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Krimi Sommer Sammelband 12 Krimis - Im Sommer ermordet,

Krimi Sommer Sammelband 12 Krimis - Im Sommer ermordet,

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Krimi Sommer Sammelband – Im Sommer ermordet

Copyright

ZWEISAM IN SONSBECK

HINTER DEM MOND

Nachtarbeiter

Nicht jeder Sieg stimmt froh

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18.

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Familienbande

Mörderspiel

Hauptpersonen:

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Das Syndikat kennt keine Gnade

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„Lauf um dein Leben, Agent Burke!“

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Ein tödlicher Deal

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Die Alternative ist der Tod

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Das Phantom von Tanger

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Archibald Duggan und das Blutgeld

Copyright

Prolog

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Further Reading: 10 hammerharte Strand-Krimis

Also By Alfred Bekker

Also By Horst Bieber

Also By Pete Hackett

Also By Peter Dubina

Also By Glenn Stirling

About the Author

About the Publisher

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Krimi Sommer Sammelband – Im Sommer ermordet

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Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

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DIESES BUCH ENTHÄLT folgende Krimis:

Alfred Bekker: Zweisam in Sonsbeck

Alfred Bekker: Hinter dem Mond

Horst Bieber: Nachtarbeiter

Horst Bieber: Nicht jeder Sieg stimmt froh

Horst Bieber: Familienbande

Alfred Bekker: Mörderspiel

Peter Dubina: Das Syndikat kennt keine Gnade

Pete Hackett: „Lauf um dein Leben, Agent Burke!“

Pete Hackett: Ein tödlicher Deal

Pete Hackett: Die Alternative ist der Tod

Alfred Bekker: Das Phantom von Tanger

Glenn Stirling: Archibald Duggan und das Blutgeld

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ALFRED BEKKER IST EIN bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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ZWEISAM IN SONSBECK

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Krimi von Alfred Bekker

Die Stimmen.

Sie hören nicht auf.

Ich dachte, ich könnte sie zum Schweigen bringen, aber das war wohl ein Irrtum. Eine gewisse Traurigkeit überkommt mich. Ein Gefühl der Vergeblichkeit.

Zu Hause ist es manchmal ziemlich einsam.

Wenn ich niemanden habe, mit dem ich reden kann, höre ich die Stimmen.

Also muss ich immer dafür sorgen, dass ich nicht allein bin.

Es war an einem heißen Juli-Nachmittag, als die St. Gerebernus-Prozession durch Sonsbeck zog.

Letztes Jahr.

Der Musikverein Harmonie 1911 spielte.

Trotz der komischen Uniform, die nicht gerade feminin wirkt, fiel mir eine Trompeterin auf. Ich bin nicht sehr musikalisch, hatte aber das Gefühl, dass es nicht richtig sein kann, wenn man eine Trompete aus dem Bläsersatz dermaßen schrill heraushört. Dem Gesichtsausdruck des Dirigenten nach hatte ich mit dieser Einschätzung Recht.

Damals sah ich Franziska zum allerersten Mal. Allerdings wusste ich noch nicht, dass sie Franziska hieß.

Ich konnte sie einfach nicht vergessen.

Ihr Gesicht, meine ich.

Ich betrete das Sonsbecker Rathaus in der Herrenstraße 2. Es dauert eine Weile, bis ich mich durchgefragt habe und schließlich im Zimmer des Sachbearbeiters sitze, der dafür zuständig ist, einem Bedürftigen wie mir Hilfe zum Lebensunterhalt zu gewähren.

Der Sachbearbeiter heißt Wolke. So hat er sich mir gegenüber vorgestellt. Seine Kollegin, die während unseres Gesprächs mehrfach hereinschneit und uns mit irgendwelchen ach so dringenden Lappalien unterbricht, nennt ihn HEBBET.

Nicht HERBERT sondern HEBBET.

Vielleicht kommt sie aus dem Hessischen.

Jedenfalls ist sie nicht von hier.

Zugezogen.

Ihre Sprache verrät sie.

Sie ist blond und quirlig.

HEBBET ist genau das Gegenteil.

Dunkelhaarig und ziemlich behäbig. Richtig lahm. So, wie man sich einen Beamten in seiner Amtsstube eben vorstellt.

Wolke lehnt sich in seinem Sessel zurück und sieht mich abschätzig an.

"Sie wollen also Geld von mir haben."

"Nicht von Ihnen persönlich."

"Logisch", knurrt er. "War ein Witz."

"Ach, so."

Er atmet tief durch, beugt sich vor und greift sich anschließend mit schmerzverzerrtem Blick an den Rücken. Irgendetwas zwickt ihn da. Das sind eben die Folgen des Dauersitzens. Kann man in jedem Apothekenblatt nachlesen.

"Sie haben zurzeit keine Arbeit?", fragt er mich.

"Nein."

"Seit wann?"

"Seit ... Schon jahrelang."

"Wovon haben Sie gelebt?"

"Vom Geld meiner Mutter."

"Ist Ihre Mutter berufstätig?"

"Nein, jetzt nicht mehr. Sie steht nicht mehr auf. Jedenfalls nicht ohne Hilfe."

"Heißt das, sie ist ein Pflegefall?"

"Kann man so sagen."

"Zahlen Sie Miete?"

"Nein. Ich lebe im Haus meiner Mutter. Also, eigentlich ist es mein Haus. Sie hat es mir vor ein paar Jahren überschrieben."

"Außer den Zuwendungen Ihrer Mutter haben Sie keinerlei Einkünfte?"

"Ich habe hin und hin und wieder mal ..." Ich stocke.

"Schwarzarbeit?", erlöst er mich davon, mich selbst belasten zu müssen.

"Ja."

Er seufzt. Sieht genervt aus. Ich bereue schon, überhaupt hier her gekommen zu sein.

"Sie müssen mir Ihre Vermögensverhältnisse offen legen, sonst gibt es kein Geld für Sie", erklärt mir Wolke jetzt unmissverständlich. "Wenn Sie Ihre Mutter pflegen, dann hätten Sie auch vielleicht Anspruch auf Leistungen der Pflegekasse. Haben Sie Ihre Mutter vom medizinischen Dienst begutachten und in eine Pflegestufe einstufen lassen?"

"Nein."

"Das sollten Sie schleunigst veranlassen", sagt Wolke. "Ihren Schilderungen entnehme ich, dass Ihre Mutter bettlägerig ist."

"Ja."

"Dann sind Sie auf Grund der übernommenen Pflege auch nicht voll erwerbsfähig." Er seufzt, sieht auf die Uhr. "Wissen Sie was, ich muss heute pünktlich weg. Aber ich habe hier ein Formular für Sie. Füllen Sie das bitte aus und kommen Sie doch danach wieder in mein Büro."

"Wann?", frage ich.

Er zuckt die Achseln. "Die Tage mal."

Ich bekomme das Formular.

Seine quirlige Kollegin schneit noch einmal hinein. "HEBBET, eine Unterschrift!", säuselt sie, legt ihm was auf den Tisch. HEBBET unterschreibt ohne sich das Blatt durchzulesen.

"Alles klar?", fragt HEBBET Wolke.

"Alles paletti. Hast du übrigens schon gehört, dass da eine junge Frau vermisst wird?"

"Wirklich?"

"Ja, hier aus dem Ort."

"Nö, weiß ich nix von."

"Kam gerade im Radio. Den Namen habe ich vergessen, aber morgen ist sicher ein Foto in der Zeitung."

"Vielleicht kennen wir sie."

"Sandra Stahlke oder Stahnke."

"Nee, das ist 'ne Schauspielerin, da vertust du dich, Katharina."

"HEBBET ..."

"Ja, wirklich!"

"HEBBET, die heißt Susan Stahnke und ist auch keine richtige Schauspielerin sondern ... Wat weiß ich!"

Ich habe langsam das Gefühl, hier überflüssig zu sein. Immerhin weiß ich jetzt, dass die Quirlige Katharina heißt. Sie gefällt mir. Ich hätte sie gerne zu Hause. Nur so zum Reden. Nur zum Reden. Nicht für mehr.

Das Land hier am Niederrhein ist flach. Bäume, Häuser, Alleen, hin und wieder eine Kirche. So sieht es aus hier in Sonsbeck. Idyllisch könnte man dazu sagen. Mein Haus liegt ein Stück die Weseler Straße raus. Man kann es von der Straße aus nur im Winter sehen, wenn die Bäume kein Laub tragen. Mein Wagen, der Wagen, der meinem Vater gehört hat, steht jetzt in der Garage. Ich habe kein Geld für den Sprit mehr. Ich bin ein sparsamer Mensch, aber vielleicht war ich in der Vergangenheit nicht sparsam genug.

Jetzt fahre ich mit dem Fahrrad in die Stadt.

Geht auch.

Muss gehen.

Muss einfach.

Als ich später meine Mutter umbette, damit sie bequem liegt und keine Druckstellen bekommt, sagt sie: "Wir damals, in der schweren Zeit, wir haben ganz andere Sachen ausgehalten. Und du meckerst, wenn du mal in die Pedale treten musst!"

Als ich das Sozialamt verlasse, fällt mir das Plakat der Volkshochschule auf. "Volkshochschulzweckverband Alpen-Rheinberg-Sonsbeck-Xanten" , so nennt sich diese Institution mit vollem Namen. In Zimmer 22 des Rathauses residiert der offizielle Ansprechpartner, ein Herr mit einem holländisch klingenden Namen. Ich sehe mir das Plakat an. Karate für Anfänger, Wirtschaftsenglisch für Fortgeschrittene und Kreatives Schreiben.

MORD FÜR ANFÄNGER UND FORTSCHRITTENE, steht da in großen Buchstaben. Lernen Sie literarisch zu morden.

Klingt interessant, denke ich.

Schreiben befreit, heißt es. Man ordnet dadurch angeblich seine Gedanken.

Die vielen Stimmen im Kopf. Auch andere Dinge. Man ordnet seine Welt. Man erschafft seine Welt neu. Besser vielleicht.

Eine Weile habe ich das geglaubt.

Aber es stimmt nicht.

Gleichgültig, mit welch salbungsvollen Worten unsere Kursleiterin dies auch zu beschwören versucht. Die Stimmen sind immer noch da.

Und manch anderes auch. Aber in so einem Volkshochschulkurs für Kreatives Schreiben lernt man nette Menschen kennen. Frauen überwiegend. Und das ist doch auch etwas.

Es ist eine traurige Sache.

Warum bleiben sie nicht?

Warum erschrecken sie, wenn sie das Haus betreten? Weshalb beklagen sie alle sich über einen bestimmten Geruch, von dem sie nicht sagen können, wodurch er verursacht wird?

Sie wollen nicht bleiben und mit mir reden.

Ich weiß nicht warum.

Ist es zuviel, was ich verlange?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Und doch, es ist immer dasselbe.

Sie wollen nicht bleiben. Ich kann von Glück sagen, wenn sie sich wenigstens mit mir an den gedeckten Tisch setzen.

"Hat jemand etwas von Franziska gehört?", fragt die Kursleiterin irgendwann, nachdem Franziska schon das dritte Mal nicht zum Kurs gekommen ist.

Zunächst herrscht Schweigen.

Schließlich sagt eine junge Frau mit mattglänzendem Haar und einem sehr ernsten Gesicht, bei dem man unwillkürlich auf die Idee kommt, dass eine schwere Jugend sehr schwermütige Gedanken zur Folge hat:

"Ich habe bei ihr geklingelt, aber es war wohl niemand da."

"Also wenn ihr jemand zufällig begegnen sollte", so die Kursleiterin,

"dann möge er ihr doch bitte schöne Grüße von mir ausrichten und sie fragen, ob sie nun an unserer Lesung teilnehmen will oder nicht.

Irgendwann muss ich ja auch planen."

Sie wird nicht teilnehmen, denke ich.

Weder an der Lesung, noch an sonst irgendetwas.

Franziska wird gar nichts mehr tun.

Ich zünde die Kerzen an.

Der Schein der Flammen fällt auf ihre ebenmäßigen Züge und taucht sie in ein diffuses Licht.

Ich konnte sie nicht gehen lassen.

Ich konnte einfach nicht.

––––––––

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ICH SPAZIERE GERNE am Dassendaler Weg zwischen dem Römerturm und der St. Gerebernus-Kapelle. Manchmal sagen mir Stimmen, ich soll hier hin gehen. Vielleicht suche ich instinktiv die Nähe eines sakralen Gebäudes. Betreten habe ich die Kapelle nie. Auch keine andere Kirche.

Seit Jahren nicht.

Es wäre mir irgendwie unangemessen vorgekommen. Du hast dort nichts zu suchen! , sagt eine Stimme.

Aber eine andere widerspricht: Genau hier bist du richtig. Im Angesicht des Kreuzes. Wo sonst willst du Buße tun?

Ich schließe die Augen.

Kneife sie zu.

Drücke die Handflächen auf die Ohren.

Es ist dunkel.

So dunkel.

Der Chor der Stimmen verstummt nicht.

Ich spüre eine leichte Berührung. Sie wirkt wie ein elektrischer Schlag.

"Ist Ihnen nicht gut?", dringt eine weibliche Stimme in mein Bewusstsein. Ich erkenne sie wieder, öffne die Augen und sehe die quirlige Katharina aus dem Sozialamt. Ihr Gesicht wirkt besorgt.

"Alles in Ordnung."

"Wirklich?"

"Wirklich."

"Ich habe ein Handy dabei. Soll ich einen Arzt rufen?"

"Nein, danke."

Sie sieht mich zweifelnd an. "Na, Sie müssen es ja wissen."

"Eben!"

Geh weg.

Sofort.

"Ich meine, es ist halt so, dass Kurse meistens im Laufe der Zeit kleiner werden", sagt die Leiterin einmal. "Aber wenn man keine Lust mehr hat, könnte man sich eigentlich wenigstens abmelden, finde ich."

Hast du eine Ahnung!, denke ich.

Die Leiterin macht ein ernstes Gesicht.

Drei volle Sekunden Schweigen.

Dann wenden wir uns dem Text einer rothaarigen, sehr hageren und sehr unzufrieden wirkenden jungen Frau zu, die aussieht, als hätte sie in ihrem jungen Leben schon viel mitgemacht. "Ich habe das Problem, wie ich historische Fakten in meinen Krimi einbauen soll", sagt sie. "Ich möchte schließlich nicht aufdringlich oder belehrend klingen, andererseits ... Nun, ich habe einen Kompromiss zwischen spannender Handlung und historischer Genauigkeit versucht."

Wir hören ihr zu.

Nachdem sie zwei Seiten lang über die Gründung der Stadt Sonsbeck im Jahre 8 v. Christus durch den römischen Kaiser Tiberius doziert und Bezüge zur Herrschaft der Grafen von Cleve im zwölften Jahrhundert hergestellt hat, die in Sonsbeck eine Bockwindmühle besaßen, denke ich, dass dieser Kompromiss gründlich daneben gegangen ist. Eigentlich geht es ihr nämlich darum, einen Mord zu beschreiben, der in der Turmwindmühle stattfindet, die zu dem daneben liegenden Hotel gehört.

Als die Rothaarige anschließend noch ellenlange und detailreiche Beschreibungen des fast völlig von Efeu überwuchterten Mauerwerks zum besten gibt, denke ich: Man sollte die Todesstrafe wieder einführen.

Für Langweilerinnen.

Etwas fasziniert mich doch an ihr.

Ihr Gesicht.

Sie ist nicht mein Typ, das hatte ich innerhalb der ersten zwei Sekunden entschieden, in denen ich sie sah.

Trotzdem...

Ihr Gesicht - nein, ihr Gesichtsausdruck! - dieses fleischgewordene Monument aus Qual und Entsagung, muskulös durch das Kauen von Grünkernen und Müsli, gezeichnet durch den Ausdruck permanenter Unzufriedenheit, der sich bereits in Form von charakteristischen Falten verewigt hat, erinnert mich an Mutter.

Sie sah auch so drein.

Wenn sie von der schweren Zeit sprach.

Sie sprach oft davon.

Kein Wunder, dass sie früh Falten bekam.

Das mit den Stimmen fing an, als ich etwa fünf Jahre alt war.

"Dafür brauchen wir keinen Arzt", hatte Mutter damals gesagt. "Das wächst sich aus, wenn du größer wirst."

Es hat nie wieder richtig aufgehört. Sie sind immer da. Das Einzige, was sie vorübergehend übertönen kann, sind die Stimmen anderer.

Die Stimmen meiner Besucherinnen zum Beispiel.

Mutter hat keine von ihnen gemocht - und das, obwohl ich ihr nur das Beste über sie berichtet habe. Keiner von ihnen ist sie persönlich begegnet.

"Was ich gehört habe, reicht mir für ein Urteil", pflegte sie zu sagen.

Ein Urteil.

Das war es.

Ein Urteil ohne Berufung. Ohne Verteidiger. Nur eine einsame Richterin.

"Reg dich nicht so auf", sagte ich.

"Wieso soll ich mich nicht aufregen, wenn du dich mit den falschen Frauen triffst? Welche Mutter würde sich da nicht aufregen?"

"Weißt du nicht, dass so etwas einen zweiten Schlaganfall auslösen kann?"

"Ach, Junge!"

Gegenüber vom Sonsbecker Rathaus befindet sich ein Parkplatz.

Dahinter ragt die Silhouette der evangelischen Kirche hervor. Zwei Einsatzwagen der Polizei stehen auf dem Parkplatz. Als ich mit dem Fahrrad in die Herrenstraße einbiege, fallen sie mir wegen der eingeschalteten Blinklichter gleich auf. Irgendetwas muss passiert sein.

Ich fahre auf den Parkplatz. Um die Polizisten hat sich ein Pulk von schaulustigen Passanten gebildet. Uniformierte Beamte teilen Handzettel aus. Das Bild einer jungen Frau ist darauf zu sehen. Darunter die Frage, ob jemand ihr in den letzten Tagen begegnet sei. Ein Beamter kommt auf mich zu, drückt mir auch so einen Zettel in die Hand.

"Was ist passiert?", frage ich.

"Versuchen wir gerade herauszufinden."

"Sie ist doch nicht tot?"

Meine Stimme vibriert.

Warum eigentlich?

Der Beamte sieht mich an. Seine Augen sind dunkelgrau. Genau wie sein Schnauzbart, der so dick ist, dass man von den Lippen nichts sehen kann. Er mustert mich. Ich fange an zu schwitzen. Ich fange immer an zu schwitzen, wenn mich jemand so ansieht. Genau auf diese Weise.

Unmöglich zu sagen, woran das liegt. Ich weiß nur, dass sich dann meistens die Stimmen melden.

Geh weg.

Sofort.

Flieh!

"Sehen Sie sich das Bild genau an", sagt der Polizist. "Vielleicht kennen Sie die junge Frau ja ..."

Ich nicke.

Senke zögernd den Blick.

Bislang habe ich es vermieden, mir das Gesicht anzusehen.

Tu es nicht!

Sieh nicht hin!

"Schreckliche Sache", sage ich.

"Naja, wir wissen ja noch nicht sicher, was wirklich passiert ist", erwidert der Uniformierte.

"Ich glaube, dann würden Sie nicht so eine große Aktion starten."

"Also, was ist? Kennen Sie die Frau?"

"Nein."

Ich muss schlucken.

Er sieht dir deine Lüge an, denke ich. Er sieht dir an, dass du jeden Tag mit ihr sprichst, dass sie an deinem Tisch sitzt, dass ihr zusammenlebt wie ein altes Paar.

Ich höre die Leute reden. Von härteren Strafen und perversen Schweinen, von schlampigen Gutachtern und zu milden Urteilen wegen einer schweren Kindheit. Das ganze Stammtischgequatsche eben. Der Polizist geht weiter.

Geh weg.

Sofort.

Ich steige auf das Fahrrad, zittere dabei.

"Sie wollen wirklich schon gehen?"

Ihr Gesicht wirkt verlegen.

"Ja."

"Aber ..."

Woran liegt es nur? Mutter kann nichts damit zu tun haben. Sie liegt seit ihrem Schlaganfall starr da und wenn ich sie nicht alle paar Stunden umbetten würde, bekäme sie Druckstellen, die sich nach einiger Zeit dunkel verfärben. Manchmal ruft sie nach mir, das hat sie jetzt nicht getan. Der Hass, den sie meinen Besucherinnen entgegenbringt, kann doch nicht durch die Wände ihres Zimmers gedrungen sein wie eine schwarze Giftwolke!

Ich höre Stimmen.

Einen dumpfen, choatischen Chor, der lauter wird, anschwillt.

"Ich muss mich auf den Weg machen. Verstehen Sie mich doch, es ist höchste Zeit ..."

"Ich habe den Tisch gedeckt!"

"Hören Sie, ich will Sie nicht kränken, aber ..."

"Aber?"

"Ich weiß nicht, ob es richtig war, Ihre Einladung anzunehmen ... Was ich sagen will ist ..."

"Sie können mir das nicht antun! Ich habe für Sie gekocht!"

"Das ist sehr nett, aber - "

"Alles ist vorbereitet ... "

Sie runzelt genau in diesem Moment die Stirn.

"Vorbereitet?"

Viele von ihnen haben genau in diesem Moment die Stirn gerunzelt.

Ich kann es unmöglich erklären, aber es ist so.

Ich habe kein gutes Gefühl.

"Es gibt Lachs in Kräuterbutter. Dazu einen guten Wein. Es wird Ihnen schmecken ..."

Ich habe etwas Scheußliches getan.

Naja, das haben die meisten vielleicht irgendwann schon mal in ihrem Leben. Aber das, was ich getan habe, ist von besonderer Scheußlichkeit.

Ich weiß es, aber ich kann es nicht ändern.

Ich empfinde auch keine Schuld.

Es ist so gekommen.

Aus.

Fertig.

Reden wir über etwas anderes.

––––––––

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ICH SEHE IHR IN DIE Augen, diese leuchtend blauen Augen, die mich ganz friedlich anblicken.

Sie sitzt mir gegenüber, mit diesen Augen, mit ihrem schmalen Mund, mit ihrem feingeschnittenen Gesicht. Ihr Mund lächelt nicht mehr. Er ist vielmehr unbeweglich, etwas starr, ich weiß auch nicht.

Ich hebe mein Glas und proste ihr zu.

Sie schweigt.

Ich rede mit ihr. Oder besser: Ich erzähle ihr alles Mögliche. Über mich. Über meine Ansichten. Über Gott. Und die Welt.

Nein, vielleicht doch nicht über Gott. Was ich damit sagen will ist Folgendes: Gott hat in dieser Geschichte eigentlich nicht allzu viel verloren.

Ich sollte ihn aus dem Spiel lassen.

Um seinetwillen.

Mein Mund produziert Worte. Eins nach dem anderen, ohne Unterlass. Eigentlich bin ich ein schweigsamer Mensch, vielleicht sogar schüchtern. Ich lebe zurückgezogen mit meinen drei Katzen. Wie schon gesagt: Das Haus, in dem ich wohne, liegt etwas abseits.

Ich habe es für mich allein und das ist gut so.

Ein Tag vergeht. Und ein weiterer.

Ich lasse sie am Tisch sitzen. Sie blickt mich starr an, wenn wir uns unterhalten.

Hätte ich sie doch gehen lassen sollen?

Vielleicht.

Ich konnte es nicht.

Es war einfach unmöglich.

Ich brauchte sie.

Und ich hoffe nur, dass ich ihr nicht allzu sehr wehgetan habe.

Jedenfalls hat sie nicht geschrien. Sie war wohl sofort tot. Ganz bestimmt.

Ich bette Mutter um. Von links nach rechts. Ihre Gliedmaßen sind starr. Ich packe Kissen zwischen die Gelenke.

Sie redet nicht mit mir. Sie ist beleidigt.

"Ist deine Besucherin noch da?", fragt sie plötzlich.

Der erste Satz - seit Tagen.

"Ja."

"Sie ist nicht gut für dich."

"Mutter!"

"Bring sie weg."

"Nein, noch nicht!"

"Ich mag sie nicht. Sie ist ..."

"Ja?"

"... wie die anderen."

Im Innersten meines Herzen weiß ich, dass Mutter Recht hat.

Bedauerlicherweise.

Ein Kursteilnehmer trägt eine Geschichte vor, die von einem Raubmord handelt. Er stottert beim Lesen. Der Text bricht plötzlich ab.

"Mir fällt kein Ende ein", meint der Schreiber, der sich mit der flachen Hand bei jeder Gelegenheit über das schüttere Haar streicht. Dadurch lädt es sich statisch auf, steht in der Gegend herum. Wie bei jemandem, der auf dem elektrischen Stuhl sitzt.

"Ich habe jetzt eine richtige Schreibhemmung, weil ich einfach nicht weiterkomme!", stöhnt er noch mal auf.

Er kann noch nicht richtig dichten, aber so gequält dreinschauen wie ein richtiger Dichter kann er schon.

Immerhin etwas.

Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben, heißt es.

"Vielleicht kann ich mich einfach nicht so richtig in einen Mörder hineinversetzen", meint der Wie-ein-gequälter-Dichter-Dreinschauende dann.

Er wendet sich an mich.

Ausgerechnet.

"Wie schaffst du das denn?"

"Ich?"

"Du hast doch letzte Woche auch eine Mörder-Story geschrieben."

"Ja."

"Na?"

"Ich weiß nicht."

Ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Ich höre die Stimmen. Ich versuche zu verstehen, was sie sagen ...

"Ist Ihnen nicht gut?", dringen die Worte der Kursleiterin plötzlich in mein Bewusstsein.

"Mir? Wieso?"

"Sie sehen so blass aus!"

Am vierten oder fünften Tag nahm ich meine Besucherin über die Schulter und setzte sie in einen der großen Ohrensessel, die bei mir im Wohnzimmer stehen. Wir saßen beieinander. Es war schön. Jedenfalls besser, als wenn man alleine dasitzt.

Von Tag zu Tag gab es mehr Fliegen im Haus und mir war klar, woher das kam.

Ich betrachtete wehmütig ihr Gesicht.

Schade, aber ich würde mich von ihr verabschieden müssen.

Ich schob es noch ein paar Tage vor mir her. Schließlich hatte ich mich an ihre Gesellschaft gewöhnt.

Dennoch, es war unvermeidlich.

Ich löste ein paar Fußbodenbretter, unter denen ich eine Grube angelegt hatte und legte sie zu den anderen.

Später gehe ich zu Mutter.

Sie hat schon nach mir gerufen. Ziemlich ungeduldig. Die Stimmen in meinem Kopf haben die ihre übertönt. Das ist manchmal ganz angenehm. Gegen den großen Chor kommt sie eben doch nicht immer an. Ich lächele. Trotz der Sache mit meiner Besucherin.

"Willst du, dass ich Druckstellen bekomme?"

"Nein."

"Willst du, dass mir irgend ein Quacksalber das tote Fleisch herausschneiden muss?"

"Nein, natürlich nicht."

"Du weißt, dass ich Ärzte hasse und um keinen Preis einen dieser Pfuscher an mir herummachen lasse!"

Das hatte sie auch nach dem Schlaganfall gesagt, als ich sie fand. Mit starren Gliedmaßen, verkrampften Fäusten, einem hängendem rechten Augenlid.

Ich hatte sie damals kaum verstehen können, so undeutlich sprach sie.

Immerhin - das ist von allein besser geworden. Oder ich habe mich mehr daran gewöhnt. Ich bin mir nicht ganz sicher.

"Warum hast du mich dann solange warten lassen, Junge?"

"Ich habe sie weggebracht."

"Deine Besucherin?"

"Ja."

"Gott sei Dank."

Ich bette sie um.

Diesmal von rechts nach links. Sie liegt zusammengekrümmt wie ein Fötus da.

Ich schiebe Kissen unter die Gelenke.

Routine.

Jedesmal dieselbe Prozedur.

Ich muss sie genau einhalten - sonst bekommt Mutter Druckstellen, hat Schmerzen und wird sauer.

Außerdem bekomme ich die Klappe der großen Kühltruhe nicht zu, wenn ich sie falsch lagere.

ENDE

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HINTER DEM MOND

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Krimi von Alfred Bekker

Eine laue Julinacht Anno 1969

Da ist ein Raumschiff.

Da ist ein blutiges Messer.

Und da ist ein Junge, der tot im Gras liegt.

Das alles ist in der Erinnerung untrennbar miteinander verbunden.

Aber alles der Reihe nach...

––––––––

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IM JAHR 1864 STEHT Friedrich Wilhelm Kötter aus Ladbergen im Münsterland an Deck eines Schiffs, das gerade in den New Yorker Hafen einläuft und blickt seinem neuen Leben entgegen.

Der Mond geht auf und Kötter kann in diesem Augenblick nicht ahnen, dass man ein Jahrhundert später den Mond vor lauter Lichtern in der Stadt, die niemals schläft, gar nicht mehr zu sehen vermag.

Für noch weniger wahrscheinlich hätte Kötter die Möglichkeit gehalten, dass 1969 ein Mensch den Mond betritt.

Dass es sein Urenkel sein wird, der diesen großen Schritt für die Menschheit vollbringt, hätte er sich wohl nicht einmal vorzustellen vermocht.

„Das ist Amerika!“, ruft einer der anderen, zerlumpten Auswanderer Kötter zu und klopft ihm auf die Schulter. „Sieh es dir an! Hier ist alles möglich.“

Aber Kötter macht eine wegwerfende Handbewegung.

„Bauer bleibt Bauer!“, meinte er „Auch hier.“

––––––––

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EIN JAHRHUNDERT SPÄTER...

Am 21. Juli 1969 ist keine Nacht wie andere Nächte. Überall sitzen die Menschen an den Fernsehern, sehen auf ein paar verwackelte Schwarzweißbilder und auf die klugen Gesichter von Raumfahrtexperten, die erläutern, was dort gerade zu sehen ist und herumorakeln, wie lange es wohl noch dauern wird, bis der Adler gelandet und Neil Armstrongs Fuß seinen Abdruck in den Mondstaub geprägt hat.

Überall versuchen weltraumbegeisterte Kinder und Jugendliche, die ihren Eltern die Erlaubnis abgetrotzt haben, diesen größten Moment der Menschheitsgeschichte live mitzuerleben, verzweifelt ihr Gähnen zu unterdrücken und nicht einzuschlafen, bevor der große Moment gekommen ist.

Überall...

Aber da gibt es ein kleines Dorf im Münsterland, das diesem zwang zur kollektiven andachtsvollen Menschheitsverbrüderung widersteht. Ein Dorf, das zum Mantel der Geschichte sagt: Geh mir aus den Augen und streife mich ja nicht! Ein Dorf, dessen größter Sohn gerade die größte Tat der Menschheitsgeschichte vollendet und dabei der Versuchung widersteht hinzuschauen.

Denn als Neil Armstrong, der Urenkel eines gewissen Friedrich Wilhelm Kötter aus Ladbergen sich gerade bei seinem berühmten Satz verhaspelt, als er von einem kleinen Schritt für einen Menschen, aber einem Riesenschritt für die Menschheit spricht, ist in der Bauernschaft Ladbergen-Wester Schützenfest. Und wer käme schon auf die Idee, das wichtigste Ereignis des Jahres zu verschieben. Selbst das Ereignis des Jahrhunderts – ja, des Jahrtausends! - wird daran nichts ändern.

In Ladbergen-Wester sitzt niemand vor dem Fernseher.

Fast niemand.

Nur ein fünfjähriger Junge sieht fern. Er hat sich den Wecker gestellt, der ihn alle zehn Minuten aufschrecken lässt, damit er nicht einschläft. Er gähnt und sieht auf den Fernsehschirm, wo ein Mann im kobaltblauen Anzug und mit wichtiger Miene gerade sagt: „Wir bekommen jetzt gerade Neuigkeiten aus Houston...“

Er heißt Ralf und seine Eltern sind nicht zu Hause, sondern sitzen zusammen mit dem Rest der erwachsenen Dorfbevölkerung im Festzelt. Und die Kinder schlafen. Manche vor Erschöpfung, weil sie vorher soviel Unsinn gemacht haben und herumgetobt sind, weil niemand da war, um es zu verbieten.

Vielleicht hat auch von denen der eine oder andere davon geträumt, sich die Mondlandung anzusehen, wenn er schon nicht nicht ins Festzelt und Biertrinken darf. Aber Ralf ist wohl der einzige der es geschafft hat, dies auch in die Tat umzusetzen.

Er ist das Ganze sehr planvoll angegangen. Er hat sich darüber informiert, wann mit der Landung zu rechnen ist, hat vorher etwas geschlafen und sich dann den Wecker gestellt, damit er pünktlich aufwacht. Schließlich wollte er nicht das Risiko eingehen, alles zu verpassen.

Auf dem Boden verstreut liegt ein halbes Dutzend Bücher über die Raumfahrt, über die Planeten und über ferne Sterne. Da steht alles drin, was man bisher darüber weiß.

Aber das ist nicht sehr viel.

Ralf ist erst fünf, aber er kann besser lesen als manch einer aus dem vierten Schuljahr, von denen einige noch ziemlich herumstottern, wenn sie ein Stück vorlesen sollen, das sie vorher nicht geübt haben.

Die vier Tage Reise zum Mond, die Umkreisungen des Orbiters, das Ausklinken der Landefähre und schließlich das Aufsetzen auf der Mondoberfläche... Ralf kennt jeden einzelnen Schritt auf dem Weg dorthin. Er hat die Berichte über die vorhergehenden Apollo-Missionen verfolgt, die nur bis in die Umlaufbahn des Mondes gekommen sind und er hat keine Folge der Sendungen von Professor Heinz Haber verpasst, der einem all das erklärte.

Ralf hatte nicht alles verstanden, aber vieles. Und das, was er nicht verstanden hat, ließ sich begreifen, wenn man in Büchern nachschlug.

Er hatte sich das Lesen selbst beigebracht und war deshalb ein Jahr früher in die Schule gekommen.

Wäre doch gelacht gewesen, wenn es da etwas gegeben hätte, was er nicht hätte herausfinden können.

Seine Neugier war so grenzenlos wie das Universum selbst.

Ralf sieht auf die Uhr.

Eigentlich hat sein Freund Andreas angekündigt, in der Nacht zu ihm zu kommen, damit sie gemeinsam die Mondlandung erleben konnten.

Andreas wohnt ein Haus weiter – gut hundert Meter entfernt und seine Eltern hätten es nicht gemerkt, wenn er das Haus verlässt.

Schließlich sind sie bis zum frühen Morgen ebenso im Festzelt beschäftigt wie Ralfs Eltern.

Andreas ist ein Jahr älter aber Ralf hatte trotzdem immer schon den Eindruck, dass er nicht ganz so helle war. Man musste ihm manchmal die Dinge dreimal erklären, wenn man sicher sein wollte, dass er sie auch richtig begriffen hatte.

Und deshalb hatte sich Ralf auch große Mühe gegeben, ihm eindringlich klarzumachen, wie er den Wecker zu stellen hätte, damit er auch pünktlich aufwachte.

Offenbar vergeblich.

Andreas hätte längst hier sein müssen!, geht es Ralf ärgerlich durch den Kopf.

Dieser Dussel!

„Ey, bist du ein Lehrer oder was?“, hatte ihn Andres noch angefahren, als Ralf seine Kontrollfragen gestellt hatte, um herauszufinden, in wie fern sein Freund tatsächlich begriffen hatte, was zu tun war. „Du brauchst nicht zu denken, dass ich doof bin, du Schlaumeier. Und nur, weil du vorzeitig eingeschult wurdest, brauchst du dir auch nichts einzubilden!“

Auch wenn Andreas nicht der Hellste war – Ralf fand es doch angenehm, ihn um sich zu haben.

Dann hatte er jemanden, dem er von seinen Ideen erzählen konnte. Jemanden, der ihm fasziniert zuhörte, wenn er davon sprach, wie eine Mondfähre aufgebaut war, wie der Orbiter funktionierte, wie stark die Rakete sein musste, die all das aus der Anziehungskraft der Erde herauskatapultierte und so zielgenau in den Weltraum hineinschleuderte, dass es den Mond erreichte.

Über dreihunderttausend Kilometer.

Eine Zahl, die sich nicht mal Ralf vorstellen kann.

Andreas kann fehlerfrei bis 22 zählen. Ralf hat es immerhin schon mal geschafft einfach so und aus Spaß die Zahlen bis 1000 aufzuschreiben, ohne eine zu vergessen.

Aber 300 000 – das ist einfach nur ein magischer Begriff.

Einen Kilometer – das weiß er ziemlich genau, wie viel das ist. Einen Kilometer muss man laufen, um ins Dorf zu kommen und im Kiosk von Oma Oelrich ein Bessy-Heft zu kaufen.

Genau tausend Schritte. Ralf hat es abgezählt.

Und hundert Schritte sind es bis zum Haus von Andreas‘ Eltern. Wenn er den Wecker richtig gestellt hätte, wäre er aufgewacht und hergekommen!, denkt Ralf.

––––––––

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ER SIEHT DIE VERWACKELTEN Schwarzweißbilder der Landefähre >Eagle>, sieht die Umrisse von Neil Armstrong. Das ist er also. Der zweite große Moment. Der Adler ist gelandet und jetzt ist Armstrong ausgestiegen und der erste Mensch betritt den Mond. Mit so einer Fähre möchte ich mal fliegen, denkt Ralf. Wenigstens einmal.

Nach dieser Nacht wird er das nie wieder denken.

Einige Augenblicke lang versinkt er in seinem Traum von einer Zukunft als Astronaut. Den ersten Mann auf dem Mond gibt es ja nun schon, aber da draußen sind noch viele Planeten. Warum sollte er nicht der erste Mann auf dem Mars werden?

Dass Neil Armstrongs Vorfahren aus Ladbergen stammen, darüber haben sie in der Schule geredet. Was ein Ladberger geschafft hat, könnte doch auch einem zweiten gelingen, denkt Ralf.

Er hört einen Schrei und fährt zusammen.

Ein Schrei so hell und schrill wie eine Kinderstimme.

Ralf sitzt da und kann sich nicht bewegen, denn obwohl sie so verzerrt klang, hat er die Stimme sofort erkannt. Andres!

Ein Geräusch lässt ihn sich zum Fenster drehen. Auf dem Fernseher hat man jetzt gerade wieder zurück ins Studio geschaltet und ein Experte sagt ein paar kluge und salbungsvolle Worte über die Zukunft der Menschen und den Blick von einem anderem Himmelskörper auf die ferne Erde, der uns allen doch bewusst machen könnte, wie verwundbar wir doch sind. Die Erde als verletzliche Insel des Lebens im All. Ralf hört nicht zu. Er geht zum Fenster.

Ist Andreas vielleicht in einen Kuhfladen getreten? Hat er deshalb so geschrien? Memme!

Er nimmt seine Taschenlampe, die er letztes Weihnachten bekommen hat und die seitdem fast ständig seine Hosentasche ausbeult.

Ralf öffnet das Fenster.

Ein kühler Hauch kommt herein. Und zusammen mit diesem Hauch auch ein wimmernder Laut. Da ist irgend etwas geschehen. Irgend etwas Schlimmes.

Ralf sieht nochmal zum Fernseher. Immer noch Studio. Nicht Houston. Nicht der Mond. Kein Armstrong, keine EAGLE.

„Andreas?“, ruft Ralf.

Aber da gibt es keine Antwort. Das Wimmern verstummt.

Ralf steigt nach draußen. Er läuft ein paar Schritte. Der aufkommende Wind biegt die Bäume und lässt sie rascheln.

„Wo bist du denn, du Blödmann?“

Er lässt den Strahl seiner Taschenlampe suchend herumfahren.

Und dann sieht er ihn. Andreas liegt im Gras.

Er sieht das Blut.

Viel Blut.

Und in den starren Augen spiegelt sich das Mondlicht. Der Mund steht offen – wie gefroren im Schrecken.

Da liegt auch ein Messer.

Die Klinge blitzt auf.

Zumindest dort, wo sie nicht mit Blut beschmiert ist.

Dann knackt ein Ast. Ralf lässt den Lichtkegel seiner Lampe herumfahren. Eine Gestalt schält sich aus der Dunkelheit heraus.

Ein Mann.

Er hebt den Arm vor das Gesicht, denn die Lampe blendet ihn. Ralf sieht nur die Hand und die Stirn und die hakenförmige Narbe.

Und das Blut an seinem Hemd und dem Ärmel.

Der Mann dreht sich um, stolpert davon. Er geht ganz seltsam. Mit seinem Bein stimmt was nicht.

Ralf hat schon mal jemanden gesehen, der sein Bein so bewegte. Das war im Urlaub am Strand.

Ralf hatte die ganze Zeit das Bein eines Mannes angestarrt, der vor ihm herlief, dann bei einer Sandburg stehenblieb, zum Schenkel griff, das Bein abschnallte und in den Sand steckte.

„Das kommt vom Krieg“, hatte ihm sein Vater später gesagt.

Dieser Mann geht genauso. Er hat ein Holzbein.

Aber schon einen Moment später sieht Ralf ihn nicht mehr. Er ist einfach verschwunden, so als hätte es ihn nie gegeben – und Andreas liegt da, wie eine starre Puppe, so als hätte er nie gelebt.

Anno 2009...

Vierzig Jahre später.

Der Fernseher läuft. Die alten Bilder werden noch einmal gezeigt. Immer wieder aufs neue. Die Landung von Apollo 11 – in einigen Programme sogar die Originalübertragung in voller Länge.

Ralf sieht den Adler landen.

Und sitzt wie erstarrt da. Denkt plötzlich an das Blut, das Messer, den toten Andreas und den Mann in der Dunkelheit.

„Wolltest du nicht auch immer Astronaut werden?“, fragt die demente Achtzigjährige im Rollstuhl, die ab und zu nochmal einen hellen Moment hat, ansonsten mit Ralfs Mutter aber nur den Name gemein zu haben scheint.

Ralf antwortet nicht.

„Komisch, du hast dich so sehr dafür interessiert, dass weiß ich noch genau. Aber das hatte sich dann plötzlich erledigt...“

„Ja“, murmelt er. „Das hatte es.“

„Schade, dass du so weit weg wohnst.“

Nein, denkt er. Das ist gut so.

„Ich hoffe, man sorgt hier in diesem Altenheim gut für dich“, sagt er.

Sie beugt sich vor. „Ich habe da einen Herrn kennengelernt. Der ist nett.“

„Ah, ja...“

„Hat aber genauso wenig Haare wie dein Vater früher.“

52 war Ralfs Vater nur geworden. Verkehrsunfall, Kreuzung Lengericher Straße/ Saerbecker Straße. So etwas nannte man wohl Schicksal.

––––––––

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EINE DORFKNEIPE.

Ralf ist wegen eines Klassentreffens nach Ladbergen gekommen. Und jetzt sitzen sie beim Bier – alle die, die damals das Lesen lernten, als Neil Armstrong zum Mond flog.

„Aber der Ralf, der konnte dat schon!“, sagt einer. „Obwohl er der Jüngste war.“

„Hatte ich mir selbst beigebracht“, sagt er.

„Du wolltest doch damals immer schon was besonderes werden. Astronaut, glaube ich, oder? So wie unser größter Ladberger, hier, wie heißt er noch – Nils Armstrong.“

Neil – nicht Nils!, will Ralf ihn korrigieren, aber er behält die Worte für sich. Was soll‘s?

„Naja, aber Professor für Chemie ist ja auch nix Schlechtes oder? Nicht gerade sowas wie eine Reise zu den Sternen, aber ich schätze mal das liegt ja auch daran, dass die mit den Astronautenprogrammen damals erstmal eine Pause eingelegt hatten, wenn ich das richtig sehe...“

„Ist damals nicht der Andreas umgekommen?“, fragt eine Frau. Jetzt ist sie dünn und hager wie ein Hering. Damals, hat Ralf noch gut in Erinnerung, konnte sie kaum aus den Augen sehen, wenn sie lachte, so dick waren ihre Wangen. Wie die meisten, die am Tisch sitzen, ist sie nie aus Ladbergen herausgekommen. Anders als Ralf.

Ilona heißt sie. Die dicke Ilona, denn es gab auch noch eine andere, die dünn war. Zu Ralfs Verwirrung ist allerdings in den letzten vierzig Jahren die dünne Ilona dick geworden und die dicke dünn.

„Ja, richtig der Andreas...“, sagt jemand anderes. „Ralfi, dass war doch dein bester Freund, oder?“

„Ja“, murmelt Ralf. Er hört den Stimmen der anderen zu, ihrem Wortschwall aus Erinnerungen und Halbwahrheiten. Das gesammelte Dorfgerede eben, abgeschliffen und in seinem wahren Kern etwas verfälscht durch die Zeit.

„Ich meine die Polizei, die hat ja damals nicht so richtig herausfinden können, wer das nun eigentlich gewesen ist.“

„Ja, aber es gab in den nächsten Jahren noch drei weitere Kinder, die hier in der Gegend umgebracht wurden.“

„Ich meine, so'n Wort wie Kinderschänder, da hat man ja damals nur hinter vorgehaltener Hand von gesprochen.“

„Ich weiß noch, dass wir einige Zeit kaum raus durften und unsere Eltern uns überall hingebracht hatten.“

„Ja, das hat sich dann bald auch gelegt. Ich meine du kannst Kinder doch nicht rund um die Uhr überwachen!“

„Hat sich das nicht in der Nacht des Schützenfestes abgespielt?“

„Die Nacht des Schützenfestes! Das war doch die Nacht der Mondlandung“, sagt jemand. „Allerdings muss ich zugeben, dass mir das auch jetzt erst aufgefallen ist, weil alle Leute über das Jubiläum von Nils Armstrong sprechen.“

Wieder Nils!, denkt Ralf, weil ihn das etwas ablenkt. Eigentlich will er nichts mehr davon hören. Seit er Andreas gefunden hatte, war sein Interesse an Raumschiffen wie weggeblasen. Und wenn jemand das Wort Apollo aussprach oder Armstrong oder EAGLE oder Orbiter, dann konnte es sein, dass er Schweißperlen auf die Stirn bekam. Immer noch. Wahrscheinlich würde das auch nicht mehr aufhören. Nur ganz dunkel erinnert sich Ralf daran, wie er später vom Dorfpolizisten befragt wurde und noch später von einem Kriminalhauptkommissar und danach von einem Mann, von dem er bis heute nicht wusste, wer er war, aber der immer sehr verständnisvoll nickte, wenn er einen Satz beendete.

Die Zeit nach dieser Nacht erschien Ralf im Rückblick wie ein verworrener Alptraum. Und manchmal hatte er das Gefühl, bis heute nicht wirklich daraus aufgewacht zu sein.

„Echt, dat muss ein Auswärtiger damals gewesen sein“, hört er jemanden sagen.

„Ja, und warum sind dann noch weitere Kinder umgekommen?“, fragt jemand anderes und stört damit den lokalpatriotischen Grundkonsens am Tisch.

„Ja, aber kannst du dir denn vorstellen, das jemand, der mit unseren Eltern zusammen im Festzelt gesessen und Bier gesoffen hat, sowas tun würde? Jemand, hier aus der Gegend?“

„Vielleicht sogar jemand, der mit Neil Armstrong verwandt ist“, sagt Ilona. Diesmal die dünne, die jetzt dick ist. Einen Augenblick herrscht Schweigen, diese Bemerkung findet jeder unpassend. „Ich mein‘ ja nur“, sagt sie.

Ihre Namensvetterin erlöst die Runde aus ihrer bedrückenden Stille.

„Fährst du morgen nochmal deine Mutter besuchen, Ralf?“

„Ja.“

„Meine ist auch im Haus Widum Lengerich. Wir sind zufrieden. Also – sie und ich.“

„Verstehe.“

„Wann fährst du?“

„Weiß noch nicht.“

„Kannst du mich mitnehmen? Unser Wagen ist nämlich kaputt, aber wenn ich ihr zu erklären versuche, dass ich deswegen nicht zu ihr kommen kann, versteht sie das nicht.“

„In Ordnung“, sagt Ralf.

––––––––

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RALF SITZT MIT SEINER Mutter im Tagesraum des Seniorenheims Haus Widum in Lengerich – zehn Kilometer von Ladbergen entfernt. Aber für Mutter ist das Ausland. Schon das Platt, das man hier spricht unterscheidet sich hörbar vom Ladberger Platt. Wie soll man sich da wohlfühlen? Darum hat sie sich lange gesträubt, hier her zu ziehen. Aber schließlich war es unumgänglich gewesen.

„Ich hatte ja immer gehofft, dass du mal unseren Hof übernimmst“, sagt sie. „Aber das ist ja alles anders gekommen. Weißt du, was der Onkel Friedhelm gesagt hat: Selbst schuld, wenn du das Kind erst ein Jahr früher zur Schule lässt und dann auch noch aufs Gymnasium schickst. Selbst Schuld!“

Ralf hat seit ein paar Jahren einen Lehrstuhl für Chemie in Zürich. Zuvor war er in New York, Sydney, Tokio und Delhi. Mal in der universitären Forschung und mal als Mitarbeiter an einem Forschungsprojekt in der Industrie. „Hauptsache weit weg, was?“

Das musste einer von Mutters hellen Momenten sein.

Sie sah ihn an.

„So kann man das nicht sagen“, meinte er.

„Nee?“ Sie runzelt die Stirn. „Du bist doch der Ralf, oder?“

„Ja, der bin ich.“

––––––––

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DIE TÜR GEHT AUTOMATISCH und Rollatorengerecht zur Seite, aber der Mann der jetzt hereingefahren wird, sitzt im Rollstuhl. Er blickt starr drein. Aber Mutters Blick hellt sich auf, als sie ihn sieht.

„Das ist der Herr, der so nett ist“, sagt sie. „Er hört mir zu.“

„Ah, ja...“, murmelt Ralf.

Die Altenpflegerin fährt den Rollstuhl an den Tisch.

Der Mann lässt durch nichts erkenne, dass er Mutter überhaupt bemerkt hat. Er interessiert sich mehr für den Kuchen, der an seinem Platz steht, den er aber nicht ohne Hilfe essen kann.

Die Altenpflegerin will ihn etwas näher an den Tisch fahren, aber die Rollen des Stuhls treffen auf einen Widerstand. Der linke Fuß ist vom Tritt gerutscht.

„Oh tut mir leid“, sagt die Altenpflegerin. Sie ist noch jung. Eine neue. Und wohl auch etwas ungeschickt.

„Das macht nichts“, sagt Mutter. „Links ist alles aus Holz bei ihm!“

Ralf erstarrt, als er die hakenförmige Narbe auf der Stirn des Mannes sieht.

Das ist er!, wird ihm klar und ein eisiger Schauder überläuft seinen Rücken. Wie oft hat er in die Gesichter gestarrt, immer wenn er Menschen begegnet war, die im passenden Alter waren, hinkten und eine Narbe am Kopf aufwiesen. Aber in diesem Moment gab es keinerlei Zweifel.

„Ist er nicht nett?“, hört er Mutter sagen. „Ich weiß nur seinen Namen gerade nicht...“

ENDE

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Nachtarbeiter

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von Horst Bieber

Tom kratzte zärtlich ihre nackte Schulter: "Heike, es wird Zeit, ich muss gehen."

"Jetzt schon?"

"Ich darf nicht wieder in einen Stau geraten."

"Bei mir bist du nie so pünktlich."

Nach einer Pause sagte sie aufgebracht: "He, hast du nicht gehört? Bei mir bist du nie so pünktlich."

"Ich will meinen Job nicht verlieren."

"Ja, ja, dein Job. Jede Nacht vor dem Mikrofon, das ist wirklich was."

"Hast du einen besseren für mich? Kannst du Geld drucken?"

"Und dazu diese schlappe Musik! Kannst du nicht mal Techno auflegen?"

"Erstens lege ich nicht auf, und zweitens stelle ich die Musik nicht zusammen."

"Ich weiß, das macht die kluge Mareike. Ist sie eigentlich hübsch?“

"Wer?

"Deine kluge Mareike."

"Ja, sie ist hübsch. Nein, sie ist nicht meine Mareike."

"Aber ihretwegen bist du immer eine halbe Stunde vorher im Studio."

"Bitte, Heike, nicht schon wieder. Ich muss von ihr übernehmen, das dauert zehn Minuten, dann erzählt sie mir fünf Minuten lang, was im Sender passiert ist, und dann wartet sie genau fünf Minuten ab, ob die Anlage glatt läuft."

"Und dann geht sie brav nach Hause."

"Das weiß ich nicht."

"Was weißt du nicht?"

"Ob sie brav ist und ob sie vom Sender direkt nach Hause geht."

"Aber du würdest es gern wissen, was?"

"Tschüss, Heike. Du kannst mich ja mal anrufen. 88 66 44."

Im Bus beruhigte er sich langsam. Dieser Streit um seine Arbeitszeit und seine Kollegin brach inzwischen regelmäßig auf. Es wurde höchste Zeit, dagegen etwas zu unternehmen. Aber er hatte sich schon stundenlang den Kopf zerbrochen und keinen Ausweg entdeckt. Mareike wartete schon auf ihn: "Hier sind die Meldungen, die du noch mal verwenden kannst."

"Das ist ja nicht viel."

"War auch nichts los heute. Musik liegt auf Eins bis vier, wie immer, Werbung auf fünf, sechs ist auf Nachrichten geschaltet."

"Okay."

"Bei der Werbung musst du vorsichtig sein, der Semmler hat sich beim Chef beschwert, du hättest die Überleitung extra so moderiert, dass er mit seinen Lokalen blöd dastand."

"Das ist doch ein seltener Arsch."

"Aber er zahlt pünktlich. Außerdem versucht der Chef, von ihm die Werbung für das Nonsens und für die Palette zu kriegen, du sollst dir ein paar nette Worte über unser ach so berauschendes Nachtleben abringen."

"Na prima. Die gute Nachricht des Tages, liebe Leute: In der Innenstadt werden um 23 Uhr die Bürgersteige nicht mehr hochgeklappt, die Laternen nicht mehr gelöscht und die Schonzeiten für schwere Jungens aufgehoben."

Mareike gähnte: "Viel Spaß! Und vergiss nicht: Vor dem Gähnen Regler runter."

Die Kontrollmusik wurde lauter, spielte fünf Sekunden, dann wurde sie leiser. Im Folgenden sprach Mareike ins Mikrofon: "So, liebe Leute, unsere Stunde ist rum, Mareike verabschiedet sich und übergibt an Tom. Nach den Nachrichten heißt es wieder: Ruf' doch mal an! Tschüss, bis morgen dann."

Tom winkte ihr zu: "Tschüss."

Aus dem Kontrolllautsprecher ertönte sehr schmalzige Musik.

Dann erklangen im Studio drei kurze Pfeiftöne, anschließend zwei, dann ein längerer. Die Musik verstummte.

Tom legte los: "Das war etwas zum Träumen, liebe Zuhörer. Hier ist Radio Elf-Eins, am Mikrofon ihr Tom mit der bekannten Aufforderung: Ruf' doch mal an! 88 66 44. Ganz leicht zu merken: 88 66 44.

Und falls Sie für morgen Abend noch nichts vorhaben: Im Carlton läuft ‚Manche mögen's heiß‘, 18 und 21 Uhr, in der Originalfassung. Some like it hot, nobody is perfect, die Monroe natürlich ausgenommen, aber wem sage ich das."

Die Musik wurde lauter.

Ein leiser Summton ertönte.

Die Musik wurde leiser.

"Da hat schon jemand mein Flehen erhöht. Hallo, hier ist Tom, Radio Elf-eins. Was kann ich für Sie, für dich tun?"

Anna sprach zwar verständlich in ein Handy, aber sie stand so unglücklich, dass jedes vorbeifahrende Auto die Verbindung akustisch störte.

Anna: "Hei, Tom, hier ist Anna."

"Hallo, Anna. Schön, dich zu hören. Wie geht's?"

"Gut, danke.

"Was kann ich für dich tun?

"Tun? - ich weiß nicht - na ja, vielleicht doch, weißt du, ich hab' ein Problem, mein Freund arbeitet nachts. Jede Nacht."

"Das ist wirklich hart, ich weiß, wovon ich rede.

"Ja, hart. Auch für mich, verstehst du?"

"Sicher. Wann geht er denn aus dem Haus?

"Kurz nach neun. Nach 21 Uhr."

"Und wann kommt er zurück?"

"Wenn er nicht in einem Stau stecken bleibt, erst kurz vor sieben.“

"Junge, das ist eine harte Schicht. Jede Nacht?"

"Jede Nacht."

"Kriegt er wenigstens ordentliche Nachtzuschläge?"

"Deswegen macht er's ja. Bei uns - na ja - klemmt's momentan ziemlich. Aber seit einiger Zeit - wie soll ich - ich kann einfach nicht mehr schlafen, wenn er weg ist."

"Deswegen hörst du Elf-Eins?"

"Nein, nein, ich bin nicht zu Hause. Ich laufe herum, nur so, durch die Stadt. Um müde zu werden. Sonst haben wir gar nichts voneinander - sonst stehe ich auf, wenn er ins Bett kriecht. Das finde ich gar nicht gut. Und überhaupt nicht prickelnd."

"Alles klar. Und wo bist du jetzt?"

"In einer Bushaltestelle. Vor dem Brummiparkplatz am Hallertor. Ich wollt nur mal - na ja, mal mit jemandem reden."

"Hab' ich das richtig verstanden? - du läufst jetzt allein durch die Gegend? In der Nähe des Hallertors?"

"Ja. Seit zwei Wochen schon."

"Also, ich weiß nicht, ob das wirklich eine gute Idee ist, Anna. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich nicht gefragt, wo du bist."

"Du meinst, weil jetzt alle gehört haben, wo ich gerade bin?"

"Zum Beispiel."

"Ach, da mach' dir mal keine Sorgen. Ich marschiere gleich weiter.“

"Anna, willst du nicht..."

"Tschüss, Tom, ich ruf' später noch mal an."

Sie unterbrach die Verbindung.

"Tschüss, Anna. Und sei vorsichtig.“

Die Musik wurde lauter.

––––––––

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DER 1. HÖRER/ANRUFER nach Anna hatte eine raue Stimme und war hörbar angetrunken, dabei auch aggressiv: "Also, du Allwissender, nun mal ran - wo krieg' ich jetzt noch ein Bier?“

"Langsam, langsam! Radio Elf-Eins hilft in allen Lebenslagen, aber ich muss..."

"Nun sülz' nicht rum! Wo krieg ich um diese Zeit noch ein gepflegtes Bier?"

"Wo bist du denn?

"In der Bismarckstraße. Vor dem Denkmal."

"Okay, okay, vom Bismarck der Hering, der schwimmt, und ich werfe mal jetzt meinen schlauen Computer an..."

"Ich brauch' keinen Computer, sondern was..."

"Zum Saufen, ich hab's kapiert, obwohl du dich anhörst, als hättest du den Kanal schon ziemlich voll. Trotzdem musst du einen Moment warten, bleib dran!"

Die Musik wurde lauter.

Tom hatte was gefunden: "Also, du Durstiger, du gehst jetzt die Bismarckstraße runter Richtung Markt. Dann biegst Du nach rechts in die Caprivistraße ein, gut zweihundert Meter, da liegt links das Salzfass, das hat bis sechs Uhr morgens auf. Soll ich anrufen und fragen, ob sie noch Bier haben?"

"Blödmann!"

"Gern geschehen. Elf-Eins ist immer zu Ihren Diensten. Rufen Sie ruhig an, wenn Sie ein Bier brauchen oder ein geöffnete Apotheke."

Tom nahm wieder das Telefon auf: "Hallo, guten Morgen,

hier ist Tom von Radio Elf-Eins.“

Anna rief an: "Hei, Tom, hier ist Anna, ich wollt' doch noch mal anrufen.“

"Anna, schön, dich zu hören. Tu' mir bloß einen Gefallen und sag' jetzt nicht, wo du steckst."

Anna lachte: "Nein, keine Angst."

"Geht's dir gut?"

"Sicher! Warum nicht?"

"Umso besser. Sag mal, Anna, kennen wir uns?"

"Nein, wieso?"

"Deine Stimme kommt mir irgendwie bekannt vor."

"Wirklich? Ich hab' dich schon oft gehört, aber getroffen haben wir uns noch nicht."

"Ganz sicher?"

"Doppelsicher."

"Und das sagst du jetzt nicht nur, weil vielleicht dein Freund - wie heißt er übrigens?"

"Michael. Nein, der hört nicht zu."

"Weiß dein Michael, dass du nachts alleine herumwanderst?

"Bloß nicht! Der würde im Quadrat springen."

"Also, ehrlich, Anna - ich auch!"

Anna lachte laut und unbeschwert: "Du, das möcht' ich sehen. Mikrofon in der Hand, und du hüpfst um dein - wie nennt man das? Mischpult? - herum!"

"Den Gefallen kann ich dir nicht tun. Hier ist es ziemlich eng.

"Wie in meinem Hauseingang." Eine Tür knarrte und rumpelte, sofort war Verkehrslärm zu hören.

"Also dann bis bald."

Die Verbindung wurde unterbrochen.

Tom sagte noch: "Komm gut nach Hause, Anna. Und für unsere Hörer, die schon aufstehen mussten, eine Warnung der Polizei: Zur Zeit befindet sich ein Schwerlasttransporter auf der Hommer Landstraße Richtung Güterbahnhof. Achtung: Das Monster kann nicht überholt werden und fährt höchstens Tempo zwanzig. Hommer Landstraße Richtung Güterbahnhof. Nun wieder Musik."

Die Musik wurde lauter. Tom gähnte, schraubte seine Thermoskanne auf, goss Kaffee ein.

Bei der Übergabe am nächsten Abend erkundigte sich Mareike: "Was war denn das für eine komische Tussi gestern Nacht?

"Diese Anna? Keine Ahnung. Woher weißt du überhaupt...?

"Der Chef hat sie zufällig gehört.

"Auch das noch!"

"Er fand's ganz witzig."

"Na, ich weiß nicht. Eine junge Frau, die nachts durch die Stadt wandert. Und dann noch in der Nähe des Hallertors."

"Ich denke, du kennst sie nicht", sagte Mareike hörbar misstrauisch.

"Tu' ich auch nicht. Aber es gefällt mir nicht."

"Tom, der edle Ritter, reitet auf der Funkwelle zu Hilfe."

"Wer erzählt denn immer am Mikro, dass unsere Straßen so unsicher geworden sind? Und das Viertel um das Hallertor Gewalttäter geradezu magisch anzieht? Dass die Leute immer unfreundlicher werden? Und nicht mehr hilfsbereit sind?"

"Nun übertreib' mal nicht. Man muss ja als junge Frau nicht unbedingt am Hallertor nachts alleine spazieren gehen."

––––––––

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ABENDS SAß TOM WIEDER am Mikro. Die Musik auf dem Kontrolllautsprecher wurde leiser; das Telefon summte.

"Hallo, hier ist Tom vom Radio Elf-Eins.

Anna sprach wieder aus einem Hauseingang, ihre Stimme klang entsprechend verzerrt und etwas dumpf, immer wieder übertönt von vorbeirauschenden Autos.

"Hei, Tom, hier ist Anna."

"Hei, Anna. Sag bloß, du bist wieder unterwegs?"

"Bin ich, Tom, aber ich verrate nicht, von wo ich anrufe."

"Gut, sehr gut. Was kann ich für dich tun?"

"Eine ganz blöde Frage beantworten."

"Au Weia. Ganz blöd?"

"Na ja, vielleicht nur mittelblöd. Du musst doch auch jede Nacht arbeiten?"

"Nicht jede. Sechs von sieben Nächten."

"Hast du eine Freundin?"

Tom lachte: "Tausende. Alle, die zuhören."

"Nein, ernsthaft."

"Okay, ja, ich hab' eine Freundin."

"Hört sie im Moment zu?"

"Ich glaube nicht, sie schläft sicher."

"Und was sagt sie dazu, dass du fast jede Nacht weg bist?"

"Begeistert ist sie nicht. Aber wenn ich bei der Feuerwehr wäre, müsste ich nachts auch raus. Oder Rettungssanitäter."

"Aber sie läuft nicht in der Stadt herum?"

"Nein, sie muss morgens pünktlich raus, sie hat einen festen Job, einen Tagesjob.“

Einen Moment herrschte Pause, im Hintergrund fuhr ein Eisenbahnzug an dem Häuserblock vorbei, aus dem Anna anrief.

Anna seufzte: "Na, ich will mal weiter. Bis nachher, Tom.“

Die Verbindung wurde beendet.

"Tschüss, Anna. Und vergiss nicht: 88 66 44, Radio Elf-Eins, die ganze Nacht auf Draht und Sendung."

Während der letzten Sätze summte das Telefon.

Tom flaxte: "Der Hörer glüht, guten Morgen, hier ist Tom."

Der Anrufer war ein älterer Mann mit einer tiefen Stimme: "Guten Morgen, Tom, hier spricht Alfred."

"Ich freue mich, Alfred."

"Ich höre Ihre Sendung jede Nacht, ich schiebe nämlich auch Nachtschicht."

"Ein Leidensgenosse also."

"Da war doch gerade wieder diese Anna dran."

"Ja."

"Der muss man doch mal sagen, dass sie nicht die ganze Nacht herumspazieren kann."

"Warum denn nicht?"

"Mann Gottes, das ist doch viel zu gefährlich für eine junge Frau.“

"Meinen Sie?"

"Ja, das meine ich. Und Sie sollten ihr das mal klipp und klar verkasematuckeln - So dunkel, wie unsere Straßen jetzt sind, seit die Stadt an der Beleuchtung spart."

Während der letzten Wörter ertönte wieder der Summton.

"Alfred, da ruft noch jemand an - nein, nein, bleiben Sie bitte in der Leitung. Unsere wunderbare Technik erlaubt so eine Art Konferenzschaltung über Funk. Hallo, hier ist Tom."

Der zweite Hörer, ebenfalls ein Mann, rief aus einem Werk an. Im Hintergrund wummerten Maschinen rhythmisch.

"Tach, Tom, hier ist Gunnar."

"Auch auf Nachtschicht?"

"Jau, Gottseidank, wir haben wieder gut zu tun. Keine Kurzarbeit mehr. Ich ruf' auch wegen dieser Anna an - he, Alfred, kannst du mich hören?“

Alfred bestätigte prompt: "Kann ich, Gunnar."

"Der Alfred hat ganz Recht. Die Anna muss nach Hause."

"Ganz meine Meinung", schloss sich Alfred an.

Gunnar mahnte: "Und wenn sie das nächste Mal anruft, musst du ihr das sagen."

Tom wehrte ab: „Ich kann ihr keine Vorschriften machen.

"Nee, aber einen guten Rat geben."

"Genau. Ein guter Rat von Alfred und Gunnar. Zwei Malochern mit - Gunnar, hast du Familie?"

"Jau, hab' ich."

"Auch Kinder?"

"Ja, Anna könnte nach der Stimme so alt sein wie meine Tochter."

"Anna hat leider kein Radio dabei.

"Aber so ein supermodernes Studio hat doch sicher ein Tonband.“

"Klar, mehrere sogar. Aber ich darf eure Telefongespräche nicht aufnehmen."

"Auch nicht, wenn wir dich ausdrücklich darum bitten?"

"Eine gute Idee, Alfred."

"Doch, dann geht das wohl."

"Na prima, dann bereite mal alles vor, wir rufen dich in fünf Minuten wieder an, du nimmst uns auf, und wenn Anna wieder anruft, spielst du ihr das Band vor."

"Gunnar, ich bin dabei", sagte Alfred entschlossen.

"Sagt mal, Alfred, Gunnar - warum sorgt ihr euch so um Anna?“

Alfred zögerte nicht: "Ich hab' eine Tochter, gerade achtzehn, und bei dem Gedanken, sie würde nachts allein durch die Stadt bummeln... und dann am Hallertor vorbei...

Gunnar schloss an: "Ich wäre auch keine Minute ruhig bei der Arbeit."

"Na schön, euer Wunsch ist mir Befehl. In fünf Minuten. Und bis dahin etwas Musik."

Die Musik wurde lauter.

"Schön, dass du wieder anrufst, Anna", sagte Tom eine Viertelstunde später. Im Hintergrund schlug während des Telefonats eine Kirchenstundenglocke erst vier Mal leise, dann eine andere Glocke fünf Mal laut. Die zweite, große Glocke klang ausgesprochen hässlich und scheppernd.

"Ich bin auf dem Weg nach Hause. Tom."

"Sag mal, du weißt doch, dass alle mithören, wenn du mich anrufst?

"Na klar doch."

"Super. In der Zwischenzeit haben vier Leute angerufen, die dir was sagen wollen.

"Aber ich hab' doch kein Radio dabei..."

"Langsam, Anna, das wissen wir. Die vier haben etwas auf Band gesprochen, das soll ich dir ins Telefon vorspielen.

"Über Telefon?"

"Ja, ich spiel dir's ins Telefon ein und gleichzeitig geht's über den Sender. Moment - so..."

Die folgenden Sätze klangen etwas dumpf: "Anna, hier spricht Alfred. Ich hab' dich über Radio Elf-Eins gehört und hab' Angst um dich. Es ist viel zu gefährlich, nachts alleine durch die Stadt zu laufen. Tu mir einen Gefallen und bleib' zu Hause. Ich will nicht, dass dir was passiert."

Während der nächsten Passage war wieder mit den wummernden Hintergrundgeräuschen zu hören.

"Hier ist Gunnar. Anna, das geht nicht. Du darfst nicht die ganze Nacht durch die dunklen Straßen laufen. Ich mache mir echt Sorgen um dich.

Leises Knacken, die nächste Passage wurde mit einem anderen Pegel eingeblendet, eine alte Frau mit zittriger Stimme meldete sich: "Kind, ich bin fast achtzig und kann auch nicht schlafen und sitze fast die ganze Nacht am Fenster. Ich verstehe das, es ist manchmal schrecklich, allein zu sein, aber die Straße ist kein Platz für dich, wenn's dunkel geworden ist. Geh' bitte nach Hause und frage deinen Michael mal, ob er wirklich nicht einen Tagesjob findet. Es soll dir doch nichts zustoßen."

Nach einem leisen Knacken meldete sich der vierte Hörer, ein junger forscher Mann: "So viel Leichtsinn müsste verboten werden. Wenn ich dein Michael wäre, ich würde dich einschließen, wenn ich zur Arbeit losgehe."

Tom übernahm wieder das Mikro: "Na, hast du alles gehört?

Einen Moment war Stille.

"Ja, Tom, hab' ich. Zwei nette Männer, eine reizende alte Frau und ein Arschloch."

"Das klingt hart, Anna.

"Solche Alleswisser sind mir nachts auch schon über den Weg gelaufen. Auf der Lorettostraße."

"Mädchen, Mädchen, du suchst dir aber auch die dunkelsten Ecken der Stadt aus."

"Nicht absichtlich. Ich laufe einfach immer geradeaus."

"Hm, dann erzähl mal, was dir in der Lorettostraße passiert ist.

"Drei starke Männer sind hinter mir hergelaufen. Weißt du, stark vom Bier und so. Als sie mich überholen, hält mich der eine am Arm zurück: 'He, Mädchen, du willst doch bestimmt nicht alleine durch dieses Viertel die Nacht herumlaufen, du suchst doch bestimmt einen Mann zum ... ich mag den Ausdruck nicht."

"Ich auch nicht, Anna, wir wissen alle, was der Kerl gesagt hat."

"Ich hab' mich losgerissen und bin losgerannt, ich bin nicht schlecht auf Kurz und Mittelstrecken und die drei hatten zuviel Bier getankt, aber lange hätte ich das nicht mehr durchgehalten. Kennst du den Spruch: Wenn die Not am größten, ist die Hilfe am nächsten?"

"Kenne ich, stimmt aber leider nicht immer."

"Bei mir hat's gestimmt. Gerade als die Kräfte nachließen, kam mir ein leeres Taxi entgegen. Ich auf die Straße gesprungen, der Fahrer hat eine prima Notbremsung hingelegt, ich rein, und als ich ihm sagte, die drei Besoffenen da drüben sind hinter mir her, aber ich hätte kein Geld dabei, hat er mich ohne Bezahlung nach Hause gebracht. Nur unterwegs ein bisschen geschimpft mit mir, eine anständige Frau hätte um dieses Zeit auf der Lorettostraße nichts verloren."

"Der Mann hat völlig Recht, Anna."

"Schon möglich, Tom, aber irgendwie müssen offenbar alle Männer mir Vorschriften machen."

Tom: "Sie machen sich alle Sorgen um dich.

"Ja, das glaube ich dir. Aber ich kann nicht anders, ich muss laufen, beim Laufen bin ich zwar allein, aber ohne Bewegung fühle ich mich einsam. Das kann ich nicht erklären, aber es ist so. Willst du mir das Laufen jetzt auch verbieten?"

"Verbieten? - Nein, Anna, ich weiß ja nicht, wie viele Menschen mich nachts hören, aber einige hundert wissen jetzt, dass nachts eine junge Frau ohne Begleitung durch die dunkle Stadt läuft. Und ein leeres Taxi wird auch nicht immer rechtzeitig vorbeikommen. Ich hab' auch Angst um dich."

"Das ist lieb von dir, Tom. In zwei Minuten bin ich zu Hause, tschüss".

Danach wurde die Verbindung unterbrochen.

Tom übernahm das Mikro wieder: "Leute, ich hab's ja gerne, wenn ihr mich anruft, aber ehrlich gesagt, - auf die Anrufe von Anna würde ich gern verzichten, wenn ich wüsste, dass sie in ihrer Wohnung schläft. Na dann, also weiter mit Musik, es ist übrigens 5 Uhr und vier Minuten."

Nach Toms Schicht unterhielten sich der Chef des Senders und Mareike über seine Arbeit: "Sagen Sie mal, Mareike, wissen Sie, wie Tom an diese Anna gekommen ist?"

"Soviel ich weiß, hat sie eines Nachts angerufen und sich danach häufiger gemeldet.

"Fantastisch. Einfach fantastisch, wissen Sie, um wie viel Prozent unserer Hörerzahl gestiegen ist?"

"Nein, aber Tom meint, viele Hörer machten sich echte Sorgen um Anna."

"Für Elf-ein ist sie ein toller Gewinn. Die Werbekunden drängen mit einem Mal ins Nachtprogramm, es ist schon unheimlich. Aber schön für unsere Kasse. Meinetwegen kann diese Anna noch lange an Schlaflosigkeit leiden."

"Haben Sie gelesen, dass die beiden Taxizentralen ihren Fahrern Prämien versprochen haben, wenn sie Anna finden?"

"Nein, wo steht das?

"Heute im Wochenblatt."

"Gegen die Prämien habe ich nichts, solange sie Anna nicht aus dem Verkehr ziehen und sie noch häufig nachts anruft."

"Eigentlich ist doch jeder Anruf eines Hörers eine Ohrfeige für die Stadt, den Bürgermeister, den Rat und die Verwaltung."

"Wie meinen Sie das?"

"Offenbar befürchtet doch jeder Anrufer, Anna könne etwas zustoßen, vom Überfall oder Diebstahl über Vergewaltigung oder Körperverletzung bis weiß der Geier wohin. Wenn ich Bürgermeister wäre, würde ich das als massives Misstrauensvotum meiner Wähler empfinden. Und eine Werbung für die Stadt ist es auch nicht. In den Zeitungen wir bereits berichtet: Eine ganze Stadt macht sich Sorgen um Anna - berechtigt?"

"Aha, so meinen Sie das. Verehrte Mareike, es gehört zum Handwerk des Journalisten, nicht alles zu schreiben oder zu senden, was er weiß oder denkt."

"Aber in unserem Beruf ist Schweigen kein Gold, Chef.

"Nicht immer, aber manchmal."

"D'accord; an welche Sendung denken Sie dabei? Ich könnte Ihnen einige Kandidaten nennen."

Mareike hatte sich die Miene des Chefs gemerkt, als der ihr Zimmer verließ. Und deswegen versuchte sie, vor den nächsten Übergabe mit Tom zu reden: "Sag' mal, Tom, wer ist eigentlich diese Anna?

"Das weiß ich nicht, sie hat einfach so angerufen."

"Kennst du sie?"

"Nein. Obwohl..."

"...Ja, obwohl was?"

"Irgendwie kommt mir ihre Stimme bekannt vor. So, als hätte ich schon mal früher mit ihre gesprochen. Aber ich zerbreche mir immer wieder den Kopf, ich komme nicht auf den Namen oder darauf, wer sie ist und wo wir uns getroffen haben."

"Immerhin hat sie dich fast berühmt gemacht. Oder liest du keine Zeitungen? Das unbekannte Mädchen, um das sich mittlerweile eine ganze Stadt nachts Sorgen macht, weil viel Bürger ihre Stadt für unsicher und gefährlich halten."

"Klingt gut, wie?"

"Ja, findest du nicht?"

"Doch, doch, aber ich kenne auch die Folgen."

"Was soll das heißen?"

"So lange Anna nur mit ihrem Tom sprechen will, denkt der Chef nicht daran, mir einen Tagesjob zu geben. Die Werbung im Nachtprogramm nimmt zurzeit so schön zu, sagt er ganz offen. Es wäre fatal, Sie jetzt abzulösen. Das ist die Kehrseite der Anna-Medaille."

So ähnlich verlief das Gespräch, das Heike mit ihm führte, bevor er an dem Abend die Wohnung verließ. Tom bremste sie: "Es wird Zeit für mich, Süße."

Im Radio lief eine mäßig schauerliche Schnulze, als es leise summte. Die Musik wurde leiser.

"Hallo, hier Tom von Radio Elf-eins."

"Hallo, Tom, hier ist Anna. Schön, dich wieder zu hören."

"Dito, liebe Anna. Wir halten uns auch jetzt wieder an die Spielregeln? Keine Namen und nicht verraten, von wo du anrufst, okay?"

"Na klar doch, Tom."

"Wie geht es dir denn heute Nacht?"

"Nicht ganz so gut. Ich bin ziemlich erschöpft, zu wenig Schlaf, du verstehst? Außerdem sieht der Himmel so aus, als würde es bald regnen."

"Dann habe ich ein gutes Rezept für dich."

"Weiß schon. Ab nach Hause und ab ins Bett."

"So ungefähr, Anna."

"Heute bin ich gehorsam. Das Wetter ist auch zu ungemütlich."

"Sehr gut. Aber eine Frage hätte ich doch noch: Wenn du anrufst, benutzt du doch ein Handy?"

"Ja, warum fragst du?

"Weil du dich manchmal anhörst, als stündest du in einer Telefonzelle."

"Telefonzellen gibt es doch kaum noch. Ich vermute, das liegt an meinem Handy. Es hat schon einige Jahre auf dem Buckel, ist häufiger hingefallen und der blöde Akku tut's nicht mehr so richtig, ist alle Augenblicke leer oder hat wohl einen - wie nennt man das - Rutschkontakt?"

"Wackelkontakt."

"Genau, das ist das Wort. Wackelkontakt. Da muss bald ein neues Handy her. Aber woher nehmen und nicht stehlen. Ich weiß, man kriegt ein Handy heute fast geschenkt, aber wenn man dann die Monatsgebührt einmal ausrechnet, stellt sich schnell heraus, dass der Provider sich seine angebliche Großzügigkeit sehr gut bezahlen lässt."

"Da hast du leider Recht. Dir geht es also finanziell nicht so rosig?"

"Das ist die Untertreibung der Woche. Rosig!...Naja, keine Rosen ohne Dornen."

"Tut mir leid, Anna, ich muss dich korrigieren. Eine Rose hat Stacheln, keine Dornen."

"Bitte, Tom, du darfst meinen nächtlichen Lebenswandel verbessern und tadeln, aber bitte, bitte nicht meine sonstigen Fehler. Das sind zu viele, das füllt deine ganze Sendung."

"Entschuldigung, Anna, ich halte künftig meine vorwitzige Klappe."

"Ich weiß nicht, ein schweigsamer Rundfunkmoderator ist vielleicht nicht ideal für Elf-eins", lachte sie ihn aus.

Während sie sprach, veränderte sich die Tonqualität, die Verbindung wurde leiser und dumpfer.

Tom warnte: "Da verabschiedet sich gerade wieder dein Akku. Oder?

"Ach, das ist leicht erklärt. Ich habe mich in einen Hauseingang untergestellt. Es beginnt nämlich zu tröpfeln.

"Anna, erzählst du unseren Hörern, was du den ganzen Tag gemacht hast? Sie möchten das gerne wissen."

"Wirklich? Also, liebe Leute: Ich habe heute fast den ganzen Tag Kürbissuppe gekocht."

"Das ist nicht dein Ernst."

"Oh doch. Du weißt doch, ich suche einen neuen Job, und bis dahin möchte ich nicht den ganzen Tag in der Wohnung hocken, also helfe ich in einer Kita gleich bei uns um die Ecke aus."

"Anna! Keine Hinweise, das haben wir vereinbart."

"Keine Angst, Tom, die Kids helfen gerne beim Kochen und mir macht's Spaß."

"Kannst du kochen?"

"Also, für eine Restaurantküche würde es nicht reichen. Aber für den Hausgebrauch, ja, doch." plötzlich redete sie schneller. "Tom, ich mache Schluss. Es hat aufgehört zu regnen, und vor dem nächsten Guss kann ich zu Hause sein. Halbwegs trocken."

"Okay, melde dich dann noch einmal, wir sind alle erleichtert, wenn du gesund und heil in deinem Bett liegst. So, Anna geht nach Hause, und wir hören um 3 Uhr 33 wieder Musik von Radio Elf - eins."

Die Musik wurde lauter. Dann ertönte der Summton, und die Musik ging wieder auf die alte Lautstärke zurück.

"Hallo, hier ist Tom von Radio Elf-eins."

Der Mann kam sofort zur Sache: "Hallo Tom, ich bin Kurt."

"Was kann ich für dich tun, Kurt?"

"Wenn Anna gleich anruft, sag' ihr doch bitte, dass ich sehr an dem Rezept für Kürbissuppe interessiert bin, meine Mutter hat im Herbst immer hervorragende Kürbissuppe gekocht. Meine Frau kann das nicht und will das auch nicht, angeblich mag sie keinen Kürbis, und wenn Anna ein vernünftiges Rezept hat, versuche ich es jetzt selber mal."

"Das richte ich nur unter einer Bedingung aus, Kurt."

"Und die wäre?"

"Du versprichst jetzt vor mehreren tausend Zuhörern, dass du anschließend auch die Küche sauber machst."

Kurt stöhnt herzzerreißend: "Na schön, meinetwegen auch das.

Tom zögerte nicht: "Ihr alle habt Kurts Versprechen um drei Uhr vierzig auf Elf-eins gehört. Und nun wieder Musik."

Sie spielte nicht lange, weil schon der nächste Anrufer in der Leitung war.

"Hier ist Tom von Radio elf Eins mit der Sendung Ruf doch mal an! 88 66 44, leicht zu merken."

Der oder die Anruferin legte wortlos auf.

Ein Summton fast unmittelbar nach dem Freizeichen.

"Hier ist Tom von Elf eins, Hallo."

"Hallo Tom, hier ist wider Anna, wie versprochen. Ich liege in meinem Bett und will gerade das Licht ausmachen."

"Großartig, Anna, eine Sache noch. Wir haben ein paar Anrufe gehabt, und alle fragen nach deinem Rezept für deine Kürbissuppe."

"Ist ja toll. Aber bitte nicht jetzt, morgen, okay? Im Moment bin ich glücklicherweise hundemüde und kann bestimmt schlafen."

"Na klar doch. Wir bauen ein Band auf, du kannst es auf Band sprechen und wir senden es morgen mehrmals, Annas..."

Er brach ab. Im Hintergrund war eine Kirchenuhr zu hören. Erst die vier Viertelstundenschläge, dann von einer großen Glocke vier Stunden-Schläge. Die Stundenglocke war hörbar beschädigt, so, als habe sie einen Sprung, sie hörte sich sehr misstönend und ausgesprochen hässlich-scheppernd an.

Nach einer Weile fuhr Tom fort: "Anna ist in Sicherheit, Leute, ihr habt wohl die Kirchenuhr gehört, um vier Uhr in der Nacht. Schlaf gut, Anna. Für euch alle, die ihr noch nicht schlafen dürft: 88 66 44 wartet auf einen Anruf."

Schon dreißig Sekunden später: "Hallo, hier ist Tom von Radio Elf-Eins.“

"Hallo Tom, hier ist Markus. Ich möchte mal was zu der ganzen Anna-Geschichte sagen."

"Nur zu, Markus."

"Also, ich finde das unverantwortlich, was ihr da von Radio Elf-ein betreibt. Ihr tut so, als könnte in unserer Stadt keine junge Frau mehr allein bei Dunkelheit durch die Straßen gehen, weil sie jeden Moment befürchten muss, dass man sie überfällt, missbraucht oder ausraubt. Das nennt man Panikmache, und eine Werbung für unsere schöne Stadt ist es auch nicht. Was soll das? Nur Quotenhascherei für die Radiowerbung? Bewusstes Panikschüren? Lässt sich Elf-eins aus Naivität vor den Karren einer höchst unsympathischen Partei spannen? Ich denke, wir sollten Anna alles Gute wünschen und mit ihr nachts keine Gespräche am Radiomikrofon mehr führen."

"Fertig?"

"Ja."

"Wir haben Meinungsfreiheit und jeder kann aussprechen, was er von Anna und Elf-eins hält. Leider hindert mich das Gesetz daran, von meiner Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen und dir, lieber Markus, deutlich zu sagen, was ich von dir und deiner Meinung halte. Tschüss, schlaf gut. Nur eine Frage: Ist deine Tochter schon zu Hause?"

"Danke für deine liebenswürdige Nachfrage. Und wenn wir schon Freundlichkeiten austauschen: Gibt es überhaupt eine Anna, die nachts durch dunkle Straßen läuft oder ist sie nur die Erfindung eines kleinen Moderators, der sich interessant machen und seinem Sender bessere Quoten beschaffen will? Nur eine Frage noch: Ist deine Freundin schon zu Hause?"

Tom musste vor seinem Dienst bei seinem Chef antreten, der nicht wirklich erzürnt, aber merklich beunruhigt war und sich hinterher mit Toms Ressortleiterin beriet: „Es geht los. Haben Sie diesen Markus gehört?

Mareike hüstelte: "Nicht live. Ich habe mir heute Morgen das Band angehört. Wer ist dieser Kerl?

"Ich weiß es nicht. Vielleicht von der Konkurrenz. Aber offenbar hat er einigen Politikern und Unternehmern aus der Seele gesprochen, bei mir steht das Telefon nicht mehr still; Nestbeschmutzer. Quotenfuzzi, Naziknecht. Was soll ich jetzt bloß machen. So weiter wie bisher - geht nicht. Aber wenn ich Tom verbiete, mit Anna zu reden, springen die Hörer ab und die Nacht-Quote rutscht in den Keller. Haben Sie eine Idee?"

Danach trat eine längere Pause ein, bis sich der Chef räusperte:

"Sie müssten mal Ihr Gesicht sehen, Mareike. Ist was?"

"Nein. Ja, ich habe eine Idee, aber ich fürchte, ich werde dann die Leidtragende dieser Idee sein."

"Raus mit der Sprache."

"Geben Sie Tom einen Tagesjob, erstens wünscht er sich das schon lange und zweitens redet Anna mit ihm so offen und so viel, weil sie denkt, er versteht aus eigener Erfahrung das Problem, wenn ein Partner nur in der Nacht und einer nur am Tag arbeitet. Wochenenden inklusive."

"Verstehe, und Sie möchten gerne Toms Job haben."

Mareike blies viel Luft ab: "Der Teufel soll Sie holen, Chef."

Der Chef antwortete sehr galant: "Wenn ich Sie in die Hölle mitnehmen kann..."

"Nein, danke. Ich habe einen Partner für die Nacht, und den möchte ich gerne behalten."

"Im Bett!? - wenn Sie mir die Frage gestatten.“

"Nicht nur."

"Ihre Idee ist gut, Mareike. Ich denke, wir werden schon jemand finden, der gerne nachts von zu Hause weg ist."

"Eine Einstellung, die sich durch entsprechende Nachtzuschläge gezielt fördern lässt, Chef."

Der Chef grunzte: "Botschaft ist angekommen."

––––––––

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DIE SENDUNG "RUF DOCH mal an!" lief schon, Tom und Anna redeten bereits miteinander.

Tom murrte: "Du bist also doch wieder unterwegs, Anna."

"Ja, Tom. Den Kindern hat die Kürbissuppe sehr gut geschmeckt. Was sagen unsere Hörer?"

"Wir haben dein Rezept bis jetzt elfmal abgespielt."

"Unglaublich."

"Ja. Anna, ich fürchte, ich habe eine wohl schlechte Nachricht für dich."

"Bitte nicht, Tom. Die Nacht ist so schön. Richtig schöner voller kitschiger Sterne, keine Wolken und trocken."

"Trotzdem, Anna, es muss sein: Man hat mir im Sender einen Tagesjob angeboten."

"Ich verstehe. Und? Willst du ihn annehmen?

"Ja, Anna, ich möchte. Und meine Freundin möchte es auch."

Anna reagierte hörbar traurig: "Ja. Das verstehe ich gut. Sagst du mir, was sie beruflich macht?

"Warum nicht, sie ist Kindergärtnerin und arbeitet in einer Kita. Im Schichtdienst. Die Kita macht um sieben Uhr auf und schließt abends manchmal erst gegen 21 Uhr.

"Ja, da möchte man wenigstens eine gesicherte Zeit am Tag füreinander haben. Kann ich gut...

Sie bracht so abrupt ab, dass Tom besorgt nachfragte: "Anna. Ist was?"

Sie antwortet eine ganze Weile nicht, über Handy war nur ihr schweres Atmen zu hören.

Tom drängte: "Anna, was ist los?"

Keine Reaktion von ihr.

Tom flehte fast: "Anna, melde dich doch! Was ist los?"

Noch eine ganze Weile gab es keine Antwort, bis sie halb erschrocken, halb ungläubig sagte: "Tom, das ist...das ist doch...ich kann's nicht glauben."

"Anna, was ist los?"

"Ich bin am alten Viehhof."

"Anna, du sollst doch nicht..."

"Tom, es brennt. Im Möbelmarkt Scheinert am alten Viehhof.

Und jetzt laufen so Typen vom Möbelmarkt weg."

"Anna, wo bist du? Bist du in Sicherheit?"

"Ich stehe im Eingang des Bürohauses schräg gegenüber vom Möbelmarkt."

"Kann man dich von der Straße aus sehen?"

"Glaube ich nicht."

"Sei bloß vorsichtig."

"Bin ich doch...

Sie brach wieder so abrupt ab, dass es auffiel.

Tom verschluckte sich vor Aufregung: "Anna. Was ist denn nun schon wieder los?"

Sie keuchte: "Tom, da kommen Kerle aus dem Möbelmarkt, die tragen irgendwas weg."

"Du spinnst, was sollen die denn um diese Zeit forttragen?"

"Ich spinne nicht, ich sehe doch, was die tun."

"Pass lieber auf, dass die dich nicht sehen."

"Jetzt steigen die in einen Lieferwagen."

"Kannst du die Marke erkennen und das Nummernschild?"

Anna weinte fast: "Nein, das Licht flackert so. So einer von diesen schnellen Transportern, ganz hell, mit einem breiten roten und einem blauen Streifen an den Seiten. Moment, der erste Buchstabe ist..."

Ein Sprinter fuhr in hohem Tempo an Annas Versteck vorbei.

Anna: "...ist ein T, und dann XL. Die Zahlen habe ich nicht erkennen können."

Über ihr Handy war deutlich zu hören, dass der Sprinter scharf bremste. Di Reifen blockierten.

Anna schrie in Panik: "Tom, die kommen zurück! Was soll ich machen?"

Tom: "Versteck dich! Ich alarmiere die Polizei.

Im Handy warst zu hören, dass der Springer hielt, eine Tür klappte, ein Mann sprang heraus und lief auf das Handy zu.

Der Mann brüllte: "Da ist das verdammte Miststück."

Schritt kamen noch näher, Anna keuchte vor Angst und Schreck, der Mann lachte hämisch, dann das dumpfe Geräusch eines Schlages, Anna schrie auf und stürzte hin; erst jetzt fiel das Handy zu Boden, sendete aber weiter, übertrug verzerrt Martinshörner, Sirenen, bremsende Autos, klappende Türen und herausspringende Polizisten. Die Schritte zweier Männer näherten sich dem Mikro des Handys.

Der erste Polizist sagte: "Da liegt sie.“

Der zweite warnte: "Pass auf! Du trittst auf ihr Handy."

Dann wurde die Verbindung unterbrochen.

Tom hatte vergessen, dass er noch auf Sendung war und sagte laut: "Scheiße, verdammte."

In dem Moment summte wieder das Telefon. Tim riss den Hörer hoch und ein unbekannter Mann sagte: Ich bin der Einsatz-Arzt. Sie lebt. Nur leicht verletzt."

Na, Gottseidank."

Am nächsten Tag saß Tom abends wieder im Studio von Elf-Eins

"Liebe Hörer, Polizei und Staatsanwalt haben mir aus Sicherheitsgründen verboten zu sagen, in welcher Klinik Anna liegt und welche Verletzungen sie hat. Aber Anna wird wieder gesund werden. Den Umständen entsprechend geht es ihr sogar schon wieder recht gut. Viele Hörer haben gefragt, ob sie Anna Blumen schicken können. Theoretisch ja, aber ihr Zimmer ist voll und die Schwestern beschweren sich, dass sie keine Vasen mehr für die andern Patienten haben, und unser Fahrer, der die Blumen vom Sender ins Krankenhaus bringt, verlangt einen Floristenaufschlag auf seinen Lohn. Elf-eins bittet zudem, von weiteren Geschenkhandys abzusehen, Annas altes Gerät wird entsorgt, sie hat die Wahl zwischen vier neuen, die Hörer ihr geschickt haben. Allerdings hast sie der Polizei versprochen, nachts nicht mehr durch die Stadt zu laufen, was Tom von Elf-Eins einerseits freut, weil ihr dann nichts passiert, andererseits die Sendung 'Ruf doch mal an' ärmer machen wird. So, was wäre noch zu sagen. Die Polizei hat die Einbrecher in den Möbelmarkts festgenommen. Das Gebäude ist leider sehr weit heruntergebrannt. Die Fachleute müssen noch entscheiden, ob es renoviert und weiter genutzt werden kann oder abgerissen werden muss. So, das war erst mal das Wichtigste zu und von Anna. Wenn Sie nichts dagegen haben, mache ich Quasselpause und wir hören etwas Musik. Ab sofort gilt wieder unser Motto "Ruf doch mal an!" 88 66 44, Tom wartet auf Anrufe.“

Die Musik wurde lauter und lief einige Zeit, bis zum nächsten Summton.

"Hallo, hier ist Tom von Radio Elf-eins, Guten Abend.

"Guten Abend, Tom. Hier ist Jürgen. Ich verstehe eines nicht, Einbrecher wollen doch was klauen, die stecken doch keine Häuser in Brand, aus denen sie was holen wollen. Kannst du das bitte mal erklären?"

Tom lachte sehr vergnügt: "Eigentlich soll man sich ja über das Unglück anderer Menschen nicht lustig machen. Aber in diesem Fall... Die Typen haben versucht, den Tresor im Büro des Möbelmarktes aufzusprengen. Die Ladung war wohl zu groß, im Tresor ist alles verbrannt, Splitter haben den Sprengfuzzzi schwer verletzt und herumfliegende Glutteile haben den Möbelmarkt in Brand gesetzt. Die Helden sind so gerade eben noch lebend herausgekommen und habe ihren Sprengmeister eben noch herausschleppen können.

"Prima, es will eben alles gelernt sein."

"Darf ich mal fragen, was du gelernt hast?

"Das, was ich gerade mache, Brot und Brötchen backen. So, ich muss Schluss machen. Hier wird's gleich laut, ich muss mit der Maschine neuen Teig anrühren."

Der nächste Anruf kam keine Minute danach: "Guten Abend, hier ist Tom von Radio Elf-eins. Was kann ich für dich tun?"

"Hei, Tom, hier ist Mareike. Tun kannst du für mich nichts. Mich würde nur interessieren, ob gerade ein gewisser Markus zuhört und sich schon für seine beleidigenden Unterstellungen entschuldigt hat."

"Nein, bis jetzt hat sich kein Markus bei mir gemeldet. Und weißt du, Mareike, ich finde das auch nichts so wichtig, Hauptsache ist doch, dass Anna aus der ganzen Geschichte heil - na ja, fast heil, ohne schlimme Folgen - herausgekommen ist."

"Okay, da hast du Recht, Tom. Noch eine gute Nacht für dich."

"Danke, für dich auch. Tschüss."

Tom, Mareike und der Chef hatten sich in ein Büro gesetzt.

Der Chef räusperte sich ausgiebig: "Mareike hat mir gesagt, dass Sie sich schon lange einen Tagesjob wünschen."

"Ja, das stimmt."

"Was würde Sie denn reizen? Sie wissen, dem Sender geht es im Moment auch dank Anna finanziell besser, aber wir drucken das Geld leider immer noch nicht."

Mareike mischte sich ein: "Noch nicht, Chef. Aber Tom hat eine Idee, wie wir bald dahin kommen können.“

"Ich würde mich gerne um Probleme der Region kümmern. Warum sind die Anschlussbusse immer gerade abgefahren, wenn die S-Bahn hält? Warum erfahren wir in der Redaktion zum Beispiel so spät von neuen Baustellen, Schwerlasttransporten, Stromabschaltungen, Wasserrohrbrüchen? Warum ist der Veranstaltungskalender fast immer lückenhaft und nicht aktuell? Mareike und ich haben auch schon heftig diskutiert, ob wir nicht eine Glückwunschstunde einrichten sollten, runde Geburtstage, Jubiläen. Ehrungen in der Handwerkskammer, Verabschiedung alter Mitarbeiter in den Ruhestand. Service, Service, Menschen, Menschen und ihre Schicksale."

"Sie sollen nicht meine Leitsprüche zitieren, Tom."

Mareike kicherte etwas boshaft: "Warum nicht, wenn sie richtig sind?"

"Okay, Tom, Sie kriegen Ihren Job bei Tageslicht. Holen Sie sich nachher in meinem Büro einen Schrieb ab."

"Danke, Chef."

"Bis nachher."

Mareike prustete erleichtert: "Uff, das hat ja hervorragend geklappt."

"Dank deiner Hilfe. Vielen Dank, Mareike. Ohne deine Unterstützung hätte ich den Job nicht bekommen, und tausend Dank auch für deinen Anruf heute Nacht."

"Der war nicht zu dick aufgetragen?"

"Nur ein ganz klein wenig. Aber wir waren ja alle in so feierlicher, menschenfreundlicher Stimmung, da ist das gar nicht aufgefallen."

"Zum Glück. Gehst du jetzt auch zu Anna ins Krankenhaus?"

"Nein, ich muss erst Heike die frohe Botschaft verklickern."

"Sag mal, Tom, ich habe vorgestern mit Heike telefoniert, da war sie etwas komisch, ist sie eifersüchtig?"

"Etwas ja. Aber ich denke mir, sie hatte eher Angst."

"Angst? Wovor?"

"Das erkläre ich dir später einmal, okay? Wenn ich den unterschriebenen Brief des Chefs in meinen Unterlagen habe, dann kann ich auch ins Krankenhaus gehen. Und danach müssen wir reden."

Er klopfte sehr diskret an die Tür zu Annas Krankenhauszimmer. Im Bett wälzte sich jemand herum, um den Eintretenden besser zu sehen und gluckste erschrocken.

Tom sagte fröhlich: "Guten Tag, Anna. Oder soll ich lieber Amelie sagen?"

Sie flüsterte: "Du bleiben besser bei Anna, falls uns einer mal zufällig belauscht. Seit wann weißt du es?"

"Wissen? - seit ein paar Sekunden, aber deine Stimme ist mir von Anfang an bekannt vorgekommen. Ich konnte sie nur nirgends unterbringen. Wir haben uns mal vor der Kita getroffen, in der Heike arbeitet - richtig?"

"Ja."

"Dann hast du mich einmal angerufen, als im Hintergrund eine Kirchenglocke vier Uhr schlug."

"Ja, und?"

"Dir ist es vielleicht noch nicht aufgefallen, aber die große Glocke von St. Eustachius hat einen Sprung oder irgendeinen Schaden, sie klingt so scheußlich, dass ich jedes Mal Zahnschmerzen bekomme. Und Heike hat mir gesagt, nachdem wir uns getroffen hatten, dass du ganz bei uns in der Nähe wohnst, also dicht bei St. Eustachius. Hat Heike dich zu dieser Anna-Geschichte überredet?"

Anna antwortete verbittert: "Da war nicht viel Überreden nötig. Man hat mir in meinen Job bei Bauermann gekündigt, und Heike hat versprochen, die Kita-Gebühren und ein Taschengeld für meine Tochter zu zahlen, bis ich wieder eine Stelle gefunden habe. Dafür habe ich die Anna gespielt und dich nachts im Sender angerufen."

"Dann bist du gar nicht nachts durch die Stadt gelaufen?"

"Wie denn? Ich konnte doch mein Kind nicht die ganze Nacht allein lassen. Angerufen habe ich von zu Hause, meist vom Balkon, damit du das Kind nicht hörst, wenn es mal weinen oder nach mit rufen sollte."

"Aber einmal bist du doch herumgelaufen, als der Möbelmarkt brannte."

"Ja, das hatte doch dieser merkwürdige Mann, dieser Markus angerufen und unterstellt, die Nachtschwärmerin Anna gebe es gar nicht. Da hat Heike verlangt, dass ich in der Nacht darauf wirklich durch die Stadt laufe und sie ist bei meinem Kind geblieben. Ich habe vielleicht auf dem Viehhof Schiss gehabt. Und mein Schlüsselbein tut noch aasig weh."

Tom ächzte mächtig vor sich hin.

"Wenn das rauskommt, bin ich erledigt. Kein Hund nimmt dann noch ein Stück Wurst von mir. Und bei Elf-eine schmeißen sie mich in hohem Bogen raus."

"Ich halte den Mund, Tom! Bestimmt! Keine Silbe werde ich verraten. Zu niemand. Das verspreche ich dir."

"Na gut, Anna. Ich komme wieder, ich muss erst einmal einer anderen Frau einen Weisheitszahn ohne Betäubung ziehen."

"Heike hat es doch nur gut gemeint, sie wollte dir helfen, diesen dauernden Nachtdienst loszuwerden. Ich weiß, lieber Tom, wie das ist, wenn man jede Nacht allein schlafen muss und nie einer im Haus ist, wenn's einem mal dreckig geht."

"Bis bald, Anna, und gute Besserung."

"Danke, ich kenne von einem ehemaligen Freund einen Spruch aus der Fliegerei: Nur ein Schlüsselbeinbruch, nebst Ehebruch der leichteste."

"Das kann beides in Auge gehen, Anna. Diesen Freund gibt es nicht mehr?"

"Nein, schon lange nicht mehr."

Heike wartet auf ihren Tom, der sehr zaghaft den Kopf ins Zimmer steckte.

Eine Tür wurde vorsichtig geöffnet.

"Komm ruhig rein! Anna hat schon angerufen. Du weißt also Bescheid?!"

"Ja."

"Wie bist du dahintergekommen? Durch diese blöde Glocke von St. Eustachius?"

"Nicht sofort. Aber dann ist mir wieder diese Frau eingefallen, mit der wir vor der Kita gesprochen haben und von der du erzählt hast, sie würde bei uns ganz in der Nähe wohnen.

"Pech. Aber es hat ja auch so geklappt."

"Wie meinst du das?"

"Deine Kollegin Mareike hat angerufen und mir erzählt, dass du den Nachtjob losgeworden bist - das wolltest du doch?!"

"Ja, wollte ich, aber nicht zu dem Preis."

"Welcher Preis denn, mein Bester?"

"Dass ich eine ganze Stadt an der Nase herumgeführt habe."

"Ohne es zu wissen."

"Trotzdem. Ein anständiger Mensch würde alles aufklären und am Mikro erzählen, dass es seine Freundin nur gut gemeint hat.

"Bloß nicht, denn dann kommt unter Garantie deine Lieblingssentenz: Gut gemeint ist immer das Gegenteil von gut."

"Wenn du es weißt, warum hältst du dich nicht daran?" fragte Tom, weniger vorwurfsvoll als bedrückt.

Heike brauste auf: "Du gehst mir langsam gewaltig auf den Keks. Mosern, statt sich zu bedanken."

Tom erwiderte scharf: "Du gehst mit auch aus den Zeiger, verehrte Heike.“

"Wenn das dein ganzer Dank ist, darfst du ruhig gehen, ich weine dir keine Träne nach. Geh doch zu deiner Anna..."

"... Amelie."

Heike: "Anna - Amelie. Die sucht einen Partner, der für sie und das Kind sorgt und nachts brav aufsteht, wenn das Baby schreit. Und es schreit oft, das kann ich dir aus eigener Anschauung versichern. Mir hat die eine Nacht vollauf gereicht."

"Danke für den Tipp."

Heike hatte sich in Wut und Fahrt geredet: "Aber wenn du an Kollegin Mareike denken solltest, hast du Pech, die fährt morgen mit ihrem Markus in Urlaub."

"Markus?"

Heike vergaß vor Wut jede Vorsicht: "Ja, Markus heißt er. Mir fiel nichts mehr ein, um Amelie wirklich nachts auf die Straße zu scheuchen. Und da habe ich Mareike angerufen und sie hatte die Idee, ihr Freund Markus solle 88 66 44 wählen und Zweifel an einer Anna äußern, die nachts wirklich durch die dunklen Straßen geistert. Hat doch wunderschön geklappt, oder?"

"Hat es, liebe Heike. Jetzt bin ich schon von vier Personen erpressbar. Von einer kann ich mich jetzt ohne schlechtes Gewissen trennen."

Heike schrie: "Hau doch ab, du Blödmann. Wie konnte ich es nur mit dir Versager so lange aushalten?!"

Tom warf die Tür wütend hinter sich zu.

Abends saß Tom wieder am Mikrofon von Elf-eins. Die Musik lief, bis der Telefonsummton ertönte, und die Musik automatisch leiser wurde.

"Hallo, hier ist Tom von "Ruf doch mal an." Guten Abend.

"Guten Abend, Tom. Hier ist Peter. Ich würde nur gerne wissen, ob es was Neues von Anna gibt."

"Ja, gibt es, Peter. Gesundheitlich geht es ihr gut. Sie wird in ein, zwei Tagen aus der Klinik entlassen. Und wir haben heute eine erfreuliche Nachricht erhalten, für die Ergreifung der Einbrecherbande war eine hohe Belohnung ausgesetzt, und die bekommt nun Anna. Geldsorgen wird sie in den nächsten Wochen also nicht haben."

"Prima, Geld ist nicht alles..."

"... aber ohne Geld ist das meiste nichts."

"Ich höre, wir verstehen uns. Gute Nacht, Tom."

"Gute Nacht, Peter. Hier ist Radio Elf-eins mit der Sendung Ruf' doch mal an! 88 66 44. Und vor der nächsten Musik möchte ich noch eine persönliche Erklärung abgeben. Dies ist meine letzte Sendung. Ich habe beim Sender gekündigt, und schiebe hier meine letzte Nachtschicht, weil auf die Schnelle noch kein Ersatz für mich gefunden ist."

Fast unmittelbar danach ertönte der Summton.

"Hallo, guten Abend, hier ist Tom von Radio Elf-eins.

"Hallo, Tom, hier spricht Uwe. Sag' mal, ist das dein Ernst? Du willst aufhören?"

"Ja."

"Das ist verdammt schade. Wir haben dir fast jede Nacht zugehört. Kannst du dir das nicht noch einmal überlegen? Du wirst uns fehlen."

"Danke, dass du das sagst. Aber ich habe schon schriftlich gekündigt."

"Überleg' dir das noch mal, Kündigungen kann man zurücknehmen. Und du hast dann mit Sicherheit eine Mannschaft, die dir nachts zuhört.“

"Uwe, ich danke dir und deinen Kollegen, aber bitte - ich habe mich entschieden."

"Schade, dann mal Tschüss, und alles Gute für dich."

Bevor Tom sein Sprüchlein loswerden konnte, summte es schon wieder: "Tom, hier ist die Helga. Tu' uns das nicht an. Du kannst nicht kündigen."

"Verrätst du mir, wer 'uns' ist?"

"Wir sind sieben Kolleginnen, arbeiten bei der Post. Bin mal gespannt, wann das Fach deines Senders mit Protestbriefen überläuft."

"Danke für die Blumen, Helga, aber es muss sein. Ich bin sicher, der Sender sucht einen netten Nachfolger aus, der euch gefallen wird. Macht's gut und bleibt 88 66 44 auch in Zukunft treu. Tschüss, Helga."

Sofort summte es schon wieder.

"Heute steht das Telefon nicht still. Hallo, hier ist Tom von Radio Elf-eins."

"Hallo, Tom, hier ist Heinz. Stimmt das, was ein Fahrgast eben erzählt hat. Du hörst auf?"

"Ja, Heinz, ich gehe."

"Finde ich aber gar nicht gut."

"Es hat viele Gründe, aber es muss sein, sag mal, das habe ich eben nicht verstanden. Du hast um diese Zeit noch Fahrgäste? Sitzt du in einer Taxe?"

"Nein, ich fahre einen Nachtbus des Verkehrsverbunds. Während der Fahrt dürfen wir nicht telefonieren. Aber jetzt stehe ich an der Endhaltestelle Deisterbachquelle und mache Pause. Schade. Ich habe mich immer auf dich und Anna gefreut und darf dir verraten, alle Fahrgäste haben Anna immer alle Daumen gedrückt, dass sie heil und gesund nach Hause kommt. Sehr ihr euch mal?"

"Das weiß ich nicht. Zuletzt habe ich sie im Krankenhaus gesehen, da ging's ihr schon wieder sehr ordentlich."

"Wir drücken ihr die Daumen, dass sie bald wieder auf die Beine kommt. Mach's gut, Tom, alle Gute für die Zukunft."

"Danke, Heinz, und für dich gute Fahrt. Und eine Bitte, liebe Leute, ruft nicht mehr an, um mir zu sagen, dass es euch Leid tut, wenn ich gehe. Ich kämpfe jetzt schon gegen die Tränen und ein heulender Moderator am Mikro ist keine Empfehlung für "Ruf doch mal an, 88 66 44."

Trotz seiner Bitte ertönte sofort der Summton.

"Hallo, hier ist Tom von Radio Elf-eins."

Anna sprach sehr leise: "Hallo, Tom. Hier ist Anna."

"Hallo, Anna, du bist sehr leise heute, so weit weg?"

"Nein, brav im Klinikbett, Aber du weißt doch, im Krankenhaus soll man kein Handy benutzen, vor allem nicht nachts. Deswegen habe ich mir die Decke über den Kopf gezogen."

"Das ist gut, Nachtschwestern sind oft weit gefährlicher als Einbrecher."

"Tom, wenn du wirklich im Sender aufhörst, sehen wir uns dann doch nach mal?"

"Möchtest du das denn?"

"Wie kannst du das noch fragen?!"

"Entschuldige, ich bin manchmal ein Idiot. Das haben Männer so an sich, rufe doch bitte die Zentrale an: 88 44 0 und gibt deine Handynummer durch."

"Kann ich sie dir nicht gleich diktieren?"

"Besser nicht, Dann schreibt sich die halbe Stadt deine Nummer auf und dein Handy ist ewig blockiert, wir sind direkt auf den Sender geschaltet, Anna."

"Also auch keine Liebeserklärung?"

"Liebste Anna, das bitte nur unter vier Ohren."

"Holst du mich und mein Kind morgen Mittag aus der Klinik ab?"

"Mache ich. Liebe Leute, es ist gleich sechs Uhr, dann folgen die Nachrichten und ich verabschiede mich jetzt von alle Hörern und Nachtschwärmern. Danke für eure Treue, bleibt Elf-eine gewogen und ruft ab und zu mal 88 66 44 an. Alles Gute und Tschüss. Euer Tom."

ENDE

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Nicht jeder Sieg stimmt froh

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von Horst Bieber

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1.

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Die letzte Wahlkampfveranstaltung fand auf dem auf einem Tellheimer Zentralplatz statt. Eine beachtlich große Menge Zuhörer hatte sich eingefunden. Für die Redner war ein Podium mit Lautsprecheranlage aufgebaut. Was die Redner sagten, wurde durch einen Echo-Effekt an den umliegenden Hochhäusern ziemlich verzerrt. Ab und zu war das Knattern von Hubschraubern zu hören, die Patrouille flogen. Die Zuhörer waren unruhig, klatschten oft, pfiffen aber auch und buhten.

Am Mikro stand als letzter Redner Innenminister Ulrich Berger: "Meine Damen und Herren, in puncto Sicherheit können wir eine beeindruckende Bilanz vorlegen. Die Zahl der Einbrüche, Diebstähle und Betrugsdelikte ist um über vierzig Prozent gesunken, die Zahl der Überfälle und Gewalttaten um ein gutes Drittel. Unsere Straßen und Parks sind in den vergangenen fünf Jahren sicherer geworden. Wir sagen offen: Noch nicht sicher genug, und deshalb wollen wir unser Programm "Kampf dem Verbrechen" fortsetzen. Besonders erfreulich finde ich, dass die Zahl der Drogendelikte so stark gesunken ist. Es soll bei strengen Kontrollen bleiben und wir meinen, wer nach Deutschland kommt, um hier mit Drogen zu handeln, hat hier nichts verloren und muss sofort abgeschoben werden ohne Wenn und Aber und jahrelange Gerichtsverfahren."

Pfiffe und Beifall.

"Wir werden im Bundesrat weiter unsere Gesetzesvorhaben verfolgen, um die Abschiebung zu erleichtern und zu beschleunigen. Dazu brauchen wir Ihre Stimmen, damit wir weiter im Land regieren können."

Ganz schwach war in diesem Moment aus großer Entfernung ein dumpfer Knall zu hören, in der Nähe des Mikrophons schrie ein Mann kurz auf, dann stürzt, deutlich zu hören, jemand auf den Boden des hölzernen Podestes. Der Redner war irritiert, bracht ab, trat vom Mikro zurück. Auf dem Podest begann ein wildes Stimmengewirr, die einzelnen Stimmen waren nicht zu unterscheiden, auch nicht, was sie sagten und riefen. Dann erhob sich Bergers Stimme über den Geräuschbrei. Er sprach nicht direkt ins Mikro, war aber über die Lautsprecheranlage auf dem ganzen Platz gut zu verstehen: "Verdammt, nun ruft doch endlich einen Notarztwagen.“

Berger trat wieder an das Mikro. Seine Stimme hatte sich verändert, war tiefer, langsamer und ernster geworden: "Meine Damen und Herren, es tut mir leid, aber wir müssen die Veranstaltung jetzt vorzeitig beenden. Einer meiner Leibwächter ist zusammengebrochen. Sie haben es vielleicht gesehen. Wir wissen noch nicht, was er hat, aber der Arzt meint, es sei so ernst, dass er unbedingt sofort ins Krankenhaus gebracht werden müsse. Bitte verlassen Sie in aller Ruhe den Platz und denken Sie daran, eine Gasse für den Rettungswagen frei zu lassen. Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis und wünsche Ihnen noch einen guten Abend.“

Ein lautes Knacken verkündete, dass die Lautsprecheranlage ausgeschaltet wurde. Aus dem Publikum waren Pfiffe, vereinzelt auch Beifall und Buhrufe zu hören, dann setzte sich die Menge in Bewegung. Es ging ruhig und ohne Aufregung vor sich. Von fern waren jetzt Martinshörner zu hören.

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2.

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Auf dem hölzernen Podest hatten sich noch viele Menschen versammelt, die hin- und herliefen, sich aufgeregt unterhielten. Die Wagen mit den Martinshörnern hielten direkt vor dem Podest, die Fahrer schalteten Blaulicht und Sirenen aus. Mehrere Menschen kümmerten sich jetzt um den zusammengebrochenen Mann.

Der Arzt richtete sich bald auf: "Da ist nichts mehr zu machen, Herr Minister. Er ist tot. Wie es aussieht, ein Schuss durchs Herz.“

Berger stöhnte: "Verdammt. Was sollen wir jetzt machen?"

Ein grauhaariger Mann antwortete: "Herr Minister, ich schlage vor, wir transportieren Michel mit dem Notarztwagen ins Krankenhaus und erst von dort in die Rechtsmedizin. Wir sollten die Journalisten nicht vorzeitig alarmieren. Dann würde ich Ihnen raten, das Landeskriminalamt anzurufen. Das ist kein Fall für die hiesige Kripo."

"Einverstanden. Und wer hat geschossen?"

Kurth - so hieß der Grauhaarige - antwortete knapp: "Das soll das LKA herausfinden. Wir werden jetzt mal feststellen, wer hier gefilmt und fotografiert hat."

"Wozu das, Herr Kurth?"

"Auch die Kollegen vom LKA müssen feststellen, wo der Schütze gestanden haben kann."

"Der ist doch längst weg, sehen Sie doch, der Platz ist schon fast leer."

"Ich glaube nicht, dass der Schütze da unten in der Menge gestanden und seelenruhig mit einem Gewehr auf das Podium gezielt hat. Ich vermute mal, er hatte sich in einem der Hochhäuser da drüben versteckt. Wenn das stimmt, dann können wir nur durch den Ein- und Austrittswinkel des Geschosses berechnen, aus welchem Fenster er geschossen hat. Für eine solche Berechnung müssen die Ballistiker aber wissen, wie und wo der Kollege Michel im Moment des Treffers gestanden hat."

"Herr Kurth, Sie sind der Fachmann, veranlassen Sie bitte alles, was Sie für nötig halten. Ich fahre jetzt zu Frau Michel, einer muss ihr ja sagen, was mit ihrem Mann geschehen ist. Sie können mich jederzeit über Handy erreichen."

"Geht in Ordnung, Herr Minister.“

Vor dem Podium bremsen zwei Autos, mehrere Autotüren klappen, Schritte einer Frau und eines Mannes nähern sich, halten inne.

Rabe fragte verwundert: „Caro, was machst du denn hier?“

Sie grinste breit "Wir sind alarmiert worden, hier sei ein Mann erschossen worden.“

"Wir auch."

Gründer trat vor: „Entschuldigung, ich glaube, für dieses Missgeschick bin ich verantwortlich. Ich habe die Kripo alarmiert, nachdem Markus Michel erschossen worden war."

Rabe erkundigte sich: "Und wer sind Sie?"

"Ich heiße Olaf Gründer und bin der Persönliche Referent von Innenminister Berger.“

Rabe nickte: "Angenehm, Günter Rabe vom Landeskriminalamt. Und wer hat uns alarmiert?“

"Das war ich. Kriminalhauptkommissar Werner Kurth, der Dienstälteste in der Leibwächter-Truppe des Ministers."

Rabe knurrte: "Prima. Das ist die Hauptkommissarin Caroline Heynen, Leiterin des Referats 11 im Präsidium.“

Caro sagte fröhlich: "Guten Tag."

Kurth antwortete sofort: "Guten Tag, Frau Kollegin. Meine Leute sammeln schon alle Namen und Bänder und Bilder und Filme ein, um den Schusswinkel zu rekonstruieren.“

Rabe war zufrieden: "Sehr gut. Wer die Untersuchung leitet, sollen die Oberen entscheiden, die besser bezahlt werden. Oder legst du großen Wert auf diesen Fall, Caro?"

"Um Himmelswillen, nein. Wo ist der Minister eigentlich?“

Kurth gab Auskunft: "Er ist zu Frau Michel gefahren, um ihr die Todesnachricht zu überbringen."

"Warum haben Sie eigentlich diesen Platz für Ihre Abschlusskundgebung ausgewählt?"

Gründer lacht knapp: Kommen Sie mal mit zur Seite und nehmen Sie das Fernglas! Können Sie damit am Eingang des Hochhauses da drüben das Schild lesen?“

Caro hatte etwas Mühe, die Buchstaben zu entziffern: "Bürgerallianz, Landesverband Oberleusiningen. Das ist doch Ihre Konkurrenz, Herr Gründer.“

Gründer: "Ja, und die Bürgerallianz macht ihre letzte Kundgebung traditionell auf dem Berliner Platz vor dem Büro unseres Landesverbandes. Man ärgert sich ein letztes Mal vor der Wahl am Sonntag. Das hat sich so eingebürgert.“

Rabe schränkte ein: "Ärgern ist gut, hoffentlich wird keine Große Koalition nötig.“

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3.

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Berger klingelt an einer Wohnungstür. Hinter der Tür waren die eiligen Schritte eines kleinen Kindes zu hören, das zur Tür lief und sie öffnete. Das Kind rief sofort: "Mama, Mama, Besuch."

Eine erwachsene Frau kam zur Wohnungstür und sagte erstaunt mit einer Stimme dick von Tränen: „Herr Minister, guten Abend."

"Guten Abend, Frau Michel."

"Bitte, kommen Sie doch herein."

"Vielen Dank. Hallo, Marlies."

"Hallo, Onkel ."

"Ich glaube, ich weiß, warum Sie gekommen sind. Ich hab's im Fernsehen gesehen. Markus ist tot, nicht wahr?"

"Ja, es tut mir aufrichtig Leid, dass ich Ihnen eine so entsetzliche Nachricht überbringen muss. Mein Beileid, Frau Michel. Trösten kann ich Sie und Marlies nicht, aber wenn ich Ihnen in irgendeiner Form helfen kann, bitte, rufen Sie mich oder meine Frau sofort an."

"Vielen Dank. Weiß man schon, wer es war?"

"Nein, die Untersuchungen haben gerade erstbegonnen."

"Ich möchte meinen Mann noch einmal sehen, bevor sich die Gerichtsmediziner über ihn hermachen."

"Ja, das verstehe ich gut. Moment bitte." Berger holte ein Handy heraus und drückte eine Kurzwahltaste.

Gründer nahm das Gespräch an: "Ja, Herr Minister?"

"Gründer, Frau Michel möchte Ihren Mann sehen, bevor er in die Rechtsmedizin kommt. Veranlassen Sie das bitte sofort und schicken Sie einen Wagen zur Wohnung von Markus Michel, Scholtenstraße 27. Und, Gründer, vergessen Sie bitte nicht, dass ein dreijähriges Mädchen seinen Vater verloren hat, vielleicht sollte eine Mitarbeiterin aus der Zentrale mitfahren, die sich um das Kind kümmern kann."

"Alles verstanden, geht in Ordnung, Herr Minister. Kommen Sie dann bitte ins Ministerium, dort wartet ein Günter Rabe vom LKA auf Sie."

"Alles klar, Ende. Da kommt gleich ein Wagen und holt Sie ab, Frau Michel. Nochmals mein aufrichtiges Beileid. Ich muss leider schon wieder weiter. Tschüss, Marlies."

"Tschüss, Onkel."

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4.

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In der Regierungskanzlei herrschte noch reger Betrieb. Peter Arnold kam in das Zimmer des Ministerpräsidenten Johann Kayser, warf die Tür mit Krach hinter sich ins Schloss.

"Hast du die neueste Scheiße schon gehört?"

Johann Kayser erwiderte ruhig: "Sogar gesehen. Ich hatte das Landesjournal eingeschaltet, und die haben die Szene in aller Ausführlichkeit mehrmals gezeigt."

"Konnte der blöde Kerl nicht besser zielen?"

"Zielen ist nicht die Kunst, lieber Peter, sondern treffen."

"Tja, wie auch immer, ob zielen oder treffen - jedenfalls können wir uns jetzt die Ablösung des allseits geschätzten Parteifreundes Ulrich Berger abschminken. Gerade einem Attentat entronnen und dann von seinem Regierungschef schnöde gefeuert, das geht nicht."

"Meinst du?"

"Das meine ich, hoch verehrter Ministerpräsident. Die Fraktion würde Aufstand machen, erst recht, wenn das missglückte Attentat uns noch jene paar Prozentteile an Stimmen bringt, die uns nach Aussage der Demoskopen übermorgen noch fehlen."

"Und wie schätzt du die Stimmung in der Partei ein?"

"Ganz ähnlich. Berger ist nicht übermäßig beliebt, aber auch nicht so verhasst wie bei dir. Und wenn du Zurwege ernennen solltest, werden dich alle fragen, ob du den Unterschied zwischen Pest und Cholera nicht gewaltig überschätzt."

"Was machen wir also?"

"Wir überlegen uns jetzt am besten ein paar Sätze fürs Fernsehen. Die werden bestimmt bald auf der Matte stehen. In einer Stunde beginnt die Tagesschau."

"Gibt es gar keinen Hinweis auf den möglichen Täter?"

"Keinen. Und hüte dich vor jeder Anspielung auf die Opposition. So dämlich sind die nicht, dir frei Haus die letzten, die wohl entscheidenden Argumente für deinen Wahlsieg zu liefern."

"Was ist mit dem Organisierten Verbrechen?"

"Das ist doch nur Bergers Steckenpferd. Wenn die auf einen Innenminister schießen oder schießen lassen, dann treffen die auch.“

"Lieber Peter, du magst ja in allen Punkten Recht haben, aber bei mir sträubt sich alles, nun auch noch ein Loblied auf den Gottseidank geretteten Ulrich Berger zu singen."

"Das habe ich befürchtet, darum habe ich als fürsorglicher Landesvorsitzender der Sozialen Volkspartei einen Text vorbereitet, den du noch auswendig lernen kannst. Das ist der Text, den ich von mir geben würde, falls ein Sender etwas von mir will."

Kayser schaute verwundert hoch: "Das wäre eigentlich Aufgabe der zu hoch bezahlten Referenten und Redenschreiber gewesen."

"Wir waren uns doch einig, dass unsere Pläne mit Ulrich Berger vorerst in diesen vier Wänden bleiben."

Die Gegensprechanlage knackte. Eine Frauenstimme sagte:

Herr Ministerpräsident, die Landesstudios von ZDF und ARD fragen an, ob Sie ein Statement zum Attentat auf Minister Berger abgeben würden. Das ZDF ist auf Leitung eins."

"Danke, ich übernehme Leitung eins."

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5.

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Im Büro des Innenministeriums saßen Günter Rabe, Werner Kurth und Ulrich Berger. Auf dem Tisch lief leise und rhythmisch quietschend ein Tonbandgerät. Ab und zu klapperten Kaffeetassen, die auf Untertassen abgesetzt wurden.

"Nein, Herr Kollege, wir müssen auch die Familien schützen. Frauen und Kinder können angegriffen oder als Geiseln entführt werden. Deswegen sind wir auch in den Häusern und auf den Grundstücken unserer Objekte."

Berger nahm das Wort: "Und Markus Michel kam eines Tages, sah meine kleine Tochter im Garten herumtoben und sagte sehr direkt: So was wünschte er sich für seine Marlies auch. Sie sei auch drei Jahre alt. Meine Frau hatte das gehört und meinte spontan zu Michel: Warum bringen Sie das nächste Mal nicht Ihr Töchterchen mit? Der Garten ist groß genug für zwei. So ist es auch geschehen, obwohl ich den Eindruck hatte, dass es Herrn Kurth nicht ganz recht war."

"Ganz recht, Herr Minister, das stimmt", sagte Kurth verbindlich

"Nun ja. Michel brachte seine Marlies mit und dann passierte etwas, womit wir kaum gerechnet hatten. Marlies Michel und meine Tochter freundeten sich im Handumdrehen an, heute sind sie eine Herz und eine Seele."

Rabe erkundigte sich: "Ist Ihre Familie einmal schriftlich oder

telefonisch bedroht worden?"

"Nein, ich habe mehrere Drohungen aller Art erhalten, aber meine Familie ist noch nie belästigt worden."

"Diese Drohungen ..."

"So ganz ernst haben wir die nie genommen. Ein Innen- und Polizeiminister macht sich fast unvermeidlich Feinde. Dass ich bei Organisationen, die sich um Ausländer und Asylbewerber kümmern, nicht übermäßig beliebt bin, weiß ich. Aber offene Feindschaft bis hin zu einem Attentat halte ich von dieser Seite für ausgeschlossen. Fragen Sie Herrn Kurth oder den Verfassungsschutz."

Kurth sagte: "Herr Rabe, wir machen alle drei Monate eine Risikobewertung an Hand des alten und neuen Materials .... ja, und wir beziehen auch ein, was wir aus dem Ausland über Aktivitäten von Gruppen und Sympathisanten des Internationalen Terrorismus erfahren. Sie können gerne selbst alles Material sichten, das wir besitzen, aber ich denke, Sie werden zum selben Ergebnis kommen. Minister Berger ist nicht und war nicht akut gefährdet."

Rabe meinte entschieden: "Dann müssen wir über OK, die Organisierte Kriminalität sprechen."

Berger antwortete sofort: "Herr Rabe, wenn wir uns einig sind, dass es sich bei OK nicht um schießwütige Amokläufer handelt, sondern um gut organisierte Gruppen von leider recht intelligenten und skrupellosen Menschen, die nicht auffallen wollen, sondern möglichst unbehelligt und unerkannt mit illegalen Methoden viel Geld verdienen wollen, dann bin ich in der letzten Legislaturperiode keinem OK-Mitglied auf die Zehen getreten. Ein Bundesland allein kann nicht effektiv gegen OK vorgehen, die Burschen weichen einfach in ein Nachbarland aus. Und mit unseren Bundesrats-Initiativen sind wir, wie Sie vielleicht wissen, ziemlich heftig auf den Bauch gefallen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, warum ausgerechnet ich beseitigt werden muss."

Kurth pflichtete bei: "Und dann noch so stümperhaft - Entschuldigung, Herr Minister,  dass damit die Wiederwahl des OK-Gegners Berger befördert wird."

"Völlig richtig", meinte Berger gelassen.

Rabe war noch nicht fertig: "Herr Minister, haben Sie einen persönlichen Feind, dem Sie solch eine Tat zutrauen?"

Berger zögerte keine Sekunde: "Nein." Danach überlegte eine Weile: "Nein, keine persönlichen Feinde."

"Politisch Feinde vielleicht?"

"Gegner - ja, Feinde - nein. Und bestimmt keinen Gegner, der zu solchen Mitteln greifen würde. Vergessen Sie nicht, wir wählen übermorgen, und das Attentat wird aller Voraussicht nach unser Ergebnis verbessern."

Eine Tür wurde geöffnet, Gründer steckte den Kopf herein.

"Entschuldigung, Herr Minister, in der Landesschau spricht gleich der Ministerpräsident."

Berger nickte: "Okay! Danke. Machen Sie den Kasten doch bitte mal an. Sie entschuldigen bitte eine Minute, Herr Rabe?"

"Aber natürlich."

Die an Johann Kayser gestellte Frage war nicht mehr zu hören. Der MP sprach langsam, mit tiefer Stimme: "Wir sind entsetzt über den Vorfall. Unser tiefstes Mitgefühl gilt in diesem Moment der Ehefrau des ermordeten Kriminalbeamten und seinem dreijährigen Töchterchen. Natürlich werden wir alles unternehmen, um den Täter zu fassen und vor Gericht zu stellen. Doch wenn dieser Täter geglaubt haben sollte, er könne durch solch eine bislang unvorstellbare Tat unser demokratisch-rechtstaatliches System oder die Solidarität der Demokraten erschüttern, hat er sich geirrt. Wir alle verteidigen das Grundgesetz und davon kann niemand die parlamentarischen Volksvertreter abbringen. Niemand. Der Schuss auf den Innenminister war nicht nur ein Angriff auf einen Politiker, der zu meiner großen Erleichterung keinen Schaden genommen hat, sondern auch ein Attacke auf den Rechtsstaat. Und den verteidigen wir alle, ob auf der Regierungsbank oder auf den Oppositionsplätzen. Als die angemessene Antwort aller Bürger auf dieses feige Attentat wünschte ich mir persönlich am Sonntag vor allem eine hohe Wahlbeteiligung."

Der Reporter verbeugte sich: "Vielen Dank, Herr Ministerpräsident." Nach einer kleinen Pause schloss er ab: "Und damit geben wir zurück ans Funkhaus."

Im Minister-Büro schaltete jemand den Fernseher aus.

Kurth und Rabe trafen sich auf der Treppe hinunter zum Eingang. Rabe hielt ihn am Ärmel fest. "Irre ich, Herr Kollege, oder hat die Anwesenheit des Minister Sie daran gehindert hat, etwas auszusprechen, was Sie mir mitteilen wollten?"

"Nein, Herr Kollege, Sie irren nicht", entgegnete Kurth steif.

"Und was wollten Sie sagen?"

"Dass es mir nicht so lieb war, wenn Michel stundenlang allein im oder am Ministerhaus war."

"Aus einem bestimmten Grund?"

"Ja, aber den konnte ich in Gegenwart des Ministers nicht aussprechen."

"Weil sei dann Frau Berger hätten erwähnen müssen?"

"Ja." Kurth holte tief Luft. "Sie wissen also, was man über sie redet?"

"Dass sie die zweite Frau und zwanzig Jahre jünger ist, das Geld mit in die Ehe gebracht hat und etwas lebenslustig ist."

"Sagen wir mal, lebendiger als ihr Mann."

"Eher so wie Michel?"

"Das wäre schlimm. Aber bei viel Rauch muss man leider auch mal an Feuer denken."

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6.

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Günter Rabe und Caro Heynen hockten in ihrer Stammkneipe.

Caro meinte trocken: "Also, unser verehrter Regierungschef hat nicht gerade vor Rührung und Erleichterung geweint."

"Nein, das nicht. Aber er musste ja auch einen Spagat vorführen. Trauer mit der Familie Michel und Freispruch der Opposition von jedem Verdacht. Ich finde, das ist ihm ganz gut gelungen.

"Wenn du meinst. Hast du denn einen Hinweis auf einen möglichen Täter?"

"Nein, nichts. Der Kollege Kurth scheint ein sehr erfahrener alter Fuchs zu sein. Er gibt mir morgen alle schriftlichen Drohungen und alle Risikobewertungen, meint aber auch, darin würde ich nichts finden, was uns weiterhilft."

"Und was sagt er über den toten Kollegen Michel?

"Nichts Negatives, ich hab' allerdings den Eindruck, dass er Michel nicht übermäßig leiden konnte. Nein, Caro, frage jetzt nicht nach dem Grund, ich weiß es nicht. Und in Gegenwart des Ministers wollte Kurth sowieso nicht frei raus mit der Sprache. Es eilt ja auch nicht. Bis zum Wahlabend finden wir auf keinen Fall den Schützen, also ist es besser, wir wirbeln bis zum vorläufigen Amtlichen Endergebnis keinen Staub auf. Das wünscht auch der Ministerpräsident, was er mir über meinen Präsidenten hat zukommen lassen. Diskretion bis zum Äußersten."

Die Bedienung kam näher und bliebt neben dem Tisch stehen: "Trinken Sie noch eins?

Rabe lehnte ab: "Nein, vielen Dank, besser nicht. Ich möchte dann zahlen."

Caro beugte sich zu Rabe: "Habe ich dich richtig verstanden? Diskretion bis um Äußerten heißt dann doch wohl auch, im Zweifelsfall vertuschen."

"Caro, ich weiß es nicht. Wer zum Teufel hat ein Motiv, Berger einen Tag vor der Wahl umzulegen?"

"Vielleicht will da einer seinen Posten?"

"Denkbar ist fast alles, schließlich handelt es sich um Politik, aber dann hätte er treffen müssen. Jetzt wird Kayser ihn wieder zum Innenminister berufen müssen, ganz gleich, was er in Wahrheit von Berger halten mag. Und so wörtlich wird die Steigerung doch wohl nicht sein."

"Welche Steigerung?"

"Freund - Gegner - Feind - Parteifreund."

"Vergiss nicht, es geht um viel Geld. Gehalt, Dienstwagen, Freifahrt, Abfindungen, Übergangsgeld und Pension. Jeder Bankräuber riskiert mehr und bekommt in der Regel weniger."

"Weil er seinen Brecht nicht gelesen hat."

"Das versteh' ich auch nicht."

"Unser Bert hat mal sinngemäß gesagt, warum eine Bank ausrauben, wenn man eine gründen kann?"

"Na dann, wann und wo gründen wir unsere Bank? Sag jetzt bloß nicht: Im Stadtpark."

Die Bedienung kam näher und legte etwas auf den Tisch: "Ihre Rechnung."

"Caro, Liebste, ganz gleich, wo, nur schnell muss es passieren."

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7.

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In einem Labor summte im Hintergrund ein Drucker und spuckte Blätter aus, die zum Teil raschelnd zu Boden flattern. Rabe öffnete eine Tür und kam herein:

"Das ist ja unglaublich, was ihr in der kurzen Zeit geleistet habt."

"Für einen ermordeten Kollegen tun wir doch fast alles. Willst du es ganz genau wissen, oder reicht dir das Ergebnis?"

"Ergebnis reicht."

"Trotzdem solltest du dir einmal die Situation anschauen. Die für uns besten Aufnahmen hat das Regionalfernsehen gedreht." Siebert schaltete ein Gerät ein. Der Innenminister Berger war zu hören, seine Stimme wurde leicht verzerrt durch das Lautsprecher-Echo an den umgebenden Hochhäusern.

"Dazu brauchen wir Ihre Stimmen, damit wir weiter im Land regieren können."

Siebert sagte scharf: „Achtung. Ohren auf! „Ganz im Hintergrund, offenbar weit entfernt, war ein dumpfer, leiser Knall zu hören.“

Siebert kommandierte: "Stopp!" Die Aufzeichnung brach ab. "Schau dir Markus Michel an. In diesem Moment wird er von der Kugel getroffen."

"Und dieser merkwürdige Knall ...?"

"Ja, das war wohl der Schuss. Du siehst, in diesem Augenblick steht Michel ganz aufgerichtet. Die Kugel hat ihn hier etwas oberhalb des Herzens getroffen, ist schräg durch die linke Herzkammer geflogen und hier hinten wieder ausgetreten. Die Austrittswunde liegt messbar tiefer als die Eintrittswunde." Er verrenkte sich, um mit einem Finger die Stelle auf seinem Rücken zu zeigen. "Der Schütze hat also höher gestanden als sein Opfer, an einem Fenster dieser Hochhäuser. Die Rechtsmediziner haben sich viel Mühe gegeben und für uns einen Bahnwinkel der Kugel ausgerechnet, sowohl was den vertikalen Abstand des Schützen betrifft wie auch die seitliche Abweichung. Ich könnte dir nun einen langen anatomischen Vortrag halten, aber ich mache es kurz: Unseren Berechnungen nach hat der Schütze im siebten Stock des Wagnerhauses an einem Fenster gestanden, das etwa 30 Meter von der Hauskante entfernt ist. Schriftliches Gutachten bekommst du, sobald wir einmal haben schlafen können."

"Es eilt nicht, Siebert, Ihr seid die Größten, und selbstverständlich lade ich alle später zu einem großen Bier in der Handschelle ein."

Die Mannschaft murmelte beifällig. Nur eine helle Frauenstimme protestierte: "Ich trinke kein Bier, Günter, sondern nur Wein."

"Natürlich werden wir für dich Wein organisieren."

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8.

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Anschließend verzog sich Rabe zu den Ballistikern, um etwas über die Waffe zu hören. Kollege Huber hatte schon auf ihn gewartet: "Halt dich fest, Günter. Das war ein uraltes Modell, ein Karabiner 98 k, damit ist die Wehrmacht in den Zweiten Weltkrieg gezogen. Kaliber 7,92 Millimeter. Die Waffe hat heute mehr musealen Sammlerwert als kriminelle Bedeutung."

"Und wie kommt man an Munition für so ein Museumsstück?"

"Das fragst du bitte mal den Schützen, wenn du ihn hast, die Antwort interessiert mich auch."

"Alles klar. Hast du mal ein Bild von diesem Karabiner? Gibt es für den ein Zielfernrohr?"

"Gibt es. Auch ein Bajonett zum Aufsetzen."

Rabe brummte: "P

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