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Küsse niemals deinen Boss

1. KAPITEL

„Miss Black, Sie werden mich heute Abend begleiten.“

Überrascht sah Faith von ihrem Schreibtisch auf. Ihr Chef, Lorenzo D’Angeli, lehnte lässig im Türrahmen. Mit seinem maßgeschneiderten Anzug und den handgefertigten Lederschuhen entsprach er ganz dem Bild, das man sich von einem typisch arroganten italienischen Geschäftsmann machte. Als sie ihren Blick über sein markantes Gesicht gleiten ließ, schien ihr Herz kurz auszusetzen. Diese tief gebräunte Haut, dieser aufgeweckte Blick aus seinen klaren blauen Augen … Es war nicht das erste Mal, dass er sie völlig aus der Fassung brachte. Und es würde sicher nicht das letzte Mal sein.

Dabei wusste sie genau, was sie von Männern wie ihm zu halten hatte. Man musste sich nur einmal anschauen, wie er seine Frauen behandelte. Er tauschte sie aus wie schmutzige Unterwäsche. Und selbst die Tatsache, dass er zu ihr immer zuvorkommend war, machte ihn auch nicht sympathischer.

„Der Dresscode ist elegant“, fuhr er fort. „Wenn Sie also nichts Passendes zum Anziehen haben, dann nehmen Sie sich den Nachmittag frei und stellen mir Ihre Einkäufe in Rechnung.“

Ungläubig sah Faith ihren Chef an. Während der letzten sechs Monate hatte er sie recht häufig zum Einkaufen geschickt. Mal waren es seidene Krawatten, die sie ihm besorgen musste, mal kleine Geschenke für seine aktuelle Geliebte. Dass er sie jedoch losschickte, damit sie sich selbst etwas kaufte, war höchst ungewöhnlich. Sie musste sich verhört haben.

„Tut mir leid, Mr D’Angeli“, entgegnete sie höflich. „Ich fürchte, ich habe Sie nicht richtig verstanden.“

Renzo zog eine Augenbraue hoch.

„Miss Palmer ist leider verhindert. Ich brauche eine Begleitung für heute Abend.“

Sofort versteifte sie sich. Natürlich. Was hatte sie denn erwartet, warum er sie dabeihaben wollte?

Es gehörte jedoch nicht zu ihren Aufgaben, mal eben einzuspringen, nur weil er es sich wieder mit einer seiner Frauen verscherzt hatte.

„Mr D’Angeli …“, begann sie.

„Faith, ich brauche Sie.“

Vier Worte. Vier Worte, die ihr das Blut in den Adern stocken ließen. Warum ließ sie sich immer wieder so leicht von ihm verunsichern? Und warum wurde sie rot bei dem bloßen Gedanken daran, an seinem Arm über einen roten Teppich zu schreiten? Schließlich hatte sie nicht das geringste Interesse an diesem Mann.

Außerdem brauchte er nicht sie an seiner Seite, sondern seine persönliche Assistentin, die jederzeit bereit war, Anrufe für ihn zu tätigen und im letzten Moment seinen Terminplan komplett zu ändern.

„Ich halte das für nicht angemessen, Mr D’Angeli.“

„Faith, Sie sind die einzige Frau, auf die ich mich verlassen kann“, erklärte er und sah sie flehend an. „Die einzige, die keine Spielchen mit mir spielt.“

Seine Worte ließen sie erröten.

„Ich spiele aus dem Grund keine Spielchen mit Ihnen, weil ich Ihre Assistentin bin, Mr D’Angeli.“

„Genau. Und darum brauche ich Sie heute Abend an meiner Seite. Bei Ihnen kann ich mich wenigstens darauf verlassen, dass Sie sich benehmen.“

Benehmen? Am liebsten hätte sie ihn geohrfeigt. Stattdessen sah sie ihn bloß ruhig an. Wenngleich ihr Puls raste wie eines der Motorräder von D’Angeli Motors. Sie würde wohl nie verstehen, warum dieser Mann sie immer wieder durcheinanderbrachte. Er sah verdammt gut aus, aber er hielt sich für den Nabel der Welt. Und offensichtlich glaubte er, dass auch sie nur dazu da sei, ihm zu dienen.

„Soll ich Miss Zachetti für Sie anrufen? Oder Miss Price? Ich bin sicher, dass sie nicht Nein sagen würden.“

Ganz im Gegenteil, überlegte Faith und runzelte die Stirn. Für eine weitere gemeinsame Nacht mit ihm würden die beiden sicher alles tun. Faith kannte keine Frau, die nicht insgeheim für ihn schwärmte.

Langsam kam Renzo zu ihrem Schreibtisch herüber und stützte seine Arme darauf ab. Dann beugte er sich herunter, bis er mit ihr auf Augenhöhe war. Der Duft seines Rasierwassers – diese Mischung aus Mann, Sandelholz und Motorrad – machte sie völlig benommen. Außerdem umgab ihn stets dieser Hauch von Verwegenheit, der wohl jede Frau schwachmachte.

Die ganze Welt kannte ihn als den coolen Typen, der Motorräder baute und die waghalsigsten Rennen fuhr. Er war der Mann mit den neun Weltmeistertiteln, der bei 300 km/h über die Rennpiste raste.

Seit seinem schweren Unfall vor einigen Jahren steckten jedoch mehrere Stifte in seinem Bein. Die Ärzte hatten ihm damals prophezeit, dass er für den Rest seines Lebens am Stock gehen würde.

Natürlich hatte er dieses Schicksal nicht akzeptieren können. Er hatte trainiert wie ein Wahnsinniger. Und es tatsächlich geschafft, wieder Rennen zu fahren. Sein starker Wille hatte ihm den Spitznamen Eiserner Prinz eingebracht. Eisern, weil er einen eisernen Willen hatte, und Prinz, weil er aus jedem Rennen als Sieger hervorging.

Und nun sah dieser unbesiegbare Mann so eindringlich aus seinen blauen Augen auf sie herab, dass sie hastig den Blick abwandte und das Telefon zu sich herüberzog.

„Also, welche Dame wird heute Abend die Ehre haben?“, fragte sie ihn und fluchte innerlich, als sie den schrillen Unterton in ihrem angestrengt leichtfertigen Tonfall bemerkte.

Mit einer schnellen Bewegung drückte er ihre Hand herunter, als sie gerade den Hörer des Telefons abnehmen wollte. Faith zuckte zusammen. Die unerwartete Wärme seiner Hand auf ihrer Haut irritierte sie. Sie fühlte sich, als stünde sie unter Strom und verkrampfte. Das war gar nicht typisch für sie. Sie war doch sonst nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen.

„Wenn Sie mich begleiten, Miss Black, wäre sogar ein Bonus für Sie drin“, erklärte Renzo augenzwinkernd. „Sie dürfen das Kleid, das Sie sich für den heutigen Abend kaufen, behalten. Und obendrein werde ich Ihnen ein zusätzliches Monatsgehalt zahlen, wenn Sie meiner bescheidenen Bitte nachkommen. Na, wie klingt das?“

Faith rang nach Luft. Ein extra Monatsgehalt würde ihrem Konto ziemlich guttun. Gerade jetzt, wo sie auf eine Eigentumswohnung sparte. Wenn sie erst eine eigene Wohnung hätte, hätte sie endlich das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Sie könnte all die Erinnerungen an ihr altes Leben in Georgia hinter sich lassen. Und könnte ihrem Vater beweisen, was in ihr steckte.

Dennoch, sie konnte es sich nicht erlauben, sein Angebot anzunehmen. Denn egal, wo Lorenzo D’Angeli auch war, überall lauerten die Paparazzi und Journalisten auf ihn. Als neue Frau an seinem Arm wäre sie das gefundene Fressen für die Presse. Das war wirklich das Letzte, was sie brauchte.

Andererseits wäre es nur ein einziger Abend. Wie groß war die Chance, dass jemand ein Foto von Faith Black sehen und sie mit Faith Winston in Verbindung bringen würde?

Bei dem Gedanken an die Frau, die sie einst gewesen war – eine Frau, die gnadenlos bloßgestellt worden war – begann sie zu zittern. Sie würde es nicht zulassen, den Rest ihres Lebens in Angst zu leben wegen einer einzigen Dummheit. Sie war kein naiver Teenager mehr, sie war eine erwachsene Frau.

„Wo findet die Party statt?“, erkundigte sie sich. Und verfluchte sich im gleichen Moment. Sie hatte aufgegeben, und er wusste es.

Der Druck seiner Hand ließ nach. Seine Augen schienen zu glühen. Vielleicht halluzinierte sie auch nur.

„Manhattan“, erklärte er. „Fifth Avenue.“

Zufrieden stieß er sich vom Schreibtisch ab und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Ein selbstgefälliges Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

„Mein Fahrer wird Sie um sieben abholen, Miss Black.“

„Ich habe noch gar nicht zugestimmt“, protestierte sie hilflos. Es machte sie fast wütend, dass diesem Mann alles in den Schoß zu fallen schien. Er bekam immer, was er wollte. Warum sollte sie es ihm unnötig leicht machen? Sie hatte sich schon einmal von einem Mann zu etwas überreden lassen. Und das hatte katastrophale Folgen für sie gehabt.

Aber dieser Mann hier war ihr Chef. Und er gaukelte ihr schließlich nicht vor, in sie verliebt zu sein, nur damit sie sich seinem Willen beugte. Was hatte sie also zu verlieren?

„Sie können nur davon profitieren, Faith, wenn Sie mich begleiten“, fuhr Renzo fort. Faith wurde ganz warm, als sie ihren Namen aus seinem Mund hörte. Dieser leichte italienische Akzent war einfach zu sexy.

„Ich denke, eine solche Aufgabe war laut Stellenbeschreibung nicht für mich vorgesehen“, beharrte sie.

Einen Moment lang sahen sie sich schweigend an.

„Sie würden mir einen großen Gefallen tun, Faith“, erklärte er schließlich. „Und Sie würden auch D’Angeli Motors unterstützen.“

Und dann lächelte er sein Playboy-Lächeln. Dieses Lächeln, das Supermodels, Schauspielerinnen und Schönheitsköniginnen um den Verstand brachte. Fast erschrocken bemerkte Faith, wie ihr Puls hochging. Offensichtlich ging sein Charme auch an ihr nicht spurlos vorüber. Dabei hatte sie bisher immer gedacht, immun gegen ihn zu sein. Schließlich empfand sie für italienische Gigolos wie ihn nichts als Verachtung.

„Natürlich steht es Ihnen frei abzulehnen. Ich wäre Ihnen jedoch dankbar, Faith, wenn Sie es nicht täten.“

„Es geht hier doch nicht um ein Date“, rutschte es ihr heraus.

Er lachte, und sie spürte, wie ihr erneut die Röte ins Gesicht stieg. Warum hatte sie das gesagt? Er würde sie doch sowieso niemals um eine Verabredung bitten. Nicht einmal, wenn sie nicht seine Assistentin wäre. Sie war viel zu schlicht für ihn. Aber wenn er sie dafür bezahlte, dass sie seine neue Geliebte spielte, warum nicht? Solange es sich um eine rein geschäftliche Vereinbarung handelte …

„Assolutamente, Cara“, entgegnete Renzo und bedachte sie mit einem intensiven Blick aus seinen leuchtend blauen Augen. „Und nun sollten Sie sich besser auf den Weg machen. Nehmen Sie sich den Nachmittag frei, und suchen Sie sich was Schickes bei Saks aus. Mein Chauffeur wird Sie fahren.“

„Ich bin sicher, dass ich was Geeignetes in meinem Schrank finde“, antwortete Faith steif.

Zweifelnd zog Renzo die Augenbrauen hoch.

„Haben Sie denn die neueste Designer-Mode in Ihrem Schrank, Miss Black? Etwas, womit Sie die New Yorker Elite beeindrucken können?“

Ein wenig beschämt sah sie ihn an. Er zahlte ihr ein ziemlich großzügiges Gehalt, aber echte Designer-Stücke konnte sie sich davon nicht leisten. Schließlich musste sie für ihre Eigentumswohnung sparen. Und wozu brauchte sie auch schicke Kleidung, wenn sie ohnehin keine Gelegenheit hatte, sie zu tragen? Zumindest bis jetzt.

„Wahrscheinlich eher nicht“, gab sie zu und erntete ein nachsichtiges Lächeln von ihm.

„Dann sollten Sie sich jetzt wohl auf den Weg machen“, entgegnete er und zwinkerte ihr zu. „Die Shoppingtour ist Teil unserer Abmachung.“

Ohne ihre Antwort abzuwarten verschwand er hinter der Tür zu seinem Büro nebenan. Faith seufzte. Wieder mal hatte er bekommen, was er wollte. Sie loggte sich an ihrem Computer aus und griff nach ihrer Tasche. Nun gab es kein Zurück mehr.

Renzos Bein schmerzte an diesem Abend mehr als sonst. Stöhnend stellte er den Laptop zur Seite und rieb sich mit der Hand über das Schienbein, während die Limousine sich langsam durch den Feierabendverkehr in Brooklyn schob. Sein Bein hatte ihm während der letzten Monate immer mehr Probleme bereitet. Leise fluchte er. Die Ärzte hatten ihm gesagt, dass die Schmerzen zurückkehren würden. Doch er hatte bereits so viel Kraft investiert, um wieder auf die Beine zu kommen. Er würde jetzt nicht aufgeben. Er hatte den Schmerz schon einmal besiegt, und er würde es wieder schaffen.

Niccolo Gavretti, der Eigentümer von Gavretti Manufacturing, war sein größter Konkurrent. Nico würde nichts lieber sehen, als dass Renzo seinen Weltmeistertitel verlor. Und Gavretti Manufacturing die Spitzenreiterposition auf dem Motorradmarkt übernahm. Renzo runzelte die Stirn bei dem Gedanken. Er und Nico waren einmal Freunde gewesen. Oder zumindest hatte er gedacht, sie seien Freunde gewesen.

Jetzt wusste er es besser.

Und er würde nicht verlieren. Er würde die D’Angeli-Viper höchstpersönlich bei den Rennen fahren und der ganzen Welt beweisen, dass er das beste Motorrad aller Zeiten gebaut hatte.

Seine Investoren würden glücklich sein, und das Geld würde fließen. Danach würde Renzo sich zufrieden von der Rennbahn verabschieden und es seinem Team überlassen, die nächsten Grand-Prix-Siege für ihn einzuheimsen.

Dio, per favore – noch ein Weltmeistertitel, und er würde aufhören.

Der heutige Abend war ein wichtiger Abend. Renzo hoffte, keinen Fehler gemacht zu haben, indem er seine schlichte Sekretärin zu der Party eingeladen hatte.

Er hatte eben keine andere Wahl gehabt. Natürlich könnte er auch allein auf Robert Steins Party erscheinen. Dann müsste er allerdings den ganzen Abend Steins Tochter aus dem Weg gehen. Lissa war ein eingebildetes, verzogenes Gör. Sie glaubte, sie könnte alles haben.

Und Robert Stein schätzte das Interesse seiner Tochter an Renzo kein bisschen. Normalerweise machte Renzo sich nicht viel aus der Meinung der Väter seiner Geliebten. In diesem Fall jedoch musste er sich zurückhalten. Damit klar war, dass er keinerlei Interesse an Lissa Stein hatte. Aus diesem Grund brauchte er für den heutigen Abend eine Begleitung. Jemanden, der sich als seine Freundin ausgab.

Er hatte bereits alles perfekt geplant gehabt. Bis er heute Morgen Katie Palmer den Laufpass gegeben hatte. Er ging nun seit einem Monat mit ihr aus. Und sie wurde ihm langsam zu anhänglich. Die Kosmetiktasche in seinem Badezimmerregal hatte ihn nicht besonders gestört. Auch die zweite Zahnbürste in seinem Zahnputzbecher hatte er hingenommen. Es war der pinke Damenrasierer in seiner Dusche, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.

Er hatte kein Problem damit, wenn eine Frau auf seine Einladung hin die Nacht bei ihm verbrachte. Wenn sie jedoch nach ein paar gemeinsamen Nächten schon begann, Stück für Stück bei ihm einzuziehen, wurde er nervös. Sex war ein wichtiger Teil seines Lebens. Aber nur weil er mit einer Frau schlief, hieß das nicht, dass er auch mit ihr zusammenwohnen wollte. Darum stellte er immer von Anfang an klar, wie er sich die Beziehung vorstellte. Sobald sich jemand nicht an seine Bedingungen hielt, war es vorbei.

Katie Palmer war eine wunderschöne Frau. Eine aufregende Frau. Und doch ließ sie ihn irgendwie kalt. Er wusste gar nicht genau, warum. Sie war eigentlich genau sein Typ. Schön, etwas oberflächlich und intellektuell anspruchslos.

Renzo griff wieder nach seinem Laptop und starrte gedankenverloren auf den Bericht, an dem er gerade arbeitete. Vielleicht hätte er Faiths Vorschlag befolgen und eine Ex-Freundin für heute Abend einladen sollen. Statt Faith diese Aufgabe aufzudrängen. Als er jedoch an seinem Schreibtisch gesessen und die säuberlich getippte Aktennotiz vor sich gesehen hatte, mit der hilfreichen Haftnotiz als Markierung für seine Unterschrift, hatte er eine Eingebung gehabt. Seine zuverlässige, wenngleich auch etwas unscheinbare Assistentin würde eine viel bessere Begleitung an diesem wichtigen Abend abgeben, als eine Frau, die seine ständige Aufmerksamkeit fordern würde.

Wenn Faith ihn begleitete, wäre es ein rein geschäftliches Abkommen zwischen ihnen. Sie war ein ruhiges, gebildetes Mädchen. Und sie war nicht unbedingt unattraktiv. Er hatte eigentlich nie wirklich auf ihr Aussehen geachtet. Warum auch? Sie war schließlich seine Angestellte, und sie machte ihren Job gut. Sein Terminplan war noch nie so gut organisiert gewesen.

Faith war einfach perfekt, auch wenn sie keine Schönheit war. Ihre dunklen Kostüme ließen ihre Figur nur erahnen. Das goldblonde Haar trug sie entweder zum Zopf oder als Knoten gebunden. Obendrein trug sie eine dunkle Hornbrille.

Ihre Augen waren grün. Das fiel ihm zumindest jedes Mal auf, wenn sie ihn durch ihre dicken Brillengläser hindurch anschaute. Ihre Augen waren nicht dunkel wie Smaragde, sondern eher goldgrün, wie das Laub im Frühling. Und sie duftete gut. Wie ein frischer Regenguss mit einem leichten Anflug von exotischem Blütenduft. Sie trug weder schweres Parfüm, noch roch sie jemals nach Rauch, Alkohol oder Bräunungscreme.

Als sie an diesem Nachmittag jedoch zu ihm aufgesehen hatte, mit diesen funkelnden Augen und der leichten Röte auf den Wangen, hatte er einen kurzen Moment lang ein überwältigendes Bedürfnis verspürt. Am liebsten hätte er sie über den Schreibtisch zu sich herangezogen und seinen Mund auf ihre Lippen gepresst.

Was absolut keinen Sinn machte. Faith Black war nett und gepflegt, aber sie war überhaupt nicht sein Typ. Er mochte sie lediglich, weil sie professionell und effizient arbeitete. Aber er fühlte sich nicht von ihr angezogen.

Offensichtlich reagierte sein Körper durch den ganzen Stress der letzten Monate irrational. Seine Mechaniker arbeiteten auf Hochtouren, um die Viper in Topform zu bringen, doch es tauchten immer wieder Probleme auf.

Und Renzo hatte bereits zu viel Zeit und Geld in die Entwicklung des neuen Motorrads investiert, um jetzt aufzugeben. Erfolg bedeutete alles für ihn. Das war ihm bereits als Teenager bewusst geworden. Als er herausgefunden hatte, dass er einen Vater hatte, der nichts von ihm wissen wollte.

Weil in seinen Adern kein blaues Blut floss, im Gegensatz zum Conte de Lucano und den Kindern, die er mit seiner jetzigen Frau hatte. Renzo war der Ausgestoßene. Das unerwünschte Nebenprodukt einer kurzen Affäre mit einer Kellnerin. Es war nicht vorgesehen, dass aus diesem Kind mal etwas werden würde. Doch erstaunlicherweise hatte er es zu etwas gebracht. Und er würde weiterhin zeigen, was in ihm steckte. Lorenzo D’Angeli lebte geradezu für die Herausforderung.

Die Limousine hielt vor einem grauen Apartmentblock in einem schäbigen Teil der Stadt. Renzo stöhnte auf, als er sein Bein bewegte, um aus dem Auto zu steigen. Er könnte seinen Chauffeur bitten, Faith abzuholen. Sein Stolz ließ es jedoch nicht zu, sich auch nur einen Moment der Verletzlichkeit zuzugestehen.

Während er langsam auf das Gebäude zu humpelte, sah er sich um und beobachtete die Leute, die an ihm vorbeieilten. Es schien keine unsichere Gegend zu sein, doch es war eine ziemlich heruntergekommene Ecke. Sofort tauchten vor seinem geistigen Auge Erinnerungen an sein altes Leben auf.

Damals, als er noch ein Niemand war und dafür sorgen musste, dass seine Mutter und seine jüngere Schwester Valentina genug zu essen hatten. Er hatte so viel Wut in sich gehabt. Und sich gewünscht, dass seine Mutter mehr Durchsetzungsvermögen bewiesen hätte. Damit der Conte sie finanziell unterstützte. Renzo liebte seine Mutter sehr, aber sie war zu schwach gewesen zu kämpfen, als es darauf angekommen wäre.

Er schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen zu verdrängen. Dann trat er in das Apartmentgebäude und stieg die Treppe hinauf zu Faiths Apartment im zweiten Stock. Bei jeder Stufe fuhr ein scharfer Schmerz durch sein Bein. Oben angekommen blieb er einen Moment stehen und schloss die Augen, bis der Schmerz ein wenig nachließ.

Auf sein Klopfen hin öffnete sich sogleich die Tür. Hätte er sich nicht besser unter Kontrolle gehabt, wäre ihm die Kinnlade heruntergeklappt. Faith Black sah … irgendwie anders aus. Genauer gesagt sah sie umwerfend aus. Ein seltsames Gefühl machte sich in ihm breit, als er sie betrachtete. Renzo wusste es nicht so recht zu deuten.

Sie hatte ihre Brille abgesetzt, und sie trug Make-up. Ihre Lippen waren rot, voll und unglaublich sinnlich. Am liebsten hätte er sie in diesem Moment geküsst.

„Mr D’Angeli“, begrüßte sie ihn und zwinkerte überrascht.

„Hatten Sie jemand anderen erwartet?“, fragte er ein wenig beleidigt. Die Vorstellung, dass sie auf einen anderen Mann gewartet haben könnte, irritierte ihn unangenehm. Seltsam.

„Ich … nun ja. Ich hatte gedacht, sie schicken bloß den Wagen vorbei, und wir würden uns erst auf der Party sehen.“

„Wie Sie sehen, hole ich Sie höchstpersönlich ab.“

Sie schien überrascht zu sein. Und fast ein wenig genervt. Dieser Blick in ihren Augen schien anzudeuten, dass sie ihn nicht mochte.

Konnte das möglich sein? Alle Frauen waren doch verrückt nach ihm. Er setzte sein charmantestes Lächeln auf.

„Sie sehen sehr hübsch aus, Miss Black.“

Und ausgesprochen sexy … Der Gedanke erschreckte ihn fast.

Ihr Haar trug sie zu einem eleganten Knoten zusammengesteckt. Allerdings nicht so streng wie im Büro. Ein paar einzelne Strähnen hatten sich gelöst, was sie weicher und weiblicher wirken ließ. Ihr lavendelfarbenes Abendkleid war schlicht geschnitten und lag hauteng an ihrem kurvigen Körper an.

Renzo war völlig überwältigt von ihrem Anblick. Es war das erste Mal, dass er ihre Figur sah. Und was für eine Figur sie hatte! Er konnte den Blick kaum von ihr abwenden.

Ihre Wangen waren errötet, als sie verlegen die Augen niederschlug. Renzo triumphierte innerlich. Offensichtlich war sie doch nicht so immun gegen ihn, wie sie vorgab.

„Danke. Ich … ich hab gerade nach meinem Ohrring gesucht. Er ist mir heruntergefallen, und ich finde ihn nicht mehr.“

„Ich helfe Ihnen beim Suchen“, bot Renzo an.

Zögernd trat Faith einen Schritt zurück, um ihn hereinzulassen.

Das Apartment war klein, aber gemütlich. Auf dem Couchtisch im Wohnzimmer lagen einige Magazine. Amüsiert bemerkte Renzo die Motorradzeitschrift oben auf dem Stapel. Auf der Titelseite war er in voller Ledermonitur und mit finsterem Blick neben seiner Viper stehend abgebildet.

An einer Wand stand ein bis zur Decke gefülltes Bücherregal. Die Wände waren weiß gestrichen. Doch sie hatte ein paar hübsche Bilder aufgehängt und mit bunten Kissen und Vorhängen etwas Farbe in den Raum gebracht. Eigentlich war es ein typisches Frauenzimmer.

„Hier muss er irgendwo liegen“, sagte Faith, als er ihr in die Küche folgte, in der kaum genug Platz für zwei Erwachsene war.

Sie stand so dicht vor ihm, dass er ihren Duft wahrnahm. Diese frische, blumige Note, die ihm mittlerweile so vertraut war. Zu seiner Überraschung fühlte er sich unwiderstehlich zu ihr hingezogen.

„Ich glaube, er ist irgendwo hingerollt. Vielleicht unter den Tisch?“, fuhr sie fort und kniete sich auf den Boden.

Für einen kurzen Moment wusste Renzo nicht, wovon sie sprach. Er hatte sich gerade vorgestellt, wie er sie an sich zog und ihr weicher Körper sich an ihn schmiegte. Kopfschüttelnd versuchte er, diesen Gedanken loszuwerden.

„Lassen Sie mich mal gucken“, entgegnete er und beleuchtete den Boden mit dem Licht seines Handys. Als er neben ihr niederkniete, berührte er sie leicht. Es war, als ginge ein Stromstoß durch seinen Körper. Stress, dachte er. Nichts weiter als Stress.

Der Lichtstrahl erfasste etwas Glänzendes auf dem Boden. Renzo griff danach. Es war der Ohrring. Er hätte ihn einfach in ihre geöffnete Handfläche fallen lassen können. Doch das wäre zu einfach gewesen. Er wollte sie noch einmal berühren. Um zu sehen, ob er wieder so unerwartet heftig auf sie reagierte. So wie an diesem Nachmittag. Als er ihre Hand auf dem Telefonhörer heruntergedrückt hatte. Er hatte gedacht, es sei vielleicht nur statische Elektrizität gewesen.

Doch als er nun nach ihrem Handgelenk griff, erschrak er fast. Die Berührung löste ein blitzartiges heißes Verlangen in ihm aus. Auch Faith schien es zu spüren. Er hörte, wie sie scharf die Luft einsog. Schnell drückte er ihr den Ohrring in die Hand und ließ sie los.

Dio.

Faiths Hände zitterten, als sie sich den Ohrring ansteckte. Ging es ihr wie ihm? Woher kam diese plötzliche Spannung zwischen ihnen?

„So“, erklärte sie und bemühte sich um einen leichtfertigen Tonfall. „Ich bin fertig.“

„Dann machen wir uns mal auf den Weg“, entgegnete er und half ihr, die Stola um die Schultern zu legen.

Während sie die Stufen im Treppenhaus hinabstiegen, ließ er sie vorangehen, damit sie sein Humpeln nicht bemerkte.

Unten auf der Straße hielt der Fahrer ihnen bereits die Türen auf. Renzo hielt Faith die Hand hin, um ihr beim Einsteigen behilflich zu sein. Doch sie ignorierte ihn, kletterte in den Wagen und ließ sich auf die weißen Ledersitze fallen.

Einige Minuten lang ließen sie schweigend die Manhattan-Szenerie an sich vorüberziehen.

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