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Krimi Doppelband 60

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Inhaltsverzeichnis

  • Krimi Doppelband 60
  • Copyright
  • Tardelli und die ehrenwerte Gesellschaft
  • Böser Bruder

Krimi Doppelband 60

Alfred Bekker, Cedric Balmore

Dieser Band enthält folgende Krimis:


Cedric Balmore: Tardelli und die ehrenwerte Gesellschaft

Alfred Bekker: Böser Bruder




Die Tochter eines Gangster-Bosses kommt bei dem Aufnahmeritual einer Satanistensekte ums Leben. Ihre Leiche wird auf einer Müllkippe gefunden und Auslöser eines Strudels der Gewalt. Die Sektenmitglieder stehen jetzt auf der Todesliste des Syndikats.

Doch je länger die Ermittler sich mit dem Fall befassen, desto deutlicher wird, dass hinter den Ereignissen ein perfider Plan steht...


Tardelli und die ehrenwerte Gesellschaft

von Cedric Balmore


Ein Roberto Tardelli Thriller



Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.


Cindy Bell, ein Fotomodell und Playgirl, hat brisante Informationen über die Ehrenwerte Gesellschaft von Chicago. Diese will sie an Roberto Tardelli weitergeben, der für COUNTER CRIME, eine geheime US-Regierungsorganisation, arbeitet. Doch bevor der Mafiajäger mit dem Girl in Kontakt treten kann, wird es vor seinen Augen ermordet.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Die Hauptpersonen des Romans:

Cindy Bell — Sie musste sterben, weil sie gefährliche Informationen weitergeben wollte.

Herb Greene — Ein Mann, der vor keinem noch so makabren Geschäft zurückschreckt, wenn es ihm etwas einbringt.

Archie Wingate — Er muss einsehen, dass Mord und Erpressung keine Reichtümer, sondern nur Gefängnis einbringen.

Louis Black — Ein Killer, dem es gleichgültig ist, warum sein Opfer sterben muss.

Roberto Tardelli — Ein Mann, der allein gegen die Mafia kämpft und ihr wieder einmal einen entscheidenden Schlag versetzen kann.



1

Rufus Maretti trug das abgestoßene Trompetenfutteral unter seinem Arm. Ein verdrossen aussehender Bühnenarbeiter musterte ihn verächtlich. Es war zu erkennen, dass er nicht viel von weißen Musikern hielt, schon gar nicht von denen, die hier im 'Plaza' auftraten. Aber der Bühnenarbeiter irrte sich. Maretti machte seine Musik nicht mit einer Trompete, sondern mit den tödlichen Akkorden seines Gewehrs.

Rufus Maretti stieg über einige am Boden liegende Bühnendekorationsstücke hinweg. Er sah am vorderen Bühnenrand die Mitglieder des Orchesters, acht Männer in roten Fräcken. Der Bassist stimmte sein Instrument, seine Kollegen standen in einer Gruppe beisammen und lachten über einen Witz des Bandleaders.

Die Band spielte nostalgisch im Guy-Lombardo-Stil, so hieß es jedenfalls auf den Plakaten. Die Tanzlustigen waren scharenweise gekommen, auch die Jungen, von denen man geglaubt hatte, dass sie die Welle nicht mitmachen und lieber bei Soul und Beat in Diskotheken rocken würden.

Das 'Plaza' war ein umgebautes Theater. Ende der vierziger Jahre hatte man die Bestuhlung entfernt und einen Ballsaal für tausend Besucher geschaffen. Als die Ära der Bigbands zu Ende ging, war der Laden geschlossen worden, aber vor wenigen Monaten hatte ein findiger Gastronom entdeckt, dass Ballroom Music mit allem, was dazu gehörte, wieder 'in' war. Seitdem erfreute sich das 'Plaza' regen Zuspruchs und wachsender Beliebtheit.

Rufus Maretti überquerte den hinteren, im Dunkel liegenden Bühnenteil mit gebotener Vorsicht. Er hatte keine Lust, über Kabel und herumliegende Kulissenstücke zu stolpern. Sein Gewehr mit der ausgefeilten Mechanik war allergisch gegen Fall und Stoß.

Maretti war am frühen Nachmittag hier gewesen. Er kannte sich aus und fand zielstrebig die Tür, die zum Schnürboden führte. Nachdem er sie hinter sich geschlossen hatte, knipste er die mitgebrachte Taschenlampe an. Der Lichtkegel geisterte vor ihm über den Gitterrost der steil nach oben führenden Eisentreppe. Maretti pries im Gedanken seine profihafte Einstellung, die ihn dazu bewogen hatte, diesen Resonanzboden mit kreppbesohlten Schuhen zu betreten. Er verursachte beim Weitergehen kein Geräusch, auch nicht auf der Galerie unter dem Bühnendach, auf der einmal die schweren Scheinwerfer gestanden hatten. Es gab immer noch ein paar Spotlights hier oben, aber die wurden vom Schaltpult des Bühnenmeisters aus dirigiert.

Maretti ging bis zum Ende der Galerie. Hier befand sich eine Eisentür. Er hatte sie am Nachmittag aufgebrochen, ohne befürchten zu müssen, dass jemand seine Vorbereitungen entdeckte. Er öffnete die Tür, die während der Theaterepoche des Gebäudes als Notausgang gedient hatte. Ein schmaler Holzsteg endete an der zum Hof weisenden Hinterfassade des Hauses. Hier war eine Feuerleiter in die Wand eingelassen. Sie war mit der Rampe verbunden, die zum Bühneneingang gehörte. Dieser Zugang war zugemauert worden.

Rufus Maretti atmete tief durch.

Er war gut gelaunt und fand, dass er sich für den Mord eine ideale Plattform ausgesucht hatte.

Rufus Maretti war kein Romantiker, aber der pastellfarbig getönte Lichtschirm, der sich über dem abendlich dunklen Chicago spannte, rührte etwas in ihm an. Er liebte diese Stadt mit ihren Millionen Lichtern. Ein fantastisches Glitzerding!

Fast bedauerte er das Girl, das in diesem Augenblick voller Amüsierdrang zum 'Plaza' unterwegs war und nicht wusste, dass sie in ihren Tod tanzen würde.

Mord im Tanzsaal!

Ein gefundenes Fressen für die Zeitungen ! Es war für Rufus Maretti ein Jammer, dass er für die Schlagzeilen, die er der Presse lieferte, kein Honorar fordern konnte. Rufus Maretti zog die Tür ins Schloss, ging behutsam bis zum Ende der hufeisenförmig angelegten Galerie, drückte einen Holzschieber beiseite und blickte aus der etwa handbreiten Öffnung auf das zunehmende Besuchergewimmel im Saal hinab.

Die Tanzfläche war aus Mattglassteinen zusammengesetzt und wurde von unten her beleuchtet. Um dem gewaltigen Raum eine intime Atmosphäre zu geben, hatte man auf eine Deckenbeleuchtung verzichtet und jeden Tisch mit Lampe und Telefon ausgerüstet. Die Tischnummern waren in die Lampenschirme eingelassen und aus jeder Saalecke erkennbar.

Maretti steckte die Taschenlampe ein, stellte das Futteral ab und zog sich den Stuhl heran, den er bereits am Nachmittag herbeigeholt hatte. Er setzte sich, öffnete den Trompetenbehälter und nahm das zusammenlegbare Gewehr heraus. Es hatte einen abgesägten Lauf und einen verkürzten Kolben. Maretti fügte die Teile ineinander, schob das Zielfernrohr in seine Verankerung, nahm die Waffe hoch und ließ das Fadenkreuz mit seinem stark vergrößernden Nachtglaseffekt über die Tischreihen gleiten. Er sah lachende, erwartungsvolle oder auch nur gelangweilte Gesichter. Er kannte keines davon, sie interessierten ihn nicht, aber als ihm eine besonders widerwärtig anmutende Männervisage ins Fadenkreuz kam, juckte es ihm in den Fingern, sein Killertalent unter Beweis zu stellen.

Natürlich war der Nichtsahnende im Saal völlig ungefährdet. Maretti tötete nur auf Bestellung und gehörte nicht zu denen, die sich den Luxus von Gefühlen leisteten.

Maretti zog eine Taschenflasche aus dem olivgrünen Regenmantel und nahm einen Schluck daraus. Er rauchte nicht, er war auch kein Trinker, aber er liebte in gewissen Situationen die belebende Wärme des Alkohols. Sie erleichterte ihm das Warten.

Aus seiner Vogelperspektive beobachtete er das Treiben im Saal und fuhr sich rasch mit der Zunge über die Lippen, als er plötzlich das Girl bemerkte, dem sein Kommen galt.

Er nahm die Waffe hoch, um Cindy durch das Zielfernrohr besser sehen zu können. Sie sah fantastisch aus, vielleicht um eine Nuance zu aufgedonnert für einen Schuppen vom Charakter des 'Plaza'. Das schulterfreie Kleid nahm sich in einer von Straßenanzügen und Konfektionsfähnchen bestimmten Umgebung wie ein Fremdkörper aus. Aber wenn jemand die apfelgrüne Chiffonkreation tragen konnte, dann sicherlich die fabelhaft gewachsene Cindy Bell.

Maretti hatte ihre Biographie im Kopf.

Clarissa Bell, genannt Cindy. Sechsundzwanzig Jahre alt, ledig, zwei geplatzte Verlobungen, davon eine sehr spektakuläre mit John Hillary, dem Millionenerben und Juniorchef des gleichnamigen Kugellagerimperiums.

Cindy hatte das gewisse Etwas. Sie war naturblond. Ihre Zähne hatten schon oft genug für Zahnpasten geworben, und das Strahlen ihrer großen, violett schimmernden Augen bewährte sich mindestens einmal im Jahr auf dem Deckblatt eines der großen Magazine.

Cindy war Playgirl, Fotomodell und Kleindarstellerin (Film und Fernsehen) in einem, sie gehörte zu den Randfiguren des Jetsets. Sie war aus verständlichen Gründen überall gern gesehen, aber sie hatte schon vor Jahren herausgefunden, dass sie den Reichen und Möchtegernreichen vor allem als Garnierung diente, als optische Party-Attraktion, und dass man sie wegen ihrer Herkunft aus einer Grubenarbeiterfamilie niemals in jene Kreise aufnehmen würde, deren Erschließung ihr durch die Verlobung mit Johnny Hillary um ein Haar geglückt wäre.

Das Orchester begann zu spielen. Eine Schnulze, die sich als 'Theme Song' anbot und die an das Highlife der dreißiger Jahre erinnerte. Die Musik verebbte, der Bandleader sagte ein paar heiter-banale Worte, dann ging’s richtig los, die Band spielte einen Quickstepp. Rufus Maretti nahm einen zweiten letzten Schluck aus seiner Flasche.

Der Tanz in den Tod konnte beginnen.

„Wollen wir?“, fragte der Mann, der sich in Cindy Beils Begleitung befand. Er blickte zur Tanzfläche, die sich rasch füllte. Mit den Fingern der rechten Hand vollzog er den Musikrhythmus nach. Sie saßen an Tisch 13.

„Du bist nicht im Takt“, rügte Cindy.

Er sah sie an. Sein Name war Herb Greene. Er war neunundzwanzig und besaß ein paar Second-Hand-Läden zwischen der 105ten und 113ten Straße. Man wusste von ihm, dass er die Geschäfte nur betrieb, um seine Aktivitäten als Hehler tarnen zu können. Aus irgendeinem Grund ließ man ihn weitgehend unbehelligt, anscheinend besaß er die richtigen Drähte zur Polizei. Tatsache war, dass er sich gelegentlich als Spitzel betätigte und auf diese nicht risikoarme Weise zu besonderen Privilegien gelangt war.

„Was ist los mit dir?“, fragte Herb und ließ die Hand sinken. „Nervös?“

Er hatte einen kantigen Schädel und wegen einer Fehlschaltung in seiner Pigmentenzentrale schlohweißes, aber sehr dichtes Haar. Es reichte ihm bis weit in den Nacken. Er sah damit recht gut aus und hielt sich auf sein Äußeres nicht wenig zugute.

„Wundert dich das?“, fragte Cindy und fischte ein Päckchen Zigaretten aus ihrer Handtasche. Greene gab ihr Feuer und starrte dabei fasziniert in die wohlgefüllten Tiefen von Cindys Ausschnitt.

„Du übertreibst“, erklärte Herb Greene. „Warum teilst du dem Mann nicht ganz normal mit, was du auf dem Herzen hast und loswerden möchtest?“

„Das habe ich dir schon einmal erklärt. Ich habe das Gefühl, dass ich beobachtet werde. Ich möchte fast wetten, dass mein Telefon angezapft ist. Der Mann, der die Informationen bekommen soll, gehört leider nicht zu denen, die eine feste Adresse mitsamt Telefonnummer haben. Er ist wie ein Phantom, aus gutem Grund. Hier im Saal lassen sich Nachrichten geradezu ideal und völlig unverfänglich austauschen. Ein Drittel der Tischtelefone wird ständig benutzt. Neun von zehn Leuten geht’s dabei ums Anbandeln, aber ein paar dürften auch dazwischen sein, die die Anlage als konspirative Kommunikationsquelle benutzen.“

„Ist er schon da?“

„Fragen stellst du! Ich habe keine Ahnung, wie er aussieht. Ich kann nicht mal sagen, ob sein Name stimmt. Rick Briggs. Klingt nicht sehr vertrauenerweckend, oder?“

„Ich finde nichts Ungewöhnliches daran“, erklärte Herb Greene.

Das Tischtelefon läutete.

Cindy erstarrte. Sie musterte den Apparat mit einem Gesichtsausdruck, als sei zu befürchten, dass er gefährliche Stromschläge verteilte.

„Nimm ab“, drängte Herb Greene, der einen blauen Samtblazer mit knallroter Schleife trug. „Worauf wartest du noch?“

„Geh zur Toilette“, forderte sie Greene auf, ohne den Blick vom Telefon zu lösen.

„Warum denn das?“

„Ich will nicht, dass du mithörst.“ Greene runzelte die Augenbrauen. Er hatte sie, um einen Kontrast zum Haupthaar zu erzielen, schwarz gefärbt. „Vertraust du mir nicht?“

„Das steht nicht zur Debatte. Aber wenn du mitkriegst, was ich weiß und zu sagen habe, gerätst du automatisch in den gleichen Gefahrenstrudel wie ich. Es ist nur in deinem Interesse, wenn du verduftest.“

„Ich bin kein ängstlicher Typ, das weißt du.“

„Verschwinde! Es ist ja nur für ein paar Minuten“, sagte Cindy.

Herb Greene zuckte mit den Schultern. „Wie du meinst“, sagte er, stand auf und entfernte sich. Cindy griff herzklopfend nach dem Hörer. „Ja?“, meldete sie sich und war bemüht, ihre Stimme fest und ruhig klingen zu lassen.

„Hier ist die 24, dein Traumboy“, sagte eine männliche Stimme, der anzumerken war, dass ihre Kessheit von Alkohol genährt wurde. „Du siehst mich, wenn du dein Superköpfchen nach halb links drehst. Wir sind füreinander bestimmt, Baby, das ...“

Cindy legte auf. Sie war nicht ärgerlich. Mit solchen Zwischenspielen musste man im 'Plaza' fertigwerden. Sie rauchte weiter, ließ ihre Blicke durch den Saal wandern und fragte sich, warum sie nicht mehr richtig glücklich sein konnte.

Du gehst zu viel aus, warf sie sich vor. Du tanzt auf zu vielen Parties. Alles wird mal zur Routine, zur Gewohnheit. Du solltest die Stadt wechseln und an einen Ort gehen, wo du nicht als Amüsierbiene abgestempelt bist und wo sich dir die Chance bietet, einen vernünftigen Mann kennenzulernen. Einen, der nicht nur seinen Spaß, sondern eine Ehefrau sucht, eine feste Bindung.

Cindy seufzte. Sie wusste, wie sinnlos es war, sich mit diesen Gedanken im Kreise zu bewegen. Sie war in dieser Stadt groß geworden, in Calumet City, um exakt zu sein. Cindy liebte ihre Umgebung, obwohl sie tiefer und schärfer hinter gewisse Luxusfassaden als die meisten anderen geblickt hatte und genau wusste, wie viel Dreck, Brutalität und Verkommenheit sich dahinter verbargen.

Herb Greene kehrte zurück und setzte sich. „Das ging schnell“, sagte er.

„Bei dir auch.“

„Ich musste nicht. Ich habe nur ’ne Runde gedreht. Alles erledigt?“

„Nein, ein Spinner wollte mich zum Tanzen auffordern“, sagte Cindy und blickte ihrem Gegenüber ins Gesicht. Sie kannte Greene seit Jahren, aber erst vor zwei Monaten war sie mit ihm intim geworden. Sie fand ihn amüsant. Er war großzügig, ein kurzweiliger Gesellschafter. Sie hatte ihm gesagt, dass sie niemals imstande sein würde, ihn wirklich zu lieben, und er hatte das akzeptiert.

„Du schwitzt“, stellte sie fest.

„Es ist heiß“, sagte er.

„Es ist eher kühl. Hast du Angst?“

„Muss ich mich wiederholen? Ich bin kein ängstlicher Typ“, sagte Greene.

„Was quält dich?“, fragte Cindy.

Ihr Herz klopfte. Sie wusste, dass Greene ein Windhund war, der Freundschaft und Loyalität für einen schnellen Dollar über Bord warf, aber sie hatte nicht erwartet, dass er etwas tun könne, was ihr schadete. Plötzlich zweifelte sie an dieser Auffassung. Sie fragte sich, ob Greene zu ihren Gegnern gehörte und die Aufgabe hatte, sie zu bespitzeln. Zuzutrauen war ihm das. Er arbeitete für alle, die bereit waren, sein Engagement zu honorieren.

Sie bedauerte plötzlich, Greene den Namen des Mafiajägers genannt zu haben.

Rick Briggs.

Greene machte aus allem Geld, das war sein Naturell. Es war zu befürchten, dass er auch im Falle von Rick Briggs diesem Prinzip zu huldigen gedachte.

„Du wirst seinen Namen keiner Menschenseele nennen, verstehst du?“, murmelte Cindy.

„Ich bin doch nicht verrückt. Ich setze mich nicht zwischen die Stühle.“

Es war klar, was er meinte. Greene wusste, dass sie darauf brannte, mit denen abzurechnen, die ihr Glück zerstört hatten. Ihre geplatzte Verlobung verdankte sie vor allem den Intrigen der Mafia, die nicht gewillt gewesen war, einen so kapitalen Fisch wie John Hillary einem Tingeltangelmädchen zu überlassen.

Greene wusste, dass sie seit Langem auf eine Gelegenheit wartete, ihre vielfältigen Mafiakenntnisse jenen zu vermitteln, die fähig waren, daraus die Konsequenzen zu ziehen. Mit der Polizei ließ sie sich nicht ein, der misstraute sie nach ein paar unguten, persönlichen Erfahrungen auf der ganzen Linie.

Greene wusste, wie sie über die Mafia dachte. Wenn er davon sprach, sich nicht zwischen die Stühle setzen zu wollen, war klar, worauf er sich bezog. Es war gefährlich, die Partei der Mafiosi zu ergreifen, aber nicht weniger riskant, jene bloßzustellen, die die Ehrenwerte Gesellschaft bekämpften.

„Wie bist du mit ihm bekannt geworden, mit Briggs, meine ich?“, fragte Greene.

Die Kapelle spielte einen Charleston. Greene wandte den Kopf, um das allgemeine Gliederschlenkern beobachten zu können.

„Das habe ich dir schon einmal erzählt“, antwortete Cindy ungeduldig. „Er hat mich angerufen.“

„Einfach so?“

„Nicht ganz. Diese Leute haben Informanten und einen Riecher für potentielle Mitarbeiter“, sagte Cindy. „Natürlich war ich zunächst misstrauisch. Der Kerl hätte ja ein Spitzel sein können. Ich habe mindestens ein Dutzend Mal mit ihm telefoniert, ehe ich mich bereit erklärte, die große Arie anzustimmen.“

„Heute“, sagte Greene.

„Ja, heute. Hier im 'Plaza'.“

„Warum, zum Teufel, hast du mich mitgenommen, wenn du nicht willst, dass ich das Gespräch mithöre?“

„Wir sind seit Monaten ein Paar, wie es so schön im Volksmund heißt. Es würde auffallen und Aufmerksamkeit erregen, wenn ich allein zum Tanzen ginge. Du bist mein ständiger Begleiter. Du kannst mich herauspauken, wenn es wegen des Telefonats unerwartete Schwierigkeiten geben sollte. Das wirst du doch tun, oder?“

„Du denkst an alles, was?“

„Ich hoffe es.“

Er schaute sie an, einen merkwürdigen Ausdruck in seinen Augen. „Auch an deinen Tod?“

Cindy erschrak. Ihr gefielen weder die Frage noch Herb Greenes Blick. „Warum sagst du das?“, wollte sie wissen.

„Ich muss dich warnen“, erwiderte Greene gerade laut genug, um sich bei der von Lautsprechern verstärkten Musik verständlich machen zu können. „Ist dir wirklich klar und bewusst, was du riskierst?“

„Ich muss es tun“, sagte Cindy. „Es ist eine Frage des Stolzes, der Selbstbehauptung.“

„Tanzen wir?“

„Meinetwegen“, sagte Cindy nach einem letzten, nervösen Blick auf das Telefon. Sie drückte ihre Zigarette im Ascher aus und folgte Herb Greene auf die Tanzfläche.



2

Roberto Tardelli betrat den Saal.

Er trug geflochtene Ledermokassins, eine schlecht gebügelte Flanellhose, einen Tweedsakko, ein kariertes Hemd und eine Krawatte, die seinen Sinn für Ästhetik drangsalierte, die aber vermutlich keinem in dieser Umgebung auffiel. In Calumet City gehörten schreiende Farben zum guten Ton.

Roberto Tardelli war es gewöhnt, sich mit falschen Namen und Farben zu schmücken. Obwohl er für eine Dienststelle des Justizministeriums arbeitete, die sich Counter Organized Crime Department, kurz COUNTER CRIME, nannte, war es ihm aus vielerlei Gründen nicht vergönnt, sich als Mitglied dieser Organisation auszugeben.

Zum Ersten war sie geheim, zum Zweiten brauchte nicht publik werden, dass Roberto Tardelli noch immer auf den Fahndungslisten der Polizei stand.

Roberto wurde wegen Polizistenmordes gesucht. Die Fahndungslisten verschwiegen, dass es sich um einen Notwehrfall handelte. COUNTER CRIME kannte die wahren Zusammenhänge, war aber aus taktischen Gründen noch nicht imstande, Roberto zu helfen.

Immerhin bezahlte sie ihn großzügig. Er arbeitete fast immer allein, und seine Aufträge waren im Allgemeinen so explosiv wie eine Fünftonnenbombe mit schadhaftem Zünder.

Er sah, dass Cindy Bell tanzte.

Ihm gefiel nicht, dass sie es mit Herb Greene tat, aber das war in diesem Augenblick sekundär. Es war nicht seine Aufgabe, sich mit Cindys Partnerwahl auseinanderzusetzen; er war hergekommen, um sich von ihr ein paar entscheidende Tipps zu holen.

Der Name, den er ihr genannt hatte, stand auch auf seinen Ausweispapieren. Sie waren schon deshalb nicht von echten zu unterscheiden, weil COUNTER CRIME nur Spitzenkräfte beschäftigte und das Originalpapier mit allem notwendigen Drum und Dran verwendete.

Roberto war überrascht davon, wie gut besucht das Lokal war. Er hatte so kurz nach neun nicht mit diesem Betrieb gerechnet. Immerhin hatte er Glück. Er fand einen Zweiertisch etwas abseits der Tanzfläche, der es ihm gestattete, mit dem Rücken zur Wand zu sitzen und das Geschehen im Saal im Auge zu behalten.

Er orderte beim Kellner einen Whisky, obwohl er nicht vorhatte, ihn zu trinken. Der Whisky gehörte im gleichen Maße zu seiner Tarnung wie das Karohemd, der bunte Schlips und die geschmacklosen Mokassins.

Roberto sah, dass Greene sich beim Tanzen mit dem Mädchen unterhielt. Der Weißhaarige löste sich von Cindy, zog sie wieder zu sich heran, ließ sie unter dem gehobenen Arm hindurchtanzen und demonstrierte mit ein paar Figuren, wie elegant er sich zu bewegen vermochte.

Irgendetwas daran missfiel Roberto, aber er kam erst später dahinter, was es war.

Der Slow lud nicht zu einer Figurenauflösung ein. Im Gegenteil. Die meisten Tanzpaare zogen es vor, in den Clinch zu gehen und dem Partner die Qualitäten der eigenen Anschmiegsamkeit zu demonstrieren.

Roberto sah das Aufblitzen oberhalb der stuckreichen Bühneneinfassung aus den Augenwinkeln heraus. Das Krachen des Schusses fiel mit dem Einsatz der Bläsergruppe zusammen. Die Musik war laut, aber nicht laut genug, um den Knall zu übertönen.

Die Tanzpaare blieben stehen, Köpfe hoben und drehten sich, eine allgemeine Unruhe brachte die Menge auf dem Glasparkett aus dem Rhythmus.

Roberto sprang auf.

Er hatte früher als die meisten anderen gesehen und erfasst, was los war.

Ein Mädchen schrie.

Ihr hysterischer Ausbruch bildete das Signal für eine allgemeine Flucht von der Tanzfläche. Die Paare behinderten sich dabei gegenseitig. Zwei von ihnen stürzten, waren aber sofort wieder auf den Beinen.

Jetzt schrien auch andere, die aufkommende Panik war ansteckend.

Die Leute an den Tischen sprangen auf, um zu sehen, was es gab.

Die Musik zerfaserte mit grotesken Falsch- und Quietschlauten. Auf der Tanzfläche blieben nur zwei Menschen zurück. Ein Mann und ein Mädchen.

Cindy Bell lag am Boden.

Das großkalibrige Projektil hatte ihren Hinterkopf getroffen. Das ausströmende Blut färbte ihr blondes Haar. Die unter den Glassteinen angebrachten Lampen ließen den Lebenssaft noch einmal rot auf leuchten und verhalten ihm zu einer Kraft, den er seiner Besitzerin nicht länger geben konnte.

Herb Greene stand wie erstarrt, mit hängenden Schultern und weit aufgerissenen Augen. Im nächsten Moment presste er die Augen zusammen, unfähig, den entsetzlichen Anblick auch nur eine Sekunde länger zu ertragen.

Roberto Tardelli befand sich bereits auf dem Weg zur Tür. Er hatte es eilig, nach draußen zu kommen.

Roberto wusste, wo sich der Standort des Mörders befunden hatte. Der Killer würde versuchen, in der allgemeinen Aufregung zu entkommen. Roberto war entschlossen, diesen Fluchtversuch zu stoppen.



3

Im Foyer kamen ihm gut gelaunte Paare entgegen. Der Ausbruch von Panik und Entsetzen beschränkte sich auf den Saal, aber sicherlich würden die überschwappenden Wellen des Ereignisses bald das Umfeld erreichen.

Roberto betrat die Straße.

Er begann zu rennen.

Ihm war klar, dass der Schütze den Fluchtweg über die Seiten oder Hinterfront des alten Gebäudes wählen würde und damit rechnete, unerkannt vom Tatort zu entkommen.

Roberto erreichte die Zufahrt zum Bühnenhaus. Sie war durch eine einsam im Abendwind schaukelnde Lampe erhellt. Er sondierte mit einem Blick die Umgebung und zog sich auf die andere Straßenseite zurück.

Er beobachtete aus dem Dunkel einer Einfahrt heraus den Schatten, der sich an der Feuerleiter des Theaters herabbewegte. Als er nur eine halbe Minute später den Lichtkreis der Lampe erreichte, wurde er zu einer konkreten, männlichen Gestalt, die sich leicht gebückt und ohne erkennbare Eile vorwärtsbewegte.

Der Mann hatte ein Trompetenfutteral bei sich. Der Kragen des olivgrünen Raglans war hochgestellt. Der Mann verließ das Theatergelände, überquerte die Fahrbahn und näherte sich geradewegs der Einfahrt, in der Roberto lehnte und das Geschehen verfolgte.

Dann, ganz plötzlich, bog der Mann nach rechts ab. Er verschwand in einer Seitenstraße. Roberto folgte ihm. Der Mann stoppte nach knapp hundert Schritten an einer dunkelgrünen Pontiac Bonneville Limousine, schloss die Fahrertür auf und stieg ein.

Roberto war bereits unterwegs. Es war jetzt leicht, ein Taxi zu bekommen. Viele Besucher ließen sich mit diesem Transportmittel zum 'Plaza' bringen. Die sofort wendenden Wagen waren leer.

Roberto kletterte in das erstbeste Taxi und teilte dem Fahrer mit, worum es ging.

„Verfolgungsjagden kosten Zuschlag, Mister“, erklärte der Fahrer gelassen.

„Geht in Ordnung“, meinte Roberto ruhig. Er war mit der habgierigen Cleverness der Taxifahrer vertraut und sah keinen Sinn im Feilschen oder Argumentieren. Roberto überließ dem Fahrer eine Zehndollarnote als sichtbares Zeichen seiner Kooperationsbereitschaft. Der Fahrer steckte das Geld ein und machte mit seinen nächsten Worten klar, dass er sich in diesem Metier auskannte. „Ich bleibe auf Distanz, Mister. Der entkommt uns nicht. Aber wer ist es eigentlich?“

„Nächste Straße rechts. Ja, die. Drücken Sie ein bisschen auf die Tube“, sagte Roberto.

An der übernächsten Kreuzung hatten sie den Bonneville eingeholt. Der Trip endete wenig später in der 107ten Straße. Der Fahrer des Pontiac lenkte seinen Wagen auf einen Bauplatz, der zur Hälfte als Parkfläche genutzt wurde.

„Fahren Sie weiter“, bat Roberto und ließ das Taxi an der nächsten Kreuzung halten. Roberto zahlte, stieg aus und beobachtete, wie der Mann mit dem Trompetenfutteral die Straße überquerte und in einem sechsstöckigen roten Backsteinhaus verschwand. Roberto marschierte los und blieb knapp vierzig Sekunden später vor dem Haus stehen. Es war die 74. Hinter zwei Fenstern im dritten Stockwerk flammte Licht auf. Der Schatten des Mannes im Raglanmantel wurde sichtbar, die Rollos ließen von den hellen Fensterrechtecken nur schmale Seitenstreifen übrig.

Roberto betrat das Haus, ging nach oben und stellte fest, wem die Wohnung gehörte.

Rufus Maretti. Der Name sagte ihm nichts.

Roberto blieb eine volle Minute lang vor der Tür stehen, dann fasste er den Entschluss, kehrtzumachen.

Er betrat die Straße. Diesmal benötigte er fast zehn Minuten, um ein leeres Taxi zu stoppen. Er ließ sich zum 'Plaza' bringen, vor dessen Eingang sich uniformierte Polizisten gerade darum bemühten, eine neugierige Menschenmenge unter Kontrolle zu halten.

Etwas abseits der Menge hatte sich eine weitere Menschentraube gebildet; sie umlagerte einen weißhaarigen Mann, der von mehreren Reportern mit Fragen bombardiert wurde. Roberto trat hinzu.

„Ich kann Ihnen nicht mehr sagen als das, was Sie bereits wissen“, versicherte der Weißhaarige. „Das Geschehen traf mich wie ein Schock. Ich werde nicht vergessen, wie Cindys Lächeln plötzlich gefror, wie das Leben in ihrem Gesicht vom Tod abgelöst wurde ...“ Er rang nach Worten. „Lassen Sie mich jetzt gehen, bitte. Mir ist zumute, als müsste ich mich übergeben.“



4

Herb Greene schloss die Wohnungstür hinter sich. Er hängte die Kette ein, ging ins Bad, hielt seinen Kopf unter den kalten Wasserstrahl, starrte in den Spiegel und spuckte sich an.

„Du Scheißkerl“, keuchte er. Ein kurzes, würgendes Schluchzen überfiel ihn, dann war der Anfall von Reue und Selbstmitleid vorbei. Er ging ins Wohnzimmer, genehmigte sich einen Whisky, trank ihn mit maßvollen Schlucken und versuchte, den Anblick der in ihrem Blute liegenden Cindy zu vergessen.

Es ging nicht. Nicht nach einem Whisky. Vielleicht auch nicht nach zehn. Er fragte sich, wie lange er wohl brauchen würde, um das grauenvolle Erlebnis aus seinen Gedanken zu vertreiben.

Das Telefon klingelte.

Herb Greene warf einen Blick auf seine Uhr. Es war gleich zehn.

Er nahm nicht ab. Er konnte und wollte jetzt mit keinem Menschen sprechen. Weder mit der Polizei, noch mit diesen verdammten Reportern, die einem die Seele aus dem Leib fragen konnten. Seine Linie war festgelegt. Er hatte nicht vor, sie zu verlassen.

Das Telefon klingelte weiter. Greene stellte das Glas beiseite und nahm den Hörer ab. „Ja?“, bellte er mürrisch hinein.

„Alles okay?“, tönte ihm eine seidige, männliche Stimme entgegen.

Greene straffte sich wie ein Soldat, der am Telefon die Stimme seines Kompaniechefs vernimmt. „Ja, Sir.“

„Hat’s Komplikationen gegeben?“

„Keine.“

„Hat sie mit ihm gesprochen?“

„Nicht in meiner Gegenwart, Sir“, antwortete Greene. „Und auch sonst nicht.“

„Er wird an dich herantreten.“

„Warum sollte er das tun?“, fragte Greene verblüfft.

„Er nimmt an, dass du weißt, was sie ihm sagen wollte. Schließlich warst du ihr Freund.“

„Ja“, brummte Greene. Er hatte einen Kloß im Hals sitzen.

Arme Cindy!

Streng genommen war sie das Beste gewesen, das ihm jemals im Leben begegnet war. Er erinnerte sich an ihre saugenden Lippen, an ihren biegsamen Leib und an ihre Schlangenarme. Plötzlich hasste er den Anrufer fast noch mehr als sich selbst.

„Er wird die Informationen jetzt von dir haben wollen“, meinte der Anrufer. „Nagle ihn fest. Wir brauchen ihn.“

„Wofür?“

„Für den Friedhof. Neben Cindy ist noch ein Plätzchen frei“, sagte der Mann mit der seidigen Stimme.

Greene schwieg. Sein Hass nahm zu, aber daneben war noch etwas anderes in ihm lebendig, sein stets wacher Sinn, sein Hang zum Geldkassieren.

„Wie viel?“, fragte er.

„Fünf Riesen“, meinte der Anrufer, „immer vorausgesetzt, dass du deine Sache gutmachst.“

„Sie können sich auf mich verlassen, Sir“, erklärte Greene und spürte selbst, wie fremd und bitter seine Stimme klang.



5

Zweiundzwanzig Uhr fünfzig.

Es klingelte.

Rufus Maretti runzelte irritiert die Augenbrauen. Er stand auf und säuberte sich seine Finger mit einem weichen Lappen. Vor ihm lag das auseinandergenommene, gereinigte Gewehr auf dem Küchentisch. Der scharfe Geruch des Gewehröls hing in der Luft. Er war auch mit Hilfe des weit geöffneten Fensters nicht ohne weiteres zum Abzug zu bewegen. Rufus Maretti ging in die Diele. Er schloss die Küchentür hinter sich und rief misstrauisch: „Wer ist da?“

„Polizei. Öffnen Sie!“

Rufus Maretti fuhr zusammen. Er war sich seiner Sache völlig sicher gewesen, sonst hätte er schwerlich den Nerv gehabt, mit der Mordwaffe geradewegs in seine Wohnung zurückzukehren. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Er dachte an Flucht, begriff aber im nächsten Moment, wie sinnlos ein solcher Versuch sein würde. Wenn sie hinter ihm her waren, standen sie nicht nur vor der Tür, dann hatten sie das Haus umstellt und warteten nur darauf, dass er sich mit einer Panikaktion verriet.

Er durfte nicht die Nerven verlieren. Noch gab es dafür keinen Anlass. Er hatte häufig Ärger mit den Bullen. Oft bezichtigten sie ihn irgendeines Verbrechens, das scheinbar seine Handschrift trug, in Wahrheit aber von der Konkurrenz verübt worden war.

„Moment“, sagte er laut. „Nur eine halbe Minute. Ich ziehe mir was über.“

Er ging ins Bad und wusch sich die Hände. Er rieb sie trocken und hielt sie unter die kritisch schnuppernde Nase. Das Parfüm der Seife war außerstande, den Geruch des Gewehröls zu überdecken. Maretti zerquetschte einen Fluch zwischen den Zähnen, kehrte zurück in die Diele und öffnete die Wohnungstür.

Vor ihm stand ein Mann, den er nicht kannte.

Der Mann war nicht älter als dreißig, mittelgroß, breitschultrig und irgendwie sehr kompakt. Dieser Eindruck wurde verstärkt durch einen zu kurz geratenen Hals, der einen vierkantigen Schädel mit dunkelblondem Stoppelhaar, schorfigen Lippen und dunklen, weit auseinanderstehenden Augen trug.

Der Mann hatte ein mehr als unangenehmes Gesicht, aber es wirkte geradezu süß und anheimelnd im Vergleich zu dem, was seine Finger umspannten.

Es war ein Revolver mit aufgesetztem Schalldämpfer. Die Waffe zielte geradewegs auf Rufus Marettis Brustpartie.



6

Marettis Blut strömte vom Herzen weg und schlug in einer heißen Welle dorthin zurück.

Er starrte dem Fremden ins Gesicht und hatte wahrhaftig keinen Anlass, froh zu sein. Mit Bullen ließ sich reden, mit Gunmen nicht.

Trotzdem, irgendetwas musste geschehen, und zwar rasch. Er konnte nicht einfach dastehen und darauf warten, dass der Besucher den Finger am Abzug krümmte.

Maretti schlug die Tür zu. Er versuchte es jedenfalls, aber sie wurde hart gestoppt und schwang sofort wieder zurück. Der Fußkonter des Mannes zeichnete sich durch genaues Timing aus.

„He, was soll das?“, würgte Maretti hervor.

„Nimm die Klauen hoch, Killer“, sagte der Fremde.

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