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Küsse, süß wie Honig

Trish Milburn

Küsse, süß wie Honig

1. KAPITEL

Audrey York überflog die Regale des Lebensmittelladens, um sich mit den Angeboten vertraut zu machen. Dass die Auswahl nicht so groß war wie gewohnt, machte ihr nichts aus.

Sie schob ihren Einkaufswagen in den nächsten Gang und stieß dort beinahe mit einem älteren Mann zusammen, der das Regal vor sich verzweifelt anstarrte.

„Welche ist es?“, murmelte er vor sich hin. „Es gibt so viele Sorten.“ Er sah sich eine Dose mit Kirschkuchenfüllung nach der anderen an, schließlich ließ er niedergeschlagen die Hände sinken.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Er zuckte erschrocken zusammen, als hätte er sie oder ihren ratternden Einkaufswagen nicht gehört. Offensichtlich war er den Tränen nah, als er von ihr zu dem Regal schaute und dann wieder zu ihr.

„Ich weiß nicht, welche ich nehmen soll. Meine Frau kauft sonst immer ein.“

Armer Kerl. Er kannte sich ganz offensichtlich nicht aus. Sie sah sich die Auswahlmöglichkeiten an. Im Glen Grocery gab es zwar keine frischen Kräuter, dafür aber ein halbes Dutzend verschiedene Kirschkuchenfüllungen.

„Was wollen Sie denn machen, Kirschkuchen oder -auflauf?“

„Auflauf. Der Auflauf ist immer besonders gut.“

Audrey lächelte und holte eine Dose aus dem Regal. „Dann würde ich diese hier empfehlen.“

Er nahm die Dose entgegen, als wäre es der Heilige Gral. „Vielen Dank.“ Vorsichtig legte er die Dose in den Wagen zu einem Paket Hähnchenschenkel, einem Beutel Kartoffeln, einem Paket Mehl und einem Weißbrot.

Audrey sah ihm nach, als er den Gang weiterging, denn irgendetwas an seiner Hilflosigkeit rührte sie. Sie musste sich zusammennehmen, um ihm nicht beim Rest seiner Einkäufe zu helfen. Stattdessen kaufte sie selbst weiter ein. Dabei blieb sie beim Nötigsten, um an der Kasse nicht zu viel bezahlen zu müssen. Außerdem brauchte sie die Kekse mit Karamellfüllung nicht wirklich.

Als sie den Rundgang beendet hatte und mit ihrem Einkaufswagen zur Kasse kam, verließ der ältere Mann gerade den Laden. Sie begann, ihre Waren auf das Laufband zu legen. Dabei fiel ihr auf, dass die Kassiererin mit mitleidigem Gesicht den Mann beobachtete und den Kopf schüttelte. Sie dachte offensichtlich das Gleiche wie sie.

„Er sieht ein wenig hilflos und verloren aus“, sagte Audrey zu der jungen Frau mit den struppigen, pinkfarbenen Haaren, die nicht so ganz in das malerische Örtchen Willow Glen zu passen schien. Ein kurzer Blick auf ihr Namensschild verriet, dass sie Meg hieß.

„Das ist er wirklich“, sagte Meg. „Er war über vierzig Jahre mit seiner Frau zusammen.“

Jetzt verstand Audrey auch seinen traurigen Blick. „Sie ist gestorben?“

„Ja, vor ungefähr einem Monat. Seine Familie war noch eine Weile zu Besuch da, aber jetzt ist er allein. Ich glaube, heute war sein erster eigenständiger Ausflug in den Supermarkt.“

Audrey fühlte Tränen in sich aufsteigen. Darum schaute sie nach oben an die Decke, um die Tränenkanäle zu schließen. Diesen Trick hatte sie von ihrer Mutter gelernt.

„Das macht 53,76 Dollar“, sagte Meg und holte Audrey in die Gegenwart zurück.

Nach dem Bezahlen verließ Audrey den Laden und hoffte, die Frühlingssonne würde ihren Kummer über das Schicksal des älteren Mannes vertreiben.

Sie packte die Einkäufe in den Kofferraum ihres Jetta und konzentrierte sich auf die endlose Liste von Aufgaben, die sie zu Hause noch erledigen musste. Sie hatte gern viel zu tun, obwohl sie ihren hektischen Lebensstil in Nashville aufgegeben hatte, um in den Bergen von Tennessee ein ruhigeres Leben zu führen.

Als sie an die Fahrertür kam, bemerkte sie wieder den älteren Mann. Es ging ihr ans Herz, als sie sah, wie er sich die Wangen abwischte. Sie wollte ihm gern helfen und ihm etwas Gutes tun, aber was? Seine Frau konnte sie ihm nicht zurückbringen, und die meisten Menschen hassen Mitleid von Fremden. Außerdem war sie immer noch vorsichtig und schloss nicht leicht neue Bekanntschaften. Das musste sie allerdings überwinden, wenn sie in ihrem neuen Leben hier Erfolg haben wollte.

So ging sie quer über den Parkplatz auf ihn zu und hoffte, ihr würde etwas einfallen, das sie sagen konnte.

„Entschuldigen Sie“, sagte sie, als sie fast bei ihm war. „Ich möchte Sie nicht belästigen, aber könnten Sie mir wohl behilflich sein?“

Der Mann betupfte noch einmal kurz das rechte Auge, bevor er sie ansah.

„Ich bin neu in Willow Glen, und ich wollte Sie fragen, ob Sie wissen, wo ich hier irgendwo ein paar schöne Bilderrahmen kaufen kann, möglichst etwas größere.“ Sie zeigte die Größe mit den Händen.

„Es gibt einen Wal-Mart in Elizabethton.“

Sie schüttelte den Kopf, aber dabei lächelte sie weiter. „Ich wünsche mir etwas Ungewöhnlicheres, etwas Handgearbeitetes.“ Sie brauchte die Rahmen für ihre Wildblumenfotos eigentlich noch lange nicht, aber ihr war nichts Besseres eingefallen, und es war ein nettes, neutrales Gesprächsthema.

„Nun, ich habe mich früher mal mit so etwas beschäftigt, obwohl ich jetzt hauptsächlich Möbel anfertige“, erwiderte der Mann.

„Wirklich? Dann ist ja heute mein Glückstag.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen. „Ich bin Audrey York. Ich richte die alte Grayson-Mühle her und mache daraus ein Café.“

„Nelson Witt. Freut mich, Sie kennenzulernen.“ Als er ihr die Hand schüttelte, spürte sie die Schwielen, die verrieten, dass er tatsächlich mit den Händen arbeitete. „Die alte Mühle, hm? Das ist sicher ein schönes Stück Arbeit.“

Sie lachte. „Da haben Sie recht. Ich glaube, ich habe schon so viel Dreck dort herausgekehrt, dass ich daraus ein neues Land machen könnte.“ Erfreut sah sie die Andeutung eines Lächelns auf dem stoppelbärtigen Gesicht von Mr Witt. Trotz allem, was im letzten Jahr passiert war und ihre Zukunftsaussichten verdüstert hatte, fand sie es immer noch selbstverständlich, anderen Menschen zu helfen und etwas Glück in ihr Leben zu bringen.

„Ich könnte Ihnen vielleicht ein paar Rahmen zusammenbauen und gelegentlich vorbeibringen.“

„Das wäre schön.“

„Wann wäre es Ihnen recht?“

Audrey merkte, dass er sich geradezu auf diese Gelegenheit stürzte. Wahrscheinlich war er auf der Suche nach irgendetwas, das ihn vom Fehlen seiner besseren Hälfte ablenken konnte. „Ich bin eigentlich fast immer da, außer wenn ich etwas zu erledigen habe.“

„Wollen Sie hier in der Gegend bleiben?“

„Ja. Ich baue den Dachspeicher zur Wohnung aus, und das Erdgeschoss wird zum Café.“

„Ich würde ja fragen, ob Sie sich dort sicher fühlen, wenn ich nicht wüsste, dass ihr jungen Leute vor nichts Angst habt.“

„Wenn man bedenkt, dass ich in der Großstadt gelebt habe und in den letzten fünf Jahren fast jede Woche quer über den Kontinent geflogen bin, dann ist das hier für mich das Paradies.“

„Nun gut. Wenn ich die Rahmen fertig habe, bringe ich sie Ihnen vorbei.“

„Vielen Dank.“

Sie verabschiedeten sich, dann ging Audrey erleichtert zu ihrem Auto zurück. Sie hatte Mr Witt bereits ins Herz geschlossen, obwohl sie kaum fünf Minuten mit ihm gesprochen hatte, und wenn sie ihm seinen Schmerz auch nur ein kleines bisschen erleichtern konnte, dann war es schon ein guter Tag gewesen.

Davon abgesehen, sehnte sie sich nach neuen Freunden. Das vergangene Jahr hatte eine große Lücke in ihrem Leben hinterlassen, die sie so schnell wie möglich wieder schließen wollte.

Audrey verbrachte den Vormittag damit, zu putzen und Abfall zu verbrennen. Außerdem ergänzte sie ihre Vorratsliste und versuchte dabei zu verdrängen, wie viel sie das alles kosten würde. Sie bereitete sich gerade ein verspätetes Mittagessen aus Brathähnchen und Nudelsalat zu, als sie ein Knirschen auf dem Kiesweg hörte, der zur Getreidemühle führte.

Sie trat auf die kleine Veranda. Später einmal würde dies der schöne Eingang zu ihrem Café sein, aber jetzt standen hier nur ein billiger Klappstuhl und ein umgedrehtes Fass als Tisch. Sie schützte mit der Hand die Augen vor der Sonne und sah Mr Witt aus seinem Kleinlaster steigen.

„Das ging ja schnell.“ Sie lächelte erfreut, weil sie ihren neuen Freund so schnell wiedersah.

Mr Witt zuckte die Achseln. „So etwas braucht nicht lange. Ich habe ein paar Muster zusammengehämmert, damit ich weiß, was Ihnen gefällt“, sagte er und senkte die Heckklappe des Lieferwagens.

Als sie sah, wie groß die Holzkiste war, die er an das hintere Ende des Wagens zog, eilte sie ihm zu Hilfe. „Ich nehme diese Seite. Ich kann anderen nicht gut dabei zusehen, wenn sie für mich arbeiten.“

Audrey ging rückwärts zu der Mühle, Mr Witt folgte ihr. Als sie drinnen waren, stellten sie die Kiste auf die Bank an der Wand.

„Ich bin seit Jahren nicht mehr hier drinnen gewesen“, sagte Mr Witt und schaute sich um. „Ich weiß noch, dass ich als Kind mit meinem Vater hier war.“

„Wirklich?“

„Oh ja. Obwohl man auch damals schon Mehl im Laden kaufen konnte, hat er das Mehl von dieser Mühle lieber gemocht. Ich sehe mich noch am Bachufer sitzen und zusehen, wie das Rad sich immer weiterdrehte.“

„Das ist auch ein Punkt auf meiner Liste“, sagte Audrey. „Ich will das Rad wieder in Gang setzen, weil das zu der Atmosphäre der alten Mühle passt.“

Mr Witt sah sich das stillgelegte Mahlwerk und das alte Holz an. „Schwer vorstellbar, dass das hier ein Restaurant werden soll.“

„Ich weiß, es ist noch ein weiter Weg. Aber Sie sind heute mein erster Gast.“ Sie zeigte auf den kleinen Tisch in der Ecke, der mit einem weißen Tuch bedeckt war. Darauf stand eine Vase mit Narzissen. „Ich wollte gerade essen, und es ist genug da für zwei.“

„Ich möchte Ihnen keine Umstände machen.“

„Es macht mir keine Mühe. Ich muss sowieso essen, und das ist doch das Mindeste, was ich für Sie tun kann, nachdem Sie die Bilderrahmen den ganzen Weg zu mir gebracht haben.“ Audrey vermutete, dass Mrs Witt nicht nur eingekauft, sondern auch gekocht hatte und dass Mr Witt seit der Abreise seiner Familie nicht mehr vernünftig gegessen hatte. Irgendetwas an ihm brachte ihren Beschützerinstinkt zum Vorschein.

„Es ist gar nicht so weit von hier“, sagte er und setzte sich hin. „Ich wohne nur ein paar Meilen entfernt.“

Audrey schob sich auf den Stuhl gegenüber. „Oh, dann sind wir ja praktisch Nachbarn.“

Mr Witt unterhielt sie beim Essen mit Geschichten aus seiner Jugend in Willow Glen, wobei Audrey über einige seiner Streiche herzlich lachen musste.

„Ich glaube, dass meine Lehrer eine Party gefeiert haben, als ich endlich mit der Schule fertig war.“

„Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Bringt nicht jeder mal Schlangen in die Schule mit oder legt Vogelscheuchen in die Autos der Lehrer?“

Mr Witt lachte leise. „Aber, bei Gott, mein Sohn hat es mir später heimgezahlt.“

„Auch so ein Wilder, hm?“

„Junge, Junge. Der hat mir viel Ärger gemacht. Aber am Ende ist er doch gut geraten, und seine Streiche haben keinem wirklich geschadet.“

„Haben Sie nur den einen?“

„Ja, nur einen Sohn. Betty …“ Bei diesem Namen zog Traurigkeit über sein Gesicht. „Betty und ich hatten zwei Kinder. Brady ist der Ältere. Er leitet jetzt das Bauunternehmen und hat sogar ein neues Büro unten in Kingsport eröffnet, wo er wohnt. Unsere Tochter Sophie hat ein Brautmodengeschäft in Asheville, North Carolina. Sie hat zwei kleine Töchter, die ich gelegentlich verwöhnen darf.“

„Wie schön für Sie.“ Audrey lächelte, froh darüber, dass das Thema der Enkelkinder ein wenig den unglaublichen Kummer besänftigte, der so schmerzvoll anzusehen war.

„Hat Ihr Sohn auch Kinder?“

„Um Himmels willen, nein. Der Junge hat so viel Arbeit, dass er nie länger als einen Monat mit demselben Mädchen ausgeht. Wie wär’s, vielleicht könnte ich euch beide zusammenbringen. Sie sind ein hübsches, fleißiges Mädchen.“

Audrey knüllte ihre Serviette zusammen und warf sie auf den leeren Teller. Sie versuchte, durch einen Themenwechsel ihren eigenen Kummer zu verdrängen. „Ich fürchte, meine einzigen Verabredungen in der näheren Zukunft werden mit Besen und Pinseln sein.“

„Nur Arbeit, kein Vergnügen …“, neckte er.

„Dann kann ich früher mein Café eröffnen und mein schrumpfendes Bankkonto auffüllen.“ Sie trank einen Schluck Wasser.

„Er ist ein attraktiver Junge.“ Sein hoffnungsvoller Ton brachte Audrey zum Schmunzeln.

„Dann kommt er wohl nach seinem Vater.“ Sie tätschelte seine Hand. „Jetzt möchte ich mir mal die Rahmen ansehen.“ Und das Thema „Verabredungen“ wechseln. Dafür hatte sie weder Zeit noch Interesse. Es stimmte schon, sie war ein bisschen einsam und vermisste es, in den Arm genommen zu werden. Aber Darren, der Mann, den sie hatte heiraten wollen, hatte ihr klargemacht, dass dies niemals sein konnte.

Nicht, wenn ein interessanter – oder interessierter – Mann herausfand, wer sie wirklich war.

Brady Witt legte das Telefon in seinem Büro auf und versuchte, sich keine Sorgen um seinen Vater zu machen, den er nicht erreichen konnte. Den ganzen Tag hatte er es vergeblich versucht. Vielleicht war sein Dad draußen in seiner Werkstatt, obwohl das eigentlich unvorstellbar schien, denn beim Tod seiner Frau schien das Leben auch Nelson Witt verlassen zu haben.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“

Brady schaute zur Tür, wo Craig Williams stand, sein Geschäftspartner und bester Freund.

„Ja, ich kann meinen Vater nur nicht erreichen.“

„Er ist vielleicht in die Stadt gefahren.“

„Schon möglich, aber ich habe es den ganzen Tag probiert. Wenn er in jedes Geschäft von Willow Glen geht, dauert es höchstens ein paar Stunden. Sogar, wenn er mit den anderen alten Käuzen in Cora’s Coffee Shop abhängt.“

Craig schlenderte herein und setzte sich vor Bradys Schreibtisch. „Warum nimmst du dir nicht mal ein bisschen frei? Fahr hin.“

„Ich war doch gerade erst da.“

Craig schüttelte den Kopf. „Da musstest du dich um die Beerdigung kümmern. Jetzt könntest du etwas Zeit mit ihm verbringen, mit ihm angeln gehen und Dinge tun, die ihn nicht ständig an deine Mutter erinnern.“

Seufzend meinte Brady: „Ich glaube aber nicht, dass er sich für Angeln oder Ähnliches interessiert.“

„Deine Eltern waren sehr innig verbunden, darum solltest du fahren. Wenn man sie sich selbst überlässt, überleben alte Leute den Verlust ihres Partners oft nicht lange. Ich habe es bei meiner Grandma selbst erlebt.“

Der Gedanke daran, seinen Vater so kurz nach dem Tod seiner Mutter zu verlieren, verursachte einen scharfen Schmerz in Bradys Brust. Aber wie brachte man jemanden dazu, wieder Lebensmut zu fassen?

„Nur ein paar Wochen“, sagte Craig. „Wir haben hier alles unter Kontrolle. Und wenn du dann immer noch denkst, du kannst nichts ausrichten, kommst du zurück.“

Brady warf einen Blick auf den Kalender. „Ich muss die Ausschreibung für das Lakeview-Projekt noch abschließen.“

„Das kann ich machen, mit Kelly zusammen. Dabei kann sie etwas lernen. Außerdem fährst du ja nicht in die Wildnis von Tibet.“

Brady dachte einen Moment über Craigs Worte nach, dann nickte er. „Okay.“ Es war durchaus sinnvoll, der Praktikantin Kelly die Möglichkeit zu geben, Erfahrungen zu sammeln.

Und ehrlich gesagt war Brady sowieso nicht mit dem Herzen bei der Arbeit. Er konnte den Kummer über den Tod seiner Mutter nicht so einfach wegstecken. Oder die Sorge darüber, wie alt und mutlos sein Vater an den Tagen nach dem Hinscheiden der Liebe seines Lebens plötzlich ausgesehen hatte.

Vielleicht würde eine Auszeit, allein mit seinem Vater, auch Brady guttun.

In der Stunde, die er für die Fahrt nach Willow Glen brauchte, wälzte er Ideen in seinem Kopf hin und her, überlegte sich Dinge, die er mit seinem Dad tun konnte. Angeln, Sophie und ihre Familie besuchen, Gartenarbeit, zum Baseball gehen, vielleicht sogar das Haus renovieren.

Als er in die Einfahrt zum Haus seines Vaters einbog, war der Transporter nicht zu sehen. In der Stadt oder auf dem Parkplatz beim Hauptbüro von Witt Constructions war er auch nicht gewesen. Jetzt war es schon nach fünf. Wo konnte sein Vater sein?

Obwohl ihm klar war, dass er ihn nicht finden würde, ging Brady durch die Werkstatt und das Haus. Wenn seine Eltern früher nicht da waren, war er Hunderte Male allein im Haus gewesen, aber heute fühlte es sich anders an, leerer. Er hatte das Gefühl, er müsse nur in die Küche treten, um seine Mutter am Herd stehen zu sehen, mit einer Schürze und roten Wangen von der Hitze beim Kochen. Aber in der Küche war es sogar noch stiller als im übrigen Haus. Nie wieder würde ihm seine Mom scherzhaft auf die Finger klopfen, weil er naschen wollte.

Er trat hinaus auf die Veranda, weil er das Gefühl, seine Mutter sei irgendwie immer noch drinnen, nicht ertragen konnte.

Wie auch immer diese Fahrt ausgehen würde, ein Handy würde er seinem Vater auf jeden Fall kaufen und ihm beibringen, damit umzugehen.

„Suchst du deinen Vater?“

Im Garten nebenan stand Bernie Stoltz, der langjährige Nachbar seiner Eltern.

„Ja. Ich habe ihn den ganzen Tag nicht erreichen können.“

„Bestimmt ist er noch draußen bei der alten Grayson-Mühle. Er verbringt neuerdings viel Zeit mit der Lady, die sie gekauft hat.“

Der Schock warf Brady fast um. Seine Mutter war kaum einen Monat unter der Erde. Wer war diese Frau, für die sein Vater sich interessierte? Was wollte sie von ihm?

Er versuchte, sein Misstrauen zu verbergen. „Jemand hat die alte Mühle gekauft?“

Bernie stützte sich auf die Hacke. „Ja. Angeblich will sie daraus ein Restaurant machen.“

Brady hatte noch eine Menge Fragen, aber die hob er sich für seinen Vater auf. Bernie war zwar ein netter Kerl, aber ziemlich schwatzhaft. Trotz der verschlafenen Atmosphäre von Willow Glen verbreitete sich jeder Klatsch mit Überschallgeschwindigkeit, denn sonst gab es nicht viel Abwechslung in einem Städtchen mit nur einer Ampel.

„Interessant. Ich fahre mal hin und sehe zu, ob ich ihn dort erwische.“

Er winkte Bernie zu und ging zurück zu seinem Wagen. Auf dem Weg zur Mühle dachte er nach und versuchte, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Aber er wusste, wie schnell sich manche Frauen auf einen frisch verwitweten Mann stürzten, besonders, wenn der Mann Geld hat. Seine misstrauischen Gedanken beschworen ein Bild von Ginny Carter herauf, aber er schob es grollend zur Seite.

Zumindest etwas war merkwürdig an der Sache. Vor ein paar Tagen war sein Dad noch völlig mitgenommen und von seiner Trauer niedergeschmettert gewesen, und jetzt verbrachte er seine Freizeit mit einer unbekannten Frau an der heruntergekommenen Getreidemühle.

Und tatsächlich stand der Wagen seines Vaters im Schatten einer großen Platane vor dem alten Gebäude. Brady ließ sein Auto ausrollen und erblickte seinen Dad, der seinen Kopf aus der Vordertür der Mühle streckte. Bis er aus dem Wagen gestiegen war, stand sein Vater bereits auf der kleinen Veranda.

„Hab dich nicht erwartet“, sagte sein Dad.

„Ich konnte dich telefonisch nicht erreichen.“

Nelson Witt hob die grauen Augenbrauen. „Bist du den ganzen Weg gefahren, um nach mir zu sehen?“

„Zum Teil. Außerdem habe ich beschlossen, ein paar Wochen Urlaub zu nehmen.“

„Bestimmt hat dir Bernie erzählt, wo ich bin“, sagte Nelson.

„Ja. Er meinte, dass du viel Zeit hier draußen verbringst.“

„So habe ich wenigstens was zu tun.“

Es gab zwar Anzeichen dafür, dass sein Vater langsam wieder der Alte wurde, aber bis der tiefe Seelenschmerz nachließ – falls überhaupt jemals –, würde es noch lange dauern.

„Also hilfst du der Lady ein bisschen bei der Arbeit?“ Brady deutete auf die Holzsplitter und den Staub auf Hemd und Jeans seines Vaters.

„Ja. Ich mache jetzt schon ein paar Kleinigkeiten, aber später soll ich die Stühle und Tische für das Restaurant schreinern.“

Brady schaute kritisch auf das Äußere der alten Mühle. „Glaubt sie wirklich, dass die Leute so weit fahren werden, um zu essen?“

„Sie werden kommen. Audrey ist klug, hat ein gutes Konzept, viele neue Ideen.“

Brady wusste nicht, was er von dem begeisterten Bericht seines Vaters halten sollte. Einerseits war es großartig, dass er ein Projekt hatte, das ihn beschäftigte. Andererseits musste Brady sich erst mal selbst ein Bild von dieser Audrey machen, um sicherzugehen, dass nichts faul an der Sache war und sie nicht zu den berechnenden Personen gehörte, die jemanden suchen, den sie ausnehmen können.

„Ist sie da?“

Sein Dad wies auf den Kiesweg, der zu der Hauptstraße führte. „Sie ist in die Stadt gefahren, um Farbe zu kaufen. Sollte bald wieder hier sein.“

„Dann zeig mir doch mal, woran du gerade arbeitest“, sagte Brady.

Sein Vater zeigte ihm an einer Wand die Bänke, die er verstärkt hatte. Das Geländer um das große Mahlwerk herum, damit niemand zu nahe kam und sich verletzte. Und wie er einen Teil der Wand ausschnitt, damit dort ein Fenster mit Blick auf das Wasserrad und den Bach entstehen konnte.

„Audrey scheint dich ja auf Trab zu halten. Hoffentlich bezahlt sie auch gut.“

Sein Dad winkte ab. „Dazu kommen wir später. Für mich ist es schön, etwas zu tun zu haben und aus dem Haus zu kommen.“

Also nutzte diese Audrey die Arbeitskraft seines Vaters aus, ohne ihn zu bezahlen. Sprach nicht gerade zu ihren Gunsten.

Brady hörte seinem Dad nur mit halbem Ohr zu, als dieser ihm Audreys Pläne zur Ausgestaltung der Mühle ausmalte. Das hörte sich alles ziemlich kostspielig an und war vermutlich schlecht durchdacht. Es gab in Willow Glen zwar immer ein paar Touristen wegen der umliegenden Berge, aber ein abgelegenes Café schien ein ziemlich riskantes Unternehmen zu sein.

Sie hörten gleichzeitig das Herannahen eines Autos.

„Das wird Audrey sein“, sagte sein Dad. „Komm, du wirst sie bestimmt mögen.“

Das wird sich noch herausstellen.

Als sie nach draußen traten, war die geheimnisvolle Audrey hinter dem Kofferraumdeckel verborgen. Brady ging hinter seinem Dad auf das Auto zu, einen netten blauen Jetta, der noch nicht sehr alt war. Er hatte etwas anderes erwartet.

„Wir haben Unterstützung bekommen“, rief sein Dad der Frau zu.

„Wirklich?“, kam eine gedämpfte Stimme von hinten, dann wurde der Kofferraum geschlossen.

Brady war, als bewege sich die Welt in Zeitlupe. Jedes Detail scharf hervorgehoben, keins davon, wie er es erwartet hatte. Er konnte nur wortlos und mit offenem Mund dastehen und starren. Anstelle einer Frau im Alter seines Vaters stand dort eine große, langbeinige Blondine, die mit ebensolchem Erstaunen in ihrem wunderschönen Gesicht zurückstarrte.

Der heutige Tag versprach noch einiges an Überraschungen.

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