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Krimi Dreifachband 002: Erpresser, Bestien, schräge Vögel

Krimi Dreifachband 002: Erpresser, Bestien, schräge Vögel

Alfred Bekker et al.

Published by BEKKERpublishing, 2020.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Krimi Dreifachband 002

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Meine Frau wird erpresst

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Prolog

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Wenn schräge Vögel Federn lassen

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Die Bestie

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Further Reading: 10 Mörder im August - Zehn Krimis auf 1200 Seiten

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Krimi Dreifachband 002

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Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

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THEODOR HORSCHELT: Meine Frau wird erpresst

Cedric Balmore: Wenn schräge Vögel Federn lassen

Alfred Bekker: Die Bestie

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ALFRED BEKKER IST EIN bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Titelbild: Steve Mayer

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Meine Frau wird erpresst

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Kriminalroman von Theodor Horschelt

Der Umfang dieses Buchs entspricht 172 Taschenbuchseiten.

Eine Erpressung aufklären, für Privatdetektiv Lester Crane eigentlich ein Routineauftrag. Doch der Fall gestaltet sich zu einem Parforce-Ritt voller Gewalt, Mord und falscher Spuren. Nichts und niemand ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Crane muss um sein Leben kämpfen, und kommt mit den Ermittlungen doch noch nicht weiter.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Prolog

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Die Übernahme eines Erpressungsfalles habe ich noch nie abgelehnt. Weil der Verbrechertyp „Erpresser“ so bodenlos schmierig, feig und gemein ist. Ich gebe natürlich zu, dass auch das Opfer irgendwie „Butter auf dem Kopf“ hat, aber fast in jedem Fall steht die Verfehlung, wegen der der Erpresste in die Zange genommen wird, in gar keinem Verhältnis zu den schrecklichen Folgen. Völlig unschuldige Frauen und Kinder sind die Hauptleidtragenden, wenn der Familienvater zuerst bis zum Weißbluten zahlt, hernach vielleicht sogar fremde Gelder angreift, und am Ende in seiner Verzweiflung Selbstmord verübt.

Sicher verstehen Sie jetzt, warum ich alles liegen und stehen ließ und nach Orpington Beach raste, um Hester und Reggy Polack von einem ordinären Blutsauger zu befreien. Wenn möglich.

Leider ließ ich mich schon am ersten Tag dazu verleiten, mir ein harmloses Privatvergnügen zu gönnen. Dabei bin ich doch sonst nicht so naiv! Wie harmlos mein kleiner Spaß in Wirklichkeit war, sah ich erst, als ich auf Spanish Island von einer Verbrecherbande eingekreist war, die mein Boot entführt hatte. Um ein Haar wäre ich vorzeitig als Wasserleiche aus meinem Job ausgeschieden. Was ich zwar letzten Endes doch vermied, aber stattdessen musste ich die wohl schrecklichste Abreibung meines Lebens einstecken. Das gebe ich offen zu. Ich bin nun einmal kein Supermann, der mit einem einzigen stählernen Blick seiner geschärften Adleraugen eine komplette Gang von der Piste fegt. Um ein Haar hätte ich klein beigegeben, als nicht einmal die schönen Frauen, die ich in treuer Pflichterfüllung kennenlernte, eine versöhnliche Note in meine Schwierigkeiten hineinbrachten.

Nach dem ersten Mord wollte ich mich zurückziehen. Hätte ich’s nur getan, denn nach dem zweiten war es nicht mehr möglich!

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Nein, auch ich hätte das Foto nicht gerade als erfreulich bezeichnet, wenn ich der weibliche Teil des darauf abgebildeten Paares gewesen wäre und einen eifersüchtigen Ehemann besessen hätte. Trotzdem hätte ich dem Erpresser keine zweieinhalb Jahre lang Monat für Monat 500 Dollar in den Rachen gestopft, denn ich habe schon als kleiner Knabe gewusst, was man sich unter einer „Schraube ohne Ende“ vorzustellen hat.

Achselzuckend reichte ich Polack das Bild zurück. „Während der vergangenen 30 Monate hat also Hester dem Unbekannten bare 15 000 Dollar gezahlt, Reggy? Da wundert es mich wirklich, dass Sie jetzt erst auf den Gedanken kommen, etwas gegen den Erpresser zu unternehmen.“ Ich sah ihn auffordernd an. „Noch dazu, wenn es sich wirklich nur um eine Fotomontage handelt ...“

Reginald Polack war Mitte vierzig und etwa eins-fünfundachtzig groß. Er war breitschultrig, aber hager, und wirkte deshalb wesentlich größer. Sein längliches, gebräuntes Gelehrtengesicht verriet einen zähen und stetigen Charakter, wies aber auch sensible Züge auf. Ich wusste nicht viel von ihm. Nur, dass er Hauptteilhaber der Reederei Polack Sons in Orpington Harbor war – aber unter einem Reeder kann man sich ebenso gut einen Millionär vorstellen wie eine verkrachte Existenz. Falls er verkracht war, wusste er es geschickt zu verbergen. Allein der große Gobelin, unter dem wir am indischen Rauchtisch saßen, hatte unter Brüdern bare zwanzigtausend gekostet, oder ich verstehe nichts mehr von Kunst.

Polack musterte mich aus klugen Augen und lächelte verlegen wie ein ertappter Schuljunge. Das machte ihn noch viel sympathischer. Ich hatte ihn auf Anhieb ins Herz geschlossen, und das ist in meinem Beruf nicht immer gut.

Er dehnte sich ein wenig und griff zerstreut nach einer Zigarette. Höflich gab ich ihm Feuer und sah ihn über die zuckende blaue Flamme hinweg geduldig an.

„Danke, Lester!“ Er nahm einen tiefen Zug. „Es ist eine Fotomontage! Von der Schweinerei hab' ich erst vorgestern erfahren, als ich versehentlich den an Hester gerichteten Brief des Erpressers öffnete. Danach hat mir das kleine Schaf wohl oder übel alles beichten müssen. Aber das wird sie Ihnen selbst erzählen. Wichtig ist nur ... “

„... dass Sie mir den Brief zeigen!“, fiel ich ihm ins Wort.

„Den hab' ich leider in meinem ersten Zorn verbrannt.“ Er zuckte schuldbewusst die Achseln. „Er war in Los Angeles abgestempelt und mit Schreibmaschine geschrieben. Der Inhalt war kurz und geschäftsmäßig nüchtern. Hester soll für den 9. April – also für den morgigen Montag – dreitausend als Abschlusszahlung bereithalten. Näheres über Zeitpunkt und Ort will der Erpresser morgen telefonisch mitteilen. Ich für meine Person glaube nicht so recht an die sogenannte Abschlusszahlung. Was würden Sie an meiner Steile tun?“ Er klopfte sorgsam die Asche seiner Camel ab und betrachtete mich mit der Miene eines Studenten, der von einem Lehrer einen genialen Geistesblitz erwartet.

„Ich würde Crane zum Teufel jagen und mich an die Polizei wenden. Sie arbeitet zumindest nicht schlechter, aber gratis und franko. Was man von meiner Wenigkeit ganz und gar nicht behaupten kann.“

„Kommt – gar – nicht – in – Frage!“ Eine entschiedene Geste folgte. „Orpington Beach ist

ein verfluchtes Klatschnest, und ich will nicht, dass sich das Pack über Hester das Maul zerreißt!“

„Also gut!“ Jetzt nahm ich mir eine Zigarette. „Ich übernehme den kleinen Fisch. Sobald sich der Erpresser morgen meldet, lassen Sie es mich wissen. Ich wohne in der Pension Garefield.“

„Danke, Lester!“ Polack schien ehrlich erleichtert. „Mir fällt ein Stein von der Seele!“

„Verwechseln Sie mich bloß nicht mit einem Hexenmeister!“, warnte ich ihn. „Ich hätte übrigens ein paar Fragen ...“

„... die Ihnen Hester besser beantworten kann. Ich höre sie schon kommen.“

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WER NICHT GERADE AUF Busenköniginnen à la Hollywood spezialisiert ist, musste Hester Polack begeisternd finden. Sie war der Typ der perfekten englischen Land-Lady, die in Reithosen und Pullover fast noch besser aussieht als in der kostbaren Abendrobe. Für eine Frau war sie ziemlich groß – etwa eins-zweiundsiebzig – und gertenschlank. Ihr bildschönes Gesicht spiegelte Klugheit und beherrschtes Temperament wider, und das rostrote, sehr kurz geschnittene Haar hatte einen verführerischen Glanz. Ihr Alter schätzte ich auf Ende zwanzig.

„Hallo“, sagte sie mit dunkler Stimme, „du hast Besuch, Lieber?“ Ihr Blick streifte mich flüchtig und irrte zu ihrem Mann weiter, der sich, wie ich, höflich erhoben hatte.

„Darling, ich möchte dir Mr. Lester Crane vorstellen – du weißt doch: den Detektiv, den mir Dave Roseland empfohlen hat.“

„Ja, gewiss! – Howdy, Mr. Crane!“ Ihr Händedruck war knapp, aber kräftig. „Setzen wir uns doch. Wir haben, denke ich, eine Menge zu besprechen!“

Ich rückte ihr höflich den Sessel zurecht, ehe ich wieder Platz nahm.

Bevor ich auf den Grund meiner Anwesenheit zu sprechen kam, taute ich sie sozusagen mit einigen allgemeinen, oberflächlichen Bemerkungen auf und musterte sie dabei mit gut verhohlener Bewunderung. Alles an ihr war vollendet – besonders die langen, rassigen Beine – und ihr schlichtes, enganliegendes weißes Leinenkleid bewies mir deutlich, dass sie genau wusste, was sie tragen konnte.

„Reden Sie nicht lange herum, Mr. Crane“, meinte sie lächelnd, „sondern kommen Sie zur Sache. Was wollen Sie von mir wissen?“

Um so besser! „Wann und wo die bewussten Bilder entstanden sind.“

„Vor knapp drei Jahren; vermutlich in Marina Beach. Ich fuhr damals jeden Morgen vor dem Frühstück hinüber und badete in einer winzigen, völlig einsamen Bucht, wo ich immer ganz allein war – zu sein glaubte“, verbesserte sie sich, „und ich wüsste wirklich nicht, wozu ich in einer solchen Situation einen Badeanzug hätte anziehen sollen. Dass man mich heimlich – vermutlich unter Benutzung eines Teleobjektivs – fotografieren würde, hätte ich nie im Leben vermutet.“

„Ja, natürlich... “, ich gab ihr rasch Feuer, weil sie sich eine Zigarette genommen hatte, „... aber das eine Foto, das ich gesehen habe ... “

„... zeigt mich nicht allein!“ Sie war mit einem Mal den Tränen nahe und biss sich auf die Lippen. „Ich schwöre Ihnen, ich war allein! Den Mann hat man später erst ins Negativ hineinkopiert. Das war ja auch der Grund, weshalb ich dreißig Monate lang schweigend zahlte, denn ich hatte so schreckliche Angst, Reggy würde mir nicht glauben.“

Reggy stand rasch auf, trat zu ihr hinüber und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Eine saftige Tracht Prügel hast du verdient, du kleines Schaf!“

„Ja, Darling!“ Sie nickte gehorsam.

„Denn ich habe weder Veranlagung noch Grund zur Eifersucht! Ich hätte dir auch in diesem Fall aufs Wort geglaubt, wie in jedem andern! Wie konntest du nur auf solche Weise Tante Hetties Erbschaft auf den Kopf hauen!“

Hester sah langsam auf und warf ihm einen schwer zu enträtselnden Blick zu. „Weißt du, Lieber, für uns Frauen ist auch der eigene Mann immer wieder ein unbekanntes, schwer zu verstehendes Wesen. Ich hatte so schreckliche Angst, dich zu verlieren. Deshalb ist es mir nicht allzu schwer geworden ...“

„Ich habe dir bereits einen Scheck über 15 000 ausgeschrieben“, unterbrach er sie, „denn ich kenne das Hochgefühl, das eigene Vermögen auslöst, nur zu gut! Du weißt doch, wie knapp mich mein Vater zu seinen Lebzeiten gehalten hat.“

„Bitte, keine rührende Familienszene!“, bat ich augenzwinkernd und wandte mich wieder an Mrs. Hester. „Kennen Sie den Mann auf dem Bild?“

Sie schüttelte entschieden den Kopf, ohne sich zu besinnen.

„Haben Sie einen Verdacht, wer der Erpresser sein könnte?“

„Ganz bestimmt nicht, Mr. Crane!“

„Well, dann rate ich Ihnen, zum Schein noch einmal zu zahlen und scheinbar gehorsam alle Anweisungen des Erpressers auszuführen.“

Hester hatte gar nicht mehr hingesehen, sondern zum Fenster hinausgeblickt. „Ausgerechnet jetzt muss er kommen!“

„Wer?“, erkundigte sich ihr Mann. „Ach so: Elmer! – Möchte bloß wissen, was du gegen den Jungen hast, Darling! Er ist doch ein prächtiger Bursche.“

„Wie du meinst, Darling! Ich denke über ihn anders. Mr. Barrymoore neidet dir deinen 75 Prozent-Anteil an der Firma glühend – als Dank für die große Güte, die du ihm immer erwiesen hast, und wenn ich das einmal von einem Menschen sagen muss, ist er für mich bereits gestorben.“

Da die Polacks keine Lust zu haben schienen, mich mit dem Besucher bekanntzumachen, verabschiedete ich mich rasch.

Mrs. Polacks „Mädchen für alles“ begleitete mich zur Haustür. Mädchen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, denn Ethel – man hatte sie nur Ethel genannt – war wenigstens vierzig und zudem verheiratet, wie der Ehering bewies. Eine Sexbombe in schwarzem Kleid, Häubchen und Zierschürze, aber eine aus den allerniedrigsten Schichten. Allen, auch mir gegenüber benahm sie sich korrekt und bescheiden, und trotzdem missfiel sie mir gründlich.

*

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AUF DEM WEG DURCH DEN großen Hanggarten zur Straße begegnete ich Polacks Geschäftspartner, einem rothaarigen Hünen von meiner Figur, nur etwa zehn Zentimeter kleiner. Er beliebte, mich nicht zur Kenntnis zu nehmen, und das war sein gutes Recht. Gute Manieren und Fremdwörter sind Glückssache, weshalb viele Leute beides vermeiden.

Ich ging zu Fuß zu meiner Pension zurück, denn Orpington Beach ist ein winziger Ort, dessen Bedeutung unlöslich mit den Urlaubsmonaten verknüpft ist. Dann öffnen die beiden Wolkenkratzer-Hotels und ein Dutzend andere Gasthöfe und Pensionen ihre Tore, um Erholungsuchenden aller Preisklassen Alltagssorgen, Müdigkeit, Zimmerblässe und – vor allem – Geld abzunehmen. Im April jedoch ist der Ort so tot wie ein normaler Großstadtfriedhof.

Ich ärgerte mich, weil ich Sammy mitgenommen und sogar außerhalb meiner Pension einquartiert hatte, denn jetzt kam es mir wie sündhafte Verschwendung vor.

Wenn der Erpresser nur ein billiger kleiner Ganove ist, bringe ich ihn auf der Stelle zur Strecke, überlegte ich, ohne Sammy groß zu bemühen, falls aber ein ganzer Ring dahintersteckt, ist es ohnehin ein Fall für das FBI, aber nicht für mich.

Menschliche Begegnungen sind, wie ich fest glaube, nie ohne Sinn. Man sieht es nur zumeist zu spät oder gar nicht ein. Vielleicht hatte mich ein höheres Walten allein deswegen nach Orpington Beach beordert, um mir ein von ungeübter Hand gemaltes Hinweisschild vor die Nase zu halten:

Carlos Costales Hochseegehender Bootsverleiher

Ich bog prompt zum Strand ab, weil ich, offengestanden, nie zuvor einem hochseegehenden Bootsverleiher begegnet war. Zuerst erreichte ich eine kurze Zementpier, die erst zur Hälfte fertig war. Ganz am Ende erblickte ich eine grün gestrichene Holzbaracke, einen kurzen Landungssteg und einen winzigen Hangar mit Gleitschienen. Zwischen Baracke und Hangar waren sechs Elektroboote – wie man sie jedem Einfaltspinsel ohne Risiko überlassen kann – aufgebockt, und am Steg lagen vier kleine Outboarder und ein etwas größerer, schnittiger Kreuzer vertäut. Alle Achtung – der Kreuzer war große Klasse, und besaß am Heck zwei 75-PS-Motoren. Kein Wunder, dass in mir der verhinderte Großadmiral zum Durchbruch kam und nach einem deftigen Piratenabenteuer zu lechzen begann.

Ein untersetzter, säbelbeiniger Mexicano unergründlichen Alters bastelte an dem Schmuckstück verliebt herum und richtete sich erst dann auf, als ich ihn anrief.

Ein unrasiertes Spitzbubengesicht peilte mich an. „Hallo, Señor – was darf es denn sein?“

„Hallo, Don Carlos!“, erwiderte ich freundlich und deutete auf den Kreuzer. „Möchte die Estrellita III für’n paar Stunden mieten.“

Blicke aus stechenden Fuchsaugen strichen über mich hin und taxierten meine Vertrauenswürdigkeit ab. Es dauerte lange, bis er sich einen zusagenden Bescheid abquälte. „Feines Boot, Señor, nicht wahr?“ Er spitzte die Lippen zu einem gellenden Pfiff. „Sie können es haben, so lange Sie wollen – falls Sie acht Dollar die Stunde zahlen und 250 Dollar Pfand hinterlegen.“

„Sie sind nicht zufällig eine Filiale vom Billigen Jakob, Don Carlos?“ Eigentlich wollte ich mich dankend zurückziehen, aber da machte sich doch meine rechte Hand selbständig, holte die Brieftasche heraus und schloss das Geschäft ab, ohne vorher die Zustimmung meines anderen Ego einzuholen.

Während der Hochseegehende Bootsverleiher die Estrellita III seeklar machte, fiel mir eine etwa acht bis zehn Meilen vor der Küste liegende Gruppe von drei Inseln auf, und ich erinnerte mich daran, ihre Namen auf der Karte gelesen zu haben. Wie hießen sie doch gleich, die drei größten? Ja, richtig: Spanish Island, State Island und Robinson Island.

Ich fragte Don Carlos freundlich, ob man dort landen könne, worauf er sofort sauer wurde wie die Milch bei Gewitterschwüle.

„Unmöglich, Señor!“, brabbelte er aufgeregt. „Die Inseln sind unbewohnt und außerdem von einem dichten Kranz von Felsriffen umgeben. Der Küstenschutz hat sie schon vor zehn Jahren zum Sperrgebiet erklärt, weil immer wieder Landratten schlauer sein wollten, und es dabei immer wieder Tote gab. Besonders Spanish Island hat es in sich, Señor, wir nennen sie nur die Todesinsel!“

Heavens, der gute Mann war ein Menschenkenner durch und durch, und deswegen wohl hielt er mich für einen kapitalen Dummkopf. Denn nur ein kapitaler Dummkopf hätte sich sein Garn für bare Münze andrehen lassen.

Dennoch tat ich, als sei ich zu Tode erschrocken, und versicherte ihm wortreich, dass mir an meinem kostbaren Leben sehr viel gelegen sei, und dass ich mithin die nähere Umgebung der drei Inseln wie die Pest zu meiden gesonnen sei.

Meine Versicherung stellte sein seelisches Gleichgewicht wieder her. Er lachte so strahlend, dass ich seine gelben Zahnstummeln unwillkürlich bewundern musste.

Der verhinderte Großadmiral hatte einen seiner seltenen großen Tage.

Die Estrellita III gehorchte auf jede Motorenschwenkung – Ruderdruck wäre hier fehl am Platze – wie ein rassiges Rennpferd. Da die See nur von einer langen und sanften Dünung bewegt wurde, sobald ich zwei Meilen hinter mir hatte, konnte ich mit 30 Knoten Fahrt abrauschen, ohne damit die Dauerlast der Motoren in Anspruch zu nehmen. Ich fuhr mit Kurs West etwa elf Meilen seewärts, drehte westlich Robinson Island nach Süden ein, umrundete State Island, das ich dabei im Osten liegen ließ, und pirschte mich an Spanish Island heran. Das kleine Eiland hatte bei etwa zweieinhalb Meilen Küstenlänge eine dickbauchig-ovale Form und einen mit immergrünen Bäumen und Kusseln bewachsenen Strandstreifen. Dahinter türmte sich nackter Fels, soweit ich sah. Nachdem ich auf „Kleine Fahrt voraus“ gegangen war, vergegenwärtigte ich mir den entsprechenden Sektor der Küstenkarte und kam wieder zu dem Ergebnis, dass hier von Untiefen und Riffen nicht die Rede sein könne.

Infolgedessen musste Costales einen anderen Grund gehabt haben, mir die Landung auf Spanish Island zu vermiesen. Falls er gehofft hatte, mich ein für allemal abzuschrecken, hatte er es genau richtig angefangen!

Neugier ist bei mir eine Art Berufsnotwendigkeit. Um möglichst wenig Lärm zu erzeugen, schob ich mich mit kleinster Fahrt näher und näher an die Insel heran. Nirgends konnte ich Anzeichen von Riffen oder Untiefen erkennen. Natürlich gibt es auch welche, die nicht an der Meeresoberfläche sichtbar sind, aber darauf ließ ich es ankommen.

Als ich auf der Südseite der Insel eine versteckte Landebucht mit einem winzigen Pier und einer kleinen stählernen Landungsbrücke entdeckte, hätte ich vor Freude beinahe geschrien. An der Brücke lag gut vertäut ein Motorkreuzer, der etwa halb so groß wie meiner war, und ich konnte sogar den Namen lesen: „Martha“ stand am Bug.

Sofort wendete ich und peilte in Schleichfahrt – Kurs Nord. Am Nordrand der Insel fand ich eine zweite Bucht, wo ich zur Not anlegen konnte, wenn ich alle meine Künste anstrengte.

Unendlich vorsichtig fuhr ich ein. Aber es war nur halb so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Es gelang mir tatsächlich, den Bug meiner Estrellita III so nahe an das Ufer heranzuschieben, dass ich, ohne den Outboarder abzuschalten, rasch an Land turnen und das Boot im Uferdickicht festmachen konnte. Hernach holte ich auch das Heck heran, vertäute es ebenfalls und stellte dann erst die Motoren ab.

Überhängende Zweige, dichte Büsche und das Schilf am Ufer gaben meinem Fahrzeug eine

natürliche Tarnung. Das war mir sehr recht, denn ich hatte das sichere Empfinden, einer schmutzigen Sache auf die Spur gekommen zu sein – wenn nicht mehr.

*

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VORSICHTSHALBER LOCKERTE ich die P 38 im Achselholster, ehe ich den Weg durch die Wildnis erkundete. Sobald ich mich einmal mit vieler Mühe durch die Kusselkolonien am Uferrand hindurchgewühlt hatte, türmte sich vor mir nackter Fels etwa zwölf bis fünfzehn Meter in die Höhe. Ich suchte mehrere Minuten lang spielerisch herum, fand tatsächlich einen gehauenen Fußweg, der vermutlich schon lange nicht mehr benutzt worden war, und machte mich an den Aufstieg.

Auch oben das gleiche Bild: nackter Fels, wohin ich blickte, in bizarrer Formation aufeinandergetürmt und so durchschnitten und zerklüftet, dass die Sichtweite sehr beschränkt blieb. Natürlich hätte ich eine Felskuppe erklettern und mir von dort aus einigen Überblick verschaffen können, aber ein instinktives Gefühl befahl mir, darauf zu verzichten, mich dort oben als Zielscheibe hinzustellen.

Auf der Anhöhe strolchte ich, immer dem Fußpfad folgend, etwa eine halbe Meile kreuz und quer weiter und legte dabei etwa die halbe Strecke in der Luftlinie zurück. Danach setzte sich der Pfad als in den Naturstein gehauene Treppe fort, die zu einem fast kreisrunden Talkessel von reichlich einer Meile Durchmesser hinunter führte. Das Tal war mit verkrüppelten Palmen und anderen subtropischen Gewächsen derart urtümlich dicht bewachsen, dass es unmöglich war, von oben zu beobachten, was sich darunter verbarg.

Wieder warnte mich eine unüberhörbare innere Stimme, weiter die Geheimnisse von Spanish Island zu ergründen, und wieder hörte ich nicht auf sie. Schließlich bin ich auch als Privatdetektiv ein Mann des Rechts und dazu verpflichtet, verbrecherische Manipulationen aufzudecken. Dies und nichts anderes schien hier im Gange zu sein.

Schon vor dem Abstieg hatte ich im Zentrum des Talkessels eine die Wipfel der Bäume nur wenig überragende kahle Steinkuppe entdeckt. Dorthin führte der Fußpfad, der sich auch durch den Wald fortsetzte.

Es war bereits siebzehn Uhr vorbei, als ich die Lichtung erreichte. Verblüfft blieb ich im Randgebüsch stehen.

Rund um die Felskuppe hatte man einen Streifen von etwa zwanzig Meter Breite gerodet, auf dem üppiges, halb mannshohes Gras wuchs. Mir gegenüber schien der Fels eine natürliche Höhle zu haben, deren Ausgang man in etwa dreieinhalb Meter Höhe mit einem flachen, vorgetriebenen Dach versehen hatte. Auf diese Weise setzte sich die Höhle nach außen als schmaler Bungalow fort. An der Frontmauer erkannte ich drei Fenster und den Eingang.

So also sah die Todesinsel in Wirklichkeit aus!

Nicht schlecht!, überlegte ich.

Mein Gefühl des Unbehagens verstärkte sich, als ich auf ein Geräusch zu achten begann, das mir in meiner Verblüffung gar nicht aufgefallen war. Ich konnte deutlich leises Maschinenstampfen vom Tuckern eines Dieselmotors unterscheiden. Das Ganze hörte sich so an, als ob in der verkleideten Höhle ein von einem Motor angetriebenes Stromaggregat und einige Maschinen in Betrieb seien.

Meine Entdeckung fesselte mich. Lichtscheu war die einzig richtige Bezeichnung für das, was hier getrieben wurde.

Wenn ich nicht von allen guten Geistern verlassen gewesen wäre, hätte ich mich auf dem Absatz umgedreht und vorsichtig den Rückzug angetreten. Später hätte ich dann meine Beobachtung mit dem zuständigen Sheriff oder einem Beamten von der Staatspolizei besprechen können. Aber nein, ich wollte es ganz genau wissen, ich fühlte mich stark, und deshalb unternahm ich genau das Gegenteil dessen, was mir meine Vernunft geraten hatte.

Da ich die P 38 wegen ihrer Größe nicht gut in die Hosentasche schieben konnte, verbarg ich dort meine als Notbremse gedachte 6,35 er Astra, verließ die Deckung und schritt schnurstracks auf das Haus zu. Der Eingang war verschlossen; eine Möglichkeit, mich bemerkbar zu machen, gab es nicht. Deshalb versuchte ich mein Glück bei den Fenstern, von denen nur eines nicht mit dichten Vorhängen verhangen war. Ich spähte durch eine heruntergelassene Jalousie und sah eine komplett eingerichtete Küche mit Kühlschrank, Elektroherd, Einbauschränken, einem Tisch und drei Stühlen. Auf dem Tisch standen zwei ungespülte Gläser und eine zu zwei Drittel geleerte Flasche „Vat 69“.

Achselzuckend wandte ich mich ab, um zur rechten Seitenfront des Bungalows zu gehen, und stieß an der Ecke mit einer blutjungen, schwarzhaarigen jungen Dame zusammen, die über das unvermutete Auftauchen eines Fremden ganz außer sich geriet. Sie wich mit einem entsetzten Aufschrei zurück, blieb nach anderthalb Schritt wie ein begossener Pudel stehen und beobachtete mich aus ängstlichen Augen. Ihr Dress bestand aus weißem Shorts, einem blutroten Buschhemd und hochhackigen Sandaletten. Sofern sie eine Gratisprobe der Inselbevölkerung war, hätte ich jederzeit einen ausgedehnten Urlaub auf Spanish Island verbringen mögen!

Während sie mich sprachlos anstarrte, musterte ich sie ebenso ungeniert.

Sie hatte unwahrscheinlich tiefblaue Augen, ein schmales apartes Gesicht, einen gesunden,

gebräunten Teint und ein zierliches Kinn. Die dickliche Nase und der viel zu große, grellrot geschminkte Mund bewiesen, dass sie aus keinem feudalen Stall stammte. Es war das Gesicht einer Zweiundzwanzigjährigen, die ich lieber nicht als Mädchen bezeichnet hätte, sondern als Frau ...

„Guten Abend!“, brach ich das peinliche Schweigen. „Falls ich Sie erschreckt habe, bitte ich Sie sehr um Entschuldigung; es war nicht meine Absicht.“

„Guten Abend!“, erwiderte sie mit gezierter Stimme und beugte dabei das linke Bein spielerisch. Dadurch verschoben sich ihre Shorts ein wenig und legten einen Streifen Haut frei, der ebenfalls tief gebräunt war. Ihr Mund lächelte mich an, aber ihre Augen, die jetzt Gletscherseen glichen, lächelten nicht mit.

„Vor ihnen steht ein Schiffbrüchiger, Madam!“, begann ich etwas kläglich. „Ich habe einen Outboarder gemietet und bin damit etwas spazieren gefahren. Leider kann der Motor, wie mir scheint, meinen Typ nicht leiden.“

„Wie bedauerlich, mein Herr – aber was kann ich dabei für Sie tun?“ Ihre Stimme war voller Spott. Ihre Lippen kräuselten sich zu einem mokanten Lächeln. Sie holte eine Packung Zigaretten aus der Hosentasche, bediente sich, und ich gab ihr höflich Feuer. Sie senkte die Lider, zog an der Pall Mall und blickte mich durch den blauen Dunst hindurch an, die Unterlippe zu einer trotzigen Pfanne vorgewölbt. Jede Geste, jede Bewegung, jede Änderung ihres Mienenspiels war genau berechnet – wie bei einer nicht ganz erstklassigen Schauspielerin.

„Wer sind Sie?“, fragte sie. „Mögen Sie auch eine?“

Ich nahm mir eine Camel, und gab mir selbst Feuer. „Mein Name ist Lester Crane, und ich wiederhole meine Bitte ...“

Ich kam nicht dazu, meine Bitte zu wiederholen, weil sich ein neuer Mitspieler durch den Eingang ins Freie schob und mich drohend musterte. Er war noch ziemlich jung, etwa dreißig, und zwei Kopf kleiner als ich, dabei aber fast noch breiter und ungeheuer muskulös. Der Blick seiner Augen bewirkte, dass es mir eisig über den Rücken rieselte. Ähnliche Augen hatte ich in meinem Leben nur ein einziges Mal gesehen, bei einem bösartigen jungen Stier. Ich war auf der Hut, ließ aber meine Schusswaffe stecken, da der Kerl augenscheinlich unbewaffnet war. Ich konnte es sehen, denn er trug ebenfalls nur Shorts und Buschhemd.

Das Mädchen mit dem schwarzen Haar trat einen Schritt beiseite, funkelte mich spöttisch und unendlich herablassend an und hetzte, ohne den Blick von mir abzuwenden, den andern auf: „Vorwärts, Dan, mit dem wirst du leicht fertig!“

„Leicht!“, wiederholte Dan und wälzte sich wie ein Nilpferd auf mich zu.

„Nicht so stürmisch!“, warnte ich ihn. „Ich bin ein friedlicher Mensch und hasse handfeste Auseinandersetzungen.“

Peng – schon hatte er seinen Kinnhaken weg. Es war klare Notwehr, denn wenn ich nicht zugeschlagen hätte, hätte mich sein Schlag getroffen, und es wäre ein verbotener Tiefschlag gewesen.

Er taumelte ein paar Schritt zurück, schnaubte vor Wut und starrte mich aus glühenden Mörderaugen an.

„Schluss mit dem Theater!“, herrschte ich ihn an. „Was ist denn das für eine Art, Fremde zu empfangen?“

Er stand schon wieder auf dem Sprung.

„Hören Sie, Mann, kommen Sie endlich zu sich!“, rief ich wütend. „Benehmen Sie sich nicht länger wie ein Elefant im Porzellanladen!“

Es war vergebens. Er duckte sich, fletschte die gelben Pferdezähne und stürzte sich erneut auf mich.

Es war mir widerwärtig, aber mir blieb keine Wahl. Ich holte kurz aus und verpasste ihm einen rechten Aufwärtshaken aufs Kinn; diesmal mit mehr Kraft. Es gab ein schepperndes Geräusch; er taumelte zurück, stolperte und schlug zu Boden. Vermutlich hatte er sich den Schädel auf einem im Gras verborgenen Stein angeschlagen, denn er schloss plötzlich die Augen, verzog das Gesicht und blieb steif liegen.

Ein leiser Schrei hinter meinem Rücken ließ mich herumfahren.

Die schwarzhaarige junge Dame hatte ihre Zigarette fallen lassen; sie stand, kraftlos mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, entsetzt beiseite und hielt sich mit der Hand den Mund zu.

„Na, sehen Sie“, sprach ich sie an, „wie sagt doch das Sprichwort? Unverhofft kommt oft!“

Sie tat, als ob es mich nie gegeben hätte, und ich zog mich, strategisch richtig, zurück, denn ich war unterdessen durch eifriges Nachdenken darauf gekommen, dass ich auf Spanish Island augenblicklich nicht sehr gefragt sei.

Ich beeilte mich mit dem Rückweg so gut es ging, ohne die notwendige Vorsicht außer Acht zu lassen, und es wurde 18 Uhr, bis ich endlich „meine“ Bucht wieder erreichte.

Dort wartete eine reizende Überraschung auf mich. Mein Boot war weg. Ich hörte nur mehr das freundliche Schnurren der beiden Outboarder in weiter Ferne.

Allmählich lief das Fass über. Ich konnte mir ungefähr vorstellen, wo ich meine gemietete

Privatmarine zu suchen hatte, und ich machte mich auf den Weg zur Südbucht.

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GEGEN 19 UHR 10 LAG ich, gut gedeckt, auf einer Felsklippe etwa drei Meter über dem eisernen Steg.

Am Geländer der Brücke lehnte der Kerl, den die schwarzhaarige Sexbombe mit „Dan“ angeredet hatte, in eifrigem Gespräch mit einem Kleiderschrankmenschen, dem die Natur als Ausgleich für seine Muskelpakete jede Spur von Geist vorenthalten zu haben schien.

„Wo nur Cal bleibt, Bill?“, hörte ich Dan gerade sagen. Der Kleiderschrank antwortete:

„Er wird eben noch nicht da sein!“

Bills Antwort wäre des steinernen Ochsen auf dem Schlachthof von Chicago würdig gewesen!

In der gleichen Tonart ging es eine Weile hin und her, bis der Kleiderschrank endlich eine eindeutige Frage stellte: „Was hast du eigentlich mit dem Spion vor, Dan?“

Dan zuckte gleichgültig die Achseln. „Dumme Frage! Den so gründlich zu vermöbeln, dass er es sein Lebtag nicht vergisst, wird keine große Arbeit sein. Hernach setzen wir ihn irgendwo an einer einsamen Stelle an Land.“

Das waren ja schöne Aussichten!

Etwa sieben Minuten verstrichen, ehe ich das Schnurren meiner beiden Outboarder hörte, und dann dauerte es gar nicht mehr lange, bis die Estrellita III mit der Martha in Schlepptau heranschipperte und anlegte. Die beiden Motoren wurden gestoppt, und ein Kerl ging an Land, der der Zwillingsbruder des Kleiderschranks hätte sein können – vermutlich war es Cal, von dem vorhin die Rede gewesen war.

Die beiden Wartenden drehten sich zu ihm um, und Dan rief ihn an: „Hat dir das Greenhorn Schwierigkeiten gemacht?“

Cal verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen. „Wie denn? Der Kerl war doch noch gar nicht da! Aber wenn er einigen Grips im Kopf hat, wittert er die Richtung und kommt genau hierher!“

„Hoffentlich lässt er nicht allzu lange auf sich warten!“

„Keine Sorge, meine Herrschaften – ich bin schon da!“ Meine P 38 zielte genau auf Dans Hinterkopf.

Die zwei Gentlemen erschraken heftig und federten zurück, wobei alle drei die rechte Hand unters Jackett flitzen ließen.

Jetzt sahen sie mich und ließen zögernd ihre Pranken wieder sinken. Sie schienen begriffen zu haben, was andernfalls passiert wäre.

„Dan, Cal und Bill, holen Sie in dieser Reihenfolge ihre Waffen aus dem Holster und legen sie drei Schritt vor Ihren Füßen ab“, befahl ich, „und zwar nacheinander. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“

Jammerschade, dass ich die Gesichter der drei Individuen nicht fotografieren konnte! Cals Gesicht nahm die Farbe einer überreifen Tomate an, Bill erweckte ganz den Anschein, als wolle er in Tränen ausbrechen, und Dan fluchte wüst und hemmungslos vor sich hin. Aber sie gehorchten!

Bei der Landungsbrücke begann ein Fußpfad, der sich in vielen Windungen zur Klippenhöhe hinauf schlängelte, von meiner Stellung aus aber auf seiner ganzen Länge beobachtet werden konnte.

„Und jetzt marschiert in fünf Meter Abstand los und verschwindet! Keiner dreht sich um!“

Das war den drei Burschen zu viel. Sie blieben stocksteif stehen, alle Muskeln angespannt, und warteten auf meine letzte Trumpfkarte, um sie womöglich zu überstechen.

Dazu hätte ich wirklich das Greenhorn sein müssen, das sie in mir vermuteten.

Infolge eines nervösen Leidens in meinem rechten Zeigefinger löste sich – ganz gegen meinen Willen – ein Schuss, und das Geschoss hätte um ein Haar Dans rechten Tennisschuh durchbohrt. Es prallte vom Riffeleisen der Brücke ab und schwirrte als Querschläger zurück. Cal hatte plötzlich eine blutige Schmarre auf seiner rechten Wange. Die drei Gangster begriffen endlich ihre Lektion. Sie marschierten genau so ab, wie ich es wünschte, aber Dans Herz war so übervoll, dass er den Mund nicht halten konnte.

„Dieses Mal waren Sie eben schneller am Drücker als wir, Mister!“, keifte er drohend. „Aber der Zeitpunkt wird kommen ... der Zeitpunkt wird kommen ...“

„Halt die Klappe, Dan“, herrschte ich ihn an, „sonst reut es mich noch, euch davonkommen zu lassen! Vorwärts, oder ihr könnt etwas erleben.“

Jede andere Haltung wäre Selbstmord gewesen!

Ich wartete, bis die drei auf der Klippe standen, und gedachte mich dann blitzschnell abzusetzen, aber sie kannten eben das Gelände besser als ich. Mit einem Male waren sie spurlos verschwunden – und das versetzte mich in große Sorge.

Ich verließ meine Plattform, sprang über die Brüstung, kam anderthalb Meter tiefer an und hetzte in wahren Panthersprüngen über den eisernen Laufsteg. So groß war meine Hast, dass ich mir nicht einmal die paar Sekunden gönnte, die das Aufsammeln der drei Gangsterrevolver in Anspruch genommen hätte. In fieberhafter Eile hatte ich die Martha losgeworfen und auch die Vertäuung der Estrellita III gelöst, das Boot etwas näher herangezogen und war hineingesprungen. Die inzwischen gekenterte Flut zog mich sofort von der Brücke weg. Ich brauchte jetzt nur mehr auf den E-Anlasser-Knopf zu drücken, und die beiden 75-PS-Motoren summten los.

Ich ging auf Halbgas, drehte das Ruderrad auf hart Backbord ein, wendete in unwahrscheinlich kurzer Zeit und raste dann mit zwomal A. K. in Richtung Robinson Island davon.

Wie begründet meine Eile gewesen war, bewies das Konzert für drei Thompson-MP und eine Bassstimme, das die drei Kumpane mir zu Ehren als Abschiedsständchen spielten.

Zu meinem Glück spielten sie es in etwa vierfacher MP-Schussweite.

Mein Stich ins Wespennest war gerade noch gut ausgegangen.

Als ich mir Kräfteverhältnis und Situation noch einmal vergegenwärtigte, fiel mir nachträglich das Herz in die Hosentasche.

Ich war hart gestimmt, stahlhart. Jede andere Haltung, nämlich vielleicht die eines Salontheoretikers, wäre unsinnig gewesen.

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2

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Ensalinas liegt am anderen Ufer der Orpington Bay und besitzt einen eigenen kleinen Hafen. Dort nahm ich gegen 20 Uhr 15 Kurs auf einen Sektor der Kaimauer, der durch eine Tafel: POLIZEIHAFEN Anlegen nur Dienstfahrzeugen gestattet! bezeichnet war.

Genau dort machte ich fest und ging an Land. Ich war noch nicht aus dem Boot gesprungen, als bereits zwei smarte Boys von der Wasserschutzpolizei auftauchten. Der Größere der beiden fragte mich verdächtig höflich, ob ich denn nicht lesen könne.

Ich zwang mein Gesicht zu einem naiven Grinsen und erwiderte vorwurfsvoll: „Schon in der Hilfsschule war ich ein hoffnungsloser Fall! Aber Spaß beiseite, ich muss dringend den Kommandeur oder seinen Stellvertreter sprechen. Ich komme nämlich gerade von einem Rendezvous mit drei Mördern.“

Die beiden blickten mich betreten an und schüttelten mitleidig den Kopf.

„Sie haben nicht zufällig einen tüchtigen Schluck über den Durst getrunken, Sir?“, fragte der Wortführer und machte keine Anstalten, mich vorbeizulassen.

Ich zeigte meine Detektiv-Lizenz vor, und das bewog sie endlich dazu, mich zu Captain Phil Rattigan zu führen. Gleichzeitig stellten sie mir für den Fall, dass ich sie nur „am Bein zu ziehen“ gesonnen sei, eine düstere Zukunftsentwicklung vor Augen.

Die beiden rahmten mich links und rechts ein und dirigierten mich in das nüchterne Stabsgebäude des Polizeikommandos. Wir passierten den Wachraum, wo einige dienstfreie Mannschaften Karten spielten, gerieten in ein Vorzimmer mit emsig ratternden Fernschreibern, und landeten in einem kleinen Büro. Hinter dem gut aufgeräumten Schreibtisch saß ein bulliger Captain in marineblauer Uniform. Er sah bei unserm Erscheinen unmutig auf. Ich schätzte ihn auf fünfzig. Trotz seiner schlohweißen Schädelbürste wirkte er erstaunlich jung und beweglich. Wasserhelle Augen musterten mich ausdruckslos.

Er legte den Kugelschreiber aus der Hand und blickte den Sergeant, der rechts von mir stand, auffordernd an.

Hastig kam ich dem Sergeant zuvor. „Verzeihung, Captain, aber die Angelegenheit, in der ich Sie belästige, duldet keinen Aufschub! Hier bitte...“, ich schob ihm die Zellophanhülle mit meiner Lizenz hin, „Lester Crane, Privatdetektiv, Los Angeles. Ich bin vor etwa zwei Stunden durch einen reinen Zufall auf Spanish Island gelandet, und wäre dort um ein Haar in eine üble Klemme geraten.“

„Phil Rattigan“, stellte sich der Captain, meinen Redestrom unterbrechend, vor und streckte mir die Hand hin. Sein Händedruck war fest und sympathisch. Er deutete auf einen arg mitgenommenen Ledersessel vor seinem Schreibtisch. „Setzen Sie sich, und dann berichten Sie. Einen schreckhaften Eindruck machen Sie nicht gerade. Was kann Ihnen auf einem unbewohnten kleinen Eiland schon Schlimmes zugestoßen sein? Sie haben mich neugierig gemacht.“

*

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FÜNF MINUTEN SPÄTER wusste er es. Er starrte mich fassungslos an. „Das ist die tollste Räuberpistole, die ich je gehört habe!“, war sein verblüffter Kommentar. Er beugte sich zum Mikrophon der Haussprechanlage nieder, drückte auf einen Knopf und sprach abgehackt hinein.

„Captain Rattigan an alle! Captain Rattigan an alle! Ich rufe das Wachboot, das in der Nähe von Orpington Beach patrouilliert. Bitte melden!“

Gleich darauf ertönte eine Geisterstimme aus dem Lautsprecher: „W 18 – Sergeant Zerroun. Liege eine Meile vor Orpington Beach beigedreht. Over.“

„Okay, Hal, ich habe einen Auftrag für Sie. Fahren Sie zum Pier, laden Sie Carlos Costales ein, und bringen Sie ihn schnellstens hierher. Over.“

„Befehl aufgefasst, Sir: Bootsverleiher Costales zu Captain Rattigan bringen. Ende.“

Als das erledigt war, richtete sich der Captain seufzend auf und schüttelte den Kopf. „Wirklich eine mysteriöse Geschichte, Mann! Sie sind doch nicht etwa spaßig veranlagt?“

„Unter Bezugnahme auf meinen eben erstatteten Bericht erlaube ich mir darauf hinzuweisen,

dass mir für heute jeder Humor abhanden gekommen ist“, grinste ich.

„Kann ich Ihnen nachfühlen. Aber was hat – Ihrer Meinung nach – das ganze Theater auf Spanish Island zu bedeuten?“

„Man hat dort ein Stromaggregat und einige Maschinen in Betrieb. Ich habe sie deutlich laufen hören, möchte aber keine Schlussfolgerungen ziehen, die ja doch jeder vernünftigen Grundlage entbehren würden. Nehmen Sie ein Boot und fahren Sie hin. Aber äußerste Vorsicht! Die Kerle haben Maschinenpistolen ...“

Die Fensterscheiben klirrten, bevor ich ausgesprochen hatte. Wir erhoben uns erschrocken wie auf Kommando, eilten zum Fenster und sahen über der Kimm im Südwesten eine schwarze Qualmwolke zum Himmel aufsteigen und sich zu einer schirmartigen Form verbreitern.

„Spanish Island!“, sagten wir wie aus einem Munde.

Danach wurde der Captain äußerst lebendig. Er setzte sich wieder mit seinen Booten in Verbindung, schilderte die Situation und erteilte Befehl, in Höchstfahrt Spanish Island anzulaufen.

„Mehr kann ich im Augenblick nicht tun“, sagte er fast entschuldigend. „Können Sie mit weiteren Informationen dienen, oder haben Sie wirklich alles gesagt, was Ihnen aufgefallen ist?“

„Ich könnte höchstens ergänzend mitteilen, Captain, dass die schwarzhaarige Frau kaum zweiundzwanzig ist und ganz den Eindruck einer Bardame oder Barsängerin auf mich gemacht hat. Die drei freundlichen Herren, mit denen ich zu tun hatte, sind mir dem Vornamen nach bekannt: Cal, Bill und Dan. Dan erinnert mich an eine Person, die ich erst kürzlich gesehen habe, aber ich komme nicht darauf, wo, obwohl ich mir seit einer Viertelstunde den Kopf zermartere.“

„Du liebe Güte, Bars gibt es hier wie Sand am Meer!“ Rattigan streichelte sanft sein gut entwickeltes Kinn. „Freilich sind um diese Jahreszeit die meisten noch geschlossen. Ich werde der Staatspolizei einen Wink geben. Und jetzt will ich Sie nicht länger aufhalten. Über den Grund Ihres Aufenthalts in Orpington Beach werden Sie sich doch nicht näher auslassen wollen?“

„Ungern!“ Ich zuckte die Achseln. „Im Übrigen hat meine Tätigkeit ganz bestimmt nichts mit den Vorgängen auf Spanish Island zu tun. Darf ich mich morgen erkundigen, was aus der Sache geworden ist? Außerdem habe ich noch eine Frage: Ich habe die Martha, das Boot der Verbrecher, hierher geschleppt. Ist Ihnen das Boot bekannt?“

„Ich habe den Namen des Bootes noch nie gehört. Aber das will nichts besagen, da Fahrzeuge dieser Größe bekanntlich nicht der Registrierungspflicht unterliegen.“

„Und was wird aus meiner gemieteten ,Estrellita III?“

„Mit der kann Costales später nach Orpington Beach zurückfahren, sofern ich mich nicht dazu veranlasst sehe, den schleimigen Schmierer zu verhaften. Hoffentlich sehe ich mich dazu veranlasst; ich warte schon lange darauf, Costales endlich einmal zu erwischen.“

Bevor ich mich von Captain Rattigan verabschiedete, um mich von einem seiner Dienstwagen rund um die Bay über Orpington Harbor nach Orpington Beach zurückfahren zu lassen, konnte ich noch die ersten Meldungen der nach Spanish Island beorderten Polizeiboote mit anhören. Die Kommandanten berichteten übereinstimmend, dass eine gewaltige Sprengung das Zentrum der Insel in Trümmer gelegt habe. Es gebe indessen keine Möglichkeit, bis zum Mittelpunkt vorzudringen, weil der immergrüne Wald jenseits des äußeren Felsenringes lichterloh brenne.

„Da hören Sie selbst, Crane!“, versetzte Rattigan achselzuckend. „Tage werden vergehen, ehe wir, in Zusammenarbeit mit der Staatspolizei, eindringen können. Halten Sie trotzdem mit mir Verbindung und lassen Sie es mich sofort wissen, wenn Sie noch einmal mit der Bande zusammenstoßen.“ Ein besorgter Blick traf mich. „Seien wir ganz offen – denn Sie machen nicht den Eindruck eines Angsthasen: An Ihrer Stelle würde ich fortan äußerst vorsichtig sein.“

Ich wusste genau, was er damit sagen wollte, und hatte mit einem Mal das Empfinden, mich

ganz schön in die Nesseln gesetzt zu haben.

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EINE STUNDE VOR MITTERNACHT stellte ich meinen Mercury in San Anabel auf einem Parkplatz ab, der zu einem feenhaft erleuchteten Märchenpalast gehörte. Die kleine Stadt liegt etwa sechs Meilen nordwestlich Oceanside dicht an der Küste und ist – wie Orpington Beach – ganz auf den Fremdenverkehr eingestellt. Nur dass dort eben die Saison wesentlich früher beginnt.

Nachdem ich den Wagen abgeschlossen hatte, wanderte ich durch eine Fächerpalmenallee zum Haupteingang des Nachtklubs hinüber, über dem in riesigen violetten Leuchtbuchstaben der Name LILAS prangte.

Falls jemand der Meinung ist, es sei einfach nicht zu fassen, warum ich ausgerechnet in dieser Nacht volle zweiunddreißig Meilen gefahren sei, um ein Nachtlokal zu besuchen, soll er aufgeklärt werden.

Ich hatte Captain Rattigan in der festen Absicht verlassen, mein Inselabenteuer auf die leichte Achsel zu nehmen, aber je mehr Zeit verstrich, desto weniger fühlte ich mich dazu imstande. Es hatte gar nicht Rattigans warnender Worte bedurft, um mich vorsichtig und argwöhnisch werden zu lassen, denn je länger ich über die letzten Vorgänge nachdachte, desto sicherer wurde ich in meiner Überzeugung, mir schweren Ärger mit einer gefährlichen Verbrecherbande zugezogen zu haben. Die Nutzanwendung aus dieser Erkenntnis lag klar auf der Hand.

Zwei Wege standen mir offen: Entweder den nächsten Schachzug des Gegners abzuwarten, oder selbst aktiv zu werden. Aktivität hat mir von jeher mehr gelegen als abwarten, und deshalb war ich im Augenblick dabei, den ersten Nachtklub aus einer Liste von neun Vergnügungslokalen zu erkunden. Deutlicher gesagt: Ich suchte nach der schwarzhaarigen Sexbombe von Spanish Island, die alle Wesensmerkmale einer Nachtklubkreatur an sich gehabt hatte. Natürlich konnte ich mit meiner Überlegung auch irren – aber ich machte trotzdem einen Versuch.

Um in jeder Hinsicht freie Hand zu haben, hatte ich Hut und Regenmantel im Wagen zurückgelassen. Ich betrat den nur mäßig besetzten Restaurant-Teil des groß aufgezogenen Vergnügungsunternehmens und fand unschwer eine versteckte Nische, aus der ich fast alles sehen konnte, was im Lokal vorging, ohne selbst aufzufallen.

Zuallererst forderte mein Magen sein Recht. Ich bestellte beim Kellner kaltes Roastbeef mit Sauce Remoulade, und sah mich dann erst um. Die Wände waren mit dunklem Edelholz getäfelt, die Beleuchtung gedämpft und angenehm, die Möbel luxuriös, ohne protzig zu wirken.

Rechts im Hintergrund hatte man die Bar aufgebaut, an der augenblicklich nur drei oder vier Hocker besetzt waren.

Typischer Fall von Mitternachtsbetrieb!, überlegte ich – und dann staunte ich bloß noch; denn ich hatte etwas gefunden! Nicht gerade das, weswegen ich gekommen war, sondern etwas anderes, was mich jedoch nicht minder interessierte.

Der Nachtklubmanager machte die Runde, verbeugte sich vor den neu angekommenen Gästen, wechselte höflich mit Bekannten einige Worte, schlenderte weiter und näherte sich allmählich meinem Tisch. Er war mittelgroß, breitschultrig, wohlproportioniert und trug den Frack mit lässiger Eleganz. Ich schätzte ihn auf Vierzig und hatte gleich den Eindruck, es müsse sich um einen Franzosen oder Louisiana-Man handeln, was sich zur Gewissheit verdichtete, sobald ich ihn sprechen hörte.

Er hatte ein längliches, aristokratisches Pferdegesicht und war ohne Zweifel der Typ, der einer schmuckbehangenen Witwe mittleren Alters ganz gehörig einheizen konnte.

„Ich hoffe, Sie sind zufrieden, Sir?'“, begann er. „Leider hatte ich bisher noch nicht das Vergnügen, Sie im LILAS willkommen heißen zu dürfen.“

„Was ich noch viel mehr bedauere“, ergänzte ich rasch, „denn allein mit Ihrer Person, Mister ... Mister ...“

„Mein Name ist Talbot, Sir, Jerome Talbot.“

„... Mister Talbot, ist mir bisher eine Attraktion entgangen.“

Er stutzte und wusste nicht recht, was er damit anfangen sollte. – Wie er das auffassen dürfe, wollte er, misstrauisch, wissen.

„Soviel Zeit, einen King George mit mir zu trinken?“, antwortete ich mit einer Gegenfrage.

„Wie Sie befehlen, Sir!“

Kein normaler Yankee hätte auch nur im Traum daran gedacht, sich von einem zahlenden Gast etwas befehlen zu lassen!

„Ich würde es als das schätzenswerte Entgegenkommen eines vielbeschäftigten, vielgeplagten Mannes betrachten! Lester Crane ist mein Name.“

Wir rauchten eine Zigarette zusammen, und er fragte mit unverhohlener Neugier, ob es einen besonderen Grund gebe, der mich seine Person als attraktiv habe bezeichnen lassen.

„Sicher!“, erwiderte ich etwas zögernd. „Ich habe Sie vor Kurzem auf einem Foto gesehen.“

„Auf einem Foto?“ Sekundenlang irrlichterte in seinen Augen Misstrauen. In plötzlicher Unruhe fügte er hinzu: „Wie klein doch die Welt ist. Man hat eben überall Bekannte!“

Ich nickte und fragte weiter: „Haben Sie Ihren Job hier schon lange?“

„Seit reichlich vier Monaten. Für mich war es eine Chance.“

Ich nickte abermals. „Hätten Sie später etwas mehr Zeit für mich? Ich habe ein persönliches Anliegen an Sie! Aber missverstehen Sie mich nicht – ich will Sie nicht anpumpen.“

„Hätte auch wenig Sinn“, konterte er, halb im Scherz. „Ich bin selbst heilfroh, wenn wieder ein Monat vorüber ist, und ich gerade mit Müh und Not durchgekommen bin.“ Er erhob sich. „Tut mir leid, Mr. Crane, die Pflicht ruft. Wir sehen einander später an der Bar. Nach Mitternacht.“

„Ja, gewiss!“

Warum ich mich für Jerome Talbot so sehr interessierte?

Nun, ich war in der Absicht hierhergekommen, das schwarzhaarige Flittchen von Spanish Island zu suchen; gefunden hatte ich keinen geringeren als den männlichen Partner Hester Polacks auf dem Erpresser-Foto.

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GANZ IM GEGENSATZ ZU seinem Versprechen schien der Nightclubmanager nicht die geringste Lust nach einer weiteren Unterhaltung mit mir zu verspüren, denn er wich im weiteren Verlauf des Abends vier, fünfmal einer zweiten Begegnung mit mir sehr geschickt aus.

Ich sah ihn einige Male im vertraulichen Gespräch mit einer charmanten vollschlanken Frau von etwa Dreißig, deren glänzendes kastanienbraunes Haar mir besonders auffiel, und ich stellte unschwer fest, dass sie Flavinia Featherwhere hieß, im ASTOR als Hotelsekretärin beschäftigt, und in Jerome Talbot heftig verliebt war.

Um auf Talbot selbst zurückzukommen, so hätte jeder andere Detektiv an meiner Stelle die gleichen Überlegungen angestellt: Hester hatte das kompromittierende Bild als Fotomontage bezeichnet. Ob sie damit die Wahrheit gesprochen oder gelogen hatte, konnte ich solange nicht mit Sicherheit entscheiden, als ich nicht das Negativ in Händen hatte. Nach dem alten Rechtsgrundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten, wollte ich zunächst ihre Geschichte glauben. In diesem Fall war Talbot ganz besonders interessant, und ich musste unbedingt herausbringen, ob man sein Bild mit seiner Zustimmung, oder ohne sein Wissen in den Snapshot hineinkopiert hatte.

Damit stellte ich meine Suche nach der Schwarzhaarigen bewusst zurück, denn die Belange meines Klienten gingen vor.

Gegen elf nahm ich eine günstige Gelegenheit wahr, den Clubmanager festzunageln und so energisch an unsere Abmachung zu erinnern, dass er mir nicht mehr entwischen konnte, ohne unhöflich zu werden.

Sein Gesicht strahlte auf. „Fein, Sir, dass Sie Ihr Versprechen wahrmachen wollen! Ich hätte nie gewagt, Sie daran zu erinnern, denn solche Einladungen sind nicht immer ernst gemeint. Aber wir gehen vielleicht besser in mein Büro hinüber? Dort kann ich Ihnen einen 55 Jahre alten Calvados vorsetzen – ein Tropfen, sag ich Ihnen, wie Sie noch nie einen gekostet haben!“

Ich ließ mich von seiner Begeisterung anstecken und erklärte mich prompt damit einverstanden.

Das Büro des Managers war wie tausend andere auch eingerichtet. Talbot – oder wie immer er hieß – ließ mir höflich den Vortritt, und ich ging ihm nichtsahnend in die Falle. Kaum war ich über die Schwelle getreten, als sich auch schon ein Revolverlauf in meinen Rücken bohrte, und Talbots hassentstellte Stimme drohend befahl: „Keinen Laut und keine Bewegung, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist!“

Da hatte ich mein Fett! Verdientermaßen, wie ich offen zugebe.

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ICH WIDERSTAND MANNHAFT der Versuchung, ein derbes Schimpfwort an meine eigene Adresse zu richten. Der Lauf der Waffe drückte hart gegen meinen Körper – ein Gefühl, das ich gar nicht leiden kann. Ich wartete mit angehaltenem Atem auf den Abschussknall – aber zum Glück vergebens. Danach gab ich mir mit einem Mal wieder eine Chance. Talbot deutete auf einen Sessel, der vor dem Panzerschrank stand. „Hinsetzen! – Aber keine Tricks, ich warne Sie!“

Ich gehorchte schweigend, weil mir nichts anderes übrig blieb.

Erstaunlicherweise war Talbots Gesicht genau so gelassen und ausdruckslos wie bei unserer

etwa siebzig Minuten zurückliegenden ersten Begegnung.

„Sie haben mich böse erschreckt, Mann“, murmelte ich. „Bei der Television-Märchenstunde hätten Sie als Schwarzer Mann eine große Zukunft!“

„Danke, mir macht schon meine Vergangenheit genug zu schaffen; auf die Zukunft bin ich zunächst gar nicht neugierig“, versetzte er mit bitterer Selbstironie. „Und jetzt spitzen Sie die Ohren, mein Bester, und erfüllen Sie schön brav alle meine Wünsche. Nur absoluter Gehorsam kann Ihr Leben retten.“

Ich gab mich zu Tode geängstigt, ließ Talbot aber keine Sekunde aus den Augen, doch er ließ mir tatsächlich keine Chance.

„Sie sind Detektiv, aber kommen nicht von der Polizei, und heißen nie im Leben Crane!“ Das kam nicht als Frage heraus, sondern als Feststellung, und deswegen nickte ich beiläufig.

„Sie wissen auch, dass Jerome Talbot nicht mein richtiger Name ist.“

„Jetzt weiß ich’s!“

„Sie billiger kleiner Gauner!“ Seine Mundwinkel verzogen sich verächtlich. „Jetzt heraus mit der Sprache. Wer schickt Sie? Mulloch in Batavia, Mailler in Frisco oder Delahaye in New Orleans?“

Ich hob erstaunt den Kopf, und mit einem Mal wurde mir klar, was sein Gefasel zu. bedeuten hatte.

„Halten Sie mich etwa für einen jener Privatdetektive, die für große Versandhäuser flüchtig gewordene Schuldner suchen?“

„Halten?“ Er lachte bitter auf. „Sie sind einer von diesen Bluthunden.“

„Dann dürfen Sie getrost Ihr Kracheisen wegstecken, Talbot!“ Ich nickte ihm erleichtert zu. „Ihre Schulden kümmern mich absolut nicht, selbst wenn es sich um Millionenbeträge handeln sollte.“

Ich redete ihm gut zu, wie der Stallknecht dem kranken Gaul, und er ließ sich zum Teil überzeugen, dachte aber nicht daran, den Revolver wegzustecken. Immerhin ließ er sich dazu herab, mir die übliche Geschichte zu erzählen, die ich glauben konnte, aber nicht unbedingt glauben musste: Er stammte angeblich wirklich aus Louisiana, wo er eine glänzende Existenz gehabt hatte. Später übernahm er für einen guten Freund eine große Wechselbürgschaft, blieb prompt daran hängen, und – aus war der Traum.

Das schien mir ziemlich ungereimt. Ich wollte es ihm gerade vorhalten, wurde aber durch ein energisches Klopfen unterbrochen.

„Wer ist draußen?“, fragte Talbot. In seinem Gesicht stand deutlich Unruhe.

„Mike!“, erwiderte eine klägliche Greisenstimme. „Der alte Mike ist es nur.“

„Goddam – ich habe jetzt keine Zeit für Sie!“

„Werden Sie aber haben müssen, Sir!“ Die Stimme kicherte merkwürdig. „Oder soll ich Miss Featherwhere berichten ...“

„Also gut, kommen Sie schon rein, aber hüten Sie sich vor einem Herzschlag! – Und Sie rühren und regen sich nicht, Mann, oder es geht Ihnen schlecht!“

Das galt mir.

Die Tür öffnete sich, ein kugelrunder Mann – kein Greis! – trat elastisch ein, erfasste blitzschnell von hinten Talbots rechtes Handgelenk und riss es so kraftvoll in die Höhe, dass er nicht mehr zum Schuss kam. Weder auf mich, noch überhaupt.

„Danke, Sammy!“, jubelte ich. „Danke, Sammy! Du hast mich von einem gefährlich Wahnsinnigen befreit!“

Natürlich war es mein Freund, Assistent und (neuerdings) Teilhaber Sammy Householder, der sich an diesem Abend wieder einmal mit Ruhm bedeckte. Da er schon einmal nach Orpington Beach mitgekommen war, hatte ich ihn am frühen Abend gebeten, mir für alle Fälle den Rücken zu decken. Freilich hatte ich eine völlig andere Situation vor Augen gehabt.

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SAMMYS MEISTERHAFTE Überrumpelung hatte Talbot derart aus dem Gleis geworfen, dass er hilflos alles über sich ergehen ließ.

Während ich den Burschen in Schach hielt, durchsuchte Sammy das Büro. Talbot schien die Beute namenloser Verzweiflung und brütete finster vor sich hin. Uns beiden gegenüber gab er sich sanft und wie ein Lamm.

Sammy fand nichts Belastendes – aber stattdessen eine alte Driver License mit „Talbots“ Bild. Der dort angegebene Name „Jean-Marie Toussaint de St. Villiers“ konnte sein richtiger sein, denn wie ein berufsmäßiger Hochstapler oder Heiratsschwindler sah er eigentlich nicht aus.

Er verfolgte unsere Tätigkeit mit kaum verhohlener Angst. Als ich ihn endlich wieder aufs Korn nahm, wurde er totenbleich. Vermutlich hatte er einmal einen schlechten Film gesehen, in dem der Privatdetektiv als blutrünstiger, sadistischer Schläger dargestellt worden war.

„Monsieur Toussaint de St. Villiers“, redete ich ihn an, wobei mir nicht entging, wie er zusammenzuckte, „ich frage Sie jetzt, ob Ihre Story von vorhin stimmt.“

„Wenn ich Nein sage, sind Sie zufrieden.“ Er zuckte ergeben die Achseln. „Sage ich aber ja, dann glauben Sie mir doch nicht – Ciane!“ Fein gab er’s mir!

„Ihr Ehrenwort würde durchaus genügen!“

„Im Ernst?“

„Im Ernst!“ Aus Paritätsgründen log jetzt ich einmal. Was ich wissen musste, wusste ich. Jetzt galt es, ihn in Sicherheit zu wiegen und vor allen Dingen zu verhindern, dass er auf die Idee kam, ich könnte von Reggy Polack geschickt sein – falls er eben doch mit dem Erpresser Fifty-fifty machte.

„Da haben Sie mein Ehrenwort, Mister Wie-heißen-Sie-doch-gleich! Das Wort eines Mannes, der sein Wort noch nie gebrochen hat.“

„Well“, sagte ich gefügig, „damit ist die Affäre bereinigt und vergessen – unter Männern!“ Ich

gab ihm seinen Alamo-Revolver zurück. „Voilà, Ihr Radauinstrument – gehen Sie künftig weniger leichtfertig damit um!“

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Außerhalb von San Anabel hielten wir kurz an, und ich schlüpfte zu meinem Freund in den Chevy, um ihm noch einige Tipps für den nächsten Tag zu geben und mich von ihm zu verabschieden. Danach fuhren wir auf getrennten Wegen nach Orpington Beach zurück.

Die Pension Garefield, wo ich mich eingemietet hatte, lag am nördlichen Rand der Siedlung – eine halbe Meile vom nächsten Haus entfernt – inmitten eines großen Gartens. Ich stellte meinen Wagen in der Sammelgarage ab und verfügte mich durch die Hintertür ins Vestibül, um zur ersten Etage hinaufzugehen.

Dort hatte ich das letzte Zimmer rechts. Die anderen waren unbelegt. Ich hielt es nicht abgeschlossen, weil ich auf freundlichen Besuch eingestellt war. Und der hatte sich auch eingefunden, aber nicht im Sinne meiner Vorstellungen. Als ich die Tür halb aufgedrückt hatte, stach mir mit einem Mal ein gleißend helles Licht in die Augen, und schon riss durch einen Schlag – mit einem Gummiknüppel natürlich! – bei mir der Film.

60 Minuten später, genau um halb vier, wachte ich wieder auf.

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