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Küss mich, verführe mich!

Elizabeth Bevarly

Küss mich, verführe mich!

1. KAPITEL

Vielleicht sollte ich heute lieber nicht kündigen, dachte Kendra Scarborough und betrachtete kopfschüttelnd ihren Chef, wie er wütend das Fenster aufriss und sein Handy hinausschleuderte. Doch dann richtete sie sich entschlossen auf. Diesmal würde sie sich nicht davon abbringen lassen. Es musste sein, zu oft hatte sie die Kündigung immer wieder hinausgeschoben.

Sie seufzte leise. Also würde ihre letzte Tat für Matthew Barton sein, ihm ein neues Handy zu besorgen. Wieder einmal. Immerhin waren Handys einfacher zu programmieren und nach seinen Wünschen einzurichten als PDAs und MP3-Spieler – von denen auch so einige auf dem Grund des kleinen Teiches im Innenhof von Barton Ltd. lagen. Seit Kendra für Matthew arbeitete, hatte sie immer wieder diese Wutausbrüche miterleben müssen. Und sie wollte lieber nicht darüber nachdenken, wie viele Wertgegenstände er in dieser Zeit in dem Teich versenkt hatte. Ohne Frage war er einer der klügsten Köpfe im heutigen Big Business. Aber mit diesen kleinen elektronischen Helfern stand er auf Kriegsfuß.

Sie rückte ihre schmale, schwarz umrandete Brille zurecht und zog sich den Stift aus dem festen Knoten, zu dem sie sich normalerweise das dunkelblonde Haar band. Dann zog sie einen kleinen Block aus der Tasche ihrer schwarzen Hose mit den feinen weißen Streifen, zu der sie ein weißes Hemd trug. Beide waren eher wie Herrenkleidung geschnitten. Kendra war fest überzeugt, dass sie das strenge Auftreten als Ausgleich zu ihrer Größe von gerade mal eins sechzig brauchte. Die Geschäftswelt wurde von Männern dominiert, daran war nicht zu rütteln.

Sie machte sich ein paar Notizen, unter anderem auch, dass sie ein neues Handy für den Chef besorgen musste. Dann klappte sie den Block wieder zu und steckte ihn ein.

„Kendra“, sagte Matthew, während er das Fenster schloss, verriegelte und sich dann umwandte, „ich brauche …“

„Schon notiert, Sir“, sagte sie schnell. „Ich glaube, diesmal werden wir es mit einem von VeraWave versuchen. Ich bin sicher, dass das für Ihre Anforderungen geeigneter ist.“

Glücklicherweise lag die Zentrale von Barton Ltd. in San Francisco, wo etwa jede Woche eine neue Handyfirma aufmachte. Das Jahr war noch nicht zur Hälfte vorbei, und Kendra hatte schon dreimal den Telefonanbieter wechseln müssen.

„Danke, dass Sie sich darum kümmern.“ Matthew setzte sich hinter den großen Mahagonischreibtisch und griff nach den Briefen, die Kendra am Vormittag getippt hatte und die er noch unterschreiben musste.

Selbstverständlich trug er den üblichen Dreiteiler. Kendra glaubte allerdings nicht, dass er deshalb so imponierend wirkte, auch wenn der schwarzbraune Anzug mit dem kupferfarbenen Hemd und der passenden Krawatte ihm sehr gut standen. Er war groß und schlank, hatte dunkles Haar und noch dunklere Augen. Immer beherrschte er die Situation, ob er nun an dem großen Verhandlungstisch saß, um den sich die Vorstandsmitglieder der Firma regelmäßig versammelten, oder mit einem Kollegen Squash spielte oder irgendein hohes Tier während einer Dinnerparty zu einer größeren Investition überredete. Kendra hatte ihn bei all diesen Gelegenheiten erlebt, und sie konnte sich nicht daran erinnern, dass Matthew Barton ein einziges Mal nicht erreicht hatte, was er wollte.

Als sie vor fünf Jahren angefangen hatte, für ihn zu arbeiten, hatte sie kaum gewagt, den Mund aufzumachen – obwohl sie frisch von der Universität kam und auch Matthew nur wenige Jahre vor ihr das Examen bestanden hatte. Trotz seiner Jugend hatte er bereits seine ersten Millionen verdient. Auch heute machte es Kendra manchmal sprachlos, dass er auf der Karriereleiter so viel weiter gekommen war als sie. Schließlich war er vor Kurzem erst zweiunddreißig geworden und nur knapp fünf Jahre älter als sie. Trotzdem war er ihr, was beruflichen Erfolg betraf, um Lichtjahre voraus.

Sie hatte sich damals vorgenommen, ihn genau zu beobachten, um seine Strategien kennenzulernen und dann selbst bei ihrer Karriereplanung anzuwenden. Aber sie hatte sehr schnell erkennen müssen, dass sie einfach nicht in derselben Liga spielten. Die Arbeit war sein Leben, und er setzte sich hundertprozentig für die Belange der Firma ein. Er brauchte die Arbeit so wie normale Menschen Essen und Trinken oder die Luft zum Atmen. Mit der Zeit hatte sie sich an seine rauen Geschäftspraktiken gewöhnt, denn für den Erfolg tat er alles oder zumindest fast alles. Sein ganzes Denken war darauf ausgerichtet. Und auch wenn Kendra ehrgeizig war, konnte sie diese Besessenheit nie verstehen.

Denn er war nicht damit zufrieden, gute Ergebnisse für die Firma zu erzielen, nein, Matthew Barton musste immer der Beste sein – und zwar bei allem, was er anfing.

Allerdings spielte das für sie jetzt keine Rolle mehr, denn sie würde an seinen Erfolgen nicht mehr teilhaben und seine Karriereziele nicht länger mitverfolgen. Sie hatte sich vorgenommen, endlich etwas für ihre eigene Karriere und ihren Erfolg zu tun. Immerhin hatte sie einen Master in Betriebswirtschaft und an einer der besten Universitäten Kaliforniens studiert. Eigentlich war sie für den Job als persönliche Assistentin von Matthew Barton von Anfang an überqualifiziert gewesen.

Sie war davon ausgegangen, dass einige Zeit bei einem so erfolgreichen Geschäftsmann wie ihm ihr auch später Türen öffneten, die ihr normalerweise verschlossen blieben. So hatte sie aus erster Hand gelernt, wie man die richtigen Kontakte gewann und sich in dem Haifischbecken bewegte, als das das Big Business zu Recht bezeichnet wurde.

Nun arbeitete sie bereits seit fünf Jahren für Matthew Barton. Kendra hatte von den „Haifischen“ inzwischen genug gelernt, sodass sie sich zutraute, den Kampf mit ihnen allein aufzunehmen.

Es war Zeit, sich nach etwas anderem umzusehen.

„Okay, wo waren wir gerade?“, fragte Matthew.

„Sie hatten gerade Ihr … Gespräch mit Elliot Donovan von der Springhurst Corporation beendet, und ich …“ Sie holte tief Luft und sagte dann mit einer für sie selbst überraschend festen Stimme: „Ich wollte gerade kündigen. In zwei Wochen werde ich die Firma verlassen.“ Und diesmal werde ich mich nicht davon abbringen lassen, und wenn Sie sich auf den Kopf stellen!

Ruckartig hob er den Kopf und blickte sie mit seinen schwarzbraunen Augen tadelnd an. „Aber, Kendra, was soll denn das nun wieder? Darüber haben wir doch schon gesprochen. Ich dachte, wir hätten das Thema abgeschlossen.“

„Wir haben darüber gesprochen, das stimmt. Deshalb sollte Sie meine Kündigung auch nicht überraschen. Aber da Ihre Hochzeit mit Miss Conover nun nicht stattfinden wird …“

„Was hat das denn damit zu tun? Dass Lauren und ich nicht heiraten, bedeutet doch nicht, dass ich Sie nicht mehr brauche. Im Gegenteil. Ohne Sie bin ich verloren.“

Aha, dann hatte er die bevorstehende Hochzeit nur als Druckmittel benutzt, um Kendra ihre Kündigungspläne auszureden. Und im Grunde war die Hochzeit gar nicht abgeblasen. Lediglich das Datum war neu. Ja, und der Bräutigam auch, denn Laura Conover hatte sich entschieden, Matthews Zwillingsbruder Luke zu heiraten.

„Alles, was noch zu tun ist, wird von Miss Conover und ihrer Familie bestens erledigt werden.“ Sie blieb stur. „Falls noch etwas zu tun ist.“

Sicher war alles bereits sehr gut vorbereitet. Matthew hatte nicht viel von der geplatzten Verlobung erzählt, aber über die Tatsache an sich hatte Kendra sich eigentlich nicht gewundert. Dass Lauren sich in Luke Barton verliebt hatte, hatte sie allerdings schon überrascht, sehr sogar. Aber selbst wenn Luke nicht auf der Bildfläche erschienen wäre, die Ehe zwischen Matthew Barton und Lauren Conover wäre nie gut gegangen. Matthew hatte sich nur mit Lauren verlobt, weil er die beiden Familienunternehmen zusammenschließen wollte. Und Lauren hatte seinen Heiratsantrag nur angenommen, weil …

Ja, warum? Auf diese Frage hatte Kendra immer noch keine Antwort gefunden. Sie war Lauren nur wenige Male begegnet, aber sie hatte nie den Eindruck gehabt, dass Lauren in Matthew verliebt war. Sie schien ihn noch nicht einmal besonders zu mögen oder wenigstens zu schätzen. Nein, ganz offensichtlich hatte sie ihn nicht geliebt, denn sonst hätte sie sich nicht Hals über Kopf in seinen Bruder verknallen können, auch wenn Luke Matthews Zwillingsbruder war. Charakterlich waren die beiden angeblich grundverschieden, so sagte wenigstens der Büroklatsch, wenn auch Luke beruflich den gleichen Ehrgeiz an den Tag legte wie sein Bruder. Kendra selbst konnte nichts dazu sagen. Sie hatte Luke noch nie gesehen.

Aber es war keine Frage, dass er und Lauren sich wirklich liebten und ihre Eheschließung eine Liebesheirat war. Für Matthew dagegen hatte die Verbindung mit Lauren mehr mit Geschäftsinteressen als mit Zuneigung zu tun gehabt, mehr mit ehrgeizigen Unternehmenszielen als dem Wunsch, seine Frau glücklich zu machen. Manchmal fragte sich Kendra, ob der Mann sich überhaupt für irgendetwas anderes einsetzen konnte als für die Firma.

„Aber es gibt vieles andere, wofür ich Sie unbedingt brauche, zum Beispiel …“, unterbrach Matthew ihre Gedanken und musterte sie kühl.

„Unsinn“, warf sie schnell ein, bevor er ihr alles Mögliche aufzählen konnte, das jeder andere genauso gut wie sie erledigen könnte. „Dies ist die ruhigste Zeit im Jahr für Barton Ltd. Wir sind mit allem auf dem Laufenden. Da Sie nun doch nicht nach Stuttgart fliegen, steht auch keine größere Reise für Sie an, die ich vorbereiten müsste. Die nächste große Konferenz findet erst im September statt. Wen auch immer Sie für mich einstellen, sie oder er hat ausreichend Zeit, sich in den neuen Job einzuarbeiten. Und da Sie den ganzen Juli sowieso in der Lodge Ihres Freundes am Lake Tahoe verbringen werden, ist dies der ideale Zeitpunkt für mich zu …“

„Aber gerade da in Hunters Lodge brauche ich Sie dringend“, fiel Matthew ihr ins Wort. „Obwohl ich schon einiges vorbereitet habe …“

Du meinst wohl, obwohl ich schon einiges vorbereitet habe, sagte Kendra sich im Stillen. Denn natürlich hatte sie und nicht Matthew alles organisiert, was für die vierwöchige Abwesenheit von der Firma notwendig war.

„… muss ich unbedingt jemanden in der Nähe haben, der über alles Bescheid weiß und sich auskennt, wenn ich so lange nicht in der Firma sein werde.“

„Warum nehmen Sie nicht Douglas Morton mit?“, schlug Kendra vor. Douglas Morton war ein ehrgeiziger junger Mann, der in der Firma schon gut vorangekommen war.

„Morton brauche ich hier“, stellte Matthew fest. „Sie müssen mit mir kommen.“

Das hätte sie sich ja denken können. Jetzt benutzte er diesen geheimnisvollen Aufenthalt in dieser mysteriösen Lodge als Druckmittel, um sie zu halten. Kendra wusste, dass diese Reise an den Lake Tahoe mehr bedeutete, als man beim Aufenthalt in der Lodge eines Freundes vielleicht erwarten würde. Aber sie hatte keine Ahnung, was wirklich dahintersteckte, nur dass Matthew im Januar einen Brief von dem Nachlassverwalter eines Freundes vom College erhalten hatte. Dieser Freund, Hunter war sein Name, war gestorben und hatte testamentarisch den Wunsch geäußert, dass seine Freunde das Versprechen erfüllten, das sie sich damals vor vielen Jahren gegeben hatten. Jeder sollte einen Monat in der Lodge am Lake Tahoe verbringen, die dem Verstorbenen gehört hatte.

Aber warum? Kendra konnte sich das Ganze nicht erklären. Matthew hatte sie mit der Planung wahnsinnig gemacht, und sie hatte lange Arbeitstage damit verbracht, seine Termine im Frühjahr so zu legen, dass er den April freinehmen konnte. Doch dann hatte sich herausgestellt, dass er die für den April geplante Reise nach Deutschland nicht verschieben konnte. Und Kendra hatte die noch schwierigere Aufgabe, alles wieder umzulegen, damit Matthew mit seinem Bruder Luke tauschen konnte, der eigentlich im Juli dran war. Und das, obgleich die Brüder seit Jahren keinen Kontakt mehr hatten.

Es waren sieben Freunde gewesen, so viel wusste Kendra, die sich an der Harvard-Uni kennengelernt, sich aber nach dem Examen aus den Augen verloren hatten. Matthew hatte darüber nicht weiter sprechen wollen, und Kendra hatte seinen Wunsch respektiert. Sie hatte es tatsächlich geschafft, alle Termine wieder umzulegen, sodass er den Monat Juli in der Lodge des verstorbenen Freundes verbringen und so dessen Wunsch erfüllen konnte.

Allerdings wäre es für Kendra sehr viel besser gewesen, wenn er im April gefahren wäre. Damit hätte er ihr nicht nur eine Menge Arbeit erspart, sondern sie wäre auch nicht in die fatale Situation gekommen, ihm eventuell am Lake Tahoe zu begegnen. Denn genau dort sollte Kendra die Einarbeitungsphase für ihren neuen Job absolvieren, die in der ersten Juliwoche begann. Sie versuchte zwar, den Gedanken wegzuschieben, dass sie ihm dort über den Weg laufen könnte, denn der See war groß. Sie wusste, dass er nicht glücklich war über ihre Kündigung. Und wenn er nun noch erfuhr, wer ihr neuer Arbeitgeber war …

„Ich kann nicht mit Ihnen mitkommen, Sir“, fing sie wieder an und holte tief Luft. „Ich habe bereits einen neuen Job angenommen. Mein neuer Arbeitgeber hat mich für eine Orientierungswoche verpflichtet, die am ersten Juli beginnt. Und nach dieser Woche werde ich sofort in der neuen Firma anfangen.“

Matthew lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der breiten Brust und sah Kendra schweigend an. Nur mit Mühe hielt sie seinem Blick stand. In diesem Moment wünschte sie sich weit fort. „Dann haben Sie also bereits woanders eine neue Position angenommen?“

Sie nickte und räusperte sich nervös. „Ja …“ Das kam etwas zu zaghaft. Wieder räusperte sie sich. „Ja, das habe ich.“ Das war schon besser.

„Hätten Sie etwas dagegen, mir zu sagen, bei wem?“

Allerdings. Kendra versuchte, sich auf seine Reaktion vorzubereiten, sich gegen seinen Zorn zu wappnen. Sie legte den Kopf in den Nacken und versuchte, Matthews Blick furchtlos zu begegnen. „Ich … äh … ich fange bei OmniTech Solutions an.“ Gar nicht schlecht. „Ich steige ins Management ein. Und werde für die … Public Relations-Abteilung zuständig sein.“ Das klang schon wieder viel zu zögernd. Kendra schloss kurz die Augen. Ich bin siebenundzwanzig, ich habe einen Master in Betriebswirtschaft und will endlich zeigen, was ich kann …

Als sie die Augen wieder öffnete, fuhr sie leicht zusammen. Matthew sah sie unter zusammengezogenen Brauen drohend an.

„OmniTech?“, wiederholte er mit gefährlich leiser Stimme. „Wer um alles in der Welt hat Sie denn abgeworben?“

Sie sah ihn fragend an. Wie kam er darauf, dass jemand sie abgeworben und sie sich nicht selbst um eine neue Position bemüht hatte? Leider hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen, weil man tatsächlich von OmniTech auf sie zugekommen war. „Stephen DeGallo“, sagte sie schnell, mit festerer Stimme diesmal, wie sie selbst erleichtert feststellte.

Matthew runzelte die Stirn. „So? Stephen DeGallo persönlich? Der Chef des Unternehmens hat Sie gefragt, ob Sie bei OmniTech arbeiten wollen? Im Management?“

„Allerdings.“ Kendra wusste nicht, was daran so verwunderlich sein sollte. Dieser Job entsprach absolut ihren Qualifikationen und ihrer Erfahrung. „Er hat mir sogar den Posten als stellvertretende Geschäftsführerin angeboten.“

Matthew kniff die Augen leicht zusammen und musterte sie kalt. „Das ist mehr als ungewöhnlich. Stephen DeGallo überlässt normalerweise nie jemandem von außen eine solche Stellung. Er zieht sich seine Leute innerhalb der Firma heran, damit er sicher sein kann, dass sie sich genau so verhalten, wie er es sich wünscht. Sie können sich vorstellen, was für Typen das sind. Speichellecker, die ihm nach dem Mund reden und nur das tun, was er will.“

Kendra ging nicht darauf ein. War ihm gar nicht klar, dass sie fünf Jahre lang genau das getan hatte? Nämlich nur das, was er wollte? Dass er ihr nie freie Hand gelassen hatte? Da hatte sie bei OmniTech doch ganz andere Möglichkeiten. „Stephen hat gesagt …“

„Stephen?“, unterbrach er sie sofort und sah sie ziemlich empört an. „Sie sprechen ihn bereits mit seinem Vornamen an?“

„Ja. Er hat darauf bestanden, Sir“, sagte sie voll Genugtuung. Matthew war nie auf die Idee gekommen, ihr diesen Vorschlag zu machen, und das, obwohl sie seit fünf Jahren seine rechte Hand war. „Stephen meinte, ich hätte sehr gute Zeugnisse“, fuhr sie schnell fort, bevor er etwas sagen konnte. „Und das stimmt. Falls Sie es vergessen haben sollten, ich habe meinen Master in Stanford gemacht, sogar mit Auszeichnung.“

Matthew lächelte böse. „Oh ja, und Sie meinen wirklich, dass Ihre guten Noten Stephen DeGallo so beeindruckt haben, dass er Sie einstellt?“ Wieder lehnte er sich zurück und verschränkte jetzt die Hände hinter dem Kopf. Kendra wusste, wenn er diese Haltung einnahm, dann wollte er sein Gegenüber in Sicherheit wiegen, um dann nur um so grausamer vorzustoßen.

„Mein armes Kind“, sagte er dann. „Machen Sie sich doch nichts vor. Der einzige Grund für DeGallos Interesse an Ihnen ist die Tatsache, dass Sie fünf Jahre für Barton gearbeitet haben. Ebenso wie wir, ist er scharf auf den Vertrag mit Perkins. Und da erhofft er sich von Ihnen natürlich nützliche Informationen, um uns ausbooten zu können.“

Der Hieb saß. Aber da Kendra gewusst hatte, dass so etwas kommen würde, schaffte sie es, ruhig zu bleiben. „Das wäre absolut perfide, Sir. Man könnte sogar sagen, kriminell. Ganz sicher erwartet Stephen nicht, dass ich Firmengeheimnisse von Barton an ihn weitergebe. Außerdem muss er wissen, dass ich Sie in dieser Hinsicht nie hintergehen würde.“

„Nein? Das würden Sie nicht tun?“, fragte Matthew lauernd.

Kendra starrte ihn überrascht an. Hatte er da wirklich Zweifel? „Natürlich nicht! Wie können Sie überhaupt auf eine solche Idee kommen?“

Wieder wurde ihr klar, wie gut es war, dass sie die Position bei DeGallo angenommen hatte. Wenn Matthew wirklich glaubte, dass sie zu einer solchen Illoyalität fähig war, dann schien er nicht viel von ihr zu halten. Wahrscheinlich genauso wenig wie von den Handys, die er so bereitwillig aus dem Fenster warf. Außerdem machte er ziemlich deutlich, dass er sie für nicht qualifiziert hielt, was ihren neuen Job betraf. Dabei hatte sie in den letzten fünf Jahren doch wirklich bewiesen, was für eine wertvolle Mitarbeiterin sie war.

Nein, es wurde wirklich Zeit, zu gehen.

„Okay. Aber eins interessiert mich noch, Kendra. Haben Sie hier bei mir überhaupt nichts gelernt? Ich meine, im Hinblick darauf, wie Geschäfte gemacht werden? Big Business ist nichts mehr für Ehrenmänner, wie es vielleicht noch vor Jahrzehnten der Fall war. Keiner tut dem anderen einen Gefallen. Warum auch? Im Geschäftsleben ist sich jeder selbst der Nächste, da geht es nicht um den anderen. Einen Ehrenkodex gibt es nicht mehr. Ich würde es Ihnen nicht einmal übel nehmen, wenn Sie OmniTech schon morgen über das informieren, was Sie hier mitbekommen haben. So funktioniert unsere Welt. Aber Sie werden verstehen, dass ich Sie nicht mehr hier in der Firma dulden kann, wenn Sie für unseren Konkurrenten arbeiten werden. Das Risiko kann ich nicht eingehen. Die Kündigungsfrist von vierzehn Tagen können Sie sich schenken. Sie sind entlassen. Ab sofort. Packen Sie Ihre Sachen zusammen. Sarah wird den Sicherheitsdienst anrufen, der Sie nach draußen begleiten wird. Sie haben genau zehn Minuten Zeit.“ Er wandte den Blick ab und zog die Unterschriftenmappe zu sich heran. „Das ist alles.“

Kendra war fassungslos. Nie hätte sie mit einer solchen Reaktion gerechnet. Sie war davon ausgegangen, dass Matthew wieder versuchen würde, sie mit allen möglichen Argumenten zu überreden, doch zu bleiben. Stattdessen stellte er ihr einfach den Stuhl vor die Tür! Ihr war nie der Gedanke gekommen, dass er sie feuern könnte, selbst wenn ihr neuer Arbeitgeber ein Konkurrent von Barton war. Eigentlich konkurrierten in dieser Branche alle Firmen irgendwie miteinander. Sie hatte geglaubt, dass Matthew ihre berufliche Veränderung als das betrachten würde, was es auch für sie war. Eine rein sachliche Entscheidung. Stattdessen nahm er die Sache irgendwie …

Persönlich. Das war seltsam.

Doch sie verwarf den Gedanken sofort wieder. Das war nicht möglich. Matthew Barton nahm nichts persönlich. Für ihn zählte das Geschäft und sonst nichts. Er reagierte nur so, weil er Sorge hatte, sie könne Geschäftsgeheimnisse verraten und so seine Aussichten auf den Vertrag mit Perkins verringern. Es war nicht seltsam und keineswegs überraschend, dass er erst an das Unternehmen dachte, und an alles andere … nun, nie, wie er selbst gesagt hatte. Dennoch war sie enttäuscht, dass er so wenig Vertrauen zu ihr hatte. Wie konnte er ernsthaft davon ausgehen, dass sie etwas tun würde, was ihm oder der Firma schaden könnte?

Ja, es war wirklich die richtige Entscheidung gewesen, endlich zu kündigen.

„Jawohl, Sir.“ Sie nickte knapp, drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür, ohne sich noch einmal umzusehen. Draußen blieb sie stehen und atmete tief durch. Was er konnte, konnte sie schon lange. Sie gehörte nicht zu den Menschen, die an der Vergangenheit festhielten. Sie blickte in die Zukunft. Deshalb hatte sie damals auch hier bei Barton angefangen, sie hatte an ihre berufliche Zukunft gedacht. Diese Zukunft war jetzt Gegenwart. Es wurde Zeit, an das zu denken, was jetzt vor ihr lag. Ihre neue Zukunft.

Sie zuckte kurz mit den Schultern. Sie konnte sich kaum mehr an den Namen von Matthew Thaddeus Barton erinnern. Oder an seine fast schwarzen Augen, die einen dunkelgoldenen Schimmer hatten, wenn er wütend war. Oder an die dunkle Locke, die ihm immer in die Stirn fiel, wenn er sich konzentriert über irgendwelche Unterlagen beugte. Oder wie sich sein einer Mundwinkel immer etwas höher hob als der andere, wenn er sein amüsiert-arrogantes Lächeln aufsetzte …

Matthew starrte die Tür an, die sich gerade hinter Kendra geschlossen hatte, und fluchte leise. Mit ihrer Brille, der eher farblosen und männlich geschnittenen Kleidung, die einen zweifellos nicht sehr aufregenden Körper verbarg, und dem festen Knoten im Nacken war Kendra Scarborough das krasse Gegenteil von einem Pin-up-Girl. Jedoch hatte er sie damals vor fünf Jahren genau wegen dieses Aussehens eingestellt. Denn auf keinen Fall wollte er eine Assistentin im Vorzimmer sitzen haben, deren Reize ihn von seiner Arbeit ablenkten.

Er ließ sich leicht ablenken, das wusste er. Mehr als einmal war er auf irgendwelche Schönheiten hereingefallen, immer mit fatalen Folgen. Für schöne Dinge und schöne Frauen hatte er eine Schwäche, und deshalb versuchte er, beides möglichst zu vermeiden.

Als er die Verlobung mit Lauren Conover einging, hatte er geglaubt, sein Problem gelöst zu haben. Sie war nicht nur die passende Frau für einen Mann in seiner Position, die Hochzeit würde auch die beiden Firmen miteinander verbinden und so Barton Ltd. mehr Gewicht auf dem Weltmarkt geben. Lauren war schön, intelligent und exzellent erzogen, aber zwischen ihnen hatte es einfach nicht gefunkt, von sexuellem Begehren keine Spur. Sie hätten beide sicher ein bequemes ruhiges Leben geführt in einem hübschen Haus mit hübschen Kindern, ohne dass Matthew sich gefühlsmäßig zu sehr darauf hätte einlassen müssen.

Ein perfekter Plan, der leider von seinem Bruder zerstört wurde. Aber war das nicht typisch für Luke? Immer schon, auch in ihrer Kindheit, hatte er ruiniert, was Matthew so sorgfältig vorbereitet hatte.

An dem Zerwürfnis mit Kendra hatte Luke allerdings keine Schuld, das musste Matthew zugeben. Wieder dachte er daran, dass sie genau der Typ Frau war, den er für diese Position hatte haben wollen. Sie war zuverlässig und pragmatisch und arbeitete sehr professionell. In den fünf Jahren, in denen sie in seinem Vorzimmer saß, war sie ihm unentbehrlich geworden. Sie war sein Terminkalender, seine Uhr, sein Barkeeper, seine Astrologin, sein Gewissen.

Und er hatte sie verdächtigt, ihn bespitzeln zu wollen, das heißt, ihr Wissen an seinen Konkurrenten weiterzugeben, ausgerechnet sie. Dabei wusste er doch genau, dass sie so etwas nie tun würde. Obwohl seine Vermutung in einem Punkt sicher richtig war. Stephen DeGallo hatte sie eingestellt, weil er sich Insiderinformationen erhoffte, nicht nur über die Firma, sondern auch über Matthew Barton selbst, die er zur richtigen Zeit einsetzen wollte. Doch Matthew konnte sich nicht vorstellen, dass Kendra sich überreden lassen würde, irgendetwas über ihn oder die Firma preiszugeben. Dass er sie in dieser Hinsicht beschuldigt hatte, hatte eher etwas mit seiner Verblüffung über ihre Kündigung zu tun. Vor allem die Tatsache, dass sie bereits einen Job angenommen hatte und dann noch bei seinem ärgsten Konkurrenten, hatte ihn sehr geärgert. Und in seiner Wut hatte er etwas geäußert, was er im Grunde nicht so meinte.

Bisher hatte er ihr die Kündigungsabsichten immer ausreden können. Mindestens dreimal hatte sie es schon versucht. Aber er wollte nicht auf sie verzichten. Er brauchte sie. Sicher, er wusste, dass sie für den Job bei ihm überqualifiziert war. Deshalb hatte er ihr in den letzten Jahren häufig eine Gehaltserhöhung gegeben, sodass sie jetzt fast doppelt so viel verdiente wie ihre Vorgängerin. Aber Geld war nicht alles, und er sah ein, dass sie bei ihrer Ausbildung beruflich vorankommen und ihre Talente auch nutzen wollte. Aber musste das gerade bei OmniTech sein?

Keine Frage, Stephen DeGallo hatte sie nicht wegen ihrer Qualifikationen eingestellt. Denn er kannte sie nicht und wusste nicht, wie gut sie war, überlegt, vorausschauend, einfach ein Profi. Durch sie wollte er lediglich Näheres über die Geschäftspolitik von Barton erfahren. Das war alles.

Missmutig starrte Matthew auf die Tür. Er musste sich wohl daran gewöhnen, ohne Kendra zurechtzukommen. Das konnte doch nicht so schwer sein. Er musste eben jemanden einstellen, der ihre Aufgaben übernahm. Jemanden, der ebenso pragmatisch, überlegt, vorausschauend und professionell arbeitete wie Kendra Scarborough. Jemanden, der sein Terminkalender, seine Uhr, sein Barkeeper, sein Astrologe, sein Gewissen war. Na und? Das würde er schon schaffen. Kendra sollte sich gleich darum kümmern.

Gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, was er im Begriff war zu tun. Er wollte Kendra, die Frau, die er nicht nur gerade gefeuert, sondern leider auch noch schwer beleidigt hatte, beauftragen, sich um ihre eigene Nachfolgerin zu bemühen. Er musste über sich selbst den Kopf schütteln. Wenn er es nicht besser wüsste, könnte er glatt den Eindruck haben, ohne Kendra nichts auf die Reihe zu kriegen. Das war natürlich Unsinn.

Denn er war schließlich Chef eines großen Unternehmens.

Knapp ein Jahr nach seinem Examen hatte er seine erste Million beisammen, und seitdem waren etliche hinzugekommen. Seine Firma gehörte zu den fünfhundert größten der Welt und war Arbeitgeber für viele tausend Menschen.

Und er regte sich auf, weil er seine persönliche Assistentin verloren hatte? Die würde sich ja wohl noch ersetzen lassen. Persönliche Assistentinnen gab es wie Sand am Meer. Morgen würde er eine neue einstellen. In den vierzehn Tagen bis zu seiner Abreise nach Lake Tahoe würde er sie einarbeiten, sodass sie mit dem Wichtigsten vertraut war. Wie Kendra gesagt hatte, der Zeitpunkt ihrer Kündigung war ausgesprochen günstig. Den Monat in der Lodge des Freundes konnte er nutzen, um die neue Assistentin nach seinen Bedürfnissen zu formen, sodass sie Kendra mühelos ersetzen konnte.

Er würde fabelhaft ohne Kendra Scarborough zurechtkommen. Auf jeden Fall!

2. KAPITEL

Kendra genoss den kurzen Flug nach Tahoe. OmniTech hatte ihr ein Ticket erster Klasse spendiert, und der Wagen, der am Flughafen auf sie wartete, war äußerst luxuriös. Sie ließ sich in die weichen Polster sinken und atmete auf. Was für eine wunderbare Art zu reisen. Das war doch etwas anderes als ihr kleiner Honda zu Hause. Wer weiß, vielleicht konnte sie sich mit ihrem Gehalt auch bald etwas Besseres leisten. Sie drückte auf einen Knopf, und das Sonnendach öffnete sich. Als die weiche Sommerluft in den Wagen drang, setzte Kendra die Sonnenbrille auf, legte sich den Sitzgurt um und startete den Wagen. Aus dem Radio kam leise Jazzmusik. Was für ein Leben. Zum ersten Mal fühlte sie sich wie jemand, der auf den oberen Sprossen der Karriereleiter angekommen war. PR-Chefin. Wie sich das anhörte. Zufrieden lächelnd, setzte sie zurück und verließ den Parkplatz.

Doch dann fiel ihr Matthew Barton ein, und das Gefühl der Zufriedenheit verschwand. Und anstatt heiter und gelassen ihrem neuen Leben entgegenzusehen und die luxuriöse Fahrt zu genießen, musste sie wieder an ihren Exchef denken und an ihr letztes Gespräch, mit dem ihre fünf Jahre als seine persönliche Assistentin so enttäuschend geendet hatten.

Leider hatte sie in den letzten zwei Wochen häufiger an ihn denken müssen. Sie bog auf die Straße in Richtung Stadt ein und versuchte verzweifelt, ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Hatte sie nicht schon lange ihre Küche renovieren wollen? Welche Schränke sollte sie nehmen? Eigentlich war es empörend, dass die Hersteller von Damenschuhen es immer noch nicht schafften, Eleganz mit Bequemlichkeit zu verbinden. Wieso war eigentlich der Himmel blau und das Gras grün?

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