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Küss mich über den Wolken

1. KAPITEL

Die Klänge der Jazzmusik folgten Royce Ryder, als er mit großen Schritten den Flur zwischen dem Ballsaal des Chicagoer Ritz-Carlton-Hotels und der Rezeption durchquerte. Er lockerte seine Fliege und atmete erleichtert auf. Sein Bruder Jared und dessen frisch gebackene Ehefrau Melissa würden selig lächelnd in den Morgen tanzen und jeden Moment ihrer Hochzeit genießen.

Royce hatte eine lange Nacht hinter sich. Im Namen seines Bruders hatte er die geladenen Gäste unterhalten und schließlich mit der Braut und den Brautjungfern angestoßen.

Er hatte sich gut amüsiert, getanzt, von der Hochzeitstorte gegessen und am Ende sogar das Strumpfband gefangen … ein Reflex, den er seiner Zeit als Mitglied der Baseballmannschaft auf dem College verdankte und der nichts über seine Heiratsabsichten aussagte.

Nun hatte er seine Schuldigkeit getan. Eine letzte Nacht würde er im zivilisierten Chicago verbringen, bevor er seine Strafe in Montana antrat. Die Verwaltung der Familien-Ranch zu übernehmen, war zwar nicht gleichzusetzen mit Schwerarbeit in Alcatraz, doch für einen Mann wie ihn, der während der vergangenen Jahre als Pilot die ganze Welt umrundet hatte, würde es ein langer Monat werden.

Natürlich gönnte er Jared seine Flitterwochen. Er fand es sogar ganz fantastisch, dass sein Bruder sich verliebt und geheiratet hatte. Und je besser er Melissa kennenlernte, desto sympathischer wurde sie ihm.

Sie war selbstsicher und clever und ließ keinen Zweifel daran, dass sie Jared und auch seiner jüngeren Schwester Stephanie aufrichtig zugeneigt war. Royce wünschte dem Paar eine traumhafte Reise in die Südsee. Sie hatten es verdient.

Pech nur, dass McQuestin, der Manager der Viehranch in Montana, sich in der Woche zuvor einen komplizierten Beinbruch zugezogen hatte. McQuestin war am Boden zerstört. Stephanie konnte sich ebenfalls nicht kümmern, sie bereitete ihre Reitschüler gerade auf ein wichtiges Turnier vor. Also musste Royce einspringen.

Er schwang sich auf einen gepolsterten Barhocker und betrachtete aufmerksam die Auswahl an Single-Malt-Whiskys in dem verspiegelten Regal. Die Frau neben sich nahm er zunächst nur aus dem Augenwinkel wahr, doch gleich darauf betrachtete er sie genauer. Sie war unglaublich attraktiv, hatte blondes Haar, von dunklen Wimpern umrahmte blaue Augen und leicht gerötete Wangen.

Ein rot gesäumtes, golden schimmerndes Kleid schmiegte sich eng um ihre reizvollen Kurven. Ihre Lippen waren kräftig rot geschminkt, und in ihren Händen mit den perfekt manikürten Nägeln hielt sie ein geschwungenes Martiniglas.

„Was möchten Sie trinken, Sir?“ Der Barkeeper warf einen Untersetzer auf die polierte Mahagonitheke.

„Das Gleiche bitte, was die junge Dame hat.“ Royce konnte nicht aufhören, die Frau anzuschauen.

In dem Moment drehte sie sich zu ihm um, und ihr Blick sagte ihm deutlich, dass er besser verschwinden sollte. Er wünschte, er hätte wenigstens seine Fliege da gelassen, wo sie hingehörte, so herablassend funkelte sie ihn an. Aber dann hellte ihre Miene sich auf.

„Wodka Martini also?“, fragte der Barkeeper.

„Genau.“ Royce nickte zustimmend.

„Sie sind einer der Trauzeugen“, stellte die Frau fest. In der ruhigen Bar klang ihre Stimme heiser und sexy.

„Stimmt“, erwiderte Royce leichthin, sofort bereit, seine Aufgabe des heutigen Abends zu seinem Vorteil zu nutzen. „Royce Ryder. Bruder des Bräutigams. Und Sie sind …?“

„Amber Hutton“, sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen.

Er drückte ihre zarte Hand. Amber hatte auffallend schöne, schlanke Finger und glatte, leicht schimmernde Haut. Sofort begann er sich vorzustellen, wie es sich anfühlen würde, von dieser Hand gestreichelt zu werden …

„Müde vom Tanzen?“, fragte er, als der Kellner den Martini vor ihn stellte.

„Bin nicht in der Stimmung.“ Geistesabwesend drehte sie den kleinen Spieß aus Plastik, an dem drei Oliven steckten, in ihrem Glas hin und her. Dann warf sie einen flüchtigen Blick hinter sich auf den mit Teppichboden ausgelegten Gang, der zu dem prächtigen Ballsaal führte.

Verschwörerisch beugte sie sich vor und flüsterte Royce zu: „Ich verstecke mich nämlich.“

Eine Antwort, mit der er nicht gerechnet hätte. „Wovor?“

Einen Moment zögerte sie. Schließlich schüttelte sie den Kopf. „Ist nicht wichtig.“

Royce wollte sie nicht bedrängen. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

Missbilligend zog sie ihre perfekt geformten Augenbrauen hoch. „Ja. Versuchen Sie nicht, mich anzubaggern.“

„Autsch“, sagte er und tat so, als sei er in seinem Stolz gekränkt.

Sie revanchierte sich mit einem schelmischen Grinsen. „Sie haben gefragt.“

„Aber ich habe eine andere Reaktion erwartet.“

„Ich könnte verstehen, wenn Sie jetzt gehen.“

Er blickte ihr lange in die Augen. Spürte, dass sich ernsthafte Sorgen hinter ihrem Lächeln verbargen. Und obwohl er sonst sofort das Weite suchte, wenn er einer Frau mit Problemen begegnete, blieb er sitzen. „Ich will gar nicht gehen.“

„Sie sind also ein netter Kerl, Royce Ryder?“

„Ja“, log er. „Ein guter Freund. Ein richtig netter Junge von nebenan.“

„Komisch, so hätte ich Sie nicht eingeschätzt.“

„Noch mal autsch“, erwiderte er mit sanfter Stimme. Dabei hatte sie vollkommen recht. Er der beste Freund einer Frau? Lachhaft.

„Auf mich wirken Sie eher wie ein Playboy.“

„So kann man sich täuschen.“ Er wandte den Blick ab und trank einen Schluck Martini. Der ihm plötzlich ziemlich fade schmeckte.

„Und Sie haben die Party verlassen, weil …“

„… ich auch keine Lust zu tanzen hatte“, gab er zu.

„Oh …“

Royce drehte sich auf dem Hocker um und blickte ihr ins Gesicht. „Ich bin Pilot“, verkündete er nicht ohne Stolz. Mit der Zeit hatte er festgestellt, dass sein Beruf die meisten Frauen beeindruckte. Okay, sie hatte ihn gewarnt, nicht zu versuchen, sie anzubaggern, doch wenn sie im Lauf des Gesprächs ihre Meinung änderte …

„Bei einer Fluggesellschaft?“, erkundigte sie sich interessiert.

„Bei Ryder International. Meist fliege ich den Firmenjet.“

Ihr Glas war leer, und auch er trank aus und gab dem Barkeeper ein Zeichen für die nächste Runde.

„Mich betrunken zu machen, wird nicht funktionieren.“ Ihre Augen blitzten herausfordernd.

„Wer sagt, dass ich Sie betrunken machen will? Ich ertränke nur meine Sorgen und bestelle aus reiner Höflichkeit für Sie mit.“

Wieder lächelte sie, schien sich zu entspannen. „Sie machen nicht gerade den Eindruck, als hätten Sie Sorgen, Mr ‚Ich-bin-Pilot-und-Trauzeuge‘.“

„So kann man sich täuschen“, wiederholte er. „Ich feiere meine letzte Nacht in Freiheit.“ Er nahm den Spieß und ließ eine Olive in seinen Mund gleiten.

„Heiraten Sie etwa auch?“

Beinahe hätte er sich verschluckt. „Nein.“

„Müssen Sie ins Gefängnis?“

Das kann auch nicht viel schlimmer sein … „Nach Montana“, sagte er. Royce widerstand der Versuchung, einen genervten Seufzer folgen zu lassen.

Sie fixierte ihn forschend. „Was gefällt Ihnen an Montana nicht?“

„Dass es nicht Dubai oder Monaco ist.“

In gespieltem Mitgefühl schüttelte sie den Kopf. „Sie Armer!“

Er nickte zustimmend. „Ich muss vorübergehend die Familien-Ranch beaufsichtigen. Unser Manager hat sich ein Bein gebrochen, und Jared ist in den Flitterwochen.“

Noch immer lächelte sie leicht spöttisch, aber der Ausdruck in ihren Augen war sanfter geworden. „Dann sind Sie also wirklich ein netter Kerl?“

„Ein Ritter in schimmernder Rüstung.“

„Das gefällt mir.“ Sie schwieg einen Moment und zeichnete ein Muster auf ihr beschlagenes Glas. „Es gibt nämlich Gelegenheiten, da braucht eine Frau einen Ritter.“

Royce bemerkte das Zögern in ihrer Stimme und ihre angespannte Haltung. Wieder umwölkte sich ihre Miene.

„Ist das jetzt so eine Gelegenheit?“, hörte er sich selbst fragen.

Den Ellbogen auf das polierte Holz der Theke gestützt, legte sie ihr Kinn in die Hand und blickte ihn an. „Waren Sie schon einmal verliebt, Royce Ryder?“

„Nein“, antwortete er ohne zu zögern. Und er hatte auch nicht vor, sich zu verlieben. Liebe machte die Dinge nur kompliziert.

„Finden Sie nicht, dass Melissa heute glücklich aussieht?“

„Das trifft vermutlich auf die meisten Bräute zu.“

„Ja“, sagte Amber. Dann hob sie den Kopf, legte eine Hand auf den Tresen, wobei ein imposanter Dreikaräter an ihrem Ringfinger aufblitzte.

Ups, den hätte er ja fast übersehen! Ein grober Anfängerfehler. Was war heute Abend nur mit ihm los?

Amber hätte vernünftig sein und in dieser Stimmung keine Hochzeit besuchen sollen. Sie hätte Kopfschmerzen vortäuschen können. Ihre Mutter verbrachte das Wochenende in New York, und ihr Vater brauchte nun wirklich keine moralische Unterstützung, um an einem gesellschaftlichen Ereignis teilzunehmen.

„Sie sind verlobt.“ Royce Ryders Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sein Blick war auf ihren Ring gerichtet.

„Stimmt“, gab sie zu und drehte den Diamanten um ihren Finger.

„Ich komme mir wirklich dumm vor“, murmelte Royce.

Ihre Blicke trafen sich.

„Warum?“, fragte sie.

Royce lachte spöttisch auf und hob sein Martiniglas an die Lippen. „Na ja, ich gebe mir zwar alle Mühe, es mir nicht anmerken zu lassen, aber ich baggere Sie tatsächlich an.“

Seine Offenheit amüsierte sie. Amber unterdrückte ein Lächeln. „Tut mir leid, dass ich Sie enttäuschen muss.“

„Sie können ja nichts dafür.“

Richtig. Sie war ehrlich gewesen. Und doch fragte sie sich, ob etwas in ihrem Gesicht, ihrer Stimme oder ihrer Körpersprache mehr als oberflächliches Interesse verraten hatte. Nicht, dass sie Hargrove betrügen wollte. Obwohl …

Sofort verbot sie sich diesen Gedanken.

Niemals würde sie Hargrove hintergehen. Doch sie konnte nicht leugnen, dass Royce ein äußerst attraktiver Mann war. Er wirkte intelligent und hatte Sinn für Humor. Wäre sie empfänglich für die Verführungskünste eines fremden Mannes … wäre sie nicht verlobt … bei Royce hätte sie vielleicht angebissen.

„Wie bitte?“ Ein aufmerksamer Blick traf sie.

„Nichts.“ Sie wandte sich wieder ihrem Drink zu. „Ich würde es verstehen, wenn Sie jetzt gehen wollen.“

Er verlagerte sein Gewicht, sagte mit gesenkter Stimme: „Ich würde es verstehen, wenn Sie mich auffordern würden zu gehen.“

Sie brachte kein Wort heraus. Was sollte sie auch sagen?

Der Barkeeper bediente ein Paar am anderen Ende der Theke, und eine Gruppe junger Frauen rückte lachend und plaudernd in der Mitte des Foyers zwei Tische zusammen.

„Ist er hier?“ Royce deutete mit einer Kopfbewegung Richtung Ballsaal. „Haben Sie sich gestritten?“

„Er ist in der Schweiz.“

„Aha.“

„Wie bitte?“

Aus dunklen blauen Augen blickte er sie neugierig an. „Sie sind einsam.“

Also, was bildet sich dieser Kerl ein? „Ich bin nicht einsam“, empörte sie sich. „Jedenfalls ist es nicht so, wie Sie denken. Mein Vater ist hier.“

„Wie ist es denn?“

„Wie ist was?“ Nervös stocherte sie mit dem Plastikspieß in ihrem Drink herum.

„In welcher Hinsicht sind Sie einsam?“

Warum habe ich das bloß gesagt? Was ist los mit mir? „Ich bin überhaupt nicht einsam.“

„Okay.“

„Ich bin …“ Sie stockte, versuchte, ihre Gefühle zu ordnen. Hm, um ehrlich zu sein, sie war tatsächlich einsam. Sie konnte nicht mit ihren Eltern reden und noch weniger mit Hargrove. Nicht einmal ihrer besten Freundin Katie konnte sie alles erzählen.

Katie würde nächsten Monat Ambers Trauzeugin sein. Das Kleid für diesen besonderen Anlass hatten sie extra in Paris gekauft. Feinste orientalische Seide. Es war leuchtend orange und tiefviolett und mit Goldfäden durchwirkt. An Katie, die zierlich und klein war, sah es fantastisch aus.

Hargrove Alston war der begehrteste Junggeselle der Stadt. Und es war nicht so, dass mit ihm etwas nicht gestimmt hätte. Mit dreiunddreißig war er bereits Partner einer der angesehensten Anwaltskanzleien von Chicago. Er stammte aus einer erstklassigen Familie und besaß hervorragende politische Verbindungen. Und er kandidierte für den Senat.

Sie hatte wirklich keinen Grund, sich zu beklagen.

Der Sex war auch nicht schlecht. Er war … nun … angenehm. So wie Hargrove selbst. Er war ein anständiger und umgänglicher Mann. Nicht jede Frau konnte das von ihrem zukünftigen Ehemann behaupten.

In der Hoffnung, dass sich der Knoten in ihrem Magen lösen würde, der sich dort seit Wochen festgesetzt hatte, stürzte Amber den Rest ihres Martinis hinunter.

Als Royce dem Barkeeper ein Zeichen für den nächsten Drink gab, ließ sie ihn gewähren.

„Er heißt Hargrove Alston“, hörte sie sich plötzlich sagen.

Royce nickte dem Barkeeper zu und nahm ihm die beiden Gläser Martini ab. „Wollen wir uns an einen Tisch setzen?“

Amber erschrak. Schuldbewusst sah sie sich in der Bar um, doch niemand nahm Notiz von ihnen.

Seitdem sie achtzehn war, ging sie mit Hargrove aus, und noch nie hatte sie sich mit einem Fremden in einer Bar abgegeben. Obwohl Royce eigentlich kein Fremder war, sondern der Bruder eines Geschäftsfreunds ihres Vaters. War das nicht etwas ganz anderes, als mit einem Fremden zu flirten?

Geschmeidig ließ sie sich von dem Barhocker gleiten. „Gerne.“

Auf einem Tisch in einer ruhigen Ecke stellte Royce ihre Drinks ab. Er zog einen der gepolsterten Stühle für Amber heraus, und sie setzte sich auf das glatte weinrote Leder, schlug die Beine übereinander und zupfte ihr goldfarbenes Kleid über die Knie.

„Hargrove Alston?“ Royce machte es sich auf dem Stuhl ihr gegenüber bequem. Er schob die kleine Tischlampe zur Seite, die im Blickfeld stand.

„Er kandidiert für den Senat.“

„Sie heiraten einen Politiker?“

„Nicht unbedingt …“ Sie unterbrach sich. Wow. Was war das denn? „Ich meine, er ist ja noch nicht gewählt worden“, fügte sie rasch hinzu.

„Und was machen Sie, wenn Sie nicht gerade auf Hochzeiten gehen?“, wollte Royce wissen.

Amber schürzte die Lippen und hob ihr Glas. „Nichts.“

„Nichts?“

Sie schüttelte den Kopf. Leider stimmte das. „Ich habe einen Abschluss der Universität von Chicago“, sagte sie.

„Kunstgeschichte?“, tippte er.

„Öffentliche Verwaltung. Mit Prädikatsexamen.“ Im Hinblick auf Hargroves politische Ziele schien das eine gute Wahl zu sein. Zumindest war sie in der Lage, die Verwicklungen seiner Arbeit zu verstehen.

„Alle Achtung.“ Royce blickte sie bewundernd an.

„Na, endlich“, scherzte sie. Sie hatte die Worte kaum ausgesprochen, da wurde ihr klar, was sie tat: Sie flirtete mit Royce.

Seine blauen Augen funkelten und wurden dunkler, als er sich zu ihr neigte. „Amber, ich finde Sie bemerkenswert. Schon seit ich Sie das erste Mal gesehen habe.“

Schweigend genoss sie es, wie er ihren Namen aussprach. Plötzlich wurde ihr ganz heiß – aufregend heiß sogar. Der Rest des Raums schien in einem Nebel zu verschwinden, während die Sekunden vorbeitickten.

Dann verschwand der hungrige Ausdruck in seinen Augen, und sein Lächeln wurde sanfter. „Das war ein Versehen, nehme ich an?“

„Ich bin mir nicht sicher“, gestand sie.

„Gut, dann sagen Sie es mir, wenn Sie sich entschieden haben.“

Es war ein Fehler, mit ihm zu flirten. Sie musste sich wieder unter Kontrolle bekommen. „Erzählen Sie mir etwas über Montana“, forderte sie ihn auf. „Ich war noch nie dort.“

Royce lehnte sich zurück und blickte zur Seite, dann beschloss er offenbar, sie nicht weiter zu bedrängen. „Was wollen Sie wissen?“

„Ihre Ranch“, sagte sie schnell. „Erzählen Sie mir etwas über die Ranch.“

„Wir haben eine Menge Rinder.“

In diesem Moment stellte eine junge Kellnerin eine kleine Glasschale mit Nüssen auf den Tisch und erkundigte sich höflich, ob sie noch etwas trinken wollten. Royce schüttelte den Kopf und dankte ihr.

„Wie viele?“, fragte Amber, nachdem die Frau sich entfernt hatte.

„Ungefähr fünfzigtausend Stück.“

„Das sind aber viele Rindviecher, auf die Sie da aufpassen müssen.“

„Was Sie nicht sagen.“

„Pferde auch?“, erkundigte sie sich, um bei einem unverfänglichen Thema zu bleiben.

„Ein paar Hundert.“

Amber nahm sich eine Mandel aus der Glasschale auf dem Tisch. „Ich hatte Dressurstunden, als ich elf war.“

Er lächelte breit, wobei er regelmäßige weiße Zähne aufblitzen ließ. „In Chicago?“

„Birmingham Stables.“ Genüsslich knabberte sie an der Mandel. „Aber nicht lange. Ich habe mir nicht viel aus Schweiß und Mist gemacht.“

„Sie würden Montana hassen.“

„Vielleicht auch nicht. Erzählen Sie mir ein bisschen mehr.“

„Meine Schwester besitzt eine Pferdefarm oben in den Bergen. Sie liegt inmitten von Wildblumenwiesen.“

„Wildblumen sind hübsch.“ Amber war sicher, dass Blumenwiesen ihr gefallen würden. „Was gibt es noch dort?“

„Sie ist Springreiterin. Arbeitet mit Hannoveranern.“

„Tatsächlich? Und ist sie gut?“

„Vermutlich wird sie es ins nächste Olympiateam schaffen.“

„Ich wette, sie geht ganz in der Reiterei auf.“ Amber versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, etwas mit so viel Leidenschaft zu betreiben, dass niemand auf der Welt einem Konkurrenz machen könnte.

Royce nickte eifrig. „Sie hat mit fünf angefangen.“ Das Leuchten in seinen Augen verriet, wie stolz er auf seine Schwester war.

Seufzend fischte Amber noch eine Mandel aus der Schale. „Ich wünschte, ich hätte auch etwas, was mir so viel Spaß macht.“

Er überlegte kurz. „Jeder hat doch irgendetwas, was ihm Spaß macht.“

All ihren Mut zusammennehmend, blickte sie ihm in die Augen. „Und Sie? Was macht Ihnen Spaß?“

„Mit Überschallgeschwindigkeit über die Wüste von Nevada zu donnern. In einer sternenklaren Nacht.“

„Tun Sie das oft?“

„Nicht oft genug.“

Amber musste lächeln. „Und, sind Sie gut?“

Sein Blick lag auf dem tiefen Ausschnitt ihres Kleids, als er mit rauer Stimme erwiderte: „Sogar sehr gut.“

„Und sehr böse.“ Scherzhaft drohend hob sie den Zeigefinger.

Er grinste frech. Wieder wurde ihr ganz heiß.

„Sie sind dran“, sagte er.

Verständnislos blickte sie ihn an.

„Was macht Ihnen denn Spaß?“

Gute Frage. Sie nippte an ihrem Drink. „Designerschuhe“, erwiderte sie schließlich und stellte das langstielige Glas zurück auf den Tisch.

Er beugte sich zur Seite, um unter den Tisch zu spähen. „Lügnerin.“

„Und was ist das?“ Sie streckte die Beine aus, präsentierte ihre hochhackigen schwarzen Sandaletten.

„Ich bin schon mit Schuhfetischistinnen ausgegangen.“

„Hey, ich habe nicht behauptet, eine zu sein.“

„Ihre Schuhe sind ziemlich schlicht.“

Bevor ihr bewusst wurde, was sie tat, hatte sie ihren Fuß auf sein Knie gelegt.

„Außerdem ist der Riemen etwas ausgefranst.“ Royce fuhr mit dem Daumen über ihren Knöchel. „Sie haben sie also mehr als zweimal getragen.“

„Ich habe nicht behauptet, dass ich verschwenderisch bin.“ Tapfer versuchte sie die Wärme seiner Hand zu ignorieren, doch ihr Herz schlug schneller, und sie spürte, wie ihre Haut anfing zu prickeln.

„Also, wofür begeistern Sie sich?“

„Geburtstagstorte.“ Das stimmte schon eher. „Drei Schichten, mit widerlich süßer Buttercreme überzogen und mit Fondantrosen verziert.“

Lachend stellte er ihren Fuß wieder auf den Boden.

Gott sei Dank.

„Wie alt sind Sie?“ Er nahm sich eine Handvoll Nüsse.

„Zweiundzwanzig. Und Sie?“

„Dreiunddreißig.“

„Im Ernst?“

„Ja. Warum?“

Nach kurzem Zögern bekannte sie: „Hargrove ist auch dreiunddreißig, aber er wirkt viel älter als Sie.“

„Das liegt daran, dass ich Pilot bin … wagemutig und sorglos. Und er ist Politiker, die sind eben seriös und angespannt.“

„Sie kennen ihn doch gar nicht.“ Trotzdem traf seine Einschätzung beängstigend genau zu.

Royce blickte sie ernst an. „Warum verstecken Sie sich?“

„Wie bitte?“

„Vorhin am Tresen sagten Sie, dass Sie sich verstecken. Wovor?“

Ja, wovor eigentlich? Amber sog hörbar die Luft ein, strich sich mit beiden Händen über das Haar und schloss die Augen.

Sie wusste, dass sie nicht hier in der Bar war, um dem Trubel im Ballsaal für eine Weile zu entkommen. Tatsächlich lief sie vor sich selbst davon … und vor der Erkenntnis, dass sie eine Lüge lebte. Tatsache war, sie hatte ihr Leben den Bedürfnissen eines Mannes angepasst, den sie nicht liebte.

Die Wahrheit jagte ihr Angst ein, und Amber brauchte Zeit zum Nachdenken. Mehr als nur einen Abend oder einen Tag. Auch länger als ein Wochenende.

Sie musste das Chaos in Ordnung bringen, in das sich ihr Leben verwandelt hatte, und sich entscheiden, wie es weitergehen sollte. Es war paradox … Royce graute es vor der Verbannung auf die Ranch in Montana, während sie alles geben würde, um …

Amber schlug die Augen auf und blickte ihn an. „Nehmen Sie mich mit.“

Er zog fragend die Stirn kraus. „Wie bitte?“

„Nehmen Sie mich mit nach Montana.“ Niemand würde sie dort suchen, und sie konnte den nervtötenden Hochzeitsvorbereitungen entgehen: endlose Anproben, langweiliges Listenschreiben. Welche Gäste, welche Sitzordnung, welche Geschenke …

Und Hargrove.

Bei dem Gedanken fiel ihr eine Last von den Schultern, und der Knoten in ihrem Magen löste sich.

„Machen Sie Witze?“ Royce sah sie entgeistert an.

„Nein.“

„Dann sind Sie ein bisschen verrückt?“

„Kann schon sein.“ Was sie vorhatte, war tatsächlich wahnsinnig. Andererseits fühlte es sich gleichzeitig vollkommen richtig an.

„Ich nehme keine verlobte Frau mit nach Montana.“

„Warum nicht?“

Ratlos hob er die Hände. „Weil … na ja, weil Ihr Verlobter mich umbringen würde, zum Beispiel.“

„Ich sage es ihm nicht.“

„Super. Das funktioniert sicher prima.“

„Ich meine es ernst. Er wird es nie erfahren.“

„Vergessen Sie’s.“

Nein. Denn dies war seit Wochen die erste vernünftige Idee, die sie hatte.

Amber zog ihren Diamantring vom Finger und legte ihn auf den Tisch zwischen ihnen. „Hier. Kein Verlobter. Kein Problem.“

„Auch wenn Sie den Ring nicht tragen, ändert das nichts an der Tatsache, dass Sie verlobt sind.“

„Ach ja?“, meinte sie herausfordernd.

„Ja“, bekräftigte er.

„Und wenn ich nicht verlobt wäre?“

Plötzlich schien die Zeit stillzustehen, schwer hing das Schweigen in der Luft.

Royce musterte sie gründlich vom Ausschnitt bis zur Taille. Dann wanderte sein Blick zu ihren Augen zurück. „Sweetheart, wenn Sie nicht verlobt wären, würde ich sagen: ‚Bitte anschnallen!‘“

Sie ließ ihre Handtasche aufschnappen und zog ein flaches silbernes Handy hervor. Nachdem sie eine Nachricht eingetippt hatte, reichte sie Royce das Telefon. „Was halten Sie davon?“

In dem schummrigen Licht blinzelte er und las mit gerunzelter Stirn, was sie geschrieben hatte.

Es tut mir so leid. Ich kann Dich nicht heiraten. Ich brauche Zeit zum Nachdenken.

„Drücken Sie auf Senden“, forderte sie ihn auf. „Und nehmen Sie mich mit nach Montana.“

„Da bist du ja, mein Schatz!“

Ambers Vater. Auch das noch. Der hatte ihr gerade noch gefehlt.

Er trat an ihren Tisch und legte seine breiten Hände auf ihre Schultern.

Das schlechte Gewissen ließ sie zusammenfahren, und sie wirbelte herum. „Daddy?“

„Die Limousine wartet draußen auf dich.“ Ihr Vater ließ den Blick zu Royce wandern.

Mit dem Display nach unten legte Royce das Handy auf den Tisch, stand auf und reichte Ambers Vater die Hand. „Royce Ryder. Jareds Bruder“, stellte er sich vor.

„David Hutton. Wir haben uns vorhin schon begrüßt.“

„Freut mich, Sie wiederzusehen.“

„Haben Sie meine Tochter ein bisschen unterhalten?“

„Eher andersherum.“ Royce bedachte Amber mit einem bedeutungsvollen Blick. „Amber ist wirklich eine interessante Gesprächspartnerin. Sie können stolz auf sie sein.“

David Hutton drückte ihre Schultern. „Das sind wir auch, ihre Mutter und ich. Aber es ist schon spät, Liebling. Wir müssen jetzt nach Hause.“

Nein! wollte Amber aufschreien. Sie wollte nicht nach Hause. Sie wollte hier bei Royce bleiben und ihr Leben umkrempeln. Sie wollte sich von Hargrove trennen und nach Montana fliehen. Sie wollte es wirklich.

Royce nahm das Handy, ließ es rasch in ihre Clutch gleiten. Dann klappte er die Tasche zu und drückte sie Amber in die Hand. „Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen.“

Amber öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, brachte aber kein Wort heraus. Ihr Vater legte ihr eine Hand an den Ellbogen und zog sie sanft vom Stuhl hoch.

Den Blick fest auf Royce gerichtet, versuchte sie ihm verständlich zu machen, wie verzweifelt sie war. Verstand er denn nicht?

Unternimm doch was, um mir zu helfen!

Aber er tat es nicht. David Hutton wandte sich zum Gehen, und ihr blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Schritt für Schritt entfernte sie sich von dem Tischchen in der Bar, ließ die Chance auf ein neues Leben unwiderruflich zurück …

„Amber?“

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