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Küss mich, und ich bin verloren

1. KAPITEL

Beim Anblick des Fotos war alles klar.

Nach der Landung auf dem John-F.-Kennedy-Flughafen hatte Brand Noble sich eine Zeitung gekauft und war bei der Ankündigung einer feierlichen Ausstellungseröffnung hängen geblieben. Das Foto neben dem Artikel, das Clea neben einer steinernen Tigerskulptur zeigte, ließ seinen Herzschlag kurz aussetzen. Vier lange Jahre hatte er seine Frau nicht gesehen, und nun erschien sie ihm noch schöner als früher. Ihr schwarzes, lockiges Haar war unverändert, ihre großen Augen strahlten noch immer in leuchtendem Grün.

Nein, so etwas Unwichtiges wie eine fehlende Einladung würde ihn gewiss nicht davon abhalten, sie wiederzusehen. Schließlich hatte er lange genug auf diesen Moment gewartet.

Zwei Stunden später warf er die Tür des gelb-schwarz karierten Taxis hinter sich zu, das ihn zu Manhattans Museumsmeile kutschiert hatte. Ohne auf das Gewimmel der Passanten zu achten, die in der einsetzenden Dämmerung nach Hause eilten, blickte er angespannt auf das Museum of Ancient Antiquities, das sich vor ihm erhob.

Irgendwo dort drinnen wartete Clea …

Ein uniformierter Wachmann, der fast ebenso breit wie groß war, versperrte den Eingang und schaute Brand kritisch an. Da seine Gedanken nur um Clea kreisten, hatte er vergessen, die Jacke seines geliehenen Smokings anzuziehen. Schlaff hing sie ihm noch immer über dem linken Arm.

Brand verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. Was der Mann wohl über die schäbige Kleidung denken würde, die er während der letzten vier Jahre getragen hatte?

Seine Ungeduld und Vorfreude waren kaum noch auszuhalten. In ihm brannte das Verlangen, Clea endlich wieder in die Arme zu schließen und sie zu küssen.

Mit schnellem Schritt ging er auf die Glastüren zu und zog sich im Gehen die Smokingjacke über. Er richtete den Kragen und strich über die Satinaufschläge. Während der Sicherheitsmann die Einladungen der Gruppe vor ihm überprüfte, schloss Brand zu den Leuten auf. Erleichtert atmete er auf, als man ihn mit den anderen durchwinkte.

Die erste Hürde hatte er genommen.

Jetzt musste er nur noch Clea finden.

Brand hätte der Tiger gefallen.

Wie jedes Mal nahm der Anblick der Steinfigur Clea vollkommen gefangen. Das Gemurmel und das Klirren der Champagnergläser um sie herum drangen kaum zu ihr durch, während sie versunken die mächtige Raubkatze betrachtete. Ein sumerischer Künstler hatte sie vor ewigen Zeiten geschaffen. Die Kraft der Figur übte auf Clea eine Faszination aus, die sie niemandem hätte erklären können.

Brand wäre begeistert davon – das war ihr erster Gedanke gewesen, als sie den fast lebensgroßen Tiger vor achtzehn Monaten entdeckt hatte. Sie musste ihn einfach haben! Allerdings war es nicht ganz einfach gewesen, Alan Daley, den Chefkurator des Museums, sowie die Ankaufskommission davon zu überzeugen, die teure Skulptur zu erwerben. Doch dann war der Tiger schnell zu einem Publikumsmagneten geworden.

Für Clea war er untrennbar mit Brand verbunden, täglich erinnerte er sie an ihren Ehemann. Ihren verstorbenen Ehemann.

„Clea?“

Die Stimme, die jetzt langsam in ihr Bewusstsein drang, klang weicher als Brands raue Samtstimme. Nicht Brand näherte sich ihr, sondern Harry.

Brand war tot. Ohne ihm die letzte Ehre zu erweisen, hatte man ihn im Irak in einem Massengrab beigesetzt, mitten in der heißen, trockenen Wüste. All die Jahre der Unsicherheit, der verzweifelten Gebete und der ständig neu aufkeimenden Hoffnung waren vorbei. Vor neun Monaten hatte alles auf höchst schmerzvolle Weise ein Ende gefunden.

Doch Brand würde sie nie vergessen, hatte Clea sich geschworen.

Entschlossen kämpfte sie den Anflug von Trauer nieder, der sie zu überwältigen drohte, und strich sich eine Locke aus dem Gesicht. Dann erst wandte sie sich ihrem ältesten Freund zu, der darüber hinaus ein geschätzter Geschäftspartner ihres Vaters war. „Ja, Harry?“

Harry Hall-Lewis legte ihr die Hände auf die Schultern und schaute sie an. „Ja? Auf genau dieses Wort warte ich nun schon so lange von dir!“

Bei seinem scherzhaften Tonfall verdrehte Clea die Augen. Wenn er doch nicht immer auf die Heiratspläne anspielen würde, die ihre Väter vor zwanzig Jahren für sie geschmiedet hatten. „Bitte nicht jetzt, Harry.“ Das Klingeln ihres Handys kam ihr gerade recht.

Erleichtert fischte sie den Apparat aus ihrer Clutch und schaute auf das Display. „Es ist Vater.“

Als Vorsitzender des Museumsbeirats hatte Donald Tomlinson eben ein paar potenziellen Geldgebern eine Privatführung durch die Ausstellung gegeben.

Clea hörte zu, was ihr Vater zu sagen hatte, dann verabschiedete sie sich knapp. Zu Harry meinte sie: „Dads Führung war erfolgreich. Er hat Zusagen für beträchtliche Spenden ergattert und möchte uns jetzt treffen.“

„Du weichst mir aus.“ Harrys Griff auf ihren bloßen Schultern wurde fester. Nur zu deutlich wurde Clea sich bewusst, wie viel Haut das Oberteil ihres bodenlangen Abendkleids frei ließ. Es war nur ein kurzer Moment, dann entließ Harry sie aus seiner freundschaftlichen Berührung und lachte auf. „Eines Tages werde ich dich dazu bringen, mich zu heiraten. Und an dem Tag wirst du endlich erkennen, was dir all die Jahre entgangen ist.“

Clea trat einen Schritt zurück, unbewusst ein wenig Abstand suchend. „Ach, Harry, leider ist dieser Witz schon längst nicht mehr lustig.“

Sein amüsierter Gesichtsausdruck verschwand. „Ist der Gedanke, mich zu heiraten, für dich so unerträglich?“

Als er sie mit seinem Hundeblick anschaute, fühlte sie sich ganz schuldig. Sie kannten sich von klein auf, ihre Väter waren immer eng befreundet gewesen. Harry hatte ihr immer den Bruder ersetzt, den sie selbst nie haben konnte. Warum sah er nicht ein, wie wichtig er ihr in dieser brüderlichen Rolle war? Aber eben nur in dieser und nicht als möglicher Ehemann.

Sanft berührte sie den Ärmel seines maßgeschneiderten Smokings und sagte: „Ach Harry, du bist mein bester Freund, und ich mag dich wirklich sehr …“

„Wenn mich nicht alles täuscht, kommt jetzt ein Aber.“

Das Glitzern der Kristallleuchter über ihnen verlieh seinen Augen einen unnatürlichen Glanz. Er hatte recht, es gab ein Aber. Eines, das mächtig, groß, dunkel und unerträglich fern über ihr schwebte.

Brand … die Liebe ihres Lebens. Niemand konnte sie ersetzen. Wie ein schwarzes Loch hatte sich die Trauer um Brand in ihre Seele gegraben, bis sie ihr jede Freude geraubt hatte. Sie vermisste ihn so unendlich.

Clea verdrängte diese Gedanken, so gut es ging, und wandte sich wieder Harry zu. „Ich kann mir noch nicht vorstellen, wieder zu heiraten.“ Und sie zweifelte daran, ob es je anders sein würde.

„Du glaubst doch nicht etwa, dass Brand noch lebt, oder?“

Harrys Frage vertrieb die fieberhafte Unruhe, die Clea seit Monaten umtrieb. Plötzlich überwältigte sie der Schmerz, den sie so lange verdrängt hatte. Unendliche Müdigkeit überkam sie, und sie wünschte sich nur noch nach Hause, um sich alleine in ihrem weichen Bett zusammenzurollen, in dem Schlafzimmer, das sie und Brand einst geteilt hatten. Hilflos ergab sie sich dem allzu vertrauten Gefühl des Kummers.

Cleas Hand glitt von Harrys Ärmel, und sie verschränkte die Arme vor der Brust. Mit dünner Stimme erklärte sie: „Jetzt ist die falsche Zeit, um darüber zu reden.“

Ungerührt erwiderte Harry: „Clea, seit neun Monaten – seit Brand offiziell für tot erklärt wurde – weichst du jedem Gespräch über ihn aus.“

Sie zuckte zusammen, als Harry sie an jenen verhängnisvollen Tag erinnerte.

„Clea, du hast alles getan, um ihn wiederzufinden, und hast nie die Hoffnung aufgegeben, er könnte noch leben. Aber er ist tatsächlich tot, wahrscheinlich schon seit vier Jahren. Auch wenn du das nie wahrhaben wolltest. Du musst dich einfach damit abfinden!“

„Ich weiß, dass er …“, ihre Stimme versagte, „… tot ist.“

Verloren ließ sie die Schultern fallen, wodurch der weiche Satinstoff ihres Kleides – meerblau wie Brands Augen – schlaff an ihr herabhing. Obwohl es ein warmer Sommerabend war, zitterte sie plötzlich vor Kälte. Zum ersten Mal hatte sie es laut ausgesprochen: Brand war tot.

Bis jetzt hatte sie stets an ihrer Hoffnung festgehalten – an einer Hoffnung, die tief in ihrem Herzen saß, an jenem geheimen Ort, zu dem bisher nur Brand vorgedrungen war. Während all der Monate, all der Jahre des Wartens hatte sie sich entschlossen geweigert, den letzten Funken dieser Hoffnung zu begraben – selbst als ihr Vater und ihre Freunde sie gedrängt hatten, sich der Realität nicht länger zu verschließen. Brand würde nicht mehr zurückkehren.

Harry unterbrach ihre Gedanken. „Nun ja, es ist schon mal ein großer Schritt nach vorne, wenn du seinen Tod nicht länger leugnest.“

„Harry …“

„Natürlich, hinter dir liegt eine schwere Zeit, angefangen mit den Tagen damals, als er sich nicht bei dir gemeldet hat.“ Er schüttelte den Kopf. „Nur um dann herauszufinden, dass er mit einer anderen Frau nach Bagdad …“

„Vielleicht habe ich mich wirklich getäuscht, als ich glaubte, Brand würde noch leben“, unterbrach Clea ihn aufgebracht, „aber er hatte ganz sicher keine Affäre mit Anita Freeman. Egal, was im Untersuchungsbericht steht.“ Niemand durfte das Andenken an Brand besudeln. „Diese Behauptung ist unwahr und stinkt zum Himmel, mindestens so sehr wie die Kloaken in den Straßen von Bagdad.“

„Aber dein Vater …“

„Mir ist egal, was Dad glaubt. Wir beide wissen doch, wie wenig er von Brand gehalten hat.“ Sie zögerte. „Brand und Anita waren nur Kollegen.“

„Kollegen?“ Harrys Stimme verriet seine Skepsis.

„Gut, sie sind vielleicht ein paar Mal miteinander ausgegangen. Aber das war, bevor ich Brand kennenlernte.“ Clea wurde wütend. Der Klatsch beschmutzte all das Wunderbare, das zwischen Brand und ihr gewesen war.

„Zumindest solltest du das glauben. Aber wie im Untersuchungsbericht steht, haben sie in London über ein Jahr zusammen gewohnt – verdammt, das ist länger, als ihr verheiratet wart. Warum hat er das dir gegenüber nie erwähnt? Dein Mann ist in der irakischen Wüste bei einem Autounfall gestorben, gemeinsam mit dieser Frau. Hör endlich auf, dir selbst etwas vorzumachen!“

Clea sah sich kurz um, doch zum Glück war niemand in der Nähe, der ihr Gespräch mit anhören konnte. Dennoch trat sie noch ein wenig näher an Harry heran und meinte leise: „Sie hatten nie eine gemeinsame Wohnung, das hätte Brand mir erzählt. Und sie waren nur kurz zusammen, danach hat sich ihr Kontakt auf Berufliches beschränkt. Brand war Experte für die Antike und Anita Archäologin. Nur darum hatten sie noch miteinander zu tun.“

„Aber du wirst niemals letzte Gewissheit haben. Weil Brand dir noch nicht einmal von seinen Plänen erzählt hat, in den Irak zu fahren.“

Clea konnte Harrys Argumenten nichts entgegenhalten, darum meinte sie nur: „Ich habe nicht vor, nach seinem Tod irgendwelche alten Geschichten aufzuwärmen.“

Ihr geliebter Mann war tot. Und es fiel ihr schwer genug zu ertragen, dass sie sich getäuscht hatte, als sie glaubte, er wäre noch am Leben. Er würde irgendwo verletzt umherirren, vielleicht ohne Gedächtnis, nur darauf wartend, endlich gefunden zu werden.

Man hatte sie beinahe für verrückt gehalten. Dennoch gab sie die Hoffnung nie auf, auch nicht, als längst alles auf sein Ableben hindeutete. In der Wüste fand man das ausgebrannte Wrack von Brands Mietwagen, und Einwohner eines nahegelegenen Dorfs bestätigten, in einem Massengrab die verkohlten Überreste einer Frau und eines Mannes beigesetzt zu haben.

Obwohl die privaten Ermittler sich sicher waren, verlangte Clea stets nach weiteren Beweisen, dass wirklich Brand in dem Wrack gestorben war und niemand anderes. Nicht einmal die Tatsache, dass kein Geld von Brands Konten mehr abgehoben wurde, konnte Cleas Hoffnung ersticken.

Nach all den Jahren der Ungewissheit lieferte man ihr dann vor neun Monaten den Beweis, vor dem sie sich so sehr gefürchtet hatte: Brands Ehering! Irgendjemand hatte ihn der Leiche am Grab vom Finger gezogen, um ihn bei einem örtlichen Pfandleiher zu versetzen. Niemals hätte Brand seinen Ring freiwillig hergegeben. Niemals!

Cleas Kampf war von da an zu Ende, sie musste sich der Wahrheit stellen: Es war Brand, der in dem Autowrack gestorben war. Ihr geliebter Ehemann war tot.

Ihr blieb nichts anderes mehr übrig, als alle notwendigen Formalitäten zu erledigen. Das Gericht gab sich mit dem zufrieden, was ihr Vater, die Ermittler und die Anwälte nüchtern „die Tatsachen“ nannten. Brand wurde formal für tot erklärt und der Totenschein wurde ausgestellt.

An dem Tag, als Clea der Totenschein ausgehändigt wurde, zerbrach ihr Herz in lauter kleine, rasiermesserscharfe Scherben. Niemals, so war sie überzeugt, würde sie sich mit dieser unerträglichen Wahrheit abfinden können. Dennoch hatte sie trotz aller Verzweiflung irgendwie einen Weg gefunden, um mit ihrer Einsamkeit zurechtzukommen. Und Harry hatte ihr dabei geholfen.

Seine vertrauten Gesichtszüge verschwammen vor ihren Augen, da Tränen ihren Blick trübten.

„Jetzt habe ich deine Trauer wieder aufgerührt. Entschuldige bitte.“ Harry sah ganz elend aus. „Das wollte ich nicht.“

„Es ist nicht deine Schuld.“

Clea kniff verzweifelt die Augen zusammen. Unmöglich, ihm zu erklären, dass ihr schon beim geringsten Anlass zum Weinen zumute war. Der Arzt hatte gemeint, das sei normal und würde vorübergehen. Ausweichend sagte sie: „Ich bin einfach gerade total durcheinander.“

Unsicher wich Harry einen Schritt zurück.

Clea tätschelte den Aufschlag seines Smokings und lächelte schwach. „Schon gut, ich verspreche dir, ich werde mir nicht gleich die Augen ausheulen.“

Harry schaute sich rasch um, dann sagte er entschlossen: „Du kannst dich jederzeit an meiner Schulter ausweinen.“

Clea spürte ein Brennen in der Kehle. „Ich habe genug geweint. Brand ist tot, und ich muss endlich mit meinem Leben weitermachen. Alles wird wieder gut.“ Wenn sie sich das nur oft genug sagte, würde sie es eines Tages vielleicht sogar glauben. „Und außerdem habe ich ja etwas, das meinem Leben einen Sinn gibt.“

„Clea, ich bin immer für dich da. Das weißt du.“

Trotz seiner Worte sah man ihm die Angst förmlich an, Clea könnte öffentlich die Kontrolle über sich verlieren, vor den Augen von New Yorks High Society. Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Ich danke dir, Harry, du bist mir eine große Hilfe.“

Seine Miene hellte sich auf. „Dafür sind Freunde doch da.“

Im Eingangsfoyer des Museum of Ancient Antiquities hielt Brand inne. Seit er das letzte Mal hier gewesen war, hatte sich einiges verändert. Dennoch wirkte alles noch immer sehr vertraut.

Die alten schwarz-weißen Fliesen waren durch glänzenden weißen Marmor ersetzt worden, und der Boden war nicht die einzige Veränderung. Wo früher eine knarzende Holztreppe nach oben geführt hatte, bedeckt von einem schon fadenscheinig werdenden, senffarbenen Teppich aus den Fünfzigerjahren, erhob sich jetzt eine imposante Marmortreppe mit verschnörkeltem Bronzegeländer. Rechts von der Treppe stand die Statue einer vorchristlichen Göttin. An dem Getreidebündel, das sie trug, erkannte Brand, dass es sich um Inanna handeln musste, die antike sumerische Göttin der Liebe, der Fruchtbarkeit und des Krieges.

Aus der dunklen, altmodischen Eingangshalle war ein moderner und einladender Ort geworden. Genauso hatte Clea es sich an einem verschneiten Winterabend ausgemalt, während sie beide zu Hause vor dem Kaminfeuer saßen. Begeistert hatte Brand ihren Ideen gelauscht, wie sie das Museum zur anziehendsten Antikensammlung von New York umgestalten wollte.

Langsam ging er weiter und sah sich stolz um. Seine Frau hatte tatsächlich ihren Traum in die Wirklichkeit umgesetzt. Das Museum war nicht mehr nur ein vernachlässigter Treffpunkt von Forschern und Kunstliebhabern, sondern es war aufgeblüht, wirkte irgendwie lebendig – so, wie Clea es sich vorgestellt hatte.

Am Fuß der Treppe stand ein Grüppchen von Frauen in Designerkleidern und Stilettos. Ein weiß gekleideter Kellner servierte ihnen Cocktails.

Brand ließ den Blick über die Frauen schweifen. Clea war nicht darunter. Sein Blick ging weiter. Rund um die Frauen standen weitere Gruppen, alles nur Männer. In ihrer eleganten schwarz-weißen Abendgarderobe umlagerten sie die Figur der Inanna.

Wo aber war seine Frau?

Brands Herz klopfte aufgeregt, als er weiterging, unter einem vergoldeten Kronleuchter, dessen schimmernde Kristalle glitzernde Lichtpunkte an die gewölbte Decke warfen. Er steuerte auf die beeindruckende Treppe zu, die in den ersten Stock mit weiteren Ausstellungsräumen führte. Er konnte es nicht erwarten, Cleas bezaubernde grüne Augen strahlen zu sehen, sobald sie ihn entdeckte; er wollte sie endlich berühren, ihren weichen, warmen Körper in die Arme schließen.

Seine Frau. Seine Geliebte. Sein Ein und Alles. Jede Minute, die er von Clea getrennt gewesen war, war ihm unerträglich vorgekommen.

Oben angelangt hielt Brand inne. In der langen Galerie drängten sich die Gäste. Die funkelnden Juwelen und die prächtigen Kleider ließen ihn blinzeln. Inmitten all dieser Leute wurde ihm plötzlich unbehaglich zumute.

Vielleicht hätte er anrufen sollen, um ihr seine Rückkehr anzukündigen.

Aber nachdem er den langen und gefährlichen Weg durch das Bergland im Norden des Iraks hinter sich gebracht hatte und endlich in der Türkei angekommen war, hatte er nur noch so schnell wie möglich zurück in die USA gewollt. Allerdings hatte noch immer die Gefahr bestanden, dass man ihn wegen seines falschen Passes verhaftete. Und unerklärlicherweise hatte er gefürchtet, es wäre ein schlechtes Omen, Clea anzurufen.

Jetzt war es zu spät, um es sich anders zu überlegen.

Brands Blick wanderte über die Menge zwischen den Glasvitrinen voller unermesslich wertvoller Antiken und den Tischen mit Erfrischungen. Noch immer keine Spur von jener Frau, nach der er sich so sehr sehnte. Er drängte sich an drei älteren Damen vorbei, die ungehemmt Klatschgeschichten austauschten, während sie ständig den Raum nach neuen Opfern absuchten. Brand wollte schon angewidert den Mund verziehen, doch dann lächelte er. Früher hatte er solche Frauen insgeheim als Society-Hyänen beschimpft, doch nach den zurückliegenden entbehrlichen Monaten erfreute er sich an jedem Lachen.

Sein Blick traf den von einer der Frauen, und er sah, wie sich ihre dunkel mit Mascara umrahmten Augen ungläubig weiteten. Sie hatte ihn erkannt. Sie, das war Marcia Mercer, eine einflussreiche Gesellschaftskolumnistin, wie Brand sich erinnerte.

„Brand … Brand Noble?“

Er nickte ihr kurz bestätigend zu, ehe er entschlossen weiterging, ohne darauf zu achten, wie sich die Leute nach ihm umdrehten und anscheinend über ihn zu tuscheln begannen.

Da sah er sie. Endlich.

Brands Mund wurde trocken, und er nahm den Lärm der Stimmen um ihn herum kaum noch wahr. Seine ganze Aufmerksamkeit galt Clea.

Sie lächelte, und ihre Augen leuchteten. Ein schimmerndes Abendkleid umspielte ihre weiblichen Kurven, ihre Arme waren nackt bis auf einen Goldarmreif, der im Schein der ausladenden Kronleuchter glänzte. An der linken Hand blitzte der Ehering auf, den er für sie ausgesucht hatte.

Brand atmete tief ein.

Einen Augenblick lang dachte er, sie hätte die vollen Locken abgeschnitten, in die er ganz vernarrt war. Aber als sie sich etwas drehte, erspähte er eine lange Strähne, die sich aus dem zusammengebundenen Haar gelöst hatte. Er atmete aus und merkte erst jetzt, dass er die ganze Zeit die Luft angehalten hatte. Clea wirkte dynamisch und voller Lebensfreude, und sie war überwältigend schön.

Eine Welle des Verlangens durchlief ihn, und in seiner Brust spürte er einen undefinierbaren, stechenden Schmerz.

Er sah, wie Clea nach dem Ärmel eines Smokings griff. Als Brand erkannte, wen sie da berührte, kniff er die Augen bedrohlich zusammen. Harry Hall-Lewis gab es also auch noch. Clea hob das Gesicht und lächelte ihr Gegenüber strahlend an. Am liebsten hätte Brand sie fortgezogen, in seine Arme, um sie für immer festzuhalten.

Sie gehört mir. In ihm tobten die Gefühle, und sein männlicher Instinkt beherrschte ihn in diesem Moment ganz und gar.

„Champagner, Sir?“

Der Kellner lenkte ihn von Clea ab. Brands Hand zitterte, als er ein Glas vom Tablett nahm. Mit großen Schlucken stürzte er das goldene Getränk die ausgetrocknete Kehle herunter. Während er das leere Glas abstellte, bemühte er sich, ruhig zu atmen.

Endlich war er wieder zurück – und nichts konnte ihn noch länger von der Frau fernhalten, deren Lächeln ihm noch in den dunkelsten Momenten vor Augen gestanden hatte.

Als er aber seinen Blick noch einmal durch den Raum schweifen ließ, waren Clea und ihr Begleiter verschwunden.

Nachdem Clea sich vor dem Ägyptischen Saal kurz mit ihrem Vater unterhalten hatte, schlüpfte sie hinter eine mächtige Säule, während Harry sich in die Menge stürzte, um ihr etwas zu trinken zu holen. Sie lehnte sich gegen den kühlen Stein und schloss die Augen. Wenn ihr Vater sie hier sehen könnte, dann würde er ihr einen Vortrag über ihre Pflichten halten: wie wichtig es war, Kontakte zu pflegen und sich den wartenden Fernsehkameras zu präsentieren. Clea verzog den Mund zu einem resignierten Schmollen. Natürlich hatte er recht. Aber sie brauchte ein wenig Zeit für sich und war nicht in der Stimmung für Small Talk. Im Gegenteil wurde ihr sogar leicht schwindlig von dem tosenden Stimmengewirr.

„Clea.“

Diese Stimme! Sie wirbelte herum wie eine Marionette an ihren Fäden. Ihre Augen waren weit aufgerissen, der Schrecken nahm ihr die Luft.

Atemlos flüsterte sie: „Brand?“

Das konnte nicht sein! Ungläubig blinzelte sie. Brand ist tot.

Der Mann aber, der auf sie zukam, war groß, braun gebrannt und konnte nicht lebendiger sein.

Ihr lief es erst heiß, dann kalt den Rücken herab. Der Mann musste ein Doppelgänger ihres toten Mannes sein – des Mannes, den sie vor acht Monaten offiziell für tot hatte erklären lassen, einen Monat, nachdem man ihr seinen Ring übergeben hatte.

Es musste sich um eine grausame Fata Morgana handeln. Brand war fort. Für immer. Das Blut stieg ihr zu Kopf. Die Luft im Museum schien ihr auf einmal unerträglich, und sie konnte kaum noch atmen. Plötzlich wurde ihr schlecht, aber ihr Vater würde es ihr nie verzeihen, wenn sie sich auf den Marmorboden übergab – ein Bild, das sich die Zeitungsfotografen nicht entgehen lassen würden.

„Clea!“

Die Hände, die sich auf ihre Schultern legten, fühlten sich vollkommen vertraut an und doch auf schmerzhafte Weise fremd. Sie schüttelte sich, als wollte sie das Gefühl von Kälte abwerfen, das sie erfasst hatte. Er ist tot. Die Finger auf ihren Schultern waren jedoch warm und kräftig, und ohne Zweifel gehörten sie einem Lebenden.

Es war kein Geist. Es war ein Mensch. Ein Mann, der ihr so vertraut war wie kein anderer.

„Werde jetzt bloß nicht ohnmächtig“, warnte er sie mit seiner unverkennbar tiefen, leicht heiseren Stimme.

„Nein.“ Sie war noch nie in Ohnmacht gefallen. Doch sie spürte, wie schwach sie war, und fühlte sich benommen. „Du bist doch tot!?“ Sie schnappte nach Luft, ehe sie hinzufügte: „Wie kannst du dann hier sein?“

Clea!

Ein brennendes Verlangen überwältigte Brand, ein Verlangen, das er schon viel zu lange nicht mehr verspürt hatte. Er zog die Frau an sich, von der er jeden Tag – und jede Nacht – geträumt hatte, und sog ihren Duft ein, eine berauschende Mischung von Honig und Jasmin, die ihn die Augen schließen ließ. Cleas Wärme und Wohlgeruch drangen in jede seiner Poren.

Er glitt mit den Fingern über ihre Schultern, die zierlicher waren als früher. Die Knochen zeichneten sich deutlich ab, doch ihre Haut war noch immer genauso weich wie einst. „Du bist dünner geworden.“

Sie zuckte zusammen. „Schon möglich.“

Brand schmiegte sein Gesicht an ihren Hals. Wie eine eiserne Klammer umfassten die aufgestauten Emotionen seine Brust.

„Ich habe dich vermisst“, hauchte er. „Du ahnst gar nicht wie sehr.“ Ohne sie hatte er sich leer gefühlt, wie ein lebender Toter. Er schloss die Arme noch fester um ihre zarte Gestalt und flüsterte ihr etwas zu. Sein Atem kitzelte Clea am Hals.

„Brand, ich kann dich nicht verstehen.“ Sie schob ihn ein wenig von sich. „Hier drin ist es zu laut. Lass uns irgendwohin gehen, wo es ruhiger ist.“

Sie löste sich aus seiner Umarmung, und ein Gefühl des Verlusts durchfuhr Brand.

Clea hielt ihm die Hand hin. „Komm!“

Er nahm ihre Hand, und sie zog ihn hinter sich her. Gemeinsam schlängelten sie sich durch die dichte Schar der Gäste, die ihnen vereinzelt nachschauten. Durch eine offene Flügeltür entkamen sie in einen langen Gang, der auf eine Trennwand aus Glas zuführte. Clea blieb vor der gläsernen Tür stehen. Sie ließ Brands Hand los und suchte in ihrer Clutch nach der Schlüsselkarte, die sie dann durch den Sicherheitsschlitz zog. Die Tür sprang auf, und Brand folgte Clea in einen Empfangsbereich. „Mein Büro ist dort hinten.“

Er blieb etwas zurück.

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