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Kris Longknife: Die Invasion

Über den Autor

Mike Shepherd ist in der Marine groß geworden und lernte dort früh, was Veränderung und Befehlshierarchie bedeuten. Er arbeitete als Barkeeper und Taxifahrer, Personalreferent und Tarifunterhändler. Nach seiner Arbeit an Datenbanken über die gefährdeten Arten des Nordwestens lebt er heute zusammen mit seiner Frau Ellen und deren Mutter in Vancouver, Washington. Er liebt es zu lesen, zu schreiben, zu träumen, Enkelkinder zu betrachten und dabei Storyideen zu entwickeln sowie seinen Computer zu aktualisieren – alles niemals endende Aufgaben.

MIKE SHEPHERD

KRIS LONGKNIFE

DIE INVASION

ROMAN

Aus dem Amerikanischen
von Thomas Schichtel

BASTEI ENTERTAINMENT

Für die prachtvollen Männer und Frauen, die es tun – weil sie keine andere Wahl haben.

Winston erklärte den englischen Schiffseignern, dass eine britische Armee am fernen Ufer in Not war. Also stachen sie in See, folgten dem Rauch, der von Dünkirchen aufstieg, und holten 300 000 belagerte Tommys und Franzosen heraus. Niemand kennt den Preis, den sie dafür gezahlt haben.

1944 brauchten sechs Geleitträger verzweifelt mehr Zeit, um zu fliehen. Drei Zerstörer stellten keine Frage nach den Befehlen, die sie erhielten, wandten sich der gesamten japanischen Kriegsflotte entgegen und legten einen Kurs an, von dem niemand an Bord zurückkehrte.

Am 11. September verriet eine rauchende Bahre amerikanischen Schiffseignern, dass Hunderttausende von der Insel Manhattan geholt werden mussten. Ohne dass jemand einen Befehl dazu erteilt hätte, machten sich Fähren und Taxis, Touristenboote und Schlepper – alles, was schwimmen und müde Arbeiter befördern konnte – auf den Weg zur Ufermauer an der Battery, um sie nach Hause zu holen. Flussaufwärts arbeiteten Berufstaucher an einem Brückenpfeiler. Sie wussten, dass es bei einem Gedränge so vieler Schiffe nur eine Frage der Zeit war, bis sich jemandes Tau um jemand anderes Schiffsschraube wickelte. Ohne Anweisungen ließen diese Arbeiter ihre Arbeit liegen und nahmen Kurs auf den Rauch. Ein halbes Dutzend oder mehr Seile später war ihr Werk getan. Und ein ungezählter Bruchteil einer Million Menschen kam an diesem Abend nach Hause.

Und die Passagiere von Flug 93 tätigten ihre schicksalhaften Anrufe. Ihren Familien fiel die schwere Last zu, ihre Lieben, die nur nach Hause wollten, davon zu unterrichten, dass ihnen das Schicksal dabei im Wege stand. Und diese Menschen unterschieden sich kein bisschen von einer Viertelmilliarde anderer Amerikaner – abgesehen von den Flugkarten, die sie gekauft hatten – und zeigten einer staunenden Welt, aus welchem Holz freie Männer und Frauen geschnitzt sind.

Wir tun, was wir tun müssen, weil nichts anderes zu tun bleibt.

1

Lieutenant Kris Longknife grinste von einem Ohr zum anderen, was bei zweieinhalbfacher Schwerkraft keine geringe Leistung war. Die kurzen Nackenhaare standen ihr zu Berge. Stocksteif. Und salutierten dabei. Kris machte sich vor Angst beinahe in die Hose, und sie hatte noch nie in ihrem Leben so viel Spaß gehabt.

Da heute Dienstag war, befehligte Kris nach Commodore Mandantis Rotationsverfahren Abteilung 3 und damit vier winzige schnelle Patrouillenboote, die auf ein schlachtschiffgroßes Ziel losgingen. Und wenn Kris diesen Härchen im Nacken irgendein Vertrauen entgegenbrachte, dann hatten der Commodore und seine Kanoniere auf der Cushing Kris’ allererstes eigenes Kommando, die PF-109 sowie die übrigen Boote von Abt. 3 sicher im Fadenkreuz ihrer Abwehrlaser.

Es wurde Zeit, ihre Boote auf ein neues Ausweichmuster einzustellen, oder sie würden alsbald antriebslos im All treiben … so wie die acht Boote der Abteilungen 1 und 2, die nur Minuten zuvor mit ihren Angriffen auf die Cushing gescheitert waren.

Was bedeutete, dass sie und die übrigen elf Skipper der schnellen Patrouillenboote den Kanonieren des Commodore das Bier ausgeben mussten.

Und es würde vor allem ein sehr wichtiger Bericht in die Akten gelangen, demzufolge die PFs – klein, leicht zu handhaben und mit dem semi-smarten Metall schnell zu bauen – Fehlschläge darstellten, nicht fähig, einen Planeten vor Angriffen zu schützen. Sollte dieser Bericht zutreffen, benötigte jeder Planet der neu gebildeten United Sentients eine voll bestückte, schwere Schlachtflotte im Orbit, um sich den unbekannten Gefahren zu stellen, die sich in dieser schwierigen Zeit so rasch entwickelten.

Die politischen Auswirkungen dessen waren etwas, worüber Kris Longknife nicht gerne nachsann, die Tochter des Premierministers und Urenkelin König Raymonds I. von der United-Sentients-Allianz aus neunzig Planeten. Viel günstiger war es, wenn jeder Planet mit einer kleinen Moskitoflotte wie jener, der ihr Boot angehörte, für seine Verteidigung sorgte und es den schweren Schiffen überließ, sich um die Probleme der Gesamtallianz zu kümmern.

Du denkst wieder zu viel, Longknife! Komm aus deinem Kopf heraus und tritt einem Schlachtschiff in den Hintern.

Kris zerquetschte die Funktaste nahezu mit ihrem Daumen. Der Befehl, der mit dem Tastendruck gesendet wurde, war kurz und verschlüsselt. Er lautete: »Abteilung 3 bereithalten, um auf mein Zeichen auf Ausweichplan 5 zu wechseln.«

Kris wartete. Wartete darauf, dass die eigene Steuerfrau auf den neuen Plan umschaltete; wartete darauf, dass drei weitere Boote denselben Wechsel vornahmen.

»Bereit«, meldete Bootsmann dritter Klasse Fintch von ihrer Station direkt neben Kris auf der winzigen Brücke. Die Stimme der kleinen Brünetten klang unter dieser harten Beschleunigung dünn. Kris übermittelte den übrigen Booten einen langsamen Dreier-Countdown.

Sie müssten jetzt zur Ausführung bereit sein, meldete Nelly direkt in Kris’ Schädel. Hätte man den winzigen Computer in Kris’ Genick einen Supercomputer genannt, hätte man damit vermutlich Nellys wachsendes Gefühl der eigenen Bedeutung gekränkt. Was Kris’ in Nellys jüngste Aufrüstung investiert hatte, das hätte auch zum Erwerb eines der Schlachtpötte gereicht, den abzuschießen Kris und ihre Besatzung gerade übten.

Sende mein Zeichen, befahl Kris, und der Computer sendete nicht nur den Ausführungsbefehl an alle vier Boote, sondern wechselte innerhalb derselben Nanosekunde das Ausweichschema – was ein Mensch niemals hätte tun können. Diese Computerintervention gehörte nicht zu den Standardverfahren der Raumflotte, und sie war nicht leicht durchzusetzen gewesen. Sie bildete jedoch das Kernstück des Angriffsplans, den Kris und die Skipper ihrer Abteilung am zurückliegenden Wochenende im Offiziersclub ausgetüftelt hatten – unter Nellys begeisterter Mitwirkung.

»Setze Ausweichplan 5 um«, meldete Fintch.

Und Kris’ kurzer Befehl sorgte dafür, dass sie heftig gegen die linke Kopfstütze des Beschleunigungssitzes gerammt wurde, als die bisherige weiche Linkskurve in eine heftige Drehung nach rechts und einen Sturzflug wechselte.

Kris schluckte und spannte die Bauchmuskeln an. Erneut.

Die Abteilung war aus einer Entfernung von 150 000 Kilometern zu ihrem wilden Angriff gestartet, ein gutes Stück außer Reichweite sogar der 18-Zoll-Laser. Sie hatte auf anderthalb g beschleunigt, dann auf zwei, auf zwei Komma fünf und hatte die anwachsende Geschwindigkeit um erratische Schwenks nach rechts und links, oben und unten ergänzt. Manchmal heftig, manchmal sachte, manchmal etwas dazwischen. Aber immer unvorhersehbar. Die winzigen schnellen Patrouillenboote wirkten neben dem riesigen Schlachtraumer, den sie zur Strecke zu bringen versuchten, wie Käfer. Jetzt tanzten sie wie Junikäfer.

Wenn sie jetzt nur noch richtig tanzten, überlebten sie. Und das Schlachtschiff starb.

Denn die schnellen Patrouillenboote waren zwar klein, aber tödlich. Jedes PF war mit vier 18-Zoll-Impulslasern ausgestattet. Der schnelle Feuerstoß aus einem dieser Geschütze konnte einen Kreuzer aufschneiden oder ein klaffendes Loch in die Eispanzerung eines Schlachtschiffs reißen. Vielleicht sogar zu der darunter liegenden Masse aus Waffen, Maschinen und Menschen vordringen.

Maßnahme, Gegenmaßnahme, Konter der Gegenmaßnahme, dick und schwer aufeinandergeschichtet. So war es schon vor Anbeginn jeder Erinnerung gewesen; seit zum ersten Mal ein Mensch losgezogen war, um seinen Bruder umzubringen. Es reichte nicht, ein schnelles Schiff, gute Waffen und solide Teamarbeit zur Verfügung zu haben. Man benötigte einen Plan und Können … und Glück.

So hatte es ihnen Phil zumindest erklärt, als er sie alle vor einer Woche zum Abendessen in den Offiziersclub eingeladen hatte.

Der Offiziersclub von Wardhaven, nur zwei Blocks vom Navy-Hauptquartier entfernt, war schon uralt gewesen, als Kris’ Uropa Ray noch ein junger Offizier mit frischem Patent war. Die mit Teppichböden und schweren Vorhängen ausgestatteten Räume waren perfekt für gute Abendessen zwischen den Kriegen geeignet. An den Wänden hingen Schlachtentrophäen aus Wardhavens ersten unerfreulichen Erfahrungen mit anderen Randplaneten. Prächtige Ölgemälde feierten Siege, die bis in die nur vage erinnerte blutige Vergangenheit von Mutter Erde zurückreichten, ehe sich die Menschheit vor vierhundert Jahren in den Weltraum hinein ausgebreitet hatte.

Kris fühlte sich hier nicht im Mindesten versucht, beim Trinken mitzutun; allein die Atmosphäre reichte aus, sie in einen Rausch zu versetzen. Der mit weißer Jacke bekleidete Kellner führte die zwölf Junioroffiziere jedoch schnurstracks durch das Hauptspeisezimmer in einen kleineren, abseits gelegenen Raum, wo es nach frischem Anstrich und neuem, billigem Teppich roch.

»Womit haben wir das verdient?« Kris runzelte die Stirn.

»Wir gar nicht«, versetzte Phil Taussig, dessen fortwährendes Lächeln von den toxischen Ausdünstungen der kürzlich erfolgten Renovierung nur leicht gemindert wurde. »Als Junioroffiziere, und damit für den Präsidenten dieses erhabenen Murkses noch weniger ehrbar als Schweine, hat man uns für das heutige Abendessen hierher verbannt.«

»Es stinkt«, fand Babs Thompson und verzog das Gesicht, was bei ihr, dem Spross einer der reicheren Familien auf Hurtford, immer noch schön wirkte.

»Wahrscheinlich mussten sie renovieren, nachdem die jüngste Herde Junioroffiziere mit ihrem Besuch fertig war«, meinte Heather Alexander, ein weiterer reicher Sprössling, die man für bislang nicht eingestandene Verbrechen zum Schnellen Patrouillengeschwader Acht versetzt hatte. Angesichts der Kriegsängste meldeten sich viele junge Männer und Frauen zur Erfüllung ihrer patriotischen Pflicht. Etliche von ihnen bereiteten General Mac McMorrison, dem Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, Anfälle, während er mit mehr oder weniger Erfolg bestrebt war, ihre Dickköpfe in Uniformmützen einzupassen.

Keiner seiner Untergebenen war so dicht an offener Meuterei vorbeigeschrammt wie Kris. Allerdings hatte man sie nicht angeklagt, und somit war Kris offiziell keine Meuterin. Hinter verschlossenen Türen herrschte heute einmütig die Auffassung, dass sie ihren ersten Captain zu Recht seines Kommandos enthoben hatte, während die Dinge auf einen Kriegszustand hinausliefen.

Natürlich war es nach diesem Vorfall für Mac nicht einfacher gewesen, für sie einen zweiten und jetzt noch einen dritten kommandierenden Offizier zu finden. Doch das Geschwader Acht erweckte mit seinen verdorbenen, draufgängerischen, Skiffrennen fliegenden Hooligans zumindest den Eindruck, ein sicherer Posten zu sein, auf dem man Kris unterbringen konnte. Mit ein wenig Glück, hatte sich Mac wahrscheinlich überlegt, kühlten sich die schwierigen JOs gegenseitig ein wenig oder auch sehr nachdrücklich ab und erteilten einander ein paar verzweifelt nötige Lektionen in Demut, korrektem Sozialverhalten, militärischem Auftreten und was nicht allem.

Alles, was die Navy dabei riskierte, waren ein paar klitzekleine Spielsachen, die bei der Hälfte der Flotte ohnehin als wertlos galten. Und natürlich die letzten paar Strähnen auf Commodore Mandantis blanker Rübe.

Wie oft hatte Kris ihren Vater, den Premierminister, brummeln gehört, er würde alle seine Probleme am liebsten in ein kleines Zimmer stecken, damit sie sich dort von selbst lösten? Kris genoss das Gefühl, eines der zu vielen Probleme eines anderen zu sein, während sie sich unter ihren Skipperkollegen umsah und sich fragte, ob sie wohl einen Weg fanden zu beweisen, dass Mac und all die anderen hohen Tiere Unrecht hatten … oder allzu sehr Recht.

Das Abendessen wurde bestellt und verzehrt, während die zwölf sich erneut gegenseitig prüfend ins Auge fassten. Die meisten kannten einander aus den Meisterschaften in den Skiffrennen oder hatten in diesem Milieu zumindest voneinander gehört. Dünne Eierschalen von Booten aus dem Orbit heraus auf eine Zielfläche von einem Quadratmeter Größe auf dem Planeten darunter zu lenken und dabei nur ein Minimum an Treibstoff zu verbrauchen, war ein Hobby, das dazu geführt hatte, dass ihnen die Kunst der Ballistik in Fleisch und Blut übergegangen war. Ein Rennskiff besaß jedoch keine Besatzung von fünfzehn Mann Stärke und war auch nicht Bestandteil eines Zwölfergeschwaders.

Kris steuerte ihren Anteil zu den Tischgesprächen bei und fragte sich gleichzeitig, welche bürokratische Gottheit diese Besatzung für sie ausgesucht hatte.

Ihr Erster Offizier war Tommy Lien aus den Asteroidenbergwerken von Santa Maria. Ihr Kumpel von der Kadettenschule hatte sie schon immer durch dick und jede Menge dünn unterstützt. Unter allen Besatzungen des Geschwaders waren sie und Tommy die einzigen, die tatsächlich schon unter feindlichem Beschuss gestanden hatten. Ein paar der Schüsse, denen Tommy ausgewichen war, waren sogar in echten Gefechten abgefeuert worden und nicht die Kugeln irgendwelcher Attentäter gewesen, die Kris bei verschiedenen Attentatsversuchen verfehlt hatten.

Chief »Stan« Stanislaus war ihr einziges Besatzungsmitglied, das sich Dienstzeitmarken für seine Ausgehuniform verdient hatte. Er diente seit zehn Jahren in der Navy, und Kris würde ihn bald an die Schule für die Offizierskandidaten verlieren. Bis dahin verließ sie sich darauf, dass er PF-109 als echtes Navy-Material in Schuss hielt und nicht wie das Spielzeug eines Playboys oder Playgirls benutzte, das es in den Augen der Medien war.

Die übrige Besatzung von PF-109 war eine richtig harte Nuss. Die Leute waren so grün und unerfahren, dass sich Kris und Tommy ständig überlegten, wie sie dafür sorgen konnten, dass die Truppe ihre Grünschnabelphase überwand und sich als wenigstens ansatzweise ausgebildet erwies. Man nehme nur Fintch, die Frau am Ruder: Sie war ein Crack in Ballistik und hatte bei den Tauglichkeitsprüfungen der Navy die Skala gesprengt … wobei es sich aber durchweg um Computerspiele handelte, bei denen ihr Hintern fest auf sicherem Boden verankert blieb. Sie hatte jedoch noch nie etwas tatsächlich gesteuert, das größer als ein Motorrad gewesen wäre. Und hatte ihr Leben lang kein einziges Mal den Planeten verlassen!

Fintch war im Grunde ein leichter Fall: Kris hatte sie mit zum Wardhaven-Space-Yachtclub mitgeschleppt, hatte ein zweisitziges Rennskiff gemietet und sie als Sozia mit auf einen Orbitalsturzflug genommen. Auf halbem Weg nach unten reichte ihr Kris den Ersatzlenkhebel, den sie an Bord versteckt gehabt hatte.

»Landen Sie die Kiste. Oder bringen Sie sie zum Absturz. Ihre Entscheidung.«

»Ja, Ma’am«, sagte Finch und hatte den Steuerknüppel gepackt, und die Landung war ihr gelungen, wenn auch fast zwei Kilometer abseits des Ziels; neben Grün Nummer drei des exklusivsten Country Clubs auf Wardhaven. Wenigstens versengten sie dabei nicht allzu viel von der gepflegten Rasenfläche.

»Verzeihung, Ma’am. Nächstes Mal mache ich es besser, Ma’am«, hatte Fintch beharrt, während sie sich eilends vom Acker machten und dabei das noch immer abkühlende Skiff zwischen sich trugen.

»Betrachten wir das als unser kleines Geheimnis«, hatte Kris sie beruhigt. Und das war es auch gewesen. Bis sie in den Nachrichten um fünf Uhr groß rausgekommen waren.

Aber Fintch schnitt beim zweiten Sturzflug tatsächlich besser ab, und Kris übernahm die Bürgschaft für ihre Mitgliedschaft im Wardhaven-Skiffclub. Sie bezahlte den Beitrag des ersten Jahres für die junge Frau und vermied es, ihr im Weg zu stehen.

Wäre es doch nur halb so einfach, Möglichkeiten zu finden, wie man genauso viel Spaß bei der Wartung und Kalibrierung der Schiffslaser, Elektronik, Motoren, Sensoren und all den übrigen öden Pflichten fand, die anfielen, wenn man ein sehr kleines Stück Weltraum in ein tödliches kleines Kriegsschiff verwandeln wollte.

Der Nachtisch war gerade bestellt, als Phil Taussig an sein Kristallglas tippte. Die meisten am Tisch wurden still, nur Ted Rockefeller und Andy Gates hatten ein Problem mit der Entscheidung, wer von ihnen zuletzt etwas bemerken durfte, und hielten erst die Klappe, als ihnen auffiel, wie zehn sehr stille Kameraden sie anstarrten.

»Euch kann der Umstand nicht entgangen sein«, sagte Phil, »dass die hier Anwesenden die letzte Verteidigungslinie bilden, falls jemals Feindseligkeiten am Himmel über Wardhaven auftauchen sollten.«

»Und die schwächste Linie«, warf Babs ein.

»Deine Meinung«, sagte Andy.

»Na ja, Leute«, versuchte Phil das übliche Gefrotzel zu unterbrechen, »was mich angeht, so würde ich gern mal sehen, wie wir ein oder zwei Schlachtschiffe abschießen. Hoffentlich, ohne dabei vernichtet zu werden, wie es einem Torpedogeschwader gleichen Namens vor ein paar Jahrhunderten ergangen ist, das ich ein oder zwei Male erwähnt habe.«

»Oder auch viertausendundelf Male«, seufzte Babs.

Phil Taussig war eine der beiden Ausnahmen von der Regel, dass verdorbene reiche Sprösslinge die Bootskommandanten stellten. Er stammte aus einer alten Navy-Familie, die ihre Wurzeln in den Zeiten hatte, als eine Navy noch auf nassem Wasser schwamm. Kris vermutete, dass Mac ihn in diese Mischung gegeben hatte, um den Hooligan-Faktor zu reduzieren. Zu etlichen Beiträgen, die er in dieser Hinsicht geleistet hatte, gehörte die Ausgrabung der Geschichte von Torpedo acht, einer Flugstaffel, die ganz nach dem klang, was ihr Geschwader heute darstellte. Diese Staffel hatte sich mit einem der alten Schlachtschiffe auf dem Ozean angelegt und war fast völlig vernichtet worden. Obwohl Babs die Augen verdrehte, schenkte jetzt sogar der vergnügte Andy Gates Phil seine ungeteilte Aufmerksamkeit.

»Wie ich es sehe«, fuhr Phil fort, »lässt sich unser Problem in mehrere einfache Phasen aufteilen.« Er hob eine Hand. »Finde den Feind, nähere dich dem Feind, vernichte den Feind, verlasse die Gefechtszone in einem Stück.« Phil zählte jede dieser Phasen durch Einklappen eines Fingers ab. »Damit ist alles gesagt.«

»Dürfte nicht schwierig sein, die Schlachtschiffe zu finden«, warf Andy Gates ein. »Da unsere PFs keine stellaren Sprünge ausführen, lungern wir einfach hier im Orbit herum, wenn die dicken Fische angejuckelt kommen.«

Niemand lachte.

»Ich denke, dass es einer deiner Finger verdient hätte, unsere Annäherung an die feindliche Kampflinie erst mal zu überleben«, bemerkte Chandra Singh in ihrem leicht singenden Tonfall. »Wenn wir gar nicht mehr am Leben sind, um unsere Laser abzufeuern, war alles verlorene Liebesmühe.«

Die dunkeläugige Chandra stellte die zweite Ausnahme von der Regel dar. Sie war älter als die übrigen Skipper. Sie hatte tatsächlich zwei Kinder, die an der Seite ihres Gatten winkten, wenn das Geschwader startete. Sie war ein Mustang, ein Offizier, der im Zuge seines Werdegangs zunächst die Mannschaftsdienstränge durchlaufen hatte. Ihr Patent hatte Chandra erworben, noch ehe die aktuelle Notlage die Navy veranlasste, ihre Ränge nach Chiefs abzugrasen, mit denen sie die Reihen grünschnäbeliger College-Kids wie Kris und ihrer Skipperkollegen auffüllen konnte.

»Wir sind aber mächtig kleine Ziele«, gab Ted Rockefeller von Pitts Hope zu bedenken. Sein Treuhandfonds war nicht ganz so gut bestückt wie Kris’. Er war schnuckelig, aber nicht sehr clever, was sich häufig in den Fehlschlüssen niederschlug, die er von sich gab. »Es dürfte für einen dieser alten Schlachtpötte mächtig schwierig sein, eines von uns winzigen Zielen anzuvisieren.«

»Wie für dich das Tontaubenschießen«, sagte Andy Gates und stieß ihn mit dem Ellbogen an.

»Wenn sie über Feuerleitsysteme der Art verfügen, an der ich schon so manchen Schraubenzieher durchgeheizt habe, dann werden sie dich erfassen«, sagte Singh.

»Also weichen wir aus«, erklärte Gates. »Das sagt Commodore Mandanti immer: Ausweichen! Bleibe nie länger als fünf Sekunden auf einem stabilen Kurs.«

»Und wenn du diesem Ratschlag folgst«, mischte sich Taussig ein und behielt Kris dabei fest im Auge, »bist du nach drei Sekunden tot. Stimmt’s, Kris?«

»Eher in zwei«, sagte sie. Es wurde sehr still im Raum, als sie ihr Wasserglas absetzte.

»Der Commodore ist ein guter Mann«, fuhr sie fort, »aber er hatte schon fünfzehn Jahre Ruhestand auf seiner Hühnerfarm verbracht, ehe sie ihn zurückgeholt haben, um uns jugendliche Straftäter zu beaufsichtigen.« So lautete die Selbstbezeichnung der PF-Commander. Kris zweifelte daran, dass dies dem Commodore verborgen geblieben war.

»Für den größten Teil der vergangenen fünfzig, sechzig Jahre«, fuhr Kris fort, »hat sich auf Kriegsschiffen nicht mehr viel verändert, verglichen mit dem Stand unmittelbar nach dem Iteeche-Krieg. Es war einfach nicht nötig. Die Society of Humanity hat den Frieden überall im von Menschen besiedelten Weltraum bewahrt. Doch jetzt ist dieser Teil des Weltraums auseinandergebrochen und … Na ja, ihr habt die Nachrichten gehört.« Es wurde genickt. Kriege und Kriegsgerüchte waren zur Zeit mannigfach im Angebot. »Die während des langen Friedens entwickelten Technologien haben sich aber allmählich auf den Kriegsschiffen ausgebreitet. In den zurückliegenden zehn Jahren haben wir eine ganze Menge Veränderungen erlebt. Singh, als Wartungstechnikerin ist dir das sicher nicht entgangen.«

Der alte Chief, jetzt Lieutenant, nickte.

»Mein Großvater macht seit einiger Zeit Terahaufen an Geld mit dem neuen Zeug. Ich bezweifle, dass er damit allein dasteht«, sagte Kris trocken und schenkte ihren Kameraden ein Lächeln, das reinen Zynismus ausdrückte. Sie nickten. Der technische Fortschritt hatte eine lang anhaltende wirtschaftliche Expansion nach sich gezogen. Alles im Frieden. Jetzt wurden die Pflugscharen zu Schwertern umgeschmiedet, und das ganze Geld, das die Familien der PF-Commander im Laufe der guten Zeiten angehäuft hatten, stand jetzt womöglich Schlange, um ihre Erben alsbald umzubringen. Toller Gedanke, den sie zum nächsten Weihnachtsessen mit nach Hause nehmen konnten.

»Also müssen wir jede Menge ausweichen«, meinte Heather und brachte damit alle zum Gesprächsthema zurück.

»Genau so ist es«, sagte Kris, und Phil nickte. »Und das müssen wir schneller tun, als ein Mensch es durchdenken kann. Außerdem muss unser Manöver nach dem Zufallsprinzip ausgerichtet sein, so dass kein Feuerleitcomputer unsere Schiffsbewegungen mehr analysieren kann. Wenn du langsam bist, wenn du vorhersagbar ist, bist du tot, und dein Schiff und deine Besatzung sind es auch.«

Die Bedienung lieferte Torten- und Kuchenstücke und Schalen mit Eiscreme in die sich diesen Worten anschließende Stille. Nach den großen Augen zu urteilen, mit denen sich das Personal gegenseitig ansah, hatten sie sich noch nie in einem Raum voller JOs wiedergefunden, die so kleinlaut waren wie dieser Haufen hier. Als die Offiziere wieder unter sich waren, schien niemand mehr Appetit zu haben.

»Ist das die Stelle, wo ich ins Spiel komme?«, meldete sich eine freundliche Stimme von Kris’ Hals.

Sie öffnete den obersten Knopf ihrer weißen Paradeuniform. Damit verstieß sie gegen die Uniformvorschriften, aber ihre deprimierend geringe Körbchengröße versprach, die männliche Hälfte der Anwesenden nicht allzu sehr abzulenken. »Hat jemand Einwände, dass sich mein Computer Nelly am Gespräch beteiligt?«

»Ich hatte gehofft, dass sie das tun würde«, antwortete Singh.

»Also, Nelly«, leitete Phil seine Frage ein, »kannst du uns auf einen ausreichend erratischen Anflugkurs bringen?«

»Ich habe über diese Frage schon nachgedacht, da ich keine Zweifel daran hegte, dass Sie sich aufgrund meiner Sachkenntnisse auf diesem Gebiet an mich wenden würden«, meinte Nelly.

Kris verdrehte die Augen. Bescheidenheit war vielleicht etwas, das sich zehn reiche Kids auf die harte Tour gegenseitig beibringen konnten, aber wie lehrte man einen Computer diese Tugend? Besonders einen, für den man jede Menge Geld ausgegeben hatte, um ihn zum bestmöglichen Rechner zu machen, und der sich nur allzu bewusst war, dass er tatsächlich der Beste war? Wie drückte Singh das aus? »Manches im Leben muss man einfach ertragen.« Natürlich hatte sie damals als Chief jedes Mal, nachdem sie ihrer Truppe diesen Spruch gesagt hatte, sich einen Werkzeugkasten geschnappt und genau das Ding repariert, das nach Meinung der Crew nicht mehr zu reparieren war.

»Was hast du für uns vorbereitet?«, fragte Kris.

Nelly projizierte sofort ein holografisches Display mit einem Schlachtschiff an einem Ende und der winzigen Nachbildung eines PF am anderen. Das PF leitete seinen Anflug mit höchster Beschleunigung und einem Maximum an Ausweichmanövern ein: rauf und runter, nach rechts und links, mal schnell, mal langsam. Der Kurs stellte sich als Korkenzieher aus Drehungen und Wendungen dar, angesichts dessen etlichen Captains am Tisch ein leichter Grünton ins Gesicht stieg.

»Am besten fangen wir mit geringer Beschleunigung an«, gab Singh zu bedenken. »Unsere Triebwerke sind klein. Wenn wir Kühlrippen ausfahren, um die Wärme zu streuen, bieten wir größere Ziele. Wenn wir das nicht tun, riskieren wir bei zu langer Beanspruchung der Maschinen ihre Überhitzung. Beginnen wir den Anflug lieber mit eins Komma fünf g und bauen das dann aus.«

»Ich weiß nicht«, sagte Gates. »Volle Kanne scheint mir die beste Möglichkeit.«

Kris nahm sich vor, es auf Singhs Weise zu machen.

»Also benutzt jeder von uns sein eigenes Ausweichschema und greift an«, sagte Rockefeller.

»Davon rate ich ab«, sagte Kris.

»Warum? Du möchtest doch nicht vorschlagen, dass wir alle nach dem gleichen Schema ausweichen. Was ist aus der Unberechenbarkeit geworden?«, fragte Alexander.

Kris blickte sich am Tisch um; überall sah sie sich mit ausdruckslosen Blicken konfrontiert. Dieses Mal hatte sie es sogar geschafft, Phil ein Stück weit voraus zu sein. Die meisten hier waren clever, aber sie waren noch nie beschossen worden. Sie hatten noch nie diesen Tritt in den Unterleib erhalten, den man spürte, wenn der beste Plan einfach auseinanderfiel, egal wie sehr man sich auch anstrengte. Sie mussten erst noch erleben, wie es sich anfühlte, wenn man dort stand oder lag oder rannte und sich fragte, was man hätte bessermachen sollen … oder einfach nur anders. Kris holte tief Luft und schwor sich, dass sie es langsam angehen lassen würde, um auch jedermanns Unterstützung zu erhalten.

Aber es musste auf das Prinzip hinauslaufen: alle für einen und einer für alle.

»Wenn ich einen Haken hierhin schlage, während du einen Haken genau in Gegenrichtug schlägst …« Kris demonstrierte mit den Händen einen entsprechenden Vorbeiflug. »… dann wird der Schuss, der auf mich gezielt war, ein Treffer, der dich erwischt.«

»Die Chancen stehen eine Million zu eins dagegen«, fauchte Gates.

»Ja, und du bist dann genauso tot«, sagte Phil. Er kaute eine Sekunde lang auf der Unterlippe. »Wir üben, damit wir es gleich beim ersten Mal richtig hinbekommen und anschließend jedes Mal. Wir können jedoch nicht damit rechnen, dass das Pech vom Schlachtfeld ausgesperrt bleibt. Nelly, kannst du abweichende Ausweichschemata für alle zwölf Boote ausarbeiten? Schemata, die gewährleisten, dass wir erstens ständig ausweichen, dass es zweitens jedes Boot aufs Geratewohl tut, und trotzdem drittens kein Boot dem Raum auch nur nahe kommt, in dem sich ein anderes kurz zuvor aufgehalten hat?«

Es trat eine längere Pause ein, als Kris bei einem Gespräch mit Nelly ohnehin erwartet hätte. Zu langen Unterbrechungen kam es inzwischen regelmäßig, seit Nelly besser das volle Ausmaß und Format der Probleme verstand, mit denen sich Menschen regelmäßig konfrontiert sahen. Nelly war vielleicht ein Supercomputer, aber die zu fällenden Entscheidungen waren allmählich auch ganz enorm verzweigt. »Ja, das bekomme ich hin«, meldete sie sich schließlich. »Jedes Boot wird seinen Anflug aus einer ganz und gar eigenständigen Position heraus einleiten müssen. Der Commodore hält Sie gewöhnlich in einer Reihe hinter dem Flaggschiff. Sie benötigen jedoch mehr Spielraum zum Manövrieren.«

»Gute Einschätzung, Nelly«, sagte Kris. Ja, Nelly reagierte sogar auf Lob. Was genau hatte Kris eigentlich mit der letzten Aufrüstung erworben? Und mit diesem Stein von Santa Maria in der selbstorganisierenden Matrix, den sich anzuschauen ihr Nelly untersagt hatte? Oder …? Na ja, man fand nun auf den PFs eben noch ein verdorbenes Balg mehr, als die Navy dort eingeteilt hatte.

Phil beugte sich zu Kris’ Ohr herüber. »Ich habe Geschichten von deiner Nelly gehört. Jetzt erlebe ich sie zum ersten Mal in Aktion. Nett.«

»Du hast sie an einem ihrer besseren Tage erwischt.«

»Das habe ich gehört!«

»Gut, denn ich möchte fünf unterschiedliche Ausweichpläne für alle zwölf Boote!«, blaffte Kris. Die ganze Rechenkapazität war ja sinnlos, wenn sie keinen Nutzen daraus zog. Und eine untätige Nelly war etwas, das um jeden Preis vermieden werden musste. »Wir wissen vorher nie, wann wir auf einen neuen Zufallskurs wechseln müssen. Du musst der Tatsache ins Auge sehen, Nelly, dass der Gegner auch über Computer verfügt. Und wenn er eines deiner Zufallspakete ausgetüftelt hat, brauchen wir eine Ausweichmöglichkeit und dann noch eine und dann wieder eine. Verstanden?«

»Ja, Eure sklaventreibende Prinzessinnenschaft«, sagte Nelly.

Rings um den Tisch verdeckten Hände kaum verhohlenes Grinsen. Keiner von ihnen sprach Kris jemals anders an als mit Lieutenant. Ob an Bord oder an Land, sie war Navy für ihre Schiffskameraden, niemals Prinzessin.

Was ihr eigener Computer dagegen mit ihr anstellte … da hatte sie sich in einer ganz anderen Schlinge gefangen.

»Noch etwas«, sagte Kris. »Wir haben 18-Zoll-Impulslaser. Sie versetzen dem Ziel einen kurzen, aber kräftigen Energiestoß. Doch von Nachladen kann keine Rede sein. Wir haben zwar Motoren, aber keine Reaktoren, mit denen wir unsere Kondensatoren neu aufladen könnten. Ein Schuss, und das war es dann.«

Die anderen nickten. Sie alle hatten die Handbücher gelesen.

»Wir müssen also dafür sorgen, dass wir mit unseren wenigen Schüssen so viel Schaden anrichten wie nur irgend möglich. Wenn wir allerdings unser Vorgehen koordinieren, können wir vielleicht noch etwas anderes bewirken.«

Phil und Singh beugten sich vor. Andere verschränkten die Arme; sie würden sich als harte Nüsse erweisen. Kris ignorierte ihr schmelzendes Speiseeis und schaltete in den Vertretermodus.

»Dreißigtausend Kilometer bis zum Ziel«, meldete Tom von der Feuerleitstelle direkt neben Kris. »Nahdistanz für die Sekundärbestückung.«

Und auf diese kurze Distanz erhielten die Entfernungsmesser und Suchsysteme des Schlachtschiffs, sein Radar, seine Laser, die Magnetfeld- und Gravitationsmessgeräte solide Resultate sogar beim Erfassen der winzigen Signaturen, die von den schnellen Patrouillenbooten ausgingen. Zeit, um es den Leuten dort drübenso schwer wie nur irgend möglich zu machen, solide Beschussmuster auszuarbeiten.

»Abteilung auf drei g Beschleunigung bringen. Ausweichschema 1 auf mein Zeichen anwenden«, befahl Kris. »Täuschkörper jetzt ausstoßen.« Sie unterbrach kurz, damit sich die anderen Boote vorbereiten konnten, und befahl dann: »Jetzt!«

Ausweichschema 1 war nun wirklich sehr ausweichend. Während jedes PF aus dem bisherigen Kurs ausscherte – häufiger und schärfer als sonst –, stieß es zugleich Attrappen aus. Bei jedem Kurswechsel schoss ein Nebel aus Eisennadeln, Aluminiumstreifen und Phosphorpellets aus dem Boot. Diese Täuschkörper folgten dem alten Kurs, während das PF einen neuen Kurs zum Schlachtschiff einschlug. In genau diesem Sekundenbruchteil erhielten dessen Radar-, Laser-, Infrarot- und Magnetsensoren den falschen Eindruck, dass der Angreifer noch seiner vorherigen Richtung Kurs folgte.

Das dauerte in der Regel gerade lange genug, dass die sekundären Laser des Schlachtschiffs einen Schuss abfeuerten – in den leeren Raum.

Die Täuschkörper verliehen den sie durchdringenden Laserstrahlen immerhin Farbe, wenn sie den Raum dort durchschnitten, was wenigstens ein schönes Schauspiel darstellte, wenn sie das anvisierte Boot schon nicht zu treffen vermochten.

Im Gegensatz zu Tänzen und schicken planetaren Feuerwerken waren Navy-Laser im Weltraum normalerweise unsichtbar. Eine heftige Schlacht zwischen einem Dutzend Linienschiffen ist eine dunkle, lautlose Angelegenheit, bei der nichts weiter zu sehen ist als die Manöver der Schiffe. Wenigstens zunächst. Eine Zeit lang. Dann verwandeln die Lasertreffer Eispanzerung zu in den Weltraum hinausschießendem Dampf, der schnell wieder gefriert. Diese Kristalle fangen Laserlicht auf, reflektieren es und verwandeln grauenhaftes Morden und Schlachten in etwas unaussprechlich Schönes, das Stoff für Dichter abgibt. Falls sie überleben. Was Künstler den Rest ihres Lebens lang in Farbe und Stahl und Graphik festzuhalten versuchen. Falls sie ein hohes Alter erreichen. Zum Beispiel fünfundzwanzig.

PFs wie Kris’ Boot waren jedoch nicht eisgepanzert. Für sie erzeugten jetzt die Täuschkörper jene lebendigen Farben, die vielleicht für ihr Überleben stehen würden.

»Wow. Habt ihr das gesehen?« Fintch starrte einen Augenblick lang mit offenem Mund auf den Frontbildschirm, während Beinahetreffer die Täuschkörper ringsum zum Leuchten brachten.

»Geben Sie es an die ganze Besatzung weiter«, sagte Kris. Es war schmerzlich wenig zu tun, während sie auf den simulierten Tod zurasten, entweder ihren eigenen oder den eines Schlachtschiffs. Es würde entweder getan und wohl geraten, und der Besatzung blieb nur noch der Blick auf Messwerte, die im grünen Bereich blieben, oder es würde schlecht getan und übel geraten, und sie scheiterten so kläglich wie die beiden übrigen Abteilungen.

»Zwanzigtausend Kilometer«, meldete Tom. »Alle vier Laser auf Nennwert und heiß.«

»Abteilung, auf Ausweichschema 6 gehen. Ausweichmanöver und Angriff auf mein Zeichen«, befahl Kris.

»Yeah. Los, Mädels!«, mischte sich Nelly ein und brach damit das ihr aufgetragene Schweigen.

Kris wartete und gab der Abteilung noch einen Augenblick Zeit. Jetzt los, Nelly!

Die Abteilung zerstreute sich zu einer Tanzfigur, die sie hoch, niedrig und mittig um den Schlachtraumer verstreute. Nach einer Folge von Drehungen und Wendungen, bei denen Kris mit dem Kopf wiederholt gegen ihre Kopfstützen stieß, wurde es Zeit.

»Feuer!«, befahl sie. Falls Nelly ihre Arbeit richtig gemacht hatte, war der Befehl überflüssig, aber das hier war Kris’ Kommando, und sie wollte den Befehl persönlich geben; vielen Dank auch.

»Laserfeuer!«, schrie Tom. »Alle vier Geschütze auf sechzehntausend Kilometer. Der Timer hat alle abgefeuert.«

»Fluchtmanöver einleiten«, befahl Kris. Und hielt die Luft an.

War das Schlachtschiff noch da? Explodiert? Beschädigt, aber noch im Kampf?

»Was denkt ihr jungen Schlingel eigentlich, was ihr da gemacht habt?«, ertönte es auf dem Kommandokanal. Zumindest nannte Commodore Mandanti sie heute Schlingel, nicht Hooligans.

»Es war ein koordinierter Angriff, Sir«, antwortete Kris. Dienstags kommandierte eben sie die Abteilung und es war es ihre Aufgabe zu erklären, was sie gemeinsam beschlossen hatten; sie und Phil und Chandra. Heather hatte mitgemacht, obwohl sie Zweifel hegte. Sie hatten die große Rothaarige davon überzeugt, dass die gesamte Abteilung mitmachen musste, damit es überhaupt funktionierte.

»Na ja, hören Sie auf, da draußen herumzuflitzen, bremsen Sie Ihre Boote ordentlich ab und erklären Sie einem alten Mann, der ganz zufällig Ihr Kommandierender Offizier ist, was genau das ist, was sie einen koordinierten Angriff nennen, Lieutenant.«

»Ja, Sir. Ausweichmanöver beenden. Schiff drehen, Bremsung mit eins Komma fünf g einleiten. Motoren: Die Kühlrippen ausfahren.« Sobald sie die Antworten erhalten hatte, holte Kris tief Luft und begann mit der vorbereiteten Erklärung.

»Sir, ein 18-Zoll-Impulslaser klingt nach einer starken Waffe, wenn man in einem Buch davon liest. Aber selbst das kleinste Schlachtschiff verfügt über eine Menge Eispanzerung und rotiert mit einem Tempo, das darauf ausgelegt ist zu verhindern, dass unsere Laser in der kurzen Zeit, die sie es treffen, durch das Eis brechen können.«

»Das gehört einfach zur traurigen Realität, wenn man Skipper eines Moskitoboots in einer Raumflotte ist, die auf große Schiffe setzt.«

»Ja, Sir, aber wie sieht die Sache aus, wenn wir dieselbe Stelle am Schlachtschiff mit zwei Impulslasern gleichzeitig treffen?«

»Da benutzen Sie wieder dieses ›wir‹. Mit wem spreche ich, einer Prinzessin oder einem Navy-Lieutenant?«

Kris knirschte mit den Zähnen; der Commodore war ihr bislang nur zwei oder drei Mal mit diesem Prinzessinnenkram gekommen. Sie wollte gerade antworten, als sich zeigte, dass sie es gar nicht brauchte.

»Dieses ›wir‹ umfasst auch mich, Sir«, sagte Phil. »Und mich«, sagte Chandra. »Und mich«, stimmte Heather mit ein. »Wir haben uns alle überlegt«, fuhr Phil fort, »dass es nicht besonders klug gewesen wäre, unsere schönen jungen Hälse zu riskieren …«

»Oder alten«, warf Chandra ein.

»… wenn anschließend nicht ein paar tote Schlachtpötte herumlägen, sobald wir fertig sind. Wie Sie gesehen haben, Sir, konnten wir durch die Koordinierung unserer Ausweichmanöver beim Anflug vermeiden, einander in die Quere zu kommen und Ihren Kanonieren so Gelegenheit zu bieten, dass sie zwei Treffer zum Preis von einem landen konnten oder dass sie einen trafen, wenn sie auf den anderen gezielt hatten. Jedenfalls hat Kris vorgeschlagen, unseren finalen Anflug zu koordinieren, um möglicherweise ein paar solide Doppeltreffer auf dem Schlachtschiff zu landen, die seine Panzerung bis zu den weichen saftigen Innereien durchschlagen.«

Kris war es zufrieden, jetzt Phil das Reden zu überlassen. Wie es schien, pflegte die Navy auch ihre eigene Redeweise, wenn es um Mord und Gemetzel ging. Kids, die in der Raumflotte groß geworden waren, wussten, wie man seine Alten ansprach. Kris war nicht immer davon überzeugt, dass ihr Englisch den Job ebenso gut machte.

Es war gut, Phil und Chandra als Übersetzer dabei zu haben.

»Hmm«, erfolgte die Antwort. »Also dann. Ich hatte vor, Ihnen dreizehn von sechzehn Treffern auf der alten Zieldrohne zuzuschreiben, aber da Sie nun selbst den Einsatz erhöht haben, gestatten Sie mir erst mal nachzusehen, wie viele Ihrer Schüsse als solide Doppeltreffer gelten können.«

»Verdammt!«, flüsterte Tom neben Kris. »Ich wette, wenn der alte Mann einen Stapel Geschenke unter seinem Weihnachtsbaum fände, würde er erst mal nachsehen, ob der Weihnachtsmann nicht etwas Rentierkot hineingeschmuggelt hat.«

»Natürlich würde er, Mr Lien«, meldete sich Chief Stanislaus über das Schiffsnetz. »Es wäre nicht die Art der Navy, den Empfangssalon voller Rentierscheiße zu lassen, wenn Besucher kommen.«

Wenigstens konnte sich die Bootsbesatzung eines ganz privaten Lachers erfreuen. Abseits des Kommandonetzes. Ganz für sich.

»Na ja, Sie jungen Leute haben sich gar nicht so schlecht geschlagen, nicht einmal angesichts Ihrer selbstgesetzten Ziele«, meldete sich Commodore Mandanti nach einer langen Minute wieder zu Wort. »Drohne Fünf ist nicht adäquat ausgerüstet, um zu erfassen, was Sie da probiert haben, aber es sieht danach aus, als säßen zehn Ihrer Treffer in Bezug auf die Entfernung zueinander und in Hinsicht auf den Einschlagszeitpunkt ganz schön dicht beieinander. Sagen wir mal, dass Sie fünf Doppeltreffer erzielt haben. Genug, um sich durch den Hauptgürtel eines Schlachtschiffs der President-Klasse zu brennen. Ich denke wirklich, dass ich heute Abend das Bier bezahle.«

Er wandte sich den beiden anderen Gruppen zu und meinte: »Und Sie, die Damen und Herren, die durch Parlamentsbeschluss die einstigen Boote der Abteilungen 1 und 2 kommandieren, warum haben Sie nicht das Gleiche probiert? Sie haben doch zweifelsohne ebenfalls in der Verschwörerhöhle gehockt, in der Abteilung 3 ihren Plan ausheckte. Warum haben Sie nicht mit dreingehauen, anstatt der guten alten Drohne Fünf und meinem prima Haufen von Kanorieren die Möglichkeit zu bieten, Sie abzuschießen wie zarte Schmetterlinge, die jemand an billige Pappe geheftet hat?«

Kris versuchte, sich das Grinsen zu verkneifen, das gerade ihre ganze Besatzung anzustecken schien. Ehe sich die Stille im Netz zu sehr in die Länge streckte, unterbrach der Commodore sie.

»Egal. Sie alle können mir heute Abend beim Bier erklären, was Sie sich gedacht haben. Alle Abteilungen: Legen Sie Kurs und Geschwindigkeit so an, dass Sie innerhalb der nächsten drei Stunden mein Flaggschiff erreichen. Wir müssten um siebzehn Uhr längsseits zum Pier gehen. Die Party steigt um einundzwanzig Uhr.«

Das Netz wurde still. Neben Kris tippte Tommy auf die zentrale Funkstation, um das Schiffsnetz von PF-109 vom Hauptgefechtsnetz zu nehmen, und rings um Kris setzte der Jubel ein.

»Sie haben verdammt gute Arbeit geleistet, Sie alle«, mischte sich Kris in den fröhlichen Lärm ein. »Tononi, ich weiß nicht, wie Sie die Maschinen für den Anflug kühl halten konnten, aber Sie haben es getan.«

»Ich habe meiner Lieblingsziege gesagt, sie solle draufpissen, wenn sie zu heiß wurden, Ma’am«, erklärte er und spielte damit auf eines der landwirtschaftlichen Nutztiere an, die er gerüchteweise im Maschinenraum hielt.

»Solange Sie Ihren Arbeitsplatz in Topform halten, dass sogar unser Koch damit zufrieden ist«, meinte Kris, »ist mir egal, wie Sie für Abkühlung gesorgt haben.«

Chief Stanislaus, der an seiner Gefechtsstation Tom unterstützte, während dieser die Bordwaffen bediente, schnitt ein finsteres Gesicht, aber sein Ruf als knallharter alter Chief schwebte ernstlich in Gefahr, wenn man die Zeichen richtig deutete, die das nur vermeintlich grimmige Gesicht umgaben.

»Sie haben gehört, was der Commodore sagte. Wir haben nur vier Stunden am Pier, ehe er seine Party schmeißt, also bringen wir das Schiff lieber jetzt gleich wieder auf Vordermann.«

Kris beugte sich vor, während sich ihr Sitz von einer kräftig aufgeblasenen Hoch-g-Station wieder in einen Posten für normale Beschleunigungswerte verwandelte. Als sie die Füße wieder aufs Deck setzte, drehte sie sich zum Ruder um. »Kurs zum Flaggschiff gesetzt?«

»Flagg hat eine würdevolle Beschleunigung von null Komma acht fünf g Richtung Raumstation angeschlagen«, meldete Fintch. »Der Computer hat einen Kurs generiert, der uns in exakt drei Stunden in eine Reihe achtern des Flaggschiffs bringt, Ma’am.«

Nelly?, wandte sich Kris an den eigenen Computer und benutzte dazu eine Verbindung, die ihre Gedanken direkt übermittelte. Eine zu leichtgängige Verbindung brachte Risiken mit sich, aber wenn jemand Kris eine Pistole an den Kopf hielt, dann wollte sie nicht erst subvokalisieren müssen und dabei auch noch darauf achten, dass sie ja nicht den Unterkiefer bewegte.

Der Navy-Computer ist dumm wie Treibholz, aber selbst ein einhändiger Affe mit einem Abakus hätte dieses ballistische Problem lösen können.

Ich bin ja so froh, dass du das Fintch gegenüber nicht laut ausgesprochen hast.

Es mangelt mir nicht an gesellschaftlichem Taktgefühl, Prinzessin. Es ist nur so, dass diese Eigenheit so viel Zeit kostet, während man versucht, nur minimalen Schaden an dem anzurichten, was ihr Menschen Gefühle nennt.

Betrachte es als Kunstform. So, und jetzt überprüfe das Schiff und erstelle eine Mängelliste. Ich wette mit dir, dass deine Liste nicht mehr als anderthalbmal so lang ausfällt als die von der Mannschaft erstellte.

Abgemacht. Und wenn ich gewinne?

Darüber reden wir später.

Ich würde sehr gern Zeit auf die Untersuchung dieses Steins von Santa Maria verwenden, der nach wie vor in meiner Matrix hockt. Ich wette mit dir, dass ich seine außerirdischen Inhalte analysieren könnte, ohne mich dabei festzufressen.

Diese Wette steht nicht auf dem Programm. So, Miss Nelly, wenn es dir nichts ausmacht: Ich habe ein Schiff zu kommandieren. Schwirr ab!

Aye aye, Eure Skipperschaft.

Für die Navy betrug die Mannschaftsstärke von PF-109 vierzehn Personen. Kris zählte fünfzehn. Und dieses letztere Besatzungsmitglied brachte alle möglichen Vorteile mit sich … und war eine echte Last.

Kris wandte sich an Tom und den Chief. »Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mein Kopf wurde ganz schön herumgeschleudert. Habe ich nur einen kleinen Schädel, oder könnten diese Hoch-g-Stationen eine Justierung vertragen?«

Der Chief schüttelte den Kopf. »Die Stationen sind ein Problem, Ma’am. Vielleicht sollten wir die ganze Mannschaft mit Gehirnkübeln ausstatten. Ich denke jedoch nicht, dass das schon unser größtes Problem ist. Ich habe mir den Laserbeschuss dieser alten Wanne angesehen. Ich weiß – die Navy geht davon aus, dass die Drohne die gleichen Abwehrsysteme hat wie ein Schlachtschiff, aber ich glaube einfach nicht, dass wir wirklich gefordert wurden. Und selbst unter diesen Umständen hatten wir einfach viel zu viele Beinahetreffer.« Der Chief des Bootes, ein alter Mann von dreißig Jahren, zuckte die Achseln. »Für einen echten Kampf müssen wir besser werden.«

»Ach, Mensch, das war im Grunde nicht, was ich hören wollte«, bemerkte Tom, und der schleppende Tonfall seiner Großmutter klang dabei durch.

»Chief, kümmern Sie sich um diese Helme, und ich weise Nelly an, jede einzelne Hoch-g-Station persönlich auf jedes Besatzungsmitglied zuzuschneiden, mit Helm und allem.« Kris schüttelte den Kopf. »Wissen Sie, nach diesem einen Übungsdurchgang erscheint mir die Idee, dass sich unsere Mücken mit Schlachtpötten anlegen, nicht mehr annähernd so Furcht erregend wie an dem Tag, als die Abteilung in Dienst genommen wurde.«

»Unwahrscheinlich, dass wir Wardhaven gegen Schlachtraumer werden verteidigen müssen«, sagte Lien. »Man sehe sich nur mal die Ausmaße dieser Flotte ein, die dein Paps rings um die Raumstation aufgefahren hat. Ich persönlich bin überrascht, dass man uns noch nicht verschrottet und zu Bugsprieten für irgendein Schlachtschiff verarbeitet hat.«

»Galionsfiguren«, sagten Kris und der Chief gleichzeitig.

»Falls Sie mich entschuldigen würden, Ma’am«, sagte der Chief, »dann bringe ich mal meine alten Knochen in Schwung und sehe nach, was auf dem Rest unseres Rosteimers geschieht. Ich denke, Sie haben die Brücke so gut unter Kontrolle, wie nur irgendein Captain das kann.«

Kris ließ sich diese Worte eine Zeit lang durch den Kopf gehen … und entschied, dass dies einem Kompliment so nahe kam, wie von einem Chief gegenüber einem Junioroffizier überhaupt erwartet werden konnte. »Tun Sie das, Chief.«

Sie blickte ihm nach, und dabei landete ihr Blick auf der leeren Station direkt hinter ihr. »Wie ich sehe, hast du den Gefechts-Infoleitstand eingerichtet.«

»Und hatte ich nicht gesagt, dass ich das tun würde?«, fragte Tommy Lien, während er sich von seiner Feuerleitstelle erhob und an den neuen Leitstand setzte. »Es war ein Geschenk des Himmels, dass Penny an dem Infoleitstand auf der Yacht saß, die du, ah, von Turantic geborgt hattest. Ich habe diese hier so schnell eingerichtet, wie ich nur einen Ersatzleitstand auf dem Dock herumliegen gesehen habe, während niemand allzu sehr darauf achtgab, wem er wohl gehörte.« Er führte das mit diesem schiefen Grinsen aus, das eindeutig Richtung Backbord durchhing.

»Du hast ihn gestohlen.«

»Nicht alle können eine Kleingeldbörse mitführen, wie du sie hast, Kris.« Das Lächeln machte daraus beinahe einen Scherz. Ohne ein Lächeln hätte es wehgetan. Immerhin stimmte es, dass Kris das ganze Geschwader aus ihren Einkünften des vergangenen Jahres hätte kaufen können, ohne dabei auf den Sockel ihres Treuhandfonds zurückgreifen zu müssen. Es brachte einige Vorteile mit sich, wenn man eine dieser verdammten Longknifes war.

»Bleibt es dabei, dass Penny morgen zum Frühstück kommt?«, fragte Kris.

Tommys Grinsen wurde noch breiter; die Mundwinkel dehnten sich bis achtern der Ohren aus und trafen sich wahrscheinlich irgendwo im Nacken. Na ja, so sollte ein Typ schließlich auch reagieren, wenn er auf seine künftige Braut angesprochen wurde. Zumindest war das in Kris’ Nähe immer so. Bei all den Typen, denen Kris begegnete und die schließlich ein Mädel aus ihrem Bekanntenkreis darum baten, ihre Braut zu werden. Und diese Bräute baten dann ihrerseits immer Kris darum, ihre Trauzeugin zu sein.

Kris hatte es aufgegeben, daraus schlau werden zu wollen, was genau an ihrer übersprudelnden Persönlichkeit als Katalysator funktionierte, damit andere Menschen sich kennenlernten und glücklich ineinander verliebten. Zumindest redete sie sich ein, dass sie den Versuch aufgeben würde, das durchschauen zu wollen. Dass sie ihn nächsten Donnerstag aufgeben würde.

»Penny ist so froh, dass du uns den Garten von Haus Nuu für die Hochzeit angeboten hast. Ihre Mom lebt jetzt mit dem aktuellen Ehemann auf Cambria. Meine ganze Familie wohnt auf Santa Maria. Also haben wir beide hier kein Zuhause. Aber in dem Garten zu heiraten, in dem auch König Raymond und Rita getraut wurden … Kris, du bist wundervoll!«

Viele mögliche Reaktionen boten sich darauf an. Kris entschied sich für: »Ich bin froh, dass ich euren Familien einen ruhigen Platz bieten kann, um sich zu treffen.«

»Nun, ich denke, es wird vor allem das Geschwader sein, es sei denn, für meine Familie würden ein paar preiswerte Tickets zwischen Santa Maria und hier gebucht. Pennys Dad …« Tommy zuckte die Achseln. »Penny hat vor drei Tagen einen Sucherbrief losgeschickt, aber sie weiß gar nicht, wo ihr Vater steckt. Vermutlich wird es also nur eine stille Hochzeit unter uns Raumfahrern.«

»Möchtet ihr gekreuzte Säbel haben?«

»Ich denke, das würde ihr gefallen. Weißt du, ich bin mir gar nicht sicher, ob sie ein weißes Kleid oder eine weiße Paradeuniform anziehen möchte.«

»Ich bin nur froh, dass wir die ganze Sache vor meiner Mutter geheim halten. Falls sie Wind davon bekommen sollte …« Kris schauderte schon bei der Vorstellung, wie ihre Mutter eine Hochzeit plante.

Vielleicht war das auch der beste Grund, um Single zu bleiben. »Also«, sagte Kris und deutete auf den Infoleitstand. »Irgendeine Vorstellung davon, wen wir davorsetzen sollten?«

»Wie wäre es mit Penny?«, fragte Tom und klang beinahe ernst. »Sie weiß so ziemlich alles, was es überhaupt über die Kriegsschiffe zu wissen gibt, mit denen sich eine Wardhavenflotte womöglich konfrontiert sieht. Sie verfügt über das volle Spektrum nachrichtendienstlicher Fähigkeiten. Du kannst ihr die Pflicht, uns ›Meuterer‹ verhört zu haben, nicht weiter vorhalten.«

»Benutze dieses Wort nicht mal im Scherz«, sagte Kris, die bleich geworden war.

»Dann solltest du eine Werbeagentur beauftragen, einen hübschen kurzen Begriff für das auszutüfteln, was wir auf der Taifun gemacht haben«, hielt ihr Tom entgegen. »Jedenfalls brauchen wir jemanden mit Pennys Fähigkeiten. Warum sollten wir also nicht sie fragen? Sie hat genug am Schreibtisch gearbeitet und täte gern mal wieder Schiffsdienst.«

Und Tom hätte gern gehabt, dass seine Frau gleich hinter ihm Dienst tat. Und die kleine Nebensache, dass Penny schon ein Jahr länger als Kris Lieutenant war, dürfte in der Befehlshierarchie eines so kleinen Schiffs wie des PF-109 auch keinerlei Schwierigkeiten aufwerfen.

Nee, klar doch.

Penny hatte jedoch auf Turantic gute Arbeit geleistet, als Kris sehr gute Arbeit benötigt hatte, um am Leben zu bleiben. Sie konnte es schlechter treffen, als von jemandem wie Penny unterstützt zu werden. Der Chief hatte vielleicht Recht: Jedes echte Ziel, mit dem sie sich konfrontiert fanden, schoss vielleicht mit viel hässlicheren Sachen zurück als den Antiquitäten, die ihnen der Commodore als Übungsziele vor die Nase setzte.

Aber PFs, die Wardhaven verteidigten! Wer nahm hier wen auf den Arm? Wenn sie Glück hatten, verschiffte man sie auf irgendeinen abgelegenen Planeten. Mit dem Befehl, etwas zu verteidigen, bei dem niemand mit großem Bedarf an Verteidigung rechnete, bis sich die Lage drastisch veränderte und …

Hmm, vielleicht waren ein ausgewachsener Info-Offizier und ein umfassender nachrichtendienstlicher Bericht gar keine schlechte Idee, wenn sie mal demonstrieren mussten, dass diese Spielsachen kämpfen konnten.

Drei Stunden später waren alle Boote brav hinter dem Flaggschiff aufgereiht, kleine Entlein, die dem Kielwasser der Cushing folgten, eines antiken Zerstörers. Sie war das letzte noch nicht verschrottete Schiff ihrer Klasse und diente nur noch dem Zweck, als Kindermädchen für die bekloppte Idee zu dienen, man könne Groschenboote gegen Dollarschlachtschiffe aufbieten.

Stan legte Kris die Mängelliste vor. Sie war lang. Nellys Liste war länger, übertraf die des Chiefs aber nicht um das Anderthalbfache. »Nelly, gib deine Liste an den Chief weiter.«

Stan warf einen Blick auf die längere Liste, spitzte die Lippen und ging los, um sich das alles anzusehen.

»Also erhalte ich keine Gelegenheit, mit dem Steinchip herumzuspielen«, meinte Nelly und klang dabei so betrübt, wie es einem Computer nur möglich war. »Dabei wäre Tantchen Tru so froh, wenn ich herausfände, welche Geheimnisse über die drei Lebensformen, die die Sprungpunkte angelegt haben, man noch immer aus dieser Datenquelle gewinnen könnte. Sie würde dir vielleicht sogar einen Schwung Schokoladenkekse backen.«

»Und du darfst das Thema einen Monat lang nicht mehr ansprechen«, sagte Kris und ignorierte den Rest der Schmeicheleien.

»Eine Woche«, unterbreitete Nelly ein Gegenangebot. »Du hast keine genaue Zeitspanne angegeben, als wir die Wette abgeschlossen haben.«

»Zwei Wochen«, sagte Kris, und in ihrem Kopf verstummte Nelly. Es ist richtig bizarr, wenn man schon daran, wie sich der Schädel anfühlt, erkennt, dass der eigene Computer schmollt.

»Funktioniert das so?«, fragte Tommy.

»Was funktioniert wie?«

»Nelly unter Kontrolle zu halten.«

»Sie ist niemals unter Kontrolle.«

»Das habt Ihr richtig erkannt, Eure Skipperschaft.«

»Entschuldigt, dass ich gefragt habe«, sagte Tommy und schluckte etwas herunter, was auf halbem Weg zwischen Schlingen und Glucksen lag.

»Nelly, ich möchte, dass du Recherchen nach den besten Helmen für die Besatzung anstellst, mit denen wir Hirnschäden und Nackenspannungen reduzieren können, wenn wir bei Ausweichmanövern von hohen Fliehkräften herumgeschleudert werden. Programmiere dann die Gefechtsstationen um, damit Kopf- und Nackenstützen die Helme fest umfassen und unsere Köpfe nicht mehr so ramponiert werden wie heute.«

»Wenn du zulassen würdest, dass ich das Schiff steuere, könntet ihr alle zu Hause bleiben«, wandte Nelly ein.

Fintch am Ruder zeigte eine ungläubige Miene.

»Ja, Nelly, aber die Navy ist in diesen Dingen altmodisch. Mach also einfach das, was ich von dir verlange, und wir kommen prima zurecht.«

Die restliche Rückfahrt verlief ruhig, während sich die gesamte Besatzung darum kümmerte, so viele Mängel auf der Liste des Chiefs zu beheben, wie möglich war, solange das Boot nicht im Dock lag. Die Anzahl war schon merklich geschrumpft, als Kris ihre ganze Truppe zum Anlegemanöver bestellte.

Kris sah Fintch über die Schulter, während die Steuerfrau das Boot elegant an den Pier lenkte, wobei der Buggreifer beim ersten Versuch einrastete. Diesem folgend zog sie das Boot weich an den Pier.

»Gut gemacht«, sagte Kris und versetzte Fintch einen wohlverdienten Klaps auf die Schulter.

»Stromkabel ans Pier verlegt«, meldete der Chief von seiner speziellen Raumdienstleitstelle auf dem Quarterdeck mittschiffs. »Luft-, Funk- und Wasserverbindung hergestellt. Die Luke steht offen.«

Der Luftdruck an Bord änderte sich kaum merklich. Keinem Schiff gelang es jemals, die exakt gleiche Atmosphäre wie auf der Raumstation aufrechtzuerhalten, nicht mal auf einem Tagesausflug.

»Captain, wir haben …« Der Satz brach ab.

»Chief, haben wir ein Problem?«, verlangte Kris zu erfahren, während ihr Blick über die eigene Station wanderte. Alle Lampen zeigten Grün. Mit dem Boot war alles in Ordnung. Nichts zeigte sich dort.

Nelly?

»Ich werde blockiert«, antwortete der Computer in bass erstauntem Ton. »Ich versuche mal …«

Kris drehte sich auf ihrem Kommandositz, als fünf Militärpolizisten in Armee-Khaki auf die Brücke marschiert kamen, angeführt von einem Major.

»Sind Sie Lieutenant Kristine Anne Longknife, manchmal Prinzessin genannt?«, wollte er wissen.

Es gibt Momente im Leben, von denen man einfach weiß, dass sie auf einen zukommen. Momente, von denen man schon als Kind weiß, dass sie irgendwann eintreten werden, bevor man stirbt. Vermutlich sind es für verschiedene Kinder verschiedene Momente. Stammt man aus einer Farmerfamilie, geht es vielleicht um einen Heuschreckenschwarm zur Erntezeit oder eine fantastische Ernte, die nie wieder ihresgleichen findet. Wenn man ein Militärbalg ist, weiß man, dass irgendwo da draußen eine Schlacht auf einen wartet, ein Kampf ums eigene Leben.

Kris war Tochter eines Politikers; irgendwie wusste sie, dass sie eines Tages kommen würden, um sie zu holen. Als Kind von neun Jahren hatte sie ein Video über Marie-Antoinette gesehen und sich gefragt, wie wohl die erste Festnahme oder diese abschließenden Schritte zur Guillotine gewesen sein mochten.

Ihr ganzes Leben lang fragte sich Kris schon, wie sie sich einem solchen Augenblick stellen würde, also kam es für sie sowohl überraschend … als auch gar nicht überraschend.

Sie stand auf, wandte sich dem Ankläger zu und antwortete schlicht: »Ich bin Kris Longknife.« Seltsam, wie in diesem Augenblick einfach alle Titel von ihr abfielen.

»Mir wurde befohlen, Sie Ihres Kommandos zu entheben und Sie unter Arrest zu stellen. Sergeant, legen Sie ihr Handschellen an.«

Kris’ Gedanken überschlugen sich. Was sollte sie jetzt tun? Sie wandte sich an Tom. »Du hast die Brücke«, sagte sie. Die Befehlsgewalt musste unmissverständlich weitergegeben werden. So machte man das bei der Navy. Dann wandte sie sich erneut dieser Invasion des Heeres auf ihrer Brücke zu.

»Darf ich nach dem Grund fragen?«, erkundigte sie sich und hielt die Arme an den Seiten. Widerstand war zwecklos … schlimmer noch, würdelos. Sie wollte jedoch verdammt sein, wenn sie denen auch noch half.

Keine weiteren Marines oder Navy-Angehörigen waren zu sehen, als ein Army Sergeant ein Paar Handschellen hervorholte und Tom zur Seite schob. Der Navy Lieutenant traf Anstalten, sich gegen den Grobian zu wehren.

»Keinen Widerstand leisten«, befahl Kris.

Tommy leistete dem Befehl Folge, aber die kleine Fintch trat einen Schritt vor und bremste so den zweiten Sergeant, als der auf Kris’ andere Seite drängte.

Der Major riss die Seitenwaffe aus dem Holster, was auch die beiden MPs hinter ihm taten.

»Keinen Widerstand leisten!«, befahl Kris, lauter diesmal. »Weder ich noch meine Besatzung sind bewaffnet. Weder können noch möchten wir Widerstand leisten. Fintch, lassen Sie die Männer vorbei, auch wenn sie sich ohne auch nur ein ›Mit Ihrer Erlaubnis‹ auf unserem Schiff breitmachen.«

Kris hatte zu oft von einer solchen Szene geträumt und war wieder wach geworden. Manchmal endete es friedlich. Manchmal nicht. Sie wusste, welchen Ausgang sie sich jetzt wünschte.

Die MPs hatten die Waffen gezückt und musterten die Brückenbesatzung nervös. »Major, die einzigen Bewaffneten auf dieser Brücke sind Ihre Leute. Niemand wird sich Ihnen widersetzen, also entspannen Sie sich.« Kris bemühte sich bei den zuletzt ausgesprochenen Worten, ihnen einen Tonfall erkennbar auffordernden Charakters mitzugeben. »Würde es Ihnen jedoch etwas ausmachen, mir zu erklären, was das alles soll?«

»Lady, ich habe meine Befehle. Diese Befehle verlangen, dass ich Sie festnehme, geben den Grund dafür aber nicht an. Manche von uns tun, was ihnen aufgetragen wird, verstehen Sie? Begleiten Sie uns jetzt, oder tragen wir Sie?«

Mac hatte Kris warnend darauf hingewiesen, dass nicht alle Welt über die Art und Weise glücklich war, wie sie in jüngster Zeit Kriege verhindert hatte. Diese Gruppe hier war erkennbar nicht unter ihren Fans rekrutiert worden.

Okay, die Marschrichtung ist erst mal, diesen Tag zu überleben, Mädchen. Die Schläger neben ihr wie auch die hinter dem Major gaben zu erkennen, dass sie sie nur zu gern getragen hätten. Und sobald sie die Griffel erst mal auf sie gelegt hatten, würde es auch gleich heißen, dass sie sich der Festnahme widersetzte, was ganz zufällig die maximale Anwendung von Zwangsmitteln rechtfertigte, die das Gesetz erlaubte.

»Ich bin vielleicht von der Navy, Major, aber ich weiß trotzdem, wie man geht.« Der Sergeant mit den Handschellen hatte ihre beiden Hände gepackt und fesselte sie ihr jetzt auf den Rücken. Kris fühlte sich verwundbar. Fürchterlich verwundbar. Trotzdem konnte sie noch gehen. Gefolgt von zwei Wachleuten, setzte sie sich in Bewegung; zwei weitere gingen ihr voraus. Die Soldaten wandten sich in die Richtung, aus der sie gekommen waren, und der Major stieß sich den Kopf an. PFs waren nicht mit Rücksicht auf Einsachtziger konstruiert worden.

»Seien Sie vorsichtig«, sagte Kris. »Tom, rufe Harvey im Haus an.«

»Ja, Eure Hoheit«, antwortete ihr Erster Offizier. Sie wussten beide, dass es hier um politisches Theater ging und jeder darin seine Rolle zu spielen hatte. Wenn sie ihre Rollen richtig spielten, blieben sie am Leben und konnten irgendwann den Enkelkindern davon erzählen und lachen.

Der Abstieg hinab zum Quarterdeck war nicht gerade einfach, aber Kris schaffte ihn, ehe ihre Knie zu zittern begannen. Ein Feuergefecht, bei dem man eine Waffe hielt und einen Feind vor sich hatte, den man angreifen musste, das war eine Sache. Handschellen zu tragen und von Wachleuten herumgeschubst zu werden war etwas ganz anderes. An der Luke hatten der Chief und seine Spezialabteilung Stellung bezogen. Stan entwickelte etwas, das nach einem ganz ordentlichen blauen Auge aussah.

»Tut mir leid, Ma’am.«

»Kein Problem, Chief. Sagen Sie dem Commodore, dass es mir leid tut, das Bier und die Party heute Abend zu versäumen.«

»Ja, Ma’am.«

»Möchten Sie meine Jacke?«, fragte der Chief. Kris war nicht kalt. Dann hörte sie die Kameras klicken und sah sich einem Blitzlichtgewitter ausgesetzt. Zwanzig, dreißig Kameracrews warteten draußen. Der Chief bot ihr die Jacke nicht an, damit sie es warm hatte, sondern damit sie eine Kapuze hatte, um ihr Gesicht zu verbergen.

»Nein, danke, Chief, das ist alles Teil der Übung«, sagte sie. Sie richtete den Kopf hoch auf und stieg über die Laufplanke ihres Schiffes, ohne einmal ins Stolpern zu geraten.

Das war wichtig. Nicht wie eine Gefangene zu wirken. Das war der zu vermittelnde Eindruck. Das war es, was sie für einen solchen Augenblick immer geplant hatte.

Die Wachleute folgten ihrem Weg, und Kris hielt mit ihnen Schritt. Sollten die Berichterstatter berichten, dass sie ihre Gefangene war. Sollten die Bilder Prinzessin Longknife zeigen, wie sie sich den Menschen mit einer Ehrengarde näherte. Kris hielt ihre Miene zwischen einem Lächeln und einem Stirnrunzeln. Kein finsterer Ausdruck, kein leeres Starren in diesem Augenblick. Traut euch nur, diese Bilder zu benutzen.

Nur bitte, lieber Gott, lass nicht zu, dass mir die Knie versagen!

Sie machte dann doch eine Ausnahme von ihrer Politik des Nichtreagierens. Dort, links von ihr, lugte Mr Singh mit seinen beiden Kindern, einem Jungen und einem Mädchen, durch einen Mob von Nachrichtenleuten hindurch. Sie starrten Kris mit großen Augen an. Vor Angst? Vor Staunen? Wie passte dieser Vorgang in ihre Welt, eine drei und eine fünf Jahre alte Welt? Kris meißelte ein Lächeln aus dem Marmor, zu dem sie ihre Lippen gehärtet hatte. Sie nickte den dreien einen Zentimeter tief zu. Da winkten die Kinder begeistert, die reine Freude über dieses Zeichen der Aufmerksamkeit. Goran Singh zeigte ihr einen erhobenen Daumen.

Einen Augenblick später hatte sie die Tür des bereitstehenden Stationswagens erreicht. Sie setzte sich hinein und wandte sich erneut den Kameras zu, um den Linsen das erwartete Prinzessinnenlächeln zu zeigen. Nur ein weiterer Tag, um die royale Persönlichkeit zu geben. Der Sergeant knallte die Wagentür unnötig heftig zu, und Kris blieb allein mit ihren Wachen zurück, während der elektrische Karren leise davonfuhr.

Jetzt, außerhalb des Blickfelds der Kameras, würde Kris herausfinden, wie ihre Chancen standen, den nächsten Tag zu erleben.

2

Sind Sie Prin-ze-ssin Longa-knife?«, fragte der Wachmann.

Kris versuchte, ihre Erschöpfung durch Blinzeln zu vertreiben, und führte eine Bestandsaufnahme ihrer drei mal vier Meter großen Zelle durch: kalt, grau in grau, Boden und Wände aus Beton, Steinplatte ohne Matratze als Bett, eine Toilette ohne die Gefälligkeit eines Sitzes. Es stank nach alter Kotze, aber außer Kris war niemand hier.

Sie gab die Knie frei; sie hatte sie ans Kinn gezogen gehabt, um etwas Wärme zu finden, etwas Menschliches zu spüren. Jetzt gestattete sie sich, die schlaflosen Glieder zu strecken. Der blaue Schiffsoverall kennzeichnete sie als Navy Lieutenant; er listete ordentlich den Namen Longknife auf der rechten Brust. Sie schluckte mehrere scharfe Bemerkungen herunter, denn sie bezweifelte, dass der Wachmann die gut gelaunt aufgenommen hätte, und begnügte sich stattdessen mit: »Ich bin Kris Longknife.«

»Jemand ist endlich gekommen und hat für Sie unterschrieben.« Der Corporal kicherte und gab einer Überwachungskamera ein Zeichen. Die Zellentür öffnete sich summend.

Kris rief sich in Erinnerung, dass alles, was diese Kamera aufnahm, dazu dienen würde, sie in den Medien im denkbar schlechtesten Licht zu zeigen, ein Eindruck, der sich auch auf ihren Vater, den Premierminister, und, wichtiger noch, auf Opa Ray, den König, erstrecken würde. Hungrig, müde und wütender als je zuvor im Leben erhob sich Kris mit so viel Anmut, wie es die schmerzenden Muskeln erlaubten, und legte sorgsam die Schritte zur Tür zurück. »Danke«, sagte sie zu dem Mann, als hätte er ihrer königlichen Person soeben einen großen Dienst erwiesen.

»Nichts zu danken«, sagte er und blickte dann mit mürrischer Miene zur Kamera hinauf, als könnte er diese Worte irgendwie zurücknehmen. Es gab mehr als nur eine Möglichkeit, Revanche zu nehmen, erinnerte sich Kris.

Er machte seinen Fehler wieder gut, indem er sie am Ellbogen packte und anzutreiben versuchte. Kris war zu müde, empfand zu starke Schmerzen und hatte viel zu viele weitere Probleme, als dass dieser Versuch gut hätte ausgehen können. »Könnten wir bitte langsamer gehen?«, fragte sie. »Meine Schuhe haben keine Schnürsenkel, und wenn ich zu schnell gehe, bleiben sie vielleicht liegen.«

»Oh.« Der Wachmann blickte hinab und wurde langsamer. »Tut mir leid.«

Kris bezweifelte, dass es das war, was seine Vorgesetzten auf den Bildern sehen wollten, aber sie hatte oft festgestellt, dass ein Hauch Menschenfreundlichkeit in einer schlimmen Lage andere ermunterte, ebenfalls menschenfreundlich zu sein. Heute hatte es funktioniert. Sie würde es nicht persönlich nehmen, wenn das morgen nicht mehr der Fall war.

Der Gefängnisirrgarten, durch den man sie gestern Abend geführt hatte, wurde jetzt in Gegenrichtung durchquert. Der Weg spuckte sie im Aufnahmeraum aus. Ein neuer diensthabender Sergeant verfolgte die Kamerabilder auf seinen Monitoren; er ignorierte Kris gezielt. Nelly, hast du die Nummer seiner Marke?

Darauf kannst du wetten.

Kris war Raumflottenoffizier, aber als Tochter eines Politikers großgezogen worden. Diese Nacht würde sie ihnen noch heimzahlen.

Von dünnen Plastikstühlen, die dem Käfigkasten des diensthabenden Sergeants gegenüberstanden, erhoben sich zwei vertraute Gestalten. Jack war keine Überraschung.

Special Agent Montoya, der Chef ihrer Sicherheitsabteilung, hätte in der Lage sein müssen, Kris’ Freilassung zu erreichen, indem er mal eben seine Marke zückte. Eine Marke war jetzt jedoch nicht zu sehen.

Neben Jack stand Uropa Trouble auf. Er hieß im Grunde anders, aber er war im Zuge seiner langen Karriere bei den Marines so vielen Menschen – und nicht ausschließlich Feinde – als Trouble bekannt geworden, dass er sogar für Kris’ Mutter heute so hieß. Namentlich und faktisch. Ehemals Chef der Generalstäbe etlicher Planeten, war er inzwischen halbwegs im Ruhestand. Heute trug er eine zivile Hose und ein Hemd mit drei Knöpfen. Und falls irgendjemand den kerzengeraden Rücken und die kurzgeschorenen Haare als Stilmittel irgendeines beliebigen Offiziers im Ruhestand auffasste, so hatte er verdient, was er bekam.

Kris hatte mehrere Millionen Fragen, aber ein kurzer Blick auf Jack und Opa zeigte ihr, dass sie nicht vorhatten, unter den wachsamen Augen der Überwachungskameras auch nur ein Wort zu sagen.

Nelly, wie ist die Nachrichtenlage?

Kris, ich erhalte noch immer keinen Zugriff auf das Netz. Keine Mail, keine Nachrichten, nicht eine einzige Funkwelle. Ein Störgeräuschsender mit kurzer Reichweite, der sämtliche Frequenzen blockiert, folgt uns seit dem Zeitpunkt deiner Verhaftung. Ich kann ihn nicht durchdringen. Dazu verfüge ich nicht über genug Energie. Möchtest du, dass ich es trotzdem versuche? Falls es fehlschlägt, bleibt vielleicht nur ein kleines Rinnsal von mir übrig.

Nein. Wir sind bald draußen. Dann finden wir heraus, was hier eigentlich los ist. Kris schwieg, während der Sergeant Opa Troubles IDent durch seine Maschine jagte, einen Blick auf die Ergebnisse warf … und erbleichte.

Er flüchtete auf die andere Seite des Käfigkastens und übergab Kris’ Entlassung an eine muntere Frau mit den Streifen eines Specialist vierten Grades. Sie schenkte Kris doch tatsächlich ein mattes Lächeln, während sie ihre persönlichen Habseligkeiten brachte. »Das alles tut mir leid. Wir haben sehr klare Befehle des Stabschefs erhalten, wie wir mit Ihrem Fall umgehen sollen.«

»Von Mac?« Kris wusste, dass sie General McMorrison das eine oder andere Problem eingebrockt hatte, aber das hier!

»Nein, Ma’am. Von Admiral Pennypacker, dem neuen Stabschef.«

Kris hatte gedacht, dass sie alle ranghohen Offiziere namentlich kannte, aber Pennypacker sagte ihr nichts. Sie warf Opa Trouble einen Blick zu.

»Bitte sehen Sie zu, dass Sie den Lieutenant endlich entlassen«, befahl dieser. »Mr Montoya und ich haben nicht den ganzen Tag Zeit.«

»Ja, Sir.«

Mr Montoya! Kein Agent!

Die Spec 4 sah Kris’ Brieftasche durch. »Sie wurden angewiesen, Ihren Diplomatenpass innerhalb von vierundzwanzig Stunden abzugeben.«

»Ich verreise nicht. Sie haben mein Schiff!«, blaffte Kris.

»Ma’am, ich befolge nur meine Befehle. Morgen in einer Woche findet eine gerichtliche Anhörung statt. Man wird Sie über den genauen Zeitpunkt und Ort informieren, sobald wir Ihnen die gegen Sie erhobenen Anklagepunkte übermitteln. Wenn Sie sich keinen Rechtsbeistand leisten können, stellt die Raumflotte Ihnen einen«, sagte die Frau, blickte in die Datei und setzte hinzu: »Oh, klar, Sie sind ja eine dieser Longknifes.«

»Teilen Sie der Navy mit, dass sie mir einen Rechtsbeistand zur Seite stellen soll.« Kris wollte sich außerdem einen Anwalt nehmen, aber die Qualität des Beistandes, den ihr die Navy gewährte, würde ihr ebenso viel über den Ausgang des Kriegsgerichtsverfahrens verraten wie das Urteil selbst.

Noch fünf weitere Minuten lang zog sich die Agonie hin, bis Jack endlich zur Seite trat und Kris die Tür öffnete … und Kris sich der letzten Person auf der Welt gegenübersah, der sie begegnen wollte: Adorable Dora, Moderatorin der Show Worüber die Stadt wirklich spricht – um zwei, versperrte ihr den Weg.

Chirurgen hatten die perfekte Nase wiederhergestellt, seit sie zuletzt von einem Interviewpartner gebrochen worden war. Zwei Männer, deren stattliche Staturen von zahlreichen Minikameras gesäumt wurden, leisteten Dora Unterstützung. Kris fühlte sich wirklich nicht danach, die Frau zu Boden zu schlagen, denn dafür war sie einfach zu müde. Sie wollte nur nach Hause und einen stillen Winkel finden, in dem sie sich ein Loch graben konnte, um für eine oder zwei Stunden darin zu verschwinden.

Wenn Dora jedoch darauf bestand, zwischen Kris und diesem stillen Loch zu stehen, dann führte dies womöglich dazu, dass Kris ihre Prioritäten neu sortierte.

»Was halten Sie davon, dass Ihr Dad die Farmer hintergangen hat?«

»Ich wusste gar nicht, dass er das hat«, sagte Kris und lächelte dabei, wie man es ihr beigebracht hatte, während sie zugleich nach links auswich. Opa Trouble baute sich zwischen Dora und Kris auf. Kris ging zwei weitere Schritte, ehe sie sich von einem der beiden Muskelprotze und der Erkenntnis gestoppt fand, dass sie nicht wusste, wohin sie gehen sollte. Keines der Fahrzeuge auf dem Parkplatz sah nach einer der Luxus- oder Panzerlimousinen aus, wie sie normalerweise Haus Nuu zugeteilt wurden.

»Der Mietwagen dort drüben ist unserer«, sagte Jack, der sich an Kris vorbeiwalzte und Kamera eins blockierte, während er auf eine fünf Jahre alte himmelblaue Limousine deutete. Kris nutzte die sich bietende Öffnung und näherte sich rasch dem Wagen. Dora holte sie jedoch mit einem Umgehungsmanöver ein.

»Wie fühlen Sie sich, wenn Ihr früherer Kommandierender Offizier Ihnen die Veruntreuung staatlicher Mittel vorwirft?«

Damit brachte sie Kris ins Stocken, was Dora und ihren beiden Kameraleuten Gelegenheit bot, in Stellung zu gehen. Kris holte Luft, warf einen Blick auf Jack, der die Augen verdrehte, und riskierte eine Frage. »Hat dieser mein früherer Kommandierender Offizier auch einen Namen?«

Es gab da mehrere ehemalige Kommandierende Offiziere. Manche lebten sogar noch. Einige wenige dienten sogar noch in Ehren.

»Lieutenant Pearson, Ihre Befehlshaberin auf Olympia. Sie sagt, Sie hätten stattliche Summen aus den Notfonds eingesteckt, die für Lebensmittellieferungen an die hungernden Farmer und Stadtbewohner dort vorgesehen waren.«

Diesmal geriet Kris noch mehr außer Tritt. Das ermöglichte Jack, sie einzuholen und einen Kameramann zur Seite zu drängen, weg von dem Mietwagen. Opa öffnete die Tür für Kris, die Stellung bezog, um erst das Interview zu beenden und dann im Wagen zu verschwinden. Sie holte Luft und ordnete Gedanken, die gleichzeitig erschöpft waren und doch wild rotierten.

»Ich habe mit Pearson gedient, aber nie unter ihr. Sie war damit befasst, politische Richtlinien zu schreiben, von denen ich glaube, dass sie nie damit fertig geworden ist. Ich habe dafür gesorgt, dass die Menschen etwas zu essen bekamen.« Kris traf Anstalten, sich in den Wagen zu ducken.

Dora war nicht bereit, es damit bewenden zu lassen. »Sie gibt an, Beweise zu haben, dass auf vielen Konten Geld fehlt.«

Kris hielt sich aufrecht, indem sie sich an der Wagentür festhielt. »Zweifellos ist in ihrem Dienstbereich Geld verschwunden. Sie blieb zum Teil tagelang in ihrem Büro und ging niemals hinaus, um nachzusehen, was tatsächlich geschah. Sie liebte ihre politischen Richtlinien wirklich. Ich dagegen habe aus der eigenen Tasche Geld investiert, damit Menschen sich aufrappeln konnten, damit sie aus dem Schlamm aufzustehen vermochten und wieder auf die Beine kamen. So, dass sie wieder arbeiten konnten. Sehen Sie sich meine Steuererklärungen an. Sie gehören zu den offiziellen Akten. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden – ich bin müde, und dieses Interview ist beendet.«

»Denken Sie, dass Ihr Dad die Wahl gewinnt?«

Da brauchte sie nicht zu überlegen. »Natürlich. Seine Partei repräsentiert die Hoffnungen und Sehnsüchte der Menschen Wardhavens am besten«, sagte Kris und zog die Wagentür zu.

»Tut mir leid, was das angeht«, sagte Jack, während er auf dem Fahrersitz Platz nahm. Er vollführte eine Geste, die sich auf das Fahrzeug bezog. »Und das hier. Es war das Einzige mit der nötigen Panzerung und Sicherheit, das wir kurzfristig bekommen konnten. Dein Dad und dein Bruder haben die neuen genommen.«

»Falls mir nicht bald jemand etwas erklärt«, stieß Kris zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch, »breche ich das Versprechen, das ich meinem großen Bruder gegeben habe, und bringe in diesem Monat doch noch jemanden um.«

»Halte dich noch einen Augenblick lang im Zaun«, bat Jack sie – und brachte einen Wanzensucher und -brenner zum Vorschein.

»Ich orte drei Wanzen«, meldete sich Nelly zu Wort. »Zwei davon sind Standardmodelle von Reportern, aber die dritte ist ein teureres Modell. Kris, ich habe aus dem Netz umfassend aktuelle Nachrichten heruntergeladen. Soll ich dich ins Bild setzen?«

Zwei kleine Funkenschläge in der Luft zeigten, wo Jack die Probleme bis auf eines erledigt hatte. Kris knirschte mit den Zähnen und wartete. Nelly war eine gute Nachrichtenquelle, aber Jack wusste, wofür sich Kris interessierte. Er würde ihr sagen, was sie wissen wollte, ehe sie fragen musste.

Ein dritter Nanobot ging schließlich in Flammen auf und zog beim Absturz auf die Fußmatten eine kleine Rauchfahne hinter sich her.

»Jack, Opa, was ist passiert?«, fragte Kris in einem, wie sie fand, staunenswert beherrschten Ton.

»Um halb elf gestern Vormittag«, berichtete Jack leise, »verlor die Regierung deines Vaters eine Vertrauensabstimmung wegen der Einschnitte in die Farmsubventionen, die sie vornehmen wollte, um das durch die gestiegenen Verteidigungsausgaben entstandene Defizit zu mindern.«

»Das ist unmöglich. Vater hatte mit dem Farmerflügel in der eigenen Partei eine solide Absprache, was die Rückführung der Subventionen anging.« Kris verbrachte vielleicht ihre meiste Zeit in der Navy, aber sie konnte nicht die unvermeidlichen gesellschaftlichen Mindestpflichten einer Prinzessin erfüllen, ohne sich über politisch derart heikle Fragen, wie denen des Agrarbudgets, auf dem Laufenden zu halten.

»Anscheinend hatte mein Enkel die landwirtschaftlichen Familienunternehmen nicht so fest in der Tasche, wie sie es ihm zugesagt hatten«, warf Opa ein. »Nach meiner bescheidenen Meinung kam die Entwicklung für deinen Dad wirklich überraschend.«

»Also stellt die Opposition jetzt bis zu den Wahlen eine Interimsregierung«, sagte Kris und lehnte sich zurück. Sie wusste, wie so etwas lief. Politik für Anfänger. Sie hatte das schon beim Verzehr von Haferbrei als Grundkenntnis erworben, ehe sie aus den Windeln war. Ihr Leben lang waren jedoch ihr Vater oder Großvater Premierminister gewesen und die Opposition kaum mehr als eine Stimme, die aus der Wildnis der Hinterbänkler aufstieg.

Kris dachte darüber nach, was sie erfahren hatte. »Eine provisorische Regierung dürfte jedoch nicht die Politik ändern … oder einen neuen Generalstabschef wie Pennypacker ernennen …«

Jack legte direkt den nächsten Takt nach. »Diese Interimsregierung baut jedoch auf einer soliden Mehrheit auf, die ihr umfassende Vollmachten übertragen hat – angesichts der aktuellen Lage im von Menschen besiedelten Weltraum. Und mit dieser Mehrheit im Rücken haben sie König Rays Unterstützung gewonnen.«

»Wie hat Vater es aufgenommen?«

»Gar nicht gut.«

»So ist es.« Opa lachte in sich hinein. »Meine Güte, aber der alte Knabe hat Gift und Galle verspritzt. Das war ein Anblick. Es wird ein Klassiker bei der Behandlung der Frage werden, wie man keine zukünftigen Vertrauensabstimmungen verliert.«

»Na ja, wir Longknifes sind nun mal auch nicht sonderlich geübt darin zu verlieren«, stellte Kris trocken fest.

Jack ignorierte ihren Scherz und fuhr fort: »Und die Opposition hatte ein gutes Argument auf ihrer Seite. Bei all den Kriegen und Gerüchten von Kriegen ist jetzt keine gute Zeit für die Regierung von Wardhaven, um auf der Stelle zu treten. Viele Bundesgenossen deines Vaters schlugen sich auf ihre Seite. Sie haben versprochen, wieder für deinen alten Herrn zu stimmen, falls und wenn er die Vollmacht zur Bildung einer neuen Regierung erhält. Aber derzeit fanden sie es offenbar besser, die Interimsregierung zu unterstützen. Ich denke, deshalb hat König Raymond auch ihren Anspruch befürwortet, ein Kabinett zu ernennen und die Zügel der Macht fest in die Hand zu nehmen. Jedenfalls ist nun mal geschehen, was geschehen ist.«

»Und was genau ist geschehen, Mr Montoya?«

»Oh, das.« Jack wirkte doch tatsächlich verlegen. »Da du nicht mehr Tochter des Premierministers bist, steht dir auch kein Personenschutz zu. Also wurde ich abberufen und mit dem Schutz der jüngsten Tochter des neuen Premierministers beauftragt.«

Kris warf einen Blick auf die Uhr, was sie schneller tun konnte, als Nelly nach der Uhrzeit zu fragen. »Wann beginnt deine nächste Schicht?«

»Ich habe den neuen Auftrag abgelehnt und bin bis zu meiner Entlassung vom Dienst freigestellt worden«, antwortete Jack schnell. »Ich widerrufe meinen Rücktritt, wenn dein Vater wiedergewählt wird, Prinzessin. Tilly Pandori ist eine echte Rotzgöre, und ich will verdammt sein, wenn ich bereit bin, eine Kugel für die einzufangen.«

Nachdem sie viele Stunden lang zugehört hatte, wie die Tochter des Oppositionsführers auf Partys schwafelte, konnte Kris keine Argumente gegen Jacks Geschmack vorbringen. Sie hatte damit jedoch ihren ersten Hinweis darauf erhalten, dass selbst seine Professionalität Grenzen kannte.

Das warf für sie aber auch die Frage auf, ob Jack nicht noch mehr Gründe hatte, an ihrer Seite zu sein, als, na ja, den Befehl dazu erhalten zu haben.

Zeit, dieses Thema zu wechseln.

»Wirft man mir wirklich die Veruntreuung von Staatsgeldern vor?« Kris bemühte sich um einen gelassenen Tonfall … und hatte beinahe Erfolg damit. »Der verdammte Einsatz in diesem Sumpf dort hat mich ein kleines Vermögen gekostet.« Ganz zu schweigen davon, dass er sie – zweimal – beinahe das Leben gekostet hätte.

»Muss wohl«, sagte Jack. »Pearson hat es in allen Talkshows behauptet. Sie hat bedrucktes Papier, um es zu belegen. Hat ständig damit gewedelt, obwohl sie nicht zugelassen hat, dass jemand mal einen genauen Blick darauf warf.«

Kris konnte nur noch den Kopf schütteln. »Keine gute Tat bleibt ungestraft. Ja, das Geld, das ich gespendet habe, hat mir eine satte Steuerminderung eingetragen. Aber die bloße Vorstellung, ich hätte mich dazu erniedrigt, den hungernden Farmern den Reis, die Bohnen und ihre Notfallkekse zu stehlen … Und zur gleichen Zeit ließ ich mich zugleich für dieses Privileg unter Feuer nehmen. Nelly, was treibt der Ruth-Edris-Fonds für landlose Farmer auf Olympia? Schicken wir ihnen immer noch jeden Monat Geld?«

»Nein, Kris. Inzwischen gehen dort mehr örtliche Spenden ein, als Geld ausgezahlt wird. Ich habe den Vorstand gebeten, sich darüber Gedanken zu machen, ob der Fonds geschlossen werden soll, oder ob Vorschläge unterbreitet werden, das Geld in niedrigverzinste Kredite zu investieren, die es den Menschen ermöglichen, kleine Geschäfte aufzubauen oder sich auf aufgegebenem Farmland niederzulassen. Die Idee gefiel ihnen, und sie wollen dir noch den geschäftlichen Vorschlag unterbreiten, den Fonds zu einer Genossenschaftsbank umzustrukturieren.«

»Nun, wenn Pearson plant, mit dieser Sache vor dem Gericht der öffentlichen Meinung aufzutreten, während mein Vater um sein politisches Leben rennt, Nelly, dann schickst du besser eine Nachricht an Ester oder Jeb und bittest sie, Interviews mit ihren örtlichen Medienveranstaltern auf Olympia zu arrangieren. Vielleicht auch einige mit den Predigern, Priestern und Rabbinern, mit denen wir zusammengearbeitet haben.«

Opa Trouble schüttelte den Kopf. »Mädchen, ein nettes Interview aus der Konserve, aufgenommen auf irgendeinem Posemuckel-Planeten in fünfzig Lichtjahren Entfernung, wird nicht viel hermachen, wenn die andere Seite Menschen gleich hier von einer Talkshow zur nächsten treibt.«

»Warte mal, Nelly«, sagte Kris, die wusste, dass Opa Recht hatte. Verdammt, sie hätte diese Erinnerung niemals nötig gehabt, wäre sie nicht so erschöpft gewesen. »Sende einen Scheck über vier oder fünf Tickets plus Tagespauschalen für diese Leute und bitte Ester, einige Freiwillige herzuschicken.«

»Wenn du sie dafür bezahlst, wird das nicht allzu gut aussehen«, gab Jack zu bedenken.

»Also, wenn ich es nicht tue, sehe ich schlecht aus. Wenn ich es tue, sehe ich beschissen aus. Verschone mich! Und sorge für ein Frühstück, ein Nickerchen und eine Dusche. Das ist so ziemlich der schlimmste Vormittag, den ich je erlebt habe.«

»Wenn diese Pearson nicht dein Boss auf diesem durchweichten Planeten war, vielleicht könntest du dann die Person, die es war, für dich sprechen lassen«, schlug Opa vor.

»Colonel Hancock war mein Vorgesetzter, und ich habe ihm direkt unterstanden. Er hat dafür gesorgt, dass nur so wenige Leute wie irgend möglich Pearson unmittelbar unterstanden.«

»Klingt nach einem klugen Mann«, war ein hohes Lob, wenn Opa es aussprach.

»Colonel Hancock«, sagte Jack leise.

»Ja«, bekräftigte Kris und nickte. »Lieutenant Colonel James T. Hancock, SHMC.«

»Oh, der!« Opa schüttelte den Kopf. »Die Talkshow-Moderatoren der Gegenseite werden Schaum auf den Lippen haben, wenn sie ihn als deinen Leumundszeugen präsentiert bekommen.«

»Entgeht mir hier etwas?«, fragte Jack und wandte den Blick aus der Fahrtrichtung, in die sich der Wagen automatisch bewegte. »Ich könnte mir vorstellen, dass ein Marine Colonel der ideale Leumundszeuge wäre.«

»Aber nicht, wenn man diesen Colonel weder für schuldig noch für unschuldig befinden konnte, Maschinengewehre zur Bekämpfung zivilen Aufruhrs einzusetzen«, sagte Trouble.

»Oh, dieser Colonel Hancock«, sagte Jack und wandte sich ab. »Vielleicht könnte man arrangieren, dass er Pearson öffentlich lobt.«

Opa Troubles Schweigen war alles, was Kris zu hören brauchte.

»Ich denke, es gibt einen guten Grund dafür, warum er immer noch auf Olympia sitzt und vermutlich dort bleiben wird, bis er im Sumpf versunken ist. Aber es waren noch andere Leute mit mir auf dem Planeten. Da hätten wir Tom. Er war im Lagerhaus an meiner Seite. Er hat gesehen, was dort vor sich ging.«

»Der Tom, der in eurem Haus heiraten wird?«, fragte Jack. »Die Küchencrew ist schon ganz aufgeregt wegen der Hochzeitstorte.«

Hmm, vielleicht wirkte Tom im Augenblick nicht gar so neutral.

»Nun, uns bleibt noch eine Woche«, schloss Kris.

»Vielleicht auch nicht«, warf Nelly ein. »Ich habe die aktuellen Nachrichten gesichtet, Kris, und ich denke, dass die Medien in einem Modus laufen, den man ›Blutrausch‹ nennt. Soll ich dir ein paar Kostproben zeigen?«

Jetzt war es an Kris, Opa anzusehen und fragend eine Braue hochzuziehen? »Ist es so schlimm?«

»Ich glaube, die Gegenseite plant, dich vor ein Mediengericht zu stellen und deinen Vater an eurer höchsten Rah aufzuhängen. Oder etwas gleichermaßen Seemännisches.«

Kris gab ein Wort von sich, das Prinzessinnen eigentlich gar nicht kennen durften, und lehnte sich zurück.

Sie setzten Opa Trouble vor seinem Stadthaus ab, was sich als kluge Maßnahme erwies, denn vor Haus Nuu kampierte ein Medienzirkus. Übertragungswagen und Kameras bildeten Belagerungslinien vor der Grundstückseinfahrt.

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