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Küss mich noch einmal so wie damals

Trish Morey

Küss mich noch einmal so wie damals

PROLOG

Paris

Sein Kopf schmerzte, er hatte einen unangenehmen Geschmack im Mund und eine nackte Frau in seinem Bett – Letzteres reichte beinahe aus, um ihn alles andere vergessen zu lassen. Ihre weiche Haut fühlte sich wie flüssige Seide an. Obwohl er noch immer von Alkohol und Schlaf benebelt war, versuchte er, mit schweren Armen nach ihr zu greifen, doch sie lachte nur, tief und kokett, während sie sich ihm geschickt entwand. Da es zu dunkel war, um irgendetwas zu erkennen, ließ er sich zurück in die Kissen fallen und bemühte sich, Klarheit in seine Gedanken zu bringen. Aber in diesem Moment war er nicht imstande zu denken, nicht jetzt, wo sich ihre Lippen auf seinen Oberschenkel senkten und eine glühende Spur auf seiner nackten Haut hinterließen.

Die sinnlichen Empfindungen erzeugten Risse in seinen Kopfschmerzen – groß genug, dass Erinnerungen durchschlüpfen konnten. Erinnerungen an seine Ankunft in Paris, die zornige Stimme seines Vaters, seine ebenso wütende Antwort und dann der niederschmetternde Schlag, als er realisierte, dass er keine Wahl hatte …

Seine Zunge fühlte sich belegt an, der Mund trocken. Er schmeckte schalen Whisky. Wie viel hatte er getrunken?

Plötzlich lagen ihre schlanken Finger auf seiner Männlichkeit. Ihm stockte der Atem, während sie ihn aufreizend massierte. Himmel, was für ein umwerfendes Gefühl!

Und dann, als er schon glaubte, nicht mehr ertragen zu können, spürte er, wie sie ganz kurz ihre Zunge über die Spitze gleiten ließ. Er zuckte zusammen, als hätte ihn ein Stromschlag erfasst, während seine Erektion so stark anschwoll, dass sie ihren Griff lockern musste.

Stöhnend legte er einen Arm über die Augen. Er war sicher, dass sein Schädel mit dem nächsten hämmernden Schlag explodieren würde. War das die Idee ihrer Väter gewesen? Um den Deal zu besiegeln? Beide hatten sie vehement darauf gepocht, dass die Verlobung stattfinden würde. Also hatten sie Elena nackt in sein Bett geschickt, um ihn zu verführen und vielleicht das Kind zu zeugen, das endgültig jede Möglichkeit verhindern würde, dem Schicksal zu entgehen, das sein Vater ihm zugedacht hatte.

Als sie sich rittlings auf ihn setzte, zog er den Arm zurück und öffnete erneut die Augen. Mühsam versuchte er, die Dunkelheit zu durchdringen.

Plötzlich spürte er ihre feuchte Hitze und wurde von einem überwältigenden Verlangen erfasst. Mit einem lauten Stöhnen, das seinen Kopf wie Donnerhall erfüllte, riss er sie in seine Arme und rollte sich über sie. Ihr Überraschungsschrei war noch zu hören. Jetzt lag sie unter ihm gefangen – sie konnte nicht entkommen. Sofort schloss er seine Hände um ihre Brüste, die kleiner waren als erwartet, doch es war nicht das erste Mal, dass die Wirklichkeit nicht an die Fantasie heranreichte. Außerdem waren sie fest und perfekt geformt, und er würde sich ganz sicher nicht beschweren. Nicht, wenn sie das Beste waren, was er die ganze Nacht gefühlt hatte. Angesichts seines wild hämmernden Kopfs war es ohnehin ein Wunder, dass er noch etwas anderes wahrnahm.

Dennoch wollte er sie für ihren Part in dem schmutzigen Business-Deal ihrer Väter büßen lassen. Deshalb senkte er den Kopf und fing ihre aufgerichtete Brustspitze mit den Lippen ein. Wie konnte sie es wagen, ihm eine Falle zu stellen? Er hatte doch bereits zugestimmt, sie zu heiraten, oder etwa nicht? Er hatte ihren Vätern sein Wort gegeben. Verdammt, dafür würde sie bezahlen!

Auch wenn sein Hirn noch so benebelt war, hörte er ihren Schmerzensschrei und erkannte den Grund dafür. Rasch löste er seine Lippen von ihrer Brust. Er hatte so fest zugebissen, dass es ihn nicht gewundert hätte, Blut zu sehen. Sofort entspannte sie sich wieder, zumal er als Wiedergutmachung heiße Küsse auf ihre Haut regnen ließ. Innerhalb kürzester Zeit schmiegte sie sich wie ein Kätzchen an ihn, und sie schlang die seidig glatten Beine in einer uralten Einladung um seine Hüften.

Er brauchte keine weitere Aufforderung, denn sie war genauso bereit wie er, das wusste er, weshalb er gegen ihre geheimste Stelle drängte und mit der Spitze seiner Männlichkeit um Einlass bat. Merkwürdigerweise spürte er, wie sie sich versteifte und den Atem anhielt.

Das ist nicht möglich. Er war einfach nur betrunken und ungeschickt und …

Und dann hörte er ihren leisen Schrei. Ihre Stimme klang vertraut, und dennoch war da etwas, das sein Blut in den Adern gefrieren ließ. Hektisch zog er sich zurück, obwohl sein Körper aufbegehrte und nach Erfüllung verlangte, tastete nach dem Lichtschalter, von dem er wusste, dass er hier irgendwo sein musste.

Als das Zimmer urplötzlich in helles Licht getaucht war, musste er im ersten Moment die Augen zusammenkneifen, so sehr schmerzte sein Kopf, doch dann öffnete er sie, und die Kopfschmerzen waren das Geringste seiner Probleme.

Marietta Lombardi, die kleine Schwester seines besten Freundes, lag nackt in seinem Bett, die Augen weit aufgerissen, verängstigt wie ein scheues Reh, die langen blonden Haare über die Kissen gegossen.

„Was, zur Hölle, tust du hier?“ Jedes Wort war wie eine neuerliche Explosion in seinem Kopf. Doch die Wirkung auf sie war noch verheerender. Marietta sah furchtbar verletzt aus. Sie wich bis an die Wand zurück, zog die Knie hoch und schlang die Arme um die Beine.

„Ich wollte dir etwas schenken.“ Ihre Unterlippe zitterte – eine Unterlippe, die er sich allzu oft zu küssen gewünscht hatte, auch wenn er es nie getan hatte und jetzt auch nie mehr tun würde. „Ich wollte dir … mich schenken.“

„Nein!“, schrie er, stand vom Bett auf und hüllte sich in die Damastdecke ein, um seine Nacktheit zu verbergen, bis er seinen Morgenmantel anziehen konnte. Himmel Herrgott, sie war die Schwester seines besten Freundes. Eine Jungfrau. Und wenn er auch geglaubt hatte, dass sie vielleicht eines Tages in der Zukunft … Doch dazu bestand jetzt keine Chance mehr. Nie mehr! Nicht nach dieser Nacht. „Was, zur Hölle, hast du dir nur dabei gedacht?“

„Ich dachte, dass ich dein Geburtstagsgeschenk sein wollte.“

Da schon wieder – das verräterische Zittern ihrer Unterlippe. Und dann sah er den Abdruck auf ihrer Brust, wo seine Zähne voller Zorn ihre Spuren hinterlassen hatten. Der Anblick löste einen furchtbaren Schmerz in ihm aus. Mein Gott, das hier war falsch, in so vielerlei Hinsicht. Er hatte kurz davor gestanden, sich in ihr zu versenken, sie zu bestrafen, als hätte sie ihm unrecht getan.

Und er hatte sie verletzt.

Aufgewühlt fuhr er sich mit den Fingern durchs Haar.

„Du musst gehen.“

„Aber … Yannis.“

„Du musst gehen!“

„Du wolltest mit mir schlafen. Du warst kurz davor. Warum hast du aufgehört?“

Wütend knurrte er sie an: „Weil ich nicht wusste, wer du warst!“

„Oh, für wen hast du mich denn gehalten?“

Sie besaß doch tatsächlich den Nerv, erbost zu klingen. Beinahe hätte er gelacht. Beinahe. Doch die Situation war alles andere als witzig.

„Verschwinde einfach von hier.“

„Aber ich liebe dich.“

„Du bist sechzehn. Du kannst mich nicht lieben.“

„Aber du liebst mich. Du hast es mir gesagt!“

Wütend stürmte er durch den Raum und ballte die Hände zu Fäusten. Er begehrte gegen die Ungerechtigkeit der Situation auf und gegen die Dummheit, die damit einherging, dass er sich an einen Tag voll grüner Wiesen und Gänseblümchen und blauen Himmels erinnerte und an ein Mädchen, das ihm immer absolut perfekt erschienen war.

Als er ihre Hand auf seiner Schulter spürte, wirbelte er herum.

„Ich will dich“, sagte sie mit einer Kühnheit, die er nie zuvor an ihr bemerkt hatte. „Bitte liebe mich.“

Sto thiavolo, wie sehr sie ihn in Versuchung führte! Sie fasste sein Schweigen als Zustimmung auf, presste ihre Brüste gegen seinen Oberkörper und senkte ihre Lippen auf seinen Hals, während er mit einer ganz neuen Qual zu ringen hatte.

Jetzt könnte er sie haben, und niemand müsste es erfahren. Eine perfekte Nacht, ehe er Elena heiratete. War das wirklich zuviel verlangt?

Er schob seine Finger in ihr Haar, wickelte es um seinen Daumen und hauchte Küsse darauf. Doch als sie zu ihm aufschaute und ihn mit einem solchen Blick der Bewunderung, der Liebe und des Vertrauens ansah, da fühlte er eine Übelkeit in sich aufsteigen, weil er es auch nur in Erwägung gezogen hatte. Wie konnte er Marietta das antun – in der einen Nacht mit ihr schlafen und am nächsten Tag seine Verlobung mit einer anderen Frau verkünden?

Es konnte nicht sein.

Es durfte nicht sein.

Nicht jetzt.

Niemals!

„Geh“, herrschte er sie an, löste ihre Arme von seinem Hals und stieß sie von sich. Stieß die Versuchung von sich. „Ich will dich nicht hier haben.“

Verwirrung zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. „Das meinst du nicht ernst.“

„Zieh dich an und geh!“

„Aber ich liebe dich. Und du liebst mich.“

„Wie eine Schwester!“, schrie er. Natürlich war es eine Lüge, aber er hatte das Gefühl, dass der Schnitt grausam sein musste – es war der einzige Weg. „Verstehst du nicht? Ich liebe dich wie eine Schwester. Mehr nicht.

Ein furchtbarer Schmerz verzerrte ihr wunderschönes Gesicht. Tränen traten in ihre Augen, die gleich darauf über ihre Wangen strömten. „Aber du hast gesagt …“

„Es spielt keine Rolle, was ich gesagt habe! Verstehst du nicht? Ich kann dich niemals auf andere Weise lieben. Jetzt verschwinde und geh in dein Zimmer zurück, ehe dich jemand sieht.“

„Aber Yannis …“

Geh!

1. KAPITEL

Montvelatte – dreizehn Jahre später.

Er war ganz nah, das spürte sie.

Marietta Lombardi fühlte ein nervöses Kribbeln und einen Kloß in der Kehle. Als sich am anderen Ende des Ballsaals die antiken Flügeltüren öffneten, stockte ihr vollends der Atem.

Yannis Markides, der Mann, den sie geschworen hatte, niemals wiederzusehen, war doch noch in Montvelatte eingetroffen. Komplett in Schwarz gekleidet, überflogen seine Adleraugen die Menge, die sich für das Probe-Hochzeitsdinner versammelt hatte. Ein Adrenalinstoß erfasste Marietta mit solcher Wucht, dass sie auf ihrem Stuhl immer kleiner wurde und sich gegen den Ansturm dreizehn Jahre alter Erinnerungen wehren musste, die sie in die entlegendsten Tiefen ihres Bewusstseins verbannt geglaubt hatte.

Offensichtlich nicht entlegen genug.

Doch selbst eine Flut unwillkommener Erinnerungen war nichts im Vergleich zu der Tatsache, ihn persönlich vor sich zu sehen. Der Yannis ihrer ungebetenen Träume reichte bei Weitem nicht an diesen Mann heran, der eher wie ein Krieger kurz vor dem Eintritt in die Schlacht wirkte denn wie ein alter Familienfreund. War er immer so groß gewesen? Hatte er es schon immer vermocht, einen Raum allein durch seine Präsenz zu füllen? Und, verdammt noch mal, war er schon immer so gut aussehend gewesen?

Das Beste wäre, wenn sie sofort ginge. Sie könnte zwischen den zahllosen Kellnern, die etliche Gänge köstlichster Speisen servierten, hindurchschlüpfen, ehe er sie sah, ehe sie ihm gegenübertreten und die Demütigung ihrer letzten Begegnung noch mal durchleben musste.

Doch genau in diesem Moment sprang ihr Bruder auf, rief winkend quer durch den Saal, und Marietta erkannte, dass sie zu lange gezögert hatte. Yannis’ Mund verzog sich zu einem Lächeln, bis sein Blick auf sie fiel und so kalt wurde, dass sie unweigerlich zu zittern begann. Es war, als hätte sie einen Schlag in die Magengrube erhalten. Offensichtlich wollte er sie genauso wenig wiedersehen wie sie ihn. Schön. Je eher diese Hochzeit vorüber war, desto schneller konnten sie sich wieder aus dem Weg gehen, und alles wäre gut.

Sie ist also hier, wie man mich vorgewarnt hat, dachte Yannis. Seine Hände ballten sich unbewusst zu Fäusten, sein Herzschlag beschleunigte sich, und ein wohlvertrauter Zorn überfiel ihn. Bislang hatte er immer an die Maxime „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“ geglaubt. Doch jetzt reichte allein der Anblick der Frau, die seine Familie finanziell ruiniert hatte, aus, um all die Bitterkeit und Wut, um all die alten Wunden neu aufzureißen.

Mein Gott, er wünschte, er wäre nicht hier, selbst wenn es sich um die Hochzeit seines besten Freundes handelte – zumindest nicht, wenn es bedeutete, sie wiedersehen zu müssen, und ganz sicher nicht, wenn es hieß, in diese dunklen Tage zurückkatapultiert zu werden.

Yannis holte tief Luft. Eines hatte er über die Jahre hinweg gelernt – das Leben bescherte einem nicht unbedingt das, was man sich wünschte. Deshalb war er ja jetzt auch hier, und man erwartete tatsächlich von ihm, dass er Mariettas Partner für die Hochzeitsfeierlichkeiten war, ja dass er sie in die Arme nahm und mit ihr tanzte. Keine Vorwarnung der Welt hätte ihn darauf vorbereiten können.

Er hätte eine weibliche Begleitung mitbringen sollen. Die Auswahl wäre riesengroß gewesen, selbst nachdem er seine kurze Affäre mit Susannah beendet hatte. Innerlich verfluchte er sich dafür, allein gekommen zu sein – auch wenn er seinen Grund immer noch für vernünftig hielt. Wenn man eine Frau mit zu einer Hochzeit nahm, lief man zwangsläufig Gefahr, dass sie auf falsche Ideen kam – und die hatten in seinen Beziehungen keinen Platz.

„Yannis!“ Raphael begrüßte ihn über die Kammermusik und die Unterhaltung der versammelten Gästeschar hinweg mit einem Handschlag, ehe er ihn an sich zog und ihm freundschaftlich auf den Rücken klopfte.

„Also das ist Yannis Markides“, murmelte Sienna, die sich über den leeren Stuhl ihres Verlobten hinweg zu Marietta beugte und dabei das Wiedersehen der beiden Männer beobachtete. „Er ist sehr attraktiv, nicht wahr? Beinahe so gut aussehend wie Rafe.“

Besser.

Marietta konnte nichts gegen den unwillkommenen Gedanken tun. Yannis war nun mal eine aufregende Mischung aus seinem griechisch-zypriotischen Vater und seiner Mutter, die aus Montvelatte stammte. Es war, als hätte er das Beste mitbekommen, was der Mittelmeerraum zu bieten hatte: dunkles Haar, faszinierende Augen und markante Züge. Als Einundzwanzigjähriger war er der bestaussehende Mann gewesen, den sie je erblickt hatte. Dreizehn Jahre später war er ein Mann in der Blüte seiner Jahre, absolut umwerfend.

„Kann schon sein“, entgegnete Marietta und griff nach ihrem Glas. Sie brauchte etwas, an das sie sich klammern konnte, während sie sich einschärfte, dass er ein ganz gewöhnlicher Mann war wie jeder andere auch.

Doch dann schaute sie erneut auf.

Himmel, warum musste er wie ein griechischer Gott aussehen? War es da ein Wunder, dass sie einst geglaubt hatte, in ihn verliebt zu sein? Welches Mädchen hätte sich nicht in ihn verguckt? Sie holte tief Luft und umklammerte den Stiel ihres Weinglases noch fester. Damals war sie ein Teenager gewesen, jung und naiv. Gott sei dank ließ sie sich heute nicht mehr von ihren Hormonen lenken. Und Gott sei dank hatte diese Qual bald ein Ende. Ein Tag noch, vielleicht zwei, und die Hochzeit samt der dazugehörigen Formalitäten war vorüber, sodass sie beide die Insel wieder verlassen würden.

Sie konnte es kaum abwarten.

„Jetzt verstehe ich auch, warum er bei den Ladys so beliebt ist“, fuhr Sienna gedämpft fort, „obwohl ich kaum glauben kann, dass er allein hier ist. Ich hätte auf jeden Fall erwartet, dass er eine Begleitung mitbringt.“

Marietta war es egal. Yannis haftete der Ruf eines Playboys an, genauso wie Rafe, bis ihr Bruder Sienna kennengelernt hatte. Wenn Yannis allein hier war, so war das ganz sicher nur ein kurzer, äußerst vorübergehender Zustand. „Vielleicht hat sie Vernunft angenommen“, murmelte sie leise.

In diesem Moment drehten sich die beiden Männer um. Rafe deutete auf die zwei Frauen, woraufhin sich Mariettas Magen zusammenzog und sie noch tiefer auf ihren Stuhl rutschte. Rasch ließ sie das Glas los aus Angst, sie könnte etwas verschütten, während sie ein künstliches Lächeln aufsetzte.

„Natürlich erinnerst du dich an Marietta“, sagte ihr Bruder, während er seinen Freund zu den beiden Frauen führte. Plötzlich stand Yannis wie ein bedrohlicher Schatten vor ihr. Sie hatte nicht mal die Zeit, aufzustehen, während er sie eiskalt anblickte.

Jäh erkannte sie, dass sie sich diesen Blick selbst zuzuschreiben hatte. Mit einer einzigen dummen, leichtsinnigen Tat hatte sie alle guten Erinnerungen ausgelöscht, die er mit ihr verbunden haben mochte. Und jetzt, dreizehn Jahre später, ließ er sie immer noch dafür büßen.

So viele Jahre später. Damals war sie noch ein Teenager gewesen. Sie hatte einen törichten Fehler begangen. Aber war das, was sie getan hatte, wirklich so unverzeihlich gewesen?

„Yannis“, sagte sie, um das Schweigen zu durchbrechen, das an ihren Nerven zerrte, „es ist lange her.“

Der weiterhin verächtliche Blick, mit dem er sie ansah, besagte, dass es seiner Ansicht nach noch nicht lang genug war. Beinahe unmerklich senkte er den Kopf. „Prinzessin“, erwiderte er, woraufhin Marietta schlucken musste. Die Art, wie er den Titel aussprach, ließ ihn wie eine Beleidigung klingen, doch ehe sie ihre Stimme so weit unter Kontrolle hatte, um ihm zu sagen, dass er sie Marietta nennen könne, wie er es immer getan hatte, stellte Rafe bereits seine Verlobte vor, und Yannis wandte sich ab.

Sienna verfügte augenscheinlich über mehr Geistesgegenwart als Marietta, denn sie erhob sich, um Rafes ältesten Freund mit einem warmen Lächeln zu begrüßen. Als sie ihm die Hand entgegenstreckte, hob er sie galant an seine Lippen.

„Raphael hat immer darauf beharrt, dass er mich in allem schlagen würde. Was die Suche nach der perfekten Ehefrau anbelangt, muss ich leider eingestehen, dass er gewonnen hat.“

Sienna lachte leise. „Rafe hat mir schon gesagt, dass Sie ein Charmeur sind. Es überrascht mich, dass Sie die Frau Ihrer Träume noch nicht gefunden haben.“

Marietta versteifte sich, während sie auf Yannis’ Antwort wartete, auch wenn sie nicht so genau wusste, warum. Schon vor langer Zeit hatte sie die Hoffnung aufgegeben, dass sie die Frau seiner Träume war.

„Jetzt wird Yannis gar nicht mehr heiraten, dessen bin ich sicher“, schaltete sich Rafe ein. „Keine Frau ist gut genug für ihn.“

Sienna schüttelte lächelnd den Kopf. „Sagen Sie, Yannis, wie geht es Ihrem Vater? Rafe erzählte mir, dass er krank ist.“

„Ja, das ist er wirklich, aber Gott sei dank ist sein Zustand nicht mehr kritisch. Vor einem Monat hat er einen Schlaganfall erlitten. Meine Mutter bedauert sehr, nicht hier zu sein, aber im Moment kann sie ihn nicht alleine lassen.“

„Es tut mir leid, dass Ihre Eltern nicht zu unserer Hochzeit kommen können, aber es ist wirklich schön, Sie endlich kennenzulernen“, erwiderte Sienna. „Rafe hat mir so viel von Ihnen erzählt.“

„Nichts Gutes“, fügte Rafe grinsend hinzu und drängte sie alle, Platz zu nehmen, während die Kellner einen weiteren Gang auftrugen und die Wasser- und Weingläser füllten. Yannis setzte sich neben Sienna, und mit einem erleichterten Seufzer ließ sich Marietta auf den Platz neben ihrem Bruder sinken. Sie war froh, dass das glückliche Paar als Barriere zwischen ihr und Yannis fungierte.

„Du hast die Hochzeitsprobe verpasst“, beschwerte sich Raphael bei seinem ältesten Freund. „Was hat dich so lange aufgehalten? Du solltest doch schon vor Tagen ankommen.“

Yannis zuckte die Achseln, während er nach seinem Weinglas griff und den Inhalt gedankenverloren hin und her schwenkte. Im ersten Moment dachte Marietta, dass er nicht antworten würde, doch dann ergriff er das Wort. „Der US-Markt reagiert zurzeit ziemlich nervös und damit auch einige unserer Kunden. Es war wichtig, dass ich die ganze Zeit anwesend war. Und so wie es aussieht, muss ich nach der Hochzeit sofort wieder zurück.“

Rafes Gesicht verdüsterte sich. „In deinen E-Mails hast du von nervösen Kunden nichts erwähnt.“

„Du heiratest gerade“, versetzte Yannis, „da musst du nicht alles wissen. Außerdem hast du schon genug damit zu tun, die Finanzen von Montvelatte wieder auf Vordermann zu bringen.“

„Warum lässt du nicht Kernahan alles regeln? Immerhin hast du den Manager selbst eingestellt. Wieso überlässt du den Job nicht ihm?“

Die Augen seines Freundes funkelten unnatürlich hell, während er seinen Blick über die Gäste schweifen ließ und sein Kiefer sich sichtlich verkrampfte.

Marietta wählte ausgerechnet diesen Moment, um sich nach vorne zu beugen und nach ihrem Wasserglas zu greifen. Sie brauchte unbedingt etwas Kühles, denn ihr Hals fühlte sich trocken und ausgedörrt an. Der Fehler, den sie allerdings beging, war, dass sie den Kopf drehte und dem Mann drei Plätze weiter direkt in die Augen schaute.

„Oh, ich habe meine Gründe“, murmelte Yannis, während er Marietta unverwandt anblickte, sodass für sie kein Zweifel mehr daran bestand, dass er nur deshalb auf den allerletzten Drücker gekommen war, um ihr so lange wie möglich aus dem Weg zu gehen.

Neben ihr schien Rafe protestieren zu wollen, doch Sienna legte ihm beschwichtigend eine Hand auf den Arm. „Raphael, jetzt ist Yannis ja da – rechtzeitig genug vor der Hochzeit. Das ist doch alles, was zählt.“

Daraufhin zuckte er die Achseln und ließ das Thema fallen. Auch Yannis brach den Blickkontakt zu Marietta ab, sodass sie sich wieder zurücklehnen und hinter dem Rücken ihres Bruders verschwinden konnte.

Das hier war verrückt. Sie sollte gehen – am besten schützte sie Kopfschmerzen vor. Das war beinahe nicht mal gelogen. Ihre Nerven waren derart angespannt, dass sie tatsächlich schon einen dumpfen Druck in den Schläfen spürte. Sie konnte die Feindseligkeit einfach nicht länger ertragen, die sich in jedem Blick, in jedem Wort von Yannis ihr gegenüber ausdrückte.

Fast hatte sie den Mut gesammelt, aufzustehen und die Entschuldigung vorzubringen, die nötig war, als die Musiker plötzlich das Tempo wechselten und zu einem Walzer übergingen. Eine erwartungsvolle Stille senkte sich über den Saal. Ihr Bruder erhob sich, griff nach der Hand seiner Verlobten und führte sie an seine Lippen. „Komm, cara, man wartet darauf, dass wir den Tanz eröffnen.“

Sienna nickte lächelnd. „Natürlich. Wir sollten unsere Gäste nicht enttäuschen.“ Unter dem Applaus der Anwesenden ließ sie sich von Rafe auf die Tanzfläche führen und schmiegte sich in seine Arme, ganz so, als gehöre sie nirgendwo anders hin. Während sich die beiden im Rhythmus der Musik wiegten, hatten sie nur Augen füreinander – ihre Liebe war förmlich greifbar.

Jemanden derart zu lieben und von dieser Person wiedergeliebt zu werden … wie musste sich das anfühlen? Marietta seufzte, während sie zusah, wie sich das verliebte Paar zu den Klängen des langsamen Walzers drehte. Jetzt, wo alle Welt nur auf die beiden blickte, war ihre Chance zur Flucht gekommen. Entschlossen schob sie den Stuhl zurück und griff nach ihrer Handtasche.

„Du siehst anders aus“, ertönte in diesem Moment Yannis’ Stimme neben ihr. Die Worte waren an sich harmlos, dennoch klangen sie vorwurfsvoll.

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