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Küss mich, Playboy!

Sandra Marton

Küss mich, Playboy!

1. KAPITEL

Raffaele Orsini hielt sich für einen Mann, der immer die Kontrolle behielt, und er war stolz darauf. Zweifelsohne war seine Fähigkeit, Gefühl und Verstand grundsätzlich getrennt zu halten, der Grund, warum er im Leben so weit gekommen war.

Rafe konnte die Bilanzen einer relativ kleinen Bank oder eines uninteressanten Betriebs studieren, und was er sah, waren nicht nur blanke Zahlen, sondern das Potenzial für die Zukunft – unter seiner fähigen Ägide und der seiner Brüder. Vor knapp fünf Jahren hatten sie „Orsini Investments“ gegründet und sich inzwischen einen Platz in den höchsten Ebenen der internationalen Finanzwelt gesichert.

In der Damenwelt waren sie schon immer erfolgreich gewesen.

Alle Brüder hatten das gute Aussehen ihrer Mutter geerbt, vom Vater den messerscharfen Intellekt. Die Eltern waren vor über vierzig Jahren von Sizilien in die Vereinigten Staaten gekommen. Anders als ihr Vater hatten die Brüder ihre Energien ausschließlich auf hundertprozentig legale Unternehmungen gerichtet. Dennoch war allen vieren eine manchmal geradezu gefährliche Risikobereitschaft zu eigen, die sowohl im Schlaf- als auch im Vorstandszimmer von Vorteil war.

Was sich heute wieder einmal bewiesen hatte, als Raffaele den Saudi-Prinzen beim Kauf der altehrwürdigen französischen Bank, die die Orsini-Brüder schon lange im Auge gehabt hatten, ausbooten konnte. Er, Dante, Falco und Nicolo hatten vor zwei Stunden auf den erfolgreichen Abschluss des Deals mit einem Drink angestoßen.

Ein perfekter Tag, mit den besten Aussichten auf einen perfekten Abend …

Hatte er geglaubt.

Rafe trat aus dem Apartmenthaus seiner Freundin – seiner Exfreundin! – auf die Straße und atmete tief die frische Herbstluft ein. Das Angebot des Portiers, ihm ein Taxi zu rufen, schlug er aus. Er musste sich unbedingt beruhigen. Vom Sutton Place bis zu seiner Wohnung auf der Fifth Avenue zu laufen, würde ihm nur guttun.

Was war das mit den Frauen? Wieso behaupteten sie am Anfang einer Affäre immer Dinge, die sie keineswegs so meinten?

„Mich interessiert nur meine Karriere“, hatte Ingrid mit diesem sexy deutschen Akzent geschnurrt, als sie zum ersten Mal zusammen im Bett gelegen hatten. „Solltest du also daran denken, dich fest zu binden, Rafe, hast du dir die falsche Frau ausgesucht.“

Die falsche Frau? Im Gegenteil! Er hatte keineswegs vor, sich zu binden. Ingrid war perfekt. Umwerfend, sexy, unabhängig …

Ja, klar.

Sein Handy klingelte. Rafe zog es hervor und schaute auf das Display. Dante. Er wollte jetzt wirklich nicht mit seinem Bruder reden. Die Szene dort oben in dem Apartment war noch zu frisch.

Ingrid, wie sie die Wohnungstür in einer Schürze öffnete, nicht in einem sexy-eleganten Kleid für die Dinnerverabredung. Eines von diesen Rüschendingern, die selbst seine Mutter nicht anfassen würde. Ingrid, die nicht nach Chanel roch, sondern nach Brathähnchen.

„Überraschung!“, hatte sie geträllert. „Ich koche heute Abend Dinner für uns.“

Hatte sie nicht behauptet, sie besäße keine hausfraulichen Qualitäten? Hatte sie sich nicht sogar lustig darüber gemacht?

Heute allerdings war sie mit den Fingerspitzen über seine Brust gewandert und hatte ihm zugeflötet: „Ich wette, du hast nicht gewusst, dass ich kochen kann, oder, Liebling?“

Bis auf das „Liebling“ hatte er diesen Satz schon öfter gehört. Und jedes Mal war ihm das Blut in den Adern zu Eis gefroren.

Was folgte, war vorauszusehen gewesen, vor allem ihre schrille Forderung, dass es Zeit wurde, ihre Beziehung auf die nächste Ebene zu führen. Und ihm war dann herausgerutscht: „Welche Beziehung?“

Noch immer hörte er das Klirren dessen, was auch immer sie ihm nachgeworfen hatte, als er ihre Wohnungstür hinter sich zuzog.

Wieder klingelte sein Mobiltelefon, unablässig, aufdringlich … bis er es schließlich fluchend aus der Jackentasche zog und in die Muschel bellte: „Was ist?“

„Dir auch einen wunderschönen Abend, Bruderherz.“

Er runzelte so böse die Stirn, dass die Frau, die ihm entgegenkam, erschrocken einen großen Bogen um ihn machte. „Mir steht im Moment nicht der Sinn nach dummen Spielchen, Dante.“

„Ist schon klar“, klang es belustigt vom anderen Ende. Dann räusperte Dante sich. „Probleme mit der Walküre?“

„Nein, wieso?“

„Umso besser. Ich würde nur ungern den Nachrichtenüberbringer spielen, wenn du und sie gerade …“

„Welche Nachricht?“

Dante seufzte schwer ins Telefon. „Befehl von oben. Morgen früh, acht Uhr. Unser alter Herr will uns sehen.“

„Du hast ihm hoffentlich gesagt, was er mit seinem Befehl machen kann.“

„Hey, ich bin nur der Bote. Außerdem hat mamma angerufen, nicht er.“

„Tut er wieder so, als läge er auf dem Sterbebett? Hast du mamma gesagt, dass er nicht sterben kann? Dafür ist er zu niederträchtig. Außerdem ist der Mann erst fünfundsechzig, nicht fünfundneunzig. Er hat noch Jahre vor sich.“

„Nein“, antwortete Dante nüchtern auf die Frage. „Würdest du ihr das sagen?“

Jetzt seufzte Raffaele. Die vier Brüder beteten ihre Mutter an, ihre Schwestern auch. Selbst wenn die dem alten Herrn scheinbar alles verziehen. Die Söhne hatten Cesare Orsini jedoch nichts vergeben. Ihnen war schon lange klar, was der Vater war. „Na schön, um acht. Ich treffe euch dann dort.“

„Nur du und ich, Rafe. Nick ist nach London unterwegs, hast du das vergessen? Und Falco fliegt morgen nach Athen.“

„Na großartig.“

Am anderen Ende blieb es eine Weile still. Dann: „Also ist es aus zwischen dir und der Walküre?“

Rafe dachte über mögliche Antworten nach. Die Spanne reichte von „Nein“ bis „Wie kommst du darauf?“. Schließlich zuckte er nur mit einer Schulter. „Sie meint, es wäre an der Zeit, unsere Beziehung neu zu definieren.“

Sein Bruder gab einen Kommentar ab, der Rafes finstere Laune verpuffen ließ. „Ich habe das perfekte Heilmittel für Neudefinitionen von Beziehungen.“

„So?“

„Ja, in einer halben Stunde treffe ich mich mit dem Rotschopf. Soll ich sie anrufen und fragen, ob sie vielleicht eine Freundin hat?“

„Von Frauen habe ich vorerst die Nase voll. Obwohl … heißt es nicht, man soll sofort wieder aufsitzen, wenn man aus dem Sattel gefallen ist?“

Dante lachte. „Ich rufe dich in zehn Minuten zurück.“

Der Rückruf erfolgte in nur fünf Minuten. Ja, der Rotschopf hatte eine Freundin. Die sich schon darauf freute, Rafe Orsini kennenzulernen.

Natürlich, dachte Rafe überheblich und winkte sich ein Taxi heran. Welche Frau würde ihn nicht gern kennenlernen?

Rafe verschlief am nächsten Morgen, duschte in aller Hektik, stieg in ausgewaschene Jeans, zog Pullover und Turnschuhe an und kam noch vor Dante beim Haus der Eltern an.

Cesare und Sofia lebten in einer riesigen Stadtvilla in Greenwich Village. Als Cesare das Haus vor vierzig Jahren kaufte, hatte die Gegend noch zu Little Italy gehört. Doch die Zeiten änderten sich. Jetzt erstrahlten die engen Straßen im Schick einer gehobenen Wohngegend.

Auch Cesare hatte sich verändert. Vom Handlanger in der Mafia war er zuerst zum capo aufgestiegen, dann zum don. Offiziell gehörten Cesare ein gut gehender Sanitärbetrieb und noch ein halbes Dutzend weiterer legitimer Gewerbe, sein wahres Arbeitsfeld jedoch würde er niemals offen zugeben, schon gar nicht vor seiner Frau, seinen Töchtern, seinen Söhnen.

Auf Rafes Klingeln hin zog Sofia die Haustür auf. Sie begrüßte den Sohn mit einer festen Umarmung und Küssen auf beide Wangen, so als hätte sie ihn seit Monaten nicht gesehen und nicht gerade noch vor vierzehn Tagen. Dann trat sie zurück und musterte ihn kritisch. „Du hast dich nicht rasiert.“

Er wurde doch tatsächlich rot. „Tut mir leid, madre. Ich wollte nicht zu spät kommen.“

„Setz dich“, ordnete sie an, sobald sie in der geräumigen Küche waren. „Frühstücke erst.“

Auf dem großen Eichentisch standen Schüsseln und Platten. Seiner Mutter zu sagen, dass er bereits sein übliches Frühstück gehabt hatte, nämlich eine Pampelmuse und schwarzen Kaffee, hätte nur eine Lektion über gesunde Ernährung zur Folge gehabt – auf typische Orsini-Art. Also setzte er sich gehorsam und nahm hiervon und davon ein wenig auf seinen Teller und aß.

Dante, der keine zwei Minuten später in die Küche schlenderte, wurde ebenfalls mit Küssen begrüßt und der Ermahnung, dass er dringend einen Haarschnitt brauche.

„Mangia“, ordnete Sofia an, und Dante, der von niemandem Befehle annahm, fügte sich lammfromm.

Die Brüder tranken ihren zweiten Espresso, als Felipe, der Mann, der Cesare seit Jahren treu ergeben war, in die Küche kam.

„Euer Vater will euch jetzt sehen.“

Beide Brüder standen auf, doch Felipe schüttelte den Kopf. „Einzeln, einer nach dem anderen. Raffaele zuerst.“

Rafe und Dante sahen einander an. „So ist das eben bei einem Imperator“, flüsterte Rafe mit einem schmalen Lächeln, sodass Sofia es nicht hören konnte.

Dante grinste. „Viel Spaß.“

Cesare saß in seinem Arbeitszimmer hinter dem mächtigen Schreibtisch. Das Zimmer war ein dunkler Raum mit schweren Möbeln, Madonnen- und Heiligenstatuetten standen aufgereiht auf einer Anrichte, die Wände zierten unzählige gerahmte Fotografien von unbekannten Familienmitgliedern aus der alten Heimat. Dunkelrote bodenlange Samtvorhänge waren halb vor die Türen zur Terrasse gezogen.

Cesare deutete auf den Stuhl vor dem Tisch, nachdem Felipe lautlos den Raum verlassen hatte. „Raffaele.“

„Vater.“

„Geht es dir gut?“

„Ja“, antwortete Rafe kühl. „Und dir?“

Cesare schwenkte die Hand vor sich. „Cosí cosa. Es ist zu ertragen.“

Rafe hob die Augenbrauen. „Nun, das ist eine Überraschung. Da der Tod also nicht direkt hinter dir wartet …“

„Setz dich.“

Rafes dunkelblaue Augen wurden fast schwarz. „Ich bin nicht Felipe. Ich bin nicht deine Frau. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die Befehle von dir annehmen, Vater. Schon seit Jahren nicht mehr.“

„Nein. Nicht mehr, seit du die High School beendet und ein Stipendium für diese Eliteuniversität erhalten hast. Meinst du, ich hätte vergessen, mit welchen Worten du mir damals sagtest, was ich mit dem zur Seite gelegten Geld für deine Ausbildung machen könne?“

„Du irrst dich im Ablauf“, erwiderte Rafe noch kälter. „Ich nehme keine Befehle mehr von dir an, seit ich entdeckt habe, auf welche Art du dein Geld verdienst.“

„So selbstgerecht“, spottete Cesare. „Du glaubst, du weißt alles, mein Sohn. Aber lass mich dir sagen, es kann jedem Mann passieren, dass er von der Leidenschaft auf die dunkle Seite gezogen wird.“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest, und ehrlich gesagt ist es mir auch egal. Auf Wiedersehen, Vater. Ich schicke Dante herein.“

„Setz dich, Raffaele. Es wird nicht lange dauern.“

Ein Muskel zuckte in Rafes Wange. Ach, zum Teufel, warum nicht? Vielleicht war es ja amüsant, was der Alte ihm mitteilen wollte. Also setzte er sich, streckte die langen Beine aus und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nun?“

Cesare zögerte. Ein bemerkenswerter Anblick. Rafe hatte seinen Vater noch nie zögern gesehen.

„Es stimmt, ich sterbe nicht“, sagte sein alter Herr schließlich.

Rafe schnaubte nur.

„Ich meine, natürlich werde ich eines Tages sterben.“ Noch ein Moment des Zögerns. „Niemand kennt den genauen Zeitpunkt, aber bei einem Mann in … nun, in meiner Position ist es möglich, dass das Ende unerwartet kommt.“

Noch eine Premiere. Cesare hatte niemals zuvor auch nur eine Andeutung auf seine Verbindungen gemacht.

„Ist das deine diskrete Art, durchblicken zu lassen, dass etwas ansteht? Dass Mutter, Anna und Isabella in Gefahr sind?“

Cesare lachte. „Du hast zu viele Filme gesehen, Raffaele. Nein, nichts ‚steht an‘, wie du es ausdrückst. Und selbst wenn es so wäre: Der Kodex unserer Leute verbietet es, Familienmitglieder zu verletzen.“

„Es sind deine Leute, nicht unsere“, korrigierte Rafe scharf. „Und der Ehrencodex von Schakalen hat mich nie beeindruckt.“

„Wenn meine Zeit kommt, werden deine Mutter, deine Schwestern und deine Brüder gut versorgt sein. Ich bin ein reicher Mann.“

„Ich will dein Geld nicht. Meine Brüder auch nicht. Und wir sind durchaus in der Lage, für mamma und unsere Schwestern zu sorgen.“

„Fein. Dann gib es weg. Du wirst damit machen können, was du willst.“

Rafe nickte. „Gut.“ Er wollte sich erheben. „Ich nehme an, das Gespräch ist damit …“

„Setz dich“, sagte Cesare wieder und fügte ein Wort hinzu, das Rafe noch nie von seinem Vater gehört hatte. „Bitte.“

Der alte Mann beugte sich fast unmerklich vor. „Ich schäme mich nicht für mein Leben“, sagte Cesare leise. „Aber es gibt ein paar Dinge, die ich vielleicht nicht hätte tun sollen. Glaubst du an Gott, Raffaele? Du brauchst nicht zu antworten. Was mich angeht, so weiß ich es nicht. Aber nur ein Narr würde die Möglichkeiten ignorieren, dass das, was er in seinem Leben getan hat, nicht eines Tages seine Seele in Mitleidenschaft ziehen könnte.“

Rafes Lippen verzogen sich zu einem abfälligen Lächeln. „Für solche Überlegungen ist es jetzt wohl zu spät.“

„In meiner Jugend habe ich ein paar Dinge getan …“ Cesare räusperte sich. „Falsche Dinge. Nicht für la famiglia, sondern aus reinem Egoismus. Diese Dinge haben mich beschmutzt.“

„Und was hat das mit mir zu tun?“

„Ich habe dem Mann, der mir als Einziger geholfen hat, als niemand anders mir helfen wollte, etwas von großem Wert gestohlen“, gab Cesare unwillig zu. „Ich will Wiedergutmachung leisten.“

„Schick ihm einen Scheck“, sagte Rafe kalt.

„Das reicht nicht.“

„Einen hohen Scheck. Mach ihm ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann. Das ist es doch, was du normalerweise tust, nicht wahr? Du bist der Mann, der sich alles kaufen kann.“

„Raffaele. Als Mann und als dein Vater bitte ich dich um deine Hilfe.“

Eine verblüffende Bitte. Rafe verabscheute seinen Vater für das, was er war … doch jetzt stürzten unwillkommene Erinnerungen auf ihn ein. Cesare, wie er ihn auf der Schaukel im Garten anstieß. Cesare, der ihn tröstete, weil der Clown auf seinem vierten Kindergeburtstag ihn halb zu Tode geängstigt hatte.

Reue brannte in den Augen des Vaters. Wie viel Aufwand konnte es schon sein, einen Scheck zusammen mit einer Entschuldigung persönlich zu überbringen? Ob es Rafe gefiel oder nicht, der Mann, der ihn jetzt so flehentlich ansah, hatte ihm das Leben geschenkt, ihm und seinen Geschwistern. Er hatte seine Familie geliebt und auf seine Art immer für sie gesorgt. In gewisser Hinsicht hatte er sie alle sogar zu dem gemacht, was sie heute waren. Wenn er auf seine alten Tage plötzlich ein Gewissen entwickelte, das war doch nichts Schlechtes, oder?

Rafe atmete tief durch. „Na schön.“ Er sprach hastig, weil er wusste, wie leicht es wäre, doch noch seine Meinung zu ändern. „Was soll ich tun?“

„Habe ich dein Wort, dass du es tun wirst?“

„Ja.“

Cesare nickte. „Du wirst es nicht bereuen, das verspreche ich dir.“

Zehn Minuten später sprang Raffaele wütend auf. „Bist du verrückt geworden? Und das soll ein einfacher Gefallen sein? So kann man es natürlich auch beschreiben! Du erwartest ernsthaft von mir, dass ich in ein Kaff auf Sizilien fahre und irgendein namenloses, plumpes Bauernmädchen heirate?“

„Ihr Name ist Chiara. Chiara Cordiano. Und sie ist kein plumpes Bauernmädchen. Ihrem Vater, Freddo Cordiano, gehören ein Weingut und mehrere Olivenplantagen. Er ist ein wichtiger Mann in San Giuseppe.“

Rafe stützte beide Hände auf die schimmernde Mahagoniplatte des Schreibtischs und lehnte sich vor. „Ich werde dieses Mädchen nicht heiraten. Ich werde niemanden heiraten! Ist das klar?“

Cesare erwiderte den funkelnden Blick des Sohnes. „Klar ist hier, welche Bedeutung das Wort meines Erstgeborenen hat.“

Rafe musste an sich halten, sonst wäre er dem Vater an die Gurgel gegangen. „Ich halte mich immer an mein Wort, Vater. Aber du hast es mir mit einer Lüge entlockt. Du hast gesagt, du brauchst meine Hilfe.“ Still zählte er bis zehn. „Nun gut, ich fliege nach Sizilien und spreche mit diesem Freddo Cordiano. Ich werde ihm persönlich deine Entschuldigung überbringen. Aber seine Tochter heirate ich nicht. Auf gar keinen Fall!“

Über viertausend Meilen weit entfernt, auf einer Burg, die ihr Vater Zuhause und sie Gefängnis nannte, schoss Chiara Cordiano von ihrem Stuhl hoch.

„Du hast was?“, stieß sie ungläubig aus, in bestem florentinischem Italienisch.

Freddo Cordiano verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn du mit mir redest, dann in der Sprache unseres Volkes.“

„Antworte auf meine Frage, papà“, beharrte Chiara, allerdings in dem Dialekt, den ihr Vater bevorzugte.

„Ich habe einen Ehemann für dich gefunden.“

„Das ist verrückt! Du kannst mich nicht einfach an einen Mann verheiraten, den ich noch nie gesehen habe!“

„Du vergisst dich“, knurrte ihr Vater. „Das kommt von den albernen Ideen, die diese Gouvernante, die deine Mutter ausgesucht hat, dir eingetrichtert hat. Ich kann dich verheiraten, mit wem ich will.“

Chiara stemmte die Hände in die Hüften. „Etwa mit dem Sohn von einem deiner ‚Geschäftspartner‘? Mit einem amerikanischen Gangster? Niemals! Dazu wirst du mich nicht zwingen können!“

Freddo lächelte dünn. „Wäre es dir lieber, wenn ich dich in deinem Zimmer einschließe, bis du so alt und hässlich bist, dass kein Mann dich mehr haben will?“

Eine leere Drohung. In ihrem Zimmer konnte er sie nicht einschließen, aber er würde sie hier auf dieser Insel festhalten, in dieser schrecklichen kleinen Stadt mit den engen Gassen, aus der sie herauskommen wollte, seit sie denken konnte. Sie hatte es versucht, immer wieder. Die Schergen ihres Vaters hatten sie zurückgebracht, höflich, aber unerbittlich. Und sie würden es wieder tun. Chiara würde sich nie aus dem Leben befreien können, das sie so sehr hasste.

Sie unterdrückte den Schauder. Für ihren Vater war sie nicht mehr als Mittel zum Zweck. Er würde sie benutzen, um sein Imperium zu vergrößern. Sie wusste, wie Männer wie ihr Vater ihre Ehefrauen behandelten. Herzlos, kalt, grob. Dieser Amerikaner wäre nicht anders. Er würde nach Knoblauch stinken, nach Zigarren und Schweiß. Für ihn wäre sie eine Haushälterin, mehr nicht. Und nachts im Bett würde er Dinge von ihr verlangen …

Wuttränen glitzerten in ihren violetten Augen. „Warum tust du mir das an?“

„Weil ich weiß, was das Beste für dich ist. Und du als pflichtbewusste Tochter wirst tun, was man dir sagt.“

Sie war verzweifelt, aber nicht dumm. „Eher sterbe ich.“ Sie wollte sich umdrehen und davonrennen, stattdessen verließ sie mit hocherhobenem Kopf und geradem Rücken den Raum. Kaum in ihrem Zimmer, bei verschlossener Tür, stieß sie einen gellenden Wutschrei aus und schleuderte eine Vase gegen die Wand.

Zwanzig Minuten später, wieder ruhiger geworden, wusch sie sich das Gesicht und machte sich auf die Suche nach dem einen Mann, den sie liebte. Der sie liebte. Der Mann, auf den sie sich verlassen konnte.

„Bella mia“, begrüßte Enzo sie, als sie ihn fand. „Was ist mit dir?“

Chiara berichtete ihm alles, und seine dunklen Augen wurden noch dunkler, fast schwarz.

„Ich werde dich beschützen, cara.“

Und Chiara schlang die Arme um seinen Hals und betete, dass er genau das tun würde.

2. KAPITEL

Rafe bewahrte Stillschweigen über seinen Auftrag.

Seine Brüder hätten nur gelacht oder gestöhnt, und unter seinen Freunden gab es niemanden, dem er die Machtpolitik eines sizilianischen don und dessen Interpretation von Ehre hätte begreiflich machen können.

Ganovenehre, dachte Rafe grimmig, als das Flugzeug auf dem Palermo International Airport landete. Er hatte einen Charterflug nehmen müssen, weil Falco mit dem Firmenjet nach Athen unterwegs war. Das fachte seine üble Laune nur noch mehr an. Das Einzige, was seine Beherrschung aufrechterhielt, war das Wissen, dass mit dem Ende des Tages diese lächerliche Geschichte vorbei wäre.

Vielleicht – aber auch nur vielleicht! – erzähle ich den anderen in ein paar Wochen davon, dachte er, als er in die Hitze des sizilianischen Frühherbstes trat. Ratet mal, wo ich letzten Monat war … Und dann könnten sie sich zusammen vor Lachen darüber ausschütten.

Vielleicht würde es ja auch gar nicht so schlimm werden. Es war ein schöner Tag. Auf der Fahrt nach San Giuseppe würde er irgendwo in einer kleinen Trattoria haltmachen und etwas essen. Er würde Freddo Cordiano anrufen und ihm Bescheid geben, dass er auf dem Weg war. Dann würde er dem alten Mann die rheumatische Hand schütteln, die Entschuldigung vorbringen und Vater und Tochter höflich erklären, dass er gar nicht an eine Heirat dachte. Vor allem bei der Tochter würde er behutsam vorgehen, schließlich konnte das arme Ding nichts dazu. Und schon am Abend wäre er wieder zurück in Palermo. Die Angestellte im Reisebüro hatte alles arrangiert, auf ihn wartete ein Hotelzimmer in einem ehemaligen Palast – sehr gediegen, hatte sie gesagt. Er würde sich einen Drink auf dem Balkon genehmigen, oder vielleicht würde er auch in einen Nachtklub gehen. Italienische Frauen waren schließlich auf der ganzen Welt bekannt für ihre Schönheit. Die, der er nachher begegnen würde, sicherlich nicht, aber die war heute Abend ja schon Geschichte.

Eine schwere Last hob sich von seinen Schultern. Bis Rafe beim Mietwagenschalter ankam, lächelte er sogar vor sich hin.

Aber nicht lange.

Er hatte einen Geländewagen bestellt. Eigentlich zog er schnittige Sportwagen vor, wie die Corvette, die zu Hause für ihn bereitstand, aber ein Blick auf die Landkarte hatte ihm gezeigt, dass San Giuseppe hoch in den Bergen lag. Da war die Wahl eines Vierradantriebs wohl besser.

Doch was auf ihn wartete, war kein Geländewagen, sondern eines von diesen Autos, die er verabscheute. Ein bulliges schwarzes, amerikanisches Vehikel, eines von der Sorte, die sein Vater und dessen Kumpane bevorzugten.

Ein Mafiosi Spezial.

Der Angestellte hinter dem Schalter zuckte gleichgültig die Achseln. Scusi, das beruhe wohl auf einem Missverständnis, aber etwas anderes hätten sie im Moment auch nicht frei.

Na großartig, dachte Rafe, als er hinters Steuer stieg. Der Sohn eines Gangsters auf dem Weg, einen dubiosen Auftrag auszuführen, in einem Gangsterauto. Jetzt fehlte ihm nur noch die dicke Zigarre zwischen den Zähnen.

Seine gute Laune war dahin.

Und sank stetig. Die Folge aneinandergereihter Schlaglöcher verdiente die Bezeichnung „Straße“ nicht, „Katastrophe“ wäre ein passenderes Wort. Zehn Meilen. Zwanzig. Dreißig. Und noch immer war ihm kein anderes Auto entgegengekommen. Zum Glück, musste er wohl sagen. Die Straße war gar nicht breit genug für zwei Autos.

Ein schwarzer Schatten brach zwischen den Bäumen hervor und sprang auf die Straße. Rafe stieg in die Bremsen. Die Reifen blockierten, der Wagen begann zu schlingern. Rafe steuerte mit aller Macht gegen. Es kostete ihn seine ganze Kraft, um den Wagen zum Halten zu bringen. Als das Ungetüm dann endlich stand, hing die Motorhaube ein gutes Stück über dem gähnenden Abgrund.

Rafe regte sich nicht. Seine Finger umklammerten krampfhaft das Lenkrad. Sein Herzschlag hämmerte laut in seinen Ohren. Der Motor war ausgegangen und kühlte tickend ab.

Das Ticken des abgewürgten Motors wurde leiser, Rafes rasender Puls langsamer.

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