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Küsse in der Villa des Glücks

1. KAPITEL

Es war ein heißer Tag in Boston, als Regina Landers O’Ryan mit einem Mal begriff, dass sie vor knapp einem Jahr den größten Fehler ihres Lebens begangen hatte. Für diesen Fehler – der darin bestand, dass sie den Falschen geheiratet hatte – musste ihr Mann nun büßen.

„Aber damit ist es vorbei“, flüsterte sie und blickte auf die Uhr. Bald würde Dell nach Hause kommen. Normalerweise war sie bei seiner Rückkehr noch bei der Arbeit, wo sie Fotos für „The Wedding Belles“ entwickelte. Der Name war ein Wortspiel aus „Hochzeitsglocken“ und „Belle“; Regina und ihre Kolleginnen, allesamt talentierte, aufgeweckte junge Frauen, die „Belles“ eben, ließen die Hochzeitsträume anderer Menschen wahr werden. Belle war zudem der Name ihrer Chefin, die das Unternehmen aufgebaut hatte.

Ihr war bewusst, wie ironisch diese Namensgebung war: Sie beschäftigte sich beruflich mit den romantischen Träumen, an die sie selbst nicht mehr glaubte. Aber um sie ging es ja schließlich auch nicht.

Es war noch nicht zu spät: Noch konnte Dell die Frau finden, auf die seine Wahl gefallen wäre, wenn er sich nach seinen Wünschen hätte entscheiden können.

Ich muss ihn endlich freigeben, nahm Regina sich vor.

Sobald Dell das wunderschöne Herrenhaus betrat, in dem er schon sein ganzes Leben lang wohnte, spürte er, dass irgendetwas anders war. Und es lag nicht an den Geistern seiner Vorfahren, der alteingesessenen Aristokraten O’Ryan, dass sich ihm die Nackenhaare aufstellten.

Seine Frau saß in der Eingangshalle auf einer viktorianischen Sitzbank, die sich seit Generationen im Besitz seiner Familie befand. Regina erwartete ihn sonst nie, wenn er nach Hause kam.

Er blickte in ihre karamellfarbenen Augen, die einen sorgenvollen Ausdruck hatten.

„Was ist los?“, wollte er unumwunden wissen.

„Wir müssen miteinander reden.“ Reginas sanfte Stimme klang ein wenig unsicher. „Wir müssen miteinander reden“, wiederholte sie, stand auf und versuchte, energisch zu wirken, obwohl sie sichtlich nervös war.

Sie deutete auf eine Seite in einer Lokalzeitschrift, die aufgeschlagen neben ihr lag. „Hast du das schon gesehen?“

Nein, das hatte er nicht. Die Zeitschrift gab sich als Veranstaltungsmagazin für Boston aus, bestand in der Hauptsache jedoch aus Klatsch und Gerüchten. „So etwas lese ich nicht.“

Sie errötete leicht, und er stellte fest, dass er diese Reaktion bei ihr noch nie erlebt hatte. Wenn er es allerdings recht bedachte, kannte er Regina auch nicht besonders gut. Sie waren ihre Ehe hastig und aus Vernunftgründen eingegangen und hatten bislang nicht viel Zeit miteinander verbracht. Wie schon seine Eltern lebten sie praktisch als Fremde zusammen in dem riesigen Haus. Doch der zarte rosafarbene Hauch, der sich bis zum V-Ausschnitt ihrer zartgelben Bluse ausbreitete, bewirkte, dass Dell sie plötzlich auf eine andere Art wahrnahm. Das überraschte ihn. Und es kam zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt.

Als sie nickte, fragte er sich einen Moment lang, ob sie wohl seine Gedanken gelesen hatte. „Ich hatte auch nicht angenommen, dass du so etwas liest“, sagte sie. „Aber ich habe die Fakten überprüft, und sie stimmen.“

Sie wandte sich zur Seite, sodass ihr glattes braunes Haar ihr auf die Schultern fiel. Regina hatte eine sehr weibliche Figur, doch sie kam ihm dünner vor als vor einem Jahr, als sie plötzlich in seiner Welt aufgetaucht war. Kein Wunder, immerhin hatte sie seitdem viel durchgemacht.

Dell strich sich übers Kinn. Wenn sie unglücklich war, lag das sicher auch an Ereignissen, die er, wenn auch unbeabsichtigt, in Gang gesetzt hatte.

„Du hast die Fakten also überprüft? Dann erzähl sie mir doch bitte.“ Seine Stimme klang harscher, als er beabsichtigt hatte.

Sie wandte sich wieder zu ihm um. „Du warst auf dem besten Weg, Elise Allenby zu heiraten, als wir …“

„Als wir beide geheiratet haben“, ergänzte er.

„Ja, aber damit wolltest du mir nur helfen. Eigentlich hättest du Elise heiraten sollen. Alle hatten schon eure Verlobung erwartet. Das wusste ich nicht, sonst hätte ich deinen Heiratsantrag niemals angenommen“, sagte sie verzweifelt.

„Hör auf damit, Regina. Du hast keinesfalls mein Liebesglück zerstört. Elise und ich hatten über das Thema Ehe noch nicht einmal gesprochen. Ich leide also nicht an gebrochenem Herzen.“

In einer Hinsicht hatte sie trotzdem recht: Bevor die Ereignisse des vergangenen Jahres alles veränderten, hatte er tatsächlich überlegt, ob er wohl seine Beziehung zu Elise vertiefen sollte. Er war nie sonderlich romantisch veranlagt gewesen, sein Leben drehte sich um das O’RyanImperium. Elise stammte aus einer angesehenen Familie, war intelligent und bildhübsch. Sie wusste, wie sie sich bei gesellschaftlichen Anlässen zu verhalten hatte, und wäre eine echte Bereicherung als Gastgeberin gewesen. Seit der Hochzeit mit Regina hatte er niemanden mehr in sein Haus eingeladen. Doch das war allein seine Entscheidung. Angesichts der Umstände hatte Dell das Gefühl gehabt, keine Forderungen an sie richten zu können.

„Und Elise? Hat es ihr das Herz gebrochen?“ Regina sah ihn an.

Er blinzelte. „Das weiß ich nicht.“ Er verriet ihr nicht, dass Elise am Tag nach der Trauung, die im privaten Kreis begangen worden war, in sein Büro gekommen war und zum ersten Mal ihren Gefühlen freien Lauf gelassen hatte. Dieser Nachmittag lag schon fast ein Jahr zurück, doch noch immer bedrückte es ihn, dass er bei seinem Versuch, eine Frau zu beschützen, einer anderen wehgetan hatte.

„Ich möchte gar nicht daran denken, dass meinetwegen eine andere Frau unglücklich geworden ist.“

„Das brauchst du auch nicht, denn so war es nicht.“ Dell ging einen Schritt auf sie zu. „Vielleicht hat Elise wirklich geglaubt, dass wir irgendwann heiraten würden, aber ich habe ihr nie die Ehe in Aussicht gestellt. Und wenn ich ihr etwas versprochen hätte oder sie schwanger gewesen wäre, dann hätte ich mich korrekt verhalten, Regina. Dessen kannst du dir sicher sein.“

Sie sank wieder auf die harte Sitzbank aus Mahagoni und atmete hörbar aus. „Ja, du tust immer, was du für deine Pflicht hältst. Immerhin hast du mich gerettet.“

Aber es hatte offenbar nichts genutzt. Sie war zwar nicht mehr so verzweifelt und hilfsbedürftig wie zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit. Sie hatte Sicherheit und eine Arbeit, die ihr Spaß machte. Doch ihre Augen glänzten nicht mehr so funkelnd wie vor eineinhalb Jahren, als sie vor seiner Tür stand, um ihm Post zu überreichen, die versehentlich bei ihr gelandet war.

„Was dich betrifft, habe ich nicht immer richtig gehandelt.“

Ihr weiches braunes Haar streifte die zartgelbe Bluse, als sie den Kopf schüttelte. „Ich doch auch nicht, was dich betrifft. Letzte Woche …“ Unruhig begann sie hin und her zu gehen.

Dell stellte sich ihr in den Weg. Er neigte den Kopf, um ihre Miene erkennen zu können, doch sie wollte ihn nicht ansehen.

„Was ist letzte Woche passiert?“

Regina verschränkte die Arme vor der Brust und atmete erneut aus. „Ich habe eine Hochzeitsgesellschaft fotografiert, als einem Gast mein Namensschild ins Auge fiel. Es war eine elegante junge Frau, und sie wollte wissen, ob ich mit dir verwandt sei. Und als ich ihr erzählte, dass wir verheiratet sind, fragte sie sehr verwundert, warum sie mich nie bei den Veranstaltungen gesehen habe, auf denen du in letzter Zeit warst. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte – also habe ich gelogen und behauptet, ich sei eine ganze Weile krank gewesen.“

„Sie hätte dir so eine persönliche Frage gar nicht stellen sollen. Mach dir bitte keine Gedanken darüber“, versuchte Dell sie zu beruhigen.

Doch sie schüttelte den Kopf. „Du hast mir damals geholfen, indem du mich geheiratet hast, aber ich habe nie auch nur darüber nachgedacht, dich zu einer deiner gesellschaftlichen Verpflichtungen zu begleiten, obwohl ich natürlich wusste, dass sie Teil deiner Arbeit sind. Ich habe meinen Teil der Abmachung nicht eingehalten.“

„Es gibt keine Abmachung, Regina. Wir haben aus guten, wenn auch ungewöhnlichen Gründen geheiratet, und dieses Jahr ist für dich nicht sehr glücklich verlaufen. Du brauchst dich wirklich nicht zu entschuldigen.“

„Du hast nie etwas gesagt, aber es heißt in diesem Artikel, dass du – einem Gerücht zufolge – gebeten wurdest, eine Filiale in Chicago zu eröffnen. Eine deiner reichsten Kundinnen möchte, dass du auch dort Schmuck anbietest. Sie und einige ihrer Freunde umwerben dich, machen gratis Werbung und tun einfach alles, aber bisher hast du dich standhaft geweigert, diese unglaubliche Chance wahrzunehmen. Auch für die Stadt Chicago wäre es ein großer Fang, und in dem Artikel steht, dass sich die Leute auf den höchsten Ebenen einfach nicht erklären können, warum du dir die Sache nicht einmal genau angesehen hast. Angeblich liege deine Weigerung daran, dass deine Frau an einem Unternehmen in Boston beteiligt ist und du ihr keinen Umzug zumuten möchtest.“

Regina sah auf so entzückende Art empört aus, dass er fast gelacht hätte.

„Wie du vielleicht weißt, habe auch ich ein Unternehmen, dessen Hauptsitz sich in Boston befindet, außerdem das schöne alte Haus meiner Familie. Vielleicht möchte ich einfach nicht im Mittleren Westen arbeiten?“

Sie runzelte die Stirn und kräuselte auf ihre typische niedliche Art die Nase. „Wirklich? Das ist der Grund?“

Nein, natürlich nicht. Er liebte Chicago und hatte eine Weile tatsächlich erwogen, dort zu expandieren. Doch er wollte seine Frau so kurz nach ihren schlimmen Erlebnissen nicht allein lassen. Insofern stimmten die Gerüchte zumindest teilweise. Den O’Ryans waren ihre Familie und auch ihr Name wichtig. Die Ehefrau zu diesem Zeitpunkt – unmittelbar nach der Hochzeit – allein zu lassen – das hätte noch mehr Gerüchte verursacht als die Trennung von Elise.

„Ich will damit sagen, dass es oft mehr als nur einen Grund gibt, etwas zu tun oder zu lassen“, wich er ihrer Frage aus. „Und ich möchte nicht, dass du dir Gedanken machst. Ich werde mich darum kümmern.“

Plötzlich stand sie auf und kam einen Schritt auf ihn zu. „Ich möchte dir etwas erzählen. Ich war damals zehn Jahre alt und du sechs. Wir kannten uns noch nicht, aber wie jeder hier in der Gegend wusste ich, wer du bist. Einmal bin ich zusammen mit meinem Vater an diesem Haus vorbeigekommen, und wir konnten dich durch die Hecke hindurch im Garten herumlaufen sehen. Mein Vater erklärte mir, warum ein O’Ryan im Sommer nicht barfuß gehen durfte wie wir anderen Kinder. Du hattest einen so sehnsüchtigen Gesichtsausdruck, dass ich Mitleid mit dir hatte, weil mir nicht klar war, dass wir in ganz verschiedenen Welten lebten. Gerade eben habe ich ganz kurz einen ähnlichen Ausdruck in deinen Augen gesehen. Die Gerüchte stimmen also: Du würdest gern in Chicago Fuß fassen, fühlst dich aber für mich verantwortlich. Aber damit ist jetzt Schluss. Ich möchte nämlich unsere Ehe beenden, Dell.“

Er hatte gerade ihre Argumente widerlegen wollen, da überrumpelte ihn ihr letzter Satz. Es war, als hätte ihm plötzlich jemand einen schmerzhaften Schlag gegen die Brust versetzt. Er blinzelte. „Wie bitte? Warum?“

Ihr Lächeln war ebenso traurig wie ihre Augen. „Wir haben aus den falschen Gründen geheiratet, die uns vor einem Jahr vielleicht wichtig erschienen. Du wolltest mich beschützen, und ich …“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich war orientierungslos und voller Angst, es war so leicht, einfach ‚Ja‘ zu sagen und sich beschützen zu lassen. Ich bin dir sehr dankbar und weiß wirklich zu schätzen, was du für mich getan und aufgegeben hast. Aber jetzt fühle ich mich nicht mehr orientierungslos, und ich bin im Grunde auch keine Frau, die sich beschützen lässt. Uns verbindet nichts, Dell.“

„Doch. Uns verbindet, dass wir miteinander verheiratet sind.“ Eigentlich wusste er selbst nicht, warum er ihr widersprach. Schließlich waren sie beide in der Tat ganz unterschiedliche Menschen.

Regina lachte ein sanftes, sehr hübsches Lachen. „Du weißt so gut wie ich, dass das nicht ausreicht. Deine Familie ist seit vielen Generationen sehr angesehen und wohlhabend, ihr haltet euch an die Regeln und verhaltet euch korrekt. Ich dagegen bin gesellschaftlich ein Niemand, ich bin wild, impulsiv und chaotisch, das war ich schon immer.“

Als er etwas entgegnen wollte, hob sie abwehrend die Hand. „Du brauchst mich nicht vor mir selbst in Schutz zu nehmen. Ich bin froh darüber, endlich meine Kreativität und meine Unberechenbarkeit akzeptieren zu können. Aber in deine Welt passe ich einfach nicht. Auch wenn ich vier Jahre älter bin: Du warst immer sehr erwachsen, während ich immer … immer ich sein werde.“

„Aber daran ist doch nichts Falsches.“

„Das stimmt. Nur bin ich eben nicht die Richtige für dich, und …“

„Und ich bin nicht der Richtige für dich“, führte er ihren Satz zu Ende.

Auf Reginas Gesicht spiegelte sich Bestürzung. „So meinte ich das nicht. Ich bin nicht auf der Suche nach einer romantischen Liebe. Du kommst meinem Liebesleben nicht in die Quere.“

„Also nur deinem Leben allgemein?“

„Nein!“, erwiderte sie ein wenig zu heftig.

„Das glaube ich dir nicht. Es macht bestimmt keinen Spaß, eine O’Ryan sein zu müssen, wenn man es nicht gewohnt ist.“

Sie senkte den Blick auf die Zeitschrift, die sie noch immer in der Hand hielt. „Diese Leute urteilen über dich, und ich schade deinem Ansehen.“

„Wenn ich mir darüber keine Sorgen mache, Regina, solltest du es ebenso wenig tun.“ Er mochte ihr keine Vorwürfe machen, denn schließlich hatte es gute Gründe dafür gegeben, dass sie sich nicht an seiner Seite gezeigt hatte.

Ein schmerzlicher Ausdruck trat in ihre Augen. „Jeden Tag kommen Frauen zu uns ins Geschäft, die glücklich sind und heiraten wollen, weil sie sich das mehr als alles andere wünschen. So sollte es sein. Aber bei uns liegen die Dinge anders, Dell. Gib es zu. Es funktioniert einfach nicht: Wir sind kein richtiges Paar, wir berühren uns nicht einmal.“

Den letzten Satz sagte sie ganz leise, und plötzlich verspürte Dell ein Kribbeln.

„Das könnten wir aber“, erwiderte er, obwohl er sie nur ein einziges Mal umarmt hatte – vor ihrer Hochzeitsnacht. An jenem Abend hatte sie geweint: lautlose Schluchzer, die sie zu unterdrücken versucht hatte. Danach hatte er sie nie wieder berührt und sich darauf konzentriert, die Rolle des Versorgers und Beschützers zu spielen. Er war gewillt gewesen, sich in Geduld zu üben.

„Nein“, sagte sie jetzt leise. „Das wäre unehrlich und würde nicht funktionieren.“

Offenbar hatte sie alles genau durchdacht. „Und woher willst du wissen, dass unsere Ehe nicht funktionieren wird?“

„Weil sie es bisher nicht getan hat“, erwiderte sie.

Während er nach einer Antwort suchte, musste er ihr im Stillen in einem Punkt recht geben: Nachdem er Regina geheiratet hatte und der Skandal abgewendet worden war, hatte er seine Verantwortung beiseitegeschoben, als wäre seine Pflicht damit erledigt. Die Ehe machte sie beide nicht glücklich, und dennoch …

„Eigentlich haben wir es noch gar nicht richtig versucht, stimmt’s?“, sagte er. „Du wurdest gefragt, warum man uns nie zusammen gesehen hat. Eine berechtigte Frage – bisher besteht unsere Ehe ausschließlich auf dem Papier.“

„Dafür gibt es gute Gründe“, wandte sie ein. „Du warst praktisch gezwungen, mich zu heiraten.“

„Nein, ich habe mich dafür entschieden“, entgegnete er zwar, wusste jedoch tief im Innern, dass er nicht die Wahrheit sagte, zumindest nicht die ganze Wahrheit. Er hatte eine ganze Reihe von Gründen dafür gehabt, Regina zu heiraten, von denen Gewissensbisse, Pflicht- und Ehrgefühl sowie die Notwendigkeit, den Namen seiner Familie – und Regina – zu schützen, gewiss die wichtigsten gewesen waren. Aber hatte er sie auch wirklich beschützt? Hatte er überhaupt in einer Frage, die sie betraf, irgendetwas richtig gemacht?

Doch, etwas gab es vielleicht. Nachdem sie ihm an jenem Tag seine Post vorbeigebracht hatte, waren sie entfernte Bekannte geworden. Regina unterschied sich sehr von den Frauen, mit denen er sonst privat zu tun gehabt hatte oder ins Bett gegangen war, und sie unterschied sich auch sehr von den Frauen, die ihm eventuell den nächsten O’Ryan-Erben schenken würden. Dennoch hatte Regina ihm mit ihrer warmen, erfrischenden Art gefallen. Vielleicht hätten sie sich auch angefreundet, wenn er nicht diese falsche, überstürzte Entscheidung getroffen hätte, die ihre ganze Welt auf den Kopf gestellt und letztlich dazu geführt hatte, dass sie nun Mann und Frau waren.

Und nun steuerten sie erneut auf eine übereilte, unbesonnene Entscheidung zu. Dabei war er alles andere als ein unbesonnener Mensch. Unbesonnenheit war meist die Folge eines Gefühlschaos, und er hatte viele Male erlebt und gesehen, wie emotionale Fehlentscheidungen ein Leben zerstören konnten. Eile und Leichtsinn führten zum Misserfolg, und Dell mochte keine Misserfolge.

„Ich habe mich dafür entschieden, dich zu heiraten“, sagte er noch einmal. „Aber ich war dir bisher ein ziemlich miserabler Ehemann. Bevor wir diese Ehe aufgeben, sollten wir uns wenigstens die Chance geben, die Dinge zum Guten zu wenden.“

Regina atmete tief ein. Sichtlich aufgewühlt ging sie ein paar Schritte auf und ab, er folgte ihren Bewegungen, so als wollte er sie einfangen, und als sie sich plötzlich umwandte, war er ihr näher, als er es seit der katastrophalen Hochzeitsnacht gewesen war. Er atmete den zarten, sommerlichen Duft nach Geißblatt ein, der sie umgab, und fühlte sich zu ihr hingezogen. Doch sofort riss er sich zusammen.

„Du liebst mich nicht“, stellte sie sachlich fest. „Elise …“

„Nein“, erwiderte Dell. „Ich liebe dich nicht, aber ich liebe auch Elise nicht. Liebe ist mir nicht wichtig und wäre für mich nie ausschlaggebend für eine Heirat gewesen. Du hast eben selbst gesagt, dass du dich nicht nach Liebe sehnst. Ich finde, wir sollten noch einmal von vorn anfangen. Warum sollten wir nicht unsere Ehe fortführen, wo wir nun schon einmal verheiratet sind?“

„Weil ich nicht das Zeug zu einer O’Ryan habe.“

„Zu spät. Du bist bereits eine.“

Sie schnitt ein Gesicht, was so hinreißend aussah, dass er sich beherrschen musste, um sich nicht näher zu ihr zu beugen.

„Dell, es war kein besonders gutes Jahr für mich, aber so langsam finde ich – endlich – meine Unabhängigkeit und mein Gleichgewicht wieder. Bitte hilf mir, ich versuche, das Richtige zu tun.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, du willst mir einen Gefallen tun, indem du mich freigibst. Aber eine Trennung wäre die falsche Entscheidung, solange wir es nicht einmal richtig versucht haben. Wir sind verheiratet, Regina, auch wenn wir nicht den Weg in die Ehe genommen haben, den deine Kunden meist gehen. Zumindest sollten wir uns einen echten ‚Probelauf‘ zugestehen, bevor wir beschließen, uns scheiden zu lassen. Schließlich besteht durchaus die Möglichkeit, dass das Ganze ein Erfolg wird. Und wir könnten uns zudem eine Menge Ärger und die Sorte öffentlicher Aufmerksamkeit ersparen, welche den Leuten zuteil wird, die sich zu schnell nach der Hochzeit wieder scheiden lassen. Leuchtet dir das nicht ein?“

Sie wirkte nicht sonderlich glücklich, trotzdem nickte sie. „Ja, wahrscheinlich hast du recht. Wie lang soll diese Probezeit denn dauern?“

„Wie wäre es mit zwei Monaten? Das ist lang genug, um sich kennenzulernen und ein Paar zu werden.“ „Ich weiß nicht.“ Ihre Zweifel waren keineswegs ausgeräumt. „Mir kommt das Arrangement noch immer unfair dir gegenüber vor.“

Doch ihm gefiel die Vorstellung einer Probezeit zunehmend besser. Die O’Ryans handelten nie impulsiv, und tatsächlich war seine Heirat mit Regina die einzige impulsive Handlung seines Lebens gewesen. Der Misserfolg in dieser Hinsicht bewies nichts anderes, als dass wohlüberlegtes, bedächtiges Vorgehen die beste Strategie darstellte. Monatelang war Regina eine stille Fremde in seinem Haus gewesen, und er hatte ihr Verhalten hingenommen. Inzwischen zeigte die Zeit ihre heilende Wirkung, und langsam schien es ihr besser zu gehen. Aber eigentlich wusste Dell gar nicht, was für ein Mensch seine Frau war. Sollten sie ihre Ehe beenden, dann wollte er wenigstens wissen, von wem er sich scheiden ließ. Es war an der Zeit zu erkunden, was bisher unentdeckt geblieben war.

„Es stimmt, dass wir kein gewöhnliches Paar sind. Ich finde es viel besser, wenn man nicht ineinander verliebt ist. Liebe macht alles nur unnötig kompliziert und führt zu unbedachten Fehlern.“ Er legte ihr einen Finger unters Kinn und fügte hinzu: „Geben wir unserer Ehe eine echte Chance.“

Als sie langsam nickte, spürte er ihre zarte Haut an seinem Finger. Am liebsten hätte er seine Hand an ihre Wange gelegt.

„Wenn du das wirklich möchtest“, flüsterte sie.

Er hatte keine Ahnung, was er wollte, aber wenn er eine Entscheidung traf, dann musste sie logisch begründet sein. Doch als er jetzt zu Regina hinunterblickte, ging ihm sein rationales Denken ein wenig verloren. Sie hatte das Kinn vorgestreckt, sodass sein Finger zu ihrem Hals geglitten war – über seidenweiche Haut, die geradezu dafür gemacht zu sein schien, von einem Mann liebkost zu werden.

„Und wie sollen wir uns in Bezug auf … Berührungen verhalten?“, fragte Regina mit leicht erstickter Stimme. In ihren Augen spiegelte sich echte Besorgnis.

Er räusperte sich. „Damit warten wir erst einmal“, schlug er vor und hoffte, seine Stimme würde einigermaßen gelassen klingen. „Vorerst sollten wir uns Zeit nehmen und Mühe geben, um herauszufinden, ob wir zusammenbleiben wollen.“

„Oder ob wir uns trennen“, fügte sie hinzu.

Ja, vielleicht würden sie ihre Ehe beenden. Aber niemand sollte behaupten können, dass ein O’Ryan Herausforderungen aus dem Weg ging oder eine Ehe aufgab, bevor es an der Zeit war.

Oder eine Braut ungeküsst ließ. Der Gedanke schien aus dem Nichts zu kommen, ebenso wie Reginas wieder erwachte Lebensgeister. Nun, da er sich eingestanden hatte, dass er diese Regina mit ihrer zarten Haut und den sinnlichen roten Lippen attraktiv fand, würde er sich beherrschen müssen. Diesmal würden sie sich richtig verhalten, quasi genau nach Vorschrift. In dieser Situation war es keine gute Idee, in Bezug auf seine Frau irgendwelchen Impulsen nachzugeben. Insbesondere, da keiner von ihnen wusste, ob sie Ende des Jahres noch Mann und Frau sein würden.

Und dennoch konnte er lange, nachdem Regina gegangen war, den Anblick ihres Mundes nicht vergessen.

2. KAPITEL

Am nächsten Tag saß Regina noch spät an ihrem Schreibtisch bei „The Wedding Belles“ und tat so, als ginge sie ihre Termine für die kommende Woche durch. In Wirklichkeit lenkte sie sich ab, um nicht über ihre Zukunft oder die Tatsache nachzudenken, dass es bald Zeit war, nach Hause zu gehen.

Das Gespräch mit Dell hatte sie nervös gemacht. Der große, Respekt einflößende Mann mit dem stets perfekt frisierten kastanienbraunen Haar und den bernsteinfarbenen Augen, deren Ausdruck sie nie richtig zu deuten wusste, war der Inbegriff der Bostoner Elite. Es war einfach absurd, dass ein Mann wie er zu einer Ehe mit einer Katastrophe von Frau gezwungen sein sollte. Sie war eine völlig ungeeignete Partnerin für ihn.

Seine tiefe, vornehme Stimme brachte ihre Atmung und ihre Konzentration völlig durcheinander, sodass sie augenblicklich das Gefühl hatte, sinnloses Zeug zu reden.

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