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Küsse, so süß wie roter Wein

PROLOG

Mit der Zeitung unter dem Arm und einer Tasse Kaffee in der Hand trat Calum auf die Terrasse des Palácio da Brodey in Porto. Der leichte Nebel vom frühen Morgen hatte sich verzogen, und nun tauchte die Sonne den Garten in ein wunderbar sanftes Licht. Jetzt im Frühling standen die Mandelbäume in voller Blüte, ein lauer Wind wehte ihren süßen Duft herüber. Calum schloss die Augen, sog ihn tief in sich hinein und seufzte. Wie er dieses Fleckchen Erde liebte! Dann setzte er sich an den Tisch und breitete die Zeitung vor sich aus. Auf der Titelseite wurde auf Seite drei ein Artikel über die Brodeys und das bevorstehende Firmenjubiläum angekündigt. Calum schlug die Zeitung auf, nahm einen Schluck Kaffee und begann zu lesen …

Zweihundert Jahre Brodey: Das berühmte Weingut feiert sein Jubiläum

Was für ein Jubiläum – was für eine Festwoche! Bereits jetzt laufen die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten des Traditionshauses auf Hochtouren. Zahlreiche Gäste, darunter Vertreter aus Politik, Wirtschaft und der Weinwelt, werden das große Ereignis in der Residenz der Familie feiern. Zauberhaft gelegen oberhalb des Rio Douro, kurz bevor dieser, aus Spanien kommend, seine Reise in der Nähe von Porto am Atlantik beendet, bietet der barocke Bau aus dem 18. Jahrhundert mit seinen prachtvollen Räumen und seinem wunderschönen Garten eine wahrlich traumhafte Kulisse.

Dabei hatte er nur Wildschweine jagen wollen, der junge Schotte Calum Lennox Brodey der Erste, als er vor zweihundert Jahren in das Tal des Rio Douro, das Tal des goldenen Flusses, kam. Doch der aufstrebende Gründer eines Weinguts auf der Blumeninsel Madeira war nicht nur fasziniert von der unberührten Natur der damals fast menschenleeren Gegend, sondern erkannte auch das Weinpotenzial der steilen Schieferterrassen. Schnell entschlossen erwarb der Winzer mehrere Hundert Hektar Land und pflanzte die ersten Rebstöcke. Von diesen bescheidenen Anfängen über die heute eindrucksvollen Kellereien bis zur weltweiten Marke für kraftvolle Portweine und edlen Madeira war es ein weiter Weg, den die Familie stets mit neuen Ideen, aber auch mit viel Bewusstsein für Tradition beschritt. Seit Generationen gehört das stetig wachsende House of Brodey zu den größten Familienunternehmen Europas und erfreut mit seiner breiten Produktpalette Gourmets auf der ganzen Welt.

Eine Familie im Festfieber

Das Traditionshaus feiert mit diesem Ereignis nicht nur ein Firmenjubiläum, sondern auch ein Familienfest. Der gesamte Brodey-Clan wird sich in Porto versammeln und die aus aller Welt anreisenden Gäste persönlich begrüßen.

Sogar der Familienpatriarch, der wie alle männlichen Erstgeborenen in seiner Ahnenreihe nach seinem Vorfahren benannte Calum Lennox Brodey, soll vom Festfieber erfasst worden sein. Old Calum, wie er in Winzerkreisen genannt wird, ist mittlerweile schon über achtzig, doch der rüstige Senior lässt sich den Spaß an der Arbeit noch nicht nehmen. Fast jeden Tag sieht man ihn zwischen seinen geliebten Rebstöcken. Obwohl er immer versucht, sich unauffällig unter die Arbeiter zu mischen, bleibt er natürlich nicht unerkannt, und sie zollen ihm noch heute großen Respekt. Seine Haltung ist kerzengerade, die Augen blicken neugierig in den Tag, während er persönlich die Qualität der Trauben prüft. Und nachmittags trifft man ihn bisweilen in der hauseigenen Kellerei in Vila Nova de Gaia – versonnen an einem Stehtisch im Schankraum lehnend und mit einem wohlverdienten Gläschen Jahrgangsportwein in der Hand.

Schatten der Vergangenheit

Das stolze Jubiläum ist sicher ein Grund zum Feiern. Doch in der Vergangenheit gab es auch im Leben der Familie Brodey nicht nur Sonnenschein. Bei einem tragischen Autounfall vor zweiundzwanzig Jahren in Spanien verlor Old Calum, der früh Witwer geworden war, seine zwei ältesten Söhne und deren Frauen. Beide Ehepaare hinterließen einen Sohn. Zum Glück hatten die etwa gleichaltrigen Jungen noch ihren Großvater, der ihnen im Palácio da Brodey ein neues Zuhause gab und nicht nur dafür sorgte, dass seine Enkelkinder behütet aufwuchsen, sondern sie auch zielstrebig darauf vorbereitete, später einmal in seine Fußstapfen zu treten. Inzwischen führen sie sein Lebenswerk fort und lenken gemeinsam die Geschicke des Familienunternehmens.

Nur bei seinem jüngsten Sohn soll der alte Herr, so munkelt man, auf Granit gebissen haben. Paul Brodey lehnte die Mitarbeit im Weingut ab, er entschied sich für die Kunst und arbeitet als Maler in Lissabon – inzwischen sogar ziemlich erfolgreich. Auch seine Frau Maria, eine Halbportugiesin, ist eine anerkannte Künstlerin. Ihr Sohn Christopher wiederum fand Gefallen am Weingeschäft, lebt in New York und kümmert sich um den Vertrieb der Produkte des Traditionshauses auf dem amerikanischen Markt.

Mittlerweile leistet nur noch einer seiner Enkel Old Calum im Palácio Gesellschaft: Young Calum, wie die Winzer ihn nennen, Kind seines ältesten Sohnes und einer der begehrtesten Junggesellen Portugals. Obwohl er schon seit einiger Zeit die Geschäftsführung übernommen hat, wird es ihm während der Feierlichkeiten Freude und Verpflichtung zugleich sein, seinem Großvater den Ehrenplatz in der ersten Reihe einzuräumen.

Heiratsgerüchte

Noch eine weitere Familientradition der Brodeys scheint gute Aussichten auf Fortführung zu haben: Von Anbeginn gingen die Söhne der Familie in England auf Brautschau – dem Land, in dem sie ursprünglich ihren meisten Portwein verkauften. Tatsächlich kehrte bisher jeder der jungen Brodeys mit einer blonden „englischen Rose“ aus dem britischen Königreich zurück. Da sowohl Calum als auch Christopher immer wieder in Begleitung von attraktiven Blondinen gesehen wurden, fragen wir uns, wann die beiden diese Tradition wohl fortsetzen werden.

Lennox, der dritte Enkel von Brodey senior, ist seinen Cousins in dieser Hinsicht schon einen Schritt voraus. Er hat bereits auf Madeira eine Familie gegründet. Seine junge Frau Stella – auch sie eine bezaubernde blonde Engländerin – erwartet gerade ihr erstes Kind.

Adele, die vornehm erzogene einzige Tochter Old Calums, ist mit dem bekannten Mäzen und französischen Millionär Guy de Charenton verheiratet. Beide haben eine Tochter: Francesca, eine atemberaubende Schönheit, die vor einigen Jahren Prinz Paolo de Viera in dessen Märchenschloss in Italien heiratete. Obwohl die Brodeys stets ausgezeichnete Kontakte zu den oberen Zehntausend pflegten, gelang es damit erstmals einem Mitglied ihrer Familie, in die Kreise des europäischen Adels aufzusteigen. Alles deutete auf eine glückliche Zukunft hin, doch schon nach zwei Jahren wurde das junge Paar geschieden. Seitdem machten immer wieder Gerüchte über eine bevorstehende neue Heirat der Prinzessin die Runde. Ihr aktueller Begleiter soll der französische Graf Comte Michel de la Fontaine sein. Auf ihren Shoppingtouren in Paris und Rom schlenderten die beiden stets Hand in Hand, und der charmante Franzose wird – wie wir aus gut unterrichteten Kreisen erfuhren – auch im Palácio da Brodey in Porto erwartet.

Zu guter Letzt möchten wir allen Mitgliedern der Familie Brodey an dieser Stelle herzlich zu ihrem stolzen Jubiläum gratulieren. Wir wünschen ihnen weiterhin viel Erfolg – und ihnen und ihren zahlreichen Gästen eine vergnügliche Festwoche.

1. KAPITEL

Das Wetter war traumhaft für die Gartenparty. Die Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel, der sich blau im Wasser des Rio Douro spiegelte. Passend zum Frühling schmückten Decken aus zartgrünem Organza die Tische, und auf den schönen alten Holzstühlen flatterten transparente Hussen sacht wie Blüten im Windhauch. Elaine Beresford nickte zufrieden, obwohl die Aufregung in ihr prickelte wie Champagner zum Frühstück. Sicher, alles war organisiert, und die Planung der Festwoche zum zweihundertsten Firmenjubiläum des Traditionshauses Brodey war nicht ihr erster Auftrag, den sie als Eventplanerin durchgeführt hatte, aber ihre bisher größte Herausforderung. Was, wenn sie etwas vergessen hatte? Nervös trat sie aus dem Salon auf die Terrasse und ließ ihren Blick prüfend über den parkähnlichen Garten des Familiensitzes schweifen.

Schwarz-weiß gekleidete Kellner balancierten Tabletts mit Aperitifs und köstlichen Tapas. Die hundertsechzig Gäste auf dem englischen Rasen vor der Terrasse hatten alle eine persönliche Einladung erhalten, plauderten nun mit einem Mitglied der Familie oder flanierten mit einem Glas in der Hand und genossen den Panoramablick auf die wildromantische Flusslandschaft. Elaine entspannte sich ein wenig. Einer der Gründe, warum sie ihren Beruf so liebte, war, dass sie ihre Erfolge fast sofort und unmittelbar an den Gesichtern der Auftraggeber und der Gäste ablesen konnte. Wirkten sie gelöst, dann versprach das Fest so strahlend zu werden, wie sie es geplant hatte. Auch wenn damit im Vorfeld eine Menge Arbeit verbunden gewesen war. Allein die Zu- und Absagen zu koordinieren und die Mengen an Getränken und Speisen immer neu zu berechnen – keine leichte Aufgabe. Apropos Speisen …

Elaine blickte auf ihre Armbanduhr. In gut einer halben Stunde sollte das Büfett aufgetragen werden. Gambas piripiri, gegrillte Garnelen mit Chili-Knoblauch-Sauce, Risol de camarão, in Teig frittierte Krabben, verschiedene frische Salate und eine Caldeirada, ein portugiesischer Fischeintopf. Als Dessert sollte es Papos de anjo, Engelsbäckchen, ein gebackene Köstlichkeit aus Marzipan, geben.

Konzentriert ging Elaine die Reihe der elegant dekorierten Tische ab, um ein letztes Mal die Anzahl der Gedecke zu prüfen. Die Familie hatte sich für die Festwoche kulinarische Spezialitäten aus der Region gewünscht. Mindestens dreimal hatte Elaine die Zusammenstellung ändern müssen, um alle Sonderwünsche zu berücksichtigen. Nicht selten hatte sie dabei innerlich gestöhnt. Aber schließlich waren doch alle zufriedengestellt – zumal ihrem Team ein kreativer Spitzenkoch angehörte, der alle Gerichte vor Ort in der großzügig gestalteten Küche des Palácio da Brodey frisch zubereitete.

Wirklich: Ihre Auftraggeber waren keine einfachen Klienten, auch wenn alle sehr nett waren. Francesca Brodey – Prinzessin de Viera, wie ihr offizieller Titel lautete, kannte Elaine schon länger. Die beiden jungen Frauen hatten wenig gemeinsam – als Brodey-Erbin gehörte Francesca zum Jetset, und Elaine, die aus einem beschaulichen Dorf in Irland stammte, liebte es eher ruhig – und doch waren sich beide auf Anhieb sympathisch gewesen, als sie sich vor einigen Jahren auf einer Party in London trafen. Knapp ein halbes Jahr später hatte Francesca ihren italienischen Prinzen kennengelernt, und Elaines Ehemann Neil war bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Damals war sie am Boden zerstört gewesen und in tiefe Depressionen verfallen. Ein Zustand, den sie kaum aushielt. Doch irgendwann war ihr Kampfgeist zurückgekehrt und der Entschluss gereift, sich als Eventplanerin selbstständig zu machen. Bislang hatte sie lediglich Feiern im privaten Rahmen gestaltet. Dies aber mit großer Freude und stets perfekt. Es sprach also nichts dagegen, dass sie ihre Leidenschaft zum Beruf machte. Als Francesca davon erfuhr, hatte sie Elaine gleich damit beauftragt, das Fest anlässlich ihrer Hochzeit mit dem Prinzen zu planen. Dieses Ereignis war ein solcher Erfolg geworden, dass Elaine und ihr Team weiterempfohlen wurden. Inzwischen hatte sich ihre kleine Firma richtig gut entwickelt, und dank des House-of-Brodey-Jubiläums, das über eine ganze Woche an verschiedenen Orten und mit Gästen aus aller Welt begangen wurde, würde ihr Ruf nun vielleicht sogar weiter über die Landesgrenzen hinausdringen.

Dabei hatte sie den Auftrag anfangs sogar ablehnen wollen. Sicher, er war lukrativ, aber weder sie noch ein Mitglied ihres Teams sprach Portugiesisch. Und gerade im geschäftlichen Miteinander, etwa bei Absprachen mit regionalen Lieferanten, waren Kenntnisse der Landessprache unabdingbar, um Missverständnissen vorzubeugen.

Doch dann hatte sich Francescas Großvater, der Seniorchef, eingemischt. Die Feierlichkeiten lagen ihm sehr am Herzen, und da er für Elaine schwärmte, seit sie die Hochzeit seiner Enkelin geplant hatte, wollte er unbedingt die junge Irin mit dieser ihm so wichtigen Aufgabe betrauen. Letztendlich aber war es Calum Brodey junior, Francescas Cousin und Juniorchef, der Elaine davon überzeugte, die Herausforderung anzunehmen. Wiederholt hatte er mit ihr telefoniert, ihr seine Vorstellungen unterbreitet und auch angeboten, ihr zusammen mit seiner Cousine als Dolmetscher bei Bedarf zur Verfügung zu stehen.

In gewisser Weise sind Calum und Francesca sich sehr ähnlich – angefangen bei ihrer Hartnäckigkeit, dachte Elaine, während sie die beiden beobachtete, die sich unter die Gäste gemischt hatten. Rein äußerlich war die Familienähnlichkeit ohnehin unverkennbar. Alle Brodeys hatten blondes Haar, waren hochgewachsen und von einer Aura umgeben, die zeigte, dass sie ein stilvolles Auftreten von Kindesbeinen an gewöhnt waren.

Francesca war dabei von einer makellosen Schönheit, die Frauen neidisch werden ließ und Männer magisch anzog. Jedoch hatte das Aufsehen, das sie erregte, auch seine Schattenseiten, die besonders von der Sensationspresse gern beleuchtet wurden. Seit ihrer spektakulären Scheidung von Prinz de Viera wurde sie von Paparazzi förmlich verfolgt. Gerade ihre wechselnden Männerbekanntschaften riefen die Reporter immer wieder auf den Plan. Francescas aktueller ständiger Begleiter, der ihr auch jetzt nicht von der Seite wich, war wieder ein Adliger, diesmal ein französischer Graf.

Calum musste etwas älter sein als seine Cousine, Elaine schätzte ihn auf Anfang dreißig, und soweit sie wusste, war er nicht liiert. Was bei seinem blendenden Aussehen allerdings kaum zu glauben ist, schoss es ihr durch den Kopf, während sie einem Kellner unauffällig ein Zeichen gab, die leeren Gläser einiger Gäste gegen gefüllte auszutauschen. Obwohl … Calum Brodey kann auch sehr kühl und arrogant wirken, besonders, wenn er etwas durchsetzen will, überlegte Elaine weiter. Geradezu stählern wirkte dann der Blick aus seinen silbergrauen Augen. Vielleicht aber war er auch nur bis jetzt nicht verheiratet, weil er laut einer Familientradition angeblich nur eine Blondine aus England heiraten durfte? So etwas Ähnliches habe ich doch vor Kurzem in einem Zeitungsartikel gelesen, erinnerte sie sich, während sie ihren prüfenden Blick weiterschweifen ließ und nebenbei feststellte, dass sich unter den Gästen auffällig viele blonde junge Frauen befanden, aber keine einzige mit roten Haaren wie sie.

Wieder sah sie auf ihre Armbanduhr. Inzwischen waren es nur noch Minuten, bis das Büfett eröffnet werden sollte. Suchend schaute sie sich um, und als sie Calum Brodey entdeckte, machte sie sich auf den Weg, um ihn leise davon in Kenntnis zu setzen. Der Juniorchef reagierte sofort und bat alle – zunächst in der Landessprache und dann auf Englisch – zu Tisch.

Kurz darauf trugen die Kellner die Speisen auf. Leider kam es dabei zu einem Zwischenfall: Merkwürdigerweise musste ein Gedeck nachgelegt werden, obwohl für jeden geladenen Gast eins vorgesehen war! Natürlich konnte so etwas passieren, aber Elaine war es trotzdem peinlich, zumal sie es sich auch überhaupt nicht erklären konnte. Sie beschloss daher, im weiteren Verlauf des Festes noch aufmerksamer zu sein.

Während sie sich so diskret wie möglich im Hintergrund hielt, versuchte sie, an zwei Orten gleichzeitig zu sein: in der Küche und im Garten. Für sie war es selbstverständlich, dass sie während der gesamten Veranstaltung präsent blieb und auch die kleinen Details nicht aus den Augen verlor, die oft entscheidend zur Atmosphäre eines gelungenen Festes beitrugen. Nicht zuletzt deshalb hatte Elaine auf die Tischdekoration besondere Sorgfalt verwendet.

Passend zum maritimen Ambiente hatte sie ein Geschirr aus edlem weißem Porzellan in wellenförmigem Design gewählt, und die Servietten aus feinster Baumwolle waren kunstvoll zu Muscheln gefaltet. Die meisten staunenden Blicke der Gäste aber erntete das Herzstück der Festtafel: ein originalgetreues Modell eines Barco Rabelo inmitten eines Meers aus blauen Blüten. Auf diesen romantisch anzusehenden schmalen Kähnen mit Giebelbug und typischem Einmastsegel hatten in alter Zeit die Brodeys und andere Portweinhäuser ihre Fässer über den Douro transportiert. Auch das kleine Modell hatte sein Segel jetzt gebläht und trug darauf in goldenen Lettern den Schriftzug BRODEY. Elaine war sofort aufgefallen, wie stolz die Familie und besonders Calum auf den guten Namen des Traditionshauses waren. Kein Gestaltungsvorschlag, den sie unterbreitete, erschien zu teuer. Im Gegenteil: Das House of Brodey sollte gebührend in Szene gesetzt werden, das Beste für die Gäste war dabei gerade gut genug.

Beim Lunch selbst gab es keine weiteren Zwischenfälle, und Elaine nutzte die Gelegenheit, um sich im Gästebad frisch zu machen. Flüchtig bemerkte sie dabei auch eine zierliche Blondine, die sie, wenn sie sich recht erinnerte, kurz vor dem Essen im Gespräch mit den Cousins der Brodeys gesehen hatte.

Als sie wieder zurück in den Garten kam, wurde gerade ein Ruby Port, ein roter Portwein, als Digestif serviert. Plötzlich hörte man einen gellenden Schrei und eine laut schallende Ohrfeige. Abrupt verstummten sämtliche Gespräche, und jeder drehte den Kopf in die Richtung, aus der die Geräusche kamen.

Elaine war schon auf dem Sprung, als sie zu ihrer Erleichterung bemerkte, dass keiner ihrer Servicekräfte in die Angelegenheit verwickelt war. Nein, allem Anschein nach hatte die Blondine, der sie zuvor im Bad begegnet war, Anstoß genommen an einer Bemerkung, die einer der männlichen Gäste ihr gegenüber äußerte. Chris Brodey, ein weiterer Cousin Francescas, geleitete den betreffenden Mann bereits zum Ausgang. Calum hatte sich schützend vor die junge Frau gestellt, und jetzt gesellte sich auch Francesca dazu und ging mit der Blondine ins Haus.

Mehrere Augenblicke lang hatten die Umstehenden fasziniert die Ereignisse verfolgt, nun jedoch drehten sich alle wieder um und setzten ihre Unterhaltung fort.

Der Seniorchef, der während des Vorfalls im Haus gewesen war und ihn daher nicht mitbekommen hatte, kam in den Garten, blickte sich um, und als er Elaine entdeckte, winkte er sie zu sich. Natürlich machte sie sich sofort auf den Weg, als sie irritiert bemerkte, dass gleichzeitig auch der junge Calum Brodey auf sie zusteuerte.

„Sagen Sie meinem Großvater nichts von dem Zwischenfall“, raunte er ihr leise im Vorbeigehen zu. Elaine stutzte zwar, signalisierte aber kopfnickend, dass sie verstanden hatte, und setzte ihren Weg fort.

Dabei bewegte sie sich mit einer solchen Grazie und strahlte in ihrem dunklen Business-Kostüm und der blütenweißen Seidenbluse eine so selbstbewusste Präsenz aus, dass ihr viele bewundernd nachschauten. Wer es nicht besser wusste, zählte die junge Frau mit der anmutigen Kopfhaltung nicht nur zu den Gästen, sondern vermutete wohl auch, dass sie aus einer reichen und hochrangigen Familie stammte.

Doch so ganz traf das nicht zu: Sicher, sie hatte erstklassige Schulen besucht, nur hatten diese nicht ihre Eltern finanziert, sondern ihre Großeltern väterlicherseits. Ihr Vater war nämlich kurz nach der Geburt seiner Tochter tödlich verunglückt. Seinerzeit hatte ihre Mutter, eine junge, mittellose Schauspielerin, ihre Schwiegereltern um Hilfe gebeten. Pflichtbewusst waren diese der Bitte nachgekommen, bezahlten nicht nur Elaines Ausbildung, sondern luden sie auch häufig in den Ferien zu sich ein. Allerdings: Besonders innig wurde der Kontakt nie, da sie ihre Schwiegertochter nicht sonderlich mochten und von Anfang gegen die Heirat gewesen waren.

„Miss Beresford!“ Mit einem freundlichen Lächeln begrüßte der Seniorchef Elaine. „Die Feier ist wieder sehr gelungen, meine Liebe. Ich kann Ihnen nur gratulieren.“ Old Calum strahlte eine herzlicher Wärme aus. Seine sonore Stimme weckte Vertrauen, und sein ruhiger Blick drückte Verbindlichkeit aus.

Es entspann sich eine kurze Unterhaltung, in deren Verlauf sich die ersten Gäste verabschiedeten.

„Ich denke, für dich wird es auch Zeit, Grandpa!“ Calum Brodey junior stand plötzlich neben ihnen. „Der Tag war lang. Du weißt, was der Arzt verordnet hat“, sagte er laut, und erst dann flüsterte er Elaine zu: „Tut mir leid, wenn ich Sie eben verunsichert haben sollte. Großvater hält sich zwar noch für unverwüstlich, aber er ist nun mal nicht mehr der Jüngste, und da ihm sein Herz in letzter Zeit schon mehr als einmal Probleme bereitete, wollte ich nicht, dass er sich aufregt.“

Elaine nickte nur und lächelte Old Calum zu, der sich tatsächlich nach kurzem Protest von seinem Enkel überreden ließ, nach oben auf sein Zimmer zu gehen. Irgendwie schien der Senior auch erleichtert, die Verantwortung, die er all die Jahre getragen hatte, nun auf die Schultern seiner Enkel legen zu können, im Vertrauen darauf, dass sie das Traditionsunternehmen in seinem Sinne weiterführten.

Nach dem Lunch sah Elaine in der Küche nach dem Rechten, überzeugte sich, dass alles wieder sauber an seinem Platz stand und die Lieferanten bezahlt worden waren. Erst dann gab auch sie sich zufrieden und zog sich zurück.

Die Familie hatte ihr während ihres Aufenthalts in Porto ein Zimmer im Palácio zur Verfügung gestellt. Der zweifellos schöne Raum lag im Erdgeschoss des Seitenflügels und bot einen wundervollen Blick in den idyllisch grünen Innenhof, den man durch eine Fenstertür betreten konnte. Auch die beiden Mitglieder ihres Teams, die Elaine nach Porto begleitet hatten – der Koch Malcolm Webster und Ned Talbot, der Kellner –, waren ähnlich untergebracht und genossen nach der anstrengenden Arbeit nun ebenfalls ihre Mittagsruhe.

Froh, für eine Weile entspannen zu können, stellte Elaine sich unter die Dusche. Als sie kurz darauf in ein Badetuch gewickelt in ihr Zimmer zurückkehrte und sah, wie verlockend warm die Sonne in den Hof schien, streifte sie schnell einen leichten Rock und ein T-Shirt über. Dann nahm sie einen kleinen Sessel mit nach draußen und machte es sich mit einem Buch darin bequem. Eine ganze Weile war sowohl im Haus als auch im Innenhof weder jemand zu sehen noch zu hören.

Sie war so vertieft in ihren Roman, dass sie heftig zusammenzuckte, als plötzlich das Haustelefon in ihrem Zimmer klingelte. Seufzend stand sie auf: Zum einen, weil sie ihre spannende Lektüre unterbrechen musste, und zum anderen, weil ihre Pause jetzt wohl beendet war.

Als Elaine knapp zehn Minuten später – so viel Zeit hatte sie gebraucht, um wieder ihr Business-Kostüm anzuziehen – in Calum Brodeys Arbeitszimmer kam, begrüßte er sie mit einem entschuldigenden Lächeln. „Tut mir leid, wenn ich Sie gestört haben sollte, aber wir werden leider zum Abendessen wieder einen zusätzlichen Gast haben. Ich dachte, nach der Panne heute Mittag informiere ich Sie rechtzeitig.“

„Kein Problem.“ Elaine gab sich gelassen, obwohl ihr die Anspielung auf das fehlende Gedeck nicht entgangen war. Sicher, sie traf keine Schuld. Aber Diskussionen dieser Art mit Auftraggebern waren müßig, der Kunde war ohnehin immer König und somit im Recht. „Ist der Zusatzgast weiblich oder männlich?“, fragte sie mit ...

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