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Küss mich wie beim ersten Mal!

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1. KAPITEL

Als ihr Blick auf den breitschultrigen Mann fiel, der gerade in die überfüllte Weinbar trat, wusste Maggie, dass er der Vater ihres Kindes war. Sie ahnte es nicht, sie fragte sich nicht. Sie wusste es einfach.

Ohne den Blick von ihm abzuwenden, polierte sie das Glas in ihrer Hand weiter, doch unter ihrem plötzlich viel zu festen Griff zerbrach der Stiel.

Bruchstücke alter Erinnerungen stiegen in ihr auf, wirbelten durcheinander und wühlten alte Gefühle auf. Wie eine Stichflamme schossen Wut, Feindschaft und eine alles verzehrende Leidenschaft in ihr hoch.

Eine Stimme holte sie zurück in die Gegenwart. Vor ihr stand ein Gast und orderte einen Drink, doch sie zitterte am ganzen Körper.

„Thomas, könntest du bitte kurz übernehmen?“, fragte sie ihren Kollegen heiser. Mit einer gemurmelten Entschuldigung legte sie das Handtuch mit dem zerbrochenen Glas beiseite und eilte zur Damentoilette.

Sobald die Tür des Waschraums hinter ihr ins Schloss fiel, verlor Magenta die Beherrschung. Sie umklammerte den Rand des angeschlagenen Waschbeckens und starrte in den Spiegel. Ihre Haut wirkte fast durchscheinend, die Augen waren groß und dunkel. Sie atmete tief ein und versuchte, ihren rasenden Herzschlag zu beruhigen.

Andreas Visconti. Natürlich. Wie konnte ich jemals glauben, dass ein anderer als er der Vater meines Kindes ist?

Sie war nie leichtfertig mit Männern ins Bett gegangen. Bestimmt auch damals nicht, während der Monate, die jetzt für immer verloren waren.

Eine Welle der Übelkeit überrollte sie. Über das kalte Porzellan gebeugt, wartete sie ab, bis es vorüber war. Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen und Sinn in die zusammenhangslosen Bilder in ihrem Kopf zu bringen.

Die Ärzte hatten ihr damals geraten, nichts zu erzwingen. Nach einiger Zeit erklärten sie ihr dann, dass die Erinnerungen vielleicht niemals zurückkehren würden. Doch Magenta wollte nicht aufgeben. Sie würde erfahren, was damals passiert war. Selbst wenn sie die verschwommenen Bilder Stück für Stück wie ein Puzzle zusammensetzen musste.

Von draußen rief ein Kollege nach ihr und riss sie aus den Gedanken. Sie hatte keine Wahl, sie musste sich zusammenreißen und ihre Arbeit erledigen.

Andreas Visconti beobachtete, wie die anderen Gäste um ihn herum bedient wurden. Endlich kam der schlaksige junge Kellner auch zu ihm. Während Andreas seine Bestellung aufgab, wanderte sein Blick zu der zierlichen jungen Frau, die am anderen Ende des Tresens Gläser füllte.

Im ersten Moment dachte er, seine Augen würden ihm einen Streich spielen. Sie war eine Schönheit mit locker aufgestecktem dunklem Haar, das die hohen Wangenknochen betonte und den Blick auf ihren langen schlanken Hals frei gab. Er starrte sie fassungslos an und fragte sich, ob er halluzinierte.

Doch im nächsten Moment rief jemand ihren Namen, und er begriff, dass es keine Einbildung war. Sie war es wirklich, Magenta James. Die Frau, an die er nicht nur vor langer Zeit sein Herz verloren hatte, sondern die auch fast sein Leben zerstört hätte.

Gerade sprach sie mit einem älteren Mann – vermutlich dem Barbesitzer – und lachte über seine Worte. Andreas presste die Lippen zusammen. Als er dieses Lachen das letzte Mal gehört hatte, hatte Magenta sich über seinen Mangel an Zukunftsperspektiven lustig gemacht und ihn beschuldigt, ihrer strahlenden Karriere im Weg zu stehen.

Und jetzt stand das hochmütige kleine Ding hier in einer mittelklassigen Weinbar und schenkte anderen Leuten Drinks ein! Die nächsten Minuten werde ich auskosten, entschied Andreas grimmig.

Er verließ seinen hart erkämpften Platz an der Bar und bahnte sich den Weg durch das Gedränge, bis er direkt vor ihr stand. Sie drehte ihm gerade den Rücken zu und stellte eine Flasche zurück in das verspiegelte Wandregal.

„Hallo, Magenta.“

Magenta erstarrte, als sie hinter sich die tiefe Stimme hörte. Ich wusste von Anfang an, dass er mich bemerken wird, versuchte sie ihr rasendes Herz zu beruhigen. Doch sie hatte nicht mit ihrer heftigen Reaktion auf seine Nähe gerechnet.

Langsam drehte sie sich um. Ihr Blick traf seine eisigen Augen. Saphirblau, das Erbe seiner englischen Mutter, dachte sie und fragte sich im selben Moment, woher dieser Gedanke kam.

Sein schwarzes Haar und die olivfarbene Haut ließen sie an einen warmen Sommertag denken. Doch Andreas war größer, breitschultriger und wirkte viel härter als der junge Mann in ihrer Erinnerung. Seine Ausstrahlung war die eines Mannes, der viel erlebt hatte.

An seinem kräftigen Kinn zeigten sich dunkle Bartschatten, seidige schwarze Härchen lugten aus dem Ausschnitt seines Hemds. Dieser Mann verströmte aus jeder Pore aggressive Männlichkeit.

„Andreas …“, stammelte sie hilflos.

Fieberhaft versuchte sie sich zu erinnern, was damals zwischen ihnen vorgefallen war. Doch sie konnte nur eins mit Sicherheit sagen – zurückgeblieben waren Feindschaft und Misstrauen.

„Was für eine Überraschung. Ich muss sagen, dass ich dich nicht gerade hinter einem Kneipentresen erwartet hätte.“

Der kaum verhüllte Zynismus in seiner Stimme versetzte Magenta einen Stich. Verwundert bemerkte sie seinen leichten amerikanischen Akzent. Seltsamerweise war sie sicher, dass Andreas ihn vor sechs Jahren noch nicht gehabt hatte.

Am liebsten hätte sie ihm erklärt, dass sie nur an zwei Abenden in der Woche hier kellnerte und tagsüber als Schreibkraft arbeitete. Sie stand sogar in der engeren Auswahl für eine neuen gut bezahlten Job, auf den sie all ihre Hoffnungen setzte. Doch sie schob ihren Stolz beiseite. Endlich bot sich die Gelegenheit, mehr über ihre Vergangenheit zu erfahren!

„Wo … wo genau hättest du mich denn erwartet?“, brachte sie heraus.

Andreas verzog spöttisch den Mund. „Soll das ein Witz sein?“

Offenbar wusste er nicht, dass sie ihr Gedächtnis verloren hatte. Magenta öffnete den Mund, um es ihm zu erklären, doch sein feindseliger Blick brachte sie zum Schweigen.

Aber selbst sein abweisendes Verhalten konnte das Feuer in ihrem Inneren nicht löschen. Wie zum Hohn schob sich das Bild vor ihre Augen, wie dieser Mann sie küsste, sie liebkoste und ihr mit rauer Stimme Zärtlichkeiten ins Ohr flüsterte.

Die Erkenntnis durchfuhr sie wie ein Schlag: Sie hatte Andreas Visconti vergessen, doch jede Zelle ihres Körpers erinnerte sich an ihn.

„Ich erinnere mich nicht an damals“, sagte sie leise.

Seine Lippen wurden schmal. „Du meinst, du willst dich nicht erinnern.“

Magenta massierte ihre Schläfen und versuchte, sich auf die verschwommenen Bilder in ihrem Kopf zu konzentrieren. „Du hast jünger gewirkt … schmaler.“ Und bei Weitem nicht so beeindruckend, führte sie den Satz im Stillen zu Ende.

„Ich war erst dreiundzwanzig“, sagte er barsch.

Und hast dich im Restaurant deines Vaters halb zu Tode geschuftet. Magenta ließ erschüttert die Hand sinken. Der Boden schien unter ihren Füßen zu schwanken. Wie mühelos diese Erinnerungen plötzlich zurückkamen!

„Alles in Ordnung, Magenta? Nimmt es dich so mit, mir wieder zu begegnen?“ Bildete sie sich das ein oder lag ein Hauch von Sorge in seiner Stimme?

In diesem Moment stellte Thomas zwei Gläser vor Andreas auf den Tresen, einen Scotch mit Soda und einen Orangensaft. Magenta blickte suchend durch den Raum. Wer mochte Andreas’ Begleitung sein?

Er schien ihre Gedanken zu lesen. Unter seinem spöttischen Grinsen schoss ihr das Blut in die Wangen.

„Kommst du oft hierher?“, fragte sie schnell.

„Niemals.“ Seine Stimme war kalt.

„Was führt dich dann ausgerechnet heute Abend her?“ Magenta schluckte.

Wieso plapperte sie solche Belanglosigkeiten? Am liebsten würde sie ihn am Kragen packen und verlangen, dass er ihr alle Details ihrer gemeinsamen Vergangenheit erzählte. Doch ein Teil von ihr fürchtete sich vor dem, was sie erfahren könnte.

„Wer weiß … vielleicht das Schicksal?“

Unter seinem Blick erschauerte Magenta. Sie war sich quälend bewusst, dass seine Augen langsam über ihren Körper glitten.

Er verzog die Lippen zu einem geübten Lächeln, und für einen Moment fühlte sie sich, als wäre sie wieder neunzehn. Ein sorgloses Mädchen mit strahlender Zukunft. Damals war ich diesem Mann komplett verfallen, erkannte sie entsetzt.

„Also, was machst du hier?“ Andreas schaute sich abschätzig um. „Verdienst du dir zwischen den Fotoshootings ein bisschen Taschengeld? Oder hat das Modelleben deine Erwartungen nicht erfüllt?“

Natürlich … damals hatte sie davon geträumt, ein erfolgreiches Model zu werden! Doch dazu war es nie gekommen. „Nicht alles im Leben verläuft nach Plan“, entgegnete sie leise.

„Ich dachte, Rushford wollte dich zur Nummer eins der Modewelt machen. Oder hat er sich genauso geschickt aus der Verpflichtung für deine Karriere gezogen wie aus der Verantwortung für sein ungeborenes Kind?“ Andreas’ Stimme triefte vor Spott. „Oh, entschuldige bitte. Ist das Thema ein wunder Punkt?“

Magentas Herz schlug wild gegen ihre Brust. Also wusste Andreas, dass sie damals ein Kind erwartet hatte. Aber wie kam er darauf, dass Marcus Rushford der Vater war? Der Name hinterließ einen bitteren Nachgeschmack auf ihrer Zunge. Wieso habe ich Andreas vergessen, aber erinnere mich ausgerechnet an meinen ausbeuterischen aalglatten Manager?

„Mein Sohn ist ganz bestimmt kein wunder Punkt. Aber ich möchte wirklich nicht an einem Tresen über ihn sprechen.“ Hatte Andreas das kurze Zögern bemerkt? Sie hatte hart gearbeitet, um wieder vollkommen fließend sprechen zu lernen. Doch in Stresssituationen stolperte ihre Zunge immer noch über manche Worte.

Andreas nickte knapp. „Ich hätte nicht gedacht, dass du deine Pläne für so ein unbedeutendes Hindernis wie ein Kind umwirfst. Es passt nicht zu der Frau, die ich damals kannte.“

Das hört sich gar nicht nach mir an, überlegte Magenta verwirrt. Theo ist meine Sonne, mein Himmel, die Luft, die ich atme. Ich liebe ihn über alles.

Sie atmete tief ein und beugte sich näher zu Andreas. „Dann erzähl’ mir, was für eine Frau ich in deinen Augen bin.“

Er lachte sanft und lehnte sich ebenfalls vor. „Ich glaube nicht, dass du das wirklich hören willst.“ Sein Blick wanderte zu ihren Lippen, und Magenta schoss das Blut in die Wangen.

Hastig richtete sie sich wieder auf. „Vielleicht kanntest du mich nicht gut genug.“ Trotzig hob sie das Kinn.

„Oh, ich glaube doch.“

Bei seinem spöttischen Tonfall zuckte sie zusammen. Sie flehte still, dass er endlich bezahlte und ging. Mit ihm zu sprechen, war fast unerträglich. Ganz offensichtlich verabscheute er sie, und dennoch quälte sie die Erinnerung an seine leidenschaftlichen Berührungen, an seine warme Haut unter ihren Händen.

Andreas hatte ihr die Liebe gezeigt, als sie noch ein unschuldiges Mädchen gewesen war. Falls ich unerfahren war, dachte sie düster. Vielleicht hatte Mom ja recht, und sie war damals wirklich mit jedem Mann ins Bett gestiegen, der nett gefragt hatte. Doch der Gedanke fühlte sich falsch an.

Magenta drängte die Tränen zurück. „Es tut mir leid, ich erinnere mich nicht. Was habe ich denn Schlimmes getan? Habe ich dich für einen anderen verlassen – oder für meine Karriere? Eigentlich ist es auch egal. Jetzt hast du deine Genugtuung. All meine Träume sind zerplatzt. Du kannst zufrieden dein perfektes Leben genießen.“

„In einem Punkt irrst du dich.“ Seine Stimme war schneidend. „Unsere kleine … Affäre war nicht so wichtig für mich, dass ich mich jetzt über dein Unglück freuen würde. Und du musst dich nicht schämen. Es ist keine Schande, von etwas zu träumen, das man nie erreichen wird.“

Magenta legte die Hand auf ihren Kragen, unter dem sich eine ihrer vielen Narben verbarg. „Du kannst dir nicht einmal vorstellen, was ich in den letzten Jahren erreicht habe“, murmelte sie tonlos.

Ich habe gelernt, wieder zu laufen und mit Messer und Gabel zu essen. Ich habe die Verantwortung für meinen wundervollen Sohn übernommen. Ich habe überlebt.

Von all dem wusste Andreas nichts. Genauso wenig wie von ihrer Ausbildung in Betriebswirtschaftslehre, die ihr die Aussicht auf einen besseren Job ermöglichte. Vielleicht konnte sie ihrem Sohn damit eine bessere Zukunft bieten. Aber sie hatte es nicht nötig, ihr Leben vor Andreas zu rechtfertigen.

Fragend hob er eine Augenbraue, doch Magenta schwieg. Er zuckte mit den Schultern und legte einen Geldschein auf den Tresen. „Dann mach’s gut, Magenta. Meine Begleitung wartet.“

Magenta folgte seinem Blick zu einer umwerfenden Rothaarigen. Ihr teuer aussehendes Kostüm betonte den kurvigen Körper und die langen schlanken Beine. Vom Tisch aus schenkte sie Andreas ein vertrautes Lächeln.

Als er sich noch einmal zu Magenta umdrehte, lag ein selbstzufriedener Zug um seinen Mund. „Ich genieße das Leben.“ Er griff nach den Getränken und ließ Magenta stehen.

Sie beobachtete, wie die Menge bereitwillig zu Seite wich, um ihn durchzulassen. Für einen Moment rührte Magenta sich nicht. Hinter ihren Schläfen pochte ein dumpfer Schmerz, und sie hatte das seltsame Gefühl, einen unsichtbaren Kampf hinter sich zu haben. Jetzt ließ die Anspannung plötzlich nach, und die Übelkeit kehrte mit Wucht zurück.

Sie wollte nur noch weglaufen und sich irgendwo verkriechen, doch die Gäste warteten auf ihre Bedienung. Sie musste die Zähne zusammenbeißen und ihre Schicht beenden. Selbst unter den Blicken eines Mannes, der sie aus tiefstem Herzen verabscheute.

„Dein Liebhaber?“ Thomas nickte demonstrativ in die Richtung, in die Andreas verschwunden war.

Magenta schüttelte nur den Kopf und füllte ein Weinglas.

„Bist du sicher? Wieso hat er dich dann angestarrt, als wollte er dir das Kleid vom Leib reißen?“ Thomas zwinkerte ihr zu.

Magenta spürte, wie sie errötete. „Red’ keinen Unsinn, er ist mit einer wunderschönen Begleitung hier.“

„Du meinst, er war hier. Den Whiskey hat er mit einem Schluck geleert, und seine Begleitung hatte nicht einmal Zeit, ihren Saft auszutrinken, so schnell hat er sie aus der Tür geschoben.“

Magenta blickte überrascht zu dem Tisch, an dem Andreas gesessen hatte, doch weder von ihm, noch von der rothaarigen Frau war etwas zu sehen.

Hatte er es so eilig gehabt, von ihr wegzukommen? Sie fühlte, wie ihre Beine schwach wurden. Konnte er es nicht einmal lange genug mit ihr unter einem Dach aushalten, um seine Begleitung austrinken zu lassen?

Magentas Magen krampfte sich zusammen, und sie schlug die Hand vor den Mund.

„Würdest du mir bitte ein Taxi rufen?“, stieß sie zwischen den Zähnen hervor, bevor sie zur Damentoilette eilte.

Die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Autos blendeten Andreas, als er allein durch die dunklen Straßen von Surrey fuhr. Bei dem Gedanken an das Gespräch in der Weinstube umklammerte er das Lenkrad so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Es war nicht seine Art, die Kontrolle zu verlieren. Doch immer noch konnte er den Schock und die Überraschung spüren, als er Magenta erkannt hatte.

Ich hätte damals sofort sehen müssen, was für ein durchtriebenes Luder diese Frau ist, dachte er zornig. Als er Magenta kennengelernt hatte, war er gerade dreiundzwanzig gewesen, und schon damals hatten ihm die Frauen zu Füßen gelegen. Doch Magenta war anders als seine bisherigen Eroberungen.

Vor seinem inneren Auge tauchte das heruntergekommene Reihenhaus auf, in dem sie damals mit ihrer alkoholkranken Mutter gelebt hatte. Vor langer Zeit war der Altbau bestimmt einmal ein prachtvolles Haus gewesen. Doch jetzt sahen die feuchten Mauern aus, als stünden sie kurz vor dem Zusammenbruch, und das Wohnviertel gehörte zu den ärmsten der Stadt.

Magentas Mutter brachte jeden Tag einen anderen Mann mit nach Hause und konnte nicht einmal sagen, wer der Vater ihrer Tochter war. Ich hatte einfach Mitleid mit Magenta, versuchte Andreas sich einzureden. Aber in seinem tiefsten Inneren wusste er, dass es nicht stimmte. Magenta hatte ihn mit ihrer Wärme und Lebensfreude bezaubert. Sie war das schönste und aufregendste Mädchen gewesen, das ihm je begegnet war.

Leider hatte Magenta schon früh erkannt, wie schön sie war, und hatte keine Möglichkeit ungenutzt gelassen, mit ihrem Aussehen Geld zu verdienen. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt gewesen war, ihre Mutter auszunüchtern, sagte eine leise Stimme in seinem Kopf. Ihren Lebensunterhalt finanzierte sie mit einer Stelle als Rezeptionistin, doch ihr Gesicht schmückte die Karteien aller lokalen Modelagenturen.

Andreas dachte an ihre erste Begegnung im Restaurant seines Vaters zurück. Eine Woche später hatten sie sich zu ihrem ersten Date getroffen und schon wenige Tage danach zum ersten Mal geliebt.

Er erinnerte sich noch genau an seine Überraschung, dass Magenta noch Jungfrau war. Mit ihr erlebte er eine nie gekannte Leidenschaft, ein alles verschlingendes Verlangen. In seiner Naivität glaubte er, der Einzige zu sein, der dieses Feuer in ihr entfachen konnte.

Sie liebten sich an jedem Ort. In seinem Lieferwagen, in der kleinen Wohnung über dem Restaurant, in Magentas ordentlichem Zimmer – dem einzigen Raum im ganzen Haus, der nicht von Müll übersät war.

Es störte ihn nicht, dass seine Familie Magenta nicht mochte. Andreas hatte sich allerdings immer gefragt, wie seine sanfte Mutter Magenta aufgenommen hätte. Seine Großmutter verabscheute das Mädchen jedenfalls vom ersten Moment an, und sein Vater … Bei dem Gedanken an seinen Vater krampfte sich sein Herz zusammen.

Damals hatte Andreas jeden Tag im Restaurant gearbeitet. Ob er die Gäste bediente oder Teller wusch, als gehorsamer Sohn widersprach er niemals. Aber nach einer Weile begriff er, dass sein Vater zwar ein talentierter Koch, aber kein Geschäftsmann war. Doch Giuseppe Visconti war zu stolz, um das zuzugeben. Er weigerte sich, die Pläne seines Sohnes für die Rettung des Familienbetriebs auch nur anzuhören.

„Nur über meine Leiche.“ Die Worte seines Vaters bohrten sich noch heute wie ein Messerstich in Andreas’ Brust. „Du wirst es niemals zu etwas bringen. Dio mio! Nicht mit einem Mädchen wie Magenta James an deiner Seite.“

Ich war so naiv, dachte er bitter. Er hatte fest geglaubt, zusammen mit Magenta könnte er alle Hindernisse überwinden, und ihre Liebe würde mit der Zeit die Vorurteile der Eltern besiegen. Bei der Erinnerung lachte er freudlos auf.

Zu spät hatte er begriffen, dass sein Vater Magentas Charakter richtig eingeschätzt hatte. Ihre Liebeserklärungen waren nichts als hohle Worte, für sie war Andreas nur ein Zeitvertreib. Frauen wie sie wollten nur eins: unkompliziertes Vergnügen ohne Rücksicht auf Verluste.

Als sein Vater damals zum ersten Mal Magentas Verrat andeutete, schenkte Andreas den Anschuldigungen keine Beachtung. Selbst als er bei einer Auslieferung in ihrer Nachbarschaft Rushfords schwarze Limousine vor ihrer Einfahrt bemerkte, vertraute Andreas ihr und fuhr einfach weiter. Doch am Ende hatte sie ihm selbst den Beweis geliefert.

„Dachtest du wirklich, dass ich es ernst mit dir meine? Dass ich so leben will?“ Mit ausholender Geste hatte sie durch das leere Restaurant gedeutet. Ihr verächtlicher Blick hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Im selben Atemzug teilte sie ihm ihre ehrgeizigen Karrierepläne mit Marcus Rushford mit.

Später an dem Abend hatte Andreas eine hitzige Auseinandersetzung mit seinem Vater. Ein Wort ergab das nächste, der Streit wurde zu einem erbitterten Kampf, ganz anders, als ihre bisherigen Diskussionen. Andreas knirschte mit den Zähnen, als er daran dachte, wie kurz sie davor gewesen waren, ihre Fäuste zu benutzen.

Er hatte seinem Vater an den Kopf geworfen, die Schuld am Ende seiner Beziehung mit Magenta zu tragen. Giuseppe Visconti bedachte Magenta mit Namen, die Andreas niemals wiederholen konnte. Er dagegen beschuldigte den Vater, neidisch auf seine Jugend und seine Zukunftschancen zu sein und ihm das Recht zu verwehren, ein eigenständiger Mann zu werden.

In jener Nacht war Giuseppe Visconti in Andreas’ Armen gestorben. Niemand hatte gewusst, wie schwach sein Herz war, und die Aufregung war zu viel für ihn gewesen.

Zwei Monate später verkaufte Andreas’ Großmutter das Restaurant, um die Familienschulden zu begleichen, und kehrte nach Italien zurück. Kurz darauf hörte er, dass Magenta ein luxuriöses Leben mit dem erfolgreichen Marcus Rushford führte und ein Kind von ihm erwartete.

Ja, ich habe heute Abend die Beherrschung verloren und Magenta schlecht behandelt, überlegte Andreas grimmig, als er sein Auto geschmeidig durch das elektrische Tor seines Anwesens lenkte. Aber wenn ich so darüber nachdenke, nicht schlecht genug.

2. KAPITEL

Die Taxifahrt nach Hause schien Stunden zu dauern. Magenta war, als würde ihr Kopf zerspringen. Immer mehr Bilder tauchten aus der Tiefe ihres Bewusstseins auf, bis sie wild durcheinanderwirbelten. Endlich hielt der Fahrer vor ihrer Wohnung. Magenta drückte ihm einen Geldschein in die Hand und stieg aus.

Sobald die Haustür hinter ihr ins Schloss gefallen war, streifte sie die Schuhe ab und ließ ihren Mantel fallen. Übelkeit schnürte ihr die Kehle zu, und sie lief barfuß ins Badezimmer.

Als sie neben dem Waschbecken auf die Knie sank, begann das Chaos in ihrem Kopf langsam Form anzunehmen. Bilder fügten sich zusammen, Momente der Vergangenheit schienen zum Leben zu erwachen. Die erste Begegnung mit Andreas im Restaurant seines Vaters. Wie sie gemeinsam lachten. Wie sie sich liebten …

Magenta schnappte nach Luft. Im selben Moment erfasste sie eine tiefe, unerklärliche Verzweiflung, und sie stöhnte auf. Woher kam dieses Gefühl? Sie schloss die Augen und versuchte mit aller Kraft, sich zu erinnern.

Das Bild von einem großen, finster blickenden Mann schob sich vor ihre Augen. Giuseppe Visconti! Und Maria, Andreas’ Großmutter. Sobald Magenta sich darauf konzentrierte, schienen sich die Erinnerungen in Nebel aufzulösen. Und doch wusste sie genau, dass die beiden ihr das Gefühl gegeben hatten, schlecht und wertlos zu sein.

Plötzlich klang das Echo einer wütenden Stimme in ihrem Kopf. Andreas schrie sie an. Er nannte sie oberflächlich und nur an Geld interessiert, sie wäre genau wie ihre Mutter.

Magenta schluchzte. Ihr war, als hätte sie einen Schlag in den Magen erhalten. Zum ersten Mal war sie erleichtert, dass Theo einen Teil seiner Ferien bei Tante Josie auf dem Land verbrachte. Er sollte seine Mutter nicht in diesem Zustand sehen.

Sie schlang die Arme um ihren Körper. Sie vermisste Theo, vermisste ihn so sehr wie an dem Tag, als sie nach langen Wochen aus dem Koma erwacht war.

Aufzuwachen und zu begreifen, dass sie die Erinnerung an fast ein Jahr ihres Lebens verloren hatte, war entsetzlich gewesen. Aber viel schrecklicher noch war die Angst, als sie nach dem Erwachen erkannte, dass ihr Bauch nicht mehr rund war. Die Schwangerschaft war das Einzige aus den letzten Monaten vor dem Koma, an das sie sich erinnern konnte.

Doch sie hatte ihr Kind nicht verloren. Tante Josie war ins Krankenhaus gekommen und hatte ihr den gesunden acht Wochen alten Sohn in die Arme gelegt. Bei dem Gedanken an ihre verwitwete Großtante wurde Magenta ganz warm ums Herz.

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