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Krieger und Magier

Alfred Bekker

Krieger und Magier

Fünf Fantasy Romane des ELBEN und DRACHENERDE Autors





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Krieger und Magier

Fünf Fantasy Abenteuer von Alfred Bekker

© by author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Dieses Ebook enthält folgende Erzählungen und Romane:

Axtkrieger – Der Namenlose

Nebelwelt – Das Buch Whuon

Dway'lion der Magier

Gefährten der Magie

Keduan – Planet der Drachen

Der Umfang dieses Buchs entspricht 666 Taschenbuchseiten.

AXTKRIEGER – Der Namenlose

Kryll, der junge König von Pragan ist ohne Macht. Sein Reich ist mehr oder weniger auseinandergefallen und wird von außen bedroht. Da bietet der geheimnisvolle Namenlose, eine düstere, von einer Kutte verhüllte Gestalt, die eine monströse Streitaxt mit sich führt, dem jungen König seine Hilfe an. Der Namenlose behauptet, ein Diener des Schattenlandes zu sein und verspricht ihm Hilfe durch die Schattenkrieger, deren Arme nie erlahmen. Viel zu spät bemerkt Kryll, dass er längst ein Spielball jener Kräfte geworden ist, die er selbst gerufen hat... Und so vollzieht sich im Verlauf der Handlung eine doppelte Wandlung: Kryll wird immer mehr zu einer Kreatur des Schattenlandes, während sich der Namenlose mehr und mehr seiner verschütteten Menschlichkeit erinnert.



INHALT

Erstes Buch: KRYLL

1. Die Gesandten

2. Ein König ohne Macht

3. Ein Fremder ohne Namen


Zweites Buch: DER RING VON KULDAN

1. Die Prophezeiung

2. Das Monstrum aus der Tiefe

3. Die Zitadelle des Ringes

4. Die Ringwächter


Drittes Buch: DER SPIEGEL VON UZ

1. Die gläsernen Dämonen

2. Der Kampf um den Spiegel

3. Die Eismenschen

4. Gefangen in der Eisfestung

5. Der katzengesichtige Magier

6. Auf den Schwingen des weißen Vogels


Viertes Buch: DAS HEER DER SCHATTEN

1. Eine Versammlung in Wallana

2. Das Tor der Finsternis

3. Der Lärm vieler Schlachten


Fünftes Buch: SHYRKONDAR

1. Die Armee der Toten

2. Im Nebel der Illusionen

3. Der Zwerg Thauriach

4. Der Kampf mit dem weißen Vogel


Sechstes Buch: DER NAMENLOSE UND DER STEUERMANN

1. Die Fahrt über das Schattenauge

2. Das Dorf der Schatten

3. Verblassende Schatten



Erstes Buch: KRYLL

"Es war im Jahre 7462 nach Gründung der Stadt Ilkyn, als Kryll von Arkull den Thron von Pragan, dem großen Inselreich im Norden, bestieg. Die hohen praganischen Lords hatten Kryll auf ihrer Versammlung in Wallana zum Nachfolger ihres Königs Hangi gewählt, der in seiner Heimatstadt Thront einem Giftattentat zum Opfer gefallen war. Die Mehrzahl der Lords vermutete, dass die Drahtzieher dieses Anschlags im Königreich Remur zu suchen waren, aber dies konnte nie bewiesen werden.

Der Thron von Pragan war keine leichte Aufgabe, denn das Land war arm. Auf der von einem rauen, kalten Klima gezeichneten Insel konnte man kaum etwas anbauen. So mussten die Praganier oft Raubzüge unternehmen, welche sie vor allem nach Remur, Naru und Dagarien führten. Die praganischen Schiffe waren die Schrecken der Meere und natürlich trugen sie nicht zu guten Beziehungen mit den Nachbarländern bei..."

(Aus der GESCHICHTE DER WELT, einem Werk des Geschichtsschreibers Yulariz aus Kroz Dor)



1. DIE GESANDTEN

Wild donnerte die Brandung gegen die Felsen, auf denen Burg Arkull errichtet war.

Kryll, der neue König von Pragan, hatte es abgelehnt, seine Residenz in die Landeshauptstadt Wallana zu verlegen. Er wollte auf seiner Heimatburg bleiben.

Die Sonne stand schon tief am Horizont, als die kleine Gruppe von Reitern sich der Burg näherte. Es waren alles schwerbewaffnete Krieger, die in fremdartige Gewänder gehüllt waren. Kunstvolle Ornamente zierten ihre Rüstungen.

"Herr!", sagte einer der Männer zu dem offensichtlichen Anführer der Gruppe. "Herr, der Karte nach muss dies Burg Arkull sein!"

"Ja", kam die missmutige Antwort.

"Graf Yakurul, ich schlage vor, dass wir jemanden vorausschicken, der unsere Ankunft ankündigt!"

Der Graf drehte sich zu dem Sprecher herum.

"Ich glaube kaum, dass dies nötig sein wird, Lirahat!"

"Vielleicht lauert in diesem alten Gemäuer eine Falle", erklärte Lirahat jetzt in gedämpftem Tonfall.

Die Züge Yakuruls veränderten sich.

"Niemand würde es wagen, den Botschafter und Vertrauten des Königs von Remur anzugreifen! Nicht einmal Kryll von Arkull ist so eine verwegene Tat zuzutrauen!"

"Die Praganier haben schon ganz andere Dinge gewagt! Wyllck, Kruss, Doban, Kenun - fast jede unserer großen Küstenstädte ist schon von praganischen Piraten angegriffen worden! Ihre Schiffe will man seit einiger Zeit auch an den Küsten von Kroz und Lukkare gesichtet haben. Seit auf der Hut, Herr! Die Praganier gehören zum Hinterlistigsten, was die Götter geschaffen haben!"

Yakurul schüttelte trotz allem den Kopf.

"Wir sind in Sichtweite der Burg, Lirahat. Wenn man uns etwas hätte tun wollen, dann wäre das schon längst geschehen."

Lirahat wagte es nicht, dem Grafen ein weiteres Mal zu widersprechen. Doch ihm war anzusehen, dass er mit dessen Ansichten nicht übereinstimmte.

"Die Burg sieht wirklich sehr alt aus", meinte eine der anderen Männer fast ehrfürchtig.

Und jemand anderes setzte hinzu: "Seit über 500 Jahren residieren hier die Lords von Arkull!"

Diese Burg musste wirklich schon seit Urzeiten hier stehen, dachte Yakurul.

Und doch machten ihre massiven Mauern einem sofort klar, dass sie einem Angriff ohne Weiteres standzuhalten vermochte.

Einige wenige Wachen patrouillierten hinter der Brustwehr auf und ab.

Der Reitertrupp kam jetzt den schmalen Felspfad empor, der zum Burgtor führte.

Sie erreichten den Burggraben, über den nur die im Augenblick hochgezogene Zugbrücke führte. Der Graben war nichts anderes, als eine Spalte im Fels - aber er erfüllte seinen Zweck nur zu gut.

Yakurul wagte es nicht, hinab in den Abgrund zu schauen. Stattdessen hob er den Kopf.

"Lasst die Brücke herunter und macht das Tor auf!", rief der Graf.

Eine Wache blickte über die Brüstung.

"Wer seid Ihr?"

Der Ton war misstrauisch, aber nicht unfreundlich.

"Ich bin Graf Yakurul, der Botschafter des Königs von Remur. Ich muss mit Eurem König sprechen!"

Der Wächter nickte.

"Ich werde den König fragen, ob er Euch Einlass gewährt, Graf!" Damit war er dann verschwunden.

"Vielleicht ruft er nur seine Leute zusammen, um uns gefangenzunehmen", raunte Lirahat.

"Wir müssen abwarten!", zischte der Graf ungehalten. Er klopfte den Nacken seines Pferdes. "Zu viel Misstrauen kann schaden, mein Freund!"

"Aber wenn man zu wenig davon hat, kann das zuweilen tödlich sein, Graf Yakurul", erwiderte Lirahat.

Der Graf wollte etwas entgegnen, doch kam in diesem Moment der Wächter zurück.

"Der König erlaubt Euch, in der Burg zu verweilen! Ihr seid seine Gäste! Ich werde nun die Brücke hinunterlassen!"

"Richtet Eurem König aus, wie dankbar ich ihm bin!", rief Yakurul dem Wächter zu.

Doch dieser war bereits wieder verschwunden.

Knarrend und ächzend, mit lautem Stöhnen und Quietschen, kam nun die Zugbrücke herab.

Als sie unten war, ging das Tor auf.

Yakurul erschien die Brücke als reichlich morsch und ihm war im ersten Moment nicht wohl bei dem Gedanken, sie überqueren zu müssen.

Die Brücke ächzte zwar bedenklich, als der Graf sie mit seinem Gefolge passierte, aber sie hielt.

Dann erreichten sie den Burghof, der auf Yakurul jetzt größer wirkte, als er von außen vermutet hatte.

"Jetzt werden wir sehen, ob es sich nicht doch um eine Falle handelt", wisperte Lirahat in remurischer Sprache, damit die Praganier nichts mitbekamen. Der Graf erwiderte nichts.

Merkwürdig, dachte er, von innen sieht Burg Arkull gar nicht so verfallen und ruinenhaft aus. Der äußere Anschein trog, daran gab es keinen Zweifel.

Ein Knecht half dem Grafen geschickt aus dem Sattel.

"Um Euer Pferd kümmern wir uns! Ebenso um die Pferde derer, die mit Euch gekommen sind!"

Yakurul nickte dem Knecht zu.

"Gut! Bringt mich nun in mein Quartier!"

Die Worte des Grafen klangen zufrieden. Lirahat trat an seine Seite.

"Seid vorsichtig, mein Graf! Überall könnte hier der Tod lauern!"

"Das glaube ich nicht, Lirahat!"

"Aber..."

"Seht lieber zu, dass Ihr unsere Gastgeber nicht beleidigt, denn in diesem Fall könnte diese Burg tatsächlich zu einer Falle werden. Zu einer tödlichen Falle..." Yakurul wandte sich wieder an den Knecht. "Geh voraus und zeige mir das Quartier, das dein Herr mir zugedacht hat."

Der Knecht nickte untertänig.

"Mein Graf! Ihr könnt unmöglich von mir erwarten, dass ich Euch mit diesem...", er deutete mit einer abfälligen Bewegung auf den Knecht, "...diesem Kerl hier alleine lasse!"

Einen Moment lang blickte Yakurul sein Gegenüber scharf an. So scharf, dass Lirahat fast zusammenzuckte.

Der Graf wandte sich wieder an den Knecht.

"Nun komm schon! Zeig mir jetzt endlich das Quartier!"

Yakurul wandte sich zum Gehen.

"Mein Graf!", rief Lirahat.

"Was ist noch?"

Der Graf bemühte sich, trotz allem freundlich zu bleiben.

Trotzdem schlich sich eine Spur Ungehaltenheit in seinen Tonfall hinein.

"Ich bestehe darauf, Euch zu begleiten!"

Yakurul nickte.

"Kommt mit, wenn Ihr es für nötig haltet!"

Zusammen folgten sie dann dem Knecht.


*


Sie wurden in einen schlicht, aber geschmackvoll ausgestatteten Raum geführt. An den Wänden hingen mit Ornamenten verzierte Teppiche. In der Mitte stand ein Tisch mit zwei Stühlen. In einer Ecke war ein weiches Lager zum Schlafen zu sehen.

"Nicht ganz das, was ich aus Remur gewohnt bin - aber ich werde mich hier wohlfühlen", meinte Graf Yakurul, wobei er sich auf das Lager warf.

"Hier..."

Der Knecht deutete auf eine kunstvoll gearbeitete Glocke, die auf dem Tisch ihren Platz hatte. "Wenn Ihr etwas braucht, dann läutet nur!"

"Danke. Du kannst jetzt gehen!", gab der Graf zurück. Der Knecht verneigte sich und verließ den Raum.

"Warum seid Ihr nur so misstrauisch, Lirahat! Hier sind doch alle sehr freundlich zu uns, oder etwa nicht?"

"Warten wir erst einmal ab, wie der König sich verhält. Er hat es es hier zu sagen - nicht dieser Knecht!"

"Hört mir zu, werter Lirahat. Wenn wir Freundlichkeiten aussähen, so werden wir auch entsprechend ernten."

"Freundlichkeiten? Mein Graf, Ihr vergesst die tiefgreifenden Differenzen zwischen Remur und Pragan!"

"Differenzen sind noch lange kein Grund, um die Formen über Bord zu werfen! Also, reißt Euch zusammen, mein Freund! Sonst wird diese Geschichte noch ein böses Ende nehmen!"

"Wenn Ihr nicht mit der nötigen Wachsamkeit vorgeht, kann das noch weitaus schlimmere Folgen haben!"

"Nun, gleichgültig, wie Ihr auch darüber denken mögt, Lirahat! Ich befehle Euch, Euch zurückzuhalten. Habt Ihr mich verstanden?"

"Ja."

Die Stimme Lirahats klang dumpf und ausdruckslos.

"Und nun lasst mich bitte allein!"

"Jawohl."

Lirahat verneigte sich tief und verließ dann auch den den Raum. Yakurul war nun allein.

Gedankenverloren lag er auf dem weichen Lager.

Hoffentlich erreiche ich beim König, dass die Überfälle auf die Küstenstädte aufhören, sonst sehe ich für die Beziehungen zwischen unseren Ländern schwarz, überlegte der Graf. Er schnallte sein Schwert ab und legte es neben sich auf das Lager.

Als dann völlig unerwartet eine Gestalt den Raum betrat, richtete er sich augenblicklich auf. Es schien ein Ritter zu sein, ein ganz gewöhnlicher praganischer Ritter - und doch umgab diesen Mann eine Aura, die Yakurul unwillkürlich fesselte.

"Wer seid Ihr?", fragte der Graf.

"Ich bin der König", kam es knapp zurück.

Graf Yakurul runzelte unwillkürlich die Stirn.

"Ihr seid Kryll von Arkull?"

"Ja, so ist es."

Der Graf erhob sich nun von seinem Lager und richtete sich zu voller Größe auf. "Ich hatte mir den König von Pragan etwas anders vorgestellt", bekannte er dann freimütig und mit einem schwachen Lächeln um die Lippen.

Der König lächelte zurück.

"Und wie, wenn ich fragen darf?"

"Ich dachte, Ihr wäret wie alle Könige sind! Aber Ihr scheint mir anders zu sein, Kryll von Arkull! Zum Beispiel tragt Ihr die Kleidung eines einfachen Ritters, nicht die Gewänder eines Herrschers!"

"Stört Euch diese Tatsache?"

In Krylls Worten schwang eine Spur Spott mit.

"Es verwirrt mich etwas. Ich bin so etwas nicht gewöhnt!"

Kryll nahm auf einem der beiden Stühle Platz, die sich im Raum befanden. Der Graf folgte seinem Beispiel und nahm den anderen.

"Kein Wunder", lachte Kryll. "Die Könige von Remur sind ja auch für ihre Arroganz und Großmannssucht bekannt!"

Yakuruls Gesicht verfinsterte sich.

"Ihr wollt mich doch wohl nicht beleidigen, mein König?", fragte mit drohendem Unterton.

Kryll blieb hingegen gelassen, fast heiter.

"Sollte ich Euch mit meiner Bemerkung beleidigt haben, so bitte ich vielmals um Entschuldigung."

"Vielleicht sollten wir nun zum eigentlichen Gesprächsthema kommen: Den Beziehungen zwischen unseren Ländern", schlug der Graf vor. Und bei sich dachte er: Er nimmt das Leben für einen Regenten nicht ernst genug!

Dann sah Graf Yakurul, wie sein Gegenüber bedächtig, aber doch bestimmt, den Kopf schüttelte.

"Dafür ist noch immer Zeit." Er lächelte. "Es besteht wirklich nicht der geringste Anlass zur Eile."

"Keine Eile?"

Der Graf erhob sich von seinem Platz. Empörung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

"Ich will Euch etwas sagen, mein König: In diesem Augenblick greift eine Eurer Piratenflotten vielleicht Darjos, Shian oder sonst einen unserer Häfen an und versucht, ihn auszuplündern. Und was sagt Ihr dazu, mein König? Keine Eile!"

Der Graf schüttelte den Kopf. "Es ist nicht zu fassen!", rief er laut aus.

Auch über das Gesicht des Königs hatte sich indessen ein düsterer Schatten gelegt.

"Ich wusste, dass Ihr deshalb kommen würdet, werter Graf. Leider kann ich Euch nicht helfen." Die Stimme Krylls war heiser geworden.

Yakurul beugte sich nun vor und stützte sich mit beiden Händen auf dem Tisch auf.

"Nun habe ich die gefährliche Seereise nach Alark und den anschließenden, nicht minder gefährlichen Landweg nach Arkull auf mich genommen - und das alles nur, damit Ihr mir sagt, dass Ihr mir in dieser Sache nicht helfen könnt?"

Yakurul ging zum Fenster und blickte hinaus auf die See. Am Strand lagen sie: die gefährlichen und schnellen Langschiffe der Praganier. Die Hafenanlagen von Arkull waren nur sehr spärlich ausgebaut, aber die Schiffe der Praganier benötigten im Grunde genommen gar keine Häfen. Sie konnten fast überall landen und anlegen.

Ihr Hafen war die gesamte Küste der Welt...

"Ich dachte, dass Ihr ein König seid, Kryll", keuchte Yakurul bitter.

"Das bin ich", erwiderte Kryll, nicht ohne verletzten Stolz. Er hatte sich inzwischen ebenfalls erhoben. Jetzt kam er neben den Remurier ans Fenster.

"Wenn Ihr hier der König seid, weshalb könnt Ihr dann nichts gegen die Piraterie Eurer eigenen Flotte tun?"

"Auch einem König sind Grenzen gesetzt!"

"Jedem König sind Grenzen gesetzt, aber diese Grenzen dürfen auf keinen Fall im eigenen Land liegen!"

Kryll zuckte mit den Schultern.

"Die Lords haben in diesem Land zu viel Macht, als dass ich ihnen die Piraterie verbieten könnte..."

Yakurul wandte seinen Blick den Langschiffen zu, die an der Küste festgemacht hatten.

Ihre Schiffe sind gefährlich, dachte der Graf. Remur täte gut daran, die Praganier nicht zu unterschätzen.

"Ich fürchte, es wird zum Krieg kommen, wenn Ihre Flotten die Räuberei weiter fortsetzen", meinte Graf Yakurul dann. "Wir haben bereits ein Bündnis mit Dagarien geschlossen."

Kryll zuckte die Achseln.

"Ich werde Euch nicht daran hindern können, gegen mein Land zu Felde zu ziehen!"

Er amüsiert sich über mich, dachte Yakurul.

Der Graf wandte sich von Kryll ab und lief ein paar Schritte hin und her.

Als er dann den Blick wieder auf Kryll richtete, sah er er, dass das Gesicht seines Gegenübers jetzt nicht mehr so gelöst wirkte.

"Ihr müsst auch unsere Seite verstehen, Graf! Wovon sollen die Praganier leben? Unser Land ist karg. Oben im Norden taut der Boden nur für wenige Monate im Jahr einige Zentimeter tief auf. In den letzten Jahren sind die großen Fischschwärme ausgeblieben, so dass viele Menschen bei uns in wirkliche Bedrängnis gekommen sind. Bei Euch in Remur kann man sich so etwas vielleicht nicht vorstellen. Schon gar nicht in den Palästen, in denen Euresgleichen zu wohnen pflegt, Graf Yakurul! Ihr habt Euch über meine Kleidung gewundert! Wäre mein Land fruchtbarer, die Fischschwärme beständiger, so könnte ich hohe Steuern erheben und mich auch mit solcher Pracht umgeben, wie man es dem König von Remur nachsagt! Aber dieses Land ist arm. Und die Armut macht auch vor seinem König nicht Halt!"

Yakurul schwieg eine Weile. Er schien zu überlegen, wie er weiter vorgehen sollte.

"Ihr schweigt, Graf Yakurul?"

Der Graf atmete tief durch.

"Was soll ich darauf noch erwidern? Ich habe alles gesagt, was zu sagen war. Meine Pflicht ist somit getan. Wie Ihr Eure Lords dazu bewegen könnt, die Räuberei aufzugeben, ist Euer Problem, nicht das meinige. Falls es Euch allerdings nicht gelingen sollte, die Lords zu überzeugen, nun... Dann wird es eben Krieg geben! Und Ihr könnt Euch sicherlich an zwei Fingern abzählen, dass Pragan in einem solchen Kampf nicht den Hauch einer Chance hätte! Nicht eine Schlacht würde an die Praganier gehen!"

Der König gewann sein altes Lächeln zurück.

"Wenn die Praganier wirklich so leicht zu schlagen sind, wie Ihr behauptet, dann verstehe ich nicht, warum Ihr Euch so sehr vor ihren Überfällen fürchtet!"

Der Graf antwortete nicht.

Stattdessen fuhr Kryll fort: "Höchstwahrscheinlich hat man in Remur große Angst vor uns, denn sonst hätte Euer König es nicht für nötig befunden, sich mit Dagarien gegen uns verbünden zu müssen! Was Ihr sagtet, hat weder Hand noch Fuß! Ihr wollt mir Angst machen, aber das soll Euch nicht gelingen! Ich lasse mich nicht auf die gleiche Weise einschüchtern, wie Ihr dies vielleicht von Euren dagarischen Verbündeten gewohnt seid!"

Graf Yakurul trat an den König heran und baute sich vor diesem auf. Sein Herzschlag musste ihm vor Erregung bis zum Hals gehen. Er war rot angelaufen.

Gut, dass er sein Schwert abgelegt hat, dachte der König unwillkürlich.

Deutlich sah er die nackte Wut im Gesicht des Grafen.

"Wagt es nicht noch einmal, uns und unsere Verbündeten zu beleidigen. Ihr verspielt Eure letzten Sympathien, die Ihr noch bei uns genießt."

Kryll verzog das Gesicht.

"Sympathien? Wer würde uns schon in Remur Sympathien entgegenbringen? Reden wir doch nicht von Dingen, die es nicht gibt und die es in den nächsten hundert Jahren auch nicht geben wird!"

Plötzlich hielt Kryll inne.

Es ist unsinnig, dass wir gegenseitig Beleidigungen austauschen, dachte er. Der König bedachte den Grafen mit einem nachdenklichen Blick und erschrak über den Grimm, der ihm aus den Augen des anderen entgegenschlug. "Wenn die hohen Lords von Pragan nicht einsehen, dass sie mit dem Rauben aufhören müssen - nun, dann wird es eben Krieg geben. Genau, wie Ihr sagtet, Graf Yakurul." Ein kurzes Schulterzucken folgte, so als wäre dies eine unumstößliche Tatsache, etwas, dass mit aller Gewissheit eintreten würde, ganz gleich, was man auch immer dagegen unternähme.

"Ihr nehmt das mit einer erstaunlichen Gleichgültigkeit", stellte Yakurul nicht ohne Bitterkeit fest. Die Augen des Grafen waren zu schmalen Schlitzen geworden, als er dann mit vor Hohn triefender Stimme sagte: "Euer Volk wird Euch dafür bis in alle Ewigkeit hinein dankbar sein, König Kryll!"

Aber Kryll antwortete keineswegs in derselben Schärfe.

"Alles, was ich tun kann ist folgendes: Ich kann den Rat der Lords in Wallana einberufen. Dazu habe ich das Recht. Sie werden dann entscheiden, was geschieht - ob es Krieg oder Frieden geben wird!"

Kryll sah die Enttäuschung im Gesicht seines Gegenübers und so setzte er noch hinzu: "Mehr kann ich nicht tun!"

Er hasst mich, durchfuhr es den König in diesem Moment, als das Blitzen in Graf Yakuruls Augen sah.

Kryll fragte dann nach einer kurzen Pause den Grafen: "Wie lange werdet Ihr noch mein Gast sein, Graf Yakurul?"

Yakurul hob sein finster gewordenes Gesicht.

"Ich werde Euch nicht länger als unbedingt nötig belästigen. Morgen früh reise ich mit meinem Gefolge ab!"

Kryll nickte.

"Ich wünsche Euch eine gute Nacht, Graf Yakurul", sagte er dann, bevor er sich zum Gehen wandte. Mit weiten Schritten verließ er dann den Raum, ohne sich noch einmal umzuwenden.

Graf Yakurul verharrte schweigend.



2. EIN KÖNIG OHNE MACHT

Knarrend ging am nächsten Morgen das Burgtor herab. Graf Yakurul und seine Männer verließen Burg Arkull. König Kryll war auch gekommen, um dem Abschied beizuwohnen, der im übrigen sehr kurz und wenig herzlich ausfiel.

Mit versteinerten Gesichtern zogen die Remurier davon und wenig später schloss sich das Tor von Burg Arkull hinter ihnen. Die Zugbrücke wurde mit einem unüberhörbaren Ächzen hochgezogen.

"Sagt mir, mein König: Was wollten diese Remurier von Euch?", fragte dann jener Ritter, der Kryll zur Rechten stand. Es war Norjan, einer der verdientesten Gefolgsleute des Königs.

"Sie wollten, dass ich die Piraterie untersage!"

Über Norjans Züge huschte ein Schatten.

"Und was hat mein König ihnen gesagt?"

"Ich werde den Rat der Lords einberufen. Er wird entscheiden. Die Remurier drohen mit Krieg, falls praganische Piraten weiterhin ihre Küsten heimsuchen."

"Wäre ein Krieg für uns nicht sehr willkommen?", meinte Norjan. "Er würde das Volk von seiner Not und den Schwierigkeiten, die wir haben, ablenken!"

Doch der König schüttelte den Kopf.

"Ich denke da anders, mein Freund. Doch ich werde den Rat entscheiden lassen!"

"Warum eigentlich - wenn diese Frage erlaubt ist, mein König!"

"Weil ich nichts, aber auch gar nichts tun kann, wenn die Lords nicht hinter mir stehen!" Und insgeheim fragte Kryll sich, weshalb es überhaupt noch einen König von Pragan gab, da dieser doch kaum Befugnisse hatte.

"Ich bin dafür, dass Ihr diese Frage allein entscheidet, König Kryll. Damit würdet Ihr gegenüber den Lords ein Signal setzen, ihnen zeigen, dass der König noch Herr über sein eigenes Land ist", sagte Norjan.

Der König zuckte mit den Schultern und schlenderte gemeinsam mit Norjan über den Burghof.

"Eben das ist der Kern des Problems", erwiderte Kryll. "Ich habe keine Macht! Die Lords bestimmen, was im Lande gespielt wird. Es ist mir nie so klar gewesen, wie in diesem Augenblick: Ich bin lediglich eine Marionette!"

Tiefe Bitterkeit sprach aus diesen Worten und ein kleiner Schuss Verzweiflung schwang wohl auch in seiner Stimme mit.

Norjan versuchte ein Lächeln.

"Es liegt an Euch, ob der Thron an Macht gewinnt oder nicht. Eure Vorgänger haben viele ihrer Befugnisse aus der Hand gegeben und ist es nun an Euch, sie für die Krone zurückzuerobern! Ihr müsst die Lords in ihre Schranken weisen, ihnen sagen, wo der Weg ist, den sie zu nehmen haben! Nur so können wir das Land auf die Dauer vor dem Zerfall und dem Chaos retten. Schon jetzt gebärdet sich jeder einzelne dieser Lords wie ein kleiner König! Nicht mehr lange und es wird Anarchie ausbrechen! Einer wird gegen den anderen kämpfen!"

"Oh, Freund Norjan, ich glaube, jetzt übertreibt Ihr ein wenig! Von Anarchie kann noch lange keine Rede sein!"

Norjans Züge waren jetzt sehr ernst.

"Bis zur Anarchie wird es vielleicht gar nicht kommen, denn zuvor werden uns die Remurier in ihr Reich einverleiben. Aber gerade um das zu verhindern, müssen wir einig sein."

Kryll kratzte sich am Kinn.

Er schien unschlüssig darüber zu sein, was getan werden sollte.

Im Grunde habe ich Norjans Ideen schon längst akzeptiert, dachte der junge König bei sich.

Dann meinte er: "Ich werde in jedem Fall auf Widerstand stoßen, wenn ich meine Entscheidungen in dieser Frage getroffen habe. Was werden die Lords sagen, die mit meiner Entscheidung nicht zufrieden sind? Womöglich erklären sie dem Königtum den offenen Krieg! Lasse ich aber den Rat entscheiden, so trage nicht ich die Verantwortung, sondern die Lords selbst!"

Norjan dachte: Er hat Angst davor, Verantwortung zu tragen. Eine Eigenschaft, die eines Herrschers unwürdig ist...

"Jemand, der keine Verantwortung zu tragen bereit ist, braucht nicht damit zu rechnen, jemals mächtig zu werden", erklärte der Ritter dann kalt.

Den König erschrak über die Härte, mit der diese Worte ausgesprochen wurden.

Kryll erkannte, dass er von einem Mann wie Norjan noch viel lernen konnte.

Norjan wäre ein besserer König als ich, durchfuhr es ihn. Er war von seinen eigenen Gedanken überrascht. Ich darf nicht an mir zweifeln, rief es in ihm.

"Was würdet Ihr also vorschlagen, Norjan?", erkundigte sich Kryll dann. "Ich bin ganz Ohr!"

Die Stimme des Königs klang leise, vielleicht auch ein wenig zaghaft.

Er fühlte sich seiner Haut nicht so recht wohl.

"Ich würde ruhig auf einen Krieg mit Remur ankommen lassen, mein König!", erklärte nun Norjan im Brustton der Überzeugung.

Der König und der Ritter hatten nun eine Bank im Freien erreicht und setzten sich.

"Ein Krieg?" Die Stimme des Königs klang besorgt. "Könnte ein Krieg meine Position nicht auch erheblich schwächen?"

"Ganz im Gegenteil! Wenn der Krieg erst da ist, werden die Lords schon zusammenfinden, dessen bin ich mir sicher! Sie wissen genau, dass sie einzeln nicht den Hauch einer Chance gegen die Remurier haben. Deshalb werden sie wohl oder übel zu Euch halten, mein König."

"Bleibt nur zu hoffen, dass die Lords ebenso klug sind, wie Ihr es seid, Freund Norjan. Was geschieht, wenn sie mir sogar im Angesicht des Krieges die Loyalität verweigern? Was dann?"

Norjan machte ein unbestimmtes Gesicht.

"Ein gewisses Risiko müssen wir in Kauf nehmen, da geht kein Weg dran vorbei! Wenn tatsächlich der von Euch geschilderte Fall eintreten sollte, so müssen wir dann überlegen, was zu tun ist. Aber jetzt sollte uns das nicht belasten." Er machte eine Geste mit der Rechten. "Wer weiß, mein König! Vielleicht kommt es ja gar nicht zum Krieg! Vielleicht geben die Remurier doch noch klein bei und alles war nichts weiter als Donnergrollen ohne Blitz. Wer kann das heute schon voraussagen?"

Die Remurier werden nicht nachgeben, dachte der König. Wie konnten sie auch? Sollten sie hinnehmen, wie ihre Städte geplündert wurden? Wie praganische Piraten ihre Schiffe überfielen? Nein, für die Remurier gab es keinen anderen Weg, als den, den Graf Yakurul gegenüber König Kryll aufgezeigt hatte.

"Den Rat der hohen Lords von Pragan werden wir auf jeden Fall nicht einberufen!" Norjans Stimme klang fest und bestimmt.

"Warum nicht? Nichteinmal, um den hohen Herren meine Entscheidung mitzuteilen?"

"Nicht einmal dazu. Euren Entschluss werdet Ihr ihnen durch Boten schriftlich überbringen!"

"Warum das?"

"Nun, mein König, es ist nicht gut, wenn die Lords alle an einem Ort sitzen. Sie können sich dann untereinander zusammentun und möglicherweise Gegenmaßnahmen aushecken! Ihr wisst so gut wie ich, dass Ihr nicht der erste König von Pragan wärt, der einer Intrige eben jener Lords zum Opfer fiele, die ihn kurz zuvor noch zu ihrem Anführer gewählt hatten!"

Kryll bedachte Norjan mit einem nachdenklichen Blick.

Er ist fast wie ein Vater zu mir, dachte er.

"Wir wollen hoffen, dass alles so kommt, wie Ihr Euch das gedacht habt, Norjan", sagte er dann langsam. Ein Schuss von Traurigkeit und Resignation lag in der Stimme des Königs - etwas, das auch Norjan keineswegs entging.

"Ich kann Euch verstehen, Kryll! Es ist nicht gerade erfreulich, ein König ohne Macht zu sein. Aber ich werde Euch helfen, dass dieser Zustand geändert wird. Darauf könnt Ihr Euch verlassen."

Der König nickte schwach.

Bin ich überhaupt noch im Stande, einen einzigen Entschluss zu fassen?, fragte er sich in Gedanken.

Kryll erhob sich.

Er fühlte sich leer und matt.

Ein König ohne Macht!, dachte er zynisch. Was ist das für ein König!

Er blickte sich nicht zu Norjan um, als er davonging.

Mir fehlt die Initiative, etwas an diesem unbefriedigenden Zustand zu ändern, kam es Kryll in den Sinn. Die Initiative und die Kraft.

Er seufzte.

Nein, dachte er dann, das Schicksal oder die Götter - oder irgendwelche anderen finsteren Mächte - müssen es sehr schlecht mit mir meinen!




3. EIN FREMDER OHNE NAMEN

Kryll saß auf einem einfachen Thron aus Holz. Ein König von Pragan konnte sich den Luxus der südlicheren Länder nicht leisten. Aber dieser Holzthron - er war ohne jegliche Verzierungen - war für Kryll von Arkull so gut, wie es jeder andere Thron gewesen wäre.

In diesem Augenblick war er völlig allein im Thronsaal.

Ein so großer Raum für eine einzige Person - und anderswo in Pragan sind die Menschen obdachlos, dachte der junge König.

Welch eine Ungerechtigkeit!

Aber so war die Welt nun einmal, ungerecht und schlecht, hier im Norden ebenso wie im Süden. Und Kryll gehörte keinesfalls zu jenen, die glaubten, dass es in ihrer Macht lag, daran irgendetwas zu ändern.

Einer der königlichen Soldaten betraten den Raum.

Kryll kannte ihn. Er tat seit langem auf Burg Arkull seinen Dienst.

Der König blickte auf.

"Was gibt es, Lorson?"

"Mein König, ein Fremder bittet um Audienz!"

Kryll war ziemlich desinteressiert.

Er zuckte nur die Achseln.

Schließlich brummte er: "Dann lass ihn herein, Lorson!"

"Mein König! Ich muss Euch warnen! Dieser Mann macht einen recht merkwürdigen Eindruck! Er ist mir nicht ganz geheuer!"

"Lass ihn trotzdem herein! Ich habe keine Angst, Lorson, das solltet Ihr wissen."

"Das weiß ich, mein König!"

"Außerdem wird der Fremde mich vielleicht etwas unterhalten und aus meiner Langeweile erlösen!"

"Wir Ihr meint!"

Der König nickte leicht ungehalten, während Lorson sich verneigte und dann den Thronsaal verließ.

Kurze Zeit später kehrte der Soldat zurück. Ihm folgte eine sonderbare, in eine schwere Kutte gehüllte Gestalt.

So sehr Kryll sich auch bemühte, er konnte die Züge dieses Fremden nicht erkennen. Sie waren im Schatten der Kapuze verborgen, die tief ins Gesicht gezogen trug.

Ohne, dass er von irgendwem dazu aufgefordert worden wäre, trat der Düstere einige Schritte vor. Er stand nun sehr dicht vor dem Thron des Königs.

Lorson wollte im ersten Moment einschreiten, aber Kryll winkte ab.

"Lass gut sein", murmelte der König und lehnte sich zurück.

Und dabei dachte er verwundert: Warum kann ich sein Gesicht nicht erkennen?

Mit einer Mischung aus Misstrauen und Interesse musterte Kryll den Düsteren.

"Was willst du von mir?", fragte er dann.

Er bemühte sich, seiner Stimme keinen unfreundlichen, mürrischen Ton zu geben.

"Ich muss mit dir sprechen, Kryll!"

Kryll runzelte unwillkürlich die Stirn. Die ungewohnt persönliche Ansprache des Fremden irritierte ihn. Aber er sagte nichts. Den Grund dafür konnte er nicht erklären.

"Sprich, Fremder! Worum geht es?"

Der Düstere schüttelte jedoch den Kopf.

"Ich muss mit dir allein sprechen, Kryll von Arkull!"

Kryll lachte heiser.

"Ist es denn so vertraulich, was du mir zu sagen hast, Fremdling?", fragte er dann mit einer deutlichen Spur Spott in der Stimme. "So wichtig?" Kryll lachte erneut, aber es wirkte gezwungen.

"Ja, es ist sehr wichtig."

Kryll gab Lorson einen Wink, worauf der Soldat - zunächst etwas widerwillig und sichtlich irritiert - den Saal verließ.

Der König beugte sich dann nach vorne.

"Nun, was gibt es, Fremder?" Er runzelte die Stirn. Das Verhalten seines Gegenübers begann ihm mehr und mehr zu missfallen. "Wer bist du überhaupt?"

Der Düstere blieb ruhig, fast bewegungslos.

"Das ist nicht wichtig!"

"Und was willst du?"

"Ich will dir etwas geben, Kryll!"

Kryll zog die Augenbrauen hoch.

"Was könnte das sein? Wie ein reicher Herr siehst du nicht gerade aus! Ein Mann, die wie ein Bettelmönch aussieht und mir etwas geben will! Das muss man gehört haben!"

"Ich will dir das geben, wonach du am meisten dürstest und was du im Augenblick auch am dringendsten brauchst, König von Pragan!"

Kryll überlegte.

Diesem düsteren Fremden schien es zu gefallen, in Rätseln zu sprechen. Was konnte er meinen? Wovon sprach er?

Ein leichtes Unbehagen überkam den König.

"Kannst du dich nicht klarer ausdrücken?"

Kryll ertappte sich dabei, wie er das Gesicht des Fremden suchte. Aber da war nichts, als die Dunkelheit seiner Kapuze.

Alles Licht schien von dem Schatten, der der dort wohnte, verschluckt zu werden...

Kryll wurde ungeduldig.

"Also, raus mit der Sprache, was willst du mir geben?"

Der Düstere hob ein wenig den Kopf, aber von seinem Gesicht war noch immer nichts zu sehen.

Dann kam seine Antwort.

"Macht!"

"Macht?"

Der König begriff zunächst nicht richtig. Dann zeigte sich ein spöttisches Lächeln um seine Mundwinkel.

Kryll lachte freudlos.

"Wie willst du mir Macht geben, Fremder? Du scheinst mir nicht mehr als ein dahergelaufener Bettler zu sein! Du hast selbst keinerlei Macht, wie willst du mir da etwas abgeben?"

"Du irrst!", erwiderte der Düstere. "Du irrst, wenn du glaubst, dass ich dir von meiner Macht etwas abzugeben gedenke - denn wie Ihr richtig vermutet habt: Ich besitze nicht ein bisschen davon. Aber ich bin der Diener einer Macht - einer Macht, die größer ist, als alles, was du kennst, Kryll!"

Der König atmete deutlich hörbar durch.

Dann fragte er: "Von was für einer Macht sprichst du, Fremder?"

In Krylls Tonfall war jetzt kein Spott mehr. Unruhe schwang nun vielmehr darin mit.

"Du zeigst also Interesse", stellte der Düstere fest. Er nickte leicht. "Das ist gut..."

"Ich zeige gar nichts!", kam es unwirsch zurück. "Ich will lediglich wissen, worum es hier geht!"

Der Düstere trat nun noch näher an den König heran. Eine seltsame, unheimliche Aura umgab diesen Sonderling.

"Ich diene einer Macht, die tausendmal größerer ist, als die aller Königreiche dieser Welt zusammen! Wenn du dich in den Dienst dieser Macht stellst, so wirst du der mächtigste Mann dieser Welt werden! Deine Feinde wirst du mit Leichtigkeit zerschlagen können! Es gibt da nur einen Haken bei der Sache..."

"Und der wäre?"

"Diese Macht, von der ich gesprochen habe, hat noch keinen Zugang zu dieser Welt."

"Was kann sie mir dann nützen?"

"Es wird deine erste Aufgabe sein, dieser Macht ein Tor zu dieser Welt zu eröffnen!"

Der Düstere war nun wirklich schon sehr nahe an Kryll herangekommen, aber der junge König sah das Gesicht des Fremden noch immer nicht.

"Welche Macht ist es, der du dienst?", fragte Kryll schließlich.

"Ich diene Tarak, dem Herrn des Schattenlandes!"

Erschrocken fuhr Kryll ein wenig zurück. Doch der König konnte sich seinen eigen Schrecken nicht erklären. Es war unbestimmtes Gefühl, das ihn plötzlich erfasst hatte, nicht mehr. Der König des Schattenlandes... Was mochte das nur für ein Land sein, von dem der Fremde sprach?

Kryll erhob sich von seinem Thron. Unruhig lief er hin und her. "Worin besteht Taraks Macht?" Er gestikulierte mit den Händen. "Kann mir Tarak Schiffe und Krieger für den Krieg gegen meine Feinde geben? Kann er mir das Brot für meine Landsleute geben, damit sie nicht mehr hungern brauchen? Kann dieser Tarak machen, dass die Fischschwärme in Zukunft beständiger kommen, als sie es jetzt tun?" Krylls Worte klangen wild und unbeherrscht.

Er schien sich von dem Düsteren verhöhnt zu fühlen.

Doch der Fremde blieb ruhig.

Es war eine geradezu unmenschliche Ruhe...

Und die Antwort, die er gab, überraschte den König.

"Tarak wird dir Schiffe geben, die auch ohne Wind segeln. Er wird dir Krieger geben, deren Schwertarme nie ermüden und er wird den Hunger der Praganier zu stillen wissen!"

Diese Antwort hatte Kryll nun wirklich nicht erwartet. Er horchte auf. Seine Augen verengten sich etwas, als er einen bohrenden Blick auf sein Gegenüber richtete.

Er musterte den Düsteren prüfend.

"Wann und wo kann ich mit diesem Tarak zusammentreffen?"

"Sofort, wenn du willst!"

Kryll nickte.

"Wo ist Tarak zu finden?"

"Ich kann dich zu ihm führen?"

"Wie weit werden wir reisen müssen?"

"Nicht länger als eine Stunde, wenn wir zu Pferd sind!"

"Dann befindet sich Tarak hier in Pragan!"

Angst und Unbehagen ergriffen den König.

"Tarak ist überall - und nirgends!"

Kryll wusste nicht, was er von den letzten Worten des Düsteren halten sollte.

"Lorson!", rief er barsch und einen Moment später kam der Soldat in den Thronsaal geeilt.

"Lorson, mein Pferd soll gesattelt werden!"

"Wie Ihr befehlt, mein König!" Lorson verneigte sich untertänig und verschwand wieder.

"Wir brechen sofort auf!", wandte er sich dann an den Düsteren. Seine Stimme klang hart und entschlossen. Zusammen mit dem Düsteren verließ er den Thronsaal.

Auf dem Burghof wartete Lorson mit einem gesattelten Pferd. Auch Norjan war dort.

Misstrauisch musterte der Ritter den düsteren Mann, der sich selbst als Diener Taraks bezeichnete.

Trotz der hellen Sonne war sein Gesicht unter der Kapuze nicht zu erkennen.

"Wie ich höre, wollt Ihr verreisen, mein König!" Norjans Worte waren nicht ohne Vorwurf.

"Ja."

"Ich denke, Ihr werdet Lorson und mir erlauben, Euch zu begleiten!"

Kryll lachte.

"Falls mein düsterer Freund hier nichts dagegen hat..."

"Von mir aus können sie mit uns kommen", sagte dieser mit seiner tiefen, unheimlich klingenden Stimme. "Tarak kann jeden Diener gebrauchen!"

"Tarak?", fragte Norjan.

Kryll erläuterte ihm schnell, was er bis jetzt über Tarak, den Herrn des Schattenlandes, wusste.

Hoffentlich glaubt er diesem mystischen Unsinn nicht! dachte der alte Ritter Norjan besorgt.

"Und wohin geht nun Eure Reise, mein König?"

"Ins Schattenland - zu Tarak!"

"Du irrst", ließ sich der Düstere nun vernehmen. "Wir werden nicht zu Tarak reisen, sondern an einen Ort, an dem wir mit ihm in Kontakt kommen können!"

Norjan und Lorson wechselten einen verwunderten Blick, hüteten sich aber davor, noch etwas dazu zu bemerken.

Wie kann er diesem Fremden nur so schnell vertrauen, durchfuhr es Norjan. Er wandte sich an den düsteren Mann.

"Wie ist Euer Name, Fremder?"

Der Diener des Schattenkönigs zögerte etwas, bevor er antwortete.

Dann sagt er leise: "Ich habe keinen Namen."

"Wollt Ihr mich auf den Arm nehmen? Jeder trägt einen Namen! Vielleicht wollt Ihr nur Eure wahre Identität verbergen...."

"Im Schattenland trägt niemand einen Namen - außer Tarak selbst."

Norjan atmete tief durch.

"Wie du willst, Fremder... Ich muss schon sagen, Ihr seid ein komischer Vogel. Ihr sagt Euren Namen nicht, Ihr verbergt Euer Gesicht..."

Nun mischte sich Kryll, der junge König ein. Ungeduld stand ihm im Gesicht geschrieben.

"Lasst es gut sein, Norjan! Wir sollten nun langsam aufbrechen! Gebt dem Namenlosen ein Pferd! Ich habe keine Lust, länger zu warten!"


*


Wenig später ritten die vier über die Zugbrücke und dann den schmalen Bergpfad hinab. Der Namenlose aus dem Schattenland führte die Gruppe an.

Je weiter sie ritten, desto unheimlicher wirkte dieser Fremde auf Kryll. Aber der junge König hütete sich davor, etwas zu sagen. Der Düstere hatte ihm schließlich genau die Dinge versprochen, nach denen er sich am meisten sehnte.

Der Namenlose führte die kleine Gruppe über schmale Bergpfade und enge Schluchten. Er blickte sich nicht ein einziges Mal um. Stur und folgte er seinem Weg und überließ es den anderen, ihm entweder zu folgen oder es nicht zu tun.

Diese Sicherheit, mit der er seinen Weg fand, erstaunte Kryll.

Er kennt sich in dieser Gegend gut aus, schoss es Kryll durch den Kopf. Aber das konnte nur bedeuteten, dass er nicht zum ersten Mal hier war und diese Gegend durchstreifte...

Oder waren es andere, finstere Mächte, die seinen Schritt lenkten und ihm den Weg wiesen?

Sein Gesicht, dachte Kryll. Warum liegt es stets im Schatten der Kapuze, selbst dann, wenn das Licht so fällt, dass es eigentlich erkennbar sein müsste?

Fast schien es Kryll, als wäre dort gar kein Gesicht unter der Kapuze, sondern nur eine namenlose, undurchdringliche Schwärze...


*


Ein Fluss schlängelte sich in Mäandern zwischen den Bergen hindurch. Es war eher ein großer Bach als ein richtiger Strom, aber die Menschen dieser Gegend nannten ihn 'den Fluss'.

"Wir werden hier unsere Pferde tränken und dann eine Rast einlegen!", kündigte der Namenlose an.

Wie selbstverständlich hatte er die Führung dieser Gruppe an sich gerissen. Und es gab niemanden, der sich dagegen wehrte - schon gar nicht der junge König.

Norjan nickte.

"Das ist eine vernünftige Idee", meinte er.

Sie ritten also ans Wasser heran, stiegen ab und ließen die Pferde trinken.

Es fiel Kryll auf, dass sich der Namenlose stets etwas abseits von den anderen hielt. Er war schweigsam und Kryll fragte sich, was im Innern dieses finsteren Fremden wohl vor sich gehen mochte...

Lorson trat indessen nahe an den König heran.

"Habt Ihr eigentlich schon einmal in Betracht gezogen, dass dies hier auch Falle sein könnte? Der König von Pragan hat schließlich nicht nur Freunde..."

"Nein, das habe ich nicht in Betracht gezogen, Lorson."

"Ihr seid unvorsichtig, mein König!"

"Ich weiß nicht warum. Ich kann es nicht erklären, aber ich traue diesem seltsamen Fremden... Vielleicht ist es diese seltsame Kraft, die er ausströmt..."

Dann wandte sich Kryll an den Namenlosen. "Wie weit müssen wir noch reiten, mein Freund?"

Er nennt ihn 'Freund', durchfuhr es Lorson.

Langsam wandte sich die finstere Gestalt des Namenlosen herum.

"Es ist nicht mehr weit, Kryll. Wir sind bald dort."

Kryll stellte sich breitbeinig und verschränkten Armen vor dem Namenlosen auf.

"Lorson meint, dass dies alles vielleicht eine Falle sein könnte!", stellte der König dann in herausfordernder Weise fest.

Der Namenlose wandte sich an Lorson.

Im Gesicht des Soldaten zeigte sich deutliches Unbehagen. Mit ausgestreckter Hand deutete er auf die Kapuze des Namenlosen.

"Zum Beispiel hat noch keiner von uns dein Gesicht gesehen! Das ist verdächtig! Warum willst du unerkannt bleiben, Fremder? Warum sagst du uns nicht deinen Namen?"

"Ich besitze keinen Namen", wiederholte der Fremde. Seine Stimme war ruhig und doch schien ihr Klang eine leise Drohung zu enthalten...

In Lorsons Tonfall hingegen mischte sich nun eine deutliche Spur von Furcht.

"Zeige dich, Mann aus dem Schattenland! Leg' deine Kapuze zurück, damit wir dich erkennen können!"

Der Namenlose schwieg eine Weile.

Dann tastete er mit seinen dürren, unwahrscheinlich langen Fingern nach dem Saum der Kapuze.

Mit einer schnellen Bewegung legte er sie dann zurück.

Entsetzt und fast starr vor Schrecken sahen Kryll, Norjan und Lorson auf den Namenlosen.

Der Fremde besaß kein Gesicht.

Sein Kopf war eine einzige schwarze Kugel, die metallisch glänzte.

"War es das, was du sehen wolltest, Lorson?", erkundigte sich nun der Namenlose mit fast flüsternder Stimme.

Vorsichtig legte er dann die Kapuze wieder über die Kugel, die sein Kopf war.

"So sehen also die Menschen des Schattenlandes aus", stellte Norjan fest.

Der Namenlose gab darauf keine Erwiderung.

Er wandte sich ab.

"Gut!", sagte Lorson. "Wir haben sein wahres Gesicht gesehen - das vielleicht auch nichts weiter, als eine geschickte Maske ist. Aber sagt das schon irgendetwas über seine Loyalität aus?"

Er wechselte einen kurzen Blick mit Norjan und wandte sich dann an Kryll. Der junge König spürte, dass zwischen den beiden Männern eine Art stillschweigender Einigkeit herrschte.

"Wie wollen wir wissen, ob uns der Namenlose nicht doch in eine Falle führt, anstatt zu diesem Tarak", sagte Lorson dann.

Norjan studierte indessen Krylls Züge.

Er glaubt an diesen mystischen Unsinn, durchfuhr es ihn dann.

Der Namenlose wandte den Kopf ein wenig in Richtung des Königs. Aber die Worte, die dann über seine Lippen kamen, waren ebenso an die beiden anderen Männer gerichtet.

"Vertrauen wir einander, so werdet ihr die mächtigsten Männer dieser Welt! Misstraut ihr mir aber, so wird Taraks Rache furchtbar sein!"

Die Worte des Namenlosen hatten in Krylls Ohren einen seltsamen Klang.

"Also gut!", meinte Norjan. "Reiten wir weiter! Reiten wir weiter; sehen wir, was hinter diesem ganzen Gerede steckt!"

Die Stimme des Namenlosen war kaum mehr als ein gefährliches Zischen, als er antwortete: "Du wirst noch sehen, wie groß Taraks Macht ist! Und dann wird es dir nicht mehr einfallen, so zu reden! Noch vor Einbruch der Nacht wirst du deine abfälligen Worte zurücknehmen, das prophezeie ich dir!"

Eine unheilschwangere, spannungsgeladene Stimmung schien die Luft zwischen ihnen erfasst zu haben und förmlich zum Vibrieren zu bringen.

"Große Worte!", stellte Norjan fest. Seine Lippen verzogen sich zu einem fast spöttischen Lächeln. Ich muss verhindern, dass sie ernstlich aneinandergeraten, wurde es Kryll in diesem Moment klar. Zu einer Auseinandersetzung durfte es auf keinen Fall kommen...

"Ihr werdet mir und Tarak noch dankbar sein!" Die Stimme des Namenlosen verriet eine schier grenzenlose Selbstsicherheit.

"Reiten wir endlich weiter!", rief Kryll hastig.

Norjan nickte.

"Wie Ihr meint, mein König!"

Er misstraut sogar mir, dachte Kryll, als er sich wieder in den Sattel schwang. Die anderen folgten dem Beispiel des Königs, wenn auch zunächst etwas zögernd.

Kryll, hörte, wie Lorson leise vor sich hin fluchte.

"Wir sollten dem Namenlosen eine Chance geben", sagte Kryll zu ihm gewandt.

Lorson nickte düster.

"Auch ich habe Euch gewarnt, mein König!"

Er war seinem König ein loyaler Gefolgsmann, ebenso wie Norjan. Aber für beide galt, dass sie im Augenblick die Meinungen ihres Herrschers nicht teilten.

Sie ritten schweigend.


*


Sie ritten in die kahlen praganischen Berge hinein.

Die kleine Gruppe erreichte schließlich eine steile, viele Meter hochreichende Felswand

Merkwürdig, dachte Kryll. Diese Felswand war annähernd glatt... Von klein auf war er in diesen Bergen umhergeklettert, aber so etwas hatte er noch nie gesehen!

"Wir sind am Ziel!", verkündete der Namenlose. Kryll sah das Erstaunen in den Gesichtern von Lorson und Norjan.

Und auch der König selbst wunderte sich. Mit gerunzelter Stirn wandte er sich an den Namenlosen.

"Wo ist Tarak denn nun, Namenloser?"

Der Namenlose deutete auf die Felswand.

"Seht nur!"

Kryll und seine Gefolgsleute starrten angestrengt auf den nackten, glatten Fels.

Etwas blitzte.

Waren es Sonnenstrahlen, die das glatte Gestein reflektierte?

Wieder blitzte etwas.

Was dann geschah, ging unsagbar schnell.

Ein Gesicht erschien auf der Felswand. Ein Gesicht mit finsteren Zügen und von einem gelben Bart umrahmt. Das rechte Auge wurde durch eine bestickte Filzklappe verdeckt.

"Ich bin Tarak!", donnerte eine gewaltige Stimme.

"Und ich bin Kryll von Arkull, der König von Pragan!", kam es - zwar erstaunt, aber dennoch selbstbewusst - zurück. "Dein namenloser Diener hat mir deine Hilfe versprochen!"

"Ich weiß, Kryll."

"So wirst du mir helfen?"

"Ja das werde ich. Aber alles hat seinen Preis, wie du vielleicht auch schon erkannt hast!"

"Was willst du?"

"Hör zu, Kryll! Das Schattenland, über das ich gebiete, ist gleichzeitig sehr nahe und unerreichbar weit entfernt."

"Das ist ein Paradoxon!"

"Ja, so scheint es. Mein Reich liegt in einer anderen Dimension, in einer anderen Welt. Um dir zu helfen, muss ich in deine Welt gelangen - ich und die Wesen, die mir dienen. Aber ich kann mit meinen Heerscharen erst in deine Welt gelangen, wenn es ein Tor zu ihr gibt. Die schwache Verbindung zwischen den Welten, die uns diese Unterhaltung führen lässt, reicht nicht aus. Du, Kryll, musst mir ein solches Tor errichten! Dann kann ich dir helfen!"

Krylls Augen verengten sich.

"Wenn du keinen Zugang zu dieser Welt hast, wie kam dann dein namenloser Diener hier her? Das verstehe ich nicht!"

Das Gesicht im Fels lachte freudlos.

"In ferner Vergangenheit existierte einst ein Tor zu deiner Welt, Kryll. Die Wesen des Schattenlandes konnten zwischen den Welten hin und her wandern. Aber dann wurde das Tor zerstört. Wahrscheinlich durch rebellische Magier, aber das konnte nie bewiesen werden. Viele der unseren blieben nun auf deiner Welt zurück, Kryll - und der Namenlose gehört zu ihnen. Ich habe sehr lange gebraucht, um wieder Verbindung zu deiner Welt zu bekommen. Es könnte ein neues Tor zwischen den Dimensionen errichtet werden! Aber ein solches Tor können wir nur mit Hilfe eines Menschen aus deiner Welt erbauen. Und Tarak hat dich dazu ausersehen!"

"Dann sag mir, was ich zu tun hätte!", forderte Kryll.

"Zwei Dinge musst du finden und dann hier an diesen Ort bringen! Da ist einmal der Ring von Kuldan - ein Ring mit magischer Gewalt. Und dann ist da der Spiegel von Uz - ein magischer Spiegel, der eine Art Dimensionstor sein kann. Beides muss hier her gebracht werden!"

Kryll atmete tief durch.

"Keine leichte Aufgabe. Kuldan ist die Hauptstadt des Landes Thark und Uz liegt weit unten im Süden - in Lukkare.

"Wenn du der mächtigste Mann dieser Welt werden willst, dann wirst du diese Mühen auf dich nehmen müssen!"

"Und wie kann ich den Ring von Kuldan und den Spiegel von Uz erkennen? Es gibt unzählige Ringe und ebenso viele Spiegel!"

"Der Namenlose wird dir zur Seite stehen und dich beraten!"

Langsam verschwand nun die Erscheinung an der Felswand. Die Verbindung zwischen den Welten schien abzureißen. Als das Gesicht des Schattenherrschers nicht mehr zu sehen war, wandte sich der Namenlose an die anderen und rief: "Wer will es jetzt noch wagen, die Existenz Taraks, des Schattenkönigs, zu leugnen? Tarak will nichts, als euch helfen. Durch ihn werdet ihr zu großer Macht gelangen. Ohne ihn werden die Remurier über euer Land herfallen und es zu einer Kolonie machen! Ich hoffe, ihr seht das ein!"

"Scheint als hätten wir uns geirrt!", knurrte Lorson und Norjan murmelte irgendetwas Unverständliches vor sich hin. Dann hob der alte Ritter den Kopf und wandte sich an seinen König.

"Es scheint, als hätte dieser Tarak tatsächlich die Macht, unsere Probleme zu lösen!"

Kryll nickte.

"Ja, wir werden einen Krieg mit Remur nicht mehr zu fürchten haben..."

"Kehren wir nach Arkull zurück!", forderte der Namenlose.

Und Kryll schloss sich dem an.

"Ja, kehren wir zurück und machen wir uns auf den Weg ins ferne Kuldan!"

"Es wird nicht leicht sein,die Remurier lange genug hinzuhalten", gab Norjan zu bedenken.

Kryll lachte.

"Auch ohne Hilfe aus dem Schattenland kann Pragan dem Ansturm der Remurier eine Weile lang standhalten", meinte er dann selbstsicher.

Sie bestiegen einer nach dem anderen die Pferde.

"Dennoch tun wir gut daran, uns damit zu beeilen, den Ring und den Spiegel zu finden!", erklärte der Namenlose.

"Wir werden es schaffen!", sagte Kryll zuversichtlich. "Ich bin mir dessen ganz sicher!"

Norjan sah seinen König verwundert an.

Wo ist seine alte Unsicherheit und Unentschlossenheit?, fragte er sich im Stillen.

Kryll hatte andere Gedanken im Kopf.

Vor seinem geistigen Auge sah er prächtige, hochgerüstete Schlachtreihen in seinem Namen in den Krieg ziehen. Tarak, der Herr des Schattenlandes, wollte ihn zum mächtigsten Mann dieser Welt machen!

Der junge König spürte einen unheimlichen Hunger in sich aufsteigen. Es war der Anfang einer unersättlichen Gier nach unbegrenzter Macht.

Und insgeheim ahnte er, dass er diesen Hunger nie würde stillen können...




Zweites Buch: DER RING VON KULDAN

"Der, der sich magischer Kräfte bedient, um Herrschaft und Macht zu erlangen, begibt sich in die Gefahr, die Herrschaft über sich selbst zu verlieren. Er glaubt lange Zeit, er sei der Herr über die dämonischen Wesen, die er zu beschwören vermag und bemerkt nicht, wie er ihr Sklave wird."

(Aus einem Vortrag des Yulariz aus Kroz Dor vor einer Gruppe von Gelehrten in Ilkyn)



1. DIE PROPHEZEIUNG

Die Sonne ging auf und der Wind pfiff eisig über die Klippen von Arkull. Die GEEDRA war ein gewaltiges Schiff. Kryll stand am Bug und blickte auf das Meer hinaus.

Hinter ihm stand Norjan.

Die Segel blähten sich auf und gaben dem Schiff bald eine beträchtliche Geschwindigkeit.

"Mein König, Ihr wisst, dass es ein riskantes Unternehmen ist, den Ring von Kuldan zu erobern", erklärte der alte Ritter. "Wir wissen noch nicht einmal genau, worum es sich bei diesem Ring handelt!"

Kryll wandte sich nicht um.

"Der Namenlose begleitet uns. Er wird uns zu helfen wissen!" Die Stimme des Königs klang ruhig und gelassen.

"Mein König, ich will auf etwas anderes hinaus!"

"Sprecht nur, Freund Norjan!"

"Vielleicht wäre es besser, wenn Ihr diese Reise nicht mitmachen würdet!"

"Und wie kommt Ihr auf diesen Gedanken?"

"Ihr setzt Euch einer unnötigen Gefahr aus!"

Aber Kryll lachte nur.

"Ich habe keine Angst!"

Kryll blickte zurück. Die Zinnen von Burg Arkull verschwanden am Horizont.

Dann fiel des Königs Blick auf die zusammengekauerte Gestalt des Namenlosen. Er hatte sich gegen den Mast gelehnt und harrte dort schweigend und fast bewegungslos aus.

Kryll fragte sich, ob der Namenlose von seinem Äußeren her ein typischer Bewohner des Schattenlandes war.

Aber dann sagte er sich, dass das ziemlich unerheblich war.

Es kam schließlich einzig und allein auf die Wirkungskraft jener Heerscharen an, die Tarak ihm zu schicken versprochen hatte.

Die Gischt spritzte wild gegen die Planken des Schiffes.

Kryll genoss das Gefühl, auf einem praganischen Langschiff zu stehen und durch die Wellen zu schneiden. In der Ferne war noch so etwas wie eine Ahnung der praganischen Küste zu sehen. Wild und rau ragten die Felsen in die Luft, so dass man sie bereits aus meilenweiter Entfernung ausmachen konnte.

Nicht dieses öde Land ist die Heimat der Praganier, sondern die Langschiffe, ging es dem König durch den Kopf.

"Na, wie gefällt Euch die GEEDRA, mein König?", fragte der Kapitän, der sich neben Kryll gestellt hatte. Sein Name war Lathor, und er war kein Praganier. Seine Heimat war Drakanien im tiefen Süden. Mochte der Teufel wissen, was ihn in den Norden verschlagen hatte. Jedenfalls stand er schon seit Jahren im Dienste des Lord von Arkull.

"Die GEEDRA ist ein Schiff nach meinem Geschmack, Lathor", bekannte Kryll. Sein Gesicht hatte einen zufriedenen Ausdruck.

"Wir sind nicht viele, aber es ist eine schlagkräftige Truppe, und ich bin sicher, dass es uns gelingen wird, den Ring von Kuldan zu erobern!", meinte Lathor zuversichtlich.

Der Kapitän schickte einen kurzen Blick zu dem Namenlosen hinüber und wandte sich dann wieder an Kryll. "Euer namenloser Freund gefällt mir nicht, mein König", raunte er.

Kryll winkte ab. "Keine Sorge, er ist in Ordnung."

"Trotzdem! Ich traue ihm nicht!"

Kryll legte dem Kapitän die Hand auf die Schulter.

"Wenn Ihr Euch schon nicht dazu durchringen könnt, ihm zu vertrauen, dann lasst ihn Euer Misstrauen wenigstens nicht spüren. Von ihm hängt wesentlich das Gelingen unseres Unternehmens ab! Ohne ihn sind wir nichts..."

Der Kapitän nickte leicht.

Ich werde aber dennoch die Augen offenhalten, dachte Lathor stumm bei sich.


*


Kryll kam es so vor, als fliege das Schiff geradezu über die Wellen.

Die Stunden vergingen.

Sie segelten an der praganischen Stadt Thorcor vorbei. Am Abend sahen sie dann in der Ferne Alark, den südlichsten Hafen Pragans.

Aber für einen Kapitän wie Lathor war die Nacht kein Hindernis. Kryll bewunderte den Drakanier dafür, wie er ein Schiff wie die GEEDRA so sicher und souverän zu führen vermochte.

Sicherheit, Souveränität...

Das was ich an Lathor bewundere, ist dasselbe, was mir fehlt, wurde es dem jungen König klar.


*


Der Namenlose stand einfach da und schaute auf das Meer.

Er hatte während der ganzen Fahrt noch kein Wort gesprochen. Jetzt trat Kryll zu ihm.

"Ich möchte mehr über den Ring von Kuldan wissen", forderte der König. "Was hat es mit diesem Artefakt auf sich?"

Der Namenlose sprach, ohne sich dabei umzuwenden.

"Dem, der diesen Ring trägt, gibt er Kraft - magische Kraft. Aber nicht jeder kann ihn tragen."

"Das klingt seltsam", meinte Kryll.

Jetzt erst wandte der Namenlose sich zu ihm um.

"Du bist derjenige, der den Ring tragen muss! Du kannst es!" Kryll zuckte mit den Schultern.

"Warum ich?"

"Du bist dafür bestimmt!"

"Was ist mit dir, Namenloser? Warum hast du kein Verlangen danach, selbst den Ring zu tragen, wenn wir ihn erobert haben?"

"Ich kann es nicht."

"Warum nicht?"

"Kein Wesen aus dem Schattenland ist fähig, diesen Ring zu tragen."

Kryll atmete tief durch.

Sein Gegenüber schien zu dieser Sache nicht mehr sagen zu wollen.

Vielleicht wäre es gut, mehr über den Namenlosen zu erfahren, kam es Kryll in den Sinn.

"Erzähle mir vom Schattenland!", forderte der König jetzt.

Der Namenlose wandte sich wieder von Kryll ab und starrte hinaus auf das dunkle Meer.

Nach einer kurzen Pause begann er zu sprechen.

"Im Schattenland herrscht ewige Dämmerung. Es gibt dort einen See, der so schwarz wie die Finsternis selbst ist. Die Bewohner des Schattenlandes nennen ihn das Schattenauge. Genau in der Mitte dieses Sees gibt es eine Insel, auf der Tarak sein Schloss errichtet hat!"

Der Namenlose wandte den Kopf zur Seite. Die Finsternis unter seiner Kapuze erschien Kryll blicklos.

"Wir werden aus dieser Welt eine zweite Schattenwelt machen! Du und ich! Wir werden es schaffen, dessen bin ich mir sicher, denn wir haben Tarak auf unserer Seite, den Herrn des Schattenlandes!"

Ungezügelter, wilder Fanatismus war aus diesen Worten herauszuhören.

Kryll hob die Augenbrauen.

"Ein Land der ewigen Dämmerung mag für die Wesen des Schattenlandes gut sein. Aber für Menschen...?"

Der Namenlose schwieg daraufhin eine ganzer Weile lang, bis er schließlich vor sich hin murmelte: "Ich vertraue auf Tarak."

"Ich ebenfalls." Krylls Bekenntnis war wenig überzeugend.

Auf einmal spürte Kryll, dass jemand hinter ihm war. Blitzartig wirbelte er herum und blickte dann in das Gesicht von Norjan.

"Was gibt es?"

"Mein König, Ihr solltet Euch auch ein wenig schlafen legen. Morgen ist ein anstrengender Tag."

Aber Kryll schüttelte den Kopf.

"Ich noch nicht schlafen Norjan. Ich würde keine Ruhe finden..."

"Müdigkeit und Trägheit können schlimmere Feinde sein, als eine ganze Horde von Remuriern."

Als Norjan dem Blick des Königs begegnete, dachte der alte Ritter: Kryll hat an Sicherheit gewonnen!

Norjan zuckte mit den Schultern. "Nun, wie Ihr meint, mein König. Ich werde mich jedenfalls aufs Ohr legen."

Mit diesen Worten ging Norjan davon.

"Mir ist aufgefallen, dass du dir von diesem einfachen Ritter eine Menge sagen lässt, Kryll", stellte der Namenlose fest.

"Norjan ist für mich mehr, als nur irgendein Ritter."

"Tarak hätte so etwas nie von einem Untergebenen geduldet!"

Die Stimme des Namenlosen klang absolut kalt und gefühllos.

Der König bedachte den Mann aus dem Schattenland mit einem nachdenklichen Blick. Wenn er glaubt, dass ich bereits ein Sklave dieses Tarak bin, dann irrt er sich aber gewaltig, durchzuckte es es Kryll.

Er hatte einen Entschluss gefasst.

Er wollte den Herrn des Schattenlandes betrügen!


*


Die See bot bei Nacht einen düsteren, fast unheimlichen Anblick. Der Mond leuchtete fahl auf das unruhige Wasser herab und tauchte alles in sein bleiches Licht.

Vom Horizont her sah Kryll etwas durch die Luft herannahen.

Etwas Flatternders, Helles... Etwas Weißes!

Ein Vogel!

Doch je näher dieser Vogel herankam, desto deutlicher wurde es Kryll, dass dies kein gewöhnliches Tier seiner Art sein konnte.

Der Vogel war von riesiger Gestalt und war ganz und gar weiß. Er strahlte in einem merkwürdigen, übernatürlichen Licht, dass sich deutlich vom Licht des bleichen Mondes unterschied.

"Seht dort!", hörte Kryll einen der Seeleute rufen.

Die Männer der GEEDRA blickten wie gebannt in Richtung dieses seltsamen Geschöpfes.

"Dieser Vogel ist gefährlich", zischte die Stimme des Namenlosen an Krylls Ohr. Den düsteren Mann aus dem Schattenland hatte mit einem Mal eine kaum erklärliche Unruhe gepackt. Kryll glaubte sogar so etwas wie Furcht aus seinen Worten heraushören zu können.

"Ha!", machte der König. "Wir haben uns vorgenommen, den Ring von Kuldan zu erobern - da werden wir doch keine Angst vor solch einer fliegenden Kreatur bekommen!"

Mit den Augenwinkeln sah Kryll flüchtig, wie Norjan sich wieder von seiner Schlafstatt erhoben hatte. Nachdenklich betrachtete der alte Ritter den weißen Vogel, der mit ruhigen, würdevollen Flügelschlägen auf die GEEDRA zusteuerte.

"Gebt mir Pfeil und Bogen!", krächzte der Namenlose. "Schnell! Worauf wartet ihr?"

Niemand rührte sich, keiner sagte ein Wort.

"Na los!", forderte der Namenlose grimmig.

"Soll ich ihm einen Bogen geben?", fragte Lathor, der Kapitän, unsicher an den König gewandt.

Aber Kryll schüttelte energisch den Kopf.

"Nein!"

"Dieses Wesen ist gefährlich!", rief der Namenlose nochmals.

"Nein, der Vogel stellt keine Gefahr dar!" Der König wandte seinen Blick an die Männer, die noch immer wie gebannt waren.

Der Vogel kreiste jetzt direkt über der GEEDRA.

Er ist so groß wie ein erwachsener Mann, durchfuhr es Kryll. Und auch der König war fasziniert von diesem geheimnisvoll leuchtenden Wesen.

"Lasst mich den Vogel töten!", kreischte Namenlose fast außer sich. Aber der König hörte ihm kaum zu. Er blickte wie die anderen Männer gebannt auf den Vogel...

"König Kryll!", rief ihm der Vogel dann mit mit sanfter Stimme zu.

Einen Moment lang war Kryll wie erstarrt.

Aber es war kein Zweifel möglich. Dieses rätselhafte Wesen hatte ihn angesprochen.

"Wer bist du?", rief Kryll zurück.

Norjan stürzte herbei und packte ihn bei den Schultern.

"Mit wem redet Ihr, mein König?", fragte er besorgt.

Kryll sah den alten Ritter erstaunt an.

Hatte er den Ruf des Vogel nicht gehört?

"Kryll!", kam es erneut von oben an das Ohr das Königs. Kryll blickte hinauf zu dem weiß leuchtenden Vogel hinauf. "Kehrt um, Kryll von Arkull! Dient nicht länger dem König der Schatten oder Ihr werdet großes Unglück über die Welt bringen! Rührt den Ring von Kuldan nicht an und kehrt zurück nach Arkull!"

Kryll schüttelte stumm den Kopf und löste sich aus der Umklammerung, in der Norjan ihn noch immer hielt.

"Nein!", schrie Kryll. "Ich kann nicht zurück!"

"Ihr werdet Eure Entscheidung bereuen, Kryll", prophezeite der weiße Vogel mit schrecklicher Endgültigkeit.


*


In diesem Moment vernahm Kryll ein hässliches, pfeifendes Geräusch, das ihn abrupt aus einem Zustand herausriss, der einer Art Trance nahekam.

Es war ein Pfeil! Es folgte verzweifeltes Flügelschlagen, ein Kreischen und wenig später platschte es, als der tote Körper des Vogels ins Meer stürzte.

Kryll wirbelte herum und sah den Namenlosen, in dessen dünnen, feingliedrigen Fingern sich ein Bogen befand. Kalter Grimm stieg in Kryll auf.

"Wer hat ihm den Bogen gegeben?", flüsterte er.

Schweigen.

Niemand wagte es, einen Ton von sich zu geben und die düstere, unheilschwangere Stille zu durchbrechen.

"Ich frage noch einmal: Wer von euch hat ihm den Bogen gegeben?"

"Mein König...", begann einer der Seeleute zu stottern.

"Rede schon, Olkyr!", wurde der Mann von Kryll angeherrscht.

"Der Namenlose...", stieß Olkyr hervor. "Er hat mir meinen Bogen aus den Händen gerissen!"

Der König nickte und atmete deutlich hörbar aus.

"Schon gut", murmelte er und wandte sich an den Namenlosen.

"Warum hast du das getan?", rief er dem Düsteren entsetzt entgegen. Die Hände des Namenlosen hielten den Bogen fest umklammert.

"Der Vogel war gefährlich", behauptete er zum wiederholten Male, ohne es weiter zu erklären.

Krylls Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

"Was an ihm war gefährlich?"

Der Namenlose schwieg.

Kryll sah nichts weiter, als das Dunkel unter seiner Kapuze. Dann spürte der König, wie Norjan ihm eine Hand auf die Schulter legte.

"Warum regt Ihr Euch über den Tod eines gewöhnlichen Vogels so auf, mein König?", fragte der alte Ritter.

Kein anderer in den Reihen des Königs von Pragan hätte sich ein solches Verhalten erlauben können.

Der weiße Vogel hat nur zu mir gesprochen, drang es in Krylls Bewusstsein. Die Männer hatten davon nichts mitbekommen. Zweifellos mussten sie ihren König in diesem Moment für verrückt halten...

In Krylls Innerem hallte die Warnung des weißen Vogels dutzendfach wider. 'Ihr werdet großes Unglück über die Welt bringen!' hatte ihm der Vogel vorausgesagt. Wie ein spitzer Pfeil hatten sich diese Worte in Krylls Seele gebohrt. Kalte Schauder liefen ihm über den Rücken.

"Ihr seht müde aus, mein König", stellte Norjan fest.

Kryll nickte stumm. Er fühlte sich tatsächlich sehr müde.

"Legt Euch jetzt schlafen, mein König", sagte Norjan sanft.

"Ja", echote der König.

Man bereitete ihm einen Schlafplatz nahe am Mast. Die Schiffe Pragans hatten keinerlei Luxus, sondern waren ganz auf ihren praktischen Zweck hin ausgerichtet. So fehlten beispielsweise jegliche Aufbauten, wie sie für die Schiffe des Südens so kennzeichnend waren. Alles geschah an Deck und selbst ein König hatte keine andere Wahl, als im Freien zu schlafen.

Der weiße Vogel - er ließ den König der Praganier auch die Nacht über nicht los und verfolgte ihn bis in seine dumpfen Träume hinein.

Aber Kryll war wild entschlossen, sich durch nichts und niemanden von seinem Weg abbringen zu lassen.




2. DAS MONSTRUM AUS DER TIEFE

Die helle Sonne war es, die Kryll weckte. Er sprang von seinem Lager auf und wandte sich an den Kapitän, der längst wieder in gewohnter Manier seine Befehl bellte.

"Wo befinden wir uns jetzt?", erkundigte sich der König. Lathor, der Kapitän, deutete zum Horizont. Eine graue Silhouette war dort zu erkennen. Von der Ausdehnung her konnte es eigentlich nur Festland sein.

"Dort ist schon die Küste von Thark, mein König."

"Wie lange werden wir bis dorthin noch brauchen?", erkundigte sich Kryll.

Lathors Gesicht wurde ernst.

"Auf der Route von Arkull nach Alark blies uns der Wind in den Rücken und wir kamen unverhältnismäßig schnell vorwärts. Aber jetzt... Der Wind kommt annähernd von vorn und wir werden gegen ihn kreuzen müssen. Das kostet Zeit. Vielleicht erleben wir unterwegs auch eine Flaute."

"Wenn erst Taraks Schiffe die Meere dieser Welt befahren, werden wir nicht mehr vom Wind abhängig sein", schaltete sich der Namenlose in die Unterhaltung ein.

"Mir ist die GEEDRA lieber, als eines dieser Dämonenschiffe aus dem Schattenland", sagte Lathor bissig. Kryll zuckte nur mit den Schultern.

"Gegenüber Taraks Schiffen sind Schiffe wie die GEEDRA nicht mehr als armselige Nussschalen", behauptete der Namenlose hochnäsig.

Lathor machte eine ärgerliche Geste.

"Wer bist du schon, Namenloser, dass du so zu reden wagst?"

Der Namenlose wandte den Kopf.

Seine Stimme klang eiskalt.

"Ich würde dir raten, einen Diener Taraks nicht zu beleidigen, wenn du nicht seine Rache herausfordern willst!"

Drohend standen sich die beiden gegenüber.

"Lasst Euren Streit ruhen! Ihr gefährdet nur unsere Sache damit!", stellte Kryll fest.

Einen Moment lang hing alles in der Schwebe. Keiner der beiden rührte sich.

"Der König hat recht", sagte schließlich Lathor. Seine Haltung entspannte sich etwas, aber man sah ihm die Mühe an, die er dabei hatte, sich selbst unter Kontrolle zu halten.

Der Namenlose nickte leicht.

"Das ist eine vernünftige Einstellung", sagte er.

Kryll atmete auf.

Der Namenlose ging zum Bug der GEEDRA und stellte sich dort auf. Er blickte hinaus auf das Meer.

"An Eurer Stelle würde ich den Namenlosen genau im Auge behalten, mein König", raunte der Kapitän.

Kryll wandte den Kopf.

"War es nötig, ihn zu provozieren?"

Lathor fluchte leise vor sich hin. Einige unartikulierte Laute gingen ihm über die Lippen. Dann ging er und wandte sich wieder seinen Pflichten als Kapitän zu.

Kryll konnte Lathor mit seinem Misstrauen gut verstehen. Auch ihm war der Mann aus dem Schattenland unheimlich, aber er sagte nichts. Er brauchte den Namenlosen einstweilen noch...


*


Auf Grund des ungünstigen Windes kam die GEEDRA nur verhältnismäßig langsam vorwärts. Lathor, der Kapitän gab sich zwar alle Mühe, aber ein Wunder konnte auch er nicht bewirken.

So leicht wie der Wind glitt das Schiff über die Wellen, aber die GEEDRA musste wieder und wieder kreuzen, um ihrem Ziel ein Stück näher zu kommen.

Eine unheilschwangere Stimmung lastete schwer auf dem Schiff und seiner Besatzung. Eine angespannte Atmosphäre herrschte an Bord, obwohl es dafür eigentlich keinen wirklich greifbaren Grund gab.

Als der Vogel aufgetaucht war, hat sich alles verändert, schoss es Kryll auf einmal durch den Kopf. Vielleicht hatte der Namenlose recht und dieses geheimnisvolle Wesen bedeutete tatsächlich eine Gefahr.

In Gedanken hörte Kryll wieder und wieder Warnung des weißen Vogels. Der König von Pragan sollte umkehren, wenn er nicht großes Unglück über die Welt bringen wollte...

Nur ich selbst habe die Stimme des weißen Vogels gehört, vergegenwärtigte sich der König. Wahrscheinlich war sie nichts weiter, als die Manifestation meiner Zweifel und meiner Unsicherheit...

Und doch...

Er hatte jedes einzelne Wort ganz deutlich gehört. Einen Moment lang dachte Kryll an Magie, aber wenn etwas damit zu tun hatte, dann verhielt es sich ganz offensichtlich so, dass diese Magie gegen den Namenlosen und die überlegene Macht, die hinter ihm stand, nichts auszurichten vermochte.

Nein, Kryll hatte sich längst entschieden.

Er würde seinen Weg zu Ende gehen und nichts und niemand würde ihn davon abbringen können!

Er wollte nach Kuldan, um sich den Ring zu holen.

Der Ring bedeutete Macht...

Und es gab nichts, wonach es Kryll im Augenblick mehr verlangte. Der Ring bedeutete Macht und der Ring und der Spiegel zusammen bedeuteten noch mehr Macht. Er würde mehr davon bekommen, als er sich überhaupt vorstellen konnte.

Lange genug habe ich auf dem Thron von Pragan gesessen, ohne wirkliche Macht zu besitzen, durchfuhr es ihn. Aber das würde bald ein Ende haben, wenn er erst einmal den Ring und den Spiegel in seine Gewalt gebracht und ein Tor zum Schattenland errichtet hatte.

Aber Kryll wusste auch, dass er vorsichtig sein musste,

Er durfte Tarak und seinem Diener, dem Namenlosen, nicht blind vertrauen.

Es war dem jungen König klar, dass ihn Tarak nur als Werkzeug ansah, dass er fallenlassen konnte, wenn er es nicht mehr brauchte.

Aber Kryll hatte nicht die Absicht, nur ein Werkzeug zu sein.

Er würde sich etwas einfallen lassen, um Tarak hereinzulegen.

Macht kann trügerisch sein, überlegte er, während er hinaus auf das Meer blickte, auf dessen Oberfläche die Sonne glitzerte.

Das Problem ist, dass man oft nicht weiß, über wie viel Macht man wirklich verfügt, ging es ihm durch den Kopf. Und einen Moment lang fragte er sich, ob nicht auch er seine Möglichkeiten maßlos überschätzte.


*


Der Wind wurde heftiger.

Dunkle Wolken zogen am Himmel auf.

Die Wellen wurden spürbar höher und das Schiff schaukelte bald stark.

"Hoffentlich gibt es keinen Sturm!", meinte Kraynar, der Steuermann der GEEDRA.

Mit eisernem Griff hielt er sicher das Ruder. Kryll bemerkte, wie Kapitän Lathor besorgt seinen Blick zum Himmel hob.

"Es sieht nicht gut aus", raunte er.

Der Steuermann nickte kaum merklich.

Kryll war es so, als flüsterte der Wind ihm etwas zu. Der Wind flüsterte und der König hörte die Stimme, mit der der weiße Vogel zu ihm gesprochen hatte.

"Kehrt um, König Kryll! Kehrt um!", schien der aufbrausende Wind ihm zuzurufen.

Krylls Züge verhärteten sich unwillkürlich.

"Ich werde nicht umkehren", murmelte er vor sich hin. Der Wind hatte indessen aufgehört zu flüstern.

Regen setzte ein.

Dicke Tropfen platschten auf die GEEDRA und ließen die Planken nach kurzer Zeit rutschig werden.

Kryll schlang sich seinen warmen Umhang enger um die Schultern und marschierte mit langen Schritten zum Heck.

"Es wird ein ausgewachsener Sturm", meinte Kryll an seine Männer gewandt.

Er hatte das im Gefühl.

"Solange wir nur vom Regen heimgesucht werden, kann man noch nichts sagen", erklärte Olkyr, der jetzt zusammen mit Kraynar das Ruder hielt.

Lathor, der Kapitän wandte einen kurzen Blick gen Himmel zu den aufgetürmten Wolken.

"Es wird nicht dabei bleiben", prophezeite er.

"Ich schlage vor, zur Vorsicht die Segel zu reffen", schlug Kraynar, der Steuermann vor.

Aber Kryll schüttelte energisch den Kopf.

"Nein, das kommt nicht in Frage!"

"Es wäre aber ratsam, mein König!", rief Kraynar.

"Wir würden zu viel Zeit verlieren", erwiderte Kryll kühl.

"Das Schiff könnte kentern!"

"Ich sage, die Segel werden nicht gerefft!" Krylls Stimme klang jetzt eisig und hart. Olkyr und Kraynar wechselten einen etwas verwunderten Blick und schwiegen dann.

Lathors düstere Vorhersagen schienen sich zu erfüllen, als ein heftiger Windstoß die GEEDRA packte und sie für einige Augenblicke in eine Schräglage versetzte.

Die Männer wurden durcheinandergewirbelt, während Kraynar und Olkyr verzweifelt das Ruder zu halten versuchten.

"Wir müssen die Segel reffen!", rief Lathor, der drakanische Kapitän beschwörend. "Wir haben keine andere Wahl!"

Kryll verzog das Gesicht zu einer grimmigen Maske.

"Wir müssen gar nichts!", war seine knappe Antwort, die das Getöse von Wind und Wellen schon fast verschluckte.


*


Die riesenhaften Wellen schaukelten die GEEDRA hin und her.

Der Sturm wird uns wertvolle Zeit kosten, durchfuhr es Kryll nicht ohne Grimm.

Der König konnte es kaum erwarten, in Kuldan anzukommen und den Ring an sich zu bringen.

Der Wind zerrte an seinem Umhang.

Das Schiff rang verzweifelt und ächzend mit Wind und Wellen.

"Dort! Seht!", war plötzlich Norjans Stimme zu hören. Der alte Ritter deutete mit der flachen Hand auf die See hinaus. Ein amorpher, glutäugiger Schuppenkopf ragte aus dem Wasser heraus.

"Ein Locori!", entfuhr es Olkyr. Seine Züge verrieten Angst.

Die Locori waren riesenhafte, echsenartige Monstren, deren Lebensraum die Tiefe der nördlichen Meere war. Immer wieder kam es vor, dass Schiffe angegriffen und die Tiefe hinabgerissen werden...

"Diese Ungeheuer haben uns gerade noch gefehlt!", zischte Lathor.

Die Männer des praganischen Langschiffes waren für ein paar Augenblicke wie erstarrt, während das Monstrum sich auf die GEEDRA zubewegte. Lathor wandte sich mit bleichem Gesicht an Kraynar.

"Wir müssen schneller werden!", rief er.

Aus der Stimme des Kapitäns sprachen nackte Furcht und ein hohes Maß an Verzweiflung.

"Das wird nichts nützen! Dieses Biest ist auf jeden Fall schneller als die GEDDRA", stellte Kraynar sachlich fest.

Indessen war der Locori wieder untergetaucht.

Wenn es ihm einfiel, direkt unter dem Bauch der GEEDRA wieder hervorzukommen, konnte das schon das Ende bedeuten...

"Wir müssen den Kampf aufnehmen!", rief Kryll entschlossen. er wandte sich an seine Männer. "Macht die Harpunen bereit! Wenn der Locori das nächste Mal auftaucht, werden wir ihn töten!"

Die Männer gehorchten wortlos und stellten sich mit ihren Harpunen an der Reling auf.

Einige quälend lange Augenblicke hindurch geschah überhaupt nichts. Dann endlich tauchte das Monstrum - dicht bei der GEEDRA - wieder auf.

"Jetzt!", gellte die Stimme des Königs und ein gutes Dutzend Harpunen wurde dem Locori entgegen geschickt.

Der schuppige Körper bäumte sich verzweifelt auf, als der Hagel von Harpunen auf ihm abregnete. Lathor hatte angeordnet, dass die Seile, mit denen die Harpunen normalerweise mit dem Schiff verbunden waren, gekappt wurden, um zu verhindern, dass der Locori das ganze Schiff mit sich riss.

Das markerschütternde Brüllen des Locori ließ Kryll zusammenfahren. An dem riesenhaften Körper wirkten die Harpunen nur wie kleine Nadeln.

"Es ist ein Riese von einem Locori!", staunte Kraynar. In seiner Stimme klang in diesem Moment sogar so etwas wie Ehrfurcht mit.

Kryll musste sich an der Reling festhalten. Das Schiff schwankte zu stark, als dass man noch hätte freihändig auf den glitschigen Planken hätte stehen können.

Indessen türmte der Wind die Wellen jetzt zu meterhohen Gebirgen auf.

"Der Locori ist noch am Leben!", rief der Kapitän lauthals. Kryll sah, wie das Ungeheuer mit seinen riesenhaften Pranken versuchte, die Harpunen mit ihren furchtbaren Widerhaken zu entfernen.

Das Wasser um ihn herum verfärbte sich rot. Seine reptilienartigen Facettenaugen glänzten fiebrig und kalt.

"Es bleibt uns keine andere Wahl! Wir müssen die Segel reffen!", rief Lathor nun, als er sah, wie der Sturm mit der GEEDRA spielte.

"Die Segel bleiben wie sie sind!", hörte man Krylls Stimme.

Die GEEDRA hatte unterdessen etwas Abstand

"Ich hoffe, er verfolgt uns nicht!", meinte Norjan. "Sonst sind wir verloren! Wir haben nur noch wenige Harpunen!"

Kryll stand wortlos an der Reling und hielt sich krampfhaft fest, um nicht über Bord gespült zu werden.

Seine Züge waren düster, aber nicht verzweifelt.

Er hielt nach dem dem Locori Ausschau. Aber das Ungeheuer war nicht mehr zu sehen.

Er ist untergetaucht und folgt uns, dachte der König bei sich. Ein Gefühl des Grauens ergriff ihn. Wenn dieses echsenartige Monstrum nun genau unter dem Bauch der GEEDRA wieder emportauchte...

Kryll wagte kaum daran zu denken.

Wenn der Locori das Schiff anhob und wieder niederstürzen ließ, war die GEEDRA verloren.

Der Sturm wütete immer heftiger, aber die Schiffe der Praganier waren für solche Verhältnisse ausgelegt.

Lathor, dieser Narr, dachte Kryll. Der drakanische Kapitän kannte zwar inzwischen die Eigenheiten der nördlichen Meere, aber er würde nie die Meerverbundenheit der Praganier nachempfinden können.

In den südlichen Ländern war die Seefahrt nur Mittel zum Zweck. In Pragan war bedeutete sie sehr viel mehr. Das Wasser war die zweite Heimat der Praganier. Dem Meer rangen sie ihre Nahrung ab, nicht ihrem kargen Land, dessen Boden für den größten Teil des Jahres gefroren war.

Dennoch - Lathor war ein ausgezeichneter Schiffsführer, der es mit den meisten Kapitänen des Nordens aufnehmen konnte.


*


Das Schiff schwankte.

Kryll hörte einen Schrei, aber er konnte nicht sagen, wer ihn ausgestoßen hatte.

Dann spürte der König, wie die GEEDRA von der unruhigen Wasseroberfläche abgehoben wurde.

Der Locori, durchfuhr es ihn.

Es war also doch so gekommen, wie zu befürchten gewesen war. Das Monstrum war ihnen unter Wasser gefolgt und jetzt wieder aufgetaucht.

Ein plötzlicher Ruck ging durch die GEEDRA und Kryll rutschte auf den nassen Planken aus. Furcht breitete sich unter den Männern aus. Sie wurden hin- und hergewirbelt und schrien laut durcheinander. Holz splitterte und der mächtige Mast ächzte.

Im Hintergrund war das Brüllen des Locori zu hören.

Dann donnerte die GEEDRA wieder auf die Wasseroberfläche. Wieder war das Splittern von Holz zu hören.

Kryll rappelte sich rasch wieder auf und sah, wie neben der GEEDRA die riesige Gestalt des Locori aufragte. Der König blickte sich hastig um. Olkyr hatte eine klaffende Wunde am Arm. Vermutlich hatte einen Schlag mit dem Mastbaum abbekommen. Kraynar lag reglos am Boden.

"Unsere restlichen Harpunen sind über Bord gegangen!", rief Norjan Kryll zu.

"Dann müssen wir eben mit einfachen Speeren und Pfeilen gegen den Locori vorzugehen versuchen!", erwiderte Kryll grimmig.

Er warf einen nachdenklichen Blick zu der Echsengestalt ihres furchtbaren Feindes. Die Schäfte der Harpunen ragten noch immer aus seinem Leib.

Sie schienen das Monstrum jedoch nicht ernsthaft zu behindern. Wild funkelten die Facettenaugen.

In diesem Moment sah Kryll, wie der Namenlose die Kapuze seiner Kutte zurücklegte.

Der dunkle, metallisch glänzende Kugelkopf des Schattenmannes kam zum Vorschein.

Dann öffnete er seine Kutte. Kryll erblickte ein graues Gewand, das von einem breiten Gürtel zusammengehalten wurde, hinter dem eine Axt steckte. Es war eine geradezu monströse, schwere Streitaxt.

Der Namenlose machte auf Kryll nicht gerade den Eindruck, als ob er stark genug gewesen wäre, eine solche Waffe sicher zu führen. Selbst ein Hüne hätte sicher seine Mühe gehabt, mit dem schweren Gerät umzugehen.

Mit einer behänden, blitzschnellen Bewegung zog der Namenlose seine Axt heraus.

Der Locori kam unterdessen näher und näher.

Er schien den Männern der GEEDRA nun endgültig den Garaus machen zu wollen.

Seine sechsfingerigen, bekrallten Pranken streckte das Monstrum begierig nach dem Schiff aus.

Dann packte der Locori die GEEDRA schließlich am Heck, während fast gleichzeitig eine geradezu mörderische Welle über ihn hereinbrach. Doch diese Wassergewalten konnten dem Echsenwesen offenbar nichts anhaben.

Der Locori öffnete für einen Moment sein Maul und gab fast mannshohe Zähne frei. Die schwertgroßen Krallen seiner Pranken hakten sich im Holz der GEEDRA fest, während die Besatzung den Atem anhielt.

Nun kam der Namenlose mit weit ausholenden Schritten zum Heck. Aus seinem dunklen Metallkopf drang ein barbarischer Ruf, während er mit den Händen die furchtbare Axt schwang.

Mit dieser monströsen Waffe, die der Namenlose mit geradezu gespenstischer Leichtigkeit zu führen in der Lage war, hieb er auf das Monstrum ein.

Die Axt drang tief in die Pranke des Locori. Aus der klaffenden Wunde kam Blut.

Der Namenlose zog seine Waffe wieder zurück. Die Pranke bewegte sich und ließ die GEEDRA frei.

Wahnsinn und Schmerz leuchteten in den den Facettenaugen des Locori. Er warf sich verzweifelt herum und wirbelte dabei das Wasser noch mehr auf, so dass die Männer der GEEDRA alle Mühe hatten, sich zu halten. Dann versank das Wesen im Meer.

Fassungslos blickte Kryll auf die Axt des Namenlose, die dieser jetzt triumphierend emporreckte.

Es ist keine gewöhnliche Axt, durchfuhr es den jungen König. Es ist eine Waffe der Schattenwelt! Und obwohl er froh war, dass die Gefahr durch den Locori beseitigt war, fühlte er ein eisiges Frösteln, das seinen ganzen Körper erfasste.




3. DIE ZITADELLE DES RINGES

Kraynar war aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht. Er stand nun wieder am Ruder und lenkte die GEEDRA sicher durch den tobenden Sturm. Er hatte so etwas schon hundertfach gemacht. Wahrscheinlich wahr er einer der besten Steuermänner Pragans.

Die GEEDRA hatte nur verhältnismäßig geringe Schäden von dem Kampf mit dem Locori davongetragen. Ein paar Planken waren gesplittert und im Segel klaffte ein gut sichtbares Loch.

Lathor hatte einige Männer da zu abgestellt, die entstandenen Schäden so gut es ging zu beheben.

"Wir können froh sein, dass wir diesen Kampf überlebt haben", meinte Kraynar.

Kryll deutete in Richtung des Namenlosen, der stumm am Bug stand.

"Ihm haben wir unser Überleben zu verdanken", murmelte der König dann an den Steuermann gewandt. Kryll bemerkte das düstere Gesicht, dass Lathor, der Kapitän, dabei machte.

Es passt nicht in das Bild, dass er sich von unserem namenlosen Freund gemacht hat, dass gerade er es war, der uns rettete, überlegte Kryll.

"Merkwürdig...", raunte jetzt Kraynar. "Der Locori wurde plötzlich von einer Art Wahnsinn befallen und starb an einer eigentlich harmlosen Verletzung an der Pranke!" Er schüttelte verwundert den Kopf. "Ich habe schon mit vielen Locori gekämpft, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt!"

"Er hat eine Streitaxt des Schattenlandes benutzt", gab Kryll zu bedenken.

Kapitän Lathor nickte.

"Diese Waffe scheint mächtig zu sein! Geheime Kräfte müssen in dieser Axt verborgen zu liegen..." sagte er gedehnt. Er atmete tief durch. "Aber wer sagt uns, dass er diese Macht nicht auch zu unseren Ungunsten einsetzen kann?"

Krylls Gesicht bekam jetzt etwas Finsteres.

Wut stieg in ihm auf, aber es gelang ihm, sich zu beherrschen.

"Lathor!", brachte er schließlich heraus. "Ich verspreche, dass wir alle die Augen aufhalten werden. Wir werden den Namenlosen in allem was er tut beobachten. Aber wir sollten ihm gegenüber kein Misstrauen schüren, solange er uns dazu keinen Grund gibt! Er hat uns allen das Leben gerettet. Wir stehen in seiner Schuld, dass solltet Ihr bedenken, Kapitän! Tarak, der Schattenkönig, verfügt über eine ungeheure Machtfülle, die er in unseren Dienst stellen wird, wenn wir ihm helfen, ein Tor zwischen dem Schattenland und unserer eigenen Welt zu errichten. Pragan wird nicht länger ein Armenhaus bleiben, sonder das Zentrum der Welt werden! Aber das müssen wir uns erst erkämpfen. Man bekommt auf dieser Welt nichts geschenkt, wir ach nicht. Aber wir werden es schaffen!"

Lathor zuckte mit den Schultern.

"Ich hoffe, ihr seid nicht zu optimistisch, mein König", meinte der Kapitän.

Der König bedachte seinen Kapitän mit einem entschlossenen Blick.

"Ich irre mich nicht!", sagte er knapp.

Lathor lachte rau.

"Bei allem Respekt! Aber Ihr seid auch nur ein gewöhnlicher Mensch, mein König! Und als solcher seid Ihr dem Irrtum ebenso unterworfen, wie es jeder Bettler in Alark ist."

Krylls Augen wurden zu schmalen Schlitzen, sein Gesicht zu einer bewegungslosen Maske.

Dann sagte er nach einer kurzen Pause: "Wenn ich erst den Ring von Kuldan und den Spiegel von Uz besitze, bin ich wahrhaftig mehr, als nur ein gewöhnlicher Mensch!" Kryll sprach diese Worte erschreckender Kälte und mit einer fast unmenschlich wirkenden Sicherheit.

Der Hunger nach Macht hat ihn gepackt!, durchfuhr es Norjan, als er diese Worte mitanhörte. Und dieser furchtbare Hunger wird den König nicht mehr loslassen, dachte der alte Ritter. Kryll würde nie gesättigt werden.


*


Der Sturm ließ allmählich nach und das Meer glättete sich wieder. In der Ferne war die Küste von Thark jetzt gut sichtbar.

Ein eiskalter Wind blies jetzt und blähte das Segel auf. Die GEEDRA begann förmlich über die Wellen zu fliegen.

Die Tage gingen dahin und der Wind wurde immer kälter, je weiter sie nach Norden kamen.

Dann sahen sie am Horizont endlich die Zinnen von Kuldan, der Hauptstadt des Landes Thark.

"Eine mächtige Stadt!", rief Norjan fast ehrfurchtsvoll.

"Arkull wird einst eine ebenso große Stadt werden, Norjan!", erwiderte Kryll hart.

Als sie hinüber zum Hafen der tharkischen Hauptstadt blickten, sahen sie, dass es wahrscheinlich Hunderte von Schiffen aller Herren Länder waren, die sich dort tummelten. Praganische Langschiffe waren ebenso zu finden wie Galeeren aus Kroz oder Lukkare oder Schiffe von den Handelsstädten auf Naru, der großen Insel im Südwesten.

Die GEEDRA legte an einem der vielen Stege an und Kryll wandte sich an den Namenlosen.

"Was jetzt? Wie finden wir den Ring?"

"Der Ring befindet sich in einer Zitadelle am Rande von Kuldan Diese Zitadelle ist wesentlich älter, als die Stadt selbst und stammt noch aus der Zeit, als die Horden des Schattenlandes Zugang zu dieser Welt hatten."

Der König hob die Augenbrauen.

"Wird die Zitadelle bewacht?"

"Ja, von den sogenannten Ringwächtern."

"Wie groß ist ihre Zahl?"

"Genau weiß ich es nicht. Suche dir einen Mann der Besatzung aus, dann brechen wir auf."

"Zu dritt?"

"Ja."

"Aber sind wir dann nicht viel zu wenige, um den Ring erobern zu können?"

"Nein."

"Aber..."

"Du vergisst, dass ich aus dem Schattenland komme..."

Ja, dachte Kryll. Und er hat diese furchtbare Axt... Vielleicht war es wirklich überflüssig, mit mehr Männern anzurücken. Kryll zuckte mit den Schultern.

"Wie du meinst, Namenloser!"

Kryll erwählte unter seinen Männern Norjan. Ihm vertraute er am meisten.

"Welchen Grund hat es, nur mit drei Männern aufzubrechen?", fragte Lathor, der Kapitän, mit einem Unterton, der deutliche Skepsis verriet.

Der Namenlose ließ sich aber kaum beeindrucken. Seine Stimme klang ruhig und kalt.

"Es geschieht der Tarnung wegen", erklärte er. "Wir können hier nicht mit einer kleinen Armee durch die Stadt ziehen. Das würde viel Aufsehen erregen und das müssen wir unter allen Umständen vermeiden."

Lathor schien nervös zu werden.

"Von wie vielen Wächtern wird die Zitadelle bewacht?", fragte er dann an den Namenlosen gewandt.

"Vielleicht zwanzig oder dreißig."

Lathor lachte heiser.

"Und zu dritt wollt ihr gegen eine zehnfache Überzahl ziehen?", fragte er dann ironisch.

"Ich habe meine Axt."

"Deine Axt? Gegen so viele Gegner hat auch die beste Axt keine Chance!"

"Es ist ist eine Zauberaxt..."

"Und wenn schon!"

"Hast du vergessen, was meine Axt mit dem Locori getan hat?", fragte nun der Namenlose ruhig und gelassen. Aber Lathor gab sich damit keineswegs zufrieden.

"Ich wittere eine Falle", murmelte er.

"Niemand wird gegen meine Axt bestehen können", erklärte der Namenlose, der sich seiner Sache absolut sicher zu sein schien.

Lathor nickte.

"So ist es, Namenloser! Vielleicht wirst du es sein der unseren König in eine Falle lockt! Es passt alles genau zusammen: Irgendwo in einer dunklen Gasse von Kuldan wirst du den König umbringen. Mit deiner Zauberaxt wird es die auch nicht viel Mühe bereiten, mit zwei Gegnern fertigzuwerden!"

"Genug!", zischte nun der Namenlose wütend.

"Nein, Namenloser! Das ist noch lange nicht alles! Es sieht danach aus, als arbeitetest du für die Remurier! Seit einiger Zeit gehen Gerüchte um, dass es einer Gruppe von Magiern in Kenun gelungen ist, Menschen aus Metall herzustellen!"

Lathor kam ein paar Schritte auf den Namenlosen zu und stellte sich genau vor ihm auf. Dann griff er nach der Kapuze des Namenlosen und legte sie zurück. Der dunkle Metallkopf des Schattenmannes wurde sichtbar. Er glänzte gespenstisch im Sonnenlicht.

Der Kapitän atmete tief durch.

"Der Namenlose könnte ohne weiteres einer der remurischen Metallmänner sein!" Lathors Augen blitzten, als er den Namenlosen mit seinem Blick fixierte. Er verzog den Mund zu einem dünnen, gequälten Lächeln. "Was hast du dazu zu sagen, Namenloser?"

Der Namenlose antwortete nicht.

Der gesichtslose Metallkopf des Mannes aus dem Schattenland hatte nicht den geringsten Ausdruck. Dann packte der Namenlose packte Lathor an der Schulter. Seine dünnen, langfingrige Hand schien seltsam blutleer.

Lathor wurde bleich und sackte mit starren Augen auf die Schiffsplanken wo er reglos liegenblieb.

Olkyr beugte sich über den leblos wirkenden Kapitän.

"Er ist tot", stellte er kurz danach fest. In den Gesichtern der Männer war Entsetzen zu lesen. Er stand auf und wandte sich an den Namenlosen.

"Warum hast du das getan?"

Der Namenlose hatte indessen seinen Metallkopf wieder unter der Kapuze verborgen.

"Bevor Kryll der Herr dieser Welt sein wird, werden noch so manche Köpfe rollen", murmelte er schließlich.


*


Kryll ging zusammen mit Norjan und dem Namenlosen durch die Straßen des geschäftigen Kuldan. Es war schwierig, sich durch die wogenden Menschenmassen zu drängeln. Das Gebiet um den Hafen herum war von Händlern geradezu belagert. Sie kamen aus aller Welt und verkauften die Waren von den eingelaufenen Schiffen.

Bald kamen Kryll und seine beiden Begleiter in weniger überfüllte Stadtviertel. Die breiten Boulevards am Hafen endeten in engen Gassen, in denen sie nur vereinzelt jemandem begegneten.

Während sie durch die Gassen eilten, dachte der König über Lathors Tod nach.

Was wird mir am Ende blühen, wenn ich mich eines Tages gegen Tarak stellen sollte?, fragte er sich.

Vielleicht konnte er dem Namenlosen zuvorkommen...

Jedenfalls stand fest, dass Kryll nicht die Absicht hatte, als willenloser Sklave Taraks zu enden. Er war sein eigener Herr und wollte es bleiben!

Und bald auch Herr einer ganzen Welt, ergänzte er in Gedanken.

Aber Kryll hatte wenig Neigung dazu, letztlich nichts weiter zu sein, als eine Art Statthalter für Tarak, den Herrn des Schattenlandes.

Vorausgesetzt er nimmt dir nicht auch diese bescheidene Rolle, wenn er erst einmal bekommen hat, was er will, durchzuckte es Kryll eisig.

Aber Kryll war sich sicher, dass er irgendeine Möglichkeit finden würde, um Tarak zu gegebener Zeit entgegenzutreten - und dasselbe galt für den Namenlosen.

Doch zuvor musste er sich im Besitz des Ringes und des Spiegels befinden und alles über diese beiden magischen Werkzeuge in Erfahrung bringen, was es über sie zu wissen gab.

Dann erst konnte er seine Pläne verwirklichen.

Für einen Moment begann Zweifel in seinem Inneren zu nagen.

Er spürte den Hunger nach Macht, der ihn von innen heraus schier zu zerfressen drohte und ihn mehr und mehr zu beherrschen begann.

Es ist ein Spiel mit hohem Einsatz, dachte er. Die Mächte, die er er heraufbeschwor, konnten sich als zweischneidiges Schwert entpuppen. Sie waren gefährlich - und zwar gleichermaßen für Freund und Feind gleichermaßen.


*


Kryll, Norjan und der Namenlose kamen nun in die Außenbezirke von Kuldan. Die tharkische Hauptstadt war eine wild in die Umgebung wuchernde Stadt. Zahllose Bauern, deren Erträge zurückgingen, und deren Boden nicht mehr das Lebensnotwendige abgab, wurden von der großen Stadt wie magisch angezogen. Dort versuchten sie, ihr Glück zu machen, aber nur den wenigsten gelang das auch.

An die dicht besiedelte Stadt schloss sich das ausgedehnte Bergland von Thark an. Auf einer Anhöhe war eine verwitterte Ruine zu sehen. Aber trotz ihres offenbar fortgeschrittenen Alters machte das steinerne Gebäude einen massiven und stabilen Eindruck. Etwas Zeitloses schien über diesem Ort zu liegen.

Der Namenlose deutete mit der Rechten in Richtung der Ruine.

"Dort ist die Zitadelle des Ringes", erklärte er mit einem merkwürdigen Unterton.

"Sie scheint verlassen", meldete sich Norjan zu Wort.

"Aber der Schein trügt", warnte der Namenlose.

Weder Kryll noch Norjan bezweifelten, dass der Namenloser recht behalten würde, obwohl es mehr ein bestimmtes Gefühl war, dass ihnen das sagte, als irgendwelche äußerlich sichtbaren Anzeichen...

Als sie die Ruine erreichten, holte der Namenlose seine monströse Axt hervor und trat mit einem einzigen, wohlplatzierten Tritt eine morsch gewordene Holztür auf. Mit einem hässlichen Krachen brach sie aus ihren verrosteten Scharnieren heraus. Einige kleinere Steine rutschten aus der Wand heraus, Staub wurde aufgewirbelt.

"Wir werden uns durch diesen Krach verraten", vermutete Kryll.

Aber den Namenlosen ließ das ungerührt.

"Die Wesen, die in diesem Gemäuer hausen, haben uns schon längst entdeckt - und zwar spätestens zu dem Zeitpunkt, da wir diesen Hügel erstiegen", war seine im Brustton der Überzeugung gesprochene Entgegnung.

Vor ihnen eröffnete sich ein düsterer Gang.

Er sah nicht sehr einladend aus. Und aus diesem Gang drang so etwas wie ein Summen.

"Was ist das?", erkundigte sich Kryll.

"Der Gesang der Ringwächter. Er hat nichts zu sagen", war die Antwort des Namenlosen.

Er hob die Axt und hielt sie hoch über dem Kopf.

Das Summen - der Gesang der Ringwächter - war für die Ohren von Kryll und Norjan ein grauenhaftes, quälendes Geräusch, das bereits nach wenigen Augenblicken zermürbend wirkte.

"Bleibt dicht hinter mir!", befahl der Mann aus dem Schattenland jetzt. Kryll und Norjan nickten einhellig. Mit vorsichtigen Schritten stapfte der Namenlose tiefer und tiefer in den düsteren Gang hinein.

Die beiden anderen folgten ihm.

Hoch erhoben hielt er dabei die Axt - und die Axt des Namenlosen begann seltsam zu leuchten! Es war ein starkes, rötliches Licht, das von der monströsen Waffe ausging und den Gang ein wenig erhellte.

Unterdessen schwoll der Gesang der Ringwächter zu einem ohrenbetäubenden Lärm an, der einen Menschen über kurz oder lang in den Wahnsinn treiben musste.

"Lasst euch von dem Gesang nicht irre machen!", rief der Namenlose seinen Begleitern zu, die ihn kaum verstehen konnten.




4. DIE RINGWÄCHTER

Nachdem sie dem Gang eine Weile lang gefolgt waren, kamen sie schließlich an eine Tür. Sie war zwar ebenso wie die erste Tür, die sie überwunden hatten, aus Holz, aber nicht so alt und morsch.

Mit zwei mächtigen Hieben seiner Axt trennte der Namenlose die Scharniere und Halterungen heraus. Die brach heraus und stürzte hart auf den Steinboden.

"Ich habe euch erwartet", sagte eine dünne Stimme. Grüne Facettenaugen starrten leer und scheinbar tot auf den Namenlosen und seine beiden Begleiter.

In der Tür stand ein mannshohes Insekt.

"Du weißt, dass du gegen meine Axt nichts auszurichten vermagst, Ringwächter! Also gib den Weg frei!", krächzte der Namenlose.

Das erste Paar von insgesamt acht Gliedmaßen bestand aus furchterregenden Zangen, mit denen der Ringwächter drohend hin und her fuchtelte.

Der Namenlose schien zu allem entschlossen.

"Das Schattenland wird sich zurückholen, was ihm gehört!", rief er.

Dann holte er zu einem furchtbaren Schlag mit seiner Axt aus und lies die Waffe auf den Kopf seines Gegenübers niedersausen. Das rötliche Leuchten der furchtbaren Axt wirkte gespenstisch.

Das Insekt wollte zurückweichen und den Schlag mit seinen Scheren abwehren. Aber die schreckliche Waffe drang durch den harten Panzer des Ringwächters, als wäre dort nichts. Ein letztes Summen ging von dem Ringwächter aus. Dann folgte ein zweiter Schlag, der den Insektenkörper von oben bis unten durchtrennte und in zwei Hälften spaltete, die jede für sich zu Boden stürzten. Ein Fühler regte sich noch schwach, aber das hatte nichts zu bedeuten.

Es war ein Bild des Grauens!

"Der Weg ist frei", sagte der Namenlose jetzt und bedeutete Kryll und Norjan, ihm zu folgen.

In dem Saal, den sie nun betraten, schien sich nichts besonderes zu befinden. An den Wänden leuchteten Fackeln.

"Ist der Ring hier?", fragte Kryll.

Doch noch ehe er eine Antwort auf seine Frage bekam, vernahm er Schritte. Mehrere Türen öffneten sich und Dutzende von insektenhaften Ringwächtern strömten in den Saal.

Ihre Facettenaugen glänzten, ihre mörderischen Scheren schwangen sie hin und her.

Kryll zog mit einer raschen Bewegung sein Schwert.

Und dann war auch schon das erste Insekt mit seinen mehr als armlangen Zangen heran. Die Fühler am Kopf vibrierten leicht. Geschickt stieß der Ringwächter mit den Scheren vor und Kryll musste sein ganzes Geschick aufbieten, um diesem Angriff auszuweichen.

Stahl klirrte gegen die ebenso harten Hornscheren. Ein schier unerträgliches Summen erfüllte den Raum.

Mit wütenden Schlägen drang Kryll auf den Ringwächter vor ihm ein. Doch schon wenig später wurde er von mehreren Seiten angegriffen. Für einen kurzen Moment suchten Krylls Augen nach Norjan. Aber er sah den alten Ritter nirgends in dem Getümmel.

Die Hornpanzer, mit denen diese Wesen ausgestattet waren, waren mindestens so hart wie ein Harnisch.

Kryll war eingekreist.

Von hinten legte sich ein harter Insektenarm um seinen Hals und riss ihn zurück. Er schrie, aber sein Schrei ging im Summen der Ringwächter unter. Das Schwert wurde ihm entrissen und hornige Insektenhände griffen nach ihm.

Das Letzte, was er spürte, war etwas Hartes, das er gegen seinen Kopf bekam. Dann wurde es dunkel vor seinen Augen. Namenlose Finsternis hüllte ihn ein.


*


Kryll erwachte.

Es war still um ihn herum.

Kein Summen war zu hören.

Kryll blickte sich um und bemerkte, dass er in einem kahlen, kaum erleuchteten Raum lag.

Der König erhob sich. Seine Gedanken waren bei Norjan und dem Namenlosen. Was mochte mit ihnen geschehen sein?

Die Tür stand weit offen. Ein Ringwächter stand dort und musterte den König mit seinen kalten Facettenaugen.

Instinktiv glitt die Hand des Königs zur Seite, um zum Schwert zu greifen. Aber die Waffe war natürlich nicht mehr an ihrem Ort.

"Wo sind meine Begleiter?", fragte Kryll dann den Wächter.

Das Insekt trat näher und schwieg.

Vielleicht können nicht alle Ringwächter sprechen, dachte Kryll. Die Scheren des Wächters klapperten drohend und Kryll lief es kalt über den Rücken.

Wo waren Norjan und der Namenlose? Waren sie getötet worden? Er musste damit rechnen.

Es wunderte ihn ohnehin, dass er selbst noch am Leben war.

Der König wandte sich wieder um und setzte sich auf den Boden.Es wäre Wahnsinn gewesen, den Versuch zu unternehmen, den Wächter mit seinen mörderischen Scheren zu überrumpeln. Es blieb ihm also vorerst nichts anderes, als hier auszuharren.

Warum hat man mich am Leben gelassen?, ging es erneut durch Krylls Gedanken. Er bedachte den Wächter mit einem misstrauischen Blick. Was konnten die Beweggründe dieser seltsamen Wesen sein?

Die Ringwächter gehörten einem vielleicht schon uralten, nichtmenschlichen Volk an. Wer konnte schon ihre Motive kennen und einschätzen?

Stumm und starr stand der Wächter noch immer in der Tür. Er wirkte fast wie ein Standbild. Nur fast unmerkliche Bewegungen der Fühler erinnerten daran, dass es sich um ein lebendes Wesen handelte.

"Wo bin ich hier?", fragte Kryll jetzt den Wächter. Das Insekt wandte ein wenig den Kopf.

Aber es blieb stumm.

"Verflucht, kannst du nicht reden!", stieß Kryll wütend hervor. Er erhob sich wieder und trat auf den Wächter zu.

"Ich werde dir keine Auskünfte erteilen", sagte der Wächter nun mit seiner zirpenden Stimme.

"Warum nicht?"

Der Wächter schwieg.

In Krylls Augen blitzte es grimmig.

"Was habt ihr mit mir vor?"

"Was hattest du mit uns vor? Weshalb bist du hier eingedrungen?", kam die Gegenfrage. Kryll war gleichermaßen überrascht und ärgerlich, aber auch froh, sein Gegenüber in ein Gespräch verwickeln zu können.

"Weißt du wirklich nicht, weshalb wir hier her kamen?", fragte der König verwundert.

Der Wächter wedelte etwas mit seinen Fühlern und sagte dann: "Nein. Aber es würde mich interessieren, was ihr für Motive hattet."

Kryll ließ das unbeantwortet und überlegte kurz.

"Von mir aus kannst du alles erfahren. Aber ich knüpfe eine Bedingung daran."

"Die Bedingungen stellen wir!" Die zirpende Stimme schien jetzt sogar einen drohenden Unterton zu bekommen.


*


Der Namenlose war dem Schlachtgetümmel entgangen. Seine Axt hatte ihn gerettet. Noch während die Ringwächter Kryll und Norjan davongeschafft hatten, floh der Mann mit dem Metallkopf durch eine der vielen Türen. Er kannte seinen Weg durch das uralte Gemäuer sehr genau.

Der Namenlose schnellte durch dunkle Gänge und über steile und brüchige Steintreppen. Mehr als einmal musste er mit seiner Axt Türen aufbrechen.

Noch immer erfüllte ein unangenehmes Summen die Luft.

Dann hörte er hinter sich plötzlich das unheilvolle Klappern von Hornscheren. Blitzschnell drehte er sich herum, die leuchtend rote Axt in der Rechten.

Einer Ringwächter kam die Steintreppe empor, die der Namenlose gerade erklommen hatte.

Mit einem mächtigen Hieb tötete der Namenlose das Insekt, das auf ihn zugestürmt kam. Mit einem Krachen und einem letzten, heftigen Summen stürzte es die Stufen hinunter.

Der Namenlose empfand Abscheu, als er dem stürzenden Körper nachblickte. Dann setzte er seinen Weg fort.

Der Ring!

Der Ring war jetzt das Wichtigste!

Wieder brach er eine Tür aus ihren Halterungen und drang weiter in die Zitadelle vor.

Er kam nun in einen relativ kleinen Raum, von dem der Namenlose aber instinktiv wusste, dass hier der Ring sein musste. Er folgte einer unsichtbaren Spur, als ob eine nicht fassbare Macht ihn in die Nähe des Ringes führte. Er konnte es nicht erklären. Und er hatte auch gar nicht das Bedürfnis danach.

Vorsichtig setzte der Namenlose einen Schritt vor den anderen, während seine monströse Streitaxt heller als je zuvor leuchtete.

Einst war ihm gesagt worden, dass ein überhelles Leuchten der Axt ein Zeichen für die Anwesenheit des Ringes sein konnte.

Unwillkürlich überkam ihn ein Gefühl des Triumphes. Sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen.

Er war auf dem richtigen Weg und musste ganz nah am Ziel sein!

Aber da war unterschwellig auch so etwas wie Bitterkeit.

Nicht er würde es sein, der den Ring letztlich tragen und über seine Macht gebieten würde, sondern Kryll, von Arkull!

Nur ein gewöhnlicher Sterblicher wie Kryll würde den Ring tragen können, nur an seinen Fingern würde er seine Macht entfalten und diese seinem Träger zur Verfügung stellen - so hatte Tarak es dem Namenlosen einst gesagt.

Einen Grund dafür hatte der Herr der Schatten nicht erwähnt, aber das war nicht ungewöhnlich. Tarak pflegte selten etwas zu erklären.

Der Namenlose drang weiter in den Raum vor. Eine Säule aus Licht erschien dann an der der gegenüberliegenden Wand. Und inmitten dieser Lichtsäule leuchtete gespenstisch der Ring von Kuldan.

Der Namenlose hielt einen Moment lang inne.

Er war fasziniert und wie gebannt von diesem Anblick.

"Was willst du, Mann aus dem Schattenland, du Sklave Taraks?", fragte eine tiefe, melancholisch wirkende Stimme.

"Wer spricht da?", wollte der Namenlose wissen.

"Ich."

"Wer bist du?"

"Ich bin der Ring."

Die Lichtsäule mit dem darin eingeschlossenen Ring bewegte sich langsam auf den Namenlosen zu.

"Warum bist du gekommen, Namenloser?"

"Ich will den Ring nach Pragan holen!"

"Gibt es dort einen, der es vermag, mich zu tragen?"

"Ja."

"Wer ist es?"

"Es ist Kryll von Arkull!"

Die letzte Antwort des Namenlosen war erst nach einigem Zögern gekommen, aber das Wesen, das den Ring von Kuldan darstellte, schien dies nicht weiter zu registrieren.

"Du wirst mit mir kommen, Ring!", rief der Namenlose jetzt, die Axt drohend erhoben.

"Und wenn ich mich weigere?", kam es zurück.

"Du weißt, dass ich dich zwingen kann. Und ich habe keinerlei Hemmungen, dies auch zu tun!"


*


Die Lichtsäule des Ringes begann etwas zu flimmern. Der Namenlose stellte sich breitbeinig vor der Säule auf.

"Du wirst jetzt in meine Hand kommen, Ring! Oder ich werde dich zwingen!"

"H

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