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Küsse niemals deinen Chef!

1. KAPITEL

Mit deutlichem Missfallen blickte Grace Carter von ihrem PC auf und dem Besucher entgegen, der in ihr Büro stürmte, ohne anzuklopfen oder sich sonst bemerkbar zu machen. Doch bereits in der nächsten Sekunde vergaß sie alles andere um sich herum.

Er war es, daran gab es keinen Zweifel.

„Guten Morgen.“ Sein amüsierter, selbstsicherer Tonfall löste eine seltsame Reaktion in ihr aus. Grace straffte sich und setzte eine undurchdringliche Miene auf.

„Warum treten Sie nicht ungeniert noch näher?“, fragte sie mit unverhohlenem Sarkasmus in der kühlen Stimme.

Der italienische Designeranzug brachte seinen muskulösen Körper perfekt zur Geltung, wirkte allerdings etwas overdressed in der eher konservativen Umgebung des Hartington, einem der ältesten und ehrwürdigsten Kaufhäuser Londons. In diesen heiligen Hallen war ‚konservativ‘ das Schlüsselwort, und das betraf sowohl die Geschäftsführung als auch die Garderobe der Angestellten.

„Danke“, sagte der Eindringling mit funkelnden Augen und breitem Lächeln, als hätte Grace es tatsächlich ernst gemeint. „Gilt die Einladung nur für Ihr Büro, oder kann ich auf etwas Aufregenderes hoffen?“

Das zerzauste schwarzbraune Haar fiel ihm tief in die Stirn. Es reichte bis zu den ausdrucksvollen grünen Augen, von denen eines rundum blauviolette Blessuren aufwies. Außerdem hatte er einen blutigen Riss an der Oberlippe, was dem schockierend sinnlichen Gesamtbild allerdings keinen Abbruch tat. Eher verlieh das lässige Aussehen – zusammen mit den Kampfspuren – dem Eindringling den gefährlichen Charme eines Freibeuters.

Und dessen war er sich sehr bewusst!

Was hat er hier verloren? fragte sich Grace nervös. Dass er es wirklich war, daran bestand kein Zweifel. Außerdem war es nicht das erste Mal, dass sie ihn in natura sah.

Allerdings gab es wohl kaum jemanden, der sein Gesicht nicht auf Anhieb hätte identifizieren können. Immerhin prangte es ständig auf den Titelblättern internationaler Hochglanz- und Klatschmagazine. Und immer in Verbindung mit einem Benehmen, für das sein jetziger Auftritt als Paradebeispiel gelten konnte.

„Lucas Wolfe …“, stellte Grace sachlich fest.

Lucas Wolfe!

Zweiter Sohn des verstorbenen, extravaganten Lebemanns William Wolfe. Erklärter Liebling der Paparazzi und sorgloser Liebhaber ungezählter Frauen, die ausnahmslos ebenso attraktiv wie reich waren.

Was um alles in der Welt verschlug ihn an diesem tristen Dienstagmorgen eines nasskalten Februars ausgerechnet in ihr Büro?

„Madam …“

Ihre Miene wurde noch strenger. „Leider bin ich außerordentlich beschäftigt.“

„Nur zu beschäftigt oder immun gegen meinen Charme und mein gutes Aussehen?“, fragte er dreist. Sein Lächeln wurde noch breiter und wirkte zu Graces Entsetzen außerordentlich ansteckend. Nur mit Mühe konnte sie ein Lächeln zurückhalten. „Ich hoffe nicht!“, fuhr Lucas Wolfe fort, als von ihrer Seite keine Reaktion erfolgte.

Grace erhob sich von ihrem Schreibtischstuhl, um nicht ständig zu ihm aufsehen zu müssen. „Ich würde Sie ja bitten, es sich solange bequem zu machen, bis ich jemand gefunden habe, der Ihnen weiterhelfen kann …“

„Keine Bange, ich mache es mir immer bequem und fühle mich überall wohl.“

Der Drang, diesem arroganten Womanizer mitzuteilen, was sie von Männern wie ihm hielt, wurde fast übermächtig. Für sie waren solche Typen nur nutzlose Wichtigtuer und Parasiten, wie Grace ihnen als Kind in dem Wohnwagentrailer, den sie zusammen mit ihrer Mutter bewohnt hatte, begegnet war. Typen wie ihr Vater, den sie nie kennengelernt hatte, weil er allem Anschein nach nur ein weiterer charmanter Nichtsnutz in der langen Reihe der verantwortungslosen Verehrer ihrer naiven Mutter gewesen war. Typen wie die Idioten, derer sie sich selbst in den letzten Jahren hatte erwehren müssen.

Doch als Mitglied der Wolfe-Familie wurde Lucas im Hartington wie eine königliche Hoheit behandelt, zumal das Traditionskaufhaus früher seiner Familie gehört hatte. Auch wenn das längst nicht mehr der Fall war, spielte der derzeitige Geschäftsführer diese ehemalige Verbindung bei Bedarf gern als Trumpfkarte aus.

Und von Grace, die als Eventmanagerin für das in Kürze stattfindende hundertjährige Jubiläum zuständig war, wurde natürlich erwartet, dass sie im Interesse der Firma handelte. Unabhängig von eigenen Gefühlen oder eventuellen Animositäten.

Gerade deshalb hatte sie wahrlich Wichtigeres zu tun, als sich mit diesem extrem dreisten, wenn auch zugegebenermaßen sehr attraktiven Playboy abzugeben. Denn wenn Grace etwas hasste, dann kostbare Zeit zu verschwenden.

„Tut mir leid, gerade heute bin ich sehr …“

„Warum habe ich das Gefühl, Ihnen schon einmal begegnet zu sein?“, unterbrach der unhöfliche Kerl sie nicht zum ersten Mal.

Seine dunkle, träge Stimme jagte heiße Schauer über ihren Rücken. Sie konnte doch unmöglich auf den zynischen Charme dieses gewieften Frauenhelden reagieren? Nicht sie, die sich immer für stark und unerschütterlich gehalten hatte, was das andere Geschlecht betraf!

„Keine Ahnung“, log sie kühl. Das war normalerweise nicht ihre Art, aber sie würden sich ja glücklicherweise nie wiedersehen.

Warum war er überhaupt hier? Und was war nach ihrem zufälligen Zusammentreffen in der letzten Nacht geschehen? Die zynische Langeweile, die Lucas Wolfe noch vor wenigen Stunden in der schicken, überfüllten Hotelbar zur Schau gestellt hatte, war einem Verhalten gewichen, das ihr sehr viel faszinierender und gefährlicher erschien. Es war, als brodelte eine unterschwellige Wut in seinem Innern, die er hinter seiner gewohnt arrogant lasziven Fassade zu verbergen suchte. Möglicherweise bildete sie sich das alles aber auch nur ein.

„Ich weiß, dass ich Sie schon einmal gesehen habe“, beharrte Lucas und schien sie mit seinen funkelnden grünen Augen zu durchbohren. Betont langsam ließ er den Blick von ihrem Gesicht zu dem exklusiven Carolina-Herrera-Outfit und wieder zurück wandern. „Sie haben einen bemerkenswert anziehenden Mund. Aber wo sind wir uns begegnet?“

Hitze breitete sich an jeder Stelle ihres verräterischen Körpers aus, die seine Augen gerade prüfend gemustert hatten: in ihren Brüsten, dem flachen Bauch, den Hüften und …

Streng sagte Grace sich, dass Lucas Wolfe offenbar instinktiv jedem weiblichen Wesen Blicke gönnte, die zwar von heißen Liebesnächten sprachen, für ihn aber nicht mehr bedeuteten als für andere Männer ein höflicher Händedruck.

Trotzdem bewirkte sein unverschämtes Verhalten eine Reaktion in ihr, die sie alarmierte und an das naive, dumme Ding erinnerte, das sie vor langer Zeit gewesen war. Männer wie Lucas Wolfe zerstörten sorglos das Leben anderer, einfach nur, weil sie es konnten. Das wusste Grace besser als jeder andere.

„Er ist schon ein heißer Typ, oder?“, hatte ihr Mona, die Modeeinkäuferin von Hartington, letzte Nacht in der Bar zugeflüstert und Grace damit erst auf Lucas aufmerksam gemacht. Zu dem Zeitpunkt hatte er deutlich betrunkener und noch derangierter gewirkt als momentan – und das anlässlich einer exklusiven Modenschau von Samantha Cartwright, einer von Londons angesagtesten Avantgardedesignerinnen.

Mona hatte geradezu lustvoll geseufzt, während sie quer über den trendigen Glastresen hinweg beobachtete, wie Lucas mit der Stardesignerin flirtete, ungeachtet der allgemeinen Aufmerksamkeit, die er dabei erregte.

„Sollte er auch nur per Zufall in unsere Richtung schauen, haben wir glücklicherweise die Order, ihn wie einen König zu behandeln“, murmelte Mona dann auch noch wie in Trance. „Befehl aus der Chefetage.“

Darauf hatte Grace nur abwesend genickt. Sie selbst sah absolut keine Gefahr, in den Gesichtskreis des notorischen Playboys zu geraten, der nicht nur für seinen verheerenden Charme berühmt war, sondern auch für die standhafte Weigerung, einer ernsthaften Tätigkeit nachzugehen. Das galt ganz besonders für das jahrelange Drängen der Geschäftsleitung von Hartington, Lucas Wolfe für einen Posten in der Chefetage zu gewinnen, wie sein verstorbener Vater ihn einst besetzt hatte.

Während sie Lucas Wolfe abwesend musterte, verspürte Grace Widerwillen, Ekel und zugleich eine seltsam übersteigerte Wahrnehmung seiner Person. Wie brachte es dieser Mann nur fertig, Sympathie auf sich zu ziehen, während er sich mit der sehr viel älteren und sehr verheirateten Samantha Cartwright hemmungslos in ein erotisches Geplänkel stürzte? Und das inmitten der Crème de la Crème der Londoner Society! Als wäre er im Recht und alle anderen nur Spießer und Spielverderber …

Trotzdem hatte sein Charme zumindest gestern nicht ausgereicht, um ihn vor Samanthas Ehemann zu schützen. Als dieser die Turteltauben zusammen erwischte, demonstrierte er seine Missbilligung, indem er spontan das markante Gesicht des dreisten Verführers verunzierte.

Der Umstand, dass auch Grace fast einen kleinen … Zusammenstoß mit diesem notorischen Don Juan hatte, fiel dagegen so gut wie gar nicht ins Gewicht. Er konnte sich ganz sicher nicht mehr daran erinnern. Und sie? Nun, wenn sie in der letzten Nacht kein Auge zubekommen hatte, wen interessierte das schon? Das konnte genauso gut an dem Espresso nach dem Dinner liegen.

„Ich glaube, wir sind uns gestern Abend kurz auf der Cartwright-Modenschau begegnet“, erklärte Grace und lächelte schwach, als sie ihn verwirrt blinzeln sah, als habe er eine derartige Antwort nicht erwartet. „Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie sich daran erinnern.“

„Ich habe ein ausgezeichnetes Gedächtnis“, behauptete Lucas mit seidenweicher Stimme, die ihr zugegebenermaßen direkt unter die Haut ging. Dieser Mann war offensichtlich noch viel gefährlicher, als sie es bisher gedacht hatte!

„Ebenso wie ich, Mr Wolfe“, erwiderte Grace spitz, „weshalb ich mir auch ganz sicher bin, dass wir keine Verabredung für heute getroffen haben. Vielleicht darf ich Sie jetzt an einen meiner Kollegen …“

„Sie haben mich in dem Moment erkannt, als ich das Büro betrat“, stellte er amüsiert und fast triumphierend fest.

„Ich denke, das würde fast jedem in England ebenso ergehen“, dämpfte sie seinen Enthusiasmus. „Man könnte meinen, Sie legen es bewusst darauf an angesichts der unzähligen Skandalgeschichten, mit denen Sie die Presse füttern.“

„Aber Sie sind keine Engländerin, oder?“, überging er geschickt ihre offene Rüge und stützte die Hände auf der Schreibtischplatte ab, um sie noch genauer in Augenschein zu nehmen. „Amerikanerin! Aus dem Süden, wenn ich mich nicht irre.“

„Ich wüsste nicht, was meine texanische Abstammung hier und jetzt für eine Rolle spielen sollte“, sagte Grace abweisend. Sie sprach grundsätzlich nicht über ihre Vergangenheit und ebenso ungern über ihr Privatleben. Nicht mit ihren Arbeitskollegen und schon gar nicht mit einem Wildfremden. Leider war es ihr bisher nicht gelungen, den weichen Südstaatenakzent zu hundert Prozent auszumerzen, sonst hätte es diese überflüssige Konversation gar nicht erst gegeben. „Wenn Sie mir einfach nur sagen, wie ich Ihnen weiterhelfen kann …“

„Was genau haben Sie letzte Nacht alles mitbekommen?“, übernahm er schon wieder die Regie. „Habe ich mir Ihnen gegenüber auch etwas zuschulden kommen lassen?“ Verbunden mit dem lasziven Lächeln war die Frage eine reine Farce. „Oder wünschen Sie sich vielleicht sogar, ich hätte …“

Grace lachte spröde. „Dazu hätten Sie gar nicht die Zeit gehabt!“, entfuhr es ihr spontan. Als sie seinem funkelnden Blick begegnete, senkte sie rasch die Lider.

Warum muss mir ausgerechnet dieser miese Gigolo so unter die Haut gehen?

Seit dem College-Abschluss arbeitete sie erfolgreich als Eventmanagerin und begegnete immer wieder berühmten und eindrucksvollen Menschen. Doch keiner hatte je so widersprüchliche Gefühle in ihr ausgelöst wie Lucas Wolfe. Was hatte dieser Mann nur an sich, dass er sie derart aus der Ruhe brachte?

„Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden“, sagte sie steif, setzte sich wieder und schaute demonstrativ auf den Monitor ihres PCs. „Ich muss mich wirklich meiner Arbeit widmen.“

„Aber genau deshalb bin ich ja hier“, erklärte er zu ihrer Verblüffung.

„Was meinen Sie damit?“

„Ich bin das neue Vorzeigegesicht von Hartington – wie bereits mein Vater vor mir“, eröffnete Lucas Wolfe ihr strahlend und nicht ohne Genugtuung. „Gerade noch pünktlich zum großen Jubiläum!“

„Pardon?“, murmelte Grace, obwohl sie längst verstanden hatte. Doch sie konnte und wollte es nicht akzeptieren.

Sein Lächeln vertiefte sich zu zwei unwiderstehlichen Grübchen in den schmalen dunklen Wangen, die er bei Bedarf durchaus gezielt als nahezu tödliche Waffen einsetzte. Dieses Lächeln hatte ihn in die Herzen und Fantasien unzähliger Menschen rund um den Globus katapultiert, zahllose Frauen in den Wahnsinn getrieben und sie zu den abenteuerlichsten Entscheidungen veranlasst.

Aber nicht mich! schwor Grace sich. Niemals!

„Ich glaube, wir beide werden zukünftig eng zusammenarbeiten“, eröffnete Lucas ihr augenzwinkernd.

Ihr Herz machte einen Sprung und schlug plötzlich zehn Mal so schnell wie vorher. Entweder er blufft oder er weiß mehr als ich!

„Ich hoffe, dass wir beide gut miteinander auskommen“, fuhr er mit einer Zuversicht in der dunklen Stimme fort, die Grace in Rage hätte bringen müssen, sie aber nur schwach und zittrig machte. „An mir soll es jedenfalls nicht liegen!“

2. KAPITEL

Die Frau wirkte regelrecht entsetzt. Keine Reaktion, die Lucas von der Weiblichkeit gewöhnt war. Nicht einmal von steifen, missbilligenden Frauen, die ohnehin nicht zu seinem gewohnten Umgang gehörten.

„Zusammenarbeiten?“, echote Grace fassungslos. Wie sie es sagte, klang es, als handle es sich um etwas Perverses. „Hier?“

„Das ist der Plan.“ Seine heitere Miene war unerschütterlich. „Außer natürlich, Ihnen fällt etwas Besseres ein, womit wir uns die Zeit in diesem trostlosen Büro vertreiben könnten.“

Normalerweise schmolzen Frauenherzen unter diesem Lächeln reihenweise dahin, selbst wenn es sich um schwer zu beeindruckende Gruppen wie Bibliothekarinnen oder Nonnen handelte. Von Kindesbeinen an war dieses Lächeln seine stärkste und wirksamste Waffe gegen jede Art von Widerstand gewesen.

Nicht einmal ein Vollprofi wie sein jüngerer Bruder Nathaniel, der als weltberühmter Hollywooddarsteller gerade erst den diesjährigen Sapphire Screen Award gewonnen hatte, konnte ihm in dieser Hinsicht das Wasser reichen.

Warum verfehlte es dann seine Wirkung auf Grace Carter, ihres Zeichens beängstigend spröde Eventmanagerin des verdammten Hartington? Lucas war ernsthaft verunsichert … und neugierig!

„Ganz sicher nicht!“, wies sie ihn zurecht. „Und ich wäre Ihnen außerordentlich dankbar, Mr Wolfe, wenn Sie zukünftig Ihre unangebrachten sarkastischen Anspielungen für sich behalten könnten.“

„Wie?“

„Wie?“, echote sie verblüfft, fing sich aber sofort wieder. „Na vielleicht, indem Sie einfach die gebotene Zurückhaltung üben, wie sie anderen Menschen von Natur aus zu eigen ist.“

„Und was bekomme ich dafür, wenn ich es versuche?“

Das herausfordernde Blitzen in den meergrünen Augen brachte eine Saite in Grace zum Klingen, die sie nie zuvor verspürt hatte. Sie räusperte sich und schob ein paar Papiere zusammen, die verstreut auf dem Schreibtisch lagen.

„Ich muss Sie warnen, denn ich bin schnell gelangweilt und nur sehr schwer zufriedenzustellen“, fuhr er fort. „Es sollte also schon etwas Außergewöhnliches, Spektakuläres sein. Man hat schließlich seine Ansprüche.“

„Besten Dank für den kurzen Einblick in Ihre komplizierte Psyche“, erwiderte Grace eisig. „Bisher war ich nämlich dem Irrtum erlegen, dass Ihre Standards ganz besonders niedrig liegen, was Vergnügungen und Geschmack betrifft.“

„Ein bedauerliches Fehlurteil“, versicherte Lucas treuherzig, „das leider sehr verbreitet ist.“

„Und im Ergebnis gut sichtbar“, stellte Grace mit einem beziehungsvollen Blick auf sein Gesicht fest. „Hoffentlich behalten Sie keine sichtbaren Narben zurück.“

„Auf meinem hinreißenden Antlitz? Keine Sorge! Und wenn, dann gibt es immer noch jede Menge begabte Schönheitschirurgen, die mich nur allzu bereitwillig wieder aufpolieren würden.“

Mit seinen inneren Narben sah es allerdings ganz anders aus. Die konnte selbst der berühmteste Doktor nicht ausmerzen.

Das Leuchten in Lucas’ Augen erlosch. Die Attacke von Samantha Cartwrights eifersüchtigem Gatten hatte ihn nicht weiter beeindruckt. Dazu brauchte es mehr als ein paar ziemlich schlecht platzierte Fausthiebe. Aus rein sportlichen Gründen gestand er sogar jedem Ehemann den Versuch zu, sein Besitztum zu schützen. So gesehen unterschied sich die letzte Nacht nicht besonders von unzähligen vorangegangenen. Es war immer das gleiche Spiel, das ihn allerdings zunehmend anödete.

Vielleicht hatte er sich deshalb nach Verlassen des Hotels auch nicht mit dem Taxi nach South Bank in sein seelenloses Apartment hoch über der Themse zurückfahren lassen, sondern weit aus London hinaus. Es war, als hätte ihn eine unsichtbare Macht nach Buckinghamshire gezogen.

Seit seinem achtzehnten Lebensjahr war er nicht mehr in Wolfe Manor gewesen. Für Lucas war es nur ein Haufen altertümlicher Steine, hinter denen sich bedrückende Erinnerungen verbargen.

Gerüchteweise hatte er gehört, dass er dort seinen ältesten Bruder Jacob antreffen würde. Den verlorenen Sohn, der ihn und seine anderen Geschwister damals einfach im Stich gelassen hatte, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden und nach zwanzig Jahren ebenso überraschend wieder aufzutauchen.

In seinem umnebelten Hirn und in gewohnter Großspurigkeit hatte Lucas spontan für sich beschlossen, dass das Morgengrauen ein ausgezeichneter Moment war, um den Wahrheitsgehalt dieses Gerüchts persönlich zu überprüfen.

Doch daran wollte er jetzt nicht denken. Ebenso wenig wie an Jacob. Nicht, warum er damals verschwunden und jetzt wiedergekommen war, und ganz bestimmt nicht daran, was sein Bruder ihm gestern gesagt hatte, als er ihm äußerst derangiert auf unsicheren Beinen entgegengetreten war, um Aufklärung zu erlangen.

Da war es auf jeden Fall besser, sich an das Metier zu halten, in dem er sich zu Hause fühlte, und seine Aufmerksamkeit wieder auf die Frau vor ihm zu fokussieren, die ihn ausgesprochen kritisch und mit äußerst wachsamem Blick musterte.

„Wenn es nicht absurd wäre, könnte ich auf den Gedanken kommen, dass Sie mich nicht besonders leiden können. Aber das ist natürlich unmöglich!“

„Man soll nie nie sagen“, entgegnete Grace mit honigsüßer Stimme. „Heißt es nicht so?“

„Das ist auch nicht meine Art“, versicherte Lucas in gleichem Ton. „Und ich wäre nur zu glücklich, Ihnen demonstrieren zu dürfen, wie ich das meine.“

Es entstand eine kurze Pause, in der die Luft zwischen ihnen knisterte.

„Machen Sie mir etwa ein Angebot von der Sorte, von der ich annehme, dass Sie es in so einem Moment für angebracht halten?“, fragte Grace eisig.

Lucas hätte nicht sagen können, was ihn an diesem spröden Wesen derart anzog. „Ich habe keine Ahnung, worauf Sie anspielen“, behauptete er dreist, „aber irgendwie erscheinen Sie mir wenig entgegenkommend.“

Da hielt Grace es nicht mehr hinter ihrem Schreibtisch aus. Sie sprang fast auf, machte ein paar nervöse Schritte in Richtung Tür, legte die Hand auf die Klinke und wandte sich abrupt um. „Beleidigt wäre die treffendere Bezeichnung, Mr Wolfe!“, hielt sie ihm wütend entgegen.

„Wenn Sie das sagen …“ Dabei wusste er genau, was die winzigen Flämmchen in ihren ausdrucksvollen Augen wirklich zu bedeuten hatten. Immerhin war er Fachmann auf diesem Gebiet. Langsam und eindringlich musterte er sie von oben bis unten.

Sie war groß, schlank und hatte herausfordernd weibliche Rundungen an genau den richtigen Stellen. Das konnte auch das etwas strenge, farbneutrale Businesskostüm nicht verbergen. Doch ihr Outfit, zusammen mit dem strengen klassisch zeitlosen Haarknoten, wies sie als eine dieser verkopften Karrierefrauen aus, mit denen er noch nie besonders viel hatte anfangen können. Zumal jeder noch so gut gemeinte Annäherungsversuch viel wahrscheinlicher in einer ermüdenden Moralpredigt enden würde als im Bett, wo sie ihre wundervollen langen Beine in wilder Ekstase um seinen Hals schlingen und …

„Pardon?“ Erst verspätet wurde Lucas bewusst, dass seine Gedanken in Gefilde abschweiften, die im Zusammenhang mit dieser Frau unerreichbar waren.

Und es auch besser bleiben sollten, angesichts meiner neuen Position, die Jacob mir aufgezwängt hat!

„Kann es vielleicht sein, dass Sie sich immer noch in einem gewissen Stadium der Trunkenheit befinden, Mr Wolfe?“, ertönte ihre schneidende Stimme von der Tür her.

Lucas ging um den verwaisten Schreibtisch herum und ließ sich auf den freigewordenen Stuhl fallen. „Leider nicht, aber danke für Ihre Aufmerksamkeit. Ein Bourbon wäre mir sehr recht.“

„Ich habe Ihnen weder einen Drink noch sonst etwas angeboten. Und nach dem, was ich letzte Nacht beobachten konnte, ist mir schleierhaft, wie Sie auch nur an Alkohol denken oder sogar erwägen können, welchen zu sich zu nehmen.“

Lucas runzelte die Stirn. „Letzte Nacht … sind wir beide uns irgendwie nähergekommen, oder waren Sie nur eine von den sensationsgierigen Zaungästen, die mich ständig beobachten, um hinterher irgendeine unsinnige Geschichte zu erfinden und überall zu verbreiten?“

„Erfinden?“, spottete Grace. „Warum sollte das jemand tun? Die Wahrheit erscheint mir abstoßend und erbärmlich genug.“

Autsch! Das hat gesessen!

Lucas rekelte sich noch provokativer auf dem steifen Bürostuhl, als wollte er damit ihr vernichtendes Urteil untermauern. Das war schon immer seine Reaktion auf derartige Maßregelungen und Anschuldigungen gewesen: den schlechten Eindruck, den jeder von ihm hatte, weiter zu potenzieren. Je schlechter die Meinung der anderen über ihn ausfiel, desto mehr Freiraum schien ihm das zu verschaffen.

„Würde ich Sie als reuiger Sünder mehr beeindrucken?“, fragte er provokativ.

Grace schürzte ihre Lippen auf eine Art und Weise, die ihren großzügigen Mund noch weicher und begehrenswerter erscheinen ließ, als er es ohnehin schon war. Lucas spürte, wie sich ein brennendes Verlangen in ihm regte.

„Das Sündigen scheint Ihr Spezialgebiet zu sein, Mr Wolfe, meines ist Eventmanagement.“

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