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Kris Longknife: Das Kommando

Über den Autor

Mike Shepherd ist in der Marine groß geworden und lernte dort früh, was Veränderung und Befehlshierarchie bedeuten. Er arbeitete als Barkeeper und Taxifahrer, Personalreferent und Tarifunterhändler. Nach seiner Arbeit an Datenbanken über die gefährdeten Arten des Nordwestens lebt er heute zusammen mit seiner Frau Ellen und deren Mutter in Vancouver, Washington. Er liebt es zu lesen, zu schreiben, zu träumen, Enkelkinder zu betrachten und dabei Storyideen zu entwickeln sowie seinen Computer zu aktualisieren – alles niemals endende Aufgaben.

MIKE SHEPHERD

KRIS LONGKNIFE

DAS KOMMANDO

ROMAN

Aus dem Amerikanischen
von Thomas Schichtel

BASTEI ENTERTAINMENT

1

Die Schritte Lieutenant Kris Longknifes warfen Echos an den Wänden der Raumstation. Kris hatte erwartet, dass auf High Chance rege Tätigkeit herrschte, doch die Raumstation wirkte wie eine ausgespülte Blechdose: bereit für die nächste Recycling-Tonne.

Von einem Empfangskomitee ihres neuen Kommandopostens – Flottenbezirk 41 – war nichts zu sehen. Keine Spur von irgendetwas … Lebendigem.

»Es hieß, es wäre ein eigenständiges Kommando«, flüsterte Kris vor sich hin.

»Hieß es auch, dass es hier einsam sein würde?«, fragte jemand hinter ihr.

Kris drehte sich um. Lieutenant Penny Pasley-Lien hatte während der Fahrt hinaus nach Chance kaum je etwas gesagt. Es lag nicht lange zurück, da war sie eine Braut gewesen, und es lag kaum weniger zurück, dass sie zur Witwe gemacht worden war. Kris versuchte, daraus schlau zu werden, ob Pennys Worte scherzhaft oder ernst gemeint gewesen waren, und fand, dass die Bemerkung auf Messers Schneide balancierte.

»Zumindest sind keine Spuren eines Angriffs zu sehen«, stellte First Lieutenant Jack Montoya fest, der volle Gefechtspanzerung trug – und in vollem Paranoia-Modus lief. Jack, inzwischen ein Angehöriger der Royal United Sentient Marines, hatte zuvor im Secret Service des Planeten Wardhaven gedient. Über die genauen Umstände seines Laufbahnwechsels wollte Kris im Augenblick lieber nicht nachdenken.

Seine uniformierte Präsenz an ihrer Seite erinnerte nur allzu gut daran, dass Uropa Trouble zwar ein gutes Stück über hundert Jahre alt war, Schwierigkeiten aber immer noch wie magisch anzog. Jacks M-6-Sturmgewehr folgte seiner Blickrichtung, während er die leere Raumstation sondierte. »Nichts zu sehen«, stellte der frischgebackene Marine schließlich fest.

Kris hatte von diesem Blinde-Kuh-Spiel – besser gesagt Blinder-Ochse-Spiel – die Nase voll. »Nelly, nimm bitte Zugriff auf das Sicherheitssystem der Station.«

Nelly war Kris’ Leibcomputer – ein halbes Kilogramm selbstorganisierender Schaltkreise, das sie um die Schultern gewickelt trug. Seit dem letzten Upgrade war Nelly elegant und unmittelbar mit Kris’ Gehirn verbunden. Dafür würde eine Neuanschaffung jetzt auch etwa so viel kosten wie die halbe Raumstation. Vielleicht mehr, denn dass sich an diesem Ort hier niemand aufhielt, ließ die Station nur um so heruntergekommener erscheinen.

»Kris, das kann ich nicht«, erfolgte Nellys beinahe wehleidig klingende Antwort.

»Und warum nicht?«, wollte Kris wissen.

»Weil jemand die Station mit dem Hauptschalter deaktiviert hat«, warf Chief Beni ein, während Nelly eine etwas genauere Erklärung gab, die auf dasselbe hinauslief. Nelly klang doch tatsächlich verärgert, sobald sie ihre Feststellungen ein gutes Stück nach Beni abgeschlossen hatte.

Womit Kris’ zunehmender Argwohn bestätigt war, dass ihr Elektronikgenie Beni und ihr Elektronikwunder Nelly eine geschwisterliche Rivalität entwickelten.

Kris hatte Benis Technikmagie jedoch in den zurückliegenden drei Monaten im Ausbildungskommando benötigt. Und im Flottenbezirk 41 brauchte sie ihn nur noch mehr. So, wie die Dinge aussahen – beziehungsweise nicht vorhanden waren –, konnte sie sich nicht erlauben, jemanden zu verlieren.

Und ein Leben ohne Nelly war undenkbar.

Doch Kris hatte in jüngster Zeit immer besser gelernt, das heiklere Problem zu umgehen, und wandte sich lieber dem unmittelbaren zu. »Also, wo finde ich diesen Schalter?«

»Hier entlang«, sagten der Chief und Nelly gleichzeitig. Der Fingerzeig des Chiefs erwies sich als ein wenig langsamer, da Jack den Mann in volle Weltraumpanzerung gesteckt hatte. Nelly ließ eine Lampe aufleuchten und markierte so den schmalen Korridor neben dem Dragon-Queen-Chinaimbiss inmitten all der Läden auf der mittleren Stationsebene.

Wie alles andere hier war der Imbiss mit Planken zugenagelt.

Kris führte ihre Crew über Stationsdeck 1 mit dem üblichen grauen Teppichboden und einer unüblichen Dekoration hinaus. Jeder Quadratzoll Wand war hier ein Gemälde. Die Station sah aus wie ein Kunstmuseum. Oder vielleicht ein Kunststudio. Dabei deckten die Malereien das ganze Spektrum der Kunstgeschichte von primitiv bis impressionistisch ab. Kris’ Mutter hätte vielleicht das eine oder andere Werk erworben.

Sogar der matt beleuchtete schmale Gang, durch den Kris ihre drei Mitarbeiter führte, sah aus wie das Tagewerk eines Künstlers im Zoo.

Es fiel ihr schwer, Jack als Untergebenen zu betrachten, und die Gründe dafür wurden jedes Mal deutlicher, wenn der First Lieutenant der Marines ihr einen Befehl erteilte. Und sie hatte schon auf der OKS, der Offizierskadettenschule, gelernt, einen Chief nie geringer zu achten als Gott. Beni hatte seinen Anspruch auf Göttlichkeit zwar belastet, als er die Bombe auf Tristan gar nicht und die auf Kaylia nur soeben noch rechtzeitig entdeckte. Trotzdem war Kris beiden Mordanschlägen entkommen, wenn sie auch innerhalb des Ausbildungskommandos dadurch ganz klar zur unerwünschten Person geworden war.

Hoffentlich lief es in Flottenbezirk 41 besser für sie.

Den Fahrstuhl fanden sie in einer faden grauen Umgebung vor, die nach Müll stank. Jack erweckte den Eindruck, er wolle am liebsten eine Testfahrt absolvieren, aber Kris erreichte die Schalter als Erste, öffnete die Kabine und trat ein. Sie bezog an der Rückwand Position und stellte Jacks Entschlossenheit auf die Probe. Ob er sie wieder herauszerren wollte?

Jack musterte sie eine Sekunde lang, als wollte er sie sich am liebsten über die Schulter werfen und sie zurück zur Stolz von St. Petersburg schleppen. Er überlegte es sich jedoch offensichtlich anders, als Beni auf die Taste für Drei drückte. Nelly hatte sie informiert, dass man auf Drei das Kommandodeck finden würde. Sie fuhren los. Penny stand still in ihrer eigenen Ecke und wirkte so viel kleiner als die strahlende Frau, die noch vor so kurzer Zeit zu Tommy gesagt hatte: »Ich will.«

Die Fahrt verlief ruckartig, begleitet von Blicken eines Royal Marine, in denen Hab-ich’s-nicht-gesagt zu lesen stand. Kris starrte an die Decke, eine Übung, in der sie allmählich richtig gut wurde, und sie fuhr damit fort, bis der Fahrstuhl holprig anhielt.

Die Tür stockte, als sie gerade mal halb offen stand.

Kris beugte sich vor und blickte an zwei Männerköpfen vorbei, die einen großen Raum musterten, matt erhellt von einer flackernden Lampe. Korridore führten in verschiedene Richtungen, manche davon noch armseliger beleuchtet. Andere lagen gänzlich dunkel da. Und alles war im üblichen Navygrau gehalten.

Abgesehen von einem Klecks an der Wand gegenüber.

»Sieht nach Blut aus!«, schnauzte der Marine-Lieutenant. »Beni, warum haben Sie Ihre Waffe noch nicht gezogen?«

»Sofort, Sir«, sagte der Chief und zog seine Dienstautomatik.

»Ihr Leute von der Navy haltet euch hinter mir«, sagte Jack zu den ranghöheren Offizieren vor Ort, die ihre Hälse reckten, um einen Blick über seine Schulter zu ergattern. »Beni, geben Sie mir Deckung!« Und der Marine glitt im vollen Angriffsmodus zur Tür hinaus.

Da man die OKS-Ausbildung für ihn abgekürzt hatte – sodass ihm nur noch ein Gunnery Sergeant gezeigt hatte, wie er die Uniform trug, ohne das ganze Corps zu blamieren –, musste der Secret Service bei Jacks früherer Ausbildung auch die Arbeit in Spezialeinsatzkräften berücksichtigt haben, denn er wirkte tödlich und entschlossen.

Kris überlegte sich, dass jetzt vielleicht ein guter Zeitpunkt war, um seinen Sorgen Rechnung zu tragen. Sie zog eine Automatik aus dem Holster am unteren Rücken. Das Ding sah nach der üblichen Navy-Hardware aus, aber sie war eine dieser verdammten Longknifes, und somit enthielt das Magazin das Dreifache der normalen Ladung aus 4-mm-Darts.

Penny zog ihre eigene Automatik, die mit Kris’ Waffe identisch war. Es handelte sich dabei um ein Hochzeitsgeschenk, eines von mehreren, die Kris in der Hoffnung gemacht hatte, es möge Pennys und Toms Leben in ihrem Umkreis sicherer machen, wenn auch nicht normaler. Dumme Kris – sie hatte nicht ein einziges Geschenk für das Hochjagen eines Schlachtschiffs verpackt!

Kris schluckte das Schuldgefühl der am Leben Gebliebenen zum hundertsten Mal herunter.

Penny hatte den Blick nicht von dem Klecks abgewandt, während sie prüfte, ob ihre Automatik auch entsichert war. »Bist du sicher, dass es kein Rost ist?«

»Navy, ich hatte euch angewiesen, die Köpfe einzuziehen«, feuerte Jack zurück, während er alle Richtungen gleichzeitig prüfend im Blick zu behalten versuchte. Die Mündung seiner M-6 ruckte dabei von einem Korridor zum nächsten.

Chief Beni schlängelte sich mit seinem wachsenden Leibesumfang durch die feststeckende Tür; das Futter im Ausbildungskommando hatte ihm sehr gute Dienste geleistet. Er hielt seine Automatik jedoch ruhig im Anschlag … mehr oder weniger. Er musterte finster die Wand gegenüber und ihr Fleckenmuster. Ohne den Marine zu beachten, bummelte er hinüber, steckte den kleinen Finger in die anstößige Substanz, schnupperte daran, kostete und blickte auf.

»Jepp. Nur Wasser und etwas Rost.«

»Es hat auch ziemlich danach ausgesehen«, sagte Penny mit leicht zerstreut klingender Stimme. »Tommy hätte das auf den ersten Blick erkannt. Mit so was kannte er sich aus.«

Kris legte ihr sachte die Hand auf die Schulter. »Ja, das tat er.«

»Nun, dank sei allen Weltraumgöttern, dass wir es hier nur mit schlechter Wartung zu tun haben«, brummte Jack in voller Lautstärke. »Du kannst herauskommen, Lieutenant, Eure Hoheit, Eure Befehlshaberinnenschaft. Ich hoffe, du brauchst den Sicherheitschef nicht, den du so überaus ignorierst.«

Hätte Kris jeder Anweisung Folge geleistet, jedem Befehl und jedem Ratschlag, den Jack bevollmächtigt war, ihr zu erteilen, und den zu befolgen die Vorschriften von ihr verlangten, dann hätte sie nie einen Fuß aus ihrem Schlafzimmer in Haus Nuu auf Wardhaven gesetzt. Eine tolle Navy-Karriere wäre das geworden!

Allerdings wussten selbst Opa Trouble und Opa Ray, Seine Königliche Königschaft höchstpersönlich, dass Kris damit fortfahren würde, die Hälfte von Jacks Befehlen zu ignorieren. Nur fand er inzwischen Gelegenheit, sie über jeden einzelnen Quadratzentimeter Weltraum hinweg zu bemuttern. Und man hatte sie übertölpelt, diese neue Autorität auch zu akzeptieren. Opa Trouble, du machst mir solche Schwierigkeiten! Und Opa Ray, du bist nicht viel besser.

Kris richtete sich zu ihren vollen Einsachtzig königlicher Würde auf, die Automatik immer noch vor der Brust, und grub der Wirkung halber das imperiale »Wir« aus, als sie lächelnd sagte: »Wir wissen deine Besorgnis zu schätzen und sind überzeugt, dass du auch weiterhin keine Mühe scheuen wirst, die Sicherheit unserer hohen und illustren Person zu gewährleisten.«

Jack fletschte die Zähne, beschränkte seine Reaktion aber darauf, mit den Fingern in lautloser Frustration auf den Lauf der Waffe zu trommeln. Das tat er in jüngerer Zeit häufig.

»Dort geht es in die Kommandozentrale«, sagten der Chief und Nelly in so kurzem Abstand, dass nur ein Computer hätte sagen können, wer zuerst gesprochen hatte. Kris hatte aber nicht vor, Nelly danach zu fragen.

Man erwartete, dass Computer aufs Penibelste ehrlich waren, aber Kris hätte keinen Erddollar darauf verwettet, dass Nelly noch immer für diese Tugend stand. Zumindest nicht, soweit es den Chief anbetraf.

Jack bezog links der nicht luftdicht schließenden Tür Stellung und gab dem Chief mit einem Wink zu verstehen, er solle das Gleiche rechts tun. Mit der freien Hand bedeutete er Kris und Penny, auf Abstand zueinander zu gehen. Kris dachte an die beiden Bomben in den zurückliegenden drei Monaten und entschied, dass eine Position hinter Jack und seinen breiten gepanzerten Schultern vielleicht eine gute Idee war. Sie lief hinüber. Penny hatte sich hinter dem Chief aufgebaut.

»Öffnen Sie, Chief.«

Beni verzog das Gesicht zu einer »Wieso ich?«-Miene, da Mut nicht zu seinen hervorstechenden Eigenschaften gehörte, tat dann aber wie geheißen. Die Angeln beklagten sich lautstark, aber die Tür öffnete sich ein gutes Stück weit, ehe sie quietschend stockte. Der Raum dahinter war dunkel.

Der Elektronikmagier verdrehte die Augen, als fände er möglicherweise an der Decke einen Grund dafür, warum solch kühne Aktionen auf einmal zu seiner Berufung geworden waren. Er tastete innerhalb der Tür herum, während er den größten Teil seiner selbst außerhalb hielt. Ein Klicken ertönte, und flackernde Beleuchtung erhellte den Raum.

Kris trat aus Jacks Schatten heraus, um besser sehen zu können. Viel war da nicht zu erkennen: stille Workstations und Deckenlampen, die sich abmühten, zum Leben zu erwachen. Einige mit Erfolg. Andere gaben den Versuch auf und entschieden sich dafür, dunkel zu bleiben.

»Kein Wumms«, sagte Penny und gab damit ihrer aller Gedanken Ausdruck.

»Chief, benutzen Sie Ihren Schnickschnack mal nicht nur als Briefbeschwerer!«, blaffte Jack. »Erzählen Sie mir etwas über diesen Raum, das ich nicht schon weiß.«

Kris steckte für die ziemlich verspätet anberaumte Übertragung der Befehlsgewalt auf sie in weißer Galauniform, aber es mangelte ihr dadurch nicht gänzlich an Überlebensinstinkten. Ihre Mütze – tatsächlich jede einzelne ihrer Mützen – enthielt heutzutage Antennen, mit deren Hilfe Nelly jegliches Elektron in etlichen Meilen Umkreis zu erkennen vermochte, das aktiver war als die in einem Wasserglas. Nelly, berichte mir was.

Die einzige Aktivität dort drinnen findet sich in siebzehn Deckenlampen. Nein, sechzehn, bildeten sich die Worte in Kris’ Gehirn eine volle Sekunde, ehe Chief Beni die gleiche Info herausbekam. »Nichts tickt und nichts tackt, Eure Marineschaft«, setzte der Chief hinzu.

Beni war nie das gewesen, was man in der Navy »auf Hochglanz gebürstet« nannte. Seine Zeit im Ausbildungskommando, während der er mit Kris und ihrem Team aus von Navy-Hooligans bemannten Moskitobooten von einem Planet zum nächsten gondelte, hatte keinen guten Einfluss auf ihn ausgeübt. Es war klar, dass Kris in nächster Zeit einmal eine Beratungssitzung mit dem jungen Chief würde abhalten müssen. Oder sie beförderte ihn zum Offizier und überließ es irgendeinem alten Chief, ihm den Kopf zurechtzurücken.

Da der frischgebackene Marine-Offizier die jüngste Bemerkung des Chiefs ignorierte und langsam und vorsichtig in die Kommandozentrale vordrang, wies Kris der Frage einer künftigen Beratung oder Beförderung des Chiefs eine geringere Prioritätstufe zu und widmete sich wieder dem anstehenden Problem.

Wo steckte eigentlich ihr neues Kommando?

Schnell durchsuchten Jack und der Chief die Kommandozentrale. Kris und Penny hielten die Automatikpistolen auf eine unscheinbare Decke gerichtet, die sich nicht zu mucksen wagte, und behielten die wabernden Schatten in den diversen Korridoren im Auge, die vom Fahrstuhl ausgingen. Es war unheimlich, aber die Schatten blieben unbelebt.

»Ich habe was gefunden«, meldete der Chief.

»Was?«, fragten drei Stimmen.

»Einen Brief.«

»Einen Brief?«, fragte Kris.

»Yeah. Auf Datenfolie.«

»Mit einer Sprengfalle verbunden?«, verlangte Jack zu erfahren.

»Ohne Haken und Ösen und mit nur einer minimalen statischen Ladung, die gerade ausreicht, die Buchstaben auf der Folie zu halten, Sir. Es ist nur ein an den nächsten Befehlshaber adressiertes Memo. Und das Layout zeigt die Seiten nebeneinander, sodass man die Folie nicht mal zur Hand nehmen muss, um den Text zu lesen.«

»Und was steht da?«, fragte Kris und steckte den Kopf in die Zentrale.

»Ma’am, ich denke, das sollten Sie lieber selbst lesen«, sagte der Chief und klang geradezu verlegen.

Kris blickte Penny unter hochgezogener Braue an. Wenn im von Menschen besiedelten Weltraum ein schmutziger Witz kursierte, den in gemischter Gesellschaft zu erzählen Beni Hemmungen hatte, dann hatten sie alle ihn noch nicht gehört. Was konnte den jungen Mann zögern lassen, diese an den nächsten Kommandieren Offizier von Flottenbezirk 41 gerichtete Nachricht vorzulesen?

Kris betrat die leere Kommandozentrale. Ihre Kommandozentrale. Die Luft roch abgestanden, wie im Rest der Station auch. Keinerlei Summen irgendeines Gebläses war zu hören. Kein Menschenschweiß zu riechen. Angeblich war dies das Befehlszentrum für mehrere Parsec Weltraum, in dem Menschen lebten. Doch es stand leer und schützte überhaupt niemanden.

Vielleicht wäre ein Planet vor fünf Jahren dieses Risiko eingegangen, zu der Zeit, als noch die Gesetze der Society of Humanity für die von Menschen besiedelten Welten galten. Heute nicht mehr. Nicht mehr in der heutigen Welt der Schlachtschiffdiplomatie. Jemand ging hier ein großes Risiko mit seiner Zukunft ein.

Jack hingegen ließ sich auf kein Risiko ein, was Kris’ persönliche Sicherheit anging. Wie ein guter Secret-Service-Agent zog er sich in einen Winkel zurück, von wo aus er alle drei Eingänge zur Kommandozentrale im Blick hatte. Sie hatte es für eine so gute Idee gehalten, als Opa Trouble vorschlug, dass Kris vielleicht einen Sicherheitschef für ihr neues Kommando gebrauchen konnte.

Bereitwillig hatte sie zugestimmt. Zu bereitwillig, wie es schien. Erst nachdem der Papierkram erledigt und ein zunächst sehr wütender Jack mit einer roten und blauen Galauniform ausgerüstet war – darauf ein einzelner Silberbalken für einen First Lieutenant, was einen sehr bedeutsamen Rangschritt unterhalb von Kris darstellte –, erst da zeigte er auf einmal ein Lächeln. Wie es aussah, hatte Opa Ray ihn auf die Seite genommen und ihm die neuen Vorschriften erklärt, die zum Tragen kamen, sobald ein Mitglied der königlichen Familie im Militär diente.

Als ob es mehr als eine Kris gegeben hätte.

Und unvermittelt fand Kris heraus, dass der Chef ihrer Sicherheitsabteilung ihr ungeachtet seines Ranges Befehle erteilen konnte. Ihr sagen konnte, was sie tun durfte und was sie nicht tun durfte!

Es war eine harte Fahrt hier heraus gewesen.

Und es sah nach einem harten Kommandoposten aus.

Doch das war, noch ehe sich der Skipper der St. Peter bei Kris meldete und ihr erklärt hatte, dass High Chance nur automatische Antworten gab. Keines Menschen Stimme und nur die grundlegendsten Dinge.

Benis und Nellys Messungen zeigten, dass auf der Station nur die simpelsten Routinen aktiv waren. Solarzellen speisten Reservebatterien und sonst kaum etwas. Kein Reaktor war online. Nahezu gar nichts.

Der Skipper der St. Peter hatte unter diesen Umständen nicht auf High Chance andocken wollen, aber Kris wies ihn auf den Vertrag über ihre Beförderung hin, den er unterzeichnet hatte. Er konnte andocken, also würde er auch andocken oder sich mit den geballten Rechtsmitteln konfrontiert sehen, mit der eine wütende Longknife sein Unternehmen bombardieren konnte. Wütend ging er mit seinem Schiff längsseits der Station, und zu seiner Überraschung erwachten die automatischen Anlagen zum Leben und holten das Schiff ein. Als Kris die Gangway hinabstieg, hörte sie als Letztes, dass die St. Peter sogar Reaktionsmasse aus den Tanks der Station saugte. Und dass die Reederei mit den Kosten belastet wurde. Manches funktionierte hier also. Es gab Dinge, die funktionierten immer, wenn man nur dafür bezahlte.

Zum Beispiel das BuPers. Das Personalbüro der Navy hatte für deren Angehörige immer irgendeine Position auf Lager. Wahrscheinlich nicht gerade jene, die man gerne einnehmen wollte, aber in Anbetracht des Ausbaus der Flotte waren immer reichlich freie Plätze zu vergeben. Es sei denn, der eigene Vater war zufällig Premierminister und der eigene Urgroßvater eine Art König der Vereinigung von hundert Planeten, die Wardhaven zu führen versuchte.

»Und vergessen Sie nicht diesen Vorfall auf der Taifun«, ermahnte sie General Mac McMorrison bei ihrer jüngsten Begegnung.

Vorfall. Was für ein nettes doppelbödiges Wort. Damit vermied man das präzisere und hässlichere Wort … Meuterei. Kris hatte tatsächlich auf den halb im Scherz vorgebrachten Rat eines Freundes gehört und ein Werbeunternehmen beauftragt, sich ein besseres Wort für das auszudenken, was auf der Taifun geschehen war. Mehrere dicke Schecks später war der Ertrag kaum ein müdes Lachen wert. Vermutlich, weil Kris nach der Schlacht von Wardhaven und dem Verlust so vieler Freunde gar nicht so sehr nach Lachen zumute gewesen war. Nein, die Taifun und die Meuterei blieben eng mit ihrem ersten Jahr in der Navy verbunden.

»Immer noch schwierig, Kommandanten zu finden, die mich nehmen möchten?«

»Ich fürchte schon. Commodore Mandanti hat nach Ihrem Dienst in Geschwader 8 ein gutes Wort für Sie eingelegt, aber die meisten seiner Freunde sind im Ruhestand, wie er selbst es war. Und sogar nach seinem guten Wort fragen sich die Skipper immer noch, wann Sie beschließen, keine gute Untergebene mehr zu sein, sondern sich lieber in unbekanntes Gelände davonmachen.«

Kris zuckte die Achseln. »Im Ausbildungskommando hat alles so gut funktioniert.«

»Aber kein Planet, der klein genug ist, um Schnelle Patrouillenboote zur Verteidigung zu brauchen, kann sich die Art Sicherheitsmaßnahmen leisten, die Sie benötigen. Und kein Planet möchte der sein, der Ray Longknife – oder Billy – erklären muss, Sie wären in seinem Dienst umgekommen. Tut mir leid, Eure Hoheit, aber wieder einmal stehen wir vor der Aufgabe, Arbeit für Sie zu finden.«

»Was macht Sandy Santiago derzeit?«, fragte Kris hoffnungsvoll.

»Sie meinen Captain Santiago«, korrigierte Mac sie. »Ich habe ihr aufgetragen, etwas von der Unordnung zu beheben, die der kleine Besuch dieser sechs Piratenschlachtschiffe bei uns hinterlassen hat.«

»Piratenschlachtschiffe, von wegen!«, fauchte Kris.

»Möchten Sie die Greenfeld-Konföderation angreifen?«

»Nein«, räumte Kris ein. Wardhavens United Sentients und Greenfelds Konföderation verfügten über genug vergleichbare Machtmittel, dass ein offener Krieg zwischen ihnen jedwedem Grauen Tür und Tor geöffnet hätte. Weshalb Greenfeld auch so erpicht darauf war, Wardhaven mit irgendjemandem in einen Konflikt zu treiben, während es selbst diesen oder jenen zusätzlichen Stern für seine schwarze und rote Flagge gewann. So lange plänkelten beide Seiten an den Grenzen.

»Also übt Captain Santiago derzeit kein Schiffskommando aus«, sagte Kris. Als ein sehr junger Lieutenant wollte Kris sehr gern in der Flotte bleiben und nicht als Stabsweichei gebrandmarkt werden.

Mac schob Datenfolien hin und her, von denen eine Kris’ Entlassungsgesuch enthielt. Sie hatten noch nie eines dieser Beratungsgespräche geführt, ohne dass er ihr Entlassungsgesuch griffbereit hielt. »Bestehen Sie auf einem Schiffsposten? Was hielten Sie von einem eigenständigen Kommando?«

»Hatten Sie mir nicht im Zuge eines unserer früheren Gespräche gesagt, dass ein Lieutenant nicht mit einem eigenständigen Kommando rechnen kann?«

»Da habe ich mich womöglich geirrt. Das passiert zuweilen selbst Leuten, die Sterne auf den Schultern tragen. Fragen Sie Ihren Opa.«

Das war, nachdem Opa Trouble seine »Nimm-Jack-in-Dienst«-Nummer durchgezogen hatte und während Kris gerade mit keinem ihrer Großväter redete. Sie wahrte eine ausdruckslose Miene und fragte: »Welche Art eigenständiges Kommando kann ein Lieutenant ausüben?«

»Wie wäre es mit einem Flottenbezirk?«

Kris runzelte über diesen Scherz die Stirn. »Sind das nicht allesamt Posten für Rear Admirals?« Sie bemühte sich um einen gelassenen Tonfall. Lieutenants rügten einen Träger von vier Sternen nicht. Nicht einmal, wenn der Lieutenant eine Prinzessin war. Besonders nicht, wenn der Lieutenant eine Prinzessin war.

»Das hätte ich noch vor einer Woche selbst gesagt. Das BuPers hat jedoch diesen Entlassungsschein eines Lieutenants erhalten, der Flottenbezirk 41 befehligte.«

Kris wusste im ersten Moment nicht, wie sie reagieren sollte. Lieutenant. Befehligte. Flottenbezirk 41. Von so einem Flottenbezirk hatte sie noch nie gehört. Sie entschied sich, bei einer ausdruckslosen Miene zu bleiben und es Mac zu überlassen, wie er diese Sache durchziehen wollte. Schließlich trug er vier Sterne auf der Schulter. Er hatte Anspruch darauf, sich hier und dort mal ein wenig zu amüsieren.

»Wie es scheint, haben wir 41 geerbt, als die Society zerfiel. Die Erde hatte sich nicht mehr groß darum gekümmert, abgesehen von einer jährlichen Kürzung der Mittel. Ich denke nicht, dass sie dort, abgesehen von diesem kommandierenden Lieutenant, noch jemand anderen in Dienst hatten als einheimische Reservisten.«

»Wie konnte ein Lieutenant das Kommando über einen Flottenbezirk erhalten?« Kris schaffte es einfach nicht, noch länger auf dieser Frage zu sitzen.

»Tatsächlich hat er den Posten eine Zeit lang in Vertretung besetzt. Ein Captain, der für Flottenbezirk 41 eingeteilt worden war, starb jedoch auf der Überfahrt.« Mac schob seine Datenfolien hin und her. »Dem nächsten Kandidaten ist es gelungen, einen besseren Posten zu ergattern. Danach ist man nicht mehr dazu gekommen, sich noch jemanden zu suchen, also hat dieser Lieutenant-Bursche seine zwanzig Jahre Dienstzeit geltend gemacht und um Entlassung nachgesucht.« Mac blickte auf. »Hier bei uns.«

»Mit zwanzig Dienstjahren als Lieutenant in den Ruhestand?«, flüsterte Kris.

»Schreibt hier, er wolle sich ganz einer Hühnerfarm widmen.«

»Überlegen Sie, mich für meine zwanzig Dienstjahre dorthin zu schicken?«

Mac verlagerte das Entlassungsgesuch wieder nach ganz oben auf den Stapel.

»Stellen Sie mir meine Befehle aus«, sagte Kris.

»Möchten Sie außer First Lieutenant Montoya noch jemanden mitnehmen?«

»Lieutenant Pasley-Lien für den Nachrichtendienst.«

»Sie hat sich noch immer nicht ganz von ihrer Verwundung erholt«, wandte der General ein und zog eine Braue hoch. Die körperliche Verletzung heilte allmählich. Die seelische Verletzung jedoch, die darin bestand, durch den Tod ihres Bräutigams selbst überlebt zu haben, erforderte noch auf lange Zeit einen Balanceakt.

»Sie hat sich im Ausbildungskommando gut geschlagen. Und sie braucht Arbeit mehr als alles andere.« Und Longknifes kümmerten sich um die Menschen, die sie gebrochen hatten.

Der General nickte.

»Möchte Captain Santiago Beni zurückhaben?«

»Tatsächlich hat sie ihre Hoffnung ausgedrückt, Sie könnten aus ihm einen Raumfahrer machen. Irgendwelche Fortschritte in diesem Projekt?«

»Keine sonderlichen, aber allmählich steht ihm eine Chiefsmütze zu.«

»Ein bisschen früh, oder?«, fragte der General, und sie wollte verdammt sein, falls er da nicht eine weitere Datenfolie zur Hand hatte, auf die er einen prüfenden Blick werfen konnte.

»Vielleicht frühzeitig, aber er hat es verdient.«

Und so fand sich Kris hunderte Lichtjahre von zu Hause entfernt wieder und sicherte ihre Automatik, ehe sie sie ins Holster steckte und auf einen Satz Datenfolien blickte, darauf der an sie adressierte Text eines Mannes, dem sie nie begegnet war, dessen Lebensschicksal sie jedoch vielleicht wiederholte.

An: Künftigen Kommandierenden Offizier, Flottenbezirk 41

Von: Kommandierendem Offizier, Flottenbezirk 41, in den Ruhestand versetzt

Thema: Feierliche Übertragung der Befehlsgewalt

Sie wird nicht stattfinden.

Tut mir leid, aber ich musste das Nötige tun, solange ich dazu noch in der Lage war. Die Reservisten unter meinem Kommando haben viel mehr Stunden gedient, als irgendeiner von ihnen je erwartet hatte. Sie haben sich den Ruhestand verdient, für den ich sie vorgeschlagen habe.

Und sie haben es nicht verdient, durch den Weltraum geschleift und in irgendeinen Plan verwickelt zu werden, den Sie Longknifes vielleicht für sie haben, jetzt, wo Ihnen aufgefallen ist, dass es diese Leute gibt. Wardhaven und die Erde haben uns so lange missachtet, wie es ihnen in den Kram passte. Nachdem Sie alle jetzt durch mein Ruhestandsgesuch auf uns aufmerksam geworden sind, ist mir klargeworden, dass ich für meine Leute Vorkehrung treffen muss. Wetten, dass niemand von mir, einem bloßen Lieutenant, erwartet hat, die volle Autorität eines Flottenbezirkskommandeurs auszuüben? Da habe ich Sie aber erwischt!

Nelly, kann ich die Ruhestandsgesuche von Reservisten bewilligen?

Nach den derzeitigen Vorschriften kannst du Ruhestandsgesuche aller Mannschaftsdienstgrade der Reserve bewilligen, die die festgelegten Kriterien erfüllen. Ein Flottenbezirkskommandeur ist wenigstens dazu berechtigt, erklärte Nelly.

Aber wer hätte von einem Lieutenant erwartet, das zu tun, dachte sich Kris. Na ja, überlässt man einem Lieutenant fünfzehn Jahre lang den Job eines Admirals, dann wird er zwangsläufig Optionen entdecken, die einem Junioroffizier üblicherweise entgehen.

Und er ist inzwischen im Ruhestand. Wir können ihm also nicht mehr am Zeug flicken, warf Nelly ein.

Hinter Kris wurde gekichert. Chief Beni und Penny blickten ihr über die Schultern. Jack schien beinahe zu platzen, so gern hätte er auch erfahren, wodurch dieses Memo solch gute Laune erzeugte. Aber er hielt weiter mannhaft Wache.

»Eine Kommandoübertragung wird nicht stattfinden«, erläuterte ihm Kris. »Scheint, dass der KO auch alle seine Reservisten in den Ruhestand entlassen hat.«

»Keinerlei aktives Personal mehr?«, fragte Jack stirnrunzelnd.

»Absolut niemand«, gluckste der Chief.

»Immer mit der Ruhe!«, fauchte Kris.

Jack blinzelte, während er all das verdaute, und schüttelte den Kopf. »Man kann nicht kommandieren, wenn es niemanden zu kommandieren gibt«, sagte er mit der gleichen Überzeugung, mit der ein Kind vielleicht gesagt hätte: »Eins und eins ergibt zwei.«

»Ich bin die Befehlshaberin von Flottenbezirk 41«, sagte Kris und würzte diese Worte mit der typischen Entschlossenheit einer Longknife.

»Das könnte ein einsamer Posten werden«, wandte Penny ein und sah sich dabei um, ehe sie sich auf einen Stuhl am Tisch setzte.

Kris hatte nicht vor, sich weitere Zweifel anzuhören. »Chief, aktivieren Sie die Station. Sehen wir mal nach, was wir hier haben.«

»Sämtliche Anlagen? Ich denke nicht, dass die Solarzellen mitmachen.«

»Wenn der Chief bitte den Hauptschalter betätigen würde«, warf Nelly ein, »dann habe ich einen Plan zur Hand, um das Sicherheitssystem und andere Schlüsselelemente hochzufahren und festzustellen, ob diese Station sicher ist.«

Mit einem finsteren Blick auf Kris’ Ausschnitt folgte Chief Beni dem Fingerzeig Nellys, legte einen Schalter um, drückte ein paar weitere Tasten und leitete so seinen eigenen Versuch ein, die Station hochzufahren.

»Aktivieren Sie nicht die zentrale Energieversorgung«, sagte Nelly.

»Das müssen wir«, entgegnete Beni.

»Nelly, Chief, macht das unter euch aus und behaltet die Auseinandersetzung für euch«, kommandierte Kris. »Penny, Jack, überzeugt euch davon, dass wir an Bord der Station allein sind und dass diese Einrichtung sicher und stabil ist.«

»Ich habe schon verifiziert, dass du die Station sofort verlassen und auf das Schiff zurückkehren solltest, das dich hergebracht hat!«, blaffte Jack. »Wir sind vielleicht noch zwei oder drei Sprünge von Peterwald-Gebiet entfernt, seit sie die Regierung auf Brenner Pass gestürzt haben. Kris, an Bord dieser Station bist du nicht sicher. Nicht unter diesen Umständen.«

Penny schob jedoch ihren Stuhl ein Stück weit vom Tisch zurück, drehte ihn und legte damit los, eine Workstation zu aktivieren und für die Sicherheitsüberwachung einzurichten. Die Workstation gab sofort Entwarnung, woraufhin Penny eine langsamere und genauere Sichtung der Anlagen einleitete und zum Abschluss einen flüchtigen Blick auf etliche Abteilungen der Raumstation warf. »Alles sieht gut aus für eine Station, die seit, ah, mindestens drei Wochen abgeschaltet gewesen ist.«

Jack blickte Penny etwa eine Minute lang über die Schulter und nahm seine eigene Überprüfung vor, wobei er die Lippen zu einer immer schmaleren Linie zusammendrückte. »Ja, ja, wenn man sich nicht an einem Sicherheitssystem stört, das nicht nach einem Passwort fragt, wenn man es einschaltet«, knurrte er und drehte sich zu Kris um. »Es sieht also nicht so aus, als versteckten sich hier hungrige Kannibalen und lauerten darauf, dich zum Abendessen zu braten. Trotzdem, Kris, äh, Prinzessin, kannst du nicht ernsthaft hier herumhängen und nur darauf warten, dass irgendein Schiff im Vorbeiflug auf dich schießt.«

Jack hatte da einen wunden Punkt angesprochen. Einen sehr guten Punkt, wie man es von ihm kannte. Aber wie die meisten soliden Einwände, die er vorbrachte, war das nichts, was Kris hören wollte.

Sie schenkte ihm ihre schönste Ausgabe eines optimistischen Lächelns. »Haben wir nicht eine alte Navy-Tradition, der zufolge man sein Schiff nicht aufgibt?«

»Wir sind hier auf einer Raumstation«, warf Chief Beni hilfreich ein, der sich nach wie vor mit Nelly darüber zankte, wie viel Saft sie anzapfen durften. »Vielleicht zählt sie nicht.«

Kris musterte den jungen Chief. Das untere Kinn bebte … und das mittlere ebenfalls. Er hatte schon beachtlichen Mut bewiesen, wenn die Hölle losbrach, aber er hielt einfach nichts davon, sich hineinzustürzen, wenn er es vermeiden konnte.

Kris setzte sich auf einen Stuhl am Tisch. Hübsches Holzimitat. Solide. Breit. Jack konnte hier nicht zu ihr vordringen, ohne dass sie reichlich Vorwarnzeit hatte. Sie wartete, während sich Stille ausbreitete. Penny bemerkte es als Erste. Sie drehte den Stuhl und kehrte zum Tisch zurück. Chief Beni und Nelly gelangten zu einer Form von Übereinkunft und wurden still. Der Chief trat an den Tisch heran. Kris spürte regelrecht die konzentrierte Präsenz Nellys auf Kopf und Schultern. Jack sicherte schließlich sorgsam sein Sturmgewehr, legte es auf den Tisch und setzte sich neben Penny auf einen Stuhl.

»Nun, Eure Hoheit, wie es scheint, möchtest du eine Mitarbeiterkonferenz abhalten«, sagte er. »Dient sie dazu, Rat einzuholen, oder geht es wie üblich darum, uns zu erklären, in welches Abenteuer du uns als Nächstes zu führen gedenkst?«

»Das Übliche«, antwortete Kris und schenkte ihm das schönste kesse Lächeln, das sie derzeit zuwege brachte. Jack machte nicht den Eindruck, dass er darauf hereinfiel. Er fuhr damit fort, mit den Fingern auf das Gewehr zu trommeln.

»Seht mal, wir müssen hier einen Flottenbezirk verteidigen«, sagte sie.

»Muss er denn verteidigt werden?«, fragte Penny.

Das machte Kris nachdenklich. »Natürlich. Wie kannst du überhaupt fragen?«

»Na ja, sieh dich hier um«, sagte Penny und drehte ihren Stuhl langsam hin und her. Die Nachrichtenoffizierin war heutzutage meist ruhig. In sich gekehrt. Sie war jedoch kein bisschen dümmer geworden, seit sie Tommys Antrag angenommen hatte. »Niemand hat sich um die Station gekümmert, und es hat nicht viel ausgemacht. Sie wird von der Erde und Wardhaven schon immer ignoriert, und trotzdem hat sich niemand an ihr zu schaffen gemacht.« Penny zuckte die Achseln. »Ich meine, Kris, wenn du das Kommando haben möchtest, bin ich dabei, aber … das hier verteidigen? Schießt du da nicht ein bisschen übers Ziel hinaus?«

Kris lehnte sich zurück. Nein, Penny war nicht blöd … und hatte Kris glasklar durchschaut. Sie hatte aber nicht alle ihre Gedanken gelesen.

Oder Nellys. Finden wir doch lieber erst mal heraus, was hinter meinen neuen Sprungpunkten liegt, meinte der Computer. Dann wissen wir auch, wer an Chance interessiert sein könnte.

Ja, Mädchen, aber wir können uns derzeit nicht um Aliens kümmern.

Ja, Ma’am, sagte Nelly gehorsam. Gewissermaßen.

Kris achtete darauf, dass sich das Gespräch mit Nelly nicht in ihrem Gesicht spiegelte. Bedächtig musterte sie Jack und Chief Beni. Sie erweckten den Eindruck, im Großen und Ganzen einer Meinung mit Penny zu sein. Da lag der Hund begraben, wenn man enge Freundschaften zu den Menschen entwickelte, mit denen man zusammenarbeitete. Sie bemerkten es, wenn man sich die Mütze über die eigenen Augen zog, noch bevor es einem selbst bewusst wurde.

Kris wünschte sich wirklich ein eigenes Kommando. Selbst wenn es nur der ruhige Flottenbezirk 41 sein sollte. Sie ließ mit einem Seufzer die Luft heraus. »Okay, fangen wir von vorn an. Flottenbezirk 41 macht dem Anschein nach nicht viel her, aber er gehört mir, seht ihr? Mir allein. Ich möchte gern herausfinden, was ich hier bewirken kann. Ist das ehrlich genug?«

»Und wenn ein halbes Dutzend Iteeche-Zerstörer aus dem örtlichen Sprungpunkt auftauchen?«, hakte Jack nach.

»Dann fliegen wir zum Planeten hinab, organisieren die Einheimischen für einen Guerillakrieg und verstecken uns in den tiefsten Höhlen, die wir finden«, antwortete Kris.

»Darauf kann ich anstoßen«, sagte der Chief und hob einen imaginären Krug voller Gebräu.

Jack schüttelte den Kopf. »Mir gefällt das nicht, Kris«, sagte er zum millionsten Male.

»Du wirst nicht dafür bezahlt, es zu mögen«, entgegnete Kris zum millionsten und ersten Mal.

»Also sitzen wir einfach hier herum und spielen Zielscheibe?«

»Nein«, unterbrach ihn Kris und ließ ihr Longknife-Grinsen zum Spielen hinaus. »Ich habe nicht vor, irgendwo nur herumzusitzen. Wir haben Bojen zu warten und Stellen zu erkunden.«

Darauf kannst du wetten!, warf Nelly mit so viel verspieltem Lächeln ein, wie einem Computer gestattet war. Ich möchte herausfinden, wohin diese neuen Sprungpunkte führen.

Immer mit der Ruhe, Mädchen. Alles zu seiner Zeit.

»Du hast kein Schiff zur Verfügung, Kris«, gab Penny zu bedenken. »Jedenfalls im Grunde nicht. Du hast doch nicht vor, diesen Kreuzer für mehr als bloße Demonstrationszwecke zu benutzen, oder?«

Kris hatte einen gründlichen Blick auf die Patton geworfen, einen leichten Kreuzer aus der Zeit der Iteeche-Kriege, der an der Station im Dock lag, als die St. Peter heranfuhr. Man hatte Kris befohlen, das Schiff nur in einem schwerwiegenden Notfall wieder in Dienst zu nehmen. Die Befehle erklärten nicht, was als schwerwiegender Notfall zu werten war, aber nach kurzem Blick auf den Bericht zu dem alten Kreuzer war Kris überzeugt, dass sie in eine wirklich verzweifelte Lage geraten musste, um auch nur den Versuch zu unternehmen, die Reaktoren des alten Bolzeneimers anzuwerfen. Die Leute des Vertragsunternehmens, die das Schiff hergebracht hatten, hatten unterwegs in ihren Raumanzügen geschlafen. Wenn das keine eindeutige Aussage über das Vertrauen in die Fähigkeit des Schiffs, seinen Luftdruck halten zu können, darstellte …

Also hatten sie sich nur zu erfreut gezeigt, von Bord gehen zu dürfen. Die Reise hatte die Überführungsmannschaft damit zugebracht, Störungen zu notieren – nicht nach ihnen zu suchen, sondern einfach eine Liste der Umstände zu erstellen, die ihnen regelrecht ins Gesicht sprangen. Kris ging diese Liste durch und hörte damit auf, als die Punkte den Wert von vierhunderttausend übertrafen.

Irgendein brillanter Kopf im Oberkommando hatte die Idee gehabt, dass sich die Bewohner eines Planeten in der gegenwärtigen Zeit der Unsicherheit beschützt fühlen würden, wenn sie ein Kriegsschiff am Himmel wussten. Andere Planeten waren dabei vielleicht besser weggekommen, aber Chance hatte eindeutig eine Niete gezogen. Nein, die Patton bot sich nicht als Verkehrsmittel für Kris an.

Außerdem brauchte Kris keinen ausgewachsenen Kreuzer, um die Sprungpunktbojen zu kontrollieren und die Umschau zu halten, die ihr vorschwebte. Nein, etwas viel Kleineres entsprach schon völlig ihren Anforderungen.

»Wir brauchen einen Bojentender. Einen hübschen kleinen.«

Penny schüttelte den Kopf. »Ich denke nicht, dass das Budget für Flottenbezirk 41 für einen Bojentender aufkommt, selbst im Teilzeiteinsatz nicht. Meine Durchsicht der Unterlagen zeigt, dass in den vergangenen fünf Jahren kein solches Schiff mehr hier vorbeigekommen ist. Und an dem Punkt habe ich die Suche eingestellt. Keine Chance, dass die Navy uns so einen zur Verfügung stellt.«

Kris grinste Penny an. »Also stellen wir bei der Navy auch keinen Antrag. Jemals ein Schiff geleast?«

Die Nachrichtenoffizierin entspannte sich auf ihrem Stuhl. »Das ist mal eine Erleichterung. Einen Augenblick lang habe ich damit gerechnet, dass ich einen für dich entführen soll.«

»Das würde sie nie tun«, wandte Jack mit todernster Miene ein. »Wenn ein Schiff gestohlen werden muss, erledigt sie das selbst.«

Kris warf Jack einen finsteren Blick zu, aber er grinste sie einfach nur an. Kris wandte sich wieder dem anderen Navy-Lieutenant zu. »Wir brauchen nichts weiter als ein kleines Handelsschiff, dessen Laderaum groß genug für ein halbes Dutzend Bojen ist. Offensichtlich muss es auch sprungtauglich sein. Es muss größer sein als unsere PFs, aber kleiner als eine Korvette wie die Taifun.«

Penny nickte, obwohl sich ihre finstere Miene vertiefte. »Und du möchtest, dass ich es lease. Womit?«

»Nelly, richte einen Kreditrahmen zu Lasten meines Kontos ein.«

Penny schüttelte den Kopf. »Kris, hast du aus all der Kritik der Navy am Gebrauch des eigenen Computers für offizielle Aufgaben nichts gelernt? Nur weil die Navy es aufgegeben hat, dich daran zu erinnern, dass du Nelly nicht mehr für dies oder das einsetzen sollst, heißt das noch lange nicht …«

»Das hoffe ich doch«, warf Nelly ein.

»Aber ein eigenes Schiff mieten, um es für Navy-Aufgaben zu benutzen …«

»Wir erzählen es niemandem, und es macht ihnen nichts aus.«

»Was sie nicht wissen, macht uns nicht heiß«, seufzte Jack.

»Du lernst es allmählich«, sagte Kris.

»Lorna Do ist der nächste Hafen, den die St. Peter ansteuert, ja?«, fragte Penny, in Gedanken versunken. »Ich vermute mal, ich könnte etwas mieten.«

»Sechs Monate mit Crew und allem Drum und Dran«, empfahl Kris. »So, wie es aussieht, brauchen wir die Crew ganz besonders.«

»Zur Bojenwartung«, sagte Penny.

»Und andere Aufgaben, die ich vielleicht für sie habe«, ergänzte Kris.

»Verrate nicht, dass eine Longknife beteiligt ist, oder niemand unterschreibt den Vertrag«, setzte Jack trocken hinzu.

»Denkst du wirklich?«, fragte Penny, schien es sich dann anders zu überlegen und nickte. »Yeah, du hast Recht. Ich erwähne lieber nicht, für wen ich hier arbeite.«

»Du willst sie allein losschicken?«, fragte Jack leise.

Kris hätte dieses Hinweises nicht bedurft. Sie war nicht überzeugt, dass Penny in ihrem derzeitigen Zustand ganz auf sich allein gestellt eine lange Fahrt überstand. »Ich schicke Abby mit, um zu gewährleisten, dass dich niemand belästigt«, sagte sie. »Ich brauche sie nicht, um mich für Bälle herauszuputzen. Hier dürfte es ziemlich ruhig zugehen.«

»Es geht hier ziemlich ruhig zu«, betonte der Chief.

»Wie lange es wohl dabei bleibt?«, fragte Penny.

»Mindestens fünf bis zehn Minuten«, sagte Jack.

»Leute, dies ist ein rückständiger Planet. Auf oder über Chance passiert nie etwas. Deshalb haben sie Flottenbezirk 41 ja an mich übertragen.«

»Ja klar doch«, kam es von ihren drei nominellen Untergebenen.

Kris verfolgte auf dem Bildschirm der Raumstation, wie die Stolz von St. Petersburg aus dem Orbit beschleunigte. Abby war zwar von Kris’ Mutter als persönliche Kammerzofe für die Tochter angestellt worden, aber sie hatte keine Einwände dagegen erhoben, Penny zu begleiten. Kris war von nichts mehr überrascht, was Abby tat. Oder nicht tat.

»Ich frage mich, wie viele schwere Koffer sie diesmal mitnimmt?«, fragte Jack, ohne die Frage an eine bestimmte Person zu richten.

»Sie hat zwölf mitgenommen«, sagte Kris. »Ich hatte mich schon darauf gefreut zu sehen, wie viele davon sie von Bord der St. Peter fährt.« Aus irgendeinem merkwürdigen Grund hatte Abby immer eine bessere Vorstellung als Kris selbst davon, in was für und vor allem in wie viele Schwierigkeiten diese geraten würde. Die Anzahl Interstellarkoffer, die Abby auf dem Fuße folgten, entsprach sehr regelmäßig – und äußerst präzise – der Anzahl an Kaninchen, die Kris später aus dem Hut zaubern musste, um sich aus dem Schlamassel zu befreien, in dem sie jeweils landete.

Kris sagte sich in einem fort, dass sie mal ein ernstes Wörtchen mit Abby wechseln musste, aber irgendwie ergab sich nie eine günstige Gelegenheit für einen solchen Plausch. Sollte sich Flottenbezirk 41 allerdings als so ruhig erweisen, wie hier gerade behauptet worden war, dann bot sich vielleicht eine Chance für dieses offenherzige Gespräch unter Mädels.

Kris wandte sich vom Monitor ab, rieb sich die Hände und lächelte; eine optimistische kleine Nummer, zu der sie nur selten kam. »Sehen wir mal, was wir hier haben.«

Sechs Stunden später wünschte sie sich gewissermaßen, sie hätte es nicht getan.

Sie begann mit der Patton. Oder zumindest den Teilen des Schiffes, deren Luken nicht verschlossen und mit der Aufschrift Kein Zutritt versehen waren. Unzureichender Luftdruck – damit konnte ein großer Teil des Schiffes nicht in Augenschein genommen werden.

Auf der Brücke vermochte Kris nur den Kopf zu schütteln. »Ich war sehr froh, als ich die Patton und den Rest von Scoutgeschwader 54 im System von Paris auftauchen sah. Die Reservistencrew muss eine wahrhaft heroische Leistung vollbracht haben, um dieses Schiff in Gang zu bringen.«

»Die Patton hat dir geholfen?« Jack gehörte zu den wenigen Personen, die genau über die Vorgänge informiert worden waren, als die Flotten Wardhavens und der Erde im Paris-System zusammentrafen und den Abwicklungsvertrag für die Society of Humanity unterzeichneten … und über die Gründe, warum es darüber nicht zu einem Krieg gekommen war. Kris’ Rolle in dem Zusammenhang wurde unter den Eingeweihten noch immer viel diskutiert.

»Jepp. Wie sich herausstellte, hat Opa Trouble vor langer Zeit auf der Patton gedient. Er und Uroma Ruth verbrachten ihre Flitterwochen hier an Bord.«

Jack zog eine Braue hoch. »Muss damals in besserem Zustand gewesen sein.«

»Nicht in Opas Version der Geschichte. Sie wurden mal von Piraten angegriffen. Der Skipper befahl eine Breitseite, und das Schiff drehte stattdessen Loopings. Ein Systemboard war verkehrt herum eingebaut worden.«

Jack schüttelte den Kopf. »Nun, es sieht inzwischen auch nicht besser aus. Deine Befehle erheben dich in den Rang eines Commanders, wenn du es in Dienst nimmst.« Er zog eine Braue hoch.

Denkt er wirklich, ich wäre dermaßen scharf auf eine Beförderung?

»Ich denke, ich lebe länger, wenn ich Lieutenant bleibe.«

»Endlich mal etwas, worin wir uns einig sind.«

Nelly äußerte den Wunsch, dass Kris die Sensoren des Schiffs aktivierte und einmal probierte, den vermuteten zusätzlichen Sprungpunkt dieses Sonnensystems zu finden, den die Daten von Nellys Steinsplitter aus den Bergen von Santa Maria anzudeuten schienen. Die meisten Navigationsinstrumente waren jedoch mit dem Warnhinweis »Außer Betrieb« versehen.

Schätze, dass wir ein anderes Mal danach suchen müssen.

Nelly gab sich nicht mit dieser Antwort zufrieden. Heißt das jedoch, dass sie wirklich nicht funktionieren, oder, dass sie meinen Sprungpunkt orteten und nicht wussten, wie sie die Signale interpretieren sollten?

Immer mit der Ruhe, Mädchen. Das Schiff hat keine Stromversorgung. Die Station ist gerade mal angelaufen. Deine Zeit kommt noch. Geduld, meine Liebe.

Geduld, meine nichtexistente Fresse!, lautete Nellys nicht unbedingt damenhafte Antwort.

Kris ertappte sich dabei, wie sie sich auf eine Lippe biss, um nicht loszulachen.

»Erklärst du mir den Witz?«, fragte Jack.

»Nein, er betrifft nur mich und meinen aufsässigen Computer. Nelly benimmt sich gerade nicht.« Jack reagierte mit sichtlichem Zweifel auf diese Äußerung.

Der Rest der Raumstation zeigte sich in guter Verfassung und stand völlig leer. Kris kontrollierte ein Automatikgeschütz. Es war arretiert, die Munitionsgurte waren entfernt worden. Um die Station verteidigen zu können, musste sie die Geschütze wieder in Betrieb nehmen. Und sie brauchte Personen, die ihren Einsatz überwachten. Die Station war mit Abwehrlasern für den Nahbereich ausgestattet, aber Kris stand nicht genug Energie zur Verfügung, um die Waffen zu aktivieren. Solange die Station auf Solarzellen lief, war sie betriebsfähig. Sollte daraus jedoch ein laufendes Unternehmen werden sollen, würde erst der Fusionsreaktor online gehen müssen. Drei Personen reichten jedoch nicht für den Betrieb eines Reaktors, nicht einmal, wenn sie dazu ausgebildet waren, was für Kris’ Leute nicht galt.

»Ich könnte ihn bedienen, wenn du möchtest«, bot Nelly an. Jack und Beni schienen beide erleichtert, als Kris dieses Angebot ablehnte.

Kris fand die Unterkunft für den Befehlshaber von Flottenbezirk 41. Irgendwie war es Abby im Zuge ihres kurzen Aufenthalts gelungen, einen der Fernreisekoffer in Kris’ Kabine zu bringen. Nur einen jedoch, und der enthielt lediglich Kris’ Uniformen und persönliche Habseligkeiten.

Jack fand ebenfalls einen Koffer in seiner gegenüber Kris’ Kabine am gleichen Flur gelegenen Unterkunft, welche ursprünglich für den nie benutzten Rang eines stellvertretenden Bezirksbefehlshabers vorgesehen war. Auf diesem Koffer stand auch Benis Reisetasche. Der Chief nahm die Kabine neben der Jacks, die sehr nett ausgestattet war, diente sie doch offiziell für VIP-Gäste. Jack und Beni sorgten auf dem Korridor für ausreichende Sicherheitsvorkehrungen und konnten somit darauf verzichten, dass einer von ihnen über Nacht jeweils Wache halten musste.

Kris überließ ihnen diese Sorge, beauftragte Nelly mit der Wache und schlief die ganze Nacht durch.

Sie erwachte früh am nächsten Morgen und stellte fest, dass die Station ihre routinemäßige Reise rings um Chance fortgesetzt hatte, dass nach wie vor Luft zum Atmen existierte und keine Kannibalen ihre Zehen angeknabbert hatten. Sie fand einen Satz frische Khakisachen im Koffer, duschte, zog sich an und machte sich auf die Suche nach Essbarem. Das letzte Mittagessen an Bord der St. Peter hatte zwar die schön riesigen Mengen geboten, die man auf einem Kreuzfahrtschiff erwarten konnte, stellte inzwischen aber eine weit zurückliegende Erinnerung dar.

Sie fand eine Messe, die groß genug für hundert Gäste war, eine für einen ähnlichen Mob ausgelegte Küche und einen Haufen Gefechtsrationen, die Staub ansetzten. Eine war geöffnet worden. Anscheinend hatte der Chief, der gern darauf hinwies, dass er noch wachsen musste, gestern eine kulinarische Expedition durchgeführt. Kris setzte eine kleine Kanne Kaffee auf und fand sich alsbald in Jacks Gesellschaft wieder. Er zeigte sich geduscht, rasiert und angetan mit grüner Uniformhose, Khakihemd und Halstuch. Er bedachte Kris’ Frühstückswahl mit finsterem Blick.

»Niemand ist jemals an Feldrationen gestorben«, erinnerte ihn Kris, um zu verhindern, dass er irgendeine Sicherheitsvorschrift zitierte, die sie ausgehungert zurückließ.

»Ja, aber es hat sie auch niemand jemals als Lebensmittel bezeichnet«, sagte er und füllte sich eine Tasse mit Kaffee aus Kris’ erster manueller Tätigkeit. »Hmm, Eure Hoheit kann immerhin Wasser kochen.«

»Mannschaften zur Meuterei anstiften, bewaffnete Schiffe stehlen und Wasser kochen. Keine schlechten Qualifikationen.«

»Nur mal so zwischen uns: Wie lange hast du vor, das aufrechtzuerhalten?«

Eine ehrliche Frage verdiente eine ehrliche Antwort. Sie entschied, dass das Rührei auch warm wurde, wenn sie ihm nicht ihre Aufmerksamkeit schenkte, nahm ihre eigene Tasse zur Hand und setzte sich an den Tisch, ihrem Sicherheitschef gegenüber. Auf Tischbreite Distanz zu ihm zu halten, das wurde ihr zur Gewohnheit. Sollte Jack beschließen, sie sich über die Schulter zu werfen und in Sicherheit zu bringen … Na ja, nirgendwo war es sicher. Trotzdem war es eine gute Gewohnheit, und so blieb Kris dabei.

»Ich weiß nicht, Jack. Ob du es glaubst oder nicht, unsere Entdeckungen gestern kamen für mich überraschend.«

Jack nickte. »Also hast du von Fall zu Fall spontan reagiert.«

»Wer hätte gedach…« Kris stoppte sich, ehe sie den Vortag wiederkäute. Der heutige Tag schien schwieriger zu werden … und sie würden sich ihm stellen müssen.

Jack schien ihre Gedanken ganz gut lesen zu können. Vielleicht kannte er Kris aber auch nur gut genug, um ihr übliches Muster an Problemlösungen zu erkennen. »Also, was unternehmen wir heute?«

»Erst mal essen, hoffe ich«, wurde Chief Beni von der Tür her vernehmbar. Er hatte sich nicht rasiert und steckte noch in einem abgetragenen Trainingsanzug mit der Aufschrift GO NAVY. »Falls man da von essen sprechen darf. Vergesst nicht, Eure Prinzessinnenschaft, dass ich zur Navy gegangen bin, weil es dort besseres Essen gab.« Er musterte finster die Mahlzeit auf dem Herd. »Warum also essen wir dann Infanteriefraß?«

»Weil wir nichts anderes haben«, gab Kris zu bedenken.

Beni füllte sich eine Tasse Kaffee und setzte sich. »Auf dieser Station findet man zwölf Restaurants. Mit allem, von New Chicago Pizza bis zu Retro-Kantonesisch.«

»Alle geschlossen«, erinnerte ihn Jack.

»Yeah. Wie biegen wir das hin?«, fragte Kris.

»Wenn’s zu essen gibt, kommen die Leute?«, fragte der Chief.

»Eher: Wenn wir Arbeit für sie haben, kommen die Leute und müssen dann auch essen«, korrigierte ihn Jack.

»Warum arbeitet dann niemand hier?«

»Wenn ich die Antwort auf diese Frage wüsste«, sagte Kris und stand auf, als Nelly andeutete, die Eier könnten fertig sein, »wäre ich eine viel fröhlichere Befehlshaberin.« Sie aßen, warfen die Überreste in eine Mülltonne, die bald einmal geleert werden musste, und waren einer Lösung für ihr Problem nicht näher gekommen.

»Nun«, sagte Kris schließlich, »wenn wir hier niemanden finden, der unsere Fragen beantwortet, dann gehen wir dorthin, wo jemand ist. Dreihundert Kilometer unter uns leben eine Menge Leute. Jemand müsste bereit sein, mit uns zu reden. Uns erzählen können, wie die Lage hier aussieht.«

»Da stoßen wir auf ein kleines Problem, Boss«, wandte der Chief ein.

»Hier gibt es ein Shuttle. Nelly hat nachgesehen, ehe wir das Risiko eingingen, womöglich hier festzusitzen.«

»Ja, Ma’am. Wir haben ein Shuttle, vielleicht gar ein Dutzend Shuttles.«

»Wir haben auch Reaktionsmasse«, sagte Jack.

»Ja, Sir. Die St. Peter stellte das Auftanken ein, sobald sie einen Blick auf den Preis warfen. Sagten, sie wollten die Tanks lieber auf Lorna Do füllen.«

»Also?«

»Der Shuttleantrieb enthält gerade mal genug Antimaterie, um die Reaktionsmasse für die Landung aufzukochen.« Der Chief grinste. »Sofern wir auf dem Planeten die Antimaterie nicht nachfüllen können, müssen wir da unten bleiben.«

Kris nahm sich einen Augenblick Zeit, um das zu verdauen, ehe sie sich an Jack wandte. »Ich möchte wirklich mal diesem Lieutenant Steve Kovar begegnen. Ich muss ihm einfach für die wunderbare Verfassung danken, in der er mir dieses Kommando übergeben hat.«

2

Eine Stunde später stiegen sie in ein kleines Boeing-Shuttle. Es befand sich im Standby-Betrieb und bezog von der Station den nötigen Strom für die Antimaterieeindämmung. Kris stand gerade genug Energie zur Verfügung, um aus dem Orbit auszuscheren und im Gleitflug den Flughafen bei Last Chance anzusteuern. Sie gab die entsprechenden Koordinaten in den Nav-Computer ein und erlaubte sich ein Grinsen. »Die Landung wird kein Problem.«

»Mal vorausgesetzt, dass wir keinem sonstigen Verkehr in die Quere kommen«, meinte Jack, setzte sich auf den Platz des Copiloten und rief eine Meldung über die Verkehrsverhältnisse am Last-Chance-Flughafen ab.

»Sieht so aus, als hätten wir gleich eine ganze Stunde Zeit, in der kein Verkehr herrscht«, sagte Kris.

»Vorausgesetzt, dass niemand sonst unangekündigt dort landen möchte«, sagte Beni, der zwischen ihnen stand. »Mein alter Herr würde mir was husten, falls ich ohne Flugplan irgendwo zu landen versuchte.«

»Ja«, pflichtete ihm Kris bei, »aber es würde ja keinen Spaß machen, ihnen zu verraten, dass wir kommen. Sie könnten uns glatt einen Kuchen backen.«

»Vielleicht alarmieren sie die Luftabwehr«, brummte Jack. »Hast du wirklich vor, sie zu überraschen?«

Kris kannte die Regeln, aber sie war es leid, auf diesem Einsatz immer nur die Adressatin von Überraschungen zu sein. Falls eine weitere Überraschung auf dem Programm stand, sollte die von ihr ausgehen. Außerdem stand nach ihren Erfahrungen mit Skiffrennen außer Frage, dass sie dieses Baby sicher landen konnte. Ein kurzer Blick auf den Flughafen von Last Chance zeigte reichlich Felder ringsherum. Kris schätzte die damit verbundenen Risiken ab, fand sie ausreichend gering für ihren Geschmack – wenn sie es auch nicht für den Jacks waren – und prüfte die Fluganlagen bis zum Ende durch. Alle Lampen zeigten Grün. »Schnallen Sie sich an, Chief. Wir fliegen hinunter.«

»Ist es zu spät für mich, um auszusteigen und lieber zu Fuß zu gehen?«

»Es war schon zu spät, als Sie sich einverstanden erklärten, für diese Frau zu arbeiten«, sagte Jack und zog seinen Sicherheitsgurt fest an.

Fünfzehn Minuten später leitete Kris die abschließende Anflugetappe ein. Kein Mensch vom Flughafen hatte Funkkkontakt hergestellt, aber sie beschloss, sich lieber selbst zu melden. »Last Chance Space, hier spricht Navyshuttle 41. Ich befinde mich im Anflug für eine Gleitlandung auf Landebahn 090. Sind andere Maschinen unterwegs, auf die ich achtgeben müsste?«

»Navyshuttle 41, haben Sie ausreichend Energie für eine Warteschleife?«

»Negativ.«

»Dann, schätze ich, sollten wir lieber keinen Verkehr haben, der Ihnen in die Quere kommen könnte. Sie können von Glück sagen, dass wir gerade eine Mittagsflaute haben. Geben Sie mir eine Minute Zeit, um einen Frachter umzulenken.«

»Danke, Last Chance Space.«

Genau eine Minute später meldete sich der Tower erneut zu Wort und übermittelte Kris Wind, Temperatur und Luftdruck.

»Ah, das ist aber nicht, was Ihre automatische Station übermittelt«, sagte Kris und justierte ihre Instrumente.

»Jeder vor Ort weiß, dass die Station falsche Daten übermittelt, und nimmt die nötigen Einstellungen vor. Da Sie von der Navy sind, dachte ich mir, dass Sie es vielleicht nicht wissen.«

Neben Kris betrachtete Jack forschend den Himmel, als fände man dort vielleicht verborgene Weisheiten. Was Beni brummte, war nicht für die Ohren einer Prinzessin geeignet. Eine erfahrene Navy-Prinzessin fand es jedoch vergleichsweise zurückhaltend, verglichen mit dem, was sie selbst am liebsten hervorgestoßen hätte.

»Danke für das Update. Wir sind noch zwei Minuten entfernt.«

»Wir stellen ein Zugfahrzeug für Sie bereit. Zücken Sie schon mal Ihre Kreditkarte.«

Jetzt äußerte Kris doch ein Wort, das nicht zu einer Prinzessin passte.

Sie setzte das Shuttle elegant auf; die Bremsen packten ungleichmäßig zu, aber sie stoppten die Maschine, kaum dass sie an einem hellgelben Zugfahrzeug vorbei war. Sobald sie stand, öffnete Kris das Fenster und winkte den Schlepper heran. Er kam, hielt aber vor dem Shuttle und tat nichts weiter. Kris wartete eine Minute lang darauf, dass sie an ein Energie- und ein Schleppkabel gehängt wurden. Dann eine weitere Minute. Draußen geschah nichts.

»Äh, ich denke, dass sie darauf warten, bezahlt zu werden«, stammelte Beni.

Kris öffnete den Sicherheitsgurt und nahm Kurs auf die Luke achtern. Jack folgte ihr, aber ob er um ihre Sicherheit oder die der Schleppercrew besorgt war, das sagte er nicht. Nachdem sie die Luke mit einem Fußtritt geöffnet hatte, fühlte sich Kris fast schon besser. Sie marschierte raschen Schrittes in das grelle Sonnenlicht des Nachmittags. Die beiden Typen auf dem Vordersitz des Schleppers schienen ihren Spaß daran zu haben. »Haben Sie vor, mich hier mitten auf der Landebahn abzustellen?«, verlangte Kris zu wissen.

Der jüngere der beiden, ein langer Hingucker mit einem Schopf widerborstiger blauer Haare, bekleidet mit einem abgenutzten Overall, schien im Begriff, Reißaus zu nehmen. Der andere Bursche, kahl, mit ungepflegtem weißen Bart und von substanziellerer Körpermasse, wenn nicht sogar regelrecht rundlich zu nennen, klammerte sich ans Lenkrad seines Zugwagens und feuerte zurück: »Wir schleppen Sie nicht ab, solange wir nicht Ihre Kreditkarte eingelesen haben. Die Navy hat bei uns ihren Kredit verspielt. Die Betriebsleiterin sagt, sie hätte noch genug Rechnungen auf dem Tisch, die von der Navy nicht bezahlt wurden.«

»In welchem Ausmaß genau hat die Navy diesen Bezirk ignoriert?«, brummte Jack leise vor sich hin. Was Kris genug zu denken gab, um sich den ramponierten Schlepper anzusehen, der schon lange eine frische Lackierung benötigt hätte. Sie scharrte mit dem Fuß auf der Landebahn. Solide asphaltiert, aber renovierungsbedürftig. Hier ist Flottenbezirk 41 zuständig. Nicht Wardhaven, Lieutenant Longknife, rief sie sich in Erinnerung.

Nach abgeschlossener Neubewertung zückte Kris ihre Brieftasche, überging die offizielle Flottenbezirk-41-Kreditkarte, für die sie so ungeheuer förmlich hatte unterschreiben müssen, und brachte ihre persönliche Karte zum Vorschein. Als Kris den Empfang der Bezirkskarte quittiert hatte, hatte sie gefragt, welches deren Kreditrahmen war. Der Specialist Third Class von der Beschaffung antwortete, das hinge von den Mitteln ab, die dem Bezirk zugestanden wurden. Alle Versuche Kris’ und Nellys, den genauen Betrag dieser magischen Zahl zu erfahren, waren gescheitert.

Kris legte Ausweis und Kreditkarte dem Fahrer des Schleppers vor. Er steckte beides in ein Lesegerät, ohne überhaupt einen Blick darauf zu werfen. Zumindest nicht, bis das Lesegerät fröhlich piepte und den Betrag als gutgeschrieben auswies. Sobald die Karte wieder ausgeworfen wurde, sah er sie sich gründlich an. »Sind Sie diese Kris Longknife?«, fragte er.

»Gewöhnlich. An meinen guten Tagen«, antwortete Kris.

»Boss, du weißt doch, wer sie ist. Siehst du dir nie Vids an, in denen es mal nicht nur um Rennen und Fußball geht?«

»Nichts anderes lohnt sich anzuschauen«, sagte der Boss und stieß den jungen Mann mit dem Ellbogen vom Sitz. »Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit. Ziehen wir diese Mühle von der Landebahn.«

»Aber sie ist … sie ist …« Der große Bursche schien inzwischen zu stottern.

»Nur so ’ne Fliegerin.«

Als das Shuttle am Schlepper hing, stiegen die beiden wieder auf ihre Plätze. »Holt uns ein Crewbus ab?«, fragte Kris.

»Nee.«

»Können wir mit Ihnen fahren?«

»Nee, sind voll belegt.«

»Kann ein alter Chief auf dem Heckstoßfänger mitfahren?«, fragte Beni, der nicht an einem langen Marsch zur Abfertigung interessiert war.

»Wie Sie möchten, Chief«, antwortete der Fahrer. »Wenn Sie nicht zu stolz sind, können die anderen den Stoßfänger mit Ihnen teilen. Oder laufen.«

Jack reichte Kris eine Hand, die sie mit ihren einsachtzig nicht benötigt hätte, um eine erhöhte Position zu erklimmen, aber es war trotzdem nett von ihm. Es erinnerte sie auch daran, dass sie eine Prinzessin und die amtierende Befehlshaberin von Flottenbezirk 41 war und dass es würdelos wäre, den Fahrer eines Schleppwagens anzuschreien. Und es hätte vielleicht die Einheimischen erschreckt, wenn sie ihn umbrachte.

Die Fahrt zu einer festen Parkposition verlief gemächlich. Dem Shuttle wurde ein Ort im Exil zugewiesen, weit vom Terminal entfernt. Sobald gewährleistet war, dass die Maschine abgesichert zurückblieb, bot der Fahrer Kris und ihren Leuten eine Mitfahrt zur Betriebszentrale an, einem baufälligen Schuppen mit einem sehr bedrohlichen Windsack, der schlaff über dem Zentrum eines braunen Rasenstücks baumelte.

»Sie sollten lieber Ihre Rechnungen beim Hafenmanager begleichen«, warnte sie der Fahrer, als er sie absetzte. Im Innern des Bauwerks fand Kris Fliegen vor, einen nur sporadisch laufenden Deckenventilator und eine Frau mittleren Alters hinter einem Schalter. Kris trat an sie heran und stand sich dann die Beine in den Bauch, während die Frau ein Patiencespiel auf ihrem altmodischen Computer abschloss.

»Man hat uns also eine Longknife geschickt«, bemerkte die Frau, ohne aufzublicken.

»Nur eine junge«, hielt ihr Kris entgegen.

»Eine Longknife ist eine Longknife. Die alten machen es mit einem. Die jungen träumen davon, endlich groß genug zu werden, um es mit einem machen zu können. Zu welcher Kategorie gehören Sie?«, fragte sie und sah Kris an. Dieser Blick bannte Kris. Die Augen zeigten sich jedenfalls in einem durchdringenden Blau, das tief in den Betrachter schnitt. Auch Eis war diesem Blick angelagert. Diese Augen musterten Kris, wogen sie bis aufs letzte Milligramm ab und befanden sie … für würdig, im Blick behalten zu werden. Die Frau lehnte sich vom Computer zurück und hielt diese Augen fest auf Kris gerichtet.

»Ich bin Kris Longknife«, antwortete der Navy-Lieutenant. »Ich habe über Wardhaven das Kommando geführt.«

»Die sind Sie«, sagte die Frau langsam und nickte zustimmend. Sie ließ das einen Augenblick lang in der warmen, sommerlichen Luft hängen, ehe sie die nächste Frage stellte. »Ich bin Marta Torn. Was führt Sie in unseren abgelegenen Winkel?«

Kris hatte dafür ein Dutzend Antworten auf Lager, aber keine davon überwand den Blick dieser Frau. »Man hat keine andere Stelle für mich gefunden. Ich denke, die Verantwortlichen hoffen, dass ich hier eine Zeit lang herumhänge, mir dann langweilig wird und ich den Dienst quittiere.«

Die Frau schnaubte. »Ich denke, dass Sie mir gerade die Wahrheit gesagt haben. Die ist jedoch genauso gut wie jede Lüge. Niemand wird es glauben.«

Kris zuckte die Achseln. »Keiner der Zweifler hat jemals Billy Longknifes Kreise gestört.«

»Da sprechen Sie das Schicksal aller Kinder an, Süße. Mommy und Poppy sind nie mit ihnen zufrieden. Wohl den Eltern, die endlich erkennen, dass die Kinder am besten wissen, was gut für sie ist. Gott helfe dem Kid, das klein beigibt und sich Mommys und Poppys Diktat fügt.«

»Irgendeine Chance, dass Sie mal mit meiner Mutter oder meinem Vater darüber reden?«

Die Frau lachte. Es war ein herzliches Lachen, das tief in ihrer Brust einsetzte und sich schließlich bis in die Augen erstreckte. »Wenn beide nicht auf Sie gehört haben, was bringt Sie auf die Idee, sie würden auf mich hören?«

»Wo wir gerade von Zuhören sprechen … oder Reden, wo es nicht gerade besonders erwünscht ist: Ich bin gewissermaßen die neue Befehlshaberin von Flottenbezirk 41, und mein Einsatz verläuft ganz schön seltsam. Sie wissen nicht zufällig, wo ich Steve Kovar finde, damit ich ein kleines Schwätzchen mit ihm führen kann?«

Die Frau tippte etwas in ihren Computer. »Er müsste inzwischen hier sein. Wir haben Dienstagnachmittag, also fährt er gerade Taxi.«

»Ich dachte, er betreibt inzwischen eine Hühnerfarm.«

»Das tut er, und er fährt Taxi. Fragen Sie ihn doch selbst danach. Ich denke, ich habe das Taxi gerade vorfahren hören.«

Die Haupttür zur Betriebszentrale ging auf, und ein kleiner Bursche in Jeans und Flanellhemd kam hereinspaziert. Die roten Haare waren lang, und der Bart zottelig. »Haben Sie Gepäck dabei?«, lautete seine einzige Frage.

»Wir machen nur einen Tagesausflug«, erklärte Kris. »Sorgen Sie dafür, dass mein Shuttle aufgetankt wird«, setzte Kris an Marta gerichtet hinzu.

»Ich denke, Ihre Karte ist dafür gut genug«, pflichtete ihr die Betriebsleiterin bei. Steve sah die Frau unter hochgezogener Braue an. »Sie benutzt ihre eigene Karte. Sie verteilt keine Navy-Schuldscheine.«

Steve schüttelte reumütig den Kopf und drehte sich zur Tür um; die Navy musste sich sputen, um ihn einzuholen. Das Taxi hatte vorne vier Türen und verwandelte sich auf halbem Weg in einen Pick-up. Na ja, hier waren sie auf einer der Randwelten; jeder musste arbeiten.

Kris setzte sich neben Steve auf den Beifahrersitz; Jack und Beni teilten die Rückbank. Der frühere Befehlshaber von Flottenbezirk 41 fuhr los und laberte einen Monolog über die Getreideformen, die man entlang des Weges erblickte. »Wir exportieren die höchstgeschätzten Single-Malt-Whiskys diesseits des alten Schottland. Oder des neuen. Auch unsere Weine stehen in hohem Ansehen. Wir bauen außerdem zahlreiche modifizierte Getreide an, die als Rohstoffe an die Pharmaindustrie gehen. Chance ist stolz auf seine Handelsbilanz. Wir importieren nur die wichtigsten Dinge für unsere Landwirtschaft. Fünfzehn unserer zwanzig größten Städte haben eigene Fusionsreaktoren. Die Übrigen nutzen die natürliche Wasserkraft.«

»Ich bin auf der Fahrt hierher informiert worden«, sagte Kris.

»Ja, aber eine Einführung gibt Ihnen nicht den Geschmack des Realen. Den Stolz des Produzenten«, gab der Mann zu bedenken. »Sehen Sie sich nur um.«

Kris tat es; sie überquerten gerade eine leichte Anhöhe. Hinter ihnen breiteten sich Getreidefelder aus, in denen der Tower und zwei lange Startbahnen fast untergingen. Voraus lag in einer leichten Senke die Stadt Last Chance an beiden Ufern des breiten Flusses An’Ki. Man sah hier sogar Hochhäuser; zwar keines so hoch wie die auf Wardhaven, aber trotzdem konnte man diese Stadt mit mehreren kleineren Metropolregionen zu Hause vergleichen.

»Sieht nett aus«, fand Kris. »Wieso wird sie Last Chance genannt?«

»Das ist mit Absicht so. Orte wie das irdische Grönland oder das Greenfeld der Peterwalds sollen den Leuten weismachen, ihnen würde dort ein toller Platz zum Leben geboten. Die Menschen, die Last Chance besiedelten, wollten keine solchen Träumer. Sie wollten Menschen, die nach einer echten Aufgabe suchten. Die bereit waren, ihre Zukunft einem Planeten abzuringen. Unsere Bevölkerung beträgt mehr als hundert Millionen. Wir haben keine nennenswerte Arbeitslosigkeit. Uns gefällt es hier.«

Das war in Kris’ einleitenden Informationen nicht erwähnt worden. Oh, die schieren Zahlen schon. Aber nicht die Einstellung. Hmm. Das bot Stoff zum Nachdenken.

»Wie gefällt Ihnen meine Raumstation?« Diese Frage verriet Besitzerstolz, auch wenn er nicht daran interessiert gewesen war, Kris zum Kommandowechsel eine Führung zu gewähren.

»Ganz sauber. Ganz proper. Ganz leer.«

Steve lachte. »Ja, das kann ich mir vorstellen.«

»Wissen Sie, einfach jeder hätte kommen und sich die Station aneignen können. Gerade mal zwei Sprünge trennen Sie noch von Peterwald-Raum, seit die Greenfeld-Konföderation Brenner’s Pass zum Beitritt gezwungen hat.«

»Ja, aber niemand hat die Station betreten, ehe Sie vorbeikamen.«

»Es ist ein Wardhaven-Kommando.«

»Wirklich? Fragen Sie unsere Marta Torn, wie lange sie gebraucht hat, Wardhaven das Geld für meine Gutscheine abzuluchsen. Fragen Sie die Kaufleute, denen ich Versorgungsgüter abgeschwatzt habe.« Echter Zorn lag hinter diesen Worten.

Kris entschied sich dafür, den Blick lieber auf die Straße zu richten. Diese hatte sich auf vier Spuren verbreitert, seit sie durch ein Wohnviertel fuhren. Hier brauchte man die zusätzlichen Spuren für den ganzen Verkehr, der ihnen Gesellschaft leistete.

»Wohin fahren wir?«, fragte sie schließlich.

»Ich dachte mir, ich setze Sie vor der Tür des Bürgermeisters ab. Ron Torn; seiner Mutter sind Sie auf dem Flughafen begegnet. Soll er sich mit Ihnen befassen. Wir haben keine planetare Regierung. Jede Stadt hat einen Bürgermeister und kümmert sich um ihren eigenen Kram. Sozusagen wie die klassischen Griechen.«

Kris verstand die Anspielung. »Diesen Stadtstaaten ist es nicht sonderlich gut ergangen, als sich das Persische Reich erst mal für sie interessierte.«

»Aber bis dahin sind sie gut klargekommen. Wenn man bedenkt, wie klein wir sind und wie sehr uns sämtliche Imperienbauer bislang ignorieren, denken wir uns gewissermaßen, dass wir so weitermachen können. Zumindest dachten wir das, bis wir uns mit einer Longknife-Göre geschlagen sahen.« Er milderte das mit einem schiefen Lächeln ab. Einem sehr leisen Lächeln.

»Wenn ich Ihre defensive Haltung richtig verstehe«, meldete sich Jack von der Rückbank, »besteht sie darin, das totgefahrene Tier im Straßengraben zu spielen und zu hoffen, dass Ihnen der Geier keine Aufmerksamkeit schenken wird.«

Steve warf einen Blick über die Schulter. »Ich hätte von einem Marine erwarten können, dass er es so feinfühlig ausdrückt. Aber ja. Sie haben es erfasst.«

»Es wird nicht funktionieren«, sagte Kris.

»Sagen Sie. Erzählen Sie das dem Bürgermeister. Er wird Ihnen gefallen. Er wird Ihnen das, was Sie verkaufen wollen, noch weniger abnehmen als seine Mutter.«

Während Kris all diese Wendungen verdaute, bog Steve aus dem Verkehrsstrom ab und hielt in der Entladezone eines hohen Gebäudes aus Beton und glänzendem Glas. Dort wartete ein großer Kerl in Hose, langärmeligem weißen Hemd und Pullunder auf Kris. Er musterte sie mit den blauen Augen seiner Mutter und schien gänzlich uninteressiert, ihr irgendetwas abzukaufen – die Standardmiene eines Oppositionspolitikers. Er wartete darauf, dass sie ihre Tür selbst öffnete. Sobald sie und ihr Team auf eigenen Beinen standen, reichte er ihr die Hand.

»Hi, ich bin Ron Tort, Bürgermeister von Last Chance.«

Kris stellte ihre eigene Crew vor.

»Haben Sie Hunger?«, fragte der Bürgermeister.

»Darauf können Sie wetten!«, antwortete der Chief. »Zum Frühstück hatten wir nur diese Feldrationen, die irgendjemand zurückgelassen hat. Und zum Abendessen gestern auch.«

Steve gesellte sich zu der Gruppe. »Kann jemand von Ihnen kochen?«

»Erdnussbutter auf Toast«, sagte Beni. Jack schüttelte den Kopf.

»Jack meint, dass ich sehr ordentlich Wasser koche«, hatte Kris zu bieten.

Steve wirkte angesichts einer derartigen Ausprägung der Fähigkeiten seiner Nachfolger verletzt. »Ich denke, ich nehme den Chief mit hinüber in den Old Camp Store. Dort gibt es Reiseverpflegung, die eine oder drei Qualitätsstufen über der Armeekost liegt.«

»Ich gehöre ganz Ihnen«, sagte Beni, die Arme weit ausgebreitet.

»Besorgen Sie frische Eier«, sagte Jack. »Es kann nicht sonderlich schwer sein, Rührei zu machen.«

»Und frischen Kaffee«, setzte Kris hinzu. »Und Brot und Aufschnitt. Ich bin dazu in der Lage, ein Sandwich zuzubereiten.« Beni wirkte immer ärmer, je länger die Liste wurde. »Nelly, statte den Chief mit einem Gutschein aus.« Damit entlockte sie ihm ein glückliches Lächeln. Steve verdrehte die Augen. Niemand machte jedoch eine hässliche Bemerkung über eine hilflose Dame in Not. Vielleicht gelang es Kris ja doch, dem Etikett Prinzessin zu entrinnen.

Kris und Jack folgten Ron ins Bürogebäude. »Schönes Rathaus«, erklärte sie Ron beim Anblick des geräumigen Foyers, mit schwarzem Marmorboden und grauen Granitwänden kühl gehalten.

»Wir haben hier nur Räume gemietet. Nicht mal eine ganze Etage. Chance verkörpert den Tod für jede ausufernde Regierung. Sorge dafür, dass das Untier klein gehalten wird und dir nicht in die Quere kommt. ›Nichts von Bedeutung wird jemals von einer Regierung erledigt.‹«

»Sie sehen gar nicht nach jemandem aus, der sich mit etwas zufrieden gibt, das nichts bewegt«, sagte Kris, während sie den Fahrstuhl betraten.

»Der Familienfluch. Urgroßvater spielte die entscheidende Rolle bei der Mobilisierung der Truppen von Chance in den letzten Feldzügen der Iteeche-Kriege. Die Leute erwarten sozusagen, dass ein Torn zum Staat geht. Ich denke, sie überlassen uns einfach das Regieren.« Kris erblickte hier keinen Ansatz, um das Thema Verteidigung zur Sprache zu bringen, und entschied, es noch für einige Zeit zurückzustellen. Von Anfang an eine harte Linie zu fahren, damit hatte sie beim Lieutenant gar nichts erreicht. Vielleicht bot ihr ein höflicher Schwatz eher einen Ansatzpunkt.

Das Büro des Bürgermeisters lag auf der dreizehnten Etage. »Wir erhalten einen Rabatt, weil wir diese Unglückszahl akzeptieren.«

»Warum überspringt man die Zahl nicht einfach?«

»Ich denke, den Leuten gefiel die Idee einer prominenten Dreizehn in unserer Adresse«, sagte Ron und hielt die Tür für Kris auf. Im kleinen Vorzimmer fanden sie eine Frau an einem Computer vor sowie einige Stühle und einen Tisch voller Lesegeräte. Der Bürgermeister führte Kris und Jack in sein eigenes Büro.

Rons Eckbüro bot eine spektakuläre Aussicht. Während er Kris einen Stuhl anbot, sagte sie: »Mich überrascht, dass man einer Regierung, die so wenig Respekt genießt, eine solch grandiose Aussicht zugesteht.«

Ron lud auch Jack mit einem Wink ein, sich zu setzen. »Ich denke, die Geschäftsleute möchten, dass ich sehe, was sie tun. Es bewundere. Davon eingeschüchtert werde. Was wohl eher, hm?« Erneut ruhte der Blick dieser blauen Augen auf ihr, jetzt mit der Spur eines Lächelns darin. Galt das ihr oder der sarkastischen Wendung ihres Gesprächs? Schwer zu sagen.

»Sie haben doch sicher eine auf Steuern beruhende Grundfinanzierung«, sagte sie und wechselte damit auf ein Thema, wie es von der Tochter Billy Longknifes auch erwartet wurde. Etwas Neutrales, worüber man plaudern konnte. Sie wollte, dass er weiter von diesem Planeten sprach. Nicht über ihre Anliegen. Noch auf einige Zeit nicht.

»Ja, wir erheben eine kleine Steuer auf Importe. Nicht auf Exporte wohlgemerkt. Wenn wir jedoch etwas von anderen Planeten kaufen, erhalte ich eine minimale Fleischeinlage. Was Ihnen verraten dürfte, in welchem Ausmaß wir autark zu sein bestrebt sind.«

»Das kann nicht für die wichtigsten Dienstleistungen reichen«, meinte Kris, während sie die Aussicht betrachtete und mit dem verglich, was sie über Unterhaltskosten einer solchen Ansiedlung wusste.

»Die Feuerwehr besteht überwiegend aus Freiwilligen und wird von wenigen Vollzeitkräften zusammengehalten. Das Gleiche gilt für die Polizei, obwohl wir keine sonderliche Kriminalität kennen. Da wir fast Vollbeschäftigung haben, haben die meisten Leute keine Zeit, ihre Nachbarn zu bestehlen. Wir verfügen über ein paar Vollzeitkräfte in der Gendarmerie. Zumeist ältere Leute – die Art großmütterliche oder großväterliche Persönlichkeiten, die Auseinandersetzungen mit einem strengen Blick und ein paar vernünftigen Worten beilegen können.« Rons Blick löste sich von Kris und fuhr über die Stadt hinweg. »Sie wirkt vielleicht groß, aber der Einstellung nach sind wir eine recht kleine Stadt. Es gilt als peinlich, wenn das eigene Kind in Schwierigkeiten gerät, in mehr Schwierigkeiten, als Oma erwartet«, sagte er und blinzelte Kris an. Dann zuckte er die Achseln.

»Chance bietet eine Menge. Wer hier einmal ein paar Schuhe durchgelaufen hat, wird nie wieder fortgehen wollen.«

Kris blickte auf ihre fast neuen Schuhe hinab. »Ist es Lieutenant Kovar so ergangen?«

»Hat er Ihnen seine Geschichte nicht erzählt?«

»Sie kam nicht zur Sprache. Wir haben über andere Dinge diskutiert.«

Ron zog eine Braue hoch. Die Falten an seinen Augen nahmen einen nachdenklichen Zug an. »Vielleicht sollte ich Ihnen seine Geschichte dann auch nicht erzählen. Andererseits weiß meine Mom vielleicht mehr darüber als er selbst.« Eine Unterbrechung trat ein. Kris wartete ab.

»Mom sagt, er wäre ein sehr zupackender Typ gewesen, als er hier draußen auftauchte. Nicht im Mindesten bekümmert darüber, neben dem Captain der einzige Offizier zu sein. Als dieser Captain in den Ruhestand ging und abreiste, ehe der Nachfolger eintraf, war Steve, wie Mom sagt, richtig froh darüber, sich als amtierender Befehlshaber seines ganz persönlichen Flottenbezirks wiederzufinden.«

Er musste die Frage in Kris’ Blick erkannt haben. »Nein, nicht indem er herumstolziert wäre und eine große Sache daraus gemacht hätte. Steve ist ein zu ernsthafter Mensch, um sich auf Rang etwas einzubilden. Nein. Aber er ist ernst wie ein Herzanfall, wenn es darum geht, seinen Job gut zu erledigen. Ein Herzanfall war es nämlich, was der nächste Commander auf der letzten Etappe seiner Reise hier heraus erlitt. Man hat ihn auf einer Trage von Bord gebracht und auf Rädern gleich zurück an Bord geschoben. Die Frage, wann er sich wieder erholt haben würde, führte dazu, dass die ganze Befehlsfrage etwa sechs oder neun Monate lang in der Schwebe blieb. Dann wurde ein neuer Boss für 41 ernannt. Dem gelang es dann, noch auf der Überfahrt neue Befehle zu ergattern. Ich denke, der Fluch war zu diesem Zeitpunkt schon sehr deutlich erkennbar. Zumindest für jeden, der sich nicht hier auf Chance aufhielt. Irgendwie fand die Erde immer eine andere Beschäftigung und kam gar nicht mehr dazu, einen neuen Befehlshaber zu berufen. Ein Computerfehler? Wer weiß?«

»Und Lieutenant Kovar hat einfach hier gesessen und nichts getan?« Kris konnte es verstehen, wenn das jemand für ein oder drei Jahre aushielt. Aber fünfzehn?

»Na ja, da kam ein Mädchen ins Spiel. Reizende Person. Die jüngste Schwester meiner Mutter. Sie schien ihm sein Exil sehr lebenswert zu gestalten.«

Diese blauen Augen lächelten Kris an. Nette Falten. Volle Lippen. War das ein Angebot, ihr das Exil zu erleichtern? Wollte sie wirklich weiter mit dem Kopf gegen jede Mauer anrennen, die andere Leute mitten im Weg ihrer Navy-Karriere errichteten? Das war jedoch keine Frage, die sie zwingend noch heute beantworten musste. Zeit war etwas, über das sie reichlich verfügte. Jedoch lag kein Grund vor, nicht eine bestimmte andere Frage zu beantworten. Nelly, ist Ron verheiratet?

Der Zentraldatenbank von Chance zufolge ist er unverheiratet, Kris. Ich sollte jedoch darauf hinweisen, dass nach meiner Sichtung der Dateien der jüngste Eintrag über eine Eheschließung mehr als ein Jahr zurückliegt. Geburten und Todesfälle sind bis einschließlich gestern eingetragen, aber andere Daten werden nur sporadisch und in ganzen Schwüngen hinzugefügt.

Klar. Wann immer sie einen Freiwilligen finden, der es tut.

Kris bemerkte, dass sie das Gespräch vernachlässigte, und das nicht an einer Stelle, die sie herausstreichen wollte. Sie suchte nach irgendetwas, und ihr Mund ging auf. »Und ihn störte auch nicht der Mangel an diensttuendem Personal, das Bezirk 41 zugewiesen wurde?«

»Vielleicht sollte lieber der Chief diese Frage beantworten. Chief!«, brüllte er.

Einen Augenblick später ging die Tür auf; die Frau, die sich zuvor mit dem Computer beschäftigt hatte, fragte: »Was brüllen Sie herum, Mr Torn?«

»Die Navy hier fragt sich, warum Steve nur Reservisten herumgescheucht hat. Da Sie so lange als Personalchief da oben tätig waren, dachte ich mir, Sie könnten vielleicht aus Ihrer Sicht den Umstand erläutern, warum er sich Ihre große Klappe und Ihre Widerrede gefallen lassen hat.«

Die Frau, die nur wenig kleiner war als Kris und der die mittleren Jahre dabei halfen, ihre Kurven auszufüllen, schüttelte den Kopf. »Die eigentliche Frage lautet, warum ich mir Ihre große Klappe gefallen lasse.« Sie trat jedoch ein. Jack sprang auf, um ihr einen Platz anzubieten, den sie mit vollendetem Adel akzeptierte. Dem Marine blieb nur, die Wand am Einstürzen zu hindern.

Der Chief legte ein hosenbewehrtes Bein auf den Tisch, kreuzte das andere damit und lehnte sich behaglich zurück. Als Ron das Gleiche tat, traf Kris Anstalten, beide zu imitieren und kippte fast rücklings um.

»Ups! Verzeihung!«, sagte Ron. »Sie haben den kaputten Stuhl erwischt.«

Kris balancierte sich in aufrechter Haltung aus und gab sich wieder ganz steif und als Prinzessin. Und merkte sich, wer in Rons Augen einen bequemen Stuhl verdient hatte … und wer nicht.

»Ich denke nicht, dass der Lieutenant bemerkt hat, was das BuPers mit ihm machte; jedenfalls eine Zeit lang nicht. Ein paar Leute im festen Dienstverhältnis wurden geschickt. Andere reisten wieder ab. Dann fuhren immer mehr ab, und niemand kam mehr hier heraus. Und immer wenn das jeweils neue Budget gemeldet wurde, stand mehr in der Spalte für Reservisten und weniger in der Spalte für die im aktiven Dienst drin. Als das zweite Jahr anbrach und wir nur noch vier Leute im aktiven Dienst waren, plus Steve, führten er und ich ein langes Gespräch über die Vorgänge, deren Zeuge wir wurden. Ich sagte ihm, dass man aus einem Schweineohr keinen seidenen Geldbeutel anfertigen kann, besonders nicht, wenn einem kein Schwein angeboten wird, dem man das Ohr abschneiden könnte.«

»Was meinte der Lieutenant dazu?«, fragte Kris.

»Etwas in der Richtung, dass man von ihm erwarte, einen ganzen Sektor des Weltraums lediglich mit Teilzeitkräften zu verteidigen.« Das war ein Gefühl, dem Kris beipflichten konnte. Es klang jedoch gewiss nicht nach Steve dem Taxifahrer, mit dem sie heute Morgen gesprochen hatte. Andererseits können zehn Jahre einen Menschen verändern. Oder mürbe machen.

»Was haben Sie getan?«

»Der Rest von uns Teilzeitkräften hat sich mehr ins Zeug gelegt. Wir mussten das auch, nachdem alle vier Aktiven gemeinsam abgereist waren. Richtig beschi… äh, problematisch wurde es, als man uns nicht erlaubte, neue Reservisten zu rekrutieren. Jedenfalls zunächst nicht. Erledigt alle Arbeiten, aber macht es mit denselben alten Kräften, hieß es. Etwas über Einsparungen im Ausbildungssektor wurde uns erklärt. Wir taten, was möglich war. Und manche von uns hatten kleine Schwestern, kleine Brüder, die manchmal mitkamen und hier und dort einsprangen. Wissen Sie, man kann eine Menge über die Bedienung eines Sechs-Zoll-Lasers lernen, wenn man es lange genug probiert.«

Kris wusste nicht recht, ob sie ihre Verteidigung jemandem anvertrauen wollte, der seine Laserausbildung nach dem Prinzip absolviert hatte: Der Affe sieht zu, der Affe probiert’s mal. Andererseits bot ihr niemand jemanden an, der irgendeine Art von Ausbildung genossen hätte.

»Sie sagten ›zunächst‹. Hat sich das geändert?«

»Yeah, gleich nachdem Sie und die Erde die Trennung von Tisch und Bett vornahmen. Man sagte uns, dass jeder herzlich willkommen wäre, der überhaupt zur Flotte gehen wollte. Zu dem Zeitpunkt waren wir alten Hasen allerdings schon richtig sauer auf alles, was in Blau daherkam, und wir stellten fest, dass die Lage hier und dort ein bisschen heiß wurde. Das müssen Sie auch bemerkt haben. In den Nachrichten hieß es immer wieder, Sie wären dabei gewesen.«

Kris nickte so unschuldig, wie es die Sachlage erlaubte.

»Und so erklärte ich meiner kleinen Schwester: Wenn sie in Dienst treten und für das bezahlt werden wollte, was sie tat, würde ich ihr den Arm abreißen und ihr den blutigen Stumpf über den Schädel hauen.« Der Chief fasste die Deckenlandschaft ins Auge. »Wie ich mich entsinne, gehörten die Einwände, die ich meiner Schwester vortrug, zu den milderen Formen, die so die Runde machten. Jedenfalls sorgte ich dafür, dass alle wussten, dass wir etwa zum gleichen Zeitpunkt für den Ruhestand in Frage kamen.«

»U

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