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Kronrektorin

Meine Erzählungen basieren auf persönlichen Erfahrungen, eigenen Erlebnissen und auf Beobachtungen von Menschen aus meinem privaten Umfeld, aus der Schule und aus der Arbeitswelt.

Vieles ist reine Phantasie. Einiges ist so oder ähnlich passiert. Das meiste habe ich aber frei erfunden.

Jürgen von Harenne

Bisher habe ich fünf Kriminalromane veröffentlicht. Insgesamt ist dieses mein sechstes Buch

Dieses Buch widme ich meiner Frau Gisela von Harenne

Alle Namen, Personen und Ereignisse sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit sind zufällig
.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nachwort

Es gibt Menschen, die meinen, wenn es Kronjuwelen, Kronprinzen und Kronprinzessinnen gibt, muss es in der Schule neben dem Rektor auch einen “Kronrektor“ oder eine “Kronrektorin“ geben.

Kapitel 1

Ein ganz normaler Mittwoch im März. Der Radiowecker im Schlafzimmer von Anna und Bernd Cleven meldet sich. Es ist genau halb sechs am frühen Morgen. Nach diesem abrupten Ende des letzten Tiefschlafs brauchen Anna und Bernd zusammen gemütlich eine viertel Stunde, um richtig wach zu werden. Wenn um sechs Uhr im Radio die ersten Nachrichten kommen, ist Anna schon im Bad.

Anna geht immer als erste ins Bad. Sie duscht und macht sich fertig für ihren neuen Arbeitstag. Bernd hat schon nachts um drei, manchmal erst um vier, die Heizung im Bad angemacht. Er hat sich im Laufe der Zeit daran gewöhnt, dass er nachts, wenn er zur Toilette muss, die Heizung aufdreht, damit Anna im warmen Badezimmer duschen kann. Sie hat einen sehr niedrigen Blutdruck und bringt jeden Morgen unter der Dusche ihren Kreislauf in Schwung.

Während Anna im Bad ist, bereitet Bernd in der Küche für die ganze Familie das Frühstück vor.

Anna und Bernd haben zwei Kinder. Daniel ist dreizehn Jahre und Marie elf Jahre alt. Alle vier müssen wie an jedem Werktag pünktlich im Büro oder in der Schule sein. Sie sind es gewohnt, so früh aufzustehen. Schon am Abend vorher wird der Ablauf des nächsten Tages kurz besprochen.

Eine halbe Stunde später belegt Bernd das Bad, um sich zu waschen und zu rasieren. Diese Zeit nutzt Anne im Schlafzimmer für ihr Make-up. Sobald Bernd aus dem Bad kommt, stehen Daniel und Marie auf und machen sich beide nacheinander im Bad fertig. Alle vier frühstücken immer gemeinsam am großen Küchentisch.

Anna ist Lehrerin in der Boniburgschule, einer Hauptschule im Stadtteil Handorf am Stadtrand von Münster. Ihr Unterricht beginnt um 8.00 Uhr. Sie muss aber schon gegen halb acht in der Schule sein. Bernd ist Diplom Ingenieur und hat eine feste Stelle beim Tiefbauamt der Stadt Münster. Bis vor zehn Jahren war er bei der Deutschen Bahn beschäftigt. Als aber die letzten Dienststellen der Bahn nach Essen und Hannover verlagert wurden, hat er sich rechtzeitig bei der Stadtverwaltung in Münster um eine Stelle im Tiefbauamt beworben. Nach einer Wartezeit von fast einem Jahr wurde er versetzt und konnte die neue Stelle antreten.

Durch diesen Wechsel hat er günstige Stellen mit hervorragenden Aufstiegsmöglichkeiten für einen jungen Ingenieur in Essen und Hannover nicht weiter beachtet. Diese beruflichen Nachteile hat er in Kauf genommen, damit Anna und er in Münster bleiben konnten. Ein Familienleben mit Kindern war und ist ihm wichtiger als die wahrscheinlich günstige Karriere im Beruf. Nur wenn sie beide in Münster arbeiten und in der Nähe von Oma Sophia nahe der Innenstadt von Münster wohnen, ist es ihnen erst möglich, dass sie beide ihre Vollzeitberufe behalten, gerade wenn sie Kinder haben.

Bernd versucht immer so früh wie möglich ins Büro zu gehen, damit er nachmittags oder abends nicht so spät nach Hause kommt. Die Kernarbeitszeit in dem Planungsbüro, in dem Bernd arbeitet, beginnt um halb neun. Bis dahin muss er spätestens im Büro sein.

Anna fährt regelmäßig mit dem Auto zur Schule, weil die Verbindungen mit dem Bus sehr schlecht sind. Außerdem kann sie mit dem Auto nach Schulschluss einen Teil der täglichen Einkäufe erledigen. Manchmal holt sie Daniel oder Marie von der Schule ab und nimmt sie mit nach Hause. Bernd kann von der Wohnung aus zu Fuß zu seinem Büro in der Innenstadt von Münster gehen. Auch Daniel und Marie gehen zu Fuß oder fahren mit dem Fahrrad zur Schule. Beide besuchen das gleiche Gymnasium in der Innenstadt.

Nach ihrer Hochzeit vor sechszehn Jahren haben Anna und Bernd gezielt eine Vierzimmerwohnung in der Nähe von Annas Mutter, Sophia Cleven, gesucht. Sie haben von Anfang an gewusst, dass sie beide im Beruf bleiben wollen, auch wenn sie einmal Kinder haben. Annas Mutter Sophia hat Anna immer unterstützt und sich ganz selbstverständlich auf Enkelkinder gefreut. Schon bevor zuerst Daniel geboren wurde hat sie sich bereit erklärt, im Haushalt von Anna und Bernd zu helfen und sich auch um Daniel und später auch um Marie zu kümmern.

Ohne diese permanente Hilfe der Familie wäre es nur schwer möglich gewesen, dass Anna und Bernd ihren Beruf voll ausführen und dazu eine Familie mit zwei Kindern haben. Zum Glück wurde die Schwester von Sophia, Antonia, gerade 60 Jahre alt, als Daniel geboren wurde. Als Rentnerin im gleichen Haushalt konnte Antonia jetzt Sophia unterstützen und zuerst Daniel und später auch Marie betreuen.

Ihre erste Wohnung ist eine Altbauwohnung mit vier Zimmern. Sie hat keine Heizung. In der Küche steht ein Kohleherd und in zwei Räumen sind Kohleöfen. Anna und Bernd haben als allererste Maßnahme die Kohleöfen gegen Nachtstromspeicheröfen ausgetauscht. Hierzu und für die Benutzung eines Elektroherdes und einer Waschmaschine mussten sie auf eigene Kosten eine neue Starkstromleitung vom Keller bis in die zweite Etage legen lassen.

Anna und Bernd haben bei der Heirat den Familiennamen “Cleven“ als Familiennamen gewählt. Bernd hat sich sofort dafür entschieden, nicht seinen Familiennamen “Baumann“ zu behalten. Er hat sich eine Zeitlang mit der Ahnenforschung beschäftigt und herausgefunden, dass er die Genealogie der Familie Cleven lückenlos bis zum Jahr 1546 zurückverfolgen kann. Dieser Name sollte weiter bestehen.

Um viertel vor sieben sitzen Anna und Bernd am Frühstückstisch: „Wo bleiben unsere beiden?“ fragt Bernd.

Im gleichen Moment schleicht Daniel in die Küche und brummt vor sich hin. Es klang so ähnlich wie „Morgen“. „Guten Morgen. Du siehst noch ziemlich verschlafen aus, “ sagt Anna. „Hoffentlich hast du dich richtig gewaschen!“

Marie stürmt schimpfend auf ihren Platz: „Der Blödmann hat wieder viel zu viel Zeit im Bad verklüngelt. Jetzt bin ich schon fast zu spät.“

„Nun iss erst mal in Ruhe. Soviel Zeit hast du noch. Ihr müsst doch erst um 7.00 Uhr gehen“, beruhigt Anna. „Habt ihr beide eure Schulsachen gepackt? Daniel, du hast heute Sport. Hast du deine Sportsachen?“

Bernd isst in Ruhe seine Cornflakes: „Treffen wir uns heute Mittag bei Oma Sophia? Ich bin wie immer so gegen halb eins bei ihr.“

„Das schaffen wir nicht“, sagt Anna und wendet sich zu Daniel und Marie. „Ich hole euch beide gegen ein Uhr von der Schule ab. Dann können wir zusammen zur Oma fahren und dort essen.“

„Das geht nicht“, protestiert Daniel, „Wir haben doch heute Sport und wie immer mittwochs sechs Stunden. Dann kann ich frühestens um halb zwei zur Oma kommen. Am besten ist, wenn ich das Fahrrad nehme.“

„Okay“, beruhigt ihn Anna, „dann gehst du, Marie, gleich zu Fuß zur Schule und ich hole nur dich heute Mittag um ein Uhr mit dem Auto von der Schule ab. Wenn etwas Unvorhergesehenes dazwischen kommt, müsst ihr mich über Handy anrufen oder eben eine SMS schreiben. Vergesst eure Handys nicht.“

„Das habe ich doch immer bei mir“, schimpft Marie entrüstet.

Um sieben Uhr gehen alle vier aus dem Haus. Bernd holt für Anna den Wagen aus der viel zu engen Garage. Daniel nimmt sein Fahrrad, Bernd und Marie gehen zu Fuß los.

Bernd ist froh, dass sie hier in der Nähe der Innenstadt eine Garage haben. Auf der Straße gibt es fast nie eine Parkgelegenheit. Da steht abends Blech an Blech. Mit dem Auto hat er in der engen Garageneinfahrt schon mehrmals leicht die Hauswand berührt. Die Hauswirtin, die im gleichen Haus wohnt, regt sich jedes Mal künstlich auf, wenn sie meint, an der Hauswand wäre wieder ein neuer Kratzer.

Bernd tröstet sich immer damit, dass sie langfristig planen, am Stadtrand ein Haus zu bauen. Da gibt es dann für alle mehr Platz auch für das Auto in der Garage.

Um kurz vor halb acht fährt Anna mit ihrem roten Ford Escort auf den Lehrerparkplatz vor der Boniburgschule. Die meisten Kolleginnen und Kollegen sind schon da. Anna kennt ihre Autos. Ihr Chef, Rektor Heinz Sommer wohnt nur ein paar Meter von der Schule entfernt. Er, zwei andere Kollegen und der Konrektor Felix Müller kommen immer zu Fuß zur Schule. Rektor Sommer leitet die Schule schon über dreißig Jahre. Ganze Schülergenerationen haben ihn schon ertragen. Er kennt noch die strenge Erziehung von früher. Entsprechend gereizt und unzufrieden reagiert er sehr oft auf die heutige Einstellung und das Verhalten vieler Schüler. Bis zu seiner Pensionierung hat er noch vier Jahre zu arbeiten.

Der Konrektor Felix Müller ist fast genauso alt wie der Rektor Sommer und ebenfalls schon sehr lange an dieser Schule. Aber im Gegensatz zum Rektor ist er ruhig und ausgeglichen und wirkt auf die Schüler und die Kollegen zufrieden und gemütlich. Vor ihm haben die Schüler keine Angst. Im Grunde hat er es durch diese Einstellung zu seiner Stellung als Konrektor und als Lehrer viel leichter im Beruf.

Anna geht immer zuerst in das Lehrerzimmer zu den Kolleginnen und Kollegen. Wie alle anderen schaut sie zuerst in ihr Fach und auf die Stundentafel an der Wand. Dort hängt immer noch der Vertretungsplan von Montag. Die ersten Lehrer schimpfen schon: „Frau Scholz und Kollege Meier fehlen immer noch. Schon wieder habe ich in der dritten Stunde, in meiner Freistunde, Vertretung zu machen und das in der fünften Klasse in Mathematik.“

Anna liest auf dem Vertretungsplan ihren Namen. In der vierten Stunde hat sie in ihrer eigenen 9. Klasse Deutsch. Gleichzeitig soll sie in dieser vierten Stunde in der Nachbarklasse, einer sechsten Jahrgangsstufe, die Vertretung übernehmen.

„Das ist ja wieder hervorragend“, schimpft sie. „Wie soll ich in meiner Klasse vernünftigen Unterricht machen, wenn ich gleichzeitig die sechste Klasse nebenan beschäftigen und beaufsichtigen soll? Stillarbeit ist für eine 6. Klasse ein Fremdwort. Selbst wenn ständig ein Lehrer in der Klasse ist, können diese Kinder nicht eine ganze Schulstunde lang still sein. Erst recht nicht, wenn ich nur ab und zu nach ihnen schaue. Außerdem kann ich meiner eigenen Klasse keinen geregelten Deutschunterricht geben, wenn ich nebenan ständig die Peitsche heraus holen muss.“

Ihre Kollegin und Freundin Eva Reiter stimmt ihr zu: „Das ist das alte Lied. Offiziell fallen nach der Statistik an den Schulen in Nordrhein-Westfalen keine Stunden aus. Ob allerdings vernünftiger Unterricht stattfinden kann und die Kinder etwas lernen oder ob sie nur ruhig gehalten und irgendwie beschäftigt werden, steht in keiner Statistik des Ministeriums.“

„Das ist doch schon jahrelang so. Das werden wir wohl in unserem Lehrerleben nicht mehr ändern können“, seufzt Anna

Anna ist jetzt 40 Jahre alt und seit über zehn Jahren Lehrerin, zuerst zwei Jahre lang an einer Hauptschule in Münsters Innenstadt und danach in Münster Handorf an der Boniburgschule. Ihr Chef Rektor Sommer weiß, dass sie eine ehrgeizige, engagierte Lehrerin ist. Sie arbeitet schon jetzt eng mit der Schulleitung zusammen. Sie will auf jeden Fall als Lehrerin an Entscheidungsprozessen beteiligt werden und Karriere machen. Ihr erstes Ziel war immer, die Stelle der Konrektorin an dieser Schule zu bekommen, wenn Herr Müller jetzt zu den Sommerferien in den Ruhestand geht. Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen sind nicht daran interessiert, die Stelle als Konrektor zu bekommen, weil damit viel zusätzliche Arbeit verbunden ist. Die Bezahlung ist aber kaum höher. Der Konrektor bekommt monatlich eine geringe Zulage gegenüber dem Lehrergehalt. Anna ist vom Personalrat und dem Schulrat bereits am Telefon informiert worden, dass sie mit ziemlicher Sicherheit die Stelle als Konrektorin bekommen wird.

Anna ist klein und zierlich und hat kurze, schwarze Haare. Sie ist hübsch und attraktiv und wird oft zehn Jahre jünger geschätzt. Sie ist zäh und konsequent und versucht immer, alle Mädchen und Jungen fair und gerecht zu behandeln. Viele Kollegen, Schüler oder Eltern, die ihre Willenskraft unterschätzen, bekommen das über kurz oder lang zu spüren. Sie besitzt neben ihrer Gutmütigkeit und ihrer Zuneigung zu Kindern eine angeborene Autorität. Das ist gerade für ihren Beruf in der Schule wichtig. Das kostet sie natürlich viel Kraft. Wenn sie nicht die Hilfe ihrer Familie hätte, könnte sie die Belastung durch den Beruf und mit zwei schulpflichtigen Kindern nicht schaffen. Ihre Mutter Sophia, ihre Tante Antonia und ihr Mann Bernd unterstützen sie in allen Bereichen.

Neben Deutsch unterrichtet Anna Geschichte und katholische Religion. Wenn es der Stundenplan erforderlich macht, gibt sie in den unteren Klassen auch Englisch.

Vor zwei Jahren haben Bernd und Anna einen Antrag an die katholische Kirchengemeinde in Handorf gestellt, um ein Baugrundstück zu kaufen. Rektor Heinz Sommer ist im Kirchenvorstand und hat den Antrag gesehen. Er spricht Anna darauf an: „So, Sie wollen in Handorf ein Haus bauen. Das finde ich gut. Nur werden Sie und Ihr Mann sich gedulden müssen. Die Liste der Antragsteller ist sehr lang und Sie stehen so etwa an der zehnten Stelle.“

„Das macht nichts“, entgegnet ihm Anna. „Wir haben mit unseren Bausparverträgen ohnehin noch längst nicht so viel Grundkapital angespart, dass wir sofort bauen können.“

Anna und Bernd haben beide zusammen ein gutes Einkommen. Durch die Hilfe von Annas Mutter Sophia sparen sie im Haushalt. Sie leben aber mit ihren beiden Kindern Daniel und Marie nicht so sparsam, dass sie sich nichts mehr leisten, nur weil sie mal ein Haus bauen wollen.

Anna und Bernd sind Mitglied in einem Tanzclub in Münster und gehen regelmäßig einmal in der Woche dorthin. Alle zwei Wochen treffen sie sich mit einigen befreundeten Paaren zum Kegeln im Tannenhof. Vor einem halben Jahr hatte Anna die Idee, Tennis zu spielen. Sie haben sich in dem Tennisverein “Club66“ in Wolbeck angemeldet und sofort einige Trainerstunden gebucht. Mehrmals im Jahr laden sie Freunde oder Kollegen zu sich nach Hause zum Abendessen ein und zu den Geburtstagen die Familie. Anna hat dann viel Arbeit und zelebriert dazu ein besonderes Abendessen. Natürlich sind auch sie beide regelmäßig bei befreundeten Paaren eingeladen. Das alles kostet Kraft und Geld.

Sie haben es geschafft, zusammen mit ihren Kindern fast in jedem Jahr im Sommer in den Urlaub zu fahren. Als Daniel und Marie noch klein waren, sind sie viermal an der Nordsee in Wyck auf Föhr in einer Ferienwohnung der Familie Hansen gewesen.

Im letzten Jahr waren sie in Spanien auf Mallorca in Cala Millor. Dort hatten sie in einem Appartementhaus eine Wohnung für vier Personen gebucht. Dieser Urlaub am Mittelmeer hat ihnen allen so gut gefallen, dass sie in diesem Jahr wieder dorthin fahren wollen und wieder in das Appartementhaus “Mercedes“. Bei den Urlauben an der Nordsee hatten sie an vielen Tagen Regen oder so kühle Temperaturen, dass an ein Baden nicht zu denken war. Hier am Mittelmeer scheint im Sommer an jedem Tag die Sonne. Es ist warm und das Baden im Meer ist herrlich. Daniel und Marie wollen in diesem Jahr auf Mallorca den Surfschein machen.

Bernd ist leidenschaftlicher Hobbyfotograph. Er hat nicht nur zu Hause und in den bisherigen Urlauben viele hundert Fotos von den Kindern und natürlich von Anna gemacht. Am Strand von Cala Millor ist Bernd in seinem Element. Anna fühlt sich in diesem warmen Klima richtig wohl. Immer wieder fotografiert er sie und die Kinder beim Baden im Wasser oder bei Strandspaziergängen im knappen Bikini. Davon hat Anna sich inzwischen die verschiedensten Modelle in allen Farben gekauft. Hier am Strand und am Pool sind die Menschen locker, sonnen sich und schwimmen im oft sehr gewagten knappen string.

Bernd hat zusammen mit Anna und den beiden Kindern Daniel und Marie besprochen, dass sie alle vier zusammen in diesem Jahr in den Sommerferien wieder dorthin fahren und zwei Wochen Urlaub machen.

Bernd geht ins Reisebüro. Mit Frau Pander, die hier schon lange als Beraterin und Reisekauffrau arbeitet, hat er bisher fast alle Urlaubsreisen besprochen und gebucht. Er hat mit ihr einen Termin verabredet, damit er in Ruhe die Reise mit ihr besprechen kann.

Wie immer möchte er vom Flughafen Münster aus nach Palma de Mallorca fliegen und möglichst nicht mitten in der Nacht. Gemeinsam finden sie einen Termin zu Anfang Juli.

Frau Pander lächelt ein wenig: „Ich vermute, sie und Ihre Familie möchten wieder ein schönes großes Appartement mit zwei Schlafzimmern und einer kleinen Küche im Haus Mercedes, direkt am Strand.“

Bernd grinst zurück: „Da haben Sie ja total richtig geraten. Natürlich wollen wir in diesem Jahr noch einmal dorthin. Es ist dort nicht zu überlaufen. Der Strand ist breit und sehr lang. Im Ort Cala Millor können wir alle vier abends bummeln und gemütlich im Cafe sitzen und schicke Leute begucken. Auf jeden Fall werden wir mehrmals ein Auto mieten und die Insel erkunden. Meine Frau will wenigstens einmal in jedem Mallorca-Urlaub nach Palma und dort die Boutiquen plündern.

Frau Pander hat die Reise in ihren PC eingegeben: „Sobald ich die Bestätigung habe, schicke ich Ihnen die Unterlagen. Die Anzahlung fordert die TUI etwa vier Wochen vor dem Reiseantritt. Den Rest müssen Sie kurz vor Reiseantritt zahlen. Sie kennen das ja schon. Die Sitzplatzreservierung im Flugzeug und die Reiserücktrittsversicherung sind über Ihre TUI-Card bezahlt.“

Bernd ist froh, dass alles so geklappt hat, wie er es wollte. Er bedankt sich bei Frau Pander.

Abends erzählt er Anna, dass er die Ferienreise nach Mallorca bei Frau Pander fest gebucht hat.

Aber leider kann Anna jetzt noch nicht an Urlaub denken. Sie ist mitten in ihrem Schulalltag. Seit drei Jahren ist sie Klassenlehrerin der derzeitigen 9. Klasse. In dieser Zeit hat sie ihre Schülerinnen und Schüler sehr gut kennengelernt und die Kinder sie.

Wie in jeder Schulklasse sind viele Schüler ziemlich unauffällig und verhalten sich im normalen Schulalltag ruhig. Anna kennt die Schüler, die immer wieder ausloten, wie weit sie gehen können, um den Unterricht zu stören und andere Mitschüler zu ärgern. Sie kennt von allen mehr oder weniger genau die häuslichen Verhältnisse und weiß von den schulischen und auch von den privaten Problemen, die einige ihrer Sorgenkinder haben.

Eines dieser Sorgenkinder ist Tobias Wagner. Er wirkt auf den ersten Blick ganz ruhig. Aber das täuscht. Tobias macht nur das, zu was er gerade Lust hat. Wenn er will, kann er sich für eine kurze Zeit auf den Unterricht des Lehrers konzentrieren. Aber meistens will er nicht. Er stört und ärgert die anderen Schüler auf eine ganz versteckte Art. Im Grunde hat er dann nur ein Ziel: Er will Aufmerksamkeit und vor allem die Lehrer verunsichern. Tobias ist nicht dumm. Er ist es nur nicht gewohnt, eine ganze Schulstunde ruhig, aufmerksam und sachlich am Unterricht teil zu nehmen.

Anne kennt Tobias ganz genau und weiß immer schon vorher, wenn Tobias wieder eine Aktion plant. Sie kennt sein Zuhause und die Gründe dafür, warum Tobias dieses Verhalten zeigt. Seinen Vater kennt Tobias nicht. Seine Mutter ist mit drei Kindern allein und lebt in ganz einfachen Verhältnissen. Sie kümmert sich wohl um die Kinder, hat aber in ihrem Haushalt noch ihre alte, etwas geisteskranke Mutter zu versorgen. Immer wenn diese Oma besonders betreut werden muss, kann Tobias mit seinem Bruder nicht in seinem Zimmer schlafen und muss mit den anderen zu Viert in einem Raum schlafen und dort auf engstem Raum tagsüber die Schularbeiten machen. Unter diesen Umständen verzichtet Tobias auf Schularbeiten und kommt ohne diese in die Schule. Bei den meisten Lehrern hat er deswegen nur Ärger. Einige Fachlehrer drängen in jeder Konferenz darauf, Tobias von der Schule zu verweisen.

Zu Anna hat Tobias ein besonderes Vertrauensverhältnis, weil sie ihn im Grunde so annimmt, wie er ist. Sie hat es zwar auch nicht leicht mit Tobias. Immer wieder redet sie in Einzelgesprächen mit ihm und versucht ihm klar zu machen, dass er sein Verhalten bei ihr und bei allen Lehrern ändern muss. In ihrem Unterricht nimmt er sich dann einige Tage zusammen und stört nicht. Aber die anderen Lehrer an der Schule haben ständig große Probleme mit ihm, eben weil er oft keine Hausaufgaben macht und dann ständig massiv ihren Unterricht stört.

In der Hauptschule sind Kinder aus sehr unterschiedlichen Familien. Zum Glück besuchen die Hauptschule in Handorf viele Kinder aus Handwerkerfamilien und Töchter und Söhne von den umliegenden Bauernhöfen. In der Regel stehen deren Eltern voll hinter den Lehrern und deren Unterricht. Ihre Kinder sollen einen qualifizierten Hauptschulabschluss machen und wie in alten Zeiten ins Berufsleben kommen. Aber es gibt in der Schule eben auch Kinder, die ebenfalls intelligent sind, die aber aus sehr unterschiedlichen Gründen in ihrem Verhalten auffällig sind.

Eines Abends nach der Schule im April, so gegen 20.00 Uhr ruft zu Hause bei Anna die Klassensprecherin Maria an: „Frau Cleven, wir waren nach der Schule mit mehreren aus der Klasse in Münster in einer Eisdiele. Wir sind zusammen mit dem Stadtbus um halb acht zurückgefahren. Erst in Handorf haben wir gemerkt, dass Paula nicht mehr bei uns war.“

„Na, das ist doch weiter nicht schlimm“, sagt Anna. „Sie ist wohl vorher schon mit einem anderen Bus nach Hause gefahren.“

„Nein, das glauben wir nicht. Sie war während des ganzen Nachmittags schon sehr ruhig und bedrückt. Wir haben sie gefragt, ob es ihr schlecht geht oder ob irgendetwas passiert ist.“

„Und, was hatte Paula?“

„Sie sagte uns, dass sie Angst hätte, nach Hause zu gehen, weil ihr Vater sie immer schlägt.“

„Ist sie in der Eisdiele geblieben oder was hat sie gemacht?“

„Zwei von unseren Jungen, Kevin und Marcel, hatten sie kurz vorher am Bahnhof in Münster getroffen und gefragt, warum sie nicht mit ihnen zum Bus geht. Sie hat sofort losgeheult und gesagt, sie ginge nicht mehr nach Hause.“

„Wisst ihr, wo Paula jetzt ist?“

„Nein. Wir glauben aber, dass sie noch am Bahnhof in Münster ist. Wir haben immer wieder versucht, sie auf ihrem Handy anzurufen. Sie meldet sich nicht.“

Anna überlegt kurz: „Am Bahnhof in Münster kann sie heute Nacht auf keinen Fall bleiben. Aber ohne Wissen ihrer Eltern können wir jetzt nicht einfach so die Polizei einschalten. Maria, kannst du nicht zusammen mit Claudia zum Hauptbahnhof in Münster fahren und sie suchen? Wenn ihr sie findet, sagt ihr, sie solle mit euch zu mir kommen. Ihr wisst ja, wo ich wohne. Das ist nicht weit vom Bahnhof entfernt. Sie kann heute Nacht bei mir bleiben. Wenn sie fragt, sagt ihr, dass ich das mit ihrem Vater später regeln werde.“

Maria stimmt zu und verspricht, sich per Handy sofort zu melden, wenn sie Paula gefunden haben.

Bernd hat einiges von dem, was Anna sagte, mitgehört. Nachdem Anna ihm die ganze Sache erzählt hat, gibt Bernd sofort zu bedenken:

„Wenn du Paula hier übernachten lässt, ohne dass du die Eltern benachrichtigst, kannst du mächtig Ärger bekommen. Paula ist noch nicht volljährig. Da bewegst du dich auf ganz dünnem Eis.“

„Ich kenne die Eltern von Paula Lopez. Die Eltern sind Spanier und wohnen und arbeiten schon seit mehr als zwanzig Jahren in Deutschland. Ich weiß, dass der Vater sehr streng ist und seine Kinder und auch Paula schlägt. Er ist der Meinung, dass er das Recht dazu hat. Niemand soll sich in die Belange seiner Familie einmischen. Das ginge nur ihn etwas an.“

Eine halbe Stunde später kommen Maria und Claudia zusammen mit Paula zur Annas Wohnung. Anna ist erleichtert. Sie wollte es nicht verantworten, dass Paula die Nacht am Bahnhof verbringt, sie das wusste und nichts unternommen hat. Wenn Paula dann etwas zugestoßen wäre, hätte Anna mit Sicherheit viel mehr Ärger bekommen als jetzt.

Anna bedankt sich bei Maria und Claudia: „Ich bin froh, dass ihr Paula zu mir gebracht habt. Fahrt jetzt schnell nach Hause, damit sich eure Eltern nicht auch noch Sorgen machen.“

Sie geht mit Paula allein ins Wohnzimmer und fragt sie: „Dann erzähl‘ mir mal, Paula, warum du heute nicht nach Hause willst.“

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