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Krimi Doppelband 11: Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus & Wir fanden Knochen

Alfred Bekker & Konrad Carisi

Krimi Doppelband 11: Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus & Wir fanden Knochen

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Inhaltsverzeichnis

  • Krimi Doppelband #11: Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus & Wir fanden Knochen
  • Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus
  • Copyright
  • Kapitel 1: Ein längst überfälliges Treffen
  • Kapitel 2: Das Leben des Lord William Fryfield
  • Kapitel 3: Köpfe
  • Kapitel 4: Verbindungen
  • Kapitel 5: Das Antikhandelshaus Alston
  • James Watson und der Mord ohne Leiche
  • Extraerzählung von Konrad Carisi
  • Prolog
  • 1
  • 2
  • Wir fanden Knochen
  • Copyright
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
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Krimi Doppelband #11: Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus & Wir fanden Knochen

von Alfred Bekker & Konrad Carisi


Der Umfang dieses Buchs entspricht 220Taschenbuchseiten.


Dieses Buch enthält folgende Krimis:


Konrad Carisi: Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus

Alfred Bekker: Wir fanden Knochen


Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.



Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.



Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus

von Konrad Carisi


Der Umfang dieser Geschichte entspricht 110 Taschenbuchseiten.


Dieses Buch beinhaltet die beiden Geschichten:

Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus

James Watson und der Mord ohne Leiche


Sherlock Holmes ist der berühmteste Detektiv seines Jahrhunderts, aber nicht der Einzige. Er erhält Besuch von seinem ebenfalls legendären Kollegen Auguste Dupin. Der Pariser Meisterdetektiv macht sich auf die Reise, um Sherlock Holmes zu besuchen und gemeinsam lösen sie einen Fall, der Scotland Yard bis dahin zum Verzweifeln brachte. Aus der Themse gefischte Leichenteile geben Rätsel auf. Anscheinend geht ein Serienmörder um...


Kapitel 1: Ein längst überfälliges Treffen

„Was für ein Zimmer hätten Sie denn gerne?“, fragt mich die freundliche Frau im engen Kleid. Es ist schon fast unschicklich eng, doch die Zeiten ändern sich. Ich werde alt. Nein, ich muss mich korrigieren: Ich bin alt.

„Ich habe reserviert. Telegrafisch, genaugenommen. Mein Name ist C. Auguste Dupin“, stelle ich mich vor. In Paris wäre der Name etwas wert gewesen, hier nicht. Zugegeben, in Paris auch nur in gewissen Kreisen. Die Frau nickt ruckartig und sieht in ihrem kleinen schwarzen Büchlein nach. Es ist kein sehr teures Hotel, aber das Frisian Palace ist sauber und liegt zentral in London. Was will man mehr? Mein Weg war beschwerlich von Paris aus. Das hat aber weniger mit der Reiseweite zu tun, als mit etwas viel Banalerem: Ich werde auch nicht jünger. Wie ich es hasse, dass ich nun diesen Stock brauche, auf den ich mich stütze. Alles dauert einfach länger.

„Ismael bringt Sie herauf, Mister Dupin“, sagt die Frau und winkt den dunkelhäutigen Pagen in seiner blassroten Jacke, die die Uniform dieses Hotels darstellt, heran. Er nimmt mir die Reisetasche ab und geht vor. Ich bemühe mich, Schritt zu halten. Ismael geht nicht besonders schnell. Ich bin mit dem dritten Bein nur etwas unsicher.

Es geht glücklicherweise nur eine Treppe hinauf und dann einen Korridor entlang. Das Zimmer ist klein, sauber und ordentlich: ein alter Stuhl mit geflochtener Sitzfläche, ein niedriger dreibeiniger Tisch und dazu ein Bett mit Eisengestell, das eine echte Matratze enthält und nicht nur irgendeinen strohgefüllten Sack. So etwas gab es in meiner Jugendzeit noch häufiger, wenn es preiswert sein sollte. Das Zimmer geht zu einem Hinterhof hinaus, auf dem Leute ihre Wäsche aufhängen und Kinder spielen. Kurz schaue ich den Jungs zu, die mit Stöcken als Gewehren Räuber und Gendarm spielen. Im Leben bei etwas die Ernsthaftigkeit wiederfinden, die man als Kind so vielen Spielen entgegenbrachte ... das muss ein Schlüssel des Glücks sein. Ismael verschwindet nach einer tiefen Verbeugung und einem enttäuschten Blick. Vermutlich hat er irgendein Trinkgeld erwartet. Leider lässt nicht nur die Leistungsfähigkeit meines Körpers nach, auch die meiner Brieftasche lässt zu wünschen übrig. Ich ziehe mir die Reisekleidung aus und ein gutes Hemd an. Dann geht es wieder in das Durcheinander der Straßen von London.

Ich bin aus Paris natürlich so eine Menge an Menschen gewöhnt, aber mit dem dortigen Durcheinander bin ich eben vertraut. Es ist gewissermaßen meine natürliche Umwelt, mein Revier ist Paris. Das hier ist es nicht. Obwohl doch nicht so weit entfernt wie vielleicht Japan, ist mir doch alles fremd. Ich gehe hinunter auf die Straße, beobachte eine Weile die Menschen und sammle Eindrücke. Dann winke ich eine Droschke heran. Der Kutscher fragt mit breitem Akzent, wo es hingehen soll.

„Baker Street 225B“, erwidere ich. Er nickt langsam. Dann leuchten seine Augen so, wie es nur das Wiedererkennen von etwas zu Stande bringt, oder das Erinnern an etwas.

„‘türlich, jetzt weiß ich, wo Se hin wollen. Hübsche Häuser da“, stellt er fest. Ich steige ein und die Fahrt beginnt.

Durch ein Gewirr von Straßen fährt er mich, so dass ich mir Mühe geben muss, die Orientierung zu behalten.


*


Als ich endlich vor der unscheinbaren Tür stehe, bin ich ganz wieder ein kleiner Junge im Geiste. Ich klopfe dreimal energisch, doch nichts geschieht. Das kann doch nicht wahr sein, all der weite Weg und dann ist er wirklich nicht da?

Eine Geschichte oder ein Roman wäre da gnädiger, als es die Realität zuweilen ist.

Ich betrachte enttäuscht den Messingklopfer an der Tür.

„Verzeihen Sie die Verspätung“, höre ich hinter mir jemanden sagen. Ich drehe mich um. Ich erkenne Sherlock Holmes sofort von den Zeitungsfotos wieder. Er ist etwas älter, natürlich und auch hagerer, gewiss. Doch die Adlernase ist unverkennbar. Sein Mantel ist gefüttert, denn es ist noch kalt und zudem ist er auch nicht mehr ganz jung. Ich weiß, wovon ich rede. Auch wenn ich es früher nicht geglaubt hätte: Im Alter lässt die Hitze der Jugend zusehends nach und man friert selbst jetzt noch im Frühjahr.

„Keine Ursache, Mister Holmes. Sie sind ja nur ein wenig zu spät“, erwidere ich und deute dabei schelmisch lächelnd eine Verbeugung an, so gut es mit meinem Stock und einem schmerzenden Rücken geht.

„Auguste Dupin, zu Ihren Diensten.“

„Ihre Briefe haben mir ein ums andere Mal Kopfzerbrechen bereitet. Dafür danke ich herzlichst“, stellt Sherlock Holmes mir gegenüber fest. Auch er deutet eine Verbeugung an. Seit einigen Jahren korrespondieren wir und schicken uns oft kleine Rätsel. Manchmal berichten wir uns von unseren Fällen und versuchen, selbst eine Lösung zu finden, bevor wir sie lesen. Es ist selten, einen verwandten Geist zu finden.

„Ein verwandter Geist ist mir stets lieb und teuer“, stelle ich fest.

Er nickt zustimmend.

„Ich empfand ihre Arbeit in jungen Jahren immer als inspirierend. Dieses Treffen ist auch lange überfällig“, erwidert er. Dabei deutet er auf eine wartende Droschke. „Wie wäre es mit Tee und Gebäck? Oder auch was Sie sonst wollen“, fügt er hinzu. „Leider ist niemand zu Hause, so dass ich Sie außer Haus bewirten möchte.“

Ich nicke und wir fahren quer durch die Stadt. Im Theene Teehaus steigen wir ab und bekommen guten Schwarztee aus China gereicht.

„Ich verfolge Ihre Karriere schon lange“, stelle ich fest. Sherlock Holmes lächelt und rührt mit dem kleinen silbernen Löffel in der blauweißen Teetasse vor sich herum.

„Das ist mir klar, doch Sie haben es stets in den Briefen vermieden, die einzig wirklich interessante Frage zu beantworten.“

„Wieso?“, erwidere ich. Das ist die Frage, die er nie stellte und ich nie beantwortete. Holmes nickt.

„Genau. Wieso habe ich einen Bewunderer in Ihnen? Jemanden der meine Karriere verfolgt.“

„Was denken Sie?“, frage ich. Er trinkt einen Schluck Tee, vielleicht um Zeit zu gewinnen.

„Ich habe Erkundigungen eingeholt, sie sind ein Bekannter Pariser Detektiv, Mister Dupin. Bis heute erzählt man sich von Ihren Fällen. Natürlich nur von denen, in denen Sie offiziell ermittelt haben.“

Ich nicke. „Aber nur wenige wissen, wer ich bin. Ich suche mehr das Rätsel, weniger den Ruhm.“

„Sie sind alt“, stellt Holmes fest, ohne dabei unfreundlich zu klingen. Es ist eine Beobachtung.

„Auch Sie sind in dem Alter, wo Erfahrung wettmachen muss, was der Körper nicht mehr zu leisten vermag“, erwidere ich und heben den Stock freundlich, wie zum Gruß. Es liegt genauso wenig Schärfe in meiner Stimme wie in seiner. Ich lehne mich hinterher wieder an die Lehne des weichen Sessels, in dem ich sitze. Vor uns ist ein Fenster, das zu einem bepflanzten Hinterhof hinausgeht.

„Dass die Augen nachlassen, davor habe ich auch immer die meiste Angst. Genauso wie der Verstand einen verlassen kann“, gibt Holmes widerwillig zu. „Die meisten Menschen sehen zwar, sehen aber nicht richtig hin! Es ist wichtig, einen klaren Blick zu haben.“

„Wo ist eigentlich Ihr Chronist?“, wechsle ich das Thema mehr als oberflächlich. Ich mag nicht, wenn alte Menschen sich nur noch über ihre Gebrechen und Ängste unterhalten. Mir ist dabei leidvoll bewusst, dass ich ein alter Mensch bin.

„Ein tragischer Trauerfall in der Familie, deswegen ist er nun auf Verwandtschaftsbesuch. Ein nach Deutschland verheirateter Cousin verstarb. Doktor Watson ist für ein paar Wochen weg. Aber zurück zu Ihnen: Sie wollen einen verwandten Geist sehen, wieso? Ich denke, Sie wollen einen Nachfolger im Geiste sehen, da Sie keinen eigenen vom Fleisch und Blut Ihrer selbst haben.“

Ich lächele traurig. Ich gebe nicht sofort eine Antwort. Ja, so in der Art ist es. Oder bin ich einfach nur einsam geworden?

„Vielleicht sehen Sie in mir einen Erben. Sie haben, denke ich, keine Kinder. Es war da nie eine Frau, die sie genug faszinierte“, fügt Holmes hinzu und mustert mich. Dabei bemerke ich eine Vibration in seiner Stimme. Ich bin sicher, in Gedanken ist er bei diesen Worten bei einer bestimmten Frau. Einer Frau, die einen das Leben lang verzaubert und ein Mysterium bleibt. Jeder hat so eine Frau, eine Frau, die ihr ganzes Geschlecht für einen Mann immer dominieren wird.

„Ich wollte Sie kennenlernen“, gebe ich zu, „sehen, wie gut Sie wirklich sind, Holmes.“ Ich lächle traurig. Ja, so ist es, ich bin ein einsamer alter Mann.

„Das trifft sich gut, auch wenn ich, nebenbei bemerkt, denke, Sie verheimlichen mir immer noch etwas“, stellt Holmes fest. Kurz wundere ich mich, was er meint mit „es trifft sich gut“.

Ich lache und sage: „Nein, das könnte ich nie. Etwas vor dem großen und einzigartigen Sherlock Holmes verheimlichen ...“, lenke ich halbherzig vom Thema ab.

Ein Polizist errettet mich vor weiteren Nachfragen. Als ich bemerke, wie zielstrebig er auf uns zugeht, ist mir klar, was Holmes meinte mit „es trifft sich gut“. Er hat ihn, da ich mit dem Rücken zur Tür sitze, zuerst gesehen und gleich die richtigen Schlüsse gezogen.

Der Polizist trägt die typische dunkle Uniform der unteren Ränge.

„Mister Sherlock Holmes?“, fragt der Polizist fast ehrfürchtig. Man merkt, dass Holmes schon das ein oder andere Mal der Polizei behilflich war.

„Ja, Mister Clarke, was kann ich für Sie tun?“, begrüßt Holmes den Fremden. Mister Clarke freut sich sichtlich. Ein spitzbübisches Lächeln erscheint auf seinem Gesicht. Es lässt ihn jünger aussehen.

„Sie erinnern sich an meinen Namen, Mister Holmes?“, stellt Mister Clarke das Offensichtliche fest. Holmes nickt nur und wartet, dass Mister Clarke sagt, was er zu sagen hat. Irgendein Anliegen wird ihn schließlich so zielstrebig zu uns geführt haben. Dieser bemerkt die unpassende Stille und räuspert sich geräuschvoll.

„Nun, also. Ja, richtig. Ich soll Sie suchen, Sir. Mister Holmes, meine ich. Also Superintendent Lestrade verlangt nach Ihnen. Es sei äußerst dringlich. Er hat Sie in der ganzen Stadt bereits suchen lassen!“

„Tatsächlich“, erwidert Holmes trocken. Ob Spott in der Stimme liegt, kann ich nicht genau sagen.

„Ist es nicht Inspektor Lestrade?“, frage ich. „Von dem habe ich in der Zeitung gelesen.“

„Er wurde befördert. Dank meiner guten Ratschläge, wenn ich das so sagen darf“, erklärte mir Holmes ohne falsche Bescheidenheit. „Er hat die ein oder andere gute Schlussfolgerung zwar auch selbst gezogen, aber einer seiner besten Entschlüsse war es immer, mich hinzuzuziehen.“

„Was ja auch reicht“, stelle ich fest. „Es ist wie in der Politik: Man muss nicht alles können, man muss nur klug und ehrlich genug zu sich sein, um sich Hilfe zu holen.“

„Wenn die beiden Herren bitte entschuldigen“, unterbricht der Polizist Mister Clarke. Ihm scheint die Unterhaltung nicht zu behagen. „Es eilt, sehr geehrte Gentlemen. Es eilt wirklich.“

Holmes winkt die Bedienung heran und bezahlt für uns beide.

„Sicher, wir kommen“, stellt er fest. An mich gewandt fügt er hinzu: „Das dürfte Ihnen gefallen. Dafür sind Sie doch hier, nicht wahr?“

„Weswegen?“, frage ich verdutzt.

„Mich in Aktion zu sehen“, stellt Holmes fest und folgt dem Polizisten. Ich sehe, dass ich mit dem verdammten Bein hinterherkomme. Mein Knie schmerzt bei jedem Schritt.

Er führt uns zu einem Kollegen, der in einem Automobil auf uns wartet. Der Motor läuft noch, als wir uns auf die Rückbank setzen. Während wir durch die Stadt brausen, fragt Holmes mich: „Wissen Sie eigentlich, woher die Picadilly Street ihren Namen hat?“

„Dort rasen wir gerade?“, spekuliere ich und merke, dass die Polizisten uns aufmerksam zuhören.

Er nickt. Ich schüttle den Kopf, schließlich war ich noch nie in London.

„Robert Baker erwarb als Schneider Reichtum. Er erfand einen steifen Kragen, den Picadil. Vom Geld, das er dadurch verdiente, als die Reichen und Schönen bei ihm ein- und ausgingen, baute er ein Haus. Das nannte er passenderweise Picadilly Hall. So kommt die dazugehörige Straße zu ihrem Namen“, schließt er.

Selbst die Polizisten hören ihm aufmerksam zu. Der Wagen hält abrupt. Der Polizist, den Holmes als Mister Clarke angesprochen hat, führt uns in den Keller eines Gebäudes. Es erinnert mich an ein Krankenhaus. Dort gibt es oft Kellergewölbe, in denen die Anatomiestudenten an Leichen üben dürfen. Für einige ist das ein Frevel, für mich eher gutes Handwerk an totem Fleisch üben. Dann begreife ich, was der Zweck des Gebäudes ist: Es ist ein Leichenhaus, vermutlich die Gerichtsmedizin.

Ein kleiner Mann mit Rattengesicht erwartet uns. Es ist mir sofort klar: Das muss Lestrade sein. Mister Clarke nimmt Haltung vor dem Superintendenten an. Ich glaube, ich habe schon einmal eine Fotografie in der Zeitung mit ihm gesehen. Ich beziehe einige Zeitungen aus ganz Europa, um auf dem Laufenden zu bleiben.

„Mister Holmes“, nickt Superintendent Lestrade ihm zu. Mich sieht er mit hochgezogenen Augenbrauen an. Er hat den Blick eines fantasielosen Menschen: jene, mit denen ich als Kind nicht so gerne spielte. Sie tun fast alles, was man ihnen vorschlägt, aber sie lösen nie selbst auf eigene Weise Probleme ihres Lebens. Sie machen nie gute Vorschläge.

„C. Auguste Dupin, enthusiastischer Rätsellöser aus Paris“, stelle ich mich leicht spöttisch vor. Dabei verbeuge ich mich so gut es geht und ziehe meinen Hut.

„Er ist auf meine Einladung hier und vertritt gewissermaßen Watson“, fügt Sherlock Holmes hinzu. Das scheint Lestrade zufriedenzustellen. Mit einem Ersatz-Watson kann er leben.

„Ich bin froh, dass Sie da sind, Holmes“, beginnt Superintendent Lestrade und führt uns zu einer verschlossenen Kellertür. Er ist kühl hier unter der Erde. Hier werden sonst Leichen aufgebahrt und obduziert, doch es ist niemand hier, kein Personal, außer uns. Mir fällt gleich auf, dass der Mordfall, um den es hier geht, pikant sein muss. Mord ist es zweifelsfrei, da wir nun mal in ein Leichenhaus gerufen wurden. Pikant ist der Fall, weil der Raum auch noch gesichert ist. Vor einer eisenbeschlagenen Eichentür steht ein Polizist Wache und öffnet uns auf ein Nicken von Superintendent Lestrade. Auf einem dunklen Holztisch liegt in der Mitte des kleinen Nebenraumes ein Toter. Lestrade entzündet die Öllampen, die ringsherum an den Wänden hängen. Durch kreisrunde Spiegelchen hinter der Flamme wird ihr Licht noch verstärkt. Mein Blick fällt auf den Toten. Eine schreckliche Sekunde lang begreife ich nicht ganz, was ich sehe. Da liegen nur Einzelteile! Ein Kopf, der rechte Fuß und der rechte Arm fehlen. Der Rest ist in kleine Teile zerstückelt, aber vorhanden. Es sieht nicht allzu fachmännisch aus, wenn man die Schnittkanten betrachtet. Vom Schlachter kenne ich glattere Schnitte. Andererseits ist für das Schlachten eines Schweines bereits viel Kraft nötig, wie viel mehr dann erst für den Oberschenkelknochen eines Menschen?

„Das ist, nein, das war Lord William Fryfield“, erklärt Superintendent Lestrade. „Er wurde an den Docks aus der Themse gefischt. Die Teile haben sich in einer illegalen Reuse verfangen. Wir denken, der Rest ist auch noch dort in der Themse. Die Suche gestaltet sich aber als kompliziert. Selbst an guten Tagen ist die Themse eine dreckige Brühe und die Parlamentarier im Westminster Palast haben schon die ein oder andere Sitzung beendet wegen des Gestanks.“

„Weil es ein Lord ist, macht man Ihnen also Druck“, stellt Holmes fest und sieht sich die Leichenteile näher an. „Doch was verunsichert Sie so, Lestrade?“

Superintendent Lestrade schließt die Tür. Er sieht uns sehr ernst an. Der Gestank der Leiche nimmt nun stark zu, da kein Luftzug mehr besteht. Ich halte mir ein Taschentuch vor die Nase.

„Es liegt nun fast zwanzig Jahre zurück. Da wurde beim Old Scotland Yard, wie man unser altes Hauptgebäude ja inzwischen nennt, ein Stück einer Frauenleiche gefunden. Es war ein sauber abgetrennter Arm. Er wurde durch die Form der Hand als weiblich deklariert. Später kam ein Fuß an anderer Stelle in London dazu, im Great Western Hotel. Es liegt eine kleine Zugfahrt vom Stadtkern entfernt. Darüber hinaus fand sich ein nicht zugehöriges Bein in der Themse.“

„Ich erinnere mich an einen Zeitungsbericht“, stellt Sherlock Holmes fest und blickt nachdenklich wie in weite Ferne.

„Es war unangenehm, aber nicht mein Fall. Die Presse stürzte sich darauf. Der ermittelnde Detective löste den Fall aber zur allgemeinen Zufriedenheit“, stellt Lestrade fest. Er wirkt dabei nicht so, als würde er das auch so sehen. Ich tippe auf einen ehemaligen Vorgesetzten. „Ich war damals bereits bei Scotland Yard.“

„Die Lösung war?“, frage ich wirklich interessiert. Immerhin sind derartige Funde schon befremdlich. Der Fall ist mir völlig unbekannt.

„Medizinstudenten waren es wohl. Die haben sich einen makaberen Scherz erlaubt. Die Teile waren willkürlich aus der Anatomie-Fakultät entwendet. Soweit zumindest damals das Ergebnis.“

Ich hebe die Augenbrauen.

Sherlock Holmes fragt: „Gab es ein Geständnis der Studenten?“

In seinen Augenwinkeln sehe ich leichte Belustigung, wenn ich mich nicht irre. Superintendent Lestrade schüttelt den Kopf. Sein Rattengesicht bekommt einen härteren Zug um die Mundwinkel als bisher.

„Es war niemand geständig. Aber wenn man alles Unmögliche ausschließt, ist das, was übrigbleibt, die Wahrheit. Das sagen Sie doch selbst immer, Mister Holmes!“

„Und was ist am wahrscheinlichsten in Anbetracht dieser Teile, oder sagen wir Leiche?“, fragt Sherlock Holmes mit Blick auf die Körperstücke. Superintendent Lestrades Schultern sinken merklich etwas herab.

„Dass mein Vorgänger geschlampt hat bei seinen Ermittlungen. Der Fall war unangenehm und die Lösung bequem und schnell. Es könnte eine Verbindung geben.“

Holmes nickt langsam.

„Eine Möglichkeit ist das, ja. Erzählen Sie mir von Lord Fryfield. Der Name ist mir nicht vertraut“, fordert Holmes nun. Er betrachtet die Stücke des Toten mit wachsender Neugier.

„Lord William Fryfield ist dreiundvierzig Jahre alt ... gewesen, ein bekannter Lebemann und Kunstsammler. Im Parlament steht, ich meine, stand er den progressiven Kräften vor. Man sagt, er unterstützte das Frauenwahlrecht und traf sich mit Sozialisten.“

Holmes mustert Superintendent Lestrade dabei kurz.

„Sie wissen etwas, das Ihnen unangenehm ist“, sage ich in das darauffolgende Schweigen. Es ist offensichtlich, dass es noch mehr gibt, das Lestrade unangenehm ist. Superintendent Lestrade nickt.

„Lord Fryfield ist ein in der City bekannter Lebemann, seine Frauengeschichten machen oft die Runde. Aber wer weiß, ob das alles so stimmt.“

„Es ist immer mehr Rauch bei bekannten Persönlichkeiten als Feuer“, stimme ich ihm zu.

„Also gibt es reichlich Motive“, resümiert Holmes trocken.

„Er ist Parlamentarier, was liegt da nicht näher als ein politischer Mord?“, fragt nun Superintendent Lestrade. „Ich lasse bereits überprüfen, über was als nächstes abgestimmt wird.“

Sherlock Holmes schüttelt langsam den Kopf.

„Mein lieber Lestrade, Ihr Eifer in allen Ehren aber schließen Sie besser nicht frühzeitig eine Ermittlungsrichtung völlig aus. Man verrennt sich dann hinterher in eine völlig falsche Richtung. Können Sie uns zu seiner Witwe bringen?“

Superintendent Lestrades Augen springen von Sherlock Holmes zu mir und schließlich nickt er.

„Sicher“, sagt er dabei und wendet sich zur Tür. Er öffnet sie und winkt einen der Polizisten heran, die davorstehen.

„Stower, bringen Sie die beiden Gentlemen zu einer Droschke.“

Er reicht uns einen kleinen Notizzettel.

„Die Adresse des Verstorbenen“, erklärt er dabei das Offensichtliche.

Draußen winken wir uns mit tatkräftiger Hilfe von Stower eine Droschke heran, keine der modernen pferdelosen Droschken, sondern eine der alten Einspännerkutschen. Die Kutsche hat nur eine Achse und der Fahrer sitzt erhoben hinter der Kabine. Die Kabine ist klein und muffig, dennoch mag ich es lieber als ein Automobil. Ob die sich wohl durchsetzen werden? Es wird die Zeit zeigen.

„Zu Lord Fryfields Anwesen bitte, Amuthon-Street 111“, instruiert Sherlock Holmes den Fahrer, während ich bereits einsteige. Genaugenommen hieve ich mich herein, es ist nicht mehr ganz so leicht, diese kleine Stufe hinaufzukommen.

Der Fahrer fährt schnell und die Federung ist nicht mehr die neueste. Mein Bein schmerzt bei jedem Pflasterstein, den wir überfahren. Es schmerzt also beständig. Möglicherweise würde ich dem Automobil doch den Vorzug geben, wenn es denn besser gefedert wäre.

„Ein wirklich interessanter Fall“, konstatiert Sherlock Holmes und notiert etwas in sein kleines ledernes Notizbuch.

„Zweifellos. Solche Brutalität ist selten. Jemanden so zu zerhacken ... befremdlich ist das“, stimme ich zu. Holmes kratzt sich nachdenklich an seinem eckigen Kinn.

„Worunter leiden Sie?“, fragt er mich unvermittelt. Er überrascht mich damit. Fast hätte er mich überrumpelt. Ich lächele nur verlegen und antworte nicht direkt.

„Ich leide, worunter wir alle mehr oder weniger leiden: das Alter, Mister Holmes, das Alter.“

Wir versinken in Schweigen. Holmes fragt nicht weiter nach, worüber ich froh bin.



Kapitel 2: Das Leben des Lord William Fryfield

Etwas später erreichen wir das Anwesen der Familie Fryfield. Es ist ein fast kirchenartiger Bau am Rande Londons mit weiten Ländereien.

Das mittlere Schiff des Gebäudes ist höher als die Seitenschiffe und am uns zugewandten Eingang erkennt man, dass es ein Trikonchos-Bau ist. Es gibt drei deutliche namensgebende Auswölbungen. In einer echten Kirchen wären das Ausbuchtungen neben und hinter dem Altar. Es gibt klassischen Kirchen eine spezielle Kreuzform. Ob wir es hier mit einem Gläubigen oder einem Angeber zu tun haben?

Dieser sechsstöckige Bau ist aber keine Kirche, viele Details verraten, dass er als Wohnhaus konzipiert wurde. Abgesehen davon müsste eine echte Kirche anders ausgerichtet sein. Der Eingang ist stets im Osten, die Apsis im Westen. Dass Jerusalem so wie der Aufgang der Sonne im Osten lagen, dürfte die Baulogik klassischer Kirchen erklären. Hier aber ist es umgekehrt, ich nehme an, dass sich die Arbeitszimmer im Osten befinden. Möglich ist natürlich auch das Schlafzimmer, um sich ganz wie Ludwig der Vierzehnte von der Sonne wecken zu lassen.

Sherlock Holmes klopft an die schwarze Holztür. Ein ergrauter Diener im modischen und vor allem ziemlich neuen Frack öffnet uns. Er hat Augenbrauen dünn wie Striche und eine Hakennase.

„Sie wünschen?“, fragt er mit unüberhörbarem französischem Akzent. Während er redet, bebt der leichte Kropf an seinem Hals. Seine Haltung ist dabei tadellos und sein Blick verrät, dass wir es hier mit einer Schlüsselfigur zu tun haben. Er ist gewissermaßen der Torwächter. Er misst uns mit Blicken und entscheidet, ob wir vorgelassen werden oder unwürdig sind. Zudem hat er den Blick eines Mannes, der um seine Macht weiß.

„Wir wünschen, Lady Freyfield zu sprechen“, erklärt Holmes freundlich. „Wir beraten die Polizei bezüglich des bedauerlichen Mordes an ihrem Mann.“

Der Diener nickt und ich sehe echtes Bedauern und Trauer in seinen Augen aufblitzen. Dann fängt er sich wieder und sein Gesicht wird zur distanzierten Maske, die sein Beruf verlangt.

„Bitte folgen Sie mir in den Naos, ich werde die Lady über Ihr Kommen unterrichten.“

Er führt uns in einen Seitenraum, der mit römischen und griechischen Statuen gefüllt ist. Es ist letztlich nur ein protziges Wartezimmer. Die römisch-griechischen Statuen sind größtenteils aus Bronze, was dafür spricht, dass sie nicht echt sind. Die meisten glauben zwar, dass die Marmorstatuen, die wir kennen, die echten sind, doch das ist nicht ganz richtig. Die Griechen fertigten ihre Skulpturen gerne aus Bronze an, die Römer kopierten diese oft alten Originalstücke dann später gerne in Marmor und verkauften sie an eine breite Oberschicht des Römischen Imperiums. Allerdings gibt es heutzutage kaum echte Bronzestatuen, da sie sich viel zu leicht einschmelzen lassen, als dass sie erhalten bleiben.

Ich lasse mich zufrieden in einen der weichen Lederclubsessel fallen, die hier stehen. Gute Sitzmöbel sind eine echte Wohltat im Alter.

„Er nennt es ein Naos“, stellt Sherlock Holmes leicht amüsiert fest.

„Einen Tempel, auf griechisch“, stimme ich zu und schmunzle.

„Altertümliches ist hier wohl dafür gedacht anzugeben“, resümiert Holmes und sieht sich die Statuen im Raum genauer an.

„Gentlemen“, sagte eine Frau in den späten Dreißigern, als sie den Raum betritt und uns aufschreckt. Sie trägt ein dunkles Kleid, das ihre Figur betont aber gleichzeitig hochgeschlossen ist. Sollte etwas an den Gerüchten über Affären des Lords Fryfield dran sein, liegt es zumindest nicht am Aussehen seiner Angetrauten.

Es wird wohl dann ihr Verhalten sein, das ihn in die Arme anderer Frauen trieb. Oder die Freude am Jagen, das motiviert manche Männer auch. Einige Männer neigen ab einem gewissen Alter dazu, den eigenen Wert noch einmal versichert haben zu wollen. Sie versuchen, jüngere Frauen von sich zu begeistern und bekommen so die Bewunderung, die ihnen möglicherweise zu Hause fehlt. Letztlich suchen wir alle Anerkennung für das was wir tun, egal von wem wir sie letztlich bekommen. Ob diese jungen Frauen nur das Geld der Herren bewundern, ist dabei oft für den Mann zweitrangig oder nicht ersichtlich. Was ihn auch immer dazu brachte, überlege ich, das Aussehen seiner Frau ist es nicht, und verwerfe den Gedanken wieder. Man sollte sich nicht zu schnell auf eine Sichtweise festlegen.

Lady Fryfield hat jedenfalls ein hübsches etwas flaches Gesicht mit verquollenen Augen. Sie hat versucht es zu überschminken, doch es ist erkennbar, dass sie viel geweint hat.

„Sie wollten mich bezüglich des Todes meines Mannes sprechen.“ Ihre Stimme ist kalt und schneidend. Wir stören, das ist offensichtlich. Die Stimme steht auch im Kontrast zu ihren verweinten Augen. Sie bleibt stehen, also tut Sherlock Holmes das auch. Ich erhebe mich mit meinem Stock aus dem bequemen Sessel. Das Leder knirscht dabei in der Stille ungewöhnlich laut.

„Zuerst möchte ich unser Beileid aussprechen“, sage ich höflich. Holmes nickt zustimmend.

Mit einem grazilen Nicken nimmt sie die Beileidsbekundungen an, sagt aber nichts.

„Wüssten Sie jemanden, der einen Grund hatte, Ihren Mann zu töten?“, fragt Holmes unvermittelt. Er möchte sie damit vielleicht aus der Fassung bringen, ihr etwas entlocken. Das gelingt ihm nicht. Dafür gelingt es ihm, sie aufzubringen. Ihre Wangen werden rot, als sie mit keifender Stimme sagt: „Was glauben Sie? Er war ein Mitglied des Parlaments, er war ein Lord. Glauben Sie auch, dass er mich betrogen hat? Als diese widerwärtigen Gerüchte in der Presse ... Sie alle erfreuen sich doch nur am Leiden anderer. Dort wird das Eheleben anderer schamlos thematisiert und nichts kann man unter sich regeln. Er war mein Mann, meiner!“

Beim letzten Wort bohrt sich ihr Zeigefinger in die Luft vor Holmes, und der Finger erinnert mehr an einen Dolch.

Sherlock Holmes hebt unbekümmert eine Augenbraue und mustert sie. Ich glaube, der Gefühlsausbruch dieser Dame ist ihm etwas unangenehm.

„Dann stelle ich die Frage anders, Lady Fryfield: Ihr Mann, der zweifellos Ihnen allein gehörte, hat er von Zeit zu Zeit das Vergnügen anderer Damen gesucht?“

Es blitzt in Lady Fryfields Augen auf. Egal, ob ihr Mann eine Liebschaft hatte oder nicht. Sie jedenfalls glaubt es oder traut es ihm zu. Das schließt sie als Täterin ein, weshalb ich auch Holmes nicht unterbreche. Sofern sie die Bedrohung durch andere Frauen als groß genug einschätzte, ist sie eine mögliche Täterin.

„Wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesehen?“, frage ich dazwischen. Ich denke nicht, dass wir ihr auf diese Weise mehr entlocken können, ihr Gesicht ist wieder eine Fassade und sie hat sich unter Kontrolle. Er hat sie wütend gemacht. Hoffentlich verrät sie uns nun noch genug, was wir wissen müssen.

„Gestern, als er in der Frühe losfuhr“, erwidert sie kurz angebunden. Sie mustert mich und Sherlock Holmes noch einmal. „Ich muss mir Ihre Anschuldigungen nicht anhören.“

Der Diener betritt den Raum, abwartend ob er uns hinausgeleiten soll. Er scheint durch ihren Ausbruch alarmiert zu sein.

„Wohin wollte er?“, fragt Holmes, ihre Bemerkung ignorierend.

„Das geht Sie nichts an“, zischt sie und bedeutet uns mit einer Bewegung zu gehen. Ich frage mich, ob ich der einzige bin, der stattdessen hört „ich weiß es nicht“.

Der Diener sieht erwartungsvoll zu uns. Lady Fryfields Gesichtsausdruck lässt mich vermuten, dass sie es gar nicht genau weiß und deswegen so gereizt ist. Dieses Ehepaar scheint schon länger mehr nebeneinander als miteinander zu leben.

„Guten Tag“, verabschiedet uns Lady Fryfield und lässt uns einfach stehen. Sie hätte auch „hinaus“ rufen können, so wie sie es betont hat. Der Diener bringt uns derweil zur Tür, die krachend hinter uns ins Schloss fällt.

„Sie scheint schon länger nicht mit ihrem Mann geredet zu haben“, stellt Holmes fest. „Zumindest nicht mehr als oberflächlich.“

Ich nicke.

„Ihre Krähenfüße sprechen für Stress und einige wache Nächte, ihre abgekauten Nägel ebenso für Ärger im Haus. Ihre Augen sind sehr verweint, aber nicht erst seit heute. Zudem passt ihr Kleid nicht“, bemerkt Holmes, während wir zurück zur Droschke gehen. „Sie hat mindestens fünf Pfund zugenommen. Frustrationsessen, denke ich. Ein Phänomen der gelangweilten gutverdienenden Schicht.“

„Ihre Probleme werden ihr aber genauso dramatisch erscheinen wie die Frage des Arbeiters, am Ende des Monats mit wenig Geld über viele Tage zu kommen.“

„Natürlich, ich meinte eher: Man muss genug Geld haben, um aus Frust zu essen, nicht aus Hunger.“

„Finanziell steht es wohl gut, ja. Das Haus ist gut gepflegt. Mit Garten gibt es sicher, denke ich, mindestens neun Diener.“

Wir gehen gemäßigt zurück zur wartenden Droschke. Der Kutscher raucht seine Pfeife und nickt uns zufrieden zu. Auch diese Wartezeit wird ihm immerhin vergütet. Plötzlich hält eine andere Droschke, ein Mann steigt aus. Er hat es eilig. Er hat einen abgetragenen braunen Tweedanzug an. Unter dem Arm hat er eine Aktentasche aus Leder. Sie ist, wenn auch hochwertig, schon einmal geflickt worden.

Er versucht nach mehr Geld auszusehen, als er besitzt, denke ich. Irgendein Aufgestiegener vielleicht, oder jemand in finanziellen Nöten?

„Guten Tag die beiden Gentlemen. Ich bin Patrick Lynche, Antiquitätenhändler“, begrüßt er uns mit einem gewinnbringenden Lächeln. Er hebt dabei seinen Bowlerhut. Der Mann will uns etwas verkaufen, er hat diese besondere Körperhaltung ...

„Die Herren Holmes und Dupin“, stellt Sherlock uns kurz vor und ergreift die dargebotene Hand.

„Sollten Sie wie die Fryfields große Begeisterung für die griechisch-römische Antike haben, kommen Sie doch mal in mein Geschäft in Whitechapel im East End.“

Ich sehe Holmes‘ Augenbrauen hochschnellen, was Mister Lynche wohl auch nicht entgeht.

„Ich weiß, das ist keine gute Adresse, viele arme Arbeiter ... Aber Statuen und Fresken nehmen Platz weg, da habe ich ein sehr platzintensives Gewerbe. Und keine schlechte Nachbarschaft, seien Sie versichert.“

Er zeigt ein gewinnbringendes Lächeln, das ihn wirklich fast ...

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