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Küsse von Mama

Küsse von Mama

Rainer Popp

Published by BEKKERpublishing, 2019.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Küsse von Mama

Der Autor

ERSTER TEIL

I. Kapitel

II. Kapitel

III. Kapitel

IV. Kapitel

V. Kapitel

VI. Kapitel

VII. Kapitel

VIII. Kapitel

IX. Kapitel

X. Kapitel

XI. Kapitel

XII. Kapitel

XIII. Kpitel

XIV. Kapitel

XV. Kapitel

ZWEITER TEIL

I. Kapitel

II. Kapitel

III. Kapitel

EPILOG

Also By Rainer Popp

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Der Autor

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Rainer Popp, geboren am 24. März 1946 in Staßfurt (Sachsen-Anhalt), lebt und arbeitet als Schriftsteller und Journalist in Köln.

Zu Beginn der Sommerferien 1951 flüchtete seine Familie nach politischer Verfolgung seines Vaters durch das SED-Regime, der als Oberstudiendirektor am heimatlichen Gymnasium Deutsch, Geschichte und Geografie lehrte, aus der damaligen DDR in den freien Teil Deutschlands; zuerst nach Bad Harzburg, dann nach Goslar an den Rand des Harzes.

Bereits im Alter von fünfzehn begann er zu schreiben; erste Veröffentlichungen seiner Gedichte folgten drei Jahre später. Als Unterprimaner trat er in den Verband Deutscher Schriftsteller (VS) ein.

Seine beruflichen Stationen: Nach einem zweijährigen Volontariat bei der Goslarschen Zeitung ging er als Chefreporter zum Donaukurier nach Ingolstadt und danach als politischer Redakteur und Leiter des Ressorts „Zeitgeschehen“ in die Düsseldorfer Zentralredaktion der Westdeutschen Zeitung. Er war Hauptstadt-Korrespondent der Nachrichtenagentur Deutscher Depeschen-Dienst (ddp) in Bonn und danach – in Doppelfunktion – Chefredakteur von RTL-Hörfunk und RTL-Fernsehen sowie Direktor des deutschen Programms von Radio Luxemburg; zugleich Begründer und Leiter des Frühstücksfernsehens von RTL.

Darüber hinaus war er Herausgeber der vom Westdeutschen Rundfunk hergestellten und in der ARD bundesweit ausgestrahlten politisch-satirischen Sendung „Hurra Deutschland“ sowie der ausführende Produzent der RTL-Nachtshow mit Thomas Koschwitz.

Er ist Mitglied der 1990 gegen Rassismus und Antisemitismus gegründeten Charta Europa, der auch der inzwischen verstorbene tschechische Staatspräsident Vaclav Havel angehörte.

Weitere Buchveröffentlichungen von Rainer Popp außerhalb der Edition Bärenklau:

Im Angesicht der Lüge (Roman-Trilogie)

Band I  Die Blendung, 320 Seiten

Band II Das Dunkel, 318 Seiten

Band III Eiskalter Ruhm, 324 Seiten

Die Wörter und die Toten, Roman, 220 Seiten

www.RainerPopp.de

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ERSTER TEIL

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Die an einem verregneten Vormittag von einem

Kinderarzt ihres Vertrauens vorgenommene

Verkürzung seines Vorhautzipfels ging

auf eine unbegründete und keineswegs fundiert

vorgetragene Vorliebe seiner Mutter zurück,

die damit lediglich ihren eigenen Geschmack

durchgesetzt hatte, was das Aussehen

des männlichen Gliedes betraf.

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I. Kapitel

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Totenstille brach plötzlich in sein Gemüt herein. Und das Echo voller Krach und Pein, das toste und das schlug ihm sein seelisches Dasein aus dem Leib. Danach folgte in seinem Schädel ein Orkan mit Blitzen und mit Donner. Sekunden später hörte er ein Bellen und ein Krächzen. Es zirpte und es zischte in den Ekzemen seines Gehirns. Und sein Verstand, der stellte sich in diesen Sekunden der Nacht quer und zauberte hinter seinen geschlossenen Augen ein Bild herbei, das ihn hinabstieß in Dantes fünften Höllenkreis – in den Sumpf der zornigen Seelen.

Seinen Geist, den fühlte er vergiftet hinter der Front seiner hohen Stirn, und sein versoffener Leib, der kam ihm vor wie zwangsernährt mit hochprozentiger Flüssignahrung. Über all die Jahre hinweg war die Gewissheit seiner literarischen Berufung ein hymnisches Loblied auf sich selbst gewesen. Jetzt aber verstummte es sogleich für immer und ewig. Er kam sich vor, als befände er sich im Strudel eines fiebrigen Albtraums – umnachtet in seinem Delirium.

Und so spritzte der Strahl, den er sich mit dem Gefühl allergrößter Erleichterung aus seiner zum Bersten prallen Blase drückte, zuerst auf die Taste mit dem G. Dann klatschte die überwiegend aus Rotwein und schwarzem Kaffee hydrierte Schiffe, die mit hohem Druck aus dem klaffenden Fischmaul-Schlitz in der Mitte der freigeschnittenen Penis-Eichel hervorschoss, gegen das F und das D, schlenkerte im gedimmten Glühbirnen-Licht einer verchromten Deckenlampe über das L und das H zum M und platschte schräg über das K und das N hin zum T. Ein Kranz von Tropfen des Urins, der sternförmig über die Länge eines Buchdeckels wie kochendes Fett in die Höhe hüpfte, wässerte die 9 ein, die 4, die 6, die 3, die 7, die Null, das Fragezeichen, das Q, das Ä, das Ö, das L, das B, das Z und das E. Von V und J über O wanderte der Sturzbach des warmen Harngusses von E über S und G und U zu F11 und von dort in die untere rechte Ecke des Bildschirms, wohin sich die größte Menge der alkalischen Flut entleerte und plätschernd abfloss.

Ein beträchtlicher Schwall der cognac-gelben Pisse, die an den Rändern ihrer Wellenkämme Blasen von klarsichtigem Schaum schlug, der war auf der gelackten Platte des Schreibtisches zu einer Lache zusammengelaufen und hatte einen mehrere Zentimeter hohen Stoß Manuskriptblätter eingenässt. Der Aschenbecher und die Packung Zigaretten, die hatten ebenfalls Spritzer von der herausströmenden Flut abbekommen, die sich seit dem frühen Abend im Bauch des vor sich hin summenden und mit gespitztem Mund schräg pfeifenden Mannes in der Menge eines halben Liters angesammelt hatte.

Anschließend ahmte er die Tonleiter einer schmetternden Trompete nach. Er dachte, er schreit, aber es war nur ein Flüstern, das niemand hörte. Und nun, als er davon überzeugt war, er habe tatsächlich die Motten gekriegt, schüttelte er sich aus vor Lachen über den unerträglichen Weltschmerz, den er empfand und der, während er im finsteren Lichtkreis dieser zu Ende gehenden Nachtstunden nach dem dreitausendsten und dem fünfundneunzigsten Wort gesucht hatte, auf einmal über ihn gekommen war, der ihn überrascht, der ihn, wie der Volksmund sagt, auf dem falschen Fuß erwischt, der ihn erschrocken und verstört hatte wie das Krachen eines Gewitters aus der heiter-hellen, der hoch aufgelösten, der schwirrenden, der grünlich illuminierten Holografie des von etlichen grellen Sonnen erleuchteten Himmels. Und Angst, die er nicht zu deuten vermag, die wuchs in ihm – ganz plötzlich und ganz ungezügelt.

Er fühlte Drangsal allumfassend, fühlte sich, als wäre er ein durchgebrannter Faden Wolle, fühlte sich auseinandergekracht als Gattung Mensch, fühlte sich verfeindet mit sich selbst, fühlte sich ausgeweidet wie ein Hausschwein, das mit aufgeschlitztem Bauch an einem Querbalken im Schuppen hängt und er spürte, dass er, der sich selbst ausgestoßen hatte und der von sich abgefallen war, sich nicht mehr in seinem alten Zustand von Versagen und Verdrängen ertragen konnte. Seine Empfindungen, die waren taub geschlagen. Schmerzen jeglicher Art hatten ihn nicht mehr tangiert. Ihm war übel, und es würgte ihn von unten herauf bis an den Rand seines Kehlkopfes. Die Kühnheit seines Charakters – vormals ein Wesensmerkmal von ihm –, die war vorerst als Antriebskraft erloschen.

Er, der sich von nichts und von niemandem begrenzen lassen wollte, er hatte es satt, wie er sich zu glauben einredete, seine ein- und seine ausgeatmete Existenz auf einer Rolle Stacheldraht zu führen und sich, wie all die Jahre zuvor, mit Lügen, Verdrängungen und Selbsttäuschungen zu besänftigen. Er hatte genug von der Mühsal, hatte genug von seinen mehrfach am Tag wiederkehrenden Brechreizen, die in ihm hochkletterten wie Abertausende von Tausendfüßlern, wenn er sich betrachtete und wenn er das begutachtete, was er bislang aus seinem Leben gemacht und was er, seit er erwachsen war, absichtlich und unabsichtlich von einem Jahr zum anderen unterlassen hatte. Sein Dasein, das hatte sich nicht erfüllt.

Ihm war klar geworden, dass sein Schicksal seit Beginn seiner Geburt ihm den Rücken zugewandt hatte und garstig zu ihm gewesen war. Er hätte auch glauben können, es habe ihm die Zunge herausgestreckt. Und seine Vergangenheit die war seiner Überzeugung nach all die Jahre erkrankt gewesen. Über seine Zukunft wagte er hingegen keinen Ausblick.

Er, das war auf den ersten, auf den flüchtigen, auf den ganz schrägen, auf den aus schmalen Augenwinkeln hingeworfenen, auf den blinzelnden Blick gesehen, ein halb nobel, halb zwielichtig aussehender Kerl von robuster Statur, dem jeder, wegen seiner beeindruckenden Gestalt und wegen seiner offenen, vertrauenerweckenden Miene, die Bewachung eines Verkaufsstandes für Ferrari-Automobile anvertraut hätte. Das war ein wegen eines fortgeschrittenen Leidens von Morbus Bechterew gebeugt gehender Hüne von einer zwischen Scheitel und Sohle über den gekrümmte Körper gemessenen Länge mit dem Gardemaß von nahezu zwei Metern.

Er, das war ein geistig verkommener, ein versoffener, ein buckeliger Intellektueller, den ein Geistesblitz mit verheerender Wirkung getroffen hatte; mitten hinein in den Krater seines vereinsamten, seines moralisch hinfälligen Wesens, das er als Verfehlung ansah, als verkorkst definierte, als heillos, als zerstört und nicht mehr umkehrbar. Ihm fehlten die Kräfte, und er entbehrte des Willens, sich planmäßig zu erneuern. Er hätte auch von sich sagen können, er sei nun ein zerschmettertes Mosaik, das er eigenhändig sich angetan hatte.

Er, ein Lulatsch von der Statur, war nach und nach in völlige Gefühlsarmut eingepfercht, zu einer seelischen Ruine geworden – schleichend und unbemerkt von seinen eigenen Beobachtungen und seinen Empfindungen.

Manchmal redete er sich ein, dass er gar nicht mehr vorhanden war und nicht mehr teilnahm an seiner ihm fremd gewordenen Existenz, die ihm alles, was er sich erträumt hatte, schuldig geblieben war: ein kongruenter Ausdruck seiner selbst zu werden und sich zu erkennen in seiner eigenen Evidenz.

Manchmal wurde ihm bewusst, dass er jemand ohne Herkunft und Heimat war, dass er sich aus einer chaotischen Unordnung von Versäumnissen zusammensetzte, dass er sich nicht selbst verkörperte, sondern an der Stelle von anderen lebte. Manchmal blitzte ein Funken Hoffnung auf, er könne sich befreien aus seinen Ketten und wieder zurückfinden ins Lot seines Lebens und in die Gewissheit seiner Berufung als Autor.

Dieser Umnachtete, der sich wie eine von Flöhen übersäte, räudige Katze fühlte, der die Ballen an den Pfoten versengt waren; dieser psychisch Erkrankte, der über kein verlässliches Gefühl mehr verfügte, mit dem er längere Zeit umgehen konnte; dieser schwer angetrunkene Glückssucher, der er einst war, der seinen in Länge und Umfang beachtlichen, seinen um einen guten Zentimeter der Vorhaut beschnittenen, seinen vom Alkohol schwer berauschten 1,9-Promille-Penis schwenkte, der an den leergepumpten und paralysierten Schwellkörpern herumzupfte, der ihn an der Wurzel zudrückte und der ihn wieder kommen ließ, der ihn in seiner Faust führte wie einen Feuerwehrschlauch und der dabei den Ziegen ähnlich kicherte, dieser knapp zweiundachtzig Kilogramm wiegende Mann war einundvierzig Jahre alt. Seine Staatsangehörigkeit von Geburt an, die ihm in der zweiten Pflegeklasse des Städtischen Krankenhauses im bayerischen Ansbach widerfuhr: bundesrepublikanisch westdeutsch mit Bonn als Hauptstadt und Regierungssitz.

Die Religion, in deren konstitutionellem, moralischem Korsett er im Schwange von Weihrauch auf die Vornamen Leo Ludger auf Anordnung seiner Großmutter getauft wurde: römisch-katholisch im strengsten Sinne und mit Litaneien von Bibelversen doppelt vernäht. Seine Vorfahren waren – von Vaters und Großvaters Seite seiner Mama kreuz und quer im Klan versippte Halb-, Viertel- und Achteljuden – ein Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg auf dem Höhepunkt eines gegen dieses besondere Volk bestialisch wütenden Pogroms in der Furcht um den bedrohten Erhalt ihrer Leben aus der ungarischen Provinz über die Slowakei ins preußische Kaiserreich eingewandert – glücklicherweise unter der Mitnahme von drei mit Hanfstricken verschnürten Handkoffern, in denen sie ihre Wertsachen verstaut hatten: Schmuck, Hartgeld und etliche Unzen von reinem Edelmetall. Ihren Namen Lazar, den duften sie dank eines an die Zöllner in der Höhe von einem Dutzend Goldmünzen bezahlten horrenden Bestechungsgeldes behalten. Er wurde ihnen nicht mit dem schwarzen Tintenstrich eines Federhalters getilgt, wurde beim Grenzübertritt nicht ersetzt in einer Sekunden schnellen Taufe durch Blau oder Grün, Weiß, Gelb oder Schwarz, durch Kupferguss, Süß oder durch Tannenbaum, durch Treppengeländer, Neuner, Achter, Dreier, Zwanziger, Hunderter, Zehner, Brauner, Milchbart, Rotstein, Schweißloch, Handschuh, Fensterbank, oder Finkelstein.

Den vielen Verwandten der Lazars, die bettelarm waren und die den uniformierten Staatsbeamten kein Bakschisch zahlen konnten, denen wurden – auf abschreckende Weise – zum Beispiel diese Nachnamen in die aus Pappe gedeckelten Behelfspässe eingetragen: Bärenloch, Schweißdrüse, Hühnerkralle, Schlingel, Bandit, Übel, Zuckerberg, Bleibnichttreu, Sackbeutel, Aschenschachtel, Räuber, Wuchergroschen, Ekel oder Finsternis.

Der aus seiner Sicht bedauerlicherweise nur geringe Anteil seines semitischen Blutes, auf das Leo stolz war wie auf die herausragende, die höchste akademische Examensnote magna cum laude, das passte, so verdünnt, wie es in ihm war, gerade mal in die Verschlusskappe einer Feldflasche. Mehr jüdischen Saft aus Intelligenz, den hatten seine Adern in der zufällig verkorksten Geburtenfolge der abgestammten Generationen zu seiner sehr großen Abbitte bedauerlicherweise nicht abbekommen; mehr hatte die Natur der Schöpfung von diesem geistreichen, diesem kostbaren, diesem genialen, diesem genetisch wertvollen, diesem roten Elixier leider nicht für ihn ausgeteilt, für diesen Juden des sechzehnten Teils. Einen Anspruch, und wenn auch nur theoretisch, ein richtiger Semit zu sein, den hatte er demnach nicht.

Und so war die Beschneidung, die an seinem Pullermännchen im Alter von einem Jahr vorgenommen wurde, nicht religiösen Ursprungs, und sie war nicht von irgendeinem Rabbi und auch nicht von Jehova angeordnet worden. Die an einem verregneten Vormittag von einem Kinderarzt ihres Vertrauens vorgenommene Verkürzung seines Vorhautzipfels ging auf eine unbegründete und keineswegs fundiert vorgetragene Vorliebe seiner Mutter zurück, die damit lediglich ihren eigenen Geschmack durchgesetzt hatte, was das Aussehen des männlichen Gliedes betraf. Das galt aus ihrer Sicht für den schlaffen Zustand ebenso wie für den steifen. Sie hätte ihren Sohn stattdessen aber auch piercen oder tätowieren lassen, oder ihm Zöpfe flechten oder ihm ein Ballettkleidchen anziehen oder einen Ring durch die Nase stechen können.

Ihr einziges Argument für den ambulant erfolgten chirurgischen Eingriff, der ihn die geschwungene Krone des Präputiums kostete, das brachte sie auf diese Weise wörtlich zu Gehör. „Es sieht so viel schöner aus als das Rüsselchen, und es lässt sich drum herum viel besser und gründlicher sauber putzen ... und die Flusen und die Fäden und die Krümelchen ... und das, was da sonst noch daran hängen bleibt ... wie Wolle oder Hausstaub, das kann man schneller wegmachen mit Seife und einer sorgfältigen Wasserspülung. Man sieht ja ganz deutlich, wenn man ihn rausholt aus dem Schlitz als Junge, von oben nach unten auf den ersten Blick, dass da vorne was dran ist ... an dem süßen Schwänzchen ... an dem.“

In den folgenden Jahrzehnten, in denen er seinen Penis, neben den täglichen Pipi-Geschäften, zu vielfältigen sexuellen Verrichtungen benutzt hatte, war ihm die Überraschung stets gelungen, sobald er ihn entblößt und zur nahen Ansicht oder zur stimulierenden Betastung weiblicher Fingerspitzen freigegeben hatte. All die Dutzenden von Frauen, die Augenzeugen wurden und Nutznießerinnen, so lehrte ihn seine Erfahrung, diese Damen waren stets entzückt gewesen über die blitzblanke Kuppe in der Farbe eines Lachses, die glänzte wie eine aus Elfenbein gefertigte Billardkugel und die sich auch ebenso glatt anfühlte, wenn ein Daumen oder die Spitze eines Zeigefingers sie berührte oder eine Zungenspitze sie abschleckte im Kreise.

Das hervorragende, das freigelegte Geschlechts-Symbol des Jüdischen allerdings, das nicht zwischen den Beinen in seiner Hose baumelte, sondern das ihm als Dokument seiner Abstammung ins Gesicht gewachsen war, das zeigte sich nur noch in der abwärts gerichteten, schmalen Linienführung seiner Nasenspitze, die aussah, von der Seite angeschaut, wie ein Teil der Hälfte einer abgebrochenen Sense. Mit viel Wohlwollen betrachtet, konnte man den Grundriss des Grenzverlaufs von Judäa am Umfang seines Schädels erkennen. Der war übernatürlich groß, und hinter der Stirn, da war eine sehr beachtliche Portion allerbestes Gehirnschmalz verpackt und viel intelligente Masse eingebettet und wenig dummes arisches Stroh hinterlegt und so gut wie gar keine teutonische Rohheit deponiert, kein chauvinistischer Nationalstolz festgewachsen, kein Syndrom von Machtbesessenheit und kein Fanatismus und keine debile völkische Deutschtümelei eingepflanzt und erst recht kein wie auch immer zu bezeichnender tumber Fremdenhass.

„Ich hätte gern viel mehr gehabt von diesem Albert Einstein, von einem wie Franz Werfel und von einem Stefan Zweig und von einem Moses Mendelssohn oder von einem Sigmund Freud“, hatte er sich wiederholt in vor sich hingemurmelten Selbstgesprächen beklagt. „Denn dann, in diesem Falle, in diesem glücklichen Falle, dann wäre ich noch viel intelligenter geworden und noch begabter und noch kreativer ... und ich hätte es geschafft, mich durchzubeißen und ich hätte es gelernt, gegen alle Widerstände anzugehen und ich hätte meine vielen Talente nicht vergeudet und ich hätte mich darauf konzentriert, ein berühmter, ein anerkannter, ein literarisch wertvoller Schriftsteller zu werden. Mit noch mehr Erbgut von meine Leut’, mit noch mehr von diesen erstklassigen, von diesen geistvollen Genen, mit noch mehr rotem Saft von Semitismus in den Adern ... und ich wäre in der Genetik der Abstammung von nicht allzu viel Deutschem und sehr viel mehr Jüdischem ein literarisches Genie geworden und nicht nur ein für die aller niedersten Instinkte einer massenhaften Volksbelustigung gefälliger drittklassiger Gebrauchsautor.“

Verflucht und zugenäht und Rotz verdamm’ mich, was bin ich doch für ein Ferkel, dachte er und klimperte mit den langen, dicht gewachsenen Wimpern seiner Augenlider, als er sich angewidert besah, was die rauschenden Kaskaden seines Urins angerichtet hatten: Der war in einem breiten Strom an die Kante des Schreibtisches gelaufen und von dort auf den Boden getropft. Hätte nicht gedacht, dass es einmal so weit mit mir kommen, dass es einmal passieren würde und ich mitten in der Arbeit am Ende eines Suffs um drei Uhr morgens einen Anfall kriege und dazu noch die Motten, sagte er sich und begann, darüber verwundert zu sein.

Offenbar hatte sein Unterbewusstsein schon vor ihm selbst damit gerechnet, dass ihn an einem unbestimmten Tag das Entsetzen vor sich selbst packen und ihn aus der Bahn schleudern würde. Er hatte sich sein Leben nicht ausgesucht; es war weder geplant, noch war daran gearbeitet worden. Es war einfach nur geschehen. Die Selbstfindung, an der er bewusst seit mehr als dreißig Jahren arbeitete, hatte nun ihre eigene Definition abgeschlossen. Und das war das Bild, das er von sich zeichnete: Ich bin ein Krüppel, ich bin ein mittelmäßiger Schreiberling, ich bin ein Säufer, ich bin ein Streuner, ich habe mich vergeudet.

Und immer öfter dachte er über sich in diesem bildlichen Vergleich: Eigentlich gehöre ich als Einsiedler in einen Märchenwald hinter den sieben Bergen, um dort meine Defekte vor der Außenwelt zu verstecken.

Die Verzweiflung eines Menschen, aus welchen Gründen auch immer sie von ihm Besitz ergriff, war das Einzige, was er jemals bei anderen akzeptiert und was er sich selbst als Begründung und Ausrede für Missetaten und Kurzschlusshandlungen zugebilligt hatte. Ohne Hoffnung ist sogar der Selbstmord entschuldbar, lautete seine Überzeugung.

Er, das war der Erzeuger des Zufalls von zwei Söhnen und von zwei Töchtern aus zwei unglücklichen Ehen mit zwei Frauen, die ihm, einschließlich ihrer Herkunft aus den alemannischen Regionen Süddeutschlands, in der Rückbesinnung vorkamen wie zwei verwelkte Sträuße Astern, die über der Eingangstür zu einem Kuhstall unter einem Nagel baumelten. Maja, die erste, die er ehelichte, eine Brünette, eine Ein-Meter-Achtzig-Frau, die war ihm weggelaufen, weil er sich zu sehr um seinen Beruf gekümmert und sie links liegen gelassen hatte. Und die zweite Angetraute, Vera-Luise mit Vornamen, die war mit den Kindern aus der Wohnung gezogen, nachdem er ein Jahr lang nicht zu Hause gewesen war und sich nur einmal in einem Kurztelefonat bei ihr gemeldet hatte, in dem er ihr mitteilte, er wisse noch immer nicht, wann er zurückkehren werde.

Einen Ehering um den Finger, den hatte er niemals getragen. „Ganz bewusst nicht und aus tiefster Überzeugung“, wie er zum Besten gab, wenn er nach dem Grund gefragt wurde. „In diesem goldenen Rund, das man an der rechten Hand trägt, liegt für die meisten Verheirateten nur ein Haufen Schmerzen und ein Haufen Enttäuschungen“, umschrieb er seine notorische Abneigung gegen diesen traditionellen Hochzeitsschmuck.

Er, das war der Schönschreiber, war einst die Edelfeder in vier verschiedenen Redaktionen gewesen, war der ehemalige Reporter und Kriegsberichterstatter, der sich in Afrika und auf dem südamerikanischen Kontinent herumgetrieben und mehrmals die Seiten der Front gewechselt hatte. Er hatte vom Sitz der Vereinten Nationen in New York berichtet, über das erschreckende Elend der Wanderarbeiter auf haitianischen Zuckerrohr-Feldern und über die Höhlenmenschen auf den Müllplätzen am Rio Grande im mexikanischen Juarez. Er war dabei gewesen als Korrespondent bei Weltwirtschaftsgipfeln der G7-Staaten in Paris und Toronto, bei Ministerratstagungen der Europäischen Gemeinschaft, bei Parteitagen, bei Parlamentsdebatten, bei Staatsbesuchen, bei international besetzten Wissenschaftskongressen und bei Schwurgerichts-Prozessen gegen völkermordende Nazi-Verbrecher.

Er hatte Artikel über korrupte Manager geschrieben, die ihre Firmen ausplünderten; über pfuschende Ärzte, bestechliche Politiker und Vorteile annehmende Beamte, über Gewerkschaftsführer, die sich bereicherten, über katholische und evangelische Geistliche, die sich an kleinen Jungen vergriffen, über Schieber und kriminelle Unternehmer. Ihm war es auch gelungen, Einsicht in Kartelle zu nehmen und inkognito in geschlossene Gesellschaften einzudringen, bei denen eine Hand die andere wusch. Er hatte sich in seinen Reportagen mit prominenten Steuerhinterziehern befasst, mit Bilanzfälschern und mit verbrecherischen Provisionshaien.

Er, das war in seinen ersten Lebensjahren ein dürres, ein schmal gelenkiges, kränkelndes Armeleutekind gewesen, ein Muttersöhnchen, ein Bettnässer, ein Angsthase, ein Fingernägel-Kauer; er war der uneheliche Sohn einer bildhübschen Hure, der die hohe, aber einseitige Intelligenz ihres Stammhalters nicht unbeobachtet blieb. Als er gerade zehn Jahre alt war, hatte seine Mama zu ihm gesagt: „Du Schlingel, du ... du böser, böser Lauselümmel ... du schlimmer Tausendsassa ... du führst doch jeden deiner Mitmenschen hinters Licht. Du trickst jeden aus ... sogar den lieben Gott und den bösen Teufel dazu ... und dich selbst ebenfalls.“

Später, im Alter von neunzehn, nachdem er mit Ach und Krach die Hochschulreife erworben hatte, weissagte sie ihm seine berufliche Laufbahn, über die er, wollte er ihr Glauben schenken, nicht beglückt war. „Du bist zu klug, um eine große Karriere zu machen. Du denkst zu viel nach und du ziehst zu viel in Zweifel und du bist in letzter Konsequenz nicht skrupellos genug ... Das behindert dich, auf deinem Weg voranzukommen. Nur der Mittelmäßige, der schafft es, nur der, der Gewissenlose, der über Leichen geht ... Nur derjenige, der ungestüm vorwärts strebt, der nicht hinterfragt, der sich nicht verpflichtet fühlt für das Allgemeinwohl, der nur an sich denkt und seinen Vorteil sucht, nur der, der betrügt und der stiehlt, der lügt, der kein Mitleid hat mit anderen, der kein Tierfreund ist, der Katzen quält und Hunde ... nur ein solcher Charakter, der wird erfolgreich sein.“

Nachdem seine Mutter sein erstes dreihundertvierundzwanzigeinhalb Seiten starkes Roman-Manuskript gelesen hatte, gab sie ihm diesen Ratschlag: „Schreib ... schreib, schreib jeden Tag, schreib, wann immer du kannst. Schreib von morgens bis abends ... schreib in jeder freien Minute, dann kannst du es vielleicht schaffen. Talent hast du, begabt bist du. Aber durchhalten, das musst du selbst ... durchhalten gegen alle Widerstände, und auch dann noch, wenn du glaubst, du erreichst es nie. Dann erst recht. Und wenn du glaubst, du bist auf einem Irrweg und du solltest eigentlich umkehren ... dann erst recht. Und wenn alle anderen glauben, du wirst nie ein Schriftsteller ... dann erst recht. Und wenn die ganze Welt über dich lacht und dich niemand mehr ernst nimmt und dich alle als Versager verspotten ... dann erst recht.“

Und noch einen Ratschlag, den er ganz fest beherzigen sollte, gab sie ihm mit auf seinen Lebensweg: „Wenn du lügen willst, dann beginne stets zuerst mit der Wahrheit, dann aber, wenn alle dir glauben und alle dich für ehrenwert halten, dann schick die erste Lüge los, auf die es für dich ankommt ... und die, in allerletzter Not, wertvoll ist und die dir eines Tages den nahenden Tod vereitelt.“

Er, das war der Stiefsohn eines evangelischen Pastors, der ohne Geschwister, dafür aber mit zweckgebundenen Bibelsprüchen und vielerlei Tischgebeten aufwuchs. Er musste jede Mahlzeit als mildtätige Gabe des gütigen Herrgotts segnen und dem Allmächtigen dafür danken – für Zigeunersoße, für Pommes Frites, für angebrannte Schweinshaxen, für Mostrich und für Waldmeister-Wackelpudding, für Lakritzstäbchen, für Griesbrei, für Dauer-Lutscher, für Zuckerwatte und für jedes noch so kleine Schlückchen Brause, die er für so kostbar wie Weihwasser hielt.

Er, das war ein leptosomer Junge, der sich vor den verbalen Wutausbrüchen und den Gesetzgebung des Gottesmannes fürchtete, der sich unter dem Bett verkroch, wenn er Zuflucht suchte vor dem keifenden, ihn unerbittlich zur Gläubigkeit anhaltenden, ihn ständig maßregelnden, mit kirchlichem Segen angetrauten protestantischen Ehemann seiner hochverehrten, seiner über alles geliebten Mama.

Er, das war einer, der sich als auserwählt betrachtete, als erlaucht, als edelmütig, als hochwürdig, als majestätisch; einer, den der Ehrgeiz zur Rasanz trieb; einer, der ab seinem sechzehnten Lebensjahr von einer großen Karriere als Autor träumte, der sich öffentliches Ansehen wünschte und zweifelsfreien Ruhm; einer, der von sich geglaubt hatte, allein sein Schatten, wenn er auf sie fiele, triebe die Tapfersten in die Flucht und die ihm Ergebensten auf die Knie. Er wollte ein Großmeister, eine Art Gottkönig des Dialogs werden, seine Schriftstellerei jedoch, Menschen durch Beschreibungen lebendig zu machen und sie in ihren Wortlauten zum Sprechen zu bringen, reichte für ihn, den dichtenden Schmutzfinken, nur zur Unterhaltsversorgung und zur Kapitalvermehrung. Er hatte anfänglich geschrieben, um sich vor sich selbst zu behaupten und zu überleben, jetzt aber drohte ihm für einen unüberschaubaren Zeitraum Stille in seinem Gehirn und damit der Totalverlust seiner Existenzberechtigung.

„Du bist nicht mehr ganz dicht, Leo. Du hast ’n Vogel ... Du bist plemplem“, hatte ihm sein damaliger Freund Rolf Rula auf den Kopf zugesagt. „Du bist total krank im Kopf ... krank vor Selbstüberschätzung und krank vor Arroganz ... krank in dem Irrglauben, du seiest ein Genie und du seiest zu Höherem berufen und du könntest dich wie ein Halbgott erheben über die Mehrzahl anderer Menschen.“

„Ich bin nicht krank ... ich ganz bestimmt nicht“, hatte er geantwortet. „Ich bin das genaue Gegenteil ... Ich bin äußerst gesund und ich bin unverwüstlich ... und ich bin verliebt.“

„Du ... und verliebt? Ach du, mein großer Himmel ... Sag bloß ... in wen denn?“

„In ein außergewöhnlich großartiges Wesen, das mir sehr nahe ist und das mir Tag und Nacht zur Seite steht ... mein ganzes Leben lang ... also immer und ewig.“

„Nun sag schon ... in wen? In wen bist du verliebt?“

„In mich. In mich natürlich. Nur in mich.“

In welcher Sparte er einmal seine Berufung und sein Auskommen finden würde, das wusste er damals noch nicht. Politiker, Schauspieler oder Anwalt standen auf seiner Wunschliste in der engen Auswahl. Zwischen dem zwölften und dem dreizehnten Lebensjahr interessierte er sich speziell für die Tätigkeit eines Spions, für einen, der im Zentrum der Macht sitzt und der Staatsgeheimnisse an die Gegenseite verrät. Er wurde jedoch, nachdem er sein Studium abgebrochen und zufällig nach einer gescheiterten Liebesbeziehung zu schreiben begonnen hatte, der Händler von Buchstaben, die er, professionell gemischt und angepasst an seine Auftraggeber, seinem Zuschauerpublikum zum Verzehr vorsetzte. Das war der Erzähler, der seinen Sprachschatz ausbeutete. Das war der Handwerker, der Wörter, nach einem bewährten Strickmuster zu Sätzen geformt, in jeder frei verfügbaren, in jeder marktgerechten Menge und in jeder Zusammensetzung zum Verkauf anbot – treffsicher für den Geschmack seines Publikums und zu einem Entgelt, das ihm für sein Skript einen Euro pro Einzelwort einbrachte.

Was aber eigentlich zählte, war entweder das Oben oder es war das Unten, war das Geniale oder das Gemeine, war keinesfalls jedoch das Zwischendrin, das Geringe, das ohne Beachtung in der Versenkung verschwindet.

Er, das war ein in sich gespaltener Typus und ein gebrochener Charakter; das war einer, dem die Zufügung von Leid nichts mehr anhaben konnte. Das war jemand, der rastlos auf der Suche war und der alles, was er fand, gleich wieder hinter sich warf. Dieser Gezeichnete, der das Empfinden hatte, ein Mühlstein hinge an seinem Hals, das war ein Gelangweilter, ein Illusionär, ein Idealist und zugleich ein krummer Hund; einer, der sein Anatom in eigener Sache war; einer, der sich als Fallstudie betrieb; einer, der hoch hinaus wollte, der sich jedoch immer wieder in seinen eigenen Niederungen wiederfand.

Er, das war ein Schreib-Besessener, ein pathologischer Gefühlshypochonder, einer, der ständig auf der Suche gewesen war nach seinen Triebbefriedigungen und deren Verlagerungen auf verdunkelte Projektionsflächen, nach denen er sich sehnte. Er, das war jemand, der nichts Prickelndes mehr in seinem Empfindungshaushalt spürte, der klamm, der taub, der kalt, der morsch geworden war; einer, der glaubte, sich zwischen aus Luft gebackenen Kulissen zu bewegen.

Er, das war jemand, der in seinem Umfeld alles erlebt, der alles erlitten, der nichts an vielfältigen Vergnügungen ausgelassen hatte und der nicht mehr ankommen wollte – irgendwo zu irgendwelchem Zweck an irgendeinem Ziel. Und wenn er sein seltenes Lachen erklingen ließ, wenn er sich schüttelte vor Vergnügen über dies und das, dann lag nicht nur Selbstironie und Sarkasmus darin, dann klang in diesen grölenden Tönen der Freude die Absicht von Selbstzerstörung mit und der Abschied von einst inszenierten Großmannssucht.

Er, dieser schief geratene, dieser schlaksige, dieser scheinbar muskulöse, aber eigentlich – im nackten Zustand – magere Athlet, der hatte ein kantiges, von Falten zerfurchtes Gesicht, buschige, halbmondförmige Augenbrauen und einen großen, sinnlichen Mund, der seine formschöne Attraktivität besonders zur Geltung brachte, wenn er lächelte und seine ebenmäßigen weißen Zähne zeigte. Seine graumelierten, teerschwarzen, seine dicht gewachsenen, seine pferdeschwanzdicken, bleistiftlangen Haare waren in der Mitte gescheitelt und an den Seiten in einem Winkel von dreißig Grad nach hinten gekämmt. Damit die Tollen festhielten und ihm nicht ständig vor die Augen fielen, benutzte er einen Schimmer von Kokosmilch-Pomade, die er, auf die Fingerspitzen verteilt, rückwärts gestriegelt über die Schläfen in die Frisur rieb.

Und noch etwas stach in optischer Gefälligkeit bei ihm als körperliches Merkmal hervor, das ihm sein Schöpfer als Ausgleich für den deformierten Rücken gegeben hatte: seine attraktiven Hände. Sie waren lang und schmal und sie sahen stets so aus, als wären sie gerade gewaschen und zur Austeilung der Speisen eines Abendmahls in Anwesenheit des Heilands Jesus Christus mit dem Fettpolster heiliggesprochener Kühe gesalbt worden.

Seinen Beruf, den er angab, wenn er danach gefragt wurde, bezeichnete er als angestellter Schriftsteller und gelegentlicher Romancier. Den Lebensunterhalt, den verdiente er allerdings als Drehbuchautor für sogenannte Seifenopern, und Schnulzenserien, die im Vorabendprogramm von öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern ausgestrahlt wurden. Pro Skript, von denen er, wenn’s lief wie flüssiges Brot, alle drei Monate eins im Packen von hundert Blatt ablieferte, erhielt er bis zu dreißigtausend Euro. Steuern, Rentenzahlungen und Versicherungen, die gingen zu seinen Lasten; ebenso das Papier für den Ausdruck seiner Manuskripte, für Telefonkosten, Recherchen und für etwaige Spesen, die bei Überlandfahrten und Übernachtungen entstanden.

Die Titel, unter denen seine verfilmten Geschichten in den Vertrieb kamen und in den Programmzeitschriften ausgedruckt waren, machten ihn stets wütend. Sie waren noch klischeehafter, noch rüder als die Inhalte selbst, die sich Leo ausdachte. Seine Vorschläge, den Drehbüchern Überschriften zu geben, die auch den Film so nennen sollten, wurden stets abgelehnt.

Sein erstes Stück, das er gegen ein horrendes Honorar abgesetzt hatte, handelte von einer blinden, in Boston aufgewachsenen Sängerin, die von einem russischen Wunderheiler, in den sie sich unsterblich, aber unglücklich verliebte, ihre Sehkraft zurückerhält. Bei einem Gondel-Unfall in den Alpen, als ein Militärjet der US-Luftwaffe während eines Tiefflugs in das Tragekabel rast und es durchtrennt, werden beide am Tag ihrer Hochzeit in den Tod gerissen.

Seine anderen Werke, die er mit kurzen Sätzen und groben Charakterbeschreibungen anlegte, das waren Legenden um verwunschene Testamente, oder sie zauberten plötzliche Erbschaften herbei, die aus einem Bettler ohne Bleibe einen Multimillionär mit Schloss machten, oder sie entdeckten auf verstaubten Dachkammern Truhen und versiegelte Briefe – posthume Botschaften von Ermordeten für die Lebenden.

Heimtückische Krankheiten, Querschnittslähmungen, verlorene Gedächtnisse und verlorene Stiefsöhne, gestrauchelte Töchter, uneheliche Kinder, entführte Ehefrauen, Schicksalsschläge aller Sorten, sexuelle Hörigkeit zwischen einem Priester und einer Nackttänzerin, triebgesteuerte Perversionen von Gymnasiallehrern, ein Koma-Patient, der im Tiefschlaf zu Gott findet, Ehebrüche der verschiedensten Variationen, und jede Sorte Jungfrauen, die unschuldig im Gefängnis schmachten – diese Angelpunkte, mit denen ein Massenpublikum begeistert werden sollte, gehörten ebenfalls zu Leo Ludger Lazars Repertoire, das er, Wort für Wort und Zeile für Zeile, in dreizehn und mehr Stunden währenden Tag- und Nachtschichten seinen Phantasien abpflückte und das er zu Handlungssträngen und Dialogen ausbaute.

Den größten Erfolg mit mehr als neun Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von einundzwanzig Prozent erzielte er mit der Erzählung über eine rätselhafte Frau, deren halbes Gesicht durch eine verwucherte Brandverletzung zur Fratze entstellt ist. Der Name des Films, der zur weiteren Ausstrahlung in sieben europäische Länder und nach Japan verkauft worden war: Die Rache des Feuerengels.

In seinem letzten Drehbuch, an dem er bis vor wenigen Sekunden gearbeitet hatte, ging es um zwei Brüder, die sich, als wären sie Kain und Abel, um die Führung des väterlichen Unternehmens streiten und im Verbund mit Heimtücke und Gewalt um eine schöne Heldin kämpfen, in die sich beide verguckt haben. Am Ende steht der brüderliche Totschlag, bei dem einer, der Edle und der Schöne, das Opfer und der andere, der Verschlagene und Verunstaltete, der Täter ist. Mehr als dreißig solcher geistig klebrigen Dramen und wundersamen Geschichten hatte Leo Tag für Tag heruntergetippt und sich damit ein kleines Vermögen angehäuft.

Er besaß ein abbezahltes, freistehendes, einhundertvierzig Quadratmeter großes Haus mit Vorgarten, einen Smoking, ein halbes Dutzend Anzüge, sieben Sakkos, elf Leinen- und acht Cordhosen, vierzehn Oberhemden, drei Pullover, zwölf Paar Schuhe, sechzehn Paar Kniestrümpfe, siebenundvierzig Unterhosen, drei Lederkoffer und zwei riesige Reisetaschen aus Wasser undurchlässigem Segelstoff, ein dreizehn Jahre altes, aus zweiter Hand gekauftes Auto mit Dieselmotor der französischen Marke Peugeot, eine mit zweihundertfünfzigtausend Euro gezeichnete Kapital- und eine über hundertfünfundfünfzigtausend Euro ausgewiesene Risiko-Lebensversicherung, zwei Sparbücher, einige Dutzend Automobil-Aktien und eine Bibliothek von nahezu viertausend Bänden.

Er nannte außerdem ein Fahrrad mit Rücktritt sein eigen, einen mit Bisampelz gefütterten Kaschmir-Wintermantel, einen blauen US-Marineparka, einen Anorak, sechs Paar Manschettenknöpfe mit Bernstein-Verzierungen, eine vergoldete rechteckige Armbanduhr und eine dritte Lieblings-Ehefrau, die nebenan schlief; in einem bodenlangen, hellblauen Plisseenachthemd ohne Ärmel, zur Nacht parfümiert und, wie er überzeugt war, ihm gehorsam und treu bis in den Tod.

Sie war zehn Jahre jünger als er, am Kopfhaar strohblond gefärbt und, wie er es mit zunehmendem Alter bevorzugte, von fülliger Körpermasse – ausreichend ästhetisch und reizvoll geformt mit den Auswüchsen einer Hügellandschaft aus schierem Frauenfleisch. Lilly, die immer adrett aussah, die immer gut roch, die ihn bemutterte, war wenig begabt. Eigentlich konnte sie nichts perfekt und nichts richtig.

Sie verwechselte häufig links und rechts. Sie brachte oben und unten durcheinander und sie war im Kopfrechnen schwach. Und selbst wenn sie sich die Zahlen aufschrieb und sie Ziffer für Ziffer addierte, unterliefen ihr Fehler. Ihre Orthographie-Kenntnisse waren ebenfalls mangelhaft. Und sie kannte sich nicht bei Fremdwörtern aus. Anstatt Damokles-Schwert sagte sie Dakota-Schwert; und an den Begriff Interna hängte sie, wenn sie die Mehrzahl davon meinte, ein s als Plural dran. Und sobald Leo sie verbessern wollte, steckte sie sich ihre Zeigefinger in die Ohren und verstopfte damit ihren Gehörgang.

„Ich will nichts davon wissen, wenn ich einen Fehler mache“, sagte sie dann. „Und ich will nicht, dass du mich dauernd verbesserst.“

Abgewöhnen konnte er ihr ebenfalls nicht, nach Zeitangaben wie Jahr oder Tag oder Moment den Ortsbegriff wo zu verwenden. Er zuckte jedes Mal zusammen, wenn sie sich vernehmen ließ: „Weißt du noch, das Jahr, wo wir uns kennengelernt haben.“ Und das Verb kosten, das verwendete sie stets mit dem Dativ und nicht mit dem Akkusativ, sie sagte Es kostet den Männern viel Geld und nicht Es kostet die Männer viel Geld. Wann man dringen und wann drängen zu verwenden hatte, das war ihr ebenfalls nicht geläufig; ebenso der Unterschied zwischen dasselbe Haus und das gleiche Haus. Nach wenn nicht würde zu benutzen, sondern stattdessen, den Konjunktiv, diese sprachliche Feinheit hatte er ihr beibringen können. Und wenn sie es aussprach und beispielsweise diesen Satz verlauten ließ „Wenn ich ihn kennte, würde ich ihn gewiss mögen“, schaute Lilly zu Leo rüber und lächelte ihn an, als wollte sie ihm zuraunen: Hast du gehört, wie gelehrig ich bin und wie ich es korrekt anwende, was du mich gelehrt hast?

Sie interessierte sich nicht für Politik und sie machte sich nichts aus Kriminalfilmen. Sie konnte noch nicht einmal richtig mit einem Holzbesen umgehen. Sie ließ das Essen anbrennen und die Mich überkochen. Sie versalzte Sauerkraut und andere Topfgemüse. Wenn sie den Tisch deckte, vergaß sie es, Servietten hinzulegen. Sie schreckte die Frühstückseier nie richtig ab, sodass sich Leo immer wieder die Finger verbrannte. Sie verstand nichts vom Kuchenbacken. Sie bügelte Kniffe in die Kragen seiner Oberhemden. Knöpfe, die sie annähte, hielten keine ganzen Tag lang. Und bei der Zubereitung von Kaffee gelang es ihr nicht, eine gleichbleibende Qualität herzustellen; mal war er zu schwach, mal zu stark. Sie kaufte häufig viel zu viel ein, und so verdarben Lebensmittel kiloweise, bevor sie verzehrt werden konnten. Wurstwaren warf sie besonders häufig in großen Mengen in den Abfalleimer.

Lilly hatte Angst vor Mäusen und Spinnen. Sie ekelte sich vor Fröschen und vor Schnecken und sie mochte keine Hunde und sie konnte Katzen nicht leiden. Der Anblick von Regenwürmern, der ließ sie zittern, der von Schlangen sie aufschreien, der von Ochsen sie erstarren. Sie war extrem schreckhaft und sie fuhr zusammen, wenn ein Messer zu Boden fiel, oder wenn der Durchzug des Windes eine ...

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