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Küss mich gleich noch mal!

1. KAPITEL

„Ich danke Ihnen für Ihre Zeit, Hoheit.“

Die Reporterin machte mehr oder weniger einen Hofknicks. Etwas, das Karim zutiefst verabscheute. Aber er blieb höflich.

„Keine Ursache. Es war nett, Sie kennenzulernen.“ Sein Lächeln war ebenso gekünstelt wie das der Journalistin, die nach diesem Abend zweifelsohne mit ein paar großartigen Zitaten in ihrem Bericht aufwarten konnte.

Es war die Art Party, auf die die Regenbogenpresse sich stürzte – Finanzgrößen, Politiker, Schauspieler, einige Popstars und andere bekannte Persönlichkeiten.

Karim wusste schon jetzt, worauf das Hauptaugenmerk bei ihm liegen würde. Dass nämlich Seine Königliche Hoheit Prinz Karim al-Hassan die ganze letzte Woche ausgiebig gefeiert hatte, auf jedem Empfang zu sehen gewesen war und sich ausgedehnte Lunchzeiten gegönnt hatte, die noch vor dem Mittag anfingen und selten vor drei Uhr nachmittags endeten.

Vor fünf Jahren hätten sie damit noch recht gehabt. Da hatte er mit den angesagtesten Größen des Showbusiness’ gefeiert, hatte keine Gelegenheit ungenutzt gelassen, um sich zu amüsieren. Doch mittlerweile war das vorbei, wenn es ihm auch durchaus gefiel, dass die Leute ihn weiterhin für einen harmlosen und charmanten Partylöwen hielten.

Was die Zeitungen nämlich nicht erwähnten, war die Tatsache, dass sein Glas immer nur Mineralwasser enthielt, dass er ein fehlloses und fotografisches Gedächtnis hatte und sich daher bei geschäftlichen Treffen keine Notizen zu machen brauchte und dass er nach jedem Lunchtreffen oder jeder Party, die er verließ, komplizierte Auflistungen und Berichte erstellte.

Seit sein Vater ihn mit der Aufgabe betraut hatte, den Tourismus in Harrat Salma voranzutreiben und Investoren zu finden, war er eher Geschäftsmann als Playboy. Karim hatte sich in den letzten Jahren die entsprechenden Informationen eingeholt, sich mit den richtigen Leuten getroffen, die notwendigen Kontakte hergestellt, seine Geschäftspläne ausgearbeitet. Jetzt musste er nur noch das Beste daraus machen. Er hatte sich mit vielen Leuten getroffen, die mit ihren Investitionen Arbeitsplätze schaffen, die Infrastruktur verbessern und die Nutzung neuer Energiequellen ermöglichen würden. Alles zum Wohle von Harrat Salma.

Selbst jetzt, während er ungezwungen mit einer Gruppe von Leuten plauderte, beschäftigte er sich in Gedanken schon mit dem nächsten Geschäftsplan.

Bis auf einmal ein seltsames Gefühl ihn veranlasste, sich umzudrehen.

Die Frau am anderen Ende des Raumes zog sofort seine Aufmerksamkeit auf sich, obwohl sie es ganz offensichtlich eher darauf anlegte, unbemerkt zu bleiben. Das braune Haar trug sie zu einem Knoten gebunden im Nacken, das schwarze Kleid war elegant, aber sehr schlicht. Sie trug flache schwarze Schuhe statt hochhackiger Sandaletten, zudem keinen Schmuck, nicht einmal eine Armbanduhr. Und kein Make-up.

Sie war das genaue Gegenteil der Frauen, für die er sich normalerweise interessierte, und da sie es offensichtlich vorzog, ignoriert zu werden, hätte er sie eigentlich nicht einmal bemerken sollen. Und doch war sie in ihrer schlichten Eleganz unbeschreiblich schön. Etwas an ihr zog ihn an. So als gäbe es eine Verbindung zwischen ihnen.

Karim wusste nicht, wer sie war, und hatte sie auch noch nie zuvor gesehen – daran würde er sich erinnern. Und auch, wenn er eigentlich hier war, um Kontakte aufzubauen, so würde er sich fünf Minuten Zeit nehmen, um herauszufinden, warum und mit wem sie hier war, und sie zum Dinner einladen.

Jetzt sprach sie gerade mit Felicity Browne, der Gastgeberin. Karim entschuldigte sich und schlenderte durch den Saal, direkt auf die beiden Frauen zu. Kurz bevor er sie erreicht hatte, hatten sie bereits ihr Gespräch beendet, und die schöne Fremde drehte sich um und ging Richtung Ausgang. Er beschleunigte seine Schritte, ging ihr nach und stellte sich ihr in den Weg.

„Hallo.“

„Hallo“, erwiderte sie höflich.

Sie hatte einen Londoner Akzent und ernst blickende graublaue Augen.

Ernst und ruhig. Definitiv nicht der Typ Frau, mit dem er sonst ausging.

„Sie haben nichts zu trinken“, stellte er fest und winkte einen der Kellner heran, die mit vollen Getränketabletts herumgingen.

„Weil ich eigentlich gar nicht hier bin.“

Sie versuchte ganz offensichtlich, kühl und gefasst zu wirken, doch Karim hatte gelernt, auf die kleinen Dinge zu achten. Er konnte erkennen, dass da ein unmerklicher Hauch von Röte auf ihre Wangen gezogen war. Und da sie vorhin mit Felicity gesprochen hatte, nahm er an, dass sie zum Hauspersonal gehörte.

Es war also nur verständlich, dass sie sich sorgte, Probleme zu bekommen, wenn sie nun mit einem Glas Champagner in der Hand erwischt wurde.

„Lassen Sie uns ein Plätzchen finden, wo es etwas ruhiger ist“, schlug er vor. „Ich besorge Ihnen einen Drink.“

„Danke, aber ich trinke nicht.“

„Dann ein Mineralwasser.“ Geschickt nahm er zwei Gläser vom Tablett des Kellners und reichte ihr eines davon. Dann ließ er den Blick über die Menge schweifen. Gut, die Reporterin war bereits gegangen, er konnte sich entspannen.

Karim zog die freie Hand der fremden Frau unter seinen Arm und ging auf die großen Flügeltüren zu, die auf die Terrasse führten.

Himmel hilf, dachte Lily.

Sie hatte sich nur ganz kurz bei Felicity vergewissern wollen, dass alles zu deren Zufriedenheit ablief, um dann wieder in der Küche zu verschwinden. Ganz sicher hatte sie nicht vorgehabt, sich auf dieser Party derart überrumpeln zu lassen, auch wenn dieser Mann der attraktivste war, den sie je gesehen hatte.

Dabei war er nicht anders gekleidet als die anderen männlichen Gäste, nur ein wenig edler. Weißes maßgeschneidertes Dinnerjackett, schwarze Fliege, auf Hochglanz polierte handgefertigte Schuhe. Er schien einer der ganz Reichen zu sein.

Was nicht anders zu erwarten war. Felicity Browne legte sehr viel Wert auf ihre eigene Erscheinung und kleidete sich ausschließlich in Designerroben, ihre Gäste würden nicht anders sein.

Einige der Gäste kannte Lily, sie hatte bereits für sie gekocht, aber diesen Mann hatte sie noch nie gesehen. Daran würde sie sich erinnern. Sein schwarzes Haar war ein klein wenig zu lang, sodass der Pony ihm immer wieder lässig in die Augen fiel, und an seinem Akzent erkannte man den Besuch der Eliteschulen. Aber seine olivfarbene Haut und seine bernsteinfarbenen Augen waren zu exotisch, um britisch zu sein.

„Ich sollte wirklich nicht …“, setzte sie an, als er die Terrassentüren hinter ihnen schloss.

„Seien Sie unbesorgt. Falls Felicity sich beschwert, werde ich ihr erklären, dass ich Sie entführt habe und Sie keine Schuld trifft.“

„Aber …“

„Scht.“ Sanft legte er den Zeigefinger auf ihre Lippen, um sie zum Schweigen zu bringen.

Eine flüchtige Berührung nur, doch Lily konnte sich nicht mehr bewegen und wollte es auch gar nicht. Irgendetwas an ihm zog sie unwiderstehlich an. Und so, wie er sie ansah, schien es ihm ähnlich zu ergehen.

Ein Funke würde reichen, um das Feuer zwischen ihnen auflodern zu lassen.

Sie sollte besser gehen. Denn wenn sie jetzt auf ihr Herz statt auf ihren Kopf hörte, wäre die Katastrophe garantiert. Sie konnte sich den Klatsch nicht leisten, der unweigerlich folgen würde. Klatsch, der ihr Geschäft ruinieren würde, das sie mit solch großer Mühe aufgebaut hatte.

Aber … selbst wenn ihr Leben davon abhinge, sie konnte jetzt nicht gehen.

„Wie heißen Sie?“, fragte er leise.

„Lily.“

„Karim“, stellte er sich vor.

Exotisch. Faszinierend. Zu gern wollte sie mehr über ihn erfahren.

„Eine Frage vorab“, fuhr er samten fort. „Sind Sie verheiratet? Oder fest liiert?“

Wenn sie jetzt mit Ja antwortete, würde er sie sofort gehen lassen, das spürte sie. Dann könnte sie in die Küche zurück. Ernsthaft überlegte sie, ihn anzulügen, obwohl ihr Unehrlichkeit zuwider war. Aber in diesem Falle wäre eine kleine Notlüge die vernünftigste Vorgehensweise.

Doch ihr Körper hörte nicht auf ihren Verstand. Fast unmerklich schüttelte sie den Kopf und sah sofort die Erleichterung auf seiner Miene – gefolgt von einem Verlangen, das unwillkürlich einen Schauer durch ihren Körper sandte.

Jetzt stellte er sein Glas ab, nahm Lily ihr eigenes Glas aus der Hand und stellte es daneben, dann küsste er jede einzelne ihrer Fingerspitzen, ohne die Augen von ihrem Gesicht zu nehmen. Sie konnte es nicht aufhalten, ihre Lippen öffneten sich leicht …

Karim erkannte die Einladung, beugte den Kopf und strich zart mit dem Mund über ihren. Eine flüchtige, leichte Berührung nur, ein erotisches Flüstern …

Doch es reichte nicht.

Sie wollte mehr.

Sehr viel mehr.

Lily schlang die Arme um seinen Nacken, zog seinen Kopf näher zu sich heran und dachte unablässig, dass es absolut verrückt war. So etwas tat sie einfach nicht!

Und doch sie stand hier und küsste einen völlig Fremden, von dem sie nicht mehr wusste als den Vornamen. Und dass er den sinnlichsten Mund überhaupt hatte.

Als er den Kuss nun noch vertiefte, setzte ihr Denken gänzlich aus. Ihre Finger verfingen sich in seinem dichten Haar, sie roch sein Aftershave … eine exotische Mischung aus Bergamotte, Zitrus und Sandelholz. Berauschend.

Eine Hand an ihrem Rücken, die andere auf ihrem Po, presste er sie fest an sich. So eng, dass sie seinen Herzschlag fühlen konnte, hart und kräftig, ein Rhythmus, der ihrem eigenen Pulsschlag ähnelte.

Wenn Leute davon sprachen, beim Küssen die Sterne zu sehen, dann hatte Lily es immer als übertrieben abgetan. Jetzt jedoch wusste sie genau, was es hieß. So etwas hatte sie noch nie erlebt, als würde ein strahlendes Feuerwerk in ihrem Kopf explodieren.

Als sie sich schließlich langsam voneinander lösten, bebte sie noch immer vor Verlangen, jeder Nerv in ihr vibrierte. Und das Beben wurde noch stärker, als er nun mit den Lippen ihren Hals entlangwanderte. Lily schmiegte sich dichter an ihn und spürte nun unverkennbar den Beweis seiner Erregung. Seine Hand glitt an ihrer Hüfte nach oben, und seine langen schlanken Finger umfassten ihre Brust. Als er mit dem Daumen die empfindsame Knospe unter ihrem Kleid reizte, wollten ihre Knie nachgeben. All ihre Sinne waren nur noch auf ihn ausgerichtet – seinen Duft, den Geschmack seiner Lippen, die Wärme, die er ausstrahlte. In diesem Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher, als seine Haut auf ihrer zu spüren. Männlich und warm und unbeschreiblich sexy.

Und dann erstarrte er plötzlich. Lily öffnete die Augen, zog sich ein wenig zurück und sah ihn fragend an. Doch dann hörte sie es auch.

Das Klirren von Gläsern, Leute, die sich unterhielten …

Sie waren nicht mehr allein auf der Terrasse. Lilly war so völlig versunken in den Kuss gewesen, dass sie es gar nicht bemerkt hatte. Mit Sicherheit sah sie ebenso erhitzt aus wie er, mit wirrem Haar und leicht geschwollenen Lippen. Jeder würde sofort erkennen, was sie hier getan hatten.

Zum Glück standen sie nicht im direkten Sichtfeld. Irgendwie hatte er es während des Kusses geschafft, sie hinter eine große Palme zu manövrieren.

Fahrig zog Lily sich das Kleid glatt und richtete ihr Haar neu. Auch wenn sie sich hundertprozentig auf ihr Personal verlassen konnte … sie war hier, um zu arbeiten, um darauf zu achten, dass alles perfekt ablief. Stattdessen ließ sie sich von einem Fremden auf die Terrasse entführen und derart leidenschaftlich küssen, dass ihr Hören und Sehen verging. Sie hatte sich von der Leidenschaft verleiten lassen, anstatt auf ihre Vernunft zu hören, und damit gegen sämtliche Prinzipien verstoßen, die sie sich je gesetzt hatte.

Hatte sie denn nichts aus dem erbärmlichen Ende ihrer Ehe gelernt?

„Ich muss jetzt wirklich gehen“, flüsterte sie, damit die anderen auf der Terrasse sie nicht hören konnten.

„Noch nicht“, murmelte Karim ebenso leise und fuhr ihr mit dem Daumen über die Unterlippe. „Oder es wird für uns beide peinlich.“

„Aber wir haben doch gar nicht …“ Lily brach ab, als ihr bewusst wurde, welche Bilder ihrer stürmischen Leidenschaft ihr in den Kopf schossen, wären sie nicht unterbrochen worden. Bilder, wie er den Saum ihres Kleides anhob. Wie sie seine Fliege löste und sein Hemd öffnete. Wie er sie mit dem Rücken gegen die Wand drückte, ihre Beine um seine Hüften schlang und …

„Nicht“, warnte er rau. Sie konnte sehen, wie seine Pupillen sich verengten, und wusste, dass er an das Gleiche gedacht hatte.

Lily schluckte schwer. Was war los mit ihr? Noch nie, absolut niemals hatte sie sich von purer Lust mitreißen lassen. Seit vier Jahren war sie Single – und glücklich und zufrieden mit dieser Situation. Sie hatte nicht vor, sich wieder auf eine Beziehung einzulassen. Doch dieser Mann hatte eine Reaktion in ihr hervorgerufen wie kein anderer vor ihm.

Was absolut unfassbar war, da er ein vollkommen Fremder war.

So etwas durfte nicht passieren.

Sie konnte nur hoffen, dass die anderen bald in den Salon zurückkehrten. Je länger sie sich weiter hinter der Topfpalme versteckten, desto peinlicher würde es werden, wenn sie wieder hervorkamen.

Karim musste etwas Ähnliches gedacht haben, denn leise sagte er: „Diese Tür da ist der einzige Weg zurück ins Haus. Es sei denn, du bist Turnerin und kannst an der Regenrinne entlang nach unten hangeln.“

„Nein, leider nicht. Ich habe auch kein Training bei James Bond absolviert, sonst würde ich irgendwo ein Kabel herzaubern, an dem wir uns auf die untere Etage abseilen und dann über die Hintertreppe entkommen könnten.“

„Großartige Idee.“ Er tippte auf seine Armbanduhr. „Nein, geht auch nicht. Es ist nur eine einfache Armbanduhr.“

Sein amüsiertes Grinsen war das Erotischste, was Lily je gesehen hatte. Fast hätte sie ihn wieder an sich gezogen. Aber nur fast.

„Sieht aus, als bliebe uns nichts anderes, als abzuwarten“, sagte sie leise.

Das Warten wurde immer anstrengender. Lily wagte es nicht, ihm in die Augen zu schauen, da er sonst sofort sehen könnte, wie sehr sie ihn erneut küssen wollte.

Endlich entfernten sich die Stimmen, und das leise Klicken des Türschlosses drang zu ihnen.

Sie waren wieder allein. Das beklemmende Gefühl hätte sich jetzt legen müssen. Stattdessen erhöhte es sich noch.

„Nur, um das klarzustellen“, hob Lily an. „So etwas tue ich normalerweise nicht.“

Karim lächelte schief. „Eigentlich hatte ich mich nur vorstellen und dich zum Dinner einladen wollen.“

Das „Aber“ hing deutlich hörbar in der Luft.

Es war eine augenblickliche beiderseitige Anziehungskraft gewesen, gegen die sie beide keine Chance gehabt hatten.

Aber was war, wenn in der Zwischenzeit Probleme aufgetaucht waren? Was, wenn jemand nach ihr gesucht hatte? Sie nicht gefunden hatte, in Panik ausgebrochen war …?

Lily konnte sich solche Eskapaden einfach nicht leisten!

„Ich muss jetzt wirklich gehen“, betonte sie erneut.

Er nahm einen Stift und schrieb eine Telefonnummer auf seine Visitenkarte. „Ruf mich an.“ Er reichte ihr die Karte.

Es war keine Bitte, sondern eine Anordnung. Karim war mit Sicherheit ein Mann, der es gewohnt war, dass die Leute taten, was er ihnen sagte. Aber diese Verbindung zwischen ihnen, und die Art, wie er sie geküsst hatte … so etwas war nicht alltäglich.

Lily hatte das Gefühl, dass es ihn ebenso erschüttert hatte wie sie. Und obwohl die Vernunft ihr sagte, dass es nur eine schlechte Idee sein konnte, weil Beziehungen meist Probleme mit sich brachten, schien ihr Herz andere Vorstellungen zu haben. „Ich rufe dich an“, hörte sie sich sagen.

Sanft umfasste er ihr Kinn. „Geh jetzt. Ich warte noch ein paar Minuten. Falls Felicity sich bei dir beschwert, schicke mir eine SMS. Dann werde ich mit ihr reden.“

Und sie mit deinem Charme beschwichtigen, dachte Lily. Nicht, dass sie sich aus der Verantwortung stehlen würde. Wenn es Schwierigkeiten geben sollte, würde sie sich selbst darum kümmern. Doch sie wusste, er meinte es nur gut, also lächelte sie höflich. „Danke.“

Als könne er nicht anders, strich er noch einmal mit den Lippen über ihre. „Später.“

Und sein Versprechen jagte eine weitere Welle des Verlangens durch sie hindurch.

2. KAPITEL

„Lily! Gott sei Dank!“, stieß Beatrice, ihre Chefkellnerin, erleichtert aus.

„Was …? Oh.“ Im gleichen Moment sah Lily auch schon, dass Hannah, ihre Assistentin, in der Hocke saß und eine matschige Masse aufwischte. Die Pawlowas, mit kleinen Sahnehäubchen und frischen Erdbeeren vor einer knappen Viertelstunde fingerfertig zurechtgemacht, lagen in einem unappetitlichen Haufen auf dem Küchenboden.

Das hieß, ihnen fehlte jetzt eine Dessertplatte.

Lily hatte glücklicherweise vorgesorgt und einige Baisers zuviel vorbereitet. „Hannah, kannst du mir schnell frische Sahne schlagen? Und Bea, spüle bitte die Platte gründlich ab.“ Erdbeeren waren nicht mehr genügend da, aber wenn sie Kiwis und ein wenig Zitronenaufstrich nahm …

„Es tut mir so leid, Lily …“ Hannah standen Tränen in den Augen. „Ich habe nicht aufgepasst, bin gestolpert und dann …“

„He, deswegen brauchst du nicht gleich in Tränen auszubrechen“, fiel Lilly ihr lächelnd ins Wort. „Das passiert eben manchmal.“

„Aber …“

„Ist schon in Ordnung, ehrlich.“ Lily wusste genau, weshalb Hannah so zerstreut war. Ihre Ehe näherte sich dem offiziellen Ende, und der Stress, die Schlammschlacht von deren vierjähriger Tochter fernzuhalten und gleichzeitig so normal wie möglich mit ihrem Leben weiterzumachen, schwappte nun in ihre Arbeit über. Lily hatte nicht vor, Hannah deswegen Vorwürfe zu machen. Als die Dinge mit Jeff damals so schrecklich schiefgelaufen waren, war Hannah auch für sie dagewesen, obwohl sie gerade ihre Tochter zur Welt gebracht hatte.

Jeff …

Eine Mahnung, warum sie die auf der Rückseite der Visitenkarte notierte Telefonnummer nicht anrufen sollte. Beziehungen brachten nichts als Ärger ein. Sie lenkten von Zielen ab und machten das Leben nur unnötig kompliziert. Vor allem, wenn man sich offensichtlich nicht auf sein Urteilsvermögen verlassen konnte und so schrecklich naiv war, dass man sich ausnutzen ließ. So wie Jeff es bei ihr gemacht hatte. Erst hatte er ihr Selbstbewusstsein und ihren Stolz vernichtet und dann ihr Bankkonto abgeräumt. Sicher, nicht alle Männer waren untreue, elende Mistkerle, aber Jeff hatte sie derart verletzt, dass ihr Misstrauen gegenüber Männern und Beziehungen extrem tief saß.

Energisch verdrängte Lily sowohl Jeff als auch den umwerfenden Fremden aus ihren Gedanken und konzentrierte sich darauf, eine neue Platte mit Pawlowas zu füllen. Dann schickte sie Hannah und Beatrice mit den kunstvoll arrangierten Platten hinaus.

Nur einige wenige Häppchen waren übrig, als sie wieder zurückkamen. Gut, Lily hatte also die richtige Menge eingeplant. Genug, dass Felicitys Gäste zufrieden waren, und nicht zu viel, um unnütz Essen zu verschwenden. Die Jahre, die es sie gekostet hatte, das Minus auf ihrem Konto auszugleichen, das Jeff hatte auflaufen lassen – um seine Geliebte auszuhalten –, hatten sie gelehrt, sparsam zu wirtschaften.

Zufrieden machte sie sich ans Aufräumen. Sie war fast fertig, als Felicity zu ihr in die Küche kam.

„Lily, Darling, das war traumhaft!“

„Danke.“ Lily hatte mit der Zeit auch gelernt, Komplimente freundlich anzunehmen, anstatt vehement zu bekräftigen, dass sie nur guter Durchschnitt sei. Falsche Bescheidenheit tat dem Geschäft nicht gut, die Kunden sollten sich sicher in dem Wissen fühlen, dass sie sich mit der Wahl für Amazing Tastes für das Beste entschieden hatten.

„Diese kleinen Pawlowas …“, fuhr Felicity hingerissen fort.

Lily lächelte. Sie wusste genau, was Felicity damit beabsichtigte. „Ich schicke Ihnen das Rezept. Wenn Ihnen der Blätterteig zu viel Arbeit ist, können Sie die Füllung auch ohne Teig in kleinen Schüsselchen servieren, zum Löffeln. Als Dekoration passen Schokobohnen obenauf und vielleicht ein oder zwei frische Minzblätter.“

Felicity lachte. „Genau deshalb bitte ich Sie jedes Mal, meine Partys auszurichten. Sie sind so geschickt mit den kleinen Extras.“

Lily blieb gerade lange genug für die kleine Plauderei, die von ihr erwartet wurde, sah anschließend zu, dass Felicitys Küche makellos sauber war, und setzte dann Hannah auf dem Nachhauseweg bei deren Wohnung ab. Während sie den Transporter auslud, wanderten ihre Gedanken zu Karim zurück. Und obwohl sie ihn ganz bestimmt nicht anrufen würde, zu dieser späten Stunde schon gar nicht, kramte sie in ihrer Handtasche nach seiner Visitenkarte.

Komischerweise war die Karte nicht in der kleinen Seitentasche, wohin sie normalerweise neue Visitenkarten steckte. Sie hatte sich angewöhnt, alles ordentlich zu sortieren. Das machte es einfacher.

Lily suchte ihre gesamte Handtasche ab, ohne die Karte zu finden, dabei war sie sich sicher, dass sie sie in die Tasche gesteckt hatte …

Für einen Moment hielt sie inne und dachte nach. Als sie in die Küche zurückgekehrt war, hatte sie sich als Erstes um die kleine Krise kümmern müssen. Wahrscheinlich hatte sie die Karte auf die Anrichte gelegt, um Hannah und Beatrice zunächst zu beruhigen und sich um die nächste Dessertplatte zu kümmern …

Das hieß, die Karte war beim Aufräumen mit im Abfall gelandet.

Mist, Mist, Mist!

Sie konnte ja schlecht Felicity anrufen und sie bitten, den Abfall zu durchwühlen. Oder auf der Gästeliste nach einem gewissen Karim zu suchen und ihr seine Telefonnummer zu verraten. Das wäre extrem unprofessionell. Und Lily war niemals, aber wirklich niemals, unprofessionell.

Nun, vielleicht manchmal, schränkte sie ein. Wie vorhin auf der Terrasse, als sie einen großen, dunkelhaarigen Fremden geküsst hatte. Und wer konnte wissen, was noch alles passiert wäre, hätte man sie nicht unterbrochen?

Aber offensichtlich war das nur ein einmaliger Ausrutscher gewesen. Wahrscheinlich auch besser so. Karim mit seinen bernsteinfarbenen Augen hatte sie dazu gebracht, ihre eigenen Regeln zu brechen. Dass sie seine Karte verloren hatte, war ein Gefallen, den ihr das Schicksal getan hatte – es hatte sie vor sich selbst gerettet.

Karim arbeitete an einer Kalkulation, als das Telefon klingelte. Abwesend nahm er den Hörer ab und meldete sich.

„Hoheit, hier spricht Felicity Browne. Ich wollte mich bei Ihnen noch einmal für die wunderbaren Rosen bedanken.“

„Es war mir ein Vergnügen.“ Er hatte Rafiq, seinen Assistenten, mit dem Strauß und einer Dankeskarte hingeschickt. „Und nennen Sie mich doch bitte Karim.“ In England war es ihm lieber, wenn die Leute seinen Titel nicht nutzten. Man gab sich ihm gegenüber dann wesentlich entspannter.

„Karim“, wiederholte sie ehrfürchtig. „Wer schickt heutzutage schon noch Blumensträuße mit einer Dankeskarte? Das ist so eine nette Geste.“

Karim lächelte amüsiert. „Freut mich, dass sie Ihnen gefallen. Ich hätte Sie später sowieso noch angerufen.“ Heute Morgen hatte sich bei der Organisation seiner Präsentation ein Problem ergeben, und er hoffte, dass Felicity ihm bei der Lösung helfen konnte. „Das Essen gestern war hervorragend.“

„Vielen Dank, aber mir kommt eigentlich nur das Lob zu, dass ich das Menü ausgewählt habe. Und selbst dabei habe ich mich beraten lassen“, gestand sie mit einem kleinen Lachen.

„Von Ihrem Personal?“

„Leider nein. Es ist eine Catering-Firma, Amazing Tastes. Ich hatte Elizabeth Finch, die Eigentümerin, schon mehrere Male gebeten, fest für mich zu arbeiten, habe ihr geradezu horrende Gehaltsangebote gemacht, aber sie lässt sich von niemandem erweichen. Ich kann von Glück sagen, dass sie dieses Mal noch Platz für mich in ihrem Terminkalender gefunden hat. Sie ist immer auf Monate ausgebucht.“

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