schöne Rosen.« Damit drehte sie sich um und verließ das schmucke Haus.

Als sie zehn Minuten später ihre Vespa vor dem Polizeigebäude abstellte, fuhr Kasper gerade auf den Parkplatz. Sie wartete am Eingang auf ihn.

»Noch mehr böse Überraschungen?«, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. »Das nicht, aber …«

»Ja?«

»Lass uns erst mal hochgehen. Dann zeige ich dir die Pläne.«

Kasper nahm sich einen Kaffee und breitete eine Grundrisszeichnung von der Fischfabrik und den Nebengebäuden auf dem Besprechungstisch aus, während Fine nebenan lautstark mit einem Kollegen von der Bereitschaft diskutierte und das Telefon unablässig schrillte. Romy schloss die Verbindungstür.

Schneider wies mit dem Zeigefinger auf eines der alten Gebäude im Hintergrund der Fabrik. »Zur Orientierung: Hier ist die Werkstatt, in der Kai an seinem Rad gebastelt hat …«

»Hat man das eigentlich gefunden?«, fiel Romy ihm ins Wort.

Kasper nickte. »Es stand neben der Werkbank. Bittner hat es identifiziert – er war sich hundertprozentig sicher. Aber wir könnten es der Witwe auch noch mal zeigen.«

»Ja. Bei Gelegenheit.«

Kasper konzentrierte sich wieder auf die Zeichnung. »Hier, diesen kleinen Gang sind wir nach hinten durchgegangen, bis zum Treppenabgang in den Keller. Die Räume sind teils leer, teils voller Müll. Im vorderen Keller rechts von der Treppe lag die Leiche, in der hintersten Rumpelkammer haben die Kollegen das Skelett in der Truhe gefunden.«

Romy nickte, während sie sich auf der Zeichnung orientierte. Karten waren nicht ihre Stärke. Kasper wusste das und beschrieb die Gegebenheiten darum besonders ausführlich.

»Links von der Treppe befinden sich mehrere ineinanderübergehende Kellerräume, in denen die Kollegen sich vorhin gründlich umgesehen haben«, fuhr er langsam fort. »Der hinterste der Räume ist sehr schwer zugänglich und … ja, seltsam unauffällig.«

»Was heißt das?«

»Wenn man nicht sucht, findet man nichts.«

»Das ist meistens so«, gab Romy zurück. Sie lächelte.

Kasper lächelte zurück. »Wohl wahr. Wie dem auch sei. Wenn man sich durch das Gerümpel des vorderen Kellers hindurchgearbeitet hat, steht man ganz unvermutet vor einem leeren Stahlregal, hinter dem sich eine Tür befindet. Das Regal sieht relativ neu aus – jedenfalls nicht nach jahrzehntealtem Sperrmüll – und es lässt sich ohne sonderlichen Aufwand beiseiteschieben. Die Tür verfügt über ein neues Schloss, in dem ein Schlüssel von innen steckte, und der Keller ist geräumig und leer.«

»Aha. Na ja, vielleicht hat da kürzlich jemand aufgeräumt. Bittner dürfte das wissen.«

»Ganz sicher hat da jemand aufgeräumt. Es ist ungewöhnlich sauber in dem Keller. Da wurde vor nicht allzu langer Zeit gründlich geputzt. Außerdem gibt es ein Stromkabel neueren Datums. Bittner habe ich dazu schon befragt: Der weiß nichts davon.« Kasper strich sich durch den Bart.

»Vielleicht sollte ein zusätzlicher Lagerraum für Sportgeräte oder Ähnliches entstehen«, vermutete Romy. »Richardt hat unter Umständen eigenmächtig gehandelt, oder Bittner erinnert sich nicht an eine entsprechende Nachfrage von ihm. Die alten Gebäudeteile werden ihn kaum großartig interessieren.«

»Möglich, ja – die beiden waren eng befreundet, wie es scheint. Aber warum hat er einen Keller ausgewählt, der so weit von der Werkstatt entfernt ist? Warum nicht einen, der neben der Treppe liegt?«

»Hm, gute Gegenfrage«, kommentierte Romy. »Wie lange gibt es eigentlich diese Werkstatt schon?«

»Seit zehn, elf Jahren«, erwiderte Kasper prompt. »Bittner erzählte, dass Kai sie nahezu allein ausgebaut hat. Er hat sich da richtig reingestürzt. Das war wohl kurz nach der Trennung und Scheidung von seiner ersten Frau. Bittner schätzte, dass er sich ablenken musste, und hat ihm völlig freie Hand gelassen.«

Romy stutzte. »Will Bittner damit sagen, dass ihn die Trennung sehr mitgenommen hatte?«

Kasper nickte. »So habe ich das verstanden.«

»Interessant«, bemerkte Romy. »Seine Exfrau klang eher erleichtert.« Sie berichtete von ihrem Telefonat mit Ricarda Meinold.

»Oh.«

»Tja, und Vera Richardt hat mich fast rausgeschmissen, als ich sie vorhin fragte, ob ihr Mann gewalttätig war.«

»Was alles Mögliche bedeuten kann«, sinnierte Kasper mit zusammengezogenen Brauen. »Wie geht’s jetzt weiter?«

»Wir sollten ein bisschen Hintergrundarbeit leisten und uns im Archiv schlaumachen«, schlug Romy vor. »Gab’s Anzeigen wegen häuslicher Gewalt? Vielleicht anonym? Ist der Richardt sonst mal irgendwie aufgefallen? Außerdem möchte ich, dass wir die Witwe im Auge behalten.«

»Gut.« Er faltete die Zeichnung zusammen. »Und was den Hafen angeht: Die anderen Gebäude werden natürlich auch noch gründlich durchsucht. Dem Bittner schmeckt allerdings nicht, dass die Polizei das Gelände tagelang besetzt, aber …«

»Das können wir nicht ändern«, warf Romy ein. »Vielleicht sollten wir, um das Ganze zu beschleunigen, zusätzlich einen Leichenspürhund einsetzen.«

»Hab ich schon veranlasst.«

Romy lächelte anerkennend. »Ich bin beeindruckt.«

Das Telefon klingelte. Kasper nahm ab. Er lauschte eine ganze Weile konzentriert und sah Romy an. Das Ding hat eine Lautsprecherfunktion, dachte sie, aber sie verkniff sich den Hinweis. Schneider, ansonsten mit einem beeindruckenden Gedächtnis gesegnet, vergaß häufig, technische Finessen zu nutzen.

»Ja, danke. Ich werd’s ihr ausrichten.« Kasper legte auf. »Dr. Möller kann noch keine genaueren Angaben zum Skelett machen, außer dass es sich um eine Frau handelt – eine jüngere Frau. Grob geschätzt geht er davon aus, dass sie seit gut zehn Jahren dort unten liegt. Betonung liegt auf: grob. Es können auch acht sein oder zwölf oder sogar mehr …«

»Todesursache?«

»Dazu kann er im Augenblick natürlich auch noch nichts sagen. Er versucht DNA-Spuren zu gewinnen und macht eine Aufnahme vom Zahnschema. Vielleicht findet sich eine Übereinstimmung in der DNA-Datenbank, die uns weiterbringt.«

»Das wäre zu schön, um wahr zu sein«, seufzte Romy. »Klingt, als müssen wir alte Vermisstenfälle durchgehen, solange keine eindeutigen Hinweise vorliegen. Und zwar nicht nur von Rügen – die Frau kann ja von sonst wo stammen und hier abgelegt worden sein, zufällig oder geplant.«

Schneider runzelte die Stirn. »Das bedeutet, dass wir jetzt zwei Fälle an der Backe haben.«

»Genau. Hattet ihr so was schon mal auf Rügen?«

»Nö.«

Es klopfte, und Fine trat ein.

»Die Verstärkung aus Stralsund«, sagte sie in gewichtigem Tonfall und verdächtig breit lächelnd.

Hinter ihr tauchte ein zarter junger Mann mit langem seidigem Haar auf, das er zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Er trug Anzug und Krawatte, trat scheu lächelnd zwei Schritte nach vorne und nickte freundlich in die Runde.

Wahrscheinlich macht er eine Rolle vorwärts oder gleich einen Salto, wenn Fine ihm auf den Rücken klopft, überlegte Romy verblüfft, während sie die weichen Gesichtszüge des Mannes musterte.

»Maximilian Breder – er hat vor kaum einem Jahr seine Ausbildung beendet«, stellte Fine die Verstärkung vor. »Stralsund könnte ihn ein paar Tage entbehren.« Sie lächelte noch breiter, als würde sie dafür bezahlt werden.

Kasper hob die Hand. »Willkommen.«

Romy versuchte, ihre Überraschung zu verbergen, und ging ihm mit schnellen Schritten entgegen.

»Gut, dass Sie da sind«, erklärte sie. »Wir brauchen jemanden, der das Archiv durchforstet und zudem alte Vermisstenfälle durchgeht. Wäre das was für Sie?«

»Und ob«, sagte Maximilian mit bemerkenswert kräftiger Stimme. »Womit soll ich anfangen?«

3

Der Fünf-Uhr-Glockenschlag der nahen St. Marienkirche war gerade verklungen, als er sich entschied aufzustehen. Es hatte keinen Sinn, sich hin und her zu wälzen, wenn ihn ein Fall bis in den Schlaf verfolgte. Er warf einen Blick auf die leere Bettseite neben sich und warf die Decke zurück.

Früher hatte Anna seine Unruhe meistens mitbekommen und war wortlos aufgestanden, um ihm einen Tee zu kochen. Diese stille Übereinstimmung zwischen ihnen vermisste er am meisten. Er ging in die Küche und setzte den Wasserkessel auf.

Anna hatte ihn vor fast elf Jahren verlassen. Von einem Tag auf den anderen. Nach fünfundzwanzig Jahren Ehe. Er verstand das bis heute nicht. Es gab keinen anderen. Und keine andere. Sie hatten zwei Kinder großgezogen, die ihren Weg gegangen waren, und die DDR vergleichsweise unbeschadet überstanden. Keine dubiosen IM-Akten und bösen Überraschungen, keine heftigen Erschütterungen und starken Ausschläge. Keine großen Krisen und schlimmen Krankheiten. Keine Hochs und Tiefs. Vielleicht war es gerade das gewesen.

»Ich will noch was haben vom Leben«, hatte sie gesagt, aus dem Nichts heraus, wie es ihm vorgekommen war, aber sicherlich hatte er die Anzeichen schlicht übersehen, verdrängt, für unwichtig erachtet. »Was anderes als diese Insel, so schön sie auch sein mag, die Gleichförmigkeit unseres Alltags und all die Selbstverständlichkeiten zwischen uns. Zufriedenheit und Behaglichkeit allein reichen mir nicht. Nicht bis ans Lebensende. Wer weiß, wie schnell das kommt. Verzeih mir.«

Kasper goss den Tee auf und rieb sich die Stirn.

Nein, er verzieh ihr nicht. Nicht tief drinnen im Herzen – dort, wo er sich so schmerzhaft genau an alles erinnerte. An ihr Lächeln und ihre Worte, an ihre zärtlichen Berührungen und den lasziven Klang ihrer Stimme, wenn sie sich geliebt hatten und sie seinen Namen flüsterte, dass es ihm einen Schauer über den Rücken jagte – auch noch nach Jahren.

Er wusste immer noch, wie ihr Haar roch, wenn sie halbe Tage im Garten verbracht hatte oder mit den Kindern in Zittvitz am Bodden gewesen war, und sah immer noch vor sich, wie sie die Stirn runzelte, wenn sie die Aufsätze ihrer Schülerinnen und Schüler korrigierte. Anna war Deutschlehrerin am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium gewesen und hatte ihren Beruf geliebt. Wahrscheinlich mehr als mich, dachte Kasper, denn Lehrerin war sie immer noch, soweit er informiert war.

Manchmal verfluchte er sein gutes Gedächtnis. Es ließ ihn auch jetzt nicht schlafen.

Ein alter Vermisstenfall. Vielleicht erinnerte er sich so besonders gut daran, weil er in den gleichen Zeitraum fiel wie Annas Entscheidung, ihn zu verlassen. Seine plötzliche Einsamkeit und der unerträgliche Schmerz, der nicht abebben wollte, hatten seine Sinne zusätzlich geschärft.

Kasper rührte braunen Zucker in den Tee und trank zwei kleine Schlucke. Er war sicher, dass das Skelett im Sassnitzer Hafen einer jungen Frau gehörte, nach der in jenem Spätsommer gefahndet worden war, auch auf Rügen. Deren Großvater auf der Insel lebte und seinerzeit fassungslos und feindselig zugleich auf die Polizisten reagiert hatte. Und der allen Grund dazu gehabt hatte, ihnen nicht über den Weg zu trauen.

Kasper trank seinen Tee aus. Dann ging er unter die Dusche. Eine Viertelstunde später machte er sich auf den Weg ins Kommissariat.

Boxen macht den Kopf frei. Völlige Konzentration auf den Augenblick. Kein Abschweifen und Hadern mit dem Gestern, kein Abdriften ins Morgen. Der Ring und die Begegnung mit dem Gegner im Hier und Jetzt. Nur das zählte.

»Sonst ist die Nase schneller krumm, als ihr gucken könnt!«, erklärte Romy den vier fünfzehn- und sechzehnjährigen Jugendlichen, die an diesem frühen Morgen den Weg in die kleine Sporthalle gefunden und sich gemeinsam mit ihr aufgewärmt hatten.

»Okay, es geht weiter mit Schattenboxen. Achtet auf die technisch saubere Ausführung der Schlagkombinationen. Lieber langsamer, aber dafür korrekt.«

Sie boxte seit ihrer Polizeiausbildung. Ihr Vater war fast in Ohnmacht gefallen, als er davon erfuhr, und ihre Mutter hatte auch nicht gerade begeistert gewirkt, eher brüskiert und genervt, dass die Tochter mal wieder derart aus der Reihe tanzte und für familiären Unfrieden sorgte. Abgesehen davon, dass das Boxen ihre Reaktionsschnelligkeit sowie ein gutes Auge schulte und körperliche Fitness und Kampferfahrung wichtige Aspekte ihres Berufes waren, hatte die Abwehr ihrer Eltern den Sport für Romy umso interessanter gemacht.

Die Idee, mit Jugendlichen zu trainieren, vornehmlich jugendlichen Straftätern und sogenannten Problemkids, hatte sie schon in Köln in die Tat umgesetzt. Seit einigen Monaten engagierte sie sich im alten E-Werk in Sassnitz, in dem seit der umfangreichen Sanierung die unterschiedlichsten Jugendprojekte realisiert wurden, und bot Boxtraining an.

Anfangs war sie bestaunt, ausgelacht und angegafft worden. Das kannte sie schon: Sie war nicht nur eine Frau, noch dazu mit südländischem Aussehen, sondern gerade mal eins fünfundsechzig groß und höchstens achtundfünfzig Kilo schwer. Allein damit entsprach sie nicht unbedingt den Vorstellungen der Jugendlichen.

»Klitschko kann ich euch nicht bieten«, hatte sie gesagt. »Ich bin Romy, und meine Rechte ist ganz ordentlich. Davon abgesehen: Ihr lernt bei mir garantiert nicht, wie ihr wild zuschlagt und euren Gegner fertigmacht. Ihr lernt bei mir, Regeln einzuhalten und Respekt vor dem anderen zu zeigen – hier im Ring und vielleicht auch außerhalb.«

Das Motto hatte auch nicht gerade für Begeisterungsstürme gesorgt, doch mittlerweile nahmen regelmäßig zwischen zwei und acht jungen Leuten am Training teil. Zu einem Probekampf forderte sie niemand mehr heraus, seitdem sie Daniel – zwanzig Jahre alt, hundert Kilo schwer, große Klappe und tendenziell aggressiv – in der zweiten Runde auf die Bretter geschickt hatte. Nicht um ihn zu blamieren und vor den anderen kleinzumachen, sondern weil ihr nichts anderes übrig geblieben war. Der Junge hatte es darauf angelegt, sie aus dem Ring zu prügeln.

Daniel hatte sich wochenlang nicht sehen lassen, tauchte aber neuerdings hin und wieder auf, um aus sicherer Entfernung zuzusehen. Romy schätzte, dass er irgendwann wieder am Training teilnehmen würde.

Eine Stunde später verließ sie hellwach und frisch geduscht den Umkleideraum. Ihr Handy klingelte, als sie die Treppen des alten Fachwerkhauses hinuntereilte und gerade ihren Schlüssel aus der Tasche fischte.

»Bist du auf dem Weg?«, fragte Kasper.

»Ja, ich komme gerade aus dem E-Werk. Was Besonderes?«

»Gut möglich. Kannst du direkt hoch nach Glowe fahren?«

»Was wollen wir da?«, fragte Romy.

»Wart’s ab – wir treffen uns an der Hauptstraße, in circa zwanzig Minuten.«

Glowe war ein ehemaliges Fischerdorf im Nordosten der Insel zwischen Ostsee und Bodden. Romy, die kurz nach ihrem Umzug Rügen durchstreift und sich stückchenweise der so schmerzvoll nachklingenden Erinnerung an die wunderbaren Tage mit Moritz gestellt hatte, sah vor ihrem inneren Auge die Schaabe aufsteigen, den kilometerlangen malerischen Strand mit langgestrecktem Waldgebiet hinter den Dünen, die Fischerhäuser, den Seglerhafen, wo Moritz ein Boot gemietet hatte, mit dem sie zum Königsstuhl gefahren waren, wie Tausende andere Touristen auch. Ihr Herz klopfte plötzlich ungestüm.

Er hatte sein lachendes Gesicht mit geschlossenen Augen und weiß blitzenden Zähnen in die Sonne gehalten, das Haar zerzaust, auf der Nase tummelten sich die Sommersprossen, und er roch nach Sonnenmilch und Salz, nach der betörenden Süße eines perfekten Sommers. Romy hatte sich gar nicht sattsehen können an ihm. Ihre Sehnsucht war groß und intensiv gewesen. Kaum zum Aushalten, hatte sie damals gedacht und den Gedanken im Nachhinein mehr als einmal verflucht.

Bei ihrem zweiten einsamen Besuch in Glowe war sie mit zittrigen Beinen zum Strand hinuntergegangen. Auf den Buhnen hatten Möwen gesessen und sich das Gefieder vom Wind glätten lassen. Es war ein klarer Tag gewesen, und sie konnte bis hoch zum Kap Arkona sehen. Eine halbe Stunde hatte sie es dort ausgehalten, dann war sie zurückgegangen. An einem Imbissstand hatte sie einen Döner gekauft, der erstaunlich gut geschmeckt hatte.

Kasper parkte bereits vor dem »Schaabe«-Restaurant und öffnete die Wagentür, als Romy auf der L 30 in den Ort fuhr und neben ihm hielt.

»Willst du mich zum Essen einladen?«, fragte sie, als sie den Helm abgesetzt und sich zu ihm heruntergebeugt hatte.

»Ein anderes Mal, aber dann koche ich selbst.« Er strich sich nachdenklich durch den Bart und stieg aus.

»Ich habe die halbe Nacht nicht geschlafen«, meinte er unvermittelt. »Um sechs bin ich in die Dienststelle gefahren, weil ich keine Ruhe mehr hatte.«

Romy betrachtete ihn aufmerksam und schwieg. Zwischenfragen würden jetzt nur hinderlich sein.

»Ich hatte da was im Hinterkopf – einen Vermisstenfall, der bis heute unaufgeklärt ist – und habe mir vorhin die Akte rausgesucht.«

Auf Kaspers Gedächtnis war Verlass. Er erinnerte sich, wie Fine gern bestätigte, auch noch nach Jahren an scheinbar nebensächliche Einzelheiten, zumindest in besonderen Fällen.

»Die Frau wohnte in Rostock«, fuhr er fort. »Die Kollegen fragten auch bei uns nach, weil die Vermisste einige Wochen vor ihrem plötzlichen Verschwinden aus dem Rügen-Urlaub zurückgekehrt war. Das war im Spätsommer 2000.«

Kasper wandte sich um und bückte sich nach einem Ordner, der auf dem Beifahrersitz lag. »Beate Lauber, achtundzwanzig, Anwaltsgehilfin. Sie hat damals hier nicht nur Ferien gemacht, sondern auch ihren Großvater besucht, Heinrich Lauber, einen alteingesessenen Rüganer. Der Mann verlor völlig die Nerven, als wir bei ihm auftauchten, und hat uns quasi rausgeschmissen.«

»Verständlich.«

»Ja, schon. Aber dabei ging es nicht allein um das Verschwinden der Enkelin. Ein damaliger älterer Kollege erzählte mir mehr zu der Familiengeschichte.«

Romy wartete ab.

»Sagt dir die Bezeichnung ›Aktion Rose‹ etwas?«

Romy runzelte die Stirn. »Hilf mir auf die Sprünge.«

»Rügen zur DDR-Zeit. Walter Ulbricht hat bei einem Besuch festgestellt, dass sich viele Hotels und Pensionen in Privatbesitz befanden – zu seinem großen Ärger«, erzählte Kasper und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Wurde jedenfalls so berichtet. Passte nicht in die SED-Planwirtschaft, falls dir das überhaupt noch was sagt.«

»So jung bin ich nun auch wieder nicht, und zur Schule bin ich auch gegangen …«

»Umso besser. Jedenfalls war der große Genosse der Meinung, dass hier dringender Handlungsbedarf bestand, was im Übrigen recht gut zu dem Vorhaben passte, im Nordosten der Insel einen Kriegshafen auszubauen und darüber hinaus eine sogenannte Schutzzone Ostsee einzurichten. Kurzum, die Immobilien wurden also gebraucht: für die Armee, Arbeiter, Polizei. So hat man die Geschäftsinhaber in einer Nacht- und Nebelaktion kurzerhand wegen angeblicher Wirtschaftsvergehen eingesperrt, verurteilt und enteignet. Das war Anfang 1953 und nannte sich, wie gesagt, ›Aktion Rose‹. Immerhin: Die Verbrecher haben sich wenigstens eine hübsche Bezeichnung ausgedacht, findest du nicht?«

Romy schluckte. »Sag es durch die Blume, oder was? Und wie ging es weiter?«

»Nach dem Volksaufstand am 17. Juni wurde eine ganze Reihe der Verurteilten wieder freigelassen, ohne dass man sie jedoch rehabilitierte«, setzte Kasper seinen Bericht fort. »Viele haben die DDR damals verlassen. Von denjenigen, die geblieben sind, bekamen einige wenige die Möglichkeit, ihre Häuser teilweise wieder als Hotels zu nutzen. Sie waren jedoch gezwungen, sie zu den staatlich verordneten Niedrigpreisen zu vermieten, womit der Verfall vorprogrammiert war. Nach der Wiedervereinigung wurden die Geschädigten dann zwar rehabilitiert, aber den materiellen Schaden hat man ihnen nicht ersetzt.« Kasper schwieg einen Moment.

»Und Lauber war ein Geschädigter?«, riet Romy.

»Kann man so sagen. Heinrich Lauber war 1953 dreißig Jahre alt. Ihm gehörte ein hübsches kleines Strandhotel hier in Glowe, das er gemeinsam mit seiner Frau betrieben hat«, fuhr Kasper fort. »Die beiden hatten einen Sohn. Man hat Lauber eingesperrt und sein Hotel kassiert. Als er aus dem Gefängnis zurückkam, hatte man es zweckentfremdet. Er stand vor dem Nichts, bestand aber darauf, in Glowe zu bleiben. Seine Frau hat die Situation nicht ertragen und ist mit dem Sohn zu Verwandten nach Rostock gezogen. Nach der Wende hat Heinrich eine Rückübertragung beantragt, worauf man ihm nach langem Hin und Her mit der Treuhand das Haus zum Verkehrswert angeboten hat. Das konnte er sich aber trotzdem nicht leisten. Einen Kredit bekam er nicht – immerhin war er schon Ende sechzig. Ein Wessi hat schließlich den Zuschlag bekommen. Das Hotel dürfte längst eine Goldgrube sein.«

»Ach du Scheiße.« Romy fiel kein anderer Kommentar ein.

»Du sagst es. Es ist also ziemlich gut nachvollziehbar, dass Heinrich Lauber abweisend auf Polizisten reagiert. So war es damals auch, als wir Amtshilfe für die Rostocker Kollegen leisteten und ihn nach seiner Enkelin befragten.«

Kasper atmete tief durch. Romy konnte sich nicht erinnern, ihn je länger an einem Stück reden gehört zu haben. Er wirkte regelrecht erschöpft.

»Eine miese Geschichte«, bestätigte sie. »Zeitlich und vom Alter her könnte Beate Lauber durchaus zu dem Skelett passen, aber wäre es nicht besser, die ersten fundierten rechtsmedizinischen Ergebnisse abzuwarten und mit anderen Vermisstenfällen abzugleichen? Ich finde, wir haben ein bisschen wenig, um den alten Herrn damit aufzuschrecken …«

Kasper rieb sich das Kinn. »Der war schon damals davon überzeugt, dass ihr was passiert ist.«

»Wie meinst du das?«

»So drückte er sich aus – ich erinnere mich noch ziemlich genau daran: Die lebt nicht mehr, hat er gesagt. Die haben sie erledigt. Dann warf er uns die Tür vor der Nase zu und …«

»Wer ist die?«, fiel Romy ihm ins Wort.

»Das ist die Frage. Seinerzeit habe ich diese Bemerkungen Heinrichs Aufregung und seiner tiefsitzenden Verbitterung zugeschrieben, ohne mir andere Gedanken dazu zu machen. Doch jetzt finde ich es wichtig, dass wir ihn noch einmal befragen, wann Beate bei ihm war, was sie unternommen hat und so weiter. Vielleicht entdecken wir einen Hinweis.«

»Der Mann ist heute achtundachtzig, wenn ich richtig gerechnet habe«, wandte Romy vorsichtig ein.

»Hast du. Manche sind mit sechzig schon vergreist oder sogar mit vierzig oder kommen so zur Welt, andere laufen erst mit achtzig zur Hochform auf«, gab Kollege Schneider zu bedenken.

Romy musterte den Kollegen. Die Angelegenheit war ihm auffallend wichtig.

»Na gut, reden wir mit ihm«, stimmte sie zu. »Wir halten uns aber bedeckt, was das Skelett angeht.«

Kasper nickte.

»Wo wohnt der Mann jetzt?«

»Gleich um die Ecke in einem Altenheim vom Roten Kreuz. Ich habe mit der Chefin schon mal kurz telefoniert«, erläuterte Schneider. »Sie ist einverstanden, dass wir den alten Herrn besuchen und ein Gespräch in Gang zu setzen versuchen. Aber sie wirft uns achtkantig wieder raus, wenn wir den Heinrich verärgern. Hat sie gesagt. Und wir können davon ausgehen, dass sie meint, was sie sagt, und tut, was sie ankündigt.«

Jedes Jahr verschwanden in Deutschland Tausende von Menschen jeder Altersgruppe. Die meisten tauchten innerhalb kurzer Zeit wieder auf, einige fielen einem Verbrechen zum Opfer oder verunglückten, andere waren auch nach Jahren wie vom Erdboden verschluckt, und manch einer wurde nie als vermisst gemeldet.

Um dem Skelett im Sassnitzer Hafen möglichst schnell auf die Spur zu kommen, hatte Maximilian Breder eine IN-POL-Datenbank-Abfrage erstellt, mit der er auf bundesweite wie auch länderspezifische Falldaten zurückgreifen konnte. Dabei ordnete er den Basisinformationen – weiblich, zum Zeitpunkt ihres Verschwindens zwischen Anfang zwanzig und Ende dreißig Jahre alt – ein regionales Raster zu, das sich zunächst auf Mecklenburg-Vorpommern beschränkte, aber jederzeit erweitert werden konnte. Den Zeitraum des Verschwindens hatte er mit acht bis achtzehn Jahren bewusst großzügig gewählt.

Maximilian Breder liebte die Arbeit mit Datenbanken. Die Entwicklung von ausgeklügelten und präzise formulierten Filterfunktionen, die auf direktem Weg zu Antworten führten, zu denen die Fragen noch gar nicht gestellt waren, faszinierte ihn zutiefst. Er hätte eine weitschweifige Abhandlung über die Wichtigkeit von Bedingungssätzen und Überschneidungs-Abfragen schreiben können, wobei er in einem gesonderten Kapitel nahezu leidenschaftlich auf die seiner Ansicht nach oft vernachlässigten Feinabstimmungs- und Aktualisierungsprozesse eingegangen wäre; und einmal mit einer Aufgabe betraut, ließ er nicht wieder locker, bis der Fall abgeschlossen war.

Der junge Kommissar arbeitete sich beeindruckend schnell durch riesige Aktenberge beziehungsweise Datenmengen, um die für den jeweiligen Fall relevanten Informationen herauszufiltern und in komplexe Zusammenhänge einfließen zu lassen oder diese überhaupt erst zu ermöglichen. Er war gescheit und hochmotiviert, seine schnelle Auffassungs- und Kombinationsgabe wurde gerühmt und geschätzt, und er hatte diesbezüglich, und zwar nur diesbezüglich, viele Neider. Doch im Außendienst galt er als Null und Witzfigur, und während der Ausbildung hatte er es nicht gerade leicht gehabt.

Breder grauste es vor der direkten Auseinandersetzung mit Kriminellen oder auch nur Verdächtigen, am Tatort und in der Pathologie wechselte seine Gesichtsfarbe grundsätzlich ins Buttermilch-Grünliche, und er gehörte stets zu den Ersten, die würgend aus dem Raum stolperten. Am Schießstand erreichte Maximilian zwar passable Ergebnisse, und seine Fitnesswerte waren ganz okay, aber damit hatte es sich dann auch schon.

Wenn ihn jemand fragte, warum er zur Kripo gegangen war, antwortete er in der Regel im Brustton der Überzeugung, dass Verbrechen für ihn nichts anderes als eine Wissenschaft war, der er sich mit den Mitteln der hochkomplexen Datenerfassung zu nähern versuchte.

Toughe Kommissare gab es genug. Raffinierte Psychologen und Profiler mittlerweile auch. Verhörprofis, die meinten, bereits den Ansatz einer Lüge am verräterischen Zucken einer Augenbraue erkennen zu können, waren längst ein alter Hut. Aber Spezialisten, die alle im Laufe eines Falls zusammengetragenen Informationen in einer stetig wachsenden Datentabelle sammelten und daraus wichtige Hinweise für eine schlüssige Ereigniskette ableiten konnten, waren selten.

Seine letzte Freundin war begeistert gewesen, als Max ihr von seinem Berufsverständnis und den Anforderungen seines Aufgabenbereichs vorgeschwärmt hatte. Natürlich hatte er nicht erwähnt, dass ihn die meisten seiner Kommilitonen während der Ausbildung in Schwerin kaum ernst genommen hatten, sobald es um Ermittlungen und Einsatzfragen abseits des Schreibtisches ging, und auf seine beliebtesten Spitznamen – Listen-Max oder Raster-Breder – hatte er auch nicht hingewiesen.

Seine Lehrer hatten sich mehr als einmal gefragt, ob es eine vernünftige Idee war, Breder zum Kriminalbeamten auszubilden, und Max hatte ihre Bedenken durchaus nachvollziehen können. Glücklicherweise waren seine Vorgesetzten bislang weder in Schwerin noch in Stralsund auf die Idee gekommen, den zarten Max in den Einsatz zu schicken. Er klebte an seinem Schreibtisch, und da die überwiegende Mehrzahl seiner Kollegen genau das nicht anstrebte, waren alle glücklich mit dieser Arbeitseinteilung.

Max hoffte, dass es in Bergen genauso sein würde, und tat alles dafür, seinen Einstiegsjob zur vollen Zufriedenheit zu erledigen, mehr noch: so bravourös, dass niemand sich vorstellen konnte, ihn je abseits seines Computers einzusetzen.

Beate Lauber stand ganz weit oben auf der Liste, nachdem Max die Ergebnisse der ersten Abfrage sortiert hatte – gefolgt von etlichen anderen Namen. Einige davon erwiesen sich bei der Recherche als aufgeklärte Fälle, entweder weil die Frauen Opfer eines Verbrechens oder eines tragischen Unglücks geworden oder nach einer Entführung zurückgekehrt waren.

Zwei Fälle erregten Maximilians Aufmerksamkeit, weil die Frauen nach der Rückkehr in ihre Familien ähnlich klingende Aussagen gemacht hatten: Maria Bernburg aus Greifswald war im Frühjahr 1995 für knapp zwei Wochen verschwunden, und Mirjam Lupak, die aus Stralsund stammte, hatte sich im Herbst 2005 zehn Tage in den Händen eines Entführers befunden.

Die Ereignisse lagen zeitlich weit auseinander, dennoch hatte die Polizei bei ihren damaligen Nachforschungen einen Zusammenhang zwischen dem Lupak- und dem Bernburg-Fall vermutet – ohne jedoch zu einem Ergebnis zu kommen, geschweige denn einen Verdächtigen ins Auge zu fassen. Die Ermittlungen verliefen seinerzeit im Sande.

Max speicherte die Fälle in seiner Datenbanktabelle ab. Man konnte nie wissen.

Heinrich Lauber saß am Fenster im Gemeinschaftsraum und las Zeitung. Ein kleiner knorriger Mann mit schlohweißem raspelkurzem Haar und Schnauzbart. Seine Gesichtsfarbe zeugte von frischer Luft und Sonne. Er sah hoch, und Romy traf ein forschender Blick aus schmalen stahlblauen Augen, in denen Intelligenz und Wachheit um die Wette funkelten.

»Morgen, Herr Lauber«, sagte sie lächelnd. »Dürfen wir uns einen Augenblick zu Ihnen setzen?«

Laubers Blick wanderte hinüber zu Kasper. Der grüßte ebenfalls.

»Kommt drauf an«, erwiderte Lauber und fixierte wieder Romy. »Wollen Sie schon wieder eine Befragung durchführen?«

»Was für eine Befragung?«

»Zufriedenheit hier im Heim und so weiter. Statistischer Kram für den MDK.« Er betonte die einzelnen Buchstaben mit unüberhörbarer Verächtlichkeit. »Da hab ich keinen Bock drauf. Wenn mir was nicht passt, sag ich das den Leuten selbst – das können Sie wohl annehmen.«

»Tue ich gerne. Nee, deswegen sind wir nicht hier.«

»Sondern?«

»Wir kommen aus Bergen«, sagte Romy und stellte Kasper und sich kurz vor. »Kriminalpolizei. Unter Umständen können Sie uns weiterhelfen.«

Lauber straffte die Schultern und schüttelte entrüstet den Kopf. »Ich rede nicht mit der Polizei – unter gar keinen Umständen. Sie können sich gleich wieder vom Acker machen.«

Er wies in Richtung Tür, für den Fall, dass die Kommissare vergessen haben sollten, wo sich der Ausgang befand.

»Wir bearbeiten einen schwierigen Fall, bei dem das Verschwinden Ihrer Enkelin eine Rolle spielen könnte, und wir brauchen Ihre Unterstützung«, ergänzte Romy unbeirrt.

Lauber verschränkte die Arme vor der schmalen Brust. »Ihr Problem. Sie können mich ja mal versuchen vorzuladen.« Er schlug mit dem Handrücken auf die erste Seite seiner Zeitung und schüttelte erneut den Kopf. »Gehen Sie!« Sein Ton war unmissverständlich.

»Herr Lauber …«

Sein Kopf schnellte vor. »Ich habe im Zuchthaus Bützow-Dreibergen gesessen, nachdem mich zwei Polizeischüler verhaftet, ein ausgesuchter Staatsanwalt angeklagt und ein für die ›Aktion Rose‹ eingesetzter Richter verurteilt hatte. Und später hat sich niemand verantwortlich gefühlt für den ganzen Scheiß, den man mir angetan hat! Mit euch habe ich nichts mehr zu schaffen«, fuhr er sie scharf an und zeigte mit einem knochigen Zeigefinger auf sie. Seine Hand zitterte.

»Das verstehe ich, aber es geht auch um Ihre Enkelin. Sind Sie nicht daran interessiert …?«

»Nein. Sie ist längst tot. Das weiß ich. Und nun gehen Sie endlich!«

Damit wandte er den Blick ab und blätterte laut raschelnd um. Zwei Tische weiter warf eine weißhaarige Frau Lauber einen missbilligenden Blick zu, bevor sie aufstand und kopfschüttelnd das Weite suchte.

Romy musterte Heinrich Lauber einen Moment, dann griff sie kurzerhand einen Stuhl vom Nebentisch, schob ihn an Laubers Tisch und setzte sich ihm gegenüber. Kasper holte tief Luft.

Lauber hob ruckartig den Kopf. »Sie können mich nicht zwingen, aber ich kann Sie …«

»Ich weiß – völlig klar. Sie können uns rausschmeißen lassen, und zwar jederzeit. Aber bevor Sie das tun, gewähren Sie mir einen letzten Versuch!«, unterbrach Romy ihn eilig und beugte sich vor. »Wenn ich Sie dann nicht überzeugt habe, gehen wir sofort und kommentarlos!«

Er starrte sie aus schmalen Augenschlitzen stumm an. Ihre Hartnäckigkeit schien ihm zu imponieren, aber er traute ihr nicht zu, ihn zum Einlenken zu bewegen.

»Ich war 1953 noch nicht mal geboren«, begann Romy nach kurzem Schweigen leise zu erzählen. »Mein Vater stammt aus Neapel und lebt in München. Als die Mauer fiel, war ich dreizehn Jahre alt und habe keine Ahnung gehabt – weder von der DDR noch von der ›Aktion Rose‹. Was man Ihnen angetan hat, ist eine riesengroße Schweinerei. Nur ich kann nichts dafür, gar nichts! Ich mache meinen Job, und ich will ihn gut machen. Und wenn es dabei nicht auch um Ihre Enkelin Beate ginge, wären wir gar nicht hier.«

Lauber blickte kurz hoch zu Schneider und fixierte dann erneut Romy. Sekundenlang. Mit unerbittlich scharfem Blick. Schließlich lehnte er sich zurück.

»Was wollen Sie wissen?«, stieß er hervor.

Romy atmete tief durch. »Danke«, sagte sie leise und nickte dem alten Herrn zu, während Kasper sich ebenfalls setzte.

Lauber machte eine wegwerfende Handbewegung und gab sich Mühe, keinerlei Regung zu zeigen.

»Beate hat in jenem Sommer Urlaub auf Rügen gemacht«, sagte Romy. »War sie häufiger bei Ihnen zu Besuch?«

»Alle Jubeljahre mal. Ist ja auch nicht so einfach mit einem griesgrämigen, alten Großvater …« Er räusperte sich.

»Können Sie sich an Einzelheiten erinnern? Hat sie sich mit Leuten getroffen? Von besonderen Ereignissen oder Begegnungen berichtet?«

»Sie wollte ausspannen, hat sie gesagt«, antwortete er zögernd. »Aber ich habe gleich gemerkt, dass es nicht nur darum ging.«

»Wie meinen Sie das?«

»Sie war viel unterwegs. Auch im Hotel … in meinem Hotel.«

»Was wollte sie da?«

»Mit den Besitzern reden. Sie auf die Geschichte des Hotels aufmerksam machen«, antwortete Beates Großvater leise. »Auf das, was man damals mit mir gemacht hat. Mit mir und anderen. So was in der Art.«

»Und? Wie reagierten die?«

Lauber schüttelte den Kopf. »Beate erzählte keine Einzelheiten, aber sie wirkte ziemlich frustriert. Ich habe ihr gesagt, sie soll die Finger davon lassen. Nach all den Jahren … warum sollte sich jemand dafür interessieren …?« Er winkte ab. »Aber sie hatte schon immer einen ziemlichen Dickschädel.«

Von wem sie den wohl hatte.

Lauber kniff die Augen zusammen und sah sie forschend an. »Ich weiß genau, was Sie denken!«

Er runzelte die Stirn, aber besonders verärgert wirkte das in diesem Augenblick nicht. »Sie wollte jedenfalls nicht einfach aufgeben. Sie hatte herausgefunden, dass es wohl mehrere Besitzer gab, Geldgeber, Investoren, wie es immer so schön heißt. Und die wollte sie abklappern.«

»Aber mit wem sie gesprochen hat, wissen Sie nicht?«

Lauber schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe keine Ahnung. Sie ist dann zurück nach Rostock und sagte, sie meldet sich. Sie konnte gut mit ihrem Chef – dem Anwalt. Vielleicht wollte der ihr weiterhelfen. Ist aber nur eine Vermutung von mir.«

»Wissen Sie, wie ihr Chef hieß?«

»Ja – das war ein Dr. Kranold.«

»Herr Lauber, damals sagten Sie den Polizeibeamten, dass Beate erledigt worden wäre – von denen.«

Er kniff die Augen zusammen. »Das stimmt. Sie haben ja mitgekriegt, dass ich nicht gerade begeistert reagiere, wenn welche von Ihrer Sorte vor der Tür stehen – das ist das eine. Das andere, nun … Das Hotel hat uns kein Glück gebracht, und ich hatte sofort den Gedanken, dass Beate vielleicht den falschen Leuten auf die Füße getreten ist. Würde zum Schicksal unserer Familie passen.« Er zuckte mit den Achseln. »Wie gesagt – nur ein Gedanke, den ich nicht ausgeführt habe. Man hätte ihm sowieso keine Beachtung geschenkt.«

Wahrscheinlich nicht. Der Hinweis ist nicht ernst genommen worden, dachte Romy. Ein niedergeschlagener und verdrossener alter Mann gibt ein paar heftige Kommentare von sich – verständlich nach allem, was er durchlebt hat. Da muss man nicht ernsthaft bei jeder Bemerkung nachhaken. Vielleicht doch.

»Erlauben Sie noch eine persönliche Frage?«, fügte Romy abschließend hinzu.

»Ich habe das dumme Gefühl, dass Sie sich kaum davon abhalten lassen.«

Sie lächelte. »Was ist aus Ihrer Familie geworden?«

Lauber wandte den Blick kurz ab. »Meine Frau, meine Exfrau, ist vor zwei Jahren gestorben. Sie hatte wieder geheiratet und wohl noch ein ganz passables Leben geführt. Gut so. Mein Sohn ist 1995 ausgewandert: nach Neuseeland. Manchmal schreibt er Postkarten. Ist wohl schön da.«

»Haben Sie ihn seinerzeit wiedergesehen, als Ihre Enkelin verschwand?«

»Er kam für ein paar Tage.« Lauber schluckte. »Er konnte nicht länger bleiben. Ich habe das verstanden. Die Insel hat es nicht gut mit unserer Familie gemeint. Nur ich bin noch hier. So schnell gebe ich nicht auf.«

Er hat es verstehen wollen, dachte Romy. Sie streckte die Hand aus, um sich zu verabschieden. »Herr Lauber …«

Er schüttelte den Kopf und ignorierte ihre Hand. »Warten Sie! Warum jetzt all diese Fragen?«

»Wie schon gesagt, wir arbeiten an einem Fall …«

»Was für ein Fall?«

»Ein Mann ist erschlagen worden.«

»Und was hat das mit Beate zu tun?«

»Genau das wissen wir eben nicht.«

Der alte Mann schüttelte energisch den Kopf. »Sie reden Stuss! Wie kommen Sie auf Beate?«, fuhr er sie an.

Kasper beugte sich vor und meldete sich erstmals bei der Befragung zu Wort. »Es gibt eindeutige Hinweise, dass an dem Ort, an dem wir den Mann gefunden haben, vor langer Zeit ein weiteres Verbrechen geschehen ist. Und wir prüfen nun die Umstände.«

»Aha. Und wo habt ihr den Mann gefunden?«

»In Sassnitz – am Hafen.«

Lauber runzelte die Stirn. »Beate war auch in Sassnitz unterwegs, aber ich weiß nicht, wo.«

Als Romy ihm nach langem Schweigen erneut die Hand entgegenstreckte, griff Heinrich Lauber zu und drückte sie erstaunlich kraftvoll. »Wenn ihr was findet, sagt mir Bescheid.«

»Das tun wir.«

»Versprochen?«

»Ehrenwort.«

Lauber nickte nach kurzem Zögern, und Romy sah ihm einen Moment in die Augen, bevor sie aufstand und sich verabschiedete.

Zwei Minuten später standen sie vor der Tür des Seniorenheims. Die Kommissarin lehnte sich gegen ihren Roller, während Kasper mit verschränkten Armen sinnierend in die Ferne blickte. Ein Bus mit Münchner Kennzeichen fuhr an ihnen vorbei.

»Wem gehört das Hotel jetzt?«, fragte Romy.

»Keine Ahnung.«

»Hast du ein Foto von Beate dabei?«

Kasper nickte. »Klar.«

Romy sah auf ihre Uhr. Noch früh am Tag. Sie wählte Fines Nummer im Kommissariat.

»Ist unser Neuer schon da?«, fragte sie, kaum dass Fine sich mit dröhnender Stimme gemeldet hatte.

»Schon längst. Scheint ein fleißiger Junge zu sein. Sitzt wie angewachsen vor dem Computer und recherchiert wie ein Weltmeister. Er sucht alles zu alten Vermisstenfällen zusammen, was er nur finden kann, und ordnet sie nach festgelegten Aspekten in einer eigens angelegten Datenbank«, erläuterte Fine begeistert und vergleichsweise ausführlich. »Klingt total spannend, was der Junge da macht. Und ziemlich schlau.«

»Wie schön«, kommentierte Romy zurückhaltend. Computer- und Statistikfreaks würden ihr immer fremd bleiben – wahrscheinlich weil sie selbst auf dem Gebiet nicht gerade glänzte.

»Ich brauche mal ganz schnell eine Info, Fine. Heinrich Lauber, Jahrgang 1923, hatte in Glowe ein Hotel am Strand, jedenfalls bis Herr Ulbricht 1953 meinte, dass er es für DDR-Zwecke bräuchte. Ich muss wissen, wer im Jahr 2000 Besitzer war.«

Fine machte eine längere Pause. »Hab ich was verpasst? Ein weiterer Fall? Noch dazu in Glowe?«

»Nein, ich hoffe nicht. Kasper hat sich im Zusammenhang mit dem Skelettfund an einen alten, unaufgeklärten Vermisstenfall erinnert: Beate Lauber aus Rostock verschwand im Spätsommer 2000, kurz nach einem Urlaubsaufenthalt auf Rügen. Sie war damals achtundzwanzig Jahre alt«, erläuterte Romy. »Heinrich Lauber ist ihr Großvater. Vielleicht taucht ja der Name sogar schon in Max’ Datenbank auf …«

»Kann ich mir gut vorstellen!«

»Später dann mehr zu den Einzelheiten. Kriegt ihr das in Kürze hin? Wir sind nämlich gerade vor Ort und würden dem Hotel gerne sofort einen Besuch abstatten. Ein paar Vorabinformationen wären dabei hilfreich. Wir setzen uns solange in die ›Schaabe‹ und trinken einen Kaffee oder auch zwei.«

»Einer reicht – ich spute mich.«

Fine meldete sich eine gute halbe Stunde später.

»Ich habe einiges für euch«, kündigte sie an. »Also: Es geht um das kleine Strandhotel am Königshörn. Ab 1953 war nach der ›Aktion Rose‹ die Volkspolizei und später dann die Kreisverwaltung drin. Nach der Wende hat es schließlich ein Typ aus Bad Segeberg gekauft, Hinz Posall, der hatte wohl gute oder sogar allerbeste Kontakte zur Treuhand. Da war es allerdings ziemlich marode und musste …«

»Wie kommst du darauf, dass er gute Treuhand-Kontakte hatte?«, fiel Romy ihr ins Wort.

»Da gehe ich mal ganz stark von aus, denn es lag ein Rückübertragungsanspruch des Altbesitzers vor, der aber nicht realisiert werden konnte«, erwiderte Fine. »Posall hat dann ziemlich schnell den Zuschlag bekommen. Das spricht nach meinen Erfahrungen für allerbeste Kontakte.«

Romy nickte. Fine war Ende fünfzig und auf Rügen geboren und aufgewachsen. Sie wusste, wovon sie sprach.

»Verstehe. Lauber fehlte das Geld, und er galt als nicht kreditwürdig«, resümierte Romy.

»Kann man annehmen. Ende 1999 wurde es dann von einer GmbH übernommen und komplett saniert. Geschäftsführer blieb allerdings der Posall, und er ist es auch heute noch«, fuhr Fine fort.

»Wer sind die Gesellschafter?«

»Mehrere Geschäftsleute … warte mal, das steht auf einem gesonderten Blatt. Ich hab’s gleich … Ach, nee, ne?«

»Mach’s nicht so spannend!«

»Einer der Gesellschafter ist Thomas Bittner, ein anderer heißt Klaus Posall, vielleicht ein Bruder von Hinz«, mutmaßte Fine. »Und … der dritte Gesellschafter, das glaubst du jetzt nicht, ist die Firma von Kai Richardt.«

Romy schwieg beeindruckt.

»Bist du noch dran?«

»Ja.«

»Interessant, oder?«

»Das kannst du laut sagen.«

»Wann kommt ihr eigentlich zurück?«, schob Fine hinterher. »Ach, noch was – unser Max hat Beate Lauber tatsächlich bereits in seiner Datenbank erfasst«, erörterte sie in eindeutig stolzem Unterton, bevor Romy auf ihre Nachfrage eingehen konnte. »Außerdem ist er auf zwei weitere Vermisstenfälle gestoßen, die wir uns mal genauer ansehen sollten …«

»Warum?«

»Weil die wohl in das regionale Raster fallen, wie er bemerkt hat«, entgegnete Fine.

Regionales Raster? Romy schwirrte der Kopf. Als hätten sie nicht mehr als genug zu tun. Sie atmete tief durch.

»Gut, sehe ich mir später an. Wir fahren jetzt zunächst in das Hotel und kommen danach zurück«, erwiderte sie. »Vielleicht treffen wir ja diesen Posall an. Könntest du noch einen kleinen, aber sehr wichtigen Job übernehmen?«

Fine schnaubte. »Nett, dass du wenigstens fragst. Wir haben ja hier sonst kaum was zu tun.«

Romy lächelte. »Mach doch mal den Zahnarzt von Beate Lauber in Rostock ausfindig. Die Frau hat als Anwaltsgehilfin in der Kanzlei von Doktor Kranold gearbeitet. Ein Abgleich mit dem Zahnstatus des Skeletts ist, glaube ich, eine ganz brauchbare Idee und bringt, wenn wir Glück haben, zügig ein Ergebnis. Aber nicht vergessen: Bislang geht es nur um eine allererste Vermutung, der wir behutsam nachgehen!«

»Verstehe. Keine Einzelheiten.«

»So ist es.«

»Sonst noch was?«

»Wenn die Kollegen am Hafen etwas finden …«

»Melde ich mich sofort, na klar. Und ich melde mich natürlich auch, falls der Möller anruft.«

»Danke. Ach, noch was: Falls der fleißige Max noch Nachschub an Arbeit braucht, drücke ihm einfach die Mails, Kundenlisten und sonstigen Kontaktdaten von Richardt in die Hände. Vielleicht kann er die auch in irgendein hübsches Raster packen und findet auf dem Weg heraus, wer dem tollen Kai vielleicht doch nicht ganz so wohlgesinnt war …«

»Du machst dich jetzt aber nicht lustig über ihn?«

»Gott bewahre – nein!« Romy verdrehte die Augen.

»Dann ist ja gut.«

»Bis später.«

Romy steckte ihr Handy ein und blickte Kasper an. »Fine ist dabei, unsere Stralsunder Unterstützung zu adoptieren. Das aber nur am Rande. Lass uns fahren.«

»Wohin?«

»Königshörn. Du glaubst es nicht – Thomas Bittner und unser Kai Richardt beziehungsweise sein Geschäft sind seit Ende 1999 Mitgesellschafter des Hotels. Vielleicht sind sich Beate Lauber und Richardt sowie Bittner sogar mal über den Weg gelaufen. Was gar nichts heißen muss …«

»Aber kann.«

»Genau.«

4

Das Hotel folgte hundertzehnprozentig dem Stil der mondänen Bäderarchitektur – eine grellweiß verputzte Villa, die von gepflegten Grünanlagen umgeben und mit filigranen Veranden und Balkonen, zahlreichen Türmen und Erkern herausgeputzt und auf den Ansturm der Rügen-Urlauber bestens vorbereitet war.

Man kann es mit dem mediterranen Flair auch übertreiben, dachte Romy mit unterdrücktem Seufzen, während sie in einer Sitzecke im Foyer zwischen plätscherndem Brunnen und zwei lebensgroßen Büsten prominenter Inselsöhne – Caspar David Friedrich und Ernst Moritz Arndt, wie sie den Plaketten entnahm – auf den Geschäftsführer warteten. Sie hätte glatt ihren Roller darauf verwettet, dass die neue Anlage mit Heinrich Laubers ursprünglichem Hotel kaum noch etwas gemein hatte. Bis auf den Standort. Es mochte voreingenommen sein, aber sie hätte sich für ein Zimmer in Laubers Hotel entschieden – wenn sie die Wahl gehabt hätte.

Hinz Posall hatte kaum fünf Minuten später Zeit für sie. Der Geschäftsführer war ein rothaariger, bleichgesichtiger Mann von schätzungsweise Mitte fünfzig, der leicht ins Schwitzen geriet. Er dürfte gerade mal eins siebzig groß sein, schätzte Romy, und hatte ungefähr die Figur von Danny DeVito und auch dessen flinke Augen. Er bat die Kommissare freundlich lächelnd in sein Büro hinter der Rezeption und ging bemerkenswert leichtfüßig voran.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte er und wies einladend auf eine Sitzecke am Fenster.

Das Meer lag direkt vor ihnen. Schaumgekrönte Wellen unter hellblauem Himmel und windzerfetzten Wolkenbänken. In der diesigen Ferne die graue Silhouette einer Fähre, vielleicht die nach Trelleburg.

Was für ein Ausblick, dachte Romy. Hier käme ich nie zum Arbeiten. Sie setzte sich mit dem Rücken zum Fenster. »Danke, dass Sie uns so spontan empfangen.«

»In der Vorsaison ist das kein Problem«, erwiderte Posall. »Aber wenn das Haus im Sommer voll ist …« Er winkte ab und strahlte. Dann wandte er sich Kasper zu.

»Hat einer meiner Gäste was angestellt?« Er lächelte breit und runzelte dann unvermittelt die Stirn. »Ach je, jetzt weiß ich, warum Sie hier sind. Es geht um Kai, nicht wahr? Natürlich geht es um Kai.«

Er atmete tief ein und schüttelte den Kopf, als wunderte er sich über seine Gedankenlosigkeit.

Romy nickte. »Ja. Sie haben davon gehört?«

Posall drehte sein Gesicht der Kommissarin zu, sichtlich erstaunt, dass sie das Wort an ihn richtete. »Natürlich, Thomas Bittner hat mich am Sonntagabend angerufen. Ich konnte es zunächst gar nicht glauben …«

»Waren Sie eng befreundet?«

»Ich kenne Kai seit ewigen Zeiten. Aber Freundschaft ist für mich immer noch ein großes Wort.« Er schüttelte nachdenklich den Kopf. »Nein, eng befreundet waren wir nicht.«

»Kennen Sie ihn länger als zwanzig Jahre?«

Hinz Posall warf ihr einen verblüfften Blick zu. »Ja, so um den Dreh. Meine Güte, wie die Zeit vergeht. Wir sind aber eher Geschäftspartner als dicke Freunde oder Sportkollegen. Im Gegensatz zu Bittner tauge ich nicht gerade als Laufpartner, wie Sie bereits unschwer festgestellt haben dürften.« Posall verzog leicht amüsiert den Mund. »Noch nie gewesen. Kai sagte mal, meine Größe wäre perfekt, nur das Gewicht müsste ich noch halbieren – dann könnte ich läuferisch durchaus was auf die Beine stellen. Er fand das Wortspiel übrigens ganz lustig. War aber noch nie mein Sport, wenn ich ehrlich bin.«

Romy lächelte. »Wie haben Sie Kai Richardt eigentlich kennengelernt?«

»Über seine Eltern in Lübeck.«

»Ach?« Romy lehnte sich zurück. »Erzählen Sie mal.«

»Ich stamme aus Bad Segeberg, das ist quasi um die Ecke – ich meine: in der Nähe von Lübeck. Der alte Richardt hat zusammen mit seiner Frau ein großes Hotel in Lübeck geführt, und ich habe als Geschäftsführer bei ihm gearbeitet, Ende der achtziger Jahre«, begann Posall. »Kai fing wenig später an, die Segel zu streichen, um sich hier im Osten was Eigenes aufzubauen.«

»Aber er hat die Branche gewechselt?«

Posall schlug ein Bein über das andere. »Er hat zwar hin und wieder im elterlichen Hotel ausgeholfen, sich aber entschieden, Innenarchitektur zu studieren. Kai war noch ziemlich jung – gerade mal Mitte zwanzig. Er wollte weg aus dem beschaulichen Lübeck, weg von den Eltern und weg von dem, was die ihr Leben lang gemacht hatten – eine Hotelkarriere kam für ihn nicht infrage. Was Eltern gut und wichtig finden, müssen Kinder noch lange nicht genauso bewerten.«

Wem sagst du das, dachte Romy.

»Die waren darüber natürlich alles andere als begeistert«, fuhr Posall fort. »Aber schließlich haben sie ihn mit einem ordentlichen Startkapital ausgestattet ziehen lassen, und Kai hat sich ganz unerschrocken auf die Socken gemacht, wie das so seine Art war. In Schwerin hat er Jürgen Dreyer kennengelernt …«

Romy beugte sich vor. »Sie meinen Richardts späteren Geschäftspartner?«

»Ja, der Mann hatte Karriere in der DDR-Verwaltung gemacht – allerdings keine zu große Karriere, die ihm später hätte hinderlich werden können, wenn Sie verstehen, was ich meine – und damit die besten Kontakte und Voraussetzungen, um Kai den Weg in der aufregenden Zeit nach der Wende zu ebnen«, erklärte Posall. »Außerdem war Dreyer bereits vierzig und wirkte nicht mehr so jugendlich übermütig wie Kai zu der Zeit – das kommt deutlich besser an, wenn man sich selbständig machen und Vertrauen wecken will.«

Hinz Posall neigte seinen Kopf zur Seite. Es sah aus, als lauschte er dem Echo seiner Worte nach. »Die beiden haben schließlich auf Rügen gemeinsam die Firma aufgebaut, die ja in ganz Mecklenburg-Vorpommern tätig ist und schon nach kurzer Zeit bestens lief«, fuhr er dann fort. »Umbruch und Neubeginn haben die Auftragsbücher gut gefüllt, und Kai ist … war ein großes Ass.«

»Warum?«, hakte Romy nach. »Was machte ihn aus?«

»Er konnte den Leuten klarmachen, was sie für ihre Büros oder Geschäftsräume oder Praxen wirklich brauchen, ohne dass die das Gefühl hatten, ihnen würde was aufgeschwatzt«, entgegnete Posall ohne Zögern. »Er hat sich intensiv mit seinen Kunden befasst, und es ist kein Zufall, dass er so viele Stammkunden hat. Kai war ein fantastischer und ideenreicher Praktiker und ein fast noch besserer Verkäufer. Der hätte wahrscheinlich in jeder Branche Karriere gemacht.«

»Haben Sie eine Vermutung, warum Dreyer und Richardt sich wieder getrennt haben?«, fragte Romy. Sie hatte den Eindruck, dass Posall im Gegensatz zu Bittner alles andere als fassungslos oder niedergeschlagen war.

Hinz Posall nickte sofort. »Ganz einfach: Kai wollte den Laden für sich. Er war sehr schnell der Motor des Ganzen, und er hatte keine Lust, sich was sagen zu lassen oder großartig zu diskutieren. Seine Ideen erwiesen sich ohnehin grundsätzlich als die besseren, und warum sollte er an einem Partner festhalten, den er immer stärker als Klotz am Bein empfand?«

»Weil der ihm den Weg geebnet hatte, zum Beispiel«, argumentierte Romy für Dreyer.

Posall lächelte. »Das entsprach nicht Kais Geschäftsverständnis.«

»Ach so. Er wollte alleine verdienen?«

»Ja, das auch. Er hat Dreyer ausbezahlt, und das war’s. Danach gingen seine Geschäfte gleich noch mal so gut.« Hinz Posall zuckte mit den Achseln. »Ja, ich weiß – hört sich hart an, zumal Dreyer später sehr krank wurde und inzwischen nicht mehr lebt, aber so war es nun mal. Kai hatte schon immer einen guten Riecher.«

Romy warf Kasper einen vielsagenden Blick zu. Dann wandte sie sich wieder dem Geschäftsführer zu. »Ihre Erörterungen sind ausgesprochen interessant, aber haben Sie nicht etwas Wichtiges vergessen?«

Posall verschränkte die Arme vor der Brust. »Das will ich nicht ausschließen.« Er lächelte höflich. »Verraten Sie mir, worauf Sie hinauswollen?«

Romy machte eine raumgreifende Handbewegung. »Das Hotel.«

»Ach so, ja, natürlich.« Er schlug sich leicht vor die Stirn. »Kai hat mich damals darauf aufmerksam gemacht, vielleicht hatte er die Info auch von Dreyer – das weiß ich nicht, aber das wäre gut möglich. Auf Rügen geht richtig was, hat er gesagt und einen Kontakt für mich hergestellt. So konnte ich den Laden hier günstig kaufen.«

Romy sah aus den Augenwinkeln, dass Schneiders Miene sich verdüstert hatte.

»So gut gingen die Geschäfte dann aber doch nicht – zumindest am Anfang nicht, oder?«, ergriff Kasper plötzlich das Wort.

»Sie sind gut informiert«, bemerkte Posall anerkennend. »Ja, so war das. Mein Startkapital war schnell aufgebraucht – das Hotel war total marode, dann kam noch ein laues und ein allenfalls bescheidenes Jahr hinzu. Kurz nach der Wende flogen viele lieber erst mal nach Mallorca, wenn sie schon das Geld für Urlaubsreisen hatten, vor allen Dingen die Ossis – wie man damals sagte.« Er hob beschwichtigend die Hände. »Eins kam zum anderen. Ich habe mich dann noch eine Weile über Wasser gehalten, aber es hätte eindeutig besser laufen können. Kai hatte dann die Idee, das Ganze über eine GmbH zu sanieren … Eine gute Idee.«

»Haben Sie einen Bruder, Herr Posall?«, setzte Schneider nach. »Klaus Posall.«

»Ja.« Der Hotelier zog ein verblüfftes Gesicht.

»Er ist gemeinsam mit Thomas Bittner und der Firma von Kai Richardt Gesellschafter der GmbH, der das Hotel seit mittlerweile gut elf Jahren gehört.«

»Richtig, und ich bin der Geschäftsführer.« Posall runzelte die Stirn. »Sagen Sie mal, was hat das Hotel eigentlich mit Kais Tod zu tun?«

»Mal sehen … Wissen Sie, Ihr Geschäftspartner ist auf höchst unerfreuliche Weise ums Leben gekommen«, erläuterte Romy. »Man hat ihn brutal erschlagen. In dem Zusammenhang interessiert uns alles Mögliche – auch zehn oder zwanzig Jahre zurückliegende Ereignisse können von Bedeutung sein.«

Posall nickte langsam. »Ja, durchaus …«

»Sie waren kein Fan von ihm, stimmt’s?«

Er hielt kurz den Atem an.

Die Frage war ihr einfach herausgerutscht. Posalls Leutseligkeit wirkte ihrem Empfinden nach an einigen Stellen unpassend und sollte vielleicht etwas überspielen, das über die übliche Unsicherheit im Gespräch mit Polizeibeamten hinausging.

»Wissen Sie, dieser Aspekt interessiert mich ganz besonders, denn in seinem Umfeld stoßen wir bislang nur ausnahmsweise auf Menschen, die Richardt nicht toll fanden: sympathisch, beliebt und so weiter. Kaum jemand kann sich vorstellen, dass dieser Mann Feinde hatte, noch dazu solche, die ihm richtig ans Leder wollten, geschweige denn für ein Gewaltverbrechen infrage kämen«, fuhr Romy fort. »Was haben Sie gegen ihn, zumal er Sie bei der Hotelsanierung so tatkräftig unterstützt hat?«

»Hat er das?«, rutschte es Posall heraus. Er biss sich auf die Unterlippe. Romy hatte ihn eindeutig auf dem falschen Fuß erwischt. »Ja, na klar hat er das, aber … Sehen Sie, Kai hat noch nie uneigennützig gehandelt. Ich habe hier nämlich nicht mehr viel zu sagen, auch wenn ich der Geschäftsführer bin.«

Romy nickte ihm aufmunternd zu. »Interessant. Fahren Sie fort.«

»Kai hat meinen Bruder mit einem kleinen Gesellschaftsanteil ausgestattet – damit ein bisschen was in meiner Familie bleibt, ich aber keinen unmittelbaren Einfluss habe – und mir einen Knebelvertrag verpasst, mit dem er mich ganz schnell abservieren kann, wenn er will«, erläuterte Posall, und sein Ton klang inzwischen deutlich weniger leutselig. »Und wie ich schon erwähnte: Er hatte gerne das Sagen. Sehr gerne. Insofern bin ich, ehrlich gesagt, durchaus ambivalent, was Richardts Geschäfte angeht, besonders natürlich in meinem Fall. Darüber hinaus …«

»Ja?«

»Man hatte es nicht leicht neben ihm. Er überstrahlte die meisten, sowohl als heller Kopf und vorausschauender Geschäftsmann wie auch als Frauentyp. Männer wie ich wurden neben ihm gar nicht wahrgenommen. Oder aber als Witzfiguren.« Er rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Nase.

Romy fand Posalls Darstellung erstaunlich ehrlich.

»Was passiert nun eigentlich mit dem Gesellschaftsanteil, den Richardts Firma hält?«, setzte die Kommissarin nach.

»Soweit ich informiert bin, bleibt alles, wie es ist – Richardts Firma wird vom zweiten Geschäftsführer weitergeführt …«

»Sie meinen Christoph Albrecht?«, fragte Schneider.

»Ja, genau. Der ist zwar noch sehr jung, aber ein guter Mann. Alles ist natürlich in Kais Sinne geregelt. Dementsprechend bleibt die Firma auch weiterhin als Gesellschafterin des Hotels tätig. Irgendwelche Erbstreitigkeiten, juristische Spitzfindigkeiten oder sonstigen Auseinandersetzungen, die die Unternehmen kaputt machen könnten, wird es nicht geben. So ist der Gesellschaftsvertrag ausgerichtet, vernünftigerweise, muss ich in dem Punkt anerkennend hinzufügen.«

Romy ließ die Informationen sacken. Bislang hatte sie nahezu ausschließlich Hinweise erhalten, die sie nicht erwartet hatte. Sie beugte sich über den Tisch vor. Posall hatte eine abwartende Miene aufgesetzt. Er schwitzte.

»Ich muss Sie routinemäßig nach Ihrem Alibi fragen. Wie haben Sie das Wochenende verbracht?«

»Am Samstag war ich von morgens bis abends im Hotel – es fand eine Tanzveranstaltung statt«, erwiderte Posall, ohne zu zögern. »Am Sonntag habe ich ausgeschlafen. Als Zeugin kann ich nur meine Frau anführen, die allerdings auch lange geschlafen hat. Mittags sind wir nach Stralsund gefahren, Freunde besuchen. Die Namen und Telefonnummern kann ich Ihnen aufschreiben.«

»Das wäre hilfreich.« Romy nickte. »Noch was, Herr Posall. Sagt Ihnen der Name Beate Lauber etwas?«

Sie streckte die Hand in Kaspers Richtung aus, der ein Foto der jungen Frau aus der Akte fischte: ein lachendes junges Gesicht, Stupsnase, zierliche Gestalt, mittellanges Haar. Romy legte es vor Posall auf den Tisch.

Der starrte es sekundenlang an und blickte dann hoch. »Ich weiß nicht … irgendwie … Lauber, sagten Sie?«

»Beate Lauber ist die Enkelin von Heinrich Lauber, und dem wiederum gehörte bis 1953 dieses Hotel. Klingelt es jetzt?«

Posall lehnte sich zurück und atmete angestrengt aus. »Ja, richtig, der Altbesitzer wollte es damals ja ursprünglich zurückhaben, aber ihm fehlte das Geld …«

»Ihnen nicht.«

»Nein, aber wie ich Ihnen gerade schilderte – ein Zuckerschlecken war das alles nicht und …« Er sah Romy verdattert an. »Was soll die alte Sache jetzt eigentlich?«

»Das erkläre ich Ihnen gern. Vergegenwärtigen Sie sich doch bitte mal den Sommer im Jahre 2000. Das Hotel gehörte inzwischen der GmbH, es war frisch saniert, erstrahlte in schönstem Bäderzauber, und die Gäste trafen wie erwartet zahlreich ein. Da taucht plötzlich eine junge Frau auf, um eine traurige Geschichte zu erzählen, in deren Mittelpunkt ihr Großvater steht. Vielleicht ist sie sogar giftig geworden, hat Ihnen Vorwürfe gemacht, was auch immer. Die junge Frau war Beate Lauber.«

Posall verschränkte die Arme vor der Brust. »Mag sein, und?«

»Kurze Zeit später verschwand Beate spurlos.«

»Das war vor fast elf Jahren: Na, das nenne ich ja mal eine zeitnahe Ermittlung!« Posall lachte dröhnend.

Schneider beugte sich abrupt vor und ließ seine Faust auf den Tisch krachen, so dass Hinz Posall heftig zusammenzuckte. Romy konnte sich gerade noch beherrschen, es ihm nicht gleichzutun.

»Glauben Sie mir, es ist wirklich nicht die Zeit für dumme Witze!«, donnerte Kasper mit tiefer Stimme. »War die Frau hier – ja oder nein?«

»Ja, sie war hier.«

»Was genau wollte sie?«, übernahm Romy nach einem anerkennenden Seitenblick auf den Kollegen wieder die Befragung. Für seine Verhältnisse war das ein regelrechter Temperamentsausbruch gewesen.

»Sie appellierte an unser Gewissen und wollte, dass wir ihren Großvater entschädigen«, antwortete Posall eilig.

»Wen genau meinen Sie mit ›wir‹?« Romy spürte, dass sich ihre Pulsfrequenz deutlich erhöht hatte.

Hinz Posall wischte sich eine einzelne Strähne verschwitzten Haars aus der Stirn. »Kai und ich saßen zusammen, um Geschäftliches zu besprechen. Da platzte sie herein und erzählte die Geschichte von ihrem Großvater.«

Aha, dachte Romy. »Und wie genau stellte sie sich eine Entschädigung vor?«

Der Hotelier rutschte auf seinem Sessel hin und her. »Der Mann war Mitte siebzig, glaube ich, und die Frau wollte, dass wir ihm einen kleinen Job anbieten, als Gärtner oder so, damit er seine magere Rente ein bisschen aufstocken konnte. Und noch mal was von seinem Hotel mitbekommt – so ähnlich drückte sie sich aus, wenn ich mich recht erinnere.«

»Und? Was hielten Sie von der Idee?«

»Na ja … Also, Kai hat sich das alles ganz ruhig angehört und meinte dann, dass wir keine Wohltätigkeitsveranstaltung oder einen sentimentalen Ossi-Begegnungs-Club planten, sondern einen betriebswirtschaftlich korrekt geführten und gewinnorientierten Laden aufziehen wollten«, berichtete Posall zögernd und warf Schneider schnell einen abwiegelnden Blick zu. »Ich gebe nur seine Worte wieder, Herr Kommissar.«

»Das dachte ich mir.«

»Daraufhin ist die Lauber ziemlich wütend geworden. Sie sei gut informiert, zudem Anwaltsgehilfin und kenne sich dementsprechend aus. Sie würde sich dafür stark machen, dass der Verkauf des Hotels nach der Wende trotz des vorliegenden Rückübertragungsanspruchs noch mal durchleuchtet würde – von wegen Korrektheit und so –, und die Presse wollte sie auch einschalten«, berichtete Posall weiter.

»Das konnte Ihnen nicht recht sein«, stellte Romy fest. »Mitten in den schönsten Neubeginn hinein platzt jemand, der in alten Geschichten herumwühlt und Sie unter Druck setzen wollte …«

»Die konnte uns gar nichts!«, wehrte Hinz Posall ab. »Der Lauber hatte damals das Geld nicht, und …«

»Ja, ja, aber selbst wenn er es gehabt hätte – die alten Seilschaften hätten so oder so gut funktioniert, stimmt’s?«, ergriff Schneider wieder das Wort. »Ich bin mir sicher, dass Dreyer …«

»Der Alte wäre doch sowieso pleitegegangen!«, begehrte Posall auf. »Ich bin es doch auch!«

»Das ist natürlich ein überzeugendes Argument: Wenn schon ein Wessi mit seinem Kapital und seiner Erfahrung nicht klarkommt und Hilfe und Geldgeber braucht, dann kann der alte Mann doch richtig froh sein, dass er nicht zu seinem Recht gekommen ist, oder?«, blaffte Romy ihn an.

Sie konnte sich gerade noch beherrschen, ihm keinen Vogel zu zeigen, aber ihre Stimme hatte deutlich an Lautstärke gewonnen.

»Lauber muss Ihnen ja regelrecht dankbar sein, dass Sie ihm das Hotel vor der Nase weggeschnappt haben – sein Hotel! Soll ich ihm Bescheid sagen, dass er dran denkt, Ihnen bei Gelegenheit Blumen zu schicken – was halten Sie von einem üppigen Strauß Rosen?«, schob sie hinterher, ohne darauf zu hoffen, dass der Mann den Hinweis zuordnen konnte.

Posall kniff die Lippen zusammen.

»Also, dann mal der Reihe nach: Sie haben es abgelehnt, auf Beates Forderungen einzugehen? Ich nehme an, dass Sie sie achtkantig hinausgeworfen haben.«

»So in etwa, ja.«

»Und weiter?«

»Sie wollte noch mit Bittner reden. Sie hatte offensichtlich Einsicht ins Handelsregister genommen und wusste, wer die Gesellschafter waren. Kai war ziemlich empört.«

»Sie nicht?«

»Doch, aber anders.«

»Wie dürfen wir das verstehen?«, wollte Romy wissen.

»Ich war verunsichert und unruhig. Und auf herumschnüffelnde Journalisten hatte ich überhaupt keine Lust, während Kai fest davon überzeugt war, dass die Verträge wasserdicht waren und kein Mensch sich für das Schicksal des alten Lauber interessieren würde«, entgegnete Posall. »Niemand interessierte sich nach all den Jahren für derartige Schicksale. Glücklicherweise, denn diese rückwärtsgewandte SED-Bewältigungsscheiße, wie Kai das nannte, behinderte seiner Ansicht nach nur das Vorankommen. Aber die Chuzpe der Frau ging ihm gewaltig gegen den Strich.«

Leider können wir Richardt nicht mehr fragen, wie sehr ihn Beate Laubers Verhalten aufgebracht hat, überlegte Romy, während sie an das Telefonat mit Ricarda zurückdachte. Kai Richardt gewann zunehmend Konturen, unangenehme Konturen. Dass es auch um die Aufklärung seines gewaltsamen Todes ging, hatte sie für einen Moment aus den Augen verloren.

Sie suchte Posalls Blick. »Geht das genauer? Hat er irgendwas gesagt, was eindeutige Schlussfolgerungen zuließe? Ich denke da zum Beispiel an rustikale Sprüche wie ›Die knöpf ich mir noch mal vor‹ oder Ähnliches in der Preisklasse. Ich denke, Sie ahnen, was ich meine.«

Posall schüttelte den Kopf. »Nein, daran erinnere ich mich nicht, aber, nun … Ja, er war schon ziemlich stinkig.«

»Wie ging es weiter? War Beate Lauber auch bei Bittner?«

Hinz Posall nickte sofort. »Ja, aber den hatten wir natürlich vorgewarnt, und er hat sie gar nicht erst reingelassen. Und wenig später war Ruhe. Wir haben nichts mehr von ihr gehört.«

Romy verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf. »Haben Sie sich nicht darüber gewundert? Ich meine, nachdem die Frau so einen Alarm veranstaltet und sich sogar die Mühe gemacht hat, den Einzelheiten der Hotelsanierung auf den Grund zu gehen, hören Sie plötzlich gar nichts mehr von ihr. Hat Ihnen das nicht zu denken gegeben?«

»Ja, Sie haben recht, irgendwie schon … Aber hauptsächlich war ich erleichtert.«

»Und Kai? Hat er sich noch mal zu ihr geäußert?«

»Er hat gelacht – nichts als heiße Luft, meinte er. Und ist wieder zur Tagesordnung übergegangen. So war er eben.« Posall schüttelte den Kopf. »Und nun verraten Sie mir doch bitte mal, was das Ganze plötzlich soll.«

Romy warf Schneider einen Seitenblick zu und stand dann so abrupt auf, dass Posall zusammenschrak.

»Im Moment können wir Ihnen dazu keine Einzelheiten mitteilen. Tut uns leid.« Oder auch nicht, fügte sie in Gedanken hinzu. »Aber Sie hören bestimmt wieder von uns.«

Hinz Posall wirkte nicht gerade begeistert über diese Aussicht. Er erhob sich ebenfalls.

»Schreiben Sie uns bitte noch die Namen Ihrer Freunde in Stralsund auf?«, fragte Romy abschließend.

Der Hotelier eilte hinter den Schreibtisch und kritzelte einige Zeilen, bevor er die Kommissare zur Tür begleitete. Er war heilfroh, sie los zu sein.

Zwei Minuten später traten die beiden ins Freie.

»Sassnitz?«, fragte Kasper. »Würde mich sehr interessieren, was der Bittner zu der Geschichte sagt.«

»Unbedingt«, stimmte Romy zu. »Aber ich denke, wir sollten uns teilen. Fährst du schon mal nach Bergen und sondierst dort die Lage?«

Schneider hob nur die Hand und stieg wortlos in den Wagen.

Er ist restlos bedient, dachte Romy, während sie ihm einen Augenblick nachsah. Muss damals eine heiße Zeit gewesen sein. Nachbeben der ›Aktion Rose‹ nach fast sechzig Jahren. Unglaublich, aber wahr.

Bittner sah sich das Foto sehr lange an, nachdem er seinen Unmut über den neuerlichen Polizeibesuch mühsam heruntergeschluckt hatte. Falls das überhaupt möglich war, sah der Mann noch erschöpfter und deprimierter aus als am Sonntag.

»Damit kann ich nichts anfangen«, sagte er schließlich und hob den Kopf. »Wer ist das? Und warum …?«

»Beate Lauber, die Enkelin von Heinrich Lauber.«

Thomas Bittner stutzte. »Die Namen habe ich schon mal gehört.«

Romy ging stark davon aus, dass Posall Bittner angerufen und vorgewarnt hatte, kaum dass sie und Kasper aus der Tür waren, ging aber nicht darauf ein.

»Das glaube ich Ihnen gerne«, entgegnete sie. »Die Frau hat sich für ihren Großvater stark gemacht, nachdem sie in Erfahrung gebracht hatte, dass sein altes Hotel inzwischen von einer GmbH übernommen worden war, und hakte bezüglich des Verkaufs nach der Wende ein wenig nach. Da sie Anwaltsgehilfin war, kannte sie sich ganz gut mit Unternehmensgründungen, Gesellschafterverträgen und auch mit Rückübertragungsansprüchen aus.«

Bittner nickte langsam. »Ja, ich erinnere mich. Die ist bei Hinz aufgelaufen, Kai war auch da. Sie wollte, dass wir dem Lauber irgendwie entgegenkommen, nachdem der mit seinem Hotel so viel Pech gehabt hatte.«

»Ja, so kann man es auch ausdrücken.«

Bittner hob die Augenbrauen. »Ach, wissen Sie – als wir die GmbH gegründet haben, lag die Wende doch auch schon wieder gut zehn Jahre zurück, und schließlich konnten wir doch nichts dafür, dass …«

»Beate Lauber war 1990 erst achtzehn Jahre alt«, fiel Romy ihm ins Wort. »Es ist anzunehmen, dass sie erst später – nämlich als das Hotel in neuem Glanz erstrahlte – und auch vor dem Hintergrund ihres Berufs aufmerksam wurde und sich mit dem Schicksal ihrer Familie vertraut gemacht hat. Doch lassen wir diese Zusammenhänge im Augenblick mal beiseite. Was mich interessiert, ist, wie Kai Richardt auf die Frau reagiert hat und ob es möglich ist, dass die beiden sich noch mal begegnet sind.«

»Das kann ich nicht sagen«, gab Bittner nachdenklich zurück. »Er war ohne Frage entrüstet, dass die Lauber sich einfach in unsere Geschäfte mischte und eine ziemlich große Lippe riskierte – das steht mal fest. Aber …«

»Sagen Sie mal, kann es sein, dass Ihr Freund gar nicht auf Frauen stand, die es wagten, ihm selbstbewusst entgegenzutreten?«, unterbrach Romy ihn.

Thomas Bittner schüttelte den Kopf. »Meine Güte – was wollen Sie eigentlich? Was haben denn diese alten Geschichten mit Kais Tod zu tun? Das ist doch eine Ewigkeit her!«

»Es wird sich zeigen, ob …«

Romys Handy signalisierte mit leisem Vogelzwitscher-Ton einen Anruf von Fine. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte sie an Bittner gewandt und nahm das Gespräch entgegen. »Ja? Neuigkeiten?«

»Und ob«, dröhnte Fines Stimme in Romys Ohr. »Kommt ihr bald rein, oder …?«

»Ich bin gerade bei Bittner am Sassnitzer Hafen, aber Kasper läuft gleich bei euch auf.«

»Gut, also: Das Ergebnis des Zahnschema-Vergleichs liegt bereits vor. Der Zahnarzt war nicht nur kooperativ, sondern auch noch schnell. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei dem Skelett um Beate Lauber.«

»Oh.«

»Doktor Möller schätzt außerdem nach weiteren Untersuchungen, dass die Frau keines natürlichen Todes gestorben ist«, berichtete Fine weiter. »Es gibt Verformungen am Schädel, die sehr wahrscheinlich von Gewalteinwirkungen herrühren – sehr wahrscheinlich sollen wir jedoch nicht mit absoluter Sicherheit verwechseln.«

»Verstehe«, murmelte Romy.

Sie war selbstverständlich nicht einen Augenblick davon ausgegangen, dass die Tote auf natürliche Weise ums Leben gekommen war, doch die konkrete Bestätigung durch die Rechtsmedizin war etwas anderes als ihre dumpfe Überzeugung. Bittners Augen huschten über ihr Gesicht.

»Dann habe ich mit dem Filialleiter der Bank gesprochen. Die halten sich vornehm zurück, wie ich schon befürchtet habe«, fuhr Fine fort. »Richardt sei ein sehr guter Kunde gewesen, mit dem es nie Probleme gegeben habe. Nun gut … Ach ja, die Liste mit den Telefonverbindungen ist gekommen. Soll ich gemeinsam mit Max gleich mal einen Blick drauf werfen?«

»Unbedingt. Den Rest klärt Kasper gleich mit euch. Ich komme demnächst. Und noch was: Sag bitte den Sassnitzer Kollegen Bescheid. Ich brauche zwei Leute und einen Wagen.«

»Sofort?«

»Ja.«

»Okay.«

Romy beendete das Gespräch, schwieg einen Moment und sah dabei den Fabrikbesitzer forschend an.

»Bei dem Skelett, das wir in dem Keller gefunden haben, handelt es sich um Beate Lauber, die im Spätsommer 2000 spurlos verschwand, nachdem sie einige Wochen zuvor von ihrem Rügenurlaub zurückgekehrt war«, sagte sie leise. »Es spricht sehr viel dafür, dass sie ermordet wurde. Was sagen Sie dazu?«

Bittner öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

»Geben Sie es zu – das kann kein Zufall sein, oder? Kai Richardt wird in dem alten Gebäude hinter Ihrer Fabrik gefangen gehalten und erschlagen. Und Beate Lauber, die ihm und Ihnen elf Jahre zuvor mächtig auf die Füße getreten ist, finden wir in einem Keller nur einige Meter von ihm entfernt.«

Romy machte eine Kunstpause. Aber Bittner sagte immer noch nichts.

»Ich denke, Sie werden verstehen, dass wir relativ zügig Ihre Fingerabdrücke brauchen und ein ausführliches Protokoll anfertigen müssen«, fuhr sie fort. »Im Kommissariat in Bergen.«

Bittner löste sich mit einem Ruck aus seiner Erstarrung. »Sie verdächtigen mich?«

»Sagen wir mal so – der eine oder andere Anfangsverdacht macht sich durchaus in mir breit. Immerhin haben Sie kein gutes Alibi, was den Sonntagmorgen betrifft, als Ihr Freund erschlagen wurde«, erläuterte Romy. »Sie haben Kai als Letzter lebend gesehen, Sie kannten auch Beate Lauber und waren ihr alles andere als wohlgesinnt – aus den gerade erörterten Gründen. Wir wissen sogar, dass sie zu Ihnen wollte. Und, ganz wichtig: Beide Leichen wurden auf Ihrem alten Fabrikgelände entsorgt – in einem Gebäude, für das sich kein Mensch interessiert. Kein schlechtes Versteck, das müssen Sie zugeben.«

Bittner sah aus, als würde er jeden Augenblick umkippen. »Das ist nicht Ihr Ernst«, flüsterte er. »Ich bringe doch meinen Freund nicht um und lasse ihn da unten liegen … Warum?«

»Tja, in diesem Punkt stimme ich Ihnen zu – über Ihr Motiv, was Richardt angeht, bin ich mir tatsächlich nicht im Klaren«, gab Romy zu. »Noch nicht. Aber wer weiß, welche alten Geschichten dahinterstecken. Vielleicht waren Sie gar nicht so dick befreundet, wie es uns anfangs schien oder Sie uns weismachen wollen. Vielleicht gab es Streit, warum auch immer.« Sie hob die Hände und ließ sie wieder sinken.

Bittner schüttelte den Kopf. »Sie täuschen sich. Ich bin doch kein Mörder und lasse zwei Leichen auf meinem Gelände verrotten!«, wiederholte er hektisch atmend. »Und die Lauber habe ich gar nicht empfangen! Die hat mehrfach angerufen und sogar vor meiner Tür gestanden, aber Kai meinte, ich solle die gar nicht reinlassen, und daran habe ich mich gehalten. Er hat geschäumt vor Wut, das kann ich Ihnen sagen …«

»Er hat häufiger mal geschäumt vor Wut, nicht wahr?«, unterbrach Romy ihn. »Insbesondere wenn es um Frauen ging. Wie lief das eigentlich in seiner ersten Ehe mit Ricarda?«

Bittner wischte sich über den Mund. »Sie hielt nicht lange. Mehr weiß ich nicht.«

»Das glaube ich Ihnen nicht.«

»Dann eben nicht.«

Es klopfte, und ein uniformierter Polizist trat ein.

»Bitte begleiten Sie Herrn Bittner ins Kommissariat nach Bergen, Kollege«, sagte Romy leise.

Sie war davon überzeugt, dass Bittner nichts mit den Morden zu tun hatte. Aber er wusste mehr, als er bislang zugegeben hatte. Auch davon war sie überzeugt.

Romy fuhr nach kurzer Rücksprache mit Kasper, den sie bat, das Protokoll mit Bittner zu übernehmen, nicht direkt nach Bergen zurück, sondern gönnte sich einen Zwischenstopp am unbebauten Hanggelände der Strandpromenade von Sassnitz.

Dort war es vor einigen Monaten zu einem Erdrutsch am Hochufer gekommen – kein schwerwiegender Steilküstenabbruch, aber immerhin war so viel in Bewegung geraten, dass die Polizei die Absturzstelle gesperrt und sogar mit Hunden nach Verschütteten gesucht hatte.

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