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Küsse, berauschend wie Apfelwein

1. KAPITEL

Herbst 1830, Herefordshire, England

Killian Redbourne konnte mit seinen Küssen den Frauen die Sinne rauben. Vor zwei Wochen hatte er großes Aufsehen erregt, als man eine Mrs Dempsey vor dem Theater bewusstlos in seinen Armen liegend vorfand. Allerdings waren auch Vermutungen laut geworden, die Dame habe alles nur inszeniert. Das Gerücht hatte sich jedenfalls bereits überall verbreitet, als er aus London eintraf.

Rose Janeway war nicht stolz darauf, dass auch sie sich an dem Klatsch beteiligt hatte, aber leider wussten die Menschen in Pembridge-on-the-Wye nicht viel über den Mann, der ihr neuer Earl werden würde. Ihre Neugier war nur zu verständlich, denn niemand hatte Killian Redbourne in den letzten vierzehn Jahren zu Gesicht bekommen. Damals hatte er seinen letzten Streit mit dem Earl von Pembridge gehabt, und niemand hatte erwartet, dass er jemals hierher zurückkehren würde. Schließlich war er nicht selbst der Nachfolger des Earls, sondern lediglich der Cousin des designierten Erben gewesen, und er selbst sollte nur erben, wenn etwas völlig Unwahrscheinliches geschah. Dieser unvorstellbare Fall war jedoch eingetreten, denn der eigentliche Erbe war vor ein paar Monaten ohne einen eigenen Nachfolger gestorben. Der alte Earl hatte sich von diesem Schicksalsschlag nicht mehr erholt.

Mit der Tatsache, dass der unerwünschte Neffe nun sein Nachfolger werden würde, hatte er sich nicht abfinden können. Vor fünf Tagen hatte er sich dem Unausweichlichen ergeben und das Zeitliche gesegnet. Nun standen alle hier im frostigen Oktoberwind an seinem Grab versammelt – Dorfbewohner, Bauern und Rose Janeway –, um ihrem dahingegangenen Lord die letzte Ehre zu erweisen, aber noch größer war für alle der Reiz, den Helden der vielen Gerüchte mit eigenen Augen zu sehen.

Vom Herrenhaus aus hatte sich die Nachricht schnell verbreitet, dass Killian Redbourne und sein Freund Lord Dursley spät in der Nacht angekommen seien. Sie hätten in einer glänzenden schwarzen Kutsche mit breiten Glasfenstern und eleganten Laternen gesessen, die von vier edlen grauen Pferden in Prunkgeschirr gezogen worden sei. Keine Kosten seien gescheut worden. Das musste allerdings anders werden, wenn er sich hier in dieser Gegend niederlassen wollte. Dann sollte er besser seinen Reichtum nicht mehr so zur Schau stellen. Die Ernten der letzten drei Jahre waren dürftig ausgefallen, und nicht nur die Tagelöhner, die auf den Feldern arbeiteten, waren immer ärmer geworden.

Nun stand die Person des allgemeinen Interesses genau gegenüber von Rose auf der anderen Seite des offenen Grabes. Sie beobachtete ihn heimlich über den Rand des Gebetbuches hinweg und dachte bei sich, dass die Gerüchte über ihn offensichtlich nicht einmal allzu übertrieben waren. Ihre eigene Fantasie ging sogar noch weiter. Seit vier Jahren lebte sie ohne einen Mann, und seit einiger Zeit empfand sie immer stärker, dass ihr etwas fehlte. Sie hatte sogar schon überlegt, sich einen Liebhaber zu nehmen, aber es gab keinen geeigneten Kandidaten, also war der Gedanke nur hypothetisch. Allerdings schien Killian Redbourne ihr plötzlich – rein hypothetisch – sehr geeignet zu sein.

Theoretisch hatte er definitiv das Potenzial, eine Frau in Ohnmacht fallen zu lassen. Killian Redbourne war größer als alle anderen hier versammelten Männer und fesselte Roses Aufmerksamkeit mit seinem blendenden Aussehen. Sein Haar war länger, als es sich gehörte, obwohl er es heute respektvoll mit einer dezenten schwarzen Satinschleife zusammengebunden trug, die an die Mode vergangener Zeiten erinnerte. Seine breiten Schultern kamen in dem schweren, offen getragenen Mantel, der auch einen Blick auf seine langen Beine in den anliegenden Reithosen und hohen Stiefeln erlaubte, vorteilhaft zur Geltung. Außerdem konnte man seine schmale Taille und den muskulösen Oberkörper erahnen. Neben der beeindruckenden Figur wirkten Killian Redbournes dunkelbraune, von langen schwarzen Wimpern umrahmte Samtaugen unwiderstehlich auf sie. Rose entdeckte darin plötzlich die Andeutung eines Lachens. Er lachte.

Über sie.

Er hatte sie ertappt.

Nun lächelte er sie langsam und sinnlich an und löste damit als Reaktion ein Gefühl von Wärme tief in ihrem Inneren aus, aber auch frivole Gedanken.

Wie wäre es wohl, einen Mann wie ihn in ihr Bett zu holen und mit ihm die Einsamkeit ihrer Nächte zu lindern? In ihrer Fantasie sah sie ihn vor sich, wie er sich nackt und erregt über sie beugte. Dabei fiel ihm das dunkle Haar ins Gesicht, die Augen funkelten feurig vor Verlangen und sein Körper war von glänzendem Schweiß bedeckt.

Killian Redbourne zwinkerte ihr von der gegenüberliegenden Seite des Grabes aus zu, und es schien ihr, als durchschaue er sie und wisse ganz genau, woran sie gedacht hatte. Rose errötete. Diese Fantasien waren wirklich völlig unpassend für ein Begräbnis. Aber sie betrachtete ihn weiter. Warum auch nicht? Jetzt wegzuschauen wäre doch sinnlos. Dafür war es längst zu spät.

Nicht zum ersten Mal sah ihn eine Frau bewundernd an. Schon seit seinem fünfzehnten Lebensjahr machten ihm Vertreterinnen des zarten Geschlechts schöne Augen, und die Tochter des Schmieds hatte ihn gar hinter einem Heuschober verführt. Seitdem hatten viele Frauen versucht, ihn für sich zu gewinnen.

Heute war er vierunddreißig und hatte ebenso wenig die Absicht, sich einfangen zu lassen wie damals. Mit den Jahren wurde es so etwas wie ein Spiel für ihn. In den vergangenen Monaten war es allerdings riskanter geworden, denn die Frauen verfolgten ihn noch leidenschaftlicher, seitdem sein Anspruch auf den Titel des Earl of Pembridge feststand. Entsprechend war sein Geschick darin gestiegen, seine Gefühle bei diesen Begegnungen aus dem Spiel zu lassen und jeder Verpflichtung aus dem Weg zu gehen.

Killian musterte die begehrenswerte Frau ihm gegenüber und ließ dabei ein leichtes Lächeln um seine Mundwinkel spielen. Er wollte ihr zeigen, dass er sich ihrer bewundernden Blicke bewusst war und sie ebenso erwiderte. Sie war etwas größer als die meisten Frauen, hatte offenbar einen hohen, festen Busen und lange Beine (was ihm besonders gut gefiel). Soweit er es unter der Haube erkennen konnte, schimmerte ihr Haar in einem rotgoldenen Ton. Eine wirklich sehr ansprechende Erscheinung.

Zu seinem Erstaunen und Entzücken wendete sie den Blick aus vergissmeinnichtblauen Augen nicht von ihm ab. Möglicherweise würde sich noch herausstellen, dass diese Reise ins Hinterland von Herefordshire durchaus ihre angenehmen Seiten hatte. Das Begräbnis des Earls hatte ihn von einer verteufelt vergnüglichen Jagdgesellschaft weggeholt, und er war bestrebt, so schnell wie möglich dorthin zurückzukehren. In der Zwischenzeit konnte er aber noch die angenehmen Seiten von Herefordshire genießen.

Sein Reisegefährte Peyton Ramsden, Earl of Dursley, der neben ihm stand, riss ihn aus der Träumerei heraus, indem er ihn unsanft in die Rippen stieß, um ihn daran zu erinnern, dass so ein Verhalten bei einer Trauerfeier unangebracht war. Zumindest in Peytons Augen. Sein Freund musste aber auch nicht so einem schockierend schlechten Ruf gerecht werden.

Im Übrigen war es für Killian unerheblich, was die Bewohner von Pembridge-on-the-Wye von ihm hielten. In Bezug auf ihn hatten sie zweifellos seit Jahren Spekulationen und Gerüchte gehört. Er würde noch die Verlesung des Testaments abwarten, sich mit dem Verwalter beraten, der seit Ewigkeiten das Gut leitete, und ihm Instruktionen erteilen. Dann würde er ihm seine Kontaktadresse hinterlassen und in höchstens zwei Tagen auf dem Rückweg sein, ungeachtet der hübschen Frau auf der anderen Seite des Grabes. Trotzdem waren zwei Tage eine lange Zeit, wenn man allein war und Killian Redbourne hieß.

2. KAPITEL

„Ich, Rutherford Michael Redbourne, Fünfter Earl of Pembridge, am heutigen Tage, dem fünften September des Jahres Achtzehnhundertdreißig, bei vollem Verstand und körper­licher Gesundheit, hinterlasse hiermit meinem Neffen und Erben Killian Christopher Redbourne meinen irdischen Besitz mit allen Rechten und Pflichten …“

Killian trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den kleinen Tisch neben seinem Stuhl. Er befand sich im privaten Arbeitszimmer von Pembridge Hall, seit fünf Generationen der Wohnsitz des Earl of Pembridge. Aus Gründen der Zweckmäßigkeit hatte er den Anwalt gebeten, das Testament sofort im Anschluss an die Beerdigung zu eröffnen. Je früher alles unterzeichnet und der Titel offiziell übertragen war, desto besser. Sein Onkel hatte ihn nie gemocht und er ihn umgekehrt ebenso wenig. Es gab also keinen Grund, Trauer vorzutäuschen und die Angelegenheit zu verzögern.

Er besaß keinen eigenen Titel, denn sein Vater war ein zweiter Sohn, dennoch hatte Killian den Titel und Pembridge nie für sich selbst begehrt. Er hatte sich auch nie gewünscht, mit seinem Cousin Robert zu tauschen, der in der Gewissheit aufgewachsen war, irgendwann eine hohe gesellschaftliche Stellung zu bekleiden. Killian war stolz darauf, seinen eigenen Weg gegangen zu sein, obwohl ihm seine Herkunft natürlich dabei geholfen hatte, einen guten Posten zu finden. Jetzt würde ihm seine Erbschaft auch noch einen gesicherten Platz in der Gesellschaft einbringen. Mit vierunddreißig Jahren war er nun ein Earl, ob er wollte oder nicht. Hätte sein Onkel die Wahl gehabt, wäre er es nicht geworden. Es war makaber sich vorzustellen, wie sein Onkel sich im Grabe herumdrehte bei dem Gedanken, dass sein missratener Neffe seinen Titel mit allem Drum und Dran erbte.

Der Anwalt beendete die Testamentsverlesung, und Killian schaute auf. „War das alles? Sind Sie fertig?“, fragte er. Der Anwalt sah ihn mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck über den Rand seiner Drahtbrille hinweg an. Er schien eine andere Reaktion von ihm zu erwarten. Killian hatte allerdings nicht mit voller Aufmerksamkeit zugehört, sondern stattdessen über seinen Onkel nachgedacht, aber auch über die wunderschöne Frau am Grab. Alles, was er mitbekommen hatte, war so, wie er es von einem Testament erwartete: eine Aufzählung der Erbstücke, aber auch eine Darlegung von ausstehenden Verbindlichkeiten.

Der Mann hüstelte. „Mr Redbourne“, begann er, verbesserte sich aber gleich wieder. „Lord Pembridge, ich sagte, das Anwesen verfügt über keinerlei Geldmittel mehr.“

Jetzt hörte Killian plötzlich mit voller, ungeteilter Aufmerksamkeit zu. Fragend zog er eine Augenbraue hoch. „Wie bitte?“

„Das Anwesen ist bankrott.“

Killian lehnte sich im Stuhl zurück und versuchte, das Gehörte zu verarbeiten. So etwas hatte er überhaupt nicht erwartet, und kein Geschäftsmann hörte so etwas gern. Er hatte keine Ahnung gehabt. Früher, während der unregelmäßigen Besuche in seiner Jugend, war es auf dem Anwesen immer lebhaft und geschäftig zugegangen, und das Gut hatte einen finanziell gesicherten Eindruck gemacht. Ihm war nie in den Sinn gekommen, daran könne sich etwas geändert haben. „Wie ist das möglich?“

Der Anwalt legte die Fingerspitzen aneinander und sprach im Ton eines gelangweilten Lehrers, der zum wiederholten Male einem unaufmerksamen Schüler etwas erklären muss. „In den letzten Jahren waren die Ernten schlecht, und es gibt nicht genug Arbeit für die Menschen hier. Die Einkünfte der Pächter sind stark zurückgegangen, aber gleichzeitig erhöhten sich die Mietpreise. Viele Arbeiter sind von den Höfen verdrängt worden, und die meisten können sich nun nicht mehr leisten, auf den größeren Farmen zu wohnen. Zusätzlich hat Ihr Onkel viel Geld in landwirtschaftliche Maschinen investiert, wodurch noch mehr Arbeiter überflüssig wurden. Es gibt einfach nicht mehr genug Mieteinnahmen, um dem Anwesen mehr als das absolute Minimum einzubringen. Sie haben in London doch sicher auch etwas von den ökonomischen Veränderungen bemerkt?“ Der letzte Satz klang ziemlich herablassend. Killian war es allerdings gleichgültig, dass der Anwalt offenbar glaubte, der neue Earl vergeude seine Zeit bei einem ausschweifenden Stadtleben. In Wirklichkeit sahen seine Arbeitstage ganz anders aus. Fast jeden Morgen war er früh auf den Beinen und arbeitete bis zum späten Abend, weil er eine Schifffahrtsgesellschaft leitete. Der Jagdausflug war eine seltene Ausnahme von der Hektik seiner Arbeit gewesen.

Killian musterte den Anwalt mit festem Blick.

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