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Kris Longknife: Die Rebellin

Über den Autor

Mike Shepherd ist in der Marine groß geworden und lernte dort früh, was Veränderung und Befehlshierarchie bedeuten. Er arbeitete als Barkeeper und Taxifahrer, Personalreferent und Tarifunterhändler. Nach seiner Arbeit an Datenbanken über die gefährdeten Arten des Nordwestens lebt er heute zusammen mit seiner Frau Ellen und deren Mutter in Vancouver, Washington. Er liebt es zu lesen, zu schreiben, zu träumen, Enkelkinder zu betrachten und dabei Storyideen zu entwickeln sowie seinen Computer zu aktualisieren – alles niemals endende Aufgaben.

MIKE SHEPHERD

 KRIS LONGKNIFE    

  DIE REBELLIN

ROMAN

Aus dem amerikanischen von Thomas Schichtel

BASTEI ENTERTAINMENT

1

Wir haben ein verängstigtes Kind da unten.«

Captain Thorpes Bariton hallte zwischen den harten Metallwänden im Landungshangar der Taifun wider. Marines, die eben noch in Vorbereitung des Rettungseinsatzes ihre Gefechtsanzüge, ihre Waffen und ihre Herzen geprüft hatten, hingen an jedem seiner Worte. Ensign Kris Longknife teilte ihre Aufmerksamkeit. In ihrem kurzen, zweiundzwanzig Jahre währenden Leben hatte sie schon eine Menge blumige Ansprachen gehört. Ein Teil von ihr hörte den Worten ihres Kommandanten zu; sie spürte, wie diese über sie hinwegspülten, in sie eindrangen. Es lag lange zurück, dass sich ihre Nackenhaare bei nichts weiter als Worten aufgerichtet hatten, und diese Worte erfüllten sie mit dem Wunsch, irgendeinem Mistkerl die Gliedmaßen einzeln auszureißen. Doch ein weiterer Teil von ihr hielt Distanz und verfolgte die Wirkung der Ansprache auf die Männer und Frauen, die sie bald führen würde.

»Die Zivilisten haben versucht, sie zurückzuholen.« Kris verfolgte, wie er die Unterbrechung einsetzte. Sie erfolgte so präzis wie der Schlag eines Taktstocks. »Sie sind gescheitert. Jetzt haben sie nach den Hunden gerufen.«

Die Marines rings um Kris sprangen auf die Rede des Skippers an und knurrten. Kris arbeitete erst seit vier Tagen mit diesen Menschen zusammen; die Taifun war mit nur zwei Stunden Vorwarnung auf diesen Einsatz gestartet! Captain Thorpe war unverzüglich, mit nur halber Mannschaftsstärke und ohne einen Lieutenant der Marines, der den Orbitaljägerzug kommandiert hätte, aus dem Raumdock gefahren. Jetzt fand sich ein Grünschnabel von Ensign namens Longknife im Kreis von Marines wieder, die auf drei bis zwölf Jahre Dienstzeit im Corps zurückblickten und vor Ungeduld fieberten, etwas Endgültiges und Gefährliches zu tun.

»Ihr wurdet ausgebildet. Ihr habt Schweiß vergossen.« Die Worte des Captains erfolgten im Stakkato eines Maschinengewehrs. »Seit eurem Eintritt ins Corps habt ihr für diesen Augenblick geübt. Mit geschlossenen Augen könnt ihr dieses entführte Mädchen retten.« Im fahlen Licht des Landungshangars leuchteten Augen von innerem Feuer. Kiefermuskeln waren angespannt, Hände zu Fäusten geballt. Kris blickte nach unten; das galt auch für ihre Hände. Ja, diese Soldaten waren bereit. Alle außer einem Grünschnabel von Ensign. Lieber Gott, hilf mir, es nicht zu vermasseln!, betete Kris lautlos.

»Springt jetzt ab, Marines. Tretet ein paar Terroristen in den Arsch und legt dieses kleine Mädchen wieder in die Arme der Mutter, wo es hingehört.«

»Uu-rah!«, kam es zwölf aufgeputschten Männern und Frauen von den Lippen, während der Captain gemessenen Schrittes zur Tür ging. Na ja, elf aufgeputschten Marines und einem verängstigten Ensign. Kris ahmte in ihrem Schrei die zornige Zuversicht nach, die sie in den Stimmen der anderen hörte. Hier fand man nichts von der Gelassenheit, von der Kühle, die Vaters politische Reden verströmten. Hier fand sich der Grund, warum Kris zur Navy gegangen war. Hier bot sich ihr etwas Wirkliches, etwas, das sie mit Händen greifen und bewirken konnte. Endlich Schluss mit endlosem Reden und endlosem Nichtstun. Sie grinste. Wenn du mich jetzt sehen könntest, Vater! Du hast gesagt, die Navy wäre reine Zeitverschwendung, Mutter. Heute nicht!

Kris holte tief Luft, während sich ihr Zug wieder den Vorbereitungen zuwandte. Der Geruch von Körperpanzerungen, Munition, Öl und ehrlichem Schweiß vermittelte ihr einen Rausch. Das waren ihr Einsatz und ihre Truppe, und sie gedachte, dafür zu sorgen, dass ein bestimmtes kleines Mädchen heil und gesund nach Hause zurückkehrte. Dieses Kind würde überleben.

Als die Erinnerung an ein anderes Kind auftauchte, unterdrückte Kris den Gedanken. Sie wagte in diesem Augenblick nicht, sich dem zu stellen.

Captain Thorpe blieb auf seinem Weg hinaus unmittelbar vor ihr stehen. Er blickte ihr in die Augen und beugte sich förmlich in ihr Gesicht vor. »Denken Sie nicht zu viel nach, Ensign«, knurrte er leise. »Vertrauen Sie Ihren Instinkten. Vertrauen Sie Ihrem Zug und Gunny. Das sind gute Leute. Der Commodore denkt, dass Sie mitbringen, was man für den Job braucht, auch wenn Sie eine dieser Longknifes sind. Zeigen Sie mir, was Sie draufhaben! Bringen Sie diese Mistkerle mit aller Härte zur Strecke. Sollten Sie jedoch eine so leere Hülse sein, wie Ihr alter Herr, sagen Sie es Gunny, ehe Sie kneifen. Er führt dann den Einsatz zu Ende. Und ich setze Sie rechtzeitig zum nächsten Ball der Debütantinnen wieder auf den Schoß Ihrer Mama.«

Kris erwiderte seinen Blick, das Gesicht starr, ihr Bauch ein pochendes Spannungsknäuel. Thorpe schikanierte sie schon, seit sie an Bord gekommen war. Er war nie mit ihr zufrieden, hackte ständig auf ihr herum. Sie würde es ihm zeigen! »Ja, Sir!«, brüllte sie ihm ins Gesicht.

Ringsum grinsten die Soldaten, die sich denken konnten, dass der Skipper ein paar wohlgesetzte Worte an diesen grünen Ensign richtete, und ahnten nicht, wie wohlgesetzt sie tatsächlich ausfielen. Der Captain kicherte. Ein finsterer Blick oder ein Kichern oder ein Knurren waren alles, was ihr je aus diesem Gesicht entgegengeschlagen war, seit sie an Bord gekommen war. Tauchten diesmal andere Fältchen rings um die Augen auf, verzogen sich die Mundwinkel auf neue Art? Er wandte sich ab, ehe sie seine Miene besser erkennen konnte.

Sie konnte nichts dafür, dass Vater sämtliche Gesetze Wardhavens in den letzten acht Jahren unterzeichnet hatte. Sie hatte nichts damit zu tun, dass ihre Urgroßeltern den Namen der Familie überall in den Geschichtsbüchern verspritzt hatten. Der Captain hätte ruhig einmal versuchen können, in einem solchen Schatten aufzuwachsen. Dann wäre er so versessen wie Kris gewesen, sich selbst einen Namen zu machen, sich selbst einen Platz zu erobern. Deshalb war sie zur Navy gegangen.

Mit einem Frösteln bemühte sie sich, die Angst vor dem Scheitern abzuschütteln. Sie wandte sich ihrem Spind zu und versuchte erneut, den standardmäßig ausgegebenen Größe-Drei-Raumanzug richtig einzustellen. Eins achtzig groß und überall sonst zu klein, so lauteten ihre üblichen Anforderungen an eine Montur. Noch nie hatte sie zivile Kleidung getragen, die dem Leibcomputer nicht reichlich Platz geboten hätte, sich ihr um die Schultern zu legen und die Arme hinab zu erstrecken, aber diese Schutzanzüge hier bestanden aus einem Zentimeter dickem, semirigidem Plastastahl. Nelly, die mehr wert war als sämtliche Computer der Taifun und vermutlich fünfzig Mal so leistungsfähig, war in Gefechtspanzerung ein Problem. Von Marines wurde erwartet, dass sie so schlank wie fies waren; nirgendwo gestand man ihnen ein Übermaß zu. Kris versuchte, die Hauptmasse des Computers auf die Brust hinabzuschieben. An dieser Stelle hatte sie nicht viel zu bieten, während die meisten männlichen Marines dort eine Menge Brustmuskulatur aufzubringen schienen. Sie dichtete die Montur erneut ab, drehte die Schultern, beugte sich vor, bückte sich dann. Ja, so funktionierte es. Sie setzte den Helm auf und drehte ihn, bis sie ein deutliches Klicken hörte. Mit geschlossenem Visier war es etwas warm in dem Anzug, aber geschwitzt hatte sie früher schon.

»Krissie, bekomme ich ein Eis?«, bettelte Eddy. Es war ein heißer Frühlingstag auf Wardhaven, und sie waren zum Park gelaufen und hatten Nanna ein gutes Stück hinter sich gelassen.

Kris kramte in ihrer Tasche herum. Sie war die große Schwester; von ihr wurde jetzt erwartet, dass sie vorausplante, wie es Honovi als großer Bruder getan hatte, als sie selbst noch ein kleines Kind war. Kris hatte genug Münzen für zwei Portionen Eis dabei. Vater beharrte jedoch darauf, dass zum Vorausplanen auch gehörte, Mittel zu schonen. »Noch nicht«, sagte sie. »Gehen wir uns die Enten ansehen.«

»Aber ich möchte jetzt ein Eis!«, ertönte ein solches Klagen, wie es ein Sechsjähriger, der außer Atem war, überhaupt zuwege bringen konnte.

»Komm schon, Nanna hat uns beinahe eingeholt! Ein Wettlauf zum Ententeich!« Womit sie Eddys Beine schon wieder in Schwung gebracht hatte, ehe Kris auch nur mit der Herausforderung fertig war. Sie besiegte ihn natürlich, aber nur um die gehörige Spanne, die von einer zehnjährigen Schwester gegenüber einem sechsjährigen kleinen Bruder auch zu erwarten war.

»Sieh nur, die Schwäne sind wieder da!« Kris deutete auf vier riesige Vögel. So folgten die beiden Geschwister dem Teichufer, nicht weit hinter dem alten Mann mit den Körnern, der immer die Vögel fütterte. Kris achtete gut darauf, dass Eddy dem Wasser nicht zu nahe kam. Das musste sie gut hinbekommen haben, denn als Nanna sie schließlich einholte, erteilte sie Kris gar keine Lektion darüber, wie tief der Teich war.

»Ich möchte ein Eis!«, verlangte Eddy erneut mit der Zielstrebigkeit seiner jungen Jahre.

»Ich habe kein Geld dabei«, beharrte Nanna.

»Ich schon!«, wandte Kris stolz ein. Sie hatte vorausgeplant, genau so, wie es Vater zufolge schlaue Leute taten.

»Dann gehst du auch das Eis kaufen«, murrte Nanna.

Kris hüpfte davon, so überzeugt davon, sie wiederzusehen, dass sie nicht mal zurücksah.

Jemand tippte ihr auf die Schulter. Mit einem Frösteln drehte sie sich zu einem sommersprossigen Gesicht um und hob das Visier noch rechtzeitig an, um ein »Brauchst du Hilfe, Kuchengabel?« zu vernehmen.

Im Landehangar ging es geschäftig und laut zu, und so blieb ihr Frösteln unbemerkt. Sie brachte die muntere Antwort »Ganz und gar nicht, Holzlöffel« zustande, wie das ansteckende Grinsen und die herausfordernde Frage es verlangten. Ensign Tommy Li Chin Lien stammte von Santa Maria und aus einer Familie von Asteroidenschürfern. Statt sich auf jener abgelegenen Welt herumzutreiben, war er zur Raumflotte gegangen, um die Galaxie zu sehen, womit er seine Familie und, seiner Urgroßmutter zufolge, seine Ahnen schwer enttäuschte.

Auf der Offizierskandidatenschule hatten sie stundenlang Geschichten ausgetauscht, wie die jeweiligen Eltern gegen die Berufswahl der Kinder gewettert hatten. Es überraschte Kris, wie schnell sie beide Freundschaft schlossen, eine Frau vom superhochentwickelten Wardhaven und ein Mann aus dieser verrückten Mischung von Irischem und Chinesischem, an der ein so großer Teil der Arbeiterklasse Santa Marias nach wie vor festhielt.

In diesem Augenblick fuchtelte Tommy mit seinem Universalprüfer vor Kris’ Gesicht herum. Als jemand, der im Vakuum aufgewachsen war, misstraute er Luft und Schwerkraft und betrachtete Schlammsprösslinge wie Kris als hoffnungslose Optimisten, die ganz von ihm abhingen, was die angemessene Paranoia gegenüber dem Weltraum anbetraf. Kris hob den linken Arm, damit Tommy seine Blackbox in ihren Kampfanzug stecken konnte. Während er seine Checks durchführte, arbeitete Kris mit Nelly und wies ihren Personal Computer an, Interfacetests mit dem Kommandonetz auszuführen. Tantchen Tru, inzwischen nicht mehr Leiterin der informationellen Kriegsführung auf Wardhaven, hatte Kris dabei geholfen, Nellys Interface zu konfigurieren, wie sie Kris schon beim größten Teil der Mathematik- und Computerhausaufgaben geholfen hatte, soweit sie zurückdenken konnte. Nelly fütterte Kris’ Blickfelddisplay mit allen Meldungen und Grafiken, die einem grünen Ensign beim Einsatz zur Verfügung standen … sowie mit einigen wenigen, von denen der Skipper lieber nicht erfahren sollte, dass Kris darauf Zugriff hatte. Kris und Nelly wurden etwa zum gleichen Zeitpunkt fertig, an dem Tommy seinen Tester von Kris löste. Sie klappte das Visier hoch.

»Die Reaktionszeit der Tarnjustierung liegt etwa fünf Nanosekunden unterhalb des Optimums, entspricht damit aber noch den Anforderungen der Navy«, knurrte Tommy. Die Raumflotte wurde seinen Erwartungen an Perfektion nur selten gerecht. »Auch dein Kühlsystem liegt nicht ganz so weit im grünen Bereich.«

»Ich mache mir mehr Sorgen wegen der Heizung. Es ist eine arktische Tundra, wohin ich unterwegs bin; hast du das noch nicht gehört?« Sie grinste.

Er weigerte sich, die finstere Miene zu unterdrücken, mit der er auf diesen Versuch reagierte, den irischen Zungenschlag von Santa Maria zu imitieren. »Irgendwo da drin hast du auch eine anfällige Dichtung.« Dieses Thema hatten sie schon gehabt, denn einer der Gelatinefilter des Gefechtsanzuges leckte leicht, aber jede Montur an Bord wies wenigstens eine miserable Dichtung auf. Es kursierte als bitterer Witz unter den Soldaten: Gute Dichtungen landeten auf dem zivilen Markt, die schlechten bei den Niedriggeboten für staatliche Ausschreibungen.

»Ich arbeite nicht auf Asteroiden, Tommy. Ich werde nicht einen Monat in diesem Anzug verbringen.« Kris gab damit die Standardantwort, wie sie auch von den Verantwortlichen im Beschaffungsamt an ihren Vater gingen. Der Premierminister von Wardhaven akzeptierte sie immer. Andererseits sprang er nicht mit den Orbitaljägern ab. Seine Tochter tat dies heute. »Ich bin nur eine Stunde im Vakuum, höchstens zwei. Sequim hat eine gute Atmosphäre.«

»Schlammhuhn«, entgegnete Tommy angewidert.

»Weltraumbirne«, feuerte Kris zurück und schenkte Tommy dabei ein Lächeln, wie sie es sonst von ihm gewohnt war; dann wandte sie sich dem Leichten Sturmboot zu, das sie und ihre Gruppe transportieren würde. Das Vehikel stellte das blanke Minimum dar, um vom Orbit auf den Erdboden zu gelangen, und bestand nahezu nur aus einem Hitzeschild, der zugleich als Tragfläche herhalten musste, sowie einer Kabinendecke, die nur der Tarnung diente. Andererseits hatte Kris schon in noch kleineren Skiffen Rennen gefahren. »Alles klar damit?«, fragte sie, jetzt wieder ernst.

»Habe ich es vielleicht nicht vier Mal überprüft?«, grinste Tommy. »Hat es dabei vielleicht nicht vier Mal bestanden? Dein bescheidener Diener bringt dich schon ans Ziel.« Wonach Kris an sich halten musste, um ihren Unmut im Zaum zu halten. Die Navy traute den Marines zu, ihre Ärsche ins Feuer zu halten, gab ihnen aber nicht die Autoschlüssel. Es war Tommys Aufgabe, die beiden LSB von der Taifun im Orbit auf den Planetenboden zu bringen, abgesehen von den zwei oder drei Minuten, in denen die Ionisation die Funkverbindung zu den Booten unterbrach – eine Zeitspanne, in der sie auf Autopilot flogen. Die ganze Zeit lang wurde von Kris und ihren elf Marines erwartet, nur dumm herumzusitzen und sich zu langweilen. Das war nur einer der Teile des abgesprochenen Plans, die sie gern geändert hätte. Ein frischer Ensign ändert jedoch keine Pläne, die ihrem Skipper und seinem Gunnery Sergeant gleichermaßen gefielen.

»Hilf mir mit der Ausrüstung«, wies sie Tommy an. Entlang des Hangars hatten die Soldaten des Zugs Paare gebildet, die jeweils die Montur des anderen prüften und mit Waffen und Sprungausrüstung vollpackten. Corporal Santo schritt Gunnys Gruppe ab, und Corporal Li prüfte die von Kris. Gunny sorgte anschließend für einen zweiten Check, dann Kris für einen dritten.

Kris blieb dabei eine Spur leichter beladen als ihre Teamgefährten, denn Nelly wog nur halb so viel wie ein Standard-PC der Raumflotte, wenngleich sie alles an Befehls-, Steuerungs-, Kommunikations- und Nachrichtenroutinen enthielt, was sich ein Ensign nur wünschen konnte. Immerhin führte Kris, teils an der Panzerung, teils sorgsam im Tornister verstaut, raketengetriebene Granaten in vielen Ausführungen mit sowie sechs Ersatzmagazine für ihr M-6 – die Hälfte davon nichttödliche Munition, die anderen echt; dazu kamen Wasser, erste Hilfe und Nahrung. Marines zogen niemals ohne eine Tonne an Material los. Sobald Kris vollbeladen war, rotierte sie erneut die Schultern, bog die Hüften und prüfte die Beladung. Dabei ging es nicht um Bequemlichkeit, sondern die Suche nach Problemen. Auf Rucksacktouren, die sie während der College-Ferien durch die Blue Mountains auf Wardhaven unternahm, hatte sie schon mehr geschleppt. Diese sorgenfreien Monate des Lebens in freier Natur waren einer der Gründe, warum sie sich jetzt hier wiederfand.

Tommy musterte sie, während sie tief die Knie beugte und dann elastisch wieder hochsprang. »Alles so weit okay?«

»Alles am richtigen Platz. Nicht zu schwer.«

»Ich meine okay, was diesen Einsatz angeht. Ein entführtes Kind retten.« Er grinste nicht mehr; jetzt trug der Santa-Marianer das Gesicht, das er zeigte, wenn es ernst wurde.

»Ich komm damit klar, Tom. Ich habe unter den Navy-Leuten an Bord die besten Werte mit Handfeuerwaffen. Ich habe auch die besten körperlichen Fitnesswerte. Der Skipper hat Recht. Ich bin die Beste, die er hat. Und, Tommy, ich möchte das tun.«

»Ensign Lien auf die Brücke«, ertönte es im MC-1 des Schiffs, womit alle weiteren Fragen unterbunden waren. Tommy gab ihr einen Klaps auf den Rücken. »Das Glück des kleinen Volks und Gott seien mit dir«, sagte er, während er zur Luke hinüberging.

»Für Ihn gibt’s keinen freien Platz in einem LSB«, entgegnete Kris über die Schulter, eine weitere Salve in ihrer schon lange laufenden Diskussion. Dabei folgte sie jedoch schon Gunnys Führung, prüfte erneut den Sitz der Ausrüstung und verifizierte ein weiteres Mal die Ladung der Waffen. Sie wurde eine Sekunde nach ihm fertig.

Er ging noch einmal ihre Ausrüstung durch, und sie seine. Er zog einen ihrer Riemen nach und knurrte: »Sie sind so weit klar, Ma’am.« Sie fand nichts, was bei ihm noch zu justieren gewesen wäre, und hatte das auch nicht erwartet. Gunny übte seit sechzehn Jahren für diesen Augenblick. Dass dies sein erster echter Kampfeinsatz in der ganzen Zeit war, schien weder ihm noch Captain Thorpe Kopfzerbrechen zu bereiten.

»Springen wir, Team!«, rief Kris ihrem geliehenen Zug zu.

Mit einem gebrüllten »Uu-rah!« drehten sich die beiden Gruppen gleichzeitig zu zwei gegenüberliegenden Schotten um und gingen an Bord ihrer Leichten Sturmboote. Kris schritt ihre eigene Gruppe ein weiteres Mal ab und kontrollierte die Haltegeschirre und die Ausrüstung, während sich die Soldaten auf die niedrigen Sitze im LSB setzten. Alle Anzeigen standen auf Grün. Trotzdem zog Kris kräftig an jedem Riemen. Dieses Geschirr war das Einzige, was ihre Soldaten hielt. Zufrieden platzierte sie dann das eigene Hinterteil auf dem niedrigen Kompositstuhl in diesem Minimalraumschiff und streckte die Beine aus, wobei sie darauf achtete, nicht die Steuerpedale zu erreichen. Die Beine des Techs, der hinter ihr saß, rahmten sie ein. Kris hatte einmal einen Schlitten ausprobiert. Mutter hatte entsetzt abgelehnt, als Kris darum bat, bergab fahren zu dürfen. Der Rodelschlitten war geräumiger gewesen als dieses LSB.

Sie prüfte aufs Neue, ob das eigene Sprunggeschirr mit dem schmalen Kiel des LSB verbunden war und sah dann nochmals nach, ob alle ihre Ausrüstungsgegenstände an den richtigen Plätzen saßen, zog das Kabinendach herunter und spürte es einrasten. Wie so vieles an dem Sturmboot war das Kabinendach papierdünn; es ergänzte das Boot um nichts weiter als Tarnfähigkeit. Lediglich die Absprunganzüge schützten Kris und ihre Soldaten vor dem Vakuum des Alls und der Hitze des Atmosphäreneintritts.

Der Steuerknüppel rotierte jetzt zwischen ihren Beinen. Das war dann wohl Tommys Testlauf. Trotzdem weckte der Anblick schöne Erinnerungen an einen verdammt tollen Steuerknüppel, den sie selbst schon bewegt hatte. Sie schlängelte sich auf ihrem Platz und spürte, wie das leichte Flugzeug auf ihre Bewegungen reagierte. Größer als ein Rennskiff, aber genauso klasse.

Kris verbannte dann diese Ablenkungen, indem sie den Absprungplan noch mal in Gedanken durchging. Diese Drecksäcke von Entführern folgten ihrerseits einem einfachen Plan. Sie hatten sich das einzige Kind des Generalmanagers von Sequim auf einem Schulausflug geschnappt und das arme Kind dann in die Wildnis des Nordens geschleppt, ehe jemand mitbekam, was geschah. Nicht an den Namen des Kindes denken … viel zu vertraut. Das tut nur weh. Schnell wandte sich Kris wieder dem Problem des heutigen Abends zu. Die Anmarschwege zum Versteck der Entführer waren schwierig, gefährlich – und mit Sprengsätzen gesichert! Bislang hatten die bösen Buben schon zu viele gute Leute überlistet – und umgebracht.

Kris knirschte mit den Zähnen. Wie war es solchen Ratten gelungen, einige der modernsten Fallen und Abwehrmaßnahmen zu erwerben, die man im von Menschen besiedelten Weltraum fand? Bei den Fallen konnte sie es noch verstehen; Menschen lebten inzwischen häufig auf Planeten mit sehr fiesen Viechern. Und wenngleich Kris noch nie Großwild gejagt hatte, freute sie sich auf die jetzige Jagd nach der gefährlichsten Beute überhaupt. Was sie sauer machte, das waren die rechtlichen Schwachstellen, die es Spezialgeschäften ermöglichten, Technik und Gegentechnik zu verkaufen, was Kris’ Job heute Abend verdammt gefährlich zu machen versprach. Normale Menschen benötigten keine EKG-Störsender. Wozu sollte ein braver Bürger eine Lockapparatur brauchen, die die Wärmesignatur eines Menschen simulierte? Verdammter Mist, Kris’ Gefechtsanzug war schon warm geworden; der Schweiß lief ihr den Rücken hinab!

Es war so heiß, dass das Eis schmolz, während Kris zum Ententeich zurücktrabte. Sie blieb gerade lange genug stehen, um kurz an beiden Portionen zu lecken, und fühlte sich gleich schuldig. »Eddy, ich hab dein Eis!«, rief sie, während sie weiterlief. Sie lief so schnell, dass sie schon ein gutes Stück zwischen den Bäumen hervor und auf halbem Weg durch die Grasmulde war, die zum Teich führte, ehe ihr bewusst wurde, dass hier nichts mehr stimmte. Sie blieb langsam stehen.

Eddy war nicht hier!

Der Mann mit den Körnern war gestürzt und lag halb im Wasser. Die Enten drängten sich um ihn und pickten die verstreuten Körner auf.

Zwei Haufen Kleidungsstücke lagen in der Grasmulde. In den Albträumen der kommenden Nacht würde Kris darin die Agenten wiedererkennen, die sie seit Jahren begleitet hatten. Jetzt jedoch ruhte ihr Blick wie gebannt auf Nanna. Sie lag am Boden. Arme und Beine rings um sich gespreizt wie bei einer Stoffpuppe. Auch mit zehn Jahren wusste Kris schon, dass das bei einer richtigen Person überhaupt nicht ging.

Kris schrie los. Sie ließ die beiden Portionen Eis fallen, als sie versuchte, sich beide Hände in den Mund zu stopfen. Kräftig biss sie sich auf die Fingerknöchel und hoffte dabei, die Schmerzen möchten sie aus diesem schlimmen Traum wecken. Irgendwo hinter ihr schrie jemand in einen Kommlink. »Agenten ausgeschaltet! Agenten ausgeschaltet! Löwenzahn nirgendwo zu sehen! Ich wiederhole, Löwenzahn wird vermisst!«

Eine blinkende rote Lampe lockte Kris’ Blick an. »Du hast es wieder getan!«, knurrte sie sich selbst an, während sie in Gedanken sofort zur anstehenden Aufgabe zurückkehrte. Aus dem Landehangar wurde die Luft abgepumpt, womit Kris und ihren Soldaten nur noch das an Atemluft verblieb, was die Sprungmonturen bereitstellten. Kris kontrollierte sämtliche ihrer Anzeigen. Ihre Montur war in gutem Zustand, soweit man es von Material der Raumflotte erwarten konnte. Ähnlich sah es bei allen ihren Soldaten aus. »Sind startklar«, meldete sie.

Begleitet von einem dumpfen Schlag in Kris’ Rücken glitt das LSB in den lautlosen, schwarzen Raum hinaus. Tommy ließ sie nur den einen Augenblick lang treiben, den Kris brauchte, um einen guten Eindruck von der Taifun zu erhaschen. Die Schiffshülle aus Smart Metal war dünn gestreckt, damit die Mannschaft für die Zeit im Orbit Einzelkabinen und rotationserzeugte Schwerkraft genießen konnte. Bug und Heck zeigten stolz die blaue und grüne Flagge des Staatengebildes, das Society of Humanity hieß, Gesellschaft der Menschheit. Dann sprang das Triebwerk des LSB an, und der Steuerknüppel bewegte sich, während Tommy die beiden Boote Richtung Atmosphäre lenkte.

Na ja, wenn Tommy schon die Arbeit leistete, konnte Kris die Zeit dafür nutzen, sich die Lage auf dem Planeten noch einmal anzusehen. »Nelly, zeig mir die Echtzeitsignale vom Zielgebiet«, sagte Kris lautlos. Die Jagdhütte erschien im Blickfelddisplay. Die Schatten mehrerer Dutzend Menschen zeigten sich in der Infrarotaufnahme. Sechs oder acht bewegten sich rings um das Gebäude … immer zu zweit. Aufgrund der Garantie, mit der jeder Menschenwärmeköder verkauft wurde, hätte Kris eigentlich nicht wissen dürfen, dass dort nur fünf echte Menschen waren. Gott sei Dank hielten sich die Hersteller bislang an das Schweigeversprechen, das ihnen die Regierung abgerungen hatte.

Seit zehn Jahren hatten die Finsterlinge nicht spitzgekriegt, dass 37 Grad nur die durchschnittliche Körpertemperatur eines Menschen waren. So spät am Abend wie jetzt sank die Körperwärme der meisten Menschen auf 36 Grad oder leicht darunter. In den sechs Zimmern des Obergeschosses lagen die Wärmesignaturen von sechs kleinen Mädchen auf Betten angekettet. An den beiden Enden des Flurs saß je ein Pistolero und hielt sich bereit, bei den ersten Zeichen eines Rettungseinsatzes in das eine Zimmer zu stürmen, in dem das echte entführte Mädchen lag, und sie umzubringen. Dank der Sensoren einer fünfzig Gramm schweren Spähdrohne, die 1 000 Meter über der Blockhütte schwebte, wusste Kris, dass nur ein Gangster dort oben saß – und sie wusste, in welchem Zimmer das verängstigte Mädchen zu finden war.

Verängstigt! Kris knirschte mit den Zähnen und blickte zum LSB hinaus, um den Planeten zu betrachten, der langsam unter ihr rotierte. Sie bemühte sich, um keinen Preis den Nerv zu treffen, der sie zurück an das Grab ihres kleinen Bruders führen würde. Zumindest hatten die hiesigen Entführer ihr Opfer nicht unter Tonnen von Dünger begraben; ein sechsjähriges Kind, dessen einzige Rettungsleine zur Welt ein beschädigtes Luftrohr gewesen war.

In der Schule hatte Kris die Gespräche anderer Schüler mitgehört, die behaupteten, dass Eddy schon stundenlang tot gewesen sei, als die Eltern das Lösegeld zahlten. Kris wusste nicht, ob das zutraf. Sie schaffte es bei manchen Berichten einfach nicht, sie zu lesen, und manche Mediensendungen hielt sie nicht bis zum Ende aus.

Eine Sache, der sie keine Sekunde lang ausweichen konnte, waren jedoch die Was-wäre-wenn-Fragen. Was, wenn Kris nicht Eis holen gegangen wäre? Was, wenn die Finsterlinge Nanna und Eddy und Kris hätten überwältigen müssen? Was hätte eine ungestüme Zehnjährige für ihre Pläne bedeutet?

Kris schüttelte den Kopf und verbannte die entsprechenden Bilder. Wenn sie zu lange dabei verweilte, kamen ihr die Tränen. Ein Raumanzug war nicht der richtige Platz für Tränen.

Kris konzentrierte sich auf den Planeten in der Tiefe. Die Trennlinie zwischen Tag und Nacht lag voraus, wo der grüne und blaue, wolkenverhangene Globus in Dunkelheit überging – in Dunkelheit und Stürme. Für einen nächtlichen Überraschungsangriff benötigten Orbitaljäger Donner, um die Überschallknalls zu übertönen, Dunkelheit, um den Anmarsch zu tarnen, und Nachtzeit, damit die Aufmerksamkeit der Wachtposten sank.

Kris lächelte, während sie an andere Planeten zurückdachte, die sie aus dem Orbit betrachtet hatte, ein schnelles Rennskiff unter sich. Und das Lächeln wich einer finsteren Miene, als erneut die Erinnerungen auf sie einströmten, die sie seit einer Woche auf Armeslänge zu halten versuchte.

Vater verschwand am Tag nach Eddys Beerdigung aus Kris’ Leben. Er ging ins Büro, ehe sie erwachte, und war selten wieder zu Hause, bevor sie zu Bett ging.

Mutter reagierte da ganz anders. »Du warst lange genug ein bisschen wild. Zeit, aus dir eine richtige junge Dame zu machen.« Damit war Kris keineswegs vom Haken, was das Erfordernis anging, Fußballspiele für Vater zu gewinnen oder auf seinen Politikerpartys aufzutreten. Kris fand jedoch schnell heraus, dass »richtige junge Damen« nicht nur zum Ballett gingen, sondern ihre Mütter auch zum Tee begleiteten. Als die um zwanzig Jahre jüngste Person auf jedem Teenachmittag langweilte Kris sich schier zu Tode. Dann fiel ihr auf, dass der Tee bei manchen der Frauen komisch roch. Es dauerte nicht lange, und Kris erhielt Gelegenheit zu einer Kostprobe. Das schmeckte auch komisch … aber Kris fühlte sich gleich besser, und die Party zog rascher an ihr vorbei. Dann erfuhr Kris auch bald, was dem Tee zugesetzt wurde … und wie sie Vaters Bar oder Mutters Weinkammer plündern konnte.

Irgendwie machte das Trinken die Tage erträglich. Kris scherte sich nicht mal darum, dass ihre Noten in den Keller rauschten. Es war nicht von Belang; Mutter und Vater machten dazu nur finstere Miene. Andere Kids in der Schule hatten Spaß mit Skiffrennen aus dem Orbit; Kris hatte ihre Flasche. Natürlich halfen ihrem Fußballspiel weder die Flasche noch die Pillen, die Mutters Arzt ihr verschrieb, damit sie damenhafter wurde. Der Trainer schüttelte den Kopf und setzte sie so viel auf die Ersatzbank, wie er nur konnte. Harvey, der Chauffeur, der sie zu allen Spielen fuhr, schien einfach nur irgendwie traurig.

Harvey grinste jedoch an dem Nachmittag, als er Kris verspätet von der Schule abholte. »Dein Dad hat deinen Uropa Trouble heute zum Abendessen eingeladen. General Tordon ist für einige Konferenzen auf Wardhaven«, setzte er dann noch hinzu, ehe sie fragen konnte. Kris verbrachte die Heimfahrt mit der Frage, was sie zu jemandem sagen sollte, der direkt aus ihren Geschichtsbüchern hervorgetreten war.

Mutter hatte einen richtigen Anfall, überwachte die Vorbereitungen zum Abendessen persönlich und nuschelte etwas dahingehend, dass Legenden in den Büchern bleiben sollten, wo sie hingehörten. Kris wurde nach oben geschickt, um ihre Hausaufgaben zu machen, aber sie nahm den Balkon in Beschlag, las mit einem Auge und behielt mit dem anderen die Haustür im Auge. Sie wusste nicht recht, was sie erwarten sollte. Vermutlich einen uralten Menschen wie die alte Ms Bracket, die Geschichte unterrichtete und ausgetrocknet und runzelig genug wirkte, um alles persönlich erlebt zu haben. Von A bis Z!

Dann spazierte Opa Trouble zur Haustür herein. Groß und fit, geradezu strahlend in seiner grünen Uniform – und er sah aus, als könnte er eine Iteeche-Flotte mit nichts weiter als einem finsteren Blick zerstören. Nur dass er nicht finster blickte. Das Grinsen in seinem Gesicht wirkte ansteckend. Mutter hatte Recht, seine Wirkung wurde seinem Ruf als »richtige Legende« in keiner Weise gerecht. Und die Geschichten, die er beim Abendessen erzählte! Nach dem Essen erinnerte sich Kris an keine einzige davon, zumindest nicht vollständig. Am Tisch waren sie jedoch alle lustig, sogar die, die eigentlich grauenerregend hätten sein müssen. Irgendwie brachte es Opa Trouble zuwege, dass es furchtbar lustig klang, egal wie schlecht die Chancen gestanden hatten oder wie schlimm die Lage gewesen war. Sogar Mutter konnte nicht anders; sie musste lachen. Und als das Abendessen vorüber war, gelang es Kris, Mutter aus dem Weg zu gehen, bis sich diese zu ihrem Whist-Club verabschiedete. Kris hätte sich am liebsten ewig bei der wundersamen Erscheinung des Urgroßvaters herumgetrieben. Und als sie allein waren und er Kris seine volle Aufmerksamkeit widmete, wusste sie, warum sich Kätzchen in der Sonne zusammenrollten.

»Dein Dad erzählt mir, dass du gern Fußball spielst?«, sagte er und setzte sich in einen Sessel.

»Ja, recht gern«, antwortete Kris, setzte sich wie eine Dame dem Großvater gegenüber und kam sich sehr erwachsen vor.

»Deine Mutter sagt, du wärst sehr gut im Ballett.«

»Ja, recht gut.« Selbst mit ihren zwölf Jahren war Kris klar, dass sie sich nicht richtig an dem Zwiegespräch beteiligte. Aber was konnte sie schon jemandem wie ihrem Uropa sagen?

»Ich mag Orbitalskiffrennen. Jemals an Rennen teilgenommen?«

»Nee. Manche Kinder von der Schule machen es.« Kris war richtig aufgeregt. Dann kam sie jedoch wieder zu sich. »Aber Mutter sagt, es wäre viel zu gefährlich. Und nichts für eine richtige junge Dame.«

»Das ist interessant«, sagte Opa Trouble, lehnte sich im Sessel zurück und reckte die Hände hoch. »Vergangenes Jahr hat ein Mädchen die Juniorenmeisterschaft von Savannah gewonnen. Es war nicht viel älter als du.«

»Echt nicht?!« Kris starrte ihn mit großen Augen an. Sie konnte es kaum glauben, obwohl es von Opa kam.

»Ich habe für morgen ein Skiff gemietet. Möchtest du ein paar Absprünge mit mir machen?«

Kris zappelte in ihrem Sessel herum. »Mutter würde mir das nie erlauben.«

Opa legte die Hände auf den Tisch, nur ein paar Zentimeter von Kris’ Händen entfernt. »Harvey hat mir erzählt, dass deine Mama samstags normalerweise ausschläft. Ich könnte dich um sechs Uhr abholen.« Später sollte Kris erfahren, dass Opa Trouble und der Chauffeur der Familie in dieser Sache unter einer Decke steckten. In diesem Augenblick war Kris jedoch viel zu aufgeregt über das Angebot, um zwei und zwei zusammenzuzählen.

»Könntest du?«, entfuhr es Kris schrill. Sie erinnerte sich gar nicht mehr daran, wann sie zuletzt allein so früh aufgestanden war. Sie erinnerte sich auch nicht mehr daran, wann sie zuletzt etwas unternommen hatte, was nicht auf Mutters oder Vaters Liste der wünschenswerten Handlungen stand. Sie erinnerte sich nicht daran, weil es bedeutet hätte, sich zu erinnern, wie das Leben mit Eddy gewesen war. »Das fände ich toll!«, sagte sie.

»Eines noch«, sagte Opa Trouble, streckte die braun gebrannten, schwieligen Hände über den Tisch aus und ergriff damit ihre kleinen weichen Hände. Dabei sprang beinahe ein elektrischer Schlag über. Opa Trouble blickte Kris in die Augen und durchschaute das kleine Mädchen, das sie so vielen Menschen erfolgreich vorspielte. Kris saß da und hatte nur noch sich selbst, um sich daran festzuhalten. »Deine Mutter hat Recht. Skiffrennen können gefährlich sein. Ich nehme dazu nur Leute mit, die stocknüchtern sind. Das ist doch kein Problem für dich, oder?«

Kris schluckte schwer. Sie hatte so heftig über Opa Troubles Geschichten gelacht, dass sie beim Abendessen gar nicht heimlich getrunken hatte. Sie hatte seit dem Mittagessen in der Schule keinen Schluck mehr gehabt. Stand sie so die Nacht durch? »Es wird kein Problem sein«, versicherte sie ihm.

Und irgendwie schaffte sie das. Es war nicht leicht; sie wachte zweimal auf und weinte um Eddy. Dann dachte sie jedoch an Opa und die ganzen Geschichten, die sie von anderen Kindern auf der Schule gehört hatte. Wie toll es war, wenn man die Sterne über sich sah und auf einer Sternschnuppe gen Erdboden surfte, und irgendwie konnte es sich Kris verkneifen, auf Zehenspitzen die Treppe zu Vaters Bar hinunterzuschleichen.

Kris hielt die Nacht durch, stand dann auf dem oberen Treppenabsatz und blickte zu Opa Trouble hinab, der geduldig wartend auf den schwarzen und weißen Fliesen der Eingangshalle stand und in seiner grünen Uniform so prachtvoll aussah. Kris balancierte sorgsam wie in einer Ballettstunde, während sie die Treppe hinabschritt und Opa demonstrierte, wie nüchtern sie war. Sein Lächeln fiel schmal und knapp aus und ähnelte ganz und gar nicht dem breiten Lächeln, das Vater gegenüber all seinen politischen Freunden aufblitzen ließ. Opas strenges kleines Lächeln bedeutete Kris jedoch mehr als alles, was sie je von ihrem Vater oder ihrer Mutter erhalten hatte.

Drei Stunden später saß Kris im Raumanzug auf dem Vordersitz eines Skiffs angeschnallt; Opa Trouble drückte die Freigabetaste, und sie fielen aus der Raumstation. Oh, was für ein Flug!

Kris sah Sterne in solcher Nähe, dass sie sie beinahe hätte anfassen können. Sie spürte die Verlockung, den Gurt zu öffnen und in die Dunkelheit hinaus zu schweben, wie eine Sternschnuppe niederzugehen und gegenüber dem toten kleinen Eddy so viel wiedergutzumachen, wie sie konnte. Das durfte sie jedoch nicht Opa Trouble antun, nach all den Mühen, die er auf sich genommen hatte, um sie hierherzubringen. Und die Schönheit der stetig brennenden Sterne griff Kris ans Herz und schloss sie in ihre kalte, lautlose Umarmung. Die schieren knappen Linien von Skiffen beim Atmosphäreneintritt waren Mathematik in Bewegung. Hier verlor Kris ihr Herz … und vielleicht auch etwas vom Abscheu der Überlebenden gegenüber sich selbst.

Mutter schritt doch tatsächlich in der Eingangshalle auf und ab, als sie spät abends zurückkehrten. »Wo habt ihr gesteckt?« Es war mehr Anschuldigung als Frage.

»Skiffrennen«, antwortete Opa Trouble so gelassen, wie er seine Witze vortrug.

»Skiffrennen!«, kreischte Mutter.

»Herzchen«, sagte Opa Trouble leise zu Kris. »Ich denke, du gehst lieber in dein Zimmer.«

»Opa?«, fragte Kris, aber Harvey packte sie am Ellbogen.

»Und komm bloß nicht herab, solange ich nicht nach dir geschickt habe!«, unterstützte Mutter Opas Vorschlag. »Und was haben Sie sich eigentlich gedacht, was Sie mit meiner Tochter tun, General Tordon?«, wandte sich Mutter jetzt mit kalter Stimme an ihn.

Opa Trouble war jedoch schon unterwegs zur großen Bibliothek. »Ich halte es für besser, wenn wir dieses Gespräch außer Hörweite kleiner Leute mit großen Ohren zu Ende führen«, sagte er mit all der Gelassenheit, die Mutter fehlte.

»Harvey, ich möchte nicht auf mein Zimmer gehen«, wandte Kris ein, während sie und der Chauffeur die Treppe hinaufstiegen.

»Du solltest es lieber tun, kleine Freundin«, sagte er. »Die Nerven deiner Mutter wurden heute ganz schön belastet. Es wäre nichts zu gewinnen, wenn man ihr jetzt weiter zusetzt.«

Kris sah Opa Trouble nie wieder.

Eine Woche später trat jedoch Judith in ihr Leben, eine Frau, die kennenzulernen Opa Trouble vermutlich Freude gemacht hätte. Judith war Psychologin.

»Ich brauche keinen Seelenklempner«, erklärte Kris der Frau rundweg.

»Warum hast du beim Fußballspiel vergangenen Monat absichtlich zur Niederlage beigetragen?«, feuerte Judith schnurstracks zurück.

»Das habe ich nicht«, murmelte Kris.

»Dein Trainer sieht das anders. Dein Dad sieht es auch anders.«

»Woher will er das denn wissen?«, fragte Kris mit all dem Sarkasmus, den eine Zwölfjährige nur aufbrachte.

»Harvey hat das ganze Spiel aufgenommen«, sagte Judith.

»Oh.«

Und so redeten sie miteinander, und Kris fand heraus, dass Judith ihre Freundin werden konnte. Zum Beispiel, als Kris ihr mitteilte, sie wolle weitere Skiffrennen fliegen, aber Mutter bekomme schon bei der Vorstellung Zustände. Statt Mutter zuzustimmen, fragte Judith Kris, warum eine Mutter nicht einen oder zwei Zustände kriegen sollte. Bei der Vorstellung musste Kris lachen. Und ruckzuck wurde ihr bewusst, dass Mutters Wünsche nicht immer das Beste waren und dass die Mutter einer Zwölfjährigen gelegentlich Zustände kriegen sollte. Kris gewann letztlich die Juniorenmeisterschaft von Wardhaven zur Freude des Premierministers und zu Mutters Entsetzen.

»Hör auf zu grübeln!«, knurrte Kris mit Captain Thorpes Stimme und ruckte kräftig an ihrem Haltegurt, eine lebenserhaltende Maßnahme, die ihr zur zweiten Natur geworden war.

Dann schoss Kris der Magen in den Hals, als das Landungsboot wie ein Derwisch lostanzte, nach rechts rotierte, während der Schiffsboden unter Kris wegsackte, und die immer noch aus vollen Kräften laufenden Schubtriebwerke nach oben stiegen.

»Was zum Teufel?« »Wer fährt diesen Bus?«, prasselte es in ihre Ohren, während Kris nach dem wild kreisenden Steuerknüppel griff. Achtern stellte Corporal Li mit einem »Klappe halten!« die Disziplin wieder her.

Der Steuerknüppel kämpfte gegen Kris an und verweigerte den Gehorsam. Sie schaltete die Funkverbindung zur Taifun ein. »Tommy, was zum Teufel geht da vor?« Die Worte hallten leer in ihrem Helm wider; die Funkverbindung war so tot, wie sie und ihre Crew es auch sein würden, wenn sie nicht etwas unternahm – und das schnell.

Sie hämmerte auf die manuelle Überbrückung und übernahm die Steuerung des Bootes. Sie verwendete kaum einen bewussten Gedanken auf ihre Aktionen, während sie die nötigen Bewegungen ausführte, um das Trudeln und Wackeln in den Griff zu bekommen. Das LSB war schwerer und reagierte langsamer als ein Skiff. Kris kämpfte mit ihm … und es fügte sich ihr.

»So ist es besser«, ertönte es von einem der dankbaren Marines hinter ihr. Sofern es Kris nicht gelang, schnell Position und Kurs zu bestimmen, bedeutete diese kurzzeitige Verbesserung jedoch nur, dass sie weniger durchgerüttelt sein würden, wenn sie beim Atmosphäreneintritt verbrannten.

»Nelly, ich brauche die Skiffnavigation, und ich brauche sie sofort.« Ein Augenblinzeln, und die vertrauten Skiffroutinen nahmen in der Blickfeldanzeige Gestalt an. »Nelly, Anfrage ans GPS: Wo bin ich?« Das LSB wurde zum Punkt in der Blickfeldanzeige, und Vektorlinien breiteten sich von diesem Punkt aus. Sie hatte nicht gebremst, sondern beschleunigt!

»Corporal, geben Sie mir eine Sichtlinienverbindung zu Gunnys LSB.«

»Ich habe es schon versucht, Ma’am, aber ich weiß nicht, wo er steckt.«

Ihr Computer konnte vermutlich sagen, wo der Sergeant relativ zu ihnen sein sollte, aber Nelly tat gerade ihr Bestes, um einen Kurs zu berechnen, mit dem Kris eine weitere Meisterschaft gewann.

Skiffpokale wurden nicht einfach dafür vergeben, dass man das winzige Bodenziel traf. Von Siegern erwartete man, dass sie dieses Ziel stilvoll erreichten: punktgenau, mit möglichst wenig Treibstoffverbrauch und in möglichst kurzer Zeit. Kris schluckte, als sich das Blickfelddisplay mit den harten Fakten dessen füllte, was sie erwartete. Das LSB war vom Kurs abgewichen und inzwischen knapper an Treibstoff als jedes Skiff, das sie jemals in einem Wettkampf geflogen hatte. Kris musste alles geben, was sie draufhatte, um ihre Marines an irgendeiner Stelle innerhalb von hundert Kilometern Distanz zu einem verängstigten kleinen Mädchen zu landen.

Kris war Rennen für Pokale geflogen. Sie packte den Steuerknüppel fester und begann ein Rennen um das Leben eines kleinen Mädchens.

2

Kris reagierte eher auf Basis geschulter Instinkte als nach rationalen Überlegungen. Sie packte den Steuerknüppel fest mit der Rechten und stabilisierte das Boot erst einmal. Sobald das geschafft war, verwandte sie eine Sekunde auf Nellys Suchfunktionen, um sich und ihre Marines sicher auf den Planetenboden zu bringen. Gott sei Dank hatte sie Nelly behalten und den Standardcomputer der Raumflotte mit all seinen Beschränkungen verweigert. »Nelly, ziehe unsere aktuellen Koordinaten aus dem GPS. Nimm die Jagdhütte als Zielpunkt. Zeige mir jetzt einen Flugplan mit geringem Risiko.« Nelly brauchte dafür kaum eine Sekunde; damit waren sie in der Lage, sicher zu landen – wenn auch mit letzter Kraft und fünfzig Kilometer hinter der Hütte.

Noch während Kris die Beschleunigungsphase anpasste, damit sie zur angegebenen Flugbahn passte, blaffte sie: »Einen anderen Flugplan! Geh davon aus, dass ich weitere zwanzig Prozent meiner Energie aerodynamisch abbauen kann. Wie viel Treibstoff behalte ich dann übrig?« Kris brauchte eine Sicherheitsreserve. Bei Wettkämpfen war jedes Skiff um zwei Minuten vom nächstfolgenden Skiff getrennt. Heute war Gunnys LSB irgendwo rechts von ihr, nicht weiter als zehn Kilometer, vermutlich weniger. Das hätte ein akzeptabler Sicherheitsspielraum sein können, falls sie noch beide von Tommy zur Landeposition gelenkt worden wären – jetzt aber nicht mehr, wo Kris am Steuerknüppel einen niedrigen Orbit entlangschlitterte.

»Nelly, geh zusätzlich davon aus, dass ich um hundert Kilometer nach Norden von Gunnys LSB abgesetzt sein muss.« Innerhalb eines Augenblicks justierte Nelly den jüngsten Flugplan, aber das Ergebnis blinkte in Rot. Selbst unter der Annahme, dass Kris ihre Orbitalbrennphase auf das Minimum beschränkte, bestand keinerlei Möglichkeit, genug Energie auf aerodynamischem Wege abzubauen. Sie musste dann um hundert Kilometer über das Ziel hinausschießen.

»Gehe von zwanzig Kilometern Abstand aus«, befahl Kris; ihre erste S-Kurve musste die Distanz zu Gunnys LSB erhöhen. Nelly generierte rasch den erforderlichen Flugplan; Kris konnte das schaffen. Ein gelber Knopf in der Blickfeldanzeige blinkte jedoch warnend. Die Treibstoffreserve würde unterhalb der im Sport geltenden Standards liegen, und Kris wäre disqualifiziert worden.

Bei der Vorstellung, wie es der Maschine ergehen würde, zuckte Kris reumütig die Achseln. Sie sagte: »Mach es, Nelly.« Und bereitete sich auf den Höllenritt ihres Lebens vor. Schon früh hatte Kris gelernt, dass ein Mensch jeden computergenerierten Kurs verbessern konnte. Um all die Pokale nach Hause zu tragen, die in ihrem Zimmer herumstanden, hatte sie ein bisschen Treibstoff hier gespart, ein wenig mehr dort, und das immer aus eigenem Entschluss.

»Sir, ich meine Ma’am, ich denke, ich sehe den Sergeant.« Corporal Lis Stimme war eine Folge nervöser Quiek- und Knacklaute.

Kris war in der Maschine verwurzelt. Die Hand war mit dem Steuerknüppel verschmolzen; ihr Hinterteil gehörte zum Hitzeschild und zum Material der Tragfläche. Ihre Augen hätten genauso gut die Anzeigen für den Angriffswinkel, die Fliehkräfte und die Geschwindigkeit sein können. Die Konzentration jetzt zu unterbrechen, wäre die reinste Qual gewesen. »Wo, Corporal?«

»Bugabseitig an Steuerbord, zwei, nein, zwei-dreißig, Ma’am, eins tiefer, eins-dreißig. Ich denke, er ist es, Ma’am.«

Kris riskierte einen Blick. Ja, da flog ein LSB ein Stück weit voraus und unterhalb von ihr, und es bremste nach wie vor, genau wie sie es tat. »Versuchen Sie, Gunny in die Leitung zu bekommen!«, befahl sie und widmete sich wieder der Aufgabe, ein fliegerisches Wunder zu vollbringen.

»Ich bekomme nur prasselnde Bruchstücke herein, Ma’am.«

»Klar.« Kris hätte sich selbst eine verpassen können. »Die Ionisation seines Triebwerks liegt zwischen uns.« Einen Augenblick später war es an der Zeit, die Zündphase zu beenden. Kris drehte das Boot, wandte der Atmosphäre den hitzegeschützten Bug zu und machte sich bereit, in die Tiefe zu surfen. Li unternahm mehrere weitere Versuche, Kontakt zu Gunny zu erhalten, aber LSB Zwei bremste nach wie vor und wandte ihnen damit die ionisierten Auspuffgase zu. Kris wies Li an, damit aufzuhören, als die ersten tanzenden Lichter die Schnauze ihres LSB umringten.

Jetzt folgte der schwierige Teil. Hier kompensierte eine gute Skiffsurferin den gesparten Treibstoff – falls sie es richtig hinbekam – und setzte das Boot punktgenau ab. Kris tauchte ihre Maschine schnell und heiß in die Atmosphäre. Dann lenkte sie sie in sachte – oder vielleicht gar nicht allzu sachte – S-Kurven, um die zusätzliche Energie abzuführen. Kris maß diese Kurven aus schmalen Augen heraus ab. Sie musste den Hitzeschild zwischen dem sengenden ionisierten Luftstrom und ihrem leicht brennbaren Körper halten. Wenn sie die Kurve zu scharf anging, würden heiße Gase ihr – und ihren Marines – die Köpfe herunterbrennen. Wenn sie die Kurve zu weit veranschlagte, schoss sie kilometerweit übers Ziel hinaus. Kris hatte die entsprechenden Bewegungen gelernt, als es noch ein Spiel war und sie eines der besten Skiffe flog, das je auf Wardhaven hergestellt worden war. Jetzt riss sie ihre Maschine erst zur einen, dann zur anderen Seite, dass sie im Sturmwind jaulte – und es war eine Maschine, mit der sie nicht im Mindesten vertraut war.

Kris hatte eine Vorflugkontrolle dieser Maschine vorgenommen. Keine ausgebildete Pilotin setzte ihren Hintern in eine Flugmaschine, ohne diese vorab gründlich zu checken. Sie hatte sie jedoch noch nie geflogen! Sie hatte den Namen des Herstellers auf dem Cockpit wiedererkannt. Diese Firma stand im Ruf, gute Boote zu bauen, aber hin und wieder kam es bei der Qualitätskontrolle zu Aussetzern. Kris’ Magen verspannte sich zu einem Knoten, der so fest war wie ihr Griff um den Steuerknüppel. Gehörte dieses LSB zu den guten Produkten, oder existierte irgendwo im Kiel und der Struktur der Tragfläche ein verstecktes Problem? Brach Kris der Mühle das Genick, wenn sie sie zu starken Fliehkräften aussetzte, wenn sie eine zu starke Erhitzung riskierte – sodass alle an Bord in den Flammentod stürzten?

Kris zwang sich zu völliger Ruhe, damit sie jedes Ächzen, jedes Stöhnen aus der gepeinigten Konstruktion hören konnte, während sie die Maschine an die Grenzen trieb. Hinter ihr stimmte ein Marine ein ihr fremdes Gebet an und dankte seinem Schöpfer für die Nahrung, die er zu empfangen im Begriff stand. »Eines Tages lachen wir alle darüber«, brummte Kris ins offene Mikro. Falls wir überleben, setzte sie in Gedanken hinzu.

Das LSB wurde heiß. Trotz der Abschirmung. Kris spürte die Wärme durch ihre Montur; die Temperatur stieg an, bis sie ihr beinahe das Hinterteil versengte. Die Instrumente bestätigten es; sie war inzwischen ein gutes Stück in der roten Warnzone, die der Hersteller angab. Aus den Augenwinkeln maß Kris die Zusatzkrümmung der überlasteten Tragfläche und das zunehmende Flattern der überhitzten Hinterkanten ab. Der Flug des LSB glich inzwischen einem schwerfälligen Watschelgang durch die widerspenstige Atmosphäre, schlimmer als bei jedem Skiff, das Kris jemals geflogen hatte.

Trotzdem verlangte sie der Maschine noch mehr ab. Bislang flog sie oberhalb des vorgesehenen Anflugpfades. Sie drückte die Nase des Bootes nach unten und erhöhte so Geschwindigkeit – und Wärmebelastung –, während sie in die Tiefe stürzte wie der sprichwörtliche Backstein. Als sie schließlich auf Kurs war, aber inzwischen zu schnell, rang sie dem schweren Lander Kurven ab, wie sie sie nur jemals mit einem Skiff riskiert hatte. Sie verlor Bewegungsenergie, aber die Erhitzung intensivierte sich. Kris zappelte auf dem Sitz herum, während ihr die Haut gekocht wurde. Die Temperaturanzeige bestätigte die Klagen des eigenen Körpers und stieg weiter ins Rot. Aber noch nicht zu weit; jedenfalls nicht, wenn keine Überraschungen in der Bootskonstruktion versteckt lauerten.

»Ah, Ma’am«, drang Corporal Lis Flüstern leise aus Kris’ Ohrstecker, »mein Ferncheck zeigt, dass Ihre Montur furchtbar heiß geworden ist. Möchten Sie nicht Gebläse und Kühlaggregat höher einstellen, Ma’am?«

Kris kam gerade lange genug wieder ganz zu sich, um die Justierung vorzunehmen. Verdammt, der Anzug, den sie zu Hause trug, hätte das automatisch ausgeführt. Dienstmonturen waren jedoch mit Absicht unintelligent ausgelegt, wie mal ein Gunnery Sergeant auf der Offizierskandidatenschule in schleppendem Tonfall erklärt hatte: »Sie möchten ja nicht, dass die was ohne Ihre Erlaubnis anstellen, wenn unfreundliche Leute schießen und rings um Sie die Hölle los ist.«

»Können Sie Gunny immer noch sehen?«, wandte sich Kris an Li.

»Ich denke, er ist immer noch da draußen, Ma’am, aber es ist irgendwie schlecht zu erkennen bei all dem Feuerwerk rings um uns.«

»Wenn jemand Gunny sieht, soll er Bescheid geben«, sagte Kris und konzentrierte sich auf die Steuerung.

»Ja, Ma’am«, kam die Antwort in einer mehrteiligen Harmonie.

Eine Ewigkeit schien zu vergehen, ehe die Temperaturanzeigen langsam wieder sanken. Kris bemühte sich darum, per GPS die eigene Position festzustellen, aber sie fand sich nach wie vor von zu viel Ionisation umgeben. Das Trägheitsnavigationssystem des LSB beharrte darauf, sie wäre ungefähr dort, wo sie sein wollte, und Nelly pflichtete ihm bei. Mit einem tiefen Atemzug lehnte sich Kris zurück, versuchte, alle Muskeln im Körper zu lockern, und stellte fest, dass es ein echter Nervenkitzel war, diese Mühle zu fliegen.

»Ich sehe ihn!« »Da ist er!«, ertönte ein Chor hinter ihr. »Da ist Gunny, Ma’am«, bestätigte der Corporal.

Ein kurzer Blick zeigte ihr eine Sternschnuppe vielleicht dreißig Kilometer rechts von ihnen, falls Kris der eigenen Schätzung vertrauen konnte. Sie seufzte erleichtert darüber, LSB Zwei zu sehen, und kippte den Steuerknüppel, um hinüberzuziehen. Wie sie geplant hatte, flog Kris inzwischen mit weniger als Schallgeschwindigkeit und war noch etwa drei Minuten vom Ziel entfernt. Sie hatte genug Treibstoff für eine Zündung von mehreren Sekunden übrig, falls es nötig wurde, aber mit einem selbstgefälligen Lächeln wiegte sie sich in der Überzeugung, dass das nicht der Fall sein würde. Einen Augenblick später lenkte Kris genug Aufmerksamkeit von der Steuerung ab, um ihren Helm und dessen Sichtlinienantenne auf Gunnys Boot auszurichten.

»Gunny, informieren Sie bitte die Taifun, dass LSB Eins erfolgreich in die Atmosphäre eingedrungen ist.« Kris zählte langsam bis fünf, während sie auf ihre Antwort wartete, und machte sich daran, die Durchsage zu wiederholen.

»Roger, Eins. Ich kann Sie sehen. Wiederholen Sie Ihren Status«, lautete Gunnys Antwort.

»Ich habe meinen Uplink zur Taifun verloren. Können Sie mich mit Captain Thorpe verbinden?«

»Das sollte ich lieber. Das Schiff schreit schon eine ganze Weile lang nach Ihnen.«

Kris knirschte mit den Zähnen und bereitete sich auf eine weitere nette Unterhaltung mit der Person im Militär vor, von der sie am wenigsten hielt. Sie brauchte nicht lange zu warten. »Wie schön, dass Sie für uns einen Platz auf Ihrem vollen Terminkalender finden konnten.« Captain Thorpes Stimme klang nach dem Eis des Weltalls. »Erstatten Sie einen Lagebericht.«

»Ich habe meinen Uplink verloren, Sir. Der billigste Anbieter, vermute ich.« So lautete die immerwährende Klage des Skippers, neben den Budgetkürzungen. »Gunny hat mich mit Ihnen verbunden. Wir sind in Position, um die Geiselbefreiung auszuführen, Sir.«

Eine lange Unterbrechung trat ein. Kris konnte sich vorstellen, wie Captain Thorpe die auf seiner Brücke eingehenden Meldungen sichtete und einzeln sorgsam abwog, um mal zu sehen, womit er einer gewissen Ensign Longknife das Leben am schwersten machen konnte.

»Ich kann erkennen, dass Sie in Position sind, Ensign.« Eine kürzere Pause trat ein. »Ensign Lien, können Sie die Steuerung von LSB Eins übernehmen?«

»Negativ, Sir«, erfolgte rasch die Antwort. »Unser Downlink zu LSB Eins ist Schrott. Ich kann diese Maschine nicht steuern.«

»Dann fahren wir mit Plan B fort«, sagte der Captain kurz und bündig.

Und Kris lächelte.

Kris erschien, mit Optionen vollbeladen, zur Planungskonferenz mit dem Captain und Gunny und stellte fest, dass der Skipper von einem Ohr zum anderen grinste. »Ich wusste, dass diese Geizkragen von Zivilisten nach den Hunden rufen würden! Ich habe jeden einzelnen ausstehenden Gefallen eingefordert, um sicherzugehen, dass wir das Schiff sind, das sie bekommen. Jetzt erledigen wir diesen Job auch richtig.«

»Kein Problem, Sir; wir zeigen der Flotte und diesen Terroristen, dass die Taifun das beste Schiff ist«, gluckste Gunny.

Kris hatte keinen Respekt vor Entführern. Sie hatte einen Teil der Verhandlungen gegen die Mörder ihres Bruders verfolgt. Wenn man die IQ aller drei addierte, kam man trotzdem auf einen Minuswert. Allerdings: »Sir, diese Terroristen verfügen über reichlich Spezialausrüstung«, gab sie zu bedenken. »Sie haben schon drei Rettungstrupps vernichtet.«

»Das waren Zivilisten. Jetzt bekommen sie es mit Marines zu tun.« Gunnys Tonfall war eiskalt.

»Eine Bande unrasierter Terroristen kann nicht dem standhalten, was die Taifun auf diese Party mitbringt«, erklärte Captain Thorpe zuversichtlich und erläuterte seinen Plan. Ein verdeckter Anflug bei Nacht sollte die Marines direkt in den Vorgarten der Entführer bringen. Die Schützen konnten ihre Fallschirme abwerfen und sich unverzüglich an die Arbeit machen. Kris schluckte schwer und gab zu bedenken, dass man bei der letzten Geiselbefreiung eine ähnliche Taktik verfolgt hatte. Sie glaubte, damit eine Frage in den Raum gestellt zu haben: »Versuchen wir bei Leuten mit so viel Technik das Gleiche?« Genauso gut hätte sie sich die Worte sparen können.

»Es hat funktioniert, nicht wahr?«, blaffte Gunny. »Ich gehe jede Wette ein, dass wir mit dem letzten Schuss die Zeit unterbieten, die die Orbitaljäger der Cardinal für diese Geiselnahme auf Payallup im vergangenen Jahr gebraucht haben.«

»Ich habe mit dem Skipper der Cardinal schon um eine Flasche Scotch gewettet, dass wir das tun«, grinste Thorpe. Angesichts von so viel Zuversicht schluckte Kris ihre Vorbehalte herunter. Zu dritt prüften sie gründlich alle Aufklärungsdaten. Dabei waren keine Probleme zu erkennen, die einem Absprung in unmittelbarer Zielnähe im Weg gestanden hätten; der Skipper bewilligte Gunnys entsprechende Taktik. Und Kris sagte, wie es sich für einen grünen Ensign gehörte: »Aye aye, Sir!« Und sie machte sich auf die Suche nach Tommy.

Falls Kris jetzt jedoch absprang, würde ihr Vogel sehr lautstark ein Loch in die Tundra bohren und damit bestimmt die Dornröschen da unten wecken. Kris hatte schon halb erwartet, dass man ihr befahl, mit dem LSB in der Luft zu bleiben und die Führung des Zuges Gunny zu überlassen. Anscheinend mochte es die Raumflotte jedoch nicht im Geringsten, wenn schwerbewaffnete Marines ohne einen Offizier durch die Gegend spazierten.

»Also dann Plan B, Captain«, antwortete Gunnys Stimme auf dem Funkkanal. Kris äußerte die gleichen Worte, bemüht, jede Spur von Triumph aus ihrem Ton herauszuhalten.

Captain Thorpe räusperte sich. »Noch eine Sache, ehe wir diese Verbindung trennen. Ich muss Sie als Marines daran erinnern, dass dies kein hopplahop Such-und-hau-drauf-Einsatz ist. Wir wurden von Sequim eingeladen, damit wir ihre Polizeikräfte unterstützen. Demzufolge werden Sie sich an die örtlichen Vorschriften für Polizeieinsätze halten. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie Gefangene machen und nicht mit einer Ladung Leichen zurückkehren.«

Kris schaltete ihr Mikro ein. »Sie haben den Skipper gehört. Diese Bastarde haben das Recht, vor ein Schwurgericht gestellt zu werden. Dann können die Leute von Sequim sie hängen.« Die Soldaten knurrten zufrieden über diese Information. Kris hatte nachgeschlagen: Sequim musste erst noch die Klausel über die Todesstrafe in der Erklärung der Menschenrechte ratifizieren, die die Society of Humanity erlassen hatte. Kris’ Vater hatte seinerzeit fast die Gelegenheit verpasst, Premierminister zu werden, weil er taktierte, damit Wardhaven die Ratifizierung dieser Klausel so lange hinauszögerte, bis Eddys Mörder gehängt worden waren. Merkwürdigerweise konnte Kris nie daran denken, wie der kleine Eddy erstickt war. Ihr fiel es jedoch nicht schwer, an die Mörder zu denken, wie sie am Ende eines Stricks baumelten.

Schluss mit dem Gerede! Kris prüfte kurz die Lage bei der Jagdhütte. Die Spähdrohne kreiste nach wie vor darüber. Ihren Sensoren zufolge war alles ruhig. »Sergeant, hat Ensign Lien mich in den Sensoren?«

»Ja, Ma’am.«

»Sagen Sie ihm, er soll Sie direkt hinter mich setzen. Ich steuere den Teich fünf Kilometer nördlich des Ziels an.«

Die Unterbrechung war kurz. »Ensign Lien sagt, dass LSB Zwei Ihren Manövern unmittelbar folgen wird.«

Das erforderte einiges an Flugkunst. Schließlich war die Nacht dunkel und sehr stürmisch. Kris hatte vor, die LSB im seichten Ufergewässer eines Teichs unweit der Jagdhütte aufzusetzen. Aus 20 000 Metern Distanz entdeckte sie bis dorthin zwei oder drei übel aussehende Sturmzentren. »Nelly, verbinde mich mit dem örtlichen Wettersatelliten.« Interessant, dass der Uplink des LSB zur Taifun kaputt war, aber Kris’ eigener ziviler Kommlink prima funktionierte.

Die Wetterdaten ermöglichten es ihr, eine Reihe von Kurven mit Bremswirkung um die gefährlichsten dieser Sturmzentren zu fliegen. Trotzdem wurden die letzten 15 000 Meter holprig. Regen peitschte auf das Kabinendach und behinderte Kris’ Sicht; ihr Rennhelm hätte in dieser Lage ein kristallklares Blickfeld gezeigt. All die Klagen über die Standardausrüstung, die vom jeweils billigsten Anbieter erworben wurde, gewannen zunehmende Bedeutung, während Kris forschend in die Dunkelheit blickte und ein mögliches Hindernis auszumachen hoffte, ehe dieses Hindernis sie durchlöcherte. Vater, wir müssen miteinander reden. Hinter ihr stießen die Marines einen Chor von Ächzern, Geknurre und ganz generellen Wünschen aus, diese verdammte Mühle möge endlich irgendwo landen.

Kris’ Höhenmeter verkündete, dass sie nur noch 1 000 Meter über Meereshöhe war, als sie aus dem Sinkflug hervorkam. Wichtiger noch: Die arktische Tundra reichte in dieser Gegend angeblich nicht über 650 Meter hinaus, sodass Kris eine erfreuliche Rechnung durchführen konnte. Allerdings zeigten die topografischen Karten der Region genug Hügel, Bäume und andere aufregende Geländemerkmale, dass Kris sich wünschte, sie hätte eine oder zwei Radarmessungen riskieren können. Angesichts von Finsterlingen, die so gut ausgerüstet waren wie es dieser Haufen anscheinend war, bezweifelte sie jedoch, dass denen ein Radardetektor oder auch ein paar radargesteuerte Raketen fehlten. Nein, Radar irgendwo über deren Ortungshorizont einzusetzen, wäre eine todsichere Vorwarnung gewesen. Tod buchstabierte sich in diesem Fall mit dem Namen eines kleinen Mädchens.

Kris lenkte ihre Maschine durch weitläufige Kreisbahnen, die zunehmend tiefer führten, und hielt ihr LSB dabei nur knapp über der Abrissgeschwindigkeit. Corporal Li meldete, dass LSB Zwei aus der letzten Sturmbö hervorkam und ihnen dicht auf den Fersen war, drei oder vielleicht vier Kilometer hinter ihnen. Kris lächelte. Wenn sie ihre Gruppe in einen Hügel bohrte, konnte Gunny also wenigstens dem Scheiterhaufen ausweichen. Der halbe Zug blieb damit noch übrig, um die Entführer auszuschalten.

Genau zum geplanten Zeitpunkt entdeckte Kris’ Restlichtverstärker den Tümpel, den sie als Anfang ihrer Landebahn ausgesucht hatte. Das LSB berührte die Wasserfläche, die unter der Resthitze zischte, und ein Sprühregen schoss hinter dem Boot hervor, während dieses aufgrund des Reibungswiderstands weiter bremste. Kris legte den Steuerknüppel um, als die Maschine niedersank. Einen Augenblick später kam sie auf einem schmalen Sandstrand mit einem Ruck zum Stehen.

»Corporal, eine Positionslampe für Gunny«, sagte Kris. Während das Kabinendach aufklappte, drückte sie die Freigabetaste des Sicherheitsgurts, schwenkte die Beine über die Kante des LSB und sprang zu Boden. Wow, war sie vielleicht aufgekratzt; ein Rausch, der über alles hinausging, was sie je bei Rennen erlebt hatte! Sie öffnete das Helmvisier und holte tief Luft, saugte damit die Gerüche des Wassers, der Nacht und lebender Dinge ein. Es fühlte sich wundervoll an, zu leben und zu atmen. Forschend betrachtete sie ihre Gruppe, während die Marines mit den Füßen aufstampften, die Waffen kontrollierten und ihre technischen Systeme hochfuhren.

»Okay, Leute, wir sind gelandet. Ich kenne ein kleines Mädchen, das es langsam gut gebrauchen könnte, mal in die Arme genommen zu werden, sowie einige Mistkerle, die einen kräftigen Arschtritt verdient haben. Packen wir’s an!«

Die fünf Marines nickten grimmig und entschlossen.

Ich komme, Eddy. Ich bin unterwegs.

3

Gunnys LSB kam zehn Meter neben Kris’ Maschine rutschend auf dem Sandstrand zur Ruhe. Während Gunny und seine Gruppe sich kampfbereit machten, wanderte Kris zu ihnen hinüber, stieg dabei über Treibholz und ein halb aufgefressenes Fischding und wies Nelly an, Angriffsweg B an Gunny zu senden.

Schon lange bevor die Taifun den Befehl erhielt, alles stehen und liegen zu lassen und nach Sequim zu springen, hatte Kris die Ereignisse um diese Entführung verfolgt: Auf den Randwelten war das in diesem Monat Thema Nummer Eins für die Medien. In der Offiziersmesse hatten die Wetten zwei zu eins gestanden, dass Sequim nach der Navy rufen würde, nachdem der zweite eigene Rettungsversuch gescheitert war. Kris hielt diese Wetten eher für einen Ausdruck der Hoffnung als den einer echten Erwartung. Dann endete der dritte Versuch eines Sturms auf die Jagdhütte damit, dass zwei der besten Fährtensucher des Planeten eine Steilwand von 100 Metern Höhe hinab in tosendes Wildwasser stürzten. Das war fünfzehn Kilometer von der Hütte entfernt, die größte Annäherung, die die örtliche Polizei geschafft hatte. Kris erwartete, dass die Navy zu Hilfe gerufen werden würde, aber sie rechnete nicht damit, dass die Taifun dem Ruf folgen oder sie selbst den Zug kommandieren würde. Wie es jedoch ein alter Commander mal auf der OKS geknurrt hatte: »Wir haben nicht nach den Gründen zu fragen; wir haben den Job zu erledigen und hinterher den Papierkram auszufüllen.«

Somit hatte Kris jeden wachen Augenblick der zurückliegenden vier Tage damit zugebracht, entweder ihren Zug bereitzumachen oder diesen Angriff zu planen. Gunny und Captain Thorpe wollten einen direkten Absprung und schnellen Zugriff, also bereitete Kris einen direkten Absprung und schnellen Zugriff vor. Trotzdem lautete eine der Leitlinien ihres Vaters, immer eine Alternative in der Gesäßtasche zu haben. Sobald sie also etwas freie Zeit abzweigen konnte, kommandierte sie Tommy ab, um bei der Suche nach Plan B zu helfen.

»Die Tundra scheint mächtig schwieriges Gelände zu sein«, sagte Tommy, während er die Signale der Spähdrohne studierte, die das Vorfeld beobachtete, in das sie abspringen sollten.

»Wir haben Sommer; da wird eine Tundra matschig. Der Computer sagt, dass sich das in einem normalen Bereich bewegt. Vertraust du den Standards des Computers nicht?«, fragte Kris und versetzte Tommy einen Stups in die Rippen.

»Nee«, antwortete Tommy, ohne aufzublicken. »Falls der Computer nicht von mir oder jemandem, dem ich traue, mit Werten gefüttert wurde, warum sollte ich ihm dann vertrauen?«

»Du vertraust also Gott, aber nicht Computern.«

»Und hat Oma Chin mir das vielleicht nicht beigebracht?«, wandte er ein, ohne auch nur zu blinzeln.

»Such mir eine Hintertür zu diesem Schauplatz«, befahl Kris.

»Ich könnte die LSB an diesem Teich absetzen, und du könntest auf diesem Weg eindringen«, zeigte Tommy es ihr.

Kris hatte den Teich und das Gelände zwischen ihm und der Jagdhütte mit den Entführern schon forschend ins Auge gefasst. »Dieser Wald zeigt so viel elektronisches Rauschen wie die anderen Stellen, wo die Zivilisten sich um Kopf und Kragen gebracht haben.« Kris hatte sich die elektronischen Signaturen der drei verschiedenen Stellen eingeprägt, wo die zivilen Rettungsteams zu Tode gekommen waren. Die Leichen lagen noch immer dort; niemand war bereit, das Risiko einzugehen und sie abzutransportieren.

»Aber ist der Sumpf nicht irgendwie ruhig, frage ich dich?«

Kris spitzte die Lippen und betrachtete weiter forschend Schlamm und Dreck. Im Gegensatz zu manchen Stadtkindern hegte Kris keinerlei Illusionen darüber, wie liebenswürdig Mutter Natur im Urzustand war. Ihren letzten Sommer auf der Universität hatte sie aufgeteilt, um einmal Bruder Honovis Wahlkampf zu leiten und andererseits durch die zerklüfteten Blue Mountains von Wardhaven zu wandern. »Genau der Platz, auf den ein paar faule Ganoven vielleicht keinen Gedanken verschwenden.«

»Aber Marines und gewisse dumme grüne Ensigns spielen gern im Schlamm.« Tommy grinste und bekam einen Ellbogen in die Rippen … diesmal richtig heftig. Aber das entscheidende Detail war zur Sprache gekommen; der Landeplatz hatte einen Ausgang. Kris brauchte eine weitere halbe Stunde, um den ganzen Plan B in Nellys Speicher zu laden.

Jetzt erläuterte sie Gunny einen sumpfigen Marschweg. Er nickte. »Schwierig, aber niemand geht ins Corps, um es leicht zu haben.«

Kris gab ihrem Techspezialisten einen Wink. »Hanson, schnüffeln Sie mal die Route aus, die ich Ihnen auf die Blickfeldanzeige lege.« In Sequims 25:33-Tag war es 22 Uhr, und sogar so weit im Norden ging der graue stürmische Tag jetzt in Dunkelheit über, als sich die beiden Gruppen unter Kris’ Kommando auf den Weg durch hüfthohen Schlamm machten. Sie kamen nur langsam voran. Die Kampfanzüge schützten vor dem eiskalten Wasser, während sich die Tarnanlagen abmühten, die Monturen dem stetig wechselnden Hintergrund anzupassen. Der Anzug eines armen Marines gab auf; vom Scheitel bis zur Sohle zeichnete er sich in Sandgelb ab, egal durch welche Umgebung er watete. Die Monturen wehrten zwar das Wasser ab, aber Panzerung isolierte nur spärlich gegen eine Kälte, die so ausgeprägt war, wie die in Gunnys Herz. Und ob das Wasser ihnen nun bis zur Taille oder nicht ganz bis ans Knie reichte, bei jedem Schritt versanken die Stiefel doch mindestens bis zu den Knöcheln im Schlamm. Um die Sache schlimmer zu machen, fanden Mücken oder ein einheimisches Gegenstück dazu Geschmack an ihnen. Kris klappte das Helmvisier zu, und die Soldaten folgten dem Beispiel. Das Atmen fiel durch die Filteranlagen schwerer, hatte man diese doch für scheußliche Dinger ausgelegt, die viel kleiner als Mücken waren.

Als es auf 23.00 Uhr zuging, erreichte Kris’ kleines Kommando wieder festen Boden. Sie gab Signal zu einer Pause, während sie selbst, Gunny und der Tech den vor ihnen liegenden Wald ins Auge fassten. Die Bäume ragten hier dreißig Meter hoch auf, und das Grün saß hoch an kahlen, schuppigen Stämmen, wie man sie von den immergrünen Wäldern der Erde kannte, die sich so rasch über die Blue Mountains in der gemäßigten Region Wardhavens ausgebreitet hatten. Im Gegensatz zu den irdischen Gewächsen endeten die Nadeln der hiesigen immergrünen Bäume in Widerhaken. Kris hatte keine Informationen darüber erhalten, wie allergisch ihre Soldaten auf das reagieren würden, was immer diese Haken enthielten, und sie wollte es auch gar nicht herausfinden. »Bleiben Sie alle zugeknöpft«, wies sie sie an.

Während sich die anderen ausruhten, suchte Hanson im Wald nach Spuren von menschlichem Leben, Sprengfallen und ganz generellen Widrigkeiten. Die Spähdrohne stieß herab und half ihm dabei. »Hier und dort trifft man ein paar große Dinger an«, meldete Hanson und spielte seine Sensorendaten auf Kris’ Karte. »Vermutlich nichts, womit wir nicht fertig würden, aber sie würden zu einer aufregenderen Nacht beitragen, als mein Rekrutierungsoffizier sie je versprochen hat. Wenn dann noch Partylöwen ins Spiel kämen, ergäbe das jede Menge Gesprächsstoff für die Nachbarn.«

Kris markierte die Positionen auf ihren Teamkarten als Tabuzonen und fragte, was sonst noch anlag. Darauf zuckte er nur die Achseln. »Reichlich mittlere und kleine Viecher. Für die meisten pelzbedeckten Ureinwohner ist zu dieser Jahreszeit Feiertagssaison.«

Kris entließ ihn mit einem Dankeschön. Ich bin unterwegs, Eddy.

Die Pause schien ihre Soldaten erfrischt zu haben. Kris’ Beine fühlten sich auch besser an; statt lauthals zu schreien, taten sie nur noch weh. Ich muss mehr Zeit im Fitnessraum verbringen, wenn ich mit Marines abhängen möchte.

Rings um sie vertiefte sich die Nacht zu massiver Dunkelheit. Kris war allerdings im Plan. Lautlos pirschten sie und ihre Soldaten durch die Schatten des spärlichen Unterholzes. Die Techs hielten nach Menschen Ausschau, aber es war die Natur, die sie erwischte. Der Regen hatte im schwindenden Licht alles mit einem Schimmer überzogen – und rutschig gemacht. Zweimal ging ein Marine zu Boden; beim ersten Mal war es nur peinlich für die Soldatin, wohingegen ihr Kamerad jetzt den Druckverband am Fußknöchel der Montur einschalten musste. Er ging humpelnd weiter und knirschte vor Schmerzen mit den Zähnen.

Eine halbe Stunde später gab Kris per Handzeichen eine weitere Pause bekannt, etwa 100 Meter, bevor sie die letzten Bäume hinter sich ließen. Während die Soldaten sich ausruhten, schlichen Kris und Gunny langsam und vorsichtig weiter, um persönlich einen Blick auf die Tür zu werfen, die einzutreten sie gekommen waren.

Die Jagdhütte war ein zweigeschossiger Blockbau; die wenigen kleinen Fenster vermittelten einen guten Eindruck davon, wie kalt die Wintermonate hier sein mussten. Eine Steildachveranda umfasste die Hütte entlang der Vorder- und der Rückseite. Die Infrarotaufnahme zeigte ein halbes Dutzend menschengroße Wärmequellen, verteilt an Vorder- und Rückseite. Die Nachtsichtferngläser verrieten jedoch, dass nur in zwei der sechs Fälle die Wärme auch von einem echten Menschenkörper ausging.

Kris rief die Spähdrohne so tief herab, wie sie nur wagen konnte: bis auf fünfhundert Meter über dem Haus. Wenn man zu dicht heranging, riskierte man selbst mit einem Tarnflugkörper ein Radarsignal zu reflektieren. Bei zwei Bewaffneten im Freien wollte Kris die Zielpositionen im Haus erst zuverlässig bestimmen, und vier Wärmequellen im Innern zeigten Temperaturabweichungen. Kris öffnete das Helmvisier und flüsterte: »Sechs Ziele.«

Gunny nickte.

Fünfzehn Minuten lang betrachtete Kris die sechs Signaturen, während sie schliefen. Nur einer, der Typ auf der hinteren Veranda, zeigte irgendeine Aktivität, und diese bestand nur darin, ins Haus zur Toilette zu trapsen. Im Haus schienen drei Männer in ihren Betten fest zu schlafen. Der vierte Mann am oberen Treppenabsatz, der als Scharfrichter für den Fall vorgesehen war, dass irgendein Versuch unternommen wurde, das Mädchen zu retten, rührte sich zu keinem Zeitpunkt von seinem Stuhl.

»Ganz schön unprofessionell«, bemerkte Kris. Die Verhandlungen hatten sich eine Woche lang hingezogen, wobei der schwierigste Punkt in der Forderung nach einem Sternenschiff bestand, das bereit war, die Entführer an jeden von ihnen gewünschten Ort zu bringen. Kein Captain wollte irgendetwas mit diesen Kerlen zu tun haben.

»Wären wir meinem Plan gefolgt, dann hätte meine Gruppe diese Kerle erwischt, ehe sie auch nur ahnten, dass wir hier sind«, knurrte Gunny.

Kris hatte nur ein Achselzucken für das übrig, was hätte sein können, und winkte Hanson heran, damit er die 300 Meter gerodeten Geländes rings um die Jagdhütte sondierte. Aus 500 Metern Höhe hatte die Spähdrohne nichts Interessantes über dieses Gelände herausgefunden. In unmittelbarer Nähe entdeckte Hanson jedoch sofort das Summen mehrerer Niedrigspannungsbatterien.

»Was treiben die an?«, wollte Gunny wissen.

»Ich arbeite daran, Sarge.«

Das ging Gunny nicht schnell genug, und so rief er seine eigene Tech heran. Beide hantierten noch ein paar weitere Minuten mit ihrer Sensorenausrüstung herum, ehe Hanson leise pfiff. »Hyperschwachstromlaser«, flüsterte er. Einen Augenblick später hatte er die Frequenzen festgestellt. Kris justierte ihr Laserabwehrsystem entsprechend und stellte fest, dass sie in ein Fadenspiel von Laserstrahlen blickte, die kreuz und quer über die Freifläche verliefen, dies jedoch nur bis in eine Höhe von fünfundzwanzig oder dreißig Metern. Nichts an der Spähdrohne hätte diese Strahlen entdeckt, solange sie das Feld nicht mit einem Signal auslöste – und das verstieß gegen die übliche Vorgehensweise. Verdammt! Diese Burschen wussten zu viel und waren viel zu gut ausgerüstet. Wer zum Teufel trug die Vorlaufkosten für diesen Job und sagte den Kerlen, was sie zu tun hatten?

Andererseits war Sequim ein reicher Planet, dessen Manager umfangreiche Investitionen in diesen Reichtum getätigt hatte. Kris fragte sich, mit wem er sich morgen traf, um sich die Millionen zu leihen, die als Lösegeld für seine kleine Tochter verlangt wurden. Kris war selbst als Tochter eines zynischen Politikers aufgewachsen und erwartete, dass viele Leute ihre Hilfe anbieten würden … für »bescheidene« Gegenleistungen. Kris runzelte die Stirn; sie hatte nie darüber nachgedacht, wer angeboten hatte, das Lösegeld für Eddy aufzubringen, und welche Kreditsicherheit er verlangt hatte. Interessante Gedanken … für später.

Hanson war immer noch beschäftigt; er grinste, als einer seiner Sensoren in mehreren bunten Sequenzen zu blinken begann. »Ich erhalte Rückstände der Ausgasung von C-12 und weichem Kunststoff«, flüsterte er.

»Zeigen Sie mal!«, blaffte Gunny leise und riss dem Tech das Instrument aus der Hand. Er betrachtete es finster, klopfte einmal seitlich daran und studierte es dann noch etwas länger. Schließlich wanderte sein finsterer Blick auf die Freifläche. »Ich erkenne gar keine Grabungsspuren da draußen. Habe auch aus dem Orbit keine gesehen. Sehe jetzt keine.«

»Chamäleonlandminen Modell 41?«, überlegte Kris.

»Die werden noch gar nicht verkauft!«, fauchte Gunny. »Man hat gerade erst mit der Produktion begonnen!« Seine Worte kamen immer langsamer, während das, was ihm möglich schien, mit dem im Streit lag, was er hier sah. »Verdammt, sollten diese Scheißkerle solchen Einfluss haben?« Er sprach das Weitere nicht aus.

»Da draußen liegen Minen, Sarge«, stellte Hanson mit Gewissheit fest.

»Durch die Laser oder durch Druck ausgelöst?«, fragte Kris.

»Ihre Spekulationen sind so gut wie meine, Ma’am, aber ich wette, durch beides.«

Kris atmete den Geruch der sumpfigen Tundra vor ihr tief ein. Sie rieb sich die Augen und betrachtete forschend den Himmel. Eine dichte Wolkendecke hing dort, aber im Süden trat der erste Grauschimmer von Licht auf. Es war noch eine Stunde bis zur Morgendämmerung. Wohl wahr, dass diese Burschen dazu neigten, bis lange nach Sonnenaufgang zu schlafen, und durchaus verständlich, da die Sonne nur für drei oder vier Stunden unterging. Trotzdem würden die Wachen nervöser werden, sobald sich Tageslicht ausbreitete. Und ein einzelnes Geräusch würde einen schlafenden Posten in einen schießenden Posten verwandeln – wobei ihm das Tageslicht auch zeigte, worauf er schoss. Kris musste sich und zehn fitte Marines über diese letzten 300 Meter befördern, und sie musste das schnell zuwege bringen.

Kris zog sich wieder in den Wald zurück und wandte sich an ihr Team. »Wessen Laserortung ist kaputt?«, fragte sie. Wenige Augenblicke später gestanden vier sehr verlegene Soldaten, dass die Technik, die sie im Landehangar so sorgsam in Gang gesetzt hatten, nur noch toter Ballast war. Kris hatte immerhin das Glück, dass sowohl der Humpelnde als auch die Sandgelbe zu den Laserblinden gehörten; sie musste also nur vier Leute zurücklassen.

»Sie vier, Sie sind meine Reserve für Unterstützungsfeuer.« Damit begannen die Probleme für Kris jedoch erst. Die Zwei-Millimeter-Pfeile des M-6 gab es in zwei Varianten: Die eine ließ das Opfer tot zurück; die andere war Colt Physers bester Versuch, ein Schlafgeschoss herzustellen, ein Geschoss, das nicht tödlich wirkte. Das M-6 verwandte keine Patronen. Sobald der Entfernungsmesser die Zieldistanz festgestellt hatte, fütterte er die Kammer mit genau dem richtigen Treibsatz. Trotzdem waren Schlafgeschosse von einem Problem begleitet: Wenn man einen Pfeil mit zu viel Energie abfeuerte, zertrümmerte er Knochen, Adern und Gehirn. Über eine Distanz von 300 Metern war der Schlafpfeil mit seiner geringen Energie sehr anfällig für den Wind. Die Chance, etwas damit zu treffen, war mehr als nur gering.

»Gunny, die beiden besten Schützen unter den vieren sollen Schlafpfeile laden, die beiden anderen scharfe Muni.« Gunny erteilte die entsprechenden Befehle mit flinken Gesten. »Falls die Lage spannend wird, bestimmen Gunny oder ich, auf wen und was geschossen wird«, erklärte ihnen Kris leise und entschied dann, dass es an der Zeit war, ihre eigene einleitende Ansprache vor dem Gefecht zu halten. »Vergessen Sie nicht, Marines, wir sind als Polizisten hier. Diese Entführer haben das Recht auf ein Schwurgerichtsverfahren. Sequim praktiziert jedoch nach wie vor die Todesstrafe. Wir kassieren diese Leute, und die Sequimer hängen sie.«

Zufrieden knurrend machten sich die Marines auf. Gunnys Feuertrupp ging voraus; er bestand nur noch aus ihm und seiner Tech. Ihm folgten hintereinander sein Corporal und ein Schütze. Kris führte dann ihre eigene Gruppe in den Einsatz, wobei Hanson mit seiner Ausrüstung vor ihr an der Spitze ging. Corporal Li und eine Flintenschwingerin bildeten die Nachhut.

Gunnys Tech ging beiden Abteilungen voraus und benutzte ihren Ranzen voller Zaubertricks, um den ihr folgenden Kameraden zu sagen, wo sie über Laserstrahlen hinwegsteigen und wann sie Minen rechts oder links umgehen mussten. Kris musterte eine Mine im Vorbeigehen. Die Oberfläche war direkt der umgebenden Tundra angepasst, und mit einem Durchmesser von fünfzehn Zentimetern, die langsam zu einer Höhe von vielleicht einem Zentimeter anstieg, warf sie keinen Schatten. Sie gab jedoch einen verräterischen Hinweis: Die Sommerhitze hatte sie angewärmt, sodass sie inzwischen zwei oder drei Millimeter in die Tundra eingesunken war. Kris blickte sich um. Jetzt, wo sie wusste, wonach sie Ausschau halten musste, entdeckte sie gleich ein halbes Dutzend. Keinerlei Fußspuren jedoch. Das war es, wonach sie vom Orbit aus gesucht hatte: Fußspuren in der weichen Tundra. Die Minen waren wohl aus einem Hubschrauber heraus abgelegt worden. Erneut Ausgaben. Wer zahlte die Zeche hierfür?

Kris spürte das dringende Bedürfnis nach einer Dusche, nach Kaffee und jemandem, mit dem sie über das hätte reden können, was in den zurückliegenden Stunden auf sie eingestürzt war. Hier zeichneten sich Schemata ab; Schemata jedoch, die sie nicht recht überblickte.

Eddy fehlte es nicht an Schemata, die zu durchschauen waren. Eddy fehlte es an einer Rettung.

Kris konzentrierte sich auf ihr unmittelbares Problem. Gebückt und auf halbem Weg durch ein Minenfeld von 300 Metern entdeckte sie eine ganz neue Bedeutung für die Wendung, nackt und verwundbar zu sein. Sie achtete darauf, wohin sie die Füße setzte. Sie hielt über die Spähdrohne nach Aktivität im Haus Ausschau. Sie behielt die schlafenden Posten im Hinblick auf jegliche mögliche Regung im Auge. Gelegentlich dachte sie daran, auch zu atmen.

Der Atmosphäreneintritt hatte sich angefühlt, als dauerte er ein Jahr. Kris alterte um Jahrhunderte, während sie die Tundra vor der Jagdhütte überquerte. Als sie schließlich kurz davor waren, gab sie Gunny mit einem Wink zu verstehen, dass er seine Gruppe auf die Rückseite führen sollte. Der vordere Eingang gehörte ihr; er ermöglichte ihr den direkten Zugang zur Treppe und dem bewaffneten Banditen an deren oberem Ende. Kris hätte das verängstigte Kind am liebsten schon vor zehn Minuten mit ihrer Körperpanzerung abgeschirmt. Was immer in dem Haus geschah, sobald Kris das Kind in ihrer Obhut hatte: Es konnte dann nur noch durch ihre Leiche hindurch zu Schaden kommen.

Zehn Meter vor der Hütte verließ Kris das Glück. Eines der Dornröschen rappelte sich auf, um zur Toilette zu gehen. Auf seinem gemütlichen Gang spazierte der Mann am einzigen Aussichtsfenster der Hütte vorbei.

»Marines, wir haben Aktivität im Haus«, flüsterte Kris in ihr Mikro, als der Typ vor dem Fenster stehen blieb, um sich zu kratzen.

»Wir starten die Vorstellung auf mein Kommando. Gunny, Sie räumen hinten auf und befrieden das Untergeschoss. Meine Gruppe kümmert sich um die Vorderseite und das Obergeschoss.« Sie wartete auf Fragen – da riss der Gangster am Fenster die Waffe hoch und ballerte vollautomatisch auf die Marines. »Feuerunterstützung, schalten Sie diesen Typ am Fenster aus! Corporal Li, schnappen Sie sich den schlafenden Posten auf der vorderen Veranda, ehe er aufwacht. Hanson, sprengen Sie uns ein Loch auf.«

»Bin schon dabei«, flüsterte Hanson, stopfte eine Reihenladung in seinen Granatwerfer und zielte auf den Vordereingang.

Hinter Kris wurde die Soldatin von Corporal Li mehrfach voll in die Brust getroffen. Die Wucht warf sie gute anderthalb Meter rückwärts. Sie landete auf einer Mine und erhielt zusätzliche Flugzeit.

»Vorsicht, es kracht!«, rief Hanson. Kris warf sich lang zu Boden, während der Granatwerfer ihres Techs mit einem Rauschen feuerte. Eine Sprengladung zielte direkt auf die Haustür, während die Sekundärladungen auf der Schussbahn zurückblieben. Die Tür flog nach innen; dann detonierten die Sekundärladungen dahinter wie herabfallende Weihnachtsbaumkerzen. Die meisten knallten einfach nur; drei zündeten Minen. Kris wartete gerade lange genug, bis alle Detonationen vorbei waren, und stürmte dann zur Tür. Sie traf ein, ehe die Tür ganz Zeit gefunden hatte, wieder auf dem Boden zu landen.

Kris bemühte sich, das Gleichgewicht zu behalten, während sie ins Wohnzimmer stürmte. Vor ihr ragte die Treppe auf. Den Bewaffneten am oberen Treppenabsatz konnte sie nicht sehen. Rechts von ihr brach ein Mann unter einem Kugelhagel zusammen, der vom Vorhof hereinprasselte, während sich ein zweiter Mann vom Sofa wälzte und dabei die Schusswaffe hob.

Kris wollte den Bewaffneten im Obergeschoss erwischen und nicht diesen Mann. Wenn man Marine war, genoss man den Vorteil, dass immer ein anderer da war, der einem den Rücken freihielt. Ohne also auf den Schützen vom Sofa zu achten, raste Kris zur Treppe, die Waffe im Anschlag. Dabei wechselte sie zum Magazin mit den Schlafpfeilen. Eddy, ich bin da!

Auf halbem Weg die Treppe hinauf kam der schlafende Mann in ihr Blickfeld. Das Getöse weckte ihn gerade. Er riss die Augen weit auf, als er ihr Gewehr direkt auf sich gerichtet sah. Seine Hände fuhren hoch. Vielleicht wollte er nach der eigenen Waffe greifen. Vielleicht versuchte er nur, Kris’ Feuer abzuwehren. Es war nicht von Belang. Kris feuerte.

Pfeile prasselten in Brust, Hals und Gesicht des Mannes und schleuderten ihn rückwärts. Kris erreichte den oberen Treppenabsatz, wandte sich nach links und nahm Kurs auf das mittlere Schlafzimmer. Ein Schrei nach dem anderen drang aus diesem Zimmer, sodass kein Zweifel zurückblieb, wo die Geisel steckte.

Kris rannte gegen die Tür und prallte davon ab.

Hanson war direkt hinter ihr. Er ging vor der Tür in die Knie, stopfte einen Bausch Sprengstoff ins Schloss, deckte ihn mit einem Stück Panzertuch ab und zog den Kopf ein.

Die Tür flog aus den Angeln.

Kris bewegte sich, ehe die Detonation vorüber war. Das war nicht möglich, aber sie hätte später geschworen, dass sie es tat. Sie flog mit der Tür ins Zimmer, sicherte rasch mit dem Gewehr nach rechts und links und stürmte dann zu einer winzigen Gestalt in zerrissener Jeans und einem schmutzigen grünen Sweater. Das Mädchen saß halb aufgerichtet im Bett, riss an den Fesseln und kreischte mit allem, was seine sechsjährigen Lungen hergaben. Kris wollte nichts weiter, als sich das Kind an die Brust drücken, aber es gab Regeln für solche Situationen. Sie warf sich zu Boden. Etwas, das klein war und böse aussah, war mit Drähten an der Unterseite des Bettes befestigt. »Hanson, wir haben hier eine Bombe!«

Ihr Tech kam auf den Knien rutschend zum Stillstand, während Kris das Zimmer genauer ins Auge fasste. Etwas, das nach einem Schulranzen aussah, war mit Klamotten und sonstigem Ramsch vollgestopft worden. Kris entschied, dass man ihn vorläufig ignorieren konnte. Ansonsten war der Raum leer; Holzfußboden, hellgrüne Wände und eine hellbraune Zimmerdecke, sonst nichts. Keinerlei Wandschrank. Kris wandte sich erneut dem schreienden Kind zu, während Hanson damit fertig wurde, das Monster unter dem Bett zu untersuchen.

»Die Bombe hängt an den Fesseln. Wenn ich sie abnehme, knallt es.«

»Entschärfen!«, ertönte es von Corporal Li, der gerade ins Zimmer kam, gefolgt von seiner Flintenschwingerin, die nach ihrer Begegnung mit scharfen Geschossen und Minen viel schmutziger war, aber sonst anscheinend keinen großen Schaden erlitten hatte.

»Sind Sie okay?«, fragte Kris die Soldatin.

»Sie ist okay«, antwortete der Corporal für sie. »Ist mit dem Rücken flach auf der Mine gelandet. Hätte sie draufgetreten, dann hätte es ihr den Fuß abgerissen. So wurde sie nur herumgeschleudert.«

»Erinnern Sie mich, im HQ Bescheid zu geben, dass ihre Minen nichts taugen.« Kris grinste.

»Ich bin jetzt so weit, die Drähte zu diesem Ding zu kappen«, meldete sich Hanson zu Wort und brachte sie alle zu einem Kind zurück, das nicht aufgehört hatte zu schreien. »Sollte das nicht gutgehen, wäre es schön, so etwas wie eine Panzerung zwischen der Kleinen und dieser Bombe zu haben.«

Nichts würde dieses Mädchen jetzt mehr verletzen. Kris schätzte ab, wie sehr die Kleine trotz der Fesseln herumhüpfte, und schob sich auf das Bett und zwischen die zerlumpte Bettdecke und das Kind. Während Kris die Arme um das Mädchen schlang, hörte dieses auf zu weinen, obwohl sein Atem weiter in kurzen, würgenden Stößen ging. »Niemand tut dir jetzt mehr etwas, Süße«, flüsterte ihr Kris ins Ohr.

»Niemand?«, fragte das Kind und hickste.

»Niemand«, versicherte ihm Hanson. »Alle raus auf den Flur.« Sobald der Corporal und die Schützin gegangen waren, seufzte Hanson. »Ich denke, ich habe es richtig hinbekommen.«

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