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Küsse, so süß wie Wein ...

Kate Hardy

Küsse, so süß wie Wein ...

1. KAPITEL

Sie war zurück.

Xavier spürte, wie sein Herz raste, als er das Gespräch mit seinem Anwalt beendete und auflegte.

Es war lächerlich. Er war über Allegra Beauchamp hinweg, und das schon seit Jahren. Natürlich pochte sein Herz nicht vor Nervosität wie verrückt, sondern vor Wut. Wut darüber, dass sie nach all dieser Zeit zurückkam und glaubte, sich einfach so einmischen zu können. In den letzten zehn Jahren war seine ganze Energie in dieses Weingut geflossen. Er würde nicht zulassen, dass sie nun alles zerstörte.

Für nichts in der Welt traute er ihr über den Weg – nicht mehr. Nicht nur, dass sie ihn damals verlassen und ihm das Herz gebrochen hatte, als er sie am meisten gebraucht hatte. Auch ihren alten und kranken Großonkel hatte sie im Stich gelassen – den Mann, der sie in ihrer Jugend jeden Sommer großzügig bei sich aufgenommen hatte. Nicht einmal zu seiner Beerdigung war sie zurück nach Frankreich gekommen. Aber jetzt war sie plötzlich da, um das Erbe anzutreten: einen fünfzehn Hektar großen erstklassigen Weinberg und einen großen mas, einen typisch südfranzösischen Gutshof.

Das sagte doch alles.

Aber irgendwie machte es die Sache auch einfacher. Wenn es ihr nur ums Geld ging, dürfte es kein Problem sein, sie zum Verkauf ihrer Hälfte des Weinguts zu bewegen. Egal, was sie seinem Anwalt am Nachmittag gesagt hatte. Sicher würden sich ihre romantischen Vorstellungen von der Arbeit auf einem Weingut bald in Luft auflösen. Dann würde sie wieder fliehen, nach London, genau wie vor zehn Jahren. Aber dieses Mal würde sie nur sein Geld mitnehmen, nicht sein Herz. Und er würde nichts bereuen.

Energisch griff Xavier sich die Autoschlüssel aus der Schreibtischschublade, schloss das Büro ab und ging zu seinem Wagen. Je eher er sich mit ihr auseinandersetzte, desto besser.

Allegra trank einen Schluck ihres Kaffees, aber das dunkle, bittere Getränk half ihr auch nicht, einen klaren Kopf zu bekommen.

Was für eine idiotische Idee, nach all den Jahren wieder hierhin zurückzukehren. Sie hätte einfach den Vorschlag des Anwalts annehmen und die Hälfte von Harrys Weingut an seinen Geschäftspartner verkaufen sollen. Dann hätte sie kurz an der winzigen Dorfkirche angehalten, hätte ein paar Blumen auf Harrys Grab gelegt und wäre anschließend auf direktem Weg wieder zurück nach London gereist.

Doch irgendetwas hatte sie zurückgezogen in das alte Gutshaus, in dem sie als Kind so viele schöne Sommer verlebt hatte. Wollte sie ihrem verstorbenen Großonkel dadurch verspätet eine Ehre erweisen? Sie war sich nicht sicher. Jetzt, da sie hier in der Ardèche war, bereute sie jedenfalls, ihrem Gefühl gefolgt zu sein. Sie hatte kaum das Haus gesehen und den Duft der Kräuter in den Terrakottakübeln neben der Küchentür gerochen, da hatte sie sich schon schuldig gefühlt.

Schuldig, dass sie nicht früher zurückgekommen war. Dass sie nicht da gewesen war, als man sie angerufen hatte, um ihr mitzuteilen, dass Harry einen Schlaganfall erlitten habe. Er war im Krankenhaus gestorben, ehe sie überhaupt gewusst hatte, dass er sie brauchte.

Schuldig, dass es ihr trotz aller Bemühungen nicht gelungen war, bei seiner Beerdigung anwesend zu sein.

Auch die Leute im Dorf hielten sie für schuldig. Sie hatte die Blicke und das Getuschel genau bemerkt, als sie die Blumen auf den kleinen Erdhügel auf dem Friedhof gelegt hatte, direkt neben das kleine Holzkreuz, das so lange Harrys Grab schmücken würde, bis sich die Erde gesetzt hatte und man einen richtigen Grabstein aufstellen konnte. Und die kühle Art, mit der Hortense Bouvier sie empfangen hatte, ließ keinen Zweifel daran, was sie von Allegra hielt. Früher war sie von der alten Haushälterin stets mit einer warmen Umarmung und einer herzhaften Mahlzeit willkommen geheißen worden.

Allegra hatte die Küche betreten und sich augenblicklich in die Vergangenheit zurückversetzt gefühlt. Alle alten Wunden waren plötzlich wieder aufgerissen. Jetzt fehlte nur noch, dass Xavier auftauchte, sich zu ihr setzte, sie mit seinen leuchtend grünen Augen ansah, sie mit seinem sinnlichen Mund anlächelte, ihre Hand nahm und …

Nein, das würde auf keinen Fall geschehen. Er hatte vor zehn Jahren mehr als deutlich gemacht, dass er nichts mehr von ihr wissen wollte. Alles sei nur ein Ferienflirt gewesen, hatte er ihr erklärt und war dann nach Paris verschwunden, um dort eine steile Karriere zu beginnen, ein neues Leben ohne sie. Gut möglich, dass er mittlerweile verheiratet war und Kinder hatte. Nachdem sie sich mit Harry wieder ausgesöhnt hatte, war es ein ungeschriebenes Gesetz gewesen, Xavier nicht zu erwähnen. Sie hatte aus verletztem Stolz nicht nach ihm gefragt, und Harry war das Thema unangenehm gewesen.

Sie umklammerte die große Kaffeetasse. Nach so langer Zeit sollte sie eigentlich über Xavier hinweg sein. Aber war das überhaupt möglich? Sie war jahrelang in Xavier Lefèvre verliebt gewesen, seit sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Sie war damals acht, er elf. Er war der hübscheste Junge, den sie je gesehen hatte, schön wie ein Engel, allerdings mit grünen Augen und dunklem Haar. Als Teenager rannte sie ihm wie ein anhänglicher Welpe ständig hinterher, vergötterte ihn und träumte davon, dass er sie küsste. Heimlich küsste sie ihren Handrücken, um zu üben und bereit zu sein, wenn er eines Tages erkennen würde, dass sie mehr war als nur das unscheinbare Mädchen von nebenan. Sommer für Sommer hatte sie gehofft und gebetet. Auch wenn sie ihn mit ihrer Penetranz sicher genervt hatte, war er immer freundlich zu ihr gewesen. Nie hatte er sie aufgezogen oder bloßgestellt.

Doch dann, in ihrem letzten gemeinsamen Sommer, hatten sich die Dinge geändert. Xavier hatte sie plötzlich als Frau wahrgenommen und nicht mehr nur als lästige Göre, die ihm überallhin folgte. Sie waren unzertrennlich. Es war der schönste Sommer ihres Lebens. Sie glaubte wirklich, dass er sie genauso liebte wie sie ihn und dass ihre baldige Trennung daran nichts ändern würde. Sie würde nach London gehen, um dort zu studieren, und er hatte einen neuen Job in Paris. Sie würde in den Ferien nach Paris fliegen, und er würde an den Wochenenden nach London kommen, wenn seine Arbeit es erlaubte. Und wenn sie mit ihrem Studium fertig war, würden sie zusammenziehen und den Rest ihres Lebens miteinander verbringen.

Zwar hatte er sie nie gefragt, ob sie ihn heiraten wolle, aber sie war überzeugt gewesen, dass er genauso fühlte wie sie.

Doch dann war alles ganz anders gekommen.

Sie musste schlucken. Verflixt, reiß dich zusammen, ermahnte sie sich selbst. Sie war doch schließlich erwachsen und kein verträumter Teenager mehr. Eine Realistin. Harrys Geschäftspartner war Jean-Paul Lefèvre, Xaviers Vater. Xavier selbst lebte, soweit sie wusste, immer noch in Paris. Sie würde ihm also gar nicht begegnen.

Hortense kam in die Küche. „Monsieur Lefèvre hat angerufen“, sagte sie kühl. „Er ist gerade auf dem Rückweg vom Weinberg und kommt kurz vorbei.“

Allegra runzelte die Stirn. Ihr Treffen war eigentlich erst morgen. Aber die Franzosen hatten tadellose Manieren – wahrscheinlich kam Jean-Paul aus Höflichkeit vorbei, um sie in Les Trois Closes willkommen zu heißen.

Doch dann wurde schwungvoll die Küchentür geöffnet und Xavier trat herein, mit lässigem Schritt, als gehörte ihm das Haus.

Allegra fiel fast die Tasse aus der Hand. Was hatte er hier zu suchen? Und konnte er nicht anklopfen? Was bildete er sich ein, hier einfach so in Harrys Haus – ihr Haus, korrigierte sie sich selbst – hereinzuplatzen?

„Xavier! Alors, setzen Sie sich doch.“ Hortense begrüßte ihn herzlich und küsste ihn auf beide Wangen. Sie rückte den Stuhl gegenüber von Allegra für ihn zurecht und brachte ihm eine Tasse Kaffee. „Ich lasse Sie und Mademoiselle Beauchamp dann allein, damit Sie sich unterhalten können.“

Allegra war wie vor den Kopf gestoßen, ihr fehlten die Worte. Mit einundzwanzig war Xavier ein gut aussehender Junge gewesen. Jetzt, mit einunddreißig, war er ein richtiger Mann. Etwas größer als damals – wenn ihre Erinnerung sie nicht täuschte – und kräftiger, wobei sein T-Shirt keinen Zweifel daran ließ, dass es Muskeln waren und kein Fett. Seine gebräunte Olivenhaut betonte den grau-grünen Schimmer seiner Augen, neben denen sich kleine Fältchen abzeichneten, als ob er häufig lachte. Seine lockigen, etwas zerzausten Haare passten eher zu einem Rockstar als zu einem erfolgreichen Geschäftsmann. Der Dreitagebart gab seinem Gesicht etwas Raues, gleichzeitig sah er damit sehr sexy aus.

Es genügte, ihn anzusehen, und die Temperatur im Zimmer schien um zehn Grad zu steigen. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie es sich angefühlt hatte, in seinem Arm einzuschlafen, im Sonnenschein, nachdem sie sich den ganzen Nachmittag geliebt hatten.

Verflixt! Wie sollte sie mit Xavier ein geschäftliches Gespräch führen, wenn sie in seiner Gegenwart sofort an Sex dachte? Sie musste ihre Lust zähmen, bevor sie ihr den Verstand vernebelte. Jetzt, sonst war es zu spät.

Bonjour, Mademoiselle Beauchamp.“ Etwas spöttisch lächelte er sie an. „Ich dachte, ich käme kurz vorbei, um meinen neuen Kompagnon zu begrüßen.“

Allegra sah erstaunt auf. „Du warst Harrys Geschäftspartner?“

Sein Blick ließ keinen Zweifel daran, für wie lächerlich er die Frage hielt.

„Aber …“ Sie hatte sich Xavier immer als Finanzinvestor in teurem Anzug vorgestellt, nicht als Winzer in verblichenen Jeans und zerschlissenem T-Shirt. „Ich dachte, du wärst in Paris.“

„Nein.“

„Monsieur Robert sagte mir, dass Monsieur Lefèvre Harrys Partner sei …“

„Das stimmt.“ Er deutete im Sitzen eine Verbeugung an. „Darf ich mich vorstellen, Mademoiselle. Xavier Lefèvre. Zu Ihren Diensten.“

„Lass das, ich weiß, wer du bist!“ Natürlich wusste sie das. Er war der Mann, dem sie ihre Unschuld geschenkt hatte. Und ihr Herz – was sie bitter bereut hatte. „Ich dachte, er meinte deinen Vater.“

„Dafür kommst du fünf Jahre zu spät.“

„Dein Vater ist …?“ Sie war sichtlich schockiert. „Das tut mir leid. Harry hat nie etwas erzählt, sonst hätte ich …“

„Erzähl mir nicht, du wärst sonst zur Beerdigung gekommen“, unterbrach er sie. „Du bist ja noch nicht einmal bei der deines Großonkels gewesen.“

Musste sie sich so etwas von ihm anhören? Sie hob herausfordernd den Kopf. „Ich hatte meine Gründe.“

Er erwiderte nichts. Glaubte er etwa, dass sie ihm eine Erklärung schuldete? Schließlich fuhr sie fort: „Was willst du? Glaubst du, du hättest Harrys Anteil erben müssen, weil du sein Partner warst? Ist es das?“

„Nein, das steht natürlich außer Frage. Du erbst seinen Teil, weil du seine nächste Verwandte bist.“ Er machte eine kurze Pause. „Auch wenn man in den letzten Jahren nicht viel davon gemerkt hat.“

„Das ist unfair!“, verteidigte sie sich. Trotzdem traf der Vorwurf genau ins Schwarze, mitten in ihr quälendes schlechtes Gewissen.

„Ich sage nur, wie es ist, chérie. Wann hast du ihn das letzte Mal besucht?“

„Wir haben jede Woche telefoniert.“

„Was wohl kaum dasselbe ist …“

Sie seufzte schuldbewusst. „Du weißt wahrscheinlich, dass Harry und ich uns ziemlich gestritten haben, nachdem ich damals zurück nach London gefahren bin.“ Bei dem Streit war es um Xavier gegangen, aber das brauchte er nicht zu wissen. „Wir haben uns zwar wieder vertragen, aber irgendwie habe ich ihn trotzdem nicht mehr besucht. Ich gebe zu, dass das ein Fehler war.“ Ein wichtiger Grund war für sie gewesen, dass sie Angst hatte, Xavier wiederzutreffen – aber auch das würde sie ihm nicht auf die Nase binden. Es war besser, wenn er nicht wusste, dass sie immer noch eine Schwäche für ihn hatte. Ihn wiederzusehen verwirrte sie völlig, und sie war sich nur allzu bewusst, dass das alte Verlangen keineswegs in ihr verloschen war. Die Glut hatte nur unter der Asche verborgen gelegen, jetzt loderte das Feuer wieder wild und hell. „Hätte ich gewusst, dass es ihm so schlecht ging, wäre ich gekommen. Aber er hat es ja mit keiner Silbe erwähnt!“

„Natürlich nicht“, erwiderte Xavier. „Er war ein stolzer Mann. Aber wenn du ihn besucht hättest, wäre es dir aufgefallen. Und wieso bist du nicht gekommen, als er im Krankenhaus lag?“

„Weil ich die Nachricht von seinem Schlaganfall erst zu spät bekommen habe.“

„Du warst noch nicht einmal bei seiner Beerdigung!“

Glaubte er, dass sie das nicht selbst wusste? Dass sie sich nicht selbst Vorwürfe deswegen machte? „Ich wollte kommen! Aber ich musste geschäftlich nach New York.“

„Nicht sehr überzeugend“, entgegnete er kalt.

Das wusste sie. Dafür brauchte sie ihn nicht. Zornig sah sie ihn an. „Dann hätten wir ja jetzt geklärt, dass ich ganz offensichtlich einen großen Fehler gemacht habe. Leider kann ich die Vergangenheit nicht ungeschehen machen – müssen wir jetzt weiter darüber diskutieren?“

Er zuckte die Schultern.

„Was willst du eigentlich, Xavier?“

Dich.

Diese Einsicht bestürzte ihn. So, wie Allegra ihn enttäuscht hatte, sollte er sich eher von ihr abgestoßen als angezogen fühlen. Außerdem war sie nicht mehr seine petite rose Anglaise, seine kleine englische Rose, die sie mit achtzehn gewesen war. Damals war sie süß und schüchtern gewesen, wie eine Rosenknospe im Frühling, die durch die Hege und Pflege seiner Liebe langsam aufblühte. Jetzt war sie makellos gestylt und wirkte in ihrem strengen Hosenanzug wie eine harte Geschäftsfrau. Ihre Lippen waren zu einem Strich zusammengepresst, und nichts erinnerte mehr daran, wie voll und weich sie damals gewesen waren.

Das war doch völlig verrückt! Es sollte ihm darum gehen, diese Frau dazu zu bewegen, ihm ihre Hälfte des Weinguts zu verkaufen. Doch stattdessen starrte er ihren Mund an und dachte an die Küsse längst vergangener Tage. Stellte sich vor, wie sich ihre Lippen angefühlt hatten. Wie ihre Miene liebevoll und weich geworden war, wenn sie an jenen heißen, schläfrigen Sommernachmittagen von ihrem Buch aufgesehen hatte, weil sie seinen Blick auf sich ruhen spürte.

Dieu, er musste sich zusammenreißen.

„Und?“, hakte Allegra nach.

„Ich war gerade auf dem Rückweg vom Weinberg und wollte dich in Frankreich willkommen heißen. Wie ein guter Nachbar. Deshalb habe ich Hortense angerufen, um zu fragen, ob du da bist.“ Das entsprach der Wahrheit, wenn auch nicht der ganzen. Er hatte auch sehen wollen, wie sie auf seinen Anblick reagierte, um die beste Strategie zu finden, wie er sie zum Verkauf bewegen konnte. „Aber da wir schon bei dem Thema sind … Ich habe dir einen Vorschlag zu machen. Du bist seit Jahren nicht mehr in Frankreich gewesen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass du besonderes Interesse an dem Weingut hast. Ich würde dir sehr gern deine Hälfte abkaufen. Lass dir von einem Önologen ein Gutachten erstellen und den Preis schätzen – ich bezahle ihn.“

„Nein.“

Sie wollte mehr als einen fairen Preis? Nun gut, wenn es seinen Weinberg rettete, würde er auch etwas mehr bezahlen. „Wie viel verlangst du?“

„Ich verkaufe das Weingut nicht an dich.“

Xavier spürte einen Stich in der Magengegend. „Du hast vor, an jemanden anders zu verkaufen?“ An jemanden, der die Reben vernachlässigte, sodass sie krank wurden und seine Weinstöcke ansteckten? Oder – noch schlimmer – an jemanden, der Pestizide einsetzte, ohne Rücksicht auf die Nachbarn? Es hatte Jahre gedauert, um seinen Betrieb als ökologisches Landgut zertifizieren zu lassen. All das wäre binnen Wochen ruiniert.

„Ich verkaufe an niemanden. Harry hat mir den Gutshof und die Hälfte des Weinbergs vermacht. Ich denke, er wollte mir damit etwas sagen: Dass es Zeit ist, nach Hause zu kommen.“

Xavier machte eine ungeduldige Handbewegung. „Das ist doch nur dein schlechtes Gewissen, das da spricht.“ Ein schlechtes Gewissen, das er zugegebenermaßen verursacht hatte. „Wir wissen beide, dass es am vernünftigsten wäre, mir deine Hälfte zu verkaufen.“

Trotzig schüttelte sie den Kopf. „Ich bleibe.“

Er starrte sie ungläubig an. „Aber du hast doch gar keine Ahnung vom Weinbau!“

„Na und? Ich kann es doch lernen.“

Ich habe keine Zeit, es dir beizubringen.“

„Dann hat vielleicht jemand anders Zeit.“

Nur über seine Leiche.

„Und nebenbei kümmere ich mich ums Marketing“, fuhr sie fort. „Das habe ich nämlich studiert.“

Aufgebracht verschränkte er die Arme vor der Brust. „Es interessiert mich nicht, was du studiert hast. Du stümperst nicht in meinem Weinberg herum! Außerdem wird dir das Ganze nach einer Woche sowieso langweilig.“

„Das denke ich nicht. Außerdem ist es auch mein Weinberg!“ Sie verschränkte gleichfalls die Arme und funkelte ihn wütend an. „Harry hat mir die Hälfte seines Betriebs hinterlassen. Ich schulde es ihm, ihn weiterzuführen.“ Kühl starrten ihre blauen Augen ihn an. Offensichtlich meinte sie es ernst.

Ihre Idee war völlig abwegig, aber im Moment war sie zu ungehalten und stur, um vernünftigen Argumenten zugänglich zu sein. Es wäre besser, sich vorläufig zurückzuziehen. Er würde sich zu Hause die richtige Taktik überlegen und morgen noch einmal mit ihr reden. „Wie du willst“, sagte er, schob den Stuhl zurück und stand auf. „Hast du mit Marc für morgen eine Uhrzeit vereinbart?“

Sie blinzelte verwirrt. „Du duzt Harrys Anwalt?“

„Genau genommen ist Marc auch mein Anwalt.“ Er verschwieg ihr besser, dass er seit dem Studium auch sein bester Freund war. „Allerdings vertritt er mich in dieser Angelegenheit nicht, und er hat auch nicht über dich gesprochen. Marc ist da absolut professionell.“

„Er sagte morgen früh acht Uhr.“

„Sagen wir lieber um die Mittagszeit“, schlug Xavier vor. „Nach der langen Reise bist du sicher müde.“

Sie zog die Augenbrauen zusammen. „Traust du mir nicht zu, früh aufzustehen?“

„Das habe ich nicht gesagt.“ Aber gedacht hatte er es. „So passt es mir selbst auch besser. Wir arbeiten hier nach der l’heure solaire.“

„‚Die Stunde der Sonne‘?“

„Eher ‚Sonnenzeit‘ oder ‚Sonnenstand‘“, korrigierte er sie. „In der Mittagshitze im Weinberg zu arbeiten ist eine todsichere Methode, einen Sonnenstich zu bekommen. Ich kümmere mich zu dieser Zeit um die Büroarbeit. Draußen arbeite ich nur, wenn es etwas kühler ist. Also, gegen Mittag in meinem Büro im Château. Ich sorge dafür, dass wir etwas zu essen bekommen.“ Er überlegte kurz, ob er sie zum Abschied auf die Wange küssen sollte, um sie noch ein bisschen mehr zu verunsichern, entschloss sich dann aber dagegen. So wie er vor einigen Minuten reagiert hatte, würde es ihn möglicherweise mehr verunsichern als sie. Stattdessen verbeugte er sich leicht. „À demain, Mademoiselle Beauchamp.“

Sie nickte ihm zu. „À demain, Monsieur Lefèvre. Wir sehen uns morgen Mittag.“

2. KAPITEL

Den nächsten Morgen verbrachte Allegra damit, sich die Internetseiten des Weinguts anzusehen und sich ein paar Ideen zu notieren, bevor sie sich auf den Weg zum Château der Lefèvres machte. Das Gebäude hatte sich in den Jahren, in denen sie fort gewesen war, kaum verändert. Es war immer noch grandios und beeindruckend. Die Mauern bestanden aus hellem Stein und waren durchbrochen von hohen, schmalen Fenstern mit weißen Fensterläden. Der symmetrisch angelegte, gepflegte Rasen vor dem Haus kam ihr bekannt vor, aber an die Lavendelfelder entlang der langen Zufahrt konnte sie sich nicht erinnern. Auch der Rosengarten musste neu sein – sie konnte ihn zwar nicht sehen, als sie aus dem Auto stieg, aber der starke Duft verriet ihr, dass es irgendwo hinter dem Haus eine große Menge Rosenblüten gab.

Vielleicht gehörte er Xaviers Frau?

Nicht, dass es sie etwas anging. Aber interessiert hätte es sie schon. Leider konnte sie Hortense nicht fragen, ohne dass ihr Interesse verdächtig wirkte. Ja, Xavier war immer noch der attraktivste Mann, dem Allegra je begegnet war, und die Jahre hatten ihn möglicherweise noch attraktiver gemacht. Aber selbst wenn er unverheiratet war, hatte sie kein Interesse an ihm. Sie würde ihm kein zweites Mal Gelegenheit geben, auf ihren Gefühlen herumzutrampeln. Jetzt ging es ausschließlich ums Geschäft.

Sie blickte auf die Uhr. Zwei Minuten vor zwölf. Nicht so früh, dass es verzweifelt wirkte, aber früh genug, um einen professionellen Eindruck zu machen. Gut. Sie richtete sich auf und drückte auf die Türklingel.

Allegra musste noch zwei weitere Male klingeln, bevor die Tür von einem jungen Mann mit blondem Haar aufgerissen wurde. Er sah verärgert aus, als habe sie ihn gestört.

„Wir sind nicht …“, begann er wütend, brach dann aber ab und lächelte sie breit an. „Mon Dieu, c’est Allie Beauchamp! Wie lange ist das her? Bonjour, chérie. Wie geht es dir?“

Sie lächelte zurück. „Bonjour, Guy. Zehn Jahre dürften es sein – und danke, mir geht es gut. Schön, dich zu sehen.“

„Machst du hier Ferien?“

„Nicht ganz. Ich bin die neue Teilhaberin im Betrieb deines Bruders.“

Guy zog skeptisch eine Augenbraue hoch. „Hm …“

„Und was soll das heißen?“

„Nichts. Du kennst doch Xav …“

Genau das war der springende Punkt – sie kannte ihn eben nicht mehr.

„Um diese Zeit müsste er im Büro sein“, bemerkte Guy.

„Ich weiß“, antwortete sie. „Aber leider habe ich vergessen zu fragen, wo auf dem Anwesen sich das Büro befindet.“

„Und er hat es dir natürlich auch nicht gesagt …“ Guy rollte mit den Augen. „Typisch Xav. Komm, ich bringe dich hin.“

„Bist du auch bei dem Treffen dabei?“

„Geht es um den Betrieb?“

Sie nickte.

„Dann nicht. Das Weingut ist Xavs Angelegenheit. Ich bin nur an den Wochenenden hier, lasse es mir gut gehen, trinke seinen Wein und nerve ihn mit dummen Sprüchen, wann immer ich kann.“ Augenzwinkernd grinste er sie an. „Übrigens tut mir das mit Harry sehr leid. Er war ein feiner Kerl.“

Allegra spürte einen dicken Kloß im Hals. Guy war der Erste, der sie wirklich herzlich empfing und sie bei ihrem alten Spitznamen nannte. Und der sie nicht wie eine Aussätzige behandelte, weil sie nicht bei Harrys Begräbnis gewesen war. „Ja, mir tut es auch leid.“

Guy führte sie um das Haus herum in einen Hof. Sie erinnerte sich, dass hier früher die Ställe und die Scheune standen. Offensichtlich waren die Gebäude in einen Bürotrakt umgewandelt worden.

„Danke fürs Bringen“, sagte sie.

„Kein Problem“, gab Guy lächelnd zurück. „Wenn du länger in der Gegend bist, komm doch mal zum Abendessen zu uns.“

Wen meinte er mit „uns“? Xavier und sich selbst? Er wollte sicher nur höflich sein – Xavier wäre von der Idee wohl kaum begeistert. „Das wäre toll“, sagte sie ebenso höflich.

„Na dann, bis später. À bientôt, Allie.“

Sie verabschiedete sich ebenfalls, dann atmete sie tief durch und betrat das Bürogebäude. Xaviers Tür stand weit offen, sodass sie ihn am Schreibtisch sitzen und arbeiten sah. Er wirkte tief in Gedanken versunken. Sein Kopf war auf die linke Hand gestützt, während er in der anderen Hand einen Füller hielt und etwas notierte. Wie gestern war sein Haar unordentlich – offensichtlich hatte er die Angewohnheit, sich häufig mit den Fingern hindurchzufahren –, dafür war er heute frisch rasiert. Die Ärmel seines Hemds waren bis zu den Ellbogen hochgeschoben und entblößten seine kräftigen Unterarme. So wie er da saß, sah er zugänglich und freundlich aus. Irgendwie berührbar. Sie musste sich die Fingernägel in die Handflächen bohren, um sich nicht zu etwas Unüberlegtem hinreißen zu lassen. Wie zu ihm zu gehen, ihm zärtlich über den Arm zu streichen, sein Kinn in die Hand zu nehmen und ihren Mund auf seinen zu senken, wie sie es damals vielleicht getan ...

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