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Kris Longknife: Unter Quarantäne

Über den Autor

Mike Shepherd ist in der Marine großgeworden und lernte dort früh, was Veränderung und Befehlshierarchie bedeuten. Er arbeitete als Barkeeper und Taxifahrer, Personalreferent und Tarifunterhändler. Nach seiner Arbeit an Datenbanken über die gefährdeten Arten des Nordwestens lebt er heute zusammen mit seiner Frau Ellen und deren Mutter in Vancouver, Washington. Er liebt es zu lesen, zu schreiben, zu träumen, Enkelkinder zu betrachten und dabei Storyideen zu entwickeln sowie seinen Computer zu aktualisieren – alles niemals endende Aufgaben.

MIKE SHEPHERD

KRIS LONGKNIFE

UNTER QUARANTÄNE

ROMAN

Aus dem Amerikanischen
von Thomas Schichtel

BASTEI ENTERTAINMENT

1

Okay, ihr da in der Technik! Sehen wir mal, ob wir den Testlauf dieses Mal zu Ende bringen«, verkündete Captain Hayworth.

»Und versuchen wir, dabei nicht das Schiff hochzujagen«, setzte Lieutenant Junior Grade Kris Longknife leise hinzu. Trotzdem nickte sie beifällig zu dem, was der Captain der Schnellen Angriffskorvette Firebolt gesagt hatte, und die anderen Personen auf der Brücke taten es ihr gleich. Die Crew widmete sich ihren Aufgaben, und die Gesichter zeichneten sich mit professionell nichtssagenden Mienen im Widerschein der roten, blauen und grünen Beleuchtung ihrer Stationen ab. Die kühle, wiederaufbereitete Luft roch nicht nach Angst. Nicht ganz.

Der Captain wandte sich Kris zu. »Lieutenant Longknife, stimmen Sie Ihren Arbeitsplatz mit der Technik ab. Sagen Sie mir Bescheid, sobald Sie einen Fehler bemerken. Und benutzen Sie diesmal nur Standardausrüstung der Navy!«

»Aye, aye, Sir.« Kris tippte auf ihre Station und schaltete sie von den Angriffswaffen auf eine Kopie der technischen Station hundert Meter achtern der Brücke um. Alles war im grünen Bereich. Die Frage lautete nur: Zeigte die Station irgendein rotes Licht an, ehe die Firebolt nur noch eine Wolke aus glühendem Staub war?

Die Korvetten der Kamikaze-Klasse mit ihrer Panzerung aus Smart Metal waren toll, um in Friedenszeiten auf ihnen Dienst zu tun. Ein solches Schiff war dann kein enges und überfülltes Kriegsschiff mehr; vielmehr hatte die dünnere Panzerung zur Folge, dass die Räumlichkeiten erweitert worden waren. Kris liebte es, eine Privatkabine zu haben. In den zurückliegenden fünf Jahren waren immer mehr Schiffe dieser Klasse in den Flottendienst gestellt worden, und so hatte sie, was diesen Wunsch anging, keine Probleme gehabt. Als regelrechte »Kreuzfahrtschiffe« ausgelegt, wandelte man diese Klasse nur selten in dick gepanzerte Kriegsschiffe um.

Die von der Erde aus geführte Society of Humanity, die Gesellschaft der Menschheit, war jedoch nur noch Erinnerung, ebenso die achtzig Jahre Frieden, die sie mit sich gebracht hatte. Jede Nachrichtensendung munkelte heute vom Krieg. Wardhaven benötigte Kampfschiffe.

Und in jüngster Zeit hatten Umwandlungen von Fahrzeugen der Kamikaze-Klasse in enge, kleine Kampfmaschinen mit dicker Gefechtspanzerung eine beunruhigende Tendenz zu katastrophalen Reaktorstörungen gezeigt.

So hatte die Firebolt einen großen Teil der beiden vergangenen Monate in der Nuu-Werft verbracht und war zwischen groß und klein hin und her gewechselt, um herauszufinden, was hier nicht ganz richtig funktionierte. Wenn dieses Problem gelöst wurde, konnte Wardhaven der United Sentients Navy, der Raumflotte der Vereinigten Intelligenzen, vierzig gute Kriegsschiffe zur Verfügung stellen. Gelang das nicht, stand Wardhavens Bundesgenossen nur ein sehr kleiner Knüppel zur Verfügung, um sich den übrigen sechshundert Planeten des zersplitternden Raumes der Menschheit zu stellen.

Und das konnte Kris sehr leicht das Leben kosten.

»Technik, ich habe Ihre Station im grünen Bereich«, sagte sie.

»Aye, aye. Die Brücke sieht keine Probleme«, sagte der Chefingenieur gedehnt und mit sorgsam dosiertem Sarkasmus. Kris war weniger als ein Jahr bei der Navy und war noch keinem Chefingenieur begegnet, der irgendeinen Standpunkt von außerhalb seiner aus den Reaktoren, Generatoren und dem Irrgarten der Supraleiter bestehenden Domäne zwischen diesen Komponenten anerkannte.

Immerhin war es Kris gewesen, die zwei der jüngsten fünf Testläufe abgebrochen hatte.

Nelly, fragte Kris in Gedanken, sind die Maschinen stabil? Mit Geschützen und Meuterei konfrontiert, war Kris schließlich zu der Überzeugung gelangt, dass lautloses Sprechen für die Verständigung mit ihrem Personal Computer zu langsam und problematisch war. Im Zuge des letzten Upgrades von Nellys Hardware hatte sich Kris eine Direktverbindung ins Gehirn legen lassen. Was Kris dachte, das hörte Nelly, und was Nelly hörte, das würde sie sehr wahrscheinlich auch in die Tat umsetzen. Der Leibcomputer, den Kris um die Schultern trug, wog kaum zweihundertfünfzig Gramm, war aber hundertmal leistungsfähiger als die kombinierten Rechner der Firebolt – und fünfzigmal so teuer.

Alle technischen Messwerte sind im Nominalbereich. Nelly bestätigte damit Kris’ eigene Einschätzung.

Behalte sie im Auge. Sobald du irgendeine Entwicklung entdeckst, die das Schiff gefährden könnte, sag es mir. Falls die Zeit zu knapp ist, greife selbst ein.

Der Captain mag es nicht, wenn ich das tue.

Das ist mein Problem. Ich möchte nur am Leben bleiben, um es überhaupt haben zu können, dachte Kris und stellte fest, dass das jüngste Upgrade Nellys Repertoire um etwas Unerwartetes ergänzt hatte: Widerworte.

»Ruder«, befahl der Captain, »halten Sie sie mit einem g Beschleunigung sorgsam auf Kurs.«

»Aye, Sir. Ein g Beschleunigung, ganz vorsichtig.« Der Ensign am Ruder zeigte die erwartete entspannte Miene, warf aber Kris einen Blick unter hochgezogener Braue zu. Verließ er sich darauf, dass sie sie alle rettete, egal was der Skipper sagte?

»Maschine, geben Sie mir achtzig Prozent.«

»Reaktor geht auf achtzig Prozent. Auf achtzig Prozent … jetzt, Captain.«

»Ruder, auf eins Komma fünf g. Weiter vorsichtig voraus.«

Während das Ruder reagierte, überprüfte Kris ihre Station gründlich. Nelly führte dieselbe Prüfung mehrmals pro Sekunde aus, aber Kris vertraute keinem technischen Produkt ihr Leben an, nicht einmal Nelly. Alles leuchtete grün. Rings um Kris ächzte das Schiff, während sein Gewicht zunahm. Eine der Gratisbeigaben des Smart Metals machte sich bemerkbar. Ohne menschliches Zutun verdickte das Schiff automatisch die tragenden Elemente, ergänzte die Decks um einen zusätzlichen Millimeter, bereitete sich auf das steigende Gewicht von Anlagen und Crew vor.

»Crew, auf hohe Beschleunigung vorbereiten!«, befahl der Captain. Kris’ Stuhl, der einen Augenblick zuvor noch massiv gewirkt hatte, erzeugte jetzt eine Fußbank für sie. Die Kopfstütze dehnte sich, um Kris’ Körpergröße von vollen ein Meter achtzig auszugleichen; die Polsterung verdickte sich. Auf einem Fahrzeug der Kamikaze-Klasse benötigte die Mannschaft keine speziellen Stationen für hohe Beschleunigungswerte; die Stationen passten sich im Bedarfsfall an. Und wenn sich die Crew bewegen musste, flossen ihre Stationen einfach hinterher. Das war so cool!

»Maschine, den Reaktor bitte auf hundert Prozent.« Kaum hatte der Chefingenieur gemeldet, dass der Reaktor auf voller Leistung lief, da befahl der Skipper auch schon dem Rudergänger, auf zwei g zu beschleunigen. Kris hielt die Luft an und betrachtete ihre Station. Die erste Testfahrt der Firebolt hatte bei diesem Wert geendet und der Chefingenieur persönlich die Schnellabschaltung des Reaktors eingeleitet.

Nach fünf Sekunden Fahrt auf zwei g ließ Kris die Luft wieder heraus … und das gesamte Brückenpersonal schien leichter zu atmen. Der Captain behielt Kurs und Geschwindigkeit für lange fünf Minuten bei, während alle Stationen Meldung machten, nicht nur die Technik. Keine Probleme.

»Lieutenant Longknife, ist der Weltraum vor uns frei?«, fragte der Skipper.

So schnell, wie es ihr bei zwei g möglich war, schaltete sie einen kleinen Teil ihrer Station wieder auf die Waffensysteme um und suchte im Weltraum nach Objekten. »Auf zweihundertfünfzigtausend Kilometer nichts vor uns, Sir.«

»Bitte entladen Sie alle vier Impulslaser.«

»Ja, Sir«, antwortete Kris und führte die Finger über die Bedienelemente sämtlicher vier Hauptgeschütze der Firebolt. Vierundzwanzig-Zoll-Impulslaser gaben ihre Ladung in den leeren Raum ab, auf 25.000 Kilometer tödlich, wonach sie sich langsam zerstreute. »Alle Impulslaser haben gefeuert, Sir.«

»Laser wiederaufladen«, kommandierte der Captain.

Strom floss aus der Triebwerksabteilung in die Kondensatoren der Laser. Kris sah nach: Es blieb reichlich Energie übrig, um die Fusionseindämmung aufrechtzuerhalten und den Strom superheißen Plasmas in die gewaltigen Triebwerke zu lenken, die die Firebolt auf zwei g beschleunigten.

Keine Probleme, meldete Nelly unnötigerweise, aber Kris hatte nicht vor, sich eine gute Meldung entgehen zu lassen.

»Keine Probleme«, meldete sie dem Captain nach einem gründlichen prüfenden Blick auf die Anzeigen ihrer Station.

»Alle Systeme laufen ein gutes Stück innerhalb des Sicherheitsspielraums«, gab der Chefingenieur durch.

Captain Hayworth zeigte ein kleines Lächeln; die Testfahrten zwei und drei waren nicht über diesen Wert hinausgelangt. »Ruder, bringen Sie uns fix auf drei g Beschleunigung. Kurs beibehalten. Triebwerk, bringen Sie uns in den roten Bereich.« Aye, aye, so lauteten beide Antworten. Kris’ Augen hingen gebannt an ihrer Station, die jetzt wieder vollständig den Maschinenleitstand abbildete, während Kris’ Sitz zu einem Bett wurde und die Station aufwärtskippte, um mühelos ablesbar zu bleiben. Abgesehen von den drei Hauptschaltern auf der Armlehne des Stuhls hätte es einer beachtlichen körperlichen Anstrengung bedurft, noch irgendein Bedienelement zu erreichen. Den Schalter für die Schnellabschaltung des Reaktors hatte Kris direkt unterm Daumen.

»Energiefluss zu den Lasern nimmt ab. Erneute Aufladung dauert bei dieser Beschleunigung zwei zusätzliche Minuten«, erklärte sie dem Captain.

»Kein Problem«, brummte er, den Blick beharrlich auf die eigene Station gerichtet.

»Drei g erreicht«, meldete der Rudergänger durch knirschende Zähne hindurch. Kris gefiel es nicht sonderlich, mehr als 170 Kilo zu wiegen. Der Rudergänger, der auf dem College Football gespielt hatte, ging lässig auf die 400 zu. Toll, um eine gegnerische Linie zu durchbrechen, aber ganz mies für die gewandte Bedienung des Steuerpults, das er jetzt auf dem Schoß hatte.

Erneut klapperte der Captain die Abteilungen ab. Jede Station meldete Normalwerte, wenn auch mit Tendenz zur Überlastung. Damit waren sie über den Punkt hinaus, an dem Testfahrt vier gescheitert war.

»Vier g, wenn Sie so gut sind, Rudergänger. Weiter auf Kurs bleiben, und Vorsicht wahren.«

»Reaktor nähert sich Überlastung, hundertelf Prozent«, meldete der Chefingenieur mit angestrengter Stimme. »Hundertzwölf Prozent … Keine Probleme. Hundertdreizehn Prozent … Alle Stationen okay. Hundertfünfzehn Prozent, und alles läuft so gut, wie unter den Umständen nur möglich.«

»Sehr gut, Maschine. Wir halten den Reaktor auf diesem Niveau. Sagen Sie Bescheid, sobald sich etwas ändert«, sagte der Captain.

Nelly?, fragte Kris in Gedanken.

Bestimmte Systeme zeigen interessante Anomalien, Kris. Keine davon dürfte das Schiff gefährden.

Interessante Wortwahl für einen Computer. »Ich erhalte nur grüne Werte«, sagte Kris, nachdem sie Nellys Meldung auf der eigenen Station verifiziert hatte.

»Seltsamerweise gilt für mich das Gleiche«, sagte der Captain.

»Wir haben vier g erreicht«, meldete der Rudergänger matt.

Kris verfolgte eine ganze Minute lang auf ihrer Station, wie die Sekunden vorbeitickten, ehe sich Hayworth wieder zu Wort meldete und sich damit an die gesamte Crew wendete. »Alle Mann, hier spricht der Captain. Die Firebolt hat etwas geschafft, was noch nie einem Schiff der Kamikaze-Klasse gelungen ist: eine ganze Minute lang mit vier g zu beschleunigen. Wir schließen die geplanten Tests mit zwei weiteren Durchgängen ab. Ruder, wenden Sie uns flott um fünfundvierzig Grad nach Backbord.«

Der Rudergänger flüsterte: »Aye, aye, Sir.« Und stach mit den Fingern auf seine Station ein. Kris spürte nicht, wie das Schiff rings um sie den Kurs änderte, denn es nahm auf die Bedürfnisse der Menschen an Bord Rücksicht, die bei dem Vierfachen ihres Gewichts auftraten. »Neuer Kurs liegt an.«

Alle stießen einen Seufzer aus. Noch ein Testdurchgang.

»Ruder, Ausweichmanöver Schema A ausführen.«

»Ausweichmanöver Schema A, Sir. Wird ausgeführt.«

Das Schiff stieg unvermittelt hoch, und die Fluglagedüsen erhöhten Kris’ Gewicht noch. Die Firebolt schwenkte nach rechts, dann links, dann erneut nach links, und wich so imaginärem Laserbeschuss aus.

Probleme entwickeln sich im-, begann Nelly.

Kris’ Station zeigte Grün. Sie holte tief Luft, während ihr Blick hektisch von einer grünen Anzeige zur nächsten wanderte und nach irgendeinem Anzeichen Ausschau hielt, dass etwas schiefging. Nichts!

Schnellabschaltung!, schrie Nelly in Kris’ Kopf.

Kris schwebte schwerelos im Dunkeln, während alle Schiffsanlagen ringsherum erstarben.

»Wo bleiben die verdammten Hilfssysteme?«, blaffte der Captain. Die Ventilation summte, als die Technikabteilung das Problem mit Reservestrom löste. Die Brücke wurde erneut beleuchtet, als die Stationen wieder ansprangen. Die Notbeleuchtung warf lange Schatten. Systematisch nahm Kris ihre Station in Augenschein; nichts darauf verriet ihr, warum Nelly den Testlauf abgebrochen hatte.

»Maschine, sind Sie online?«, fragte der Captain über seinen Komlink.

»Ja, Sir. Wir haben keine Testdaten verloren. Ich organisiere sie gerade, während mein Team den Reaktorneustart einleitet.«

»Verstehe ich das richtig, dass Sie den Reaktor nicht abgeschaltet haben?«

»Ja, Sir. Wir hier unten haben den Schalter nicht gedrückt.«

»Danke, Maschine. Sobald Sie einen groben Überblick über Ihre Daten haben, melden Sie sich in meiner Tageskabine.«

»Aye, Sir.«

»Eins O, Sie haben die Brücke. Sobald alle Systeme wieder in Betrieb sind, legen Sie einen Kurs mit einem g zu den Nuu-Docks an. Dort müsste der übliche Liegeplatz auf uns warten.«

»Ja, Sir.«

»Longknife, Sie kommen mit mir.«

»Ja, Sir.« Nelly, was ist passiert?, wollte Kris wissen, während sie sich von ihrer Station abstieß, schwerelos hinter dem Captain herschwamm und ihm so in seine an die Brücke angrenzende Tageskabine folgte. Normalerweise war diese recht geräumig, wohingegen es sich unter Gefechtsbedingungen eher um einen Tisch und vier Stühle handelte. Der Captain senkte sich auf seinen Platz am Kopfende des Tisches, während ein Bootsmann bekanntgab, dass das Schiff seinen neuen Kurs einschlug. Kris schloss die Tür, drehte sich, während sie allmählich wieder Gewicht bekam, und nahm dann Haltung an.

»Ist mir etwas an meinem Schiff entgangen, Lieutenant? Als ich zuletzt nachgesehen habe, fand ich an Bord drei Schalter zur Reaktorschnellabschaltung. Meinen und den des Chefingenieurs, die beiden, die man auf jedem Schiff dieser Klasse findet. Ich weiß, dass die Firebolt einen dritten Schalter hat – der Ihnen aufgrund Ihrer Funktion als Koordinatorin dieses Smart-Metal-Tests zugestanden wurde, und, wie ich vermute, auch aufgrund Ihrer einzigartigen Beziehung mit der Werft.« Das war eine recht originelle Umschreibung der Tatsache, dass die Werft, die alle Kamikaze-Schiffe herstellte, ihrem Großvater gehörte.

»Ja, Sir«, pflichtete ihm Kris bei, spielte damit auf Zeit und betete darum, dass der Chefingenieur bald mit dem Grund aufwarten konnte, aus dem Nelly den Test abgebrochen hatte – nur Augenblicke, bevor der Captain Gelegenheit fand, die gesamte Testreihe für beendet zu erklären.

»Der Chefingenieur hat mir erklärt, er hätte die Schnellabschaltung nicht eingeleitet. Ich weiß, dass ich es auch nicht getan habe. Haben Sie Ihren Schalter gedrückt?«

Kris’ Station hatte keinen Kontakt zwischen ihr und dem roten Schalter verzeichnet. Sinnlos, das Gegenteil zu behaupten. »Nein, Sir, ich habe den Reaktor nicht abgeschaltet.« Hinhalten. Hinhalten.

»Wer dann?«

Kris stand starr aufrecht. Ihr graute vor der Antwort, aber sie war nicht willens, ihren Skipper anzulügen, und schon gar nicht wollte sie mit einer Lüge aufwarten, die man so schnell widerlegen konnte, wie sie sie aussprach.

»Wer immer meine Maschinen abgeschaltet hat, hat uns damit den Arsch gerettet«, sagte der Chefingenieur, der gerade die Tür öffnete … und rettete damit Kris den Hintern. »Verzeihung, Captain, störe ich hier eine private Konsultation?«

»Nein, Dale, setzen Sie sich. Sie auch, Longknife«, sagte der Skipper müde. Dale Chowski, der Chefingenieur, trug ein halbes Dutzend überdimensionierte Lesegeräte unterm Arm und setzte sich auf einen Stuhl. Kris nahm den Platz ihm gegenüber ein.

»Was ist diesmal schiefgegangen, Dale?«, fragte der Captain.

»Die Supraleiter der Eindämmungsspule für das Plasma von Triebwerk Nummer eins waren noch vier Nanosekunden davon entfernt, das Anrecht auf die Bezeichnung ›supra‹ zu verlieren, da wurde die Notabschaltung des Reaktors durchgeführt.« Der Ingenieur fuhr sich mit einer Hand über die Bürstenfrisur. »Wenn ich es richtig verstehe, war es dieser prima Computer, den Sie um den Hals tragen, Lieutenant, dem wir für diese Gunst danken müssen.«

Kris nickte. »Mein Personal Computer entdeckte das Problem in der Entstehung. Das Ding hat versucht, mich zu informieren, aber das Problem entwickelte sich zu schnell, als dass ich selbst noch hätte reagieren können.«

Das Ding!, fauchte Nelly in ihrem Kopf.

Halt die Klappe, kommandierte Kris.

»Also hat Ihr Leibcomputer schneller gearbeitet als die in meinem Maschinenraum«, schloss der Ingenieur und übersah dabei nicht die finstere Miene des Captains. »Skipper, ich weiß, dass Ihnen die Vorstellung von nichtstandardisierter Software, die durch das Innenleben Ihres Schiffes streift, nicht sonderlich gefällt. Kann nicht behaupten, dass es mir groß anders geht, aber statt dem geschenkten Gaul ins Maul zu schauen, wieso erklären wir nicht denen von BuShips, dem Schiffsamt, dass wir einen Computer brauchen, wie ihn der Lieutenant hat? Verdammt, ich schwöre, dass ich selbst losziehen werde und mir so einen kaufe, falls Longknife morgen von diesem Schiff versetzt würde. Was würde ein Gerät wie Ihres kosten?«

Kris erzählte ihm, was Nellys letztes Upgrade und die Direktverbindung ins Gehirn gekostet hatten. Er pfiff leise. »Schätze, dann behalten wir lieber Sie noch für eine Weile.«

Die Miene des Skippers wurde noch finsterer. »Dale, was genau ist in technischer Hinsicht eigentlich schiefgegangen?«

»Das ist jetzt nur die persönliche Annahme eines alten Ingenieurs, aber ich denke: Die Kalkulationen, die das Metall angeblich automatisch ausführt und die bestimmen sollen, was dieser oder jener Teil des Schiffs bei hohen Beschleunigungswerten benötigt, lagen bei den Raketentriebwerken, die dem Zentrum des Schiffs am fernsten liegen, ein bisschen daneben. Triebwerk eins und sechs sind durch die Ausweichmanöver am stärksten betroffen worden. Nummer eins hat versagt. Ich denke, wir werden noch herausfinden, dass Nummer sechs wenig später gefolgt wäre.«

»Also müssen wir den Automatik-Algorithmus für die Umverteilung des Metalls justieren«, sagte der Captain.

»Das könnten wir machen«, pflichtete ihm der Ingenieur bei und zeigte dazu mürrische Miene. »Ich bleibe jedoch bei meiner jüngsten Empfehlung: Nehmen wir den gesamten Antrieb aus dem Smart-Metal-Regime heraus. Bestimmen wir die technischen Daten für unseren Reaktor, die Maschinen und die Plasmaeindämmung und frieren sie ein.«

»Sie möchten den Antrieb in der engen Gefechtskonfiguration einfrieren?«, fragte Kris.

»Geht nicht«, versetzte der Ingenieur kopfschüttelnd. »Derzeit kann ich die Hälfte meiner Anlagen gar nicht erreichen, um dort Wartungsarbeiten durchzuführen. Wer immer das Gefechtsformat für meine Abteilung ausgearbeitet hat, war entweder ein Winzling oder rechnete damit, dass wir wieder expandieren könnten, wenn etwas zu reparieren oder zu warten ist. Wir benötigen einen Mittelwert, eine Konfiguration, die klein genug für die Schlacht ist, aber auch groß genug, um noch darin arbeiten zu können.«

»Wie viel größer?«, fragte der Captain.

Der Ingenieur schaltete den Tisch des Skippers auf Wiedergabe eines seiner Lesegeräte. Eine schematische Darstellung der Triebwerksabteilung der Firebolt füllte jetzt den größten Teil der Tischfläche aus. Rasch durchlief das Bild die Abfolge von groß und bequem zu gefechtsbereit und beengt. Als sie erneut expandierte, fror Dale sie an einer Position ein. »Das ist ungefähr das, was wir meiner Meinung nach brauchen.«

»Computer, berechne die Metallanforderungen, um diesen Bereich zu panzern. Blende sie ins Schaubild ein.« Eine Sekunde später ergänzte Nelly die Graphik um eine Liste von Massenangaben. Erneut stieß der Ingenieur einen Pfiff aus.

»Hundert Tonnen Smart Metal? Man braucht so viel, um fünfzehn zusätzliche Meter für die Triebwerksabteilung zu erhalten?«

»Nach den Schäden, die die Chinook einsteckte«, erinnerte Kris an Gefechtsschäden, die sie selbst angerichtet hatte, »möchte BuShips die Technikabteilungen gut geschützt sehen.«

»Wie viel kosten hundert Tonnen Smart Metal?«, erkundigte sich Dale.

Kris sagte es ihm. Diesmal machte er sich nicht die Mühe mit einem Pfiff; er blickte einfach den Captain an und ächzte. »Ich schätze, ich weiß, warum wir hier draußen sind und dieses Problem zu lösen versuchen.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, starrte zur abgesenkten Gefechtsdecke der Firebolt hinauf und holte mehrfach langsam Luft. »Könnten wir einen Teil des Smart Metals durch reguläres traditionelles Metall ersetzen? Ich meine, wenn ich mir gar nicht die Mühe mache, mit den Maßen meiner Abteilung herumzujonglieren, dann benötigen wir doch dieses schicke Zeug gar nicht, oder?«

Captain Hayworth blickte mit hochgezogener Braue zu Kris hinüber. Sie schüttelte den Kopf. »Nuu Enterprises hat das ausprobiert. Mischt man reguläres Metall und Smart Metal auf demselben Schiff, scheint dies das Smart Metal nur zu verwirren. Sie empfehlen es nicht.«

»Warum überrascht mich das nicht?« Dale schnaubte. »Wenn sie uns für Smart Metal Unsummen in Rechnung stellen, warum sich dann eine Möglichkeit überlegen, eine billige Lösung zu entwickeln?« Beide Offiziere vermieden es jetzt sorgsam, Kris anzusehen. Dass ihr Großvater Al der Vorstandsvorsitzende von Nuu Enterprises war und dass Kris’ eigener Wertpapierbesitz auf Vorzugsaktien von Nuu Enterprises im Wert von mehreren hundert Millionen beruhte, hinderte die beiden zwar nicht daran, der üblichen Geringschätzung von Flottenoffizieren gegenüber dem Geschäftsgebaren von Konzernen zu huldigen, doch immerhin hielt es der Skipper für klug, ihr das nicht ins Gesicht zu sagen.

Kris hielt es heute nicht für nötig, im Hinblick auf den Zufall ihrer Abstammung leisezutreten. »Mein Großvater Al arbeitet an etwas, das meinem Vater, dem Premierminister, einen ordentlichen Batzen vom Budget der Raumflotte einzusparen hilft, wenn Sie, Commander, entscheiden, die Navy sollte die technischen Räumlichkeiten auf der Kamikaze-Klasse einfrieren.«

Der Ingenieur schmunzelte, und der Captain verdrehte die Augen. »Man hat mich davor gewarnt, dass weder Feigheit noch gesunder Menschenverstand jemals in einem Ihrer Eignungsberichte erwähnt wurden, Lieutenant. Was also sollte es mir ersparen, dem BuShips zu sagen, es müsste den jüngsten Haushaltsentwurf des Premierministers über den Haufen werfen?«

»Nuu Enterprises erprobt etwas, das Uni-plex Metal heißt. Dieses Material speichert die ersten beiden Formen und vergisst die dritte.«

»Das können Sie vergessen. Metall ist Metall.« Der Ingenieur runzelte die Stirn.

»Ja, Sir, aber Uni-plex gleicht beim dritten Mal eher flüssigem Quecksilber als einer massiven Panzerung.«

»Wer sollte sich eine solche verdammte Todesfalle wünschen?«, knurrte Dale.

Jemand, der jemand anderen tot sehen wollte, wie Kris aus allzu persönlicher Erfahrung wusste, aber jetzt zuckte sie gegenüber ihren Offizierskollegen nur die Achseln. Sie wusste nach wie vor nicht so recht, was sie dabei empfand, dass Opa Al Profit aus dem Zeug schlug, das sie beinahe umgebracht hätte.

»Das Uni-plex wird in Tausend-Tonnen-Chargen hergestellt und kostet etwa ein Sechstel von Smart Metal«, setzte ihnen Kris auseinander. »Rechnet man noch die Ersparnis mit ein, die daraus resultiert, dass es sich an Bord selbst fabriziert, ist das konkurrenzfähig.«

»Gesprochen wie eine wahre Longknife«, kam trocken die gedehnte Antwort des Captains.

Der Ingenieur betrachtete jedoch den Bauplan. »Wie viel von meinem Maschinenraum ist Smart Metal?«

»Computer, antworte dem Mann!«, sagte Kris laut. Zahlen erschienen auf dem Tisch.

»Dreihundertfünfzig Tonnen«, sagte Dale nachdenklich.

»Plus hundert Tonnen zusätzlicher Schutz«, ergänzte Kris.

»Aber wenn wir dreihundertfünfzig Tonnen Smart Metal zurückgäben …«

»Und vierhundertfünfzig Tonnen nicht ganz so smarten Metalls nähmen …«, fuhr Kris fort.

»Dann würde die Navy durch Konvertierung der technischen Abteilungen aller vierzig Kamikazes tatsächlich Geld sparen«, schloss Captain Hayworth schmunzelnd.

»Mit sechzehntausend Tonnen Smart Metal könnten wir fünf oder sechs weitere Schiffe bauen, Sir«, folgerte Kris.

»Man muss es einfach toll finden, wenn man alle glücklich machen kann«, seufzte Dale.

»Aus ganz unerwarteter Richtung«, pflichtete ihm der Captain bei.

»Vielleicht, vielleicht auch nicht.« Der Ingenieur richtete sich auf. »Ist Ihr Opa Al schon mal der Frage nachgegangen, wie gut sich Smart Metal mit dem zurückgebliebenen Vetter versteht? Wenn ich diesem Uni-plex-Zeug nicht befehlen kann, Gefechtsschäden zu beheben, muss ich Smart Metal rings um dummes Metall versprühen.«

Kris schüttelte den Kopf. »So weit sind sie noch nicht.«

»Wir können nicht zulassen, dass dieses Uni-plex rings um das ganze Schiff wandert«, setzte der Captain hinzu. »Das könnte gänzlich unerfreuliche Überraschungen nach sich ziehen.« Dazu nickten alle drei Offiziere.

Dale stand auf. »Ich frage mal unter meinen übrigen Schraubendrehern herum, ob sie etwas Neues zu unseren Tests sagen können.«

»Halten Sie mich auf dem Laufenden.«

Kris erhob sich, um dem Ingenieur aus der Kabine zu folgen. »Einen Augenblick noch, Lieutenant.« Ein Augurenlächeln lief über das Gesicht des Ingenieurs, während er die Tür hinter sich schloss. Kris wandte sich zum Captain um und nahm erneut eine Haltung an, die ihren Ausbilder auf der Offiziersschule stolz gemacht hätte.

»Ein weiteres Mal, Lieutenant Longknife«, begann der Captain, »ist es Ihnen gelungen, aus Insubordination eine Tugend zu machen.«

Kris wusste darauf keine Antwort und hielt lieber den Mund.

»Irgendwann wird es sich nicht mehr als Tugend erweisen. Irgendwann werden Sie herausfinden, warum wir Dinge nun mal auf die Art der Navy tun. Ich hoffe nur, dass ich dabei bin, wenn Sie das herausfinden … und dass nicht allzu viele gute Raumfahrer mit Ihnen umkommen.«

Erneut hatte Kris keine Antwort für ihren Captain, also setzte sie die Allzweckreaktion der Raumflotte ein: »Ja, Sir.«

»Entlassen.«

Kris ging. Erneut war sie dafür zurechtgewiesen worden, dass sie das Richtige auf die falsche Art getan hatte. Immerhin hatte der Captain sie nicht so hart angefasst, wie er hätte tun können. Zumindest hatte er sie als »Lieutenant« heruntergeputzt und nicht als »Prinzessin«.

2

Es kam nicht überraschend, dass die Werft den üblichen Platz der Firebolt an Pier acht frei gehalten hatte. Um 15 Uhr 30 hatte das Schiff behaglich festgemacht und widmete sich die Crew der Docksroutine, während Kris dem Skipper und dem Chefingenieur zu ihrer üblichen Konferenz mit den üblichen Docksmanagern im üblichen Konferenzraum in der Werft folgte. Nach zwei Monaten wurde einfach zu viel an diesem Job »üblich«.

Heute gehörten zum Team der Werft jedoch auch ein paar neue Gesichter. »Wir haben Ihre Fahrt verfolgt«, eröffnete der Projektmanager der Werft die Gespräche, »und dachten uns, wir ziehen lieber ein paar Wissenschaftler hinzu.«

»Lieutenant Longknife hat mir von Ihrem nicht so ganz smarten Metall erzählt«, sagte der Captain und betrachtete die vier neuen Gesichter. »Arbeiten Sie daran?«

Eine Frau beugte sich auf ihrem Stuhl vor. »Mein Team kümmert sich darum, was man mit Uni-plex alles anstellen kann, seit Prinzessin Longknife uns eine Probe davon besorgt hat.« Kris knirschte mit den Zähnen.

»Wie funktioniert es im Kontext mit Smart Metal?«, fragte Dale und kam damit gleich auf den Punkt. »Ich betrachte meinen Maschinenraum als guten Kandidaten für Uni-plex, falls Sie es eindämmen können. Sie verstehen sicher das Widerstreben meines Captains, irgendwann bei Umformung des Schiffs zu entdecken, dass das Schott zwischen ihm und dem Weltraum zum Teil aus diesem Zeug besteht.«

»Wir sind mit unseren Tests noch nicht so weit«, räumte die Frau ein und widmete einem ihrer Untergebenen eine verdrossene und finstere Miene.

»Wann sind Sie so weit?«, feuerte Captain Hayworth zurück.

»In zwei Wochen, Sir«, antwortete der Untergebene. »In zwei Wochen sind unsere Tests abgeschlossen. Dann dauert es eine weitere Woche, um fünfhundert Tonnen Uni-plex herzustellen. Sagen wir, noch zwei Wochen mehr für den gemeinsamen Versuch mit Ihnen, einen Ansatz für den Entzug des Smart Metals und seinen Ersatz durch das neue Material auszuarbeiten. Insgesamt fünf Wochen.«

»Vier Wochen«, lautete der Gegenvorschlag des Ingenieurs. »Sie und ich können schon an dem Verfahren arbeiten, während Sie Ihre Tests durchführen. Vielleicht sogar weniger, wenn Sie uns dieses Uni-plex sofort besorgen, sobald es verfügbar geworden ist. Ich möchte diesen Austausch wirklich schrittweise testen.« Der abschließende Satz war an seinen Captain gerichtet.

»Wir haben es hier mit vielen Unbekannten zu tun«, stellte der Projektmanager bei einem Blick auf sein Armbandmodul fest. »Auch die Kostenfrage steht im Raum. Die Tests haben ihren Kostenbereich schon erschöpft. Wer wendet die zusätzlichen Mittel auf?«

Captain Hayworth schüttelte den Kopf. »Das werde ich prüfen müssen. Wer bezahlt überhaupt diese Metallentwicklung?«

»Nuu Enterprises«, antwortete der Projektmanager, und Kris nickte. Opa Al finanzierte die Arbeit an Uni-plex, weil er einerseits immer noch herauszufinden hoffte, wer Kris umzubringen versucht hatte, und weil Nuu Enterprises andererseits natürlich auch alle Profite würde einstreichen können, wenn es für die Forschung aufkam. Opa Al war ein so warmherziger Typ.

»Okay«, fuhr der Skipper fort. »Damit habe ich eine Woche Zeit, um die Mittel bewilligt zu erhalten, und eine weitere Woche, um sie überwiesen zu bekommen. Ich spreche Sie also in einer Woche wieder an.«

»Ich nehme morgen noch einmal Rücksprache mit Ihnen«, sagte der Mann von der Werft mit einem Lächeln, das die richtige Mischung aus Raubtier und Bittsteller ausdrückte, die man für staatliche Aufträge benötigte.

Nach der Konferenz ging es zurück zum Schiff. »Dale, haben Sie noch Fragen?« Darauf erhielt der Skipper schnell eine negative Antwort des Ingenieurs. »Longknife, wir können die Crew genauso gut wegtreten lassen. Wer Urlaub haben möchte, kann ihn haben. Das schließt Sie ein, Lieutenant.«

»Ich bleibe hier und behalte die Leute von der Werft scharf im Auge, Sir.«

»Es wäre mir lieber, wenn Sie davon Abstand nähmen. Diese Menschen wissen ja nie, ob sie gerade mit einem Navy Lieutenant, einer Prinzessin oder einer Großaktionärin von Nuu Enterprises reden. Solange ich die Mittel noch nicht bewilligt bekommen habe, kann ich nicht riskieren, dass jemand ein Nicken von Ihnen als Befehl auffasst, mit der Arbeit zu beginnen.«

»Sir, diese Sorge haben Sie früher nie ausgedrückt.«

»Ich hatte auch noch nie erlebt, wie eine Werftmitarbeiterin Sie Prinzessin nennt. Ich weiß nicht, wer diese Frau ist, und ich möchte keine Probleme haben.«

Kris wusste darauf keinen Einwand. »Ich brauche keinen Urlaub, Sir«, sagte sie schließlich.

»Und wir brauchen vermutlich noch Ihre ›besonderen‹ Beziehungen. Also gut. Halten Sie sich nur von diesem Wissenschaftlerteam fern. Haben Sie heute Abend nicht einen Termin?«

»Einen Ball, Sir.« Kris blickte finster drein. Sie hatte gehofft, dass die Tests länger dauern würden und sie somit eine gute Ausrede hatte, um diesem Anlass fernbleiben zu können.

»Richtig. Warum also fahren Sie nicht schon zum Planeten hinab?«

»Sir, hat vielleicht meine Mutter …«

»Nein, die Gattin des Premierministers ist nicht dazu übergegangen, mir Befehle für Sie zu übermitteln … noch nicht. Meiner Gattin ist jedoch bei der Lektüre der Klatschspalten aufgefallen, dass Ihre Abwesenheit auf dem Wohltätigkeitsball für die United Charities vergangene Woche ausgiebig kommentiert wurde. Also durchsucht mein Personal Computer – wenn auch nicht annähernd so clever wie Ihrer – derzeit die Gesellschaftsseiten nach dem, was, wie ich vermute, Ihre gesellschaftlichen Pflichten sind. Lieutenant, jeder von uns trägt seine Verantwortung. Solange Sie darauf bestehen, sowohl mit ihren Verpflichtungen als Navy-Offizier als auch denen einer Prinzessin zu jonglieren, erwarte ich nicht, dass die Navy den Kürzeren zieht. Aber ich kann es mir auch nicht erlauben, mich jedes Mal beim Premierminister oder der First Lady melden zu müssen, wenn die anderen zu kurz kommen.«

»Sir, ich bin von selbst zur Raumflotte gegangen. In diese Prinzessinnenrolle wurde ich eingezogen!«, fauchte Kris.

Hayworth lächelte doch tatsächlich. »Wir alle müssen unser Bündel tragen, Lieutenant. Zum Fahrstuhl geht es dort entlang«, sagte der Captain und deutete zur Stationsbahn hinüber, die sie von der Werft zur Nabenhaltestelle bringen würde und von dort zum Orbitalfahrstuhl hinab nach Wardhaven.

Kris warf einen Blick auf ihr Armbandmodul, was sie schneller tun konnte, als ihre Gedanken zu ordnen. Wie spät ist es, Nelly? »Es wird meine Mutter freuen, dass ich volle vier Stunden Zeit habe, um mich für den Ball aufzupeppen. Ich werde ihr mitteilen, dass mein Captain ihre Sorgen um meinen gesellschaftlichen Terminkalender teilt.«

»Zumindest seine Frau tut es«, setzte Hayworth hinzu und wandte sich zur Firebolt um.

Kris sprang auf einen vorbeifahrenden Wagen der Stationsbahn und plumpste auf einen freien Platz. Sie konnte sich einer Orgie des Selbstmitleids widmen, was keine schlechte Idee war, wenn sie an den Schlamassel dachte, in den sich ihr aktueller Schiffsposten verwandelt hatte. General McMorrison, der Chef des Generalstabs von Wardhaven, sagte, er wüsste nicht, wo er seinen am wenigsten geschätzten Junioroffizier aus Milliardärskreisen noch lassen sollte. Die Frau, die außerdem das Balg des Premierministers war, inzwischen Prinzessin und, oh ja, Meuterin. Kris hatte sich ihre Eltern doch nicht ausgesucht! Und sie hatte keine große Alternative dazu gehabt, ihren vorherigen Skipper seines Kommandos zu entheben.

Immerhin hatte sie um diesen Einsatz an Bord eines Schiffs gebeten. Wie jeder andere Junioroffizier wollte sie regelrecht, dass es ganz dicke kam. Und sie hatte so ziemlich den schlimmsten Posten bekommen, der überhaupt möglich war. Solange die Firebolt an Pier acht hing und ihre Umformungsübungen durchlief, schlief die Crew an Bord der Raumstation … und Kris schlief zu Hause.

Auf dem College hatte sie wenigstens im Studentenwohnheim übernachten können. Jetzt war sie eine erwachsene Frau und schlief in ihrem alten Kinderzimmer. Es könnte schlimmer sein; wenigstens leben Vater und Mutter in der City, in der Residenz des Premierministers.

Und dafür bin ich aufs College und dann zur Navy gegangen!

»Kris, möchtest du gerne die Tagespost sichten?«, fragte Nelly laut und riss ihre Besitzerin damit aus der Trübsal.

»Warum eigentlich nicht. Irgendwas Nettes?«

»Den größten Teil der unerwünschten Post habe ich gelöscht. Die Finanzberichte habe ich archiviert. Ich gebe dir am Freitag eine Zusammenfassung. Eine Nachricht von Tom Lien liegt vor. Ich habe sie mir nicht angesehen.«

»Danke, Nelly«, sagte Kris lächelnd. Tommy war der eine Freund, den sie in der Navy kennengelernt hatte. Das Problem war nur: Er diente nach wie vor auf der Taifun, während sie jetzt auf der Firebolt war. So lief das nun mal bei der Navy.

»Hallo, Kurze«, begann Tommy mit einem Lachen in der Stimme. »Ich habe noch etwas Urlaub zu verbraten.« Kris wusste sehr gut, wo er ihn verbraten sollte, wenn es nach ihr ging.

»Da ist dieser neue Planet, Itsahfine, draußen hinter Olympia. Es heißt, man hätte dort alte Ruinen gefunden, vielleicht von den Dreien. Jedenfalls habe ich eine billige Passage auf dem Trampschiff Bellerophon gebucht und verbringe eine Woche da draußen.« Vielleicht konnte auch Kris Urlaub nehmen. Es machte sicher Spaß, in den Hinterlassenschaften der drei uralten Lebensformen herumzubuddeln, die die Sprungpunkte gebaut hatten … vor allem, wenn sie Tommy dabei zur Seite hatte.

»In diesem Urlaub«, fuhr Tommy fort, »bleibe ich auf Distanz zu allem, was Longknife heißt. Mit etwas Glück brauche ich nicht mit knapper Not Mordanschlägen zu entgehen und kann mich tatsächlich entspannen.« Wahrscheinlich milderte er diese Äußerung mit diesem schiefen Grinsen, das er gern zeigte, aber Kris hatte kein Bild. Sie empfand es wie einen Schlag in die Magengrube. Es war nicht ihre Schuld, dass Tommy ihr bei drei Mordanschlägen auf sie zu nahe gewesen war. Nur zweimal war er dabei in Gefahr geraten. Trotzdem konnte sie ihm im Grunde keinen Vorwurf machen, wenn er auf Distanz zu den Longknifes im Allgemeinen und zu ihr im Besonderen bleiben wollte.

»Es tut mir leid, dass Tommy es so empfindet«, tröstete Nelly sie. Das jüngste Upgrade hatte aus ihr eine bessere Gefährtin machen sollen, aber Kris fiel lediglich auf, dass der Computer nun zu Einwänden zu neigen schien.

Kris zuckte die Achseln. Ich habe Tommy im Grunde nicht gesagt, ich wollte mein Leben mit ihm verbringen, erklärte sie Nelly. Was konnte sie erwarten?

Ein Knirps, der mit jedem seiner unwahrscheinlichen Schritte der Schwerkraft trotzte, sauste an Kris vorbei und zog mit den rundlichen Fingern eine gelbe Spielzeugente an einer Schnur hinter sich her. Die Ente folgte ihm mit ruckartigen Sprüngen und quakte dabei. Das Kind lachte jedes Mal glücklich.

»Halte sie gut fest«, flüsterte Kris. »Das ist deine einzige Chance, ihr nahe zu bleiben.« Zu Hause hatte sie irgendwo im Wandschrank eine gefleckte Giraffe, die sie einst überall mit hingenommen hatte. Ob es wohl allzu viel Gerede gab, wenn ein Navy Lieutenant, zugleich Prinzessin, auf einmal mit einer klickenden Giraffe im Schlepptau auftauchte?

Die Station des Orbitalfahrstuhls riss Kris aus ihren Träumereien. Der Einstieg in eine Fähre neigte sich gerade dem Ende zu. Wie üblich ging Kris aufs Aussichtsdeck, während die meisten Leute Sitze belegten, die ihnen zu ignorieren halfen, dass sie in weniger als einer halben Stunde 20.000 Kilometer tief sacken würden. Kris liebte die Aussicht.

Als sie sich gerade setzte, nahm ein Mann in der Uniform eines Vice Admirals ihr gegenüber Platz. Sie wollte sich erheben, aber er gab ihr mit einem Wink zu verstehen, sie solle sitzen bleiben. Kris blickte konzentriert zum Fenster hinaus, um seinen Blick nicht zu erwidern. Bislang nichts groß zu sehen. Ihr Gesicht spiegelte sich im Fenster … das des Admirals ebenso. Er sah sie an. Er wirkte vertraut. Woher?

Klar doch! Mit finsterer Miene wandte sich Kris ihm wieder zu. »Ich wusste, dass man in Krisenzeiten schnell befördert wird, aber vor drei Monaten waren Sie noch Commander. Ein rascher Aufstieg …« Sie betrachtete die Bänder und den Rest der Uniform, die keine echten Informationen zu bieten hatte. »… sogar für den Geheimdienst.«

Der Mann zuckte die Achseln. »Wenn ein Vice Admiral einen der Meuterei beschuldigten Ensign verhört – sei es auch ein Ensign, dessen Vater der Premierminister ist –, dann könnte das Gerede nach sich ziehen. Ich dachte mir, Commander wäre der passende Rang. Was dachten Sie?«

Kris dachte, dass sie genug von seinen Spielchen hatte, und antwortete als zornige Tochter des Premierministers und Milliardärin. »Mir gefiel das Gesprächsthema nicht besonders, egal wer es mir aufdrängte. Ich hatte keine Meuterei geplant. Es ist einfach passiert.«

»Das weiß ich inzwischen auch«, sagte der Admiral und lehnte sich in den Sitz zurück, als sich der Wagen in Bewegung setzte. »Wir sind mit der Befragung derer fertig geworden, die sich gegen den Captain auf Ihre Seite stellten, und es wurde deutlich, dass Sie zuvor nichts Illegales unternommen hatten. Verdammt gute Führung in einigen kniffligen Situationen, das schon. Nur wenige Männer und Frauen hätten sich so viel Vertrauen und Respekt verdienen können wie Sie. Und noch dazu so schnell.«

»Schmeichelei vom Navy-Geheimdienst?«

»Ich denke gern, dass mein Geschäft die Wahrheit ist. Hätten Sie Lust, es auch zu Ihrem zu machen?«

Kris wandte den Blick ab, sah zum Fenster hinaus. Die Station mit ihren Piers und Schiffen wirbelte um sie herum und verschwand rasch, als der Fahrstuhl mit einem g Beschleunigung in die Tiefe raste. Sie entdeckte die Firebolt, nach wie vor in der verkleinerten Form. Schiffsdienst! Klar doch!

»Ist das ein Jobangebot?«

»Mac weiß immer noch nicht, wo er Sie unterbringen soll. Sie gehören zu seinen vielen heißen Kartoffeln. Er hat mir die Chance geboten, eines seiner vielen Probleme und eines von meinen zu lösen. Ich kann jemanden mit Ihren Fähigkeiten und einzigartigen Möglichkeiten gebrauchen. Im Gegensatz zu Hayworth macht es mir nichts aus, wenn Sie Ihren eigenen Leibcomputer benutzen.«

»Wofür? Erwartet der Stabschef von mir, meinen Vater auszuspionieren?«

Der Admiral rieb sich mit einer Hand die Augen. »Feingefühl gehört nicht zu Ihren starken Seiten.«

»Ich bin keine Spionin«, sagte Kris. »Ganz gewiss nicht gegen den eigenen Vater.«

»Das möchte ich gar nicht. Mac ebenfalls nicht.«

Kris akzeptierte das mit Vorsicht. »Welche Art Job bieten Sie mir also an?«

Der Admiral deutete mit einer Hand zur Schwärze des Alls und zu den unverwandt leuchtenden Sternen hinaus. »Die Galaxis ist ein schwieriger Schauplatz. Man begegnet dort der gefährlichsten aller Kreaturen: dem Menschen. Man findet dort Leute, die dieses oder jenes haben wollen und häufig nicht wollen, dass andere Leute dieses oder jenes erhalten. Den neuesten Nachrichten zufolge stehen Siris und Humboldt so kurz vor einem Kriegsausbruch«, sagte er und hielt dabei zwei Finger wenige Zentimeter auseinander. »Als Prinzessin – ja, ich weiß, dass Sie den Titel verabscheuen – haben Sie Zugang zu Orten, die einem Offizier verschlossen bleiben oder die er lieber nicht aufsuchen sollte. Sie können Dinge in Erfahrung bringen, die Wardhaven erfahren muss, und Dinge tun, die für Wardhaven wichtig sind. Und ich könnte Ihnen ebenso helfen wie Sie mir.«

Kris wandte sich erneut ab und starrte zum Fenster hinaus. Der Fahrstuhl drang rasch in die Atmosphäre ein und erzeugte dabei Glühwürmchen ionisierter Luft. Die Dunkelheit des Alls wich schnell dem Schleier der Atmosphäre. In der Tiefe erblickte Kris die Bucht, um die sich Wardhaven City schmiegte.

Als sie unterwegs zur Offiziersschule den Fahrstuhl nach oben genommen hatte, war sie froh gewesen, den Planeten zu verlassen. Nachdem sie inzwischen ein paar andere Welten kennen gelernt hatte, sah Wardhaven richtig nett aus.

Wollte sie es beschützen?

Dafür hatte sie die Uniform angezogen. Dafür und um dem Schatten zu entrinnen, die ihrer Tochter wenig Luft zum Atmen ließen. Dafür und aus dem Bedürfnis, ein wenig hiervon zu schützen und ein wenig davon zu tun.

Was ihr auch gelungen war.

Wollte sie, dass dieser Mann ihr künftig die Befehle erteilte?

Das war bestimmt besser als die Firebolt, erinnerte sie sich.

Die Firebolt war jedoch ein Job für Lieutenant Junior Grade Kristine Anne Longknife. Nicht für das Balg des Premierministers oder die Prinzessin oder das Kind aus reichem Haus. Dieser Admiral – wenn es einer war – wollte sie wegen all der Dinge, denen sie zu entrinnen strebte.

Sie schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Admiral, ich habe diesen Job. Ein Schiff, auf dem ich gebraucht werde. Ich möchte meinen Captain nicht enttäuschen.«

»Ich bezweifle, dass er auch nur eine Träne vergießen würde, falls Sie neue Befehle erhielten.«

»Stimmt, aber der Chefingenieur mag das, was ich und Nelly tun.«

»Mein Etat reicht dafür, Dale einen sehr guten Computer zu besorgen.«

Der Mistkerl kannte sogar den Vornamen des Chefingenieurs. »Was an Nein verstehen Sie nicht?«, fragte Kris.

»Wollte nur sicherstellen, dass mit Nein auch Nein gemeint ist«, antwortete der Admiral und kramte eine altmodische gedruckte Visitenkarte aus der Tasche:

Maurice Crossenshild

Spezialsystem-Analytiker

Überall und jederzeit erreichbar unter:

27-38-212-748-30010

Kris musterte die Karte nur einen Augenblick lang. Sie hatte noch nie eine Telefonnummer mit fünfzehn Stellen gesehen. Mit vierzehn schon, aber fünfzehn? Was wurde mit der »2« angewählt? Nelly, hast du das?

Ja.

Kris riss die Karte erst in zwei Hälften, dann in vier Viertel und gab sie dem Mann zurück. »Nicht interessiert.«

Er lächelte. »Hätte von Ihnen auch nichts weniger erwartet, aber Mac wollte, dass ich es versuche. Einen guten Abend wünsche ich. Vielleicht sehen wir uns heute Abend auf dem Ball.«

»Nach welchem Rang soll ich Ausschau halten?«, fragte Kris, als er ihr schon den Rücken zugewandt hatte. Ungeachtet des Warnhinweises für alle Passagiere, auf ihren Plätzen zu bleiben, suchte sich der Mann jedoch seinen Weg vom Aussichtsdeck. Und da heißt es, ich hielte mich nicht an die Regeln! Kris schnaubte.

Harvey, der alte Chauffeur der Familie, erwartete sie, als sie aus der Fähre stieg. Jack, der Agent vom Personenschutz, stand gleich neben ihm. »Wie war die Testfahrt?«, fragte der Chauffeur, während der Agent die Umgebung im Auge behielt.

»Nicht gut. Sieht so aus, als blieben wir jetzt einen Monat lang im Dock, während sie etwas Neues ausprobieren«, erklärte sie Harvey. »Also konnte ich frühzeitig von Bord gehen. Denkst du, Lotty kann einen Happen zu essen auftreiben, ehe ich mich für den befohlenen Auftritt heute Abend in Schale werfe?«

»Wann hätte meine Frau das jemals nicht gekonnt?«, lautete seine grinsend vorgetragene Gegenfrage. Dann setzte er leise hinzu: »Tru würde sich über einen Besuch freuen, sofern du Zeit hast.«

Kris zog eine Braue hoch. Tantchen Tru war im Ruhestand, nachdem sie als Leiterin der Datenkriegsführung für Wardhaven gedient hatte. Trotzdem hatte die Tante ehrenhalber Kris seit der ersten Klasse bei Mathematik- und Computerhausaufgaben geholfen – und konnte fantastische Schokoladensplitterkekse backen.

Wenn Tru jedoch ihre Nachrichten nicht mehr dem Netz anvertraute, wurde das Leben wirklich interessant. »Warum sehen wir nicht auf der Heimfahrt bei ihr vorbei?«

Harvey nickte. Der Wagen, diesmal keine Luxuslimousine, aber genauso stark gepanzert, stand auf einem reservierten Sicherheitsparkplatz – eine neue Einrichtung in der Umgebung des Fahrstuhls, seit sich die Society of Humanity selbst zerstört und Wardhaven seinen Verteidigungsetat verdoppelt hatte. Kris machte es sich für eine ruhige Fahrt bequem. Vielleicht sollte sie die technischen Daten für den Maschinenraum der Firebolt noch einmal durchgehen.

»Sind die Tests wirklich enttäuschend verlaufen?«, fragte Jack.

»Wir waren nahe dran.« Kris seufzte. »Der letzte Richtwert, und zack, wir waren zurück am Ausgangspunkt.«

»Frustrierend«, fand der Agent, der den Verkehr sorgsam im Auge behielt. Jack hatte ein Talent dafür, gleichzeitig als Personenschützer und als Vertrauensperson aufzutreten. Man sprach davon, dass einer Prinzessin eine volle Sicherheitstruppe zustand, was vermutlich auf eine Beförderung Jacks hinausgelaufen wäre. Für Kris hätte das bedeutet, Gelegenheiten wie diese zu verlieren. Sicher, jemand – anscheinend eine Menge Jemands – wollte ihren Tod, aber auf Wardhaven war es noch nie zu einem Anschlag gekommen. Außerdem konnte sich ein Junioroffizier der Navy nicht in einem Pulk von Sicherheitsleuten bewegen. Oder vielleicht wollte sie das einfach nicht.

An Tante Trus Wohngebäude angekommen, schaltete Jack das Sicherheitssystem des Wagens ein und folgte Kris und Harvey in den Fahrstuhl. Tru hatte sich anlässlich ihres Ruhestands ein Penthouse gekauft. Ihre Aussicht auf Wardhaven City war nicht ganz so atemberaubend wie aus Opa Als Wolkenkratzer außerhalb der Stadt, aber immer noch spektakulär. Noch spektakulärer fiel Trus Umarmung aus.

»Ich hätte gar nicht erwartet, dass du alles stehen und liegen lässt und herbeieilst, nur weil dein altes Tantchen Tru ein Rauchsignal sendet«, sagte sie, während sie Kris umschlang. Es hatte eine Zeit gegeben, da waren Trus Umarmungen alles gewesen, woran sich Kris noch klammern konnte … neben der Flasche. Diese Zeit lag weit zurück, aber Kris würde niemals darauf verzichten, sich einige Augenblicke lang in Trus Armen sicher zu fühlen.

Anschließend erklärte Kris, dass die Tests frühzeitig beendet worden waren.

»Ein Problem?«

»Ich bin noch am Leben. Das Schiff ist noch ganz. Nichts, womit wir uns nicht arrangieren könnten. Sieht jedoch ganz danach aus, als könnte Opa Al für das Uni-plex mit einem bedeutsamen Markt rechnen.«

Dazu zeigte Tru eine finstere Miene. »Da übergebe ich ihm und seinen Labors die Spuren eines Mordanschlags auf dich, damit er herausfindet, wer dahintersteckt, und sie bringen eine neue Produktlinie auf den Markt.«

Kris zuckte die Achseln. »Wenn Al schon Geld mit den Mordanschlägen auf mich verdient, dann denke ich, wird er aus einem letztlich erfolgreichen Anschlag ein regelrechtes Vermögen machen.« Niemand sonst fand das witzig. »Also, Tantchen Tru, warum hast du nach der Navy gerufen? Sind dir die Marines ausgegangen?«

»Tatsächlich habe ich nach Nelly gerufen.«

Kris zog eine Braue hoch. Tru war für den größten Teil der Software verantwortlich, der in Kris’ Leibcomputer lief; und Nelly war zu einigen Leistungen fähig, die nur wenige Computer mit ihr gemeinsam hatten. Trotzdem gehörte Sam, Trus Personal Computer, vermutlich dazu. »Wir haben sie doch gerade erst aktualisiert«, gab Kris zu bedenken. »Ich dachte, Nelly und ich wären inzwischen so weit, wie du überhaupt zu gehen wagst.«

»Das seid ihr«, pflichtete ihr Tru bei. »Als ich zuletzt ein Diagnoseprogramm auf Nellys neue, selbstorganisierende Schaltungen ansetzte, war sie Gramm für Gramm die Beste in ihrer Klasse.«

Kris hatte sich schon für das neue, selbstorganisierende Computergel begeistert, als sie es zum ersten Mal erblickte. Ähnlich wie Smart Metal ermöglichte es dem Computer, seine Schaltkreise während des Betriebs auf molekularer Ebene zu organisieren und nach Bedarf zu modifizieren. Kris wusste nicht recht, wer darüber aufgeregter war, sie selbst oder Nelly. »Also?«

»Nelly ist stark unterfordert. Ich frage mich, ob du ihre überschüssige Kapazität vielleicht einer echten Aufgabe widmen möchtest.«

Kris hatte gelernt zusammenzuzucken, wenn Tru von einer »echten Aufgabe« sprach. Ja, als Sechsjährige war Kris bei dem Begriff noch aufgeregt herumgetanzt. Mit fünfzehn war die Vorstellung, auf der Schule den besten persönlichen Beistand zu haben, noch erste Sahne gewesen. Heute diente Kris jedoch als Offizier. Wenn der Computer nun ausfiel, bedeutete das nicht einfach, auf dem Heimweg von der Schule eine Stippvisite bei Tantchen Tru zu unternehmen, um dort eine Reparatur und ein paar Kekse abzustauben. Hätte Nelly sich heute festgefressen, dann fehlte der Raumflotte jetzt vielleicht eine Schiffsladung Personal.

»Was schwebt dir vor?«, fragte Kris und wich einen Schritt weit zurück.

Tru strahlte unbußfertig. »Komm, ich zeige es dir.«

Kris kannte das Zimmer, zu dem sie jetzt gingen. Reinräume waren eine bekannte Technik, aber man traf auch noch so etwas wie Tantchen Trus Labor an. Schutzkleidung wurde hier nicht benötigt. Die Luftschleuse, die in das ehemalige zusätzliche Schlafzimmer führte, besprühte Kris mit einem dünnen Nebel von Naniten, die den Dreck und den Schmutz des Tages eliminierten … bis hinab auf eine Größe von fünf Nanometern. Auf der Werkbank an einer der weißen Wände fehlte unter Umständen das neueste Dingsbums für Mikroarbeiten, aber falls dem so war, dann war es längst bestellt. Was Kris überraschte, das war der Anblick einer Stasisbox mitten auf dem Tisch. Das war jetzt aber wirklich übertrieben!

Noch überraschender kam, dass Tru sie nicht öffnete.

»Deine Tante Alnaba hat das von Santa Maria aus geschickt.«

Großtante Alnaba war eine echte Tante, Uropa Rays jüngste Tochter. Sie hatte sich auf Xenobiologie spezialisiert und widmete sich der Erforschung von Artefakten, die von den Dreien auf Santa Maria zurückgelassen worden waren. Schon ein Leben lang versuchte sie, aus Einzelteilen einer Technik schlau zu werden, die weit über das aktuelle Entwicklungsniveau der Menschheit hinausging. So hatten die Drei Sprungpunkte im Weltraum als Schnellstraßen zwischen den Sternen errichtet, deren Funktionsweise immer noch nicht begriffen worden war.

Opa Ray hatte über den größten Teil der zurückliegenden zwanzig Jahre mit Alnaba zusammengearbeitet. Er war nie einer Herausforderung begegnet, mit der er nicht fertig wurde. Kris grinste: Die Aufgabe, die Technik der Drei zu entschlüsseln, und die aktuelle Politik der Menschheit; diese beiden Felder ruinierten vielleicht Opa Rays makellose Bilanz. »Was ist darin enthalten?«

Tru öffnete die Box nicht, sondern brachte stattdessen ein Bild aus ihrer Tasche zum Vorschein. Es zeigte ein kleines Quadrat, daneben ein Penny abgebildet, so dass der Maßstab deutlich wurde. Das Viereck war so breit wie der Penny, aber ein bisschen dicker. »Das ist ein Stein aus dem Gebirge, das sich über Santa Marias Nordkontinent erstreckte. Dieses Gebirge haben wir im Krieg gegen den Professor ganz schön geschreddert.«

»Geschreddert, ach verdammt! Nach Gebrauch der Verschwindebox war es weg, einfach weg.« Kris schüttelte den Kopf. »Die Navy hat fünfzig Jahre lang versucht, aus der Funktionsweise dieser kleinen Box schlau zu werden. Selbst heute weiß man darüber nicht mehr als an dem Tag, da sie im Labor eintraf.«

»Ja«, pflichtete ihr Tru bei. »Vielleicht haben sie aber auch nur zu weit oben in der technischen Nahrungskette angesetzt. Man muss erst einen Schraubenzieher zu benutzen lernen, ehe man eine Uhr zerlegen kann. Ich denke nicht, dass wir das Äquivalent der Drei zu einem Schraubenzieher schon gefunden haben. Vor einer Million Jahren haben wir Steinsplitter als Werkzeug benutzt. Hätte die damalige Version des Menschengehirns sich die Funktionsweise eines Schraubenziehers vorstellen können, selbst wenn man ihr einen in die Hand gegeben hätte?«

Kris dachte darüber nach, wusste nichts hinzuzufügen und deutete auf die Stasisbox. »Also, was steckt da drin?«, wiederholte sie ihre Frage.

»Ein winziger Teil des Datenspeichers, der in diesem Gebirge eingeschlossen lag.«

»Ist er aktiv?«

»Ich weiß nicht.«

»Was enthält er?«

»Ich weiß nicht.«

»Was weißt du überhaupt?«

Tru grinste. »Gar nichts. Die Frage lautet: Was wüsstest du gern?«

Kris musterte erst das Bild, dann die Box. »Wie finden wir heraus, ob in dem Stein irgendwelche Daten gespeichert sind, die man ihm auch entnehmen kann?«

»Durch Ausprobieren.«

»Wie?«

»Wie immer wir es probieren, es müsste sehr raffiniert sein … oder vielleicht sehr einfach. Es müsste flexibel sein und bereit, so ziemlich jeder Anforderung gerecht zu werden. Ich weiß nicht, mit was für einer Energiequelle dieses Ding gearbeitet hat. Wir müssten verschiedene Energiequellen konstruieren, sie ganz vorsichtig anwenden und mal sehen, ob die Maus quiekt.«

Kris rieb sich die Nase; Nelly lag auf einmal sehr schwer auf ihren Schlüsselbeinen. »Selbstorganisierende Schaltkreise, hm.«

»Selbstorganisierend. Sehr leistungsfähig und sehr gut mit ihrem Menschen integriert. Deine Tante Alnaba und ihr Team haben mehrere Standardansätze, wie du es vielleicht nennen könntest, ausprobiert. Du weißt schon: großes Labor, viele Überstunden, alle blicken sich gegenseitig über die Schulter. Keine Ergebnisse. Dann fragte sie mich, ob ich irgendwelche Ideen hätte. Ich sagte ihr, die hätte ich.«

»Und welche?«

»Je gelesen, wie der Professor zu deinem Opa Ray Kontakt aufnahm?«

»Es war irgendwie kompliziert. Biologie war nie meine Lieblingsdisziplin«, wich Kris aus.

»Meine auch nicht. Was ich allerdings interessant fand: die Beziehung zwischen seinem schlafenden Gehirn und dem Tumor in seinem Schädel. Hast du irgendeine Ahnung davon, wie wichtig Schlaf ist?«

»Nur wenn ich nicht genug davon habe.«

»Neugeborene nehmen so viel von dieser neuen und verwirrenden Welt wahr, wie sie nur können, und schlafen dann ein, um alles zu absorbieren. Lernen, schlafen, lernen, schlafen. Wie oft habe ich dir in deiner High-School-Zeit erklärt, dass ein guter Nachtschlaf die beste Vorbereitung auf eine Prüfung ist?«

Kris lachte in sich hinein und gab dann, wie es die Ehre verlangte, ihre Teenagerantwort: »Eine Prüfung ist eine Prüfung. Was man in die Prüfung steckt, darauf kommt es an, nicht das, was man auf ein Kopfkissen legt.«

Tru runzelte die Stirn, wie sie es immer tat, und schüttelte den Kopf. »Mein Vorschlag an Alnaba lautete: Setzen wir jemandes Personal Computer darauf an, der dann auch darüber schlafen kann. Mal sehen, was der Computer und der schlafende Verstand daraus machen.«

»Du möchtest also deinen Sammy mit selbstorganisierenden Schaltungen aufrüsten.«

»Leider kann ich mir das nicht leisten.« Warum grinste sie dann?

»Du hattest diese Idee nicht zufällig zu dem Zeitpunkt, als ich in Nellys aktuelles Upgrade investierte, oder?«

»Nein. Tatsächlich hatte ich die Idee, kurz nachdem du zum ersten Mal einen Computer mit selbstorganisierenden Schaltungen gesehen hattest. Du warst noch nie jemand, der auf den neuesten Computerschnickschnack verzichtet hätte.« Erneut verriet Trus Grinsen keinerlei Reue.

»Und woher habe ich wohl diese schlechte Angewohnheit?«

»Ja«, schmollte Tru, »aber wir alten Leute im Ruhestand können nicht mit jeder Innovation Schritt halten. Ich musste schließlich lernen, mit meinem Geld sparsam umzugehen.«

Kris war völlig klar, dass sie hier von der einen Person im von Menschen besiedelten Weltall über den Tisch gezogen wurde, die genau wusste, an welchen Stellen sie dabei zupacken musste.

»Tru, es würde vielleicht Spaß machen, etwas von der Technik der Drei zu knacken, aber vor gerade mal drei Stunden bin ich nur um Nanosekunden daran vorbeigeschrammt, auf Quarks reduziert zu werden. Ich kann nicht riskieren, dass Nelly mit Drei-erzeugten Kopfschmerzen ausfällt.«

»Und das musst du auch nicht. Sammy und ich haben einen Ansatz entwickelt, bei dem mehrfach geschichtete Zwischenspeicher verhindern werden, dass das, was rings um den Chip abläuft, in den Hauptarbeitsspeicher hinübersickert.«

»Verhindern werden oder müssten?«, wollte Kris wissen.

»Junge Frau, du solltest wirklich ein ernstes Wörtchen mit deinem Lehrer wechseln, wer immer das war. Du bist im Hinblick auf moderne Technik viel zu paranoid, um in dieser modernen Welt zu überleben.«

»Genau mit dieser Person rede ich gerade. Ich erinnere mich noch an eine Trigonometrieprüfung, bei der ich letztlich mit den eigenen zehn Fingern rechnen musste, als mein Leibcomputer in einer Logikschleife gefangen war, in der er den Wert von Pi ausrechnete.«

Tru lachte leise. »Du wirst mir in der Einschätzung zustimmen, dass das eine lehrreiche Erfahrung war.«

»Yeah, klar doch, und eine, die ich niemals wiederholen möchte.«

»Warum zeigst du Nelly nicht erst mal die Zwischenspeicher, die Sam und ich ausgetüftelt haben?«

»Nelly?«, fragte Kris.

»Das könnte interessant werden«, sagte Nelly langsam, als wollte sie Tante Tru auffordern, mehr zum Thema zu sagen.

»Kann nicht schaden, uns das mal anzusehen«, stimmte ihr Kris zu. Für eine lange Minute spürte sie regelrecht Nellys Schweigen, während sich der Computer auf die Datenübertragung konzentrierte und sich den neuen Systemen anpasste.

»Das kommt reibungslos herein«, sagte Nelly, »und enthält ein neues Interface ebenso wie drei Schichten Zwischenspeicher, die mich gegen den Stein absichern. Ich müsste in der Lage sein, mir alles anzusehen, was in irgendeinem dieser Zwischenspeicher läuft, und es daran hindern können, mich oder dich in irgendeiner Form zu schädigen. Auch ein schicker neuer Wiederherstellungsmodus gehört dazu, der mich in die Lage versetzt, schnell mehr von meiner Kapazität online zu nehmen, falls es zu einem bedeutsamen Systemversagen kommt und ich mich wiederherstellen müsste.«

»Möchtest du es also probieren?«, fragte Kris, ehe ihr einfiel, dass mögen kein Wort war, das man gemeinhin gegenüber einem Computer benutzte.

»Ich denke, es würde Spaß machen zu lernen, wie man neue Sprungpunkte zwischen den Sternen anlegt«, antwortete Nelly.

»Sieht so aus, als hätte Nelly einige interessante Schaltungen für sich organisiert«, sagte Tru gedehnt. »Ich wette, dass mein Sammy gern die technischen Daten dafür sehen würde.«

»Ja!«, wurde eine eifrige Stimme vernehmbar.

»Das reicht.« Kris seufzte. »Ja, ich fände es toll, wenn wir unsere eigenen Wege anlegen könnten, statt von denen abhängig zu sein, die die Drei hinterlassen haben.« Das Paris-System fiel einem da sofort ein; seine verstreuten Sprungpunkte hatten die Menschheit beinahe in einen Krieg geführt. Und außerdem hatten Kris und Nelly im kommenden Monat auch nichts Wichtiges vor. Warum nicht mal etwas Außergewöhnliches tun? Kris seufzte erneut. »Dafür schuldest du mir etwas.«

Tru ginste.

»Also, wie gehen wir vor?«

Tru drückte eine Taste auf dem Bild in ihrer Hand und traf die nötigen Vorbereitungen, damit der Stein in Nellys zentralen Arbeitsspeicher eingebaut werden konnte. »Wir benutzen einen andersfarbigen Klecks des selbstorganisierenden Gels. Damit müsste es möglich sein, nicht nur Anschlüsse herzustellen, sondern auch jede Energieumwandlung vorzunehmen, die du brauchst. Sollte es nötig werden, dass wir es aus Nelly herauskratzen, hilft die Farbmarkierung.«

»Klingt okay«, fand Kris, aber dann schaltete sich der skeptische Teil ihres Verstandes ein. »Woher hast du das Geld für das Gel?«

»Ich habe einen kleinen Betrag in der Lotterie gewonnen«, antwortete Tru, ohne von ihrer Beschäftigung mit diversem Werkzeug und Stasisboxen auf ihrer Werkbank aufzublicken.

»Gewonnen oder manipuliert?«

»Hat dein Dad nicht bei der jüngsten Lizenzerneuerung für die Lotterie davon gesprochen, dass ein Teil des Geldes in die Forschung gehen soll?«

»Ja«, pflichtete ihr Kris langsam bei und fragte sich, ob ihr Vater das so geplant hatte; und sie war sich ganz und gar nicht sicher, dass er es nicht so geplant hatte. Was hatte Harvey noch gesagt, als Kris zum ersten Mal Fragen nach dem »Lotterieglück« ihrer Tante stellte? »Eine kluge Frau weiß, dass sie es nicht zu weit treiben sollte.« Keine Frage: Tru war klug. Kris lockerte ihren Kragen, damit sie Nelly von den Schultern nehmen konnte.

»Halte eure Verbindung aufrecht«, sagte Tru. »Wir benötigen schnelle Rückmeldungen von Nelly, wenn wir damit anfangen.« Der Draht, der von Nelly in Kris’ Nacken führte, bestand aus Smart Metal; er dehnte sich, als sie ihren Personal Computer auf dem Tisch abstellte. Kris kniete sich hin, um den Abstand kurz zu halten; je länger der Draht, desto schmaler die Bandbreite. Die eigentliche Installation war innerhalb eines Augenblicks vollbracht. Das Interfacegel glitt mühelos an Ort und Stelle. Tru erklärte Kris, wie viel Platz der Stein brauchte, und Nelly arrangierte das schnell. Dann drückte Tru die kleine Scheibe dort fest.

»So, das hat auch gar nicht wehgetan.« Ihr altes Tantchen lächelte.

»Waren das nicht die Worte des Verurteilten, als sich die Falltür öffnete?«, fragte Kris trocken. »Nelly, fahre eine umfassende Diagnose.«

»Läuft schon«, sagte Nelly. »Alles scheint normal zu sein.«

»Und der Chip?«, fragte Tru.

»Keine Aktivität«, antwortete Nelly mit einer Lowtech-Stimme. »Entschuldigt mich, während ich das Interface zum neuen Gel initialisiere.«

»Oh, klar«, sagte Tru und biss auf einen Fingernagel. Kris hatte ihre Tante noch nie so aufgeregt erlebt.

»Ich arbeite jetzt einen Projektplan aus, zu dem gehört, dass die Zwischenspeicher in jeder Phase des Hochfahrens der Scheibe dreimal geprüft werden«, erklärte Nelly. »Ich erwarte nicht, mit der Prüfung der Energiequellen vor morgen um diese Zeit zu beginnen.«

»Das kannst du schneller machen«, sagte Tru und stampfte vor Ungeduld beinahe mit dem Fuß auf.

»Und wer hat mir beigebracht, neue Dinge langsam und vorsichtig anzugehen?«, feuerte Kris zurück.

»Ja, aber bislang hast du nie auf mich gehört.«

»Ich bin jetzt eine erwachsene Frau«, sagte Kris und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. Man konnte nicht gerade behaupten, dass sie hoch über Tru aufragte, aber die drei Zentimeter mehr erwiesen sich hin und wieder als praktisch. »Außerdem habe ich heute Abend einen Ball; Teilnahme ist Pflicht.«

»Du könntest ihn ausfallen lassen. Sag deiner Mutter, du wärst aufgehalten worden.«

»Mein Skipper hält sich inzwischen über meinen gesellschaftlichen Terminkalender auf dem Laufenden.«

»Deine Mutter hat doch nicht …«

»Nein, aber ich vermute, dass mein Captain sehr darauf bedacht ist, einen Anruf meiner Mutter zu vermeiden. Und sollte es doch dazu kommen, möchte er so unschuldig sein, wie nur möglich.«

»Feigling«, sagte Tru, aber sie führte Kris aus dem Labor hinaus.

»Seltsam, diese Leute von der Navy: Angesichts von Laserbeschuss sind sie echte Löwen, aber wenn man ihnen mit der Gesellschaft und ihren Forderungen droht, flüchten sie zum Ausgang.«

»Wie eine junge Frau, die ich kenne.« Tru lachte in sich hinein. »Na ja, bring Nelly morgen vorbei, damit ich mal nachsehen kann, wie weit sie ist. Sam und ich haben vielleicht ein paar eigene Ideen zu Tests. Du wirst täglich hereinsehen müssen«, rief sie ihr nach, während Kris zur Wohnungstür hinausschlüpfte.

3

Die Heimfahrt verlief leise. Kris’ Bemühungen, mit Nelly irgendein Gespräch zu führen, führten nur zu der Antwort: »Ist diese Aktivität unerlässlich?« Die gab sie zudem jeweils mit dieser Lowtech-Stimme, die anzeigte, dass Nelly anderweitig beschäftigt war.

Im Haus Nuu angekommen, entschuldigte sich Harvey, um den Wagen abzustellen. Das war merkwürdig; gewöhnlich ließ er diesen einfach auf der breiten Ringzufahrt stehen. Als Jack versuchte, sich ihm anzuschließen, wusste Kris, dass hier etwas nicht stimmte. »Jack, du bleibst bei mir. Falls bei Nellys neuer Installation etwas schiefgeht, brauche ich vielleicht Hilfe.«

Nichts wird bei mir schiefgehen!, feuerte Nelly zurück.

Sei still!, befahl Kris lautlos.

»Ich dachte, du würdest deiner Tante Tru vertrauen«, brummte Jack.

»Man muss immer auf Nummer sicher gehen.«

»Jetzt weiß ich, dass mit dir eindeutig etwas nicht stimmt«, knurrte Jack, lächelte dabei jedoch. Er folgte ihr in die Eingangshalle. Die aus schwarzen und weißen Fliesen angelegte Spirale hatte ihren Mittelpunkt dort, wo sich auch das Zentrum des Raums befand. Die große Bibliothek rechter Hand lag dunkel und still da, jetzt, wo sie ihren Großvätern Ray und Trouble nicht mehr als militärischer Befehlsstand diente.

König Ray hatte für seinen Hofstaat ein großes Hotel in der Innenstadt in Beschlag genommen, während die Politiker debattierten, was er an Palast wirklich benötigte. Opa Ray wäre auch in einem Stadthaus mit zwei Schlafzimmern glücklich gewesen, aber seit die Politiker von achtzig Planeten ihn beschwatzt hatten, eine Art Königswürde über ihre zusammengeschusterten United Sentients anzunehmen, ergötzte er sich daran, sie mit einer voll auf Hofberichterstattung abfahrenden Presse zu sticheln. Oder diese zu benutzen, um auf einen vollen Hofstaat zu drängen.

Ihr Opa Trouble erteilte derweil mehreren Planeten als »reiner Berater« Empfehlungen, während sie darum rangen, ihre eigenen Verteidigungskräfte aufzustellen und sie in die neuen Gesamtstreitkräfte der United Sentients zu integrieren. Das ließ Haus Nuu genau so leer zurück, wie die Echos nun klangen.

Nur dass am Fuß der Treppe eine Fremde stand. Die Frau trug ein langes und strenges graues Kleid, am Hals zugeknöpft. Sie hatte die Hände verschränkt und war so groß wie Kris, vielleicht eine Idee kleiner, hielt sich aber so steif aufrecht, dass es keinen Unterschied machte. »Prinzessin Longknife«, sagte die Frau. »Ich bin Ihre neue Kammerdienerin.«

Kris musterte die Frau, ohne dabei ihre Schritte zu verlangsamen. Das Gesicht der Fremden war frei von Makeup, und sie trug das pechschwarze Haar zu einem straffen Knoten hochgesteckt. Sie möchte mich neu stylen? Sie hat das selbst nötig! »Es heißt Lieutenant Longknife«, entgegnete sie, »und ich brauche keine Dienstboten.«

»Ihre Mutter ist anderer Meinung.«

»Ein Punkt mehr auf der Liste unserer unzähligen Differenzen«, sagte Kris und veränderte ihren Kurs zur Treppe so, dass sie der Frau so weit wie nur möglich auswich. Die Frau ließ Kris passieren, folgte ihr aber so lautlos und nahezu unsichtbar wie Jack, bis Kris sich auf dem Absatz des ersten Obergeschosses umdrehte, um die Treppe zu ihrem Zimmer im zweiten Stock zu nehmen.

Die Frau räusperte sich und sagte: »Ihre Unterkunft liegt jetzt im ersten Stock.«

»Sie haben mich umquartiert!«, sagte Kris leise, einen Fuß auf der nächsten Treppe.

»Ja. Ihr Zimmer war zu klein für Ihre neuen Aufgaben. Ich habe Sie in einer Suite im ersten Stock untergebracht.«

Kris drehte sich um, stellte sich diesem neuen Problem. »Sie haben mich umquartiert, ohne zu fragen!«

»Auf Sie wartet heute Abend ein Ball. Es bleibt viel zu tun, und wir haben keine Zeit zu verschwenden. Harvey war mit der Suite einverstanden.«

»Harvey steckt mit Ihnen unter einer Decke?«

»Seine Frau Lotty war einverstanden.«

Was bedeutete, dass alle, die im Haus Nuu lebten, diesen Eindringling unterstützten. Drastische Maßnahmen waren nötig. »Jack, erschieße diese Einbrecherin.«

Ihr Sicherheitsagent spitzte die Lippen und kratzte sich am Kopf. »Denke nicht, dass ich das kann. Diesen Abschnitt hat man vergangenen Monat aus meinem Aufgabenprofil gestrichen, nachdem dein alter Herr die Sklaverei abschaffte.« Er hielt der Fremden die Hand hin. »Ich bin Jack Montoya. Ihren Namen kenne ich noch nicht.«

»Abby Nightingale«, antwortete die Frau und senkte die Stimme. »Ich wurde über eine Agentur auf der Erde angeworben. Hat dieser Planet gerade erst die Sklaverei abgeschafft?«

Kris wollte schon lauthals lachen, wurde sich dann aber der Tatsache bewusst, dass diese Frau gerade hundert Lichtjahre weit gereist war und eine Stelle auf einem Planeten angenommen hatte, über den sie gar nichts wusste. Hätte Kris sich jemals zu so etwas überwunden?

»Seien Sie versichert, dass wir, was Komfort und Laster angeht, in jeder Hinsicht so fortschrittlich sind wie die Erde«, erklärte ihr Jack und lächelte freundlich.

»So wurde es mir auch erklärt, als ich den Vertrag unterschrieb«, sagte Abby.

»Allerdings weiß man es in den wilden Randgebieten des von Menschen besiedelten Weltalls nie so genau«, schloss Jack.

»Haben Sie ein Prinzessine in einem Fellbikini erwartet?«, blaffte Kris, deren Mitgefühl angesichts von Jacks Sorge um diese neue Frau schwand.

Abby musterte Kris von Kopf bis Fuß. »Ich hatte gehofft, Ihre Frisur wäre in besserer Verfassung. Zeigen Sie mir Ihre Nägel«, kommandierte sie, ging rasch zwei Schritte, streckte die Hände aus und hob Kris’ Finger ins Licht. »Ich schätze, es hätte schlimmer sein können. Wenigstens kauen Sie nicht darauf.«

Kris riss ihre Hände zurück. »Ich gefalle mir genau so, wie ich bin. Ich brauche niemanden, der seine Zeit damit vergeudet, mich in etwas zu verwandeln, das ich nicht bin.«

Abby hatte darauf entweder keine Antwort, oder sie ließ Kris einfach das letzte Wort. Kris stapfte den Flur entlang zu einer offenen Tür rechts. Abby räusperte sich … und deutete nach links. Finster folgte Kris dem Eindringling. Die Tür, die sie öffnete, führte zu einer der Gästesuiten. An ein großes Wohnzimmer grenzten zwei kleinere Räume, ein Schlaf- und ein Arbeitszimmer, welch Letzteres derzeit in einen Ankleideraum umgewandelt wurde. An den Wänden hingen schon Kleider, von denen Kris sich nicht erinnern konnte, sie gekauft zu haben. In einem kleinen Winkel hingen ihre Uniformen.

»Ich lasse Ihnen ein Bad ein«, sagte Abby.

»Ich kann selbst duschen«, entgegnete Kris.

Die Frau blieb unter der Tür zu einem sehr luxuriösen Badezimmer stehen, wandte sich zu Kris um und sagte: »Sie haben in den zurückliegenden zehn Jahren weitgehend alles auf eigene Faust geschafft; so hat man es mir zumindest erzählt. Sie haben ein volles Programm als Flottenoffizier im aktiven Dienst sowie als politisches Turnierpferd, auch unter der Bezeichnung Prinzessin bekannt. Ich denke, ich kann Ihnen helfen, wenn Sie mir wenigstens ansatzweise die Chance dazu geben.«

Kris zuckte die Achseln; die Frau war hartnäckig. Vielleicht war der schnellste Weg hinaus der mitten durchs Getümmel. Sollte die Frau ruhig tun, was sie ohnehin tun würde, und selbst herausfinden, wie wenig Kris eine … na ja … Glucke brauchte. Mutter war nie sonderlich eine Mutter gewesen; es könnte interessant werden festzustellen, wozu diese Abigail taugte.

Während im angrenzenden Raum das Wasser lief, löste sich Kris von Nelly und platzierte den Computer auf der Frisierkommode. Der Rechner war die ganze Zeit lang schweigsam geblieben und befasste sich entweder konzentriert mit Nabelschau oder mit Tante Trus Projekt. Oder Nelly war einfach zu schlau, um sich hineinziehen zu lassen.

»Harvey sagt, dass er in einer halben Stunde ein Tablett mit dem Abendessen bringt!«, rief Jack aus dem angrenzenden Zimmer. Wenigstens einer gab ihr das, was sie wollte. In trotziger Nacktheit marschierte Kris ins Bad. Abby wollte ihr in die Wanne helfen; Kris ignorierte die ausgestreckte Hand und wahrte selbst das Gleichgewicht, während sie einen Fuß hineinsetzte. Das Wasser war warm. Sehr nett. Während Kris es sich bequem machte, goss Abby eine aromatische Flüssigkeit ins Badewasser. Als Kris es sich bequem gemacht hatte und ihr ein genießerisches »Aah« entwichen war, schaltete Abby die Badedüsen ein.

Kris’ bislang einziges Experiment mit Wasserdüsen und Badeschaum war eine Katastrophe gewesen. Was immer Abby hier auch benutzte, es verwandelte sich in einen angenehmen, leichten Schaum. Während sachte pulsierendes Wasser sie liebkoste und Düfte für Entspannung sorgten, lehnte sich Kris zurück. Doch sie lehnte es ab, den Augenblick zu vertrödeln. Herauszufinden, wie dieser Eindringling tickte, das fand sich auf einmal ganz oben auf ihrem Arbeitsplan für diesen Tag wieder.

»Also, was hat dich auf die Idee gebracht, eine …« Kris fielen mehrere Beschreibungen von Abbys Pflichten ein, allesamt von patziger Schärfe, nachdem sie ohnehin auf die vertrauliche Anrede gewechselt hatte. Sie beendete den Satz dann mit: »Das hier zu tun?«

»Einen Job zu haben, anstatt von irdischer Sozialhilfe zu leben?«, fragte Abby mit einem Lächeln, bei dem zu viele Zähne aufblitzten.

»Das waren nicht meine Worte.«

»Nein, aber ist das nicht, was ihr hier draußen auf den Randwelten denkt? Die dekadente Erde, auf der alle nur Partys feiern.«

»Die Erde könnte nicht die Machtposition haben, die sie hat, wenn jeder nur auf die nächste Party bedacht wäre!«, blaffte Kris. Sie hatte ihr Leben riskiert, um den Ausbruch eines Krieges zwischen der Erde und den Randwelten zu verhindern. Wenn irgendjemand die Macht der Erde respektierte, dann war sie das.

»Harvey hat gerade die Post gebracht!«, rief Jack. »Wo möchtest du sie haben?«

»Richtige altmodische Post?«, rief Kris zurück.

»Zwei recht große Pakete. Eines wiegt etwa zehn Kilo. Ich denke nicht, dass selbst Nellys Speicher dafür gereicht hätte.«

»Lege alles auf die Frisierkommode. Ich sehe es mir später an.«

»Okay«, sagte Jack. »Ich werde auch nicht gucken.« Er lief an der Badezimmertür vorbei, einen Karton unter jedem Arm, und versperrte sich selbst mit Hilfe eines großen gepolsterten Umschlags den Blick durch die Tür. Verdammt, Kris hätte gar keine Einwände erhoben, wenn er hin und wieder mal geguckt hätte.

Auf dem Weg hinaus blickte Jack dann mit einem Lächeln ohne Reue in ihre Richtung. Leider gab es für ihn nicht mehr zu sehen als Schaum und Seifenlauge.

»Netter Kerl«, fand Abby und musterte die Tür noch, als Jack schon vorbei war.

»Japp«, pflichtete ihr Kris bei. »Gib mir ein Handtuch. Ich möchte mal nachsehen, was die Post gebracht hat.«

Abby tat wie geheißen und versuchte auch gar nicht zu helfen, während Kris sich abtrocknete. Als Kris aus der Wanne stieg, wickelte Abby sie in einen dicken Frotteemantel. »Woher kommen diese Sachen?«

»Nachdem ich mir die Schilderungen deiner Mutter angehört hatte, erklärte ich ihr, dass ich einen Etat für Wesentliches und für deine Garderobe benötige.«

»Also gibst du mein Geld aus.«

»Du könntest wirklich ein bisschen Geld für Dinge ausgeben, die wichtig sind, anstatt auf frivole Sachen wie deinen Personal Computer.«

»Nelly hat mir und einer Schiffsladung Kameraden heute das Leben gerettet. Nelly ist nichts Frivoles.«

»Die Worte deiner Mutter, nicht meine.«

»Wenn du in meiner Gesellschaft überleben möchtest, solltest du lieber lernen, nicht meine Mutter zu zitieren.«

»Das ist mir aufgefallen. Setz dich jetzt; deine Haare müssen dringend gewaschen werden.«

»Ich habe sie heute Morgen gewaschen.«

»Ich wage zu behaupten, dass du sie nass gemacht hast. Jemals was von Haarspülung gehört? Du weißt schon, dieses Zeug, das gut riecht.« Kris fand sich auf einen Stuhl vor einem überdimensionierten Waschbecken manövriert. Ehe sie reagieren konnte, hatte Abby ihre Haare klatschnass gemacht und massierte etwas ein, das nach Erdbeeren roch. Eine Haarwäsche war noch nie so sinnlich gewesen, wenn Kris sie selbst durchführte. Als Abby sie schließlich fönte, war Kris schon fast bereit einzugestehen, dass diese Frau von der Erde vielleicht sogar wert war, was immer Mutter ihr zahlte.

Als sie schließlich vor der Frisierkommode saß, musterte Kris ihre Post. Das schwere Paket kam von Opa Al. Kris ignorierte es und ging stark davon aus, dass es eine erste Produktionsprobe Uni-plex enthielt. Der Umschlag war schon interessanter. Die Absenderanschrift war von der Erde. »Das muss für dich sein«, sagte sie zu Abby.

»Er ist an Ensign Longknife adressiert«, sagte Jack von der Tür her, wo er und Harvey gespannt warteten.

Kris zog den Bademantel fester zu und drehte den Stuhl, um sie anzublicken. »Also, was enthält er?«

»Wir wissen es nicht. Öffnest du ihn vielleicht mal, Frau?«, blaffte Harvey.

Also tat Kris, was er verlangte. Ein Blick in den Umschlag verriet ihr allerdings nicht viel. Sie schüttete den Inhalt neben Nelly auf die Frisierkommode. Die Männer kamen näher und blickten ihr über die Schulter.

Harvey wurde als Erster aus dem schlau, was sie sahen. Er pfiff leise. »Ist es das, wofür ich es halte?«

Abby nahm den schweren goldenen, juwelenbesetzten Anhänger zur Hand. »Eine meiner Arbeitgeberinnen«, flüsterte sie, »war sehr stolz auf eine im Iteeche-Krieg gefallene Vorfahrin. So etwas hing in ihrem Wohnzimmer neben dem Portrait ihrer Urgroßmutter. Es ist der höchste Orden, der von der Erde verliehen wird, der Orden des Verwundeten Löwen.«

»Er ist furchtbar groß für einen Orden«, sagte Kris verwirrt.

»Man trägt ihn nicht wie andere Ehrenmedaillen, junge Frau«, tadelte Harvey sie. »Das Sonnenrad kommt an die Brusttasche deiner Uniform, und zu wirklich formellen Anlässen trägst du die Schärpe und schließt sie an der Taille mit der Medaille. Bringt man euch Junioroffizieren heute gar nichts mehr bei?«, fragte er dann grinsend.

»Nee.« Kris erwiderte das Grinsen. »Wir JOs verschwenden so ziemlich unsere ganze Zeit auf Technik, Gefechtstaktik und ähnliche Bagatellen«, entgegnete sie und nahm das goldene Medaillon genauer in Augenschein. Der höchste Orden, den die Erde verlieh. Wow. Und wann hatte man ihn zuletzt in einem braunen Umschlag per Post verschickt? Verdammt, ich habe genau so hart gearbeitet, mir diesen Schnickschnack zu verdienen, wie nur irgendwer, der ihn in einem Rosengarten angeheftet bekommt. Wird alles, was ich leiste, unter den Teppich gekehrt, weil ich eine dieser Longknifes bin? Aber wehe, wenn ich mal was falsch mache …

»Wofür hast du ihn erhalten?«, fragte Abby.

»Wenn ich dir darauf Antwort gäbe, müsste Jack dich wirklich erschießen«, scherzte Kris, ohne mit der Wimper zu zucken. Zu ihrer Überraschung nickte Jack.

Abby runzelte über diese Abfuhr kurz die Stirn, nahm dann die blaue Schärpe und trug sie zu einem cremefarbenen Kleid, das an einer Wand des Ankleideraums hing. Im Gegensatz zu den Monstrositäten, die Mutter trug, war es von konservativem Schnitt: schulterfrei und eng tailliert, ehe es in glattem Wurf bis zum Boden fiel. Während die jeweils vorherrschende Modewelle mit der Zeit die ganze Bandbreite von formlosen Säcken bis zu fast völliger Nacktheit abdeckte, war so etwas immer passend. »Du kannst die Schärpe über der Schulter tragen«, sagte Abby, »und sie hier unter dem Arm auf der Gegenseite festmachen, sodass sie elegant über dich hinwegfließt. Ich denke, so wäre es am besten«, erklärte die Frau von der Erde Kris. Die Männer nickten beifällig.

Kris seufzte. Wie ein großer blauer Pfeil wies das Ding dann auf die leere Stelle im Kleid, wo die meisten Frauen Brüste hatten. »Ich trage heute Abend die Uniform.«

Abby warf einen finsteren Blick in die Ecke, wo die von der Navy ausgegebenen Sachen hingen: Gefechtsanzug, Khaki, weiße Uniform und das förmliche Standardabendkleid für einen weiblichen Junioroffizier. Sie nahm dieses Kleid heraus und hielt es neben das cremefarbene Kleid. Das eine war für eine Märchenprinzessin geeignet, das andere schlichtweg unelegant.

Der weiße, bodenlange Uniformrock war nach dem Vorbild von Jahrtausenden von Jutesäcken geschnitten. Kris entschied sich für die blaue Jacke mit dem engen Halsstück und ging dadurch jeglichem Hauch von Dekolleté aus dem Weg. Miniaturausgaben ihrer wenigen Auszeichnungen waren bereits auf der Bluse angebracht. Abby blickte zwischen Kris und der Standard-Paradeuniform hin und her. »Die Farben sind nicht ideal für dich«, sagte sie und kaute dabei auf der Unterlippe.

»Die Farben wurden für die gesamte Navy festgelegt«, lautete Kris’ Antwort.

Abby legte die blaue Schärpe des Verwundeten Löwen quer über die Uniformjacke. Das helle Wasserzeichenblau der Schärpe und das Dunkelblau der Jacke konnten nur als zueinander passend bezeichnet werden, weil tausend Jahre Tapferkeit und Dienst dies behaupteten. Abby schüttelte den Kopf und öffnete den Mund.

Kris schnitt ihr das Wort ab. »Das ist es, was ich heute Abend tragen werde.«

Abby drehte sich zu Harvey und Jack um. »Sind alle Militäruniformen darauf ausgelegt, das Aussehen einer Frau so …«

»Unattraktiv zu machen?«, schlug Jack vor.

»Ja.«

»Es sieht so aus«, pflichtete ihnen Harvey bei. »Frauen sind dort, um einen Job zu erledigen, nicht um zu flirten.«

»Aber die Männer wirken in ihren Uniformen so schneidig«, wandte Abby ein.

»Ein historischer Anachronismus, ein Überbleibsel vergangener Zeiten!«, fauchte Kris. »Wir Frauen hingegen haben alle Vorteile der modernen Zeit für uns.«

»Oder die Irrtümer«, warf Jack mit seinem patentierten Grinsen ein.

»Das Abendessen ist fertig«, meldete sich Nelly zu Wort, immer noch mit einer Lowtech-Stimme, und erschreckte Kris. »Harvey, Lotty sagt, du sollst unten ein Tablett abholen. Esst ihr Männer in der Küche?«

»Sieht so aus«, sagte Jack, und die Männer überließen es Kris und deren neuer Obersthofmeisterin, mit der Ankleide fortzufahren. Nachdem sie beim wichtigsten Diskussionspunkt des Nachmittags den Sieg davongetragen hatte, ließ Kris Abby im Weiteren so vorgehen, wie diese es für richtig hielt. Verhätschelt, verwandelt und parfümiert, die kurzen blonden Haare zu einem Kunstwerk gestaltet, das sie nie selbst versucht hätte, sah sie sich in weniger als einer Stunde fertig angekleidet. Nelly lag wieder um ihre Schultern, ein weiterer Grund, die Uniform zu tragen, ehe Kris und Abby erneut die Klingen kreuzten. Abby kehrte mit dem Diamant- und Golddiadem zurück, das Mutter bei einem überteuerten Ramschverkauf erworben hatte. »Perfekt für eine Prinzessin!«, war Mutter dabei hervorgesprudelt.

Was Kris damals gesagt hatte, wiederholte sie jetzt. »Ich trage das nicht.«

Abby traf Anstalten, etwas zu sagen, blickte Kris an und schien es sich anders zu überlegen. »Was trägst du?«

»Direkt neben diesem Ding liegt in meinem Schmuckkasten ein schlichter Silberreif, Standard für jeden weiblichen Junioroffizier in förmlicher Abendgarderobe.«

»Nicht den!«

»Doch, den.«

Abby warf einen Blick auf das Diadem, dann auf den Reif. »Ein Prinzessin sollte ein Diadem tragen.«

»Der Reif ist ein Diadem. Steht so in den Bekleidungsvorschriften. Diadem, förmlich, Junioroffizier, weiblich.«

»Tragen Senioroffiziere etwas Hübscheres?«, fragte Abby und tauschte das Diamantmachwerk gegen den Navy-Schmuck aus.

»Japp. Sie werden immer hübscher, bis die Admirals schließlich ganz schön schicke Sachen tragen.«

»Und schon sehr alt sind«, sagte Abby mit einem mürrischen Stirnrunzeln.

»Schrecklich alt«, pflichtete Kris ihr bei.

In Reif und Schärpe suchte sich Kris vorsichtig den Weg die Treppe hinab, auf Absätzen, die doppelt so hoch waren wie das, was sie normalerweise trug … und die ebenfalls vorgeschrieben waren. Vielleicht hatte Abbys Standpunkt ja etwas für sich. Wer immer diese Aufmachung entworfen hatte, hatte weder dem körperlichen Wohlbefinden noch dem Aussehen eine sonderliche Priorität eingeräumt.

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