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Krönung der Liebe

1. KAPITEL

Ich bin besser dran ohne den Job, versuchte sich Allegra einzureden. Niemand sollte sich so etwas gefallen lassen!

Allerdings war es auch kein Zuckerschlecken, bei strömendem Regen durch Londons Straßen zu wandern und mit der U-Bahn von einer Vermittlungsagentur zur nächsten zu fahren. Allegras Ärger über die dreiste Anmache ihres Bosses – und die prompte Kündigung, weil sie sich wenig kooperativ zeigte – verwandelte sich mit jeder Absage zunehmend in Panik.

Sie brauchte eine neue Arbeit. Unbedingt!

Ihre sämtlichen Ersparnisse waren der bodenlosen Verschwendungssucht ihrer exzentrischen Familie zum Opfer gefallen. Manchmal hatte Allegra den Eindruck, dass man ihr schmales Gehalt als Verlagslektorin wie eine Art Rettungsanker ansah. Einerseits wurde sie wegen ihrer Vernunft und Strebsamkeit aufgezogen und für sterbenslangweilig erklärt, doch sobald mal wieder Not am Mann oder der Frau war, musste sie in die Bresche springen.

Wie zum Beispiel letzte Woche, als ihre Stiefmutter Chantelle sie angefleht hatte, ihr fünftausend Pfund zu leihen, um ein gesperrtes Konto auszugleichen, von dem ihr Mann gar nichts wusste. Was für ein absurder und lächerlicher Gedanke, jetzt womöglich auf die Unterstützung dieser Familie angewiesen zu sein!

Es war ein trüber Tag, nass und kalt, ohne das leiseste Anzeichen des beginnenden Frühlings. Allegra zog den Kopf noch tiefer zwischen die Schultern, schob die Hände in die Taschen ihres durchweichten Trenchcoats und schloss die Finger um die Fünfzigpfundnote, die sie am Bankautomaten gezogen hatte. Falls ihr Boss sich weigerte, ihr morgen das letzte Gehalt zu überweisen, war sie pleite.

Ich habe schon Schlimmeres überstanden, sagte sie sich energisch. Immerhin bin ich Bobby Jacksons Tochter! Was einerseits bedeutete, dass sie von klein auf mit allen Wechselfällen des Lebens zurechtkommen musste, andererseits hatte sie von ihrem liebenswert chaotischen Vater gelernt, wie wichtig es war, immer wieder aufzustehen, egal wie oft man strauchelte oder fiel.

Kämpferisch schob Allegra das Kinn vor. Oh nein! Sie hatte nicht vor, klein beizugeben! Und sollte sie trotzdem untergehen, dann wenigstens mit Stil …

Spontan stieß sie die Tür zu einer schummerigen Bar auf, an der sie gerade vorbeikam, und tauchte mit gesenktem Kopf in die anheimelnde Wärme des Foyers. Rasch streifte sie den nassen Mantel ab, hängte ihn an die Garderobe und ging weiter. Normalerweise gehörte es nicht zu ihren Gewohnheiten, allein fremde Lokalitäten zu betreten, doch hier war es warm und trocken, und sie konnte sich einen Moment hinsetzen und ihre Gedanken ordnen.

Allegra lächelte bitter in Erinnerung daran, wie sie voller Zuversicht und gerechter Empörung aus dem Büro gerauscht war, nachdem sie ihrem Boss tüchtig die Meinung gegeigt hatte. Dabei hatte sie sich in jeder Hinsicht auf der sicheren Seite gefühlt. Dank ihres beruflichen Werdegangs und ihrer Erfolgsbilanz war sie über die Jahre hinweg immer wieder von Headhuntern angesprochen worden. Darum sah sie kein Problem darin, schnell wieder einen adäquaten Job zu finden.

Was für eine frustrierende und demütigende Erfahrung, jetzt herauszufinden, dass sich die Wirtschaftslage und der Markt durch die allgemeine Finanzkrise dramatisch verändert hatten, und sie damit quasi überflüssig geworden war. Kein einziges Job­angebot! Obwohl … so ganz stimmte das nicht. Allerdings war die Arbeitszeit auf drei Stunden pro Monat limitiert.

Drei Stunden im Monat!

Allegra wollte sich gerade an den Tresen setzen, da stellte sie fest, dass nur an den Tischen serviert wurde. Zielgerichtet steuerte sie auf einen kleinen, gemütlich wirkenden Alkoven zu und ließ sich zufrieden auf die mit Samt bezogene Sitzbank fallen. Dann schaute sie neugierig um sich und registrierte überrascht, wie elegant die Einrichtung war. Angesichts der eher schmuddeligen Fassade hatte sie etwas ganz anderes erwartet.

An einem der Nachbartische erschallte weibliches Gelächter. Eine Runde gut gekleideter Frauen nippte an bunten Cocktails und plauderte angeregt miteinander. Allegra seufzte und beneidete sie glühend um ihre offensichtlich gute Laune.

Gleich nebenan schien ein einzelner Gast völlig in seiner eigenen Welt gefangen zu sein. Ganz sicher war er der attraktivste Mann, den sie je in ihrem Leben gesehen hatte: dunkel gekleidet, mit dichtem braunen Haar, hohen Wangenknochen und markanter Nase. Die langen Beine hatte er lässig von sich gestreckt. Im krassen Gegensatz zur entspannten Haltung standen allerdings die steile Falte zwischen den Brauen und sein düsterer, in sich gekehrter Blick.

Die Falte vertiefte sich noch, als die muntere Frauentruppe erneut in Gelächter ausbrach. Dann wandte er plötzlich den Kopf und bemerkte, wie fasziniert sie ihn anstarrte. Zu ihrer Erleichterung tauchte genau in diesem Moment die Bedienung an ihrem Tisch auf.

„Was darf ich Ihnen bringen?“

Allegra schwankte zwischen einem Glas Hauswein und einer Tasse Tee zum Sandwich, doch dann besann sie sich anders. Nach so einem anstrengenden Tag hatte sie wahrlich Besseres verdient!

„Eine Flasche Bollinger, bitte.“ Für ihre Verhältnisse war das eine extravagante Geste und ein absolutes Novum. Als eingefleischter Sparfuchs zweigte sie jeden Monat zwanzig Prozent von ihrem Gehaltsscheck ab. Das Geld überwies sie auf ein Sparkonto, um niemals derart in die Bredouille zu geraten, wie es ihrer Familie ständig passierte.

Die Kellnerin zuckte nicht mit der Wimper. „Wie viele Gläser?“

„Nur eines, bitte.“

Der Champagner wurde im Eiskübel serviert. „Sie haben etwas zu feiern?“ Die Bedienung schenkte ein und stellte ein Schälchen Nüsse auf den Tisch.

„So in der Art“, erwiderte Allegra einsilbig und beschloss spontan, genau das zu tun. Sechs lange Monate hatte sie versucht, das anzügliche Grinsen und die zweideutigen Bemerkungen ihres Chefs zu ignorieren, jetzt war sie ihn endlich los. Wenn das kein Grund zum Feiern war!

„Cheers …“ Sie hob ihr Glas dem Fenster entgegen, das in Himmelsrichtung ihres alten Arbeitsplatzes lag. Das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden, ließ sie den Kopf wenden. Verlegen begegnete Allegra dem forschenden Blick des dunkelhaarigen Adonis’. Verübeln konnte sie ihm seine Irritation nicht, immerhin hatte sie gerade dem Fenster zugeprostet.

Sie schenkte dem Fremden ein flüchtiges Lächeln, kramte Notizbuch und Stift hervor und hakte die Stellen ab, die sie heute erfolglos aufgesucht hatte. Dann notierte sie weitere Kontaktadressen, entschlossen, bis spätestens Ende der Woche einen neuen Job zu haben.

Nach der Hälfte der Flasche war Allegra längst nicht mehr so optimistisch und von sich überzeugt. Der ungewohnte Champagner auf nüchternen Magen hatte zur Folge, dass sich ihre aufgewühlten Emotionen in einem heißen Tränenstrom Luft zu machen drohten. Mit schwimmenden Augen schaute sie zu der Kellnerin auf, die plötzlich wieder an ihrem Tisch erschien.

„Sie haben vergessen, sich einzutragen, Madam“, machte die distinguiert wirkende Brünette sie dezent auf ein Versäumnis aufmerksam, dessen sich Allegra gar nicht bewusst gewesen war. Erst jetzt dämmerte ihr, dass sie in keiner normalen Bar, sondern offenkundig in einem Privatklub saß.

„Sie sind doch Mitglied?“

Rot vor Scham war sie kurz davor, ihre Fünfzigpfundnote auf den Tisch zu knallen und zu verschwinden, als hinter ihr eine dunkle Stimme ertönte.

„Warum hast du dich hier hinten versteckt?“

Im gleichen Moment wie die Kellnerin wandte sie verblüfft den Kopf und sah sich dem düsteren Fremden gegenüber, der ihrem verschreckten Blick eindringlich und fast beschwörend begegnete. „Verzeihung, aber die Dame ist mein Gast“, informierte er die erstarrte Bedienung. „Ich werde das Versäumte gleich nachholen.“

Darauf schien die Brünette etwas sagen zu wollen, neigte dann aber leicht den Kopf und zog sich zurück. Natürlich glaubt sie ihm kein Wort, dachte Allegra. Immerhin sitze ich hier seit einer halben Stunde, ohne dass er auch nur den Versuch gemacht hat, mich anzusprechen. Entweder ist er ein einflussreicher Stammgast oder er wirkt mit seiner finsteren Miene auf die arme Frau ebenso einschüchternd wie auf mich!

„Danke …“, sagte sie gepresst und erstarrte, als er ihr gegenüber Platz nahm. „Und nein danke, ich werde nur meine Rechnung zahlen, dann muss ich gehen“, fügte sie eisig hinzu, um jeden weiteren Annäherungsversuch im Keim zu ersticken.

„Wollen Sie nicht wenigstens austrinken?“, fragte ihr ungebetener Retter gelassen. „Wäre doch schade, das kostbare Zeug zu verschwenden.“

Das wäre tatsächlich eine himmelschreiende Schande, dachte Allegra und sah sich in einer wilden Vision mit der halb leeren Champagnerflasche im Arm durch London streunen und ihre missliche Lage bejammern. Der absurde Gedanke entlockte ihr ein Lächeln, das ihr Gegenüber dummerweise missverstand. Mit einem Fingerschnippen rief er die Kellnerin zurück an den Tisch und orderte ein zweites Glas.

Innerlich schäumend vor Empörung musste Allegra mit ansehen, wie ihr Champagner einem völlig Fremden kredenzt wurde. „Eigentlich ziehe ich es vor, allein zu trinken“, informierte sie ihn steif.

„Dann tragen Sie sich am Empfang ein.“

„Ha, ha!“

„Oder betrachteten Sie sich als meinen Gast, was bedeutet, dass wir den Champagner teilen.“

Obwohl sein Englisch perfekt war, sprach er mit einem schwachen Akzent, den sie nicht einordnen konnte. Vielleicht Spanisch oder Italienisch. Auf jeden Fall sehr kultiviert und in einem Ton, der verriet, dass er es gewohnt war zu befehlen.

„Wie auch immer“, fuhr er fort, da keine Reaktion von ihr kam. „Es macht nicht den Eindruck, dass Sie Ihren Champagner genießen. Abgesehen von dem spontanen Toast in Richtung Fenster scheinen Sie sich genauso mies zu fühlen wie ich.“

Sein unerwartetes Statement brachte Allegra dazu, ihren Tischherrn einer genaueren Musterung zu unterziehen. Dabei fiel ihr auf, dass sein perfekt geschnittener Anzug nicht einfach nur dunkel, sondern tiefschwarz war, genau wie die Krawatte. Dazu die düstere Miene … wahrscheinlich kam er gerade von einer Beerdigung.

Jetzt, da er ihr so nah war, konnte sie einen frischen maskulinen Duft wahrnehmen, der so gar nicht in eine Bar zu passen schien. Klar und herb zugleich. Und obwohl es unsinnig war, führte diese Wahrnehmung dazu, dass Allegra sich etwas entspannte. Er schien kein Mann zu sein, der es nötig hatte, sich einer Frau aufzudrängen. Und sie wurde nirgendwo dringend erwartet.

„Sind Sie immer so … bestimmend und dominant?“

Darüber musste er offenbar nachdenken. „Nein.“ Nach einem Schluck Champagner schien er immer noch zu überlegen. „Eigentlich nie. Mir ist nur aufgefallen, wie schlecht gelaunt Sie aussehen, und als dann noch die Kellnerin kam, dachte ich …“

„Dass Sie mich vielleicht aufheitern könnten?“

„Nein.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, wir könnten uns vielleicht zusammen schlecht fühlen. Schauen Sie nicht rüber, aber diese aufgedrehten Frauen an dem Tisch da hinten …“ Eine kleine Geste mit dem Kopf deutete die Richtung an. „Eine von ihnen scheint es auf mich abgesehen zu haben.“

Allegra nickte leicht. Auch ihr war der herausfordernde Ton im kollektiven Gelächter ebenso wenig entgangen wie der Adressat, für den die muntere Frauentruppe sich derart ins Zeug legte. „Irgendwie scheinen Sie mir nicht der Typ zu sein, der sich unwillkommener Aufmerksamkeit nicht erwehren könnte.“

Ganz anders als ich! konnte sie sich gerade noch verkneifen hinzuzufügen. Aber das lag wohl in erster Linie daran, dass sie es einfach nicht gewohnt war, von fremden attraktiven Männern überhaupt wahrgenommen zu werden.

„Normalerweise kein Problem für mich.“ Es hörte sich seltsamerweise nicht arrogant an. „Heute ist eine Ausnahme. Ich wollte einfach nur hier sitzen und bei einem Drink in Ruhe nachdenken, reflektieren … wahrscheinlich genauso wie Sie.“

„Okay, mit nachdenken und in Ruhe liegen Sie richtig“, spöttelte sie sanft, entlockte ihrem Gegenüber damit aber nicht das leiseste Lächeln.

Offenbar ist er hier eine ganz große Nummer, dachte Allegra im nächsten Moment, weil ihnen überraschend eine Fülle an Knabbereien und kleinen Snacks serviert wurde, während sie nur ein paar Nüsse bekommen hatte. Ihr Magenknurren erinnerte sie daran, dass sie seit dem Frühstück um sieben Uhr morgens nichts gegessen hatte.

„Besser, ich trage Sie kurz ein. Ehrlich gesagt wundert es mich, dass Sie überhaupt einen Tisch bekommen haben. Normalerweise ist man hier …“

Er brauchte nicht weiterzusprechen, um Allegra in tiefste Verlegenheit zu stürzen. Natürlich hatte sie längst begriffen, dass sie hier nicht hingehörte. „Besonders wählerisch wollten Sie sagen?“, beendete sie bissig seinen Satz.

„Aufmerksam.“ Sein schwaches Lächeln hatte zur Folge, dass sich die brennende Röte auf ihren Wangen noch vertiefte. Es war ein seltsames, reduziertes Lächeln, als ob er nicht daran gewöhnt war, positive Gefühlsregungen zu zeigen. Vielleicht fühlte es sich deshalb wie eine Art Auszeichnung an.

Sie konnte nicht anders als es zu erwidern. „Okay, schon vergeben.“

„Wie heißen Sie?“

„Allegra. Allegra Jackson.“

„Angenehm, ich bin Aless…“ Er zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde. „Alex.“

Als er in Richtung Empfang verschwand, presste Allegra die Handflächen gegen ihre heißen Wangen, atmete tief durch und fühlte sich geradezu lächerlich erleichtert. Sie hatte mit erhobenen Brauen oder einer gerunzelten Stirn gerechnet – wie so häufig, wenn sie ihren Familiennamen preisgab. Er tauchte nämlich regelmäßig in den Schlagzeilen der Yellow Press auf. Und obwohl sie nie persönlich in die Skandalgeschichten um ihre Angehörigen verwickelt war, steckte man sie für gewöhnlich in die gleiche Schublade.

„Sind Sie nicht Bobby Jacksons Tochter?“ Allegra wusste längst nicht mehr, wie oft man sie bereits mit dieser lästigen Frage konfrontiert hatte.

Alex trug ihren Namen in die Gästespalte ein und schüttelte dabei über sich selbst den Kopf. Fast hätte er seine Identität preisgegeben. Die war zwar kein Geheimnis, aber hier in London trat er gemeinhin als Alex Santina, Geschäftsmann, auf und nicht unter seinem offiziellen Titel Seine Königliche Hoheit, Kronprinz Alessandro von Santina.

Dass er ihm fast entschlüpft war, lag wahrscheinlich daran, dass er gerade sehr eindringlich über Santina und die ärgerliche Diskussion mit seinem Vater, König Eduardo, nachgedacht hatte. Außerdem fühlte er sich müde und ausgelaugt, was ihm völlig fremd war. Doch in letzter Zeit, und besonders heute in der Trauerkapelle, fühlte er sich wie unter einer erstickenden, düsteren Decke gefangen, die ihm die Luft zum Atmen nahm.

Nachdem er Miss Jackson eingetragen hatte, kehrte er zu seinem Gast zurück. Da er Allegra die Bar hatte betreten sehen, konnte er den Fehler der Kellnerin durchaus nachvollziehen. So selbstverständlich, wie sie ihren Mantel gleich an die Garderobe gehängt und sich nach einem kurzen Rundumblick für den Alkoven entschieden hatte, schien sie hier zu Hause und am richtigen Platz zu sein. Kein Wunder, dass die Bedienung sie für ein Mitglied hielt.

Er saß schon wieder, da entschied Alex sich anders, stand noch einmal auf und streifte sein Jackett ab. Die Kellnerin überschlug sich fast, um rechtzeitig zur Stelle zu sein, es ihm abzunehmen und auf den freien Stuhl neben ihm zu legen. Wie Allegra für sich vermerkte, erhielt die hübsche Brünette dafür weder ein Lächeln noch einen Dank.

Auch hatte Alex, wie sie ihn inzwischen in Gedanken nannte, keinen Blick für die aufmerksame Frauenrunde übrig, die in angespanntes Schweigen verfallen war, als er sich seiner Jacke entledigt hatte.

Erneut wehte Allegra sein frischer, verführerischer Duft entgegen.

Verführerisch? Was für ein unsinniger Gedanke! Und warum ihr Puls angesichts der schlanken, bronzefarbenen Finger, die sich um den Stiel des Champagnerglases schlossen, emporschnellte, konnte sie sich noch weniger erklären. Vielleicht lag das auch an dem ungewohnten Alkohol, oder dieser dunkle Adonis wusste sehr genau, was er tun musste, um sie zu verwirren. Allerdings lag keine Spur des anziehenden Lächelns auf den herben, gut geschnittenen Lippen, und jetzt wanderten die Mundwinkel sogar noch ein Stück tiefer …

„Tut mir leid“, murmelte Alex, der ihre wachsende Unruhe falsch interpretierte. „Ich bin heute kein guter Gesellschafter. Der Tag war doch härter als erwartet.“

„Jemand, der Ihnen nahestand?“, fragte Allegra höflich, da sie inzwischen sicher war, dass er von einer Beerdigung kam.

„Nicht wirklich …“ Er zögerte kurz. „Einer meiner Angestellten, dessen Pensionierung wir erst letzte Woche gefeiert haben.“

„Das tut mir leid.“

„Was tut Ihnen leid?“

„Na, was Sie gerade erzählt haben.“ Seine seltsame Angewohnheit, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, irritierte sie zunehmend.

„Er war kein Freund oder so.“ Alex trank noch einen Schluck Champagner. „Eigentlich kannte ich ihn so gut wie gar nicht, deshalb muss Ihnen nichts leidtun.“

„Dann eben nicht!“ Gereizt blies sich Allegra eine vorwitzige Ponyfranse aus der Stirn. „Ehrlich gesagt ist es mir auch egal, warum Sie so schlecht drauf sind. Fest steht, dass nach einer Beerdigung kaum jemandem zum Lachen zumute ist, also …“

„Beerdigungen machen mir nichts aus“, unterbrach er sie tonlos. „Und ich habe schon etliche erlebt, das können Sie mir glauben.“

Allegra kniff die Lippen zusammen. Noch einmal würde sie ihn nicht bedauern!

Nach einer Pause, die langsam lastend wurde, schaute Alex von seinem Glas auf. „Und, wie lautet Ihre Entschuldigung für den desolaten Zustand, in dem Sie sich befinden? Oder gehört es zu Ihren Gewohnheiten, nachmittags in Bars herumzusitzen und Champagner zu trinken?“

Diese absurde Vorstellung reizte sie wider Willen zum Lachen. „Eher nicht, würde ich sagen. Aber ich habe gerade meinen Job verloren.“

Kein Bedauern, kein Nachhaken, einfach nichts.

„Präziser ausgedrückt, ich bin einfach gegangen“, fügte sie penibel hinzu.

„Darf ich fragen, warum?“

Nach einem kurzen Zögern zuckte sie mit den Schultern. „Mein Boss … er …“ Sie brauchte nicht weiterzureden, ihre flammenden Wangen sagten alles.

Verdammt! Warum werde ich nur immer so schnell rot?

„Hat Sachen von Ihnen verlangt, die nicht zur Jobbeschreibung gehörten“, beendete Alex gelassen ihren Satz.

Allegra nickte, erleichtert, dass sie nicht deutlicher werden musste. „Allerdings bin ich davon ausgegangen, gleich wieder eine neue Arbeit zu finden. Doch wie es aussieht, habe ich mich geirrt. Die Marktlage hat sich verändert, und die Zeiten sind offensichtlich härter geworden.“

„Sehr hart“, bestätigte er düster.

Das brachte ihm einen neugierigen Blick von Allegra ein, die sich fragte, was ein Mann wie er schon von harten Zeiten wissen konnte.

„Ich bin mir meiner kollektiven Verantwortung durchaus bewusst“, erklärte er. „Wenn ich hinschmeißen sollte …“ Alex unterbrach sich und tat etwas für ihn sehr Ungewöhnliches. Und das auch noch ohne zu zögern. Er griff in die Tasche seines Jacketts, zog eine Visitenkarte hervor und reichte sie über den Tisch. „Ich beschäftige eine Menge Leute, und Sie haben ab sofort einen neuen Job, wenn Sie wollen.“

Wie betäubt starrte Allegra auf die elegante Karte in ihrer Hand. Santina Financiers – und plötzlich klingelte es bei ihr. Alex Santina war der Boss eines riesigen Unternehmens, das in Wirtschaftsmagazinen und Börsenblättern als einer der Marktführer gehandelt wurde.

Außerdem … Allegra runzelte die Stirn und versuchte sich zu besinnen, in welchem Zusammenhang ihr der Name noch begegnet war, doch der ungewohnte Champagner schien ihr Erinnerungsvermögen zu beeinträchtigen.

Als sie aufsah, begegnete sie seinem zwingenden Blick mit Zurückhaltung, spürte dann aber, wie ihr Widerstand schmolz, als sich die herben Lippen zu einem Lächeln verzogen. Einem sehr gefährlichen Lächeln! Es wirkte siegesgewiss und zeugte von ungeheurem Selbstvertrauen. Jetzt musste sie nicht länger darüber nachdenken, warum ihr Gegenüber so erfolgreich war, wie sämtliche Berichte über ihn immer wieder betonten.

„Sie wissen doch überhaupt nicht, was für eine Ausbildung ich habe.“ Sie konnte förmlich sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete.

Tatsächlich hatte Alex gerade entschieden, dass es angesichts der eher praktischen als eleganten Tweedhose nichts mit Mode zu tun haben konnte. Außerdem trug sie keine Spur von Make-up. Und dann die leichten Abdrücke auf ihrem schmalen Nasenrücken, die ihm verrieten, dass sie – zumindest zwischendurch – eine Brille trug.

„Lehrerin?“, fragte er spontan und starrte fasziniert auf ihre zarte Kehle, als Allegra den Kopf in den Nacken legte und laut lachte. „Bibliothekarin?“

Mit funkelnden Augen schüttelte sie den Kopf.

„Nichts verraten, ich komme noch darauf“, bat er, als sie den Mund öffnete.

Das tiefe Grün ihrer Augen war absolut ungewöhnlich und versetzte ihn an einen Ort, an dem er seit Ewigkeiten nicht mehr gewesen war. Man erreichte ihn nur nach einem langen Ritt über Santinas bewaldete Hügel.

Il Bosco Verde …

Dort oben, im tiefsten Forst, würde er diese ungewöhnliche Frau auf das schattige, weiche Moos in der Farbe ihrer Augen betten.

Nur mit Mühe gelang es Alex, sich von dieser reizvollen Fantasie zu lösen. Wie kann mich ein albernes Ratespiel nur derart erregen? Dabei dachte er nicht einmal an Sex, sondern daran, in diese funkelnden grünen Seen einzutauchen und dem unausgesprochenen Verstehen nachzuspüren, das er in der dunklen Tiefe erahnte.

„Telefonseelsorge“, sagte er rau und spürte ihr Knie unter dem Tisch an seinem. „Wenn Menschen nicht mehr ein noch aus wissen, rufen sie bei Ihnen an?“

„Nein.“ Ihr Lachen war verflogen, und sie wagte kaum, sich zu rühren, um den unverhofften Körperkontakt nicht abbrechen zu lassen. Wenn Alex sich nur ein bisschen vorbeugte, und sie ihm entgegenkam, würden sich ihre Lippen …

Abrupt rutschte Allegra auf ihrer Sitzbank so weit wie möglich nach hinten. Damit endete, was auch immer sich gerade zwischen ihnen entsponnen hatte. „Ich bin … war als Lektorin in einem Verlag tätig.“

„Es dürfte kein Problem sein, Ihnen …“

„Ich komme sehr gut allein zurecht und werde schon einen Job finden“, unterbrach sie ihn und hielt Alex seine Visitenkarte hin.

Gedankenverloren betrachtete er das feste Kinn und begegnete gelassen Allegras entschlossenem Blick. Dann nickte er langsam. „Da bin ich mir sicher. Behalten Sie die Karte trotzdem, falls Sie Ihre Meinung ändern.“

„Heuern Sie öfter Ihr Personal in Bars an?“

„Normalerweise überlasse ich so etwas anderen. Wenn Sie die angegebene Nummer wählen, kommen Sie ohnehin nicht weiter als zu meiner Privatsekretärin. Ich kann Belinda instruieren …“

„Nicht nötig, ich habe aus reiner Neugier gefragt.“

Da war es wieder, dieses angedeutete, absolut umwerfende Lächeln! „So funktioniert mein Gehirn nun mal“, gestand er. „Problem erkannt, Problem gebannt.“

„Wobei es wahrscheinlich reichen würde, einfach nur mal zuzuhören.“

Offenbar ein Ansinnen, das bisher niemand an ihn herangetragen hatte. Alex blickte zu einem Tisch in der Nähe vom Tresen, an dem er und sein Mitarbeiter noch letzte Woche einen Drink genommen hatten. „Charles … er hatte so viele Pläne für die Zeit nach seiner Pensionierung, und jetzt ist er tot. Es hat mich irgendwie zum Nachdenken gebracht.“

Allegra nickte.

„All die Dinge, die man schon immer tun wollte. Die man sich vorgenommen hat und nie verwirklichen kann.“

„Nicht kann?“, echote sie verblüfft. Ein Mann wie er sollte doch kaum ein Problem damit haben, seine Wünsche und Bedürfnisse durchzusetzen, wenn ihm wirklich daran lag, oder? „Warum nicht?“

„Nächstes Jahr um diese Zeit …“ ...

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