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Künftige Intelligenz

Inhalt

Dank und Anmerkungen

I. Einladung zum Gespräch

II. Was ist KI?

1. Algorithmen

2. Algorithmen in der KI

3. Geschichte der KI

4. KI-Winter

5. Frühlingserwachen im 21. Jahrhundert

6. Spielrausch seit 2010

7. Wie funktionieren Neuronale Netze?

III. Die Gegenwart mit KI

1. Vorbemerkungen

2. KI für Konsumenten

3. KI für Roboter

4. KI in der Wirtschaft

5. KI in der Medizin

6. KI im Weltall

7. KI in der Kunst

8. KI in der Irreführung

9. KI als Entscheider

IV. Die nahe Zukunft mit KI

1. Vorbemerkungen

2. KI als Sprachkünstler

3. KI im Straßenverkehr

4. KI in der Arbeitswelt

5. KI im Krieg?

V. Fragen für das wichtigste Gepräch, Teil 1

1. Vorbemerkungen

2. Wie gut sind die Daten?

3. Wie entscheiden KIs?

4. Wie erlangen KIs gesunden Menschenverstand?

5. Wer soll KIs entwickeln?

6. Vertrauen oder Misstrauen?

7. Machtübernahme oder Machtübergabe?

8. Wie menschlich wollen wir Maschinen?

9. Welche Grenzen setzen wir Maschinen?

VI. Superintelligenz – Die letzte Erfindung der Menschheit?

1. Vorbemerkungen

2. Starke/Allgemeine Künstliche Intelligenz

3. Superintelligenz

4. Die Utopie

5. Die Dystopie

VII. Fragen für das wichtigste Gespräch, Teil 2 – und erste Antworten

1. Was ist der Mensch – als Geist?

2. Was ist der Mensch – als Körper?

3. Was ist der Mensch – als Krone der Schöpfung?

4. Exkurs: Fragen an unsere Institutionen

5. Vorletzte Frage

6. Letzte Frage

Literatur und Filme zur Vertiefung

Quellenverzeichnis/Abbildungsverzeichnis

Dank und Anmerkungen

Dieser Essay basiert auf einem Vortrag, den ich im September 2018 im Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen gehalten habe. Die Recherchen dazu begannen im Frühjahr 2018. Zwischen Oktober 2018 und Mai 2019 entstand das Manuskript dieses Buchs.

Ich danke meinen Kolleginnen und Kollegen im LWH, in deren Mitte die Idee zu diesem Projekt geboren wurde und die mich immer wieder zum Nachdenken über Themen und Positionen anregen, die mir sonst verborgen bleiben würden. Ich danke Max Tegmark, der viele meiner in diesem Essay ausgebreiteten Reflexionen angestoßen und der sein Zitat „Das wichtigste Gespräch unserer Zeit“ in einer freundlichen Email für die Verwendung in diesem Buch freigegeben hat. Herzlich danke ich meinem Kollegen Markus und meiner Mutter Margret, die die mühevolle Arbeit der Korrektur des Textes übernommen haben. Ein besonderer Dank gilt meiner Frau und meinen Kindern. Auch wenn ein Großteil der Denk- und Schreibarbeit in den frühen Morgen- oder späteren Abendstunden erfolgt ist, war ich auch tagsüber in Gedanken manches Mal beim Manuskript. Danke für euer Verständnis, Eva, Helene, Henri und Verena!

Noch ein paar kurze Hinweise zum Text: Direkte und indirekte Zitate in englischer Sprache wurden in der Regel von mir übersetzt; einzelne Passagen wurden vom Onlinedienst deepl.com vorübersetzt (der, nebenbei, auf einem KI-Algorithmus basiert).

Zur besseren Lesbarkeit verwende ich im Text für unbestimmte Personen die männliche Form. Diese bezieht sich aber inhaltlich auf Personen aller Geschlechter und ist nicht als Aussage zur Genderthematik zu verstehen.

Obschon ich in diesem Buch – dem Essaycharakter Rechnung tragend – meine persönliche Sicht auf die behandelte Thematik darlege, erfolgte die Auswahl von Beispielen und Zitaten sowie die Anordnung und Benennung der Kapitel im ernsthaften Bemühen um Sachlichkeit.

Michael Brendel, im Mai 2019

I. Einladung zum Gespräch

„Die Beaufsichtigung der Maschinen, das Anknüpfen zerrissener Fäden ist keine Tätigkeit, die das Denken des Arbeiters in Anspruch nimmt, und auf der anderen Seite wieder derart, dass sie den Arbeiter hindert, seinen Geist mit anderen Dingen zu beschäftigen.“1

Dieses Zitat ist über 170 Jahre alt. Es stammt von Friedrich Engels, der 1845 „die Lage der arbeitenden Klasse in England“ beschrieb. Damals war die Industrielle Revolution in vollem Gange. Handbetriebene Webmaschinen und Spinnräder waren seit Beginn des 19. Jahrhunderts verstärkt von großen Fabriken verdrängt worden, deren dampfbetriebene Maschinen die bislang in Handarbeit gefertigten Stoffe in einem Bruchteil der Zeit herstellen konnten. Die Ära der Massenproduktion war angebrochen.

In der Folge verwüsteten die so genannten Maschinenstürmer mehrere Fabriken und zerstörten die technischen Anlagen. Die gut ausgebildeten Fachkräfte sahen im Vandalismus die einzige Chance, sich gegen den Einsatz unqualifizierter Hilfskräfte in den Fabriken und das damit einhergehende Lohndumping zu Wehr zu setzen. Auch auf dem Festland kam es bis Mitte des Jahrhunderts zu Maschinenstürmen.2

Doch die 1769 von James Watt zum Patent angemeldete Dampfmaschine läutete nicht nur einen Wandel in der Arbeitsgesellschaft ein, der sich später auch in der Gründung von Gewerkschaften und der Einführung von Sozialgesetzen zeigen sollte. Der Dampf trieb auch Lokomotiven an. Die um 1830 in Europa und Nordamerika in Betrieb genommenen ersten Eisenbahnstrecken wiederum läuteten eine neue Ära des Warentransports und der persönlichen Mobilität ein. Der Hunger tausender Dampfkessel nach dem Brennstoff Kohle förderte wiederum den Bergbau, der jede Menge Arbeitskräfte schuf, aber – ebenso wie die bald allgegenwärtige Kohleverfeuerung – erhebliche Umweltschäden zur Folge hatte. Die Welt war mit der Erfindung der Dampfmaschine eine andere geworden.

Heute stehen wir vor einem ähnlich gravierenden Umbruch. Die Künstliche Intelligenz (KI) könnte die Welt genauso stark verändern wie die Dampfmaschine. Auch, aber bei weitem nicht nur die Arbeitswelt.

Nun hat die Menschheit viele gesellschaftliche Transformationen erlebt. Jede neue Großtechnologie, sei es die Erfindung von Dampfmaschine, Telefon, Automobil, Computer oder Internet, hat für Begeisterung, aber auch für Ängste gesorgt – teils sogar für existenzielle. Denn viele Erfindungen haben die Menschen in Frage gestellt: Wenn die Technik das jetzt auch schon kann, was bleibt dann für uns Menschen?

Auch die KI stellt Fragen an uns und unser menschliches Selbstverständnis. Jedoch können wir den derzeitigen Wandel hin zu smarten Technologien gestalten. Noch ist die Künstliche Intelligenz ein junges Forschungsgebiet, das trotz einiger in den letzten Jahren erzielter Durchbrüche und einer ganzen Reihe gut nutzbarer Anwendungen noch immer am Anfang steht.3

Deshalb sollten wir uns jetzt die Zeit für ein Gespräch nehmen. Jetzt ist der Zeitpunkt, uns zu fragen, was wir eigentlich von der neuen Technik erwarten. Noch können wir diskutieren, welches Verhältnis wir zu smarten Systemen haben wollen, was uns in einer völlig digitalisierten Zukunft zu Menschen macht und welche Fähigkeiten, Tätigkeiten und Eigenschaften wir uns vielleicht als rein-menschliche Biotope bewahren wollen.

Es ist das wichtigste Gespräch unserer Zeit, wie der US-Kosmologe Max Tegmark es nennt4, für das ich in diesem Essay Fragen sammeln möchte. Doch führen kann ich es nicht allein. Vielleicht wäre ich sogar ein schlechter Gesprächspartner, weil mir der berufliche Einblick in die meisten der in diesem Gespräch angefragten wissenschaftlichen Disziplinen fehlt. Und vielleicht bleibt sogar der Wunsch nach einem solchen Gespräch eine Utopie. Denn es ist nicht gesagt, dass alle Menschen Interesse an einem kritischen Gespräch zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz haben – vor allem diejenigen nicht, die jetzt schon viel Geld damit verdienen.

Ich möchte dennoch versuchen, die Agenda für dieses so wichtige Gespräch zu entwerfen. Sie sind eingeladen, den Weg von der Geburtsstunde der KI über eine Auswahl aktueller Anwendungsgebiete bis in die mögliche Zukunft mitzugehen und Ihre eigenen Fragen zu stellen, mit anderen zu diskutieren und schließlich in der Gesellschaft zu kultivieren. Es ist besser, unser Menschsein jetzt zu hinterfragen, als irgendwann eine weit entwickelte KI diese Frage beantworten zu lassen. Doch betrachten wir zunächst unseren Gesprächsgegenstand. Was ist eigentlich KI?

II. Was ist KI?

1. Algorithmen

Beginnen wir mit der Definition von Algorithmus. Der Begriff findet in der Mathematik und Informatik Anwendung und ist erheblich älter als die KI-Forschung, für deren Verständnis aber von großer Bedeutung. Bei einem Algorithmus handelt es sich um Anweisungen, die ein Computer in einer festen Reihenfolge abzuarbeiten hat. Man kann ihn mit einem Kochrezept vergleichen: Nimm 250 Gramm Butter, 500 Gramm Mehl, 250 Gramm Zucker, vier Eier, 250 Milliliter Milch und ein Päckchen Backpulver. Verrühre die Zutaten miteinander, fülle die Masse in eine Form und stelle sie für eine Stunde in einen 180 Grad heißen Backofen.

Fertig! Der Algorithmus hat einen Kuchen gebacken.

Ein Algorithmus ist also eine automatisierte Anweisungsfolge, die bei den gleichen Eingangsvoraussetzungen (Mehl ist vorrätig, die Eier sind nicht verdorben etc.) immer das gleiche Ergebnis erzielt (einen Kuchen). In eine Programmiersprache gegossen heißt ein Algorithmus Programm. Das bringt den Vorteil mit sich, dass man dem Computer nicht immer neu erklären muss, was er tun muss, um einen Kuchen zu backen. Man muss einfach das Programm starten.