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Küss mich wach, mein Prinz

1. KAPITEL

Er war wieder da!

Heath stand auf dem Hügel der Heidelandschaft, genau in der Mitte zwischen den beiden Häusern, deren Einwohner seine Vergangenheit geprägt hatten.

Hoch auf der Anhöhe befand sich das große, im traditionellen Stil erbaute Steinhaus, das in der Gegend als High Farm bekannt war. Es war mittlerweile völlig vernachlässigt und musste dringend renoviert werden. Von den Fensterrahmen blätterte die Farbe ab, der Garten war total verwildert. Trostlos und abweisend stand es da. Im Hintergrund trotzten die knorrigen alten Bäume dem Sturm. Und im Tal erhob sich majestätisch das Grange – elegant und gepflegt, umgeben von weitläufigen Rasenflächen und einem üppigen Rosengarten. An einer Seite des Herrenhauses, das in einem satten Goldton leuchtete, glitzerte das Wasser des Swimmingpools im Sonnenschein.

In einem dieser Häuser hatte er einen Großteil seiner Kindheit und Jugend verbracht, doch es war nie richtig sein Zuhause gewesen, nie hatte er richtig dazugehört. Mit dem Tod des Mannes, der ihn bei sich aufgenommen hatte, war auch jede Spur von Geborgenheit verschwunden, die eine Familie gemeinhin bot.

Das andere Haus war für ihn tabu gewesen. Man hatte ihn nicht einmal über die Türschwelle gelassen, geschweige denn in eins der eleganten, exquisit eingerichteten Zimmer geführt. Nur ein einziges Mal hatte er das Haus betreten. Weiter als bis zur Eingangshalle hatte er es jedoch nicht gebracht. Man hatte ihn am Schlafittchen gepackt und mit einem Fußtritt wieder hinaus in den peitschenden Regen befördert. Noch Tage später hatte er die Steinchen herausgezogen, die sich durch den Sturz auf die Kiesauffahrt schmerzhaft in sein Gesicht gebohrt hatten.

Er war wieder da, doch sein Zuhause war dies nicht.

„Zuhause! Dass ich nicht lache!“

Heath kickte einen Stein aus dem Weg und sah zu, wie er den Weg entlanghüpfte und schließlich in einem Grasbüschel liegen blieb. Es war nie sein Zuhause gewesen, auch wenn er sich das einmal erhofft hatte. Vor zehn Jahren hatte er diesem Ort als mittelloser Teenager den Rücken gekehrt, als er sich verraten und zurückgewiesen fühlte und das Leben hier nicht mehr ausgehalten hatte. In jener scheußlichen Nacht heulte ein eisiger Sturm übers Moor, und der Regen brannte ihm in den Augen und durchnässte ihn völlig.

Er besaß nichts außer der Kleidung, die er am Leib trug. Seine armseligen Ersparnisse hätten das Mitleid eines jeden Bettlers erregt. Aber eines Tages, so hatte er sich damals geschworen, würde er zurückkommen. Doch nicht bevor er es zu Reichtum, Ansehen und Macht gebracht hatte, sodass keiner der Nicholls oder Charltons ihm je wieder etwas anhaben könnten.

Dafür hatte er zehn Jahre gebraucht, und nun war der Tag gekommen. „Rache genießt man am besten kalt“, hieß es ja landläufig. Und er hatte lange genug Zeit gehabt, eiskalt zu werden, um seine Rache richtig auskosten zu können. Alles war gut vorbereitet. Der erste Trumpf war ausgespielt, der erste Dominostein so positioniert, dass bei dem geringsten Anstoß alle anderen krachend zu Boden gehen würden – wie seine Feinde.

Der Wind zerzauste sein Haar und wehte es ihm in die gerunzelte Stirn und die zusammengekniffenen Augen. Als Heath es zurückschob, spürte er die Narbe auf der Wange und lächelte grimmig bei der Erinnerung, wie er dazu gekommen war.

Joseph Nicholls würde seine Tat noch vor dem Ablauf dieser Woche bitter bereuen.

Und Josephs Schwester? Was war mit Kat?

„Katherine …“

Es war ein Fehler, an sie zu denken. Verzweifelt versuchte er, die Erinnerungen zurückzudrängen, die er in die dunkelsten Winkel seiner Seele verbannt hatte. Dabei war er sicher gewesen, sie wären längst begraben und vergessen.

Jetzt musste er sich voll und ganz auf die Pläne konzentrieren, die er umzusetzen gedachte. Er durfte sich so kurz vorm Ziel nicht durch Erinnerungen an das Mädchen beziehungsweise die Frau, zu der sie inzwischen gereift sein musste, ablenken lassen. Kat hatte ihm das Herz gebrochen und war darauf herumgetrampelt. Natürlich würde er sie später sehen. Es war unmöglich, nach Hawden zu kommen und ihr nicht zu begegnen. Wie könnte er diesen Ort wieder verlassen, ohne sich mit den bitteren Schatten der Vergangenheit auseinanderzusetzen? Die Narben, die Kat seiner Seele zugefügt hatte, waren verheerender als die in seinem Gesicht und an seinem Körper, die ihr Bruder und ihr Ehemann dort hinterlassen hatten.

Er musste Kat ein letztes Mal sehen, bevor er Hawden Valley endgültig den Rücken kehrte. Doch zunächst galt es andere Dinge zu erledigen. Andere Erinnerungen mussten aus seinem Gedächtnis getilgt, Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten gerächt werden. Es wurde Zeit, den Familien, die ihn wie Dreck behandelt hatten, zu demonstrieren, dass sie ihm nichts mehr anhaben konnten, denn jetzt hielt er alle Macht in den Händen.

Katherine Nicholls – inzwischen Katherine Charlton – konnte noch eine Weile warten. Er musste sie noch einmal sehen, um einen Schlussstrich unter das zu ziehen, was sie einmal verbunden hatte. Erst dann konnte er sich sicher sein, dass die Geschichte endgültig vorbei war. Diese Begegnung sollte unmittelbar vor seiner Abreise aus Hawden stattfinden. Ein letzter Blick und ein Abschied für immer!

„Sie haben Besuch, Mrs Charlton.“

Kat, die über Papieren brütete, sah nicht einmal auf, als Ellen das Zimmer betrat, wunderte sich jedoch, als die Haushälterin an der Tür stehen blieb. Hatte es denn geläutet oder an der Tür geklopft? Und wieso war Ellen plötzlich so förmlich? Normalerweise sagte sie einfach Kat.

Allerdings erst seit Arthur vor einem knappen Jahr gestorben war. Er hatte auf strikte Förmlichkeit bestanden – wie er es in seinem Elternhaus eben gewohnt gewesen war. Nach seinem Tod hatte Kat diesem steifen Gehabe schnell ein Ende gesetzt.

„Wer ist es denn, Ellen?“

„Ich soll nur sagen, es wäre Besuch aus London.“

Das klang mysteriös. Doch dann fiel Kat ein, wer sie an diesem Tag aufsuchen sollte. Seit Monaten ging es hier drunter und drüber. Seit Arthurs plötzlichem Tod und den anschließenden Entdeckungen, die sie zu ihrem großen Entsetzen gemacht hatte, war hier nichts mehr wie früher. Heute sollte sie nun erfahren, wo genau sie stand. Falls sie nicht vor Schreck ohnmächtig zu Boden fiel.

„Dann bitten Sie den Besuch herein, Ellen!“

Die Anspannung war ihrer Stimme anzuhören. Immerhin wurde Arthurs Anwältin erwartet, die ihr berichten würde, wie es weitergehen sollte. Auch Ellens Zukunft hing davon ab, was die Anwältin zu sagen hatte. Ganz zu schweigen von all den anderen Angestellten auf dem Gut. Ihr Ehemann hatte all diese Menschen im Stich gelassen. Auch über ihr Schicksal wurde heute entschieden.

Nervös blickte Kat wieder zu den auf dem Schreibtisch liegenden Papieren, während sie wahrnahm, wie sich Ellens Schritte entfernten. Hoffentlich hatte die Anwältin gute Nachrichten, an die Kat sich nach den Monaten der Ungewissheit klammern konnte. Das Schicksal so vieler Menschen hing davon ab. Wie gern würde sie ihnen helfen.

Bei dem Ausmaß der Probleme, die Arthur hinterlassen hatte, wurde ihr schwindlig. Schlimm genug, dass er unglaublich viel Geld verzockt und für andere widerwärtige Dinge ausgegeben hatte, aber der Schuldenberg, der sich durch seine geschäftlichen Machenschaften aufgetürmt hatte, wurde mit jedem Gläubiger höher. Insbesondere die Itabira Corporation mit Sitz in Südamerika stellte immense Forderungen. Ihr verstorbener Mann hatte das Gut zugrunde gewirtschaftet. Jeder Penny war für seinen abgründigen Lebensstil draufgegangen, den er nach der Heirat sorgfältig vor ihr verborgen hatte. Schon vor der Hochzeit war er diesem Zeitvertreib verfallen. Jedenfalls musste Kat sich eingestehen, dass sie überhaupt nicht wusste, wer Arthur Charlton eigentlich war.

Sie hatte sich ein völlig falsches Bild von ihm gemacht. Der Mann, mit dem sie die Ehe eingegangen war, hatte nie existiert. Hätte sie damals nur die Hälfte von dem gewusst, was sie inzwischen aufgedeckt hatte, sie hätte seinen Heiratsantrag niemals angenommen.

Sollte es sich bei dem Besuch tatsächlich um die Anwältin handeln, musste sie eine Geschlechtsumwandlung hinter sich haben. Die Schritte, die jetzt näher kamen, waren bedeutend schwerer als Ellens leichtfüßiger Gang. Es waren die Schritte eines Mannes und zwar eines sehr selbstbewussten, entschlossenen Mannes.

Hinter ihr verhallten die Schritte. Der Besucher musste das Zimmer bereits betreten haben. Bevor sie Gelegenheit hatte, höflich den Blick auf ihn zu richten, vernahm sie eine Stimme, bei deren Klang ihr schwindlig wurde.

„Hallo Kat.“

Diese Stimme …

Das war doch nicht möglich! Ihr Verstand spielte ihr wohl einen Streich! Und doch …

„Heath?“

Ein heiseres Flüstern. Die Papiere glitten ihr aus den Händen und fielen auf den Schreibtisch. Kat zwang sich aufzublicken. Der Anblick des Mannes, der dort an der Tür stand, brachte Kats Welt gefährlich ins Wanken.

Hallo Kat. Niemals hätte sie es für möglich gehalten, je wieder diese Stimme zu hören. Fast erschien es ihr, als wäre er von den Toten wiederauferstanden und hätte das Zimmer wie ein Geist betreten. Um ihre Gegenwart heimzusuchen, so wie er Kat auch in der Vergangenheit bis in ihre Träume verfolgt hatte.

„Heath!“

Er war es tatsächlich. Und dann auch wieder nicht. Dieser Mann war größer, schlanker, muskulöser, stärker, sonnengebräunt. Ganz anders und doch seltsam vertraut. Der ungebändigte Junge mit den blitzenden Augen, den schnellen Fäusten und dem kummervollen Herzen war noch da. Sie erkannte ihn an den dunkelbraunen Augen. Doch dieser Junge verbarg sich nun hinter einem selbstbewussten und perfekten Äußerem. Einer weltmännisch auftretenden, unglaublich sexy Erscheinung.

Dieser Mann war groß und schlank. Das einstmals lange blauschwarze Haar zu einer eleganten Kurzhaarfrisur geschnitten. Der durchtrainierte Körper steckte in einem maßgeschneiderten stahlgrauen Anzug, der die schmale Taille und die langen muskulösen Beine betonte. Die auf Hochglanz polierten, handgearbeiteten schwarzen Lederstiefel bildeten einen interessanten Kontrast zum blauen und in cremefarbenen Pastelltönen gemusterten flauschigen Teppich. Ein blütenweißes Hemd betonte Heaths dunklen Teint. Diese tiefe Sonnenbräune deutete auf einen langjährigen Aufenthalt in einem Land hin, das wesentlich sonnenverwöhnter sein musste als die Yorkshire Moors. Ein schwarzer Regenmantel hing lässig von den breiten Schultern. Dieser Anblick erinnerte Kat an einen Straßenräuber aus längst vergangenen Zeiten, der jeden Moment eine Pistole zücken und die Herausgabe aller Wertgegenstände fordern würde. Und was war das? In einem Ohrläppchen glitzerte ein tiefgrüner Smaragd im spärlichen Tageslicht, das durch das Fenster drang. Das Schmuckstück war fantastisch und von exotischer Schönheit – genau wie der Mann, der nun vor ihr stand.

„Du bist es wirklich.“

Früher, als sie noch befreundet gewesen waren, hätte sie sich sehr darüber gefreut, Heath zu sehen. Doch diesen Heath gab es nicht mehr. Seit dem unrühmlichen Abschied damals, bei dem Heath wüste Drohungen ausgestoßen hatte, war die freundschaftliche Verbundenheit zu ihr und ihrer Familie zerrissen. Seine feindselige Körpersprache, das eisige Glitzern in den dunklen Augen machten nur zu deutlich, dass Heath nicht hergekommen war, um in gemeinsamen Erinnerungen zu schwelgen.

Da Kat sich noch sehr gut an ihre damalige Freundschaft erinnern konnte, lief es ihr angesichts dieses feindseligen Auftritts kalt den Rücken hinunter.

Seine Stimme klang plötzlich weit entfernt. Eine tiefe, raue Männerstimme mit ausländischem Akzent. Einerseits vertraut, andererseits völlig fremd.

„Wen hattest du denn erwartet?“, erkundigte er sich.

Der eisige Tonfall schnitt ihr ins Herz. Kat hatte plötzlich das Gefühl, der Boden unter ihren Füßen schwankte.

Dieser Mann war mal ein ganz wichtiger Teil ihres Lebens gewesen. Ein enger Freund, mit dem sie aufgewachsen war, mit dem sie gemeinsam um ihren Vater getrauert hatte, der sie vor ihrem tyrannischen Bruder beschützt hatte, und der dann von einem Tag auf den anderen aus ihrem Leben verschwunden war – ohne Erklärung, ohne sich je wieder bei ihr zu melden. Nächtelang hatte sie sich vor Kummer in den Schlaf geweint, wohingegen Heath sie einfach aus seinem Gedächtnis gestrichen zu haben schien. Fast zehn Jahre lang hatte sie nichts von ihm gehört.

Und nun genügte ein einfaches „Hallo Kat“, um ihre Welt auf den Kopf zu stellen.

Aber genau diese Drohung hatte er ja damals ausgestoßen! Eines Tages würde er zurückkommen und ihr Leben völlig durcheinanderwirbeln, hatte er finster prophezeit.

„Welchen Besucher hatten Sie erwartet, Miss Katherine?“

Der zynische Tonfall war neu. Auch die ganze Aufmachung erinnerte nicht an den Heath, den sie mal gekannt hatte. Dieser Mann wirkte elegant, weltmännisch, gefährlich. Sein Auftreten erinnerte an ein Raubtier, das die zivilisierte Atmosphäre dieses Hauses bedrohte. Dabei wusste Kat leider nur zu gut, wie trügerisch der Anschein von ‚Zivilisation‘ sein konnte.

Hinter der weltmännischen Fassade verbarg sich noch immer der wilde, ungezügelte Junge, der stets auf der Hut und bereit zum Kampf oder zur Flucht war – je nachdem, was gerade geboten erschien.

An Flucht schien er nicht zu denken. Kat erkannte den alten Heath im herausfordernden Glitzern seiner wunderschönen goldbraunen Augen. Selbst durch noch so erlesene, elegante Kleidung ließ sich diese rebellische Haltung nicht verbergen. Seine Gesichtszüge wirkten vertraut, doch die Herzlichkeit von früher war verschwunden. Es war tatsächlich Heath, der vor ihr stand, aber es war nicht mehr der alte, vertraute Heath, der ihr so sehr gefehlt hatte. Dieser schmerzvolle Verlust tat weh.

„Miss Katherine!“, stieß sie spöttisch mit bebender Stimme hervor. „Früher hast du Kat zu mir gesagt.“

„Früher warst du ja auch Kat.“

Wie kühl und distanziert er sie ansah, als er den langen Mantel von den Schultern gleiten ließ und lässig über eine Stuhllehne hängte.

Die plötzliche Wandlung vom Straßenräuber zum eleganten Gentleman verschlug Kat einen Moment lang den Atem.

„Das ist tatsächlich lange her“, sagte sie steif. „Wir waren noch Kinder und wussten es nicht besser.“

Hatte er denn in all den Jahren gar nichts dazugelernt? Heath ärgerte sich über sich selbst. Was hatte er sich nur dabei gedacht, einfach hier aufzutauchen? Hatte er sich nicht geschworen, sich lediglich mit den beiden Männern auseinanderzusetzen, die ihm damals das Leben zur Hölle gemacht hatten? Die Männer hatten ihn wie ein Tier behandelt. Er war nach Hawden gekommen, um ihnen zu zeigen, was aus ihm geworden war. Sie sollten aus seinem Mund erfahren, dass sie ihm ausgeliefert waren. Das war seine Rache für ihre Beleidigungen, ihre Grausamkeit. Er wollte ihnen die Tatsachen ins Gesicht schleudern und dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Der Plan ging auf, jedenfalls was Joseph Nicholls betraf. Bei Arthur Charlton lag die Sache anders. Bei der Nachricht vom Tod des Mannes hatte Heath sich richtiggehend um seine Rache betrogen gefühlt. Er hatte sich so darauf gefreut, den Earl am Boden zu sehen, und fühlte sich nun völlig frustriert. Aus diesem Gefühl heraus hatte er sich auf den Weg zu ihr gemacht, obwohl er sich geschworen hatte, sie niemals wiederzusehen.

Und nun stand er vor Katherine Charlton, der ehemaligen Katherine Nicholls. Diese Frau hatte ihm endgültig das Herz gebrochen, nachdem ihr Bruder und dessen bester Freund auch sein Selbstwertgefühl fast komplett zerstört hatten.

„Unsere Kindheit liegt lange zurück.“ Heath nickte zustimmend. „Jetzt sind wir erwachsen.“

Genau hier lag der Fehler begründet, den er gemacht hatte. Die Erinnerungen an die wenigen glücklichen Jahre seiner Kindheit hatten ihn bei seiner Rückkehr nach England eingeholt und so konnte er der Versuchung nicht widerstehen, wenigstens ein einziges Mal das Grange aufzusuchen, um zu sehen, was aus Kat geworden war.

Mit einem einzigen Blick auf sie wollte er sich zufriedengeben – so der Plan. Und dann auf Nimmerwiedersehen.

Doch dieser eine Blick sollte sich als fatal für Heaths Seelenfrieden erweisen. Fatal für seinen Entschluss, Hawden und allen damit verbundenen Erinnerungen ein für alle Mal den Rücken zu kehren. Dieser eine Blick machte es ihm unmöglich, Katherine Charlton wieder zu verlassen. Durch einen einzigen Blick war ihm bewusst geworden, dass er sie noch immer begehrte – heftiger als er je eine andere Frau begehrt hatte. Er musste sich mental und physisch von ihr entfernen, bevor das überwältigende Verlangen nach ihr seine kühle Logik beeinträchtigte, die in dieser Situation erforderlich war.

Natürlich war ihm klar gewesen, dass Katherine noch immer attraktiv sein würde. Wie hätte es anders sein können? Schon als junges Mädchen hatte sie alle Blicke auf sich gezogen.

Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich zu so einer Schönheit entwickeln würde.

Aus dem schlaksigen Mädchen von einst war eine verführerische Frau geworden, deren sanft geschwungene Kurven sein Herz schneller schlagen ließen. Diese elegante Dame erinnerte nur noch schwach an die wilde Kat von damals. Das lange dunkle Haar, das sie stets offen getragen hatte, war nun zu einem Pferdeschwanz hochgebunden, der bei jeder Kopfbewegung hüpfte. Das Gesicht war schmaler, was die hohen Wangenknochen betonte, die tiefblauen, dicht bewimperten Augen wirkten riesig. Selbst in diesem schlichten blauen Baumwollkleid wirkte Kat aristokratisch, als hätte sie schon immer im Herrenhaus gelebt. Dabei hatten sie als Kinder nur verstohlene Blicke durch die Fenster geworfen – sehnsüchtig und voller Angst, erwischt zu werden.

„Kinder sind wir wirklich nicht mehr.“ Kat lachte freudlos. „Die Zeiten sind lange vorbei.“

Ihre kühlen Worte, die wohl darauf abzielten, eine gewisse Distanz zu ihm zu schaffen, konnten das Feuer in ihm allerdings nicht löschen. Im Gegenteil, sie heizten sein brennendes Verlangen erst recht an. Er musterte die indignierte Miene, mit der sie ihn auf aristokratisch arrogante Art betrachtete, und ließ den Blick über Kat gleiten, bis er bei den eleganten blauen Sandaletten angelangt war.

„Du bist wahrhaftig kein Kind mehr, sondern eine wirkliche Lady.“

Ihr verärgerter Blick verriet, dass ihr bewusst war, wie diese Worte gemeint waren: keinesfalls als Kompliment. Offensichtlich wusste sie nur zu gut, worauf Heath anspielte.

Denn das Grange war nur für ihn tabu gewesen. Daran erinnerte er sich jetzt wieder voller Verbitterung. Kat war der Zugang zum Herrenhaus, wie es landläufig bezeichnet wurde, nicht verwehrt worden. An dem Abend, als die Wachhunde Kat und ihn im Garten gehört, auf sie zugestürmt und angegriffen hatten – eine der Bestien hatte Kat ins Bein gebissen –, war Kat eilig ins Haus getragen worden. Sie wurde ärztlich versorgt und durfte in einem der Gästezimmer schlafen. Trotz des heftigen Unwetters hatte man ihn wie einen räudigen Hund vom Grundstück gejagt. Als er bald darauf auf High Farm auftauchte, hatte Kats Bruder Joseph ihn ausgepeitscht und angebrüllt, was ihm einfiele, unbefugt das Grundstück ihres aristokratischen Nachbarn zu betreten.

Seit diesem Vorfall waren Kat und er auseinandergedriftet. Die Erfahrung, wie luxuriös und angenehm das Leben im Grange war, hatte sie über Nacht verändert. Plötzlich hatte sie keine Ähnlichkeit mehr mit dem wilden, unbeschwerten Mädchen, sondern schien sich der Auffassung ihres Bruders angeschlossen zu haben. Mit jedem Tag hatte sie sich weiter von Heath entfernt. Reserviert und distanziert schaute sie ihn nun mit ihren blauen Augen an. Offensichtlich betrachtete sie ihn als Eindringling in ihre elegante Welt.

In diesem Moment wusste nur er selbst, dass er wesentlich mehr war als ein Eindringling. Schon bald würde auch Kat erfahren, wie sich das Blatt inzwischen gewendet hatte. Früher wäre er mit dieser Neuigkeit sofort herausgeplatzt. Doch mit den Jahren hatte er gelernt zu warten und wusste, dass sich Geduld immer auszahlte.

„Ich bin erwachsen geworden“, schleuderte sie ihm nun entgegen und bedachte ihn mit einem eisigen Blick. „Du hoffentlich auch.“

Ja, sie war allerdings erwachsen, und sie hatte sich womöglich noch weiter von ihm entfernt. Die Kinderfreundschaft, die sie einmal verbunden hatte, existierte nicht mehr. Vielleicht hatte er sich ihre enge Verbundenheit auch nur eingebildet. Nüchtern betrachtet hatte sie sich mit ihm wahrscheinlich nur die Langeweile vertrieben.

Allerdings fiel es ihm unendlich schwer, bei ihrem Anblick sachlich zu bleiben. Schon als Teenager war er vor Verlangen nach ihr fast verrückt geworden. Doch sie hatte sich von ihm abgewendet und einem Mann hingegeben, der ihr Geld und Status bieten konnte. Jetzt war er nicht mehr der einsame Junge, der sich mit Gott und der Welt für sie angelegt hatte. Und die Gefühle, die er ihr jetzt entgegenbrachte, hatten nichts mit der Sehnsucht eines Jugendlichen zu tun, sondern spiegelten das heiße Verlangen eines erwachsenen Mannes wider. Eines Mannes, der durch die harte Schule des Lebens gegangen war.

Er begehrte diese Frau mit einem Verlangen, das in den zehn Jahren immer heftiger geworden war, obwohl er verzweifelt versucht hatte, seine heiße Lust zu leugnen.

Hatte er sich tatsächlich eingebildet, sich mit einem einzigen Blick auf Kat zufriedenzugeben? Ja, davon war er fest überzeugt gewesen. Wie hätte er ahnen sollen, dass ein einziger Blick auf die Frau, zu der sie sich entwickelt hatte, wildes, überwältigendes Begehren in ihm entfesseln würde, das sich nur schwer unterdrücken ließ? Wenn überhaupt …

Er war hergekommen, um sich an ihrem Bruder und an ihrem Ehemann zu rächen. Leider war der Earl plötzlich und unerwartet verstorben und so seiner Rache entkommen.

Aber mit Lady Charlton war er noch nicht fertig. Erst jetzt, da er ihr gegenüberstand, konnte er nicht mehr umhin, sich einzugestehen, wie sehr seine Vergangenheit ihn die ganzen Jahre beschäftigt hatte.

„Seit unserer letzten Begegnung ist viel Zeit ins Land gegangen“, sagte Heath. Sein ausdrucksloser Tonfall verbarg Heaths wahre Gefühle. „Inzwischen hat sich einiges geändert.“

„Allerdings.“

Kat fühlte sich nicht besonders wohl in ihrer Haut. Sie wusste nicht, wie sie sich diesem Mann gegenüber verhalten sollte, der sie nur entfernt an den Heath von früher erinnerte.

Sein kalter Blick sprach für sich. Fast hatte sie ein wenig Angst vor diesem Mann. Die tiefen Linien um Augen und Mund verrieten, dass er es offensichtlich nicht leicht gehabt hatte in den letzten zehn Jahren.

„Wie sollte es nach so langer Zeit auch anders sein?“ Ihre Stimme klang harsch. „Nach zehn Jahren Abwesenheit und Funkstille verdienst du es nicht, mit offenen Armen empfangen zu werden. Du scheinst kein einziges Mal an mich gedacht zu haben.“

„Öfter, als Sie an mich gedacht haben, Miss Katherine.“

Aus seinem Mund klang die Anrede zynisch, die Kats Bruder ihm eingebläut hatte. Dieser Heath, der es offensichtlich zu etwas gebracht hatte, würde sie nie wieder ehrerbietig anreden, wie Joseph es von ihm verlangt hatte. Das hatte der große, stolze Mann mit dem unerschrockenen Blick überhaupt nicht nötig. Die höflich gedachte Anrede klang wie eine Beleidigung und stellte Kat bloß.

„Wahrscheinlich sollte ich Lady Charlton sagen.“

„So heiße ich.“

Es lag an ihrer Nervosität, dass sie derart förmlich und distanziert antwortete. Fast erschrak sie selbst über diesen Tonfall, der eher an Arthur Charlton erinnerte. Kat wünschte, sie hätte sich den Kommentar verkniffen. Allerdings reagierte sie ja lediglich auf Heaths feindselige Haltung. Wieder empfand sie fast so etwas wie Furcht vor diesem Fremden, der ganz offensichtlich zu Reichtum gekommen war. Aber wie und wodurch?

„Dann weißt du also von meiner Heirat?“

Sie konnte sich nur vorstellen, wie er auf diese Nachricht reagiert haben musste. Dabei konnte er ja nicht einmal ahnen, wie es ihr seit seiner Abreise ergangen war. Heath hatte eine große Lücke in ihrem Leben hinterlassen, und sie war verzweifelt bemüht gewesen, sie auszufüllen.

Er nickte langsam und musterte sie mit eisigem Blick.

„Ja, ich habe davon gehört und mir vorgenommen, dir eines Tages meine Aufwartung zu machen, um dir zu gratulieren. Ich konnte ja nicht ahnen, dass dein Mann dich zur Witwe machen würde, bevor ich dir meinen Glückwunsch aussprechen konnte. Stattdessen muss ich dir jetzt wohl kondolieren.“

„Arthurs Tod war für uns alle ein Schock.“

Was sollte sie denn sonst sagen? Immerhin war es die Wahrheit und eine höfliche Umschreibung dessen, was sie tatsächlich empfunden hatte, als die Polizei ihr die schockierende Nachricht überbringen musste. Wie es wirklich um ihre Ehe stand, hatte sie sorgsam geheim gehalten.

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