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Krieg der Klingen

Über den Autor

Kelly McCullough wuchs als Sohn freilaufender Hippies auf. Später besuchte er die Schauspielschule und arbeitete als Improvisationskünstler. Diese Kombination bereitete ihn bestens auf seine gegenwärtige Karriere als Autor und Katzenhüter vor. Er lebt in den USA mit seiner Frau Laura. Kelly besteigt gerne Berge, fährt Rad und genießt ansonsten seine Rolle als selbstheizender Katzensessel.

Kelly McCullough

Krieg der
Klingen

Roman

Aus dem amerikanischen Englischen
von Frauke Meier

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Laura,
ganz einfach, weil ich sie liebe.

Und im Gedenken an Lee Perish,
Freundin, Tante, Fan –
du wirst mir fehlen.

1

Heute sah ich einen Geist in den Augen einer ehemaligen Geliebten. Mir war nie bewusst geworden, wie sehr ich mein altes Gesicht vermissen würde, bis zu dem Moment, als Jax mich angesehen und einen Fremden erblickt hatte.

Ich saß im Greifenkopf, wie ich es schon so oft in der Vergangenheit getan hatte, und trank zu viel Whiskey – wofür das Gleiche galt. Nur war es nicht mein üblicher Whiskey, und ich war nicht, wer ich üblicherweise war. Die Glocken Shans hatten soeben die sechste Stunde verkündet. Die durch die offenen Fenster der Taverne dringenden Sonnenstrahlen waren immer noch heiß, auch wenn der aufziehende Abend ihrem Biss bereits das schlimmste Feuer genommen hatte. Ich hatte mir einen Platz weit entfernt von meinem üblichen Tisch gesucht und Magierlandwhiskey anstelle meines bevorzugten Aveni bestellt, um den kürzlich erfolgten Verlust meines Gesichts nachzubereiten.

Jax erkannte ich in dem Moment, in dem sie den Greifen betrat, obwohl sie im Gegenlicht stand und Schatten ihr Gesicht verhüllten. So ist das eben mit der ersten Liebe. Sie schreibt sich mit untilgbaren Lettern in Herz und Erinnerung.

Oder sind sie womöglich doch nicht so untilgbar?

Der Blick, mit dem Jax mich bedachte, als wir Augenkontakt hatten, bohrte sich so tief wie ein Schwerthieb in mein Inneres. Nicht wegen dem, was er aussagte, sondern aufgrund dessen, was er nicht sagte. Da gab es keine Erkenntnis, keinen noch so kleinen Hinweis auf das, was einmal zwischen Jax Seldansfluch und Aral Königsmörder gewesen war. Keine Liebe und kein Verlust, nur das kühle Taxieren, mit dem ein professioneller Mörder einen Raum auf eventuelle Bedrohungen kontrolliert.

Mich bedachte sie mit einem einzigen, gemessenen Blick, der einzig dazu diente, Quellen möglichen Ärgers zu identifizieren, und weiterwanderte, als er keine entdeckte, ganz, wie es der meine auch getan hätte, wäre ich an ihrer Stelle gewesen. Damit hätte ich rechnen müssen, ich hätte daran denken müssen, was ich geworden war, aber das tat ich nicht, und das Desinteresse der Frau, die ich einmal geliebt hatte, peinigte mich. Für sie war ich unsichtbar, nur ein Geist in ihren Augen.

Beruhig dich, Aral. Triss’ vertraute Stimme sprach direkt in meinem Kopf zu mir, süß und klar und absolut besänftigend. Du bist derjenige, der dein Gesicht vergessen hat, nicht Jax.

Wie stets hatte mein Vertrauter auch dieses Mal recht. Ich fühlte einen Druck auf der Schulter, so, als würde die Hand eines Freundes sie kurz drücken und gleich wieder loslassen. Kurz sah ich mich zu dem Schatten hinter mir um und schenkte ihm ein schiefes Lächeln. Dem, was in dem Schatten verborgen war, um genau zu sein. Triss ist ein Finsterling, eine Kreatur lebendiger Nacht, und er lebt in meinem Schatten. Buchstäblich.

Danke, mein Freund, antwortete ich in Gedanken. Auch wenn es schon einen Monat her ist, fällt es mir schwer, daran zu denken, was der Knochenformer mit meinem Gesicht gemacht hat.

Mit einer Hand rieb ich mir reumütig über Wange und Kinn. Eigentlich nicht so anders als mein altes Gesicht, jedenfalls nicht von innen und nicht für meine Finger. Aber ich wusste, dass mir kein Spiegel je wieder das Gesicht von Aral Königsmörder zeigen würde, nicht einmal die ausgezehrte, verhärmte Version, die ich in den Jahren getragen hatte, als ich Aral der Löhner gewesen war. Ein Löhner, einer der freiberuflich arbeitenden Allzweckdienstleister der Unterwelt. Pakete liefern, Leute beschützen, dann und wann der eine oder andere Auftragsdiebstahl. Das alles gehörte zum Alltag jenes Aral, ach, und was war das für ein tiefer Sturz, gemessen an jener Zeit, in der die Welt mich den Königsmörder genannt hatte und die, die Unrecht taten, beim Gedanken an mich erzitterten.

Ich nahm einen weiteren tiefen Schluck von meinem Whiskey, rauchig und kräftig, genau das, was ich nun brauchte. Dann aber ermahnte ich mich im Geiste, dass meine Veränderung mir nur zugute kam, bedachte man all die Fahndungsplakate mit meinem alten Gesicht. Das sagte ich mir wieder und wieder, und bis zu dem Moment, in dem mich Jax’ Augen bar jeglicher Erkenntnis gestreift hatten, hatte ich sogar meist so getan, als würde ich mir glauben.

Mein Gesicht war von jeher nichts Besonderes gewesen. Alles nur mittelbraun, von den Haaren bis zur Haut. Nicht allzu hübsch, nicht zu hässlich. Die Art von Gesicht, das sich leicht ignorieren oder vergessen lässt. Die Meister und Priester, die mich aufgezogen und zum Assassinen im Dienste einer inzwischen toten Göttin ausgebildet hatten, hatten mir stets gesagt, dies sei einer meiner größten Vorzüge.

Mein neues Gesicht teilte all die vorteilhaften Aspekte meines alten und verbesserte sie sogar noch. Ich hatte Haut und Knochen gezielt auf eine Art neu angeordnet, die sämtliche Kennzeichen meiner Herkunft auslöschte, sodass ich nun aussah wie das Produkt verschiedenster Erbanlagen. Was ich nun hatte, war die Art von Gesicht, die man in jedem der elf Königreiche des Ostens finden konnte – nicht einheimisch, aber auch nicht unverkennbar fremd. In vielfacher Hinsicht war dies das perfekte Gesicht für den, der ich einst gewesen war. Aral Königsmörder, Klinge der Namara, der Göttin der Gerechtigkeit. Welch eine Ironie, dass ich es erst aufgesetzt hatte, nachdem meine Göttin ermordet worden war, ihr Tempel zerstört und meine Freunde und Gefährten bis auf eine Handvoll niedergemetzelt.

Ruhig. Wieder drückte Triss meine Schulter – die Berührung eines Schattens – dieses Mal jedoch, um mich zu warnen. Denk daran, wo wir sind, und beherrsch dich. Wir werden immer noch gejagt.

Und wieder hatte er recht. Der Greif war ein öffentlicher Ort. Einer, von dem bekannt war, dass ich dort einen guten Teil meiner Zeit verbracht hatte, ehe mein zweites Leben als Schattenlöhner aufgeflogen war. Wenn ich mich im Raum umblickte, sah ich gleich mehrere Tische, die potenziellen Ärger versprachen. Der Platz in der Ecke, den ich früher als meinen Stammplatz betrachtet hatte, beispielsweise. Dort saßen ein Mann und eine Frau, beide mit dem Rücken zur Wand, beide umgeben von der Aura lauernder Jäger.

Sie war schlank, groß, hatte lange und doch muskulöse Glieder und war alles andere als zerbrechlich. Eisblondes Haar und weiße Haut wiesen sie als Fremde aus, ebenso wie ihre hart blickenden blauen Augen. Mit ihren sicheren, zielgerichteten Bewegungen erinnerte sie mich an eine riesige Gottesanbeterin. Der Mann war ebenfalls groß, aber breit, wo sie schmal war. Dicke Muskeln zeichneten sich unter der dünnen Seide einer langärmeligen Tunika ab. Er war so dunkel wie jeder gewöhnliche Einheimische, doch seine Züge und sein dichter, schwarzer Bart deuteten auf eine Kadeshi-Herkunft hin. Das Gleiche galt für die kurzen Äxte mit den breiten Klingen, die in seiner Schärpe steckten.

Er ertappte mich dabei, wie ich ihn musterte, zog kaum merklich eine Braue hoch und berührte eine seiner Äxte auf eine Weise, die mir verriet, dass er mich für einen Dieb hielt. Ich tat verschüchtert und schluckte krampfhaft, ehe ich in mein Glas starrte, und er schnaubte verächtlich und widmete sich wieder der Unterhaltung mit der Frau. Diesen Ärger hatte ich zwar mühelos abwenden können, aber, verdammt, ich sollte gar nicht hier sein. Ich hätte fortgehen und mir eine andere Bar suchen sollen, in der ich mich regelmäßig aufhalten konnte, um mir zu dem neuen Gesicht auch eine neue Identität aufzubauen.

Aber ich war es sterbensmüde, ständig davonzulaufen, und irgendwie konnte ich mein altes Ich nicht so einfach zurücklassen. Nicht einmal die Version, in der ich weiter nichts war als ein versoffenes Wrack, das sich sein Brot als Schattenlöhner hatte verdienen müssen.

Was mich wieder zu Jax brachte. Wir waren gemeinsam im großen Tempel der Namara aufgewachsen. Sie war ein Jahr nach mir mit kaum vier Jahren in den Dienst der Göttin getreten; ein zierliches Mädchen mit langem, dunklem Haar, heller Haut und einem gewinnenden Lächeln, das sich im Laufe der Jahre, in denen das Mädchen sich in eine schöne, junge Frau verwandelt hatte, zu einem ebenso gefährlichen wie schelmischen entwickelt hatte. Zwar war sie physisch nicht sonderlich beeindruckend, doch das hatte sie durch ihre Fähigkeiten als Zauberin und Assassinin im Dienst der Gerechtigkeit mehr als wettgemacht und sich in Bezug auf ihre Fertigkeiten den dritten Platz in unserer Generation verdient. Gleich nach Siri und mir.

Warum hatte sie ausgerechnet diesen Moment gewählt, um in mein Leben zurückzukehren? Ich beging nicht den närrischen Fehler, mir einzubilden, ihre Anwesenheit an dem einzigen Platz in ganz Tien, von dem bekannt war, dass ich ihn regelmäßig frequentiert hatte, beruhe in irgendeiner Weise auf Zufall. Nebenbei fragte ich mich auch, wo sie sich während der sechs Jahre seit dem Untergang des Tempels versteckt gehalten haben mochte. Nicht in Zhan, wie ich in Anbetracht der mangelnden Pigmentierung ihrer Haut vermutete. Und auch an keinem anderen Ort unter sengender Sonne, es sei denn, sie war zu einem reinen Geschöpf der Nacht geworden.

Aven vielleicht, oder zu Hause in Dalridia oder in den Bergen im Magierland. Mit größter Wahrscheinlichkeit war es einer dieser Orte gewesen. Sie musste sich irgendwo verborgen gehalten haben, wo sie nicht weiter auffiel, aber zugleich an einem Ort, der nahe genug war, dass sie Tien in maximal vier Wochen hatte erreichen können. Damit fielen Öse, Varya und Radewald aus.

Die Nachricht, dass der Königsmörder entlarvt worden war, war auf den Flügeln der Magie weit und schnell geflogen. Jeder in den elf Königreichen, der irgendwelche Kontakte zum Hof oder zur Schattenseite hatte, musste diese Nachricht binnen einer Woche, maximal zwei Wochen erhalten haben. Wollte sie nicht haufenweise Geld ausgeben und gerade die Art von Aufmerksamkeit erregen, die unsereiner sich im Grunde nicht leisten kann, musste Jax für ihre Reise auf bescheidene Mittel zurückgegriffen haben. Weder ein Schiff noch ein Pferd konnten sie von weiter entfernten Orten hergebracht haben.

Ich wusste, dass Jax gleich nach dem Untergang des Tempels einige Zeit unter dem Joch des Herrn des Himmels zugebracht hatte, jenem menschlichen Instrument, das die Götter benötigt hatten, um den Tempel und Namaras Anhänger zu vernichten. Als magische Verlängerung des Arms von Shans Erzpriester war die Hand des Himmels bekannt für ihre Bereitschaft, Pranger und Folter zur Erreichung ihrer Ziele einzusetzen. Was zweifellos die dünnen Narben erklärte, die sich zu mehreren Dutzend über Jax’ Arme und Gesicht zogen, weiß auf weiß wie die zarte Maserung eines Marmortischs.

Aber wo hatte sie seit ihrer Flucht gesteckt? Was hatte sie getan?

Ihre Kleidung verriet mir gar nichts. Wie jeder, der ausreichend bei Geld und Verstand war und sich dem tienisischen Sommer ausgesetzt sah, hatte sie sich für eine Weste und eine weite Hose aus dünnster Seide entschieden – in diesem Fall in Grau. Auf die üblichen Sandalen hatte sie zugunsten leichter Stiefel verzichtet, wie auch ich sie für meine Wege über die Dächer trug. Die kurzen Krummschwerter, die in einer Doppelscheide an ihrer rechten Hüfte steckten, sahen von der Gestaltung her vage dalridisch aus, konnten aber im Grunde von überall stammen. Sie lieferten mir jedenfalls auch keine weiteren Hinweise. Um genau zu sein, fand ich nirgends auch nur den kleinsten Fingerzeig auf ihre jüngere Vergangenheit.

Ich wollte zu ihr gehen, wollte sie in die Arme nehmen und ihr sagen, wer ich war und wie froh ich war, sie lebendig wiederzusehen. Aber sechs Jahre auf der Flucht hatten ihren Tribut gefordert. Ich würde warten, und ich würde beobachten, und nur, wenn ich ganz sicher war, dass mich keine Falle erwartete, würde ich einen Zug tun. Und sogar dann würde ich der Vorsicht den Vorzug vor jeglichem Vertrauen einräumen.

Etliche lange Minuten unterhielt sie sich am Tresen leise mit Jerik. Wenn ich auch nichts Genaues ausmachen konnte, stellte sie doch offenbar Fragen. Jerik hingegen schüttelte nur immer wieder den Kopf und zuckte mit den Schultern, ungeachtet der Tatsache, dass sie ihm mehrere schwere Goldmünzen zeigte. Schließlich schien sie aufzugeben, denn sie warf das Haar mit der gereizten Halsbewegung zurück, die ich in dem ungestümen Jahr, in dem wir das Bett geteilt hatten, zu oft gesehen hatte, um noch mitzuzählen. Ohne ein weiteres Wort stolzierte sie geradewegs zur Eingangstür des Greifen.

Eigentlich hätte es witzig sein müssen zuzusehen, wie abgehärtete Knochenbrecher von der Schattenseite, die doppelt so groß waren wie die Frau, ihr hastig und wohlüberlegt aus dem Weg gingen, als Jax sie mit dem Blick bedachte. Aber sie hatte mich mit ihrem abrupten Abgang derart überrascht, dass ich kaum genug Ruhe hatte, das überhaupt wahrzunehmen. Dafür war ich viel zu sehr damit beschäftigt, so zu tun, als hätte ich nicht die Absicht, ihr zu folgen, als ich meinen Drink hinunterkippte und mich erhob, um exakt das doch zu tun.

Wie sieht dein Plan aus?, fragte Triss stumm. Ich dachte, wir würden das langsam angehen.

Das war, bevor sie so schnell aufgebrochen ist. Immerhin haben wir keine Ahnung, ob sie noch einmal zurückkommt, und ich will wissen, warum sie hier ist.

Das ist ein Argument. Wie gehen wir vor?

Wir kreuzen ihren Schatten. Sagen Sshayar, sie soll Jax informieren, dass wir uns um Mitternacht irgendwo treffen, wo wir unter uns sind. Gehen unserer Wege.

Das war ein alter Klingentrick zur Weitergabe geheimer Botschaften untereinander. Finsterlinge waren zu einer stummen Form der Kommunikation fähig. Triss und Sshayar würden einige grundlegende Informationen austauschen können. Bedauerlicherweise war kein Finsterling, wenn man einmal von meiner neu entdeckten Befähigung absah, mich stumm mit Triss auszutauschen, in der Lage, ausschließlich auf gedanklicher Ebene mit seiner Klinge zu kommunizieren. Diese neu erworbene Gabe war eine Hinterlassenschaft des Zaubers, der mein Gesicht umgeformt hatte, ein Durchbruch, der uns gestattete, etwas zu nutzen, das keiner der unseren je zuvor genutzt hatte: echte gedankliche Kommunikation. Aber das war nichts, das man lernen konnte, also würden wir uns auf die ältere Methode der Weitergabe von Nachrichten von Finsterling zu Finsterling beschränken müssen, auf dass sie später in Worte gefasst werden konnte.

In der Theorie ein hervorragender Plan. In der Praxis …

Ich hasse es, wenn wir das tun, dachte ich an Triss gewandt. Wo zum Henker ist sie hingegangen?

Da entlang, entgegnete der Schatten und zupfte unauffällig an meinem rechten Fuß. Ich kann Sshayars Essenz auf der Straße schmecken, aber nur sehr vage. Sie versteckt sich tief in Jax’ Schatten, und die Sonne ist heute sehr stark und verbrennt ihre Spuren schnell. Wir müssen uns beeilen, wenn wir sie nicht verlieren wollen.

Als ich mich anschickte, die Tür der Taverne hinter mir zu schließen, war Jax kaum vierzig Fuß vor uns gewesen, doch als ich die Schwelle dann verließ, war sie schon in der Menge verschwunden. Was zum Teil schlicht an ihrer Größe lag, eine Haaresbreite unter fünf Fuß, womit sie einen ganzen Kopf kleiner war als der tienisische Durchschnittsbürger. Von denen Tausende auf der Suche nach einem Abendessen durch die Straßen wanderten.

Die Stolprer, die Gegend, in der der Greif liegt, sind eines der schlimmsten Viertel von ganz Tien. Die Straßen sind schmal und in erbärmlichem Zustand – irgendwo da unten liegen Pflastersteine, aber um die zu finden, müsste man sich durch einen Haufen Müll wühlen. Im Augenblick allerdings war es schon schwer, den Unrat unter dem Gewühl der Menschen zu sehen, die die Straßen ausfüllten.

Wie es in Elendsvierteln häufig der Fall ist, zählten die Stolprer auch zu den bevölkerungsreichsten Gegenden von Tien. Die Unterkünfte rangierten irgendwo zwischen miserabel und inadäquat, aber Räume oder Teile von Räumen waren für ein paar Kips am Tag zu haben. Das bedeutete, dass Leute, die in anderen Teilen der Stadt auf der Straße nächtigen mussten, hier zumindest eine Tür zwischen sich und der Nacht schließen konnten, wenn sie schlafen gingen. Das war wertvoll, besonders an einem Ort wie den Stolprern.

Während ich mir, stumm geleitet von Triss, einen Weg durch die Menge bahnte, hielt ich unentwegt Ausschau nach Jax. Aber infolge ihrer geringen Größe und der Tatsache, dass in dieser armen Gegend so gut wie jeder irgendwas in Hellbraun und Mittelgrau trug, konnte ich sie nicht ausmachen. Dafür entdeckte ich ein halbes Dutzend Langfinger und Taschendiebe, von denen ich zwei, die mir zu nahe zu kommen drohten, mit einem Blick verwarnte. Letzteres war ein Schock für mich, eine weitere Erinnerung an mein verlorenes Gesicht – die Leute in den Stolprern kannten Aral, den Löhner, und sie waren klug genug, gar nicht erst daran zu denken, in seine Taschen zu greifen – aber sie kannten mich nicht.

Niemand kannte mich. Nicht die unbedeutenden Kriminellen, nicht Machim, der Bettler, und auch nicht Asleth, der Nudelverkäufer. Niemand. Das sollte es mir einfacher machen, mich durch die Menge zu wühlen, da die Leute, die normalerweise ein Stück meiner Zeit beanspruchen würden, mich ignorierten. Aber dem war nicht so. Aral, der Löhner, war ein gefährlicher Mann, vielleicht auch ein Säufer und ein Pechvogel dazu, aber die meisten Leute waren schlau genug, ihm aus dem Weg zu gehen. Aber niemand ging … wem? … aus dem Weg.

Als diese Frage mich plötzlich mit voller Wucht traf, blieb ich mitten auf der Straße stehen. Wer war ich eigentlich?

Aral Königsmörder war mit seiner Göttin gestorben. Der Mann, der diesen Namen getragen hatte, hatte sich tief in einer Flasche verkrochen und war nicht wieder herausgekommen. An seiner Stelle war ein neuer Aral aufgetaucht. Aral, der Säufer, der seine Tavernenrechnungen bezahlte, indem er einen Schattenlöhner spielte. Der Dinge für Geld tat, die der frühere Aral niemals auch nur in Erwägung gezogen hätte. Jämmerliche kleine Gesetzeswidrigkeiten, und alles freiberuflich, sodass er nie in die Gefahr geriet, jemals wieder irgendjemandem Loyalität zu schulden. Jemals wieder jemanden zu haben, der ihm am Herzen lag.

Das alles hatte sich vor etwas mehr als einem Jahr geändert, als eine Frau namens Maylien ein Echo des alten Königsmörders entdeckt hatte, das sich unter der Haut des Löhners verbarg.

Für eine kurze Zeit hatte ich geglaubt, ich hätte einen neuen Sinn im Leben gefunden, einen neuen Aral, der vielleicht eine Chance hatte, wieder Gutes in der Welt zu bewirken. Das jedenfalls war der Plan gewesen. Und ich hatte mir sogar eingebildet, er würde funktionieren. Das war bis zu dem Moment einigermaßen gegangen, in dem mir bewusst geworden war, wie viel von mir ich zusammen mit meinem Gesicht verloren hatte. Ich hatte nun nicht einmal mehr einen Namen. Jedenfalls keinen, den ich in der Öffentlichkeit tragen konnte. Wenn dein einziger Name ein Geheimnis ist, ist es dann überhaupt noch ein Name?

Aral! Los, wir verlieren Jax. Triss versetzte mir einen scharfen Schlag an den Fuß, und ich setzte mich wieder in Bewegung.

Aber ich hatte meinen Jagdeifer verloren, und so zuckte ich kaum mit der Wimper, als die Spur die schmalen Straßen der Stolprer hinter sich ließ und wir sie in dem Menschenstrom verloren, der die Marktstraße beherrschte.

Feuer und Sonne!, grollte Triss in meinem Geist. Sie ist weg, und ich weiß nicht einmal, ob das an der Sonne liegt oder ob Jax irgendeinen schlauen Trick angewandt hat, um ihre Spur zu unterbrechen.

Ich fand es überaus schwer, mir den Kopf über eine Antwort zu zerbrechen, obwohl ich doch eigentlich nur zurück in den Greifen wollte, um mir die Welt aus den Gedanken zu trinken. Das aber konnte ich Triss in Anbetracht dessen, wie er über meine Trinkerei dachte, nicht sagen. Also blieb ich einfach stehen und starrte die vorüberziehende Parade an, dieses Durcheinander aus Fußgängern und Reitern, Kutschen und Rikschas und sogar der einen oder anderen Sänfte. Sandalen und Stiefel und Hufe und Räder, und alle knirschten über Staub und Schmutz und …

Warte. Noch mal zurück. Denk nach, Mann!

Das war es. So einfach und elegant, ich hatte wirklich keine Ahnung, warum ich nicht schon längst darauf gekommen war.

Ich nehme an, sie sitzt in einem von denen. Ich zeigte auf einen vorüberfahrenden Ochsenkarren. Wenn sie dafür gesorgt hat, dass ihr Schatten nicht über den Wagen hinausragt, ist so ein Fuhrwerk ein sehr gutes Fluchtvehikel. Das oder eine dieser geschlossenen Sänften. Verdammt, sie hätte sich hier sogar von einer abgedeckten Rikscha abholen lassen können.

Ich bin ein Idiot. Triss hörte sich ernsthaft schockiert an. Die Vorstellung von der Schattenspur ist neu genug für dich, dass ich verstehen kann, warum du nicht früher daran gedacht hast. Aber warum bin ich nicht früher darauf gekommen?

Aus dem gleichen Grund wie ich, wahrscheinlich. Scheuklappendenken. Wir wissen beide, dass Feuer, Sonne und fließendes Wasser eine Schattenspur auslöschen können, und darum sind wir beide nicht auf die Idee gekommen, dass es jenseits dieser großen Hindernisse noch etwas viel Profaneres geben könnte.

Und was jetzt?, fragte Triss.

Der Greif, denke ich. Vielleicht kommt Jax ja zurück. Triss sagte nichts, aber ich konnte die Missbilligung spüren, die er bei dem Gedanken, ich könnte noch etwas zu trinken zu mir nehmen, verströmte. Ich könnte auch etwas zu essen brauchen, und das heißt, entweder wir genehmigen uns Jeriks Küche, oder wir gehen nach Hause, wo wir erst mit Faran und Ssithra fertig werden müssen …

Ich nehme an, ein weiterer Whiskey wird dich nicht umbringen.

Ich dachte mir, dass du mir zustimmen würdest.

Faran war fast sechzehn und ein Problem auf Beinen. Beim Untergang des Tempels war sie erst acht gewesen. Nur der ihr eigenen Mischung aus Begabung, Intelligenz, Glück und absoluter Schonungslosigkeit hatte sie es zu verdanken, dass sie den Angriff überlebt hatte, dem der größte Teil ihrer Kameraden und Lehrer zum Opfer gefallen war. Sechs Jahre lang hatten sie und ihre Vertraute Ssithra sich ganz allein durchgeschlagen und waren spionierend und diebisch durch die elf Königreiche gezogen, um am Leben zu bleiben. Ihr letzter Auftrag hätte sie womöglich das Leben gekostet, hätte er sie nicht zufällig auf meine Schwelle geführt. Aber um das ganze Durcheinander in Ordnung zu bringen, hatte ich mein altes Gesicht ablegen müssen.

Und jetzt war sie meine … Schülerin? Mündel? Tochterersatz? Faran und ich arbeiteten immer noch daran herauszufinden, was wir für den jeweils anderen waren. Bisher umfasste dieses Unterfangen eine Menge Knurren und Zähnefletschen, und ich brauchte dringend eine kleine Pause, ehe ich mich der nächsten Runde stellte. Und wenn das Verhältnis zwischen Triss und Ssithra auch schwerer zu erfassen war, deutete doch all das Zischen in Finsterlingsprache an, dass es nicht weniger belastet war. Auf jeden Fall war die Aussicht auf den Greif in diesem Moment doch erheblich verlockender als das Haus, das wir gemietet hatten und uns mit Faran und ihrer Vertrauten teilten.

Als ich wieder in der Taverne eintraf, herrschte im Greifen schon etwas mehr Betrieb. Jerik wies nur grunzend auf einen freien Platz am Ende des Tresens, als ich mit lauter Stimme einen Whiskey und einen Teller gebratener Nudeln mit geschreddertem Was-auch-immer-heute-von-der-Ladefläche-irgendeines-Fuhrwerks-gefallen-war bestellte. Sein Desinteresse schmerzte ein wenig, denn ich war es gewohnt, als Stammgast begrüßt zu werden. Wenige Minuten später ließ er meinen Teller samt einem kleinen Laib Schwarzbrot, den ich nicht bestellt hatte, vor mir auf die Theke fallen und machte kehrt, ehe ich noch etwas zu der missverstandenen Bestellung sagen konnte.

Am liebsten hätte ich ihm das Brot in den davoneilenden Rücken geworfen, doch ich begnügte mich mit einem Seufzen und nahm stattdessen einen Schluck von meinem Whiskey. Er schmeckte seidenweich, wie flüssige Magie. Achtzehnjähriger Kyles aus dem speziellen Reservefass, wenn ich auch nur die geringste Ahnung von Whiskey hatte. Auch nicht das, was ich bestellt hätte. Als ich vor dem nächsten Schluck eine Pause einlegte, wirbelte Jerik herum und stellte ein Bier vor einem Schmuggler auf den Tresen, der drei Hocker weiter rechts saß. Ich wandte mich Jerik zu und hob kaum merklich das Glas und eine Braue dazu. Jeriks Antwort bestand aus so etwas wie dem blassen Geist eines Zwinkerns oder fiel vielleicht auch einfach aus.

Ich nippte noch einmal an meinem Glas. Das war eindeutig die beste Sorte Kyles, das flüssige Gold, das der alte Aral immer dann getrunken hatte, wenn er der Meinung gewesen war, er hätte genug Geld in der Tasche. Da ich aber seit dem Wechsel meines Gesichts im Greifen nie etwas anderes als Magierland-Whiskey bestellt hatte und der Kyles nicht so stand, dass man ihn versehentlich hätte verwechseln können, musste ich davon ausgehen, dass Absicht dahintersteckte.

Was bedeutete, dass er mich erkannt hatte und wollte, dass ich es wusste. Ich hätte gern geglaubt, dass dies schlicht unmöglich sei, aber er war fünf Jahre lang mein Stammwirt wie auch mein Vermieter gewesen und kannte mich besser als jeder andere in der Stadt. Seinen Gang zu verändern war schwer; noch schwerer, wenn man gerade betrunken war.

Aber warum machte er mich darauf aufmerksam? Um meine Verwirrung zu verbergen, nahm ich einen weiteren Schluck von dem exzellenten Whiskey und stopfte einen Mundvoll Nudeln hinterher. Die scharfe Pfeffersoße war beinahe kräftig genug, den etwas überalterten Jahrgang der frittierten Fleisch- und Gemüsebestandteile zu überdecken. Beinahe.

Nun betrachtete ich mein Brot. Jerik stellt ein hartes Schwarzbrot her, das einen Mann lange am Leben erhält, wenn ihn das mühsame Kauen nicht vorher umbringt. Es ist billig und abscheulich, und ich habe im Laufe der Jahre ebenso viel Zeit damit zugebracht, von dem Zeug zu leben, wie ihm aus dem Weg zu gehen. Dieser Laib sah noch verbeulter aus als die meisten seiner Kameraden. Er wies etliche Löcher und Beulen auf sowie einen breiten Riss an einer Seite, der sich beinahe durch den ganzen Laib zog. Hmm. Ich bohrte den Daumen in den Riss und brach eine kleine Ecke ab, als ich spürte, dass sich tief im Inneren des Brots ein Stück Papier verbarg.

Als ich das Brotstück in meiner Pfeffersoße versenkte, kam Jerik zu mir zurück. »Anschreiben?«

Ich nickte, und er ging. Die Gunst des Anschreibens gewährt Jerik nur seriösen Stammgästen, und das Gesicht, das ich nun trug, war dafür schlicht noch nicht lange genug in der Gegend. Aber ich nehme an, es hätte mich nicht so überraschen dürfen, dass er mich erkannt hatte.

Jerik war ein verdammt kluger Bursche. Früher hatte er seinen Lebensunterhalt mit der Monsterjagd, vorwiegend auf königlichen Ländereien, verdient, was die Liste der diesem Gewerbe inhärenten Gefahren um die potenzielle Begegnung mit königlichen Patrouillen erweiterte. Die Dummen sterben schnell, aber die Klugen können sehr reich werden, wenn sie nur lange genug überleben. Mit dem Verkauf der Einzelteile an Magieausrüster war ein Haufen Geld zu machen, und Jerik war lange genug dabei gewesen, dass er im Grunde nicht mehr hätte arbeiten müssen.

Er hatte sich aus dem Geschäft zurückgezogen, nachdem der Greif, eben der, nach dem die Taverne benannt war, ihm die halbe Kopfhaut nebst einem Auge abgefressen hatte. Die Narben waren schaurig und einer der Gründe, warum er auf helles Licht zu verzichten pflegte, aber ich glaube, die Aufregung an der ganzen Sache fehlte ihm trotzdem. Er war erst wenige Jahre hier gewesen, als er den Greifenkopf eröffnet und den Schädel des verdammten Viehs hinter die Theke genagelt hatte. Ich hatte von jeher angenommen, dass er sich weit Besseres hätte leisten können, und ging davon aus, dass er die Taverne hier unten in den Stolprern inmitten der Schattenseitenprotagonisten nur gekauft hatte, weil er aus alter Gewohnheit gern von gefährlichen Räubern umgeben war.

Trotz des brennenden Verlangens, die kleine Mitteilung gleich hier und jetzt zu lesen, hielt ich mich zurück. Stattdessen nagte ich noch eine Ecke von dem Brot ab und nahm einen tiefen Schluck Kyles. Pures Gold, obwohl ich immer noch das Efik vermisste. Heute mehr denn je, nun, da eine weitere Klinge aufgetaucht war, die mich an all die Dinge erinnerte, die ich hatte zurücklassen müssen. Gebraut oder gekaut, die Wirkung der Bohnen war viel weicher als die von Alkohol. Aber natürlich wäre ich längst tot, hätte ich nicht die Finger davon gelassen. Oder, schlimmer, einer der Schlafwandler, die in den Gassen herumlungern und sich die eigenen Arme aufschneiden, nur um fein gemahlenes Efik in die Wunden zu reiben und sich so einen noch schöneren Ritt zu dem Ort zu verschaffen, an dem alles egal war.

Ich verdrängte den Gedanken, denn je mehr ich über Efik nachdachte, desto dringender verlangte es mich danach, und das war ein Pfad, der geradewegs in den Ruin führte. Als ich mit den Nudeln und dem sorgsam rationierten Kyles fertig war, steckte ich das Brot ein und ging hinaus in den Hof des Greifen. Dort hatte ich früher eine Kammer über dem Stall gemietet. Nun nutzte ich den Vorteil, den mir meine langjährige Kenntnis dieses Ortes gewährte, um mich in den leeren Stall zurückzuziehen, ehe ich meinen Brotumschlag aufbrach.

Als ich das Brot endlich entzweigebrochen hatte, hatte Triss sich bereits über die Beschränkungen hinweggesetzt, die das Licht Schatten üblicherweise aufzwang, und war an der Wand zu einer Stelle hinaufgeglitten, von der aus er über meine Schulter blicken und mitlesen konnte. Kaum hatte er seinen Platz eingenommen, veränderte er seine Gestalt. Meistens tat er, als wäre er nichts anderes als das, was das Licht zu produzieren vermochte, eine dunkle Kopie meiner menschlichen Gestalt. Aber wenn wir unter uns waren, veränderte er häufig seine Silhouette und zeigte sich in der Form eines kleinen Drachen samt Schwingen und Schwanz. Wenn er das tat, änderten sich auch einige seiner anderen Eigenschaften, und als er sich nun verwandelte, streckte ich die Hand aus und kratzte ihn hinter den Ohren, wo seine Schuppen ständig zu jucken schienen.

Er gab einen glückseligen Laut von sich, schüttelte mich aber bald ab und deutete mit dem Kinn auf das fest zusammengerollte Stück Papier in meiner Hand. Was steht drin?

Ich wickelte es auseinander und hielt einen gefalteten Bogen in der Hand, der mit einem kleinen Klecks schwarzen Wachses versiegelt war. Das Wachs wies keine Einprägungen auf, und auf der Außenseite war auch kein Name zu erkennen, aber mein Magierblick offenbarte mir einen schwachen Schimmer von Magie auf dem Siegel. Ich hielt das Schriftstück für Triss hoch, und er streckte einen Klauenfinger aus und berührte das Wachs. Es zischte kurz, und das Siegel löste sich auf. Mit hochgezogener Braue blickte ich Triss an, und er nickte mir zu. Wie erwartet reagierte das Siegel nur auf die Berührung eines Finsterlings. Jeder andere Versuch, es zu öffnen, hätte dazu geführt, dass das ganze Ding augenblicklich zu Asche verbrannt wäre.

Ich faltete den Brief auseinander. Darin stand: Ashviks Grab. Zwei Stunden nach Mitternacht. Wenn sich der Tag jährt, an dem du mir das Herz gebrochen hast. Und das war alles. Keine Namen. Keine Unterschrift.

Schlau gemacht. Nur ein Ort, eine Tageszeit und ein Datum, das nur ich kennen konnte. Der Tag, an dem ich Jax gesagt hatte, dass ich sie nicht heiraten würde. Am 5. Erstkorn, also von jetzt an in einer Woche. Die ganze Sache war klug eingefädelt, und ich fragte mich, wie viele von diesen Nachrichten sie wohl verteilt haben mochte in der Hoffnung, eine davon würde mich erreichen.

In Tien hatte es sechs Könige mit Namen Ashvik gegeben, und ihre Gräber verteilten sich über den ganzen königlichen Friedhof. Sollte also jemand die Nachricht abfangen, ohne zu wissen, dass sie für mich bestimmt war, so würde er nicht nur in Bezug auf das Datum, sondern auch in Hinblick auf den Treffpunkt raten müssen: das Grab Ashviks VI, jenes Herrschers, dessen Tod mir den Namen Königsmörder eingetragen hatte.

2

Meine frühesten Erinnerungen sind angefüllt mit Dunkelheit. Als ich mit vier Jahren in die Dienste Namaras trat, trat ich zugleich tief in den Schatten.

Von meinem ersten Tag an trainierte ich in den lichtlosen Tiefen unter dem Tempel, lernte blind zu agieren. Als ich sieben war, fühlte ich mich in totaler Dunkelheit genauso sicher wie am helllichten Tag. Und dann verband ich mich mit Triss, und ein Schatten wurde zu meinem besten Freund.

Die meisten Leute verstehen unter Dunkelheit lediglich die Abwesenheit von Licht, aber wir, die wir das Leben mit jenen von Triss’ Art teilen, wissen, dass sie auch eine lebendige Präsenz bergen kann. Ein Finsterling kann viele Formen annehmen. Er kann sich als substanzloses Gespenst im Schatten seines Gefährten verbergen. Er kann besagten Schatten beherrschen und nach seinen Wünschen formen, wie Triss es bisweilen tut, wenn er die Gestalt eines Drachen annimmt oder mir Klauen verleiht, mit denen ich klettern kann. Er kann auch zu einer dichten Wolke werden, einer Art schwarzem Nebel, und seinen Kameraden in einen Mantel aus Finsternis hüllen – was exakt die Form war, die Triss derzeit innehatte.

Der größte Vorteil jeder Klinge ist der Finsterling an ihrer Seite. Grundsätzlich verlangt die Magiergabe nach einem Vertrauten, der ihr als Fokus dient, um überhaupt zu funktionieren. Ein Magier, der ohne einen Vertrauten einen Zauber wirken will, ist weitgehend in der gleichen Lage wie ein flügelloser Vogel, der zu fliegen versucht. Darüber hinaus formen die Vertrauten die Kraft der Magie ihrer Gefährten: Wollt Ihr Feuer wirken, ist es hilfreich, einen Salamander zur Unterstützung zu haben.

Und dann ist da noch die eigene Macht des Vertrauten. Will man also ungesehen in einer Welt herumspazieren, in der jeder Magier die Glut eines Unsichtbarkeitszaubers erkennen kann, ist ein Vertrauter, der einen vollständig in Schatten hüllen kann, das Beste, was man sich wünschen kann.

»Warte einen Moment«, flüsterte ich in die mich umgebende Finsternis.

»Warum?«, ertönte die leise und ärgerliche Stimme Farans hinter mir. »Was, fürchtest du, werde ich dieses Mal versauen?«

Am liebsten hätte ich den Kopf an die Felswand zu meiner Rechten geknallt. Stattdessen entließ ich Triss aus dem Traumzustand, der es mir gestattete, seine Fähigkeiten und Sinne zu nutzen, als wären es meine eigenen. Zwar konnte ich das auch tun, wenn er wach war, aber falls ich Magie anwenden oder seine Substanz verändern wollte, konnte ich das sehr viel schneller und sauberer erledigen, wenn ich die Kontrolle übernommen hatte.

So ruhig, wie ich nur konnte, entgegnete ich: »Ich mache mir nicht deinetwegen Sorgen, Faran. Ich möchte mir nur erst einen Überblick verschaffen, ehe wir reingehen. Es ist lange her, seit ich das letzte Mal versucht habe, mich an den Schutzmaßnahmen des Palasts vorbeizuschleichen.«

»Und ich habe in den letzten paar Jahren fast nichts anderes getan. Die Zhani-Variante sieht auch nicht schlimmer aus als die in Kodamia, jedenfalls nicht von hier oben. Warum können wir es nicht einfach hinter uns bringen?«

»Weil das unterirdisch schlechte Arbeit wäre«, erwiderte Triss erheblich schärfer, als ich es getan hätte. »Die Zielperson könnte ein einsamer Schäfer sein, der mitten auf einem offenen Feld schläft, und es wäre immer noch närrisch, einfach loszustürmen, ohne vorher gründlich die Lage zu sondieren. Haben dir das deine Meister im Tempel nicht beigebracht?«

Faran seufzte lautstark und auf eine Weise, die sehr nach einer Fünfzehnjährigen klang, erhob aber keine Widerworte mehr. Aus irgendeinem Grund nahm sie Tadel von Triss besser auf, als wenn ich ihn äußerte.

Danke, Triss. Kannst du jetzt meine Augen freigeben?

Wollte man sehen, musste man riskieren, gesehen zu werden. Das war eine der ersten Lektionen, die jede Klinge zu lernen hatte. Die umhüllende Dunkelheit, die ein Finsterling bieten konnte, war nicht ganz unsichtbar, auch wenn sie dem unter allen Umständen mit Ausnahme von hellem Tageslicht sehr nahekam. Einer der wenigen Nachteile bestand darin, dass ich, solange niemand mich sehen konnte, selbst auch nicht in der Lage war hinauszuschauen. Jedenfalls nicht mit meinen eigenen Augen.

Die Sinne, die ich mir von Triss leihen konnte, wenn er mich umhüllte, umfassten auch einen außerweltlichen Verwandten des menschlichen Gesichtssinnes, doch der war so andersartig, dass er das richtige Sehen auch nach jahrelangem Training nicht ganz ersetzen konnte. Es lohnte sich durchaus, die Dinge, die ich über meinen Vertrauten wahrnahm, mit eigenen Augen noch einmal zu überprüfen.

Betrachte es als erledigt. Triss formte sich neu und dünnte den Schatten vor meinem Gesicht aus, bis er verschwunden war und ich auf die nächtliche Stadt hinabblicken konnte.

Wie so oft, wenn ich mein Sehvermögen zurückbekam, stellte ich auch jetzt wieder als Erstes fest, wie schön die Welt doch sein konnte. Direkt unter mir funkelte der Palast wie eine riesige, dreieckige Krone, besetzt mit Tausenden Juwelen, die in jeder vorstellbaren Farbe erglühten. Sogar zu dieser Stunde leuchteten die Magierlampen an den verschlungenen Wegen, die durch die Gärten führten, hell genug, um hier und da die Nacht auszulöschen. In den reichen Vierteln, die im Osten gleich hinter dem Palast lagen, war das Lichternetz lockerer gewoben und skizzierte den Verlauf der Straßen in weißen, blauen und hellgrünen Linien.

Bewegte man sich weiter weg, wirkte das Ganze wie eine Flickendecke. Während die reicheren Nachbarschaften großzügig Gebrauch von der strahlenden magischen Antwort auf die Nacht machten, wurden die hart umrissenen, hellen Punkte der Magierlampen in den ärmeren Gegenden immer seltener. Gelegentliche Diebstähle sorgten dafür, dass die Nachbarschaftsräte darauf verzichteten, die Straßen mit diesen kostspieligen Lampen auszuleuchten. Doch sogar in den echten Elendsvierteln wie Tiefdrunter oder den Stolprern gab es Lichter. Klein, schwach und allzu oft verströmt von billigeren und weitaus gefährlicheren Öllampen oder Fackeln, aber immerhin Lichter.

Was den Lichtern in den Elendsvierteln an Helligkeit fehlte, machten sie, wenn es um die Schönheit des Anblicks ging, spielend durch Bewegung wett. Sie huschten und flackerten umher wie Zehntausend Glühwürmchen. Wo es keine Straßenlaternen gab, mussten die Leute ihre eigenen Lampen mitnehmen, und in Anbetracht der ruhelosen Toten und der weiter verbreiteten menschlichen Räuber wollte niemand sich ohne Licht bewegen. Diese Notwendigkeit verwandelte statische Netze und Linien aus Licht in langsam dahinfließende Ströme, auf deren Fluten im Spiel von Wind und Wellen Funken tanzten. Die Lichter der Stadt bildeten einen farbenfrohen Gegenpol zu den weniger hellen weißen Sternen am leicht bewölkten Himmel.

Mit Bedauern riss ich mich los und konzentrierte mich wieder auf den Palastkomplex unter uns. Faran und ich thronten auf einem schmalen Felsvorsprung hoch oben auf dem kahlen Hang, der hinter dem Palast aufragte. Ginge es um einen schlicht militärischen Angriff, wäre dies die größte Schwachstelle des Herrscherhauses.

Das obere Ende des Hangs überragte die Mauern des Palasts um gute fünfzig Fuß. Er führte von dem Bergsporn, auf dem der Palast thronte, zum Gipfel des höheren Palasthügels. Man müsste nur die passende Ausrüstung für eine Belagerung heraufschaffen, und schon könnte man die ganze Anlage weitgehend straflos unter Beschuss nehmen. Natürlich müsste man sich erst den Weg durch eine der bevölkerungsstärksten Städte der ganzen Welt freikämpfen, um dort hinzugelangen, und die königliche Familie hätte sich bis dahin längst auf die Inselzitadelle zurückgezogen oder wäre flussaufwärts in die große Festung von Kao-li geflüchtet.

Bei der Planung des Palasts hatte vor allem die Behaglichkeit der königlichen Bewohner im Vordergrund gestanden, nicht so sehr die brachiale Zurschaustellung der Macht. Die Herrscherfamilie von Zhan hatte es lange bevorzugt, ihre eisernen Knöchel in eleganten Handschuhen zu verstecken. Was nicht hieß, dass die Verteidigung des Palasts vollends vernachlässigt worden wäre. Es bedeutete nur, dass sie vorwiegend darauf ausgelegt war, Diebe, Assassinen und gelegentliche Bauernaufstände abzuwehren. In Bezug auf den Hang hinter dem Gelände hatte das dazu geführt, dass die Mauer auf dieser Seite doppelt so hoch war wie die anderen und dass jegliche Vegetation, die versuchte, zwischen den Felsen Fuß zu fassen, regelmäßig abgesengt wurde.

Zusätzlicher Schutz resultierte aus der Tatsache, dass der Hang am oberen Ende an die extrem gut bewachten Anwesen einiger der hochrangigsten Adligen von Zhan grenzte, darunter auch das der Herzogin von Tien. Das war schon der halbe Grund dafür, warum ich diesen Weg gewählt hatte. Die Kombination aus einer gewaltigen Mauer und den mächtigen, der Krone loyal verbundenen Nachbarn verführte die Wachen dazu, dieser Seite des Komplexes weniger Aufmerksamkeit zu widmen.

Zählte man die Tatsache hinzu, dass der königliche Friedhof direkt an der Mauer lag – etliche Gräber waren sogar in den Fels getrieben worden, auf dem wir gerade standen –, dann war dies einer der wenigen Abschnitte des Komplexes, in die eine Klinge relativ mühelos einzudringen vermochte.

Was genau das war, was wir tun würden, sobald ich die Kontrolle über Triss und seine Sinne wieder übernommen hätte. Den Hang hinab. Dann auf die Lücke zwischen den Patrouillen warten. Die Umhüllung etwa auf die halbe Größe reduzieren, was genug von Triss’ Substanz freigab, dass er meine Finger und Zehen mit Klauen aus gehärtetem Schatten bewehren konnte. Dann unter Zuhilfenahme von Rissen und Ritzen, in denen kein Mensch allein hätte Halt finden können, die Wand hinaufklettern. Dort wieder vollständig umhüllen und die Stufen von den Zinnen hinuntersteigen. Dann die niedrigere Mauer des Friedhofs hinauf und in den Schatten eines freistehenden Mausoleums springen. Und Faran würde zusammen mit Ssithra jeden meiner Schritte nachvollziehen.

»Hab doch gesagt, das wird einfach«, verkündete Faran, als wir uns kurz an die dunkle Granitmauer der Gruft lehnten – das Treffen sollte erst in knapp zwei Stunden stattfinden, aber ich wollte möglichst viel Zeit haben, um das Gelände auszukundschaften und mich vorzubereiten.

Triss’ Sinne boten mir einen Blickwinkel von 360 Grad, also musste ich mich nicht umdrehen, um Faran zu betrachten. Nicht, dass ich sie hätte sehen können. Nicht einmal das – nennen wir es Nichtsehen – eines Finsterlings konnte die Schattenhülle eines anderen Finsterlings durchdringen. Faran und Ssithra traten lediglich als ein Fleck tieferen Schattens in einer dunkel beschatteten Welt in Erscheinung. Auch wenn der königliche Friedhof nicht ganz lichtlos war – an jeder Gruft brannte gleich rechts neben der Tür auf einem Altar eine ewige magische Flamme – war dies doch einer der düstereren Bereiche der Anlage.

Dennoch konnte ich mir den selbstzufriedenen Ausdruck gut vorstellen, der nun in ihrem etwas zu dreieckigen Gesicht prangte. Irgendwann, wenn sie ihr Knochenwachstum eingeholt und erwachsenes Fleisch um ihre schmächtige Statur gehüllt hätte, würde Faran eine schöne Frau sein. Braune Haare und Augen, die Haut eine Nuance heller als meine und beinahe so groß wie ich. Wenn die Leute uns zusammen auf dem Markt sahen, nahmen sie an, sie wäre meine Tochter.

»Ich habe nie behauptet, es würde schwer werden, Faran. Aber Triss hatte vorhin absolut recht. Eine kluge Klinge lässt auch bei den einfachsten Aufgaben Vorsicht walten, denn es sind stets die unerwarteten Probleme, die einen straucheln lassen.«

»Abgesehen von der Geschichte mit dem Kothmerk bin ich während der letzten Jahre gut allein zurechtgekommen.« Sie hörte sich trotzig an, beinahe wütend. »Bestimmt besser als du, während du hier in Tiens Schattenwelt den Löhner gespielt hast.«

Ich seufzte. Der Kothmerk war eine große Ausnahme, und zwar eine, die dazu geführt hatte, dass gleich drei verschiedene Regierungen versucht hatten, Faran und Ssithra zu töten. Ganz unrecht hatte sie also nicht. »Ja, in vielfacher Weise hast du recht.« Nach dem Untergang des Tempels hatte sie sich als unabhängige Spionin durchgeschlagen und die Geheimnisse der Leute an den Höchstbietenden verkauft. »Auf jeden Fall hast du in den Jahren, in denen du auf dich allein gestellt warst, mehr Geld gescheffelt als ich in meinem ganzen Leben.« Was auch der Grund war, warum Faran die Miete für das kleine Haus am Rande des Kanatheahügels bezahlte, in dem wir wohnten.

»Stört dich das nicht?« Zum ersten Mal an diesem Abend hörte sie sich so an, als hätte sie eine Frage gestellt, deren Antwort sie wirklich nicht kannte.

»Eigentlich nicht. Vor dem Tod der Göttin habe ich mir über Geld nie Gedanken gemacht. Das war einfach nur ein Werkzeug, mit dem mich die Priester ausgestattet haben, wenn ich es für eine Mission benötigte. Danach hat mich außer Triss nur noch interessiert, woher ich meinen nächsten Schnaps bekomme.«

Und ich fügte hinzu: »Ich kann nicht ermessen, was du durchgemacht hast, als der Tempel gefallen ist oder unmittelbar danach.«

Faran sagte nichts. Damals war sie neun Jahre alt gewesen, ein Kind, geschult in der Kunst des Tötens, das sonst nicht viel mehr zu bieten hatte. Die Art, wie sie die Augen zusammenzukneifen und das Thema zu wechseln pflegte, wann immer diese Zeit zur Sprache kam, verriet mir, dass sie gelitten hatte. Aber ich hatte sie nie bedrängt, und ich würde das auch jetzt nicht tun. Die Welt kann ein schlimmer Ort für ein Kind sein, ganz besonders für ein kleines Mädchen. Faran würde mir von ihrem Los erzählen, wenn sie es wollte.

»Ich weiß nur, was ich durchgemacht habe«, sagte ich. »Fast jeder, der mir am Herzen gelegen hat, ist damals zusammen mit meiner Göttin und meinem Glauben gestorben. Es hat mir wehgetan, dass ich nicht dort war, um mit ihnen zu sterben; dass ich verschont wurde, während so viele, die ich liebte, den Tod fanden. Als meine Göttin tot war, wollte ich auch nicht mehr leben.« Triss hatte mich zwar schon früher darüber sprechen gehört, doch ich war trotzdem froh, dass er während dieser Unterhaltung tief in seinem Traumzustand versunken war. Es bereitete ihm quälenden Schmerz, wenn ich davon erzählte. »Wahrscheinlich hätte ich mich umgebracht, hätte das nicht bedeutet, dadurch auch Triss zu töten.«

»Darum hast du angefangen zu trinken, richtig? Um den Schmerz zu lindern.«

»Darum und weil ich gehofft hatte, das würde mich umbringen, auch wenn ich das bis vor Kurzem nicht einmal mir selbst gegenüber habe eingestehen können.«

Faran atmete einmal tief durch. »Ich war nur einmal betrunken, vielleicht drei Wochen, nachdem die Soldaten des Sohns des Himmels all die anderen ermordet hatten. Ich wusste, die Priester von Namara waren gegen Alkohol, aber das Efik, das ich bei der Flucht mitgenommen hatte, war aufgebraucht, und ich hatte nichts anderes, um den Schmerz zu betäuben. Und zu der Zeit hat es so furchtbar wehgetan, ich zu sein. Ich hatte mich in einem Köhlerlager versteckt, um mir zu überlegen, was ich nun tun sollte, und da habe ich eine Flasche Rum gestohlen und getrunken, bis ich umgekippt bin.«

Faran verstummte, und lange herrschte Schweigen, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass sie schon fertig war, also beließ ich es dabei.

»In dem Lager gab es einen Mann, schon älter, nett. Er hatte mir zu essen gegeben, obwohl ich es nicht bezahlen konnte. Der hat mich dort schlafend gefunden und mich angefasst.«

Faran gab einen erstickten Laut von sich, sprach dann aber weiter. »Aber er wollte mir nichts tun. Obwohl es das, was dann passiert ist, erträglich gemacht hätte. Ich hatte in der Nacht einen Albtraum, weißt du … über die Soldaten im Tempel und all das Blut. Und er hat nur versucht, mich zu wecken. So hat es Ssithra jedenfalls empfunden. Der Alte hat nur versucht, mich zu wecken. Aber ich habe die Kontrolle über Ssithra übernommen und ihm mit den Schattenklauen die Kehle herausgerissen. Ich wollte das nicht. Ich war immer noch betrunken, und ich hatte Angst, und … verdammt!«

Ich hörte den dumpfen Schlag einer Faust auf einem Bein, dann trat wieder für lange Zeit Stille ein.

»Vorher hatte ich noch nie einen Menschen getötet«, sagte sie nach einer Weile. »Während der Flucht aus dem Tempel hatte ich etliche Male Gelegenheit dazu. Diese Leute, die meine Freunde ermordet hatten, hätte ich zu Dutzenden umbringen können. Ich wollte es sogar, aber ich war zu ängstlich. Ich hatte zu viel Angst, sie würden mich schnappen, und ich würde auch umkommen. Ich hatte zu viel Angst, ich würde es falsch machen. Aber vor allem hatte ich Angst davor, was das Morden mit meinem Herzen machen würde. Und so habe ich stattdessen den ersten guten Menschen getötet, der mir außerhalb des Tempels begegnet ist.«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

»Es ist schon beinahe komisch, wie mich dieser erste Tod schmerzt, wenn man bedenkt, wie viele ich seither getötet habe«, bemerkte sie nach einem Moment.

»Es tut mir leid, Faran. Es tut mir einfach nur leid.«

»Du kannst nichts dafür, Aral, und die Meister auch nicht, obwohl die mich zu dem gemacht haben, was ich bin. Ich klage den Mann an, der sich selbst den Sohn des Himmels nennt. Er ist derjenige, der die Soldaten geschickt hat, die mich in die Welt hinaustrieben, bevor ich dazu bereit war. Eines Tages werde ich ihn dafür töten.«

Ich hoffte zwar von Herzen, dass sie die Chance dazu bekommen würde, doch das Gefühl, dass sich irgendwo links von uns jemand regte, hielt mich davon ab, noch etwas dazu zu sagen. Stattdessen beugte ich mich hinüber und dehnte meine Hülle aus, sodass sie Farans überlappte. Das würde mitteilen, dass da irgendwas im Busch war – ein althergebrachtes Warnsignal unter Klingen.

Ich kann nicht sagen, was mein Misstrauen geweckt hatte. Ganz sicher nichts so Offenkundiges wie ein Rascheln oder eine Veränderung der Lichtverhältnisse. Aber ich spürte, dass wir nicht länger allein waren. Ich tastete durch die Schatten, die uns trennten, nach Farans Schulter und drückte sie kurz, ehe ich sie sanft anstupste, um ihr zu bedeuten, in welche Richtung sie sich bewegen sollte.

Mit all der enormen Vorsicht, die mich meine vielen Jahre des Trainings und meine umfassende Erfahrung gelehrt hatten, erhob ich mich und glitt auf die gefühlte Präsenz zu. Über Triss’ Sinne erkannte ich einen tieferen Schatten, dort wo Faran und Ssithra auf mein Signal hin gerade hinter mir die Gruft umrundeten. Als ich die Vorderseite der Grabstätte erreichte, hielt ich inne und brachte lange Minuten damit zu, das Gebiet um mich herum eingehend zu sondieren.

Ich konzentrierte mich mit allen Sinnen, meinen und den von Triss geborgten, auf diese Aufgabe. Ich widmete aufmerksam jeden Sinn dem Bild, das sie gemeinsam malten.

Der Tastsinn war im Moment nahezu nutzlos und erzählte mir nur, wie meine Kleidung und meine Ausrüstung an mir hingen oder sich das manikürte Gras in meine Sohlen drückte. Er verriet mir aber auch, aus welcher Richtung die schwache, abnehmende Seebrise wehte. Darunter verbarg sich ein seltsamer, subtiler Hauch wie der Geist vergangener Gewürzmärkte. Ich rollte die Zunge zusammen, versuchte, eine Erinnerung an den Geschmack wachzurufen, konnte ihn aber nicht recht erfassen.

Das Gehör lieferte mir ein dichter gewobenes Bild. Die fernsten und leisesten Laute waren die Geräusche der Stadt. Nun, da die meisten Leute schliefen, klangen sie nur noch gedämpft auf, waren aber immer noch zu hören; dann und wann akzentuiert von einem Schrei oder einem tiefen Bellen. Aus der Nähe, aus dem Palast, ertönten nuanciertere Geräusche: das Scharren eines Wachenstiefels oben auf der Mauer, ein leises Stöhnen, das ein Rendezvous im Schutz einer praktischen Hecke andeutete, das metallische Klicken der Gartenschere bei dem unmöglichen Versuch des Gärtners, alles perfekt zu halten, ohne dabei den hohen Herrschaften unter die Augen zu geraten. Näher erklang da das leise Plätschern der winzigen Brunnen auf der linken Seite jeder Gruft, die einen Gegenpol zu den Altarfeuern auf der rechten bildeten – beides Teil einer traditionellen Darstellung der Elemente, die verdeutlichen sollte, dass der Stoff, aus dem die Natur selbst geschaffen war, das Hinscheiden jedes tienisischen Regenten beklagte.

Das letzte Puzzlestück in meiner collagenartigen Sicht auf die Welt stammte von Triss. Finsterlinge »sehen« in alle Richtungen zugleich. Dazu benutzen sie ein Sinnesorgan, für das wir nicht einmal einen Namen haben. Es greift Veränderungen in der Beschaffenheit der Dunkelheit in einem Winkel von dreihundertsechzig Grad auf. Fledermäuse »sehen« mit ihren Ohren, schreien und lauschen auf die Echos, so zumindest hatte man es mich gelehrt. Was Finsterlinge wahrnehmen, ist dieser Wahrnehmungsweise viel näher als den menschlichen Sinnen, aber es ist ein passiver Vorgang, dessen Dunkelheitsechos von dem Zusammenspiel aus Licht und Schatten geformt werden.

Jeder einzelne Schatten hat seine eigene Tiefe. Das ist zwar nicht gerade mit einer Farbe vergleichbar, weist aber dennoch all die subtilen Schattierungen einer bunten Farbpalette auf. Dort, wo meine Augen am Rande der Gruft auf der anderen Seite des Weges nur einen kastenförmigen Schatten erkennen konnten, weil deren Mauern das Licht der diversen Altarfeuer abschirmte, »sah« ich nun ein weites Spektrum der Schattenaromen. Dieser Sinneseindruck lieferte mir ein extrem genaues Bild der Dinge. Beispielsweise erkannte ich so, wo die drei magischen Feuer brannten, die den kastenförmigen Schatten hervorbrachten, und wie deren Intensität über die Distanz mit jedem Flackern der Flammen variierte.

Kein einzelner Teil meines Mosaiks aus Sinneseindrücken konnte mir liefern, was ich brauchte, aber die Kombination … die Kombination der Wahrnehmungen war etwas ganz anderes.

Als ich weiter in den Innenbereich des Friedhofs vordrang und dabei von Schatten zu Schatten huschte, folgte ich meiner Nase und dem kaum wahrnehmbaren Hauch exotischer Gewürze, bis eine Veränderung der Lichtverhältnisse meine Aufmerksamkeit auf eine besonders große Gruft zog. Dort brannten die Flammen etwas heller, reflektiert von einigen Schrammen, dort, wo das Moos von dem zugehörigen Brunnen entfernt worden war. Ich umrundete sie, legte ein Ohr an die Wand und wartete …

Da, ein ganz leises Knirschen drang durch das Gestein. Vorausgesetzt, der primäre Bewohner der Gruft rührte sich nicht, musste jemand auf dem Dach herumlungern.

Ich ging in die Knie, um ein kleineres Ziel abzugeben, und entließ Triss’ Willen aus meiner Gewalt. Wach auf, mein Freund. Wir haben Gesellschaft, mit der wir nicht gerechnet haben.

Während ich ihn über meine bisherigen Erkenntnisse informierte, kontrollierte ich meine Ausrüstung. Die beiden kurzen, geraden Schwerter, die ich in dem speziell angefertigten Rückengurt trug, der es mir erlaubte, sie auf Hüfthöhe zu ziehen, saßen locker in ihren Scheiden. Um sie einzusetzen, musste ich nur den Haken mit dem Daumen lösen und die Klinge ein paar Zentimeter herabfallen zu lassen, damit die Spitze freikam. Die Dolche am Handgelenk und im Stiefel waren ebenfalls an ihrem Platz und einsatzbereit, genauso wie der Beutel mit meinen magischen Hilfsmitteln.

Was meinst du, wer ist das?, fragte mich Triss tonlos, als ich mit meinem Bericht und den Vorbereitungen fertig war.

Ich weiß es nicht genau, aber ich habe einen Verdacht. Und der hängt mit dem würzigen Geruch zusammen. Ich habe ihn selbst nur einmal über Umwege wahrgenommen, aber Meister Kelos hat einmal gesagt, dass einige der Zaubererpriester der Hand des Himmels eine besondere Seife für rituelle Waschungen benutzen. Das soll ihnen helfen, außerhalb der Reichweite des Himmels im Angesicht der korrupten Welt hier draußen ihre Reinheit zu bewahren.

Triss gab ein wütendes, mentales Zischen von sich, als ich die mögliche Gegenwart eines Vertreters der Hand erwähnte. Soll ich raufgleiten und nachsehen? Und wenn ich schon dabei bin, vielleicht auch gleich eine Kehle zerfetzen?

Sosehr mir das auch gefallen würde, fürchte ich doch, dass wir das jetzt nicht riskieren können. Wenn tatsächlich ein Finger der Himmelshand hier unten Fäden zu ziehen versucht, können wir darauf wetten, dass noch mehr davon in der Nähe sind. Diesen zu töten, könnte allzu leicht die anderen alarmieren.

Das ist ein Argument. Und wie sieht unser Plan dann aus?

Erst einmal zu Ende sondieren. Wenn die Hand hier aktiv ist, will ich wissen, wie viele von denen sich vor Ort herumtreiben und wo sie sind, ehe ich in Aktion trete. Ich wünschte nur, wir hätten eine Möglichkeit, Faran zu warnen. Sie ist verdammt gut, aber die Hand sind die Leute, die den Tempel zerstört haben. Sie haben viel Erfahrung damit, Klingen zu töten.

Faran und Ssithra haben damals überlebt, und sie werden auch jetzt zurechtkommen. Wenn sie klug vorgeht, ist dieses Mädchen eine der vielversprechendsten Jungassassinen, die ich je gesehen habe.

Und wenn sie nicht klug vorgeht?

Triss zischte nur. Faran war gut, aber sie war auch rabiat und bereit, erst zu töten und sich später Gedanken über die Konsequenzen zu machen. Und sie hasste die Hand. Das war eine üble Mischung, aber wir konnten nichts daran ändern, wollten wir uns nicht verraten. Nicht zum ersten Mal wünschte ich, meinesgleichen würde über bessere Kommunikationsmöglichkeiten verfügen. Aber das gab unsere Macht schlicht nicht her, was ein Grund dafür war, dass Klingen von jeher weit häufiger allein als gemeinsam gearbeitet hatten.

Was, wenn das nicht die Hand ist?, fragte Triss.

Dann wäre es immer noch nett zu wissen, ob sich hier noch andere herumtreiben, ehe wir anfangen, Kehlen aufzuschlitzen. Wie dem auch sei, wir werden noch einmal herkommen und unserem Freund da oben einen Besuch abstatten müssen, ehe wir losziehen, um uns mit Jax zu treffen. Was wetten wir, dass man von dem Dach aus einen hervorragenden Blick auf Ashviks Gruft hat?

Du weißt, dass es so ist, gab Triss zurück, und ich nahm einen mächtig zornigen Unterton in seiner Gedankenstimme wahr. Wie das hier gerade lief, gefiel ihm ebenso wenig wie mir.

Ich würde lieber sagen, ich bin sicher, dass es so ist. Aber ja, ich bin ganz auf deiner Seite. Jemand hat uns eine Falle gestellt. Die Frage ist, wer und warum. Ich finde es jedenfalls überaus schwer, mir vorzustellen, dass Jax so etwas getan haben könnte. Andererseits hätte ich dir noch vor zwei Jahren geschworen, Devon würde sich nie von unserem Orden oder unserer Freundschaft abwenden. Und nun sieh dir an, wohin mich mein Vertrauen damals geführt hat. Der Verrat, den mein bester Freund an allem verübt hatte, was mir je etwas wert gewesen war, hatte eine Wunde in mir hinterlassen, die nie aufhören würde zu bluten.

Wieder übernahm ich die Kontrolle über Triss und ging auf die Jagd. Aber wenn sich auch meine Vermutung hinsichtlich der Sichtlinie zu Ashviks Gruft und damit zu dem Ort, an dem ich mich mit Jax treffen sollte, bewahrheitete, so konnte ich im Laufe der nächsten zwanzig Minuten doch keine weiteren Beobachter auf den Dächern anderer Grüfte ausmachen. Ob das nun daran lag, dass die Kumpane meiner ersten Zielperson ihre Präsenz besser zu verbergen wussten, oder daran, dass es doch nur diese eine Person gab, vermochte ich nicht zu sagen. Auch das Ausschlussverfahren brachte mich nicht weiter. Dafür gab es einfach zu viele Gruften, die eine gute Sicht auf unseren Treffpunkt boten.

Ich hatte einen großen Kreis beschrieben und war beinahe wieder beim Ausgangspunkt angelangt. Dort wollte ich mir Gewissheit über meine ursprüngliche Zielperson verschaffen, vor allem aber sichergehen, dass ich mir das alles nicht nur eingebildet hatte. Da kreuzte ich plötzlich die Schattenspur einer Klinge, die zu Ashviks Grab führte. Zwei Schattenspuren, um genau zu sein. Dass Faran in mein Leben getreten war, hatte mir Gelegenheit gegeben, meine geborgten Sinne auf etwas zu richten, das – für mich – eine neu entdeckte Fertigkeit der Finsterlinge war. Regelmäßig übten wir uns seitdem darin, uns gegenseitig in der Stadt zu verfolgen.

Aber ich war noch nicht gut genug, um die Nuancen von Triss’ Fähigkeit, Schatten zu kosten, eigenständig dazu zu nutzen, die Spuren eindeutig zu identifizieren. Auch gelang es mir noch nicht zu erkennen, welche Spur älter war oder wie viel Zeit vergangen war, ehe die zweite gelegt worden war. So war ich jetzt nur ziemlich sicher, dass eine der Spuren von Faran stammte, und ich nahm an, dass Jax die andere zurückgelassen hatte. Aber ich musste Triss zu Hilfe rufen, um diese Vermutungen zu verifizieren.

Faran und Ssithra, gefolgt von Jax und Sshayar – vermutlich sind sie der Jungklinge nachgegangen, aber das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, meinte Triss.

Ich wusste immer noch nicht, was Jax vorhaben mochte, aber die Tatsache, dass sie Faran auf der Spur war, bereitete mir Sorgen. Der unerwartete Gast auf der anderen Gruft vergrößerte meine dahingehenden Probleme nur noch, was bedeutete, dass es Zeit war, ihn zu einem Gespenst zu machen. Das würde eine der sehr seltenen Gelegenheiten sein, zu denen ich das Töten wahrlich würde genießen können. Nach allem, was die Gefolgsleute des Sohns des Himmels meinem Orden angetan hatten, empfand ich ihnen gegenüber keine Spur von Zurückhaltung. Während ich zu dem großen Mausoleum zurückhuschte, plante ich das weitere Vorgehen.

Ich war beinahe am Ziel, als eine plötzliche Verdunkelung des Himmels meine Aufmerksamkeit erregte. Mächtige Wolkenbänke bildeten sich über mir und blendeten die Sterne aus, während der Seewind abrupt an Stärke zunahm und die dunstige Luft über der Stadt abkühlte. Dabei führte sie den Geschmack blitzversengter Luft mit sich, der wahrhaft heftige Gewitter stets zu begleiten pflegte. Wenn ich nicht ganz danebenlag, würden wir alle sehr nass werden, noch ehe wir unsere nächtlichen Geschäfte viel weiter gebracht hätten.

Vielleicht war dies nur eine abrupte Wetterveränderung, wie man sie in Küstengebieten bisweilen erleben konnte, dennoch stürzte ich in diesem Moment auf die Gruft zu, denn da gab es noch eine andere Möglichkeit. Doch dies konnte auch das Werk der Elementargeister sein, die allgemein als die Stürme oder die himmlischen Heerscharen bekannt waren. Sie konnten Myriaden verschiedener Gestalten annehmen: Schwerter, deren Klingen Blitze bildeten, schillernde Räder, wirbelnde Kegel purer Finsternis, und sie begleiteten immer nur die Priester der Hand.

Die polierten schwarzen Granitblöcke der Gruften waren fest vermauert und boten nirgends Halt für Finger oder Zehen. Dennoch hätte ich an den Wänden einer Gruft emporklettern können, hätte ich meine Umhüllung gelockert. Aber ich hielt es für besser, sie unter den gegebenen Umständen uneingeschränkt aufrechtzuhalten, also nahm ich den gleichen Weg, den auch die Hand genommen hatte: Brunnen, Türsturz, Dachkante.

An diesem Punkt reckte ich das Kinn über den Rand und lugte das flache Dach entlang, ehe ich den nächsten Schritt tat. Meine Zielperson war exakt da, wo ich sie vermutet hatte. Sie kniete im Schatten einer niedrigen Mauer, die um das gesamte Dach herumführte. Und sie gehörte in der Tat zur Hand.

Die lockere, schwarze Robe, in welche die Gestalt gehüllt war, hatte nichts für diese Gruppe Charakteristisches an sich. Das Gleiche galt für die lange, magisch leuchtende Rute, die sie am hinteren Ende gegen die Wand gestützt und wie eine Armbrust auf Ashviks Grab ausgerichtet hatte. Doch die Schnur, mit der die Gestalt ihren Pferdeschwanz festgebunden hatte, war mit einem rituellen Knoten fixiert, wie ihn nur die Diener des Sohnes des Himmels trugen. Außerdem hatte sie einen Sturm an ihrer Seite.

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