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Küss mich hier und Küss mich jetzt

1. KAPITEL

„Ladies und Gentlemen, willkommen an Bord des Zuges von King’s Cross nach Edinburgh. Nächster planmäßiger Halt ist Stevenage.“

Das Herz hämmerte wie wild in ihrer Brust von dem fiebrigen Sprint den Bahnsteig entlang. Sophie Greenham presste ihre aus allen Nähten platzende Reisetasche fest an die Brust und lehnte sich an die Wand des anfahrenden Zuges. Erleichtert atmete sie auf.

Sie hatte es geschafft.

Gut, für Erleichterung war es vielleicht zu früh, schließlich kam sie direkt von einem Casting für einen Vampirfilm und trug noch das schwarze Korsagenkleid, das nur knapp ihre Rückseite bedeckte, dazu schwindelerregende schwarze High Heels, die mehr nach Vamp, als nach Vampir aussahen. Hauptsache war und blieb jedoch, sie hatte den Zug erwischt und würde Jasper nicht im Stich lassen. Sie brauchte bloß ihren Mantel anzubehalten, dann würde sie auch nicht wegen unsittlichen Verhaltens verhaftet werden.

Nicht, dass ich ihn ausziehen will, dachte sie grimmig und wickelte den schweren Stoff enger um ihren Leib. Seit Wochen schneite es aus einem bleigrauen Himmel, in den Zeitungen dominierte nur ein Thema: die große Kälte.

Allmählich wurde es draußen dunkel. Das Licht aus den hell erleuchteten Fenstern der Bürogebäude entlang der Bahnstrecke ergoss sich auf den schmutzigen Schnee. Ruckelnd wechselte der Zug das Gleis. Sophie geriet auf ihren hohen Absätzen ins Schwanken und taumelte gegen einen erschrocken dreinblickenden Studenten. Sie sollte schleunigst die Toilette finden und in etwas Bequemeres schlüpfen. Aber nun, da sie nicht länger in Eile war, fühlte sie sich nur noch von Müdigkeit überwältigt. Erschöpft betrat sie den nächsten Waggon.

Jeder Platz war besetzt, im Gang stapelten sich Einkaufstüten und Aktentaschen. Entschuldigungen murmelnd, stapfte sie zwischen der Sitzreihe hindurch.

Im nächsten Waggon sah es nicht besser aus. Das Triumphgefühl, den Zug erwischt zu haben, verebbte, während sie von einem Abteil zum nächsten trottete. Endlich erreichte sie eines, das leerer war.

Erleichtert ließ sie die schmerzenden Schultern sinken und zuckte gleich darauf zusammen, als sie den weichen Teppich bemerkte, die kleinen Lampen auf den Tischen und vor allem die vornehmen Bezüge auf den Kopfstützen, auf denen „Erste Klasse“ aufgestickt war.

Mist.

Fast der gesamte Waggon war mit Geschäftsleuten bevölkert, die sich nicht die Mühe machten, von ihren Laptops oder Zeitungen aufzuschauen, als sie vorbeiging. Bis ihr Handy klingelte. In Paris war ihr der Klingelton – „Je Ne Regrette Rien“ – noch auf originelle Art ironisch vorgekommen, aber in dem ansonsten stillen Waggon verlor er seinen Charme. Die Henkel der Reisetasche in einer Hand haltend, kramte sie mit der anderen in ihrer Manteltasche nach dem Telefon, wobei sie peinlich darauf achtete, nichts von der Garderobe darunter hervorblitzen zu lassen. Sophie spürte, wie unzählige Köpfe hinter Zeitungen auftauchten und Augenpaare über Brillenränder in ihre Richtung spähten. In ihrer Verzweiflung hievte sie ihr Gepäck auf das nächste Tischchen und fischte ihr Telefon gerade noch rechtzeitig aus der Tasche, um Jean-Claudes Namen im Display zu lesen.

Wieder Mist.

Vor ein paar Monaten wäre meine Reaktion ganz anders ausgefallen, schoss es ihr durch den Kopf, während sie hastig einen Knopf drückte und den Anruf unterbrach. Aber vor ein paar Monaten hatte sie Jean-Claude auch noch für einen freigeistigen Pariser Künstler gehalten. Er hatte so selbstsicher gewirkt, als sie ihn das erste Mal gesehen hatte – am Set des Films, den sie gerade drehte. Selbstsicher und glamourös. Nicht wie jemand, der sich eifersüchtig und besitzergreifend verhielt.

Nein, sie würde jetzt nicht über die Katastrophe nachdenken, in die sich ihr letztes romantisches Abenteuer verwandelt hatte.

Zu müde, um weiterzugehen, ließ Sophie sich in den nächsten freien Sitz sinken. Man konnte nicht ewig fortlaufen, versicherte sie sich mit einem Anflug von schwarzem Humor. Ihr gegenüber saß ein weiterer Geschäftsmann hinter seiner Zeitung versteckt. Die Seiten waren so gefaltet, dass sie ihr Horoskop lesen konnte.

Der Mann war nicht ganz verborgen, sie konnte seine Hände sehen. Er besaß lange, sonnengebräunte Finger, die sehr stark wirkten. Nicht die Hände eines Geschäftsmannes, dachte sie, wandte den Blick ab und suchte den Eintrag für Waage. „Seien Sie bereit, hart an sich zu arbeiten, um einen guten Eindruck zu machen“, las sie. „Der Vollmond am Zwanzigsten ist eine perfekte Gelegenheit, anderen zu zeigen, wer Sie wirklich sind.“

Verdammt. Heute war der Zwanzigste. Und obwohl sie bereit war, eine oscarreife Leistung abzuliefern, um Jaspers Familie zu beeindrucken, war das Letzte, was sie wollte, ihnen zu zeigen, wer sie wirklich war.

Edith Piaf meldete sich abermals. Sophie stöhnte auf. Konnte Jean-Claude einen Wink mit dem Zaunpfahl nicht einfach verstehen? Hastig griff sie nach ihrem Handy, um Edith zum Schweigen zu bringen, doch ausgerechnet in diesem Moment schwankte der Zug wieder, und ihr Finger landete auf dem falschen Knopf. Einen Augenblick später ertönte Jean-Claudes merlotselige Stimme laut aus dem kleinen Gerät – klar verständlich für sie und die fünfzehn Geschäftsleute im Waggon.

„Sophie? Sophie, wo bist du …?“

Rasch traf sie eine Entscheidung und fiel ihm ins Wort, bevor er noch weiteren Schaden anrichten konnte. „’Allô. Sie haben erreicht die Mailbox von Madame Sofia, Astrologin und Leserin der Karten“, schnurrte sie, warf den Kopf in den Nacken und musterte ihr Spiegelbild in der dunklen Glasscheibe. „Wenn Sie ’interlassen eine Nummer, Name und Sternzeichen, melde ich mich mit wichtigen Informationen über Ihr Schicksal …“

Wie von einem elektrischen Schlag getroffen hielt sie unvermittelt inne, als ihr bewusst wurde, dass sie in der spiegelnden Scheibe direkt in die Augen des Fremden hinter der Zeitung blickte.

Oder besser gesagt, er starrte sie an. Und mit seinen dunklen Augen schien er direkt in ihre Seele zu schauen.

Einen Moment fühlte sie sich so hilflos, dass sie nichts anderes tun konnte, als den Blick zu erwidern. Seine sonnengebräunte Haut hob sich deutlich von dem schneeweißen Hemd ab, was irgendwie nicht recht zu der strengen nüchternen Miene passen wollte. Sein Gesicht war das eines Ritters auf einem mittelalterlichen Gemälde – wunderschön, hart, unnahbar.

In anderen Worten: absolut nicht ihr Typ.

„Sophie? Bist du das? Ich kann dich kaum verstehen? Bist du im Eurostar? Sag mir, wann du ankommst, ich hole dich am Gare du Nord ab.“

Verflixt, Jean-Claude hatte sie ganz vergessen. Mit aller Kraft riss sie ihre Aufmerksamkeit von dem Bild in der Scheibe los. Besser, sie schenkte ihm reinen Wein ein, sonst würde er sie das gesamte Wochenende über anrufen und ihr Image als Jaspers süße und liebenswerte Freundin ruinieren.

„Ich bin nicht im Eurostar“, sagte sie vorsichtig. „Ich komme heute nicht zurück.“

Alors, wann?“, forderte er. „Das Gemälde … ich brauche dich hier. Ich muss deine Haut sehen, muss sie fühlen, um den Kontrast zu den Lilienblättern einzufangen.“

‚Nackte mit Lilien‘ hieß die Vision, von der Jean-Claude behauptete, sie haben ihn bei ihrem ersten Anblick in der Bar in Marais überkommen. Jasper hatte sie an jenem Wochenende besucht und sich köstlich amüsiert. Sophie hingegen hatte sich von Jean-Claudes extravaganten Komplimenten wie ‚eine Haut wie die Blütenblätter der Lilie‘ und ‚Haare wie Feuer‘ extrem geschmeichelt gefühlt und die Vorstellung, ihm Modell zu stehen für eine sehr erotische Erfahrung gehalten.

In Wirklichkeit hatte es sich als sehr kalte und unglaublich langweilige Angelegenheit herausgestellt. Wenn jedoch Jean-Claudes Blick eine ähnliche Reaktion heraufbeschworen hätte, wie der Blick des Fremden im Fenster, wäre die Sache wohl anders verlaufen.

„Kannst du nicht einfach ein paar mehr Blüten malen?“ Sie unterdrückte ein Kichern. „Schau, ich weiß nicht, wann ich zurückkomme, aber was wir hatten, war ohnehin nicht für die Ewigkeit bestimmt. Es war bloß Sex …“

Wie abgesprochen fuhr der Zug in diesem Moment in einen Tunnel ein, und die Leitung brach zusammen. In der dunklen Scheibe erhaschte Sophie kurz den Blick des Mannes. Unmittelbar darauf hob er die Zeitung, sodass ihr keine Zeit blieb, seine Miene zu studieren, doch sie war sich sicher, einen missbilligenden Ausdruck erkannt zu haben.

In dieser Sekunde war sie wieder acht Jahre alt, hielt die Hand ihrer Mutter umklammert und spürte, wie andere Menschen sie anstarrten und beurteilten. Das alte Gefühl der Demütigung flammte in ihr auf, als sie die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf hörte: Ignorier sie einfach, Summer. Wir haben dasselbe Recht hier zu sein, wie alle anderen auch …

„Sophie?“

„Ja“, erwiderte sie, ihre Stimme klang plötzlich ganz dünn. „Es tut mir leid, Jean-Claude. Ich kann jetzt nicht mit dir reden. Ich bin im Zug, die Leitung ist nicht sehr gut.“

D’accord. Ich rufe dich später an.“

„Nein! Du kannst mich nicht das ganze Wochenende über anrufen. Ich … ich arbeite, und du weißt, ich kann mein Handy nicht mit ans Set nehmen. Ich melde mich, wenn ich Montag wieder in London bin. Dann unterhalten wir uns in Ruhe.“

Etwas Dümmeres hätte ich nicht sagen können, dachte sie müde, während sie das Telefon ausschaltete. Jean-Claude und sie hatten ein bisschen Spaß miteinander gehabt, mehr nicht. Ein romantisches Abenteuer im winterlichen Paris. Jetzt war es vorbei und an der Zeit weiterzuziehen.

Mal wieder.

Hastig steckte sie das Handy in die Tasche und wandte sich erneut dem Fenster zu. Es hatte wieder angefangen zu schneien. In den Lichtern der Straßenlaternen einer namenlosen Stadt, die sie gerade durchfuhren, tanzten die Flocken und löschten alle Fußabdrücke auf den Gehwegen aus, legten sich auf die Dächer von kleinen Häusern. Sie stellte sich die Menschen vor, die dort wohnten, Familien, die sich vor dem Fernseher versammelt hatten und liebevoll um die Fernbedienung stritten. Oder Paare, die an einem Freitagabend eine gute Flasche Wein geöffnet hatten, vereint gegen den Rest der Welt.

Den Bildern häuslicher Gemütlichkeit folgte eine Woge der Deprimiertheit. Das war ihr wunder Punkt. Nach ihrer Rückkehr aus Paris hatte sie entdecken müssen, dass während ihrer Abwesenheit der Freund ihrer Mitbewohnerin eingezogen war. Ihre gemeinsame Wohnung hatte sich in das Hauptquartier glücklicher Zweisamkeit verwandelt. Die Atmosphäre vertrauter Schlampigkeit, die Jess und sie mit überall verstreuten Make-up-Utensilien, Wäsche und Zeitschriften, kultiviert hatten, war verschwunden. Stattdessen war die Wohnung jetzt picobello aufgeräumt, auf dem Sofa lagen neue Kissen und auf dem Küchentisch standen weiße Kerzen.

Jaspers Notruf, sie am Wochenende nach Northumberland zu begleiten und seine Freundin zu spielen, schien die perfekte Flucht zu sein. Aber so ist nun mal der Lauf der Dinge, dachte sie traurig, während der Zug aus der Stadt hinausfuhr und wieder in die Dunkelheit eintauchte. Die Menschen fanden einander, und irgendwann war nur noch sie übrig. Die Einzige, die keine Beziehung oder Verpflichtungen eingehen wollte. Selbst Jasper zeigte besorgniserregende Anzeichen – in letzter Zeit zog er immer häufiger gemütliche Kuschelabende mit seinem neuen Freund Sergio ausschweifenden Disconächten vor.

Abrupt sprang sie auf, griff nach ihrer Tasche und verfrachtete sie auf die Gepäckablage über sich. Das war keine einfache Aufgabe, und Sophie war sich bewusst, dass, während sie drückte und schob, nicht nur ihr Kleid gefährlich hochrutschte, sondern auch ihr Mantel sich öffnete und dem Mann gegenüber einen intensiven Blick auf ein schwarzes Lackkorsett und viel zu viel Bein gewährte. Verlegen riskierte sie ihrerseits einen Blick ins Fenster.

Er schaute sie überhaupt nicht an, sondern las konzentriert in seiner Zeitung. Aus irgendeinem Grund empfand sie sein Desinteresse als schmerzhafter, als die missbilligende Miene von vorhin. Hastig schloss Sophie den Mantel und setzte sich wieder, wobei sie aus Versehen das Bein des Unbekannten unter dem Tisch streifte.

Sie erstarrte. Glühende Funken schossen ihre Adern entlang.

„Entschuldigung“, murmelte sie und zog eilig ihre Beine unter den Sitz.

Langsam senkte sich die Zeitung. Und dann sah sie den Fremden zum ersten Mal direkt. Die Wirkung seines Blicks in der spiegelnden Scheibe war ihr schon ungemein intensiv vorgekommen, doch unmittelbar in seine Augen zu schauen glich dem Gefühl, eine Stromleitung zu berühren. Seine Augen waren nicht braun, wie sie geglaubt hatte, sondern grau wie die kalte Nordsee. Einen Moment verlor sie sich in den unergründlichen Tiefen.

Bis er lächelte.

Es war ein dünnes Lächeln, das keineswegs die Kälte aus seinem Blick vertrieb, aber ausreichte, um Sophies Aufmerksamkeit auf seinen Mund zu lenken …

„Kein Problem. Eigentlich sollte man in der ersten Klasse ja davon ausgehen, dass es genügend Beinfreiheit gibt, nicht wahr?“

Seine Stimme klang tief und rau und so sexy, dass sie sich unter anderen Umständen darauf gefreut hätte, die nächsten vier Stunden mit ihm in dem kleinen Abteil zu verbringen. Doch die spöttische Art, mit der er die Worte „erste“ und „Klasse“ betonte und der Blick, mit dem er sie bedachte, als sei sie eine Raupe im Salat eines sehr exklusiven Restaurants, löschten jedes Gefühl körperlicher Anziehungskraft aus.

Sie hatte ein Problem mit Menschen, die sie auf diese Weise anschauten.

„Absolut“, stimmte sie mit der Selbstsicherheit der Oberklasse zu. „Wirklich schockierend.“ Und dann klappte sie in einer Geste, die hoffentlich als völlige Sorglosigkeit durchging, den Kragen ihres abgewetzten Militärmantels hoch, setzte sich bequemer zurecht und schloss die Augen.

Kit Fitzroy legte die Zeitung beiseite.

Normalerweise vermied er es, im Urlaub Berichte über den Ort zu lesen, an dem er stationiert war. Den Journalisten gelang es nie, die Hitze, den Sand und die Verzweiflung richtig wiederzugeben. Er hatte die Zeitung nur gekauft, um sich auf den neusten Stand hinsichtlich Rugby und Rennsport zu bringen. Letzten Endes hatte er doch jeden Artikel gelesen, nur um das Bild der jungen Frau ihm gegenüber auszulöschen, das sich in sein Gehirn gebrannt zu haben schien.

Es hatte nicht funktioniert. Selbst der lächerliche Bericht über einen Antiterroreinsatz im Mittleren Osten hatte sie nicht aus seinem Bewusstsein verdrängt.

Wenig überraschend, dachte er säuerlich. Die vergangenen vier Monate hatte er ausschließlich in der Wüste, in der Gesellschaft von Männern verbracht. Und er empfand immer noch menschlich genug, um auf eine Frau in Stilettos und Korsage unter einem falschen Militärmantel anzusprechen. Die darüber hinaus die sündige Stimme einer Nachtclubsängerin besaß und sich offensichtlich bei dem liebestollen Trottel am anderen Ende der Telefonleitung beschwerte, dass sie nur zwanglosen Sex mit ihm hatte haben wollen.

Nach der schrecklichen Nüchternheit der Zeremonie, die er vorhin hinter sich gebracht hatte, besaß ihr Auftritt etwas sehr Lebendiges.

Kit unterdrückte ein Lächeln.

Lebendig, wenn auch nicht sonderlich kultiviert.

Er schaute wieder zu ihr hinüber. Sie war eingeschlafen. Geschmeidig wie eine Katze hatte sie die Beine unter sich gezogen, ein feines Lächeln umspielte ihre himbeerroten Lippen, als träume sie von etwas Amüsantem. Der schwarze Eyeliner reichte über das Oberlid hinaus, was wahrscheinlich die Assoziation mit einer Katze hervorrief.

Er runzelte die Stirn. Nein, das war es nicht. Nicht nur. Es lag auch an dem funkelnden Grün ihrer Augen. Er erinnerte sich genau an den Farbton: das klare kühle Grün junger Blätter.

Insgeheim fragte er sich, ob sie wirklich schlief. Wenn es um Täuschungen ging, besaß er recht gute Antennen. Seine inneren Alarmglocken hatten zu schrillen begonnen, kaum dass die Frau das Abteil betreten hatte. Doch irgendetwas überzeugte ihn, dass sie den Schlaf nicht vortäuschte. Die Energie, die sie vorhin verströmt hatte, war verschwunden. Fast war es, als sei ein Licht erloschen. Als wäre die Sonne untergegangen und zurück blieben nur Schatten und ein Frösteln.

Schlaf … die Belohnung der Unschuldigen. Angesichts der Schamlosigkeit, mit der sie ihren Freund angelogen hatte, kam es ihm nicht fair vor – vor allem, weil es ihm so schwerfiel einzuschlafen.

„Die Fahrkarten, bitte.“

Die Ruhe, die sich über den Waggon gesenkt hatte, wurde durch die Ankunft des Schaffners gestört. Hektische Aktivität breitete sich aus, als die Anwesenden die Tickets in den Taschen ihrer Anzüge suchten oder aus ihren Brieftaschen zogen. Nur die schlafende Frau ihm gegenüber regte sich nicht.

Sie war älter, als er zunächst angenommen hatte, stellte Kit fest. Zumindest älter, als es ihre absurde Aufmachung vermuten ließ. Vielleicht Mitte zwanzig? Dennoch ging etwas zutiefst Kindliches von ihr aus. Zumindest wenn man die sanfte Wölbung ihrer Brüste ignorierte.

Und in dieser Hinsicht tat er sein Bestes.

Der Kontrolleur erreichte das Abteil. Auf seiner bislang nüchternen Miene zeichnete sich Unbehagen ab, als er die Schlafende erblickte. Nervös fuhr er mit der Zunge über seine Lippen, dann streckte er zaghaft den Arm nach ihr aus.

„Nicht.“

Überrascht schaute der Mann sich um.

„Es ist okay“, sagte Kit. „Sie gehört zu mir.“

„Entschuldigen Sie, Sir. Darf ich Ihre Fahrkarten sehen?“

„Nein.“ Kit zückte seine Brieftasche. „Ich … wir … wollten ursprünglich das Flugzeug nehmen.“

„Ich verstehe, Sir. Das Wetter hat den Flugplan ganz schön durcheinandergewirbelt. Deshalb ist der Zug heute Abend so überfüllt. Nur Hinfahrt? Oder möchten Sie gleich die Rückfahrkarten dazukaufen?“

„Mit Rückfahrt.“ Hoffentlich würden die Flughäfen am Sonntag wieder geöffnet sein, aber er wollte kein Risiko eingehen. Der Gedanke, in Alnburgh bei seiner Familie festzusitzen, war einfach unerträglich.

„Nach Edinburgh?“

Kit nickte abwesend. Während der Schaffner die beiden Tickets ausstellte, schaute er wieder zu der schlafenden Frau hinüber. Er war sich sicher, dass sie keine Fahrkarte für die erste Klasse besaß. Warum hatte er verhindert, dass der Kontrolleur sie weckte und aus dem Waggon verscheuchte? Es hätte den Rest der Fahrt für ihn angenehmer gemacht. Mehr Beinfreiheit. Mehr Seelenfrieden.

Kit Fitzroy besaß den unerschütterlichen Glauben, dass es seine Pflicht war, sich um Menschen zu kümmern, die nicht dieselben Privilegien genossen wie er. Mit dieser Überzeugung hatte er das Offizierstraining überstanden, sie half ihm dabei, die Erschöpfung auf langen Patrouillen zu überwinden und die nächste staubige Straße zu einer nicht explodierten Bombe entlangzugehen. Sie verpflichtete ihn nicht, Fremden Erste-Klasse-Tickets zu kaufen. Außerdem machte die Frau den Eindruck, als könne sie sehr gut für sich selbst sorgen.

Aber mit ihren aberwitzigen Kleidern, den leuchtend roten Haaren und dem verwegenen Schalk, der ihr im Nacken zu sitzen schien, hatte sie seine Stimmung aufgeheitert. Sie hatte die düsteren Gedanken vertrieben, die ihn seit der Zeremonie beherrschten. Und vor allem hatte sie ihn von dem schrecklichen Wochenende abgelenkt, das vor ihm lag.

Das sollte ihm der Preis eines Erste-Klasse-Tickets von London nach Edinburgh wert sein – auch ohne den interessanten Blick auf die Ansätze ihrer Brüste. Ganz zu schweigen von der zarten Berührung, als sie mit ihrem Bein unabsichtlich seines gestreift hatte. Es erinnerte ihn daran, dass vielen Männern, mit denen er gedient hatte, dieses Glück nicht vergönnt war.

Zumindest lebte er noch …

2. KAPITEL

Mit dem Gefühl, dass etwas nicht stimmte, schreckte Sophie aus dem Schlaf.

Sie setzte sich auf, blinzelte ins helle Licht und versuchte, sich zu orientieren. Der Platz ihr gegenüber war leer. Der Mann mit den silberfarbenen Augen musste ausgestiegen sein, während sie geschlafen hatte. Gerade fragte sie sich, warum sie deshalb Enttäuschung empfand, als sie ihn erblickte.

Er war aufgestanden und zog einen teuer aussehenden Aktenkoffer aus dem Gepäckfach. Er wandte ihr den Rücken zu, sodass sie in Ruhe die sehr breiten Schultern und die schmalen Hüften in maßgeschneiderten schwarzen Hosen betrachten konnte.

Mmm … Das ist also der Grund, dachte sie schläfrig. Weil man diese Art von Perfektion nicht jeden Tag zu Gesicht bekommt. Und auch wenn es sie meist nur gepaart mit übersteigerter Arroganz gab, war sie doch nett anzuschauen.

„Entschuldigung, könnten Sie mir, bitte, sagen, wo wir sind?“

Verdammt! Sie hatte den Oberklassenakzent vergessen. Und nachdem sie so lange geschlafen hatte, klang sie wohl eher nach einer Bardame, die drei Schachteln Zigaretten am Tag rauchte, als nach einem mustergültigen Mitglied der feinen Gesellschaft. Nicht, dass es eine Rolle spielte, weil sie ihn ohnehin nicht wiedersehen würde.

Er schlüpfte gerade in eine edel wirkende Seemannsjacke, wie sie Männer in stilsicheren schwarz-weiß Anzeigen in Modezeitungen trugen. „Alnburgh.“

Das Wort riss Sophie aus ihrem Dämmerzustand. Fluchend sprang sie auf und suchte ihre Sachen zusammen. Ausgerechnet in diesem Moment ruckelte der Zug mal wieder, sie strauchelte und fiel direkt in die Arme des Fremden.

Zumindest hätte es sich in einem dieser romantischen Filme so ereignet, in denen sie ab und zu mitspielte. In Wirklichkeit fiel sie nicht gerade in seine wartenden, einladend ausgestreckten Arme, sondern taumelte vielmehr gegen seine unnachgiebige, brettharte Brust. Eine Millisekunde, bevor sie zurückprallte, schob er einen Arm um ihre Taille und hielt sie in eisenhartem Griff fest. Um möglichst rasch das Gleichgewicht wiederzugewinnen, legte Sophie automatisch eine Hand auf seine Brust.

Erotisches Verlangen flammte in ihr auf. Auch wenn er schlank wirkte, gab es doch kein Vertun, dass sich unter dem gestreiften Businesshemd wunderbar definierte Muskeln verbargen.

Die Augen vor Schock geweitet, hob sie den Kopf, um irgendeine Entschuldigung hervorzubringen. Doch statt Worten existierte blanke Leere in ihrem Gehirn. Es gab nur einen klaren Gedanken: Wie erstaunlich seine Augen aus der Nähe wirkten, die silberne Iris, umgeben von einem dunkleren Rand …

„Ich muss aussteigen … jetzt!“, stieß sie krächzend hervor.

Das entsprach nicht unbedingt einem Satz aus ihren romantischen Filmen. Abrupt ließ der Fremde sie los und wandte den Kopf ab.

„Ist schon okay. Wir sind noch nicht im Bahnhof.“

Während er das sagte, ruckelte der Zug wieder nach vorne, Sophie drohte, erneut das Gleichgewicht zu verlieren. Als bin ich noch nicht genug aus dem Gleichgewicht geraten, dachte sie, während sie sich bemühte, die vollgestopfte Tasche aus der Gepäckablage zu ziehen. Ängstlich warf sie einen Blick aus dem Fenster und erhaschte gerade noch ein Schild, auf dem, halb unter Schnee verborgen, „Alnburgh“ stand.

„Lassen Sie mich mal.“

Der Unbekannte beugte sich über sie und ergriff den Henkel der Tasche.

„Nein, warten Sie, der Reißverschluss …“, schrie Sophie auf, doch es war bereits zu spät. Ein hässliches Geräusch ertönte, und der Verschluss, der ohnehin schon unter reichlich Druck stand, gab nach. In stummem Entsetzen sah Sophie zu, wie ein buntes Chaos aus Kleidern, Strumpfhosen und Schuhen zu Boden segelte.

Und natürlich Unterwäsche.

Es war furchtbar. Schrecklich. Wie der Moment in einem Albtraum unmittelbar vor dem Aufwachen. Außerdem war es ziemlich lustig. Rasch legte sie eine Hand vor den Mund, trotzdem musste sie hell auflachen.

„Vielleicht möchten Sie die Tasche zurück ins Geschäft bringen“, merkte der Mann spöttisch an und zog einen verirrten Balconnet-BH aus grünem Satin aus dem Gepäckfach. „Ich glaube, Gucci gibt eine lebenslange Garantie auf sein Reisegepäck.“

Sophie ließ sich auf die Knie sinken, um ihre restlichen Sachen aufzusammeln.

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