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Küss niemals einen Herzensbrecher

Dieses Buch ist meiner Familie gewidmet – mit Dank für alle Liebe und Unterstützung. Und meiner Lektorin Erin Molta, die mich mehr als einmal gerettet hat.

Eins

Haley

Ich bog auf den Parkplatz der Greenbrier Highschool ein, mit nur einem Ziel vor Augen: Ich musste mir irgendetwas einfallen lassen, das meine Brüder davon abhielt, jeden Jungen zu verscheuchen, der sich auch nur ansatzweise für mich interessierte. Ihnen zu sagen, dass sie sich gefälligst um ihren eigenen Kram kümmern sollten, hatte nichts gebracht. Was ich brauchte, war jemand, der sich von meinen Brüdern nicht einschüchtern ließ. Jemand, der selbstbewusst genug war, um sich gegen sie zu behaupten. Inzwischen war es mir sogar egal, ob ich den Jungen überhaupt mochte – Hauptsache, er demonstrierte öffentlich, dass man sich gefahrlos mit mir verabreden konnte. Vielleicht sollte ich eine Anzeige ins Internet stellen: Einserschülerin sucht selbstsicheren jungen Mann für Scheinbeziehung. Konditionen verhandelbar.

Aber das würde wahrscheinlich nur irgendwelche Spinner auf den Plan rufen, und so verzweifelt war ich nun auch wieder nicht … jedenfalls noch nicht.

Ich war kaum aus meinem gelben VW Käfer ausgestiegen, als meine beste Freundin Jane auf mich zustürzte.

»Sag mir, dass es stimmt«, drängte sie.

»Was meinst du?«

Sie hüpfte in ihren braunen, mit Plüsch gefütterten Ugg Boots auf und ab. »Alle reden darüber, Haley. Es ist so aufregend!«

Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter, damit sie stehen blieb. Ihr beim Herumhüpfen zuzusehen, nachdem ich auf dem Weg zur Schule einen Donut mit Schokoglasur gegessen hatte, war definitiv keine gute Idee. Beim Karussellfahren wurde mir auch immer übel. »Alle reden worüber?«

»Bryce Colton erzählt überall rum, dass er dich Freitag nach dem Lagerfeuer abgeschleppt hat.«

»Was?« Alle Leute auf dem Parkplatz drehten sich um und starrten mich an. Okay, vielleicht hatte ich das ein bisschen zu laut gesagt. Ich hakte mich bei Jane ein und dirigierte sie zum Rand des Parkplatzes. »Ich war mit dir zusammen beim Lagerfeuer. Hast du etwa gesehen, dass ich mit Bryce Colton rumgemacht habe?«

Sie verzog das Gesicht und kickte einen Stein aus dem Weg. »Ich dachte, du wärst vielleicht noch mal zurückgefahren, nachdem du mich zu Hause abgesetzt hast.«

»Warum klingst du so traurig?«

»Es wäre irgendwie nett, wenn wenigstens eine von uns ein Sexleben hätte.«

Ich prustete laut los. Das ist einer der Gründe, warum Jane meine beste Freundin ist. Man weiß nie, was sie als Nächstes sagt.

»Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen. Mein Leben ist genauso langweilig wie immer.«

Sie nahm Kurs auf den Haupteingang des Schulgebäudes. »Das stimmt nicht. Du bist das Gesprächsthema der ganzen Schule!«

Erst jetzt fiel mir auf, dass meine Mitschüler miteinander tuschelten und mir verstohlene Blicke zuwarfen. »Oh mein Gott. Wenn meine Brüder das mitbekommen …«

Jane fing an zu rennen und zog mich hinter sich her.

Meinen Rucksack fest umklammert, versuchte ich, bei ihrem Tempo mitzuhalten. »Was ist denn los?«

»Wir müssen Bryce finden, bevor deine Brüder ihn noch umbringen.«

Warum lag ihr auf einmal so viel an Bryce’ Sicherheit? Und überhaupt – warum sollte er so ein Gerücht über mich und ihn in die Welt setzen? Bryce war ein umwerfend gut aussehender, beliebter Sonnyboy aus gutem Hause. Jeder wusste, dass er seit seinem ersten Jahr an der Highschool regelmäßig ein Wohltätigkeits-Golfturnier zugunsten der Krebsforschung organisierte.

Während Jane mich an den Matheräumen vorbeizerrte, stellte ich mir vor, dass Bryce diese Story verbreitet haben könnte, weil er sich Hals über Kopf in mich verliebt hatte.

Klar. Träum weiter. Seit meinem zweiten Jahr auf der Highschool schmachtete ich ihn heimlich an, so wie jedes weibliche Wesen in einem Umkreis von fünfzig Meilen. Das hätte ich natürlich nie zugegeben.

Bryce und ich hatten überhaupt keine Gemeinsamkeiten. Er war ein Jahr älter, und wir bewegten uns in völlig unterschiedlichen Kreisen. Ich fachsimpelte mit den anderen Strebern, während er mit den reichen Sportskanonen abhing, die sich vor allem für Golf und Tennis interessierten. Er lebte in einer dieser neuen, protzigen Angebervillen in der Nähe des Country Clubs. Meinem Vater gehörte das Gartenbauunternehmen, das den Rasen des Country Clubs mähte. Kurz gesagt, Bryce lebte in einer völlig anderen Welt als eine einfache Sterbliche wie ich.

Eigentlich hätte ich mich über dieses Gerücht furchtbar aufregen müssen, denn so wie es aussah, würde bald jemand meinen Namen und meine Telefonnummer an die Wand der Jungentoilette kritzeln. Mein Ruf – nicht dass ich einen nennenswerten gehabt hätte – stand auf dem Spiel. Doch so jämmerlich es auch klingen mochte: Dank der ständigen Einmischung meiner Brüder in mein Privatleben war dies der aufregendste Moment meines ganzen Schuljahrs.

Wir drosselten unser Tempo, als wir um die Ecke zu den Bio-Klassenzimmern bogen. In einem frisch gebügelten weißen Hemd und Kakihosen stand Bryce lässig vor seinem Spind. In meinen verwaschenen Levi’s und dem schwarzen Sweatshirt mit der Aufschrift Talk nerdy to me, das ich heute Morgen angezogen hatte, kam ich mir ziemlich underdressed vor.

Mit seinen blonden Haaren, den breiten Schultern und der leicht gebräunten Haut sah Bryce aus wie ein kalifornisches Unterwäschemodel. Nicht dass ich ihn mir je in Unterwäsche vorgestellt hätte.

Na ja, jedenfalls nicht sehr oft.

Er unterhielt sich gerade mit Nathan, seinem besten Freund. Während Bryce das Vorzeigemodell des blonden, gebräunten Surfertyps mit Haselnussaugen war, hatte Nathan einen eher hellen Teint und dunkle Haare und Augen. Sie sahen aus wie die beiden Seiten einer Münze. Einer echt heißen, aber völlig unerreichbaren Münze, die ein Sammler in einem besonders gut gesicherten Safe aufbewahren würde, dem sich normale Mädchen wie ich nicht mal nähern durften.

Bryce blickte auf, als wir vor ihm stehen blieben. Wahrscheinlich nahm er mich in diesem Moment zum ersten Mal bewusst wahr. Ich sah zwar ganz okay aus, aber er verabredete sich normalerweise mit Mädchen, deren Brüste größer waren als mein Kopf.

In der Hoffnung, eher wütend als neugierig auszusehen, stemmte ich die Hände in die Hüften, was meinen Brüdern immer signalisierte, dass ich es ernst meinte. Um dem Ganzen noch etwas mehr Nachdruck zu verleihen, setzte ich einen finsteren Blick auf. »Warum erzählst du überall rum, wir hätten was miteinander gehabt?«

Sein Blick wanderte über meine dunkelblonden schulterlangen Haaren bis zu meinen billigen Turnschuhen und wieder zurück. »Wer bist du?«

»Haley Patterson.«

Er schüttelte den Kopf. »Die Haley von Freitagabend hatte rote Haare.«

»Haley Hoffmann hat rote Haare.« Ich hielt meine Hand gut fünfzehn Zentimeter über meinen Kopf. »So groß und ziemlich viel Make-up?«

»Das ist sie«, bestätigte Bryce. »Sie hat behauptet, sie hieße Haley Patterson.«

Ich drehte mich entsetzt zu Jane um. »Waaaas? Warum sollte sie so was machen?«

Jane scannte Bryce genauso abschätzig von oben bis unten, wie er es bei mir gemacht hatte. »Vielleicht hat sie sich nur mal unters gemeine Volk gemischt und wollte nicht, dass es jemand mitbekommt.«

Ich lachte.

Bryce’ Augen wurden ganz schmal, offenbar hatte er für Janes Humor nicht viel übrig. Er öffnete schon den Mund, um ihr Kontra zu geben, als er plötzlich innehielt und den Flur hinunterstarrte, als würde ein Güterzug auf uns zurasen. Ich folgte seinem Blick und sah Haley Hoffmann auf uns zukommen – Händchen haltend mit einem Typen, der mir vage bekannt vorkam. Ich hatte ihn schon mal mit meinen Brüdern abhängen sehen. Der Begriff »massig« traf es nicht mal ansatzweise. Er hätte locker als Double für einen Profi-Wrestler einspringen können.

Völlig unerwartet griff Bryce nach meiner Hand und zog mich an seine Seite. »Spiel einfach mit. Alles andere klären wir später.«

Lieber Himmel, der heißeste Typ der Schule hatte mich berührt! Es fühlte sich an wie ein Sechser im Lotto. Je nachdem, wie das hier lief, war Bryce möglicherweise die Lösung für all meine Probleme. Wenn er wollte, dass ich ihn deckte, musste er mir bei meinen Brüdern helfen, die sich ständig als Beschützer aufspielten.

Als sie auf gleicher Höhe mit uns waren, zwinkerte die andere Haley mir zu. »Hi, Haley. Denny ist Sonntag von seinem Boxkampf zurückgekommen. Wir sind jetzt wieder zusammen.« Sie hielt mir ihre linke Hand hin. »Schau mal, ist der nicht schön?«

Dieses Wort hätte ich nicht gerade gewählt, um den Silberring mit den roten und pinken Steinchen in Herzform zu beschreiben, aber ihr schien er zu gefallen, also nickte ich. »Sehr hübsch.«

»Weißt du was?« Sie lachte. »Irgendjemand hat Denny gesagt, ich hätte am Freitag nach dem Lagerfeuer mit Bryce rumgeknutscht. Ist das nicht lächerlich?«

Denny kam noch näher, bis er direkt vor Bryce stand. »Warum sagen die Leute, sie hätten dich mit meiner Freundin gesehen?«

Genau genommen waren Denny und die andere Haley zu dem Zeitpunkt gar kein Paar gewesen, aber es war wohl unklug, das in dieser Situation zu erwähnen. Denny wirkte nicht gerade wie jemand, der sich für solche lächerlichen kleinen Details interessierte.

Bryce blieb cool und lachte leise. »Sehe ich aus, als wäre ich so dumm?«

»Wir haben denselben Vornamen«, schaltete ich mich ein.

Denny starrte mich aus zusammengekniffenen Augen an.

Als er darüber nachdachte, wer ich war, konnte man förmlich sehen, wie ein kleiner Hamster in sein Rad hüpfte und loslief, um den Motor in Dennys Gehirn auf Touren zu bringen. »Du bist doch die kleine Schwester von Charlie und Matt, stimmt’s?«

Ich nickte.

Mit einer ruckartigen Kopfbewegung in Bryce’ Richtung sagte er: »Hast du Freitagnacht mit ihm rumgemacht?«

»Nein.« Obwohl mir die Vorstellung, ich hätte nach dem Legerfeuer wilden Sex mit Bryce gehabt, ein Kribbeln über den Rücken jagte, hatte ich nicht vor, die Leute noch länger im Glauben zu lassen, dass ich mich wirklich auf so etwas einließ. Bryce’ Griff um meine Hand verstärkte sich. Es wurde Zeit, ihm zu zeigen, wie dieses Spiel laufen würde. »Als Bryce sagte, dass er den Abend mit mir verbracht hat, meinte er, dass wir ein Date hatten, nicht, dass zwischen uns etwas gelaufen ist. Dass die Leute immer gleich so übertreiben müssen …«

Bryce umklammerte meine Hand noch fester. Er ließ erst locker, als ich meine Nägel in seine Handfläche grub.

»Deine Brüder werden ihm den Arsch aufreißen«, prophezeite Denny.

Ich hätte jederzeit darauf gewettet, dass Bryce weit und breit der einzige Junge war, den meine Brüder nicht einschüchtern konnten.

Genau in diesem Moment kamen sie um die Ecke: Charlie und Matt, meine älteren zweieiigen Zwillingsbrüder. Es war ein ziemlich beeindruckender Anblick, wie sie nebeneinander durch den Gang liefen und auf uns zukamen. Mit ihren breiten Schultern und stahlharten Muskelbergen wären sie die perfekten Footballspieler gewesen, wenn sie sich auch nur das Geringste aus Mannschaftssport gemacht hätten. Kein Wunder, dass jeder Junge, der jemals Interesse an mir gezeigt hatte, schleunigst das Weite suchte.

Den beiden folgte eine kleine Anhängerschar, die ebenfalls recht angriffslustig wirkte. Denny trat ein Stück beiseite, damit Charlie und Matt freie Bahn hatten. Bevor sie zum ersten Schlag ausholen konnten, sagte ich hastig: »Wir hatten keinen Sex. Wir sind nur zusammen.«

Mit zusammengekniffenen Augen knurrte Charlie: »Der ist mit keiner zusammen. Der schleppt die Mädchen ab und verpisst sich dann.«

Bryce grinste und legte mir den Arm um die Schulter. »Vielleicht mag ich deine Schwester ja.«

Mein Körper war von der Schulter bis zur Hüfte gegen Bryce gepresst. Er roch verdamt gut. Irgendwie herb, wie ein teures Aftershave. Die Hitze, die durch seine Kleidung drang, wärmte meine Haut und ließ mich erröten.

»Haley, sag mir, dass du nicht mit diesem Idioten zusammen bist«, sagte Matt.

»Bis jetzt hat er sich mir gegenüber nicht wie ein Idiot verhalten.« Das hieß aber noch lange nicht, dass ich ihn für einen netten Typen hielt.

Matt verschränkte die Arme vor der Brust. »Und wie seid ihr zusammengekommen?«

Gute Frage. »Na ja … ich hole doch einmal in der Woche die Spenden für das Tierheim aus dem Golf-Shop im Country Club ab. Wir sind ins Gespräch gekommen, und … na ja, eins führte halt zum anderen.«

Das klang doch gar nicht mal so schlecht.

Matts Anspannung schien sich ein wenig zu lösen.

Charlie rieb sich das Kinn – ein sicheres Zeichen, dass er etwas ausbrütete.

»Die Schülervertretung verkauft seit heute Morgen Karten für den Herbstball. Da wollt ihr doch sicher zusammen hingehen.« Er wandte sich an die Truppe hinter ihm. »Wer von euch hat Karten dabei?«

»Ich.« Ein hochgewachsenes Mädchen kramte in ihrem Rucksack herum und zog schließlich einen Umschlag hervor. Sie reichte meinem Bruder zwei Eintrittskarten, der sie an Bryce weitergab.

Herbstball? Ich sollte mit Bryce Colton zum Herbstball gehen?

Jane fing vor Aufregung wieder mit dem Rumgehüpfe an.

Ohne zu zögern, zückte Bryce sein Portemonnaie und drückte Charlie mehrere Zwanzig-Dollar-Scheine in die Hand. Musste ein gutes Gefühl sein. Ich hatte wahrscheinlich gerade genug Geld in der Tasche, um mir eine Cola und ein Päckchen Kaugummi zu kaufen.

Das Mädchen nahm das Geld, und mein Bruder gab mir die Karten, die ich in meinem Rucksack verstaute. In diesem Moment klingelte es zur ersten Stunde. Matt und Charlie sahen mich bedeutungsvoll an. Ich verdrehte die Augen. »Als ob ich so blöd wäre, ihn mit euch alleine zu lassen.«

Matt schnaubte.

Charlie schüttelte den Kopf. »Das gefällt mir nicht.«

Die Situation war nicht gerade perfekt, aber ich konnte sie zu meinem Vorteil nutzen. Wenn ich so tat, als wären Bryce und ich ein Paar, konnte das die Mauer zum Einsturz bringen, die meine Brüder um mich errichtet hatten und die zuverlässig alle potenziellen Verehrer abschreckte. Aber weil sie es eigentlich nur gut mit mir meinten, machte ich ihnen ein Friedensangebot. »Wenn Bryce mich verarscht, dürft ihr ihn verprügeln. Deal?«

Bryce warf mir einen finsteren Blick zu. Ich strahlte ihn mit meinem unschuldigsten Lächeln an. »Bringst du mich zu meiner Klasse?«

Er zögerte kurz, musterte meine Brüder von Kopf bis Fuß und kam offenbar zu dem Schluss, dass ich das kleinere Übel war. »Klar.«

Bryce legte die Hand auf meinen Rücken, ganz wie ein Gentleman, und führte mich den Flur hinunter. Das hatte noch nie jemand getan. Es machte mich gleichzeitig wütend und glücklich. Einerseits brauchte ich niemanden, der mich durch die Gegend dirigierte. Andererseits wurde ich gerade von Bryce berührt.

Als wir bei meiner Klasse ankamen, verschränkte er die Arme vor der Brust und sagte mit gedämpfter Stimme: »Vielen Dank für deine Hilfe eben, aber wir sind nicht zusammen. Und wir werden auch nicht zum Ball gehen. Heute nach der Schule machen wir Schluss und gehen getrennte Wege.«

Da er die Situation offenbar nicht richtig erfasst hatte, fühlte ich mich verpflichtet, ihn aufzuklären. »Falsch. Du hast dieses dämliche Gerücht in die Welt gesetzt, und wahrscheinlich glaubt die halbe Schule, dass es stimmt. Also wirst du jetzt schön in meiner Nähe bleiben und so tun, als wärst du mein Freund, um alle davon zu überzeugen, dass ich nicht einfach mit irgendwelchen Typen ins Bett steige. Ganz davon abgesehen, dass du gar nicht in dieser Lage wärst, wenn du nicht überall rumposaunt hättest, mit wem du rumgevögelt hast.«

Er zog eine Augenbraue hoch. »Dann bist du also meine Strafe?«

Da hatte ich plötzlich einen Geistesblitz. Ich war vielleicht keine sexy Schönheit, aber ein Dummchen war ich auch nicht. Ich pikste ihm mit dem Finger in die Brust und sagte: »Ich miste zweimal die Woche im Tierheim die Käfige aus. Wenn du nicht eines Tages in deinem glänzenden schwarzen Mustang eine Ladung Hundescheiße finden willst, würde ich vorschlagen, dass du mitspielst.«

»Du willst also, dass ich so tue, als ob ich dein Freund wäre, damit die Leute nicht denken, dass du in der Gegend rumvögelst?«

»Ja, aber es geht noch um etwas anderes. Wenn ich so tue, als seien wir zusammen, rette ich dich vor Denny. Wenn du so tust, als seien wir zusammen, sehen die anderen Jungs, dass man sich trotz meiner Brüder mit mir verabreden kann.«

»Beobachten die beiden uns immer noch?«

Ich nickte.

»Gut.«

Bevor mir klar wurde, warum er gefragt hatte, beugte er sich zu mir herunter und presste seinen Mund auf meinen. Seine Lippen waren weich und warm, und er schmeckte nach Zimtkaugummi. Mein Gehirn stellte augenblicklich jegliche Aktivität ein. Als sich unsere Lippen voneinander lösten, war ich so geschockt, dass ich kein Wort herausbrachte.

»Nachsitzen! Alle beide!«, ertönte hinter mir plötzlich die Stimme meiner Klassenlehrerin. »Die öffentliche Zurschaustellung von Zuneigung wird an dieser Schule nicht toleriert!«

Mein erstes Nachsitzen.

Aber das war es absolut wert.

Ohne auf das Getuschel um mich herum zu achten, betrat ich den Klassenraum und ließ den Morgen noch einmal Revue passieren. Haley Hoffmann hatte meinen Namen benutzt, um ihr nächtliches Techtelmechtel mit Bryce zu vertuschen, bevor sie von ihrem Boxer-Freund feierlich einen Freundschaftsring überreicht bekommen hatte. Bryce hatte die Lüge nicht aufgedeckt, um einer Abreibung von Denny zu entgehen. Ich hatte die Lüge benutzt, um Bryce dazu zu bringen, meinen Freund zu spielen und dadurch den Schutzwall zu durchbrechen, den meine Brüder um mich herum geschaffen hatten. Bryce hatte mich geküsst, um meine Brüder zu ärgern, und uns damit Nachsitzen eingebrockt.

Eindeutig der beste Montag meines Lebens.

Zwei

Haley

In Geschichte setzte sich Jane an den Tisch hinter mir. »Hey, was war das denn?«

»Er hat mich geküsst, um meine Brüder zu ärgern und mir Nachsitzen einzubrocken.« Ich grinste. »Die letzten beiden Sachen machen mir nichts aus, denn Bryce Colton hat mich geküsst. Heilige Scheiße!«

Jane lachte. »Schon klar, dass das den Rest wieder ausgleicht. Meinst du, du könntest seinen Kumpel Nathan dazu bringen, über mich auch so ein Gerücht zu verbreiten?«

Im Unterricht schrieb ich brav von der Tafel ab und versuchte so zu tun, als würde ich mich für Mr Brimers Vortrag interessieren. Währenddessen dachte ich darüber nach, wie lange ich Bryce wohl dazu bringen musste, meinen Freund zu spielen. Ein paar Wochen sollten eigentlich ausreichen, um alle davon zu überzeugen, dass wir ein Paar waren und nicht nur einen One-Night-Stand gehabt hatten. Und sobald die Fake-Beziehung mit Bryce vorbei war, würden die anderen Jungs wissen, dass man gefahrlos mit mir zusammen sein konnte, auch wenn meine Brüder drohend mit den Knöcheln knackten.

Der Morgen flog an mir vorüber. Als ich in den kleinen Pausen die Klassenräume wechselte, hielt ich Ausschau nach Bryce. Da er schon in der Zwölften war, hatten wir nicht sehr viele Kurse im selben Gebäude. Am Nachmittag gingen Jane und ich quer über das Schulgelände zur Cafeteria. In der frischen Herbstluft wirbelten bunte Blätter über den Boden wie Konfetti auf einer Party.

»Ich hab mein Mittagessen zu Hause vergessen«, jammerte Jane.

»Du kannst die Hälfte von meinem Truthahnsandwich haben.« Wir waren uns beide einig, dass das Essen in der Cafeteria die reinste Körperverletzung war.

»Ist schon okay. Die Makkaroni mit Käse sind gar nicht so übel.«

Kaum hatten wir die Cafeteria betreten, setzte aufgeregtes Getuschel ein. Wahrscheinlich spekulierten alle über meine Beziehung mit Bryce. Die Tatsache, dass sich die Leute über mich das Maul zerrissen, traf mich mit solcher Wucht, dass ich erstarrte. Meine Handflächen wurden schweißnass.

Jane packte mich am Ellbogen und zog mich zu unserem üblichen Tisch. Vereinzelte Buhrufe und ein paar nicht gerade schmeichelhafte Kommentare folgten uns, als wir durch die Tischreihen gingen. Na super. Bis heute Morgen hatte niemand je von mir Notiz genommen, aber jetzt, wo Bryce mich ins Rampenlicht gerzerrt hatte, musste plötzlich jeder einen Kommentar abgeben.

Nachdem sie ihren Rucksack abgestellt hatte, sagte Jane: »Ignorier die Idioten einfach. Ich bin gleich zurück.«

Ich packte mein Mittagessen aus und biss in mein Sandwich, während ich so tat, als würde ich meine Notizen aus Geschichte durchgehen. Als sich jemand auf den Stuhl neben mir fallen ließ, stellte ich mit einem kurzen Seitenblick fest, dass es sich um Bryce handelte, der mich stirnrunzelnd ansah.

»Wir müssen reden.« Er stieß einen übertriebenen Seufzer aus.

»Okay.« Ich riss meine Chipstüte auf.

»Es tut mir leid, aber es gibt da eine andere.«

Er wollte hier in der Cafeteria mit mir Schluss machen? Das konnte er sich abschminken. Ich lehnte mich zu ihm hinüber und berührte mit einer vertraulichen Geste seinen Arm. »Falls du vorhast, mich in aller Öffentlichkeit abzuservieren, dann vergiss es.«

Seine braunen Augen blitzten amüsiert auf. »Glaubst du etwa, du kannst mich davon abhalten?«

»Ja, allerdings. Ich bin sicher, dass du so viel Anstand hast, weil ich kein Mädchen für ’ne schnelle Nummer bin – nur dass mich deinetwegen die ganze Schule dafür hält.«

Er schnappte sich einen von meinen Chips. »Triffst du dich überhaupt mal mit Jungs?«

Autsch. »Das ist ziemlich schwer, wenn man zwei ältere Brüder hat, die jeden verjagen, der mir zu nahe kommt. Und genau deshalb brauche ich dich, damit das endlich mal ein Ende hat.«

»Echt ätzend für dich.« Er mopste sich noch einen Chip.

»Wenn du nicht mitspielst, ziehe ich Plan B durch.«

Er runzelte die Brauen. »Und der wäre? Mich an Denny zu verpfeifen?«

»Genau. Wenn er dich grün und blau geschlagen hat, werden die Leute schon kapieren, dass du mit seiner Haley geschlafen hast, und nicht mit mir. Meinst du nicht, es wäre weniger schmerzhaft, wenn du nach meinen Regeln spielst? Dann hätten wir beide etwas davon.«

Jane kam zurück und plumpste auf ihren Stuhl. »Na, hab ich was verpasst?«

»Bryce wollte gerade in aller Öffentlichkeit mit mir Schluss machen. Ich habe ihm zwei Optionen zur Auswahl gegeben.«

»Beziehung mir dir oder von Denny vermöbelt werden?«, riet sie.

»Exakt.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Und wofür entscheidest du dich?«

»Ich tue eine Woche lang so, als ob ich dein Freund wäre, und dafür hältst du den Mund.«

»Zwei Monate«, kam es prompt von Jane.

Bryce griff noch einmal in die Chipstüte. »Eine Woche, und du kannst die Karten für den Herbstball behalten.«

»Fünf Wochen, und du bekommst die Karten«, konterte ich.

»Zwei Wochen«, sagte er. »Die Karten will ich gar nicht.«

»Vier Wochen.« Als Bryce erneut nach den Chips greifen wollte, schlug ich seine Hand weg.

Er sah mich verblüfft an, dann lachte er. »Normalerweise machen Freundinnen so was aber nicht.«

Ich zog die Chipstüte aus seiner Reichweite. »Normalerweise brockt einem der Freund auch kein Nachsitzen ein.«

Er grinste anzüglich. »Schien dir in dem Moment aber nicht wirklich was auszumachen.«

Mein Gesicht wurde unerträglich heiß. »Egal. Ich verlange vier Wochen, die Karten für den Herbstball und ein Date gemeinsam mit Jane und Nathan.«

»Oh, danke!« Jane hüpfte auf ihrem Stuhl auf und ab.

Ich lächelte Bryce an. »Eigentlich sollte das selbstverständlich sein, aber ich erwarte, dass du als mein Freund treu bist. Und wir werden uns am Ende so trennen, dass keiner von uns als der Schuldige dasteht.«

Er lehnte sich zurück und dachte einen Moment nach.

»Drei Wochen«, sagte er dann. »Du behältst die Karten, bekommst dein Doppel-Date und eine unproblematische Trennung. Abgemacht?«

»Abgemacht.« Am liebsten wäre ich ihm vor Freude um den Hals gefallen, nippte aber stattdessen voll lässig an meiner Apfelschorle.

Bryce schob seinen Stuhl zurück, schnappte sich meine Chipstüte und ging dann quer durch die Cafeteria zu seinem üblichen Sitzplatz. Als ich sah, wie Nathan die Kinnlade herunterfiel, wusste ich, dass Bryce ihm von dem Doppel-Date erzählt hatte.

Nathan starrte entgeistert zu uns herüber. Jane lächelte ihm zu und winkte schüchtern. Er schüttelte einfach nur den Kopf. Dann drehte er sich weg und redete wütend auf Bryce ein.

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Bryce

»Was zur Hölle habe ich mit der ganzen Sache zu tun?«, fragte Nathan.

»Geteiltes Leid ist halbes Leid.« Ich quetschte den Inhalt eines Tütchens Ketchup auf meinen Burger.

Nathan musterte Jane über seine Coladose hinweg. »Bei diesem Date wirst aber du bezahlen.«

»Schon klar.« Ich verdrehte die Augen. Nathans Familie schwamm im Geld, er wollte mich also einfach nur dafür bestrafen. »So hässlich ist sie nun auch wieder nicht.«

»Nein. Sie ist süß. Das ist viel schlimmer.«

Die Logik meines besten Freundes war vielleicht manchmal nicht so leicht zu verstehen, aber dafür immer unterhaltsam. »Und weiter?«

»Sieh sie dir doch an.« Er deutete in Janes Richtung. »Kein Make-up. Pferdeschwanz. Nicht gerade mein Beuteschema, oder?«

»Wenigstens zeigt sie ein bisschen Haut.« Der Rock, den sie zu ihren Stiefeln trug, war ziemlich kurz.

Das schien Nathan ein wenig aufzuheitern. »Stimmt«, sagte er. »Aber deine angebliche neue Freundin ist von Kopf bis Fuß verhüllt.«

Mit den schulterlangen dunkelblonden Haaren und den blauen Augen sah Haley aus wie das nette Mädchen von nebenan. Die Kombination von Sweatshirt, Jeans und Turnschuhen steigerte ihre Anziehungskraft auch nicht gerade. »Vielleicht zieht sie sich wegen ihrer Brüder so an.«

Nathan schnaubte abfällig. »Wahrscheinlich trägt sie auch Omaschlüpfer. Aber das wirst du wohl nicht herausfinden.«

Das klang schon fast wie eine Herausforderung. In Anbetracht ihrer Bodyguard-Brüder war ich mir nicht sicher, ob es die Sache wert war, und zuckte nur mit den Achseln. »Traurig, aber wahr.«

»Das werden drei verdammt lange Wochen.« Nathan grinste und genoss mein Unglück sichtlich.

»Kann man wohl sagen.« Ich verdrückte die letzten Chips, die ich Haley abgenommen hatte, strich die Packung glatt und faltete sie in der Mitte.

Hätte ich gewusst, dass die andere Haley in einer On-Off-Beziehung mit einem Anabolika-Monster steckte, hätte ich sie nie im Leben angefasst. Nicht dass ich Angst vor Denny hatte, aber es war wohl nicht besonders clever, einen Typen zu provozieren, der aus Spaß Leute zu Brei schlug, bis sie bewusstlos waren. Und wenn meinem Vater zu Ohren kam, dass ich mich geprügelt hatte, würde er mir zu Hause die Hölle heiß machen. Das einzig Positive an dieser erpressten Beziehung war, dass sie mir meine Exfreundin Brittney vom Hals halten würde. In drei Wochen hatte sie bestimmt längst jemand anderen, und ich war aus dem Schneider.

Ich beobachtete Jane und Haley, die noch immer an ihrem Tisch saßen. Jane wedelte mit den Händen durch die Luft und schnitt alberne Grimassen, während sie irgendetwas erzählte. Haley schnaubte vor Lachen wie ein Pferd.

»Stell dir mal vor, was dein Vater sagen würde, wenn du dich in aller Öffentlichkeit so benehmen würdest«, sagte Nathan.

Seitdem ich alt genug war, um zu sprechen, hatte mein Vater mir regelmäßig seinen Alles-was-du-tust-fällt-auf-die-gesamte-Familie-zurück-Vortrag gehalten. Mit sieben konnte ich ihn auswendig aufsagen. »Beim Lachen zu schnauben, ist Punkt zwölf auf der Liste unangemessenen Verhaltens.« Ich schüttelte den Kopf. »Hast du dich schon mal gefragt, wie es wäre, wenn du einfach mal tun könntest, was du willst, ohne dir ständig Gedanken machen zu müssen, was andere davon halten?«

»Nein.« Nathan fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Ich hab damit kein Problem.«

Nathan würde niemals zugeben, dass er sich von seiner Familie unter Druck gesetzt fühlte. Bei ihm zu Hause war immer alles perfekt, und das offenbar völlig mühelos. Bei uns zu Hause versuchten Mutter und ich meinem Vater zuliebe den Schein zu wahren. Das war manchmal ganz schön anstrengend.

»Hast du Lust, nach der Schule mit zum Golfübungsplatz zu kommen?«, fragte Nathan.

»Ich kann nicht. Ich gebe Mike Sway Golfstunden.«

»Ist das nicht der Typ aus der Neunten, der im Rollstuhl sitzt?«

»Ja. Er hat extra für ihn angefertigte Golfschläger. Die sind ziemlich cool.«

Nathan deutete quer durch den Raum zu Haleys Tisch. »Sieht aus, als würde jemand in dein Territorium eindringen.«

Nathans Bemerkung holte mich schlagartig in die Cafeteria zurück. Irgend so ein stiernackiger Sportler hatte sich neben Haley gesetzt. Kannte sie diesen Typ? Er legte ihr den Arm um die Schulter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie wurde rot und stieß ihn weg, aber er bewegte sich keinen Millimeter.

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Haley

»Hau ab!« Ich versuchte, den Kerl wegzuschubsen, aber es war, als wollte man eine Wand wegschieben. Manchmal war es echt ätzend, ein Mädchen zu sein.

»Lass sie gefälligst los.« Janes Stimme klang ruhig, aber ihre Augen waren weit aufgerissen.

Der Neandertaler lachte und flüsterte mir eindeutig zweideutige Bemerkungen ins Ohr, die darauf schließen ließen, dass er sich definitiv zu viele Pornos ansah. Mein Magen verkrampfte sich. Wenn ich den Kerl vollkotzte, würde er vielleicht das Interesse verlieren und sich verziehen.

Mit zusammengebissenen Zähnen zischte ich: »Meine Brüder werden dir sämtliche Knochen brechen.«

»Das wird nicht nötig sein.« Bryce setzte sich neben den Typen und musterte ihn, als wäre er ein Schmutzfleck. »Verschwinde.«

»Zwing mich doch.« Der Idiot wieherte, als wäre seine Antwort unheimlich schlagfertig gewesen.

Bryce lehnte sich völlig entspannt auf seinem Stuhl zurück. »Es gibt zwei Möglichkeiten, wie wir das hier regeln können. Erstens – ich reiße deinen Arm von ihr weg. Du versuchst, mich zu schlagen. Ich breche dir die Nase. Wir müssen beide nachsitzen, und du wirst aus dem Footballteam geworfen.« Er machte eine dramatische Pause. »Zweitens – du verziehst dich freiwillig, weil du nicht möchtest, dass ich meinen Vater darum bitte, seine großzügige Spende für die neuen Footballtrikots wieder rückgängig zu machen.«

Der Typ nahm seinen Arm von meinem Rücken. »Wir bekommen neue Trikots?«

»Wenn du dich bei Haley entschuldigst und deinen Freunden sagst, dass sie sie in Ruhe lassen sollen, bekommt das gesamte Footballteam neue Klamotten.«

Der Penner schob seinen Stuhl zurück. »Sorry, hab’s nicht so gemeint.« Damit trabte er zu dem Tisch mit seinen Sportskameraden zurück, die johlten, als hätte er einen Touchdown hingelegt.

Bryce rutschte mit seinem Stuhl etwas näher. »Alles okay?«

Ich nickte nur, weil ich Angst hatte, dass meine Stimme zittern würde, wenn ich versuchte zu sprechen.

»Lügnerin.« Jane kam zu mir herüber und umarmte mich. »Dein Hals ist ja ganz rot.«

Ich holte tief Luft und konzentrierte mich auf etwas Schönes: meine Hunde, Schoko-Cookies und die Vorstellung, diesen Idioten über den Haufen zu fahren und dann noch mal zurückzusetzen. Der letzte Gedanke war schon ziemlich heftig, aber es half. Die Anspannung in meinem Körper ließ langsam nach.

»Danke für deine Hilfe«, brachte ich schließlich hervor. Ich lächelte Bryce an, um ihm zu zeigen, dass ich alles unter Kontrolle hatte.

»Gut, dass du mit den Footballtrikots Druck machen konntest«, sagte Jane.

»Ach, mein Vater ist immer froh, wenn er etwas von der Steuer absetzen kann. Ich glaube nicht, dass er was dagegen haben wird.«

»Du hast dir das nur ausgedacht?« Ich konnte es nicht fassen. Er hatte bei der ganzen Sache völlig locker gewirkt. Und es war wirklich nett von ihm, dass er sich eingeschaltet hatte. Er hätte ja auch einfach zusehen können, wie dieser Widerling mich belästigte. Vielleicht war Bryce ja doch keine totale Flachpfeife.

»Mein Vater sagt immer, es ist besser, jemanden auszutricksen, als sich mit ihm zu prügeln.«

»Tut mir leid, dass ich keine große Hilfe war«, sagte Jane. »Ich hatte überlegt, ihm eins mit meinem Essenstablett überzubraten, aber ich war mir nicht sicher, ob das so eine gute Idee gewesen wäre.«

Die Vorstellung, wie Jane mit einem orangen Plastiktablett auf einen riesigen Footballspieler einschlug, brachte mich zum Lachen.

»Dann ist mein Job wohl erledigt.« Bryce warf noch einen Blick zu den Sportskanonen hinüber. »Vielleicht sollte ich dich gleich zu deinem nächsten Kurs begleiten. Was hast du denn nach der Pause?«

»Physik, im Naturwissenschaftsgebäude.« Warum hatte ich das gesagt? Er wusste doch, dass die naturwissenschaftlichen Fächer im entsprechenden Gebäude stattfanden! Wie konnte man sich nur so zum Deppen machen? Aber vielleicht hatte er es ja auch gar nicht bemerkt …

»Ich habe Chemie, auch im Naturwissenschaftsgebäude. Also müssen wir in dieselbe Richtung.« Er verließ den Tisch.

Natürlich hatte er es gemerkt.

Als es zum Ende der Mittagspause klingelte, kamen Bryce und Nathan auf uns zu. Jane grinste Nathan an. Er tat so, als würde er sie nicht sehen. Zu viert schoben wir uns durch die Masse von Schülern, die genau wie wir die Cafeteria verließen.

Als wir zu meinem Klassenraum kamen, überlegte ich krampfhaft, was ich sagen sollte. »Danke für deine Hilfe vorhin.« Wow, wie originell!

»Ich hab dich schließlich in die Sache reingezogen.« Er streckte die Hand aus und strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr. Als seine Fingerspitzen meine Haut berührten, lief mir ein warmer Schauer über den Rücken. »Dein Hals ist nicht mehr so rot. Jane meint, das ist ein gutes Zeichen.«

»Das ist der Familienfluch. Immer wenn ich aufgeregt bin, läuft mein Hals knallrot an.« Ich zuckte mit den Achseln. »Mein Dad ist schuld.«

Bryce grinste, als wäre ihm plötzlich ein sehr komischer Gedanke gekommen. Seine braunen Augen blitzten auf.

Ich pikste ihm in die Brust. »Was? Du willst doch jetzt keinen blöden Spruch über meinen Vater ablassen, oder?«

»Also, ich …«

»Lass die Finger von meinem Freund!«, rief plötzlich ein Mädchen hinter uns.

Ich erstarrte. »Meint die mich?«

Bryce fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. »Willkommen in meinem Albtraum.«

Gut zu wissen, dass ich in seinem Ranking offenbar irgendwo über dem Status »Albtraum« rangierte. Vielleicht hatte er mich nur als mittelschwere Nervensäge eingestuft.

Bryce legte seinen Arm um meine Schulter, und wir drehten uns gleichzeitig um.

Eine große Blonde mit beeindruckender Oberweite und grellrot lackierten Nägeln steuerte auf uns zu. »Bryce, was tust du denn da?«

Er zog mich demonstrativ näher zu sich heran. »Brittney, ich habe mit dir Schluss gemacht. Schon vergessen?«

»Ach, das war doch nicht ernst gemeint.« Sie wickelte sich eine Locke um den Finger und lächelte ihn an. »Wir passen doch so gut zusammen.«

Bryce seufzte. »Brittney, wir hatten das doch alles schon besprochen.«

»Vermisst du mich denn gar nicht?« Sie kam noch näher und flüsterte: »Nur ein kleines bisschen?«

Die ganze Situation war mir unfassbar peinlich.

»Tut mir leid, Brittney, aber zwischen uns ist es aus. Ich bin jetzt mit Haley zusammen.«

Brittney schluchzte und blinzelte hektisch, als versuchte sie, die Tränen zurückzuhalten. »Wir beiden sind füreinander geschaffen! Das wirst du schon noch merken.« Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und rauschte davon.

»Was war das denn?«, fragte ich.

Bryce nahm seinen Arm von meiner Schulter und trat einen Schritt zurück. »Ich habe diesen Monat schon dreimal mit Brittney Schluss gemacht.« Er hielt drei Finger hoch, als würde mir die Zahl nichts sagen. »Aber es hat nichts genützt. Danach hat sie jedes Mal wieder so getan, als wären wir noch zusammen. Sie fing an, darüber zu reden, an welchem exotischen Ort wir heiraten und wie wir unsere Kinder nennen würden. Ich hab’s auf die nette Tour versucht. Und auf die harte. Es hat nicht funktioniert. Also habe ich zu drastischeren Maßnahmen gegriffen. Ich dachte, wenn sie von meinem One-Night-Stand nach dem Lagerfeuer erfährt, kapiert sie endlich, was Sache ist, und lässt mich in Ruhe.«

Das warf ein neues Licht auf Bryce’ Wochenendaktivitäten. »Du bist also kein Casanova?«

»Oh doch. Das ist er«, antwortete Nathan mit todernstem Gesicht.

Ich lachte und ging ins Klassenzimmer, um Jane über die neuesten Entwicklungen in meinem Leben zu informieren, das inzwischen Ähnlichkeit mit einer Reality-TV-Show hatte.

»Du bist viel zu früh in die Klasse gegangen.« Ich erzählte ihr von Brittney und meiner stillen Hoffnung, dass Bryce vielleicht doch nicht der Typ war, der sich nach einer schnellen Nummer direkt wieder vom Acker machte.

»Ich denke, du bist da ein bisschen zu naiv«, sagte Jane.

Aber da es schließlich meine Fake-Beziehung war, beschloss ich, dass mein megaheißer angeblicher Freund kein Frauenheld war. Hey, es war immerhin meine Traumwelt. Warum nicht alles auf eine Karte setzen?

Drei

Haley

»Weißt du, was die Leute sagen?«, fragte Jane, als wir uns für den Sportunterricht umzogen – die letzte Stunde an diesem Tag.

Ich bin kein Fan von tiefsinnigen Gesprächen beim Umziehen. Meine nicht vorhandenen Brüste verunsicherten mich total. Während ich noch immer BHs mit A-Cups kaufen musste, hatten sich alle anderen Mädchen in meiner Stufe schon längst im Alphabet weiter vorgearbeitet.

Nachdem ich mir die Sportuniform, die an unserer Schule vorgeschrieben war – grässliche blaue Polyestershorts und ein ebenso scheußliches graues Polyesterhemd –, übergezogen hatte, band ich meine Haare zu einem improvisierten Knoten zusammen, damit sie mir nicht ständig ins Gesicht wehten. Dann konnte ich Janes Frage endlich beantworten. »Lass mich raten. Die halbe Schule denkt, ich bin schwanger.«

Jane schüttelte den Kopf. »Das habe ich nur von ein paar Leuten gehört.«

Ich zog meine Sportschuhe an und stöhnte. »Na super. Und was ist das Hauptgerücht?«

»Du und Bryce, ihr seid schon seit Monaten heimlich zusammen, weil seine Eltern eure Beziehung nicht gutheißen würden.«

Ich knallte meine Spindtür zu. »Das ist doch lächerlich! Ich bin eine hervorragende Schülerin, und ich arbeite noch freiwillig im Tierheim. Was ist daran nicht in Ordnung?«

»Du bist das Mädchen vom falschen Ende der Stadt, das sich den reichen Jungen geschnappt hat. Er verheimlicht eure Beziehung, weil er nicht will, dass seine Eltern denken, du wärst nur hinter seinem Geld her.«

Wir setzten diese absurde Unterhaltung fort, während wir draußen das Football-Feld umrundeten. Man konnte entweder zwei Runden joggen oder einfach dreißig Minuten lang gehen. Wenn man joggte, ließ einen der Coach hinterher in der Halle Basketball spielen. Bei meiner Größe von einem Meter sechzig war ich verständlicherweise kein großer Fan von Basketball, deshalb wählten Jane und ich jedes Mal die Dreißig-Minuten-Variante.

»Erstens ist meine Familie nicht arm. Und zweitens gibt es in dieser blöden Stadt gar kein falsches oder richtiges Ende. Wir leben in einer Kleinstadt, verdammt noch mal.«

»Solche Details interessieren doch niemanden. Gute Gerüchte brauchen nun mal ein bisschen Drama.«

Hinter uns war das Trommeln von Schritten zu hören. Wir wechselten auf die Bahn ganz außen, um nicht von den Joggern niedergetrampelt zu werden. »Du liest zu viele Liebesromane.«

»Kennst du etwa jemanden, der nicht auf diese Und-sie-lebten-glücklich-bis-an-ihr-Lebensende-Nummer steht?«

Höchste Zeit, Jane auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. »Ich will doch nur deswegen zum Schein mit Bryce zusammen sein, um solche dämlichen Gerüchte zu verhindern. Nicht, damit noch mehr davon auftauchen. Und dann sind sie auch noch falsch. Ich brauche Bryce in meiner Nähe, damit er dem Beschützer-Getue meiner Brüder endlich ein Ende macht. Es ist wahrscheinlich das Beste, wenn ich mich gar nicht weiter auf ihn einlasse.« Bryce war genau der Typ, in den sich ein Mädchen unsterblich verlieben konnte. Und weil das mit uns nicht echt war, musste ich dieser Falle unbedingt ausweichen.

»Haley Patterson, was ist mit den ganzen herrenlosen Tieren passiert, die du angeblich nur für eine Weile in Pflege genommen hast?«

»Vergleichst du Bryce etwa mit einem dreibeinigen Hund?« Ich hatte zwei dreibeinige Hunde, eine einäugige Katze und einen Hasen mit nur einem Ohr. Ich hatte jedes dieser armen Kerlchen in Pflege genommen – und mich dann so sehr in sie verliebt, dass ich sie nicht mehr hergeben wollte.

»Nein«, sagte Jane. »Ich will damit nur sagen, dass du dich definitiv in ihn verknallen wirst. Das kannst du gar nicht vermeiden. Aber wer sagt denn, dass es ihm nicht genauso gehen wird? Vielleicht seid ihr am Ende wirklich zusammen.«

Schon klar. Jane und ihr grenzenloser Optimismus. Ich ging im Kopf die Mädchen durch, für die Bryce sich bisher immer interessiert hatte. Im Gegensatz zu mir hatten sie alle eine atemberaubende Körbchengröße und waren im Haare-über-die Schulter-Werfen auf Olympia-Niveau. Ich brauchte Bryce nur für zwei Dinge: um andere Jungs davon zu überzeugen, dass man trotz meiner Brüder mit mir ausgehen konnte, und um deutlich zu machen, dass ich mich eher zur Freundin als zum One-Night-Stand eignete.

Nach dem Sportunterricht schlüpfte ich wieder in meine eigenen Klamotten und machte mich auf den Weg zur Cafeteria, wo das erste Nachsitzen meines Lebens stattfinden würde. Jane begleitete mich noch ein Stück und nahm mir das Versprechen ab, sie später anzurufen und ihr zu erzählen, wie es gelaufen war.

In der Cafeteria saßen jeweils ein oder zwei Leute an einem Tisch. Die meisten von ihnen guckten Löcher in die Luft. Manche kritzelten in ihren Heften herum. Die Hälfte blickte auf, als ich hereinkam. Meine Schultern verkrampften sich. Quer über meine Stirn hätte auch »Braves Mädchen auf Abwegen« tätowiert sein können.

Der Trainer unserer Football-Mannschaft saß vorne und las die neueste Ausgabe der Sports Illustrated. Musste ich mich bei ihm anmelden oder sollte ich mich einfach hinsetzen? Wie verhielt man sich beim Nachsitzen korrekt? Weil ich nicht noch mehr auffallen wollte als sowieso schon, suchte ich mir schnell einen leeren Tisch aus. Als ich den Stuhl zurückzog, scharrte er mit einem so durchdringenden Geräusch über die Fliesen, als würde jemand mit den Fingernägeln über die Tafel kratzen. So viel zum Thema »bloß nicht auffallen«.

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