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Küss mich und verrat mir allesBAC_

1. KAPITEL

Das kann doch nicht wahr sein!

Hanna Wilde beendete das Gespräch mit der Textilreinigung im Haus nebenan und starrte auf ihr Mobiltelefon.

Er war hier in Milton. Zahlreiche Meilen und einige Staaten entfernt von seinem Zuhause in Washington, D. C.

Mit er meinte sie nicht den Mann, der für ihre monatelange Flucht verantwortlich war. Nein, bei dem Mann, der sich gerade auf dem Weg zu ihrem Apartment befand, handelte es sich um den Sohn dieses furchtbaren Menschen.

Carter Jameson. Der jüngste Bruder der berühmten Jamesons, der Familie, die einst ihren Vater beschäftigt hatte.

Ihre unerwiderte Schwärmerei aus Teenagerzeiten.

Es war schon erstaunlich, dass allein der Nachname Jameson genügte, um ihre Welt aus den Fugen geraten zu lassen. Dabei verspürte sie mittlerweile keine Angst mehr, nur noch Ärger – oder vielleicht doch noch ein bisschen Furcht? Vermutlich ein wenig von beidem.

Sein Besuch hier bedeutete, dass man sie wieder einmal aufgespürt hatte. Zuvor hatte Carters Vater Eldrick sie mit Briefen unter Druck gesetzt, was seine Anwälte dann fortgeführt hatten, die Hanna zu einem persönlichen Treffen bewegen wollten. Als sie nicht darauf reagiert hatte, war Eldrick dazu übergegangen, sie persönlich aufzusuchen. Obwohl sie getan hatte, was Eldrick von ihr verlangt hatte. Sie war weder nach Virginia gereist, noch hatte sie Kontakt mit Carter aufgenommen – und darüber hinaus hatte sie geschwiegen.

So vieles hatte sie an die Jamesons verloren – ihren Vater, ihre Schwester, ihren inneren Frieden. Und jetzt sah es beinahe danach aus, als wäre diese Familie immer noch nicht zufrieden, trotz allem, was sie ihr angetan hatten.

Rasch verstaute sie ihr Handy in der Hosentasche ihrer Jeans und eilte zum einzigen Wandschrank in ihrem Einzimmerapartment. Hier befanden sich ihre Kleider, ihre Putzutensilien und somit alles, was sie ihr eigen nannte, inklusive eines Fotoalbums. Wenn die Jamesons wieder zur Jagd auf sie angesetzt hatten, war es wohl besser, die Stadt zu verlassen. Persönliche Kontakte hatte sie hier sowieso so gut wie keine, lediglich das Album würde sie begleiten. Schließlich war es alles, was von ihrer Vergangenheit noch übrig war – einer Vergangenheit, die sie so häufig zu vergessen versucht hatte.

Es klopfte an der Tür. Hanna war gerade dabei, sich hinzuknien, um die quietschende Tür des Schranks aufzuziehen. Jetzt verharrte sie in der Bewegung, um kein Geräusch zu verursachen.

Ihr Herz schlug wie wild, als sie angespannt in die Stille lauschte.

Erneutes Klopfen.

„Hallo?“ Eine tiefe, männliche Stimme erklang und ließ Hanna wohlig erschauern. Doch kein zweites Mal würde sie dieser sexy Stimme verfallen, schließlich war sie kein Teenager mehr. Sie wusste es besser … zumindest in der Theorie. „Was?“, fragte sie ungehalten.

„Hanna?“

Es klang vertraut, als würde er sie kennen, doch das war schon viele Jahre her.

„Sie ist nicht hier“, erwiderte sie wenig überzeugend.

Eine Weile lang schwieg der Mann, und Hanna schlich auf Zehenspitzen zur Tür. Sie konnte den Schatten von Carters Füßen unter dem Türspalt sehen.

„Bist du sicher, oder willst du dir lieber eine glaubwürdigere Ausrede ausdenken, Hanna Wilde?“

Sie konnte schlecht so tun, als ob er sich in der Tür geirrt hätte. Der Mann, von dem sie sich fernhalten sollte, stand draußen auf dem Flur. Möglicherweise war nun er damit beauftragt worden, sie davon abzuhalten, sein schändliches Geheimnis zu verraten. Wie dem auch sei – sie konnte schließlich nichts dafür, dass er sie gefunden hatte, obwohl sie versucht hatte, ihm aus dem Weg zu gehen, oder? Schwungvoll öffnete sie die Eingangstür und wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen. Doch bei Carters Anblick vergaß sie, was sie hatte sagen wollen.

Er war groß, über einen Meter achtzig, und überragte Hanna, die selbst nicht gerade klein war.

Ein Millionär, der in eine überaus privilegierte Familie hineingeboren war, der Typ Mensch, der gewohnt war zu tun, was er wollte, ohne dabei an die Folgen zu denken. Eine lange Ahnenreihe von Landbesitzern in Virginia, die sich selbst als Südstaatengentlemen betrachteten. Sein faszinierendes Äußeres – glänzend schwarzes Haar und unergründlich dunkle Augen – hatte Carter von seiner japanischen Großmutter.

Er war der jüngste Sohn der Jamesons, der Playboy ohne Verpflichtungen, der im Vergleich zu seinen beiden älteren Brüdern relativ unbeschwert aufgewachsen war. Niemand verlangte oder erwartete etwas von ihm.

Seit nahezu einem Jahr lebte Carter nun in Kalifornien. Nachdem er in das Leben ihrer Schwester geplatzt war und es zerstört hatte.

„Es ist so lange her“, sagte er und klang beinahe so, als freute er sich wirklich über das Wiedersehen.

Doch Hanna ignorierte die verräterischen wohligen Gefühle, die sie beim Klang seiner samtigen Stimme durchströmten. „Was willst du?“

„Was für eine interessante Begrüßung“, erwiderte er unbeschwert und fröhlich, als würde ihm ihr kühler Empfang nichts ausmachen.

Dieser Typ, der ihre Schwester zu exklusiven Abendessen ausgeführt, ihr Versprechungen gemacht und schließlich ohne ein Wort die Stadt verlassen hatte – dieser Mann tat jetzt so, als wäre nichts geschehen. Tat so, als läge ihm etwas an ihr.

„Warum bist du hier?“ Sie umfasste den Türrahmen und spürte das Holz unter ihren Nägeln, so fest griff sie zu. Den größten Teil ihres Körpers verbarg sie hinter der Wand, als könnte sie sich so vor Carters überwältigender Ausstrahlung schützen. Außerdem konnte sie so die Tür rasch schließen, falls er noch einen Schritt näher kam.

Sie fragte sich, weshalb sein Anblick sie so sehr aus der Fassung brachte. Warum ihr Herz nach all der Zeit immer noch einen kleinen Hüpfer machte, wenn sie ihn sah. Sie wusste, dass ihre Reaktion auf Carter alles andere als vernünftig war. Im Gegenteil, sie hatte sogar etwas Selbstzerstörerisches. Dennoch konnte Hanna es nicht verhindern, dass diese Empfindungen sie überwältigten. Sie fragte sich, ob sie ihre Gefühle für ihn tatsächlich überwunden hatte, wovon sie eigentlich ausgegangen war.

Während sie beide wortlos voreinander standen, erlosch allmählich das fröhliche Blitzen in Carters dunklen Augen. „Hanna? Erinnerst du dich an mich?“

Unwillkürlich lachte sie kurz auf. Er hatte ja gar keine Ahnung, wie oft sie von ihm geträumt hatte! „Natürlich.“

„Geht es dir gut?“ Er sah an ihr vorbei in ihr Apartment.

„Bis vor drei Minuten schon.“

Er seufzte resigniert. „Mein Vater schickt mich.“

Plötzlich wurde Hanna von dem Verlangen überwältigt, ihn anzuschreien. „Und weshalb? Um mir zu sagen, dass ich mich fernhalten soll? Nun, das habe ich getan. Ich habe dich schließlich nicht gebeten, hierherzukommen.“

„Wovon sprichst du überhaupt?“

„Was auch immer er dieses Mal will – ich sage Nein“, erwiderte sie entschlossen und versetzte der Tür einen kräftigen Stoß, um Carter auszusperren.

Doch er hielt die Tür auf, bevor sie ins Schloss fallen konnte. „Moment mal. Was meinst du denn mit dieses Mal?“

Offenbar waren seine Reflexe so trainiert wie sein Körper. Er schien nur aus Muskeln und breiten Schultern zu bestehen … und erst diese perfekten Wangenknochen … Mann, wie sehr sie die Jamesons und ihre verfluchten sexy Gene hasste!

„Du musst jetzt gehen!“ Eigentlich hatte sie ihm das jetzt schon mehrmals deutlich zu verstehen gegeben. Sie hoffte, dass er es jetzt verstand.

„Was hat er getan, mein Vater? Deine Reaktion auf mich ist etwas … verstörend.“

Es kam Hanna äußerst unglaubwürdig vor, dass Carter so unvermittelt auftauchte und völlig ahnungslos tat. „Ich bitte dich, das weißt du doch wohl.“

„Hanna“, erwiderte er eindringlich. „Wie lange ist es her, dass wir uns gesehen haben? Zehn Jahre?“

Das stimmte, und obwohl es so lange her war, fühlte es sich für sie immer noch ein bisschen so an, als wäre es gestern gewesen. „Worauf willst du hinaus?“

„Normalerweise muss ich eine Frau schon etwas öfter sehen, damit sie wütend auf mich ist“, entgegnete er und zog eine Augenbraue hoch. „Oder muss ich davon ausgehen, dass mein Vater verantwortlich ist für deine schlechte Laune?“

Oh, er war wirklich geschickt. Wie ruhig er vor ihr stand, die Hände in den Taschen seiner schmal geschnittenen schwarzen Hose. Die graue Winterjacke betonte seine schmale Taille und hatte sicherlich mehr gekostet als ihr altes Auto, dessen Seitenspiegel mit Klebeband befestigt waren.

Eines musste sie Carter Jameson lassen – der attraktive Teenager hatte sich zu einem sexy Mann mit unerschütterlichem Selbstvertrauen entwickelt. Die Mischung aus perfekten Genen und einem gesunden Selbstbewusstsein war einfach unwiderstehlich. Carter hatte seinen Platz im Leben gefunden.

Zu schade, dass er nicht mehr als ein verlogener Bastard war.

„Die Drohungen“, sagte sie und bemerkte seinen verwirrten Blick. Netter Versuch, dachte sie. „Das Baby.“

Plötzlich erblasste Carter und sah sie entsetzt an. „Oh, mein Gott! Bitte sag mir nicht, dass du ein Kind von meinem Vater bekommen hast!“

„Was?“, rief sie völlig entgeistert.

„Weißt du …“, Carter hob abwehrend die Hände, „… er ist ziemlich charmant. Das behaupten zumindest einige Frauen. Ich kann das zwar nicht nachvollziehen, aber …“

„Hör sofort auf!“, rief Hanna und packte ihn an seiner Jacke, als sie bemerkte, dass einer ihrer neugierigen Nachbarn auf der anderen Seite des Flurs die Tür öffnete. Rasch zog sie Carter in ihr Apartment und schloss die Tür. Jetzt waren sie zusammen in ihrer Wohnung gefangen. Ein Albtraum wurde wahr.

„Ich habe ganz bestimmt nicht mit deinem Vater geschlafen“, stieß sie empört hervor.

„Gut.“ Carter wirkte sichtlich erleichtert, und seine Wangen nahmen wieder Farbe an. „Du hast etwas von einem Baby gesagt.“

Das hätte sie besser gelassen, denn sie wollte sich keinesfalls mit diesem schmerzhaften Teil ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. „Wie hat dein Vater mich gefunden?“, fragte sie stattdessen.

„Wieso gefunden? Bist du denn verloren gegangen?“, fragte er verblüfft.

Doch sie kaufte ihm seine Ahnungslosigkeit nicht ab. „Lass es uns abkürzen. Warum bist du hier?“

„Okay“, erwiderte er und sah ihr unverwandt in die Augen. „Es ist eine lange Geschichte, aber um ehrlich zu sein, hat mein Vater mich gebeten, dich aufzusuchen – und dir das hier zu geben.“

Er hielt ihr einen Briefumschlag hin – genau so einen wie die anderen, die die Boten seines Vaters ihr gebracht hatten. Allerdings ergab es keinen Sinn. Warum sollte er jetzt von ihr fordern, sich fernzuhalten, wenn sie es bereits tat? Doch die Vorstellung, einen weiteren von Eldrick Jamesons garstigen Briefen zu lesen, erschöpfte sie. Sie weigerte sich, sich weiterhin von ihm sagen zu lassen, was sie zu tun hatte.

Sie wollte den Brief um keinen Preis berühren. „Nimm das weg.“

Carter wedelte damit vor ihrer Nase herum. „Du willst ihn nicht?“, fragte er und schien dermaßen überrascht zu sein, dass Hanna beinahe laut losgelacht hätte. Er tat so, als hätte er wirklich keine Ahnung von den Machenschaften seines Vaters. Man schloss kein Geschäft mit einem Jameson ab, ohne den Kürzeren zu ziehen.

„Spar uns beiden die Zeit und erzähl mir, was drinsteht“, forderte sie Carter auf.

Er zuckte mit den Schultern. „Woher soll ich das wissen?“

„Willst du mir sagen, dass du ihn nicht geöffnet hast? Du bist den ganzen Weg hierhergeflogen und hast noch nicht einmal hineingesehen?“ Das kam ihr äußerst unglaubwürdig vor.

„Das klingt beinahe so, als wüsstest du es gern“, sagte er, und als Hanna nicht reagierte, ließ er seine Hand sinken. „Er hat den Umschlag für dich hinterlassen und gesagt, dass du ihn haben sollst.“

„Warum?“

„Ich dachte, das wüsstest du.“

Ihr Ärger verflog, stattdessen war sie frustriert. Sie hatte keine Ahnung, was hier vor sich ging. Allmählich begann sie sich zu fragen, ob Carter möglicherweise wirklich nichts wusste. „Ist das dein Ernst? Du weißt nicht, was dein Vater von mir will?“

„Bedauerlicherweise nein.“ Behutsam umrundete Carter ihren Kleiderschrank und die Kante ihres Bettes, um zum Fenster zu gehen. „Ich bin nicht sicher, wie ich es sonst sagen soll – ich entschuldige mich im Voraus für den Brief.“

„Das klingt ziemlich rätselhaft und …“

„Hattest du denn etwas mit meinem Vater? Ich meine, nicht sexuell, aber auf eine andere Weise?“

Auch beim zweiten Mal klang die Frage furchtbar. „Ich sage es noch einmal: Ich möchte nichts mit deinem Vater zu tun haben – und habe es auch nie gehabt.“

„Das ist neu.“

„Was meinst du damit?“

Carter schüttelte den Kopf. „Nun, er ist das vierte Mal verheiratet und hatte eine Reihe von Geliebten und Freundinnen. Deswegen bin ich davon ausgegangen, dass die Frauen auf ihn stehen.“

„Ich verstehe immer noch nicht“, entgegnete sie erschaudernd.

„Damit wären wir schon zwei.“ Er lächelte, als er sich in ihrer kleinen Wohnung umsah.

Was für eine Selbstsicherheit er ausstrahlt, dachte Hanna. Wie er einen Raum betrat und ihn sogleich beanspruchte. Er war älter geworden, erfahrener und noch attraktiver. Die vergangenen zehn Jahre hatten es gut mit ihm gemeint und aus dem verführerischen Jungen einen unwiderstehlichen Mann gemacht. Und wie sexy sein Lächeln war.

Als sie Teenager gewesen waren, hatte sie meist verlegen auf ihre Füße gestarrt, wenn Carter mit ihr gesprochen hatte – was nicht sehr häufig vorgekommen war. Sie war völlig verschossen in ihn gewesen. Heute war sie eine erwachsene Frau, die durch die Jamesons viel Leid erfahren hatte. Zwar musste sie Carter zugestehen, dass er umwerfend attraktiv war, doch sie war nicht mehr das naive Mädchen von damals. Sie war auf der Hut und würde sich nicht von Oberflächlichkeiten in die Irre führen lassen.

„Also hat dein Vater dir bloß aufgetragen, mich zu finden und mir diesen Brief zu überreichen?“

„Ja.“ Wieder hielt er ihr den Umschlag hin.

Sie verstand das alles nicht. Nie hatte sie etwas gesagt oder versucht, Carter zu treffen. Den verdammten Scheck seines Vaters über das Schweigegeld hatte sie wutentbrannt zerrissen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Eldrick einen weiteren Versuch unternehmen wollte, sich ihr Schweigen zu erkaufen. Es musste einen anderen Grund für Carters Besuch geben.

Plötzlich kam ihr ein furchtbarer Gedanke. „Ist er etwa mit dir hergeflogen?“, fragte sie entsetzt.

„Mein Vater?“ Carter schüttelte den Kopf. „Soweit ich weiß, ist er noch nicht einmal im Land. Er und seine neue Frau leben auf Tortola. Da ich in den letzten Wochen nichts mehr von ihm gehört habe, gehe ich davon aus, dass er immer noch da ist.“

Offensichtlich schien es Carter nicht weiter zu bekümmern, dass sein Vater weit entfernt auf einer der britischen Jungferninseln lebte. Sie für ihren Teil war mehr als erleichtert zu erfahren, dass das Familienoberhaupt der Jamesons außer Landes war. „Gut.“

Aufmerksam betrachtete Carter sie, während er sich an die Wand neben dem Fenster lehnte. „Ich gehe mal davon aus, dass du keine guten Erfahrungen mit meinem Vater gemacht hast.“

„Die gute Nachricht ist, dass du deine Mission erfüllt hast. Du kannst also wieder gehen“, erwiderte sie, ohne auf seine Vermutung einzugehen.

„Da ich immer noch den Umschlag habe, glaube ich nicht, dass mein Auftrag beendet ist.“

„Weißt du was? Glücklicherweise bin ich nicht mit ihm verwandt, also muss ich auch nicht tun, was er will.“

Stirnrunzelnd sah er sie an. „Willst du mir nicht erzählen, was zwischen euch vorgefallen ist?“

Auf gar keinen Fall würde sie ihren kleinen Vorteil verschenken und ihm sagen, was sie wusste. „Hey, du bist gekommen, um mich zu sehen – du hast mich gesehen, also …“ Sie streckte die Hand nach der Türklinke aus.

„Ich schätze, die schüchterne kleine Hanna ist erwachsen geworden.“

„Richtig“, sagte sie und hielt die Tür auf. „Und für sie ist dieses Gespräch beendet.“

Mit wenigen Schritten durchquerte er das Zimmer und blieb vor ihr stehen. „Du weißt schon, dass es nicht vorbei ist, oder?“

Krampfhaft umschloss sie den Türknauf. „Das sehe ich anders.“

Endlich lächelte er wieder. „Fürs Erste sag ich Goodbye, Hanna.“

Sobald er auf dem Flur stand, schlug sie die Tür hinter ihm zu. Ihr Herz hämmerte wie wild in ihrer Brust, und sie hatte das Gefühl, nicht mehr genügend Luft zu bekommen. Völlig erschöpft ließ sie sich auf den Boden sinken. Was nun?, fragte sie sich.

Carter ging durch die Lobby und trat hinaus in die Kälte des spätnachmittäglichen New York. Der Winter setzte hier früh und heftig ein. Im Wetterbericht hatten sie Schnee angesagt, und Carter war fest entschlossen, die Stadt zu verlassen, bevor es losging.

Es war kurz nach siebzehn Uhr, und Wolken verdunkelten die untergehende Sonne. Carter zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch, um sich vor dem beißenden Oktoberwind zu schützen. Als er zu Hannas Apartment hochsah, bemerkte er den schwachen Lichtschein hinter den zugezogenen Vorhängen.

Sie schien sich nicht sonderlich gut an ihn zu erinnern, doch er hatte einige äußerst lebhafte Erinnerungen an sie. Schüchtern war sie gewesen und hübsch. Sie hatte als Teenager auf dem Anwesen seiner Familie in Virginia gelebt und stets im Schatten ihrer älteren und lebhafteren Schwester gestanden. Die Mädchen der Familie Wilde – die wilden Mädchen, hatte er sie heimlich genannt. Damals hatte er Hanna und sich als Freunde betrachtet, bis sein Vater ihn angewiesen hatte, sie zu ignorieren und als das zu sehen, was sie war – die Tochter eines Angestellten.

Carter schüttelte den Kopf, als könnte er die unliebsamen Erinnerungen an den Menschen abschütteln, der er einst gewesen war. Nachdem er sich von seinem Zuhause gelöst hatte, war er freiwillig wieder dorthin zurückgekehrt, als sein Bruder ihn um Hilfe bat. Jetzt war Carter derjenige, der Hilfe benötigte – oder zumindest ein paar Informationen.

Also griff er nach seinem Handy und rief Jackson Richards an, der ein wahrer Quell an Informationen war, was Jameson Industries anbelangte. Außerdem war er einer der wenigen Menschen auf der Welt, die Carter mochte und denen er vertraute.

„Hey. Ich brauche deine Hilfe.“

„Das ist ja nichts Neues. Bist du immer noch auf dieser streng geheimen Mission für deinen Dad?“

Carter beschloss, diese Frage zu ignorieren, und hörte, wie Jackson auf einer Tastatur tippte. „Bist du bereit für die Liste?“

„Hast du immer noch keinen Assistenten?“

„Ich arbeite zurzeit gar nicht für die Firma. Ich bin froh, auf dem Landsitz in Virginia leben zu können – weit weg vom Familienunternehmen.“

Carters Vorliebe für das Landleben in Virginia erklärte sich aus dem früheren Bestreben seines Vaters, einen Keil zwischen ihn und seine Brüder zu treiben. Die beiden älteren hatte er „Vollblutgeschäftsleute“ genannt, seinen jüngsten Sohn hingegen „eine Enttäuschung“. Carter wusste gar nicht, wie oft er das zu hören bekommen hatte.

Er war nach D.C. zurückgekehrt, um nach seinen Brüdern zu sehen und ihnen bei ihrem Streit mit ihrem Dad wegen dessen Einmischung in die Firma beizustehen – und anschließend wieder zu verschwinden. Weil sich im Konflikt keine Lösung abzeichnete, hatte er den Landsitz der Familie in Virginia bezogen. Er genoss diese Geste des Widerstands, denn sein Vater hatte ihn ein Jahr zuvor von dort verjagt und ihm gesagt, er solle sich nie wieder dort blicken lassen.

Doch nun benötigte er einige Insiderinformationen. „Du bist der Beste, wenn es um solche Sachen geht.“

„Komplimente werden dich nicht weiterbringen.“ Jackson räusperte sich. „Teure Spirituosen hingegen schon.“

„Abgemacht. Sobald ich wieder zurück bin, schau ich mit einer Flasche bei dir vorbei.“ Carter lehnte sich gegen die Wand von Hannas Apartmenthaus. Auf den Straßen herrschte dichter Verkehr, und auf den Bürgersteigen waren viele Menschen unterwegs. „Ich benötige alle Informationen, die du über Hanna und Gena Wilde bekommen kannst. Sie sind Schwestern. Ihr Vater hat früher einmal für unsere Familie auf dem Landsitz gearbeitet. Du hast drei Stunden, um mir die Informationen zu beschaffen.“

Jackson hörte auf zu tippen. „Wie bitte? Ich habe noch einen richtigen Job, weißt du?“

Ein berechtigter Einwand, aber Carter hatte plötzlich eine seltsame Ahnung. Wenn er Hanna nicht bald mit dem nötigen Hintergrundwissen aufsuchte, würde sie ihm entwischen. Und er beabsichtigte keineswegs, weitere zehn Jahre zu warten, bis er sie wiedersah.

Diese himmelblauen Augen, das kastanienbraune, gewellte, schulterlange Haar, das er zu gerne gestreichelt hätte. Die verführerische Art, wie sie ihre Hüftjeans trug und einen winzigen Moment einen sinnlichen Blick auf die glatte Haut ihres Bauches gewährte, als ihr T-Shirt ein Stück nach oben rutschte. Er wollte mehr wissen, mit ihr reden und erfahren, was sie vor ihm geheim hielt.

Vermutlich gingen die meisten ihrer Probleme auf seinen Vater zurück. Carter hatte keine Idee, was sie ängstigte oder welches Spiel sein Vater spielte, aber es ging um mehr als diesen Briefumschlag.

Nachdenklich zog er ihn aus der Tasche und betrachtete ihn. Keine Aufschrift oder irgendein Hinweis auf den Inhalt. Es kostete ihn viel Selbstbeherrschung, den Umschlag nicht aufzureißen. Wenn er in einigen Tagen immer noch keine Antworten hätte, dann würde er es tun. Bis dahin respektierte er Hannas Privatsphäre – beinahe jedenfalls.

Jackson seufzte am anderen Ende der Leitung. „Hat es etwas mit dir und deinem äußerst problematischen Vater zu tun?“

„Hat nicht alles mit ihm zu tun? Wir sprechen uns bald, okay?“

Rasch unterbrach Carter die Verbindung, bevor Jackson fluchen oder Widerworte finden konnte. Ein zweites Mal sah er zu Hannas Wohnung hinauf. Sieht ganz danach aus, als ob ich erst einmal nirgendwohin gehen werde.

2. KAPITEL

Hanna beschloss wegzugehen. Sie hatte keinen festen Job. Sie reinigte Häuser und Geschäftsräume, und am Wochenende oder manchmal auch nachts putzte sie in einem Coffeeshop. Sie konnte sich freinehmen, aber dann musste sie ohne ihren Lohn auskommen, was schwierig werden würde. Doch wollte sie ihr seelisches Gleichgewicht behalten, das seit dem Tod ihrer Schwester immer in Gefahr war, musste sie jeden weiteren Umgang mit den Jamesons vermeiden.

Zum hundertsten Mal fragte sich Hanna, ob sie das Geld hätte nehmen sollen, das Eldrick ihr vor einigen Monaten angeboten hatte, damit sie sich von Carter fernhielt. Sie hatte Carter gerade ausfindig gemacht, als sie die Briefe mit der Aufforderung bekam, Carter in Ruhe zu lassen. Dann kam der Bestechungsversuch.

Mit der Summe wäre es ihr viel leichter gefallen, wieder ein neues Leben zu beginnen. Durch ihre Absage hatte sie nur erreicht, dass Eldrick seine Bemühungen verstärkte, Hanna von seiner Familie fernzuhalten. Er drohte ihr mit Anwälten und einer Anzeige, falls sie mit irgendjemandem über die Angelegenheit sprach. Er dachte, es wäre ihre Aufgabe, seine Familiengeheimnisse zu hüten.

Wie sehr sie die Jamesons verachtete – und ihre Art, alles nach ihrem Gutdünken zu managen. Ob berechtigt oder nicht, ihr Hass erstreckte sich auf alle Jamesons … wenn auch in etwas abgeschwächter Form auf den Jungen, den sie immer angestarrt hatte, wenn er mit seinen Brüdern auf dem Rasen Fußball spielte. Der sie jedes Mal in eine plappernde Närrin verwandelt hatte, wenn er sie lächelnd ansah.

Doch das gehörte alles der Vergangenheit an. Heute würde ihr das nicht mehr passieren.

Etwas energischer als beabsichtigt tauchte sie den Mopp in den Wischeimer, der sich daraufhin auf seinen Rollen selbstständig machte und mit lautem Krachen gegen den Kaffeetresen prallte und dabei einen Schwall Schmutzwasser verschüttete.

Offenbar war heute einer jener Tage, die man lieber vergaß, dachte sie, als sie seufzend den Besen gegen den Tresen lehnte und die Hände an der verblassten Jeans abwischte. Ein Kribbeln auf ihrem Nacken ließ sie jedoch plötzlich nach hinten schauen und eine schattenhafte Gestalt bemerken, ...

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