Logo weiterlesen.de
Küss mich, Cowgirl!

1. KAPITEL

Der erste Samstag im August

Die erste nur aus Frauen bestehende Urlaubergruppe kam um zehn Uhr vormittags auf der Bar-K-Ranch an. Alles war bereit, einschließlich einiger zusätzlich für diesen Anlass angeheuerter Hilfskräfte, die sich augenzwinkernd Aushilfscowboys nannten.

Es war nicht schwer gewesen, sie zu finden. Sobald Toni in Umlauf gesetzt hatte, dass die Bar-K-Ranch voller Frauen sein würde, waren die Bewerbungen nur so hereingeströmt.

“Seid euch darüber im Klaren”, warnte Toni vorsichtig alle Bewerber, “dass Frauen jeden Alters, vom Teenager bis zur Großmutter, ihre Urlaubswoche auf der Ferienranch verbringen werden. Jede von ihnen muss wie eine Königin behandelt werden – als sei sie die wichtigste Frau auf der Welt, was sie für uns auch ist.”

Kein Problem, hatten ihre neuen Helfer versichert und insgeheim zweifellos gehofft, jemandem zugewiesen zu werden, der wie Niki Keene aussah und nicht wie Grandma Tilly.

Das erste Auto, ein schnittiger silberner Sportwagen, fuhr auf dem Hof der Ranch vor. Toni und Granny gingen zusammen die Stufen hinunter, um die beiden Frauen, die aus dem Wagen stiegen, zu begrüßen. Die Fahrerin, eine junge Blonde mit grauen Augen, die nach viel Geld aussah, kam ihnen entgegen und streckte die Hand aus.

“Hallo, ich bin Marilee Barnett. Und dies ist meine Cousine. Wir sind so aufgeregt, dass wir hier sind!”

Toni mochte die junge Frau, die nicht älter als einundzwanzig sein konnte, auf Anhieb. Sie war nicht nur hübsch, sondern hatte auch eine offene, aufrichtige Art. Sie war gekleidet wie ein schickes Cowgirl und schien sich in den Sachen nicht annähernd so unbehaglich zu fühlen wie viele der anderen Gäste auf der Ranch.

Die andere, etwa zehn Jahre ältere Frau streckte ebenfalls die Hand aus. “Ich bin Lora Miller, die Cousine dieser wilden Lady”, erklärte sie lächelnd. Im Gegensatz zu Marilee trug sie “zivile” Kleidung: eine Freizeithose aus Leinen, eine Seidenbluse und Ledersandaletten. Sie wirkte beinah amüsiert, sich auf einer Ranch zu befinden.

“Willkommen auf der Bar-K-Ranch.” Toni schüttelte beiden die Hand. “Ich bin Toni Keene, und dies ist meine Großmutter, Tilly Collins. Wir haben Ihnen die Sundance-Kid-Hütte zugewiesen.”

“Sundance Kid!” Die beiden Frauen tauschten amüsierte Blicke.

“Es ist die letzte Hütte dort hinten.” Toni deutete auf zwei Reihen L-förmig um den Pool angeordneter Blockhütten. “Sie können direkt vor die Tür fahren, um Ihre Sachen auszuladen, und anschließend den Wagen dort drüben abstellen.” Sie zeigte auf einen gekiesten Parkplatz.

“Großartig”, meinte Marilee begeistert und zwinkerte ihrer Cousine zu. “Ich kann es kaum erwarten, meinen Cowboy kennenzulernen.”

“Unseren Cowboy”, korrigierte Lora sie. “Wann wird das überhaupt sein?”

“Beim Abendessen”, versprach Toni und entdeckte eine neue näher kommende Staubwolke. “Ich denke, Sie werden in Ihrer Hütte alles zu Ihrer Zufriedenheit vorfinden. Falls wir noch irgendetwas für Sie tun können, zögern Sie nicht, uns darum zu bitten.”

“Das werden wir nicht!”, erwiderten die beiden Frauen gleichzeitig und gingen zurück zu ihrem Wagen. Als sie bei ihrer Hütte waren, erreichte die nächste Frauengruppe die Ranch.

Nachdem die Frauen ausgepackt hatten, kamen sie aus ihren Hütten, um den nach ihnen Eintreffenden zuzuschauen, bei Sandwiches und kalten Getränken im Schatten der Bäume zu sitzen oder zum Korral zu schlendern und die Pferde zu bewundern – und die Cowboys, die Anweisung erhalten hatten, bis zum Abendessen ihrer Arbeit nachzugehen. Toni war die ganze Zeit damit beschäftigt, die Neuankömmlinge zu begrüßen und zu lächeln, bis sie das Gefühl hatte, einen Krampf im Gesicht zu bekommen.

Granny, die ins Haus gegangen war, um das Abendessen vorzubereiten, kam gegen zwei Uhr wieder nach draußen. “Sind noch nicht alle da?”, erkundigte sie sich.

“Ich glaube, zwei kommen nicht. Zum Glück hätten sie eine Hütte gemeinsam gehabt.” Toni beschattete die Augen gegen die Sonne und spähte den unbefestigten Weg hinunter. Doch es war kein Wagen in Sicht. “Vielleicht verspäten sie sich aber auch nur.”

Marilee gesellte sich lächelnd zu ihnen. “Fehlt jemand?”

Toni nickte. “Aber vielleicht tauchen sie doch noch auf. Am besten, wir gehen alle schon mal hinein, damit ich Ihnen das Programm für diese Woche …” Sie hielt inne, da sie auf einmal eine Staubwolke entdeckte, die sich schnell auf der schmalen Straße voranbewegte. Erstaunt beobachtete sie die Ankunft einer Limousine.

Offenbar war sie nicht die Einzige, die sich darüber wunderte, da die übrigen Frauen in Grüppchen oder einzeln zu dem kleinen Parkplatz vor dem Hauptgebäude strömten.

Marilee rief empört etwas aus. Bevor Toni sie jedoch fragen konnte, was denn los sei, bremste die große Limousine mit quietschenden Reifen, und die hintere Tür flog auf.

Der Mann, der aus dem Wagen sprang, hätte nicht deplatzierter aussehen können. Sein schwarzer Anzug, die weiße Krawatte, die dunkle Pilotenbrille und die polierten Schuhe passten überhaupt nicht an diesen Ort.

Er hatte gewelltes dunkles Haar und ein charmantes Lächeln, das zwei Grübchen in seinen Wangen entstehen ließ. Als er die Brille abnahm, war Toni von der Intensität seines amüsierten Blickes beinah benommen. Noch nie hatte sie einen so temperamentvollen Ausdruck in den Augen eines Menschen gesehen, wie bei diesem Fremden, der sich offensichtlich verfahren hatte.

Sie ging zu ihm, um ihm zu helfen … und um ihn so rasch wie möglich wieder loszuwerden, da er sie fatal an einen Fuchs im Hühnerstall erinnerte. “Kann ich etwas für Sie tun?”

“Es wäre jedenfalls schön, wenn Sie es versuchen würden”, erwiderte er.

Toni blieb abrupt stehen und runzelte die Stirn. Seltsamerweise betrachtete er sie mit dem gleichen raubtierhaften Blick, mit dem die meisten Männer ihre Schwester Niki ansahen. Offenbar lag hier ein Missverständnis vor.

“Nein, ich meine, haben Sie sich verfahren?”

“Nicht wenn dies die Bar-K-Ferienranch ist.”

“Das ist sie, aber …”

“Toni, lassen Sie mich das erklären”, mischte Marilee sich ein und wandte sich an den Neuankömmling. “Simon, was machst du hier?”

Sein Lächeln wurde noch breiter. “Ich bin gekommen, um dich nach Hause zu holen.”

Ein erstaunter Ausdruck huschte über das attraktive Gesicht der Frau, die Marilee Toni genannt hatte. Sie strahlte eine Sanftheit aus, die ihn sofort ansprach, eine Verletzlichkeit, die automatisch seine ohnehin übermäßig ausgeprägten Beschützerinstinkte weckte. Dies war eine Frau, die er unbedingt näher kennenlernen wollte.

Aber alles zu seiner Zeit. Er war seiner Schwester von San Antonio hierher gefolgt, um zu durchkreuzen, was er für ihren Plan hielt: sich unter dem Vorwand eines Urlaubs auf einer Ferienranch aus dem Staub zu machen und einen weiteren Kandidaten aus einer langen Reihe inakzeptabler junger Männer zu treffen. Aber das konnte und wollte Simon nicht dulden.

Natürlich waren, wenn es nach Simon ging, alle männlichen Freunde Marilees inakzeptabel. Er hatte das Objekt ihrer neuesten Begierde nicht kennengelernt. Aber das brauchte er auch nicht, um zu wissen, dass dieser Mann für sie nicht geeignet war. Mit einundzwanzig war sie einfach noch zu jung, um sich überhaupt mit Männern einzulassen.

Er warf seiner Cousine Lora mit zusammengekniffenen Augen einen Blick zu.

Die zuckte jedoch nur die Schultern, als wollte sie sagen: “Was hätte ich tun sollen? Gegen ihren Willen bin ich machtlos.”

“Fahr nach Hause, Simon”, sagte Marilee.

“O nein. Nicht ohne dich, Mädchen.”

“Ich habe für eine Woche hier gebucht und bezahlt, und ich bleibe, ob es dir nun passt oder nicht.”

“Es passt mir nicht. Hör auf, mir das Leben schwer zu machen, und komm nach Hause, wohin du gehörst. Dort werden wir alles in Ruhe klären.”

Marilee ballte die Fäuste. “Auf keinen Fall. Ich bin volljährig. Du kannst mich zu gar nichts zwingen!”

Nein, das konnte er tatsächlich nicht, seit sie ihren Anteil des Familienvermögens bekommen hatte, das kein Familienvermögen gewesen war, als sie es vor über zehn Jahren von ihren Eltern geerbt hatten. Es war Simon gewesen, der die kleine Maklerfirma in ein Unternehmen für Baulanderschließung umgewandelt hatte, das einen Gutteil von San Antonio kontrollierte. Trotzdem gehörte genau die Hälfte davon Marilee.

Nicht, dass er das Vermögen nicht teilen wollte. Das war keineswegs so. Nur hasste er es, die Kontrolle über alles mit jemandem zu teilen.

“Wir sorgen hier für Aufruhr”, meinte er. “Lass uns nach Hause fahren, wo wir uns ohne Publikum unterhalten können.” Er wandte sich ab, als erwarte er, dass Marilee ihm brav folgte.

Was sie natürlich nicht tat. “Ich bleibe!”, rief sie ihm nach. “Und es ist mir egal, ob es dir gefällt oder nicht! Ich habe es satt, dass du über mein Leben bestimmst! Du bist mein Bruder, und ich liebe dich. Aber du bist einfach schrecklich vernagelt!”

Toni mischte sich besorgt ein. “Um Himmels willen, streiten Sie nicht. Ich bin sicher, wir können einen Kompromiss finden.”

“Das bezweifle ich”, entgegnete Marilee, allerdings schon ruhiger. “Toni, wenn Sie wüssten, was ich mir alles gefallen lassen muss!”

“Sicher.” Toni warf Simon einen vorwurfsvollen Blick zu. “Aber er ist schließlich Ihr Bruder, nicht wahr? Ich bin überzeugt, er will nur das Beste für Sie. Wieso gehen wir nicht alle ins Haus, wo Sie beide die Sache ungestört klären können?” Sie registrierte die neugierigen Blicke der anderen Gäste.

Simon spürte Tonis wachsendes Unbehagen. Ein komisches Gefühl stieg in ihm auf, das er zunächst nicht benennen konnte. Was um alles in der Welt war das? Er war es gewohnt, zu bekommen, was er wollte, und mit Erstaunen wurde ihm jetzt klar, dass er Toni wollte.

Grundgütiger! Dabei war er noch keine fünf Minuten hier! Er kannte noch nicht einmal ihren Nachnamen und begehrte sie schon wie ein frisch verknallter Teenager. Doch in diese Begierde mischte sich ein erschreckend neues Gefühl der Zärtlichkeit.

Simon Barnett war ein Mann, der stolz darauf war, augenblicklich Entscheidungen treffen zu können. Aber mit Liebe auf den ersten Blick hatte er keinerlei Erfahrung.

Damit würde er sich näher beschäftigen müssen …

Simon leerte sein Glas Eistee, während Toni hinauseilte, um seinem Chauffeur und seinem persönlichen Assistenten Erfrischungsgetränke zu bringen. Die beiden hatten die Limousine verlassen und es sich in Schaukelstühlen auf der schattigen Veranda bequem gemacht. Simon schaute ihr nach und fand, dass sie wahrscheinlich die netteste und zuvorkommendste Frau war, die er je kennengelernt hatte. Und das war sicher nicht alles.

“Simon!” Marilees empörte Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. “Du vergeudest nur deine Zeit.”

“Ich vergeude niemals meine Zeit.” Er richtete sich auf. Er saß an einem Spieltisch in dem großen offenen Raum, der zur Vorderseite des Hauptgebäudes lag. An beiden Enden des Raumes befanden sich enorme, aus Stein gemauerte Kamine. Vor dem einen stand ein Billardtisch, vor dem anderen Spieltische. Sessel mit Armlehnen aus geschwungenen Tierhörnern und mit Schnitzereien verzierte Tische und Anrichten verliehen dem Raum eine gemütliche rustikale Atmosphäre.

“Und ob du sie vergeudest, Simon. Seit ich im letzten Monat einundzwanzig geworden bin, kannst du nicht mehr über mich bestimmen. Du kannst überhaupt nichts unternehmen.” Sie sah ihn herausfordernd an. “Was wirfst du mir eigentlich vor? Dies ist nämlich ein anständiger Ort.”

“Selbstverständlich, und ich werfe dir auch nichts vor. Ich will nur kein Risiko eingehen. Du bist schließlich meine einzige Schwester.”

Sie stöhnte. “Und du bist der einzige Bruder, den ich habe. Ich liebe dich sehr, aber ich habe es satt, mich von dir bevormunden zu lassen.” Sie beugte sich vor und nahm seine Hände in ihre. “Lass mich in Ruhe, Simon. Seit Mom und Daddy tot sind, machst du mir Vorschriften und passt auf mich auf. Wahrscheinlich hast du dich schon so sehr daran gewöhnt. Aber inzwischen bin ich zu alt dafür.”

“Du bist gerade erst einundzwanzig geworden.” Er kniff die Augen zusammen. “Ich wette um die Firma, dass du wegen eines Mannes hier bist. Wenn niemand auf dich achtet, wirst du dich davonschleichen, um dich mit ihm zu treffen. Ach komm schon, Mari, ich habe dich am Telefon gehört.”

“Du hast mich belauscht?”

“Natürlich nicht – jedenfalls nicht absichtlich. Wenn der Kerl anständig ist, wieso bringst du ihn dann nicht mit nach Hause, damit ich ihn kennenlernen kann?”

“Weil ich kaum … oh!” Sie hatte seine Hand beiseitegeschoben. Dabei war er gegen das Teeglas gestoßen und hatte es auf den Hartholzfußboden gefegt. Der Eistee und die Eiswürfel waren zwar auf dem Boden gelandet, aber das Glas ging nicht kaputt.

“Jetzt sieh dir an, was du angerichtet hast!” Marilee sprang auf. “Also wirklich, Simon!”

Toni kam in diesem Moment zurück und erfasste die Situation mit einem Blick. “Macht doch nichts”, rief sie mit ungetrübter Freundlichkeit. “Ich hole nur schnell einen Lappen. Setzen Sie Ihre Unterhaltung ruhig fort.”

Marilee stöhnte und schüttelte den Kopf. “Anscheinend kann nichts diese Frau aus der Ruhe bringen. Seit wir angekommen sind strahlt sie und ist nett zu allen. Weißt du was?”

“Was?” Simon starrte noch immer zur Tür, durch die Toni verschwunden war.

“Ich glaube, das ist bei ihr wirklich echt. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie uns etwas vormacht und dann heimlich vor sich hin flucht.”

Er sah auf. “Du meinst, so wie wir?”

“Genau, wie wir.” Marilee lachte widerstrebend. “Simon, fahr nach Hause. Bring mich nicht in Verlegenheit.”

“Wie sollte ein Bruder dich in Verlegenheit bringen, der sich nur um dich sorgt?”

Die Tür ging auf, und Toni kam eilig herein, mit einem Wischmopp in den Händen. Sie lächelte noch immer. “Ich beseitige das nur rasch. Dann verschwinde ich wieder, damit Sie Ihr Gespräch fortsetzen können.”

“Nein, gehen Sie nicht!”, baten Simon und Marilee sie gleichzeitig.

“Aber Sie haben private Dinge zu besprechen.” Toni wischte ein letztes Mal über die nasse Stelle. “Soll ich Ihnen noch etwas Tee bringen? Oder vielleicht ein paar Kekse?”

“Sie können sich setzen.” Simon stand auf, um ihr einen Stuhl zurechtzurücken. “Bitte.”

Ein besorgter Ausdruck trat in ihre braunen Augen, aber sie setzte sich und lehnte den Wischmopp an die Tischkante. Sie sah von einem zu anderen und fragte: “Wie kann ich Ihnen helfen?”

“Sie können mir ein Zimmer geben”, verkündete Simon. “Wenn Marilee nicht mit nach Hause kommt, bleibe ich auch.”

Toni sah ihn erstaunt an. “Aber das ist unmöglich.”

“Wieso?”

“Weil … erstens sind alle Hütten belegt. Bis auf eine. Aber dieser Gast kommt bestimmt nur zu spät.”

“Ich glaube nicht, dass er noch kommt”, meinte Simon selbstsicher. “Wenn das das einzige Problem ist …”

“Ist es nicht.” Toni warf Marilee einen flehenden Blick zu. “Diese Woche ist nur für Frauen bestimmt, und Sie … na ja, Sie sind ein Mann.”

“Sie haben es bemerkt?”, erwiderte Simon trocken. “Ich fühle mich geschmeichelt. Was noch?”

“Reicht das etwa nicht?” Toni schüttelte aufgebracht den Kopf, sodass ihre lockigen Haare wippten. “Es geht einfach nicht. Der ganze Monat August ist ausschließlich Frauen vorbehalten.”

“Das denken Sie.” Jetzt hatte er sie. Jetzt würde er seinen Willen bekommen.”

“Nein, so ist es wirklich. Wir haben es so geplant.”

“Das sehe ich. Trotzdem habe ich die Absicht zu bleiben.”

“Aber das geht nicht!” Sie bebte förmlich vor Empörung.

“Ach nein?” Er neigte den Kopf, und ein Grinsen umspielte seine Mundwinkel. Je mehr sie protestierte, desto entschlossener wurde er. “Sagen Ihnen die Worte ‘sexuelle Diskriminierung’ etwas?”

“Nein”, erwiderte sie. “Warum sollten sie? Ich habe noch nie in meinem Leben irgendjemanden diskriminiert, weder sexuell noch sonst irgendwie.”

“Sie haben nicht verstanden, worum es mir geht. Ich meinte sexuelle Diskriminierung im Sinne von Benachteiligung von Männern. Im Sinne einer Klage.”

Toni starrte ihn fassungslos an. “Sie machen Witze! Wir sind ausgebucht. Wir haben einfach keinen Platz mehr. Selbst wenn es nicht so wäre, wieso sollten Sie dann hier sein wollen? Sämtliche Aktivitäten sind für Frauen geplant. Für je zwei Frauen steht ein Cowboy zur Verfügung. Er kümmert sich um sie, tanzt mit ihnen, macht mit ihnen Ausritte im Mondschein und … und … solche Sachen eben. Sie wollen doch wohl bestimmt keinen Cowboy, der Sie persönlich betreut, oder?” Toni verschränkte die Arme vor der Brust und hielt seinem Blick unerschrocken stand, als hätte sie ihm ein Argument genannt, das er nicht widerlegen konnte.

Fast hätte Simon laut gelacht. “Sie haben recht, ich will keinen Cowboy, der mich individuell betreut. Um es kurz zu machen, Miss Toni, ich will Sie.”

Ihr sinnlicher Mund öffnete sich, und sie starrte Simon benommen an. “Aber … das geht nicht! So funktioniert das nicht. Ich habe andere Dinge zu tun. Ich kann nicht einfach alles liegen lassen und …” Abrupt hielt sie inne, schluckte hart und warf Marilee einen verzweifelten Blick zu. “Würde er uns wirklich verklagen?”

Marilee schien die ganze Situation unangenehm zu sein. “Ich fürchte, nichts ist unmöglich, wenn er ein Ziel verfolgt”, räumte sie verbittert ein. Dann wandte sie sich an ihren Bruder. “Du glaubst, ich werde nachgeben, wie? Du denkst, wenn du nur abscheulich genug bist, kapituliere ich.”

Das stimmte, doch er zuckte lediglich die Schultern. Plötzlich wollte er gar nicht mehr, dass seine Schwester mit ihm nach Hause fuhr. Er wollte hierbleiben, von seinem Lieblingscowgirl betreut werden und herausfinden, was gerade mit ihm geschah. “Und? Gibst du nach?”

“Nein!”

“Dann bleibe ich auch. Abgemacht, Toni? He!” Er schnippte mit den Fingern, da sie wie in Trance wirkte. “Abgemacht?”

“Auf keinen Fall.” Sie sprang auf und schnappte sich den Wischmopp. “Erst muss ich mit meiner Großmutter und meinen beiden Schwestern reden.” Damit floh sie aus dem Raum.

Simon und Marilee sahen sich in die Augen. Schließlich fing Simon an zu lachen. “Schwesterherz, am Ende gewinne ich den Kampf doch.” Und Toni dazu, schwor er sich im Stillen.

Toni fand Granny in der Küche beim Kartoffelschälen. Dani, die an dem kleinen Esstisch über der Buchführung saß, leistete ihr Gesellschaft. Grannys Haushaltshilfe, Sheila Owens, eine Frau mittleren Alters, gab Pfannkuchenteig in eine große Pfanne.

Dani schaute lächelnd auf. “Sind alle Gäste angekommen?”

“Bis auf die beiden Frauen aus Tulsa. Ich habe ihren Namen vergessen.”

Granny ließ eine weitere Kartoffel in den Topf mit Wasser plumpsen. “Sie haben angerufen und gesagt, dass sie es nicht mehr schaffen werden.”

Toni stöhnte. “Na fabelhaft.”

Dani legte den Stift aus der Hand und musterte ihre Schwester neugierig. “Was hat das zu bedeuten? Eine leere Hütte ist doch keine Katastrophe.”

Eine leere Hütte bedeutete aber, dass dieser unerträgliche Simon Barnett seine Chance wittern würde. “Wir haben ein Problem”, eröffnete Toni ihnen grimmig. “Der Bruder einer unserer gebuchten Gäste ist hier und verlangt, ebenfalls bleiben zu dürfen.”

“Er will bleiben? Ohne Reservierung?” Danis Miene verhärtete sich. “Für wen hält der sich?”

“Ich nehme an, für Gott, so wie er sich aufführt.”

“Sag ihm einfach, er soll verschwinden”, schlug Dani vor. “Wenn du nicht mit ihm fertig wirst, ich werde es bestimmt.” Mühsam stemmte sich die Hochschwangere vom Tisch hoch.

Toni hätte fast gelacht. Dani erwartete das Baby in wenigen Wochen, und der Wölbung ihres Bauches nach zu urteilen konnten es durchaus Zwillinge werden. Was hätte sie nicht dafür gegeben, Dani gegen Simon Barnett antreten zu sehen.

Nur würde das die Situation auch nicht verbessern, und es wäre weder für das Baby noch für die Mutter gut. “Bleib ruhig”, sagte sie daher. “Ich kümmere mich schon darum. Die Sache ist nur … ich fürchte, ich habe es bereits vermasselt.”

“Wie das?”

“Indem ich ihm gesagt habe, dass diese Woche allein Frauen vorbehalten ist.”

“Tja, so ist es doch wohl auch, oder?”, meldete sich Granny wieder zu Wort.

“Schon, aber er behauptet, das sei sexuelle Diskriminierung. Und ihr wisst ja, wie heikel solche Themen heutzutage sind. Glaubt ihr, er kann uns wirklich Ärger machen, wenn wir ihn abweisen?”

Die drei Frauen tauschten zweifelnde Blicke.

“Wir könnten John Salazar anrufen”, sagte Dani schließlich und bezog sich auf den Anwalt, der sich nach ihrer Erbschaft der Ranch um ihre rechtlichen Angelegenheiten gekümmert hatte.

“Das könnten wir”, stimmte Granny zu, “wenn er nicht gerade seine zweiten Flitterwochen in der Karibik verbringen würde.”

“Wann wird er denn zurück sein?”

“Was spielt das für eine Rolle?” Toni schüttelte bedauernd den Kopf. “Uns bleibt ohnehin keine Zeit mehr. Simon Barnett ist in diesem Moment dort draußen und wartet auf eine Antwort.” Sie biss sich auf die Unterlippe. “So ungern ich es auch tue, ich fürchte, wir werden ihn aufnehmen müssen.”

Dani verzog das Gesicht und setzte sich wieder. “Das ist vermutlich am sichersten. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, was für ein Typ Mann sich aufdrängt, wo er nicht erwünscht ist.”

“Ich kann dir genau sagen, welcher Typ Mann das ist”, murmelte Toni finster. “Ein arroganter, maßlos von sich selbst überzeugter Stadtmensch. Er verkörpert genau die Sorte Mann, die ich zutiefst verabscheue.”

Dani runzelte die Stirn. “Gütiger Himmel, so habe ich dich ja noch nie reden hören. Du kannst diesen Kerl tatsächlich nicht leiden, was?”

“Nein, kann ich nicht. Aber eine Woche werde ich wohl alles aushalten.”

“Genau!”, riefen alle gleichzeitig.

Toni marschierte hinaus, um Simon Barnett diese Neuigkeit zu überbringen. Sie wünschte, sie würde sich so selbstsicher fühlen, wie sie gerade noch zu klingen versucht hatte. Denn irgendetwas an diesem Mann regte sie fürchterlich auf. Und zwar so sehr, dass sie davon Magenschmerzen bekam. Kein Mensch, weder Mann noch Frau, hatte sie jemals so aufgewühlt.

Wieso musste er ausgerechnet jetzt hier auftauchen, wo sie mit ihrer Idee von den Frauenwochen im August allen zeigen wollte, wie kompetent sie war?

Toni deutete auf die dem Haupthaus am nächsten stehende Blockhütte. “Das ist Ihre.” Ihre Stimme war tonlos und beherrscht. “Es ist die Wild-Bill-Hütte.” Sie verzog das Gesicht.

Simon lachte. Er hatte gewonnen, da konnte er sich ein Lachen erlauben. “Ausgezeichnet”, sagte er gut gelaunt. “Und wo wird mein Assistent wohnen?”

“Ihr Assistent?”

“Kent Jefferson. Er braucht selbstverständlich seine eigene Hütte.”

“Ausgeschlossen.” Sie wurde wütend. “Sie haben Glück, dass überhaupt noch eine Hütte frei ist. Und jetzt verlangen Sie zwei? Völlig ausgeschlossen! Wenn die beiden Ladys aus Tulsa nicht abgesagt hätten … Sie werden sich die Hütte mit Ihrem Assistenten teilen müssen.”

“Das wird Kent nicht gefallen.”

“Mr Barnett …”

“Simon.”

“Mr Barnett, dies ist Ihre Hütte, die Sie teilen können, mit wem auch immer Sie möchten.”

Verdammt, wenn das nur wahr wäre, dann würde er sich ganz bestimmt nicht für Kent entscheiden. Er unterdrückte ein Grinsen. “Im Ernst?”

“Sicher. Außerdem wird diese Woche ziemlich teuer für Sie”, fügte sie hinzu. “Wir müssen einen fünfundzwanzigprozentigen Aufschlag für Spätbuchung nehmen.” Sie hob herausfordernd das Kinn, als erwarte sie, mit ihm darüber zu streiten.

“Fünfundzwanzig Prozent klingt angemessen.”

“Ja?” Sie wirkte enttäuscht. “Aha.” Sie schloss die Tür zur Blockhütte auf und wich zurück, um ihn eintreten zu lassen. Doch er rührte sich nicht. Irritiert erklärte Toni: “In diesem Fall können Sie einziehen. Das Abendessen findet um sieben statt. Granny wird den Gong schlagen, wenn es Zeit ist, in den Speisesaal zu kommen. Beim zweiten Gongschlag sind Sie schon zu spät.”

“Moment mal. Ich bin für diesen Aufenthalt überhaupt nicht vorbereitet. Ich muss mir in der Stadt ein paar Sachen besorgen.”

“Gut, aber wenn Sie eine Mahlzeit verpassen …”

“Deshalb müssen Sie mitkommen und mir zeigen, wo ich finde, was ich brauche, damit ich rechtzeitig wieder hier bin.”

“O nein! Auf gar keinen Fall!” Sie floh rückwärts von der niedrigen Veranda und stolperte ein wenig über die Stufe. “Das kann ich nicht.”

“Natürlich können Sie. Sie sind mein Cowgirl. Es ist Ihr Job, mich glücklich zu machen.”

Sie war völlig durcheinander. “Na ja, also, aber …”

“S

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Küss mich, Cowgirl!" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen