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Küss mich, lieb mich – heirate mich!

1. KAPITEL

Schwere Gewitterwolken verdüsterten den Himmel, das ferne Donnergrollen kam langsam immer näher, ein starker Wind blies Wolken aus Staub und welken Blättern über den Parkplatz vor dem Haus.

In der Haustür stand eine Frau mit einem Brautbouquet in der Hand und hielt nervös nach einem ganz bestimmten Wagen Ausschau.

Ein greller Blitz zuckte über den dunklen Himmel.

Die Zeiger der Uhr näherten sich der Zwölf, High Noon – die Stunde der Entscheidung.

Die ganze Szene erinnerte viel zu sehr an die zweitklassigen Hollywoodfilme, in denen Carey Winslow oft genug mitgespielt hatte.

Die ersten schweren Tropfen färbten die Erde dunkel. Eine heftige Windböe peitschte den Regen gegen das Holzgeländer der Veranda. Im Nu wurde aus dem Regen ein Wolkenbruch.

Die Wettervorhersage, die Carey am Morgen im Radio gehört hatte, schien sich hundertprozentig zu erfüllen. Ein schwerer Sturm würde über den ganzen Staat hinwegfegen und mit Sicherheit auch nicht den Flughafen aussparen, der einige Autostunden entfernt war.

Kyle würde es niemals rechtzeitig bis hierher schaffen. Carey krampfte sich der Magen zusammen bei diesem Gedanken. Kyles Wagen – ein billiger kleiner Mietwagen ohne Allradantrieb – würde von der Straße abkommen und im Schlamm stecken bleiben. Warum musste Kyle auch mal wieder erst in letzter Minute erscheinen? War das nicht typisch Mann?

Mit einem Seufzer trat Carey von der Tür weg und legte das Brautbouquet auf einem kleinen Tisch im Flur ab.

“Na? Ist dein Verlobter schon da?” Es war Ophelias ruhige Stimme. “Der Richter wird langsam ungeduldig. Er meint, wenn der Kerl nicht bald auftaucht, kann man die Trauung heute wohl vergessen. Bei dem Wetter …”

“Ja, ich weiß. Ich werde auch nicht länger warten.” Carey strich ihr ärmelloses weißes Kleid glatt. Es war eigentlich nicht völlig weiß, sondern hatte ein unregelmäßiges Muster aus kleinen grünen und roten Blüten. Als einzigen Schmuck trug sie eine Kameebrosche, ein geliebtes Erinnerungsstück von ihrer Mutter. Ein kleiner Kranz aus weißen Röschen und Schleierkraut bildete ihren Kopfschmuck.

Ihr Kleid war nicht gerade das, was man als normales Brautkleid bezeichnen würde, es hatte keine Schleppe, und sie trug keinen Schleier. Aber Carey war auch nicht gerade eine normale Braut. Ihre Aufmachung – wie überhaupt alles an dieser Hochzeit – war behelfsmäßig. Alles andere als perfekt, aber ausreichend, um den Schein zu wahren. Ausreichend, um dem letzten Willen ihres Vaters gerecht zu werden, sodass sie in den Besitz ihres Erbes gelangen konnte.

Doch ohne einen Bräutigam würde sie das nicht erreichen. Carey war verzweifelt. Die Zeit lief langsam ab.

“Frag den Richter, ob er nicht zu Mittag essen möchte. Ich mache mich inzwischen auf die Suche nach meinem künftigen Mann.”

“Bei diesem Wetter?”, fragte Ophelia fassungslos. “Du wirst dir dein Kleid ruinieren. Warum wartest du nicht, bis Willie zurück ist? Er wird ihn für dich suchen.”

Mit welcher Selbstverständlichkeit Ophelia sich auf die Hilfsbereitschaft ihres Mannes verlässt, dachte Carey und beneidete sie insgeheim dafür. Careys Mutter war gestorben, als sie erst sieben gewesen war, und ihr Vater hatte nie wieder geheiratet. Ophelia und Willie erwiesen sich seit über fünfundzwanzig Jahren als unentbehrliche Helfer auf Whispering Oaks und waren für Carey das einzige Beispiel dafür, was eine lebenslange liebevolle Verbundenheit zwischen Mann und Frau bedeuten konnte. Früher einmal hatte Carey sich ausgemalt, dass ihr Leben genauso werden würde und dass ihr Hochzeitstag der Auftakt dazu sein würde. Doch wie so viele Kindheitsträume sollte sich auch dieser Traum offenbar nicht erfüllen.

Wenn er hier gewesen wäre, das wusste Carey genau, dann hätte Willie Jackson Wind und Wetter getrotzt, um ihr zu helfen. Doch Willie musste, da es zurzeit keinen Vorarbeiter auf der Ranch gab, nach dem Vieh sehen.

“Ich kann nicht auf Willie warten. Der Richter hat vollkommen recht, wenn wir noch länger warten, können wir die Hochzeit vergessen.”

Carey nahm eine gelbe Öljacke vom Haken und holte sich Gummistiefel aus dem Vorraum neben der Küche.

“Na, du siehst ja toll aus.” Ophelia winkte ihr mit einem Geschirrtuch nach, als Carey zurück zur Haustür ging. “Du wirst den armen Kerl mit deinem Anblick in die Flucht schlagen, falls du ihn überhaupt noch findest.”

“Kaum.” Carey wusste, das Einzige, was Kyle Keeler jetzt noch von der Sache abbringen würde, wäre eine Reduzierung seines Honorars. Außerdem – so gut kannte sie Kyle – würde er dermaßen verliebt in seine eigene Erscheinung sein, dass er kaum einen Blick an sie verschwenden würde. Kyle entsprach nahezu hundertprozentig dem Stereotyp des eitlen Schauspielers. Ganz davon abgesehen, wäre er völlig damit beschäftigt, sich auszudenken, wofür er das Geld ausgeben würde.

Kyle Keeler, ein langjähriger Bekannter Careys, war ein mittelmäßiger Schauspieler und tat ihr diesen Gefallen wegen des Geldes, das für ihn dabei heraussprang. Carey hatte ihm eine beträchtliche Summe versprochen, wenn er für eine gewisse Zeit die Rolle ihres Ehemanns spielte. Sie würde dadurch in den Besitz ihres Erbes gelangen, der Whispering-Oakes-Ranch, die sie dann so schnell wie möglich wieder verkaufen wollte.

Etwa nach einem halben Jahr würden sie und Kyle sich scheiden lassen. Kyle würde seinen Anteil bekommen und ins sonnige Hollywood zurückkehren. Nachdem die Ranch dann verkauft war, würde Carey ihr Leben weiterführen und vielleicht noch einmal die Schulbank drücken, um einen Collegeabschluss zu erlangen und einen Schlussstrich unter ihre wenig erfolgreiche Schauspielkarriere zu ziehen.

Ophelia wusste über all das Bescheid. Aber sie konnte wohl nicht anders und tat trotzdem so, als würde die bevorstehende Heirat wirklich eine Liebesheirat sein. Sie hatte sogar eine dreistöckige Hochzeitstorte gebacken und Champagnerpunsch gemacht. Nun ja, so war Ophelia eben.

Liebevoll betrachtete Carey ihre Haushälterin, die jetzt empört mit vor der Brust verschränkten Armen vor ihr stand.

“Falls Kyle anruft, sag ihm, ich sei auf der Suche nach ihm und in einer Stunde zurück”, wies sie Ophelia an. Dann griff sie nach dem Autoschlüssel und sah rasch noch einmal auf die Uhr.

Die Zeit drängte!

Ophelia blickte ihr kopfschüttelnd nach, als Carey ihr Kleid schürzte und zu dem alten Pick-up rannte. Im Nu war ihr langes goldbraunes Haar klitschnass.

Carey stieg ein, steckte den Schlüssel ins Zündschloss und richtete ein Stoßgebet an den Motor. “Spring an, bitte! Nur dieses eine Mal! Spring einfach an!”

Im letzten Jahr seines Lebens hatte ihr Vater so ziemlich alles verkommen lassen. Carey hatte keine Ahnung gehabt, wie heruntergekommen die Ranch war. Ihr Verhältnis zu ihrem Vater war immer gespannt gewesen, seit sie mit achtzehn von zu Hause fortgegangen war. Sie hatten nicht viel Kontakt miteinander gehabt und sich kaum gesehen.

Der alte Motor stotterte. Carey sank der Mut. Doch plötzlich gab der Motor einen lauten Knall von sich und sprang an.

Vorsichtig lenkte Carey den Wagen die Ausfahrt hinunter. Scheibenwischer und Gebläse waren altersschwach und trugen nicht viel zur Verbesserung der Sicht bei. Außerdem war die Straße voller Schlaglöcher, sodass Carey durchgeschüttelt wurde wie bei einem Rodeoritt. Aber sie fuhr trotzdem kein bisschen langsamer. Als sie die Landstraße erreichte, bog sie links ab, da sie wusste, dass Kyle nur aus dieser Richtung kommen konnte.

Carey warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel. Ophie hat recht gehabt, sagte sie sich, ich sehe vielleicht aus! Wenn dieser Tag doch nur ein wirklicher Hochzeitstag wäre, dachte Carey sehnsüchtig. Mit einem Mann, dem ich vertrauensvoll meine Liebe schenken könnte, dem ich aus vollem Herzen versprechen könnte, ihn zu lieben und zu ehren. Ophie würde es auf jeden Fall glücklich machen.

Und ihren Vater auch – er ruhe in Frieden.

Rasch verscheuchte sie diese Gedanken wieder. Als ob sie jemals einem Mann begegnet wäre, den sie tatsächlich hätte heiraten wollen. Oh, sie hatte schon einige Romanzen gehabt, sogar ein paar längere Beziehungen. Doch seit sie erwachsen war, hatte allein der Gedanke an eine lebenslange Bindung – und das war eine Ehe für sie – für sie etwas Abschreckendes gehabt. Sie wusste selbst nicht warum, da sie sich doch andererseits immer noch so sehr nach einer festen Beziehung sehnte.

Vielleicht war es die Angst, ihre Unabhängigkeit aufgeben zu müssen, um die sie so hart gekämpft hatte, die sie jedoch in letzter Zeit kaum noch über die langen, einsamen Nächte hinwegtröstete. Vor allem hier draußen auf der Ranch, wo man sich von diesem Gefühl schmerzlicher Leere nicht so gut ablenken konnte wie in Los Angeles.

Trotzdem, sie war einfach nicht bereit für die Ehe. Noch nicht.

Vielleicht niemals – obwohl sie Kinder mochte und oft den Wunsch verspürte, selbst welche zu haben. Aber eine Frau musste ja nicht unbedingt verheiratet sein, um Kinder zu haben. Viele Hollywoodstars waren das beste Beispiel dafür. Ja, wenn sie die Ranch erst einmal verkauft hatte, dann würde sie genug Geld haben, um so zu leben, wie sie es sich wünschte. Sie könnte ihre ganze Zukunft neu planen.

Während Carey ihren Gedanken nachhing, hielt sie den Blick fest auf die Straße gerichtet, in der Hoffnung, Kyles Wagen zu entdecken. Sie musste Kyle finden und zur Ranch bringen, bevor der Richter fortging. Wenn sie heute um Mitternacht immer noch ledig war, dann würde sie alles verlieren.

Wenn Kyle irgendwo in diesem Sturm feststeckte, oder, schlimmer noch, sein Flug zu einem weiter entfernten Flughafen umgeleitet worden war, dann würde wirklich nichts mehr zu machen sein. Denn wer um alles in der Welt sollte sie jetzt auf die Schnelle heiraten?

Carey holte tief Luft und versuchte, ruhig zu bleiben. Es hatte keinen Sinn, sich das Schlimmste vorzustellen. Denk positiv, ermahnte sie sich. Hatte sie das nicht gelernt bei den vielen Gelegenheiten, wo sie hinaustreten und einer kritischen Jury vorsprechen musste, um eine Rolle zu bekommen? Ja, wies Carey sich an, stell dir einfach vor, du trittst hinaus und sagst laut heraus: ‘Ich kann das!’

Scheibenwischer und Gebläse kamen mit der Arbeit kaum nach. Carey beugte sich vor und wischte mit dem Ärmel über die beschlagene Windschutzscheibe. Selbst auf wenige Meter Entfernung konnte sie kaum etwas sehen.

Nicht, dass dort viel zu sehen gewesen wäre. Die Straße war selbst bei bestem Wetter nicht stark befahren. Heute Morgen jedoch war sicher jeder, der nur einen Funken Verstand hatte, zu Hause geblieben oder hatte irgendwo angehalten, um abzuwarten, bis das Schlimmste vorüber war und das Wetter sich wieder besserte.

Plötzlich erkannte Carey die dunklen Umrisse eines Wagens am gegenüberliegenden Straßenrand. Kyles Mietwagen? Ja, bestimmt! Ihr Herz machte einen Satz. Was ein wenig positives Denken doch alles bewirkte! Carey war stolz auf sich.

Sie näherte sich dem geparkten Wagen. Ein Blitz erhellte kurz die Szene. Es war nicht Kyles Auto. Es war ein schwarzer Pick-up mit eingeschalteter Warnblinkanlage. Ein blaues Band war an die Antenne des Wagens gebunden und hing völlig durchnässt und schlaff herab. Sicher saß der Fahrer schon sehr lange hier fest.

“Oh nein!” Enttäuscht schlug Carey mit der flachen Hand aufs Lenkrad.

Jetzt musste sie auch noch den barmherzigen Samariter spielen. Hatte sie denn an diesem Tag nichts Wichtigeres zu tun, als einem gestrandeten Nachbarn aus der Patsche zu helfen? Wenn sie Kyle in der nächsten Viertelstunde hier nicht irgendwo fand, dann war ihr Leben ruiniert!

Carey wendete und brachte ihren Wagen vor dem schwarzen Pick-up zum Stehen. Sie geriet dabei leicht ins Schleudern, hatte das Auto jedoch gleich wieder unter Kontrolle.

Als sie dann den Motor ausschaltete und sich nach dem anderen Wagen umdrehte, sah sie ein kleines, blasses Gesicht, das sie durch die beschlagene Scheibe hindurch anstarrte. Es war ein kleiner Junge mit weit aufgerissenen, ängstlichen Augen.

Carey vergaß ihren verschwundenen Bräutigam, ihre ruinierte Zukunft und war nun froh, angehalten zu haben. Sie stieß die Tür auf und sprang hinaus. Der Wind peitschte ihr den Regen ins Gesicht, ihre Gummistiefel versanken zentimetertief im Schlamm.

Die Fahrertür des schwarzen Pick-ups wurde aufgestoßen. Carey sah dem Mann ins Gesicht und blieb wie angewurzelt stehen. Es war ein kantiges Gesicht mit sehr männlichen Zügen, das sie unverwandt und mit ungewöhnlich ernstem Ausdruck ansah. Der Blick seiner dunklen Augen nahm ihr fast den Atem.

“Danke, dass Sie angehalten haben”, sagte er, ohne zu lächeln. Er hatte eine sehr tiefe, raue Stimme.

“Keine Ursache”, erwiderte sie. “Warum lassen Sie Ihren Wagen nicht hier und kommen mit mir zu meiner Ranch? Es ist nicht weit, nur ein paar Meilen.”

Carey fühlte sich zunehmend unbehaglich unter dem intensiven Blick des Fremden, und sie fragte sich, wie sie wohl auf ihn wirkte, mit der Blütengirlande im klatschnassen Haar und ihrem langen, triefenden Kleid.

Jetzt spähte der Junge hinter der Schulter des Mannes hervor. Carey lächelte ihm zu. Sie hatte den Kleinen für einen Augenblick völlig vergessen.

“Du, Luke, will die Frau uns helfen?”, hörte sie ihn den Mann leise fragen.

“Klar”, antwortete dieser in beruhigendem Ton. “Ich habe dir ja gesagt, dass jemand kommen wird … Tyler mag Gewitter und Sturm nicht besonders”, erklärte er dann zu Carey gewandt.

“Oh, ich verstehe.” Sie lächelte dem Jungen noch einmal aufmunternd zu. “Nun, jetzt bin ich ja da. Extra zu eurer Rettung. Als ich klein war, mochte ich Gewitter auch nicht. Aber wenn es gedonnert hat, hat meine Mutter mir immer gesagt, das seien nur Engel, die Bowling spielen.”

Tylers besorgter Gesichtsausdruck wich einem Grinsen. “Das ist doch Blödsinn”, sagte er.

“Ja, nicht wahr?” Carey lachte.

Dann begegnete ihr Blick wieder Lukes, und sie war wie hypnotisiert, als langsam ein Lächeln seine kantigen Gesichtszüge erhellte. Es war nicht das zweideutige, provozierende Lächeln, das ihr normalerweise von Männern zuteilwurde. Nein, dieses Lächeln war anders. Völlig anders.

Auf seinen sonnengebräunten Wangen zeigten sich zwei tiefe Grübchen, und man konnte zwei Reihen strahlend weißer Zähne erkennen, und seine dunklen Augen funkelten.

Carey lächelte ihn ebenfalls an und hatte dabei ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend. Es war fast so, als ob der Fremde, nur indem er ihrem Blick begegnete, auf geheimnisvolle Weise ihr Herz berührt hätte.

Nun, wahrscheinlich war er ihr bloß dankbar, dass sie seinen kleinen Beifahrer getröstet hatte. Oder es war einfach ein Blick, den zwei Erwachsene austauschten, wenn sie sich gemeinsam um ein Kind sorgten.

Im nächsten Moment hatte sein Gesicht wieder diesen ernsten Ausdruck, der sie schon zuvor beeindruckt hatte. Und Carey erschien es jetzt fast so, als würde er es bedauern, sie angelächelt zu haben. Als würde er diese winzige vertrauliche Geste gern wieder ungeschehen machen.

Abrupt drehte er sich zu dem Jungen um. “Komm, ich helfe dir auf dieser Seite heraus. Auf der Beifahrerseite ist eine riesengroße Pfütze. Und vergiss nicht deine Mütze.”

“Ich warte im Wagen auf Sie”, sagte Carey knapp und stapfte zu ihrem Auto zurück. Sie brauchte jetzt erst einmal ein bisschen Abstand. Wie stark sie auf diesen Fremden reagiert hatte! Einfach lächerlich! Wahrscheinlich lag es am Stress. Irgendwie schien an diesem Tag alles schief zu gehen.

Kurz darauf erschienen Luke und Tyler. Luke öffnete die Beifahrertür und half dem Jungen beim Hineinklettern.

“Warte hier bei der Lady einen Augenblick”, sagte er zu dem Kleinen. “Ich muss kurz zu meinem Wagen zurück, bin in einer Minute wieder da”, erklärte er Carey.

Als sie mit Tyler allein war, spähte er aufmerksam zu ihr hinüber. “Ich heiße Tyler”, stellte er sich dann höflich vor.

“Ich heiße Carey”, erwiderte sie. “Carey Winslow.”

Tyler hörte nicht auf, sie mit seinem kindlich ernsthaften Blick anzusehen.

“Wie alt bist du?”, fragte Carey schließlich, da ihr nichts anderes einfiel.

“Ich bin vier. Aber fast schon fünf.”

Carey hatte nicht viel Erfahrung mit Kindern und wusste deshalb nicht so recht, wie sie ein Gespräch anfangen sollte. Es donnerte wieder, und sie bemerkte, dass der Junge sich anspannte.

“Magst du Pferde?” Hoffentlich ließ er sich ein bisschen ablenken.

“Ich glaube schon”, antwortete er zögernd.

Carey war überrascht. Welcher vierjährige Junge mochte keine Pferde?

“Ich hab noch nicht viele von Nahem gesehen, und ich hab auch noch nie auf einem gesessen”, erklärte er. Dann blickte er wieder zu ihr hoch, und sein Ausdruck war erneut sehr, sehr ernst. “Luke schon. Er hat schon ganz viele Pferde geritten.”

Carey, die einen Vollblutcowboy auf den ersten Blick erkannte, lachte leise. “Darauf wette ich. Vielleicht bringt er dir ja das Reiten bei. Du wirst sehen, es macht Spaß. Es wird dir bestimmt gefallen.”

“Ja, vielleicht.” Immer noch schaute Tyler sie an, ohne ihr Lächeln zu erwidern.

Carey sah auf ihre Armbanduhr. Sie wollte diese beiden Pechvögel nur so rasch wie möglich zur Ranch bringen, um dann weiter nach Kyle suchen zu können.

“Carey, kann ich dich was fragen?”, unterbrach Tyler ihre Gedanken.

“Was denn?”

“Bist du eine Zauberfee oder so was Ähnliches? Wie aus dem Märchen?”

Wenn er bei seiner Frage nicht so schrecklich ernst ausgehen hätte, wäre Carey in lautes Lachen ausgebrochen. Die Augen des Kleinen waren Lukes sehr ähnlich, und sie überlegte, welcher Art die Beziehung zwischen dem Mann und dem Jungen war.

Carey schüttelte den Kopf und bemühte sich, nicht zu breit zu lächeln. “Aber nein, ich bin eine ganz normale Frau. Wie kommst du denn auf die Idee mit der Fee?”

Tyler hob die Schultern, eine winzige Bewegung unter seiner dünnen Jacke. “Ich hab nur gedacht, du könntest vielleicht eine sein. Du siehst aus wie eine aus dem Buch, das ich mal gehabt habe. Die Krone in deinem Haar und dein langes Kleid und so …” Verlegen brach er ab.

“Oh, natürlich! Ich verstehe, was du meinst. Ich habe mir heute nur etwas ganz Besonderes angezogen, weißt du. Für einen besonderen Anlass.”

Tyler schien sich mit ihrer Erklärung zufrieden zu geben, seine Miene hellte sich ein wenig auf. “Du meinst eine Party?”

“Tja, sozusagen.” Immerhin waren da ja die dreistöckige Torte und der Champagnerpunsch.

Die Beifahrertür öffnete sich, und es wehte kalt und feucht in das gemütliche Wageninnere. Luke nahm seinen Stetson ab und schüttelte das Wasser ab, bevor er eilig einstieg und die Tür hinter sich zuwarf. Tyler rutschte ein Stück näher an Carey, um ihm Platz zu machen.

“Dann legen Sie mal den Gang ein. Mal schauen, ob wir loskommen. Wenn wir feststecken, steig ich aus und schiebe.” Mit einer raschen Bewegung kämmte Luke sich das feuchte Haar aus der Stirn.

Er hat sich schon lange nicht mehr rasiert, dachte Carey. Aber das minderte keine Spur sein geradezu unverschämt gutes Aussehen. Sie zwang sich, in eine andere Richtung zu blicken.

“Ich denke, es wird gehen.” Langsam fuhr sie an. Einen schrecklichen Augenblick drehten die Räder durch, aber dann ruckte das Fahrzeug nach vorn, und sie befanden sich wieder auf der Fahrbahn. Carey seufzte erleichtert auf.

“Sie hätten nicht so weit draußen am Fahrbahnrand anhalten sollen. Wir hätten leicht stecken bleiben können”, bemerkte Luke.

“Nun, es ist ja nicht passiert”, antwortete Carey fröhlich. Sie wollte sich nicht anmerken lassen, dass seine Bemerkung sie ärgerte. Wieso sollte sie sich eigentlich vor diesem Fremden rechtfertigen? Er konnte froh sein, dass sie ihm begegnet war und ihm aus der Patsche half.

“Übrigens, ich heiße Carey”, fuhr sie fort. “Carey Winslow.” Aus den Augenwinkeln sah sie, dass er kurz über Tylers Kopf hinweg zu ihr hinüberschaute. Dann richtete er den Blick wieder geradeaus auf die Straße.

“Luke Redstone”, erwiderte er. “Und das ist Tyler … mein Neffe.”

“Wir haben uns schon bekannt gemacht.” Carey warf dem Jungen einen kameradschaftlichen Blick zu.

Auch Luke sah den Jungen an. Es war ein fragender Blick, so als ob er sich sorgte, was der Junge in seiner Abwesenheit gesagt haben könnte.

“Wir haben über Pferde geredet”, erklärte Tyler ihm leise.

Luke schien mit dieser Antwort zufrieden zu sein. Er nickte kurz und hatte wieder diesen ernsten, nachdenklichen Ausdruck im Gesicht, der Carey mittlerweile schon fast vertraut war.

“Und ich hab sie gefragt … du weißt, was ich geglaubt habe”, fügte Tyler mit noch leiserer Stimme hinzu. “Und du hast recht gehabt. Ich meine, was du gesagt hast. Sie ist … keine. Sie ist nur so angezogen wegen einer Party.”

Carey bemerkte, dass bei dieser letzten Bemerkung ein kleines Lächeln um Lukes Lippen zuckte.

“Na, das ergibt schon einen Sinn, schätze ich”, antwortete er dem Jungen. Dann wandte er sich an Carey. “Es war mir auch aufgefallen, dass Sie für diese Witterung nicht ganz passend gekleidet sind.” Luke ließ den Blick über ihren Körper gleiten, und seine Augen funkelten belustigt.

Carey war sicher, einen lächerlichen Anblick zu bieten, von dem Blütenkranz in ihrem nassen, windzerzausten Haar bis zu dem Rock, der vor Nässe an ihren Beinen klebte. Und es machte sie nervös, wie dieser Mann sie ansah. Ja, es ärgerte sie.

“Party ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck.” Carey wusste nicht so recht, wie viel sie von ihrer Situation enthüllen wollte. “Ich soll heute heiraten.” Die Worte waren heraus. Vielleicht hatte sie das einfach nur gesagt, um ihn zu schockieren, damit er sie nicht mehr mit diesem amüsierten, irgendwie herablassenden Blick betrachtete.

Und es wirkte.

“Heiraten? Heute?” Er zog die Brauen zusammen. Kleine Fältchen erschienen in seinen Augenwinkeln, was ihn noch attraktiver machte.

“Ja”, bestätigte Carey. Im nächsten Moment musste sie das Lenkrad ein Stück weit herumreißen, um zu verhindern, dass der Wagen durch eine tiefe, große Pfütze fuhr und dabei womöglich ins Schleudern geriet. Ihre beiden Passagiere hielten für eine Sekunde die Luft an, wohl aus Furcht, sie würde die Gewalt über den Wagen verlieren.

Doch das tat sie nicht. Alles ging gut.

“Gratuliere”, sagte Luke ruhig.

“Danke.” Carey war sich allerdings nicht sicher, ob er sie zu ihren Fahrkünsten beglückwünschte oder zu ihrer bevorstehenden Hochzeit. Aber das war auch nicht so wichtig.

Er schwieg eine Zeit lang. “Darf ich Sie fragen, was Sie hier draußen zu tun haben, wenn Sie heute doch eigentlich heiraten sollen? Laufen Sie Ihrem armem Bräutigam davon?”

Sein Ton war freundlich, aber irgendwie klang dennoch eine gewisse Bitterkeit heraus. Dieser Mann hatte offenbar keine allzu hohe Meinung von Frauen.

“Ehrlich gesagt, es ist eher andersherum.” Carey hielt den Blick starr auf die Straße gerichtet. Zum Glück war es bis zur Ranch nicht mehr weit.

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