Logo weiterlesen.de
Krimi Koffer - In die Falle gelockt und andere Krimis

Krimi Koffer - In die Falle gelockt und andere Krimis

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Krimi Koffer 9 Krimis: In die Falle gelockt und andere Krimis

Copyright

Alfred Bekker | DER KOPF-ABHACKER

Alfred Bekker | EIN PROFI GIBT NICHT AUF

Archibald Duggan und die bebende Erde

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

In die Falle gelockt ... | von Uwe Erichsen

Mordbefehl aus dem Knast

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

Stirb, McKee!

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

Bekker/-ky/Gerber – Ein Krimi-Trio

Copyright

Kubinke und der eiskalte Mord

Copyright

1

​2

3

​4

5

​6

7

8

9

10

11

​12

13

​14

​15

16

​17

NIESWAND KENNT TAG UND STUNDE

IM SCHATTEN DES INKA

Further Reading: 1166 Seiten Thriller Spannung: Neun Top Thriller für den Sommer

Also By Alfred Bekker

Also By A. F. Morland

Also By Horst Bosetzky

Also By Uwe Erichsen

Also By Ursula Gerber

About the Author

About the Publisher

image
image
image

Krimi Koffer 9 Krimis: In die Falle gelockt und andere Krimis

image

von Alfred Bekker, Uwe Erichsen & A. F. Morland & Horst Bosetzky alias „-ky“ & Ursula Gerber

––––––––

image

UMFANG: 1275 SEITEN

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

––––––––

image

ALFRED BEKKER: DER Kopf-Abhacker

Alfred Bekker: Ein Profi gibt nicht auf

Horst Bosetzky: Archibald Duggan und die bebende Bombe

Uwe Erichsen: In die Falle gelockt

A. F. Morland: Mordbefehl aus dem Knast

Alfred Bekker: Stirb, McKee!

Alfred Bekker: Kubinke und der eiskalte Mord

Horst Bosetzky alias „-ky“: Nieswand kennt Ort und Stunde

Ursula Gerber: Im Schatten des Inka

––––––––

image

ROBERTO TARDELLI, SEINES Zeichens Mafiajäger, möchte diesmal einen besonders dicken Fisch fangen. Doch natürlich legt ihm der Mob jede Menge Fallstricke und Hindernisse in den Weg. Selbst der Schachzug, als Undercover-Agent zu agieren, hilft Roberto bald nicht mehr weiter. In den Bergen, nahe einer geheimen Heroin-Fabrik, kommt es zum alles entscheidenden Showdown, zu einem Kampf auf Leben und Tod.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, Jack Raymond, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

image
image
image

Alfred Bekker

DER KOPF-ABHACKER

image

"Haben Sie schon gehört?" fragte mich Mrs. Cross, als sie an meinen Bankschalter trat. "Loretta ist verschwunden."

Ich schluckte, sah der alten Dame in die Augen und wurde rot. Eine alte Krankheit von mir. Ich kann nichts dagegen machen. "Welche Loretta?" fragte ich.

"Wir haben doch nur eine Loretta hier im Ort. Loretta Grayson."

"Oh."

"Sie sind eigentlich noch ein bißchen jung für Gedächtnisschwund!"

"Liegt wohl daran, daß ich schon viel mitgemacht habe."

Es war keine besonders intelligente Antwort, das gebe ich zu, aber mir fiel halt nichts besseres ein. Und außerdem konnte ich ihren unterschwellig tadelnden Tonfall nicht ausstehen. "Wie möchten Sie Ihre fünfzig? So wie immer?"

"Wie immer", nickte sie. Manchmal hatte ich das Gefühl, daß sie nur in die Bank kam, um mit jemandem zu reden.

Deswegen hob sie ihre Rente in Fünfzig-Dollar-Raten ab. Wenn man so darüber nachdachte, dann war es schon ziemlich traurig.

Sie fing wieder an, von Loretta zu reden, obwohl ich gehofft hatte, daß sie damit aufhören würde. Aber die Sache schien Mrs. Cross ziemlich zu beschäftigen.

Mich auch.

Und das war auch der Grund dafür, daß ich nicht darüber reden wollte. Aber Mrs. Cross kümmerte das nicht. Ihre Worte plätscherten wie ein Wasserfall.

"Was denken Sie darüber?" erkundigte sie sich.

"Ich weiß nicht."

"Man hört jetzt soviel von diesem Wahnsinnigen. Sie wissen schon..."

"Hm."

"Ich meine den, der seinen Opfern den Kopf abhackt..."

Die Sache hatte groß in der Zeitung gestanden. Fünf Leichen, alle geköpft. Die Köpfe hatte man nie gefunden.

Genau der richtige Stoff, um alten Frauen den Schlaf zu rauben und ihnen einen Grund zu geben, sich das Maul zu zerreißen.

Und was war mit jungen Frauen?

Ein anderes Thema.

Ihre faltige Haut wirkte irgendwie reptilienhaft. Die Gläser ihrer Brille waren nahezu flaschendick.

"Sie haben sie doch ganz gut gekannt, oder?" fragte sie.

Ich zuckte etwas zusammen. Mein Gott, ich stierte sie an wie ein Alien-Monster, das direkt von einer stockigen Leinwand heruntergestiegen war.

"Wen?" fragte ich und schluckte. Ich konnte ihren Blick durch die dicken Brillengläser nicht sehen. Nur die tiefen  Furche auf ihrer Stirn.

"Na, Loretta! Oh, Gott, jetzt rede ich schon in der Vergangenheit von ihr!"

Ich sagte: "Machen Sie sich keine Sorgen um Loretta."

"Meinen Sie?"

"Ganz bestimmt?"

"Ja. Ich habe sie heute morgen noch gesehen."

"Wirklich?"

"Hören Sie, ich habe noch zu tun."

"Ja, sicher..."

"Bis zum nächsten Mal, Mrs. Cross!"

Sie humpelte davon. Ich atmete tief durch. Und dabei registrierte ich, daß Mrs. Cross einen sehr kurzen Hals hatte. Ich weiß auch nicht, warum mir das in diesem Moment auffiel. Ja, ein sehr kurzer Hals war das

Ich war ziemlich müde, als ich nach Hause kam. Das Haus hatte ich geerbt. Für mich allein war es viel zu groß, aber streng genommen lebte ich auch gar nicht allein. Das Haus war immer voller Freunde.

Immer.

Ich atmete tief durch, als ich die abblätternde Fassade sah. Mein Gott, das Haus brauchte mal wieder einen Anstrich.

Vielleicht im nächsten Frühjahr.

Vielleicht...

Ich schloß die Tür auf.

"Hallo?" rief ich. Dann legte ich den Schalter um. Der Strom ging an. Das Licht auch.

"Loretta?" fragte ich. Sie hatte die Augen geschlossen. Sie sah so friedlich aus, wenn sie die Augen geschlossen hatte. Ich ging zum Tisch, wo ich meine Apparatur aufgebaut hatte und legte einen Hebel um.

Etwas surrte.

Und es stank ein bißchen verschmort.

Loretta machte die Augen auf.

"Schön, daß du wieder da bist."

"War anstrengend heute in der Bank."

"Hat dir Mister Bascomp wieder zugesetzt?"

"Dieser Mann ist die personifizierte Nervensäge!"

"Mach dir nichts draus, Billy."

"Tu ich nicht."

"Irgendwann liegt Mister Bascomp unter der Erde und du bist Direktor!"

Ich zuckte die Achseln und machte ein ziemlich skeptisches Gesicht.

"Der ist ziemlich zäh."

"Du doch auch, oder?"

"Naja, geht so!"

Dann zischte es und ich fluchte vor mich hin. Weißer Qualm stieg auf. In meiner Apparatur gab es einen Kurzen. Loretta schloß die Augen. Sie schloß die Augen, als würde sie sagen wollen: "Welcher erwachsene Mann verbringt seine Zeit schon damit, solche Apparaturen zu bauen?" Aber sie sagte es nicht. Und sie sagte auch nicht, daß ich mit dem Zeug auf dem Tisch vermutlich irgendwann mir selbst das Dach überm Kopf anzünden würde...

Sie sagte nichts.

War auch am besten so. Aber das war das Gute an ihr. Sie wußte einfach, wann sie den Mund halten mußte.

Von vielen kann man das nicht sagen.

Am nächsten Tag stand etwas von einer Leiche in der Zeitung.

Sie war ganz in der Nähe in einem Maisfeld gefunden worden.

Und sie hatte keinen Kopf.

Die ganze Gegend sprach darüber.

Auch Dorothy, die in Bewleys Cafe arbeitete, wo ich immer in der Mittagspause hinging. Da ich meine Pause erst machte, als die Mittagszeit schon längst vorbei war, hatte sie Zeit, sich zu mir zu setzen.

Wir waren die einzigen in dem Laden.

"Ich frage mich, was er mit den ganzen Köpfen macht", sagte sie.

"Wer?"

"Na, der Verrückte!"

"Woher weißt du, daß es ein Mann ist?"

Sie zuckte die Achseln. "Habe ich einfach so angenommen.

Übrigens habe ich gehört, daß die Tote Loretta Grayson sein soll."

"Ach, ja? Wie will man das sagen - ohne Kopf?"

"Ihre Sachen gehörten Loretta."

"Naja..."

"Furchtbar sowas."

"Schlimm."

"Willst du noch einen Kaffee, Billy?"

Ich hob die Schultern. "Sicher." Ich war etwas müde.

Ein bleiernes Gefühl hatte sich in mir breitgemacht. Es ging von meinem Kopf aus, begann irgendwo hinter der Stirn und es dauerte gar nicht lange, dann war es bis in die Zehenspitzen vorgedrungen.

"Ich würde dich gerne mal besuchen, Billy."

"Heute besser nicht."

"Wieso nicht?"

"Heute paßt es schlecht."

"Vielleicht komme ich einfach mal vorbei, ja?"

"Ich weiß nicht..."

Als ich wieder zu Hause war, wurde mir klar, daß ich Loretta nicht wieder hinkriegen würde. Ich experimentierte noch etwas mit den Drähten herum, die ich an ihrem Kopf angebracht hatte. Über feine elektrische Impulse ließen sich die Augenlider und der Mund öffnen und schließen. Sie wirkte dann so lebendig, auch wenn ihre Gesichtszüge manchmal etwas maskenhaft blieben. Ich vermied daher, sie grellem Licht auszusetzen. Man muß die Dinge nicht so genau sehen. Muß man wirklich nicht. Sie war da. Loretta. Einfach da. Eine Gefährtin. Sie konnte auch den Mund halten. Habe ich das schon erwähnt? Ich weiß nicht...

Traurigkeit erfaßte mich.

"Was ist los, Billy?"

"Ich weiß es nicht."

"Warum ist da immer dieser weiße Qualm?"

Ich schluckte. "Ich krieg' das schon hin, Loretta."

Eine Lüge.

Als der weiße Qualm erneut aufstieg, schaltete ich die Apparatur ab. Schade, dachte ich. Du wirst mir fehlen.

"Was?"

"Nichts."

Der bleiche, tote Mund verstummte.

Endgültig.

Ich ging zum Kühlschrank, fragte mich, was ich verkehrt gemacht hatte und nahm mir eine Dose Budweiser. Das Bier war warm. Scheiße. Ich hatte nicht daran gedacht, daß ich den Stecker herausgezogen hatte, um die Dose für meine Apparatur nutzen zu können. Ich schlürfte die warme Brühe, machte den Fernseher an, hörte aber nicht richtig zu.

Beim nächsten Mal mache ich es besser, dachte ich. In Gedanken ging ich die gesamte Schaltung noch einmal durch.

Ich sah dabei zu Loretta hinüber.

Zu ihrem Kopf.

Irgendein Schleim tropfte unten aus der Öffnung am Hals, die ich eigentlich mit einer Polyester-Dichtung verstopft hatte.

Es war fünf Uhr nachmittags, als Dorothy kam. Sie trug ein Kleid. Ich hatte sie noch nie in einem Kleid gesehen, immer nur in karierten Hemden und Jeans.

Ich starrte sie an. Sie wurde rot. Ich wahrscheinlich auch.

"Hi!"

"Hi, Dorothy!"

"Ich dachte, ich komme mal vorbei."

"Tja..."

"Komme ich ungelegen?"

"Nein, aber..."

Ich hielt sie zurück, als sie an ihm vorbeigehen wollte.

Sie sah mich an. Ihre Augenbrauen bildeten eine Schlangenlinie. Eine Frage stand in ihrem Gesicht.

"Hast du Besuch?"

"Quatsch."

"Was ist dann los?"

"Ich muß eben was wegräumen, Dorothy. Dann kannst du reinkommen, okay?"

"Irgendwie riecht das komisch bei dir da drinnen..."

"Ich habe gebastelt. Mit Polyester... Warte hier, ja?"

"Okay", seufzte sie.

Ich wußte nicht, wo ich Lorettas Kopf so schnell hinstecken sollte. Ich packte ihn schließlich in den Mülleimer. Die Klappe ging nicht richtig zu. Ich mußte ihn ziemlich quetschen.

Die Apparatur ließ ich so stehen, wie sie aufgebaut war.

Es hätte zuviel Arbeit gemacht, alles von neuem zu verkabeln. Nur die Blutflecken wischte ich weg. Und diesen Schleim, der aus Lorettas Kopf herausgequollen war. Aber viel war davon nicht vorhanden.

Ich bin immer sehr reinlich.

Ich holte die Axt.

Der Puls schlug mir bis zum Hals.

Dorothy...

Sie hat ein schönes Gesicht, dachte ich. Und einen schlanken, langgezogenen Hals. Anders als Mrs. Cross.

"Du kannst reinkommen, Dorothy!"

image
image
image

Alfred Bekker

EIN PROFI GIBT NICHT AUF

image

Joe Martinez steckte das Zielfernrohr auf das Gewehr und legte an. Von hier, dem siebten Stock eines Rohbaus, aus dem irgendwann einmal das Bürogebäude eines mittelgroßen Versicherungskonzerns werden sollte, hatte Martinez eine hervorragende Aussicht auf das ehrwürdige Gerichtsportal. Es konnte nicht mehr allzu lange dauern, dann würde Gordon Smith durch dieses Portal geführt werden - jener Mann, dem Martinez eine Kugel in den Kopf jagen wollte... Martinez war ein Profi-Killer, sein Ruf in Syndikats- und Unterweltkreisen mehr als hervorragend! Er arbeitete schnell und präzise. Und vor allem konnte man sich auf ihn verlassen! Wenn er einen Auftrag annahm, konnte man todsicher davon ausgehen, daß er die Sache auch durchzog. Joe Martinez hatte noch nie versagt. Martinez verengte die Augen ein wenig. Der Finger am Abzug spannte sich, als der gepanzerte Wagen vorfuhr. Sicherheitsbeamte stiegen aus und blickten sich mit der Waffe im Anschlag nach allen Seiten um. Und dann kam endlich Gordon Smith zum Vorschein, von beiden Seiten von Polizisten eingekeilt. Gordon Smith mußte sterben. Martinez wußte über diesen Mann zwar kaum mehr, als man aus der Presse erfahren konnte, aber die Sache lag wohl ziemlich klar auf der Hand. Smith sollte als Kronzeuge gegen einige große Nummern des organisierten Verbrechens aussagen, wodurch diese vielleicht endlich hinter Gitter kamen. Natürlich war diesen Leuten kaum ein Preis zu hoch, um Smith aus dem Weg zu räumen. Und so hatten sie über einen Mittelsmann Joe Martinez angeheuert - den Besten seines Fachs. Martinez hielt den Atem an.

Smith befand sich nun genau in seinem Fadenkreuz. Unter seiner Kleidung trug der Kronzeuge sicher eine kugelsichere Weste. Das bedeutete, daß Martinez den Kopf treffen mußte, wenn er sichergehen wollte. Noch einen Sekundenbruchteil wartete er ab, dann glaubte er den richtigen Zeitpunkt für gekommen und feuerte. Martinez wußte, daß er wahrscheinlich nicht mehr als einen Schuß haben würde. Aber für einen Profi seiner Klasse reichte das in der Regel auch.

Und genau so schien es auch diesmal zu sein. Durch das Zielfernrohr beobachtete er, wie Smith getroffen zu Boden stürzte. Die Sicherheitsbeamten rotierten und ließen irritiert die Köpfe kreisen. Martinez lächelte kalt und packte sein Gewehr in eine Tasche für Golfschläger. Es hatte ihn niemand gesehen.

*

image

JOE MARTINEZ WOHNTE in einer schäbigen Absteige, in der man sich nicht sonderlich um Identität und Herkunft der Gäste kümmerte, solange im Voraus bezahlt wurde. Gestern abend war er in die Stadt gekommen und morgen früh würde er sie auch schon wieder verlassen. Bis zum nächsten Auftrag vielleicht. Die erste Hälfte seines Honorars hatte man ihm bereits im Voraus bezahlt, die zweite würde wohl irgendwann in den nächsten Tagen auf seinem Züricher Bankkonto eingehen. Alles war glattgegangen. Leicht verdientes Geld! dachte Martinez, bis er am nächsten Morgen eine böse Überraschung erlebte, als er die Morgenzeitung aufschlug. Über das Attentat auf den Kronzeugen Gordon Smith wurde groß berichtet. Und Martinez glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er da lesen mußte, daß Smith noch lebte! Smith lag schwerverletzt im Städtischen Krankenhaus und war bis auf weiteres nicht vernehmungsfähig. Martinez ballte grimmig die Rechte zur Faust. Er würde noch einmal in Aktion treten müssen! Schließlich war er Profi und hatte immerhin einen exzellenten Ruf zu verlieren. Und diesmal vielleicht sogar noch mehr! durchzuckte es ihn fröstelnd. Denn es mochte gut sein, daß seine Auftraggeber es ihm nicht verzeihen würden, wenn er versagte... Schließlich ging es ja auch für sie um die Existenz. Martinez würde die Sache also zu Ende bringen müssen. Um jeden Preis!

*

image

JOE MARTINEZ BESORGTE sich in einem einschlägigen Fachgeschäft einen weißen Kittel. Natürlich konnte er sich bei seiner Anmeldung nicht einfach danach erkundigen, in welchem Zimmer man Gordon Smith untergebracht hatte. Das hätte nur Verdacht erregt. Und wahrscheinlich führte man den Kronzeugen sogar unter falschem Namen. So mußte er also suchen. Flur um Flur ging Martinez durch, bis er schließlich fündig wurde. Vor einem Krankenhauszimmer hatte ein uniformierter Beamter Posten bezogen. Das mußte es sein! Martinez versuchte wie selbstverständlich an dem Wachmann vorbeizugehen, aber dieser trat ihm in den Weg.

"Wer sind Sie?"

"Dr. Morton, Facharzt für Neurologie. Der Patient hat eine schlimme Kopfverletzung. Und da vielleicht das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen ist, meinte der Chef, ich sollte ihn mir mal ansehen!"

"Der Chef? Sie meinen Dr. Miller!"

"Ja, genau den!" Der Wachmann trat zur Seite. "Gehen Sie hinein!" meinte er. Und Martinez dachte: Jetzt ist es so gut wie geschafft!

Er würde eintreten, die Tür hinter sich schließen, dann die Schalldämpferpistole unter dem Kittel hervorziehen und abdrücken. Eine Sekundensache.

*

image

MIT EINEM SCHNELLEN Schritt war Martinez im Krankenzimmer und seine Rechte hatte bereits nach der Waffe unter dem Kittel gegriffen, da erstarrte er mitten in der Bewegung. Er blickte direkt in die Mündungen einiger Revolver. Jemand hielt ihm eine Polizeimarke unter die Nase. "Wir wußten, daß es ein Profi sein mußte, der es auf Smith abgesehen hatte", erklärte einer der Kriminalbeamten, während Martinez ein anderer die Waffe abnahm und ihm Handschellen anlegte.

Martinez fluchte.

"Ich begreife nicht...", murmelte er.

"Wir brauchten nur warten", fuhr der Beamte fort. "Ein Profi gibt schließlich nicht auf, stimmt's?" Er grinste. "Ich schätze, wir haben irgendwo ein schönes Foto von Ihnen in unseren Karteien..."

"Und wo ist Smith?" knurrte Martinez.

"An einem sicheren Ort, wo er sich vermutlich besser von seiner Schußverletzung erholen wird als hier!" war die trockene Antwort.

image
image
image

Archibald Duggan und die bebende Erde

image

Krimi von Horst Bosetzky

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

8000 Mann sollen sterben, sämtliche Spezialisten der CIA im legendären Hauptquartier Langley. Diesen teuflischen Plan hat ein geniales, aber krankes Hirn ersonnen. Die Methode scheint unfehlbar: ein künstlich hervorgerufenes Erdbeben wird die CIA Zentrale buchstäblich in den Abgrund stürzen lassen.

Ein Kollege kann CIA-Agent Archibald Duggan in der Sekunde seines Todes einen Tipp geben, einen Namen nur: Rebecca Reed. Und nun beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

1

image

Die Zelle war drei Yard lang, drei Yard breit und drei Yard hoch, keinen Zoll weniger, keinen Zoll mehr. Archibald Duggan brauchte es nicht nachzumessen, er wusste es.

In diesem Lande hatte alles seine Ordnung. Nur mit der Hinrichtung der gegnerischen Geheimagenten klappte es noch nicht ganz, darin hatte die neue Regierung einfach zu wenig Erfahrung. Meist hallten die Salven des Exekutionskommandos eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang durch den schmalen Gefängnishof. Ab und zu aber tötete man auch um elf Uhr vormittags oder gegen fünf Uhr nachmittags, wenn der silberne Düsenclipper in Richtung Nordosten vorübergezogen war. Manchmal flog er so hoch, dass langgezogene Kondensstreifen am blass-blauen Sommerhimmel klebten. Tingji, einer seiner Wächter, hatte einmal gespottet, dass dies bestimmt nicht der berühmte „Silberstreif am Horizont“ sei.

„Noch eine knappe Stunde bis zur nächsten Hinrichtung ...“

Archibald Duggan erschrak. Er hatte laut gesprochen, ziemlich laut sogar. Vielleicht, um seine Stimme wieder einmal zu hören, noch einmal zu hören, vielleicht, um besser zu begreifen, welche ungeheure Bedeutung diese wenigen Worte hatten.

Urplötzlich verlor er seine Selbstbeherrschung. Wie von Sinnen trommelte er mit beiden Fäusten auf seine klobige Holzpritsche. Der Lärm betäubte ihn. Immer heftiger, immer kraftvoller wurden seine Schläge. Diese Eruption war eine Erlösung für ihn. Aber schon nach wenigen Sekunden knackte es in dem kleinen ovalen Lautsprecher oben an der Decke und ein zartes, getragenes Volkslied erfüllte seine glutheiße Zelle. Typisch, das war ihre Psychologie! Er hasste diese Musik, aber unwillkürlich erstarrte er doch und lauschte.

Unten erklang ein dumpfes Kommando. Wenn er doch bloß mehr von dieser verdammten Sprache gelernt hätte! Da, das verstand er wieder ...

„Holt ihn!“

Ja, das war der kleine Leutnant, der das Exekutionskommando befehligte. Diese helle, beißende Stimme traf Duggan jedes Mal wie der Stich einer Injektionsnadel.

Archibald stürzte zum Fenster. Seine Stirn prallte gegen die kantigen Gitterstäbe. Für den Bruchteil einer Sekunde schien es ihm, als hätte er eben eine tolle Silvesterfeier hinter sich und würde nun mit einem gewaltigen Champagnerrausch ins Bett sinken. Er klammerte sich mit aller Kraft an diese Illusion. Aber sie entglitt ihm sofort wieder. Zurück blieb ein unfassbarer Schmerz. Dabei war der Hof noch leer, und der kleine Leutnant hatte noch gar nicht gerufen.

Die sanfte Musik brach abrupt ab, und im gleichen Augenblick wurden draußen die schweren Riegel zurückgeschoben.

War das der Henker?

Dann erkannte Archibald das runde Gesicht des Mannes, der die mächtige Stahltür aufgezogen hatte. Tschen Tingji war es, einer der brutalsten Wächter. Er warf Duggan einen leicht verschimmelten Kanten Brot auf die Pritsche.

Archibalds Magen krampfte sich zusammen, er taumelte und fiel mit der rechten Schulter gegen die rissige Wand.

Tingji beobachtete ihn mit kaltem Interesse. Seine dunklen Augen blieben ausdruckslos, das ganze Gesicht war steinern wie in all den Tagen zuvor.

„Starr mich nicht so an!“, schrie Duggan. Wie von einer gewaltigen Peitsche getrieben, warf er sich auf den Wächter.

Doch Tingji glitt zur Seite, schnell wie ein Lichtreflex. In seinem schwammigen Gesicht flackerte ein höhnisches Lächeln auf.

Archibald schlug mit dem Kopf gegen die nur angelehnte Tür. Sie sprang auf, so dass er vielleicht einen halben Yard weit auf den Flur hinaus rutschte. Zwei, drei Sekunden lang lag er regungslos da, das Blut lief ihm in dünnen Fäden über die Stirn. Dann schleifte Tingji ihn in die Zelle zurück.

Als Duggan wieder zu sich kam, war der Wächter verschwunden. Archibald wischte sich mit den zerrissenen und schmutzverkrusteten Ärmeln seines Nylonhemdes das Blut aus dem Gesicht.

Er hatte allen ihren ausgeklügelten Methoden widerstanden, er hatte ihnen nicht mehr verraten, als sie ohnehin schon in ihren Akten vermerkt hatten.

Immer wieder hatten sie ihn verhört, um das zu erfahren, was sie für die Wahrheit hielten. Unzählige Male hatte er ihnen versichert, dass er nichts weiter wüsste, aber sie hielten ihn lediglich für einen großartig geschulten und abgehärteten Agenten.

Er hatte noch immer nicht begriffen, worum es den anderen eigentlich ging.

Ohne es zu merken, hatte er seine Wanderung durch die stickige Zelle wieder aufgenommen. Zwei Schritte zum Fenster hin, eine müde Drehung um die eigene Achse, zwei knappe Schritte zur Tür zurück und wieder eine Drehung.

Warum das ganze Theater hier, warum liefen sie plötzlich Amok? Warum machten sie ihn zu der einen entscheidenden Figur, die er gar nicht war? Wahrscheinlich war die Sache ganz einfach. Man plante ein Unternehmen von außergewöhnlicher Tragweite und fürchtete, CIA sei schon dahintergekommen. Es musste sich um eine ganz ausgefallene, eine ungeheuer brisante Sache handeln.

Was, in aller Welt, mochten sie diesmal ausgebrütet haben?

Egal – wenn es ihm wirklich bekanntgewesen wäre, es hätte doch niemandem mehr nützen können. Dass er hier nicht mehr lebend herauskam, das war sicher. Duggan hatte es aufgegeben, nach einem Ausweg zu suchen. Mit dem bloßen Willen allein ließen sich weder Berge versetzen noch die Mauern dieser alten Grenzfestung sprengen. In einer solchen Lage gab es für einen Mann nur eins: Den Tod zu akzeptieren.

Ein paar schrille Kommandos hallten über den Hof und verloren sich in immer schwächer werdenden Echos. Vögel schossen in den schon rosa getönten Himmel, Mauersegler wahrscheinlich.

Duggan blieb stehen, um zu lauschen. Aber das Blut in seinen Schläfen hämmerte derart laut, dass er die nachfolgenden Geräusche kaum mehr richtig deuten konnte. Er presste beide Handflächen gegen die Ohren und atmete tief durch. Dann umklammerte er mit seinen aufgerissenen Händen die beiden äußersten Gitterstäbe und zog sich mit ziemlicher Mühe etwas nach oben, so dass er den Hof fast vollständig überblicken konnte.

Als er sah, was dort unten vorging, wollte er unwillkürlich schreien, so laut schreien, dass die ganze Welt es hören musste, aber er brachte keinen einzigen Ton hervor. Es schien ihm, als wäre er schon gestorben und nur die Augen allein funktionierten noch.

Es war ein Bild, das fast heiter schien, so, als wäre es eine Szene im Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud. Sieben kleine, aber ungemein kräftige Soldaten, deren bräunliche Uniformen makellos sauber waren, standen ordnungsgemäß ausgerichtet vor dem Tor, aus dem man die Todeskandidaten herauszuführen pflegte. Etwa fünf Yard vor ihnen hatte sich der kleine Leutnant aufgebaut. Keine Sekunde ließ er seine Soldaten aus den Augen.

Jetzt wandte er sich um und blickte zum Gefangenentrakt hinüber. Es dauerte endlos lange, dann hatten seine kalten Augen wohl gefunden, was sie suchten. Er fixierte das schmale Fenster, hinter dessen Gitterstäben Duggans Kopf zu erkennen war.

Archibald erstarrte.

Das war ein Todesurteil! Sie warteten auf ihn, der Henker hatte sich sein nächstes Opfer angesehen.

Aber im Augenblick geschah noch nichts. Die sieben Soldaten schoben ihre Magazine in ihre etwas altmodischen Karabiner und stießen dann die Kolben in den gelben Boden. Mehrere Sekunden lang standen alle acht Männer regungslos da, sie wirkten wie kunstvoll bemalte Holzfiguren, dann begann das schwarze Tuch, das der Leutnant in der linken Hand hielt, im plötzlich einfallenden Wind ein wenig zu flattern.

Ein Klingelzeichen ertönte. Das Tor, das mit seinem schmutzigen Grau vom Rostrot der Steine abstach, wurde nach innen aufgezogen. Und dann erfüllte ein Schrei den Hof, der selbst die Soldaten erschaudern ließ.

Der Todeskandidat war erschienen.

Er hieß nicht Archibald Duggan.

Der Mann, der diesen tierhaften Schrei ausgestoßen hatte, war etwa fünfunddreißig Jahre alt, athletisch, gebaut und blond. Er trug eine graue Hose und ein frisches weißes Hemd. Auf seinem breiten, etwas rosigen und fast noch kindlichen Gesicht zeichnete sich Entsetzen ab.

Der Mann hieß Mel Chipping und war ein Agent des englischen MI 6. Damals in Mexiko hatte er Archibald Duggan das Leben gerettet. Ohne ihn wäre Archibald gefesselt aus dem Flugzeug geworfen worden und mehrere tausend Fuß in die Tiefe gestürzt. Und mit seiner Hilfe war es Duggan dann auch gelungen, den gefürchteten Agenten Sun Bodjau, den alle den „Henker“ nannten, endlich zur Strecke zu bringen.

Inzwischen war Mel Chipping an der weißgekalkten Wand angekommen, die die westliche Begrenzung des Hofes bildete. Für den Bruchteil einer Sekunde blieb sein Blick an den kraterförmigen Löchern haften, die mehr als zwei Dutzend Kugeln in den lockeren Putz gerissen hatten. Abrupt wandte er sich um und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die sieben Soldaten.

Archibald Duggan wollte einfach nicht begreifen, was sich dort unten abspielte.

Der kleine Leutnant hatte Chipping erreicht und streckte ihm das schwarze Tuch entgegen.

„For your eyes“, sagte er in gebrochenem Englisch.

Chipping nahm das Tuch mit der rechten Hand, zögerte einen Augenblick, knüllte es dann zusammen und ließ es auf den staubigen Boden fallen. Der Leutnant nahm diese Handlung mit Gleichmut hin und gab einem seiner Soldaten den Befehl, Chipping an einen dünnen Holzpfahl zu binden.

Dann hoben die sieben Soldaten ihre Gewehre und begannen, sehr sorgfältig zu zielen. Chipping hatte den Kopf gesenkt und fixierte einen Fußabdruck, den der Leutnant zurückgelassen hatte.

„Mel!“, schrie Duggan, ohne eigentlich zu merken, dass er schrie.

Die Soldaten zuckten zusammen, behielten aber ihre Gewehre weiterhin im Anschlag, nur der gefürchtete Leutnant drehte sich etwas herum, um denjenigen zu suchen, der eben gerufen hatte.

Mel Chipping nutzte seine Chance.

„Archibald!“, schrie er nach oben. „Sie haben etwas vor ...!“

Der Leutnant bellte einen kurzen Befehl und hob den rechten Arm.

„Sie planen etwas ganz Gewaltiges!“ Chippings heisere Stimme schallte über den ganzen Hof. „Sie wollen die CIA vernichten ...!“

Der Leutnant senkte seinen Arm, langsam wie ein Roboter.

„Such nach Rebecca Reed!“, stieß Mel Chipping noch hervor. „Das ist der Schlüssel ...“

Archibald Duggan fiel auf seine Pritsche zurück und presste die Handflächen gegen die Ohren.

Trotzdem hörte er die Schüsse. Er schrie auf, als wäre er selbst getroffen worden.

Doch vielleicht war es nur ein Bluff?

Wie im Fieber stürzte er wieder zum Fenster und zog sich nach oben.

Nein!

Chippings Körper hing noch am Pfahl, leicht vornüber geneigt, die Brust zerfetzt.

Archibald wusste nun, was ihm bevorstand. Seine Finger gaben nach, er glitt nach hinten, sein Hinterkopf schlug gegen die Wand, Nacht umfing ihn.

Er kam erst wieder zu sich, als der Lautsprecher von Neuem eingeschaltet wurde. Sofort war er hellwach. Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Eine Stimme, die er vorher noch nie gehört hatte, füllte den kleinen Raum. Sie sprach ein schlechtes Englisch, er verstand nur wenig.

„Archibald Duggan ... CIA-Agent ... Feind des Volkes ... Wird hiermit zum Tode verurteilt ... Vollstreckung des Urteils morgen früh!“

Das amtliche Todesurteil.

Duggan nahm diese Nachricht mit einer Gelassenheit hin, die er vorher nie für möglich gehalten hätte.

Duggan zog Bilanz. Er saß in einer Falle, die auch die mächtigste Regierung dieser Erde nicht mehr zu öffnen vermochte. Er kannte zwar den Schlüssel, um das vielleicht gewaltigste Verbrechen dieses Jahrhunderts zu verhindern und sein Land vor unermesslichem Schaden zu bewahren, aber dieser Schlüssel, diese beiden Worte REBECCA REED, nutzten ihm nichts mehr. Im Gegenteil, sie ließen der anderen Seite erst recht keine andere Wahl mehr. So wichtig wie Chipping war er ganz bestimmt.

Mel Chipping.

Rebecca Reed.

Diese beiden Namen füllten Duggans ganzes Bewusstsein aus, jeder Gedanke war mit ihrer Last beladen.

Von irgendwoher schrillte eine Sirene herüber. Der Zapfenstreich für die Soldaten. Duggan rechnete nach. Er hatte noch genau sieben Stunden zu leben. Vielleicht blieben ihm noch die hundertzwanzig Minuten bis Mitternacht, um die schönen und erfüllten Abschnitte seines Lebens noch einmal durchzugehen und zu genießen.

Plötzlich stand Tingji, der gleichgültig brutale Wächter neben ihm. Duggan hatte ihn gar nicht kommen hören. Tingji brachte eine Schüssel mit dampfendem Reis.

„Hau ab!“, schrie Duggan und schleuderte ihm den Reis ins Gesicht.

Tingji heulte auf und warf sich nach vorn.

Auf einmal fühlte er, dass Tingji ihm etwas in die linke Hand schob, eine kleine Tüte, wie man sie in den Staaten benutzt, um Backpulver zu verkaufen. Im gleichen Augenblick begann Tingji, ihn mit den vulgärsten Ausdrücken zu beschimpfen.

Sekunden später erschienen zwei andere Wächter in der Tür. Tingji trat noch einmal nach Duggan, dann lachten alle drei auf und wandten sich ab. Die Tür fiel wieder ins Schloss, die Riegel wurden vorgeschoben, der Schlüssel zweimal herumgedreht.

Duggan fixierte die matte Glühbirne, die neben dem Lautsprecher baumelte. Langsam erholte er sich wieder.

Dann betrachtete er die Tüte. Sie passte gerade in seine Handfläche. Ein dünnes braunes Papier, an allen vier Kanten zusammengeklebt. Auf der einen Seite erkannte er chinesische oder japanische Schriftzeichen, auf der anderen lateinische Buchstaben. Mit wachsender Erregung las er:

„Schlucken Sie das Pulver! Eine neue Droge. Man wird Sie für tot halten. Ihre letzte Chance! Zögern Sie nicht lange!“

Duggan war fassungslos. Hoffnung und Misstrauen mischten sich, Gedankenfetzen, Kombinationen jagten ineinander.

Er hatte noch keinen Entschluss gefasst, als die Musik plötzlich abbrach. Zwei Stimmen drangen zu ihm. Die eine musste einem Amerikaner gehören, sie war metallisch kalt und merkwürdig arhythmisch, die andere dem Offizier, der vorhin das Todesurteil verlesen hatte.

„Für Chipping bekomme ich auch noch zehntausend Dollar“, sagte der Amerikaner. So wie er sprach man nur in Brooklyn, woanders konnte dieser Mann gar nicht geboren sein. „Schließlich habe ich ihn in die Falle gelockt.“

„Sagen wir acht!‟

„Na schön ... Er war verdammt nahe am Ziel. Hätte er noch eine Woche Zeit gehabt, wäre alles aufgeflogen. Ein derart tollkühnes Unternehmen wie ...“

„Passen Sie auf, Sie sitzen da auf den Schalthebel!“

„Verdammt!“

Augenblicklich war es wieder still.

Das war also der Mann, der Mel Chipping auf dem Gewissen hatte. Ein Amerikaner. Ein Mann, dessen Stimme Duggan nie vergessen würde. Gehört hatte er sie noch nicht, das war sicher.

Mit leicht vibrierenden Fingern riss er die kleine Tüte auf und roch an dem weißen Pulver, das wie Gips aussah. Einen bestimmten Geruch schien es nicht zu haben. Er befeuchtete seinen rechten Zeigefinger und steckte ihn in die Tüte, um von dem geheimnisvollen Zeug zu kosten. Es schmeckte ein bisschen nach Mehl und ein bisschen nach Schlämmkreide.

Ein makabrer Spaß, den sich die Wächter mit ihm machen wollten?

Er glaubte nicht so recht daran. Tausend Fragen schossen ihm durch den Kopf. Von wem stammte dieses Pulver? Von Tingji oder einem der Offiziere? War Tingji einer der ihren? Unmöglich, ausgeschlossen! Was war es wirklich, wenn es nicht nur einfache Kreide war? Ein Betäubungsmittel, das einen Kreislaufkollaps vortäuschen sollte, eine Wahrheitsdroge oder ganz einfach ein Gift? Unter Umständen würde man später sagen: Wir hätten ihn ja gerne freigelassen, aber er hat sich leider vorher mit einem eingeschmuggelten Gift selbst getötet.

Archibald Duggan war ratlos. Aber was blieb ihm denn anderes übrig? Dass sie wirklich Ernst machten, hatten sie eben erst wieder bewiesen. Sie hatten keinen Grund, ihn länger am Leben zu lassen, er besaß ja keinerlei Informationen mehr, die ihnen genützt hätten, im Gegenteil.

Ohne es vielleicht wirklich zu wollen, fast widerstrebend, führte er die kleine Tüte zum Mund, ließ das Pulver auf die Zunge rinnen und schluckte es dann hinunter. Auch die Tüte selbst zerkaute und verschluckte er.

Dann ließ er sich auf die Pritsche gleiten. Er kam gar nicht mehr dazu, noch etwas zu denken. Augenblicklich rissen Krämpfe ihn hoch, tausend Pfeile schienen sich durch seinen Körper zu bohren, er bäumte sich noch einmal auf, dann war alles aus.

image
image
image

2

image

In New York war es Samstagabend, und oben in Spanish Harlem zogen Tausende von Puertoricanern, Kubanern, Mexikanern und Spaniern mit ihren Mädchen durch die Tanzlokale. In den 174 Blocks des „Barrios“ waren an die 200 000 Menschen zusammengepfercht, aber heute, als die Bands in unzähligen Tanzclubs Padianga, Mambo und Bossa Nova spielten, vergaßen sie den drückenden Alltag. Von der 96th zur 125th Street und von der 5th Avenue zum East River hinüber wurde gefeiert.

Im „Club Caborrojeno“, an der Ecke Broadway und 145th Street, spielten die bekannten „Toreros“, sieben elegante Musiker in mattblauen Smokings. Sie glänzten vor Schweiß. Ein drahtiger, ungemein männlicher Kubaner bearbeitete wie von Sinnen seine Trommel, der Posaunist und der Trompeter standen ihm kaum nach. Die farbenprächtig gekleideten jungen Leute auf der Tanzfläche verfielen in einen wilden, hektischen Tanz.

„Dieser verdammte Lärm!“

Die vier Personen, die in der ersten Etage des Clubs in einem kleinen Zimmer bei einer Flasche Rotwein zusammensaßen, konnten kaum noch ihr eigenes Wort verstehen.

„Sagen Sie bloß, wir hätten keinen besseren Platz finden können!“ Lee Culliford schlug mit der Faust auf den Tisch.

„Nein!“ Der Mann, der Culliford gegenübersaß, lächelte milde. „Wir hätten uns ja auch ins Gästezimmer der CIA setzen können.“

Culliford schwieg, aber seine blass-blauen Augen funkelten noch um einige Grade bösartiger. Er rülpste zweimal, um den anderen anzuzeigen, dass er ein starker und unabhängiger Mann war, der sich von keinem vorschreiben ließ, was er zu sagen hatte, auch vor diesem scheinbar allmächtigen Broom nicht.

Robert Broom nahm Culliford diese Reaktion nicht weiter übel. Dazu kannte er ihn zu genau. Brooms Kopf war ein ausgezeichnet funktionierender kleiner Computer, und Cullifords Daten waren eindeutig: Lee Culliford, geboren am 1. 2.1986 in Clavburne (Texas), einem kleinen Nest am Trinity River. Der Vater, ein Kidnapper und Raubmörder, 1944 in San Francisco hingerichtet, die Mutter 1941 mit einem Croupier aus Las Vegas nach Rio de Janeiro durchgebrannt und seither verschollen. Aufgewachsen in Kinderheimen und Erziehungsanstalten, und dann mit siebzehn Jahren in die Fänge der Cosa-Nostra-Leute geraten, hatte er sich zu einem Gangster und Killer von Format entwickelt. Er brauchte aber selten seine Special zu ziehen, schon mit seinem massigen Körper und dem kantigen, rötlich schimmernden Gesicht vermochte er seine Widersacher ausreichend einzuschüchtern.

„Heh, was ist denn nun?“, brummte er jetzt, während er sich mit dem rechten Zeigefinger im Mund herumstocherte. „Wann geht’s denn nun endlich los?“

„Wenn die Zeit gekommen ist“, erwiderte Robert Broom gelassen. Broom war – wie immer – Herr der Lage. Er hatte die anderen vollkommen in der Hand, denn einmal war er hier der Auftraggeber, der später auch das Geld zu verteilen hatte, und zum anderen kannte er alle ihre Verbrechen und Vergehen und konnte sie jederzeit hinter schwedische Gardinen bringen. Sie aber wussten nur, dass er Robert Broom hieß und mächtige Hintermänner hatte. Und daran stimmte auch nur das mit den Hintermännern, denn „Robert Broom“ war natürlich einer der vielen Decknamen dieses Mannes. Auch sein eigener Chef wusste nur, dass er aus London stammte, früher Erdölingenieur war und einem Mädchen namens „Goldlotos“ rettungslos verfallen war. Er mochte fünfunddreißig Jahre alt sein, was man bei seinem knabenhaften, feingliedrigen Körper kaum glauben konnte. Der graue Glencheckanzug aus der Londoner Bond Street war ihm ein wenig zu groß. Sein Kopf war auffallend klein und kantig, eine vergoldete Brille gab seinem puppenhaften Gesicht eine freundliche Note. Wer ihn kannte, mochte ihn für den Feuilleton-Redakteur einer Provinzzeitung halten.

„Der Wein ist gut“, sagte Broom jetzt und hielt den Kelch mit der roten Flüssigkeit gegen die Tischlampe. „Ein echter Castillo de Tiebas, einer der Könige des spanischen Rotweins. Prost, Miss Sandy ...“

Das mit Miss Sandy angesprochene Mädchen war nicht nur das Maskottchen der McCalmon-Gang, sondern auch die Freundin des Bosses. Sie hieß Sandy Perkins, war gerade einundzwanzig Jahre alt geworden und erfreute die anwesenden Männer mit einer vollschlanken, etwas molligen Figur. Sie hatte ein breites, slawisches Gesicht, das von langen blonden Haaren umrahmt war. Sie sah, besonders wenn sie lachte, noch sehr kindlich aus, obwohl die scharfen Falten über den Mundwinkeln anzeigten, dass sie ein ausschweifendes Leben gewöhnt war. Sandy trug ein türkisfarbenes Kostüm a la Chanel aus Kunstseidenkrepp, das ihr ganz ausgezeichnet stand. Ihr Parfüm, „Jolie Madame“ aus Paris, erfüllte den ganzen Raum mit der süßen Herbheit des Jasmins.

„Auf Ihr Wohl, Mr. Broom“, sagte sie mit ihrer rauchigen, ziemlich aufreizenden Stimme.

Nachdem sie getrunken hatten, ließ Broom noch einmal seinen abschätzenden Blick über die Gesichter seiner drei scheinbar so harmlosen Gäste schweifen. Neben Culliford, dem Stellvertreter McCalmons, saß ein baumlanger, dunkelhaariger Schwede, den Broom vorhin mitgebracht und als George Tennyson vorgestellt hatte. Nur Broom wusste, dass dieser hagere, etwa vierzig Jahre alte Mann in Wahrheit Stig Tjörnebo hieß, aus Stockholm stammte, ein mehr oder weniger gescheiterter Atomphysiker war, in Los Alamos gearbeitet hatte und von der schwedischen Polizei fieberhaft gesucht wurde. Sie fahndete nicht nur deshalb nach ihm, weil er für die schwedische Kernforschung von einigem Wert war, sondern vor Allem, weil er vor anderthalb Jahren bei seiner Rückkehr in die schwedische Hauptstadt seine Frau erwürgt hatte. Sie hatte ihn betrogen, und jedes Gericht hätte sein Tatmotiv gebührend berücksichtigt. Aber anstatt sich der Polizei zu stellen, die Tat zu gestehen und sie zu bereuen, hatte er sich bestimmten Männern der Unterwelt anvertraut, war aus Schweden herausgeschmuggelt worden und hatte für diese Hilfe mit weiteren Verbrechen gezahlt. Nun reichte die Liste seiner Verbrechen tatsächlich für eine lebenslange Strafe aus.

„So, meine Dame ...“, Broom lächelte kaum merklich, „und meine Herren, dann wollen wir einmal in medias res gehen.“

„Heh, was?“, knurrte Culliford.

„Zur Sache kommen.“ Broom wartete einen Moment, weil unten im Club wieder einmal die Hölle losgebrochen war. Endlich ebbte der Lärm etwas ab. „Sie wissen ja, dass McCalmon noch nicht zurück ist ...“ Es war einer seiner geheiligten Grundsätze, seine „Arbeitnehmer“ nicht zu duzen, sondern Distanz zu wahren und eher Angst zu verbreiten, als in ihnen das Gefühl der Kumpanei aufkommen zu lassen. „Ich hoffe, dass es McCalmon inzwischen gelungen ist, Mel Chipping und diesen ungemein gefährlichen Duggan auszuschalten.“

„Also, worum geht es denn nun!?“ Auch Sandy Perkins wurde langsam ungeduldig.

Broom musterte die mit weinroter Seide bespannten Wände, studierte für ein paar Sekunden die Reproduktion von Rembrandts „Nachtwache“, die über Cullifords Kopf hing, verweilte für einen Augenblick bei Sandys Dekolleté und begann dann endlich zu sprechen.

„Das Projekt, das ich Ihnen jetzt unterbreiten werde, ist derart kühn und gewaltig, dass Sie Minuten brauchen werden, um zu verstehen, um was es geht.“

„Denkst du denn, wir sind bekloppt!“, rief Culliford in seinem breiten Texanisch dazwischen.

„Nun halt doch mal den Mund!“ Tennyson stieß Culliford den rechten Ellenbogen in die Rippen. Culliford wollte schon zuschlagen, doch Sandy konnte gerade noch seine Faust umklammern. Man wusste, dass sich die beiden nicht ausstehen konnten. Culliford hasste von vornherein alle Eierköpfe, und Tennyson, der in einer vornehmen Familie aufgewachsen war, hatte eine natürliche Abneigung gegen alle Berufsverbrecher.

„Also ...“ Broom wartete gelassen, bis sich die Gemüter beruhigt hatten. Je zerstrittener die anderen waren, desto größer wurde seine eigene Autorität. Andererseits musste er aufpassen, dass sie mit ihrer Streiterei sein großes Projekt nicht gefährdeten. Seine eigenen Auftraggeber hatten es diesmal verdammt eilig, und in der kurzen Zeit, die ihm zur Verfügung gestanden hatte, war ihm nichts weiter übriggeblieben, als die McCalmon-Gang zu seinem Instrument zu machen. Das war trotz der Rivalität der drei führenden Männer bestimmt nicht die schlechteste Lösung, denn Tennyson war ein brauchbarer Physiker, und es gab für ihn kein Zurück mehr, McCalmon war ein Gangster großen Stils, der alles vorbildlich organisieren konnte, und Culliford war ein Mann, der über Leichen ging und für Geld alles tat. Das Mädchen konnte man als Lockvogel gebrauchen. Wahrscheinlich würden sich die Männer nach und nach gegenseitig ins Jenseits befördern.

Broom war sehr zuversichtlich. Er holte noch einmal tief Luft, dann begann er zu dozieren. Seine Stimme klang kühl, beherrscht, metallisch, ihre Wirkung wurde aber dadurch etwas gemindert, dass er leicht lispelte.

„Die meisten Erdbeben sind tektonischer Natur. Sie entstehen immer dann, wenn gespannte, gepresste oder verdrehte Teile der Erdkruste über ihre Festigkeit hinaus beansprucht werden und dann mit plötzlichem Bruch eine ganz neue Gleichgewichtslage aufsuchen.‟

„Wie interessant‟, murmelte Sandy seufzend.

„Solche Erdbeben entstehen also, wenn Spannungsenergien in der Erde plötzlich frei werden.‟ Broom nahm einen Schluck Wein zu sich, ehe er fortfuhr: „Dann gibt es noch die sogenannten Einsturzbeben ... Es entstehen mitunter riesige Hohlräume in der Erdkruste, die plötzlich zusammenbrechen können.“ Broom nahm seine Brille ab, hauchte die Gläser an, putzte sie mit seinem weißen Kavalierstuch und hielt sie dann gegen das Licht. „Und das Schönste ist: Das CIA Hauptquartier in Langley ist haargenau über einem solchen Hohlraum errichtet worden!“

Das war es also! Für einen Augenblick hielten sie den Atem an. Erst allmählich begriffen sie, was Broom vorhatte.

„Und wie wollen Sie den Hohlraum in sich zusammenstürzen lassen?“, fragte Tennyson schließlich.

„Wir müssen ein Erdbeben auslösen, das in etwa die Stärke sieben hat.‟

„Nach der Mercalli-Skala?“, fragte Tennyson, der plötzlich hellwach war.

„Natürlich.“

„Das lässt sich aber ohne Atombombe nicht machen“, wandte Tennyson ein. Noch vor drei Jahren hatte er an mehreren unterirdischen Kernwaffenversuchen teilgenommen. „Wo wollen Sie denn eine hernehmen, ich kann Ihnen keine bauen“, witzelte er.

„Das lassen Sie mal meine Sorge sein. Sie brauchen die Bombe nur scharfzumachen und dann zu zünden, wenn sie sich an Ort und Stelle befindet“, erklärte Broom.

„Dann dringen wir also in den Hof des CIA-Gebäudes ein und graben ein tiefes Loch!“, lachte Culliford höhnisch.

„Sie hätten aufpassen sollen“, bemerkte Broom trocken. „Ich habe über Erdbeben gesprochen. Noch ein paar Sätze dazu. Oberflächennahe Herde haben eine größere Wirkung als manche tiefen Herde von stärkerer Energie. Also reicht es, wenn wir eine Bombe unten in einem verlassenen Schacht in den Alleghanies zünden – vielleicht tausend Yard tief und etwa zwanzig Meilen von Langley entfernt.“

Culliford und das Mädchen starrten in ihre Weingläser. Sie hatten Angst, aber sie wussten auch, dass sie morgen tot waren, wenn sie jetzt ausstiegen. Tennyson rechnete verbissen.

„Ich bin der einzige Geologe auf der Welt, der weiß, dass das CIA-Gebäude über diesem Hohlraum errichtet worden ist“, sagte Broom gelangweilt. „Weiter. Wir zünden also die Bombe ... Das Epizentrum, das Ausbreitungsgebiet des Bebens, wird bis an die Atlantikküste reichen. Das CIA-Gebäude wird in sich zusammenstürzen wie ein Kartenhaus! Von dem granitgrauen, achtgeschossigen Gebäudekoloss am Südufer des Potomac wird nicht viel mehr übrigbleiben als ein rauchender Trümmerhaufen. Insgesamt wird ein materieller Schaden von fünfzig Millionen Dollar entstehen. Aber etwas anderes zählt viel mehr: Das Gedächtnis der USA wird zerstört werden. Achttausend Geheimnisträger werden ausgeschaltet, auf einen Schlag, vierzig Millionen Lochkarten unbrauchbar gemacht. Das lähmt die amerikanische Abwehr über Jahre hinweg!“

Broom zitterte vor verhaltener Erregung. Seine grauen Augen flackerten für ein paar Sekunden, seine gepflegten Hände krallten sich ineinander, ein-, zweimal öffnete er seinen kleinen Mund, der irgendwie an einen Karpfen erinnerte.

„Das alles wird Sie eine hübsche Stange Geld kosten“, sagte Culliford. „Bei dem, was auf dem Spiel steht, arbeite ich nicht für ein Butterbrot.“

Broom, der fehlgeleitete, fanatische „Idealist“, zuckte zusammen. „Natürlich! Über die Summe, die jeder von Ihnen bekommt, werden wir uns endgültig unterhalten, wenn McCalmon wieder hier ist. Soviel aber schon jetzt: Sie werden mit einem Schlag steinreiche Leute sein! Aber ich warne Sie: Was Sie nach dem Anschlag tun, ist mir egal, wenn Sie aber vorher aus der Reihe tanzen, dann sterben Sie einen grausamen Tod! Wir verstehen uns doch?“ Sein Blick ruhte auf drei gesenkten Köpfen. „Gut.“

„Wir brauchen einen Kernsprengkörper von ungefähr zwanzig Kilotonnen“, sagte Tennyson jetzt. „Damit müsste das gerade ausbalancierte Gleichgewicht der Erdkruste schon derart gestört werden können, dass der Hohlraum einstürzt.“

„Das denken wir auch.“ Broom nickte zufrieden. „Zumal es sich weitgehend um ein Schüttergebiet handelt. Wir wissen ja, dass starke Bodenstöße schon ganze Städte zerstört haben. Ich erinnere nur an Lissabon siebzehn-fünfundfünfzig, an Messina neunzehn-acht oder Agadir neunzehn-sechzig. Es besteht kein Zweifel, dass es klappen wird.“

„Und wie bekommen wir die Bombe in die Alleghanies?“, fragte Culliford.

„Woher bekommen wir sie überhaupt?“ Sandy zerbrach ein paar Salzstangen und nahm einen Schluck Wein. Für sie war das hier alles nicht real, sondern Traum, eine Filmszene. Und sie spielte ihre Rolle gekonnt und mit Hingabe. Sie war wie eine Schlafwandlerin. Sie analysierte die Dinge und Geschehnisse weder mit ihrem Verstand, noch erschloss sie sie gefühlsmäßig, sie staunte nur darüber.

„Die Bombe? Die Bombe ist außen am Rumpf eines unserer Schiffe befestigt, das im Augenblick zwischen Athen und Neapel auf dem Mittelmeer herumschwimmt“, antwortete Broom.

Der wie ein Banderillero gekleidete Ober brachte ihnen eine neue Flasche Wein. Broom wartete, bis sie wieder allein waren, dann hob er sein Glas. „Auf das Gelingen unseres Planes!“

„Auf mein Bankkonto!“, sagte Culliford. Sie tranken. Dann gab es einen kleinen Zwischenfall, als Culliford seine Hand auf Sandys goldbraun schimmernde Knie legte und dafür von ihr unsanft zurückgestoßen wurde. Broom verlor langsam die Geduld.

„Herrschaften!“, rief er mit gepresster Stimme. „Sie haben wohl noch immer nicht begriffen, worum es hier geht!“ Broom zweifelte nun doch daran, ob es wirklich sinnvoll war, mit amerikanischen Gangstern zu arbeiten und ohne eigene Spezialisten auszukommen. Auf alle Fälle wären die disziplinierter gewesen. Aber die Verwicklungen, die es gegeben hätte, wenn ... Nicht auszudenken!

„Und wie zünden wir die Bombe?“, fragte Tennyson.

„Per Funk natürlich“, antwortete Broom. „Ich habe in der Nähe des Schachtes eine verfallene Villa gemietet. Das ist kein Problem. Ein Problem ist, wie wir die Bombe in Baltimore an Land bringen und dann zum Schacht schaffen.“

„Ich kann ein paar zuverlässige Froschmänner mobilisieren“, sagte Culliford.

„Schön. Wir brauchen sie Ende des Monats. Wahrscheinlich wird die Susami Maru, ein japanischer Frachter, Baltimore am vierundzwanzigsten August anlaufen. Wir müssen die Bombe nachts bergen und an Land bringen. McCalmon wird einen Tieflader besorgen, auf dem sonst große Dampfkessel transportiert werden. So schlimm dürfte es nicht werden.“

„Und der Schacht?“ Tennyson zweifelte offenbar noch immer an der Durchführbarkeit des Projektes.

„Wir haben schon vor zwei Jahren einen stillgelegten Schacht gekauft. Eine ehrwürdige Kohlengrube bei Hillside, einige Meilen vor Hagerstown, aber noch in Virginia. Der Schacht trug ursprünglich den Namen Rebecca Reed.“

„Rebecca Reed?“ Sandy Perkins lachte. „Komisch, so heißt eine Bekannte von mir. Sie hat auch mal als Fotomodell gearbeitet, jetzt singt sie in einem Nachtklub.‟

„Die Rebecca Reed, nach der diese Grube benannt wurde, war klein und verwachsen“, lächelte Broom. „Sie war sechzehn Jahre alt, als ihr Name in den Schlagzeilen der Zeitungen auftauchte. Achtzehn-achtundneunzig war es wohl. Da drohte eine riesige Abraumhalde ins Rutschen zu geraten und das ganze Dorf zu verschütten. Doch Rebecca hatte aufgepasst und konnte ihre Mitbürger noch rechtzeitig warnen. Aus Dankbarkeit taufte man die damals sehr gut florierende Grube auf ihren Namen.“

„Wie rührend“, brummte Culliford.

„Als wir die Grube abkauften, änderten wir den Namen in Hell IV. Sie liegt genau zwischen Hell IIP und Hell V. Der alte Besitzer, ein etwas schwachsinniger Major, wollte es so. Sein Großvater war damals Schuld daran, dass das Dorf in Gefahr geriet. Man machte ihm zeitlebens die Hölle heiß, und der Name Rebecca Reed war für die Familie des Majors immer ein Ärgernis. Vor einigen Wochen ist der komische Kauz gestorben, an einer Lungenentzündung. Die ganze Gegend ist menschenleer, eine schmutzige, steinige Einöde, wir werden ungestört arbeiten können.“

„Einfach genial“, murmelte Tennyson. Es klang nicht einmal ironisch.

„Ehe die Bombe kommt, werden Sie, meine Herren, den Schacht herrichten, den Liegeplatz der Susami Maru erkunden, die Strecke zwischen Baltimore und Hillside mehrmals abfahren, und die Froschmänner beschaffen. Nähere Anweisungen bekommen Sie noch. McCalmon wird die Aktionen leiten und koordinieren. Ich bringe Ihnen noch Ihr Geld und tauche dann unter. Es hat doch geklopft ...? Herein!“

Der Ober erschien und überreichte Broom ein Telegramm. Broom dankte dem Spanier und riss das Kuvert auf. Das Telegramm kam aus Hongkong und war von einem A. Woodward aufgegeben; McCalmons Deckname. Der Text lautete kurz und bündig: „Maschinen beide verkauft. Alter Auftrag bestätigt.“

„Chipping und Duggan sind also tot“, sagte Broom zufrieden. „Der Weg ist frei! Die achttausend Mann in Langley stehen schon so gut wie am Grabesrand ...“

image
image
image

3

image

Knapp über dem grünen Reisfeld hing die Morgensonne wie ein riesiger Lampion. Der Wind, der vom Meer herüberkam, drückte die jungen Halme nach Norden. Merkwürdig kleine Krähen strichen über die eintönigen Flächen, hinten vor den sanften Hügeln stieg weißer Rauch in den rosa getönten Himmel. Es war still, nur hin und wieder gluckste das schlammige Wasser drüben, wo die Entwässerungskanäle sich trafen.

Zwischen der grünen Wand der Reishalme und der grauen Straße hatte man eine flache Grube ausgehoben. In der Grube, die sich etwas mit schwarzbraunem Wasser gefüllt hatte, lagen drei Männer. Sie waren vor einigen Stunden erschossen worden und boten einen grauenhaften An blick. Doch die beiden hemdsärmeligen Soldaten, die gerade einen etwa fünfunddreißig Jahre alten, schlanken Amerikaner aus einem weißen Sanitätswagen hoben und zur Grube hinübertrugen, nahmen sie hin wie Felsbrocken, die schon jahrelang an dieser Stelle lagen. Sie hatten den Mann an Armen und Beinen gepackt und schleiften ihn über den klebrigen Boden. Sein blondes Haar tränkte sich mit tief schwarzem Schlamm, als sein Kopf für einen Augenblick in eine ölig schimmernde

Lache tauchte. Im Gegensatz zu den anderen Opfern war sein zerfetztes Hemd nicht mit Blut getränkt.

„Los, ’rein mit ihm!“, murmelte der größere der beiden Soldaten. Sie legten den Amerikaner in die Grube.

„Der hieß Archibald Duggan“, sagte der andere Soldat. „War ein ganz gerissener Hund.“

Sie gingen zum Sanitätswagen zurück.

Archibald Duggan erwachte schlagartig.

Augenblicklich begriff er, was los war. Tingjis Pulver hatte seine Schuldigkeit getan. Aber irgend etwas musste nicht geklappt haben. Jedenfalls lag er jetzt zwischen den erschossenen Männern und sollte wie diese eingeäschert werden.

Schon hörte er Schritte. Zugleich entdeckte er, dass der Leichnam Chippings neben ihm lag. Archibald wurde es schwarz vor Augen. Nur mühsam und mit aller Kraft konnte er seine wirbelnden Gedanken unter Kontrolle bringen und sich auf das Nächstliegende konzentrieren.

Wieder Schritte! Aus ihrem Stakkato schloss Archibald, dass es sich um zwei Soldaten handeln musste. Aus dem Ächzen der Männer war zu entnehmen, dass sie diesmal einen sehr schweren Leichnam trugen.

„Den hätten wir fast übersehen“, sagte der eine.

Duggan lief der Schweiß in die Augen. Das konnte das „Aus“ bedeuten.

Jetzt hatten sie die Grube erreicht. Für einen Augenblick war es so still, dass Duggan fürchtete, das Klopfen seines Herzens würde ihn verraten.

Rebecca Reed!

Nur diese beiden Worte jagten noch durch sein Hirn. Er wusste nicht, warum.

Dann zwei, drei Rufe, und neben ihm klatschte ein schwerer Körper in den Schlamm. Etwas Schweres und doch wieder Weiches fiel quer über Duggans Nacken. Er verlor für Minuten das Bewusstsein.

Er kam erst wieder zu sich, als sein Rücken feucht wurde. Und dann verriet ihm sein Geruchssinn, dass man ihn gerade mit Benzin übergossen hatte.

Benzin!

Ein winziger Funke genügte jetzt, ein einziges Streichholz, um ...

Da flog es schon.

Archibald, der instinktiv die Augen aufgerissen hatte, sah es in einer weiten Parabel herankommen. Wie ein Komet schoss es auf ihn zu, ein Komet des sicheren Todes.

Unwillkürlich schrie Archibald auf. Und noch während sein Schrei über die morgendlichen Reisfelder hallte, hatte er die Knie unter den Körper gerissen und sich mit übermenschlicher Willenskraft aus der flachen Grube herausgeschnellt.

Er prallte gegen den größeren der beiden Soldaten. Sie stürzten beide und verkrallten sich noch im Fallen ineinander. Archibald hörte, wie hinter ihm die Flammen aufloderten, er spürte die Hitze.

Sie rollten in das Reisfeld und ließen für Sekunden voneinander ab, weil Wasser und Schlamm ihnen in Mund und Nase gedrungen waren. Mit einem wilden Aufschrei gelang es dem Soldaten dann, Duggans Kopf unter Wasser zu drücken. Archibald verlor für einen Augenblick die Orientierung. Mit einer Reflexbewegung erwischte er den rechten Fuß des Soldaten. Der Mann verlor das Gleichgewicht und stürzte zur Seite. Archibald riss sich los und packte den Soldaten am Hals.

Schon glaubte er, gewonnen zu haben, da peitschten Schüsse über die Straße. Dicht neben ihm klatschten mehrere Kugeln in den Morast.

Der zweite Soldat hatte eingegriffen.

Archibald riss seinen direkten Gegner hoch, um ihn als Schutzschild zu gebrauchen. Das Feuer verstummte. Der Mann hing jetzt wie eine Strohpuppe in Archibalds Armen. Er war etwas kleiner, so dass sich Archibald nach unten beugen musste.

Duggan sah, dass der andere Soldat immer näher herankam, um eine größere Chance zu haben, ihn zu treffen, ohne seinen Kameraden zu verletzen.

Archibald suchte fieberhaft nach einem Ausweg, aber offensichtlich gab es keinen mehr.

Der Soldat mit der Pistole in der Hand rief ihm etwas zu, das wie „Aufgeben“ klang. Archibald ignorierte es.

Urplötzlich spürte er dann, wie sich der Lauf einer schweren Armeepistole in seinen Leib bohrte.

Verdammt! Der Mann, den er gepackt und gewürgt hatte, war gar nicht bewusstlos, er hatte nur geblufft. Während Duggan seine Aufmerksamkeit auf den anderen Soldaten gerichtet hatte, war er mit unglaublicher Geschicklichkeit an seine Waffe herangekommen. Schon krümmte sich sein Finger, schon glitt ein grimmiges Lächeln über sein rundes Gesicht.

Duggan warf sich zur Seite, doch im gleichen Sekundenbruchteil hatte der andere auch abgedrückt.

Die Kugel riss einen Fetzen Stoff aus Duggans blauer Hose, ritzte ihm die Hüfte und bohrte sich dann in die Brust des herbeistürzenden Soldaten. Der Mann war auf der Stelle tot.

Mit einem raschen Handkantenschlag setzte Duggan auch seinen eigentlichen Gegner außer Gefecht.

Sekunden später hatte er sich die Uniformjacke des toten Soldaten angezogen und dessen Mütze über den Kopf gestülpt. Dann zerriss er das Hemd des Betäubten in Streifen und fesselte ihn damit. Obwohl der Mann ziemlich klein war, hatte Archibald einige Mühe, ihn zu dem weißen Sanitätswagen zu schleifen, den er zu seiner großen Erleichterung drüben auf der Straße entdeckt hatte. Endlich hatte er den Soldaten auf den Beifahrersitz bugsiert.

Archibald Duggan stieg ein. Er wagte es nicht mehr, noch einen letzten Blick auf die lodernden Flammen zu werfen. Er wusste, dass er dieses Bild niemals vergessen würde.

Voller Zorn und Abscheu über das Geschehene ließ er den Motor aufheulen. Ein langer Weg lag vor ihm, tausend Gefahren und Fallen erwarteten ihn. Aber er war zuversichtlich, obwohl er seine Chancen nicht allzu hoch veranschlagte.

Er musste alles auf eine Karte setzen, er war der einzige, der den Schlüssel zur Lösung dieses Falles in der Hand hielt. In der Hand hielt ... Ach, wenn es doch so einfach gewesen wäre! Er hatte sich ja nur zwei Worte eingeprägt: Rebecca Reed.

Der flache weiße Sanitätswagen setzte sich in Bewegung, knatternd und ruckartig. Dann holperte er die Straße hinunter. Drei Meilen bis zur Grenze.

Da! Unwillkürlich trat er auf die Bremse. Ein offener Lastwagen kam ihm entgegen. Soldaten mit schussbereiten Maschinenpistolen füllten die Ladefläche.

Aus! Duggan resignierte. Sie hatten ihn also eingekreist. Wenden konnte er auf der schmalen Straße nicht, und nach links oder rechts ausbrechen auch nicht, denn in den morastigen Reisfeldern wäre er schon nach wenigen Yard steckengeblieben. Und die anderen einfach rammen? Auch sinnlos. Also abwarten.

Er lenkte seinen Wagen nach rechts, wo ein wenig Platz war, und hielt. Mit zitternden Händen steckte er sich eine Zigarette an.

Jetzt war der Lastwagen mit den Soldaten heran.

Er fuhr vorüber. Die Soldaten winkten ihm zu.

Duggan brauchte lange, um zu begreifen, dass nichts geschehen war. Sie hatten ihn also für einen der Ihren gehalten.

Aber was nutzte das schon? In wenigen Minuten mussten sie ihren toten Kameraden entdeckt haben. Dann würden Dutzende von Hubschraubern aufsteigen, um den Mann zu suchen, der nicht unter den Toten war, den Mann, der Archibald Duggan hieß und zu viel wusste.

Archibald holte aus dem alten Sanitätswagen heraus, was nur herauszuholen war. Aber viel war es nicht, und es schien ihm zuweilen, als säße er auf einer Dampfwalze.

Der Soldat neben ihm rührte sich noch immer nicht. Er sah so friedlich aus wie ein schlafendes Kind.

Plötzlich zogen sich Duggans Augen zusammen. Ein freudiger Schreck riss ihn fast vom Sitz. Er spürte, wie sein Blut schneller durch den Körper pulste. Drüben am Gegenhang zog sich die Grenze entlang. Nichts weiter als ein Stacheldrahtverhau. Der nächste Wachtturm war etwa eine halbe Meile weit entfernt. Wenn ihn die Erfahrungen aus seiner Militärzeit nicht täuschten, war das Gelände nicht vermint.

In fünf Minuten wird er gerettet sein.

Da! Ein Geräusch hinter seinem Sitz. Archibald fuhr herum und starrte in ein breit lächelndes Gesicht und in die Mündung einer schweren Pistole.

Es war Tingji, sein Wächter.

„Mister Duggan, biegen Sie bitte nach links ab“, sagte er höflich, aber bestimmt.

image
image
image

4

image

Die Wälder Virginias waren grün geblieben, obwohl die Sommersonne schon seit Wochen Tag für Tag vom wolkenlosen Himmel brannte. Aber die achttausend Menschen in der CIA-Zentrale schienen langsam auszudörren, gegen eine solche Hitze kam auch die beste Klimaanlage nicht an.

Der Mann, der den Decknamen Brown trug, schwitzte dennoch nicht, und wahrscheinlich hatte er es seiner vorzüglichen körperlichen Verfassung zu verdanken – trotz seiner fünfzig Jahre war er schlank und schmal geblieben. Aber die grauen Haare zeigten an, dass er schwer an der Last trug, der mächtige Mann im Hintergrund zu sein und weitreichende Entscheidungen treffen zu müssen.

Brown blickte auf die moderne elektrische Uhr, die neben dem leicht vergilbten Porträt von Colonel William Donovan hing. „Wild Bill“, der Gründer des strategischen Geheimdienstes, des „Office of Strategie Services“ (OSS), schaute ihn derart durchdringend an, dass Brown unwillkürlich zusammenzuckte. Erst nach Sekunden wurde ihm bewusst, dass seine Uhr wieder einmal stehengeblieben war. Brummend stand er auf, ging um seinen mächtigen Schreibtisch herum und blieb dann kopfschüttelnd vor der Uhr stehen. Ein Geburtstagsgeschenk. Ganz behutsam nahm er die Uhr vom Haken, dann aber warf er sie mit ziemlicher Kraft in den Papierkorb, wo sie sich in ihre Bestandteile auflöste. Er hasste alles, was nicht exakt funktionierte.

Sofort stand Miss Ferguson in der Tür, die ältliche Sekretärin. „Ist was passiert, Mr. Brown?“ Sie traute ihren Augen nicht. Was hatte er nur, vielleicht war es besser, wenn sie den Arzt herbeiholte.

Brown stand wie gebannt vor der grauen Wand und starrte sie an. Fast schien es, als würde er sogar das Atmen vergessen.

„Sehen Sie mal, Miss Ferguson“, sagte er dann mit tonloser Stimme. „Jetzt geht es auch bei uns los.“

Was ihn so fesselte, war nichts weiter als ein feiner Riss, der sich schräg die ganze Wand hinunterzog. Schon seit Wochen beunruhigten solche Risse und Sprünge in Wänden und Decken die Angestellten und Beamten im CIA Hauptquartier. Drei Fachleute hatten sich schon um eine vernünftige Erklärung dieses Phänomens bemüht – leider umsonst. Eine schwer in Worte zu fassende Unruhe hatte die verantwortlichen Männer erfasst. Brown hatte sie immer wieder ausgelacht, aber nun ...

„Ist der leitende Ingenieur der Baufirma schon hier gewesen?“, fragte er die Sekretärin.

„Er wollte heute Vormittag vorbeikommen ...“

„Ich möchte ihn dann sofort sprechen!“

„Sehr wohl.“ Miss Ferguson hatte sich die Sprechweise englischer Butler angewöhnt. Mit einer leichten Verbeugung verließ sie das Zimmer ihres Chefs.

Brown ließ sich in seinen lederbespannten Sessel fallen und stützte den Kopf in die Hände. Als Mensch, der den Verstand über alles schätzte, glaubte er natürlich nicht an so etwas wie eine innere Stimme. Und dennoch hatte er seit einiger Zeit das Gefühl, als würde irgendwo in seinem Innern eine Alarmglocke schrillen. Eine rätselhafte, nicht fassbare Angst bedrückte ihn.

Die rote Lampe an seinem Telefon leuchtete auf. Er drückte einen hellgrünen Knopf mit der Aufschrift EX nach unten.

„Ja, bitte?“

„Für Sie‟, sagte Miss Ferguson mit leichter Schadenfreude. Unser Zwerg Allwissend will Sie sprechen.“

„Danke“, sagte Brown gleichmütig, obwohl er alles andere als erfreut war. „Zwerg Allwissend“ war der Spitzname eines der einflussreichsten und mächtigsten Männer der amerikanischen Administration. Jeden Tag bekam der Präsident der Vereinigten Staaten von der CIA ein dünnes Heft geliefert, das den Titel trug: „Intelligence Check List. For the President. Top Secret.“ (Nachrichtenprüfliste für den Präsidenten. Streng geheim.)

Der Umschlag enthielt einige maschinengeschriebene Blätter. Links standen kleine Schlagzeilen und rechts kurze Ausführungen zu dem angeschnittenen Thema. Und gleich nach dem Präsidenten bekam Zwerg Allwissend dieses Heft, um es genauer auszuwerten und die Gedanken des Präsidenten zu dokumentieren. Er war ein körperlich etwas klein geratener, aber ungemein gefürchteter Mann. Brown drückte auf den Verzerrerknopf seines Spezialapparates und sagte seinen Erkennungssatz.

„Okay!“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang so überlegen, vorwurfsvoll und autoritär wie die eines Lehrers, der seinen Schülern gerade die schlechten Aufsätze zurückgibt. „Ich lese hier eben, dass sich die Gerüchte verstärken, man wolle das CIA Hauptquartier lahmlegen. Soll das ein Witz sein?“

„Nein, Sir, durchaus nicht.“ Brown blieb ruhig, obwohl ihm die Arroganz des anderen erheblich zu schaffen machte. „Es sind zwar nur Gerüchte im Umlauf, aber ... Der einzige ernstzunehmende Hinweis kam von Tingji, und zwar über Hongkong.“

„Tingji...?“

Brown konnte direkt sehen, wie Zwerg Allwissend angewidert das Gesicht verzog. „Das ist doch nichts weiter als ein lumpiger Doppelagent, Mr. Brown, ich bitte Sie!“

„Schon ...“ Brown seufzte leicht. „Natürlich kann es sein, dass sie uns nur beunruhigen wollen, dass sie unsere Aufmerksamkeit von wichtigeren Dingen ablenken möchten, aber trotzdem mussten wir die Spur verfolgen und ausreichende Sicherungsmaßnahmen einleiten.‟

„Und?“

„Wir haben jeden Winkel unseres Gebäudes abgesucht – nichts! Wir haben im Umkreis von zehn Meilen jedes Fleckchen Erde geprüft – nichts! Wir lassen ununterbrochen einen Hubschrauber über dem Gebäude kreisen, wir haben überall Geigerzähler montiert, Luft und Trinkwasser werden laufend überwacht, die Kontrollen sind verschärft worden – mehr können wir auch nicht tun!“

„Das will ich hoffen!“

Es knackte in der Leitung, Zwerg Allwissend hatte aufgelegt, ohne sich zu verabschieden. Brown ließ den Hörer auf die Gabel fallen und seufzte.

Er hatte nicht viel Zeit, sich zu ärgern, denn schon wenige Minuten später führte Miss Ferguson den angekündigten Ingenieur ins Zimmer. Es handelte sich um einen überaus korrekt gekleideten Mann Mitte der Vierzig, der etwas Roboterhaftes an sich hatte.

„Hickson, von der Firma Hickson & Payne, Hoch- und Tiefbau“, sagte er mit einer leichten Verbeugung.

„Brown, von der Central Intelligence Agency“, erwiderte der CIA-Mann ohne zu lächeln. „Bitte, nehmen Sie Platz, Mr. Hickson ... Was gibt es?“

„Nun.“ Hickson war ein wenig verwirrt. „Nicht, was Sie denken. Kein altes Bergwerk unter dem Gelände hier, keine Tropfsteinhöhle oder ähnliches. Auch keine Schlammablagerungen des alten Potomac-Armes. Wir haben mehrere Bohrungen durchgeführt, fünfzig bis hundert Yard tief, und was soll ich Ihnen sagen: alles wunderbarer, hundertprozentig stabiler Fels! Die feinen Risse im Gemäuer sind völlig belanglos, geringfügige Ermüdungserscheinungen im Beton, die nichts zu bedeuten haben. Die Fundamente Ihres Domizils, lieber Mr. Brown, sind von einmaliger Güte und Stabilität. Sie sind so sicher, wie zwei mal zwei vier ist!“ Hickson lachte ein wenig krächzend.

„Hm ...“ Brown schien erleichtert. „Zu den gleichen Resultaten sind auch die Ingenieure der Regierung gekommen.“

„Ja, ja, alles vortreffliche Kollegen!“, versicherte Hickson eilfertig. „Mein schriftlicher und sehr ausführlicher Bericht wird Sie in den nächsten Tagen erreichen.“

„Dafür bin ich Ihnen sehr zu Dank verpflichtet“, erwiderte Brown mit gespielter Förmlichkeit, während er aufstand, um den Ingenieur zu verabschieden. Er wartete noch, bis Hickson in den Lift geklettert war, dann öffnete er die Tür zum Schreibzimmer und überraschte Miss Ferguson, wie sie sich die Fingernägel lackierte.

„Oh!“ Miss Ferguson wurde puterrot und ließ den Nagellack blitzschnell verschwinden. Sie schämte sich ein wenig. Schließlich war sie nicht mehr die Jüngste.

„Ist Duggan schon da?“, fragte Brown. „Ja, er wartet unten bei Miss Haycox, diesem aufgedonnerten Frauenzimmer mit dem schändlichen Minirock. Ich sage Ihnen ...“

„Duggan soll sofort hochkommen.“

„Sehr wohl, Sir.“

Wenig später saßen sich die beiden Männer gegenüber.

„Sie haben ja noch immer ein blutiges Kinn“, sagte Brown, nachdem sie bald eine Minute schweigend aus dem Fenster gestarrt hatten.

Unwillkürlich fuhr sich Archibald Duggan mit der rechten Hand über sein Kinn. Dann grinste er. „Kann die Regierung denn überhaupt nichts gegen die Unternehmer tun, die Lippenstifte mit einer blutroten Farbe herstellen?“

„Es scheint Ihnen also schon wieder besser zu gehen?“

„Ich habe einiges zu vergessen und ...“

„Schon gut!“ Brown griff nach einem marineblauen Aktendeckel. „Ich habe Ihren Bericht bereits mehrmals gelesen ...“

„Das freut mich“, sagte Duggan mit leichtem Spott.

„Die Rolle, die Tingji dabei gespielt hat, ist mir noch nicht ganz klargeworden.“ Brown war ganz versunken in den Anblick eines zitronengelben Schmetterlings, der gerade auf seinem Fensterbrett gelandet war.

„Fest steht, dass Tingji mich mit seinem Pulver gerettet hat.“

„Das Zeug hatte er von unserem Residenten in Hongkong, ebenso die fünftausend Dollar für den Auftrag, Sie irgendwie aus dem Gefängnis herauszuholen.“

„Was er ja auch getan hat.“ Duggan lächelte. „Dann aber wollte er mich auf der Flucht erschießen und von den anderen noch einmal fünftausend Dollar kassieren, Kopfgeld sozusagen.“

„Nicht schlecht.“

„Mir blieb nichts weiter übrig, als ihn mit schönen Worten von seinem Vorhaben abzubringen“, sagte Duggan mit etwas verzogenem Gesicht. „Wie mir das gelingen konnte, habe ich bis heute noch nicht begriffen. Es war schlimm ... Egal! Jedenfalls habe ich ihm viel Geld und einen gesicherten Lebensabend in den Staaten versprochen. Nach einigem Hin und Her brachte er mich dann zur Grenze und verschwand in den Reisfeldern.“

„Vielleicht ist das alles ein abgekartetes Spiel“, sagte Brown nachdenklich, „und die anderen haben die Fäden so geschickt gezogen, dass wir in eine gewaltige Falle tappen.‟

„Was ist denn mit Rebecca Reed?“, fragte Duggan mit kaum verhohlener Erregung.

„Hm.‟ Brown griff zu einem orangefarbenen Schnellhefter. Sonderlich hoch schien er Duggans vermeintliche Trumpfkarte nicht gerade einzuschätzen.

„Mel Chipping war ein guter Agent“, sagte Duggan schnell. „Er war ein Ass, man kann sich voll und ganz auf ihn verlassen.“

„Daran zweifelt ja auch gar keiner“, erwiderte Brown besänftigend. „Aber hören Sie doch bloß mal, was die Computer und die Beamten von City Police, FBI und CIA inzwischen herausgefunden haben. Allein in diesem Staat gibt es dreiundachtzig Frauen, die den Namen Rebecca Reed tragen. Wenn Sie die alle überprüfen wollen, dann ...“

„Es werden ja auch achtzigjährige Großmütter dabei sein“, brummte Duggan.

„Natürlich werden nicht alle so attraktiv sein wie Miss Haycox“, bemerkte Brown trocken.

„Ich meine doch etwas ganz anderes!“ Duggan war ein wenig ärgerlich. „Natürlich ist das eine vage Spur, aber es ist doch wenigstens eine. Dass die anderen einen großen Coup planen, weiß doch in diesem Hause schon bald jede Putzfrau. Man muss was tun, man kann nicht dasitzen und warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist.“

„Sie haben ja recht, Duggan, natürlich werde ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um herauszufinden, was es mit dieser Rebecca Reed auf sich hat.“

„Schließlich musste Mel Chipping sterben, weil er diese beiden Worte kannte“, sagte Duggan mit Nachdruck. „Und kein Mensch weiß genau, warum sie mich gefangengenommen und ausgequetscht haben. Ich habe ja wirklich nur Urlaub in Hongkong gemacht. Und wenn der Sturm nicht gekommen wäre und der Motor meines Bootes richtig funktioniert hätte, dann ... Vielleicht sollte ich nur sterben, weil ich der Freund Chippings war und man automatisch annehmen musste, dass ich über die gleichen Informationen verfügte wie er. Vielleicht war es auch ein Racheakt, schließlich habe ich ja Sun Bodjau zur Strecke gebracht. Aber ich halte nicht viel von diesen Überlegungen. Ich glaube eher, sie wollten nur wissen, ob die CIA schon Wind von ihrem großen Unternehmen bekommen hatte.“

„Ja, das klingt recht logisch.“ Brown nickte. „Was hat denn die ärztliche Untersuchung ergeben?“ Er war recht sprunghaft heute.

„Wessen Untersuchung?“

„Ihre natürlich!“

„Alles wieder okay.“

„Dann werden Sie sich sogleich auf die Jagd nach dieser Rebecca Reed machen.“ Brown blätterte in den Akten herum. „Das heißt, wenn sich hinter diesem Namen wirklich eine Frau verbirgt.“

„Wieso?“

„Na, hören Sie mal: Rebecca Reed ist erstens der Name eines Fährschiffes, das zwischen New Orleans und Baton Rouge verkehrt, zweitens eine Haferflockenmarke, drittens der Titel eines Romans der Schriftstellerin Joan Conway, und viertens der Name einer offenbar weltbekannten Bar in Stockholm. Das mit der Bar hat mir vorhin ein Mann des militärischen Nachrichtendienstes erzählt. Was sagen Sie nun?“

„Das ist nicht sehr ermutigend‟, brummte Archibald Duggan.

„Scheint mir auch so. Wir werden dennoch jede Chance nutzen und jeder Spur nachgehen. Mir stehen genügend Agenten zur Verfügung. Die wichtigsten Aufgaben übernehmen Sie natürlich. Es ist Ihnen doch recht, wenn wir mit den Frauen anfangen?“

„Ja, warum auch nicht?“

„Ich habe die vorhandenen Daten nach bestimmten Gesichtspunkten auswerten lassen: Alter, Auslandsaufenthalte, Sprachkenntnisse, Herkunft, Beruf, Einkünfte, Lebenswandel, Vorstrafen und so weiter. Dabei bin ich auf drei Frauen mit dem Namen Rebecca Reed gestoßen, die für uns interessant sein könnten. Nummer eins ist eine Fernsehansagerin, Nummer zwei eine Dolmetscherin, und Nummer drei eine Nachtklubsängerin im Black Angel in New York. Welche der Damen möchten Sie zuerst unter die Lupe nehmen?“

„Die Nachtklubsängerin“, antwortete Duggan spontan.

„Gut.“ Brown machte sich ein paar Notizen. „Ja, dann ...“ Der Lärm einer ziemlich niedrig vorbeifliegenden Boeing 707 drang durch das offenstehende Fenster. „Dann wünsche ich Ihnen viel Glück.“

„Danke.“

Die beiden Männer verabschiedeten sich mit einer etwas unterkühlten Herzlichkeit. Duggan zog die Tür recht temperamentvoll hinter sich zu.

Brown war nachdenklich geworden. Er stand am Fenster und blickte der eleganten Düsenmaschine nach. Er wusste, dass es die Linienmaschine der TWA war, die von San Francisco kam.

Und der Mann, der in dieser Maschine auf dem Platz Nummer 53 saß, wusste ganz genau, dass schräg unter ihm das CIA-Gebäude lag. Aus einer Höhe von etwa tausend Fuß sah es aus wie ein heller Würfel, der auf ein grünes Tuch gerollt war. Er wusste auch, dass er diesen Würfel zu vernichten hatte. Er kam aus dem Fernen Osten, hieß Jack McCalmon und musste immer wieder an Archibald Duggan denken.

image
image
image

5

image

Jack McCalmon galt als einer der seriösesten und erfolgreichsten Autohändler New Yorks. Seine dreizehn Verkaufsfilialen in Manhattan, Brooklyn und Queens waren Meisterwerke moderner Innenarchitektur.

Niemand wusste, dass die scheinbar so ehrbare Firma McCalmon Cars kaum mehr als ein Aushängeschild war. Jack McCalmon hatte sie vor fünf Jahren gegründet, um seine ungesetzlichen Geschäfte in aller Ruhe abwickeln zu können. Inzwischen genoss er so viel Ansehen, dass die Polizei in bestimmten Fällen eher den Präsidenten verdächtigt hätte als McCalmon. Durch den Vertrieb von Rauschgift, durch Waffenschmuggel, Erpressung, Mädchenhandel und die Ausführung von Mordaufträgen war McCalmon ein reicher Mann geworden. Aber mit jedem Dollar, den er als Boss einer gut durchorganisierten Gang „verdiente“, wuchs seine Gier nach weiteren Dollar. Er war unersättlich, er war krank. Geld war für ihn das Rauschgift, ohne das er nicht mehr leben konnte. Er brauchte immer größere Dosen davon. Und darum war er auf Brooms Angebot eingegangen.

Jetzt kam er vom New York Municipal Airport (La Guardia) und fuhr durch Queens hindurch, um seine Wohnung in der oberen East Side von Manhattan zu erreichen. Natürlich wohnte er in einer der „Money Streets“, jenen eleganten, baumüberschatteten Blocks der oberen East Side in den fünfziger, sechziger und siebziger Straßen, und zwar am Beekman Place, nicht weit vom UN-Gebäude und von Archibald Davison Rockefeller III. entfernt.

Aber welche Welten trennten ihn noch immer von einem solchen Mann! McCalmon litt darunter wie andere Menschen unter einem Krebsgeschwür.

In zügiger Fahrt überquerte er die Queensboro Bridge und bog dann nach links in die Sutton Place Street ab. Er wusste, dass Broom, Culliford, Tennyson und Sandy in seinem Arbeitszimmer warteten.

McCalmons Haus war groß und repräsentativ, obwohl sich vier verschiedene Stilrichtungen in ihm mischten: modernes Hollywood und französischer Mittelmeer-Stil im Erdgeschoss, englisches Tudor in Obergeschoss und spanisch-barocke Verzierungen an allen Ecken und Enden. Er hatte es durch ein gefälschtes Testament in seinen Besitz gebracht.

McCalmon trat auf die Bremse, sein silbergrauer Chevrolet Camaro stand sofort. Mit der Würde und Nonchalance eines erfolgreichen Geschäftsmannes stieg er aus und schlenderte zu seinem Haus hinüber.

Sandy Perkins stürzte ihm entgegen. Mit einem kleinen Sprung flog sie auf ihn zu und riss ihn fast um. Ein leidenschaftlicher Kuss, das war ihre Begrüßung. Sie war diesem Manne völlig verfallen, denn er gab ihr alles, was sie brauchte: Luxus, Abenteuer und Nervenkitzel.

Dabei passten sie äußerlich gar nicht zueinander, denn McCalmon wirkte klein, ausgemergelt und zerbrechlich. Er war doppelt so alt wie sie, und sein kleiner Kopf war so abstoßend hässlich wie der eines gerupften Geiers. Kleine, fast winzig zu nennende schwarze Knopfaugen, schmale und blutleere Lippen, eine scharfe Nase, hervorspringende Backenknochen, eine lederartige, gelbliche Haut – ein Gesicht von faszinierender Bösartigkeit. Tief schwarze Haare hingen nach Art der römischen Cäsaren in die keineswegs hohe Stirn.

„Sind sie alle da?“, fragte McCalmon, als sie in der kühlen Diele standen.

„Ja.“ Sandy küsste ihn noch einmal.

McCalmon machte sich los. „Jetzt doch nicht“, sagte er ärgerlich und zog Sandy zum Arbeitszimmer hinüber.

Broom wartete schon auf ihn. Ziemlich hochmütig streckte er McCalmon seine feuchte Hand entgegen. In McCalmon sah er nur einen schmutzigen Berufsverbrecher, während er sich selbst als heldenhaften Vorkämpfer revolutionärer Ideale betrachtete.

McCalmon begrüßte auch Culliford, seinen Stellvertreter und Killer, und Tennyson, den Mann aus Schweden. „Wie ist es, meine Herren, noch einen Whisky, bevor es losgeht?“

„Klar!“, rief Culliford. „Ich sitze schließlich schon eine halbe Stunde hier und trinke warmes Mineralwasser.“

Broom protestierte zwar, aber McCalmon setzte sich durch. Außer Broom stürzten sie alle ihren eiskalten Bourbon hinunter, auch das Mädchen.

„Können wir nun endlich anfangen?“ fragte Broom ungeduldig.

„Gerne.“ McCalmon ging noch einmal zum Fenster hinüber und zog die schweren orangefarbenen Vorhänge zu. Sein Arbeitszimmer war der einzige Raum, der nicht mit wertvollen alten Möbeln und Gemälden überladen war. Es unterschied sich nicht im Geringsten von den Arbeitsräumen anderer Geschäftsleute: hellgraue Wände, ein anthrazitfarbener Teppich, der keinen Quadratzoll des Fußbodens unbedeckt ließ, zweckmäßige Möbel aus dunkel gebeizten brasilianischen Hölzern, an der Wand das unvermeidliche abstrakte Ölbild.

„Du machst ja ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter“, sagte Culliford, während er sich ungeniert den Kopf kratzte.

„Es ist auch einiges schiefgegangen“, stöhnte McCalmon und ließ sich in einen schalenförmigen Sessel fallen. Sandy brach ihm ein kleines Kissen. „Danke, Liebling, danke. Tja ... wo fange ich an?“

„Am besten bei Mel Chipping“, sagte Tennyson.

„Schön ... Er ist hingerichtet worden!“ McCalmon zündete sich eine Zigarette an.

„Dann ist doch alles in Ordnung – oder?“ Broom starrte McCalmon an.

„Was denn, Mr. Broom, Sie wissen noch nichts?“

„Vielleicht“, antwortete Broom ausweichend.

„Also kurz und gut: Chipping ist zwar tot, aber dieser CIA-Mann, dieser Archibald Duggan, lebt noch.“

„Na und?“, fragte Broom. „Dass Duggan nicht auf uns angesetzt war, dürfte sich doch inzwischen schon herumgesprochen haben. Ich denke, sie wollten ihn nur noch ein wenig ausquetschen.‟

„Duggan hat nichts von unserem Plan gewusst oder auch nur geahnt, das ist sicher. Aber Mel Chipping war sein Freund, und kurz vor der Hinrichtung hat Chipping ihm noch zwei Worte zugerufen – zwei Worte: Rebecca Reed!“

Es war ein Schock für sie.

„Ich habe es selbst gehört!“ McCalmon fuhr unbeirrt fort. „Und Duggan ist auf rätselhafte Weise entkommen. Es besteht kein Zweifel darüber, dass er nach Langley zurückgekehrt ist.“

Robert Broom schwieg noch immer. Krampfhaft bemühte er sich, die neue Situation zu analysieren. Er wusste, dass er ein toter Mann war, wenn er seinen Auftrag nicht erfüllte.

„Ich glaube, wir brauchen uns keine Sorgen zu machen“, sagte er schließlich betont gleichmütig. „Sie werden nie herausfinden, was sich hinter dem Namen Rebecca Reed verbirgt.“

„Immerhin erhöht sich unser Risiko“, sagte Culliford grinsend. „Wie wär’s denn mit einer kleinen Gefahrenzulage.“

„Hm ...“ Broom wusste, dass Geld keine Rolle spielte. Der Etat seiner Auftraggeber ließ nahezu jede Summe zu.

„Wir zahlen im Voraus.“ Das war einer ihrer psychologischen Tricks, die Broom nicht verstand. Aber er musste tun, was die Experten wollten. „Fünfundsiebzigtausend Dollar für jeden, für den Boss ein wenig mehr, fünfzigtausend Dollar Spesen. Das ist ein einmaliges Geschäft für euch.“ Broom zügelte sogar seine Arroganz.

„Wir werden eine Menge Geld brauchen, um hinterher durchzukommen“, sagte McCalmon „Wenn das CIA-Gebäude zerstört ist, wird ein Hurrikan losbrechen.“

„Meine Leute passen schon auf, dass nichts passiert“, sagte Broom mit unbewegtem Gesicht. Dabei zerbrach er sich Tag für Tag den Kopf, wie man die Männer der McCalmon-Gang nach dem Anschlag zum Schweigen bringen konnte. „Notfalls holen wir euch raus.“

„Vielleicht finden sie doch heraus, dass Rebecca Reed der alte Name unseres Schachtes ist“, sagte Tennyson nachdenklich. „Versetzen wir uns doch mal in ihre Lage: Sie werden doch alles versuchen, hinter das Geheimnis des Namens zu kommen. Polizei, Geheimdienste, FBI – alle werden ihre Apparate auf Hochtouren laufen lassen. Schön, der Schacht heißt jetzt anders, und die Gegend ist unbewohnt, aber vielleicht erinnert sich noch jemand an den alten Namen des Schachtes.“

„Und woher können sie wissen, dass sie am Ziel sind, wenn sie den Eingang des Schachtes erreicht haben?“, fragte Culliford. „Wir hängen doch kein Schild ans Gitter: Achtung! Sprengung des CIA-Gebäudes! Erdbebengefahr!“

„Culliford hat recht“, sagte Broom. „Trotzdem sollten wir etwas tun.“

„Wir sollten Duggan ausschalten!“, rief McCalmon. „Er hat im Gefängnis meine Stimme gehört und weiß, dass ich ...“ Er stockte und wurde eine Spur blasser. Er wusste sofort, dass er einen Fehler gemacht hatte.

„Das ist doch Unsinn!“, sagte Tennyson mit Nachdruck. „Wenn wir Duggan erledigen, werden sie doch erst recht wild. Kein vernünftiger Mensch wird eine Hornisse direkt vor dem Hornissennest totschlagen. Sollen wir ihnen wirklich helfen und für neue Spuren sorgen? Nein!“ Tennyson hoffte insgeheim, die CIA würde McCalmon ausschalten. Dann hatte er freie Bahn und konnte sich zum Herren der Gang aufschwingen. Mit Culliford würde er schon fertig werden.

„Tennyson hat recht“, sagte Culliford. Er hatte ungefähr die gleichen Pläne wie der Schwede. Er hasste McCalmon, der ihn jahrelang wie einen Sklaven behandelt hatte. Er wusste auch, dass McCalmon in seinen Panzerschränken Material aufbewahrte, mit dem er einen gewissen Lee Culliford innerhalb weniger Wochen auf den elektrischen Stuhl bringen konnte.

„Auf keinen Fall eine Aktion gegen Duggan!“, sagte Broom drohend. „Wir dürfen ihn nicht ermorden, Mord wäre hier nichts weiter als Selbstmord. Wir müssen versuchen, ihn auf eine falsche Spur zu locken und in Atem zu halten, bis die Bombe gezündet worden ist.“

„Wahrscheinlich werden sie Rebecca Reed für eine Frau halten“, sagte Tennyson. „Ich glaube, das ist unsere Chance.“

„Es gibt bestimmt eine Menge Frauen, die so heißen“, lachte Sandy.

„Wir suchen uns die interessanteste heraus und sorgen dafür, dass sie eine schöne Leiche abgibt“, sagte Culliford. „Dann werden sie wochenlang zu tun haben, im Leben dieser Dame herumzustöbern.“

„Gut, einverstanden“, sagte Broom. „Wir müssen sie dazu bringen, hinter dem Namen Rebecca Reed unbedingt eine Frau zu vermuten! In ihren Gehirnen muss sich ein ganz simpler Schaltvorgang abspielen: Rebecca Reed gleich eine Frau. Wenn wir das schaffen, haben wir gewonnen. Und die Ermordung einer Rebecca Reed scheint mir tatsächlich das beste Mittel zu sein.“

„Es darf aber keine schwerhörige Großmutter sein und kein quakendes Baby“, sagte McCalmon.

„Und Chipping hat Duggan wirklich keinen Hinweis auf den Schacht gegeben?“ Broom wollte sich noch einmal vergewissern.

„Nein, bestimmt nicht!“, versicherte McCalmon.

„Dann gilt es also eine Rebecca Reed zu finden, die als Köder attraktiv genug ist.“ Broom dachte angestrengt nach. „Sie muss ein wenig geheimnisvoll sein, die CIA muss ja überzeugt werden, dass die tote Rebecca Reed eine gefährliche Agentin war. Wir dürfen uns die Sache nicht zu einfach machen. Ich bitte um Vorschläge!“

Culliford gab sich keine Mühe, Sandy auch nicht, McCalmon und Tennyson starrten aus dem Fenster.

„Ich glaube, ich kenne ein Mädchen, das alle Bedingungen erfüllt“, sagte Tennyson dann. „Eine Landsmännin von mir, eine Schwedin. Sie heißt Britt Cederquist und ...“

„He, willst du uns auf den Arm nehmen!“, schnaubte Culliford. „Wir suchen eine Rebecca Reed und keine Britt ... äh ...? Ach, was weiß ich!“

„Nun hör doch erst Mal zu!“ Tennyson schlug mit der Faust auf den Tisch. „Sie tritt in einem Nachtklub in der 54th Street auf – und zwar im bekannten Black Angel. Sie arbeitet für den SP 3, den schwedischen Geheimdienst, und ihr Künstlername lautet Rebecca Reed ...“

„Aha!“, rief Culliford.

„Sie hat den Auftrag, den Mörder und Atomphysiker Stig Tjörnebo zu suchen?“, fragte Broom lauernd.

„Ja“, antwortete Tennyson ruhig. „Man hat sie nach New York geschickt, um mich zu suchen.“

„Wir könnten zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“, sagte McCalmon. „Es ist ja auch in unser aller Interesse, dass Tennyson nicht geschnappt wird, ohne ihn sind wir doch aufgeschmissen.“

„Das leuchtet mir ein“, sagte Broom zustimmend. „Culliford wird es übernehmen.‟

„Okay!“ Culliford grinste.

„Noch heute Nacht“, sagte Broom. „Anschließend werden die Arbeiten im Schacht fortgesetzt. McCalmon, Sie kennen die Pläne bis ins letzte Detail. Wie Ihnen allen bekannt ist, ist dies unser letzter Treff. Sie werden mich nie gekannt haben. Meine Leute lassen Sie in Ruhe, solange Sie in unserem Sinne handeln. Im anderen Fall ... Naja! Sie wissen ja, dass wir Sie auch noch am Ende der Welt zur Rechenschaft ziehen können. So ...“ Broom feuchtete seine Lippen an. „Unten steht mein Chrysler. Culliford steigt in meinen Wagen, und Sie, McCalmon, nehmen Tennyson und Miss Perkins mit. Wir machen einen kleinen Ausflug nach New Rochelle, wo ich Ihnen ein wenig Anschauungsunterricht geben möchte. Beeilen wir uns, damit wir noch vor Sonnenuntergang draußen sind.“

Wenige Minuten später rollten die beiden Wagen hintereinander den East River Drive entlang. Sie kamen in die Bronx hinein und fuhren auf dem Bruckner Expressway zum Long Island Sound hinüber.

„Sind Sie noch hinter uns?“, fragte Broom, als sie auf den New England Thruway abgebogen waren.

„Hm!“, brummte Culliford.

„Sie werden in wenigen Stunden ein reicher Mann sein, Mr. Culliford“, sagte Broom leise. „Aber passen Sie auf, dass Sie das Geld nicht ausgeben, solange das CIA-Gebäude noch steht. Und erinnern Sie sich stündlich daran, dass es Ihnen nichts nützt, wenn Sie unsere Pläne an die CIA verraten. Man wird Ihnen keinen Cent für Ihre Informationen geben, im Gegenteil, bei der Schwere Ihrer bisherigen Verbrechen wird Sie auch der Geheimdienst nicht vor dem elektrischen Stuhl bewahren können. Und das Geld, das Sie von mir bekommen, wäre auf alle Fälle futsch.“

„Ich weiß ja, ich weiß ja!“, stöhnte Culliford. Er hasste diesen Broom. Noch immer spielte er mit dem Gedanken, trotz aller Drohungen aus diesem unheimlichen Geschäft auszusteigen.

Die ersten flachen Häuser von New Rochelle flogen vorbei, die Abendsonne tauchte sie in ein kitschiges Rosa. Sie fuhren die Main Street entlang, die noch langweiliger war als die anderen Hauptstraßen der New Yorker Vororte, und kamen nach einigen Meilen auf die Boston Post Road.

Dann bogen sie nach rechts ab und holperten auf schmalen und ungepflegten Straßen zu einer bizarr geformten Bucht hinunter, die auf den Karten als Larchmont Harbor eingetragen war. Ein paar Werften, Schrottplätze, Kaianlagen und eine saubere Marina. Nur an den Bootsstegen herrschte noch etwas Betrieb, sonst sah man kaum einen Menschen.

„So, da wären wir!“ Broom hielt am Ende einer schmutzigen Sackgasse vor einem verwitterten Holzzaun. Ein Firmenschild gab es nicht, aber die übereinander gestapelten und verrosteten Autowracks ließen unschwer auf einen Schrottplatz schließen. Sie warteten, bis McCalmons Chevrolet hinter ihnen stoppte, dann stiegen sie aus und gingen mit McCalmon, Tennyson und Sandy zur Toreinfahrt hinüber.

Broom rief ein paar Worte über den Zaun, und zwar in einer Sprache, die die anderen noch nie gehört hatten. Ein paar Sekunden später wurde eine schmale Tür aufgezogen, und sie konnten den Platz betreten.

Zu sehen gab es nicht viel, Berge von vergammelten Wagen aller Größen und Klassen und zwei unscheinbare Männer in dunkelblauen Kombinationen. Vom Long Island Sound her wehte eine frische Brise über den Platz, es roch angenehm nach Salzwasser, nach Algen und nach toten Fischen. Drüben am anderen Ufer, in Port Washington, flammten die ersten Lichter auf.

Sie kamen an eine gewaltige Schrottpresse, die tief in den Boden eingelassen war. Wenn man vorn einen Wagen hineinschob und dann auf einen kleinen roten Knopf drückte, setzten sich von fünf Seiten aus mächtige gusseiserne Stempel in Bewegung. Innerhalb einer halben Minute konnten sie den mächtigsten Wagen in einen quadratischen Blechhaufen von der Größe eines Postpaketes verwandeln.

„Zeigt mal, wie sie funktioniert!“, rief Broom auf englisch den beiden Männern zu. Sie nickten nur und bugsierten eine gelbe Oldsmobile-Limousine in die vordere Öffnung der Presse. Broom drückte den Knopf nach unten. Mit einem dumpfen Grollen rückten die ungeheuer kompakten Blöcke gegeneinander vor und krachten dann gegen das Blech. Wenig später ertönte ein akustisches Signal, und dann zeigten ihnen die beiden Männer in den blauen Overalls die Reste des Wagens.

„Nicht größer als ein Fernsehapparat“, sagte Broom und stieß mit dem Fuß gegen das Schrottpaket. Dann gab er den beiden Männern ein Zeichen, sie verschwanden in einer Wellblechgarage. „So, meine Dame, meine Herren. Sie sind nicht zum Spaß hier. Ich wollte Ihnen zeigen, wie wir mit Leuten verfahren, die unsere Arbeit sabotieren.“

Broom zündete sich eine Zigarette an. Dann sagte er: „In dem Wagen hat ein toter Mann gelegen. Er war Bergassessor, Grubenfachmann also.“ Broom schnippte mit den Fingern, als wäre er ein Bandleader. „Vor einer Woche hatte er sich verpflichtet, uns im Schacht unten zu helfen. Sicherheitshalber habe ich sein Telefon überwachen lassen. Gestern Nachmittag hat er sich mit dem FBI in Verbindung gesetzt, um auszupacken. Nun, er hat seine gerechte Strafe erhalten.“

Broom zog vier Schlüssel heraus, die er an McCalmon, Culliford, Tennyson und das Mädchen verteilte.

„Das sind Schlüssel zu vier Schließfächern in der Grand Central Station“, sagte Broom. „Dort werden Sie die Koffer mit Ihrem Geld finden. Ich bin sicher, dass sich unsere Wege nicht noch einmal kreuzen werden. Und wenn, dann komme ich als Ihr Henker!“ Broom wandte sich schon zur Straße. „Und Sie, Culliford, Sie werden heute Abend pünktlich im Black Angel auftreten!“ Broom klopfte Tennyson noch einmal auf die Schulter, so, als wären sie beide ganz besonders verbunden, dann verließ er den Schrottplatz.

Die amerikanischen Gangster starrten ihm ziemlich entgeistert hinterher.

image
image
image

6

image

Der „Black Angel Club“, an der Ecke East 54th Street und Lexington Avenue gelegen, war ein Nachtklub von Format. Das ließ sich schon daran erkennen, dass hier edler Champagner 27 Dollar und eine gebackene Kartoffel mit Kaviar 12 Dollar kosteten. Irgendwo musste ja das Geld für weltbekannte Sängerinnen wie Barbara Streisand herkommen.

Im Augenblick waren die Besitzer des Nachtklubs bemüht, einen neuen Star aufzubauen: Rebecca Reed. Es schien zu glücken.

Rebecca Reed, eigentlich Britt Cederquist, saß in der engen Künstlergarderobe im ersten Stockwerk und wartete auf ihren Auftritt. Noch knapp zehn Minuten.

Rebecca thronte in schwarzer Unterwäsche vor dem gold-gerahmten Spiegel und freute sich über ihre noch immer makellose Figur. Trotz ihrer achtundzwanzig Jahre gab es noch keine Fettpölsterchen. Langsam strich sie sich ihre blonden Haare aus dem Gesicht und starrte minutenlang auf ihr Spiegelbild. Das war ein Ritus, den sie Tag für Tag wiederholte. Ihr Gesicht war oval, und die Züge schienen fast ein wenig zu hart modelliert. Nur der Mund und das Kinn waren weich und sinnlich und ließen auf eine erfahrene Frau schließen. Und die war sie ohne Zweifel. Sie lächelte, als sie daran dachte.

1939 war sie geboren worden, und zwar in Norrtälje, einer kleinen Hafenstadt vor Stockholm. Vater Cederquist, ein vermögender Reeder und ein Vorläufer der heutigen Playboys, hatte seine Britt von Anfang an über alle Maßen verwöhnt. So wuchs sie heran: Verwöhnt und in der äußeren Erscheinung mehr und mehr ein blonder Engel. Wahrscheinlich wäre sie ein heiterer und glücklicher Mensch geworden, wenn sie nicht von ihrer Mutter einen kräftigen Schuss Intelligenz und Intellekt geerbt hätte. Immerhin war ihre Mutter Professor für Literatur in Lund, einer südschwedischen Universitätsstadt.

Mit siebzehn Jahren hatte Britt ihren ersten Roman geschrieben. Für sie hatte das Leben nur ein Ziel, nur einen Sinn: Sie musste um alles in der Welt eine erfolgreiche Schriftstellerin werden. Doch ihr Erstlingswerk war mit der lapidaren Bemerkung zurückgekommen: „Solch eine Lebensfremdheit ist uns noch nie begegnet. Mit Ihrer Schreibtischerfahrung, liebes Fräulein Cederquist, werden Sie nie etwas Vernünftiges zustande bringen.“

Sie hatte Monate gebraucht, um diesen Schock zu überwinden. Gleich nach dem Abitur war sie dann ausgebrochen. Skrupellos hatte sie jede Möglichkeit benutzt, um das Leben kennenzulernen und hinter die Kulissen zu sehen. Sie war die Geliebte vieler einflussreicher und prominenter Männer geworden. Und in jeder freien Stunde schrieb sie ihre Erlebnisse nieder, im Safe ihrer Bank in Stockholm stapelten sich ihre Tagebücher. Sie wusste, dass sie schon im nächsten Jahr einen Bestseller schreiben konnte. Das Ziel war greifbar nahe.

Das Klingelzeichen. Noch fünf Minuten bis zum Auftritt. Geschickt schlüpfte sie in ein knöchellanges, raffiniert einfaches Kleid aus Goldlamee. Es war so eng geschnitten, dass sie sich kaum bewegen konnte. Sie hatte Mühe, die Reißverschlüsse zuzuziehen. Aber das Kleid gefiel ihr, es betonte ihre Figur, besonders die Hüften und die langen Schenkel.

Sie war nervöser als gewöhnlich. Warum bloß? Ihr Instinkt sagte ihr, dass ihr etwas bevorstand, das sie noch nie erlebt hatte. Ob sie endlich dem Mann begegnete, den sie wirklich lieben konnte?

Sie wiederholte noch einmal den Text ihres ersten Chansons. An sich war sie ziemlich unmusikalisch. Hätte sie nicht diesen Paul Kirby kennengelernt, wäre sie niemals Sängerin geworden. Kirby war der Besitzer des Nachtklubs „Rebecca Reed“ in Stockholm. Er hatte sie groß herausgebracht. Aus irgendwelchen sentimentalen Anwandlungen hatte sie sich dann den Künstlernamen Rebecca Reed zugelegt. Ein Name, der ihr gefiel, ein Name, den sie liebte.

Noch zwei Minuten. Fast hätte sie vergessen, dass sie heute Abend um dreiundzwanzig Uhr diesen Kjell Hammarsland vom schwedischen Geheimdienst treffen sollte. Beide waren beauftragt worden, den verschwundenen Kernphysiker und Gattenmörder Stig Tjörnebo in New York aufzustöbern. Tjörnebo wusste zu viel über die schwedischen Verteidigungseinrichtungen. Hammarsland – hoffentlich war er eine Figur wie James Bond und kein ausgemergeltes Männlein. Sie arbeitete schon seit einem Jahr für den SP 3, aber allzu viel erlebt hatte sie noch nicht.

Das zweite Klingelzeichen. Rebecca atmete noch einmal tief durch, dann verließ sie ihre Garderobe.

Wenig später stand sie auf der kleinen Bühne des „Black Angel“, die Scheinwerfer flammten auf.

Ein Ansager erschien. Er war tadellos gekleidet, roch aber zu sehr nach einem süßlichen Parfüm. „Ladies and Gentlemen! Und nun der neue Stern am Himmel des Showgeschäftes, ein Komet: Rebecca Reed!“

Noch in den abflauenden Beifall hinein begann sie zu singen. Zuerst ein schwedisches Lied.

Archibald Duggan, der allein an einem Tisch in der zweiten Reihe saß, war sofort fasziniert. Diese rauchige Stimme, die so ungeheuer sexy war, elektrisierte ihn geradezu. Zuerst hing er nur an ihren Lippen, dann entdeckte er auch ihre anderen Vorzüge.

„Einmal Wodka, der Herr, eisgekühlt, Kaviar und eine Boula-Boula-Suppe.“ Der Ober riss Duggan aus seinen Träumen.

„Boula-Boula?“ Ein wenig misstrauisch musterte er die Suppe.

„Die Suppe der Snobs“, lächelte der Ober, ein eleganter Mann vom Schlage eines Rex Harrison. „Sie besteht zur Hälfte aus Erbsencreme, zur anderen aus grüner Schildkröte. Die Garnierung – gebackener Schlagrahm.“

„Nicht schlecht.“ Duggan hoffte nur, dass die CIA-Leute bei seiner Spesenabrechnung keine Palastrevolution entfesselten. Er nickte dem Ober zu und wartete, bis er den Rückzug angetreten hatte.

Inzwischen war Rebecca Reed hinter einem Vorhang verschwunden, und die kleine Drei-Mann-Band beherrschte die Szene. Duggan war enttäuscht, doch das fabelhafte Essen besänftigte ihn wieder etwas. Ehe sein Fasan kam, hatte er Zeit und Muße, die Inneneinrichtung des „Black Angel“ zu studieren. Fast schien es ihm, als würde er im Saal eines Schlosses sitzen. Man hatte den überladenen Pseudo-Barock des 19. Jahrhunderts kopiert. Die Decken und Wände waren in den Farben Weiß und Gold gehalten, die Teppiche und Vorhänge weinrot, in einigen Nischen auch königsblau. Die Stühle waren mit seidigen Stoffen bespannt und mit Messingknöpfen verziert. An den Wänden hingen wertvolle Porträts europäischer Fürsten. Duggan war sich nur nicht klar, warum dieser stolze Nachtklub ausgerechnet den Namen „Black Angel“ trug.

Als er sein goldbraun gebratenes Stück Fasan genoss, erschien Rebecca Reed zum zweiten Mal auf der Bühne. Duggan verschluckte sich, er musste mehrmals husten.

Aus diesem Grund wurde Rebecca auf ihn aufmerksam. Ihre Blicke trafen sich. Sie spürte genau, wie ihr Blut schneller durch die Adern jagte. Dieser Mann da unten war nur ihretwegen gekommen, sie wusste es. Sie war sicher, dass er sich nach dem letzten Chanson zu ihrer Garderobe schleichen würde. Diesmal würde sie sich nicht einschließen, das stand fest. Fast verpasste sie den Einsatz. Dann sang sie ein getragenes mexikanisches Lied.

Duggan wartete regungslos, bis sie ihren Vortrag beendet hatte und wieder verschwunden war. Sein Fasan war kalt geworden, aber das machte nichts. Nach dem letzten Bissen ließ er sich eine Flasche Dom Perignon auftischen. Der Preis von 27 Dollar störte ihn nicht, zur Not würde er den Champagner aus eigener Tasche bezahlen. Sein Beruf hatte verdammt unangenehme Seiten, und man musste die Stunden, in denen er sich von seiner verzuckerten Seite zeigte, wirklich genießen. Sie waren viel zu selten.

Archibald trank das erste Glas und fühlte sich bärenstark, beschwingt und um Jahre verjüngt. Endlich verschwanden die düsteren Gedanken, endlich brauchte er nicht mehr an Mel Chipping zu denken.

Was sollte er von dieser Rebecca Reed halten? Nicht als Mann, sondern als Geheimagent. Zweifellos war sie eine femme fatale, eine Frau mit aufregender Vergangenheit. Er kannte die Akten, er hatte die wichtigsten Daten ihres Lebenslaufes im Kopf. Aber war sie eine Agentin der Gegenseite, war sie die geheimnisvolle Rebecca Reed, die Mel Chipping gemeint hatte? Warum nicht? Sie besaß zweifellos die Fähigkeit, das Herz jedes Mannes im Nu zu entflammen.

Jetzt erschien sie zum dritten Mal, und die elektrischen Kerzen in den riesigen Kronleuchtern an der Decke erloschen langsam. Diesmal ging sie zum Mikrofon hinüber. Die vielleicht fünfzig Männer im Raum verschlangen sie mit ihren Blicken, die Damen ließen sich ihren Neid nicht anmerken.

Als sie das Mikrofon erreicht hatte, beugte sich sich etwas nach unten und flüsterte: „Und nun ein Chanson, das ich selbst geschrieben habe: Einmal trifft’s auch dich!“ Sie genoss den Beifall und die Ausrufe der Bewunderung und ging dann zu ihrem alten Platz zurück. Sie wollte nicht, dass ihre Stimme durch die Lautsprecheranlage verfälscht wurde. Ihre Augen suchten Archibald Duggan.

Archibald fand das Leben wieder herrlich. Das Chanson, das Rebecca Reed geschrieben hatte, war nicht schlecht. Es war kess und nicht ganz so geistlos wie die meisten solcher Produkte. Es hatte auch seinen tiefen Sinn, es war eine Huldigung an die unwiderstehliche Rebecca Reed, die sich die kleine Britt Cederquist ausgedacht hatte.

„Einmal trifft’s auch dich!“, verkündete Rebecca dunkel und drohend. Da kamen viele Männer und liebten sie: Bankiers, Politiker, Matrosen und Boxweltmeister – und alle mussten sterben, weil sie Rebecca Reed gekannt hatten.

Dieser schwarze Humor schien Duggan ein wenig verdächtig. Sollte sie etwa bestimmte Szenen aus ihrem Leben in dieses Chanson eingearbeitet haben?

Jetzt kam Rebecca Reed zu den Männern, die Spione und Geheimagenten waren. Duggan erstarrte, zumal sie ihn nicht aus den Augen ließ. Was wusste diese Frau, warum machte sie sich über ihn lustig?

Unbeirrt sang Rebecca Reed ihren fünften Vers:

„Unter Wasser, auf dem Lande, in der Luft,

Gehst du ’ran und jagst den Schuft!

Agent bist du, geheim dazu,

Stellst Fallen zwischen Kiel und Kathmandu.“

Duggan war verblüfft. Dass sie als Schwedin wissen musste, dass Kiel eine deutsche Hafenstadt war, lag auf der Hand. Aber wie kam sie auf Kathmandu? Wer kannte schon die Hauptstadt des hinterindischen Königreiches Nepal? Das ließ auf einen ganz ansehnlichen Bildungsgrad schließen. Archibald konzentrierte sich wieder.

„... stellst Fallen zwischen Kiel und Kathmandu“, wiederholte Rebecca Reed. Dann wurde ihre Stimme schärfer und aggressiver:

„Ein Schuss, ein Schlag, ein Schrei,

Du überlebst, die anderen sterben.

So geht es gut in vielen Jahren.

Doch kommst du her, doch liebst du mich –

Yeah, dann trifft’s auch dich!“

Stürmischer Beifall belohnte sie, auch Duggan klatschte. Aber ihm war ein wenig unheimlich zumute.

Rebecca kam zur letzten Strophe. Diesmal nahm sie die Helden der Wildwestfilme aufs Korn.

Duggan verstand die einzelnen Worte schon nicht mehr. Ihre Stimme, der Champagner, er war berauscht.

Jetzt setzte sie an, um den Refrain in den Raum zu schmettern: „Yeah, dann ...‟

In diesem Augenblick rutschte der weinrote Vorhang hinter ihr ein wenig zur Seite. Eine Hand erschien, und mit der Hand eine massive Darbey-Pistole, auf der noch ein Schalldämpfer steckte.

„Rebecca!“, schrie Duggan. „Rebecca ...!“

Zu spät.

Zwei Schüsse, man hörte sie kaum. Rebecca warf die Arme hoch, stieß einen gurgelnden Schrei aus und stürzte dann zu Boden.

Archibald hatte seine 38er Smith & Wesson herausgerissen. Verdammt! Er hatte nicht schießen können, ohne Rebecca zu treffen.

Er hatte kein Wort mit der Sängerin gesprochen, aber irgendwie fühlte er sich mit ihr verbunden. Sie hätten sich sicherlich verstanden. Hätten! Aus, vorbei! Jetzt musste er ihren Mörder jagen.

Duggan sprang auf die Bühne und stieß die herbeieilenden Ober zur Seite. Für einen Augenblick sah er, wie die Gäste erregt zur Bühne oder aber zur Tür liefen, je nach Temperament. Rebecca Reed lag auf der Seite, die beiden Einschüsse in ihrem Rücken sagten alles. So präzise konnte nur ein berufsmäßiger Killer arbeiten. Archibald hatte also eine heiße Spur gefunden!

Duggan riss den Vorhang herunter und stürzte in den schmalen Gang, der sich vor ihm auftat. An den Wänden liefen Röhren und Kabel entlang, ab und zu baumelte eine nackte Glühbirne von der niedrigen Decke herab.

Ein hübscher Kontrast zur Eleganz des Gästeraumes. Duggan hielt sich aber nicht groß mit philosophischen Betrachtungen auf, sondern hastete weiter. Er kam zu der eisernen Treppe, die hinauf zu den Künstlergarderoben führte. Das Schild „Artists“ war kaum zu übersehen. Diesen Weg hatte Rebeccas Mörder ganz sicher nicht eingeschlagen.

Irgendwo vor ihm schlug eine Tür zu. Aha! Der Mann versuchte also, über den Hof zu fliehen und die Lexington Avenue zu erreichen. Duggan jagte weiter. Im Zwielicht konnte er den Türknauf gerade noch erkennen, ein Stück Messing, das ein wenig aufblitzte. Er stieß sich den Kopf an ein paar herabhängenden Handfegern, Bürsten und Plastikeimern, aber er erreichte die Tür. Dann zögerte er eine Sekunde. Natürlich wusste er nicht, dass er es mit Lee Culliford zu tun hatte, aber er war sicher, dass der Mörder ein ausgekochter Profi war. Ob sie draußen auf dem Hof warteten, um ihn niederzuschießen?

Egal! Er riss die Tür auf. Nichts. Der Hof war nicht viel größer als ein Basketballfeld. Über Duggan war eine Neonröhre angebracht, er gab also eine wunderbare Zielscheibe ab. Mit einem gewaltigen Satz sprang er in den Schatten eines abgestellten Kombiwagens.

Dann hörte er ein Scheppern, ein Klirren, direkt über sich. Er fuhr herum. Ein Mann, fast ein Riese, hing vielleicht zehn Yard über ihm an einer höchst wackligen Feuerleiter. Mit den Füßen hatte er eine Fensterscheibe eingetreten, nun versuchte er, seinen massigen Körper durch die enge Öffnung zu zwängen.

Culliford fluchte. Er wusste, dass Archibald Duggan ihm auf den Fersen war. Er hatte den Auftrag ausgeführt, so wie Broom es wollte, aber nun schien seine Flucht zu misslingen. Vor etwa drei Minuten war er von der Lexington Avenue her in den Hof geschlichen. Aber unmittelbar nach ihm musste der Fahrer des Kombiwagens gekommen sein und die entscheidende Tür verschlossen haben.

„Stehenbleiben!“, schrie Duggan, obwohl das natürlich unsinnig war, denn Culliford stand ja nicht auf der Feuerleiter, sondern er hing an einer ihrer Streben wie ein Turner am Reck.

Culliford schwang sich nach vorn, ließ die Verstrebung los und glitt durch die Öffnung, Duggans Kugeln verfehlten ihn um einige Zoll. Er stand in einer schwach beleuchteten Werkhalle, irgendwo kreischte eine elektrische Säge. Offensichtlich machte jemand Überstunden. Culliford zögerte.

Duggan wusste, dass er keine Chance hatte, die Feuerleiter hinaufzukommen. Der andere brauchte nur oben am Fenster zu warten und konnte ihn dann abschießen wie einen Luftballon in den Schießbuden von Coney Island.

Beim Aufspringen stieß Archibald gegen das Heck des blauen Kombiwagens. Er rollte ein paar Zoll zurück. Aha, der Fahrer hatte vergessen, die Handbremse anzuziehen. Sofort wirbelte Duggan herum, das war eine Chance. Er fixierte kurz die hohe hölzerne Tür, die auf die Lexington Avenue hinausführte. Dann packte er die Heckflossen des Wagens mit beiden Händen, stemmte die Füße in den Boden und benutzte das Gefährt als Rammbock. Mit Erfolg – es krachte fürchterlich, Holz splitterte, Glas flog herum, die Tür sprang auf.

Duggan stand in einem hohen, recht altmodischen Flur. Zwei Aufgänge waren zu erkennen. Über dem rechten hing ein altes Firmenschild. „Benson – Furnitures“, konnte Duggan entziffern. Eine kleine Möbeltischlerei wahrscheinlich. Archibald hetzte die ausgetretenen Treppen hinauf, wenn ihn nicht alles täuschte, war Rebeccas Mörder in diese Werkstatt geschlüpft. Wenn er diesen Mann zu fassen bekam, wir er schon am Ziel. Nur die Leute, die er suchte, konnten ihn geschickt haben.

Da! Ein Schrei, ein furchtbarer Schrei. Duggan zuckte zusammen.

Benson, ein schwerhöriger Tischlermeister von siebzig Jahren, war Culliford in die Quere gekommen. Ein Schlag mit dem Griff der schweren Darbey-Pistole, schon lag der alte Mann blutüberströmt am Boden.

Dann prallten Duggan und Culliford zusammen, und zwar so heftig, dass sie beide ihre Waffen verloren. Duggan schwamm für einen Augenblick. Sofort, wie im Reflex, gab Culliford ihm einen Fußtritt in den Leib. Archibald schrie auf und krümmte sich zusammen. Er stürzte, konnte aber instinktiv Cullifords rechtes Bein packen und ihn mit sich zu Boden reißen. Er keuchte und spürte, wie die Sägespäne seine Haut aufrissen.

Sie kämpften lautlos und verbissen. Ein jeder von ihnen wusste, was auf dem Spiele stand. Culliford war physisch stärker und setzte seinen schweren Körper rücksichtslos ein, Duggan war gewandter und trickreicher.

Nach und nach gelangten sie in die hell erleuchtete Werkstatt, in der der alte Tischler an einer Bandsäge gearbeitet hatte. Die Säge war noch immer eingeschaltet, ein gefährliches Surren erfüllte den Raum.

Plötzlich hielt Culliford ein langes Kantholz in der Hand. Duggan hatte ihn für einen Augenblick unterschätzt. Jetzt wurde er von Rebeccas Mörder quer durch den Raum getrieben. In seinem Rücken wartete das gierige Sägeblatt mit seinen tausend scharfen Zähnen.

Endlich entsann sich Duggan der alten Weisheit, dass ein Stockschlag um so mehr an Kraft verliert, je dichter man an den Gegner herankommt. Ganz abrupt blieb er stehen und warf sich Culliford entgegen.

Aber Culliford ließ sich nicht einschüchtern, blitzschnell schlug er zu. Doch Duggan hatte seinen rechten Arm schon angewinkelt. Unter voller Muskelanspannung ließ er ihn nach vorn schnellen und fing den Schlag mit seiner rechten Handkante im Handgelenk des Gegners ab. Culliford konnte das gefährliche Kantholz nicht mehr festhalten, es flog durch die Werkstatt und landete schließlich auf dem Treppenflur.

Duggan machte einen weiteren Schritt auf Culliford zu, um einen Fuß hinter das rechte Bein des Gegners zu setzen und ihn zu Boden zu werfen. Doch der Killer hatte aufgepasst. Sein linker Haken traf Duggan mit ziemlicher Wucht. Aufstöhnend flog Archibald nach hinten. Er stolperte über den leblosen Tischler und schlug mit dem Hinterkopf gegen einen Pfeiler. Für ein, zwei Sekunden verlor er jegliche Orientierung.

Schon hatte Culliford ihn gepackt. Mit seinen Bärenkräften konnte er Duggan mühelos zur Bandsäge hinüberschleifen. Das surrende Band mit den tödlichen Zähnen glitzerte im kalten Licht der Neonleuchten.

Duggan kam erst wieder zu sich, als er mit dem Rücken gegen den Arbeitstisch vor der Bandsäge schlug. Sofort war ihm klar, was Culliford vorhatte.

„So, du verdammter Schnüffler! Noch fünf Zoll, dann ist es aus mit dir!“

Archibald spürte schon die Luftwirbel, das Sägeblatt lief verdammt schnell über die beiden Achsen. Er wehrte sich mit aller Kraft, doch gegen Culliford hatte er keine Chance mehr. Der Körper des Killers war wie ein Betonklotz, der sich einfach nicht zur Seite schieben ließ. Noch ein Stoß, ein Ruck.

Archibald hatte vielleicht noch zehn Sekunden, dann war alles aus. Er bäumte sich noch einmal auf. Vergeblich.

Da! Sein rechter Fuß, seine Schuhspitze ertastete etwas. Ein Widerstand, ein Kabel, die Zuleitung zur Bandsäge. Er konnte schon keinen klaren Gedanken mehr fassen, es waren nur noch kurze Impulse, die durch sein Gehirn jagten. Rausreißen! Rausreißen! Sein Selbsterhaltungstrieb gab nur noch diesen einen Befehl.

„Jetzt!“, schrie Culliford.

Doch urplötzlich stand die Bandsäge still.

Archibald Duggan nutzte Cullifords Schrecksekunde aus und stieß ihn zur Seite. Doch Culliford konnte sich wieder aufrappeln, ehe Duggan heran war. Er lief in die dunkle Lagerhalle hinüber. Archibald folgte ihm. Er achtete gar nicht auf das, was sich hinter ihm im Treppenhaus ereignete.

„Halt! Stehenbleiben! Hände hoch!“

Duggan ahnte, dass das die ersten Cops waren. Sie mussten den blutüberströmten Tischler gefunden haben und Archibald für den Täter halten. Egal! Er musste Rebeccas Mörder fangen! Dieser Mann war der Schlüssel zu Allem. Er hetzte weiter.

Da! Die Cops feuerten, was ihre Specials hergaben. Eine Kugel streifte Duggans Schulter, die anderen pfiffen nur um wenige Zoll an ihm vorbei. Verdammt! Es ging nicht mehr! Duggan ließ sich zu Boden fallen.

„Ich war es nicht!“, schrie er. „Haltet den anderen fest. Ich bin ein ...“

Weiter kam er nicht. Der Handkantenschlag eines jungen Polizisten unterbrach ihn unsanft.

Archibald kam erst wieder zu sich, als sie ihn in die Arrestzelle eines Polizeireviers schleppten. Das erste, was ihm auffiel, waren die Handschellen, die man ihm angelegt hatte. Er war zu müde und zu enttäuscht, um etwas zu sagen, um gegen diese Behandlung zu protestieren. Es wäre sinnlos gewesen. Der Mörder der Nachtklubsängerin Rebecca Reed war längst über alle Berge. Und Spuren hatte er keine hinterlassen, dazu war er sicher zu clever. Hatte er Handschuhe getragen? Natürlich, graue Lederhandschuhe. Duggan stöhnte auf. Eine große Chance war vertan.

Erst kam der Arzt, der ihm die Schulter verband, dann erschien der verantwortliche Captain der City Police – und alles klärte sich auf. In der Tat, der Killer war entkommen, die Cops hatten Duggan für den Mörder der Sängerin gehalten.

Duggan murmelte nicht einmal „Ihr verdammten Idioten‟, obwohl es ihm auf der Zunge lag. Er nickte den verdatterten Polizeibeamten nur mit einem etwas missglückten Lächeln zu und ließ sich dann mit einem Streifenwagen zurück zum „Black Angel“ fahren.

Captain Fordham hatte den Nachtclub schließen lassen, seine Mordkommission sollte ungestört arbeiten können. Duggan hatte Mühe, bis zu Fordham vorzudringen.

„Tut mir leid“, sagte Fordham, ein ungestümer Mann aus Kentucky. „Keine Spur einer Spur! Beide Kugeln ins Herz. Keine Fingerabdrücke, kein Blut des Mörders, kein Speichel, keine Fasern, keine Haare – nichts.“

„Sehen Sie mal drüben in der Tischlerwerkstatt nach“, sagte Duggan. „Der Mann hat mir ganz schön zugesetzt, da müsste bestimmt was zu finden sein ...“

„Wird schon erledigt“, brummte Fordham. „Und Sie brauche ich nachher noch. Sie haben doch den Mörder gesehen, unsere Zeichner und die Männer mit dem Gesichtsroboter, dem Identi-Kit, warten auf Sie.“

„Na schön.“ Duggan war nicht sonderlich begeistert.

„Ich habe auch noch ein kleines Trostpflaster für Sie“, sagte Fordham. „Sehen Sie den hoch aufgeschossenen Mann dort drüben am Tisch? Ja, der Schwarzhaarige da mit dem kantigen Kopf. Ein Schwede, Kjell Hammarsland. Wir haben ihn in der Garderobe der Ermordeten gefunden. Er sagt, er sei dort mit ihr verabredet gewesen.‟

„Der hat nichts mit dem Mord zu tun.“ Duggan klopfte dem Captain auf die Schulter und ging zu Hammarsland hinüber. CIA hatte ihm vor ein paar Stunden mit geteilt, dass Hammarsland ein Agent des SP 3 sei und Kontakt mit Rebecca Reed aufnehmen wollte. Aus Stockholm war ein verschlüsselter Funkspruch gekommen, es war alles in Ordnung. Hammarsland sollte den verschwundenen Kernphysiker Tjörnebo suchen und Rebecca Reed unterstützen, da diese offensichtlich nicht vorankam.

Duggan stellte sich kurz vor, und Hammarsland bot ihm einen Stuhl an. Der Schwede war Archibald nicht sonderlich sympathisch, aber das mochte an seiner schlechten Laune liegen.

„Wir sollten zusammenarbeiten“, sagte Hammarsland ohne Umschweife. Er sprach ein ganz ausgezeichnetes Englisch. „Offensichtlich suchen wir ja den gleichen Mann, nämlich diesen Stig Tjörnebo, und außerdem scheint die Spur nach Stockholm zu führen.“

„Hm.“ Duggan überlegte einen Augenblick.

„Hier“, Hammarsland legte einen grünen Taschenkalender auf den Tisch. „lesen Sie mal. Daraus geht ganz eindeutig hervor, dass diese Rebecca Reed einmal mit Tjörnebo befreundet war. Die große Liebe offensichtlich. Kein Wunder, dass sie der SP 3-Zentrale in Stockholm nichts zu melden wusste.‟

„Ja, ja.“ Archibald blieb kühl. Aber der Schwede mochte recht haben. Tjörnebo war ein wichtiger Mann, seine Kenntnisse mochten für bestimmte Leute wertvoll sein. Vielleicht war er der Mann, der die CIA vernichten sollte. Warum nicht? Und ein Zusammenhang zu einer Rebecca Reed war auch da, er war sogar einer ihrer Geliebten gewesen. Die Tagebuchaufzeichnungen waren zweifellos echt.

„Sie wissen ja, dass Rebecca Reed nur der Künstlername der Ermordeten war“, sagte Hammarsland, während er an seinem Bier nippte. „Sie kommt aus einer Bar gleichen Namens in Stockholm. Und diese Bar war Tjörnebos zweite Heimat, wenn er in Schweden weilte.“

Duggan sah ein, dass hier in New York nicht mehr viel zu tun war. Die Suche nach Rebeccas Mörder war Sache der City Police und unter Umständen auch des FBI. Sollten sich die Kollegen ruhig weiter den Kopf darüber zerbrechen, was hinter dem Namen Rebecca Reed steckte, er war sicher, die einzig richtige Lösung gefunden zu haben.

Und wenn es nun doch ein Irrtum war? Egal, zuerst einmal musste dieser Spur nachgegangen werden, der Spur Tjörnebo. Doch halt, da war ja noch eine Möglichkeit! Wenn die andere Seite diese Rebecca Reed nur ermordet hatte, um ihn auf eine falsche Fährte zu locken, wenn die Sängerin an sich gar nichts mit der Sache zu tun hatte? Nicht schlecht. Duggan lächelte. Aber auch eine Chance für ihn. Sollten sie nur glauben, sie könnten mit ihm Katz und Maus spielen. Im allgemeinen war es ja so, dass die Maus die Katze sah, bevor diese zubiss ...

„Okay, Mr. Hammarsland, wir fahren nach Stockholm!“

image
image
image

7

image

Nach Stockholm?“ Das bildhübsche Mädchen am Schalter der PANAM blätterte in ihren Listen. „Ein Mr. Hammarsland und ein Mr. Duggan?“

„Ja, ja.“ Jack McCalmon wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Zwei Freunde von mir. Ich habe sie aus den Augen verloren und ...“

„Einen Augenblick bitte.“ Die Boden-Stewardess verschwand in einer kleinen Kabine, um zu telefonieren.

McCalmon wurde langsam ungeduldig. Schon seit mehr als einer halben Stunde weilte er im Airlines Building an der Ecke 42nd Street und Park Avenue, aber bisher hatte er immer Pech gehabt. Die Mädchen an den Schaltern der Sabena, der KLM, der BOAC, der Air France und der Lufthansa wussten nichts von Duggan und Hammarsland. Seine letzte Hoffnung nach der PANAM war noch die SAS. Doch da kam die Stewardess schon zurück.

„Ihre beiden Freunde sind vor einer halben Stunde vom John F. Kennedy International Airport abgeflogen“, sagte sie mit mechanischem Lächeln. „Ankunft um fünfzehn Uhr achtundvierzig in Stockholm Arlanda.“

„Herzlichen Dank, Miss.‟ McCalmon lüftete seinen modischen Strohhut und verließ das Airlines Building. Draußen fand er eine schalldichte Telefonzelle Er liebte es nicht, aus einer nur halb geschlossenen Box zu sprechen und sich von jedem hergelaufenen Trottel belauschen zu lassen. Er warf einen silbern glänzenden Dime in den Schlitz des Automaten und wählte die Nummer MO 59282. Nach ein paar Sekunden konnte er eine müde Männerstimme vernehmen.

„Nilsson! Was ist denn los?“

„Hallo, Herb! Hier spricht McCalmon. Ich hab’ wieder mal was für dich. Ich fahre jetzt zum Central Park und gehe vor dem Metropolitan Museum of Art spazieren ...“

„Okay, ich komme“, brummte Nilsson und legte auf.

McCalmon war zufrieden, Nilsson war der beste Mann, den er im Augenblick auftreiben konnte. Vor allem wusste er in Stockholm Bescheid. McCalmon winkte sich ein Taxi herbei. „Central Park, 72nd Street, Ecke 5th Avenue“, sagte er barsch.

Zwanzig Minuten später stand er vor dem Museum. Mehrere Schulklassen belagerten das monumentale Portal und warteten auf ihre Lehrerinnen. Ihr Lärmen machte den Gangster noch um einige Grade nervöser. McCalmon wusste genau, dass die Aktien seiner Gang im Augenblick nicht allzu hoch standen. Gestern waren sie um mindestens weitere hundert Punkte gefallen. Nun kannte dieser Archibald Duggan nicht nur seine Stimme, sondern auch Cullifords Gesicht. Ganz klar, dass alle Polizisten und FBI-Leute hinter Culliford her waren. Ob sie Erfolg hatten, hing sicherlich davon ab, wie gut Duggan den Zeichnern und Identi-Kit-Leuten Culliford beschrieben hatte. Am Besten war es, wenn man Lee Culliford sofort ausschaltete. Aber das ging wohl nicht, denn er hatte zu viele Freunde in der Gang, die gerne als seine Rächer aufgetreten wären. Außerdem würde Broom dagegen sein.

„Hallo, McCalmon!“ Plötzlich stand Herb Nilsson vor ihm. Sie begrüßten sich kurz und schlenderten dann in Richtung des New Reservoir davon. Nilsson war ein Mann, der in der Fremdenlegion das Töten gelernt hatte und zu keinem Beruf taugte, in dem eine nützliche Leistung verlangt wurde. Gleich ob in Haiti, in der Dominikanischen Republik des Diktators Trujillo, im Kongo oder im Jemen – Herb Nilsson hatte in den letzten fünfzehn Jahren an jedem Gemetzel und jedem Blutbad teilgenommen. Reich war er dabei nicht geworden.

Nilsson war ein hagerer Mann, Mitte der Vierzig, in ihm vereinte sich die Zähigkeit eines Marathonläufers mit der Mordlust eines Amokläufers. Dabei sah er so harmlos aus wie der Märchenonkel im Kinderfunk. Im Augenblick war er arbeitslos.

„Wer soll’s denn diesmal sein?“, fragte Nilsson, während er seinen Kaugummi ausspuckte und eine singende Amsel vertrieb.

„Ein gewisser Archibald Duggan. Hier, ein Foto von ihm. Erst ein paar Tage alt, in einem Gefängnis aufgenommen.“

„Hm ... Und für wie viel?“

„Zehntausend“, antwortete McCalman.

„Fünfzehn!“ Nilsson war stehengeblieben.

„Gut!“ McCalmon erinnerte sich an das Spesenkonto, dass Broom bewilligt hatte.

Broom! McCalmon zuckte unwillkürlich zusammen. Für Sekunden hatte er das Bild der Schrottpresse vor sich. Die Endstation all derer, die nicht taten, was Broom verlangte. Und Broom hatte aus taktischen Gründen verlangt, dass Duggan am Leben blieb. McCalmon stöhnte leise. Aber für ihn gab es keinen anderen Weg mehr. Und wie sollte Broom erfahren, dass er den Auftrag

gegeben hatte, Duggan zu beseitigen? Der CIA-Mann hatte noch unzählige andere Feinde. Auf Herb Nilsson war Verlass.

„Und wo?“, fragte Nilsson.

„In Stockholm. Er landet um fünfzehn Uhr achtundvierzig in Stockholm Arlanda. Begleitet wird er von einem Schweden, einem... äh Kjell Hammarsland. Aber sie werden sich in Stockholm sicherlich trennen.“

„Okay!“ Nilsson ging, ohne sich von McCalmon zu verabschieden.

McCalmon ging zur 5th Avenue zurück. Er wollte sich noch einen Wagen leihen und in die Alleghanies fahren, um mit Culliford zusammen den Schacht so weit herzurichten, dass sie die Bombe ohne große Umstände nach unten bringen konnten.

Er kam an einem Zeitungsstand vorbei. Die Morgenblätter berichteten in großer Aufmachung von der Ermordung der Nachtklubsängerin Rebecca Reed.

„Bei Duggans Tod werden sie sicherlich nicht soviel Geschrei machen“, murmelte McCalmon.

image
image
image

8

image

Im Stockholmer Hotel „Norström“ hatte Duggan das Zimmer 33 und Hammarsland die Nummer 46. Der Schwede hatte noch einiges zu erledigen. Am Abend wollte man sich im Nachtklub „Rebecca Reed“ treffen.

Duggan fuhr mit dem Lift nach oben, verteilte Trinkgelder und bezog dann sein recht gemütlich eingerichtetes Zimmer. Er wusch sich ein wenig und rückte dann seinen taubengrauen Sessel ans Fenster, um das herrliche Panorama zu genießen. Dem Hotel gegenüber lag die Insel Helgeandsholmen mit dem Riksdagshuset, dem 1905 fertiggestellten schwedischen Reichstag. Und gleich dahinter wurde der langgestreckte graubraune Komplex des Königlichen Schlosses sichtbar. Auch der spitze, reichlich mit Patina überzogene Turm der alten Tyska kyrkan war zu erkennen. Davor Hunderte schmaler, schräger Dächer, grün, ziegelrot und grau. Wie im Märchenbuch. Archibald genoss diesen einmaligen Ausblick. Er schloss die Augen, fühlte eine wohlige Müdigkeit und nickte ein.

Plötzlich aber schreckte er hoch. Ein harter, kalter Gegenstand hatte seinen Hinterkopf berührt.

Ein Pistolenlauf!

„Willkommen in Stockholm, Mr. Duggan“, sagte eine sanfte, fast singende Stimme.

„Tingji!“, entfuhr es Archibald.

„Was haben Sie doch für ein vortreffliches Gedächtnis!“, spottete der kleine Mann aus Formosa.

„Was machen Sie denn hier?“, fragte Duggan möglichst kaltblütig. Dabei fühlte er sich gar nicht wohl in seiner Haut.

„Ich bin Koch im Jangtsekiang in der Drottninggatan“, lächelte Tingji.

„Hoffentlich verbrennen Sie sich nicht mal die Finger!“

„Vielen Dank für den Hinweis, ich werde aufpassen.“

„Und könnten Sie nicht freundlicherweise mal Ihre Pistole von meinem Hinterkopf wegnehmen? Ich bin nämlich an dieser Stelle ein wenig kitzlig.“ Duggan versuchte, sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden.

„Aber natürlich.“ Tingji lachte. „Ich komme doch als Freund und Verbündeter ...“

Duggan drehte sich um, vorsichtig und voller Misstrauen. Aber der Chinese bluffte nicht. Er setzte sich auf den kleinen Nachttisch und zeigte Duggan ein breites Grinsen.

„Sie müssen entschuldigen, Mr. Duggan“, Tingji deutete eine Verbeugung an. „aber unser Spiel steht schon vier zu Null für mich. Ich nutze jede Chance, einen Punkt zu machen, und ich kann keiner Versuchung widerstehen.“

Duggan seufzte. Tingji hatte recht, zweimal hatte der Chinese ihn im Gefängnis überwältigt und zweimal mit der Pistole in Schach gehalten, zum ersten Mal im Sanitätswagen und jetzt eben wieder.

„Doch kommen wir zur Sache!“ Tingji wurde plötzlich ernst. „Sie müssen sofort einen Text verschlüsseln und ein Telegramm nach Langley an Ihre Chefs schicken. Ich selbst werde beobachtet, ich kann es nicht. Folgendes. Am Rumpf des japanischen Frachters Susami Maru ist eine Bombe befestigt, wahrscheinlich ein Kernsprengkörper. Im Augenblick schwimmt die Susami Maru mitten auf dem Atlantik, sie wird Ende August in Baltimore vor Anker gehen.“

Duggan war ziemlich verblüfft. Es sollte also eine Atombombe in die Staaten geschmuggelt werden. Unfassbar! Doch nicht unmöglich. Und der gescheiterte, zum Verbrecher gewordene schwedische Kernforscher Stig Tjörnebo war angeblich spurlos verschwunden. Da ergab sich plötzlich ein ganz logischer Zusammenhang.

„Ja, und was will man mit der Bombe anfangen?“

„Meine Informationen sind dürftig, aber soviel ich weiß, will man das CIA Hauptquartier vom Erdboden verschwinden lassen.“

„Nein ...“

„Doch, doch!“ Tingji lächelte über Duggans erstauntes Gesicht. „Man will die Bombe – sie ist ja nicht groß – mit einem Lastzug in die unmittelbare Nähe des Gebäudes bringen und dann ... Naja, ich kann mir wohl weitere Ausführungen ersparen.“ Tingji erhob sich. „Und denken Sie daran, dass ich mir bald ein großes Restaurant in San Francisco einrichten will!“ Er war verschwunden, bevor Archibald Duggan sich bedanken konnte.

Archibald ließ sich einen doppelten Whisky bringen, er hatte ihn nötig. Das war also des Rätsels Lösung: Sie wollten das CIA-Gebäude zerstören und brauchten dazu den Fachmann Stig Tjörnebo! Hammarsland, der schwedische Geheimagent, hatte also den richtigen Riecher gehabt, Tjörnebo war eine Schlüsselfigur. Duggan atmete auf.

Alles andere reimte sich wunderbar zusammen. Rebecca Reed suchte Abenteuer um jeden Preis. Ihre Verbindung mit Tjörnebo war bekannt, wahrscheinlich liebte sie den heruntergekommenen Kernforscher sogar. Unter Umständen hatte Tjörnebo seine Frau ihretwegen ermordet. Ganz sicher war die Clique, die den Anschlag auf das CIA-Gebäude ausführen sollte, durch Rebecca Reed auf Tjörnebo gestoßen. Und man hatte Rebecca ermorden müssen, nachdem Chipping ...

Mel Chipping! Wenn sein Name in den Tagebüchern von Rebecca Reed alias Britt Cederquist stand, dann ging die Gleichung vollkommen auf.

Duggan stürzte aus dem Zimmer und fuhr mit dem Lift hinunter ins Erdgeschoss. Wenige Minuten später hatte er am Gustav Adolfs Torg eine Telefonzelle gefunden. Er telefonierte nicht gerne vom Hotel aus, wo das Mädchen in der Zentrale jedes Wort mithören konnte. Hastig schlug er das Telefonbuch auf.

„C ... Ca ... Ce ... Cederquist ... Endlich! Cederquist, Adolf ... Cederquist, Olaf ... Cederquist, Sybilla, Professor! Hier! Gamla Brogatan 41, Nummer 10 3615. Wunderbar!“ Er wählte die Nummer und wartete. Nach ein paar Sekunden vernahm er eine angenehm klingende Frauenstimme. Es war Rebeccas Mutter. Er stellte sich kurz vor und fragte, ob sie Englisch könne.

„Natürlich“, antwortete sie.

„Dann darf ich Ihnen zuerst mein herzliches Beileid aussprechen ...“ Archibald konnte sich das vom Schmerz gezeichnete Gesicht dieser klugen und zugleich schönen Frau lebhaft vorstellen.

„Bitte verstehen Sie mich richtig, gnädige Frau, ich war weder ein Freund noch ein Liebhaber Ihrer Tochter.“ Er machte eine kleine Pause, klemmte den Hörer zwischen Kopf und Schulter und zündete sich eine Zigarette an. „Ich war zufällig Zeuge, wie Rebecca, wie Britt ... Ich habe den Mörder gesehen, ich habe mit ihm gekämpft, ich kenne ihn. Und ich habe weitaus größere Chancen als Polizei und FBI, ihn zu finden. Vielleicht können Sie mir helfen, ich habe eine kleine Bitte an Sie ...‟

„Ja‟, murmelte sie.

„Sie haben doch die Tagebücher Ihrer Tochter zu Hause.‟ Er hörte kaum, dass sie ein „Yes“ murmelte. „Würden Sie bitte nachsehen, ob dort der Name Mel Chipping auftaucht. Chipping, ja ... Oder jedenfalls ein Hinweis auf den MI 6 ... Genau, ein Zweig des englischen Geheimdienstes. Ich habe leider keine Zeit, zu Ihnen zu kommen, gnädige Frau, denn ... Ja, Sie können mich telefonisch erreichen: Hotel Norström. Und sagen Sie bitte nur ja oder nein. Verbindlichsten Dank. Ich werde Sie von New York aus genauestem unterrichten, natürlich ...“ Er verabschiedete sich kurz von ihr.

Duggan verließ die Telefonzelle, sah sich ein wenig auf dem Gustav Adolfs Torg um, blieb vor einigen Schaufenstern stehen, bewunderte die langen, wohlgeformten Beine einiger Schwedinnen und war dann sicher, dass er nicht beobachtet wurde. Langsam schlenderte er zum Hotel zurück.

Oben im Hotelzimmer machte er sich sofort an die Arbeit, entwarf die Nachricht an Brown und verschlüsselte sie. Sein Feuerzeug flammte auf, das Manuskript verbrannte, die Asche rieselte auf die Strögatan hinunter.

Kaum hatte er sich in den Sessel gesetzt, um den Stadtplan von Stockholm zu studieren, da klingelte das graue Telefon auf dem Nachttisch. Es war Frau Professor Sybilla Cederquist, die Mutter der unglücklichen Rebecca alias Britt.

„Ja“, sagte sie. „Ja!“ Dann sprach sie ein paar belanglose Sätze und legte wieder auf.

Mel Chipping, der hingerichtete MI-6-Mann, hatte Rebecca Reed also gekannt, sehr genau gekannt. Damit war alles klar.

Jetzt galt es nur noch, Stig Tjörnebo zu finden. Ob er sich wirklich noch in Stockholm aufhielt? Warum nicht? Wenn man nach einem Verbrechen im eigenen Land blieb, war zwar die Gefahr am größten, dass man auf einen Bekannten stieß, dafür hatte man aber auch eine einzigartige Auswahl an Schlupfwinkeln.

Dagegen sprach allerdings, dass die Gegenseite Tjörnebo in den Staaten drüben brauchte. Es war doch ziemlich sicher, dass er ihnen die Bombe scharfmachen sollte. Aber vielleicht ließ sich hier in Stockholm eine Spur finden.

Duggan verließ das Hotel. Seine Uhr zeigte noch immer Eastern Time, also die Zeit, die an der amerikanischen Ostküste bis nach Michigan, Ohio, Kentucky, Tennessee, Georgia und Florida galt. Er stellte die Zeiger auf 18 Uhr 12 MEZ. Der Himmel im Südwesten färbte sich schon rötlich, hier im Norden brach die Dämmerung früh herein.

Archibald ging zur Vasagatan zurück, kam am Hauptbahnhof vorbei und sah dann rechts die freundliche Backsteinfassade der Hauptpost. Er ging hinein, wartete etwa zehn Minuten und gab dann das Telegramm auf. Danach rief er den Stockholmer CIA-Residenten an und sagte ihm, dass alles in Ordnung wäre und das Telegramm an Brown abgegangen sei.

Als er wieder auf der belebten Vasagatan stand, kam ihm zum Bewusstsein, dass er jetzt ein paar freie Stunden hatte. Gerade richtig, um sich die Stadt etwas näher anzusehen.

„Taxi!“, rief er auch schon. Ein geräumiger Volvo hielt dicht vor ihm. „Zum Vergnügungspark Skansen!“

Sie fuhren die elegante und etwas zu sehr aufgeputzte Strandvögen entlang, den fast eine halbe Meile langen Boulevard am Wasser, und Duggan konnte die Reklametafeln der Nachtklubs erkennen. Zehn Minuten später hielten sie vor den Kassen des Vergnügungs- und Kulturparks, Duggan zahlte und stieg aus.

Er sah sich noch ein wenig um, erfreute sich am harmonischen Bau des Nordischen Museums, ging dann auf eins der Kassenhäuschen zu, legte eine große Münze hin und bekam zusammen mit seiner Eintrittskarte mehrere kleine zurück.

Duggan wanderte durch den Park, sah sich die Tiere und die alten schwedischen Häuser an, lauschte eine Weile dem großen Estradenorchester, tanzte, lernte ein Mädchen namens Christina kennen und verlor sie nach einer halben Stunde an einen Archäologiestudenten.

Erschöpft sank er dann auf eine Bank in der Nähe des Rentiergeheges und blickte auf die funkelnden Lichter der Stadt hinab. Vor ihm breitete sich ein ziemlich großer Teich aus, sein Wasser war kristallklar, und die Sterne spiegelten sich in ihm ohne jede Verzerrung.

Und in diesem Spiegel sah er den Killer. Er war lautlos aus den Büschen getreten. In der Hand hielt er eine englische 9,9 mm Wembley & Scott. Mit Schalldämpfer natürlich.

Archibald Duggan hatte keine Chance mehr. Dennoch fuhr er herum, und seine rechte Hand schnellte zur 38er Smith & Wesson.

Doch der alles entscheidende Schuss fiel schon, ehe seine Fingerspitzen den Griff der Waffe auch nur berührt hatten.

image
image
image

9

image

Der Beifall verhallte, die Lichter erloschen, elegant gekleidete, heiter gestimmte Menschen strömten aus den Theatern, den Kinos, den Kabaretts und den Konzertsälen. Die meisten fuhren nach Hause, einige setzten sich noch in ein Restaurant, aber nur ganz, ganz wenige konnten sich eine Nacht bei Paul Kirby leisten. Paul, ein kugelrunder Mann aus Boston, war vor zwanzig Jahren nach Stockholm gekommen, um hier sein Glück zu machen. Sein Gepäck hatte aus einer Brieftasche mit hundertzwölf Dollar und einem Buch bestanden, dem Roman „Rebecca Reed“ von Joan Conway. An sich ein Schmarren, war es ihm auf der Überfahrt, in der stickigen Kabine eines Bananendampfers, als einziger und letzter Trost erschienen. Als Kirby dann in Stockholm auf die Beine gekommen war, hatte er seinem Nachtklub den Namen „Rebecca Reed“ gegeben. Heute verkehrte hier die Prominenz einer Weltstadt.

Kjell Hammarsland saß am billigsten Tisch, dem Tisch neben der Tür zu den Toiletten. Er wartete auf Archibald Duggan und musterte die Filmstars, Diplomaten, Politiker und Manager an den anderen Tischen. Im Augenblick beherrschte die Frau des kolumbianischen Botschafters das Feld. Sie trug ein weißes Abendkleid aus reinseidenem Crêpe de Chine, dazu ein Silberjäckchen aus handgefertigter Strassperlen-Stickerei. Die anderen Damen waren weniger aufwendig gekleidet.

Wie Kirby zu dem Ruf gekommen war, den exklusivsten Nachtklub Stockholms zu betreiben, war eigentlich schwer zu ergründen. An sich verbarg sich hinter dem lockenden Namen „Rebecca Reed“ nichts weiter als ein Schuppen mit schwarz gestrichenen Wänden und Decken, ein paar abstrakten Bildern und sehr viel Nischen. Auf den schäbigen Tischen flackerten Kerzen, der weinrote Cordsamt der Stühle war mächtig abgenutzt, die Getränke waren – wie allerdings überall im alkoholfeindlichen Schweden – verdammt teuer und auch nicht besonders gut, die Combo erwischte mehrmals am Abend falsche Töne, die Sängerin litt schon an Alterserscheinungen, und die in lange schwarze Pullover gehüllten Ober waren nicht besonders zuvorkommend. Aber das Ganze hatte irgendwie Atmosphäre, und die Prominenz ließ nicht auf sich warten.

„Verdammt, wo bleibt er denn bloß?“ Hammarsland blickte immer wieder auf die Uhr.

Endlich teilte sich der purpurfarbene Vorhang, der vor der schmiedeeisernen Tür hing, und Archibald Duggan erschien. Er schlenderte durch die Reihen der fast vollbesetzten Tische und genoss es, dass auch die offenbar verwöhntesten Damen ihm ein wenig zulächelten. Dabei sah er in seinem hellgrauen Flanellanzug keineswegs wie ein Märchenprinz aus. Er bestellte eine Flasche Sekt und setzte sich dann auf den Stuhl neben Hammarsland.

„Das hat aber verdammt lange gedauert, ich dachte schon ... So schlecht ist unsere Polizei nun auch wieder nicht.“ Der Schwede grinste.

„Ich kenne den Park ja nicht ganz so gut wie Sie“, erwiderte Duggan, während er sich eine Chesterfield anzündete. „Wir hätten doch bis zum Eintreffen der Polizei warten sollen, schließlich sind wir keine Verbrecher.“

„Glauben Sie mir, es ist besser so. Die Untersuchung hätte mehrere Tage lang gedauert, und wir hätten die Stadt nicht verlassen dürfen.“

„Naja. Jedenfalls war es verdammt schwierig, aus ihrem Skansen herauszukommen. Sie hatten den Park umstellt.‟

Der Sekt kam, und sie schwiegen, bis der Ober die feierliche Handlung des Entkorkens und Einschenkens abgeschlossen hatte.

„Auf Ihr Wohl! Skol!“ Duggan hob seinen Kelch. „Herzlichen Dank, Kjell! Wenn Sie, wenn du ...?“

„Ja, natürlich, Archibald, schließlich bist du der ältere ...“

„... wenn du nicht eingegriffen hättest, läge ich jetzt in der Leichenkammer eurer Polizei.“ Duggan ärgerte sich maßlos über diesen Zwischenfall. Erst Tingji und dann dieser Killer. „Erzähl doch mal.“

„Ganz einfach.“ Hammarsland grinste. „Kaum war ich im Zimmer meines Chefs, da meldete unsere Agentin auf dem Flugplatz, dass ein gewisser Herb Nilsson gelandet wäre. Nilsson ist ein weltbekannter Söldnerführer und Killer, der unserer Regierung schon sehr viel Ärger bereitet hat. Da ich ihn gut kenne, wurde ich sofort auf ihn angesetzt. Naja, ich folgte ihm durch die ganze Stadt und landete schließlich mit ihm in Skansen, wo er einen gewissen Archibald Duggan ins Jenseits befördern wollte ...“

„Skol!“ Duggan prostete Hammarsland noch einmal zu. „Dein Schuss kam wirklich im richtigen Augenblick.

Als er sein Glas wieder absetzen wollte, stieß ihn von hinten jemand an, und sein Sekt schwappte zum großen Teil auf den Fußboden.

„Excusez moi, Monsieur‟, sagte der Mann, der an diesem kleinen Unglück schuld war. Er war klein, fast unscheinbar, schien aber ein wahres Energiebündel zu sein. Eine vergoldete Brille gab ihm den Anstrich des Intellektuellen. Er hieß Robert Broom. „Ich werde mich später in angemessener Form entschuldigen.“ Mit einer leichten Verbeugung zog er sich zurück.

„Macht nichts“, rief Duggan hinter ihm her.

Die kleine Combo, bestehend aus fünf halbverhungerten Studenten, spielte die Samba „El Cumbandiero“ und den Baiao „Anna“, was der recht fülligen Gesangssolistin Gelegenheit gab, mit ihrer unterentwickelten Stimme zum ersten Mal an diesem Abend in das Geschehen einzugreifen. Sie war die Frau des Besitzers.

„Ich habe vorhin mit Paul Kirby gesprochen“, sagte Hammarsland. „Kirby gehört der Schuppen hier. An Rebecca Reed beziehungsweise Britt Cederquist kann er sich natürlich noch erinnern, aber diesen Stig Tjörnebo will er nie gesehen haben. Ich bin sicher, dass er die Wahrheit sagt.‟

„Hm ...“ Duggan überlegte einen Augenblick. „Wenn du doch bloß nicht so gut geschossen hättest! Musstest du denn diesen Nilsson ...?“

„Es war Mondschein und ...“

„Nilssons Aussage wäre für mich Gold wert gewesen, das ist doch klar. Seine Auftraggeber sind unter Garantie haargenau die gleichen Leute, die ich so krampfhaft suche. Und ich bin sicher, dass Tjörnebo zu diesen Leuten gehört!“

„Ich auch!“ Hammarsland presste die Zähne aufeinander. „Ich bekomme vier Wochen Urlaub und eine hübsche Prämie, wenn ich Tjörnebo finde. Aber wie? Hier scheint nicht viel los zu sein, ich hatte mir mehr ausgerechnet.“

„Ich werde mich mal ein bisschen in den hinteren Räumen umsehen.‟ Duggan stand auf und verschwand in der Toilette. Ein Toilettenmann war nicht zu sehen, auf einer Untertasse lagen ein paar Münzen. Duggan kontrollierte die einzelnen Kabinen, alle leer. Das Fenster war breit genug. Er Schwang sich auf einen gekachelten Sims und sprang in den Hof hinaus, eine asphaltierte Röhre, in der es nach Benzin, Essen und frisch gewaschener Wäsche roch. Irgendwo plärrte ein Kofferradio, in einigen Wohnungen brannte noch Licht, über dem Nachtklub flackerte ein Fernsehapparat.

Archibald blickte in die Küche. Ein italienischer Koch und mehrere Mädchen, die sich mit Brocken aus mindestens fünf Sprachen verständigten. Neben dem Küchenfenster war eine hölzerne Tür zu erkennen, offensichtlich ging es dort zum Keller. Duggan drückte die Klinke nach unten, die Tür sprang auf. Er tastete sich eine ziemlich steile Treppe hinunter und lauschte. Nichts. Ein herber, etwas säuerlicher Geruch erfüllte den Raum, ein. Weinkeller also.

Da! Irgendwo vor ihm schlugen zwei Flaschen gegeneinander. Duggan riss seine 38er Smith &: Wesson heraus, schmiegte sich gegen die Wand und wartete mit angehaltenem Atem. Eine Katze miaute. Aha! Er lächelte. Was wollte er eigentlich hier? Wenn dieser Nachtklub wirklich das Zentrum einer geheimen Spionage- und Terrororganisation war, dann mussten sich doch Waffen finden lassen, und es musste Räume geben, in denen die Agenten zusammenkamen. Hatte Mel Chipping diesen Nachtklub gemeint? Vielleicht. Duggan konnte sich erinnern, dass Chipping mindestens zwei Aufträge in Stockholm erledigt hatte.

Plötzlich fuhr er zusammen. Unmittelbar vor ihm stöhnte ein Mann. Es war schon mehr ein Röcheln.

Duggan ließ seine kleine Taschenlampe aufleuchten. Ihr Lichtkegel erfasste einen mächtigen Kopf, der blutverschmiert war. Archibald erkannte einen kleinen, aber ungemein fettleibigen Mann, der in einer unnatürlichen, verkrampften Haltung auf einem altmodischen Sofa lag.

Duggan ging zum Sofa hinüber und beugte sich nach unten, um den Puls des Mannes zu suchen. Kaum hatte er ihn angetippt, da bekam er einen mächtigen Faustschlag ins Gesicht und flog gegen ein eisernes Regal. Der Mann sprang auf.

„Was ... was wollen Sie denn hier?“, stammelte er und starrte ganz entgeistert auf Duggans Waffe.

„Wer sind Sie denn?“, fragte Archibald.

„Kirby, Paul Kirby, der Besitzer des Nachtklubs. Ich muss wieder mal zu viel getrunken haben. Dann stoße ich mir immer den Kopf und ...“ Er wischte sich das Blut von der Stirn.

„Hm.“ Duggan lächelte und steckte seine Smith & Wesson wieder weg. Dieser Kirby war offensichtlich ein harmloser Trinker und ein Philosoph des Weines, seine rote Knollennase bewies es.

„Was wollen Sie denn hier?“, wiederholte Kirby seine Frage.

„Sie sind doch noch amerikanischer Staatsbürger, Mr. Kirby?“ Kirby nickte, und Duggan fuhr fort: „Und Sie wollen das doch auch bleiben?“

„Natürlich!“

„Dann zeigen Sie mir doch bitte mal alle Räume, die zu Ihrem Nachtklub gehören ...“

„Bitte.“ Kirby nahm es achselzuckend hin. Er führte Archibald kommentarlos durch das ganze Haus.

„Okay“, murmelte Duggan, als der Rundgang beendet war und sie Kirbys Büro erreicht hatten. Er hatte beim besten Willen nichts Verdächtiges finden können. „Sagen Sie mal, Kirby, Sie kennen doch den Kernphysiker Tjörnebo, Stig Tjörnebo?“

„Ja, aus der Zeitung!“, schnaubte Kirby. „Der war überall abgebildet, weil er seine Frau ermordet hat.“

„Aber hier bei Ihnen war er nie?“

„Nein!“, schrie Kirby. „Wenn er hier gewesen wäre, hätte er sicherlich meine Frau ermordet und nicht seine!“ Er musste über sich selber lachen. „Sie singt gerade wieder.“

„Apropos: Gesang. Sie haben doch sicher Fotografien von Ihren Gästen und Ihren Sängerinnen?“

„Hmm.“ Kirby schleppte drei Alben herbei. „Bitte!“ Gelangweilt sah er zu, wie Duggan die Aufnahmen studierte.

Archibald fand nichts, was seine Aufmerksamkeit erregt hätte. Doch, zwei Bilder von Britt Cederquist waren dabei, beide mit der Unterschrift „Deine Rebecca Reed“ versehen.

„Die sind wohl schon aus New York?“, fragte Archibald.

„Hmm.“ Kirby nickte. „Sie nannte sich ja erst drüben so ...“

Duggan stutzte. Auf dem einen Bild war neben Rebecca ein recht interessantes Mädchen zu sehen: Ein breites, etwas slawisches Gesicht, das von langen blonden Haaren umrahmt war.

„Kennen Sie die?“

„Moment mal ...“ Kirby dachte nach. „Wenn ich mich nicht irre, ist das eine Bekannte oder eine Freundin von Britt, von Rebecca gewesen. Die war auch mal hier in Stockholm ... Ja ... Ja, Sandy hieß sie ... Jetzt hab’ ich’s: Sandy Perkins. Das war vielleicht ein Früchtchen!“

„Danke.“ Duggan notierte sich den Namen. Dann schüttelte er Kirby die Hand, entschuldigte sich vielmals bei ihm und ging wieder zu Hammarsland zurück.

„Na, was war?“

„Nichts.“

Sie saßen sich einige Zeit schweigend gegenüber, dann erzählte Hammarsland ein paar Episoden aus seiner Schulzeit. Danach kam Broom zu ihnen herüber, im Schlepp einen Ober, der drei Cocktailgläser auf seinem kleinen Tablett stehen hatte.

„Darf ich mich vorstellen?“, sagte Broom, ganz Gentleman. „Mein Name ist Patton, George Patton, Eisenerz und Stahl, London und Paris ...“ Er wartete, bis Duggan und Hammarsland ihre Namen genannt hatten, dann setzte er sich. „Das Missgeschick vorhin, Sie wissen. Ich darf Sie doch zu einem kleinen Horse-Neck einladen?“ Broom hob sein Glas, sie tranken. Unauffällig musterte er Duggan, seinen Gegenspieler Nummer eins. Er wollte herausbekommen, wer für den von ihm keineswegs geplanten Anschlag auf Duggan verantwortlich war.

Sie plauderten über das Wetter und über die schwedischen Frauen. Duggan war fasziniert, einen derart geistreichen Gesprächspartner traf man nicht alle Tage. Auch Hammarsland schien beeindruckt.

Dann kam ein Anruf für Broom, und er verabschiedete sich mit ausgesuchter Höflichkeit von Duggan und Hammarsland. Wenig später saß er in seinem schnellen Volvo und fuhr zum Nybroplan hinüber. Dort wartete Tingji auf ihn. Tingji begrüßte Broom mit einem geheimnisvollen Lächeln.

Hammarsland und Duggan blieben noch eine gute Stunde im Nachtklub „Rebecca Reed“, dann ließen sie sich ein Taxi holen und fuhren ins Hotel.

Sie trennten sich im Lift. Duggan wohnte im dritten Stockwerk, der Schwede im vierten.

Leise pfeifend schlenderte Duggan den Flur entlang und suchte nach der braunen Tür mit der Nummer 33. Als er dann davorstand und in seiner Jacketttasche nach dem Schlüssel suchte, hörte er deutlich, wie man drinnen im Zimmer flüsterte. Aha! Das konnte ja noch eine romantische Nacht werden. Er steckte den Schlüssel mit der linken Hand ins Schloss und drehte ihn herum, zugleich riss er mit der rechten seine 38er Smith & Wesson heraus. Dann drückte er die Klinke blitzschnell nach unten, stieß die Tür mit dem Fuß auf und sprang im gleichen Augenblick zur Seite.

Da sah er, wie zwei uniformierte Polizisten auf ihn zukamen, mit schussbereiten Revolvern natürlich. Er drehte sich um – hinter ihm das gleiche Bild.

Aus dem Zimmer rief jemand in einwandfreiem Englisch: „Lassen Sie Ihre Waffe fallen!“

Duggan gehorchte. Schon hingen zwei Männer an seinen Armen, die Handschellen schnappten zu.

„Es geht nichts über die schwedische Gastfreundschaft“, sagte Duggan tonlos.

„Hier.“ Ein strohblonder Hüne, offensichtlich der Chef, hielt ihm ein kleines Säckchen mit einem weißen Pulver unter die Nase.

„Heroin!“, rief Duggan.

„Natürlich! Haben wir bei Ihnen im Koffer gefunden ... Das mit dem doppelten Boden ist doch ein alter Trick. Ein guter Tipp, den wir da bekommen haben. Falls Sie es noch nicht gemerkt haben sollten: Sie sind verhaftet!“

image
image
image

10

image

Je später der Abend, desto lieber die Gäste“, murmelte Jack McCalmon, als er Robert Broom an der Tür seines Hauses empfing.

„Ich komme eben aus Stockholm“, sagte Broom, als der Butler mit seinem Regenmantel verschwunden war.

„So?“ McCalmon hatte Mühe, gelassen zu bleiben. Wenn Broom wusste, dass er Duggan einen Killer nachgeschickt hatte, dann... Verdammt, ausgerechnet heute war seine Leibgarde nicht im Hause!

„Ich komme nicht als Henker“, lächelte Broom.

„Tjörnebo ist da“, sagte McCalmon schnell, „und Sandy auch.“

„Aber Culliford weiß nichts davon, dass wir uns hier treffen?“, fragte Broom, während sie ein paar Stufen hinuntergingen.

„Nein, nein! Sie haben mir doch am Telefon selber gesagt, dass ich ihn nicht einladen soll.“

„Ja, ja, natürlich.“

Sie kamen in McCalmons Trinkstube, einen kleinen Raum im Keller, dessen Wände mit Bierdeckeln, Flaschenetiketten und Kronkorken tapeziert waren. Die Decke bestand aus rußgeschwärzten Eichenbohlen, und in den Regalen drängten sich die phantasievoll geformten Flaschen mit den ausgefallensten Spirituosen und Bieren. In einem Schränkchen mit niedlichen Butzenscheiben warteten die Pokale, Kelche, Humpen und Gläser.

Aber Robert Broom hasste alkoholische Getränke, und er fühlte sich in dieser Umgebung gar nicht wohl. Er begrüßte Sandy Perkins und den Schweden lediglich mit einem mürrischen Kopfnicken.

„Ich muss nun doch noch einmal Ihre sehr geschätzte Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen“, sagte er betont förmlich. „Wir müssen nämlich umdisponieren. Zu Beginn unserer kleinen Sitzung darf ich Ihnen zunächst einmal mitteilen, dass unser gemeinsamer Freund Archibald Duggan in einem Stockholmer Gefängnis sitzt und auf die Anklageschrift wartet. Man hat eine ziemliche Menge Heroin in seinem Koffer gefunden. Wie das wohl dahin gekommen sein mag?“

„Köstlich!“ McCalmon lachte, als würde er dafür bezahlt. Sein Killer war also nicht zum Zuge gekommen. Jetzt, wo er Broom direkt gegenübersaß, war er fast froh darüber.

„Unsere Wünsche sind also in Erfüllung gegangen. Duggan ist nicht ermordet worden – und fällt trotzdem aus.‟ Broom rieb sich die Hände. „Nun aber etwas weniger Erfreuliches. Ich habe da einen sehr fähigen Kontaktmann in Stockholm.. Er dachte an Tingji. „Von ihm weiß ich, dass die CIA über unsere Pläne weitgehend informiert ist.“

„Was?!“ Tjörnebo war aufgesprungen. Er war kreidebleich.

„Nun, so schlimm ist es nun auch wieder nicht“, lächelte Broom überlegen.

„Spannen Sie uns doch bloß nicht so auf die Folter!“, rief Sandy Perkins, heute in einer weißen Bluse und einem marineblauen Minirock.

„Die CIA weiß, dass sich unsere Bombe an Bord der Susami Maru befindet, das heißt, dass sie außen am Rumpf befestigt ist.“

„Damit ist doch alles aus!“, rief McCalmon.

„Auf keinen Fall.“ Broom putzte erst einmal seine vergoldete Brille. „Übermorgen wird ein Frachter in den Hafen von New Orleans einlaufen, der unter der Flagge Panamas fährt, die Almirante. Und an ihrem Rumpf hängt unsere zweite Bombe, natürlich unter Wasser.“

„Großartig!“ Sandy klatschte in die Hände. Auch Tjörnebo und McCalmon waren beeindruckt. Broom war ein Organisationsgenie. Für Minuten redeten sie alle durcheinander.

„Ich bitte mm endlich um Ruhe!“, rief Broom schließlich. „Was zuerst das Ende unserer Pläne zu bedeuten schien, wird sich nun zu unserm Vorteil auswirken.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause. „Sie alle wissen, dass unser Freund Lee Culliford von den einzelnen Polizeibehörden und vom FBI gesucht wird. Wir haben schon überlegt, ob es nicht besser wäre, ihn von uns aus zu erledigen. Aber noch scheint mir die Gefahr nicht allzu groß zu sein, dass sie ihn erwischen. Klar ist jedoch, dass er verschwinden muss!“

Es erhob sich kein Widerspruch. McCalmon fürchtete Culliford als Widersacher, Tjörnebo wusste, wo Culliford sein Geld versteckt hatte und hätte es gerne an sich genommen, und für Sandy war der Killer völlig uninteressant.

„Wir werden also folgendes tun ...“ Broom fixierte den Brillanten in seinem Ring. „Die CIA wird die Kaianlagen in Baltimore besetzen lassen und auf die Susami Maru warten. Und wer immer den Versuch unternimmt, die Bombe zu bergen, der sitzt in einer tödlichen Falle!“

„Das können Sie wohl annehmen!“, brummte Tjörnebo mit gerunzelter Stirn.

„Culliford wird nach Baltimore fahren, um die Bombe zu holen. Niemand wird ihm sagen, dass er in die Falle der CIA geht, niemand! Verstanden! Ich erinnere Sie nur an den Abend am Long Island Sound und die Schrottpresse. Culliford wird sich bis zum letzten verteidigen – er wird also sterben! Den Männern, die er mitnimmt, werde ich einhämmern lassen, dass Culliford der Boss ist – nur Culliford und sonst niemand! Außerdem werden wir Belastungsmaterial in Cullifords Wohnung schaffen, und zwar alles, was sich auftreiben lässt. Gleichzeitig werde ich meinem Kontaktmann in Stockholm weismachen, dass Culliford die entscheidende Figur wäre. Er hat auch Verbindungen zur CIA, und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn sie ihm nicht glaubten. Na?“

„Wunderbar“, sagte Tjörnebo oder Tennyson, wie er sich hier in den Staaten nannte. „Damit dürfte für die CIA-Leute in Langley der Fall abgeschlossen sein: Sie haben die Bombe, und sie haben den Mann, der den Plan ausführen sollte. Wissen sie denn auch was von dem Schacht? Weiß CIA, dass Rebecca Reed ...?“

„Nein, nein!“ Broom grinste. „Ich pflege solche Sachen immer recht geschickt einzufädeln. So! Damit wäre wieder alles klar. McCalmon, Sie werden die Arbeiten in New Orleans leiten. Almirante heißt das Schiff, wie gesagt. Mehr brauchen Sie an sich gar nicht zu wissen. Die zweite Bombe ist genauso befestigt wie die erste. Ich selbst werde noch einmal mit Culliford sprechen. – Dann darf ich mich endgültig von Ihnen verabschieden!“

McCalmon brachte Broom zur Tür.

image
image
image

11

image

Als Archibald Duggan die hypermoderne Abfertigungshalle des John F. Kennedy International Airports betrat, spielte man keinen Tusch, und kein Beamter des State Department hielt eine Rede. Dabei hätten sie wirklich allen Grund zum Jubeln gehabt, denn es hatte schon eines diplomatischen Meisterstückes bedurft, um Archibald aus den Fängen der schwedischen Justiz befreien.

Duggan erfreute sich seiner wiedergewonnenen Freiheit, schlenderte zum Zeitungskiosk hinüber, überflog die Schlagzeilen, plauderte ein wenig mit einer Stewardess, die er kannte, zündete sich eine Zigarette an und rauchte sie in aller Ruhe in einem der schalenförmigen Sessel. Dann fuhr er zu den Büroräumen der Flughafenverwaltung hinauf und besuchte einen altgedienten CIA-Mann, der hier als biederer Poststellenleiter Dienst tat. Er war absolut vertrauenswürdig und verfügte über ein abhörsicheres Telefon. Duggan begrüßte ihn kurz und versuchte dann, Brown zu erreichen. Er wählte eine siebenstellige Nummer.

Eine Telefonistin mit monotoner Stimme meldete sich. „3511100“. Die Telefonzentrale im CIA Hauptquartier antwortete wie üblich nicht mit einem Namen, sondern nur mit der Rufnummer.

„Mr. Brown bitte.“

„Einen Augenblick bitte.“

Nach etwa drei Minuten hatte man Brown gefunden und an den Apparat geholt. Er hatte an einer wichtigen Sitzung teilgenommen.

„Guten Tag, Mr. Brown, hier spricht Duggan. Es war ein einmaliges Erlebnis, in Schweden hinter schwedischen Gardinen zu sitzen. Ich danke Ihnen jedenfalls für Ihre Bemühungen, mich da herauszuholen.“

„Bitte! Es war gar nicht so einfach. Warum sollte nicht auch ein tüchtiger CIA-Agent der Versuchung unterliegen, mit Rauschgift zu handeln? Bessere Voraussetzungen könnte ja kaum jemand haben. Was sollten wir gegen diese Logik ausrichten, es sprach ja auch alles gegen Sie. Und fragen Sie mich bitte nicht danach, wie wir es schließlich doch noch geschafft haben. Wer mag Ihnen das Zeug in den Koffer gesteckt haben?“

„Ich weiß es wirklich nicht!“

„Ach, es ist wie verhext! Den Mörder dieser Rebecca Reed hat man noch immer nicht gefunden, und auch über Herb Nilsson konnten wir nichts erfahren, was uns weitergebracht hätte. Vielleicht werden wir nie herausbekommen, wer Nilsson nach Stockholm geschickt hat, um Sie zu ermorden. Egal! Nun zu den Geschichte in Baltimore. Die Sache hat hier viel, sehr viel Staub aufgewirbelt. Seit Tagen begleiten unsere U-Boote den Frachter, morgen wird er die amerikanischen Hoheitsgewässer erreichen. Also ...“ Brown teilte Duggan mit, welche Rolle er bei der Überwachung der „Susami Maru“ zu spielen hatte.

„Es wird schon klappen“, sagte Duggan.

„Gut.“ Brown verabschiedete sich und legte auf, ehe Archibald zu Sandy Perkins kam.

Sandy Perkins! Seitdem Duggan in Stockholm die Fotografie gesehen hatte, kam er von diesem Gesicht nicht mehr los. Er musste sie unbedingt besuchen! Und er hatte Glück, ihre Adresse stand im Telefonbuch: Sandy Perkins, 112 East, 48th Street, Plaza 55917. Das musste in der Nähe der Park Avenue sein. Keine schlechte Wohngegend.

Eine knappe Stunde später klopfte er an die graue Tür des Apartments Nummer 33. Vorerst ohne Erfolg, drinnen blieb alles ruhig. Duggan trat ans Flurfenster und blickte den Köchen des gegenüberliegenden Hotels in die Töpfe. Als er sich wieder umwandte, stand eine hochgewachsene, aber etwas mollige Blondine in der Tür.

„Wollten Sie zu mir?“, fragte sie mit rauchiger, heiserer Stimme. Offensichtlich kam sie gerade aus dem Bad, ihr langes Haar war noch nass. „Wollten Sie zu mir, heh? Was sind Sie denn – Vertreter?“

„Ja.“ Duggan schien ein klein wenig verwirrt. „Ich bin Vertreter einer guten Sache.“

Sie lachte und zwar ziemlich schrill. „Äh ... Ich bin Journalist, bei der Time im Augenblick, und ich recherchiere im Fall Rebecca Reed. Sie waren doch mit ihr befreundet, Miss Perkins?“

„Ja ... Ach, kommen Sie doch herein, Mister ...“ Fast hätte sie gesagt: Mr. Duggan, denn natürlich hatte sie Archibald sofort erkannt. McCalmon hatte ja genügend Fotos aus Hongkong mitgebracht. Sie war selbst erstaunt, wie schnell und unauffällig sie ihren Schock überwunden hatte. Pech für Duggan, dass er im entscheidenden Augenblick nicht auf ihr Gesicht geachtet hatte.

„Duggan ist mein Name, Archibald Duggan.“

„Sehr erfreut“, murmelte Sandy, während sie die Tür hinter Archibald ins Schloss fallen ließ und ihm einen Stuhl anbot. Sie selbst nahm auf einer Art Liege Platz und schlug die Beine übereinander.

„Sie haben es nett hier“, sagte Archibald. „Sie sind ja fast eingerichtet wie ein Filmstar.“

„Ich hab’ ja auch schon in einigen Filmen mitgewirkt. Und als Fotomodell verdient man ganz gut.“

„Hm.“ Archibald musterte sie immer wieder. Ein merkwürdiges Gesicht. So sahen kleine Mädchen unter dem Weihnachtsbaum aus, aber auch heruntergekommene 5-Dollar-Girls in billigen Pensionen. Ihr breites, etwas slawisches Gesicht ließ die ganze Skala menschlicher Gefühle und Leidenschaften erkennen, ihre Augen erschienen ihm naiv und neugierig. „Ich habe Ihr Bild in einem Nachtklub in Stockholm gesehen“, sagte Duggan schließlich. „Der Besitzer hatte es in sein Album geklebt. Sie standen neben Rebecca Reed und ... Vielleicht könnten Sie mir ein wenig von Ihrer Freundschaft mit Rebecca – oder Britt – erzählen?“

„Gerne“, sagte Sandy, obwohl sie Duggan am liebsten aus dem Fenster geworfen hätte. McCalmon hatte eben angerufen, er konnte jeden Augenblick hier aufkreuzen. Gar nicht auszudenken, wenn er sie mit Duggan zusammen sah! Sie wusste genau, was Broom anordnen würde: Liquidieren! Man würde sie genauso opfern, wie man Lee Culliford opferte.

„Ist Ihnen nicht gut?“, fragte Duggan besorgt.

„Doch, doch“, versicherte sie, während sie sich eine Zigarette aus einer bunten Packung schnippte. Duggan ging zu ihr hinüber und gab ihr Feuer. Ihr Parfüm war so stark, dass er husten musste. Soviel Jasmin auf einmal hatte er noch nie genossen. Er ging zu seinem Stuhl zurück.

„Nun?“, fragte Duggan lächelnd.

„Ja, ich war mit Rebecca befreundet.“ Sie hatte eine ganze Menge zu erzählen, aber sie geriet immer wieder ins Stocken und suchte oft sekundenlang nach einem passenden Wort. Duggan erfuhr einiges über Rebecca Reed, was er noch nicht gewusst hatte, aber einen entscheidenden Hinweis erhielt er nicht.

Es klopfte. Einmal, zweimal – und dann wesentlich energischer. Sandy war aufgesprungen, für einen Augenblick war sie völlig ratlos. Dann rannte sie zu Duggan hinüber und riss ihn vom Stuhl hoch.

„Schnell, ins Badezimmer!“, flüsterte sie. „Mein Freund ist verdammt eifersüchtig.“ Schon hatte sie Duggan hineingestoßen und die Tür hinter ihm zugezogen.

Aber es war nicht McCalmon, sondern der Briefträger. „Aus Paris ... Wieder mal Wäsche für Sie!“ Der Beamte grinste, überreichte ihr ein längliches Paket und verschwand dann wieder.

Sprengstoff! Das war Sandys erster und einziger Gedanke, denn sie hatte überhaupt keine Wäsche bestellt. Broom traute ihr also nicht mehr, man wollte sie loswerden. Jack, Jack McCalmon, liebte sie schon lange nicht mehr, das wusste sie längst. Aus, alles aus! Wenn sie das Paket öffnete, dann starb sie hier und jetzt, und wenn sie es nicht öffnete, dann starb sie morgen und woanders, diesem Broom entging niemand. Schon wollte sie aufgeben, da fand sie einen Ausweg: Sie brauchte nur dafür zu sorgen, dass Duggan das Paket öffnete, dann ... dann war sie gerettet und Broom sah, wie sehr man sich auf sie verlassen konnte.

„Mr. Duggan!“, rief sie und ließ Archibald aus dem Badezimmer heraus. „Es war nur der Briefträger, ein Paket. Tun Sie mir mal einen Gefallen und machen es auf. Ja? Ich brech’ mir immer die Nägel ab. Ich muss hinter dem Briefträger her, er hat mir zehn Dollar zu wenig herausgegeben!“ Schon war sie auf den Flur hinausgelaufen.

Duggan nahm das Paket und legte es auf den kleinen nierenförmigen Tisch. Er las den Absender und schmunzelte. Dann knotete er die Strippen auseinander und wickelte sie auf ein herumliegendes Taschenbuch. Als er das Packpapier auseinandergerissen hatte, stieß er auf ein paar farbige Prospekte, die sämtliche amerikanischen Frauenverbände auf die Barrikaden getrieben hätten. Jetzt kam der eigentliche Karton zum Vorschein. Er riss ihn auf, schlug ein paar Bogen Seidenpapier zur Seite und hielt zwei atemberaubende schwarze Höschen in der Hand.

McCalmon hatte sie bestellt.

Sandy kauerte in der Nische neben dem Lift und wartete auf die Detonation. Sie fühlte nichts mehr, sie konnte an nichts mehr denken, eine unendliche Leere beherrschte sie. Nach zwei, drei Minuten, die ihr wie eine Ewigkeit erschienen, wusste sie, dass sie sich geirrt hatte. Sie stürzte zu ihrem Apartment hinüber. Als sie sah, dass Duggan gesund und munter war, verspürte sie den übermächtigen Impuls, zu ihm hin zu laufen, sich an seine Schulter zu schmiegen, zu weinen und ihm alles zu erzählen. Doch sie konnte nicht. Wie versteinert blieb sie in der Tür stehen. So leicht ließen sich die Fesseln der Vergangenheit nun doch nicht abstreifen.

„Oh!“ Duggan bemerkte ihre Verwirrung, führte sie aber auf ganz andere Ursachen zurück. Er ließ die schwarzen Höschen in das Paket zurückgleiten und wartete, bis sich Sandy wieder beruhigt hatte. Dann fragte er sie nach Stig Tjörnebo, dem Kernphysiker aus Schweden.

„Tjörnebo? Nein, kenne ich nicht. Nein, ich habe ihn nie mit Rebecca zusammen gesehen.“

Wieder eine Spur, die sich im Sande verlief. Duggan konnte seine Enttäuschung nur mühsam verbergen. „Ich werde mich in den nächsten Tagen in Baltimore aufhalten, im Hotel Shelburne in der Lexington Street. Hier, auf dem Zettel steht meine Telefonnummer. Sollte Ihnen noch etwas über Rebecca einfallen, das für mich von Interesse sein könnte, dann rufen Sie mich doch bitte an. Die Kosten ersetzen wir Ihnen natürlich.“

„Ja, ich werde sehen.“

Sie wechselten noch ein paar belanglose Worte, dann verabschiedete er sich.

Genau einunddreißig Sekunden später stand Jack McCalmon in Sandys Zimmer, und sie fragte sich immer wieder, ob er Duggan im Lift oder auf der Treppe gesehen und erkannt hatte.

image
image
image

12

image

Archibald Duggan lag auf einem weichen Hotelbett und gähnte. Noch anderthalb Stunden bis zur großen Aktion hier im Hafen von Baltimore.

Wenn er die Augen schloss, dann sah er die graue „Susami Maru“ vor sich wie auf einem Fernsehschirm. Gestern Mittag hatte sie Cape Henry passiert und war in die Chesapeake Bay eingelaufen, die wie ein riesiger Trichter in den Bundesstaat Maryland hineinragt. An der Mündung des Potomac vorbei war sie nach Norden gestampft und hatte vor wenigen Stunden die Lichter von Annapolis links liegenlassen, die Lichter der Hauptstadt von Maryland. Bald musste sie auf den Radarschirmen der hiesigen Hafenbehörde auftauchen.

Es war schon einiges geschehen. Duggan wusste, dass man etwa fünfzig Meilen vor der amerikanischen Küste eine Schiffskatastrophe vorgetäuscht hatte, um die „Susami Maru“ unauffällig untersuchen zu können. Die Spezialabteilung der Marine hatte in unmittelbarer Nähe des verdächtigen Schiffes einen alten Fischkutter in Brand gesteckt und SOS gefunkt. Prompt hatte die „Susami Maru“ ihren Kurs geändert und wenig später ihre Maschinen gestoppt, um die Schiffbrüchigen zu bergen. Auf diese Art und Weise waren zwei FBI-Leute und zwei CIA-Agenten an Bord des japanischen Frachters gelangt. Außerdem hatten Froschmänner der Navy den Rumpf der „Susami Maru“ untersuchen können. Sie hatten tatsächlich eine kleinere Bombe am Rumpf entdeckt, allerdings war sie noch nicht scharf gemacht worden, und es bestand keine Gefahr für die Bevölkerung.

Duggan hatte Langeweile. Radiohören mochte er nicht, gelesen hatte er schon mehr als genug. Auch der Gedanke an einen Spaziergang durch die Stadt taugte nicht viel, denn er kannte Baltimore wie seine Westentasche.

Es klopfte, einmal, zweimal. Archibald war einfach zu faul, um zu antworten. Langsam wurde die Klinke heruntergedrückt. Duggan richtete sich auf, es schien ein interessantes Spiel zu werden. Dann wollte jemand von draußen die Tür aufstoßen, aber es misslang ihm. Archibald hatte nämlich von innen abgeschlossen. Eine kleine Vorsichtsmaßnahme, er war ja keineswegs lebensmüde. Archibald sprang auf. Er hörte Schritte auf dem Flur, Schritte, die sich eilig entfernten. Im Nu hatte er seine 38er Smith & Wesson herausgerissen und die Tür geöffnet. Aber draußen auf dem Gang war kein Mensch zu sehen. Er setzte sich wieder auf sein Bett, ließ die Tür diesmal unverschlossen und wartete.

Nach etwa einer halben Stunde klopfte es abermals. Archibald zog das Betttuch über seine Waffe und rief: „Herein!“ Die Tür wurde aufgestoßen.

„Hallo, Archibald!“ Es war Kjell Hammarsland, der Mann vom schwedischen SP 3, der Duggan in Stockholm das Leben gerettet hatte. „Ich habe gehört, dass der Tanz bald losgeht.“ Er zog die Tür hinter sich zu und setzte sich auf einen Hocker. „Und ich bin sicher, dass mein spezieller Freund Stig Tjörnebo bei der Bergungsaktion dabei ist. Hm ... Na, wie geht’s denn?“

„Danke.“ Duggan schmunzelte. „Die Stockholmer Gefängnisse kann man nur weiterempfehlen. Dass man mir Heroin in den Koffer geschmuggelt hatte, weißt du ja wohl. Ein alter Trick! Aber deine lieben Landsleute sind wohl hauptsächlich darauf ’reingefallen, weil das Zeug immerhin einen Wert von beinahe fünftausend schwedischen Kronen hatte. Nicht schlecht! Es gibt also Leute, denen ich soviel wert bin.“

„Hat man denn das Hotelpersonal überprüft?“, fragte Hammarsland.

„Sicher. Aber natürlich hat man keinen Menschen gefunden, der hinreichend verdächtig gewesen wäre. Ein bisschen mysteriös das Ganze!“ Duggan überprüfte seine 38er Smith & Wesson, steckte sie ins Schulterhalfter und zog sich sein maßgeschneidertes hellgraues Jackett über.

„Können wir?“

Kjell Hammarsland war sehr nervös. Sein schmales Gesicht war mit rötlichen Flecken bedeckt, er schwitzte.

„Auf in den Kampf, Torero“, summte Archibald Duggan, als sie das Hotel „Shelburne“ verließen. „Zu Fuß sind es nur zwanzig Minuten bis zum Liegeplatz der Susami Maru, wir brauchen kein Taxi.“

Sie schritten durch die engen, ein wenig unheimlichen Gassen des Hafenviertels. Es war überraschend kühl hier unten am Hafen, ein leichter Nieselregen ließ sie frösteln. Die grellen, zuckenden Lichtreklamen der Bars und Kneipen spiegelten sich auf dem welligen Pflaster, Matrosen aus aller Herren Ländern streiften umher, grell geschminkte Mädchen gingen auf und ab, Betrunkene lehnten in den Hauseingängen, die Luft war erfüllt vom Lachen ausgelassener Menschen und vom Lärm der Musikautomaten. Duggan und Hammarsland hatten sich ganzer Scharen von Schleppern und Zuhältern zu erwehren, offensichtlich hielt man sie für vergnügungssüchtige Millionärssöhne.

„Was, du verdammtes Schwein, du willst nicht mitkommen, du lachst über die Bar meines Vaters!“ Ein untersetzter, stark angetrunkener Matrose hatte sich vor Duggan aufgebaut. „Na warte! So was kannst du mit mir nicht machen!“ Plötzlich hielt er ein langes finnisches Messer in der Hand.

Duggan blieb stehen. Die gebeugte Haltung und der nach unten gerichtete Blick des Mannes ließen erkennen, dass er einen Bauchstich anbringen wollte. Da! Schon warf er sich nach vorn. Archibald fing den Arm des Angreifers mit der Handkante seines linken Armes ab. Zugleich umfasste er mit dem rechten Arm die Faust des Matrosen. Dann schwang er die Faust nach links herum und schleuderte den Mann zu Boden. Ein wilder Schmerzensschrei hallte durch die Gasse.

„Komm, wir müssen abhauen!“ Hammarsland zog Duggan mit sich fort. „In ein paar Sekunden bricht hier die Hölle los.“

Sie liefen auf einen unbeleuchteten Schrottplatz zu, sprangen über den niedrigen Zaun und verschwanden hinter den bizarr aufeinander getürmten Autowracks.

Fünf Minuten später erreichten sie den Hafen. Es roch eher nach Abwässern, Kot und Ammoniakgasen als nach Jod, Algen und toten Fischen. Die Welt erschien ihnen wie ein total unterbelichteter Film, nur Silhouetten und Schemen. Riesige Speicher ragten vor ihnen auf und schlanke Kräne, an deren Enden gelblich-weiße Glühlampen baumelten. Immer wieder stolperten sie über verrostete Schienen, irgendwo hinter ihnen pfiff eine Diesellokomotive. Die schnittigen Rümpfe der gut vertäuten Frachter wurden sichtbar.

Schweigend gingen sie an der Kaimauer entlang. Unter ihnen schnalzte und gluckste das schwarze Wasser, sie erkannten zerbrochene Kisten, Orangenschalen und faulige Kohlstrünke, die auf den leichten Wellen auf und nieder schaukelten. Auf einem Abstellgleis standen sieben, acht weiß gestrichene Kühlwagen, die Ventilatoren surrten leise.

„In diesen Wagen hocken mehr als fünfzig Polizisten, FBI-Leute, Abwehrspezialisten der Navy und CIA-Agenten“, erläuterte Duggan. „Jeder Kran und jeder Speicher ist besetzt, die Boote der Küstenwacht haben die Bucht hermetisch abgeriegelt, sämtliche Streifenwagen von Baltimore sind im Hafengebiet konzentriert.“ Duggan hatte nur geflüstert. „Wir beide dürfen in einem Motorboot sitzen und warten, bis etwas schiefgeht. Komm, die Swallow liegt hier unten an der Treppe.“

Sie gingen an Bord des kleinen, aber ungemein schnellen Motorbootes und nahmen in der ziemlich engen Kabine Platz.

„Das graue Schiff vor uns ist die Susami Maru“, sagte Duggan, während er sich die Kopfhörer aufsetzte und den kleinen Sender der „Swallow“ einschaltete. Nach ein paar Sekunden meldete sich die Leitstelle, die man im Gebäude der Hafenverwaltung untergebracht hatte.

„Sie sind’s, Duggan, okay! Bis jetzt läuft alles wie geplant. Drei Mann nur. Sie haben einen Lastzug am Ufer geparkt, an einer abgelegenen Stelle, vielleicht vier Meilen vor Baltimore. Kein Fahrer in der Kabine. Die drei Männer sind auf einen motorisierten Lastkahn umgestiegen, der teilweise mit Steinkohlen beladen ist. Die Anne ist es, sie haben sie gestohlen. Sie müssen sich ganz dicht unter Land halten, wir haben sie nicht auf unserm Radarschirm. Welche Waffen sie an Bord haben, wissen wir nicht. Vielleicht sind auch noch einige Männer an Bord, die unsere Leute nicht gesehen haben.“

„Was haben denn unsere Leute auf der Susami Maru herausgefunden?“, fragte Duggan.

„Von der Besatzung hat kein einziger was mit der Sache zu tun, das ist das Erstaunliche ... Moment mal! Heh, Duggan, ich höre gerade, dass die Anne die Hafeneinfahrt passiert hat, sie muss bald bei Ihnen auftauchen. Ich muss Schluss machen, alles Gute!“

Duggan zündete sich eine Chesterfield an. „Die Susami Maru ist ein ganz hübscher Kasten. Bald fünfzehntausend Kubikmeter Wasserverdrängung, eine Geschwindigkeit von vielleicht zwölf Knoten und acht Yard Tiefgang ... Lloyds Kalender ist ganz interessant.“

„Ich glaube, da kommt der Lastkahn“, sagte Hammarsland, der mit einem Nachtglas auf das Hafenbecken hinausstarrte.

Er hatte recht, es war die „Anne“. In ihrem kleinen Steuerhäuschen hockten Lee Culliford und zwei weitere Gangster, die ausgezeichnete Froschmänner waren. Ihre heutige Aufgabe erschien ihnen nicht besonders schwer. Sie hatten einen stromlinienförmig geschmiedeten Stahlkörper vom Rumpf der „Susami Maru“ zu lösen, in dem sich nach Auskunft ihres Bosses Gold, Diamanten und Rauschgifte befinden sollten.

„An dem Stahlkörper sind zwei mächtige Ösen angebracht, wie gesagt.“

Culliford manövrierte den Lastkahn geschickt in die unmittelbare Nähe der „Susami Maru“. „Ihr klinkt die ... äh, den Stahlkörper aus. Das wird ganz einfach gehen, den Mechanismus habe ich euch ja hundertmal erklärt... Vorher müsst ihr natürlich die beiden Trossen anbringen. Sie liegen hier an der Strickleiter, vergesst sie nicht. Dann kommt ihr zurückgeschwommen, und wir ziehen das Ding mit unserer elektrischen Winde an Bord. In zwei Stunden sind wir wieder unten am Lastzug, und ihr seid jeder um fünftausend Dollar reicher.“

Die beiden Männer nickten, zwei skrupellose und verwegene Kerle, mehrfach vorbestrafte Verbrecher, aber keine Killer. Ihre Gummianzüge hatten sie bereits angelegt, jetzt schnallten sie sich die Pressluftflaschen um.

„So.“ Culliford hatte den Motor der „Anne“ abgestellt und ließ den Lastkahn nun gemächlich unter eine Betonbrücke treiben. Endlich schrammte er gegen die hölzernen Leitplanken, ein Zittern lief durch den alten Schiffskörper. „Drüben liegt die Susami Maru, die Laternen sind verdammt hell. Keine achtzig Yard, eine Kleinigkeit für euch. Kein Mensch weit und breit. Die Wache auf der Susami Maru liest Zeitung.“ Culliford ließ seinen Feldstecher wieder sinken. „Ich glaube, ihr könnt starten.“

Die beiden Froschmänner zogen noch ihre Schutzbrillen über die Augen, dann traten sie aufs Deck der „Anne“ hinaus. Culliford blickte hinter ihnen her und spielte mit seiner belgischen Maschinenpistole, die vor ihm auf einem schmalen Brett lag.

„Jetzt erscheinen zwei Männer auf dem Deck des Lastkahns ... Man kann sie ganz deutlich erkennen, sie müssen eine Karbidlampe im Steuerhaus haben.“

Archibald Duggan beugte sich noch weiter nach vorn. „Jetzt springt einer von ihnen ins Wasser ... Der andere wirft etwas hinter ihm her, eine Stahltrosse ... Jetzt klettert der zweite an einer Strickleiter hinunter ... Noch ein paar Blasen, beide sind verschwunden.“

„Okay“, murmelte der Mann in der Funkleitzentrale. „Ich werde die anderen verständigen. Und Sie bleiben am Ball, Duggan!“

„Aber sicher!“, lachte Archibald. „Während die Froschmänner unter Wasser arbeiten, werde ich auf dem Posten sein.“

Die Minuten vergingen, fünf, zehn, fünfzehn. Am Hafenbecken VIII war es so still und friedlich wie in jeder Nacht. Ab und an schlenderte ein schwarzgekleideter Wachmann vorbei, und ahnte nicht, was hier gespielt wurde. Hin und wieder huschten Ratten über den Kai und flüchteten vor einem riesigen schwarzen Kater. Irgendwo grölte ein betrunkener Matrose. Über den Expressway oben jagten einige Wagen mit aufgeblendeten Scheinwerfern, und in der Altstadt schlugen die Turmuhren. Es war Mitternacht.

„Die haben wohl da unten eine Meerjungfrau gefunden“, murmelte Hammarsland. Die Plastiksitze ihres Motorbootes wurden mit der Zeit ziemlich unbequem.

„Sieh mal! Ich glaube, die beiden Taucher kommen zurück.“ Duggan schaltete seinen kleinen Sender wieder ein. „Hallo, Mac, sie kommen zurück ... Die beiden Froschmänner natürlich ... Jetzt klettern sie an Bord. Der Mann, der auf dem Kahn geblieben ist, hilft ihnen hoch ... Sie sind oben. Ich glaube, die Winde dreht sich schon ... Man kann das von hier aus nicht genau erkennen, aber ... Doch, doch, sie ziehen die Bombe zu sich hinüber ...“

„Danke, Duggan, danke!“ Der Mann in der Funkleitstelle war zufrieden, man hörte es an seiner Stimme. „Na, wie geht’s weiter?“

„Sie haben’s geschafft. Die Bombe hängt an der Steuerbordseite, knapp unter Wasser.“

„Okay! Ich zähle bis zehn. Dann flammen die Scheinwerfer auf. Macht euch fertig, Jungs!“

Duggan griff nach dem Zündschlüssel, Hammarsland entsicherte seine schwere Mauserpistole.

„Hoffentlich ist Tjörnebo dabei“, sagte er, „hoffentlich passiert ihm nichts.“

„... sieben, sechs, fünf ...“ Die Stimme des Beamten in der Zentrale blieb ruhig und nüchtern. „ ... drei, zwei, eins – los!“ Überall flammten Scheinwerfer auf. Der hintere Teil des Hafenbeckens war so hell erleuchtet wie ein Fußballstadion bei einem Flutlichtspiel. Schwerbewaffnete Männer sprangen aus den Kühlwagen, Sirenen heulten auf, die Schnellboote der Küstenwacht hielten auf die „Anne“ zu. Ein Lautsprecherwagen der City Police raste an den Kühlwagen vorbei und bremste haarscharf neben der Kaimauer.

Eine sonore Stimme schallte über das silbern glitzernde Wasser: „Das Hafenbecken ist umstellt! Werfen Sie Ihre Waffen weg! Jeder Widerstand ist zwecklos!“

Duggan gab Gas, ihr Boot schoss auf den Lastkahn zu. Die drei Männer an Bord der „Anne“ rührten sich noch immer nicht. Der Gangster zwischen den beiden Tauchern war ein Hüne.

„Worauf warten die denn?“, fragte Hammarsland, der seine Erregung nur schlecht verbergen konnte. „Vielleicht wollen sie den Kahn in die Luft sprengen, wenn wir an Bord gegangen sind?“

„Mensch!“ Duggan hatte den rothaarigen Hünen erkannt. „Das ist der Killer! Der Mann da hat Rebecca Reed erschossen!“

Auch Lee Culliford hatte ein gutes Personengedächtnis. „Duggan!“, stieß er hervor. Schon hatte er seine Maschinenpistole hochgerissen und den Abzug durchgezogen.

Hammarsland schrie auf.

„Keine Angst!“, rief Duggan. „Unsere Windschutzscheibe besteht aus bestem Panzerglas!“

Aber das kugelsichere Glas zerbröckelte doch ein wenig, und sie konnten nicht mehr allzu viel sehen.

In wenigen Sekunden mussten die Polizeibeamten die Straße jenseits der Brücke erreicht haben. Auch die Männer auf den heranjagenden Booten hielten ihre Maschinenpistolen bereit. Der Lastkahn mit der Bombe lag noch immer unter der Betonbrücke, und die drei Gangster saßen hoffnungslos in der Falle. Die beiden Froschmänner begriffen, dass sie nichts mehr zu gewinnen hatten, schon im nächsten Augenblick würden sie im Kugelhagel sterben. Sie konnten nur überleben, wenn sie Culliford entwaffneten! Ein kurzer Blick ... und schon war Culliford ein Stück nach hinten gesprungen. Er kannte keine Gnade, kaltblütig mähte er die beiden Männer nieder. Dann hastete er zum Heck des Kahns, um von dort aus auf die Kaimauer zu springen. Noch hatte er eine Chance.

Doch mitten im Sprung erwischte es ihn. Hammarsland hatte geschossen. Beide Kugeln saßen im Herzen. Culliford warf die Arme hoch, stürzte auf die Kaimauer und rutschte ins Wasser.

„Idiot!“ Duggan schlug Hammarsland die Mauserpistole aus der Hand. „Wir hätten ihn doch lebend bekommen!“

„Ich ... ich dachte ... Als er die beiden Taucher niederschoss, da ...“ Hammarsland war völlig verwirrt.

„Ach!“ Duggan biss sich vor Wut auf die Lippen. Er ließ das Motorboot gegen den Lastkahn prallen und sprang auf das Deck der „Anne“. Einer der beiden Taucher lebte noch.

„Dieses Schwein!“, stieß er hervor. „Er war der Boss und ...‟

„Wie hieß er denn?“, fragte Duggan schnell.

Doch der Gangster konnte ihm nicht mehr antworten, er hatte das Bewusstsein verloren. Wenige Minuten später starb er in den Armen eines Arztes.

Schon hatte ein Spezialkommando der Atomenergie-Kommission (AEC) die Bombe geborgen.

In Baltimore war es 2 Uhr 46 Eastern Time, als die letzten Polizeibeamten das Hafenbecken VIII verließen.

image
image
image

13

image

In der Nähe von New Orleans war es 23 Uhr 46 Pacific Time, als Jack McCalmon an einer abgelegenen Stelle Brooms zweite Bombe mit einer Spezialwinde in einen silbern glänzenden Thermolastzug zog. Unten am Ufer des Mississippi standen seine beiden Froschmänner und halfen ihm.

„So, geschafft!“ McCalmon bückte sich, um seinen Pullover aufzuheben, der auf einem Stapel alter Decken lag. Während er sich den Pullover über den Kopf zog, stieß er mit dem rechten Fuß die Decken zur Seite. Eine Maschinenpistole kam zum Vorschein. Blitzschnell hatte er sie hochgerissen. Seine beiden Helfer, die genau im Lichtkegel des Scheinwerfers standen, reagierten zwar noch und warfen sich zu Boden – doch zu spät! Der Gangster sprang vom Wagen, holte einen Spaten aus der Führerkabine und vergrub die beiden Toten. Dann schloss er die Türen des Lastzuges.

Wenig später rollte er schon über eine schmale Landstraße. McCalmon war genauso vorgegangen wie Culliford in Baltimore, nur hatte ihn in New Orleans kein Polizeiaufgebot bei der Arbeit gestört. Nicht einmal die Besatzung der „Almirante“ hatte etwas gemerkt.

Brooms zweite Bombe war auf dem Wege zum Schacht „Hell IV“, zum ehemaligen Schacht „Rebecca Reed“.

Mobile, Montgomery, Atlanta, Charlotte und Richmond, Louisiana, Mississippi, Alabama, Georgia, South Carolina, North Carolina und Virginia – Jack McCalmon hatte noch einen weiten Weg vor sich, doch wer sollte ihn aufhalten?

image
image
image

14

image

Archibald Duggan saß an der etwas altmodischen Bar des Hotels „Shelburne“, unterhielt sich mit dem Mixer über die neuesten Baseballergebnisse und wartete auf seinen Kollegen Kjell Hammarsland. Der Schwede trieb sich irgendwo in der Gegend herum und suchte nach Tjörnebo, dem noch immer verschwundenen Kernphysiker. Das hatte er jedenfalls dem Mixer erzählt.

Duggan hatte ein paar Tage Urlaub, und aus purer Bequemlichkeit war er gleich in Baltimore geblieben. Freunde von ihm hatten zwischen Baltimore und Annapolis ihre Landhäuser, und außerdem gab es hinter dem Universitätsgelände einen herrlich gelegenen Golfplatz.

„Im Hafen haben sie ja ganz schön geballert“, sagte der Mixer. „Soll ja eine große Sache gewesen sein ...“

„Ja, ja.“ Duggan nickte. Das war schon wieder drei Tage her, die Zeit verging furchtbar schnell. Für Brown und die anderen maßgebenden Männer im CIA-Gebäude in Langley war der Fall abgeschlossen. Man hatte ohne große Mühe den Namen des erschossenen Gangsters herausgefunden: Lee Culliford. Und das Material, das man in seiner Wohnung gefunden hatte, war eindeutig. Man suchte zwar noch immer nach Cullifords Auftraggebern, schlief aber wieder ruhig, denn man hatte ja die Bombe. Der Alarm war abgeblasen worden, es lief alles in den gewohnten Gleisen. Man hatte lediglich einen Ausschuss gebildet, in dem etwa zehn Spezialisten berieten, wie man solche Aktionen des Gegners von vornherein verhindern konnte.

„Entschuldigen Sie, Mr. Duggan!“ Der Mann aus der Rezeption zupfte ihn am Ärmel. „Ein Gespräch für Sie!“

„Danke.“ Archibald schlenderte zum Apparat hinüber. Hammarsland wahrscheinlich. „Duggan ... Ja, bitte?“

„Hier ist Sandy Perkins.“

„Wer?“ Duggan schaltete nicht sofort, er hatte ja Urlaub. „Ach so!“ Sein Gesicht hellte sich auf.

„Ich spreche hier aus Hagerstown, fahre aber sofort wieder nach Hillside – und dort gibt es kein Telefon. Ich muss Sie unbedingt sprechen!“

„Ich bin nicht mehr sonderlich an Rebecca Reed interessiert“, sagte Duggan vorsichtig.

„Es geht um mehr! Sie müssen unbedingt kommen. Ich kann hier nicht so ... Ich werde sicher beobachtet.“ Sie sprach immer schneller. „Also Hillside. Sie finden es auf der Karte. In den Alleghanies. Ich bin im Haus neben der Kirche. Um Gottes Willen, Archibald, Sie müssen kommen!“

„Ja, aber ...“

Sie hatte schon aufgelegt. Archibald ließ sich eine Karte der Alleghanies geben und suchte nach einem Ort mit dem Namen Hillside. Nach etwa fünf Minuten fand er ihn. Die Schrift war so klein, dass er kaum ohne Lupe auskam. „Das sind ja bald hundertdreißig Meilen“, murmelte er dann. Vielleicht ging es etwas schneller, wenn er über Washington fuhr.

Große Lust hatte er nicht. Was mochte sie nur wollen? Ob sie Sehnsucht nach ihm hatte? Quatsch, in ihrer Stimme hatte die Angst vorgeherrscht. Also gut. Außerdem konnte er auf dem Rückweg in Langley Station machen und dem CIA Hauptquartier einen kleinen Besuch abstatten.

Duggan lief auf sein Zimmer, steckte etwas Geld und seine 38er Smith & Wesson ein und ließ sich dann per Telefon einen Mietwagen kommen, einen schnellen Mercury Cougar.

Bevor er losfuhr, hinterließ er noch eine Nachricht für Hammarsland.

image
image
image

15

image

Archibald Duggan rollte durch einen Landstrich, der von der Regierung in Washington offiziell zum Notstandsgebiet („depres sed area“) erklärt worden war. Nach dem Kriege hatte man die unrentablen Zechen geschlossen, und die meisten Leute waren nach West-Virginia gezogen, um in den Appalachen-Gruben neue Arbeit zu finden. Immer wieder tauchten verlassene und weitgehend verfallene Dörfer und Siedlungen auf. Doch die State Route, die hinauf nach Hagerstown führte, war gut ausgebaut, und bei dem schwachen Verkehr erreichte Archibald mit seinem silbergrauen Mercury Cougar gut und gerne einen Schnitt von siebzig Meilen.

Er fuhr durch eine bräunliche Mondlandschaft, die dem Auge wenig Abwechslung bot Abgeholzte Flügel und hässliche Abraumhalden bestimmten das Bild. Ab und zu flogen ärmliche Wiesen vorbei, auf denen magere Rinder nach Gras suchten, vor den windschiefen Holzhäusern lungerten Kinder und alte Männer herum. Nur selten kam er an einem modernen Fabrikgebäude vorbei.

Für Archibald gab es einige Fragen, auf die er auch beim besten Willen keine Antworten finden konnte. Was hatte die attraktive Sandy Perkins in dieser Einöde zu suchen? Warum hatte sie am Telefon nicht alles sagen wollen? Ob man ihn in eine Falle lockte? Aber warum? Sein letzter Fall war doch abgeschlossen.

Er kam an einigen stillgelegten Zechen vorbei, deren Namen so phantasielos waren wie die ganze Gegend: „Hell III“, „Hell IV“ und „Hell V“. Die aus rostrotem Backstein gemauerten Verwaltungsgebäude standen noch, aber die Dächer fehlten, und die Fensterscheiben waren zerbrochen. Auch die mächtigen Fördertürme waren erhalten geblieben, und in den meisten Fällen hingen die gusseisernen Laufräder noch in ihren Lagern. Aber an einigen Stellen wucherte das Unkraut schon yardhoch, und alles war fürchterlich verrostet und fingerdick mit Staub und Dreck überzogen. Weit und breit kein Mensch. Duggan trat unwillkürlich aufs Gaspedal, denn das war wirklich eine Gegend, in der man das Fürchten lernen konnte.

Etwa zwei Meilen hinter der letzten Schachtanlage stieß er auf einen umgestürzten Wegweiser mit der Aufschrift HILLSIDE 1 M. Archibald bremste und zog seinen flachen Wagen nach rechts herum. Er kam auf eine Straße, die schon seit Jahren keine mehr war. Sie glich einem Waschbrett, und hin und wieder musste Duggan anhalten, um sich über ihren weiteren Verlauf zu orientieren. Endlich entdeckte er in einer Talsenke den kleinen Ort – ein Dutzend verfallene Holzhäuser und eine winzige Baptistenkirche mit einem windschiefen Turm. Die Wolkendecke am Osthang der Alleghanies war von Minute zu Minute dichter geworden. Jetzt begann es zu regnen. Dadurch sah Hillside noch trostloser aus, als es ohnehin schon war.

Duggan stellte seinen Mercury Cougar neben der Kirche ab und suchte nach dem Haus, in dem sich Sandy Perkins befinden sollte. Obwohl er sich mehrmals im Kreise herumdrehte, konnte er nicht den geringsten Hinweis auf ihre Anwesenheit entdecken. Irgendwie war er misstrauisch. Es war beängstigend still.

Archibald hatte wenig Lust, in den Häusern herumzustöbern. Er tat das, was zweifellos am bequemsten war, er rief einfach: „Hallo, Sandy, hallo, Miss Perkins ...?!“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Krimi Koffer - In die Falle gelockt und andere Krimis" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen