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Küss! Mich! Jetzt!

1. KAPITEL

Ein Unglück kommt selten allein, dachte Roxanne Trammel, als sie durch den Türspalt blickte. Am Aussehen des Mannes, der am Verkaufstresen ihres Brautausstattungsgeschäfts in Sydney stand, war nichts auszusetzen: etwa ein Meter fünfundachtzig groß, sehr männlich, eisblaue Augen, pechschwarzes Haar. Bei so einem Anblick schlugen Frauenherzen schneller – ihres eingeschlossen.

Am liebsten hätte sie sich irgendwo verkrochen. Sie kannte den Mann leider nur zu gut, und dass er ausgerechnet hier auftauchte, nachdem sie kurz zuvor in ein Brautkleid geschlüpft war, konnte man nur als blanken Hohn bezeichnen.

In diesem Moment zog er die schwarzen Augenbrauen zusammen, warf einen Blick auf seine sportlich-elegante Armbanduhr und rieb sich den Nacken, den sie, Roxy, vor gar nicht so langer Zeit umschlungen hatte. An jenem schicksalhaften Frühlingsabend war es zum ersten und einzigen Kuss zwischen ihr und Nate Sparks gekommen. Wenn sie die Augen schloss, meinte sie, immer noch den herben Duft seines Aftershaves zu riechen und die raue Wange an ihrer zu spüren. Die magische Liebkosung hatte sie tief berührt und in eine andere, aufregende Welt versetzt.

„Hallo? Ist jemand da?“ Der Besucher sah um sich, beugte sich über den Tresen und wirkte verärgert, weil sich niemand blicken ließ.

Nervös biss Roxy sich auf die Lippe und hoffte, er würde einfach wieder verschwinden. Sie hatte Nate Sparks nichts zu sagen. Außerdem lief ihr langsam die Zeit davon, die ihr noch zur Lösung ihres Problems zur Verfügung stand. Die Zukunft von mindestens drei Menschen hing von dem Kleid ab, in dem sie steckte.

Im Verkaufsraum hatte Nate einen Notizblock mit dem Werbeschriftzug ihres Geschäfts Perfect Dress gefunden und zog einen goldenen Füllfederhalter aus der Sakkotasche. Nachdenklich tippte er sich mit dem Füller gegen das Grübchen im Kinn. Dann brachte er sein Anliegen zu Papier.

Der exquisite Duchesse-Satin raschelte, als Roxy versuchte, etwas mehr durch den Türspalt zu erkennen.

Was mochte Nate schreiben? Bitte verzeih mir mein mieses Verhalten. Komm mit mir zum Abendessen. Unwahrscheinlich. Nate hatte sich damals blitzschnell aus dem Staub gemacht. Dabei hatte der Kuss ihn ebenso überwältigt wie sie. Darüber bestand kein Zweifel. Doch da sie sich auf der Verlobungsparty von Roxys bester Freundin mit Nates bestem Kumpel kennengelernt hatten und Roxy in den höchsten Tönen von ihrem Beruf als Brautausstatterin geschwärmt hatte, befürchtete er wohl, der Nächste zu sein, der vor dem Altar landete. Darum hatte er kurzerhand die Flucht ergriffen.

Roxy betrachtete die Ehe zwar als durchaus ernst zu nehmende Institution, war sich aber bewusst, dass dazu mehr gehörte als heißes Verlangen. Diese Meinung brauchte sie Nate Sparks nicht auf die Nase zu binden, doch hinter der Tür konnte und wollte sie sich auch nicht ewig verstecken. Das ließ ihr Stolz nicht zu.

Also atmete Roxy tief durch und betrat entschlossen den Verkaufsraum, wobei die Schleppe erotisch raschelte.

Nate erstarrte für einen Moment, fasste sich aber sofort wieder und rang sich ein Lächeln ab. „Du bist ja doch da. Ich war gerade dabei, dir eine Nachricht zu schreiben.“ Er räusperte sich. „Hübsches Outfit. Bedienst du hier immer im Brautkleid?“

Diese Frage verdiente eine passende Antwort. „Nur wenn ich mich einsam fühle.“ Roxy musste sich das Lachen verkneifen, als Nate sie fassungslos ansah. Offensichtlich wusste er nicht, ob das ein Scherz war oder er lieber schnell wieder das Weite suchen sollte. Doch er konnte ganz beruhigt sein. Sie würde ihn ganz sicher nie wieder in die Nähe ihrer Lippen lassen. Sorgfältig entfernte Roxy die funkelnde Tiara und den Schleier und legte die Sachen auf den Tresen.

„Was kann ich für dich tun, Nate?“

„Greg hat es mir heute Morgen erzählt. Du wirst es ja schon von Marla erfahren haben.“

Roxy nahm die Strassohrringe ab. „Die Hochzeit ist abgeblasen.“ Nach einjähriger Verlobungszeit!

Die Frau, für die Roxy mit viel Liebe zum Detail das Brautkleid genäht hatte, wollte nun doch nicht heiraten. Diese Nachricht hatte sie schwer getroffen – und nicht nur wegen Marla. Auch sie selbst war am Boden zerstört. Noch nie zuvor hatte sie so ein atemberaubendes Kleid kreiert. Es hätte in der Branche für Furore gesorgt – genau zum richtigen Zeitpunkt.

Nate sah ihr tief in die Augen und sagte leise mit seiner tiefen Stimme: „Greg ist mein bester Kumpel.“

„Und Marla meine beste Freundin.“

„Die beiden sind doch wie füreinander gemacht“, bemerkte er betrübt.

„Seit Marla die eindeutigen Fotos gesehen hat, ist sie vom Gegenteil überzeugt“, meinte Roxy trocken. Sie verstand, wie ihre Freundin sich fühlte. Als sie eine Woche nach der Verlobungsfeier in einer Promizeitschrift ein Foto von Nate am Arm einer vollbusigen Brünetten mit aufgespritzten Lippen gesehen hatte, war sie so wütend und verletzt gewesen, dass sie die Seite herausgerissen und zerknüllt hatte.

„Ja, die Bilder sind ziemlich belastend.“

„Schlimm genug, dass Greg in betrunkenem Zustand an einer halb nackten Frau herumgefummelt hat. Aber dass sein sogenannter Freund davon auch noch Fotos ins Internet stellt, ist die absolute Krönung. Komm mir jetzt bitte nicht mit der Entschuldigung, es hätte sich schließlich um Gregs Junggesellenabschied gehandelt!“ Roxy verschränkte die Arme über der mit Strasssteinen bestickten Corsage. „Sag mal, wo warst du eigentlich, als das passiert ist? Du als Trauzeuge hättest so ein Verhalten doch wohl verhindern müssen, oder?“

„Ich hatte am nächsten Morgen einen Termin, den ich nicht absagen konnte“, erklärte Nate.

„Wie auch immer. Greg hat sich wie ein Schuft benommen, und du kannst dir die Mühe sparen, sein Verhalten zu entschuldigen.“

Die arme Marla war völlig fertig. Welcher Teufel hatte Greg an dem verhängnisvollen Abend nur geritten? Schließlich war er so verliebt in seine Verlobte gewesen. Leider wusste Roxy aus Erfahrung, dass man Männern nicht über den Weg trauen durfte. Daher war es richtig von Marla, die Hochzeit platzen zu lassen.

Doch was sollte jetzt aus dem Brautkleid werden? Roxys Hoffnung auf eine glänzende Karriere als Brautmodendesignern drohte wie eine Seifenblase zu zerplatzen. Die gesamte Branche war seit Monaten in Aufruhr wegen eines Wettbewerbs. Das siegreiche Brautkleid würde auf den Pariser Modeschauen präsentiert und auf dem Titel der wichtigsten Zeitschrift für Brautmoden abgedruckt werden. Außerdem erhielt die Designerin ein ansehnliches Preisgeld und durfte ein Jahr lang bei New Yorks führendem Brautmodendesigner hospitieren.

Nächtelang hatte Roxy davon geträumt, den ersten Preis zu gewinnen. Ihr Berufswunsch stand schon in der Schule fest: Brautmodendesignerin. Einen aufregenderen Beruf konnte sie sich nicht vorstellen. Nach zahlreichen Kursen und Praktika hatte sie vor fünf Jahren den Sprung ins kalte Wasser gewagt und ihr eigenes Geschäft eröffnet. Doch das war erst der Anfang. Roxy war sehr ehrgeizig und sah ihre große Chance in diesem Wettbewerb.

Mit Feuereifer hatte sie sich in die Arbeit gestürzt und war letzte Woche unter den fünfzig besten Entwürfen gewesen. Leider war sie nicht mehr dazu gekommen, ihrer Freundin die aufregende Neuigkeit mitzuteilen, da Marla vollkommen verzweifelt war und die Verlobung aufgelöst hatte. Die Ausschreibung sah jedoch vor, dass eine Braut bis zum Monatsende in dem Hochzeitskleid geheiratet haben musste. Nun stand das Model nicht mehr zur Verfügung, und der Traum von einem Kleid flog automatisch aus dem Wettbewerb und machte Roxys Hoffnungen auf eine erfolgreiche Zukunft zunichte. Die Umsatzeinbrüche der vergangenen Monate hatten Roxy an den Rand des Ruins gebracht.

Geistesabwesend dekorierte sie die Ohrringe wieder in der Auslage. Dabei bemerkte sie Nates große sonnengebräunte Hand auf der Glasplatte. Sofort flatterten Schmetterlinge in Roxys Bauch, denn sie erinnerte sich noch sehr gut an seine Berührungen und die Erregung, die diese in ihr ausgelöst hatten.

Verflixt!

Entschlossen riss sie sich zusammen und fing einen Satzfetzen von Nate auf: „… irgendwie müssen wir die beiden doch wieder zusammenbringen.“

Schön wär’s, dachte Roxy, gab sich jedoch unzugänglich. „Tu, was du nicht lassen kannst, aber lass mich bitte aus dem Spiel.“

Nate verschränkte die Arme und musterte sein Gegenüber – mittelgroß, hübsche Figur, sanfte Stimme, zurückhaltende Gestik. Alles in allem eher unauffällig und doch unbestreitbar anziehend. Leider …

Es war ihm unsagbar schwergefallen, sich nach dem einen Kuss vor sechs Monaten von Roxy zu verabschieden. Doch er hatte sich geschworen, dass es bei diesem einen Kuss bleiben würde. In Zukunft wollte er sich von ihr fernhalten, falls sie sich wieder einmal begegneten, beispielsweise bei der Hochzeit gemeinsamer Freunde.

Das Kleid, das sie gerade trug, sollte ihm Warnung genug sein, die Finger von ihr zu lassen. Schließlich war er fest entschlossen, Junggeselle zu bleiben. Doch diese dicht bewimperten funkelnden grünen Augen machten es ihm schwer, Roxy nicht an sich zu ziehen. Aber wenn er diesem Impuls jetzt nachgäbe, würde es nicht bei einem Kuss bleiben …

Instinktiv brachte sie sich aus der Gefahrenzone.

„Warum verteidigst du Greg überhaupt? Er muss selbst verantworten, was er tut. Obwohl es vermutlich gar nicht so schlecht gewesen wäre, wenn er an dem Abend einen Aufpasser gehabt hätte. Hoffentlich war dein Termin das Versäumnis wert“, bemerkte Roxy leicht schnippisch.

„Immerhin ging es dabei um ein Projekt, an dessen Planung Greg und ich monatelang gesessen haben.“

„Wollt ihr eine geschäftliche Partnerschaft eingehen? Wenn ich Marla richtig verstanden habe, ist Greg im elterlichen Betrieb eingebunden.“

Nate überging die Bemerkung, weil er nicht zu viel verraten wollte. Andererseits brauchte er Roxys Unterstützung, wenn er Marla und Greg wieder zusammenbringen wollte. Darum erklärte er: „Greg spielt schon lange mit dem Gedanken, sich selbstständig zu machen.“

Roxy beugte sich über einen Karton und zog ein gerüschtes malvenfarbenes Strumpfband aus feinster Spitze heraus. Sehr verführerisch, fast frivol. So ein Brautmodengeschäft schien voller Überraschungen zu stecken.

Nachdenklich wickelte sie das sexy Band um ihren Zeigefinger. „Seiner Familie gehört ein großes Stahlunternehmen, oder?“

„PrimeSteel. Die Firma produziert und verkauft Stahlerzeugnisse. Ich arbeite in der Geschäftsführung eines Konkurrenzbetriebs. Greg und ich haben uns durch die Arbeit kennengelernt. Wir vertreten die gleichen Ansichten bezüglich der Zukunft der Stahlindustrie, besonders was farbige Stahlerzeugnisse betrifft. Wir glauben, dass preiswertere Produkte ein riesiges Potenzial haben, insbesondere in der jetzigen Wirtschaftskrise und wegen strengerer Umweltschutzauflagen.“ Er wartete nur noch auf den Bescheid vom Patentamt, dann konnten sie loslegen.

„Dann habt ihr euch also tatsächlich zusammengetan?“ Nachdem Roxy das Band in die Auslage des Verkaufstresens gelegt hatte, zog sie ein hauchdünnes Negligé aus dem Karton.

Instinktiv stellte Nate sie sich darin vor – die perfekten Brüste, die schmale Taille, die Haut so pfirsichzart … Ihm wurde heiß. Hastig riss er sich zusammen, räusperte sich und strich seine Krawatte glatt.

„Greg und ich suchen noch nach einem geeigneten Investor. Bob Nichols aus Texas ist interessiert. Er ist letztes Wochenende in Sydney gelandet und hatte so viele Termine, dass er mich nur noch Samstagabend einplanen konnte. Ausgerechnet am Tag von Gregs Junggesellenabschied.“

„Was hält Gregs Vater eigentlich davon, dass sein Sohn das Familienunternehmen verlassen will?“

„Begeistert ist Mr Martin nicht. Er unterstützt Greg zwar, erwartet aber hundertprozentige Loyalität.“

Inzwischen hatte Roxy einen winzigen G-String aus dem Karton geholt und liebevoll neben dem durchsichtigen Negligé dekoriert. Nates Pulsfrequenz schoss in schwindelnde Höhen, als er sich Roxy in dem erregenden Nichts vorstellte. Er kniete vor ihr und umfasste ihren nackten Po, sie hauchte seinen Namen, schob die Finger in sein Haar und kam noch näher. Sein Kopf berührte …

Wie durch Watte hörte Nate sie fragen: „War Mr Nichols nach eurer Besprechung noch interessiert?“

Die Realität hatte ihn wieder. „Ja, sehr sogar. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr, denn Greg hat jedes Interesse an dem Projekt verloren, seit Marla ihn verlassen hat, und bleibt bei PrimeSteel.“

„Dann machst du es eben allein. Mit Mr Nichols natürlich.“

Und lass mich in Ruhe, hörte er zwischen den Zeilen heraus. „Es ist aber Gregs und mein gemeinsames Projekt. Es ist hart für ihn, jetzt alles hinzuwerfen.“

„Und nun?“

Nate atmete tief durch. „Es wäre einfach besser, ihn im Boot zu haben, weil wir beide Fachleute sind.“ So ein Projekt allein zu stemmen, war riskant. Das wusste Nate nur zu gut, schließlich hatte er mit ansehen müssen, wie sein Vater fast alles verloren hätte.

Und wieder steckte Roxy eine Hand in den Karton. Da zog Nate ihn blitzschnell weg und stellte ihn auf den Boden. Weiteren verführerischen Dessous war er nicht gewachsen. „Ich habe mir etwas überlegt: Wir müssen dafür sorgen, dass Greg und Marla sich ungestört unterhalten können. Dann kann er ihr erklären, dass die Fotos ihn in einem falschen Licht darstellen.“

„Glaubst du ernsthaft, dass das funktioniert?“ Beinahe mitleidig sah sie ihn an.

„Sie werden sich wieder vertragen“, beharrte Nate.

„Und dann findet die Trauung in der Kirche doch statt“, meinte Roxy nachdenklich. „Und Greg ist wieder dein Geschäftspartner.“

Genau, dachte er. „Bist du dabei?“

„Bist du schwerhörig? ‚Ohne mich‘, habe ich gesagt.“

„Kann ich dich wirklich nicht überreden?“

Sie presste die sinnlichen Lippen zusammen. „Nein!“

„Gib mir fünf Minuten, Roxy! Bitte! Ich habe einen Plan. Es geht hier doch um die Frage, ob deine Freundin überglücklich wird oder ein Dasein in völliger Einsamkeit fristet.“

„Das klingt aber dramatisch.“

„Es ist ja auch wirklich sehr wichtig für die beiden.“

„Und du legst dich völlig uneigennützig für die beiden ins Zeug“, meinte Roxy ironisch.

Wütend musterte er sie durchdringend. „Hier geht es gar nicht um den Junggesellenabschied, oder? Und auch nicht darum, deine beste Freundin vor dem größten Fehler ihres Lebens zu bewahren. Du bist so widerspenstig, weil wir uns vor Monaten mal geküsst haben, ich mich dann aber zurückgezogen habe. Du bist beleidigt, und deine Freundin muss das jetzt ausbaden.“

„Du bist ja noch eingebildeter, als ich dachte.“ Zornig funkelte sie ihn an. „Für dich und deinen feinen Freund sind Frauen nur zum Vergnügen da. Wenn ihr euren Spaß gehabt habt, lasst ihr sie fallen, bevor es zu ernst werden könnte.“

Die passende Antwort lag ihm auf der Zunge, doch gerade darauf wartete Roxy ja, und den Triumph gönnte er ihr nicht.

Darum verließ er mit großen Schritten den Laden. Es kostete ihn ein erhebliches Maß an Selbstbeherrschung, die Tür nicht wutentbrannt hinter sich zuzuknallen. In seiner blinden Wut stieß Nate draußen fast mit ahnungslosen Passanten zusammen. Nur langsam beruhigte er sich wieder.

Er fühlte sich sehr zu Roxanne Trammel hingezogen, aber sie war ihm auch ein echter Dorn im Auge. Es wäre besser gewesen, unter allen Umständen eine erneute Begegnung mit ihr zu vermeiden.

Insgeheim verstand er natürlich, dass sein unentschuldbares Verhalten damals sie verletzt hatte. Doch das ließ sich nun nicht mehr ändern. Roxy erwartete wohl auch keine Entschuldigung. Andererseits war er sicher, dass sie ihrer Freundin helfen wollte. Und Marla soll sich wenigstens anhören, was Greg zu sagen hat, dachte Nate entschlossen. Also musste er seinen Stolz hinunterschlucken und noch einmal versuchen, Roxy zur Mithilfe zu bewegen.

Sie stand reglos am Verkaufstresen und starrte ausdruckslos auf die Auslage, als die Türklingel erneut ertönte. Bevor sie etwas sagen konnte, hob Nate die Hand und bat: „Bitte entschuldige, dass ich unsere erste Begegnung angesprochen habe. Es wird nicht wieder vorkommen. Könntest du dir trotz allem nicht vielleicht einen Ruck geben und mit helfen, unseren Freunden noch eine Chance auf eine gemeinsame Zukunft zu geben? Würde Marla klar denken, würde sie sich diese Chance sicher wünschen.“

„Vielleicht denkt sie ja klar.“

Muss diese Frau so stur sein? „Bitte Roxy, lass mich kurz erklären, was ich vorhabe.“

Misstrauisch musterte sie ihn. „Fünf Minuten, nicht länger“, sagte sie schließlich.

„Eher kürzer.“

Sie verkniff sich ein Lächeln. „Du scheinst dir deiner Sache ja sehr sicher zu sein.“

„Stimmt.“

„Also gut. Aber ich ziehe mich lieber erst einmal um. Ich sehe dir an, wie allergisch du auf Brautkleider reagierst. Wenn jemand hereinschneit, um nach dem perfekten Kleid zu suchen, sag bitte, ich wäre gleich zurück.“ Damit entschwand sie durch die Hintertür.

„Es ist schon nach siebzehn Uhr. Und heute ist Freitag. Da kommt sicher sowieso keine Kundschaft mehr. Soll ich nicht das Schild umdrehen?“, rief er ihr nach.

„Untersteh dich! Ich kann es mir nicht leisten, mir auch nur einen Verkauf entgehen zu lassen.“

Vor sechs Monaten hatte Roxy ihm vorgeschwärmt, wie glücklich sie war, ein eigenes Geschäft zu haben und ihren Beitrag zum „schönsten Tag im Leben eines Brautpaars“ zu leisten. Offensichtlich lief das Geschäft nicht besonders gut. Unter diesen Umständen war es fraglich, ob sie ihm bei dem Projekt „Gregs und Marlas Versöhnung“ helfen würde, denn das hieße, den Laden vorübergehend zu schließen oder eine Aushilfe einzustellen.

Das Klingeln der Türglocke riss Nate aus seinen Gedanken. Zwei Frauen betraten den Verkaufsraum. Altersunterschied und Ähnlichkeit verrieten, dass es sich um Mutter und Tochter handeln musste. Nate schlenderte zu einem Kleiderständer und gab vor, sich für die Modelle zu interessieren. Am liebsten hätte er sich unsichtbar gemacht, um die potenziellen Kundinnen nicht durch seine Anwesenheit zu verschrecken. Die Wahl eines Brautkleids war schließlich eine sehr private Angelegenheit, oder?

Während er die Modelle auf dem Kleiderständer hin und her schob, ging er in Gedanken noch einmal seinen Versöhnungsplan durch. Hoffentlich ging der auf!

Am anderen Ende des Ladens unterhielten die Frauen sich im Flüsterton. Es war nicht seine Art, die Gespräche anderer Leute zu belauschen, doch die Wortfetzen, die er auffing, beunruhigten ihn.

„Hier finden wir sowieso nichts“, wisperte die Tochter. „Der Laden ist zu provinziell. Die Inhaberin näht alles selbst.“ Sie verdrehte die Augen.

„Wir sehen uns trotzdem um, Violet. Da wir nun schon mal hier sind“, beharrte die Mutter. „Vielleicht findest du ja doch ein Kleid, das dir gefällt.“

Seide und Satin raschelten, als Violet desinteressiert die Brautkleider durchsah. Schließlich seufzte sie ungeduldig. „Nein, das hat keinen Zweck. Hier verschwenden wir nur unsere Zeit.“

Unwillig verzog Nate das Gesicht. Diese Violet hatte offensichtlich beschlossen, nichts zu finden, bevor sie das Geschäft auch nur betreten hatte. Das war unfair! Das Mädchen sollte die Scheuklappen abnehmen, dann würde es auch etwas finden und hoffentlich kaufen.

Roxy brauchte jeden Dollar. Und sie tat ihm den Gefallen, ihm wenigstens zuzuhören. Daher fühlte er sich verpflichtet, auch etwas für sie zu tun.

Mit einem Kleid in der Hand wirbelte er temperamentvoll herum und seufzte zufrieden. „Perfekt! Sie wird sich in dieses Kleid verlieben“, schwärmte er begeistert. Nate nickte den erstaunten Frauen lächelnd zu. „Entschuldigung. Ich habe nur laut gedacht.“

Neugierig wandte Violet sich um. „Wartet Ihre Verlobte in der Umkleidekabine?“

„Wir wollten uns hier treffen. Ich kann es kaum erwarten, bis sie das Kleid sieht.“

Die Mutter zog eine perfekt nachgezeichnete Augenbraue hoch. „Ich habe noch nie gehört, dass der Bräutigam das Hochzeitskleid aussucht.“

„Emma hat bisher überall vergeblich nach ‚dem perfekten Brautkleid‘ gesucht und am Ende beschlossen, sich eins anfertigen zu lassen. Eine Freundin hat ihr dieses Geschäft empfohlen. Es ist meine letzte Hoffnung, denn Emma hat schon damit gedroht, die Hochzeit abzusagen, weil sie kein passendes Kleid findet.“

„Nein!“, rief Violet und starrte ihn entsetzt an.

„Sie ist meine Traumfrau“, erklärte er. „Ich wünsche mir ganz viele Babys von Emma.“

Als die beiden Frauen wohlwollend lächelten, legte Nate noch eins drauf. Schon als Kind hatte er in einer Ali-Baba-Aufführung sein schauspielerisches Talent beweisen können. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal einen Menschen so lieben würde wie meine Emma. Ich muss ihr nur noch bei der Suche nach dem perfekten Kleid helfen.“

„Das Kleid ist wirklich sehr hübsch“, meinte die Mutter mit Blick auf das Brautkleid in Nates Arm.

„Perfekt für meine Emma. Sie wird darin wie ein Engel aussehen“, schwärmte er verzückt und beobachtete zufrieden, wie die Brautmutter ein Kleid von der Stange nahm und prüfend hochhielt.

„Sieh mal, Violet! Diese Stickerei ist ganz exquisit. Sagtest du, die Ladeninhaberin fertigt die Brautkleider selbst?“

Die Braut musterte das Kleid und hielt es sich prüfend an. Dann ging sie einige Schritte auf und ab und sah sich suchend nach einem Spiegel um.

Hilfsbereit schaltete Nate sich erneut ein. „Zu den Umkleidekabinen geht es dort entlang.“

Doch Violet hatte das Preisschild entdeckt und runzelte die Stirn. „Ich weiß, du hast gesagt, Geld spielt keine Rolle, aber das Kleid kostet …“ Diskret informierte sie ihre Mutter. Aber nicht diskret genug. Nate hatte es auch gehört und schnappte bei dem exorbitanten Betrag nach Luft. Gaben Frauen wirklich so viel Geld für ein einziges Kleid aus?

Glücklicherweise zuckte die Brautmutter nicht einmal mit der Wimper. Stattdessen fuchtelte sie beruhigend mit einem Arm durch die Luft, wobei der Brillantring an ihrem Ringfinger aufblitzte. Die beiden verschwanden Richtung Umkleidekabinen.

Nate wirbelte herum, als er hinter sich ein Geräusch hörte. Roxy winkte ihn nervös herüber. Schnell hängte er das Kleid zurück und eilte zu ihr. Sie packte ihn am Revers und zog ihn ins Hinterzimmer.

„Was treibst du da?“ Sie schloss die Tür hinter ihm.

Würdevoll zog er sich Jackett und Krawatte gerade. „Ich sorge für Umsatz.“

„Aber du kannst doch keine Lügengeschichten erzählen!“

„Das sind keine Lügen. Ich habe nur die Gelegenheit beim Schopf gepackt.“

Entsetzt suchte sie Halt an der Tür. „Wenn das so ist, möchte ich lieber nicht wissen, was du mit Marla und Greg vorhast.“ Energisch richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf. „Jedenfalls verbiete ich dir, in meinem Geschäft das Blaue vom Himmel zu lügen. Schließlich muss ich an meinen guten Ruf denken.“

„Willst du etwa behaupten, den hätte ich gerade aufs Spiel gesetzt?“

„Wenn die beiden Frauen dir auf die Schliche kommen, könnten sie Anzeige erstatten. Wegen Betrugs.“

„Wie sollen sie mir denn auf die Schliche kommen?“, fragte er.

„Keine Ahnung. Es hat schon andere dumme Zufälle gegeben.“ Nervös tippte Roxy sich an die Nasenspitze. „Wahrscheinlich sollte ich ihnen reinen Wein einschenken.“

Sie zuckte zusammen, als im Verkaufsraum nach Beratung geklingelt wurde. „Ich komme gleich“, rief sie hastig und warf einen Blick auf das Brautkleid, das sie noch immer trug.

Widerstrebend musste Nate zugeben, dass es ihr ausgezeichnet stand. Der weiße Satin brachte ihren natürlichen Teint zur Geltung. Und die eingearbeitete Corsage ließ ihre Taille noch schmaler wirken. Doch das ging ihn nichts an. Er war hier, um alles für Gregs und Marlas Versöhnung zu tun. „Wolltest du dich nicht umziehen?“

„Ja, aber ich komme nicht an den Reißverschluss.“ Sie wirbelte herum. „Du musst mir helfen.“

Ihre verführerische Rückenansicht war zu viel für ihn. Sämtliche Alarmglocken schrillten in seinem Kopf. War Roxy wirklich so harmlos, wie sie tat? Streng genommen bat sie ihn, sie zu entkleiden! Wie sollte er seine Lust im Zaum halten? Nein, er wusste genau, dass er der Versuchung nicht widerstehen könnte, und wich einen Schritt zurück.

„Tut mir leid, aber das geht nicht“, antwortete er rau.

„Du kannst doch jetzt nicht kneifen!“

„Doch, glaub mir, es ist besser für uns beide.“

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