Logo weiterlesen.de
Krimi Sommer-Paket 10 Romane - Ein Toter nimmt Rache und andere Krimis auf 1000 Seiten

Krimi Sommer-Paket 10 Romane - Ein Toter nimmt Rache und andere Krimis auf 1000 Seiten

Alfred Bekker et al.

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Krimi Sommer-Paket 10 Romane -  Ein Toter nimmt Rache und andere Krimis auf 1000 Seiten

Copyright

Hass, der wie Feuer brennt

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

Frohes Fest, Lucie

Copyright

Die Hauptpersonen

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

VERSCHWÖRUNG DER KILLER

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

Ein Toter nimmt Rache: N. Y. D. - New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

Bount Reiniger und der Verschwundene: N. Y. D. - New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

Todesfalle Marrakesch: N. Y. D. - New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

Bount Reiniger und der Mann im Dunkel: N. Y. D. - New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

Das Todesquartett: N. Y. D. - New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

Kokainkrieg in Manhattan: N. Y. D. - New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

Das Todesquartett: N. Y. D. - New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

Kokainkrieg in Manhattan: N. Y. D. - New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

Spezialist für krumme Touren

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

Further Reading: 10 hammerharte Strand-Krimis

Also By Alfred Bekker

Also By Fred Breinersdorfer

Also By Klaus Tiberius Schmidt

Also By A. F. Morland

About the Author

About the Publisher

image
image
image

Krimi Sommer-Paket 10 Romane -  Ein Toter nimmt Rache und andere Krimis auf 1000 Seiten

image

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Zahlreiche spannende Romane in einem Buch - Ideal als Urlaubslektüre.

Dieses Buch enthält die Krimis:

––––––––

image

ALFRED BEKKER: HASS, der wie Feuer brennt

Fred Breinersdorfer: Frohes Fest, Lucie

Alfred Bekker: Verschwörung der Killer

Klaus Tiberius Schmidt: Ein Toter nimmt Rache

Klaus Tiberius Schmidt: Bount Reiniger und der Verschwundene

Klaus Tiberius Schmidt: Todesfalle Marrakesch

Klaus Tiberius Schmidt: Bount Reiniger und der Mann im Dunkel

Klaus Tiberius Schmidt: Das Todesquartett

Klaus Tiberius Schmidt: Kokainkrieg in Manhattan

A.F.Morland: Spezialist für krumme Touren

––––––––

image

IN NEW YORK LÄUFT OFFENBAR ein Verrückter herum, der sich als Terry Jacksons Rächer fühlt. Jackson starb in der Gaskammer, und obwohl es bereits fünf Jahre her ist, scheint sich jetzt sein Schwur zu erfüllen: Rache zu üben an denjenigen, die ihn damals verrieten und hinter Gitter brachten. Zuerst wird Buddy Walthors, der Tipp-Geber, ermordet, dann auf den Ex-Police-Officer Harold Whitman ein Anschlag verübt. Dieser wendet sich an Bount Reiniger, den besten Privatdetektiv New Yorks, und bittet ihn, den Killer zu finden. Doch auch Reiniger steht auf der Liste, an denen Terry Jackson sich rächen wollte ...

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

Hass, der wie Feuer brennt

image

Kriminalroman von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

Mörderische Brandanschläge erschüttern die die Stadt. Ganze Gebäude werden von Unbekannten die Luft gesprengt und es gibt Tote. Ermittler Jesse Trevellian und sein Team stehen vor einem Rätsel, während die Opfer der unbekannten Hassverbrecher immer zahlreicher werden...

Aber dann stoßen Trevellian und seine Kollegen auf ein altes Unrecht und gnadenlosen Rachedurst. Bald ist klar, dass ihnen nicht viel Zeit bleibt, um weitere Morde zu verhindern...

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

1

image

Das Geräusch einer gewaltigen Detonation drang durch die Nacht. Flammen schlugen aus dem Dach des großen Lagerhauses heraus. Teile des Mauerwerks brachen heraus und wurden regelrecht herausgeschleudert. Alarmsirenen schrillten, gingen aber im Lärm weiterer Detonationen unter. Es dauerte nur Augenblicke und die Flammen griffen auf das nächste Lagerhaus über. Die Nacht wurde beinahe taghell.

Ein beißender Geruch hing in der Luft.

Schreie gellten.

Ein Mann rannte als lebende Fackel durch die Nacht, brüllte dabei vor Schmerz und wand sich verzweifelt.

Unweit der Einfahrt zum Firmengelände, in sicherem Abstand zu der lodernden Flammenhölle stand eine junge Frau. Das blonde Haar fiel ihr über die schmalen Schultern. Mitleidlos starrte sie auf den brennenden Mann, der sich jetzt zu Boden warf. Er rollte sich auf dem Asphalt herum, versuchte die brennende Kleidung zu löschen Ein weiteres Lagerhaus ging in diesem Augenblick mit einem lauten Knall in Flammen auf. Verglasungen barsten, Trümmerteile flogen durch die Luft. Ein Wellblechtor brach aus seinen Halterungen heraus. Eine Flammenfontäne schoss heraus. Brennende Flüssigkeit kroch wie ein heißer Lavastrom über den Asphalt bis zu einem abgestellten Tankwagen hin.

Ein kaltes Lächeln erschien in dem feingeschnittenen Gesicht der jungen Frau.

"Ja, brennen soll es...", flüsterte sie vor sich hin. "Es soll brennen, brennen, brennen..."

Stakkatohaft wiederholte sie dieses eine Wort.

Sie atmete tief durch. Ihre Brüste drückten sich gegen den dünnen weißen Stoff ihrer Bluse. Und ihre Lippen formten immer wieder, wie in zwanghafter Wiederholung, dieses eine Wort.

"Brennen...brennen..."

Schon züngelten die Flammen an der Fahrerkabine des Tankwagens empor. Der Kraftstofftank explodierte zuerst. Es wirkte wie eine Initialzündung für die nächste Detonation, bei der die Ladung in die Luft flog. Der Geruch war beinahe unerträglich.

Der Mann am Boden hatte es unterdessen geschafft, seine brennende Kleidung zu löschen. Er kam auf die Füße, taumelte vorwärts. Im Hintergrund waren die Sirenen der Einsatzwagen des Fire Department von Yonkers zu hören. Bis sie hier draußen im Gewerbegebiet Dunhill ankamen, würden noch ein paar Minuten vergehen.

Nichts wird dann noch zu retten sein!, ging es der jungen Frau mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck durch den Kopf. Nichts! Die werden noch Mühe haben, ein Übergreifen der Flammen auf andere Grundstücke zu verhindern...

Die Augen tränten ihr durch die beißenden Gase, die bei der Verbrennung der hier gelagerten Chemikalien entstanden waren.

Als schmutzigbrauner Qualm zogen sie in den Nachthimmel.

Der Mann taumelte auf sie zu.

"Hey, Sie..." ächzte er, dann schüttelte ihn ein Hustenkrampf.

Seine Worte rissen die junge Frau aus der Erstarrung. Ein Ruck durchfuhr sie. Sie wich einen Schritt zurück.

"Bleiben Sie stehen!", rief der Mann.

Er streckte die Hand in ihre Richtung aus, taumelte vorwärts.

Die Augen waren weit aufgerissen, das vom Schein der Flammen beschienene Gesicht krebsrot. Die Flammen hatten ihn übel versengt. Von seinen Haaren war nicht viel übrig geblieben, die Kleidung war teilweise verkohlt.

"Bleiben Sie...", krächzte er noch einmal.

Ein Schuss krachte.

Er fuhr dem Mann genau zwischen die Schulterblätter.

Ein zweiter folgte unmittelbar darauf. Sein Körper zuckte und fiel dann reglos zu Boden.

Die junge Frau starrte mit weit aufgerissenen Augen erst auf den Sterbenden, dann in die Flammenhölle.

Jemand hatte den Mann von hinten erschossen.

Ein zufriedenes Lächeln erschien auf dem Gesicht der jungen Frau.

image
image
image

2

image

Als wir die Adresse 234 Jefferson Street in Yonkers erreichten war es noch sehr früh. Ich hatte Milo an der bekannten Ecke abgeholt, um mit ihm zu unserem Dienstgebäude an der Federal Plaza zu fahren. In den Radionachrichten erfuhren wir von dem Brand im Gewerbegebiet Dunhill, das am Rande von Yonkers lag.

Die Bewohner der Umgebung waren offenbar für einige Stunden angewiesen worden, Fenster und Türen geschlossen zu halten.

Dann hatte uns der Anrufs von Mr McKee mit der Order erreicht, unverzüglich nach Yonkers zu fahren.

Das örtliche Police Department schloss einen Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen nicht aus.

Daher hatte man uns angefordert.

Eine Rauchsäule schwebte noch immer über den offenbar bis auf die Grundmauern ausgebrannten Lagerhäusern der THONBURY & WISE LTD. Feuerwehr und die Kollegen des Yonkers Police Departments waren mit zahlreichen Einsatzfahrzeugen am Ort des Geschehens. Uniformierte hatten das Gebiet abgeriegelt.

Ich stellte den Sportwagen in einiger Entfernung an den Straßenrand.

Wir stiegen aus.

Milo gähnte.

"Ist wohl noch nicht ganz deine Zeit?", meinte ich.

"So weit ich weiß, gibt es keine Vorschrift, die besagt, dass ein G-man auf ein Privatleben verzichten muss, Jesse!"

Ich grinste. "Kommt immer darauf an, wie anstrengend sich das gestaltet!"

"Sehr witzig!"

"Die Blonde, die du mir vorgestern vorgestellt hast, sah jedenfalls so aus, als hätte sie keinerlei Konditionsprobleme!"

Milo fuhr sich mit der Hand über die Augen und meinte dann: "Verschone mich bitte mit deinen Anspielungen, bis ich wenigstens eine Tasse von Mandys Kaffee bekommen habe!"

Auf den berühmten Kaffee der Sekretärin unseres Chefs würde Milo wohl noch eine Weile verzichten müssen. Zunächst lag ein Berg an kniffliger Ermittlungsarbeit vor uns.

Die uniformierten Kollegen der Yonkers Police ließen uns passieren, nachdem wir ihnen unsere FBI-Dienstausweise hingehalten hatten.

Wir sahen uns ein bisschen um.

Auf dem Gelände von THONBURY & WISE sah es aus wie nach einem Krieg. Von den Lagerhallen standen nur noch Grundmauern, in einem Fall nicht einmal mehr die. Nur noch wenige Stahlträger ragten wie ein Skelett empor. Mehrere ausgebrannte Fahrzeuge, darunter auch ein Tankwagen, befanden sich auf dem Grundstück.

Und dann war da die weiße Kreidemarkierung auf dem rußigen Asphalt.

Eine Markierung, die anzeigte, dass dort ein Toter gelegen hatte. In der Nähe hielten sich einige Beamte in Zivil auf.

Ein Mann mit dickem schwarzen Schnauzbart und gelocktem, tief in die Stirn hängendem Haar begrüßte uns.

"Captain George Sorrini, Chief der Homicide Squad des Yonkers Police Department", stellte er sich vor und lockerte dabei die grellbunte Krawatte.

"Special Agent Jesse Trevellian, FBI", erwiderte ich und deutete dann auf meinen Partner. "Dies ist mein Kollege Milo Tucker."

"Man hat mir gesagt, dass Sie auch Erkennungsdienstler schicken."

"Die Kollegen sind noch unterwegs", erklärte ich.

Und Milo ergänzte: "Sie müssten jeden Augenblick hier eintreffen."

Ich deutete auf die Kreideumrisse. "Es hat hier einen Toten gegeben..."

Captain George Sorrini nickte. "So ist es. Der Mann heißt Allan Kenthorpe und gilt als Strohmann für einige Größen in der Müll-Mafia."

Mr McKee hatte uns am Telefon bereits ein paar Andeutungen in diese Richtung gemacht.

"Ist Kenthorpe Eigentümer dieses Grundstücks?"

"Nein, es gehört einem gewissen Lucius F. Smith aus New York City, der es vor drei Jahren aus der Konkursmasse von THONBURY & WISE herauskaufte. Leider war Mr Smith bislang nicht zu erreichen."

"Und was hat Kenthorpe mit diesem Grundstück zu tun?", fragte Milo.

Captain Sorrini zuckte die Achseln.

"Das wissen wir nicht." Sorrini trat etwas vor und kniete dann vor der Kreidemarkierung nieder. "Kenthorpes Leiche wies Verbrennungen auf, aber daran ist er nicht gestorben." Der Chief der Homicede Squad deutete in Richtung der ausgebrannten Ruinen. "Kenthorpe kam von dort, war offenbar auf der Flucht vor den Flammen... Dann wurde er von schräg hinten erschossen."

"Der Name Kenthorpe ist uns durchaus ein Begriff", meinte ich. "Leider hatten wir bislang nicht genug gegen ihn in der Hand, um ihn festzusetzen."

"Vermutlich ist er nur ein kleines Licht gewesen", war Sorrinis Auffassung.

Das 'Geschäft' lief immer nach derselben Methode ab.

Chemiefirmen wurde für viel Geld die Entsorgung von Giftmüll versprochen. Aber die teure Entsorgung fand nie statt. Der Müll wurde einfach irgendwo abgeladen. Zumeist auf Grundstücken, die von Strohmännern erworben wurden. Wenn die Gefahr bestand, dass die Sache aufflog, verschwanden die Strohmänner und die Behörden fanden dann ein Grundstück mit hochbrisanten Altlasten vor. Dass dabei Gifte ins Grundwasser gelangten oder Menschen durch giftige Dioxin-Dämpfe gefährdet wurden, wenn sich beispielsweise ein illegales Plastiklager selbst entzündete, war den Hintermännern dieser Machenschaften völlig gleichgültig. Müll war schon seit langem ein Zweig des organisierten Verbrechens, der es an Umsatz und Brutalität mit dem Rauschgift oder dem Waffenhandel aufnehmen konnte.

"Gibt es irgendwelche Zeugen?", erkundigte sich Milo.

"Ein Nachtwächter. Jason Kozersky, 47 Jahre alt, Ex-Marine. Er war uns gegenüber ziemlich einsilbig. Aber ich kann Ihnen gerne die Personalien geben. Im Moment ist er allerdings in ärztlicher Behandlung. Er hat ein paar Brandverletzungen davongetragen, vielleicht auch einen Schock. Im Moment befindet er sich im Bethesda Hospital hier in Yonkers."

"Hat der Mann irgendeine Aussage gemacht?", hakte ich nach.

George Sorrini schüttelte den Kopf. "Nein. Er war dazu wohl auch gar nicht in der Lage."

"Sie sollten ihn bewachen lassen. Er wäre nicht der erste Zeuge, den die Müll-Mafia aus dem Weg räumt."

"Wie Sie meinen."

Inzwischen trafen die ersten FBI-Kollegen ein. Wir begrüßten Doc Sörenson aus unserem Chemie-Labor und Al Baldwin, unseren Chef-Feuerwerker. Wenig später erreichten auch unsere Erkennungsdienstler Mell Horster und Sam Folder den Ort des Geschehens. Eine Menge Kleinarbeit lag jetzt vor ihnen. Wie uns Sorrini berichtete, hatte allerdings selbst die Feuerwehr bereits Hinweise auf eine Brandstiftung gefunden. Das Feuer war an mehreren Stellen gleichzeitig ausgebrochen. Das allein war schon ein Indiz. Die Explosionen waren vermutlich durch die gelagerten Chemikalien verursacht worden - und nicht durch Sprengstoff.

Captain Sorrini gab uns ein paar Polaroid-Abzüge von den Tatort-Fotos. Auf den Bildern war deutlich zu sehen, daß Allan Kenthorpe schwere Verbrennungen davongetragen hatte.

Gemeinsam mit Captain Sorrini folgten wir der vermutlichen Schusslinie, die sich wie ein gerader Strich über das Firmengelände zog. Ganz am Rand befand sich ein Flachdach-Bungalow, der ursprünglich wohl mal für Büroräume genutzt worden war. Im Gegensatz zu den anderen Gebäuden hatte dieser Bungalow verhältnismäßig wenig von der Wucht der Detonationen mitbekommen.

Sorrini deutete mit der ausgestreckten Hand. "Der Killer muss dahinten an der Ecke gestanden haben."

"Was hat Kenthorpe hier mitten in der Nacht zu suchen gehabt?", fragte ich. "Ich meine, dass der Nachtwächter da war, lässt sich erklären, aber Kenthorpe muss einen besonderen Grund für seine Anwesenheit gehabt haben..."

"Vielleicht kann dieser Jason Kozersky etwas dazu sagen, wenn er wieder beieinander ist", war Milos Ansicht.

image
image
image

3

image

Allan Kenthorpe hatte einen schmucken Bungalow in den Außenbezirken von Yonkers bewohnt. Die Adresse war 567 Sanders Street. Milo und ich fuhren dorthin, um mit der Witwe des Ermordeten zu sprechen. Die Kollegen vom Yonkers Police Department hatten uns bereits die unangenehme Aufgabe abgenommen, Mrs Kenthorpe die Nachricht vom Tod ihres Mannes zu überbringen.

Wir klingelten an der Tür.

Ein breitschultriger Mann in knappem T-Shirt öffnete uns.

Er trug eine Pistole im Schulterholster. Sein Blick wurde starr, als wir ihm die Dienstweise zeigten.

"Special Agent Jesse Trevellian, FBI. Und wer sind Sie?"

Der Mann im T-Shirt zögerte kurz. Dann sagte er: "Cole Subotsky. Ich sorge hier für die Sicherheit."

"Wir möchten gerne mit Mrs Kenthorpe sprechen."

"Mrs Kenthorpe ist im Moment in keiner guten Verfassung. Vielleicht kommen Sie ein anderes mal wieder."

"Tut mir leid..."

"Ach, wirklich?"

"Wir müssen Mrs Kenthorpe  jetzt sprechen."

Er zuckte die Achseln. Mit einer Handbewegung bedeutete er uns, ihm zu folgen. Subotsky führte uns in einen weiträumigen Living-room. Auf der linken Seite befand sich ein Steinway-Flügel, rechts war die Sitzecke. Mrs Kenthorpe war offensichtlich nicht allein. In einem der Sessel saß ein Mann mit völlig haarlosem Kopf. Sein Gesicht wirkte aufgeschwemmt. Er trug einen Tausend-Dollar-Anzug in dunkelgrau. Sein Alter schätzte ich auf Mitte vierzig. Der Leibwächter stellte uns vor. Mrs Sabrina Kenthorpe war eine attraktive Mittdreißigerin. Sie saß in sich zusammengesunken in der Couch, strich sich mit einer flüchtigen Geste das lange, brünette Haar zurück. Die Augen waren rotgeweint, das Make-up etwas verlaufen.

"Mrs Kenthorpe, es tut mir leid, aber wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen", erklärte ich vorsichtig.

Der Kahlköpfige sprang auf, umrundete den niedrigen Tisch und blieb dann stehen.

"Sehen Sie nicht, dass meine Mandantin überhaupt nicht in der Lage ist, auch nur einen Ton herauszubringen? Sie steht unter Schock."

Ich wandte mich in seine Richtung. "Mandantin?", echote ich.

Er reichte mir eine Visitenkarte.

"Nolan S. Abbott jr., ich gehöre der Kanzlei Abbott, Reilly & Partners an und vertrete die Interessen von Mrs Kenthorpe."

"Entspricht das den Tatsachen?", erkundigte sich Milo an die Witwe gewandt.

Sabrina Kenthorpe nickte.

"Ja", flüsterte sie mit belegter Stimme.

"Ich denke, Ihnen liegt genauso wie uns daran, den Mörder Ihres Mannes zu finden. Darum sollten Sie uns helfen."

"Ich wüsste nicht wie."

"Haben Sie eine Ahnung, was Ihr Mann mitten in der Nacht auf dem Gelände von THONBURY & WISE wollte?"

"Nein, nicht die geringste."

"Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?"

Fast hilfesuchend blickte Sabrina Kenthorpe zu ihrem Anwalt hin. Dann sagte sie: "Am Morgen, als er zu einem Geschäftstermin aufbrach."

"Ihr Mann war Immobilienkaufmann."

"Ja."

"Er hatte sein Büro hier im Haus?"

"So ist es."

Milo wandte sich an den Leibwächter. "Könnten Sie mir das Büro zeigen?"

Nolan S. Abbot nickte Subotsky zu, woraufhin dieser Milo aus dem Raum führte.

Ich wandte mich an Sabrina Kenthorpe. "Sagt Ihnen der Name Lucius F. Smith etwas?"

"Nein, wer soll das sein?"

"Der Besitzer des Grundstückes, auf dem Ihr Mann ermordet wurde."

"Tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht weiter helfen."

"Hatte Ihr Mann irgendwelche Feinde?"

"Nicht, dass ich wüsste."

"Aber Sie leisten sich einen Bodyguard."

"Mr Subotsky ist..." Sabrina brach ab, so als hätte sie Angst, etwas Falsches zu sagen. Sie blickte kurz zu Abbott hinüber.

"Ich habe Mrs Kenthorpe die Dienste von Mr Subotsky vermittelt", erklärte der Anwalt dann.

"Gab es dafür einen konkreten Anlass?"

"Mr Kenthorpe fragte mich nach einem guten Security-Mann und da habe ich ihm Subotsky empfohlen", erklärte Abbot etwas ungeduldig. "Nach dem Grund habe ich nicht gefragt. Aber jemand, der reich und erfolgreich ist, wie Mr Kenthorpe es zweifellos war, ist immer in der Gefahr, Opfer eines Verbrechens zu werden. Das brauche ich Ihnen ja wohl nicht näher auseinanderzusetzen, Agent Trevellian."

image
image
image

4

image

Wenig später saßen wir wieder in unserem Sportwagen.

Die Durchsuchung des Büros hatte keine neuen Erkenntnisse ergeben.

"Schon merkwürdig, dieses Büro", meinte Milo. "Der Computer zur Reparatur, kein Terminplaner vorhanden..."

"Da hatte jemand gründlich aufgeräumt!"

"Das kannst du laut sagen. Ich habe übrigens Subotskys Waffe überprüft. Eine 7.65er Automatik. In letzter Zeit ist nicht damit geschossen worden."

"Wäre auch zu einfach gewesen!"

"Jedenfalls sollten wir eine Personenabfrage über Subotsky starten. Ich kann dir nicht sagen, warum, aber ich traue ihm nicht über den Weg, Jesse."

"Dasselbe gilt für diesen Anwalt."

"Ich könnte schwören, dass ich den Namen schonmal gehört habe!"

image
image
image

5

image

Unsere Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina waren von unserem Field Office zu einer Adresse in Queens geschickt worden. 1432 Walters Road war ein zwanzigstöckiges Gebäude mit Apartments und Büros. Unter anderem befand sich hier die Residenz von Lucius F. Smith, dem das THONBURY & WISE-Grundstück in Yonkers gehörte.

Das Gebäude war durch martialisch wirkende private Security Guards völlig abgeschottet. Videoüberwachungsanlagen zeichneten das Geschehen in der Eingangshalle und auf den Fluren auf.

Die Residenz von Lucius F. Smith lag im 15.Stock.

Clive und Orry standen vor einer gläsernen Tür, die Smiths Residenz vom Rest des Gebäudes trennte.

Dahinter befand sich ein Vorraum, von dem aus entsprechend beschriftete Türen sowohl zu den Privaträumen, als auch zum Büro führten.

"Wenn einer sich hier ein Büro leisten kann, muss er was vom Geschäft verstehen!", meinte Orry. Der G-man indianischer Abstammung rückte sich die dunkelrote Seidenkrawatte zurecht.

"Bin wirklich gespannt, mit wem wir es zu tun haben", sagte Clive.

Er betätigte die Gegensprechanlage.

Die Stimme einer Frau meldete sich.

"Ja, bitte?"

"Special Agent Caravaggio, FBI", antwortete Clive. "Wir müssen Mr Lucius F. Smith sprechen."

"Mr Smith ist leider nicht im Hause", erwiderte die Frauenstimme.

"Dann machen Sie bitte trotzdem die Tür auf. Wir haben einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss."

Einige Sekunden lang geschah gar nichts.

Orry grinste. "Vielleicht bist du nicht der Typ dieser Dame!", witzelte er.

"Ha, ha..."

Schließlich öffnete sich die Tür zu den Privaträumen.

Eine junge Blondine trat heraus. Das gelockte Haar fiel ihr bis über die Schultern. Durch die hochhackigen Schuhe, die sie trug, wirkten ihre Beine noch länger, als sie ohnehin schon waren.

Clive hielt seinen Dienstausweis hoch und presste ihn gegen die Glasscheibe. Die junge Frau näherte sich, musterte die beiden G-men misstrauisch und öffnete schließlich.

Orry und Clive traten ein.

"Wo befindet sich Mr Smith jetzt?", fragte Clive.

"Ich habe keine Ahnung", erklärte die junge Frau und verschränkte die Arme unter den Brüsten.

Orry wandte sich inzwischen der Tür mit der Aufschrift OFFICE zu, öffnete sie mit der Hand an der SIG Sauer P228, die er am Gürtel trug. Im nächsten Moment entspannte sich seine Körperhaltung. "Niemand da!", brummte er. "Ich nehme mir jetzt den Privatbereich vor."

"Das habe ich Ihnen doch gesagt!", maulte die Blondine. "Was ist überhaupt los? Was wollen Sie von Lucius?"

"Wir stellen hier die Fragen", sagte Clive bestimmt. "Wer sind Sie?"

"Mona Jameson. Sie können meinen Führerschein sehen, wenn Sie daran irgendwelche Zweifel haben..."

"Arbeiten Sie für Mr Smith?"

"Ich halte hier für ihn die Stellung, während er seinen Terminen nachgeht."

Clive hob die Augenbrauen. "Sie kamen gerade aus dem privaten Bereich..."

Mona lächelte kühl. "Sie sind ein guter Beobachter... Aber ich würde sagen, dass Sie dieser Umstand nichts angeht, G-man!"

"Ihr Arbeitgeber war Besitzer des ehemaligen Firmengeländes von THONBURY & WISE in Yonkers. Wissen Sie, was dort heute Nacht passiert ist?"

"Es kam in den Nachrichten."

"Haben Sie mit Mr Smith heute morgen darüber gesprochen?"

"Nur kurz, Mr Smith hatte zahlreiche auswärtige Termine..."

"Wo ist sein Terminplaner?"

Ihr Blick wurde eisig. "Der befindet sich in Mr Smiths Aktenkoffer!" Sie sah auf die Uhr an ihrem Handgelenk und wirkte zunehmend nervös.

Orry kehrte in diesem Moment aus dem Privatbereich von Lucius F. Smith' Residenz zurück. Er zuckte die Achseln.

"Die Wohnung sieht wie abgeleckt aus", meinte er. "Als ob da nie jemand gewohnt hat!"

"Mr Smith war viel unterwegs und selten zu Hause", erklärte Mona Jameson.

In diesem Augenblick ertönte ein ohrenbetäubender Knall.

Clive wirbelte herum. Er sah durch die geöffnete Bürotür.

Eine Feuerwand flammte grell auf, schoss aus der Tür heraus. Die Scheiben der Glastüren barsten unter der Druckwelle. Die Hitze war mörderisch. Clive taumelte zurück, warf sich zu Boden. Glasscherben regneten auf ihn nieder.

Rauch breitete sich aus.

Beißender Qualm, der einem den Atem raubte. Clive versuchte sich aufzurappeln. Sein erster Gedanke galt Orry.

Er blickte sich um, schützte die Augen notdürftig mit der Hand vor dem beißenden Qualm.

Orrys Körper lag reglos auf dem Boden.

Mona Jameson befand sich in der Nähe der zerborstenen Glastür. Sie hustete, krümmte sich, kam dann aber mühsam auf die Beine.

Clive rang nach Luft.

Er kämpfte sich durch die Rauchschwaden.

Viel Zeit blieb ihm nicht. Innerhalb von wenigen Augenblicken konnte die Bewusstlosigkeit einsetzen. Und das war angesichts der immensen Rauchentwicklung ein Todesurteil.

Das gesamte Büro glich einer Flammenhölle.

Als Clive Orry erreichte, fasste er ihn unter den Achseln, zog ihn mit sich.

Augenblicke später hatte er ihn hinaus auf den Flur geschleift. Noch war die Rauchkonzentration hier geringer, aber das würde sich bald ändern. Clive hustete, blickte sich um. Von Mona Jameson war nirgends eine Spur. Sie hatte sich offenbar in Sicherheit gebracht.

Dann dröhnten Schritte durch den Flur.

Einige der Security Guards rannten im Laufschritt den Korridor entlang, ausgerüstet mit Gasmasken und Feuerlöschern. Gegen die Feuersbrunst im Büro hatten sie damit allerdings kaum eine Chance. Bis die reguläre Feuerwehr eintraf, konnte es noch einige Zeit dauern. Inzwischen aktivierte sich die Sprinkleranlage. Lauwarmer Regen kam aus den Düsen an der Decke des Korridors. In Lucius F. Smith's Residenz selbst war vermutlich die entsprechende Elektronik durch die Detonation zerstört worden.

Zwei der Security Guards kümmerten sich um Orry, trugen ihn davon. Zweifellos war er schwer verletzt. An seiner rechten Seite war die Kleidung teilweise verkohlt.

Vermutlich hatte die Druckwelle ihn gegen die Wand geschleudert.

Einer der anderen Security Guards rief über Funk den Emergency Service, ein anderer kümmerte sich um den sich unter einem Hustenanfall krümmenden Clive.

image
image
image

6

image

Mona Jameson atmete tief durch, als sie sich endlich im Freien befand. Ihre Augen tränten, sie spürte noch immer ein unangenehmes Kratzen im Hals. Außerdem hatte sie eine Schnittwunde an der Hand, verursacht durch die Scherben der geborstenen Glastür. Mit einem Taschentuch stillte sie notdürftig die Blutung. Ihre exquisite Garderobe sah ziemlich ramponiert aus. Entsprechend neugierige Blicke hatten sie auf ihrem Weg aus dem Bürokomplex 1432 Walters Road begleitet.

Ihr Wagen stand hinter der nächsten Straßenecke, etwa zweihundert Meter entfernt. Im Hintergrund waren die Sirenen der Feuerwehr zu hören.

Ich muss mich beeilen, sonst ist hier gleich alles durch Einsatzfahrzeuge blockiert!, ging es ihr durch den Kopf.

Plötzlich umspielte ein Lächeln ihren Mund.

Von Lucius F. Smith's Büro würde so gut wie nichts übrigbleiben. Nichts, was das FBI oder andere Polizeibehörden verwenden konnten...

Sie hob plötzlich die Hand, blickte auf das dunkelrot mit Blut vollgesogene Taschentuch, dass ihre Finger auf den Handballen pressten.

Das einzige, worum ich mir vielleicht Sorgen machen müsste, ist dass hier!, überlegte sie. Schließlich hatte sie vermutlich DNA hinterlassen.

Aber ob davon noch etwas übrig sein würde, wenn die Löscharbeiten beendet waren, stand in den Sternen.

image
image
image

7

image

Am nächsten Morgen saßen wir alle mit ziemlich ernsten Gesichtern im Besprechungszimmer von Mr Jonathan D. McKee. Außer Milo und mir waren noch Clive Caravaggio sowie die Agenten Leslie Morell und Jay Kronburg sowie die Innendienstler Max Carter und Nat Norton anwesend.

Clive berichtete uns über den Zustand unseres Kollegen Medina, der zur Zeit im St.Joseph's Hospital auf der Intensiv-Station lag. Orry hatte Verbrennungen und eine schwere Rauchvergiftung, außerdem eine ernste Schädelprellung. Wie eine Puppe musste die Druckwelle ihn gegen die Wand geschleudert haben.

Clive war glimpflicher davongekommen.

Aber auch er war durch die Folgen der Detonation noch gezeichnet.

"Wenn wir hier fertig sind, werden Sie nach Hause fahren und sich schonen", erklärte Mr McKee, der Chef des FBI-Field Office New York an Clive gewandt.

Clive wollte gerade etwas erwidern, aber Mr McKee brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.

"Das ist eine dienstliche Anweisung, Clive."

"Ich bin fit, Sir!", behauptete er.

"Das sieht man", erwiderte Mr McKee. "Sie haben schon genug getan. Immerhin haben wir diese Frau durch Ihre Angaben auf den Video-Bändern der Überwachungsanlage identifizieren und ein einigermaßen brauchbares Bild für die Fahndung erstellen können."

"Mona Jameson", nickte Clive. "Kurz bevor die Flammenhölle losbrach, wirkte sie verdammt nervös..."

"Meinen Sie, sie wusste von dem bevorstehenden Inferno?"

"Vielleicht ist sie dafür verantwortlich!"

"Eine kühne Schlussfolgerung, für die wir bisher allerdings keinen Anhaltspunkt haben!"

"Jedenfalls ist sie genauso spurlos verschwunden wie dieser Lucius F. Smith."

Jetzt kam der Augenblick von Max Carter, einem unserer Innendienstler aus der Fahndungsabteilung. "Mr Lucius F. Smith hat nie existiert", erklärte Carter. "Es handelte sich um eine sorgfältig aufgebaute Tarnidentität."

Mr McKee hob die Augenbrauen.

"Haben Sie herausgefunden, wer dahintersteckt?"

"Ich habe die Bänder der Video-Überwachungsanlage des Gebäudes 1432 Walters Road in Queens sehr gründlich untersucht. Der Mann, der von einigen der Security Guards als Mr Smith identifiziert wurde, ist niemand anderes als Allan Kenthorpe!"

Mr McKee nickte. "Unser langgehegter Verdacht gegen Kenthorpe war also gerechtfertigt. Kenthorpe kaufte unter falscher Identität Industriebrachen auf, die dann als illegale Abladeflächen für Sondermüll fungierten. Das übliche Vorgehen in der Branche..."

"Für wen hat Kenthorpe vermutlich gearbeitet?", mischte ich mich in das Gespräch ein.

Mr McKee wandte sich Special Agent Nat Norton, unseren Spezialisten für Wirtschaftskriminalität und das Verfolgen verborgener Geldströme.

"Wir wissen, dass Kenthorpe erhebliche Summen über Postfach-Firmen auf den Cayman-Inseln und in Liechtenstein erhielt - insbesondere über eine gewisse Tarantino Investment Group, die offenbar in beiden Ländern aktiv ist."

"Wenn man das Unterhalten von Postfachadressen als wirtschaftliche Aktivität bezeichnen will!", kommentierte Milo.

Mr McKee fragte: "Gibt es irgendwelche Hinweise darauf, wer mit dieser Tarentino Investent Group seine Geschäfte tarnt?"

Nat Norton hob die Augenbrauen. "Ja, Hinweise gibt es schon - aber leider auch nicht mehr. Eine wichtige Rolle scheint ein gewisser Mike Pereira III zu spielen. Ihm gehört eine Kette von Diskotheken hier an der Ostküste."

"Bisher dachten wir immer, Pereira wäre Geldwäscher."

"Das ist er wahrscheinlich auch", bestätigte Norton.

"Aber er wäre auch ein idealer Mann, um Gelder von interessierten Leuten gut getarnt in der Müll-Branche zu investieren."

"Hinter Pereira muss also noch jemand viel Größeres stecken", schloss ich aus Nat Nortons Ausführungen.

Unser Wirtschaftsexperte nickte. "Zweifellos."

Jetzt meldete sich Max Carter zu Wort. "Pereira war immer sehr geschickt, so dass es äußerst schwer ist, ihn einem bestimmten Syndikat zuzuordnen. Aber Tatsache ist, dass er nach Nats Ermittlungen Geld wie Heu haben muss. Mehr jedenfalls, als seine Discotheken erwirtschaften können selbst wenn man annimmt, dass er sich mit dem Vertrieb von Designer-Drogen noch ein Zubrot verdient."

Langsam begann der Fall Konturen anzunehmen. Allan Kenthorpe war nichts weiter als ein kleiner Wasserträger im System der Müll-Mafia gewesen. Und es lag nahe, dass sein Tod mit Vorgängen hinter den Kulissen dieser Branche des Verbrechens zu tun hatte, die wir bislang noch nicht durchschauten.

Zwei Brandanschläge innerhalb kürzester Zeit, beide in Zusammenhang mit Kenthorpe. Auch das konnte kein Zufall sein.

Die Gutachten unserer Spurensicherer waren eindeutig. Das ehemalige Gelände von THONBURY & WISE war vorsätzlich in ein Flammenmeer verwandelt worden.

Mr McKee wandte sich an Milo und mich.

"Versuchen Sie nochmal mit diesem Nachtwächter zu reden. Er ist schließlich ein wichtiger Zeuge und selbst wenn er unter Schock steht..."

"Wir werden unser Bestes tun, die Ärzte zu überreden", versprach ich.

"Außerdem will ich so viel wie möglich über diesen Pereira wissen." Unser Chef wandte sich an Leslie und Jay. "Das werden Sie übernehmen."

"Bleibt nur noch die Frage, wo diese blonde Lady aus Queens geblieben ist", meinte Clive Caravaggio.

"Den Video-Aufzeichnungen nach betrat sie 1432 Walters Road gestern zum ersten Mal", meldete sich Carter zu Wort.

"Allerdings reichen die Aufnahmen nur etwa zwei Wochen zurück..."

"Von einem regelmäßigen Arbeitsverhältnis kann aber trotzdem wohl keine Rede sein", kommentierte Milo.

image
image
image

8

image

Als Milo und ich eine Stunde später das Bethesda Hospital in Yonkers erreichten und uns nach Jason Kozersky, dem Nachtwächter vom ehemaligen THONBURY & WISE-Gelände erkundigten, erlebten wir eine unangenehme Überraschung. Von der Pflegedienstleitung der Station bekamen wir die Auskunft, dass Kozersky früh am Morgen abgeholt worden war.

"Das waren zwei Kollegen von Ihnen", meinte die vollbusige Pflegedienstleiterin. Das dunkle Haar hatte die Latina zu einem Knoten zusammengefasst. Sie hieß Marieta Fernandez Ochoa. Auf dem kleinen Schild am Revers ihres weißen Kittels war kaum Platz genug für den ganzen Namen.

"Kollegen von uns?", echote ich. "Das ist ausgeschlossen."

"Sie haben FBI-Dienstausweise vorgezeigt, die auch die beiden Officers vom Yonkers Police Department überzeugten, die hier Wache hielten."

"Ging es Kozersky denn wieder so viel besser?"

"Die hatten einen Krankentransporter inklusive Pfleger dabei."

"Haben Sie eine Ahnung, wo der Zielort dieses Krankentransportes war?"

"Nein. Wir bekamen die Auskunft, dass der künftige Aufenthaltsort von Mr Kozersky geheim bleiben soll, um ihn zu schützen, da er ein wichtiger Zeuge sei."

"Das ist er in der Tat", murmelte ich.

"Wollen Sie den Durchschlag der Verfügung sehen, die uns gegeben wurde?"

"Ja, geben Sie es uns. Es handelt sich um ein Beweisstück."

Wir verständigten das Yonkers Police Department und die State Police. Leider konnte sich niemand an das Kennzeichen des Krankentransporters erinnern. Ein Pförtner glaubte zu wissen, dass es sich um einen Mercedes gehandelt hatte.

Die Fahndung lief auf Hochtouren.

Milo und ich fuhren zu Jason Kozerskys letzter Adresse.

Das war unser einziger Anhaltspunkt. Vielleicht fanden wir dort etwas, das uns weiterbrachte.

"Du fürchtest, dass ein paar Killer des Müll-Syndikats sich den einzigen Zeugen geschnappt haben, der etwas darüber sagen könnte, was in der Nacht des Brandes auf dem THONBYRY & WISE-Gelände geschah", sagte Milo, während ich den Sportwagen, den uns die Fahrbereitschaft des FBI Field Office New York zur Verfügung stellte, in den Süden der Stadt Yonkers lenkte.

Das Rotlicht auf dem Dach sorgte dafür, dass wir etwas schneller vorwärts kamen.

"Die werden kurzen Prozess mit ihm machen", vermutete ich. Unsere Chancen, das Leben des Zeugen zu retten, standen äußerst schlecht. Und trotzdem würden wir alles versuchen.

Kozersky besaß ein kleines Haus am Stadtrand.

1987 Jefferson Street war die Adresse.

"Ich wusste gar nicht, dass Nachtwächter-Jobs so gut bezahlt werden", meinte Milo, als wir das Haus erreichten.

"Kommt immer drauf an, was man bewacht!", erwiderte ich.

"Naja, Diamanten waren es in diesem Fall ja nicht gerade..."

Ich parkte den Sportwagen am Straßenrand. Wir stiegen aus.

Kozerskys blau angestrichenes Holzhaus wurde von einem schlichten Rasengrundstück umgeben.

Wir gingen zur Haustür.

In der Einfahrt stand ein blauer Ford Mustang, der schon etwas Rost angesetzt hatte. Es war also anzunehmen, dass jemand im Haus war. Über Kozerskys persönliche Verhältnisse wussten wir nur, dass er bei den Marines gewesen war.

Möglicherweise lebte er mit jemandem zusammen.

Milo klingelte.

Die einzige Reaktion war ein unterdrückter Schrei, der sofort verstummte. Dann ein klapperndes Geräusch, als ob ein Möbelstück umgestoßen wurde.

Beinahe gleichzeitig griffen Milo und ich zu unseren Dienstpistolen vom Typ SIG Sauer P226.

Milo presste sich neben der Haustür gegen die Wand, fasste die SIG mit beiden Händen.

"Ich versuch's von hinten!", sagte ich und lief in geduckter Haltung los. Ich schlich unter den Fenstern her.

Nach wenigen Augenblicken hatte ich die Ecke erreicht, hinter der sich die Rückfront mit der Veranda befand.

Ein Mann trat durch die Verandatür ins Freie.

In der Linken hielt er eine Maschinenpistole vom isrealischen Typ Uzi im Anschlag.

Er trat die dreistufige Verandatreppe hinunter, ließ den Blick schweifen. Dann trat er noch ein paar Schritte auf den Rasen hinaus. Ich wartete an der Ecke. Mein Gegenüber ließ die Uzi sinken. Ich schnellte hervor, riss die SIG empor.

"FBI! Waffe fallenlassen!", rief ich.

Der Kerl wirbelte herum, ließ die Uzi losknattern. Eine Garbe von Projektilen hagelte in meine Richtung. Ich warf mich zu Boden, während die Kugeln der Uzi das Geländer der Veranda buchstäblich zerfetzten. Dicht gingen die Schüsse über mich hinüber, schlugen rechts und links von mir ein.

Der Mann schwenkte die MPi wild hin und her.

Ich rollte mich herum. Dort, wo ich vor Sekundenbruchteilen noch gelegen hatte, fetzten Kugeln in den weichen Boden, ließen Rasenstücke durch die Luft wirbeln.

Der erste Schuss, den ich mit meiner SIG abgab, ging ins Leere.

Der zweite traf.

Der Mann mit der Uzi taumelte zurück. Die Schulter, an der ihn die Kugel erwischt hatte, wurde durch die Wucht des Geschosses zurückgerissen.

Eine MPi-Salve ging in die Luft.

"Fallenlassen, verdammt nochmal!", schrie ich.

Mein Gegner ließ mir keine Wahl. Er richtete den kurzen Lauf der Uzi in meine Richtung. Der Zeigefinger krampfte sich um den Stecher. Bevor er abdrücken konnte ließ ich die SIG in meiner Faust loswummern.

Der Schuss traf ihn in der Herzgegend.

Aus der Uzi löste sich noch ein paar ungezielter Schüsse, dann fiel sein Körper schwer auf den weichen Rasen.

Ich rappelte mich auf, stürmte zur Veranda. Mit einem einzigen Schritt nahm ich die drei Stufen, duckte mich dann.

Durch die halboffene Tür feuerte jemand eine Shotgun in meine Richtung ab. Der Knall war ohrenbetäubend. Der Schuss ging dicht an mir vorbei.

Ich erreichte die Tür, presste mich daneben gegen die Wand, fasste die SIG im Beidhandanschlag.

Sekundenbruchteile später wummerte die Shotgun meines Gegners erneut los. Dicht neben mir riss der Schuss ein etwa handgroßes Loch in die Holzwand.

Ich wirbelte herum, tauchte aus meiner Deckung hervor und stand einen Sekundenbruchteil mit der SIG im Anschlag in der Tür.

Dann erstarrte ich.

Sah in das grinsende Gesicht meines Gegners.

Und die angstgeweiteten Augen seiner Gefangenen. Sie war mit Händen und Füßen an einen Stuhl gefesselt, außerdem geknebelt. Vermutlich hatte sie den unterdrückten Schrei ausgestoßen, den Milo und ich gehört hatten.

Ich schätzte den Mann auf ungefähr dreißig. In der Rechten hielt er die doppelläufige Shotgun, in der linken einen Magnum-Revolver, dessen Lauf auf die Schläfe der Frau gerichtet war.

Die Shotgun hatte zwei Schuss - und die hatte der Kerl bereits abgefeuert.

Dass er seit dem letzten Schuss zum Nachladen gekommen war, konnte man ausschließen.

Der Mann mit der Baseballmütze lachte dreckig.

"Leg dein Eisen auf den Boden, G-man!", zischte er. "Ich denke, du weißt, wie der Kopf dieser Lady aussieht, wenn ich jetzt abdrücke..."

"Geben Sie auf! Sie machen alles nur noch viel schlimmer!"

"Spar dir dein Gerede!"

Er presste den Lauf des Magnum Colts so hart gegen die Schläfe der Frau, dass sie aufstöhnte.

Ich hatte keine Wahl.

Vorsichtig bückte ich mich und legte die SIG auf den Boden.

"Jetzt kick das Eisen zu mir 'rüber!", befahl der Kerl mit der Baseball-Kappe.

Ich gehorchte. Die SIG rutschte über den Boden. Der Mann stoppte sie mit dem Fuß wie ein Soccer-Player. Dann bückte er sich, um die SIG aufzuheben. Er ließ die Shotgun zu Boden sinken, griff nach meiner Dienstwaffe. Keine Sekunde wich dabei der Lauf des Magnum Colts von der Schläfe seiner Geisel.

Er nahm die SIG.

Ein Grinsen entblößte eine Zahnlücke.

Er richtete die Waffe auf meinen Kopf.

"Farewell, G-man!", zischte er.

Dann drückte er ab.

image
image
image

9

image

Mona Jameson trat aus der Dusche ihres Apartments im Esplanade Hotel, 87. Straße West. Sie trocknete sich ab und zog sich anschließend einen hauchdünnen Kimono über, dessen fließender Stoff sich perfekt an ihre Körperformen anschmiegte.

Dann ging sie quer durch das Apartment, nahm das Telefon und bestellte sich eine Mahlzeit vom Zimmerservice.

Nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, atmete sie tief durch und wandte sich dem Fenster zu. Die Haare klebten ihr noch feucht am Kopf.

Wasser - das dem Feuer entgegengesetzte Element, dachte sie. Aber das Feuer war mächtiger.

Mächtiger als alles andere.

Sie schloss für einen Moment die Augen. Durch das Fenster ihres Apartments schien die Sonne herein. Durch ihre Augenlider sah sie nichts weiter als die Farbe rot. Rot wie Feuer. Erinnerung stiegen ihr auf. Bilder erschienen vor ihrem inneren Auge. Emporlodernde Flammen, furchtbare Schreie. Eine brennende Hauswand, die in sich zusammenbrach.

Wie verschmorte Streichhölzer knickten die mächtigen Dachbalken ein.

"Nein!", sagte Mona dann laut. Sie öffnete die Augen. Das Sonnenlicht wirkte furchtbar grell. Verzweifelt versuchte sie die Bilder der Erinnerung abzuschütteln. Sie wusste, dass das letztlich zwecklos war. Sie kamen immer wieder. Auch die Schreie.

"Du wirst nie wieder das Opfer sein!", sagte sie laut, wie eine Beschwörung. Ihre Hände ballten sich dabei unwillkürlich zu Fäusten, krampften sich regelrecht zusammen. Ihr feingeschnittenes Gesicht wurde zu einer verzerrten Maske.

"Nie wieder!", schrie sie.

Es war ein Ritual, mit dem sie mühsam die Traumata ihrer Vergangenheit in Schach hielt. Mona atmete tief durch, rang förmlich nach Luft. Der Puls schlug ihr bis zum Hals. Sie ließ sich in den Sessel fallen.

Ganz ruhig!, sagte sie sich selbst. Es geht vorüber. Du kennst das doch...

Das Telefon schrillte.

Eine willkommene Ablenkung, dachte Mona. Sie stand auf, nahm den Hörer ab.

"Ja, bitte?"

Eine sehr tiefe männliche Stimme meldete sich.

"Wir müssen uns dringend treffen, Mona."

"Sind Sie wahnsinnig, hier anzurufen, Hamilton?"

"Heute Abend, 21.00, Chico's Bodega, 89. Straße."

Der Anrufer hatte aufgelegt. Ich werde verdammt vorsichtig sein müssen, ging es ihr durch den Kopf. Schon die Sache mit Lucius F. Smith' Büro war äußerst heikel gewesen. Zwei FBI-Beamten waren ihr begegnet. Aus den Nachrichten im Radio hatte sie erfahren, dass einer der beiden schwer verletzt war. Aber sie musste damit rechnen, das inzwischen ein Phantombild von ihr existierte, zumal es in dem Bürokomplex an der Walters Road in Queens auch eine nahezu lückenlose Videoüberwachung gab.

Ich werde mein Äußeres radikal verändern müssen!, überlegte sie. Und zwar noch bevor ich mich mit Hamilton treffe...

image
image
image

10

image

Ich sah in die Mündung meiner eigenen Waffe, sah wie das Mündungsfeuer herausspie. Instinktiv duckte ich mich. Die Kugel zischte über meinen Kopf, aber einer der nächsten Schüsse würde mich erwischen. Es gab keine Deckung, keinen Schutz, nichts.

Gleichzeitig mit dem ersten Schuss ertönte ein anderes Geräusch von der gegenüberliegenden Seite des Raums. Die Tür wurde eingetreten. Sie sprang aus dem Schloss. Ein Scharnier brach mit einem ächzenden Laut heraus. Die Tür klappte zur Seite.

Milo stürzte mit seiner SIG im Beidhandanschlag herein.

Der Kerl mit der Baseball-Kappe wirbelte herum.

Milos Schuss traf ihn rechts im Oberkörper, riss ihn zurück. Er fiel auf den niedrigen Tisch. Dessen Beine knickten ein.

Sekundenbruchteile später war Milo bei ihm, richtete den Lauf der SIG auf ihn.

"Waffe weg!"

Der Mann ächzte. Sein Hemd färbte sich rot. Er lag wie ein Käfer auf dem Rücken, die Hände immer noch um die Griffe der beiden Waffen gekrallt. Dann löste sich diese Umklammerung. Er sah ein, dass er keine Chance mehr hatte.

Der Mann keuchte, rang nach Luft.

Ich beugte mich über ihn, nahm meine SIG und seinen Magnum Colt an mich.

Milo holte inzwischen mit der Linken sein Handy hervor, aktivierte eine Kurzwahltaste, um erst den Notarzt und dann die Kollegen zu rufen.

Nachdem das geschehen war, machte ich mich daran, die Geisel von ihren Fesseln zu befreien.

Fünfzehn Minuten später kam der Notarzt. Die Kollegen des Yonkers Police Departments waren sogar noch etwas schneller.

Milo und ich hatten inzwischen erste Hilfe geleistet und die Wunde des Verletzten notdürftig verbunden. In seiner Jackentasche fanden wir einen Führerschein, der auf den Namen Billy Gerard ausgestellt war.

Ich war gespannt, was die Personenabfrage ergeben würde.

Nachdem Gerard abtransportiert war, wandte ich mich der Geisel zu, die in der letzten Viertelstunde wie konsterniert dagesessen hatte. Sie zitterte leicht.

Captain Sorrini und ein weiterer Kollege vom Yonkers Police Department untersuchten inzwischen den Toten im Garten.

"Wer sind Sie?", fragte ich die Frau, deren Alter ich auf Mitte dreißig schätzte. Das brünette Haar wies einen deutlichen Rotstich auf. Ihre Figur wirkte sehr athletisch, was durch den enganliegenden Jogging-Suit, den sie trug, noch betont wurde.

Sie sah mich an, wirkte noch immer verstört.

Nach dem, was sie so eben durchgemacht hatte, war das auch kein Wunder.

"Kimberley Manilow", murmelte sie abwesend. "Mein Name ist Kimberley Manilow."

"Sie befinden sich hier im Haus von Mr Jason Kozersky."

"Ja."

"In welcher Beziehung stehen Sie zu ihm?"

"Ich bin vor einem halben Jahr bei ihm eingezogen." Ihr Gesicht veränderte sich, bekam einen besorgen Ausdruck. "Was ist mit Jason?"

Milo und ich wechselten einen kurzen Blick.

"Es tut mir leid, aber wir müssen Ihnen eine schlimme Mitteilung machen", sagte Milo.

Sie schluckte. "Nun sagen Sie schon, was ist passiert?"

"Er ist in Lebensgefahr." In knappen Worten fasste ich ihr zusammen, was geschehen war.

Sie atmete tief. "Mein Gott", flüsterte sie und schüttelte dabei fassungslos den Kopf.

"Ich weiß, dass das ein Schock für Sie sein muss", hoffte ich ihr Gehör zu finden. "Aber ich verspreche Ihnen, dass wir alles tun werden, um Mr Kozersky zu helfen..."

"Ja, natürlich..."

"Außerdem sind wir auf Ihre Mithilfe angewiesen."

"Was soll ich tun?", fragte sie. Verzweiflung klang in ihren Worten mit.

"Uns bleibt vermutlich nicht viel Zeit", sagte ich. "Aber vielleicht können Sie uns helfen, indem Sie unsere Fragen beantworten."

"Fragen Sie!"

"Haben Sie eine Ahnung, wohin man Ihren Lebensgefährten gebracht haben könnte?"

"Nein."

"Was wollten diese Kerle von Ihnen?"

"Ich habe sie überrascht, als ich vom Joggen kam. Sie waren gerade dabei die Wohnung zu durchsuchen."

"Haben Sie eine Ahnung, hinter was sie her waren?"

"Nein."

"Ihr Mann bewachte ein Grundstück, dass einem Strohmann der Müll-Mafia gehörte", stellte ich fest. "Vielleicht hat er gesehen, wie man den Mann ermordete, für den er arbeitete."

"Mr Kenthorpe, ich weiß. Es kam ja ausführlich in den Lokalsendern." Sie atmete tief durch. "Im Krankenhaus durfte ich ihn nicht besuchen... Er wurde vollkommen abgeschirmt."

Milos Handy schrillte.

Er nahm den Apparat ans Ohr, meldete sich.

"Jason Kozersky wurde tot aufgefunden", erklärte Milo einen Augenblick später.

"Nein!", entfuhr es Kimberley Manilow. Tränen glitzerten in ihren Augen. In ohnmächtiger Wut ballte sie Fäuste. "Diese Schweine", flüsterte sie tonlos.

Milo wandte sich an mich. "Ich fahre zum Fundort der Leiche. Vielleicht ergibt sich dort irgendein Anhaltspunkt. Vielleicht erfährst du ja hier noch etwas."

"In Ordnung", nickte ich.

"Ich hole dich dann nachher ab!"

Nachdem Milo gegangen war, saß Kimberley Manilow wieder eine ganze Weile in sich zusammengesunken da. Inzwischen hatten die Kollegen des Yonkers Police Departments herausgefunden, das der Tote im Garten Zach Balboa hieß.

"Er hatte eine Taxi-Quittung in der Hosentasche", berichtete Captain Sorrini. Er hielt mir das sorgfältig in Cellophan eingetütete Stück Papier hin. Ich sah es mir eingehend an. Danach war Balboa am gestrigen Abend in New York City gewesen, hatte sich gegen 23.00 Uhr in der Stadt herumkutschieren lassen.

"Es müsste eigentlich zu ermitteln sein, wohin die Fahrt ging", meinte Sorrini.

Ich wandte mich wieder Kimberley Manilow zu.

"Je schneller Sie Ihren momentanen Schock überwinden, desto besser stehen unsere Chancen, die Leute zu fassen, die Mr Kozersky - und beinahe auch Sie! - auf dem Gewissen haben."

"Jason ist... tot", murmelte sie, so als ob danach nichts mehr einen Sinn hatte.

"Ich verstehe Ihre Trauer."

"Wirklich? Das glaube ich kaum..."

"Sie haben Mr Kozersky sehr geliebt..."

"Was interessiert Sie das?"

"Ich will, dass die Männer gefasst werden, die Ihrem Lebenspartner das angetan haben."

Kimberley sah mich an. "Fragen Sie!", forderte sie mich auf.

"Was wissen Sie über Mr Kozerskys Job? Hat er Ihnen etwas darüber erzählt, vielleicht Namen erwähnt?"

"Ihm war klar, dass das kein gewöhnlicher Nachtwächter-Job war. Dafür hat er auch viel zu viel Geld dafür bekommen. Aber er hat keine Fragen gestellt."

"Ist in der letzten Zeit irgendetwas Ungewöhnliches passiert?"

Kimberley zog die Augenbrauen zusammen und zuckte dann mit den Schultern. "Ich weiß nicht...", begann sie nachdenklich und brach dann ab. "Vor zwei Tagen, da habe ich einen Anruf entgegengenommen. Ein Mann, den ich nicht kannte, wollte Jason sprechen. Danach war er völlig verändert. Ganz bleich."

"Hat Mr Kozersky nicht gesagt, worum es ging?"

"Nur, dass ich mir keine Sorgen machen soll. Ich habe einen Teil des Gesprächs mitbekommen. Zwischendurch sagte Jason mal: 'Sie sind wahnsinnig, Hamilton?'"

"Hamilton?", vergewisserte ich mich.

"Ja."

"Gibt es sonst noch etwas, was Ihnen aufgefallen ist? Vielleicht an der Stimme oder im Hintergrund, als Sie den Anruf annahmen?"

"Die Stimme war sehr tief, sprach leise. Und der Hintergrund? Ich glaube, er rief aus einer Bar oder etwas ähnlichem an. Jedenfalls lief Musik. 'Stand by your man', glaube ich. Aber das wird Ihnen alles kaum weiterhelfen. Schließlich gibt es allein in Yonkers vermutlich drei Telefonbuchseiten mit Hamiltons..."

"Jede Kleinigkeit kann wichtig sein", erwiderte ich.

"Glauben Sie, der Anruf hat etwas mit dem zu tun, was jetzt passiert ist?"

"Das bekomme ich heraus", versprach ich.

Als Milo mich später mit dem Sportwagen abholte, erfuhr ich, dass es den Erkennungsdienstlern gelungen war, ein Reifenprofil des Krankentransporters zu sichern, mit dem Kozersky entführt worden war.

image
image
image

11

image

Punkt 21.00 Uhr betrat Mona Jameson Chico's Bodega in der 89.

Straße. Chico's Bodega war eine Bar der gehobenen Kategorie.

Sie gehörte Chico Moreno Garcia, einem Exilcubaner.

Entsprechend orientierte sich der Stil der Inneneinrichtung an jenen Bars, wie es sie vor der Revolution in Cuba gegeben hatte.

Man hörte viele spanische Sprachfetzen.

Mona hatte sich beim Frisör in Little Italy einen Pagenschnitt und eine Tönung machen lassen. Ihr Haar war jetzt schwarz.

Sie trug ein enganliegendes blaues Kleid und eine dazu passende Handtasche. Ihr Blick schweifte durch den Raum.

Dann entdeckte sie an einem der Tische einen grauhaarigen Mann, Mitte vierzig. Eine Narbe schimmerte durch das kurzgeschorene Haar hindurch. Seine Nase war zweifellos mal gebrochen gewesen.

Mona ging auf ihn zu, setzte sich zu ihm an den Tisch.

Der Mann hob die Augenbrauen. Er grinste.

"Sie sehen gut aus, Mona."

"Sparen Sie sich Ihren abgestandenen Charme für die Bowery-Nutten, von denen Sie es sich besorgen lassen!", zischte sie.

Das Gesicht des Grauhaarigen wurde zu einer starren Maske.

"Warum so kratzbürstig, Mona?"

"Kommen Sie zur Sache, Hamilton. Meine Zeit ist begrenzt."

"Alles der Reihe nach..."

"Rufen Sie mich übrigens nie wieder im Hotel an. Wer weiß? Vielleicht überwacht das FBI längst Ihr Telefon."

"So ängstlich, Mona?" Hamilton kicherte, leerte dann das Tequila-Glas, das vor ihm auf dem Tisch stand in einem Zug.

"So kenne ich Sie ja gar nicht..."

"Ich hoffe, Sie sind nicht nur hier, um dumm herumzuquatschen..."

Hamilton langte in die Innentasche seiner Lederjacke, holte ein braunes Couvert hervor. Er legte es vor Mona auf den Tisch.

"Was ist das?", fragte sie.

"Alles, was Sie über Mike Pereira wissen müssen."

"Ich dachte, der erholt sich in Rio von seinen strapaziösen Geschäften!"

"Soll ja 'ne Sehnenscheidenentzündung vom Geldzählen haben, der Kerl!", lachte Hamilton. Er verstummte erst, als er bemerkte, dass einige der anderen Gäste sich bereits nach ihm umdrehten.

Hamilton beugte sich vor, sprach jetzt in gedämpftem Tonfall.

"Pereira ist seit gestern wieder im Land. Hier in New York..."

Ein zynisches Lächeln umspielte Monas Lippen. "Kenthorpes Tod hat ihn wohl aufgeschreckt!"

"Klar, der will sich hier an der Ostküste doch nicht aus dem Geschäft drängen lassen..."

"Ich werde ihn aus dem Leben drängen", murmelte Mona. "Er weiß es nur noch nicht..."

Mona wollte gerade den Umschlag an sich nehmen, da legte Hamilton seine große Hand darauf.

"Ich weiß, wie heiß Sie auf den Inhalt des Couverts sind... Aber bevor Sie ihn bekommen, möchte ich erst ein paar Einzelheiten über das bekommen, was in Queens passiert ist!"

Mona lehnte sich etwas zurück. Sie atmete tief durch. Ihre Brüste drückten sich dabei gegen den dünnen Stoff ihres enganliegenden Kleides. Hamiltons Blick wurde davon einen Moment lang abgelenkt.

"Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen!", behauptete sie dann.

Sie versuchte, das Couvert unter seiner Hand wegzuziehen.

Hamilton packte ihr Handgelenk. So fest, dass es ihr wehtat.

"Verkaufen Sie mich nicht für dumm!"

"Lassen Sie mich los, Hamilton! Die Männer dahinten an der Bar schauen schon herüber... Wenn ich jetzt schreie..."

"...dann kommen sie her um mich zu beschützen, Baby! Das sind nämlich meine Leibwächter!"

Mona erbleichte.

"Sie können sich darauf verlassen, dass jegliche Spuren von Lucius F. Smith getilgt sind", sagte sie. "Jedenfalls alle, die die Geschäfte des Müll-Syndikats stören könnten!"

Hamilton drückte so doll zu, dass Mona hätte schreien können. Sie biss sich auf die Unterlippe. Hamilton grinste wölfisch. "In jedem Polizeirevier zwischen Baltimore und Boston hängt das Bild einer schönen Unbekannten, die kurz vor der Explosion zwei FBI-Agenten in Smith's Büro begegnete. Selbst in den Nachrichten und in der Zeitung haben sie's gebracht!"

"Ich sehe jetzt ein bisschen anders aus", versetzte Mona.

"Die sind Ihnen auf den Fersen!"

"Falls ich gefasst werde, werde ich schweigen wie ein Grab, Hamilton. Das ist es doch, worum Sie sich Sorgen machen!"

"Wenn Sie auf die Idee kommen zu singen, werden Sie nicht sehr alt... Die Arme der Organisation sind viel länger, als Sie sich das vorstellen können."

Sie hob die Augenbrauen. "Soll ich vielleicht aufhören?"

Hamilton ließ sie los.

"Nein. Aber seien Sie verdammt nochmal vorsichtiger!"

Monas riss den Umschlag an sich und stand etwas ruckartig auf. Die Männer an der Bar wirkten plötzlich sehr angespannt, musterten sie aufmerksam. Ein paar Hände verschwanden unter den Jacketts.

Mona ging an ihnen vorbei.

Auf ein Handzeichen ihres Bosses hin, entspannten sie sich wieder und ließen Mona passieren.

Augenblicke später hatte Mona Chico's Bodega verlassen. Sie betastete ihr Handgelenk. Den braunen Umschlag hatte sie unter den Arm geklemmt.

Auch du kommst noch an die Reihe, Hamilton!, durchzuckte es sie. Bilder stiegen aus ihren Erinnerungen empor. Lodernde Flammen, brennende Wände, die einstürzten wie ein Kartenhaus...

Schreie...

So furchtbare Schreie...

Mona kniff die Augen für einen Moment zusammen.

Nein! Nicht jetzt!, durchfuhr es sie. Sie atmete tief durch. Der Angstschweiß perlte ihr von der Stirn. Als sie dann die Augen öffnete, waren die Flammen verschwunden. Aber sie zitterte noch.

Das alles wird aufhören!, dachte sie. Schon sehr bald. In jenem Moment, in dem das Feuer sie alle verschlungen hat, ist es vorbei. Ganz bestimmt.

Sie presste den Umschlag gegen die Brust.

Mike Pereira.

Er war der nächste.

image
image
image

12

image

Am nächsten Morgen erfuhren wir im Büro unseres Chefs interessante Neuigkeiten. Billy Gerard befand sich im Gefängniskrankenhaus von Riker's Island. Eine Anwältin namens Celine McNamara hatte das Mandat übernommen. "Das interessante daran ist, dass diese Celine McNamara derselben Kanzlei angehört wie Nolan S. Abbot..."

"Der Mann, der sich so rührend um Kenthorpes Witwe kümmert", ergänzte ich. Die Rolle die Abbot und seine Kanzlei in diesem Fall spielte war noch nicht ganz klar.

"Haben Abbot oder diese McNamara vielleicht Verbindung zu Mike Pereira III?", erkundigte sich Milo.

Mr McKee bestätigte das. "Bei allen wichtigen Prozessen, die Peirara bislang zu bestreiten hatte, hat ihn diese Kanzlei vertreten."

Die ebenfalls anwesenden Agenten Jay Kronburg und Leslie Morell hatten einiges über Mike Pereira III herausbekommen.

"Er hielt sich bis gestern in Rio de Janeiro auf", berichtete Jay. "Dort besitzt er eine Villa und genießt die Einnahmen seiner Geldwäsche-Discotheken..."

"Haben Sie eine Ahnung, weshalb er so plötzlich zurückgekehrt ist?", erkundigte sich MrMcKee.

Jay zuckte die Schultern. "Leider konnte keiner der Informanten, die wir kontaktiert haben dazu eine brauchbare Aussage machen. Alles was wir bekommen haben, sind vage Gerüchte."

"Und was für Gerüchte?", hakte Mr McKee nach.

"Es könnte eine Art Sturm in der illegalen Müll-Branche bevorstehen. Von einem anderen Syndikat ist die Rede - aber auch von dem bevorstehenden Versuch einer Palastrevolution. Das ist alles sehr widersprüchlich."

Leslie Morell ergänzte: "Es liegt doch auf der Hand, weshalb Pereira nach New York zurückgekehrt ist. Wenn er wirklich der große Investment-Hai der Müll-Mafia ist, dann muss er hier vor Ort sein, um die Kontrolle zu behalten."

"Ich will, dass Pereira weiterhin rund um die Uhr beschattet wird", forderte Mr McKee.

"Bis jetzt pendelt er lediglich zwischen seiner Villa in den Hamptons und seinem Club in der Avenue A hin und her", erklärte Jay. "Er lässt sich zumeist mit einem Helikopter fliegen. Oben, auf dem Dach des Gebäudes, in dem sich das PANGAEA befindet sich ein Landeplatz."

"Der Mann hat für alle Fälle vorgesorgt!", stellte Milo fest.

Mr McKee nickte. "Ja, er besitzt einen idealen Fluchtweg."

Er drehte sich zu seinem Schreibtisch herum, nahm einen Schnellhefter und wandte sich dann Milo und mir zu.

"Was den Mann angeht, den Sie in Kozerskys Garten erschossen haben, Jesse..."

"Zach Balboa?"

"Wir wissen inzwischen, wohin er sich am Tag zuvor in New York City mit dem Taxi chauffieren ließ. Die Fahrt ging in die Avenue A."

"Zum PANGAEA!"

"Es wäre zumindest möglich. Zwar gibt es noch jede Menge andere Clubs und Discotheken in der Avenue A, in denen er sich vergnügt haben könnte, aber vielleicht hatte Balboas Auftauchen dort ja auch einen ganz anderen Grund... Ich möchte, dass Sie beide Mr Pereira mal auf den Zahn fühlen."

"Sollten wir ihn nicht lieber weiter beobachten?", fragte Leslie. "Schließlich dürften wir längst nicht genug gegen ihn in der Hand haben, um ihn wirklich festzunageln."

Mr McKee legte den Schnellhefter auf den Tisch. "Dies ist das Ergebnis des Gen-Tests von dem Material, das von dieser Mona Jameson in Lucius F.Smith's Büro gefunden wurde... Die allgemeine Personenabfrage und der Bildvergleich mit unseren Dateien waren ergebnislos. Aber die DNA, die unsere Spezialisten untersucht haben, stellt einen Zusammenhang zum Mordfall Canderra her."

"Robert F.Canderra?", vergewisserte ich mich.

Mr McKee bestätigte das. "Genau."

Der Name Canderra war nicht gerade häufig. Deshalb war er mir in Erinnerung geblieben. Robert F. Canderra hatte nacheinander für Allan Kenthorpe und Mike Pereira III als Leibwächter gearbeitet, bevor er unter mysteriösen Umständen ermordet worden war. In einem abgelegenen Hinterhof in der South Bronx war er als halbverkohlte Leiche aufgefunden worden.

Unser Kollege Agent LaRocca war in dem Fall federführend gewesen. Aber die Ermittlungen waren letztlich im Sand verlaufen.

Wir hatten angenommen, dass Pereira jemanden aus dem Weg hatte räumen lassen, der zuviel über ihn gewusst hatte. Aber es war uns niemals gelungen, Licht in die Sache zu bringen.

"Damals wurde am Tatort eine Blutspur gefunden. Die DNA stimmt überein mit der, die wir in Queens gesichert haben."

"Mona Jameson war damals also am Tatort", stellte ich fest.

"Das steht fest", sagte Mr McKee. "Außerdem haben wir inzwischen Listen der Telefongespräche, die Allan Kenthorpe alias Lucius F. Smith in letzter Zeit geführt hat. Es sind auffallend viele Gespräche nach Rio de Janeiro dabei. Der Anschluss gehört einem Mann namens Salvador Figueira."

"Ein Strohmann von Pereira?", fragte ich.

"Zweifellos. Unsere Kollegen in Brasilien haben uns dazu einiges Datenmaterial geschickt." Mr McKee hob die Augenbrauen. "Was wir haben reicht nicht, um Pereira wirklich vor eine Jury ziehen zu können. Aber möglicherweise ist es genug, um ihn so zu erschrecken, dass wir über ihn an die Hintermänner herankommen."

Mr McKee hatte recht.

Bis jetzt kannten wir wahrscheinlich noch keinen der wirklich wichtigen Player in diesem Spiel. Selbst Pereira war nur ein Wasserträger.

image
image
image

13

image

Billy Gerard lag in einem fahrbaren Pflegebett in der Intensivstation des Gefängniskrankenhauses von Riker's Island. Die Pulsfrequenz wurde überwacht und außerdem war ein Tropf gelegt worden.

Gerard schloss die Augen.

Im Hintergrund hörte er das Piepen der Instrumente.

Immerhin, die Kugel dieses G-man ist raus!, dachte Gerard.

Aber seine Lage hatte sich dadurch kaum gebessert.

Auf Anweisung der Gefängnisleitung war Gerard vollkommen isoliert worden. Zwei bewaffnete Wächter standen vor seiner Tür. Und doch fühlte Gerard sich nicht sicher.

Ich muss hier weg!, durchzuckte es ihn. Und das so schnell wie möglich.

Für jene Leute, die ihn beauftragt hatten, ein blaues Holzhaus am Rande von Yonkers zu durchsuchen, war er jetzt ein Risikofaktor geworden.

Gerard spürte noch die Nachwirkungen der Operation.

Insbesondere galt das für die Narkose, die man bei ihm durchgeführt hatte. Er war noch immer nicht so richtig da.

Außerdem fühlte er sich schwindelig. Es fiel ihm schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.

Er hörte Schritte, verrenkte die Augäpfel um zu sehen, was los war.

"Verbandswechsel, Gerard!", sagte eine heisere Stimme.

Gerard blickte in das breite Gesicht eines stiernackigen Mannes. Er trug die weiße Kleidung der Pfleger.

Der Pfleger beugte sich über Gerard.

"Schöne Grüße von Hamilton", sagte der Mann in Weiß.

"Sagen Sie ihm, dass ich bisher den Mund gehalten habe."

"Ich werde es Mr Hamilton ausrichten", erwiderte der Pfleger und grinste. "Er weiß Verschwiegenheit zu schätzen."

"Bis jetzt bin offiziell noch nichtmal vernehmungsfähig..."

"Ich weiß."

"Aber auch wenn es so weit ist, werde ich schweigen wie ein Grab!"

"Natürlich werden Sie das!"

Der Mann im weißen Kittel holte zu einer raschen Bewegung aus. Blitzschnell sauste seine Handkante nieder. Der Karateschlag traf Billy Gerard haargenau an der Halsschlagader. Er verdrehte die Augen und war augenblicklich tot. Die Anzeige auf dem Pulsmessgerät bestand nur noch aus einem geraden Strich.

image
image
image

14

image

Das PANGAEA war eine Nobeldisco mit einer aufwendigen Laserlichtanlage. Hier amüsierten sich Leute mit viel Geld. Geschäftsleute aus der Wall Street, die sich alle paar Wochen mal eine halbe Nacht Urlaub von ihren Börsenkursen gönnten. Mike Pereira III besaß eine ganze Reihe ähnlicher Läden an der Ostküste. Aber das PANGAEA war gewissermaßen sein Vorzeigeobjekt. Die Kollegen der DEA hatten Pereira eine ganze Weile wegen des Vertriebs von Desiner-Drogen in Verdacht gehabt. Aber letztlich war nie genug Beweismaterial zusammengekommen, um damit einen Prozess bestehen zu können.

Der Türsteher trug einen Smoking.

Er wollte uns zunächst nicht hereinlassen. Unsere FBI-Dienstausweise belehrten ihn eines Besseren.

"Wir möchten mit Mr Pereira sprechen", erklärte ich.

"Der ist nicht im Haus."

"Dann sind Sie schlecht informiert."

Wir wussten durch unsere Kollegen, dass Pereira mit seinem Hubschrauber vor einer halben Stunde eingetroffen war. Jay Kronburg und Leslie Morell befanden sich im Inneren des PANGAEA. Überall in der Umgebung waren G-men postiert, so dass im Notfall niemand das PANGAEA verlassen konnte.

Der Bodyguard machte ein ratloses Gesicht. Er hatte ein Headset angelegt, über das er vermutlich jederzeit mit seinem Boss in Verbindung treten konnte.

"Es gibt zwei Möglichkeiten, diese Aktion durchzuführen", sagte Milo. "Die eine ist sehr diskret, die andere genau das Gegenteil! Ich weiß nicht, ob Mr Pereira schon so viel Geld angehäuft hat, dass das für seine Geschäft keine Rolle mehr spielt..."

Der Türsteher war etwas verunsichert. "Einen Moment", sagte er, trat ein paar Schritte zur Seite, um mit seinen Oberen sprechen zu können. Einen Augenblick später erklärte er dann: "Mr Pereira wird Sie empfangen."

Ein paar Minuten später kam ein Mann mit blaugrauem Anzug.

Ebenso wie der Türsteher trug er ein Headset.

"Folgen Sie mir bitte!", forderte er.

Er drehte sich herum, wir gingen hinter ihm her. Er führte uns mitten durch den Hauptsaal des PANGAEA, in der eine wilde Lasershow zu sehen war. Verzückte Tänzer machten den Eindruck, sich in einem tranceartigen Zustand zu befinden.

Go-Go-Girls in knappen Kostümen heizten die Stimmung des Publikums an.

Dann gelangten wir in einen Nebenraum, in dem die Musik deutlich leiser war. Es handelte sich um eine Art Bar, in der sich diejenigen trafen, die auf der Tanzfläche zueinander gefunden hatten.

Kurz nachdem wir die Bar betreten hatten, erkannte ich Pereira von einem der Fotos, die sich in unseren Dateien befanden. Er saß an einem Tisch. Rechts und links daneben standen unübersehbar einige Bodyguards.

Der Mann im blaugrauen Anzug brachte uns zu seinem Chef.

"Special Agent Trevellian, FBI, dies ist mein Kollege Milo Tucker", stellte ich uns vor. An unseren Ausweisen hatte er kein Interesse. Er deutete auf die freien Plätze am Tisch.

"Wenn ich jetzt sagen würde, dass ich mich freue, Ihre Bekanntschaft zu machen, wäre das eine Lüge", erklärte er grinsend. Für das, was er erreicht hatte, war er noch sehr jung. Unseren Akten nach war er gerade 27 Jahre alt geworden.

"Vielleicht werden wir uns in nächster Zeit öfter sehen, Mr Pereira", sagte ich.

Pereira hob die Augenbrauen. "Ich werde alles tun, um das zu vermeiden", lachte er.

"Dann würde ich vorschlagen, dass wir kein langes Versteckspiel betreiben und Sie uns möglichst detailliert alles sagen, was Sie wissen."

"Ist dies ein offizielles Verhör? Dann möchte ich, dass mein Anwalt dabei ist..."

"Zufällig ein gewisser Nolan S. Abbott?", mischte sich Milo ein. Pereira hatte seine Gesichtsmuskulatur für eine Sekunde nicht unter Kontrolle. Er war überrascht.

"Dies ist noch kein offizielles Verhör", erklärte ich. "Wir wollen lediglich ein paar Informationen... Selbstverständlich kann sich das im Handumdrehen ändern. Aber das liegt bei Ihnen."

"Worum geht es?"

"Um den Mord an Allan Kenthorpe, einem Geschäftsmann, der in der Walters Road in Queens unter dem Namen Lucius F. Smith eine Art Doppelleben führte."

"Ich kenne diesen Mann nicht."

"Dafür haben Sie aber auffällig oft mit ihm telefoniert!"

"Wollen Sie mich reinlegen, oder was?" Mike Pereiras Gesicht wurde hochrot. "Sie können meine Telefonrechnungen überprüfen. Meinetwegen auch die Menues meiner Handys! Ich habe mit diesem Kerl nie telefoniert! Und wer immer etwas anderes behauptet, den knöpfe ich mir persönlich vor..."

"Sie haben mit ihm selbst in Rio de Janeiro Kontakt gehalten. Über einen Mann namens Salvador Figueira. Wir arbeiten in dieser Sache eng mit den Kollegen aus Brasilien zusammen."

Pereira wurde unruhig. Er tickte nervös mit den Fingern auf der Tischplatte herum. "Hören Sie, ich geb's zu, dass ich diesen Smith flüchtig kannte. Ein unseriöser Geschäftsmann, so würde ich das einordnen."

"Ein Strohmann", verbesserte ich.

"Gut möglich."

"Nur seltsam, dass Sie mit demselben Liechtensteiner Briefkastenunternehmen Geschäfte machen wie Kenthorpe alias Smith."

"Alles, was ich tue ist legal", behauptete er.

"Geldwäsche ist strafbar."

Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. "Legen Sie mir Beweise auf den Tisch, dann reden wir weiter!"

"Ich denke, dass wollen Sie nicht wirklich", sagte ich.

Ich bluffte. Wir standen in Wahrheit mit ziemlich leeren Taschen da. Keinem Staatsanwalt an der gesamten Ostküste hätte ausgereicht, was das FBI und andere Polizeibehörden bislang über Pereira beweiskräftig belegen konnten.

Aber Pereira war ein Angsthase.

Und das bedeutete auch, dass man ihn ziemlich leicht einschüchtern konnte.

Er verengte die Augen, kratzte sich dann am Kinn. "Was wollen Sie?"

Unsere Taktik war aufgegangen.

"Kenthorpe war ein Strohmann der Müll-Mafia", sagte ich.

"Kenthorpe war alles mögliche, aber ich habe damit nichts zu tun."

"Wir nehmen an, dass Sie für die Brüder die Geldwäsche besorgen..."

"Bei mir ist alles sauber... und anhängen lasse ich mir nichts!"

"Dann halten Sie nicht länger für andere den Kopf hin, Pereira", warf Milo ein. "Packen Sie aus!"

"Was soll das denn heißen?", fauchte er.

Milo lehnte sich zurück. "Kenthorpe war ein Wasserträger, Sie sind vielleicht auch einer... Wir wollen an die Größen heran, die über Ihnen stehen, Pereira. Also arbeiten Sie mit uns zusammen..."

Ich ergänzte: "Ob ein Staatsanwalt bestimmte Vorhänge als Geldwäsche oder nur als Steuerhinterziehung wertet, kann durchaus eine Ermessensfrage sein."

Pereira lachte heiser. Sein Blick wanderte zwischen Milo und mir hin und her. "Sie bluffen doch nur."

"Gut, wenn Sie da so sicher sind, dann ignorieren Sie einfach alles, was wir soeben besprochen haben", meinte ich sarkastisch. "Allerdings möchte ich Ihnen nicht verschweigen, dass es da noch eine weitere Sache gibt, in die Sie hineingezogen werden könnten."

Mike Pereiras Lippen wurden schmal.

"So reden Sie schon!", presste er hervor.

"Sagt Ihnen der Name Robert F. Canderra etwas?"

"Nein."

"Er war mal Leibwächter bei Ihnen."

"Möglich. Meinen Sie, ich merke mir die Namen aller meiner Angestellten?"

"Wenn ich jemandem meine Sicherheit anvertraue, bleibt mir dessen Name schon im Gedächtnis!", erwiderte ich kühl.

Er verdrehte die Augen, wich dann meinem Blick aus.

"Canderra wurde unter bisher ungeklärten Umständen ermordet, nachdem er zuvor zuerst für Sie, dann für Kenthorpe als Leibwächter tätig war", erklärte Milo. "Und am Tatort wurde eine DNA-Spur gefunden, die mit genetischem Material übereinstimmt, das von einer gewissen Mona Jameson stammt. Unsere Kollegen trafen sie in Smith' Büro, kurz bevor es explodierte."

"Der Name Mona Jameson sagt mir nichts."

"Er muss ja nicht echt sein", gab ich zu bedenken und langte in die Innentasche meiner Lederjacke. Ich zog ein Fahndungsbild der Unbekannten hervor und reichte es ihm. Er sah es sich an.

"Noch nie gesehen", meinte er.

"Möglicherweise hat sie etwas mit der Explosion in Smith' Büro zu tun. Und nun raten Sie mal, in wessen Interesse es lag, dass dort fast alle Spuren getilgt worden sind..."

Er schluckte. "Sie sprechen von mir..."

"Genau."

"Aber Sie irren sich!"

"Ach wirklich?"

Er atmete tief durch, dann beugte er sich vor. "Ich bin bereit, Ihnen zu helfen", sagte er dann. "Zumindest in gewissen Grenzen. Aber ich will Garantien, und die kann mir ein kleiner G-man wohl kaum geben..."

Ich wechselte einen Blick mit Milo.

Wir hatten Mike Pereira III genau dort, wo wir ihn haben wollten.

image
image
image

15

image

Mona Jameson betrat das PANGAEA in einem beinahe hautengen Kleid. Vorne war es hoch geschlossen, dafür ließ es fast den gesamten Rücken frei. Das hatte schon den Türsteher beinahe seine professionelle Coolness vergessen lassen.

Mona blickte sich um, ließ den Blick über die tanzenden Gestalten im zuckenden Laserlicht schweifen.

Ihre Handtasche trug sie eng an den Körper gepresst. Durch den dünnen Stoff fühlte sie die Umrisse der Beretta, die sie dort verstaut hatte.

Aber da war noch etwas. Etwas, dass sich von außen fast wie mehrere Tafeln Schokolade anfühlte. Genug Plastiksprengstoff, um das PANGAEA in eine Explosionshölle verwandeln zu können.

Mike Pereira, auch deine Stunden sind gezählt!, ging es ihr durch den Kopf. Ihre zierlichen Hände krampften sich zu Fäusten zusammen. Die Knöchel traten weiß hervor. Das zuckende Laserlicht löste etwas in ihr aus. Erinnerung an andere zuckende Lichter. Flammen.

Sie werden dich verschlingen, Mike Pereira!, durchfuhr es sie. Dich und all die anderen...

Sie mischte sich unter die Tanzenden, durchquerte schließlich den ganzen Raum und erreichte die Bar. Hamilton hatte ihr sehr detaillierte Unterlagen und Pläne überlassen.

Und Mona hatte diese Unterlagen genauestens studiert. Jede Kleinigkeit hatte sie sich eingeprägt.

Ist es nicht beinahe so, als wärst du schon oft hier gewesen?, ging es ihr durch den Kopf.

Ein zynisches Lächeln umspielte ihre Lippen.

An der Bar bestellte sie sich einen Drink. Etwas Alkoholfreies. Sie musste einen klaren Kopf behalten. Mona beobachtete die Seitenausgänge, über die man in Nebenräume und Separees gelangen konnte. Security Guards waren dort postiert, erkennbar an den Headsets, mit denen sie untereinander Verbindung hielten. Pereira war ein ängstlicher Mann. Aber all seine Vorsicht würde ihm nichts nützen...

Ich habe deinen Tod beschlossen, Mike Pereira!, dachte Mona. Dass dabei zwangsläufig auch völlig Unbeteiligte zu Schaden kamen, war ihr gleichgültig. Sie führte ihr Glas zum Mund, nippte dran.

"Miss Rita Jones?", drang plötzlich die Stimme des Barmixers in ihr Bewusstsein.

Mona drehte sich herum.

"Ja, bitte?"

Rita Jones - das war der Deckname, den sie mit Hamilton ausgemacht hatte.

Der Barmixer gab ihr einen drahtlosen Telefonhörer.

"Ein Anruf für Sie!"

"Danke."

Sie nahm den Hörer ans Ohr. Eine sehr tiefe Stimme meldete sich. "Pereira ist im Augenblick im PANGAEA. Raum C3. Sie finden ihn auf dem Plan. Das aktuelle Losungswort für die Leibwächter ist FLIEGENDER FISCH."

Es machte klick. Die Verbindung war unterbrochen. Ein zufriedenes Lächeln umspielte Monas Lippen.

Hamilton muss Vertrauensleute in Pereiras engster Umgebung haben!, überlegte Mona. Anders war es nicht zu erklären, dass er offenbar selbst an geheimste Informationen herankam. Und das bei einem Mann, dessen Vorsicht beinahe schon paranoide Züge aufwies.

Mona ließ das halbvolle Glas einfach stehen.

Sie wusste genau, wohin sie wollte. Den Plan sah sie detailgetreu vor ihrem inneren Auge. Schon früher hatte andere sie um ihr nahezu fotografisches Gedächtnis beneidet.

Mona ging zu einem der Seitenausgänge.

Der Security-Gorilla ließ sie passieren. Vermutlich dachte er, dass sie zu den WCs wollte.

Aber je näher sie Mike Pereira III kommen würde, desto eher bestand die Möglichkeit, dass man sie nur mit dem Losungswort weitgehen ließ. Pereira war ein Schürzenjäger.

Das war allgemein bekannt. Es gab immer eine Reihe von Girls in seinem Schlepptau. Mona setzte darauf, dass man sie für eine der aktuellen Favoritinnen halten würde.

Die junge Frau ging einen langen Korridor entlang.

Dann hörte sie Schritte.

Wie erstarrt blieb sie stehen, öffnete den Reißverschluss ihrer Handtasche ein Stück. Ihre Finger legten sich um den kalten Griff der Beretta.

image
image
image

16

image

Die Tür sprang auf. Zwei Männer in dunklen Anzügen traten ein. Sie hatten sich Sturmhauben über die Köpfe gezogen, die fast das gesamte Gesicht bedeckten. Lediglich die Augenpartie blieb frei Der Größere der beiden hob die Automatik mit Schalldämpfer, die er im Beidhandanschlug trug. Einer von Mike Pereiras Leibwächtern griff unter die Jacke, um die Waffe hervorzuziehen. Es blieb bei der Bewegung. Ein Geräusch, nicht lauter als ein Niesen, ertönte. Der Bodyguard wurde am Kopf getroffen und durch die Wucht des Schusses gegen den Schanktisch geschleudert. Er rutschte leblos zu Boden.

Im selben Moment riss auch der zweite Eindringling eine Schalldämpferwaffe hervor.

Er richtete die Pistole auf Pereira.

Dieser warf sich zu Boden.

Der erste Schuss ging dicht über Pereira hinweg, der zweite schlug durch das Holz des Tisches und traf Pereira mitten im Oberkörper. Er stöhnte kurz, sackte dann ächzend in sich zusammen.

Milo und ich rissen unsere SIGS hervor, warfen uns dabei zur Seite. Schüsse zischten dicht an uns vorbei. Ich erwischte einen der Kerle am Bein. Er schrie auf. Die beiden feuerten in unsere Richtung und stürzten hinaus auf den Korridor. Ich schnellte hoch, stand auf.

Sekundenbruchteile später erreichte ich die Tür, die hinaus auf den Flur führte.

Ein Geschosshagel sorgte dafür, dass ich keinen Fuß hinaus setzen konnte. Eine Maschinenpistole ratterte los, was bedeutete, dass sich auf dem Korridor noch mindestens ein weiterer Komplize befunden hatte.

Die MPi-Salve zerfetzte den Türrahmen. Ich duckte mich zur Seite, presste mich mit dem Rücken gegen die Wand, die SIG in der Faust.

"Jesse, was ist da los bei euch?", meldete sich in diesem Moment Leslie Morell über meinen Ohrhörer. Am Hemdkragen befand sich das dazugehörige Mikro. "Attentat auf Mr Pereira!", sagte ich. "Zwei bewaffnete Täter, ausgerüstet mit Automatik-Waffen, maskiert mit Sturmhauben."

"Wir riegeln die Eingänge ab", versprach Leslie. "Jeder, der rauskommt, wird kontrolliert."

"Okay."

"Was ist mit Pereira?"

Ich warf einen Blick zu Milo, der sich über den wie ein Embryo gekrümmten Pereira beugte. "Er lebt..." Die Kugeln hatten das edle Jackett und das Hemd zerfetzt. Darunter kam grauer Stoff zum Vorschein. Kevlar.

"Alles Okay", stöhnte Pereira.

Pereira würde ein paar üble Prellungen durch die Einschüsse im Oberkörper davontragen. Schließlich beruhten kugelsichere Westen auf dem Prinzip, dass die Energie des Projektilaufpralls sich nicht mehr auf einen winzigen Punkt von wenigen Millimetern konzentrierte, sondern auf eine größere Fläche verteilt wurde und die Kugel dadurch die Durchschlagskraft verlor. Aber ein aus nächster Nähe abgefeuerter Schuss von großem Kaliber konnte trotzdem noch so schlimm wie ein heftiger Fausthieb oder Fußtritt wirken.

"Ich bringe ihn in Sicherheit", sagte Milo.

"Meine Leute...", ächzte Mike Pereira III.

"Auf die würde ich mich nicht mehr verlassen!", versetzte Milo.

Ich trat inzwischen auf den Flur hinaus. Der Geschosshagel war verebbt. Auf dem Boden verstreut lagen zwei eigenartig verrenkte männliche Leichen. Pereiras Leute, die dort Wache gehalten hatten. Auf der Stirn hatten sie jeweils eine rote, punktförmige Wunde, aus der Blut sickerte. Das Killerkommando hatte sie mit den Schalldämpferwaffen lautlos außer Gefecht gesetzt.

Ich rannte bis zur nächsten Biegung des Korridors. Auf dem Boden gab es eine Blutspur. Sie musste von dem Killer stammen, dessen Bein ich getroffen hatte. Ich lief weiter, folgte der Spur.

Ich erreichte die Aufzüge.

Den Leuchtanzeigen nach waren einige der Kabinen auf dem Weg nach oben, andere waren in entgegensetzter Richtung unterwegs.

Wenn ich mich nicht schnell entschied, hatte ich keine Chance, den Kerlen auch nur annähernd auf den Fersen zu bleiben.

Ich sprach in das Mikro am Hemdkragen.

"Leslie, ist in der letzten Viertelstunde ein Helikopter auf dem Dach des Gebäudes gelandet?"

"Ja. Warte mal..."

"Was ist los?"

Auf dem Helikopter-Deck oben auf dem Dach befand sich keiner unserer Leute. Das wäre zu riskant gewesen. Aber Kollegen von uns beobachteten aus einem benachbarten Gebäude alles, was sich dort oben tat. Ursprünglich war es uns dabei natürlich in erster Linie darum gegangen, sicher sein zu können, dass Pereira sich wirklich im PANGAEA aufhielt.

Leslie meldete sich wieder.

"Die Kollegen haben dort in der letzten Viertelstunde eine Landung registriert. Und derselbe Heli bereitet sich anscheinend gerade wieder auf einen Start vor..."

"Wie viele Personen sind ausgestiegen?"

"Drei."

"Das waren die Killer!", sagte ich. "Vermutlich wird der Heli gerade für die Flucht startklar gemacht! Am besten du fordert unseren eigenen Heli zur Verfolgung an, falls ich nicht schnell genug bin..."

Ich nahm eine Aufzugskabine, ließ mich von ihr ganz nach oben tragen.

"Jesse, das können nur Pereiras eigene Leute gewesen sein!", widersprach mir Leslie Morell. "Jemand anders könnte dort niemals landen! Angeblich ändert der Kerl täglich seine Sicherheitscodes, so paranoid ist der!"

"Vielleicht gibt es ja einen Maulwurf in Pereiras Mannschaft, der das Leben seines Bosses an die Konkurrenz verkauft hat", vermutete ich.

Ich hoffte, auf das richtige Pferd gesetzt zu haben.

Die Killer hatten einen Vorsprung.

Aber sie hatten auch einen Verletzten bei sich, was sie mit Sicherheit aufhalten würde. Das Dach des PANGAEA war ziemlich groß und der Mann, dem ich einen Beinschuss verpasst hatte, war auf keinen Fall zu einem Sprint in der Lage.

Ich überprüfte meine SIG.

Der Fahrstuhl endete in einem kleinen, quaderförmigen Pavillon, der auf das flache Hochhausdach aufgesetzt worden war. Ich stürzte aus dem Lift, riss die SIG empor und wirbelte herum. Durch große Fenster hatte man einen guten Überblick über den Helikopter-Landeplatz. Insgesamt drei Maschinen befanden sich darauf. Eine mit laufenden Rotoren.

Die beiden Posten, die hier normalerweise wohl Dienst taten, lagen erschossen am Boden. Sie waren noch nicht einmal dazu gekommen, ihre Waffen zu ziehen.

Ich trat ins Freie.

Drei Männer strebten auf den warmlaufenden Heli zu.

Sie hatten den Verletzten in die Mitte genommen, schleiften ihn mehr oder minder mit sich.

Ich ging in die Hocke, legte die SIG an.

"Stehen bleiben! FBI!"

Die beiden ließen den Verletzten los. Dieser sackte stöhnend zu Boden. Einer der Killer riss seine MPi herum, eine zierliche Uzi. Er feuerte sofort, deckte mich mit einem wahren Geschosshagel ein, während der dritte Mann zu einem Spurt ansetzte. Ich warf mich zu Boden, feuerte zurück.

Der MPi-Schütze ballerte mehr oder minder wahllos in meine Richtung. Die Scheiben des Pavillions zersprangen. Rechts und links von mir schrammten die Projektile in den Beton, rissen Kratzspuren und kleine Löcher hinein.

Rückwärts bewegte auch er sich in Richtung des Helikopters, den sein Komplize beinahe erreicht hatte.

Der Verletzte blieb zurück, schrie auf.

Der MPi-Schütze wandte kurz den Lauf seiner Waffe in Richtung des Verletzten, dessen Körper daraufhin wie unter einem elektrischen Stromschlag zuckte. Sie wollten ihn nicht zurücklassen und dabei riskieren, dass er eventuell aussagte.

Wut ergriff mich.

Der erste Killer hatte den Heli erreicht, stieg ein.

Der MPi-Schütze hatte sein Magazin verschossen, rannte jetzt ebenfalls auf den Heli zu. Ich rappelte mich auf, setzte all meine Kraft in einen Spurt, feuerte dabei einen Warnschuss in Richtung des Flüchtenden. Aber das beeindruckte den Kerl nicht. Sein Lauf verlangsamte sich etwas. Er versuchte, ein neues Magazin aus der Jackentasche herauszufingern, um es in die Uzi hineinzustecken.

Wenn er das schaffte, war ich geliefert.

Die Distanz zwischen uns verringerte sich.

Wenn es ihm jetzt gelang eine MPi-Salve abzufeuern, konnte er mich kaum verfehlen.

"Waffe weg!", rief ich.

Er schob das Magazin in die MPi hinein, wirbelte herum, stolperte dabei vorwärts und ließ mir keine Wahl.

Bevor er seine Salve abfeuern konnte, ging ich in die Hocke, feuerte einen gezielten Schuss ab.

Ich traf ihn an der Schulter, das riss ihn zurück.

Die MPi-Salve ging in den New Yorker Sternenhimmel hinein.

Sekundenbruchteile später erfasste ein weiterer Ruck den Körper dieses Mannes.

Diesmal in entgegengesetzter Richtung.

Ein zweiter Schuss hatte ihn erfasst, diesmal am Kopf. Und tödlich. Aber nicht ich hatte diese Kugel abgefeuert, zu der es kein Schussgeräusch gegeben hatte. Sie war von hinten gekommen.

Aus dem Heli.

Der Komplize hatte seine Schalldämpferwaffe abgefeuert.

Jetzt richtete er sie auf mich.

Wir feuerten annähend im selben Moment...

image
image
image

17

image

"Wo wollen Sie mich hinbringen?", fragte Mike Pereira III, dessen Gesicht aschfahl wirkte.

Milo hob die Augenbrauen. "In Sicherheit."

"Und wer sagt mir, dass ich Ihnen trauen kann?"

"Mein Dienstausweis."

"Bis jetzt hatte ich keinen Anlass, Leuten mit diesem Ausweis zu vertrauen..."

"Das Schlimmste, was ich mit Ihnen tun könnte, wäre Sie vor Gericht zu bringen", sagte Milo. "Aber Ihre eigenen Leute haben Ihr Leben doch an Ihre Feinde verkauft."

"Das sagen Sie doch nur, um mich weichzukochen!"

"Kein günstiger Moment, um darüber lange nachzudenken. Kommen Sie jetzt!"

Milo fasste Pereira am Arm.

"Bin ich verhaftet? Sie werden Schwierigkeiten haben, so eine Handlungsweise zu rechtfertigen!"

"Das Risiko gehe ich notfalls ein, wenn ich Ihr Leben dadurch retten kann."

"Oh, Special Agent Samariter - oder wie sehe ich das?"

"Wir wollen Ihre Hintermänner. Wir wollen wissen, warum ein Mann Namens Robert F. Canderra, der nacheinander für Sie und Allan Kenthorpe als Leibwächter tätig war, sterben musste.

Und wir wollen die Leute, die hinter einer Liechtensteiner Briefkastenfirma stecken. Sie sind doch nur ein kleiner Fisch..."

"Wie gesagt, ich will Garantien!"

"Ihre eigenen Leute können Ihnen jedenfalls gar nichts mehr garantieren. Wenn Sie keine Kevlar-Weste trügen, wären Sie jetzt tot. Trotz des ganzen Security-Tamtams, das Sie hier veranstalten."

Er überlegte einen Moment. Sein Gesicht war noch immer schmerzverzerrt. Milo hoffte, dass er die richtigen Schlüsse zog.

"Ich will zu meinem Helikopter."

Milo hatte über seinen Knopf im Ohr den Funkverkehr dieses FBI-Einsatzes mitbekommen und wusste daher etwas mehr als sein Gegenüber. "Die Killer sind höchstwahrscheinlich zum Helikopter-Deck unterwegs, um von dort zu fliehen. Man hält Sie wahrscheinlich für tot. Das sollten Sie ausnutzen."

Mike Pereira III atmete tief durch.

"Was schlagen Sie vor, G-man?"

"In Ihre Discothek! Die vielen Menschen sind ein Schutz für Sie, jedenfalls kurzzeitig."

"Und dann?"

"Hinaus. Dort warten unsere Leute mit einem Wagen."

"Habe ich eine andere Wahl?"

"Wohl kaum, Mr Pereira."

"Dann verlieren wir besser keine Zeit."

Zwei breitschultrige Bodyguards kamen im Laufschritt den Korridor entlang.

Die automatischen Pistolen trugen sie bereits im Anschlag.

Als sie Milo und Pereira bemerkten, blieben sie stehen. Sie musterten die beiden.

"Alles in Ordnung, Mr Pereira?", fragte einer der beiden.

Pereira nickte. "Alles in Ordnung", murmelte er.

Die Blicke der Security Guards waren vor allem auf Milo gerichtet.

"Das ist Mr Tucker. Er ist okay", erklärte Mike Pereira.

"Folgen Sie mir und begleiten Sie mich."

"Was ist passiert?", erkundigte sich Kleinere der beiden, ein drahtiger Mann mit blauschwarzen Haaren.

"Keine Zeit für Erklärungen!", schnitt Milo ihm das Wort ab. "Auf jeden Fall hat jemand versucht, Mr Pereira umzubringen..."

"Verdammt", entfuhr es dem Größeren, dessen blondes Haar so kurz geschnitten war, dass es aussah wie von der Sommerhitze verbrannter englischer Rasen.

"Gehen Sie voraus!", meinte Milo.

Die beiden Bodyguards zuckten die Achseln, senkten dann ihre Waffen.

image
image
image

18

image

Mona Jameson hielt den Atem an. Sie hielt sich im Vorraum der Ladies-WCs verborgen. Mit einer Schuhspitze sorgte sie dafür, dass die Tür einen Spalt offen blieb, so dass Mona beobachten konnte, was im Korridor vor sich ging.

Die Schritte näherten sich.

Sie sah vier Männer.

Und einer davon war niemand anderes als Mike Pereira III.

Irgendetwas Unvorhergesehenes musste geschehen sein, das war Mona inzwischen klar. Sie war ziemlich hektisch wirkenden Security Guards begegnet. Offenbar hatten die sie für einen harmlosen Gast gehalten. Aus den Gesprächsfetzen, die Mona aufgeschnappt hatte, schloss die junge Frau, dass irgendwo in diesem Gebäude geschossen worden war.

Aus welchem Grund auch immer.

Manchmal musste man seine Pläne eben ändern, dachte sie.

Aber was immer auch geschah, sie würde ihr Ziel nicht aufgeben, Mike Pereira umzubringen.

Sie holte die Beretta mit aufgeschraubtem Schalldämpfer aus ihrer Handtasche. Sie war eine gute Schützin. Die Distanz zwischen ihr und Mike Pereira betrug keine fünf Meter.

Einen Augenblick lang überlegte sie, ihn jetzt einfach zu erschießen.

Hättest du je geglaubt, ihm so nahe kommen zu können?, überlegte sie. Wenn er sich umdreht, könntest du die Farbe seiner Augen erkennen...

Mona hob den Lauf der Waffe.

Sie zögerte.

In jeder Sekunde vergrößerte sich die Distanz zwischen ihr und ihrem Opfer um etwas mehr als einen Meter.

Mit den drei Mann in seiner Begleitung konnte sie fertigwerden. Das traute sie sich zu.

Aber hatte Mike Pereira einen derart leichten Tod verdient? Eigentlich hatte sie vorgehabt, eine Sprengladung so zu platzieren, dass bei der Zündung für Mike Pereira keine Fluchtmöglichkeit blieb.

Aber dazu war es ja nicht gekommen.

In der eigentlichen Discothek hatte sie einige Sprengladungen unauffällig an strategisch wichtigen Stellen deponiert. Das sollte aber nur ihrer eigenen Flucht dienen.

Die Detonation konnte sie per Fernzünder auslösen.

Die Panik war vorprogrammiert und beabsichtigt. Niemand würde sie in dem entstehenden Chaos fassen können.

Eine Kugel ist viel zu schade für Pereira, dachte Mona.

Aber bevor er davonkam, ohne zu bezahlen, zog sie es vor, ihn doch schnell und schmerzlos zur Strecke zu bringen. Vor ihrem innerem Auge loderten wieder die Flammen auf. Aber diesmal war es ein anderes Feuer, als jenes, das sie sonst in ihren Albträumen zu verfolgen pflegte. Diesmal züngelten die Flammen nicht an schwarzgerußten Hauswänden empor, die dann eine nach der anderen einzustürzen begannen. Diesmal gab es keine Schreie.

Nur ein bis zur Unkenntlichkeit verkohltes Gesicht.

Und der Geruch von verbranntem Menschenfleisch.

Du sollst bezahlen, Pereira!, durchzuckte es sie. Sie legte an. Der Finger spannte sich um den Stecher.

Genau zwischen die Schulterblätter würde sie treffen.

Der erste Schuss für Pereira.

Die nächsten drei für seine Begleiter...

Wie beim Combat-Training auf dem Schießstand.

Ein zynisches Lächeln umspielte ihre Lippen.

Vielleicht gelang es ihr ja, den Trefferrekord zu brechen, den sie während ihrer Zeit bei der Army einmal aufgestellt hatte...

Ein Geräusch ließ sie herumfahren. Hochhackige Schuhe klapperten über die Fliesen des WC-Traktes. Eine junge Frau mit rotbraunem Haar und einem Kleid, das kaum die Oberschenkel bedeckte, stand mit offenem Mund da. Sie war wie erstarrt.

"Was..."

Weiter kam sie nicht.

Ein Schuss aus Monas Schalldämpfer-Waffe traf sie im Oberkörper. Ein zweiter erwischte sie am Kopf.

Tut mir leid, dachte sie. Du warst einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort.

Sie blickte wieder durch den Türspalt. Von Pereira und seinen drei Begleitern war nichts mehr zu sehen.

Mona trat hinaus, verbarg die Waffe wieder in ihrer Handtasche. Dort befand sich auch der Sender, mit dem sie die Sprengladungen aktivieren konnte.

image
image
image

19

image

Der maskierte Killer im Helikopter feuerte. Ich sah das Mündungsfeuer wie eine rote Zunge aus dem Schalldämpfer herauslecken.

Beinahe gleichzeitig drückte ich meine SIG ab.

Der Motor des Helikopters wurde lauter. Ein Ruck ging durch das Gefährt. Er hob ein Stück vom Boden ab. Der Schuss meines Gegners pfiff dicht über mich hinweg. Meine eigene Kugel schlug ein Loch in die Frontscheibe und fuhr dann in einen der hinteren Sitze hinein. Ich spurtete los, erreichte den Helikopter gerade in dem Moment, in dem der Mann am Steuerknüppel das Gefährt hochsteigen lassen wollte.

Die Schiebetür des Helis, durch die der Kerl mit der Schalldämpfer-Waffe eingestiegen war, stand noch immer offen.

Der Maskierte hatte bislang einfach keine Gelegenheit gehabt, sie zu schließen.

Ich erwischte einen Griff, schwang mich daran hoch.

Der Rotoren-Wind zerrte an mir.

Mit den Füßen stand ich auf den Landekufen, während der Helikopter hochstieg. Mein Gewicht ließ ihn dabei etwas zur Seite kippen. Ein Ruck, der den Maskierten mit der Schalldämpferwaffe dazu veranlasste, sich wie panisch festzukrallen. Den Sicherheitsgurt hatte er noch nicht anlegen können.

Ich richtete die SIG auf den Kopf des Maskierten.

Währenddessen schwebte der Heli mit deutlicher Schlagseite über die Häuserschluchten von Alphabet City, streifte in einem Bogen die Lower East Side, bevor wir uns dann über dem East River befanden.

"Die Waffe weg!", zischte ich. "Hinten zu den Rücksitzen!"

Die Waffe war ein wichtiges Beweisstück. Ich wollte auf keinen Fall, dass sie im East River landete.

Der Maskierte zögerte.

Der Helikopter-Pilot machte ein unschlüssiges Gesicht.

Er hatte die Hände am Steuerknüppel und angesichts des Gewichts, das dem Heli auf den Kufen stand, konnte er sie dort auch nicht wegnehmen. Es sei denn, er traute sich die Fähigkeiten eines Kunstfliegers zu.

Der Maskierte gehorchte, ließ die Waffe mit einer Rückwärtsbewegung nach hinten fliegen. Sie kam weich auf einem der Sitze auf.

"Zurückfliegen!", befahl ich dem Piloten.

"Mach schon!", zischte der Maskierte.

Der Pilot gehorchte. Er ließ den Helikopter in einem Bogen zurück zum PANGAEA fliegen.

Die Maschine senkte sich auf das Gebäudedach nieder.

Noch fünf Meter.

Zwei Meter.

Der Maskierte wechselte mit dem Heli-Piloten einen Blick.

In der nächsten Sekunde riss der Pilot den Steuerknüppel zur Seite. Ein Ruck ging durch das Gefährt. Gleichzeitig traf mich ein Tritt des Maskierten. Wie ein Hammer sauste mir seine Stiefelspitze in den Solar Plexus.

Ich verlor den Halt, fiel hinab.

Meine Linke griff nach irgendetwas.

Ich bekam das Hosenbein des Maskierten zu fassen und zog ihn mit mir.

Hart kamen wir auf dem Boden auf. Ich hielt trotz allem die Waffe fest. Benommen riss ich die SIG empor, aber der Heli war längst wieder fast ein Dutzend Meter emporgestiegen.

Der Maskierte stöhnte, hielt sich die Schulter. Vielleicht war etwas gebrochen.

"FBI! Sie Sind verhaftet", brachte ich keuchend heraus, während der Helikopter davonzog. "Deinen Komplizen bekommen wir auch noch!", versprach ich dem Maskierten. Ich versuchte, mich so wenig wie möglich zu bewegen. Jeder Knochen tat mir weh, vor allem Rücken und Schultern. Meinem Gegner ging es aber nicht besser. "Und jetzt die Maske runter!", zischte ich.

image
image
image

20

image

Milo hielt sich dicht bei Mike Pereira III. Im PANGAEA herrschte jetzt Hochbetrieb. Ausgelassene Tänzer bewegten sich zum stampfenden Rhythmus der Musik.

"Ist der Wagen bereit?", fragte Milo über das Mikro an seinem Hemdkragen.

"Steht vor der Tür", meldete Leslie Morell über den Ohrhörer.

Milo hielt auch die beiden Bodyguards im Auge. Er traute ihnen nicht so recht.

Die SIG steckte locker in seinem Holster.

Plötzlich ging ein Ruck durch Mike Pereiras Körper.

Der Kopf kippte nach vorn. Auf dem Hinterkopf bildete sich eine rote Stelle, die rasch größer wurde. Einen Augenaufschlag später entstand eine ähnliche Wunde etwas weiter unten, im Genick.

Milo riss die SIG heraus.

Auch einer der Leibwächter hatte etwas bemerkt und griff zur Waffe. Pereira fiel nach vorn. Er kam mit einem dumpfen Laut auf dem Boden auf, einem Laut, den man für einen Schlag der Bassdrum halten konnte. Einige Gäste wichen zurück, guckten befremdet auf den am Boden Liegenden. Blut sickerte auf den Boden.

Milo wirbelte mit gezogener Waffe herum. Ein Raunen entstand unter den Gästen. Mit der freien Hand riss Milo seinen FBI-Ausweis heraus, um nicht für einen Amokschützen gehalten zu werden.

Für den Bruchteil eines Augenblicks sah er die Killerin.

Die Beretta mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer in der rechten Hand, der Blick mit einem zufriedenen Lächeln auf den leblos am Boden liegenden Mike Pereira III gerichtet.

Das Gesicht kam Milo bekannt vor.

Die dunklen Haare...

Sie passten nicht dazu.

Er hatte keine Zeit darüber nachzudenken. "Stehen bleiben, FBI!", rief er. Seine Stimme ging im Dröhnen der Musik unter.

Die Mörderin rannte davon, drängte sich durch die Gäste des PANGAEA. Milo hetzte hinterher.

Über das Mikro am Hemdkragen gab er eine kurze Beschreibung der Täterin.

Mit ihrem rückenfreien Kleid war sie auf jeden Fall eine auffallende Erscheinung.

Die Musik dröhnte immer noch in ohrenbetäubender Lautstärke durch den Raum. Milo versuchte verzweifelt, der Killerin auf den Fersen zu bleiben. Die SIG in seiner Faust blieb dabei eine leere Drohung. Die schöne Unbekannte, hinter der er her war, wusste ganz genau, dass er die Waffe in dem Gedränge nicht benutzen konnte.

Die Distanz vergrößerte sich.

Dann ertönte ein lauter Knall. Auf der anderen Seite des Raums explodierte etwas. Flammen schlugen hoch empor. Eine Hitzewelle durchflutete das PANGAEA. Möbelstücke wurden bis hinauf zur Decke geschleudert. Schreie gelten.

In rascher Folge gab es weitere Detonationen.

Menschen wurden Puppen gleich emporgewirbelt.

Panik breitete sich aus.

Die Musik verstummte.

image
image
image

21

image

Die Sirenen von Polizei und Feuerwehr schrillten. Es dauerte nicht lange und die Avenue A war erfüllt von den Blinklichtern der Einsatzwagen von NYPD, FBI und dem Emergency Service.

Von den Detonationen, die sich im Erdgeschoss ereignet hatten, hatte ich über Funk gehört.

Währenddessen nahm der Kerl, den ich aus dem Helikopter gezerrt hatte, seine Maske ab.

Ein bärtiges Gesicht kam darunter zum Vorschein. Der Mann war dunkelhaarig, etwa dreißig Jahre alt und sein Arm war aller Wahrscheinlichkeit nach gebrochen. Jedenfalls hatte er höllische Schmerzen. Auf die Handschellen verzichtete ich daher.

"Dafür wirst du bezahlen, G-man", knirschte mich der Kerl an.

"Das Spiel ist aus", erwiderte ich kühl. "Sie haben das Recht zu schweigen. Sollten Sie auf dieses Recht verzichten, so kann alles, was Sie von nun an sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden..."

"Bastard!"

Ich trat etwas näher an ihn heran. "Wer hat dich geschickt, um Mike Pereira zu töten?", erkundigte ich mich.

Der Kerl lachte heiser auf.

"Glaubst du wirklich, dass ich dazu auch nur einen Ton sage, G-man?"

"Du glaubst, dass dich deine Auftraggeber bei nächster Gelegenheit umlegen", stellte ich fest.

"Kein Staatsanwalt - und schon gar kein einfacher G-man kann mir irgendetwas versprechen, was mich davor schützen könnte", erwiderte er.

Vielleicht hatte er recht.

Er hoffte, dass seine Bosse eisernes Schweigen honorierten.

Ein Helikopter näherte sich.

Über Funk meldete sich der Pilot bei mir, Agent John F. Harper.

"Alles klar, Jesse?"

"Ein Gefangener. Er braucht ziemlich dringend ärztliche Betreuung."

"Kein Problem."

"Was ist mit dem flüchtigen Helikopter?"

"Die Kollegen der State Police sind dran, Jesse. Außerdem ist die Coast Guard alarmiert. Der dürfte nicht weit kommen..."

"Freut mich zu hören, John!"

"Ich komme jetzt runter."

Der Helikopter landete auf einem der markierten Landeplätze. Ich führte den Bärtigen ab und stieg mit ihm in das Gefährt ein. Wenig später schwebten wir über das nächtliche New York. Direkt unter uns das Chaos in der Avenue A.

"Da unten muss die Hölle los sein!", meinte Agent John F. Harper. "Ich habe ein wenig den Funkverkehr verfolgt. Mehrere Explosionen, eine Massenpanik unter den Gästen... Es gibt zahlreiche Verletzte, vielleicht auch Tote..."

Über Funk nahm ich Kontakt zu Milo auf. Er war inzwischen im Freien. Die Welle der in Panik geratenen Gäste des PANGAEA hatte auch ihn hinausgespült. In knappen Worten fasste er mir zusammen, was geschehen war.

Unter anderem erzählte er mir von Mike Pereiras Tod.

Ein schwerer Schlag für uns.

Schließlich hatten wir ihn beinahe so weit gehabt, dass er mit uns zusammengearbeitet hätte. Jedenfalls war das Gespräch mit ihm recht vielversprechend verlaufen.

Milo berichtete mir auch von der Frau mit dem rückenfreien Kleid, die Pereira auf dem Gewissen hatte.

"Wer glaubst du, war die Lady?", fragte ich. "Könnte das diese Mona Jameson sein, die Clive und Orry in Queens begegnete?"

"Die Haarfarbe stimmt nicht. Aber die lässt sich ja leicht ändern..." Er machte eine Pause, dann fuhr er fort: "Es wäre möglich, Jesse. Ich werde mir das Bildmaterial, das wir von ihr haben, nochmal genau ansehen..."

Das Videomaterial der Überwachungsanlage von 1432 Walters Road war selbst in der Vergrößerung nicht sonderlich deutlich gewesen. aber die Parallelen lagen einfach auf der Hand.

Überall, wo diese Lady auftauchte, flog etwas in die Luft.

"Wir sollten uns dringend um weibliche Sprengstoffspezialisten kümmern", meinte ich. "Davon kann es ja nicht so sehr viele geben..."

"Wir leben im Zeitalter der Emanzipation, Jesse!"

"Trotzdem. Die Kollegen vom Innendienst sollen den Computer mal entsprechend füttern..."

image
image
image

22

image

Der Mann, den ich festgenommen hatte, trug keine Papiere bei sich. Er weigerte sich auch, Angaben zu seiner Person zu machen, aber ich war überzeugt davon, dass ein Abgleich seines Bildes mit unseren Dateien ein Ergebnis bringen würde.

Er war schließlich an einem äußerst riskanten Killerkommando beteiligt gewesen. Etwas, womit man normalerweise keine Anfänger beauftragte.

Der Verhaftete kam in Gewahrsam und wurde ärztlich behandelt. Ich ließ mich auch kurz durchchecken. Aber außer einigen Prellungen hatte ich nichts davongetragen.

Als Milo im FBI-Office an der Federal Plaza eintraf, war es schon weit nach Mitternacht.

"Der Brand war ziemlich verheerend", berichtete er. "Aber inzwischen hat die Feuerwehr alles unter Kontrolle. Es hätte noch dramatischer werden können. Die Detonationen erfolgten an strategisch sehr geeigneten Stellen, wenn man voraussetzt, dass ein möglichst großer Schaden angerichtet werden sollte."

"Diese Lady versteht ihr Handwerk", sagte ich.

"Wir wissen nicht sicher, ob sie auch für die Sprengladungen verantwortlich ist!"

"Aber es ist doch sehr wahrscheinlich."

"Da hast du natürlich recht."

"Ich habe mir gerade die Bilder von dieser Mona Jameson nochmal angesehen, Jesse."

"Und?"

"Sie war es. Ich bin mir sicher. Sie hat sich zwar sehr große Mühe gegeben, ihr Äußeres zu verändern, aber das Gesicht ist doch individuell..."

"Max checkt gerade alle weiblichen Sprengstoffspezialistinnen durch, über die wir Daten besitzen. Ich verstehe das nicht, sie muss doch schonmal in Erscheinung getreten sein."

Milo zuckte die Achseln.

Er führte einen Kaffeebecher zum Mund, verzog anschließend das Gesicht, als er einen Schluck genommen hatte.

"Was ist los, Milo?"

"Automatenbrühe - nicht Mandys Super-Kaffee."

Die Sekretärin unseres Chefs, die im ganzen Bundesgebäude an der Federal Plaza für ihren guten Kaffee berühmt war, hatte natürlich längst Feierabend.

"Die Frage ist, ob du das Zeug jetzt noch trinken solltest. Sonst liegst du auch noch die paar Stunden wach, die uns noch zum schlafen bleiben."

Milo hob die Augenbrauen. "Dabei spielt der Kaffee möglicherweise gar keine Rolle."

"Was meinst du damit?"

"Mir geht verschiedenes durch den Kopf."

"Zum Beispiel?"

"Ich habe das Gesicht dieser Frau gesehen. Sie ist das Risiko eingegangen, einen Menschen inmitten einer großen Menge zu erschießen..."

"Durch die Panik, die durch die Detonationen ausgelöst wurde, war es kein großes Risiko!"

"Wirklich? Beispielsweise habe ich ihr Gesicht gesehen und kann sie identifizieren. Eine Massenpanik ist etwas, das man zwar relativ leicht auslösen, aber kaum kontrollieren kann. Es hätte ebenso gut sein können, dass sie mit einer Rauchvergiftung im Krankenhaus gelandet - und anschließend nach Riker's Island gebracht worden wäre!"

"Diese Mona Jameson setzt anscheinend alles auf eine Karte..."

"Ich frage mich, wo ihr Motiv liegt, Jesse."

"Eine professionelle Killerin?"

"Nein. Ich habe ihre Augen gesehen..."

"Nun mach mal halblang!"

"Das Gesicht war voller Hass, Jesse!" Milo zuckte die Schultern. "Ich kann dir nur meinen Eindruck wiedergeben, mehr nicht."

Ich nickte.

"Du meinst, sie hat unabhängig von den drei Killern agiert, die per Helikopter eingeflogen sind."

"Oder es wollte jemand auf Nummer sicher gehen."

Ich erhob mich, unterdrückte ein Gähnen. Ein Blick auf die Uhr ließ mich erschaudern, wenn ich an den nächsten Morgen dachte. "Es gibt übrigens noch eine schlechte Nachricht, Milo."

"Und die wäre?"

"Billy Gerard ist im Gefängniskrankenhaus von Riker's Island ermordet worden..."

"Pereira, Gerard... jeder, von dem man eine Aussage erwarten könnte, stirbt", murmelte Milo.

Wir fuhren nach Hause. Bevor ich Milo an der bekannten Ecke absetzte, meinte ich noch: "Wenn du mich fragst, müssen wir noch mehr über den Fall Canderra wissen... Dieser Mord verbindet alle miteinander. Canderra war für Pereira und Kenthorpe Leibwächter..."

"...und Mona Jameson hinterließ dort ihre DNA."

"Du sagst es."

Milo lächelte dünn. "Aber heute werden wir da nichts mehr unternehmen."

image
image
image

23