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Küsse und andere Köstlichkeiten

1. KAPITEL

Der Clou für Ihren Junggesellinnenabschied: männliche Körperteile aus edelster Schokolade!

Max Treveleyn blieb vor Überraschung wie angewurzelt stehen, als er den Slogan über dem Stand von „Taras sexy Partysnacks“ entdeckte.

Natürlich wusste er, dass die Uhren in London anders tickten als auf der beschaulichen Karibikinsel, auf der er lebte, und Partyservice war eine einträgliche Branche. Dennoch hätte er nie erwartet, auf einer exklusiven Biokostmesse Werbung für Genitalien zu finden – aus welchem Material auch immer.

Der Stand zog große Aufmerksamkeit auf sich. Für einen Montagmittag herrschte dort ausgesprochen reges Treiben. Zahllose Frauen rissen sich um die dargebotenen Kostproben, ehe sie sorgfältig ihre Auswahl trafen. Was sie zu Hause mit ihren Errungenschaften anstellen würden, mochte Max sich gar nicht erst vorstellen.

Ein Blick auf die Uhr über dem Eingang zur U-Bahn-Station verriet ihm, dass ihm bis zu dem Lunchtermin mit seiner Exfrau Kate noch zwanzig Minuten blieben. Diese Zeit wollte er nutzen, um sich die neueste Entwicklung im Geschäft mit Bioschokolade näher anzusehen.

Vorsichtig bahnte er sich einen Weg zwischen den aufgeregten Frauen hindurch. Hinter der Verkaufstheke, auf der sich Tabletts voller lebensgroßer, anatomisch erstaunlich korrekter Skulpturen aneinanderreihten, stand eine quirlige kleine Blondine in einem knapp sitzenden T-Shirt mit der Aufschrift: „Taras sexy Partysnacks“.

Das Geschäft lief ausgezeichnet, und es dauerte eine Weile, bis es ihm endlich gelang, zum Tresen vorzudringen. Wenn ich meinen Biokakao ebenso gut verkaufen würde, müsste ich mir nie wieder Sorgen um die Zukunft machen, dachte er. Die Vorstellung, sein Einkommen mit männlichen Körperteilen aus Schokolade aufzubessern, jagte ihm allerdings kalte Schauer über den Rücken.

In diesem Moment fing die Blondine seinen Blick auf. Sie lächelte ihm freundlich zu. „Hallo, junger Mann. Suchen Sie etwas für Ihren Junggesellenabschied? Ich hätte da genau das Richtige.“ Sie griff unter die Theke und zog ein Tablett hervor, dessen Inhalt ihm den Atem verschlug. „Sie haben Glück – heute verkaufen wir sämtliche Körperteile zum Sonderpreis. Wie viele dürfen es sein?“

Er räusperte sich und schüttelte den Kopf. „Vielen Dank, ich brauche keine Zehen aus Milchschokolade, so verführerisch sie auch aussehen“, brachte er mühsam heraus. „Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich einige Fotos von Ihrem Stand mache? Er ist wirklich … außergewöhnlich.“

Eine Sekunde lang sah sie ihn erstaunt an, dann lachte sie lauthals los. „Daisy, dieser Herr würde gern unsere Schokolade fotografieren. Bist du damit einverstanden?“

Neben ihr tauchte plötzlich eine große Brünette auf. Offenbar hatte sie bislang auf dem Boden gekauert, um etwas unterhalb der Theke zu suchen, denn sie war ihm zuvor nicht aufgefallen. Sie trug die weiße Jacke und karierte Hose eines Kochs und begrüßte ihn mit einem freundlichen Nicken. In ihren Augen funkelte es amüsiert.

„Nur, wenn er etwas kauft. Hier.“ Sie wirbelte herum und wandte sich ihm gleich darauf wieder zu, in der Hand eine Platte voller fleischfarbener Schokoladenbrüste. Ein Kreis aus bräunlichem Karamell, in dessen Mitte eine dunkle Kakaobohne prangte, verlieh dem Ganzen einen überaus realistischen Anstrich. „Wir führen sie auch in Mokka, falls Ihnen das lieber ist. Oder kann die süße Tara Sie dazu überreden, je eine von beiden Sorten zu kaufen? Unsere Brüste bestehen selbstverständlich aus Bioschokolade, und ich fertige sie persönlich von Hand an.“

Sie hielt ihm den Teller hin, und er schloss automatisch die Augen, um sich ganz auf den köstlichen Duft zu konzentrieren. Dabei kam seine Nase einer der Kakaobohnen näher als geplant, und als er die Augen wieder aufschlug, zuckte er unwillkürlich zurück. Dann unterzog er das Objekt einer näheren Betrachtung.

„Es riecht herrlich schokoladig – und eine Spur nach Himbeere.“

„Himbeerpüree und Vanilleextrakt“, gab sie ihm recht. „Greifen Sie rasch zu, wenn Sie eine möchten. Es ist Hochsaison für Hochzeiten, und überall finden Junggesellenpartys statt. Ich komme kaum mit der Produktion meiner Brüste nach. Der Juni ist die beste Zeit zum Heiraten, finden Sie nicht auch?“

Die Erinnerung traf Max wie ein Schlag: Champagner, Schottenröcke und Volkstänze in der kleinen Dorfhalle, die Kates Eltern für den Hochzeitsempfang gemietet hatten. An jenem Junitag war es nass, kalt und windig gewesen, doch davon hatte er nichts gespürt. Damals waren sowohl er als auch seine Braut noch sehr jung gewesen, voller Idealismus und verrückter Träume von einem gemeinsamen Leben auf St. Lucia, die der harten Realität leider nicht standgehalten hatten.

Ein Stoß in die Seite riss ihn aus seinen Gedanken, und die Frau neben ihm, die ebenfalls die originellen Partysnacks bewunderte, entschuldigte sich wortreich. Er antwortete höflich und wandte sich dann wieder der Verkäuferin zu, die immer noch auf eine Antwort wartete und ihn amüsiert fragte:

„Hallo! Hören Sie mich? Ich hatte den Eindruck, Sie waren einen Moment lang ganz weit fort.“

„Ihre Bemerkung hat mich an meine eigene Hochzeit erinnert. Sie haben ganz recht, der Juni eignet sich hervorragend zum Heiraten.“ Er schluckte, dann lächelte er schief und zwinkerte ihr zu. „Vielen Dank.“

„Das gehört zum Service. Und?“ Sie wies mit dem Kopf auf das Tablett. „Wie viele dürfen es sein? Meistens verkaufen wir sie paarweise, drei wären irgendwie unnormal und vier wirkt gierig. Andererseits liegt es natürlich ganz bei Ihnen!“

Er sah sie belustigt an – und nahm sie zum ersten Mal bewusst wahr. Die Sonne fiel auf ihr Haar, das nicht einfach braun, sondern von einem tief Rostrot war, wie er erst jetzt bemerkte. Es umrahmte ein von einem Paar großer grüner Augen beherrschtes herzförmiges Gesicht. Ihr Lächeln ließ die Wehmut, die ihn beim Gedanken an seine gescheiterte Ehe befallen hatte, weichen, und ihm wurde warm ums Herz.

„Ich bin sicher, Ihre Brüste schmecken ausgezeichnet. Ihre Schokoladenbrüste“, stellte er hastig klar. „Allerdings esse ich ausschließlich dunkle Bioschokolade. Je dunkler, je lieber.“

Auf ihren enttäuschten Blick hin fuhr er rasch fort: „Es gibt aber tatsächlich etwas, womit Sie mir helfen könnten.“

„Wirklich? Das zu glauben fällt mir schwer, wenn ich Sie nicht einmal mit meinen Brüsten in Versuchung führen konnte.“

Sie lächelte, und er entdeckte Grübchen auf ihren Wangen und zahllose Sommersprossen, die ihre ansonsten makellose Nase zierten.

Rotes Haar, grüne Augen und Sommersprossen: Eine tödliche Kombination, dachte er.

Sein Herzschlag beschleunigte sich – nur eine Spur zwar, aber genug, um ihn den Blick abwenden zu lassen. Er musste erschöpfter sein als gedacht, wenn eine junge Frau mit ihrem Lächeln die Barrieren ins Wanken bringen konnte, die er so sorgfältig um sein Herz errichtet hatte.

Nachdem er bereits eine Ehe seiner Besessenheit – dem Kakaoanbau – geopfert hatte, hatte er sich fest vorgenommen, sich nie wieder ernsthaft mit einer Frau einzulassen.

Um seine Verwirrung zu überspielen, hustete er. „Haben Sie auch etwas für Kinder? Meine Tochter wird nächste Woche acht Jahre alt.“

„Ach so, Sie sind Familienvater. Wieso haben Sie das nicht gleich gesagt? Das meiste haben wir bereits heute Morgen verkauft, aber ich sehe mal nach, ob wir noch Schokotiere haben.“ Wieder beugte sie sich unter den Tisch und gewährte Max dadurch einen verlockenden Blick auf ihren hübschen Po, der von der eng anliegenden Hose betont wurde.

„Hätten Sie lieber Bären oder Häschen?“, fragte sie. „Weiße oder Milchschokolade? Oh, da sind noch ein paar Rosinen in dunkler Schokolade. Die sind bei Kindern heiß begehrt – als Hasenköttel.“

Sie tauchte wieder auf und präsentierte ihm eine Schachtel. „Ich würde Ihnen die Hasen empfehlen.“

Neugierig trat er einen Schritt vor und spähte hinein. Die Häschen aus Milchschokolade mit weißen, innen rosa gefärbten Ohren, sahen entzückend aus und dufteten verlockend.

„Fantastisch“, lobte er begeistert. „Ich nehme alle, und dazu eine Tüte von den Rosinen. Dürfte ich vielleicht etwas probieren, Denise?“

„Gerne – und ich heiße Daisy. Tara und ich genießen es, für Kindergeburtstage zu arbeiten. Das macht immer viel Spaß.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Die Häschen sind ein tolles Geschenk, um das Ihre Tochter von ihren Freundinnen beneidet werden wird.“

Max öffnete den Mund, um zu entgegnen, dass das ohnehin der Fall war. Die anderen Kinder gingen automatisch davon aus, dass sie über einen unerschöpflichen Vorrat an Schokolade verfügte, da ihr Vater Besitzer einer Kakaoplantage war. Doch ehe er etwas sagen konnte, nahm Daisy eine schokoladenüberzogene Rosine und steckte sie ihm ungefragt in den Mund.

Dabei berührten ihre Finger seine Lippen, und für einen Augenblick durchzuckte ihn heftiges Verlangen. Sein letztes Zusammensein mit einer Frau lag lange zurück … Hastig konzentrierte er sich auf den Geschmack.

„Und? Wie schmeckt sie Ihnen“, fragte sie, ohne etwas von dem seelischen Aufruhr zu ahnen, in den sie ihn gestürzt hatte. „Für Schokorosinen für Erwachsene tränke ich die Früchte zuvor in Alkohol, was einen guten Kontrast zu der Süße abgibt. Für Kinder verwende ich stattdessen Apfelsaftaroma – das funktioniert ebenso gut.“

Max kaute einen Moment, ehe er schluckte. „Wow!“ Er blinzelte kurz und gab sich alle Mühe, das Gesicht nicht zu verziehen. „Das war ein richtiggehender Zuckerschock. Gewöhnlich esse ich ausschließlich bittere Schokolade. Ich versuche, auch meine Tochter dahin gehend zu erziehen, dass sie nicht allzu viele Süßigkeiten isst. Sie müssen also entschuldigen, wenn ich Ihnen nur ein Päckchen von den Rosinen abnehme. Ich kann nicht verantworten, dass sich eine Horde Achtjähriger an Zucker und Zusatzstoffen berauscht.“

In diesem Moment eilte Tara mit einem leeren Tablett herbei. „Vorsicht! Mit dem Wort Zusatzstoffe haben Sie ein Minenfeld betreten. Machen Sie sich auf etwas gefasst.“

Offenbar hatte sie nicht übertrieben. Daisy stand schwer atmend da, den Kopf zur Seite geneigt, und funkelte ihn wütend an. Mit schneidender Stimme stellte sie klar: „Meiner Schokolade füge ich ausschließlich Biofrüchte und Zucker hinzu. Rosinen sind von Natur aus süß. Kinder lieben sie und lassen ‚Häschenköttel‘ aus einfacher Schokolade schlichtweg liegen.“

„Entschuldigung, ich wollte Sie nicht beleidigen.“ Er nahm eine der schokoladenüberzogenen Rosinen in die Hand und hielt sie sich unter die Nase. „Ich kann keine unterschiedlichen Kakaoaromen ausmachen. Vielleicht sollten Sie eine weniger bittere Kakaosorte verwenden? Dadurch könnten Sie Zucker einsparen, ohne an Aroma einzubüßen. Ein sortenreiner Edelkakao würde sich vorzüglich eignen.“

„Oh, wirklich? Erzählen Sie mir doch mehr“, heuchelte Daisy Entzücken. „Ich kann es gar nicht erwarten zu erfahren, wie ich eine Rezeptur verbessern kann, an der ich sechs Monate lang herumgetüftelt habe. Bitte lassen Sie mich weiter an Ihrem Wissen teilhaben.“

Max räusperte sich vor Unbehagen. Wieder einmal hatte er das Falsche gesagt – dennoch nahm er die Herausforderung an. „Sie verwenden zwar Schokolade hervorragender Qualität, dennoch eignet sich Ihre Glasur meiner Meinung nach nicht optimal zum Überziehen von getrockneten Früchten.“

Zum Glück blieb Daisy eine Antwort erspart. Tara hatte soeben einem jungen Mann in elegantem Anzug vier der verführerischen Schokobrüste verkauft und eilte ihr jetzt zu Hilfe. „Das stimmt in der Tat, und sie kostet mich allwöchentlich ein kleines Vermögen. Aber Daisy besteht darauf, ausschließlich die beste belgische Schokolade zu verwenden. Sie verschwenden Ihr Geld nicht, das kann ich Ihnen versprechen.“ Mit ihrer Kuchenzange wies sie auf Daisy. „Und du, junge Dame, hast jetzt einen Termin. Geh, beeil dich. Ich kümmere mich schon um deinen Freund hier. Vielen Dank, dass du so kurzfristig einspringen konntest.“

Daisy warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und rang entsetzt nach Atem. „Wenn es wirklich so spät ist, komme ich in Teufels Küche!“ Hastig drückte sie Max die Schachtel mit den Häschen in die Hand. „Ich wünsche Ihrer Tochter eine wunderschöne Geburtstagsparty, auch wenn die vielen Süßigkeiten unweigerlich ihren Zähnen schaden werden.“ Rasch streifte sie die Schürze über den Kopf, griff nach ihrer Handtasche, winkte ihm mit der freien Hand zu und war aus dem Verkaufsstand verschwunden, ehe er etwas erwidern konnte.

An ihrer Stelle stand die Blondine vor ihm. „Hallo noch mal. Mein Name ist Tara. Mit welchen unserer ausgefallenen Snacks darf ich Sie heute in Versuchung führen?“

Max schlenderte durch die sonnendurchfluteten Straßen Londons, in einer Hand die Tüte mit den Schokohäschen, in der anderen seine Reisetasche. Dass er zu spät zu seiner Verabredung mit Kate kommen würde, störte ihn nicht besonders, dazu hatte er die Begegnung mit der reizenden Daisy und der ebenso entzückenden Tara zu sehr genossen.

Offenbar hatte sich das Geschäft mit Schokolade in jüngster Zeit grundlegend gewandelt. Die Chocolatiers, die er kannte, waren zumeist ältere Herren, die Süßwarenketten führten oder als Einkäufer namhafter, weltweit agierender Firmen arbeiteten. Schokoladenbrüste oder dergleichen waren ihm noch nie untergekommen.

Schade eigentlich, dachte er, denn die Idee der beiden Frauen gefiel ihm ausgezeichnet. Schokolade bedeutete Genuss und Vergnügen – was sie hervorragend miteinander verbanden. Er freute sich schon darauf, Freya die Häschen zu überreichen.

Im Vorübergehen fiel sein Blick auf das Schaufenster einer Boutique, und er erschrak, als er darin sein Spiegelbild sah. Rasch fuhr er sich mit der Hand übers Kinn. In den letzten Tagen hatte er nur wenig Schlaf gefunden. Vor seiner Abreise musste die Kakaoernte eingebracht werden, abends war er immer erst zu Tode erschöpft ins Bett gefallen.

Ich hätte mich am Flughafen waschen und rasieren sollen, dachte er verärgert. Kate würde zwar akzeptieren, dass er nicht so elegant gekleidet war wie ihr neuer Freund, ein Bankier in der City, aber wenn er zerzaust und unordentlich im Restaurant auftauchte, wäre sie zu Recht ungehalten. Unwillkürlich fragte er sich, weshalb sie auf einem Treffen bestanden hatte, ehe er ihre gemeinsame Tochter von der Schule abholte.

Der Gedanken an Freya ließ ihn lächeln.

Egal, wie viele dumme Fehler er in der Vergangenheit auch begangen hatte, eines bereute er nicht: dass er einen Sonnenstrahl wie Freya gezeugt hatte. Sie war jetzt beinahe acht Jahre alt, ein helles Köpfchen, hübsch wie die Mama und sein Ein und Alles. Wenn an manchen Tagen der tropische Regen in Strömen fiel, bis die Kakaobohnen am Baum verfaulten, und er nicht wusste, wie er seine Arbeiter entlohnen sollte, genügte ein Blick auf ihr Foto auf seinem Nachttisch, um ihm neuen Mut zu schenken.

Ihretwegen verwandte er seine ganze Energie darauf, seine Biokakaoplantage auf St. Lucia zum Erfolg zu führen. Freya war seine Inspiration, seine Motivation und der Grund, dass er allen Schwierigkeiten zum Trotz durchhielt, selbst wenn das bedeutete, dass er sie den größten Teil des Jahres über nicht sehen konnte, weil sie bei ihrer Mutter in London lebte.

Eine Touristengruppe versperrte ihm den Weg. Er wich kurzerhand vom Bürgersteig auf die Straße aus, nachdem er sich zuvor gründlich nach waghalsigen Radfahrern, Bussen und den für London typischen schwarzen Taxis umgesehen hatte.

In dieser Stadt, die nie zur Ruhe kam, inmitten all des Lärms, dem Verkehr und der Geschäftigkeit hatte er sich nie wohlgefühlt. Seine Heimat war die Plantage in der Karibik, auf der er aufgewachsen war. Der einzige Lärm dort stammte von den Schwärmen wilder bunter Papageien, die lauthals protestierend aus den Baumwipfeln aufflogen, wenn die Farmarbeiter sie aufstörten.

Er bemühte sich, die ohrenbetäubenden Straßengeräusche auszublenden, und seufzte erleichtert auf, als er kurz darauf den Eingang zur Kunstgalerie entdeckte.

Wenige Augenblicke später stand er in dem der Galerie angeschlossenen Restaurant und sah sich suchend nach seiner Exfrau um. Gleich darauf entdeckte er sie am besten Tisch im ganzen Raum.

Wie üblich wirkte Kate Ormandy Treveleyn ausgesprochen elegant. Sie trug ein edles cremefarbenes Leinenkleid, goldene Sandaletten und dezenten Goldschmuck, das lange glatte Haar fiel ihr seidig über die Schultern.

Dennoch musste er unvermittelt wieder an die Rucksacktouristin denken, die auf dem Weg zum Strand, wo ihre Freundinnen auf sie warteten, über seine Plantage geschlendert war. Sie hatte ihm gleichzeitig das Herz und den Verstand geraubt.

Damals hatte sie die Idee gehabt, seine Kakaoplantage auf ökologischen Anbau umzustellen und ihr damit zum Erfolg zu verhelfen. Leider hatte sich das Leben auf einer Farm als zu beschwerlich für sie erwiesen. Sie war nach London zurückgekehrt und hatte ihn vor die Wahl gestellt, mit ihr zu kommen oder auf St. Lucia zu bleiben, bei seiner „wahren Geliebten“, der Plantage.

Mit dieser Bezeichnung hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen: Er hatte tatsächlich seine Familie der Farm geopfert. Umso unerlässlicher war es für ihn, dass seine Anstrengungen von Erfolg gekrönt wurden.

In diesem Moment blickte Kate auf und sah ihn. Nach einem raschen Blick auf ihre Armbanduhr lächelte sie kopfschüttelnd.

Rasch ging Max zu ihr und küsste sie auf die Wange. „Verzeih mir die Verspätung. Du siehst fantastisch aus wie immer. Leider kann ich nur mit einer schwachen Entschuldigung aufwarten: Vor dem Eingang zur U-Bahn bin ich auf einen Markt für Biokost gestoßen. Dort habe ich etwas für Freya gekauft. Kannst du mir vergeben?“

„Dir ist es immer schon schwergefallen, Termine einzuhalten. Wie ich sehe, trägst du auch die Uhr nicht, die ich dir zu Weihnachten geschenkt habe.“

Max zuckte die Schultern und zwinkerte ihr zu. „Du weißt, dass ich mit Uhren nichts anfangen kann.“ Er setzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber. „Wie geht es unserem kleinen Mädchen?“

„Prima. Sie freut sich schon auf dich. Du holst sie doch von der Schule ab, oder?“

Sie reichte ihm den Brotkorb, und er atmete gierig den köstlichen Duft nach frischem Ciabatta mit Rosmarin ein. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie hungrig er war. „Auf jeden Fall. Das sieht gut aus.“

„Das Restaurant hat einen ausgezeichneten Ruf. Ich war so frei und habe dir bereits dein Lieblingsgericht bestellt: Lasagne.“

„Du kennst mich viel zu gut.“ Über den Tisch hinweg reichte er ihr die Tüte, in der Tara seine Einkäufe verstaut hatte. „Ich tausche die Lasagne gegen eine Tüte voller Schokohäschen – mein Beitrag zu Freyas Geburtstagsparty nächste Woche. Ich weiß, dass du in London an jeder Ecke Bioschokolade kaufen kannst, aber diese Häschen sahen einfach zu niedlich aus. Sie sind fast so hübsch wie die beiden Damen, die sie mir verkauft haben.“

Neugierig spähte Kate in die Tüte. „Du kaufst Schokolade? Das ist ja ganz neu. Bisher hast du allein bei dem Gedanken an einen Schokoriegel aus dem Supermarkt rotgesehen. Entweder sind die Hasen außerordentlich lecker oder die Verkäuferinnen sind wahre Schönheiten. Jetzt schau mich nicht so böse an.“ Sie streckte die Hand aus und fuhr ihm durchs fast schulterlange Haar. „Trotz deiner viel zu langen Haare dreht sich so manche Frau nach dir um, das weiß ich genau.“

„Momentan interessiere ich mich nur für eine ganz bestimmte Dame. Weißt du noch, was sie sich von mir zum Geburtstag gewünscht hat?“

Auf ihren fragenden Blick hin griff er in die Reisetasche, die er neben sich auf dem Boden abgestellt hatte, und zog eine Schnitzerei heraus. „Ich habe die Papageien erst diese Woche fertiggestellt. Sie sehen genau wie die auf dem Foto aus, das ich ihr geschickt habe. Ich hoffe, sie gefallen ihr.“

„Das werden sie. Allerdings darfst du nicht enttäuscht sein, wenn sie die Spielkonsole vorzieht, die Antoine ihr gekauft hat. Sie wird acht Jahre alt, ihr Leben dreht sich um Computerspiele, Schule und ihre Freundinnen. St. Lucia ist für sie lediglich ein Flecken auf der Landkarte, wohin ihr Dad für Wochen und Monate am Stück verschwindet. Das hört sich hart an, ich weiß, du darfst sie deshalb aber nicht für undankbar halten.“

„Gerade darum ist es mir wichtig, dass sie die Sommerferien mit mir auf der Insel verbringt. Inzwischen ist sie alt genug, um sich vor den Gefahren in Acht zu nehmen, und auf der Farm leben zahlreiche Kinder, mit denen sie spielen kann.“

„Das haben wir bereits diskutiert. Im Juli und August ist Erntezeit, du könntest kaum Zeit für sie erübrigen.“

„Stimmt“, gab Max zu. „Im Sommer ernten wir die Kakaobohnen. Aber mir ist nichts wichtiger als mein kleines Mädchen. Die Frauen auf der Plantage haben sich erboten, sich um Freya zu kümmern, solange ich unterwegs bin. Ich kann auf ein Heer von erfahrenen Großmüttern zurückgreifen, die jederzeit einspringen, sobald ich sie darum bitte. Sie würde ausgiebig verwöhnt und verhätschelt werden.“

„Das ist natürlich etwas anderes“, gab Kate zu. „Aber gerade wegen der kommenden Sommerferien wollte ich in Freyas Abwesenheit mit dir sprechen. Es gibt da etwas, das du wissen musst.“

Sie hielt inne, und Max bemerkte, dass eine Ader an ihrer Schläfe pochte – ein Zeichen ihrer Nervosität.

„Komm schon, Kate. Was hast du auf dem Herzen? Immer heraus damit.“

Sie entspannte sich und sah ihm freimütig in die Augen: „Antoine hat mich um meine Hand gebeten, und ich habe Ja gesagt. Ich möchte Freya an ihrem Geburtstag damit überraschen, aber du solltest zuerst Bescheid wissen.“

Heiraten!

Max kam es vor, als hätte jemand einen Eimer voller Eiswürfel über ihm ausgeleert. Natürlich hatte er geahnt, dass Kate sich eines Tages wiederverheiraten würde. Sie war eine schöne, warmherzige, gesellige Frau und seit geraumer Zeit mit einem französischen Bankier befreundet. Dennoch traf ihre Ankündigung ihn völlig unvorbereitet.

Dass sie jemanden gefunden hatte, der sie liebte und dessen Gefühle sie erwiderte, freute ihn. Mit mehr hatte er aber nicht so bald gerechnet.

Nach der Trennung war es ihnen gelungen, durch viele offene Gespräche, viel Mühe und guten Willen von beiden Seiten, sich ihrer Tochter zuliebe eine Freundschaft zu bewahren. Würde diese auch unter veränderten Umständen Bestand haben? Max fürchtete, die Kontrolle zu verlieren, und es gab nichts – gar nichts –, was er dagegen unternehmen konnte.

Während er seinen Überlegungen nachhing, sah Kate ihn gespannt an.

Schließlich rang er sich zu einer Reaktion durch. Er schenkte ihr ein breites Lächeln, ergriff ihre Hände und drückte sie kurz. „Ihr heiratet? Das ist ja wundervoll. Gratulation. Ich freue mich für dich. Antoine ist ein echter Glückspilz! Darf ich deine männliche Brautjungfer werden?“

Dass sie den Atem angehalten hatte, war ihm gar nicht aufgefallen, und als sie jetzt erleichtert auflachte, begriff er, wie ihr zumute gewesen war. Sie hatte sich davor gefürchtet, ihm von der Verlobung zu berichten, weil sie ihn nicht aufregen wollte.

Dabei hatte sie keinen Grund ihn zu schonen. Immerhin war ihre Ehe an seiner Besessenheit zerbrochen. Er hatte sie wegen der Plantage vernachlässigt. Niemand verdiente mehr eine zweite Chance auf das große Glück als sie.

„Nein, Brautjungfer kannst du nicht werden, aber vielen Dank für dein Verständnis. Diese Situation ist schon seltsam, nicht wahr. Erst vor drei Jahren haben wir uns getrennt, jetzt heirate ich bereits wieder.“

Erneut streckte er die Hand aus und drückte ihre sanft. Dann zog er sie zurück und lächelte. „Schon gut, Kate. In den letzten Jahren hast du es schwer gehabt, und ich war dir keine große Hilfe. Du hast dir dieses Glück verdient. Antoine macht einen netten Eindruck, und er wäre ein Idiot, wenn er nicht total verrückt nach dir wäre. Ich wünsche euch beiden alles Gute.“

Er hob sein Glas zu einem Toast – und um seine Hände zu beschäftigen, während er nachdachte.

„Wann findet die Hochzeit statt?

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