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Krimi Doppelband 98 - 2 Top Thriller: Morde zwischen Venedig und New York

Alfred Bekker, Meinhard-Wilhelm Schulz

Krimi Doppelband 98 - 2 Top Thriller: Morde zwischen Venedig und New York

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Inhaltsverzeichnis

  • Krimi Doppelband 98 - 2 Top Thriller: Morde zwischen Venedig und New York
  • Copyright
  • Volpe und der Strandmörder vom Lido
  • Killer ohne Reue

Krimi Doppelband 98 - 2 Top Thriller: Morde zwischen Venedig und New York

Alfred Bekker, Meinhard-Wilhelm Schulz

Dieser Band enthält folgende Krimis:


Meinhard-Wilhelm Schulz: Volpe und der Strandmörder vom Lido

Alfred Bekker: Killer ohne Reue


Seit 2015 wird jeweils im Juli eine Frauenleiche an Venedigs Strand gespült. Sie alle sind ertrunken, weisen keine Spuren von Gewalt auf, besitzen aber eine Gemeinsamkeit: Den Toten fehlt stets das Bikini-Oberteil.

Tenente di Fusco gibt Commissaria Debora den Auftrag, einem vagen Verdacht nachzugehen. In inniger Freundschaft mit Dalia und Susie verbunden, ist sie die Jüngste in diesem ‚Mauerblümchenterzett‘. Dalia als treibende Kraft will durch Annoncen für sie alle den Mann des Lebens finden. Dabei geraten sie trotz des Eingreifens von Freund Volpe in Teufels Küche. Denn der Täter, der jeden Juli einen ‚perfekten‘ Mord begeht, hat sie bereits alle drei auf seine Todesliste gesetzt.


Das Leben von Abertausenden ist bedroht, als eine Sekte von Wahnsinnigen beschließt, Tod und Verderben über die Metropole New York zu bringen.

FBI-Agent Jesse Trevellian und seinem Team bleibt nicht viel Zeit, diesen Plan zu durchkreuzen - denn das Ende ist nah und angeblich auch gar nicht mehr aufzuhalten...

Cover: STEVE MAYER





Volpe und der Strandmörder vom Lido


Venedig-Krimi von Meinhard-Wilhelm Schulz


Der Umfang dieses Buchs entspricht 210 Taschenbuchseiten.


Seit 2015 wird jeweils im Juli eine Frauenleiche an Venedigs Strand gespült. Sie alle sind ertrunken, weisen keine Spuren von Gewalt auf, besitzen aber eine Gemeinsamkeit: Den Toten fehlt stets das Bikini-Oberteil.

Tenente di Fusco gibt Commissaria Debora den Auftrag, einem vagen Verdacht nachzugehen. In inniger Freundschaft mit Dalia und Susie verbunden, ist sie die Jüngste in diesem ‚Mauerblümchenterzett‘. Dalia als treibende Kraft will durch Annoncen für sie alle den Mann des Lebens finden. Dabei geraten sie trotz des Eingreifens von Freund Volpe in Teufels Küche. Denn der Täter, der jeden Juli einen ‚perfekten‘ Mord begeht, hat sie bereits alle drei auf seine Todesliste gesetzt.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pixabay und Unsplash mit Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Hauptpersonen des Romans:

  • Ich, Sergiu Petrescu: Redakteur des Buches
  • Giuseppe Tartini ‚Volpe‘: mein Auftraggeber
  • Commissaria Debora Rainone (31); die Erzählerin
  • Tenente Ambrosio di Fusco; Deboras Vorgesetzter
  • Isolde Gurione: ihre Kollegin und Freundin


  • ‚Ottorino‘ alias ‚Charly‘: Decknamen für den Strandmörder
  • Rebecca Simone (35): Balletteuse; dessen erstes Opfer
  • Namenlos: ein Millionär (45); Rebeccas kurzzeitiger Verlobter


  • Dalia Leoncavallo (38): Bankerin; Deboras geliebte Freundin
  • Carlo Calzolaio (alias Karl Schuster): Dalias Block-Hausmeister
  • Susanna Rabinto (41): Juditas und Deboras Freundin; Journalistin
  • Judita Castello (38): Designerin; Freundin von Dalia
  • Allan Lundgreen: Journalist der AP; mit Dalia bekannt


  • Dr. med. Carlo Benettone (44): Psychiater
  • Dr. med. Pietro Natale (29): Psychiater
  • Birgitta Napolitano (37): mannstolle Biene
  • Dr. Eli da Bologna: Staatssekretär; Kripochef des Veneto
  • Francesco Grande: krimineller Tippelbruder
  • Dr. Levi Liebermann (38): Unternehmensberater
  • Angelo Nuovo = Dr. L. Liebermann: sein Künstlername
  • Ester Liebermann (40): seine Frau; Mutter von vier Kindern
  • Giuseppe Matteo: windiger Aktienmakler
  • Dr. Davide Sasso: sein Chef


  • Itzhak Alemanno: Bruder einer ‚Ertrunkenen‘
  • Beata Alto: Mutter der ‚ertrunkenen‘ Bianca
  • Federico Goldoni: ‚Lehrer‘; sucht Partnerin per Annonce
  • Elena Guareschi (41): Fernsehmoderatorin


  • Tito Bergonzi: Anrufer bei Dalia
  • Samuel Scimonte: Anrufer bei Dalia
  • Cesare Venditore: Anrufer bei Dalia


1. Teil: Mein Vorspann (Dienstag, 1. 12. 2020; erster Teil)

Mein geliebtes Lesepublikum, dass ich, Dr. med. Sergiu Petrescu, ein gebürtiger Rumäne bin, aber aufgrund meiner Studienorte ebenso dem Deutschen wie dem Italienischen zugetan bin und seit einigen Jahren eine Praxis in Jesolo betreibe, sollte Dir vielleicht schon bekannt sein.

Dank meiner Deutschkenntnisse werde ich in den Sommermonaten von Urlaubern aus Germania konsultiert, denen die Hitze des Lido di Jesolo oder irgendeine andere Unpässlichkeit zugesetzt hat.

Wenn sich diese Gäste in ihre nördliche Heimat verzogen haben, pflege ich die Praxis zu schließen und meine verbliebenen Patienten einem dankbaren jungen Kollegen anzuvertrauen, um zu Punta Sabbioni den Vaporetto nach Venedig zu besteigen und dort bei meinem Freund, den Privatdetektiv Giuseppe Tartini, zu hausen, den man in hübscher Doppeldeutigkeit ob seines schulterlangen roten Haares ‚Volpe‘ (Rotfuchs/Schlaumeier) zu nennen pflegt.

Diesmal war ich später als sonst dran, weil ich mich noch mit einer Grippewelle herumschlagen musste und gelangte am ersten Dezember zu ihm in den kleinen Palast am Calle di Cavallo (Pferdegasse) mit freiem Blick über den Campo SS. Giovanni e Paolo samt dem herrlichen Reitermonument des Colleoni.

Giovanni, Volpes Butler, hatte seinen freien Tag. So betrat ich das Haus, ohne anzuklopfen, hängte Mantel und Hut an die Garderobe und steckte die Füße in bereit stehende Pantoffeln, während sich einige Falten auf meiner Stirn kräuselten, denn aus dem Wohnzimmer drang helles Lachen und fröhliches Stimmengewirr in meine Ohren.

Welche Donna oder Signorina wagte es, Volpe ohne meine ausdrückliche Zustimmung zu besuchen? ‚Na, warte Mädchen!‘, brummte ich in den Dreitagebart, als mich auch schon Volpes Tenor erreichte:

»Dottore Medico Petrescu, so komme doch endlich herein! Avanti! Subito, subito!«

Am liebsten hätte ich auf dem Absatz kehrt gemacht, so zornig war ich, denn wenn Volpe sich jetzt ein Weib zugelegt hatte, war ich in seinem Hause nichts als ein Störenfried. Mürrisch öffnete ich die Wohnzimmertür. Angenehm warme Luft wehte mir entgegen. Im Kamin prasselte das Feuer.

Volpe hing im Korbsessel, eine fremde Süße auf dem Schoß, eine Zuckerpuppe, ganz nach meinem Geschmack, und küsste sie ab. Das Weib streckte seine Gazellen-Beine aus dem Höschen, war rundum ungeschminkt, trug einen ziemlich weiten, fast transparenten rosa Seidenhauch von Negligé und gar keinen Schmuck, während Volpe in seinem kostbaren grünen Hausanzug steckte.

Ich war sprachlos, ich war verblüfft, ich war konsterniert, ich verharrte auf der Stelle. Volpe deutete kichernd auf einen gläsernen Zweiliter-Stiefel, der mit einer Mischung aus Wein und Mineralwasser bis oben hin gefüllt war und auf mich wartete.

»Wunderschön, dass du endlich gekommen bist, Sergiu. Sehnsüchtig haben wir auf dich gewartet, Debora und ich.«

»Woher erkanntest du, dass ich es war?«

»An deinem Schritt, mein Lieber, unverkennbar. Außerdem hast du deinen Schweizer Markenschuh mit neuen Absätzen versehen lassen; das verrät der Klang auf dem Parkett.«

»Gut, schön, du weißt eben alles«, sagte ich und begann, das angenehm warme Getränk zu süffeln, wohltuend nach den Unbilden der Witterung, denen ich gerade noch ausgesetzt gewesen war, »und wie ich sehe, hast du dir auf deine alten Tage noch ein hübsche Frau zugelegt. Pass nur auf, dass du nicht den Trottel in Pergolesis Oper La Serva Padrone (Die Dienerin als Herrin) spielst. Aber wenn ihr in den Flitterwochen seid, will ich nicht weiter stören und haue ab.«

»Mein lieber Freund, sei nicht so grantig. Was wir beide hier feiern, ist zumindest halb beruflich, denn das Mädchen auf meinem Schoß ist keine andere als die Commissaria Rainone, seit geraumer Zeit Assistentin des Tenente Abrosio di Fusco.«

»Ach«, sagte ich erbost, »und darum hockt sie im mehr oder weniger transparenten Nachthemd auf deinem Schoß. Das also sind die neuesten Methoden der venezianischen Carabinieri.«

»Warum auch nicht?«, konterte Volpe. »Alle Wege führen nach Rom. Aber damit du begreifst, worum es geht, will ich dir die Begebenheit eines Motorbootrennens vor unserem Lido berichten, falls du noch nichts davon gehört hast. Es fand früh morgens am Sonntag, den 19. Juli dieses Jahres statt. Alles Erforderliche stand im Corriere della Sera, fein säuberlich von Freund Alberto Scimmia recherchiert.«

»Ich hatte keine Zeit, Zeitung zu lesen; Patientenstress!«

»Gut, dann will ich dir das spannende Ereignis schildern, welches am Ende des Dramas stattfand, in dem Commissaria Debora die Hauptrolle spielte, mein Bester.«

Volpe lehnte sich im Sessel zurück, ohne seine Süße vom Schoß zu lassen, legte die Fingerspitzen aufeinander und hub an:

»Es ist gegen 1.00 Uhr. Ein junger Mann wird am Lido dabei überrascht, wie er gerade einer Dame das Leben nehmen will. Da er bereits einige Morde auf dem Gewissen hat, flüchtet er mit Hilfe seines schnellen Bootes hinaus auf die offene See, die Carabinieri mit dem Polizeiboot hinter ihm her.

Er holt das Letzte aus seinem Motor heraus und rast auf eine steil ihm entgegen kommende Woge zu. Das weiche Wasser wird beim Aufprall hart wie Stein. Das Schiff stellt sich senkrecht und überschlägt sich. Der Mann am Steuer wird unter ihm begraben. Hätte er sich beim Unfall nicht das Genick gebrochen, wäre er unweigerlich ertrunken. Debora und ich waren Augenzeugen.

Doch genug davon. Wie und warum es dazu kam, mag dir unsere Freundin persönlich berichten. Es wäre doch einmal eine nette Abwechslung, wenn du einen Venedig-Krimi verfasstest, in dem nicht wieder dein Volpe im Mittelpunkt steht.

Außerdem bin ich der Meinung, dass Debora unsere gemeinsame Biene ist und ihr jetzt zum Du überzugehen habt.«

Meine Wut war verflogen. Debora sah mir goldig lächelnd ins Gesicht. Ich konnte nicht mehr Nein sagen und nickte. Ohne die Arme von Volpes Nacken zu lösen und nicht, ohne ihn in Abständen auf den Mund zu küssen, nahm sie das Wort.

Alles, was nun folgt, ist daher ihr authentisches Referat, von mir nur redigiert, sprachlich überarbeitet und zur Einheit zusammengefasst.

Vorab allerdings möchte ich für Leute, die sich in Venedig nicht auskennen, einige Bemerkungen über die Insel Lido machen:

Sie ist im Grunde nichts anderes als eine 12 Kilometer lange Sandbank, die sich wie eine Forstsetzung der Halbinsel, auf welcher mein Jesolo liegt, in ungefähr nordsüdlicher Richtung erstreckt. Wie ein vor den Fluten der See schützendes Bollwerk liegt der Lido vor den eigentlichen Inseln der Stadt.

Sein Strand war einst der berühmteste der Welt. Daran erinnern zahlreiche Villen und Hotels. Vor dem ‚Hungaria‘ oder dem ‚Grand Hotel des Bains‘, in dem Thomas Mann residierte, rangiert das mächtige ‚Gran Hotel Excelsior‘. Hier findet bis heute die berühmte ‚Biennale Cinema‘ statt, doch insgesamt gesehen haben andere Strände dem des Lido den Rang abgelaufen, und während der Wintermonate versinkt die schmale lange Insel in melancholischer Stille.

Auf dem Lido ist übrigens als einziger Insel Venedigs das Fahren mit Auto und Fahrrad erlaubt. Daher gibt es dort auch keine ‚Calli‘ (Gassen für Fußgänger) sondern nur ‚Vie‘ (Fahrstraßen). Und noch eine kleine Erläuterung für Ortsfremde:

Am Festland, unmittelbar Venedig gegenüber, liegen zwei Industriestädte, die man der Serenissima zuliebe besser nie errichtet hätte. Die nach Venedig führende Autobahn [Via delle Libertà samt Ponte della Libertà – Straße und Brücke der Freiheit] trennt den Moloch in das nördliche Mestre und das südliche Marghera.



2. Teil: Debora stellt sich vor.

Ich bin Debora Rainone, einunddreißig Jahre alt, wohnhaft im Calle della Stella, Luftlinie ungefähr 500 Meter östlich der Rialtobrücke, auf halber Strecke zu den Vaporetto-Stationen ‚Fondamente Nove‘ und ‚Rialto‘. Zurzeit bin ich dabei, Commissaria der Kriminalpolizei zu werden. Tenente di Fusco hat mir eine große Zukunft prophezeit.

Meine beste Freundin war eine gewisse Dalia Leoncavallo, die drüben in Marghera in einem achtstöckigen Bunker hauste. Trotz recht großer Unterschiede (ich erst Einunddreißig, angehende Commissaria der Kripo; sie eine hochbegabte Investmentberaterin und bereits Achtunddreißig) waren wir ein Herz und eine Seele.

Wir machten nämlich, wie man so sagt, denselben Typ aus uns und kleideten uns dermaßen ähnlich, ja, meistens sogar gleich, dass uns manche, wenn wir uns zusammen blicken ließen, für Zwillinge oder Schwestern hielten, obwohl wir nicht verwandt waren; und so will ich uns denn auch in einem einzigen Aufwasch schildern.

Beide knapp 1, 70 m groß; schlank und sportlich; einigermaßen gute, wenn auch nicht gerade weibliche Figur; fein geschnittenes Gesicht mit jeweils fünf Sommersprossen neben der feinen Nase; Augen dunkelgrau und mandelförmig; das dunkelblonde Haar beinahe glatt und schulterlang geschnitten; Oberweite gering bis nichts und von keinen grapschenden Händen verdorben, denn, was Männergeschichten anbetrifft, waren wir äußerst zurückhaltend.

Daher verzichteten wir auf jede ‚unterstützende Maßnahme‘ und trugen keinen BH. Unsere Taille wäre nur dank stramm gezogenem Gürtel sichtbar. Hüften und Gesäß sind für Leute, die es gerne weibisch haben, zu schmal, aber die Schenkel lang und fest. Mit Schmuck behängen wir uns kaum, höchstens einmal mit einer Halskette oder einem Fußkettchen. Silber mögen wir mehr als Gold. Dalia begründete das, was bei mir eher Instinkt gewesen war mit unserer Haar- und Hautfarbe, beides mit blass-goldenem Schimmer und daher zu goldenem Schmuck unpassend.

Tag für Tag staunten wir über die Zahl der fetten, der feisten Weiber, die da ihre Wülste und Speckrollen ungeniert am Strand des Lido zur Schau stellten und wunderten uns dann, dass ausgerechnet sie einen Kerl fanden, der sie sogar schwängerte, während wir leer ausgingen.

Wir liebten die Musik und gingen einträchtig ins Konzert, natürlich nicht in Hot Pants, sondern im gleichen nachtblauen Abendkleid, um großer wie kleiner Besetzung im ‚Teatro La Fenice‘ zu lauschen. Einen Lieblingskomponisten hatten wir nicht oder viele.

Bei der Literatur (wir waren altmodisch und lasen dicke Bücher statt ständig mit krummem Buckel auf dem Smartphone zu wischen und dabei, ein Doppelkinn provozierend, zu verblöden) bevorzugten wir bewährte Autoren, meist Klassiker und lasen sie in Fülle, hatten aber vier Favoriten: E.T.A. Hoffmann, Ambrose Bierce, Lovecraft und natürlich Kafka, den göttlichen Schriftsteller aus Prag.

Bei ihrer, bei unserer, Garderobe bevorzugte Dalia die Farben blau und rosa (dazu Silberschmuck) und trug am liebsten kurze Kleider und Röcke, wenn nicht Hot Pants, die Füße mit den rosarot gehaltenen Zehennägeln unterhalb der geschwungenen Schenkel (wir enthaarten sie regelmäßig) am liebsten in grünen Sportsandalen, falls sie nicht (im Sommer bevorzugt) barfuß flanierte. Abgesehen vom Färben der Fußnägel hatten wir uns fürs Natürliche entschieden.

Wenn wir dann im gleichen Bikini Arm in Arm am Strand unterwegs waren und uns ab und zu küssten, konnten wir uns der Blicke sämtlicher Passanten sicher sein. Ich als werdende Kriminalkommissarin durfte Dalia darin naturgemäß nur außerhalb meiner Dienstzeit nacheifern, denn in einem Aufzug wie dem obigen im Büro, im Dienst, wäre mir der Tenente aufs Dach gestiegen.

Um keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen, will ich gleich zu Beginn meines Berichtes betonen, dass weder sie noch ich zur Gilde der Lesben gehörte. (Bei Susie blieb es in der Schwebe.)

Das konnte uns freilich nicht davon abhalten, manchmal Küsse auszutauschen oder zu schmusen, was insbesondere am Strand, wenn wir aufeinander klebend über derselben Decke lagen, Aufsehen erregte, denn auf eine unschuldige Art und Weise liebten wir einander und waren so unzertrennlich, dass wir die Nacht der Wochenenden wechselseitig in ihrer oder meiner Wohnung verbrachten und in demselben französischen Bett schliefen.

Vielleicht war es genau dieses von mir beschriebene Verhalten, welches die Herren der Schöpfung davon abhielt, einmal die eine oder andere von uns anzuquatschen. Manche zogen die Mundwinkel herunter und hielten uns für Lesben, was nicht stimmte, die anderen irrtümlich für Zwillinge oder Schwestern, bei denen zu befürchten sei, dass sie sich gegenseitig über den harmlosesten Kuss des neuen Freundes in Kenntnis setzen würden, und welcher Mann kann so etwas schon ertragen? Ja, da lag der Hase im Pfeffer.

Einerseits waren wir darauf erpicht, uns den Mann des Lebens unter den Nagel zu reißen, was bei alternden Jungfern wie uns höchste Zeit wird, andererseits konnten wir es nicht lassen, ständig im Zweierpack mit Partnerlook aufzukreuzen. So schlichen die Jahre frustrierend dahin; Endstation Sehnsucht.

Um endlich an den Mann zu kommen, versuchte es Dalia schließlich mit einer Flut von Kontaktanzeigen, nur um sich neue Enttäuschungen einzuhandeln. In meiner Dummheit unterstützte ich sie in diesem Gebaren und ersetzte sie hin und wieder bei einem der ausgemachten Treffen, um mich dann angewidert vom glatzköpfigen Fettsack zu verabschieden, der sich als sportlich feschen jungen Mann angepriesen hatte, ja, bei genauer Hinsicht entpuppte sich der angebliche Geldsack womöglich als armseliger Vagabund, der es nur auf ein billiges Abenteuer abgesehen hatte.

Jetzt, lieber, lieber Sergiu, verstehst du vielleicht, wie sehr mich Dalias vorzeitiger Tod erschütterte und aus der Bahn warf, denn nachdem sie ermordet worden war, sah ich nur mehr einen einzigen Sinn im Leben: das geliebte Wesen zu rächen und den gehassten Mörder zu stellen, um ihn zu vernichten.

Sollte mir das nicht gelingen, wollte ich meinem sinnlosen Dasein mit einem Strick das Ende bereiten. Ja, gäbe es diesen wunderbaren Menschen da, unseren Freund Giuseppe, nicht, wäre ich schon tot, denn nach Dalias Ende verlor ich auch noch den geliebten Mann. Wäre er nur vorzeitig gestorben, dann hätte Susanna, meine andere Freundin, noch eine Chance gehabt, dem sicheren Tod zu entrinnen.

Mit entsprechender Verspätung erfuhr ich übrigens, dass der Serienmörder, dem Dalia zum Opfer fiel, seine Karriere bereits im Sommer vor fünf Jahren begonnen hatte. Hier mein Bericht dazu.



3. Teil: Nächtliche Mädchenjagd am Strand (im Juli 2015)

Es ist 23.00 Uhr und stockfinster am Strand des Lido. Der großen Tageshitze ist eine Tropennacht gefolgt und immer noch messen wir 30 Grad, was sich aber durch eine leichte Brise vom Meer aus erträglicher gestaltet. Flache Wogen rollen auf den Strand. Am Horizont steigt der Mond empor und lässt den Sand des berühmten Gestades seltsam flimmern.

Die Badegäste haben sich längst verzogen und das Areal der Natur überlassen; Stille, nichts als Stille über allen Dünen; nur das Schnarren der Heupferdchen und das Geigen der Grillen aus dem angrenzenden grünen Gürtel untermalen die Einsamkeit der Küste, denn wir befinden uns weit im Süden des Lido, in der Via Kirchmayr.

Sie findet sich neben einem Park voller Bäume und Sträucher im ruhigen Viertel der ‚Chiesa Parrocchiale S. Ignazio‘, fernab vom Treiben des majestätisch aufragenden ‚Grand Hotel Excelsior‘, dessen grell erleuchtete Fassade sich in einer Entfernung von über einem Kilometer Metern im Norden abzeichnet.

Heute aber scheint das stille Gebiet zum Leben erwacht zu sein, denn die Musik einer Combo schwingt wellenförmig abebbend über Land und Meer, untermalt von dumpfem Wummern der Trommeln und schepperndem Blech der Becken. Sie geht von einem großen Haus mit zentraler Kuppel aus, das hinter dem Streifen voller Büsche und Bäume liegt, der dort den Strand von der Siedlung trennt.

Das Anwesen ist auf der Vorderseite von einer zwei Meter hohen Mauer umrahmt, auf deren Krone Metallspitzen nach oben spießen. Ein automatisch zu öffnendes Tor samt dem einer Videoüberwachung vorstehendem Portier ist der einzige Zugang zum Anwesen.

Zweifellos haben wir es mit der Behausung eines mehrfachen Millionärs zu tun. Seinen Namen zu nennen, halte ich für überflüssig, da er nur hier und an dieser Stelle in meinem Bericht vorkommt und danach nie wieder. Ferner könnte ich mir einen Prozess wegen Missachtung seiner Persönlichkeitsrechte einhandeln.

Damals war er Fünfundvierzig, nicht mehr so schlank wie früher und von schütterem Haarwuchs, eindrucksvoll durch die grauen Schläfen, eben der Geldsack, der da glaubt, sich durch den Besitz einer jungen Frau hervortun zu müssen. Als italienischer Industrieller soll er Beziehungen bis in die Regierungsebene gepflegt haben.

Unweit seines Hauses ragte eine Platane in den Nachthimmel empor, welcher der Mann keine Beachtung geschenkt hatte. Doch jetzt, wo er seine Verlobung zusammen mit dem angeblich 25. Geburtstag der Freundin begeht, hat sich ein junger Spund eingefunden und ist bis in den Wipfel des Baumes geklettert, um der Feier auf seine eigene Weise beizuwohnen.

Vor dem Bauwerk sieht er ein ihm angebautes, zurzeit nur von rötlichen Scheinwerfern angestrahltes Podest, dessen nach vorne ovale Plattform mit Marmor belegt ist und mit seiner geraden Flanke an einer doppelflügeligen Tür endet. Diese ist von zwei Säulen, auf denen im Stile des Palladio ein tempelartiger Giebel ruht, eindrucksvoll eingerahmt ist. Noch ist sie geschlossen.

Über fünf bequeme Stufen gelangt man vom Podest in den von bunten Lampions erhellten Garten hinunter, wo auf einem mit knirschendem Marmorkies bestreuten Platz in langer Reihe Tische und Bänke aufgebaut sind, dicht besetzt von Partygästen, die fröhlich schnatternd vor ihren Getränken und Speisen hocken, während eine Band, welche aus zwei Saxophonen, einer Trompete, einem Kontrabass, einem elektrischen Klavier, sowie einem Tausendsassa von Schlagzeuger besteht, für lärmende Unterhaltung sorgt.

Der Hausherr hat die Musiker an den linken Rand der oben beschriebenen marmornen Terrasse verbannt, von wo aus sie die Gegend beben machen, während noch dunkel auf dem rechten Flügel dieser seltsamen Bühne eine breite Videoleinwand prangt.

Auf ein unserem Voyeur unbekanntes Zeichen hin flammen nun grell die Scheinwerfer auf, während die Combo einen Ohren zerfetzenden Tusch von sich gibt. In diesem Augenblick öffnen sich die ehernen Türflügel so heftig, dass sie metallisch dröhnend links und rechts an die Bossenquader der Fassade schlagen.

Heraus tritt ein Paar, der oben beschriebene Mann und seine neueste Gespielin namens Rebecca Simone, ihres Zeichens Mitglied das Ballettes an unserem Opernhaus La Fenice, wenn auch nicht die Primaballerina. Ihr Liebhaber ist bereits zum dritten Mal geschieden und hat es eilig, wieder ans Weib zu kommen.

Jetzt treten sie ins Licht der Scheinwerfer. Er marschiert rechts, sie links aus der Sicht der von unten hinauf staunenden Gäste. Im Blickwinkel der beiden hübsch Hässlichen dort oben schreiten sie freilich genau umgekehrt einher und folgen minutiös den strengen Vorschriften des Freiherrn von Knigge.

Mit ihren satten 1,80 Metern Körperlänge überragt Rebecca den Bräutigam um ungefähr 15 Zentimeter. Er ist klein und pummelig, sie kurvenreich empor geschossen, im Grunde ein drolliger Anblick, der unseren Mann im Baum an die inzwischen fast vergessene, einst aber berühmte italienische Schauspielerin Sofia Loren samt Carlo Ponti, ihrem angetrautem Männchen, erinnert.

Leise, leise muss er darüber kichern. Die Gäste hingegen, tief unter ihm an den langen Tischen hockend, beherrschen sich. Keiner lacht, schon gar nicht über den Silikoneuter der Braut. Schließlich will man ja wieder eingeladen werden, denn der Koch des Hauses sucht Seinesgleichen und ist weit und breit für seine Kunst berühmt.

Der Chef trägt ein ihm an den Leib geschneiderten Smoking und hat die Plattfüße in Lackschuhe gezwängt, was seinem Gang nicht unbedingt förderlich ist. Die Angebetete aber steckt in einem tief dekolletierten Glitzerding von Partyfummel (der künftige Besitzer hatte ihr natürlich eine Brustvergrößerung bezahlt), der eher an einen Badeanzug denn ein Kleid gemahnt und nur mit Mühe und Not über die ausufernden Schwellungen des Allerwertesten hinunter reicht, um die vor Muskeln berstenden Schenkel in voller Länge frei zu lassen; ein sportlich gestähltes Biest also, welches sich andererseits die weiblichen Polster nicht weggehungert sondern aufgepolstert hat.

Die Füße der schwer mit Schmuck beladenen Dame stecken in flachen Sandaletten aus grünem Wildleder, deren je zwei Verschnürungen sich wie Schlangen bis in die Kniekehlen empor schlingen, wo sie in einem Knoten enden. Auf Stöckelschuhe verzichtet sie, um den künftigen Gatten nicht um weitere Zentimeter zu überragen. Das auffällig hellgelb blondierte Haar rund um die grell bunt angemalte Visage hat sie zum Knoten hochgebunden, der von einem Band zusammengehalten wird, auf dem die Steinchen nur so flimmern und blinken. Naturgemäß hat sie sämtliche zehn Nägel knallrot lackiert.

Diese eher lächerlich daher kommende Frau wirkte trotz aller Gegenmaßnahmen wie Mitte Dreißig und war dem weit verbreiteten Wahn verfallen, dass sie umso schöner sei, je mehr Farbe sie aufgetragen, je mehr Schmuck sie sich zugemutet hätte. Zu ihrer Entschuldigung können wir anmerken, dass ihr Äußeres so nicht ohne den Willen ihres Gönners hätte zustande kommen können.

Unser junger Mann im Baum jedenfalls schüttelt zweimal angewidert den Kopf. Er kennt das ‚Mädchen‘ von früher und will sehen, was aus ihr wird. Obwohl oder gerade weil sie einmal ein Pärchen waren, hat sie ihn nicht zum Geburtstag, nicht zur Verlobung eingeladen. Ob er ihr das verzeihen kann? Schließlich hat sie ihn (und etliche andere) sitzen lassen, um sich dem reichen Knacker hinzugeben.

Jetzt jedenfalls zieht er ein Opernglas aus der Hosentasche (er trägt dunkelgraue Bermudas und ein schwarzes baumwollenes T-Shirt, was beides gut zu seiner Haarfarbe passt), um den Dingen, welche da unvermeidlich kommen werden, besser folgen zu können, denn ein zweiter Tusch unterbricht, Ruhe heischend, die ‚bewundernden‘ Aufschreie der Männer da unten im ‚Zuschauerraum‘, während das verstohlene Zähneknirschen der Damen weniger laut zu hören war.

Sofort tritt erwartungsfrohe Stille ein, und der stolzgeschwellte Bräutigam watschelt vor den Galgen eines vorsorglich aufgebauten Mikrophons, um, ohne schreien zu müssen, seine Ansprache zu halten, die grübchenreiche rechte Pranke fest um die eher knochige Linke der Mondänen geschlungen, die sich da alle Mühe gibt, kleiner zu erscheinen als sie ist. Nun räuspert er sich und erhebt die Stimme.

»Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde! Hier und heute begehen wir den großen Tag meiner künftigen Gemahlin. So lasset uns denn die Gläser erheben und ihr zum glücklich bewältigten Vierteljahrhundert den Geburtstags-Song widmen!«

Die Band spielte einen Tusch, um dann die alte Melodie anzureißen, in die nun die gesamte Meute der rund vierzig Gäste einstimmte:

»Happy birthday to you, happy birthday to you …«

Als man das hinter sich gebracht und die Sektkelche bis auf den letzten Tropfen geleert hat, intoniert die Combo das zweite Lied, und allesamt stimmten freudig in die Melodie ein:

»Hoch soll sie leben, hoch soll sie leben, dreimal hoch!«

Als die Stimmen verklungen und die Gläser erneut geleert sind, lässt die Band schon wieder ihren misstönenden Tusch erklingen. Der Boss, der seine Flamme mittlerweile nach allen Regeln der Kunst abgeknutscht hat, tritt wieder vors Mikrophon, räuspert sich und bemüht sich (vergebens) um einen feierlichen Ton.

»Liebe Gäste, wir haben Sie freilich noch aufgrund eines ebenso freudigen Anlasses hierher geladen.«

Jetzt leuchtet der Bildschirm hell auf, und vor blauem Hintergrund drehen sich gemächlich zwei ins Riesige vergrößerte Ringe. Der eine ist von schlichter Natur, der andere mit Brillanten besetzt.

»Liebe Freunde, das hier sind die Verlobungsringe, welche wir uns jetzt anstecken werden, pures Platin übrigens und echte Diamanten.«

Dreifacher Tusch; er zieht sie an seine Seite und sagt: »Über alles geliebtes Mädchen, willst du mir die Ehe versprechen?«

»Ja, mein Schatz!«

»So empfange diesen Ring als Zeichen meiner Liebe und Treue!«

Beim Wort ‚Treue‘ lacht der Mann oben in der Platane so laut, dass zu befürchten ist, man könnte ihn hören, aber der Jubel übertönt seine Einwände gegen solch edle Worte, denn soeben steckt der künftige Ehemann seiner künftigen Gattin den Verlobungsring an den Finger, worauf sie das Wort nimmt und süßlich lispelt: »Mein geliebter Mann, schwörst du mir, mich in Kürze zu deiner Frau zu machen?«

Wieder schüttelt sich der Mann im Baum vor unterdrücktem Gelächter und murmelt dann: »Das Schwein hat sie doch schon längst zu seiner Frau gemacht.«

Dazwischen fetzt einmal mehr, unangenehm röhrend, der Tusch. Mit erhobener Stimme kräht der Bräutigam: »Ich schwöre es.«

Unter aufbrandendem Jubel steckt sie ihm den schlichten Ring an den linken Ringfinger, ganz nach Vorschrift. Dann fallen sie einander um den Hals und tauschen den unvermeidlichen Verlobungskuss aus, während der Butler ans verwaiste Mikrophon eilt, um zu rufen: »So lasst uns denn die Gläser erheben und auf das Wohl unseres bezaubernden Paares anstoßen!«

Die ganze Meute der Berufsgäste steht auf, die frisch gefüllten Sektkelche in der rechten Hand schwingend; der Butler schreit: »Auf unser junges Paar ein dreifaches …«

Die Schar der Gäste brüllt: »Hipp-hipp-hurra; hipp-hipp-hurra; hipp-hipp-hurra!«

Der Butler hebt das Glas und kommandiert: »Auf Ex!«

Der frisch gebackene Verlobte fuchtelt theatralisch mit seinem Glas in der Luft herum und kreischt dazu: »Prost Gemeinde! Der Pastor trinkt mit.«

Während die Band nun den Triumphmarsch aus Verdis Aida misshandelt, stößt man an und säuft und säuft und säuft, bis sich der unferne Beobachter wie in Krämpfen schüttelt. Eines allerdings ist ihm nicht verborgen geblieben:

Rebecca lässt sich grundsätzlich nur gelben Orangensaft in ihre am Rand vergoldete Trinkschale aus geschliffenem Kristallglas eintrichtern, seltsam, aber höchst bemerkenswert. Unserem Voyeur scheint dies nämlich zu behagen, denn er lässt ein hoffnungsfrohes Grunzen ertönen, das im unartikulierten Geschrei der allmählich immer stärker beschwipsten rohen Rotte untergeht, bis sich ein Sprechchor bildet und man schließlich unisono brüllt, was die Lungen hergeben: »Tanzen – tanzen – tanzen!«

»Oh, du lieber Gott«, flüstert der Baumkamerad, »wenn dieses Theater nur nicht vorher einstudiert ist! Sie wissen also, dass Rebecca beim Opernballett der La Fenice angestellt ist, und jetzt soll sie etwas Bestimmtes vorführen, weil ihr Chef das so will, da er jedermann zeigen möchte, welch eine Schönheit er sich da gekauft hat.«

Während die Verlobte eilig im Inneren des Hauses verschwindet, tritt der Gastgeber ans Mikrophon. Das Geschrei ebbt ab.

»Welchen Tanz wollt ihr sehen?«, fragt er verlogen, obwohl die Antwort von vornherein feststeht.

Vom Butler dirigiert schreit die ganze Schar: »Salome – Salome – Salome!«

Der Hausherr nickt jovial, nimmt als neuer ‚Herodes‘ auf einem hereingebrachten goldenen Thron Platz und gibt der Band mit lässiger Handbewegung ein Zeichen.

Auf der Stelle beginnen die Musiker damit, Richard Strauß zu verhöhnen, während die Braut barfuß, als ‚Salome‘ verkleidet, verhüllt in die unvermeidlichen sieben Seidentücher, hereintänzelt, um im Spot der Scheinwerfer den ‚Tanz der sieben Schleier‘ aufzuführen.

Mit dieser Nummer hatte sie nämlich im ‚Teatro La Fenice‘ sogar die ältesten Knacker vom Hocker gerissen, auch wenn die Regie dafür gesorgt hatte, dass in eben dem Moment, in welchem der letzte Schleier fällt, die Scheinwerfer abgeschaltet wurden.

Wie lange dürfen sie wohl diesmal leuchten?, fragte sich der Mann auf dem Baum, dem jetzt klar wurde, wie unsterblich er noch vor Kurzem in sie verliebt gewesen war, selbst wenn sie ihm um Jahre voraus eilte und die einstige Pracht vor sich hin welkte. Warum auch lag sie in ihrer Freizeit stets am Strand und röstete sich?

Aufgepeitscht vom Wummern des Drummers legt Rebecca nun ein Solo aufs Parkett, das sich gewaschen hat. In immer wilderen Drehungen und Sprüngen lässt sie eine Hülle nach der anderen fallen, bis ihr nur noch das letzte Tuch um den Körper flattert.

Während zittrig das Licht erlischt, rieselt es allmählich zu Boden, wo es sich im schwindenden Schein wie eine Schlange ringelt. Dann wird es finster auf der Bühne, stockfinster, und die Darstellerin ist gerade noch rechtzeitig verschwunden, während donnernd der Applaus die Gegend erschüttert, untermalt von besoffenen Bravo- und Dakapo-Rufen der partygeilen Blödmänner.

Der Spot richtet sich nun auf das Portal, aus dem heraus die Schauspielerin zum Vorschein kommt, barfuß, wie gehabt. Sie ist im Zustand der Erschöpfung und hat sich ein ärmelloses, im Oberteil geripptes Kleidchen aus weißer Baumwolle über den kochenden Körper gestreift, das ihr auf der Haut klebt und augenblicklich von Schweißflecken übersät ist.

Schon tritt sie an den vorderen Rand der Bühne, um die Ovationen entgegen zu nehmen. Während sie sich artig vor dem Publikum verneigt, kennt der verlogene Jubel keine Grenzen mehr und zwingt sie dazu, noch vielfach aus dem Haus heraus und auf die Bühne zu tänzeln, um sich tief zu verneigen, bis sie schließlich das Podest verlässt, um sich unter die Gäste zu mischen.

Wie von Zauberhand sind die Gläser wieder gefüllt, und die beiden Kellner tragen das Festmahl auf, über das hier nur gesagt sei, dass es vom Feinsten war. Anschließend spielt die Combo zum Tanze auf, und die Braut wird herumgereicht, bis sie mit allen der Herren unterwegs war, bis ein jeder der Möchtegerncasanovas dieser scheinbar Widerstrebenden einen Kuss oder mehrere abgetrotzt hat, und ehe man es sich versehen hat, ist es schon 2.00 Uhr morgens.

Die Musiker packen die Instrumente ein. Das Licht wird gelöscht. Nur ein paar Lampions sorgen dafür, dass die Finsternis nicht undurchdringlich ist. Drei kleinere Busse fahren vor, einen Teil der Gäste zweiter Klasse in die reservierten Hotels zu bringen, während eine erlesene Gruppe in der Villa übernachten darf.

Schon versinkt der Palazzo in tiefem Schweigen. Niemand lässt sich auf dem Schlachtfeld mehr blicken, und unser Freund klettert erwartungsfroh vom Baum herab, denn jetzt könnte seine Chance gekommen sein, sich für die erlittene Schmach zu rächen.

Oft genug nämlich hat er in letzter Zeit aus sicherem Versteck heraus die Angebetete bewundert, wie sie sich dem allmorgendlichen Dauerlauf widmete, vom besagten Palazzo aus drei Kilometer nordwärts, am ‚Excelsior‘ vorbei bis hin in die ‚Zona Comunale‘ des Strandes, kurz vor dem ‚Teatro Marinoni Bene Comune‘.

Zwischen diesem zuletzt genannten Abschnitt des Strandes und der Küstenstraße befinden sich etliche kleinere Häuser. Eines davon befand sich im Eigentum des Mannes, der gerade vom Baum herunter geklettert war. Er hatte es dank einer Erbschaft erworben, um dort hin und wieder das Wochenende zu verbringen, während er sonst in einem anderen Gebäude auf einer anderen Insel Venedigs hauste.

Bis dort hin und zurück joggte Rebecca, seit sie im Palazzo des Millionärs untergekommen war, täglich ohne jede Unterbrechung, mit wehendem Haar, barfuß und im kostbaren Sport-Zweiteiler, den Namen des Herstellers in goldenen Buchstaben eingestickt, im Rücken eine übergroße silberne Schnalle, auf der Brillanten flimmerten.

»Gleich wird sie aufbrechen«, murmelt der junge Mann und kauerte sich hinter den Baumstamm. Er hat sich nicht verrechnet, denn genau um 2.05 Uhr öffnet der Portier das Tor. Sie kommt, wie oben beschrieben, zum Vorschein, trabt durch den Park, überquert die Küstenstraße (Strada Vicinale Malamocco Alberoni), gewinnt den Strand und beginnt ihren Dauerlauf. Als sie die stille Strada Vicinale hinter sich hat, löst sich ein Schatten aus dem Gestrüpp, um ihr unerbittlich zu folgen, zunächst unbemerkt im gleichen Abstand.

Doch je näher sie dem gewohnten Wendepunkt kommt, desto dichter schließt er zu ihr auf. Instinktiv hat sie ihn bemerkt. Sie wendet im Laufen den Kopf und bemerkt ihn am menschenleeren Strand. Ein Adrenalin-Schock rast ihr durch den Körper und sie steigert ihre Geschwindigkeit, um sich in die hoffentlich belebtere Gegend am ‚Teatro Marinoni‘ zu retten. Pfeifend entweicht ihr der Atem, und der Schweiß kocht aus allen Poren hervor, denn die Nacht hat kaum Abkühlung gebracht. Schon schlottern ihr die Knie. Die Kräfte schwinden dahin, und vom Grauen geschüttelt bleibt sie kraftlos stehen.

Die künstlich aufgeblähte Brust hebt und senkt sich nun wie ein Blasebalg. Das Hämmern des Herzens wummert ihr in den Ohren. Eine Ohnmacht bedroht sie. Schreien möchte sie, schreien wie verrückt, aber die Kehle ist wie zugeschnürt. Wer auch könnte hier und jetzt diesen neuen Schrei von Munch vernehmen? Wer ihr zu Hilfe eilen?

So macht sie kehrt, um der Gefahr ins Auge blicken zu können, und schon steht ihr der Mann gegenüber. Schweiß rinnt ihm in kleinen Bächen vom Gesicht über die nackte Brust. Wir haben immer noch an die fünfundzwanzig Grad. Er hat sein T-Shirt zusammengeknüllt und in die Hosentasche gezwängt. Aufatmend sagt Rebecca: »Ach, du bist das.«

»Ja, ich bin das«, erwidert er, »komm in meine Arme und lass dich küssen, meine Zuckerpuppe!«

»Du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank«, zischt sie böse, denn alle Furcht ist von ihr abgefallen, und Respekt hat sie vor ihm keinen.

»Warum willst du diesen alten Knacker heiraten? Komm zu mir zurück! Ich habe eine kleine Erbschaft gemacht und mir ein nettes Häuschen in den Dünen gekauft. Da können wir glücklich werden und heiraten, sobald ich mein Examen bestanden habe, in nur wenigen Tagen. Du bist dann Frau eines Dottore Medico. Ist das nichts?«

Rebecca geht überhaupt nicht darauf ein und sagt mit Augen, die sich vor Wut zu Schlitzen verengt haben: »Warum sollte ich ein so dürftiges Bübchen wie dich heiraten? Wir kennen uns. Du bist vierundzwanzig, ich ab gestern schon Dreißig (sie log; in Wirklichkeit war sie bereits Fünfunddreißig), auch wenn mein Mann es als meinen 25. Geburtstag ausgab. Er ist ein paar Jahre älter als ich und kann mir all das bieten, was ich besonders an deiner Seite vermisst habe. Bei ihm habe ich ausgesorgt.«

»In spätestens fünf Jahren wird er dich zum alten Eisen werfen, wie ich ihn kenne. Bei mir hättest du es besser«, sagte er.

Sie ging gar nicht darauf ein und zischte: »Damit du es weißt, Ottorino: Ich verlange von meinem Partner ein Bisschen mehr, als du es zu bieten vermagst. Ich sah mich schon damals, als wir zusammen gingen, gezwungen, dich nach Strich und Faden zu betrügen, du verklemmter kleiner Junge; und jetzt lass mich in Ruhe! Ich begebe mich auf den Heimweg.«

»Ohne jeden Abschiedskuss?«

»So ist es. Geh mir aus dem Weg! Ich habe es eilig.«

»Ich denke gar nicht dran«, erwidert der junge Spund, den sie ‚Ottorino‘ nannte und schließt sie plötzlich in seine Arme, so fest, wie zwischen Schraubstöcke, Brust auf Brust gepresst. Ihr geht die Luft aus. Sie versucht zu kreischen, bringt aber nur ein Wimmern zustande, während er seine Lippen auf ihre Lippen presst und sich auf diese Weise den ersehnten Kuss erzwingt.

Sie wehrt sich stumm verbissen, öffnet seiner Zunge schließlich dann aber doch den Mund und empfindet es nach wenigen Sekunden sogar als schön, als angenehm, sie zu fühlen, ja, sie schlingt ihm jetzt von sich aus die Arme um den Nacken. Leise stöhnend schiebt sie ihm das rechte Bein zwischen seine gespreizten Schenkel, das Knie immer weiter nach oben schiebend und erwidert durstig seine Küsse.

»Warte nur, Bürschlein«, sagt sie in Gedanken zu ihrem Verlobten, der fett und faul im Bett liegt und schnarcht, »wenn du glaubst, ich könnte dir treu sein, dann bist du auf dem Holzweg, und den niedlichen Jungen da will ich zur Abwechslung mal nebenbei vernaschen.«

»Kommst du zu einem Abschiedsstündchen in meine Hütte? Es sind nur fünfzig Meter von hier«, sagte er in ihre Gedanken hinein.

»Gut; gerne; wenn du willst; aber nur eine Viertelstunde, sonst vermisst man mich noch und sucht nach mir«, sagt sie mit zuckersüßer Stimme und in Gedanken bereits beim Treuebruch, was sie ganz kribbelig werden lässt, um eilig hinzuzufügen: »Auch wenn ich ab nächster Woche verheiratet bin, können wir uns ja ab und zu dort treffen, wenn ich mein Jogging mache. Das wäre nett.«

»Ja, das wäre zu schön, um wahr zu sein, denn ich liebe dich über alles in der Welt«, murmelt der Doktorand verlogen, denn im Innern brodelt ihm der binde Hass, weil er jetzt weiß, dass er für die alternde Mondäne nichts als ein billiges Spielzeug ist.

Dennoch tut er so, als wäre er zufrieden, legt ihr den rechten Arm um die Hüfte, die linke Hand auf ihre linke Schulter. So führt er Rebecca, die ihm, zu allem bereit, den linken Arm über die Schultern wirft und sich an ihn schmiegt, an den auf den Strand gezogenen Ruderkähnen vorüber und dann auf einem mit Gras überwucherten Trampelpfad zu einem Häuschen, zu seiner ‚Sommerresidenz‘.

Es ist ein kleines zweistöckiges Gebäude mit Pyramidendach, das sich da in den Schatten von vier Zypressen duckt und von einer Hecke eingefriedet ist. Auf der dem Meer abgewandten Seite ist sie von einem Tor unterbrochen, durch das er seine ‚Ente‘ auf den inneren Rasen bugsiert und unter einer Pinie abgestellt hat. Vom Tor aus führt ein Schotterweg zur Küstenstraße. Unser Pärchen betritt das Anwesen aber durch eine rückwärtige Pforte und begibt sich ins Haus, dessen Fenster allesamt mit Klappläden geschlossen sind.

»Ich möchte mit dir tanzen, Schatz«, flüstert er ihr ins Ohr, während sie ins Innere gelangen.

»Nanu«, sagt sie, ohne auf seine Worte einzugehen, »das gesamte Erdgeschoss besteht ja nur aus einem einzigen Raum.«

Er schaltet die Beleuchtung ein, und rosarotes Licht überflutet das kahle Zimmer. An der Stirnwand sieht man eine Küchenzeile. Gegenüber befindet sich ein Tisch mit Stühlen. Ansonsten ist alles leer.

»Sicher hast du Durst.«

»Ich bin ganz ausgetrocknet und außerdem … ich muss mal.«

»Obergeschoss, erste Tür rechts, die mit dem Herz drauf. Ich mixe dir inzwischen den Drink.«

»Aber bitte keinen Alkohol!«

»Wie wäre es mit einem ganzen Liter, zwei Drittel Orangensaft, ein Drittel alkoholfreier Sekt?«

»Einverstanden«, flötet sie und eilt über die an der seitlichen Wand angebrachte Innentreppe nach oben, während er sich dem Kühlschrank widmet, um ihr das gewünschte Getränk herzustellen, dem er zwei – drei Tropfen aus einer bestimmten Ampulle beigibt.

Bevor er sich auf einem der beiden Stühle niederlässt, überprüft er die Überwachungskamera, hockt sich dann zufrieden mit einer Flasche Weißbier an den Tisch und wendet seine Augen der steilen Stiege zu, über die das wilde Weib nun so herausfordernd herabschwebt, wie es ihm noch nie im Leben widerfahren ist. Fast ist er so weit, all seine Pläne über Bord zu werfen, aber da hockt sich das Miststück schon ihm gegenüber auf den zweiten Stuhl und leert den ganzen Liter auf einen Zug, so durstig ist sie nach dem Jogging.

»Darf ich die Musik anstellen? Wollen wir tanzen?«

»Ja, aber … nur eine … Nummer, und dann … dann will ich … ich mehr von dir, mein Kleiner«, lallt sie mit schwerer Zunge, denn das Narkotikum, welches der werdende Arzt ihr in den Drink gemischt hat, beginnt bereits damit, seine Wirkung zu entfalten.

»Ich habe deine Lieblingsmelodie ausgesucht«, sagt er freundlich zu ihr, »alt und bewährt, den Mitternachtsblues.«

»Gr-groß-artig«, lallt Rebecca schwerfällig, während die bekannten Klänge ertönen und hängt sich dem Lover an den Hals, der sein Gesicht unter einer Strumpfmaske verbirgt, seit er die Taste der versteckten Kamera betätigt hat.

»War-war-warum die Ma-Maske?«, fragt sie.

»Damit du dir, mein Schatz, jeden beliebigen Mann vorstellen kannst, der jetzt mit dir tanzt. So was liebst du doch.«

»Da-da-dann ist es ja gut«, murmelt sie, nimmt Tanzhaltung ein und lässt sich willenlos von ihm über das Parkett führen, bis die Musik ihr Ende gefunden hat. Jetzt fallen ihr die Arme herunter, und sie verwandelt sich in eine Schlenkerpuppe.

»Ich bringe dich zurück zum Strand«, sagt er, »wir wollen ein erfrischendes Bad nehmen. Das weckt die Lebensgeister.«

»Da-das ist gu-gut«, sagt sie, »aber ich habe keine Kra-Kraft mehr. Du mu-musst mir helfen.«

»Das tue ich doch gerne«, erwidert er und führt sie zum Strand. Dort hebt er die Benommene mühelos empor. Den leicht angewinkelten linken Arm führt er unter den Kniekehlen, den rechten unter ihren Achselhöhlen hindurch. So trägt er das stöhnende und ächzende Weib die letzten Meter bis zum Wasser und dann durch die herauf zischenden Brecher, bis er nabeltief im Schaum der Brandung steht.

Einen Augenblick noch verharrt er auf der Stelle und blickt ihr in die glasigen Augen, die ihn im schwindenden Licht des Mondes aus dem in den Nacken gefallenen Kopf panikartig geweitet ansehen, küsst sie auf den halb geöffneten Mund, um sich seinen Kuss mit ihrem letzten Kuss erwidern zu lassen.

Dann senkt er sie sanft hinunter ins ewig zischende Auf und Ab des Meeres, ihren Scheitel der Küste, die Füße der Weite der Adria entgegen gestreckt, und lässt die etwa dreißig Zentimeter hohen, sich rauschend brechenden Wogen gegen ihr Gesicht schlagen, welche ihr nun vom Kinn aus über Mund, Nase und Stirn rollen. Unwillkürlich atmet sie ein und schnappt nach Luft. Dabei braust das Wasser in ihre Lungen hinein. In Nu verliert sie das Bewusstsein.

Schon treibt sie unter der Wasseroberfläche vor ihm, schlaff wie aus Gallertmasse geformt. Ihr Leib wird von den sich über sie wälzenden Wogen in schlangenhafte Bewegungen versetzt, während das aufgelöste Haar auseinander fließt wie ein Heiligenschein.

Verzückt betrachtet der Mann dieses Schauspiel eine winzige Unendlichkeit lang. Schließlich bringt er aber eine Nagelschere zum Vorschein und schneidet ihr eine der Locken ab, um sie in der linken Hosentasche zu verstauen.

Dann wälzt er die Leiche auf den Bauch und öffnet über ihrem Rücken die aus Silber geschmiedete Schnalle des Oberteils sowie die hinter dem Nacken gebundenen Träger des Sport-Dresses, in dem die Ballerina ihr letztes Jogging hinter sich gebracht hat, zieht es vorsichtig unter ihr hindurch, lässt es lächelnd in der rechten Hosentasche verschwinden und schiebt die Leiche, Kopf voran, ins Meer hinaus, wo sie von einer Strömung ergriffen wird und in den weichen Wellen des Wassers davongleitet.

Noch ein letzter Blick zurück, und schon stapft er, im Schein des untergehenden Mondes einen langen Schatten werfend, über den einsamen Strand zu seiner im Finsteren liegenden Sommerresidenz zurück, um das erbeutete Textil in die Waschmaschine zu stecken, wo es alsbald klimpernd seine Runden dreht.

In der Zwischenzeit lässt er es sich nicht nehmen, das frisch gedrehte Video zu genießen, und das gleich dreimal hintereinander: Es ist zu seiner vollen Zufriedenheit gelungen. Als er sich daran satt gesehen hat, wäscht er das blondierte Haarbüschel mit einem entsprechenden Shampoo und trocknet es mit dem Föhn.

Nachdem er dies vollbracht hat, ist das besagte Luxusoberteil gewaschen und getrocknet. Er streift nun Handschuhe über, lupft das makabre Andenken mit einer Pinzette aus der Trommel und verstaut es in einem Glas, das er sorgsam schließt. Anschließend bugsiert er es samt dem auf CD gebrannten Video in einen weiß beklebten Karton (würfelförmig; 30 cm Kantenlänge), gibt das Haar dazu, das er mit einem schwarzen Samtband zusammengeschnürt hat und schreibt mit Großbuchstaben den Namen der Hingemordeten darauf.

Dann verlässt er das Haus (Bermudas und T-Shirt sind dank der immer noch anhaltenden Wärme längst getrocknet), schließt die Tür ab und öffnet das große Tor nach draußen, geht zu seiner rostigen ‚Ente‘, startet den Motor erfolgreich, fährt die Blechkiste auf den Schotterweg und sorgt dafür, dass das Schiebetor verriegelt ist, um sich aufseufzend wieder ans Steuer zu setzen.

Es ist kurz vor 5.00 Uhr. Er wird zur Anlegestelle Santa Maria Elisabetta fahren, um den ersten Vaporetto zu erwischen, denn der junge Arzt hat in seinem ‚Ospedale‘ Frühschicht. Während er durch die stillen Straßen fährt, geht sein Blick an den Himmel und er stöhnt: »Ich danke euch, ihr Götter, für eure Gunst.«

Riesige Wolkentürme, aus denen erste Blitze züngeln, versperren nämlich dem Morgengrauen den Weg. Nach der schwülen Luft des vergangenen Tages ist das Gewitter unvermeidlich.

Gerade noch gelingt es ihm, mit seiner Rostlaube zur Anlegestelle zu brettern und den Vaporetto zu erklimmen, da legen die Elemente schon mit Getöse los und setzen den Lido unter Wasser.

Alles, aber auch alles spielte ihm in die Hände, denn als die aufbrausenden Wellen im Laufe des Nachmittags eine Frauenleiche an Land schleuderten, ganz im stillen Norden der Insel, in der Nähe des Kleinflugplatzes, fand sich kein einziger Passant, der sich bei diesen Unbilden der Natur hierher verirrt hätte.

Erst am nächsten Tag, als sich strahlend am wolkenlosen Himmel die Sonne wieder blicken ließ, entdeckten ein paar Frühaufsteher unter den Joggern die unter Algen und Tang verborgen liegende Leiche und tätigten auf ihrem Mobilphon den üblichen Notruf 112.

Wenig später waren die Carabinieri zur Stelle und sperrte die Umgebung des Fundortes mit rotweiß gestreiften Bändern ab, um sich an die Spurensicherung zu machen. Als sie abgeschlossen war, ging man die Liste der Vermissten durch und zitierte den Millionär, der sich vor zwei Tagen mit einer seitdem abgängigen Dame verlobt hatte, herbei, um die Tote identifizieren zu lassen. Erschüttert sagte er, es handele sich um Rebecca Simone, seine Verlobte. Der zuständige Commissario di Fusco bestellte ihn darauf zur Aussage auf sein Büro und ließ die Leiche zur Obduktion in Paduas Universitäts-Klinik überführen.

Das Ergebnis aller Untersuchung war mager, und die Staatsanwaltschaft kam zu folgendem Schluss: Die sportliche Fünfunddreißigjährige war kurz nach 2.00 Uhr morgens, als die Verlobungsfeier vorüber war und die Gäste abgereist oder im Hause selbst zu Bette gegangen waren, zu einem bei ihr nicht unüblichen Jogging von ca. 10 Kilometern aufgebrochen, obwohl die immer noch herrschenden 25 Grad samt großer Schwüle gegen ein solches Unterfangen sprachen.

Soweit, so gut, war alles fein säuberlich belegt. Dann aber machte der Tenente einen Fehler, indem er den Fundort mit dem Todes-Ort der Frau gleichsetzte. So kam er zu folgendem Trugschluss:

Nachdem sie nach durchzechter Nacht die erste Hälfte der üblichen Strecke zurückgelegt und dank der drückenden Schwüle schlapp gemacht habe, dürfte sie das kneifende Oberteil abgestreift und sich ins erfrischende Nass gestürzt haben. Dass solch eine Unvernunft mit einem Schwächeanfall geahndet zu werden pflege, lernten schon die Kindergartenkinder. Infolge dessen sei sie ertrunken.

Fremdwirkung könne mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, da die Leiche keinerlei Spuren von Gewalt aufweise. Sie sei auch kein Opfer einer Vergewaltigung gewesen, und es fänden sich keinerlei fremde Genspuren an ihrem Körper.

Dass dies dem langen Treiben im Salzwasser zu verdanken war, vergaß Commissario di Fusco zu bedenken. Der Mörder hatte gut daran getan, die Hilflose nicht zu missbrauchen.

Da man Spuren einer Droge im Gewebe der Umgekommenen nachweisen konnte, befragte der Commissario den Herrn des Palastes, ob man anlässlich der Feier dergleichen zu sich genommen habe, aber sowohl der Gastgeber als auch befragte Gäste wiesen das zurück. So blieb ein Restverdacht auf ein Verbrechen, aber ein so winziger, dass er bald übersehen und vergessen wurde.

Der Staatsanwalt, der nichts von der Kunst des Balletts hielt, da er einer streng religiösen Gruppe angehörte, meinte, dieser Tänzerin da, welche ihren kaum bedeckten Körper regelmäßig zur Schau gestellt habe, sei bekannt gewesen, wie und wo man sich mit diesen verbotenen Essenzen versorgen könne. So blieb das Geheimnis der Drogen ein Geheimnis. Die Sache mit dem verschwundenen Textil hingegen konnte der Inspektor plausibel erklären, nachdem der ‚verwitwete‘ Krösus ihm sein Aussehen beschrieben hatte.

Die frischen Fußspuren im von der Flut glatt polierten Sand bewiesen, dass schon kurz vor dem Jogger, der den Notruf abgesetzt hatte, andere Leute am Fundort vorübergetrabt seien. Einer von ihnen war dann kaltblütig genug, sich das herrenlos in der Nähe liegende Teil mit der silbernen Schnalle anzueignen, falls es nicht von den Fluten ins Meer hinaus gerissen worden sei.

Da Taucher unter Wasser nichts entdeckten (naturgemäß dachte man dabei ans Gewicht der Schnalle), lancierte er eine Anzeige in die Presse, in der er um Rückgabe des Beweisstücks bat, notfalls anonym, per Post. Der wirkliche Täter aber lachte sich eins ins Fäustchen, als ihm diese Annonce zu Gesichte kam, ja, er lachte schallend, nachdem er das Schwafeln des überschlauen Tenente di Fusco in der Glotze vernommen hatte und lehnte sich beruhigt im Sessel zurück, denn der viel zu frühe Tod der Tänzerin war ganz offiziell zum ‚Unfall mit Todesfolge, ohne Fremdeinwirken‘ erklärt worden.

Die verblichene Blume durfte jetzt beigesetzt werden. All ihre betrübten Kolleginnen waren dabei. Auch einige Männer hatten triftigen Grund zur Trauer. Der Priester hielt eine rührende Ansprache. Die Tränen flossen in Strömen. Der einsame Bräutigam war untröstlich.


Dies, lieber Sergiu, geschah in der Hitze des Juli 2015 und war der erste Fall einer aufsehenerregenden Serie. Schreiten wir also ins Jahr 2020 voran! Zunächst möchte ich über einen zwielichtigen Herrn berichten, der ein bemerkenswertes Doppelleben führte.



4. Teil: Der Mann mit den zwei Leben

Dr. Levi Liebermann war Italiener mit jüdischen Wurzeln, wohnhaft in der Cannaregio (500-800 m nordöstlich des Bahnhofs), im Calle dei Perlieri, also im einstigen Getto der Stadt.

Es liegt nördlich des Canal Grande und beherbergt ganz in der Nähe von Levis Wohnstätte den ‚Tempio Israelitico‘ (eine der fünf Synagogen Venedigs), ‚Museo Ebraico‘ (hebräisches Museum) und die ‚Sinagoga Scuola Levantina‘. Liebermann war so fromm wie ein Protestant, der aus Tradition an Weihnachten und sonst nie in die Kirche geht, ohne die formale Bindung ans Judentum aufzugeben.

Zu Beginn des Dramas, von dem ich hier berichte, stand er vor dem Spiegel und hielt Musterung seines Äußeren. Nach kurzem Nachdenken gelangte er zum Schluss, alles an ihm sei perfekt. Er war ein mehr als teuer gekleideter Mann und kaufte beim ersten Herrenausstatter Venedigs.

Kaum über Dreißig, war er jung genug, nicht ans zahnlose Greisenalter zu denken, aber bereits alt genug zu wissen, dass die verbliebenen Jahre der Jugend eilig auszukosten waren. Jetzt bleckte er die Zähne und bewunderte sich selber auf affige Weise, denn er war in den höheren Kreisen Venedigs und Umgebung als Anlage- und Unternehmensberater der High Society beliebt und gesucht.

Davon freilich, dass er es verstand, ein Doppelleben zu inszenieren, ja, dass er sich draußen auf der Insel Lido oben im Dachgeschoss eines älteren Hauses unter dem Namen ‚Angelo Nuovo‘ ein künstlerisches Atelier eingerichtet hatte, wusste nicht einmal seine Frau, denn er war als Makler ständig unterwegs. So verstand er es, unbemerkt seiner Künstlernatur zu frönen. Dazu trug auch noch bei, dass er sich in seinem Büro, welches sich einem Hochhaus zu Mestre befand, meisterhaft in einen Bohemien zu verwandeln verstand.

In der Tiefgarage, neben seiner Luxuskarosse, hatte er eine betagte Ente (alias 2 CV) geparkt, mit der er zum Bahnhof Mestre knatterte, um von dort aus den Zug nach Venedig und den Vaporetto hinüber zum Lido zu nehmen.

Wenn er auf dem Umweg über das Büro von einer dieser ‚Dienstreisen‘ in sein trautes Heim in der Cannaregio zurückkehrte, spielte er den Ehemann und Vater so gekonnt, dass niemand Verdacht schöpfte. Er war eben ein Künstler, der es neben gewissen Erfolgen in der Malerei auch als Schauspieler zu etwas gebracht hätte.

Ach ja, sein Haus und Heim! Was soll ich zu dieser prächtigen Villa mit der unscheinbaren Fassade sagen? Manche nennen solch ein Anwesen ‚schickimicki‘. Ich selbst finde den Ausdruck dämlich und würde seine Hütte als verkappte Angeber-Bude bezeichnen.

Da der Dottore seine ehelichen Pflichten ernst genommen hatte, tollten dort zwei Jungen und zwei Mädchen herum und verwüsteten die Hütte vom Keller bis ins Dachgeschoss. Zum Glück konnte sich die Familie einen Butler, eine Köchin und ein Kindermädchen leisten, denn sonst wäre seine Ehefrau bald mit ihren Nerven und ihrem Latein am Ende gewesen.

Während diese seine Ester von goldenen Zeiten träumte, als sie mit Achtzehn den zweiten oder dritten Platz bei der Wahl zur ‚Miss San Marco‘ errungen hatte, war sie nun, mit 40 Jahren auf dem Buckel, fett und lahm geworden. Niemand konnte sich noch vorstellen, dass sie einst die hundert Meter in elfeinhalb Sekunden gerannt und fast sechs Meter weit gesprungen war. Wenn sie seinerzeit aus der Sportlerkluft herausgestiegen war, schlüpfte sie in die flottesten Kleider, die Italiens Boutiquen hergaben.

Ja, aus der Sportskanone und Modepuppe hatte Ester sich in eine rechte Hausschlampe verwandelt, die nur noch in ausgebeulten Jeans und Baumwollkitteln herum läuft, und das war unerträglich für einen modebewussten Mann wie Levi. Kein Wunder also, dass er, wenn er auf Reisen ging, Esters Begleitung als störend empfand und sich immer häufiger fragte, wie er diesen abgewirtschafteten venezianischen Hausdrachen habe heiraten können.

»Ich will nur noch fort von hier«, sagte er sich selber, während er in den Spiegel schaute, doch da holten ihn die väterlichen Pflichten ein, denn der ältere Sohn störte die Welt seiner Gedanken, riss die Badezimmertür auf und meckerte und maulte, weil der Papi entgegen allen Versprechungen am vergangenen Wochenende keinen Fußball mit ihm gespielt habe.

Bevor Levi noch darauf antworten konnte, wollte sich klein David schon außer Hause begeben, um eben noch den Vaporetto zur Schule zu kriegen. Leise fluchend, weil er vergessen hatte, sich einzuschließen, verließ Levi nun das heimliche Gemach und rief dem enteilenden Sprössling hinterher, er verspreche ihm, die Balltreterei am nächsten Wochenende nachzuholen. Dabei wäre er beinahe über eine verschissene Windel gestolpert, die seine Jüngste beim Herumtoben verloren hatte, nachdem sie das feucht-braune Ding noch eine Weile hinter sich her geschleift hatte, samt gewissen Spuren auf dem kostbaren Teppich.

Als sich das Mädchen auch noch plärrend an sein linkes Hosenbein klammerte, brüllte er, Ester solle ihn vor Linas Zudringlichkeit beschützen und seine Beinkleider retten, während David wie der geölte Blitz vors Haus rannte. Doch bereits wenige Sekunden später schlich er hängenden Kopfes zurück und schleuderte die Haustür mit größter Wucht ins Schloss, denn der verdammte Vaporetto war ohne ihn davon gebrummt.

»Verfluchter Scheißkerl, der Capitano«, wütete er.

»Reiß dich zusammen! So was sagt man nicht«, maulte Mama Ester, »und glaube mal bloß nicht, dass deine Schule heute ausfällt. Katarina wird dich mit dem Wassertaxi hinbringen.«

(Mit Katarina ist natürlich das Hausmädchen, die Perle, der Familie Liebermann genannt, eine vollschlanke Mittvierzigerin übrigens.)

»Meine Nerven schleifen auf der Erde«, murmelte Levi so leise, dass es die Gattin nicht hörte und konnte kaum begreifen, dass er einst das höchste Glück auf Erden im Gründen einer Familie gesehen hatte. Für eine Künstlernatur wie die seine schien jetzt das ganze Leben verpfuscht zu sein. Indem er die Beherrschung verlor, was selten vorkam, brüllte er in Richtung seiner Frau Gemahlin:

»Lieber arm wie eine Synagogen-Maus in der Studentenbude hocken, als diesen goldenen Käfig bewohnen, den mir die Heirat mit dir, dieser gottverdammten Millionärstochter, eingebrockt hat. Nur ein absoluter Blödmann wie ich heiratet schon mit Dreiundzwanzig.

Aber dieses Weib da, das damals so verlockend aussah, hat mich kirre gekriegt. Es war eine gottverfluchte Scheiß-Heirat, und unser David ist jetzt schon Zwölf. Er ist ja ein netter Kerl, gewiss, und die drei anderen auch, aber ich bin das Gegenteil des liebenden Vaters. Meine Natur ist die des Bohemiens. Ich will nicht mehr und ich kann nicht mehr. Kein Hund möchte länger so leben, sagt Goethe dazu. Ich haue ab. Ich mache mich unsichtbar.«

Unter solchen und noch schlimmeren Flüchen ließ er Ester einfach stehen. Es hatte ihr die Sprache verschlagen, dass er es wagte, so heftig zu argumentieren. Er stürmte die Treppe hinunter, aus echtem Carrara-Marmor natürlich, rannte wie verrückt zur nächsten Anlegestelle, sprang ins erstbeste Wassertaxi und ließ sich zum Bahnhof fahren, denn das Abenteuer, welches ihm bevorstand, ließ allmählich eine prickelnde Vorfreude in ihm aufkeimen.

Endlich drüben in Mestre in seinem sterilen Büro angelangt, kleidete er sich rasch um und nahm in löchrigen Jeans und einem verwaschenen Hemd den Aufzug hinunter zur Tiefgarage, die Füße in alten Turnschuhen, setzte sich eine Schirmmütze auf den Schädel und eine dicke Sonnenbrille auf die Nase, um schließlich endlich das nach Benzin und Abgasen stinkende Mestre mit einen Jubelschrei zu verlassen: Hurra, ein freier Mensch!



5. Teil: Ab Donnerstag, der 2. Juli 2020

Susanna ‚Susie‘ Rabinto ist meine Freundin; ein Püppchen mit besonders langem, neuerdings schwarz gefärbtem Haar (ins Dunkelblond hatten sich zu ihrem Entsetzen erste Silberfäden verirrt), welches sie in letzter Zeit gerne in Zöpfen vereinigte, die sie oberhalb der Quaste mit einem knallroten Samtband umschloss. Sie hat ein fein geschnittenes Gesicht mit schmaler Nase und dunklen Augen unter sanft gerundeten Augenbrauen.

Eine Figur hatte das leicht orientalisch wirkende Ding, um die sie manche Frauen hätten beneiden können; schlank wie eine Tanne, aber dennoch mit zumindest ein wenig angedeuteten weiblichen Rundungen; lange makellose, gründlich enthaarte Beine (die Knie allerdings zu kräftig ...

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