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Küss mich, Kismet

Über die Autorin

Ihr erstes arrangiertes Date hatte Shelina Janmohamed mit 19, ihr letztes mit 29. Dazwischen bewirtete sie zahlreiche Heiratskandidaten im Wohnzimmer ihrer Eltern mit Tee, studierte in Oxford Psychologie und Philosophie und wurde schließlich Journalistin. In ihrer Heimat Großbritannien ist sie besser bekannt als spirit21, ihr Blogname, unter dem sie sich zu Themen rund um Religion und Frauen äußert. Ihr witziger, kluger Bericht über ihre muslimisch korrekte Suche nach einem Ehemann zum Verlieben wurde in England mit dem Muslim’s Writers Award für das beste Sachbuch ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Janmohamed wurde unter die 500 einflussreichsten Muslime 2010 gewählt.

Shelina Zahra Janmohamed

Küss mich,
Kismet

Wie ich muslimisch korrekt
die große Liebe fand

Aus dem Englischen von
Veronika Dünninger

Meiner Mutter und meinem Vater
für alles

Maryam und Aamina
unserer Zukunft

Dem Einen Du weißt warum

»Liebe ist die Antwort auf die meisten der Fragen in meinem Herzen. Zum Beispiel: Warum sind wir hier? Und wohin gehen wir? Und wie kommt es, dass das so schwer ist?«

Jack Johnson

»Liebe hat nichts zu tun mit
den fünf Sinnen und den sechs Himmelsrichtungen:
Ihr einziges Ziel ist es,
die Anziehung zu erfahren,
die vom Geliebten ausgeht.
Danach wird, möglicherweise, auch Gott seine Erlaubnis geben:
Die Geheimnisse, die erzählt werden sollen, werden erzählt werden
mit einer Wortgewandtheit, die näher ist am Verständnis
dieser feinen, verwirrenden Anspielungen.
Das Geheimnis ist mit niemandem im Bunde
als dem Kenner des Geheimnisses:
Im Ohr des Skeptikers
ist das Geheimnis kein Geheimnis.«

Rumi (Mathnawi VI: 5-8)

»Er hat euch [Männer und Frauen] aus einer einzigen Seele erschaffen.«

Koran (6:98)

»Und eines Seiner Zeichen ist, dass Er Paare für euch aus eurer Mitte erschaffen hat, damit ihr Frieden ineinander findet, und Er stiftet Liebe und Gnade zwischen euch. Darin sind Zeichen für diejenigen, die nachdenken.«

Koran (30:21)

Inhalt

Über die Autorin

Vorwort der Autorin

Prolog

Erstes Kapitel: Das erste Mal

Ein guter Kopftuch-Tag

Samosas

Safura

Zweites Kapitel: Der Bindestrich

Unschuld

Kulcha

Verwirrung

Drittes Kapitel: Projekt Prinzessin

Biodaten

Witziger Valentinstag

Murmeltiertag

Viertes Kapitel: Die richtige Verbindung

Warten

Immer dieselbe Leier

Der Blitz schlägt ein

Fünftes Kapitel: Nichts von alledem

Die sechs Phasen des Selbstmitleids

Du, nicht ich

Der Hijab wird zur Zielscheibe

Sechstes Kapitel: Semiotisches Kopftuch

Wie ist es darunter?

Schleier-hafte Ansichten

Antirepressiv

Siebtes Kapitel: Liebe

Aus einer einzigen Seele, in Paaren erschaffen

Dreimal Liebe

Quantentheorie

Achtes Kapitel: Multiversal

In der Warteschleife

Die wundervolle Maria

In meinem Yin

Epilog: Der Anfang

Danksagung

Vorwort der Autorin

Liebe. Amour, ishq, hubb, amor, pyar. All diese Wörter finde ich in meinem Lexikon, um etwas Köstliches und Banales, Unwiderstehliches und Erhabenes zu beschreiben. Liebe führt zu großen Taten, absurden Entscheidungen und hat unerwartete Folgen. Sie lenkt Lebensläufe und bestimmt über das Glück oder Unglück von Herzen. Sie kann zwischen Leben und Tod vermitteln, und sie kann den Körper mit der Seele verbinden, wie durch einen Blitzschlag. Sie ist das Wesen der menschlichen Existenz.

Die Kulturen streiten sich nicht darüber, ob es die Liebe gibt oder nicht. Sie sind sich vielleicht uneins darüber, was oder wer das Objekt der Liebe sein sollte. Sie kämpfen um Liebe. Sie sind geteilter Meinung darüber, wie Liebe gestaltet werden sollte. Aber die Liebe, Liebe im eigentlichen Sinn, ist tief in jeder Psyche und Kultur verwurzelt und füllt Bücher mit Klageliedern und Oden in vielen Sprachen und Paradigmen seit Anbeginn der Zeit. In der heutigen modernen Welt, wo nur das, was wir sehen, Gewissheit haben darf und die wissenschaftlichen Daten die Trumpfkarte bei der Erkenntnis der Wahrheit zu sein scheinen, wo nur das, was gemessen werden kann, existiert, trotzt die Liebe all diesen Beschränkungen und tanzt fröhlich vor den Augen der Menschen und lockt sie mit dem Versprechen des Unbekannten.

Die Liebe ist unserer Generation verloren gegangen, verwässert zu Rausch und Romantik. Wir wollen, dass sie uns ständig bei Höchstlaune hält, und wir fühlen uns verraten und verstoßen, wenn der Adrenalinschwall der ersten Liebe in der vertrauten, freundschaftlichen Liebe abflaut. Wir haben die Liebe gefesselt, indem wir ihren Herrschaftsbereich auf Kerzenlicht-Dinner und Spaziergänge im Mondschein beschränkt haben. Wenn wir öffentlich von Liebe reden, würdigen wir sie herab. Ich wünsche mir, dass wir die Kraft der Liebe für unsere Gesellschaft zurückgewinnen, indem wir sie uns bewusst und gemeinsam als Tugend von enormem Ausmaß und gewaltiger Größe ins Gedächtnis rufen. Tief in uns wissen wir alle, dass Liebe mit unseren Freunden, Ratgebern, Eltern zu tun hat und mit all den Menschen, mit denen wir zusammenleben. Sie erfordert Geduld, Hingabe und Selbstlosigkeit. Manche, so wie ich, haben vielleicht auch das Gefühl, dass die Liebe sie mit dem Göttlichen verbindet, dem Schöpfer, der keine Gestalt, keinen Ort und keine Zeit hat, sondern einfach ist.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Muslim öffentlich von Liebe redet, ist nicht sehr groß. Aber wie die Menschen in den meisten Kulturen und in den verschiedensten Religionen sind auch Muslime besessen davon. Muslimische Männer und Frauen verbringen einen Großteil ihrer Zeit damit, sich zu fragen, wo in aller Welt sie einen Partner finden können. Diesen ganz besonderen Menschen zu finden ist so entscheidend für das Wesen der muslimischen Lebensweise, dass fast jeder an dieser Suche beteiligt wird – Eltern, Geschwister, Tanten, Onkel, Imame und selbst die Nachbarn.

Unter den lichtdurchlässigen Schleiern muslimischer Frauen liegen schlagende Herzen, Träume von Liebe, Fantasien voller Märchen und Prinzen, von einem Leben glücklich und zufrieden bis ans Ende der Tage. Verdeckt von den oft irreführenden Schlagzeilen von Terror und Zerstörung, die angeblich im Namen des Islam begangen werden, führen Muslime ihr Leben, gewöhnliche, normale Menschen, denen eine Sache gemeinsam ist, die die Menschen lobpreist und das Erhabene in uns mit unserem banalen Leben verbindet: die Sache der Liebe.

Muslimische Frauen haben viele Geschichten zu erzählen. Manche davon sind entsetzlich. Leid, Unterdrückung und Missbrauch, die manche Frauen im Namen der Religion erdulden müssen, an denen in Wahrheit jedoch rigide kulturelle Normen und Machtmissbrauch die Schuld tragen, dürfen niemals toleriert, sondern müssen beendet werden. Ich empfinde doppelten Schmerz hierüber, da ich ihr Leid als Schwester im Glauben teile, aber auch, da ich sehe, wie die Schönheit meiner Religion zu unmenschlichen Zwecken entfremdet, verzerrt und missbraucht wird.

Geschichten wie meine werden selten angehört, da sie nicht den gängigen Klischees entsprechen, die von der Unterdrückung durch den Islam oder denjenigen, die den Islam ablehnen, erzählen. Dennoch sind diese Geschichten ebenso wichtig, um zu verstehen, was es heißt, eine muslimische Frau zu sein. Nicht jede Muslimin wird zu einer Zwangsheirat genötigt, entführt oder ins Gefängnis geworfen. Wir sind keine eindimensionalen Geschöpfe, versteckt hinter schwarzen Schleiern. Viele muslimische Frauen, so auch ich, empfinden den Islam als eine positive, befreiende und erbauende Erfahrung. Wir lieben unser Leben umso mehr. Mein Bericht ist allen muslimischen Frauen gewidmet, damit Humor, Hoffnung und Humanität wieder zu einem selbstverständlichen Teil unserer Geschichte werden.

Musliminnen gibt es in vielerlei Formen, Farben und Variationen, und meine Geschichte ist nur der Erfahrungsbericht einer einzigen Frau. Versteckt in meiner Geschichte liegen die menschlichen Leidenschaften und Hoffnungen vieler Muslime, von Männern wie von Frauen, und von Menschen anderer oder ohne jede Glaubensrichtung, deren eigene Suche nach Liebe vielleicht ebenso gefahrvoll, herzzerreißend und unterhaltsam war wie die meine.

Die Suche nach Liebe ist eine Reise, auf der es vielerlei Dinge zu finden gibt. Es ist die Suche nach einem Partner und Gefährten, nach der Aufregung der Romanze. Es ist auch die Suche nach einem Beschützer, nach jemandem, den man umsorgt und von dem man umsorgt wird. Es ist die Suche nach Sinn, nach dem Wissen, etwas erreicht zu haben, nach kurzzeitiger Anerkennung oder der Unsterblichkeit des eigenen Namens. Liebe kann der Name für die Flucht aus dem Physischen ins Spirituelle oder aus dem Geistigen ins Sinnliche sein. Die Suche nach Liebe ist eine entschlossene Reise. Eine Reise mit dem Ziel herauszufinden, was es heißt, menschlich zu sein, und diese Menschlichkeit zu teilen.

Prolog

Ich trage eine sehr verblüffende Geschichte unter meinem Kopftuch. Ich würde sie Ihnen gern erzählen, aber Sie müssen mir versprechen, mein Geheimnis nicht für sich zu behalten. Wenn ich so tapfer bin, Ihnen meine Geschichte zu erzählen, werden Sie so mutig sein, meine Freunde zu sein?

Mein Hijab ist pink, die Farbe eines Sonnenuntergangs im April oder einer dunklen Sommerrose, ein langer, fließender Seidenstoff, der in ein kräftiges Violett übergeht, das mich an königliche Brokatstoffe und heilige Entdeckungen erinnert. Er ist leicht parfümiert mit dem Duft von bakhoor, der mich umgibt, wohin ich auch gehe, zart, aber nicht aufdringlich.

Am besten könnte ich Ihnen diese Geschichte bei einer Tasse Kaffee erzählen – für mich einen Cappuccino, bitte, ohne Zucker. Wir werden ohnehin schon viel zu viel zu lachen haben, und der Zucker würde uns noch mehr aufputschen. Wenn die Erzählung spannend wird, werden wir vor Aufregung oder Entsetzen unsere Tassen umklammern, die Augen weit aufgerissen über diese unglaubliche Geschichte, wie zwei Teenager auf einer Pyjamaparty. Und wenn wir auf den Liebesschmerz zu sprechen kommen, dann können wir den Blick auf die dunkle Flüssigkeit senken und sie melancholisch schlürfen.

Dazu sollten wir Cookies essen, mit weißer Schokolade und Haselnüssen, herzförmig. Ich werde verschmitzt lächeln, wenn Sie sie bestellen, aber ich werde Ihnen nicht sagen, warum, jedenfalls noch nicht. Sie müssen doch auch einmal so einen Keks-Moment erlebt haben. Wir werden uns darüber austauschen. Erinnern Sie mich daran, dass ich meine Sonnenbrille und das Etui mitnehme, wenn wir das Café verlassen.

Haben Sie sich je gefragt, was wirklich im Leben der muslimischen Frauen vor sich geht, denen Sie auf der Straße begegnen? Ich bin ganz anders als die Frauen, die Sie in der Zeitung oder im Fernsehen sehen. Ich trage keinen langen schwarzen Umhang und keinen Schleier. Ich wohne nicht in einer kleinen Seitengasse mit einer Moschee, sondern in einer baumgesäumten breiten Straße in einem Vorort. Ich bin nicht zurückhaltend oder unterdrückt. Ehrlich gesagt, glaube ich eher, dass manche Menschen mich ein bisschen zu vorlaut finden und vielleicht eher eingeschüchtert sind. Ich finde das lustig. Ist das nicht lustig?

Ich möchte, dass Sie mir in meine Welt der Britin, Asiatin und Muslimin folgen. Manchmal ist es gar nicht so einfach, zwischen den verschiedenen Kulturen, Geschichten und Ideen seinen Weg zu finden. Ich bin keine Asiatin, wie Sie sich Asiaten vielleicht vorstellen, ich bin keine Muslimin, wie Sie sich Muslime vielleicht vorstellen. Ich passe nicht in die Schubladen, in die andere mich stecken wollen.

Diese Geschichte handelt davon, wie ich mich selbst, meinen Glauben und meine Liebe gefunden habe, aber vor allem davon, wie ich gelernt habe, ich selbst zu sein.

Erstes Kapitel

Silhuette.tif

Das erste Mal

Ein guter Kopftuch-Tag

Samosas brutzeln in der Pfanne, irgendwo zwischen perfekt goldgelb und pechschwarz. Meine Mutter konzentriert sich auf die riesige Pfanne mit blubberndem Öl, das Haar unter einem alten Handtuch zusammengebunden, in Gedanken bei denen, die gleich eintreffen werden. Es sind wichtige Gäste, vielleicht die bisher wichtigsten überhaupt.

Es klingelt an der Tür. Ich werde mit einem Geschirrtuch hochgescheucht. Im Haus wird hektisch herumgewuselt. Kissen werden aufgeschüttelt. Vorhänge werden zurechtgerückt. Die Küchentür knallt zu, und über meinen Vater bricht eine Kakofonie kreischender Stimmen herein: »Sie sind da! Sie sind da! Mach die Tür auf!« Tiefe Stille senkt sich über das Haus. Die Lilien im Wohnzimmer stehen bereit. In aller Ruhe schlendert mein Vater zur Haustür und öffnet sie schwungvoll für den Mann, der sein künftiger Schwiegersohn sein könnte.

Es ist das erste Mal, dass meine Familie und ich förmlich einem Heiratsbewerber vorgestellt werden. Die Auswahl meiner Garderobe war keine leichte Aufgabe. Ich muss attraktiv genug für den betreffenden Mann sein, aber zugleich sittsam und zurückhaltend genug für seine Familie. Der Inhalt meiner Kopftuchschublade liegt bunt verstreut auf dem Boden meines Zimmers, Maulwurfshügel in Blau, Grün, Pink und Violett. Jedes Kopftuch wurde der Reihe nach sorgfältig drapiert und festgesteckt und dann im Hinblick auf Aussehen und Wirkung analysiert. Schließlich entscheide ich mich für eines aus dunkelrosa Seide. Die Farbe ist sanft und freundlich, feminin, aber nicht mädchenhaft. Ich falte das quadratische Seidentuch einmal zusammen und lege das Dreieck über mein Haar, stecke es unter dem Kinn unsichtbar fest und werfe die Enden lose nach hinten. Der Stoff fällt mir sanft über Haar und Schultern. Zum Glück habe ich einen guten Kopftuch-Tag.

Meine Bluse, in demselben Pink gehalten, langärmelig und mit gekräuseltem Bund, bildet einen Kontrast zu meinem wallenden, cremefarbenen Rüschenrock, der sanft bis auf den Boden fällt. Die ganze Familie macht ein Mordsgetue um ihre Garderobe. Das erste Treffen ist ein zwingend vorgeschriebener Übergangsritus. Es könnte das einzige Treffen sein. Ich warte vergeblich auf eine tiefe, donnernde Stimme, die verkündet: »Jetzt bist du eine Frau.« Niemand sagt: »Viel Glück.« Und niemand sieht mich mit stolzen Elternaugen an, hält meinen Übergang vom Kind zur Erwachsenen fest. Ich unterscheide mich nicht von Tausenden, Millionen junger Frauen weltweit an der Schwelle zur Ehe.

Ich stehe vor dem Spiegel, starre mir nervös in die Augen, versuche angestrengt, meinen hämmernden Puls zu beruhigen. Ich atme ein, und ich atme aus. Einatmen, ausatmen. Wie wird er sein? Was werde ich zu ihm sagen?

Ich bin neunzehn und im Begriff, in eine Welt einzutreten, auf die ich vorbereitet wurde, seit ich ein kleines Mädchen war. Die Bürde der Tradition, die seit meiner Geburt so angenehm auf meinen asiatisch-muslimischen Schultern ruht, ist nicht weniger mächtig als das unschuldige, süße Warten auf die Liebe. All die verschiedenen Stimmen in mir sagen mir ganz genau, was die Liebe ist. Romantische Hollywoodkomödien künden von der wahren, wundervollen, leidenschaftlichen Liebe. Kindermärchen sprechen von ihr. Islamische Lehren versprechen jedem Menschen einen Partner, der ihn ergänzt. Die asiatische Kultur stellt die Ehe über alles andere. Und die Liebe, die süße, würzige, allumfassende Liebe, blüht im Herzen jeder Vorstellung von einer Ehe.

Die Tatsache, dass ich meinen Heiratsbewerber treffen werde, um zu sehen, ob wir uns mögen, wird von manchen als unerträglich modern angesehen. Aber ich weiß von klein auf, dass ich meinen künftigen Ehemann auf diese Weise kennenlernen werde. Warum hämmert mein Herz dann so wild? Der Mann und seine Begleiter kommen, um mich zu begutachten, und ich werde natürlich ihn begutachten. Die Beidseitigkeit des Begutachtens trägt nicht dazu bei, meine Nerven zu beruhigen. Das hier ist nicht nur ein Blind Date, sondern ein Blind Date von Familien.

Cilla Black grinst mich aus meinem Schlafzimmerspiegel an. »Wirst du dich für Familie Nummer eins entscheiden, die Buchhalter aus London? Oder Familie Nummer zwei, den Ärzteclan aus Gloucester? Oder wird es Familie Nummer drei sein, die Import-Export-Leute aus Birmingham?«

Er könnte der einzige Märchenprinz sein, den ich je treffen werde, der Einzige, den ich zu treffen brauche. Und was spricht denn auch dagegen? Ich sehne mich nach meinem eigenen Prinzen und träume davon, eine Hälfte eines liebenden, verliebten Paars zu sein. Aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich ihn tatsächlich beim förmlichen Vorstellungsverfahren treffen.

Bei seinem Besuch bei uns Zuhause wird er von mindestens einem, wenn nicht mehreren »Erwachsenen« begleitet werden. Seine Familie kennenzulernen und seinen Hintergrund zu verstehen ist mindestens ebenso entscheidend wie sein Abschneiden in Sachen groß, dunkel und gut aussehend. Er und seine Familie werden mich auf dieselbe Weise betrachten: ein gemeinsames Rendezvous, von dem eine gemeinsame Entscheidung abhängt, und er und ich werden im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen.

Ich betrachte mich wieder im Spiegel und übe mein Lächeln ein. Mona Lisa oder Julia Roberts? Ich trage einen Spritzer Parfüm auf, dann lasse ich mich mit einem nervösen Seufzer auf den Boden fallen. Ich rezitiere ein paar Verse aus dem Koran, die mir helfen werden, meine Nerven zu beruhigen und mich wieder in den Griff zu bekommen. Die rhythmische Melodie und die Weisheit der Worte bringen mich zur Ruhe. Ich werfe ein paar Münzen in eine spezielle Almosenbüchse, die wir Zuhause haben, sadaqa genannt, und streiche mein Kleid glatt. Den Bedürftigen Geld zu geben, funktioniert nach der Chaostheorie: Ein kleines Flattern wächst und wird immer größer, bis die positive Energie zu dir zurückkehrt. In diesem Augenblick brauche ich das gute Karma.

Die Haustür geht auf, mir stockt der Atem. Mr. Right ist gekommen.

Ich husche die Treppe hoch, um das Gefolge vom Fenster aus zu beobachten, während sie den Wagen parken. Ich knie mich hin, um durch den Spalt zwischen Vorhang und Fensterbrett spähen zu können. Ich bemerke einen graubraunen Toyota. Oder ist es ein Honda? Ist das genaue Markenemblem an einem typischen verlässlichen asiatischen Familienauto wichtig? Meine Augen huschen zu dem Paar, das unseren Weg hochtrippelt. Der Bewerber, Ali, geht still hinter ihnen.

Die Gäste stolpern fröhlich zur Haustür herein, als sei nichts ungewöhnlich an ihrem Besuch. Auch während des Vorstellungsbesuchs bleibt der Zweck des Treffens taktvoll unerwähnt. Smalltalk plätschert durchs Haus. Die Gäste sehen zu unschuldig aus, zu nett, als könnten sie gekommen sein, um mein Leben auf den Kopf zu stellen. Sind sie hier, um mich dem Schoß meiner Familie zu entreißen? Ich mag meine Familie, ich bin glücklich hier. Warum muss ich sie verlassen? Ihr Eintreffen macht mir Angst. Ich rudere mit den Armen, von Panik ergriffen, allein hier oben zurückgelassen, um lautlos auf und ab zu laufen, während ich auf den passenden Augenblick warte, um in die Höhle hinabzusteigen. Ein Mädchen, das ein Rendezvous hat, muss sich in Szene setzen. Das wissen alle.

Ich halte unvermittelt inne und weise mich zurecht. Will ich mich denn nicht verlieben und glücklich und zufrieden bis ans Ende meiner Tage leben? Dieser Mann könnte mein Märchenprinz sein. Er könnte mich in eine Welt aus Rosen und Aschenbrödel-Ballkleidern entführen. Werde ich ein Kribbeln verspüren und mich auf den ersten Blick in ihn verlieben?

Ich weiß vier Dinge über ihn, die ich in »wichtig« und »uninteressant« unterteilt habe. Dass er Buchhalter und dreiundzwanzig Jahre alt ist, ist wichtig zu wissen. Dass er ein »netter« Junge und aus einer »guten« Familie ist, finde ich uninteressant. Mit neunzehn sind diese Dinge unerheblich für meinen schlichten Wunsch, mich zu verlieben.

Ich höre schlurfende Schritte im Wohnzimmer, während alle Platz nehmen. Ich schleiche leise die Treppe hinunter und kauere mich hin, sodass ich hören kann, was sie sagen. Sie sprechen ein paar Minuten über Familienbande und ihre Herkunft und loten aus, ob wir irgendwelche gemeinsamen Verwandten haben. Asiaten reden über Familien so wie Engländer übers Wetter. Ungezwungene einleitende Worte, die endlos ausgedehnt werden können. Zwischen den höflichen Floskeln hindurch erhält man entscheidende Hinweise auf den Gesprächspartner. Wie steht es um seine Herkunft, seine Geschichte, seinen Ruf?

Die beiden Parteien plaudern, bis sie einen gemeinsamen Verwandten finden. Die asiatischen Sprachen eignen sich sehr gut für diesen Zweck, da sie spezielle Bezeichnungen für komplexe familiäre Beziehungen haben, sodass man einen unbestimmten Verwandten sehr schnell einordnen kann. Ich kann die Schwester des Ehemanns der Schwester meiner Mutter in zwei Schritten erklären anstatt der vier, die im Englischen erforderlich sind, oder den Ehemann der Schwester der Schwiegermutter der Schwester der Mutter der Ehefrau des Bruders meines Vaters in drei. Beide Seiten sind sehr erpicht darauf, einen Verwandten oder Freund zu finden, der sie verbindet. Dann ertönt ein Gong, und eine Stimme ruft: »Bingo! Sie haben einen Treffer.«

Nach ein paar Minuten weiß ich instinktiv, dass es für mich an der Zeit ist, mich in Szene zu setzen. Ich übe mein Lächeln noch einmal im Spiegel: die Mundwinkel leicht hochgezogen oder lieber ein breites Grinsen? Oder sollte ich nur fast unmerklich den Kopf neigen, wenn ich das Zimmer betrete? Ich stecke einige widerspenstige Haarsträhnen unter mein Kopftuch, streiche meinen Rock glatt und schreite zur Tür. Mein Herz hämmert wie wild, meine Stirn ist feucht, meine Wangen sind wie ein Vulkan. Es ist Zeit, den Mann kennenzulernen.

Die Tür zum Wohnzimmer ist angelehnt. Ich öffne sie schwungvoll und betrete ein Zimmer, das von Unterhaltung erfüllt ist. Ich erwarte, dass Schweigen eintritt und alle Augen sich zu mir umwenden. Obwohl ich mehrere Sekunden dort stehe, bleibe ich unbemerkt. Der freundliche Smalltalk geht weiter. Soll ich mit den Händen winken? Soll ich etwas sagen?

Auf einmal blickt mein Vater zu mir herüber. »O-ho!«, ruft er, ein typisch asiatischer Laut. »Das ist meine Tochter Shelina.« Er sieht die Gäste wie zur Erklärung an, als wäre mein Auftritt eine Überraschung für sie.

Auf einmal überfällt mich die Schüchternheit, als ich so allein mitten im Zimmer stehe. Unser Wohnzimmer ist ein großer, quadratischer Raum, in harmlosem Hellgrün gestrichen, mit dunklen, smaragdgrünen Samtvorhängen. Die Verandatür führt in einen malerischen Garten hinaus, der von meinen Eltern liebevoll gepflegt wird. Sie lieben ihren Garten über alles, und der Garten liebt sie dafür. Die Gäste sitzen bequem auf weichen Ledersofas, die um die Mitte des Raums angeordnet sind – und um die Person, die in ihr steht.

Ich lächele rasch, blicke mich nervös im Raum um. Wie üblich sitzen Männer und Frauen getrennt im Zimmer. Wo ist der weibliche Gast? Die Höflichkeit verlangt es, dass ich sie zuerst begrüße. Wo ist der Märchenprinz? Ich muss ihn offen und doch sittsam zur Kenntnis nehmen. Wie haben sich die Menschen im Raum verteilt, und wo ist der Platz, der sich für mich schickt? Schnelle und korrekte Entscheidungen sind wichtig, um den richtigen Eindruck zu hinterlassen.

Ich trete auf den weiblichen Gast zu und sage: »Salam alaikum«, den islamischen Gruß, der »Friede sei mit dir« bedeutet. Es ist Alis Tante. Ich küsse sie auf die Wange, und sie mich ebenfalls. Die Beschreibung der Heiratsvermittlerin muss ihr in diesem Augenblick durch den Kopf gehen. Was hat man ihr über mich gesagt? Werde ich den Erwartungen gerecht? Die Heiratsvermittlerin ist anwesend, selbst wenn sie abwesend ist, und nimmt starken Einfluss auf mein Leben und das vieler unverheirateter Männer und Frauen.

Ich sehe mich schüchtern um, entdecke den jungen Mann und nicke ihm höflich zu. Ich nehme instinktiv einen freien Platz in der Nähe der Tür ein. Ich setze mich ordentlich und lege die Hände anmutig auf die Knie. Ich lächele charmant in den Raum vor mir. Das Gespräch kommt wieder in Gang. Ich atme durch und versuche mich zu sammeln. Ich werfe einen flüchtigen Blick auf den Heiratsbewerber, ohne ihn anzusehen. Mir ist bewusst, dass ich genau beobachtet werde. Er wirkt entspannt, wie er sich im Sofa zurücklehnt und mit meinem Vater plaudert. Mein Vater kann mit jedem reden, gleich welchen Alters, Status oder Rangs. Er ist nach außen gesprächig, aber innerlich still und entschlossen. Er trägt einen kurzen weißen Bart, wie es seiner Statur und Würde gebührt. Er neckt mich gern, indem er damit kräftig über meine Wangen reibt. Sein Zugeständnis an das Kreischen, das er damit bei mir ausgelöst hat, seit ich ein Kind war, sind Shampoo und Pflegespülung für das Haar, damit es weich bleibt und nicht auf meiner Haut kratzt.

»Arbeitest du oder studierst du?« Das Zimmer verfällt in Schweigen. Ich starre die Menschen um mich herum verdutzt an. Ich wurde angesprochen. Es war mir nicht bewusst.

»Meinen Sie mich?«, piepse ich schließlich. Ich räuspere mich, um meine schrille Comicstimme zu dämpfen. »Ich studiere.«

»Sehr gut«, fährt der ältere männliche Gast fort, der Alis Onkel ist. »Man hat mir gesagt, du studierst Psychologie und Philosophie?«

Ich nicke stumm. Meine Stimme ist oben in meinem Zimmer und protestiert gegen diese unangenehme gesellschaftliche Situation.

»Heißt das, du weißt, was ich denke?« Er gluckst und lacht dann so schallend, dass er husten muss.

»Shelina, beti, hol ihm ein Glas Wasser«, fordert mein Vater mich auf. Beti ist ein Kosewort für Tochter und zeigt seine Zuneigung zu mir.

Ich komme mit einem Glas eisgekühltem Wasser zurück und setze mich wieder auf meinen Platz. Ein paar Minuten sitze ich still da, bis meine Mutter mir fast unmerklich zunickt. Ich verlasse lautlos das Zimmer, meine Füße tappen über den weichen Teppich zur Küche. Ich fülle den Wasserkocher und schalte ihn ein, sehe zu, wie das rote Lämpchen hell aufleuchtet, warte geduldig darauf, dass das Wasser zu kochen beginnt. Ich starre ins Leere, dann kehre ich ins Wohnzimmer zurück. In meinem süßesten, höflichsten Künftige-Schwiegertochter-Tonfall frage ich: »Möchten Sie vielleicht Tee oder Kaffee?«

Auf einmal werde ich selbstbewusster: Ich spiele eine Rolle. Ich lächele alle Gäste der Reihe nach an, während ich sie frage, was sie gern trinken würden und wie viel Milch und Zucker sie gern in ihrem Tee oder Kaffee hätten. Ich verbeiße mir das Lachen, als ich um vier Löffel Zucker und gesüßte Kondensmilch gebeten werde, das Grundnahrungsmittel in der asiatischen Teekultur. Ich versuche, den jungen Mann nicht zu oft anzusehen, während ich die Bestellungen aufnehme. Er blickt ebenso verängstigt wie ich.

Ich sage mir die Getränkewünsche im Stillen wie ein Mantra auf. Kochen und Bewirten gelten in der asiatischen Kultur als entscheidende Fertigkeiten einer »richtigen« Frau, so wie früher auch in Europa. Jede Frau muss im Haushalt eine Göttin sein. Es würde mit Sicherheit nicht für mich sprechen, in dieser Phase einen Fehler zu begehen.

Wieder in der Küche, stelle ich die Tassen entsprechend der Sitzordnung im Wohnzimmer auf das Tablett. Das wird mir helfen, jedes Getränk der richtigen Person zuzuordnen. Ich lege Teebeutel in Tassen, fülle Kaffee in andere (Nescafé, der Einfachheit halber), verteile den Zucker, gieße heißes Wasser dazu und wische verschüttete Tropfen auf. Ich streiche mein Kleid noch einmal glatt und nehme das Tablett in die Hand. Ich versuche, nicht über den Saum meines Rockes zu stolpern, während ich wieder in Richtung Wohnzimmer humpele. Ich bereue es plötzlich, mich für den langen, fließenden Chiffonrock entschieden zu haben, als ich auf die Rüschen trete.

Ich setze das Tablett in der Mitte des Couchtischs ab und stelle jede Tasse vorsichtig neben der jeweiligen Person auf einen Untersetzer. Ich nehme die Teetasse für den jungen Mann in die Hand, und auf einmal bin ich mir unsicher, was ich damit tun soll. Ich nähere mich seinem Platz, wie ich es bei allen anderen getan habe, und stelle die Tasse neben ihm ab. Während ich ihn bediene, hebe ich kurz den Blick, um in sein Gesicht zu sehen. Schüchtern, wie ich bin, wende ich ihn allzu rasch wieder ab. Ich bereue meine Nervosität, hebe den Blick noch einmal und sehe ihm unvermutet genau in die Augen. Dann ist der Moment, in dem wir uns in die Augen starren, auf einmal vorbei, und ich kehre zurück in das normale Raum-Zeit-Kontinuum. Ich flüchte in die Küche, rot im Gesicht und planlos.

Samosas

Ich nehme ein anderes Tablett in die Hand, das bereits hergerichtet ist, mit kleinen Tellern und Fingerfood. Dazu gehören die perfekt gebräunten Samosas meiner Mutter. »Das Tablett mit Samosas hereinbringen« ist ein übrig gebliebenes Relikt aus dem Zeremoniell des Kennenlernens – es war der einzige Augenblick, in dem das Mädchen das Zimmer betrat, in dem seine Zukunft ausgehandelt wurde. Heutzutage wird es nur noch humorvoll als Metapher dafür verwendet, dass ein Mädchen einem Jungen vorgestellt wird.

Früher war es die einzige Chance des Mädchens, einen Blick auf den möglichen Bräutigam zu werfen. Aber auch der Junge muss aus dieser Gelegenheit Kapital schlagen. Jedenfalls ist dieser Moment nicht der richtige Zeitpunkt, das Zimmer zu verlassen und die Toilette aufzusuchen. Zusammen mit seiner ganzen Familie ist er vielleicht viele Kilometer weit gereist für diesen einzigen kurzen Augenblick, vielleicht seine einzige Gelegenheit, die Frau zu sehen, mit der er den Rest seines Lebens verbringen wird.

Werden seine Augen funkeln, wenn er den Blick auf sie richtet? Gefällt ihm die Art, wie sie ihre dupatta umgelegt hat, den lichtdurchlässigen Schal, den Inderinnen oft anstelle eines Kopftuchs tragen? Was, wenn der Stoff verrutscht, während sie sich bückt, um die Teller herumzureichen, und er einen Blick auf ihr langes, tiefschwarzes Haar erhascht? Die Art, wie sie die Teetassen auf den Tisch stellt oder die Teller mit halwa herumreicht, kann über ihr Schicksal entscheiden.

»Die Samosas hereinbringen« war ursprünglich für den künftigen Bräutigam und sein Gefolge gedacht, damit sie die potenzielle Ehefrau in Augenschein nehmen konnten. Das Mädchen wurde nicht hereingeführt, damit sie sich eine Meinung bildete oder irgendwie am Entscheidungsprozess teilnahm. Über ihr Schicksal wurde vom Bräutigam und seiner Familie entschieden. Er war der Jäger, sie die Gejagte.

Der Bewerber würde sich fragen: Ist sie attraktiv? Die männlichen Ältesten würden überlegen: Ist sie eine gute Partie? Die gesamte Transaktion würde durch ein paar flüchtige Blicke des Bräutigams auf seine künftige Braut besiegelt werden. Sie konnte so verhüllt sein, dass er sie kaum sehen konnte, oder sie konnte, wenn sie ihm seinen Tee servierte, so kühn sein, den Blick zu dem seinen zu erheben und ihn frech anzublicken. Es ist das ewig gleiche Geschehen, egal, ob es in einem goldenen Bollywoodfilm oder in Jane Austens Stolz und Vorurteil stattfindet. Das Servieren der Samosas konnte über die Zukunft und die Schicksale von Familien entscheiden.

Das Mädchen sollte während dieses Vorgangs nicht sprechen. Ihre Rolle war es, sittsam und zurückhaltend zu sein. In sehr konservativen Kreisen würde sie das Zimmer nicht schon vorher betreten, so wie ich, und sie hätte – Gott bewahre! – nichts gesagt. Der kurze Kontakt, den die knusprigen, mit Fleisch gefüllten Pasteten ermöglichten, würde die Entscheidung des Bräutigams bestimmen. Das arme Mädchen konnte nichts weiter tun, als das Urteil abzuwarten. Wenn die Reaktion negativ ausfiel, obwohl sie aus einer »guten« Familie stammte, musste sie doch fast zwangsläufig davon ausgehen, dass ihr Aussehen das Problem darstellte?

Die weiblichen Verwandten, die mit zu Besuch gekommen sind, würden die arme junge Frau in die Mangel nehmen, um sich ein Urteil über sie zu bilden, das dann dem Bräutigam und den männlichen Entscheidungsträgern der Familie verkündet würde. Der Junge wird also über die künftige Braut nur das erfahren, was die Frauen ihm mitteilen. Dass der junge Mann einen völlig anderen Frauentyp attraktiv finden könnte, als seine weiblichen Verwandten vielleicht vermuten, findet keine Berücksichtigung in diesem System. Er wird akzeptieren, dass seine Mutter das am besten weiß.

Die Bedeutung der Meinung der weiblichen Berater kann gar nicht unterschätzt werden. Eine Ehe wird nicht nur zwischen Braut und Bräutigam geschlossen, sondern auch zwischen ihren Familien. Traditionell war die Ehefrau nicht berufstätig. Sie verbrachte vielleicht mehr Zeit mit ihrer Schwiegermutter und ihren Schwägerinnen als mit ihrem Ehemann, da die Großfamilie möglicherweise zusammenlebte. Selbst wenn das Paar gemeinsam ausging, saß sie mit den Frauen beisammen, während er sich mit den Männern entspannte. Im Haus der Großfamilie Glück zu schaffen, galt als ebenso große Herausforderung für die neue Braut, wie im Brautgemach die Funken fliegen zu lassen.

Ich reiche die Teller und die Snacks herum. Diesmal schenke ich Ali, als ich an ihm vorbeikomme, ein warmes Lächeln. Im Verlauf des Zeremoniells finde ich allmählich meine Selbstsicherheit zurück, und das tut mir gut. Ali erwidert mein Lächeln nervös, aber wir haben Verbindung aufgenommen. »Danke«, sagt er, und spricht mich so zum ersten Mal persönlich an. Ich bin gefasster, als ich in die Küche zurückkehre. Ich bin soeben in ein Zimmer voller Menschen gegangen, die nur meinetwegen zu Besuch gekommen sind, ich habe gelächelt, ich habe etwas gesagt, und ich habe Funkkontakt zu einem Jungen aufgenommen, der nicht unattraktiv ist.

Als ich in die Küche zurückkehre, folgt mir meine Mutter. Sie ist klein, mit weicher brauner Haut und einem Lächeln, das selbst meine düsterste Stimmung aufhellen kann. Ich sehe sie liebevoll an, ermuntere sie, ihr Geheimnis zu offenbaren. Sie spricht mich in einem leisen Flüsterton an. Ich ziehe die Augenbrauen verwirrt bis zum Haaransatz hoch. Sie wendet sich um und schließt die Küchentür. »Geh jetzt in das andere Zimmer und rede mit ihm.«

Der Höhepunkt steht kurz bevor: Ich werde mit einem Mann übers Heiraten reden.

Auf dem Weg ins Nebenzimmer werfe ich einen Blick ins Esszimmer, um mich zu vergewissern, dass dort alles in Ordnung ist, dann setze ich mich. Das hier wird die Arena für unsere Verhandlungen sein. Wie das Wohnzimmer ist es quadratisch, aber in Blautönen gehalten, mit einem großen Mahagoni-Esstisch in der Mitte. Die Stühle sind dunkelbraun, mit geschwungenen Lehnen und cremefarbenen Damastkissen. In der Mitte des Tischs quellen gelbe Narzissen aus einer blauen Vase. Ich versuche mir vorzustellen, wo er sitzen wird, und frage mich, ob er das Profil meines Gesichts auch von der vorteilhafteren Seite aus wird betrachten können. Ich wende erst mein linkes Profil in die angenommene Richtung, dann mein rechtes. Dann probe ich, wie ich mit ihm reden werde. Ich wechsele den Platz, setze mich auf den Stuhl, auf dem er wahrscheinlich sitzen wird, nehme seine Rolle ein: »Ich finde, du bist hinreißend, und ich habe mich in dich verliebt«, erklärt er mir so feierlich.

Ich übe noch einmal mein Lächeln: ein breites Lächeln, ein freches, ein kokettes, gar kein Lächeln.

Es würde sich nicht gehören, in dieser Phase allzu begeistert oder offenherzig zu sein. Ich sollte meinen üblichen Überschwang zügeln, um den Jungen nicht einzuschüchtern. Die Ältesten und die Tanten haben mir schon öfters gesagt, dass ich zu selbstbewusst und schlau bin, und dass die Jungen das nicht mögen. Sollte es mir mit dem Heiraten ernst sein, werde ich mich zurückhalten müssen. Eine Spur davon ist akzeptabel, aber die jungen Männer dürfen auf keinen Fall denken, dass ich zu schlau bin. Die Tanten gingen sogar so weit zu sagen, dass ich keinen Magister- oder – Gott behüte! – Doktortitel anstreben sollte, denn dann würde mich niemand heiraten wollen. Und das hätte ich dann mir ganz alleine zuzuschreiben. »Niemand will ein Mädchen, das zu gebildet ist«, sagten sie mir. »Dann wirst du irgendwann eine alte Jungfer sein. Besser ist es, erst zu heiraten, deinem Mann zu zeigen, wo’s langgeht, und dann kannst du tun und lassen, was du willst.«

Die Tanten waren schon immer dicke, vollbusige Frauen mit einem starken Akzent, einem faszinierenden und doch kratzigen Trällern. Ihre Stimmen hallten in meinem Kopf wider wie durchgedrehte Jiminy Crickets. Sie waren laut und kräftig und erfüllt vom Vermächtnis jahrtausendealter Traditionen und Überlieferungen. Wer war ich, ihre Gesetze zu missachten?

»Du kennst doch dieses eine Mädchen, Sonia«, fing eine von ihnen zum Beispiel an. »So ein nettes Mädchen, so hübsch und so hellhäutig.«

»Sie bekam einen Antrag von einer guten Familie, und der Junge war sehr attraktiv.«

»Gut aussehend, was?«

»O ja, sehr gut aussehend.«

»Sie war erst siebzehn.«

»Ja, erst siebzehn, aber sehr schlau.«

»Ja, sehr schlau.«

»Und er hatte einen guten Job.«

»O ja, einen sehr guten Job in einer großen Anwaltskanzlei. Seniorpartner, weißt du.«

»Also hat sie ihn geheiratet. Und jetzt hat sie drei Kinder. Und wenn sie fünfundvierzig ist, sind ihre Kinder groß. Die Kinder werden selbst verheiratet und in ihr eigenes Haus gezogen sein, und sie wird frei sein. Und dann kann sie tun und lassen, was sie will. Studieren, arbeiten, reisen.«

»Sie studiert schon jetzt an der Universität. Ihren ersten Abschluss hat sie schon gemacht, und jetzt will sie auch noch ihren Magister machen.«

»Wieso man einen Magister braucht, um die Küche zu putzen, das ist mir ja schleierhaft!«, die vollbusigere der vollbusigen Tanten lachte lauthals.

»Einen Magister im Roti- und Biryanikochen!«, gackerten sie dann beide mit ihren rauen, paan-geschwängerten Stimmen.

Bei diesen unumstößlichen Feststellungen der vollbusigen Tanten sträubten sich mir jedes Mal die Nackenhaare. Die ungebrochene Sicherheit, mit der sie ihre eigene Weltanschauung darstellten, kollidierte massiv mit meiner eigenen Verwirrung an dieser Stelle. Denn ich war alles drei: Muslimin, Asiatin und Britin. Ich war nicht imstande, all die unterschiedlichen kulturellen Schichten, die aus ihren Tante-Jee-Poren tropften, abzutragen, um die wohltuende asiatische Weisheit, die darunter verborgen lag, zu erfassen. Schon die Weise, wie sie angesprochen wurden – »Tante« aus Respekt und »Jee« aus noch größerem Respekt – untermauerte ihren Status als Stimme der Überlieferung und Tradition. Ich betrachtete sie als altmodisch, und mich selbst als fortschrittlich und modern. Ich empfand jugendliche Abneigung gegenüber den überholten Klischeevorstellungen der Frauen, die sie vertraten. Der Teenager in mir rebellierte gegen sie und alles Traditionelle, für das sie standen. Dennoch sah ich keinen Widerspruch darin, mich auf den traditionellen Weg einer Heirat einzulassen, bei dem sie eine entscheidende Rolle spielten. Wenn ich einen Ehemann haben wollte, dann war das der vorgegebene Weg.

Ich verscheuche ihre Stimmen, während ich dasitze und auf den Augenblick warte, diesen lebensverändernden Augenblick, auf den ich vorbereitet worden war. Ich klopfe mit den Fingern auf den Tisch. Flüstert ihm jemand ins Ohr, dass er sich unauffällig ins andere Zimmer begeben soll? Ist er aufgeregt? Oder verlegen?

Die Tür schwingt sanft auf, und ein kleiner Kopf wird ins Zimmer gesteckt. »Hallo«, piepst er nervös. Er räuspert sich. »Soll ich hereinkommen?« Er schiebt sich ins Zimmer, wirkt unbeholfen. Wir sehen uns verlegen an. Sich einen Anschein von Normalität zu geben ist immer noch besser, als uns unsere Beklommenheit einzugestehen. Empfinden nur diejenigen, die mit Hollywoodromanzen aufgewachsen sind, diese Treffen als gekünstelt und peinlich? Oder müssen sich Heiratsbewerber weltweit der Angst stellen, ihr Herz einem völlig Fremden zu öffnen, in der Hoffnung, einen Lebenspartner zu finden? Ich stelle mir ein großes Poster an der Wand vor: »Heirat, ja oder nein? Stimmen Sie jetzt ab!«

Ich frage mich, ob ich aufstehen und ihm einen Stuhl anbieten soll, um meinen Verpflichtungen als Gastgeberin nachzukommen. Gastfreundschaft ist tief verwurzelt im Islam und hat einen hohen Stellenwert. Aber die britische und die asiatische Stimme in meinem Kopf bestehen darauf, dass ich das nicht tue: Stühle zurückzuschieben ist in unseren Kulturen die Pflicht des Mannes, sagen sie. Der Wunsch nach einer Ehe steht über der Gastfreundschaft, flüstern sie mir zu. Außerdem höre ich meine innerste Stimme den allgemein gültigen Grundsatz zitieren, dass eine Frau einem Mann den Stolz auf seine Männlichkeit lassen soll, um so sensibel für die Weiblichkeit sein zu können. Ich ermögliche dem Mann, Mann zu sein.

Wir setzen uns an eine Ecke des Esstischs, im rechten Winkel zueinander, nah genug, um miteinander sprechen zu können, aber keinesfalls intim. Die Tür steht weit offen, damit jeder zu uns hereinschauen und hören kann, was wir sagen. Das leichte Geplauder aus dem Wohnzimmer driftet zu uns herüber und betont unser eigenes Schweigen noch.

Ich seufze, lasse die Schultern hängen, um mich zu entspannen. Meine Mutter bringt ein Tablett mit zwei Tassen Kaffee, ein paar Keksen und den unvermeidlichen Samosas. Sie lächelt und wendet sich direkt an Ali: »Ihr beide habt eure Getränke vergessen.« Er errötet, ich erröte, und dann errötet sie und huscht zur Tür hinaus.

Ich könnte diesen Mann heiraten, denke ich. Ich stelle mir das Kleid vor, das ich bei unserer Hochzeit tragen würde. Er wird mich über die Schwelle tragen. Wir würden in einem entzückenden Haus mit vier Schlafzimmern und zwei Bädern wohnen, und abends würde er mich in unserem privaten Rosengarten spazieren führen. Das Zimmer unseres ersten Kindes wird fliederfarben gestrichen sein, mit einem handgearbeiteten Gitterbettchen aus natürlichem Eichenholz.

Das Schweigen zieht sich in die Länge. Er entspannt sich, und schließlich wirkt er froh darüber, hier zu sein. Ich frage mich, ob er einen Verlobungsring in seiner Hosentasche aufbewahrt.

Jetzt sehe ich ihn richtig an. Er hat kurzes, gepflegtes Haar, einen ordentlich gestutzten Bart und eine kleine, metallumrandete Brille. Er trägt ein blaues Hemd und eine lässige, cremefarbene Baumwollhose. Sein Stil ist weder altmodisch noch zu modern.

Er räuspert sich: »Dein Name ist Shelina?«

»Ja.«

»Das hier ist dein Haus?«

»Ja.«

»Du lebst bei deinen Eltern?«

»Ja.«

»Bist du in England geboren?« Er lässt seine Stimme sanft ausklingen, neigt aufmunternd den Kopf, will mich ermutigen, ein Gespräch mit ihm zu beginnen.

Ich sehe ihn hilflos an und zucke zusammen: »Ja-a.«

Er lässt nicht locker: »Und du studierst in Oxford, richtig?«

»Äh-ja«, bestätige ich. Die Tanten spötteln in meinem Kopf über den schlechten Eindruck, den ich schon jetzt mache. Einen schlechteren Start hätten wir gar nicht haben können.

»Du musst, ähm, sehr intelligent sein.« Er verzerrt das Gesicht. Ich glaube, eher vor Abscheu als vor Nervosität. Die vollbusigen Tanten schreien mit wogenden Brüsten: Siehst du, wir haben’s dir doch gleich gesagt. Er zeigt dir schon jetzt, dass das ein Problem ist. Aber nein, du hast ja nicht auf uns gehört. Ihr jungen Leute wisst ja immer alles besser.

Ich schlucke verzweifelt und starre schweigend auf meine Hände.

»Wie war das?« Er steuert hilflos genau auf die Sackgasse zu.

»Gut. Hmm, ja, gut«, stammele ich. Ich weiß nicht, wie ich den toten Punkt zwischen uns überwinden soll, und seine Versuche sind ebenso erfolglos.

Er wartet darauf, dass ich fortfahre.

»Es war wirklich, äh, sehr gut«, führe ich weiter aus.

Unsere Hände greifen nach den Tassen, um einen Schluck Kaffee zu trinken. Wir führen die Tassen zum Mund und halten inne. Als wir im Begriff sind, einen Schluck zu trinken, treffen sich unsere Blicke. Wir starren uns an, Auge in Auge, Lippe an Tasse. Ich gebe mich als Erste geschlagen und halte mir die Tasse schräg an den Mund. Die Flüssigkeit ist kochend heiß, sodass ich mir den Mund verbrenne und vor Schreck mit den Lippen pruste.

»Alles okay mit dir?«, fragt er und sieht mit weit aufgerissenen Augen zum Wohnzimmer. Wird man ihn für meine Verletzung verantwortlich machen?

Ich muss unwillkürlich lächeln, und ich lasse meine Deckung fallen. Ich bin verlegen. Er lächelt ebenfalls, besorgt, aber er lacht. Mir gefällt die plötzliche Verletzlichkeit, die ich empfinde.

»Was weißt du über mich?«, fragt er. Seine Miene ist jetzt sanfter und entspannter.

»Na ja, du bist Ali. Du bist dreiundzwanzig Jahre alt. Du bist Buchhalter. Wie klingt das?«

»Sehr scharfsinnig.« Er zieht die Augenbrauen hoch, als sei er weise und beeindruckt zugleich.

Ich ahme seine hochgezogenen Augenbrauen nach und erhöhe den Einsatz: »Gibt es noch mehr zu wissen?«

»Ich bin in Nairobi geboren und als Jugendlicher hierher gekommen, habe die Schule abgeschlossen, bin auf die Universität gegangen und schließlich irgendwie Buchhalter geworden.« Er zwinkert ironisch mit den Augen. Er spricht leise und sanft. Die Unterhaltung ist nicht geistreich und grenzt kaum an interessant, aber sie entwickelt ein Eigenleben. Wir plaudern, mal flüssig, dann wieder stockend. Es ist mit Sicherheit nicht denkwürdig.

Es ist ein seltsames Gefühl, mit einem Fremden zu reden und zu wissen, dass man nach ein paar Gesprächen vielleicht beschließen wird, diesen Menschen zu heiraten. Der schöne Schein der höflichen Floskeln dient dazu, herauszufinden, was diesen Menschen ausmacht, und Fragen zu stellen, die in jedem anderen ersten Gespräch ungewöhnlich wären. Diese Vorgehensweise soll es beiden Seiten ermöglichen, grundsätzliche Fragen zu ihren Lebenszielen, ihren Wertvorstellungen und ihren Hoffnungen für die Beziehung zu erörtern.

»Was für einen Menschen suchst du?«, fragt er mich. »Hättest du gern Kinder, und wenn ja, wie viele?«, frage ich zurück. Wir reden über unsere Hobbys und Interessen und darüber, was wir gern tun würden, wenn wir älter sind. Was für ein Leben wollen wir uns aufbauen? Was für Jobs? Wo will er leben? Was macht seine Familie? Was erwartet er von seiner Ehefrau? Dann wendet sich das Gespräch wieder banaleren Themen zu. Was ist sein Lieblingsfilm? Was isst er gern? Und wieder zurück. Er hofft, dass ich mein Studium an der Universität fortsetzen werde. Ich stimme ihm zu: das hat für mich Vorrang. Er erkundigt sich: Bin ich bereit, zu heiraten? Ich gebe zurück: Denkst du schon lange ans Heiraten? Und so geht es weiter hin und her.

Auch wenn das Gespräch vielleicht unbeholfen begonnen hat, finde ich nichts Ungewöhnliches oder Seltsames daran, meinen künftigen Lebenspartner auf diese Weise zu treffen. Beginnen nicht alle Beziehungen mit einem einfachen Gespräch, um etwas übereinander zu erfahren, egal, in welchem Rahmen? Ist es denn so viel anders, als in einer Bar, einem Club oder einem Restaurant mit jemandem zu plaudern? Wenigstens weiß ich so mit Bestimmtheit, dass er an einer ernsthaften Beziehung und einer Heirat interessiert ist, und vertrödele nicht meine Zeit mit jemandem, der Beziehungsängste hat. Er steht der Idee einer festen Bindung zumindest offen gegenüber. Instinktiv kenne ich bereits die Fragen, die den Menschen zu Beginn einer Beziehung Kummer bereiten: »Ist er interessiert? Wird er es sein? Wird er es nicht sein?« Die Achterbahnfahrten in den Filmen und Liebesromanen spiegeln doch nur das Bedürfnis, früh eine Antwort auf eben diese Fragen bekommen zu wollen. Bei dieser Art des Kennenlernens bekomme ich diese Antworten sehr rasch.

Der Prozess, in dem ich mich befinde, ist klar definiert: Beide Seiten werden nach dem Treffen eine Stellungnahme zu ihren Absichten abgeben müssen, wenn auch durch Vermittler. Daher ist es nicht seltsam, gewichtige, bedeutsame Fragen zu stellen, mit ein paar eingestreuten Aussagen über das alltägliche Leben der beiden Gesprächspartner. Das sind die entscheidenden Dinge, die den Ausschlag geben werden, ob wir ein Leben lang zusammenbleiben können, um Liebe, Glück und Wohlstand miteinander zu teilen. Ich versuche natürlich, ihn zu beeindrucken. Ich will nicht abgewiesen werden. Wer will schon eine Abfuhr bekommen, erst recht beim ersten Mal?

Es klopft an der Tür, und eine körperlose Stimme teilt uns mit: »Ali, man ruft dich, sie wollen aufbrechen.«

»Weißt du, was als Nächstes passiert?«, frage ich.

»Ich denke, du solltest mit deiner Familie über unser Gespräch und deine Gefühle reden«, antwortet er galant.

Ich dränge ihn nicht, mir einen Rat zu geben. Wir sind in derselben Situation, aber nicht auf derselben Seite. Wir tauschen höfliche Abschiedsfloskeln, und die Verlegenheit, die wir mühsam überwunden haben, sickert wieder ins Zimmer.

Als wir zurück ins Wohnzimmer kommen, erröte ich. Sie wissen alle, dass wir zusammen waren, geredet haben, in einem offenen, öffentlichen Raum. Ich bin verlegen, obwohl unser Gespräch doch der eigentliche Grund für den Besuch war. Paranoisch frage ich mich, ob sie glauben, dass wir alles Mögliche Ihr-wisst-schon-was im Schilde geführt haben, aber das haben wir natürlich nicht. Und sie wissen es. Meine Verlegenheit ist ein Dämon, den ich selbst heraufbeschworen habe.

Unvermittelt rascheln Kleider, klimpern Taschen, werden Stühle und Tische gerückt. Die Gäste erheben sich. Ali nickt mir zu, und ich lächele instinktiv und erröte augenblicklich über diese Forschheit. Dann wirft meine Mutter uns beiden einen Blick zu und lächelt ebenfalls. Wir müssen gehen, entschuldigen sich unsere Gäste gespielt. Nein, bitte bleiben Sie doch auf noch eine Tasse Tee, erwidert mein Vater gespielt, es ist noch früh. Nein, nein, wir haben noch einen langen Heimweg vor uns, entgegnen sie. Ihre Antwort verrät, wie ernst sie die Etikette des Aufbruchs nehmen: Sie wohnen nur fünf Kilometer von hier.

Sie schlurfen zur Tür, langsam genug, um nicht unhöflich zu erscheinen. Alis Tante flüstert meiner Mutter ins Ohr. Die beiden Frauen ölen die Getriebe der Eheanbahnung. Sie bestätigen sich gegenseitig, dass sie die Heiratsvermittlerin anrufen werden, die das Treffen arrangiert hat, um über die Begegnung Bericht zu erstatten. Wenn die Heiratsvermittlerin von beiden Seiten ein positives Feed-back bekommt, werden wir in die nächste Phase eintreten, die ein erneutes Treffen und Verhandlungen auf einer ernsteren Ebene beinhalten wird. Alle anderen tun, als würden sie von dem Gespräch der beiden gar nichts mitbekommen. Obwohl ihr Flüstern unhörbar ist, wissen wir alle, warum wir hier sind und was sie zueinander sagen. Aber wir anderen tun alle, als sei es nicht mehr als ein geselliger Sonntagnachmittagsbesuch.

»Besuchen Sie uns wieder«, sagen wir einstimmig. »Jetzt sind Sie an der Reihe, uns zu besuchen«, sagen sie im Chor. »Es war ein entzückender Nachmittag.« »So ein hübsches Haus.« »Wir sehen uns bestimmt bald einmal in der Moschee.« »Bitte richten Sie Ihrer Familie unsere salams aus.« »Das sollten wir öfter machen.«

Alis Tante wendet sich zu mir um und sieht mich an. Ihr Blick gleitet von meinem Kopftuch hinunter bis zu meinen Füßen, dann tätschelt sie mir die Wange. Sie wirft einen mütterlichen Blick auf Ali, bevor sie sich wieder zu mir umwendet. »Ich habe viel von dir gehört, bevor wir hierher gekommen sind«, erklärt sie mir vielsagend. »Es hat mich sehr gefreut, dich endlich kennenzulernen.«

»Danke, Tante, es war mir auch eine große Freude, Sie kennenzulernen. Wir haben uns sehr über Ihren Besuch gefreut.« Ich lächele sie respektvoll an. Sie ist die Ältere, und ich zolle ihr die Höflichkeit, die ihr gebührt.

Die Männer sehen sich verlegen in der Diele um, sehnen das Ende herbei. Sie können sich für die Gepflogenheiten dieser Tradition nicht begeistern.

»Es liegt in Allahs Hand, wissen Sie.« Die Frau wendet sich betont an meine Mutter. Bringt sie damit ihre Frömmigkeit zum Ausdruck, oder ist es bereits eine verschleierte Ablehnung? »Das Schicksal wird darüber entscheiden.«

Sie verabschieden sich und marschieren nacheinander zur Tür hinaus, kehren zurück zu ihrem tadellosen, aber unauffälligen Wagen. Mein Vater steht an der Tür, eine Hand auf der Klinke, die andere hochgehalten, deutet einen Abschiedsgruß für die scheidenden Gäste an. Er sieht zu, wie sie in den Wagen steigen, die Türen schließen und losfahren. Einen Augenblick lang winkt er lebhaft, und dann verschwindet der Wagen mit dem Prinzen am Horizont der Vorstadt.

Wir kehren zurück ins Wohnzimmer, und ich lasse mich in einen der Sessel fallen.

»Ich bin so müde«, wimmere ich. Ich mache mein Kopftuch los und entferne das Haarband, das mein Haar zusammengehalten hat. Ich entspanne mich augenblicklich.

»Armes Ding«, sagt meine Mum und tätschelt mir den Kopf.

Ich wende mich an meinen Vater, der in seinem persönlichen Sessel sitzt, die Fernbedienung schon in der Hand, um den Fernseher einzuschalten und die neuesten Nachrichten zu sehen. Ich halte ihn noch einen Moment von seiner Nachrichtendosis ab. »Was meinst du, Dad? Hat er dir gefallen?«

»Er scheint nett zu sein«, bestätigt er. »Jetzt liegt es bei dir. Was immer du tun willst.«

Ich ziehe einen Schmollmund.

»Wir sind deine Eltern«, fährt er fort. »Wir können dir Ratschläge geben, aber du bist diejenige, die für den Rest ihres Lebens mit ihm zusammenleben muss.«

»Und was ist mit euch anderen?«, frage ich.

»Ich fand auch, dass er nett war«, sagt meine Schwägerin und streckt die Beine auf dem Couchtisch aus. »Ich denke, er würde einen guten Ehemann abgeben, und du würdest sehr glücklich sein. Er hat eine nette Familie, einen guten Job, er ist religiös, sieht nett aus.« Sie hält inne und sieht im Spaß zu mir hoch, als sei sie gekränkt. »Was denn? Was denn? Darf ich nicht erwähnen, dass ein Mann gut aussieht?«

Ich wende mich an meine Mutter, um ihre Meinung zu hören. »Weißt du, vor vielen Jahren hätte eine Familie den erstbesten anständigen Antrag angenommen, der ihr gemacht wurde.« Sie hält einen Augenblick inne. »Er ist eine gute Wahl. Du solltest ihn dir nicht entgehen lassen.« Ihr Zögern straft ihre entschiedenen Worte Lügen. Meine Gefühle spiegeln sich in ihren eigenen, das spüre ich sofort, doch ihren Rat weiß ich dennoch zu schätzen. Als Frau, Ehefrau und Mutter hat sie die Reise bereits hinter sich, die ich demnächst antreten werde.

»Er scheint nett zu sein, mehr habt ihr alle nicht dazu zu sagen: nett, nett, nett. Woher soll ich es denn wissen? Woher kann ich es wissen?« Ich sehe jeden von ihnen flehend an.

Kann man es je wissen?, fragen ihre Augen.

Er war der Erste, ein Prinz unter Prinzen. Jeder Einzelne würde mir ein völlig anderes Leben bieten. Wie sollte ich mich da entscheiden?

Die Romantik fragt: Verspürst du ein Kribbeln, wenn du ihn siehst?

Die vollbusigen Tanten flüstern: Ist er ein guter Fang?

Der Glaube fragt: Ist er ein praktizierender Muslim, so wie du?

Ich war verwirrt, weil ich irrtümlich annahm, dass diese un terschiedlichen Ansichten über die Liebe, die auf dem Glauben, der Tradition, der volkstümlichen oder der asiatischen Kultur beruhten, im Widerspruch zueinander standen.

Letztendlich aber lief es doch immer auf dieselbe Frage hinaus: Ist er der Eine?

Safura

Am nächsten Morgen rief die Heiratsvermittlerin an. Sie gehörte dem Heiratskomitee der örtlichen Moschee an, einer Gruppe von Frauen, deren Daseinsberechtigung darin besteht, Familien einander vorzustellen, die ihre Söhne und Töchter verheiraten wollten. Man wendet sich an das Komitee, sobald ein Kind Heiratsabsichten zeigt, und teilt ihm mit, dass man nach einem Partner für sein Kind sucht. In diesem Fall greifen die Mitglieder des Komitees auf ihr weit verzweigtes soziales Netzwerk zurück und widmen in bedingungsloser Hingabe ihre Zeit und Energie, um zu einer befriedigenden Lösung für beide Parteien zu suchen. Die Gemeinde ist stets aufrichtig bemüht, ihren jüngeren Mitgliedern zu helfen, zu einem erfüllten und glücklichen Leben zu finden. Die gut arrangierte und glückliche Ehe gilt als wesentlicher Bestandteil eines solchen Lebens.

Als die Heiratsvermittlerin das allererste Mal bei uns anrief, hielt sie einen höflichen Vortrag darüber, wie wichtig es sei, dass junge Leute mit passenden Partnern verheiratet werden. Die ganze Gemeinde hätte die Aufgabe, die Suche zu unterstützen, hatte sie uns erläutert. Die einleitenden Worte der Heiratsvermittlerin waren freundlich und tief empfunden.

Die Ehe ist eine Angelegenheit der ganzen Gemeinde, und wer bereitwillig seine Dienste als Heiratsvermittler anbietet, übernimmt eine entscheidende Rolle dabei, die Existenz des Familienverbands zu schützen. Nach islamischer Ansicht erwirbt sich jemand, der zwei Menschen zu einer Ehe zusammenführt, einen immensen spirituellen Lohn für seine gute Tat. Die Heiratsvermittlerin erklärte meiner Mutter, dass die Zeit des Studiums sehr günstig sei, um mit der Suche nach einem Ehemann zu beginnen. Es wird akzeptiert, dass eine junge Frau sich entscheidet, erst ihre Ausbildung abzuschließen, bevor sie heiratet.

»Diese Dinge brauchen Zeit«, lautete ihr erfahrener Ratschlag an meine Mutter. »Und wenn Sie den Richtigen finden, dann kann Shelina heiraten und weiterstudieren, oder sie können sich verloben und später heiraten, wenn Shelina ihren Abschluss gemacht hat.«

Dann fügte sie fast drohend hinzu: »Die guten Jungen werden heutzutage sehr schnell weggeschnappt.« Sie schwieg einen Augenblick und fragte: »Soll ich anfangen, nach jemandem für sie zu suchen?«

Sowohl meine Mutter als auch die Heiratsvermittlerin wussten, dass die Frage nur der Form halber gestellt wurde. Sie hielten beide bereits Ausschau. Elterliche Augen mustern von Kindheit an ständig potenzielle Partner, um später auf sie zurückzukommen, wenn die infrage kommenden Heiratskandidaten erwachsen sind. Bei der Partnersuche ist es wichtig, langfristig zu denken. Die Etikette verlangte eine Antwort, und meine Mutter kam ihr nach, indem sie der Frau für ihre Besorgnis dankte, die Herausforderungen würdigte, vor denen Heiratsvermittler standen, und immer wieder von dem Lohn sprach, den sie sich mit dieser so hingebungsvollen Erfüllung ihrer islamischen Pflichten erwarben.

»Ich hätte jemanden vorzuschlagen«, unterbrach die Heiratsvermittlerin sie. »Einen

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