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Küss mich, halt mich, liebe mich

PROLOG

„Bist du dir wirklich ganz sicher, dass du es auch willst?“

Das war einer der Gründe, warum Meredith Evan so liebte – immer dachte er zuerst an sie.

Welcher andere Achtzehnjährige mit einer normalen Libido wäre so rücksichtsvoll gewesen? Seit fünf Wochen planten sie nun schon diesen romantischen Abend, an dem „es“ zum ersten Mal passieren sollte – und trotzdem wusste sie ganz sicher, dass Evan es verstanden und akzeptiert hätte, wenn sie es sich im letzten Moment doch noch anders überlegte.

Vielleicht hätte er eine ziemlich lange kalte Dusche gebraucht, aber er hätte sie nicht weiter bedrängt. Schon gar nicht mit Sprüchen wie denen, von denen ihre Freundinnen aus ähnlichen Situationen berichteten – dass es ernsthafte medizinische Konsequenzen hätte, wenn ein Mann im letzten Moment nicht zum Zug kam, oder dass man Versprechen unter keinen Umständen brechen dürfe.

Die meisten Jungs waren eben Idioten.

Evan dagegen bewies, dass es wirklich Traumprinzen gab, wenn auch nur ganz selten. Er war Meredith’ Seelengefährte, da gab es für sie keinen Zweifel. So unterschiedlich sie auch waren – er war unbekümmert und wild, sie konservativ und eher vorsichtig –, sie ergänzten sich perfekt. Und bei den wirklich wichtigen Dingen waren sie sich immer einig. Sie hatten sogar dieselben Lebensziele.

Vor allem wusste sie, dass sie sich auf Evan stets verlassen konnte. Auch wenn ihre Eltern und die Lehrer an der Schule behaupteten, Evan sei zügellos und unbeherrscht – sie wusste, er war immer für sie da.

Deshalb würde sie auch diesen Abend mit ihm niemals bereuen. Welch ein Glück, dass sie ihr erstes Mal mit einem Jungen wie Evan erleben durfte!

„Bist du wirklich sicher?“, fragte er noch einmal und streichelte ihren Arm.

Sie lagen in Meredith’ Himmelbett nebeneinander, die Gesichter einander zugewandt. Ihre Eltern hatten die Stadt für vier Tage verlassen, es war also der ideale Zeitpunkt.

Ich bin mir ganz sicher“, erwiderte sie kokett lächelnd. „Aber so langsam glaube ich, dass du es dir anders überlegt hast.“

„Nein, wie kommst du darauf?“ Er schlang die Arme um sie und küsste sie leidenschaftlich, rollte sich dabei auf den Rücken, sodass sie auf ihm lag. Dabei drückte er sie so fest an sich, dass sie beinahe nicht mehr spürte, wo sein Körper aufhörte und ihrer begann. Dieses Gefühl liebte sie besonders.

Sie küssten sich wieder und wieder, so wie immer, wenn sie zusammen waren. Küssen war sozusagen ihre Spezialität, und sie hatten es perfektioniert. Er berührte sanft ihre Lippen, sie kam ihm entgegen, ihre Zungen trafen sich und … wow! Die reinste Magie.

„Ich liebe dich, Mer“, flüsterte Evan. Langsam rollte er sich mit ihr zusammen herum, sodass er schließlich auf ihr lag.

„Ich liebe dich auch“, erwiderte sie, weil es die Wahrheit war. „Mehr, als du je ahnen wirst.“

Er zeigte dieses wissende Lächeln, das sie immer ganz schwach machte, und knipste die Nachttischlampe aus.

Es dauerte einen Moment, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, doch dann bemerkte sie, dass Mondschein ins Zimmer fiel und die spitzenverzierte Bettwäsche, die sie extra für diese Nacht gekauft hatte, in sanftes Licht tauchte.

Perfekt.

Und so war es dann auch. Einfach wunderbar und genau richtig.

Hinterher lagen sie nebeneinander und beobachteten, wie der Mond am Himmel höher stieg. Meredith war glücklicher als je zuvor in ihrem Leben, und sie lächelte selig, während Evan ihr zuflüsterte, wie schön sie sei und dass er den Rest seines Lebens mit ihr verbringen wolle. Dann gestand er ihr, dass er einen Riesenhunger habe, und sie beschlossen, in ihr kleines Stammlokal zu gehen, um Blaubeerpfannkuchen zu essen.

So fühlte es sich also an, wenn man rundum glücklich war. In jenem Moment konnte Meredith sich nicht vorstellen, dass es jemals wieder anders sein würde.

Leider täuschte sie sich da. Denn schon zwei Monate später lebte Evan viele Tausend Meilen weit weg, und er hatte sich nicht einmal von ihr verabschiedet. Es sollte über zwölf Jahre dauern, bis sie ihn wiedersah.

1. KAPITEL

„Damit ist die Testamentseröffnung beendet.“

Wie erstarrt saß Evan Hanson auf seinem Stuhl im Besprechungszimmer der Hanson Media Gruppe. Er bereute es zutiefst, dass er dem Drängen seines Bruders Jack und seines Onkels David gefolgt und überhaupt nach Chicago zurückgekehrt war.

Von Anfang an hatte er geahnt, dass er sich damit unnötigen Ärger einhandelte – aber mit einem so kompletten Reinfall hatte er, ehrlich gesagt, nicht gerechnet.

Warum musste er auch auf David hören? Sein Onkel hatte ihm eingeredet, dass er sich besser fühlen würde, wenn er zur Testamentseröffnung kam. Am Ende glaubte Evan schon fast selbst daran, dass im Testament seines verstorbenen Vaters irgendetwas enthalten sein würde, was ihren Streit auslöschte. Als ob sich zwölf Jahre Funkstille so einfach ungeschehen machen ließen!

„Wenn du schon nicht zu seinen Lebzeiten mit ihm Frieden schließen konntest“, hatte David beharrt, „dann vielleicht jetzt.“

Und nun das. Die Testamentseröffnung war tatsächlich sehr friedlich verlaufen, zumindest was Evan betraf. Sein Vater hatte ihn nämlich mit keiner Silbe erwähnt. Nicht einmal sein Name war gefallen. Während andere beleidigte Väter vielleicht schrieben: „Und meinem missratenen mittleren Sohn Evan hinterlasse ich nicht einen Penny“, hatte George Hanson ihn einfach völlig ignoriert. So, als gäbe es ihn gar nicht.

Evan kannte seinen Vater gut genug, um zu wissen, dass das wahrscheinlich sogar zutraf. Für George Hanson hatte Evan in dem Moment aufgehört zu existieren, als er vor zwölf Jahren nach einem heftigen Streit Chicago und den Kontinent verließ. Seitdem hatten sie kein einziges Wort mehr miteinander gewechselt.

Sicher, daran trug Evan ebenso die Schuld wie sein Vater. Aber schließlich war er damals erst achtzehn gewesen. Was George von ihm verlangt hatte, konnte er einfach nicht tun, aber sich seinem Vater offen zu widersetzen war auch so gut wie unmöglich. Deshalb sah Evan nur eine einzige Möglichkeit aus dieser Zwangslage: Er war einfach auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Und George hatte nie etwas unternommen, um das zu ändern. Wahrscheinlich dachte er danach überhaupt nicht mehr an seinen mittleren Sohn. Aus den Augen, aus dem Sinn – das war für George Hanson eine leichte Übung.

Evan tat sich damit leider schwerer. Es war ihm nie richtig gelungen, seinen Vater zu vergessen, ganz zu schweigen von seiner Mutter, die viel zu früh gestorben war. Wenn sie noch gelebt hätte, wäre all das vielleicht nicht passiert, aber allein kam er gegen seinen Vater einfach nicht an.

Dabei hatte es Evan das Herz gebrochen, überhaupt zu gehen. Und so war er über die Jahre zu dem Mann geworden, der jetzt hier bei der Testamentseröffnung saß: einer, der nichts mit seiner Familie zu tun haben wollte und sich auch sonst hütete, andere zu nah an sich heranzulassen.

Während seine Verwandten das Testament besprachen, das sie alle wohl sehr schockierte, saß Evan wie betäubt auf seinem Stuhl. George Hanson hatte die Aktienmehrheit des Familienunternehmens seiner zweiten Frau Helen vermacht, sodass ab sofort sie diejenige war, die in der Hanson Media Gruppe die Entscheidungen traf – und zwar allein.

Weder seinem älteren Bruder Jack, der bis dahin die Firma geleitet hatte, noch seinem jüngeren Bruder Andrew schien das zu gefallen.

Evan dagegen war es völlig gleichgültig. Helen erzählte zwar etwas davon, dass er in der Firma eine Position übernehmen solle, aber er hörte gar nicht richtig hin. Die Firma war nicht sein Problem. Nicht einmal die Familie war sein Problem.

„Ich brauche frische Luft“, verkündete er, stand auf und ging hinaus – fest entschlossen, niemals zurückzukehren.

Wozu auch? Genau wie für seinen Vater schien er für die anderen Familienmitglieder Luft zu sein. Sie waren völlig mit dem Testament beschäftigt, und er bezweifelte, dass sie seine Anwesenheit überhaupt bemerkten. Er rechnete nicht damit, dass es jemandem auffallen würde, wenn er fort war. Daher überraschte es ihn, als auf dem Flur hinter ihm jemand seinen Namen rief.

„Evan!“ Es war eine weibliche Stimme, aber er erkannte sie nicht. Kein Wunder, wahrscheinlich hätte er nach all der Zeit nicht einmal die Stimmen seiner Brüder erkannt.

„Bitte warte, Evan“, rief sie. „Ich muss mit dir reden.“

Er blieb stehen und drehte sich um. Über den Flur eilte die zweite Frau seines Vaters auf ihn zu. Ihre makellosen Gesichtszüge wirkten besorgt.

Man erkannte auf den ersten Blick, dass George Helen geheiratet hatte, um sich mit ihr zu schmücken und anzugeben – ein lebendiges Statussymbol. Sie war wesentlich jünger als er und sah mit ihren blonden Haaren, den großen grünen Augen und ihrer perfekten Figur wie ein Model aus. Sonst wusste Evan nichts von ihr, denn sein Vater hatte Helen erst kurz nach seiner Abreise geheiratet. Seine Brüder mochten sie offensichtlich nicht, das war aus ihren bissigen Bemerkungen nach der Testamentseröffnung deutlich geworden.

Ihm selbst dagegen war Helen völlig gleichgültig.

„Du bist bestimmt wütend wegen des Testaments“, sagte sie, als sie ihn eingeholt hatte.

„Nein“, erwiderte er. Erschrocken stellte er fest, dass seine Stimme so kalt und gefühllos klang wie die seines Vaters früher. „Es war keine Überraschung. Im Gegenteil, für deinen verstorbenen Mann ist so was völlig typisch.“

Sie nickte, offenbar schmerzlich berührt. „Ich kann verstehen, dass du so empfindest, aber er war dein Vater, Evan. Das darfst du nicht vergessen, auch wenn es dir so vorkommt, als hätte er dich verstoßen.“

Ihre Worte schmerzten. „Es kommt mir nicht nur so vor, es ist eine Tatsache“, erwiderte er. „Mein Vater hat mich verstoßen, immer und immer wieder. Und ich weiß, wie gehässig er sein konnte. Ich wäre nicht überrascht, wenn er noch mehr nette Überraschungen für mich hätte.“

„Evan …“, begann Helen, doch er ließ sie nicht ausreden.

„Er wusste immer, wie er seiner Familie sein Missfallen am deutlichsten zeigen konnte.“ Evan lachte trocken. „Du solltest dich auch in Acht nehmen. Aber vielleicht brauchst du dir als Einzige keine Sorgen zu machen, dir hat er immerhin die Firma vermacht.“

Helen zuckte ein wenig zusammen. „Die Firma gehört der Familie Hanson. Euch allen, nicht mir. Daran wird sich nichts ändern.“

Wieder lachte er bitter. „Hast du das schon den anderen erzählt?“

„Sie werden es früh genug herausfinden“, sagte sie beiläufig. „Aber du hast anscheinend vor, Chicago sofort wieder zu verlassen. Und deshalb wollte ich dich bitten, noch eine Weile zu bleiben.“

Überrascht blickte er sie an. Sie war unglaublich attraktiv, aber offenbar auch ganz schön dreist. „Du willst mich aufhalten? Die Mühe kannst du dir sparen. Es interessiert mich kein bisschen, was aus dieser dämlichen Firma wird.“

„Aber das sollte es“, beschwor ihn Helen. „Vergiss nicht, dass auch für deine Kinder zwanzig Prozent des Firmengewinns in einem Treuhänderkonto angelegt werden.“

Evan zuckte die Achseln. „Mein Vater hat dir wahrscheinlich nicht viel von mir erzählt, aber ich habe keine Kinder.“

„Das weiß ich“, erwiderte Helen sanft. „Aber du bist doch erst dreißig, da kann sich das ja vielleicht noch ändern.“

Beinahe hätte er ihr vehement widersprochen, aber er hatte tatsächlich schon erlebt, dass selbst eingefleischte Junggesellen vom Schicksal überrascht wurden.

„Na schön, möglicherweise“, gab er zu. „Aber selbst wenn ich Kinder haben sollte, sind sie ganz bestimmt nicht auf die Almosen von George Hanson angewiesen.“

„Bestraf doch deinen Sohn nicht dafür, dass dein Vater dich aus dem Haus getrieben hat“, sagte sie traurig lächelnd. „Oder deine Tochter.“

„Ich komme gut alleine klar“, erwiderte er. „Und meine nicht existenten Kinder auch.“

„Bitte, denk doch noch mal darüber nach.“ Sie gab wirklich nicht schnell auf, das musste man ihr lassen. „Lass dir ein paar Tage Zeit. Es geht ja nicht nur um die Firma, sondern auch um deine Brüder. Ihr seid eine Familie, die vor langer Zeit zerbrochen ist. Du bist ein wichtiger Teil davon, und ohne dich könnt ihr nicht wieder zusammenfinden.“

Am liebsten hätte er sie einfach stehen lassen, aber ihr verzweifelter Ton machte ihn auch neugierig. Warum war es ihr so wichtig, ob er blieb oder ging? Schließlich war er ein Fremder für sie, und George hatte ihr sicherlich erzählt, wie wenig er von seinem mittleren Sohn hielt.

„Was soll ich denn deiner Meinung nach tun?“, fragte er.

„Es wäre schön, wenn du noch bleiben könntest“, erwiderte Helen ernst. „Es klingt vielleicht komisch, weil wir uns ja nicht kennen, aber ich habe ein gutes Gefühl bei dir. Ich hätte gerne deine Hilfe – oder sagen wir eher, ich brauche deine Hilfe –, um die Hanson Media Gruppe wieder stark zu machen.“

Das kam völlig überraschend. Beinahe hätte Evan gelacht, aber Helen sah nicht aus, als ob sie scherzte. „Wieso denn ich? Dir steht doch die ganze Familie zur Verfügung. Und sie haben alle mehr Erfahrung als ich.“

Helen blickte sich zur Tür des Besprechungszimmers um und machte einen Schritt auf Evan zu. „Aber ich bin nicht sicher, ob sie nach der Testamentseröffnung überhaupt noch für die Firma arbeiten wollen“, sagte sie leise. „George hat immer gern alle manipuliert, weißt du?“

Wem sagte sie das!

„Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass ich dir vertrauen kann“, fuhr Helen fort.

Dabei war Evan nicht einmal sicher, ob er Helen Hansons Vertrauen wollte. „Ich weiß ja nicht, wie du dir das vorstellst“, meinte er, „aber ich kann nicht versprechen, dass ich eine große Hilfe sein werde.“

Sie warf ihm einen prüfenden Blick zu, bevor sie antwortete: „Du und deine Brüder bedeuten mir etwas. Die ganze Familie bedeutet mir etwas. Glaubst du mir das?“

„Warum sollte ich daran zweifeln?“, fragte er achselzuckend. Schließlich besaß Helen die Aktienmehrheit und hatte das Sagen. Sie war auf keinen der anderen Hansons angewiesen. Wenn sie sich trotzdem mit ihnen befasste, dann aus freien Stücken.

„Gut“, erwiderte sie mit einem herzlichen Lächeln. „Dann musst du mir auch glauben, dass die Firma dich braucht.“

„Bis jetzt ist sie aber ganz gut ohne mich ausgekommen.“

„Nein, leider nicht. In den letzten Jahren ging es mit Hanson Media steil bergab.“

„Wie steil?“, fragte Evan stirnrunzelnd.

„So steil, dass der Internetskandal uns tief in die roten Zahlen getrieben hat.“

Evan wusste, was sie meinte. Jack hatte ihm mehrere E-Mails geschickt und ihn um Hilfe gebeten, nachdem ein Saboteur Hansons neuen Internetauftritt für Kinder mit einer Pornoseite verlinkt hatte. Viele frühere Anzeigenkunden waren danach abgesprungen und ließen sich nur mit Mühe wieder zurückgewinnen.

Allerdings hatte Evan nicht gedacht, dass es so schlecht um die Firma stand – und er fühlte sich auch nicht zuständig. Seine einzige Berufserfahrung beschränkte sich auf die kleine Strandbar auf Mallorca, die er vor zehn Jahren eröffnet hatte, und das war ihm nie wie Arbeit vorgekommen.

„Das tut mir leid“, sagte er, und er meinte es ehrlich. „Aber wenn du jemanden suchst, der die Firma rettet, bin ich der Falsche. Ich habe überhaupt keine Erfahrung im Medienbereich. Selbst wenn ich helfen wollte, ich wüsste gar nicht, wie.“

„Dein Vater hat mir erzählt, dass du kein Risiko scheust und ein aufrichtiger Mensch bist. Genau diese Kombination braucht Hanson Media jetzt am dringendsten.“

„Mein Vater hat das gesagt?“, fragte Evan entgeistert, bevor er ein ironisches Lächeln aufsetzte. „Wir sprechen aber schon vom selben George Hanson, oder?“

„Er hielt größere Stücke auf dich, als du denkst“, antwortete Helen. „Und er sprach ziemlich oft von dir. Dass du gegangen bist, als du noch sehr jung warst, und die ganze Zeit in Europa gelebt hast.“

„Das hat er dir erzählt?“ Noch immer konnte es Evan kaum fassen.

Sie nickte. „Er hat immer geglaubt, du würdest zurückkehren. Zuerst dachte er, du würdest auf Knien angekrochen kommen und ihn um Geld anbetteln, und als das nicht eintraf, war er sehr beeindruckt – auch wenn er das nie zugegeben hätte.“

Evan musste schlucken. Sosehr er seinen Vater auch hasste, er wollte glauben, was Helen da sagte. Es gab ihm das Gefühl, dass George Hanson ihn doch nicht völlig vergessen hatte. „Aber so beeindruckt, dass er sich mal gemeldet hätte, war er dann wohl doch nicht“, erwiderte er ein wenig heiser.

„Nein.“ Helens Blick war in die Ferne gerichtet. „Aber du weißt so gut wie ich, dass das nichts damit zu tun hat, wie er für dich empfand. Er war nur zu stolz dazu, sich zuerst zu melden. Was immer er tat oder nicht tat, er tat es nur für sich.“

So langsam begann Evan, Helen mit anderen Augen zu sehen. Die meisten Frauen in ihrer Lage hätten die Firma verkauft, das Geld eingestrichen und sich nicht weiter um die lästige Familie geschert. Sie dagegen tat alles, um sie wieder zusammenzubringen.

Nun lag es an ihm. Eigentlich hatte er nach Europa zurückfliegen und vergessen wollen, dass er ein Hanson war. Doch nun überlegte er, ob er Helens Bitte um ein paar Tage Aufschub nicht nachkommen sollte – auch wenn ihm das wahrscheinlich nicht guttat.

„Was willst du also von mir?“, fragte er noch einmal. „Was genau soll ich tun?“

Helen atmete tief durch und blickte ihm in die Augen. „Also gut, kommen wir zum Punkt“, sagte sie. „Die Firma steckt in Schwierigkeiten, aber sie ist noch nicht am Ende. Ich will sie retten, und ich habe meine Gründe dafür. Wenn du bleibst, wirst du deine eigenen Gründe dafür haben, schließlich handelt es sich um dein Erbe und um das deiner Kinder. Ich habe einen Plan, wie wir das Steuer herumreißen können. Und wenn es nicht klappt …“ Sie zuckte die Schultern. „Dann kann zumindest niemand sagen, wir hätten es nicht versucht.“

„Und wie passe ich, der keinerlei Erfahrungen im Medienbereich hat, in diesen Plan?“

„Oh, ganz hervorragend“, erwiderte Helen. „Du bist intelligent, hast ein soziales Gewissen und Lebenserfahrung. Und du bist ein Hanson.“

Evan schwieg, weil er noch immer nicht wusste, worauf sie hinauswollte.

„Deshalb schlage ich vor, dass du die Leitung unseres Radiosenders übernimmst.“

„Radio?“, lachte Evan. „Ich soll mich um das Programm kümmern, das der Sender von Hanson Media ausstrahlt?“

„Genau“, nickte Helen. „Ich glaube, du bist der perfekte Mann dafür.“

„Du weißt aber schon, dass ich von Radio keine Ahnung habe?“, fragte er. „Ich kann eins einschalten und einen Sender suchen, aber das ist schon alles.“ Wieder musste er lachen. „Ich wüsste nicht einmal, wo ich anfangen sollte.“

„So wie die Dinge liegen, halte ich das für einen Pluspunkt“, erwiderte Helen. „Jemand mit einer unvoreingenommenen Sicht kann uns viel mehr helfen als jemand, der glaubt zu wissen, wie der Hase läuft.“ Bittend sah sie ihn an. „Was meinst du? Willst du es nicht wenigstens versuchen? Nur für drei Monate oder so?“

Evan zögerte. Mallorca würde auch in drei Monaten noch da sein, genau wie die Fidschi-Inseln, sein zweites Wunschziel. Beim Verkauf der Strandbar hatte er einen ordentlichen Gewinn gemacht und das Geld gut angelegt. Sicherlich hätte es seinen Vater überrascht, dass sein nichtsnutziger Sohn ein Händchen fürs Geld hatte. Jedenfalls stand er finanziell gut genug da, um in Ruhe abwarten zu können, wie sich die Dinge in Chicago entwickelten.

Die Frage war nur, ob er es wollte. Hatte er wirklich Lust auf die emotionalen Fallstricke, die sich hier unweigerlich auftun würden? Davids Worte fielen ihm ein. „Denk dran“, hatte der gesagt, als er ihn bat, zur Testamentseröffnung zu kommen. „Du tust es nicht für George oder deine Brüder, sondern für dich selbst.“

Die drei Hanson-Brüder hatten sich noch nie sehr nahegestanden – Evan wusste auch gar nicht, ob er das wollte. Aber zumindest waren im Moment alle drei in der Stadt, und so wie es aussah, arbeiteten zwei davon gemeinsam auf ein Ziel hin. Dies war seine Chance, seinen Teil dazu beizutragen.

Natürlich konnte er dabei auch scheitern, aber er war bereit, sein Bestes zu geben. Wenn das nicht reichte, lag es zumindest nicht an ihm.

„Also gut“, sagte er schließlich zu Helen, obwohl sein Gefühl ihm immer noch riet, so schnell wie möglich abzureisen. „Ich bleibe.“

„Sie würden also im Bereich Werbung und PR unter meinem Schwager David Hanson arbeiten“, sagte Helen Hanson.

Meredith Waters rutschte ein wenig nervös auf dem Besucherstuhl herum, der vor Helens elegantem Designerschreibtisch stand. Sollte sie bei diesem Vorstellungsgespräch erwähnen, dass sie schon einmal mit der Familie Hanson zu tun gehabt hatte – wenn auch nicht geschäftlich? Würde man es ihr später vorwerfen können, wenn sie es verschwieg? Oder würde sie die Stelle gar nicht erst bekommen, wenn sie es jetzt zugab?

Es war schon seltsam genug, dass sie überhaupt hiersaß. Sie hätte nie gedacht, dass sie jemals einen Fuß in die Firma des verstorbenen George Hanson setzen würde. Nicht nach allem, was er ihrer Familie angetan hatte.

„Wie Sie sehen, ist die Bezahlung überdurchschnittlich, und wir bieten großzügige Sonderleistungen“, fuhr Helen fort und schob Meredith einen Schnellhefter über den Tisch. Ihre Hände waren zierlich und perfekt manikürt.

Meredith blätterte den Hefter durch, damit es wenigstens so aussah, als interessiere sie der Inhalt. Das Angebot war tatsächlich äußert lukrativ.

Natürlich hätte Meredith auf jeden Fall angenommen, selbst bei schlechtem Gehalt und Überstunden am Wochenende. Ihr Zögern war nur vorgetäuscht und gehörte zum Spiel.

Blieb nur zu hoffen, dass Helen sie nicht durchschaute.

„Ich würde gerne eine Nacht darüber schlafen“, log Meredith. „Kann ich Sie morgen oder übermorgen wieder anrufen?“

Helen hob die Augenbrauen. „Ich würde die Stelle wirklich gerne so bald wie möglich besetzen. Wie Sie wissen, bin ich selbst erst seit Kurzem in der Firma.“ Sie deutete auf die Umzugskisten, die sich in einer Ecke des Büros stapelten. „Außerdem schlagen wir uns immer noch mit den Folgen des Internetskandals herum, sodass es eine Menge zu tun gibt. Wenn Sie nicht sicher sind, ob Sie bei uns anfangen möchten, ist das natürlich kein Problem, aber ich müsste dann weitere Kandidaten zu einem Gespräch einladen.“

Auch Helen beherrschte dieses Spiel meisterhaft.

Meredith legte den Kopf schräg. „Tja, wenn Sie es so sagen …“

„Heißt das, Sie nehmen an?“

„Ja.“ Lächelnd streckte Meredith Helen die Hand hin. „Ich freue mich darauf, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, Mrs. Hanson.“

„Nennen Sie mich Helen“, erwiderte die und schüttelte ihr ganz offensichtlich erfreut die Hand. „Ich bin so froh, dass Sie jetzt zum Team gehören, Meredith. Wie gesagt werden Sie in der PR-Abteilung unter meinem Schwager David arbeiten, aber ich habe eine spezielle Aufgabe für Sie. Die Radioabteilung hat einen neuen Programmdirektor, und Sie werden zunächst hauptsächlich mit ihm zusammenarbeiten. Es ist Evan Hanson, der Sohn meines verstorbenen Mannes.“

Meredith schluckte. Das kam nun völlig unerwartet.

„Entschuldigung, sagten Sie Evan Hanson?“, fragte sie.

Etwas abwesend nahm Helen einen silbernen Kugelschreiber aus der Schublade. „Ja, mein Stiefsohn Evan.“

„Verzeihen Sie, wenn ich das anspreche, ich weiß nur, was in den Zeitungen stand … aber ich dachte, Evan Hanson sei vor langer Zeit nach Europa ausgewandert.“ Vor zwölf Jahren, um genau zu sein.

Helen notierte sich etwas auf einem Block und wandte sich wieder Meredith zu. „Ja, das stimmt. Aber nun ist er zurückgekehrt, und er wird mit uns zusammenarbeiten, um Hanson Media wieder zu einer erfolgreichen Firma zu machen.“ Sie hob eine Augenbraue.

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